Page 35

Kino & Film

H

err Müller, wie weit darf man im Humor gehen? Es ist eine reine Geschmacksfrage. Wir gehen nur so weit, wie es unser Geschmack zulässt. Solange wir es lustig finden, machen wir es. Es gibt eine juristische Seite. Wir haben in der Schweiz, wie auch in vielen europäischen Ländern, das Prinzip der Konzession. In der ist ziemlich klar festgelegt, was man darf und was man nicht darf. Was darf man beispielsweise nicht? Man darf beispielsweise keine religiösen Symbole in den Dreck ziehen. In der Satire ist dies kein Problem. Ein religiöses Symbol hat in der Regel nichts mit einer politischen Aktualität zu tun. Aber in der Sendung Giacobbo/ Müller haben Sie auch die Minarette thematisiert. Ja. Aber bei den Minaretten ist das etwas Anderes. Wir haben nicht irgendwelche Witze über die Minarette gemacht, sondern über die Minarett-Initiative. Ich finde nicht, dass die Satire alles darf. Die Grenze liegt zwischen dem, was man lustig findet und was nicht. Machen wir ein Beispiel. Verschüttete Kinder in Haiti. (schaut ernst) Es ist einfach eine tragische Geschichte. Ein anderes Beispiel: Ein Jugendlicher wurde in Aarau niedergeschlagen. Kommt jemandem etwas Lustiges in den Sinn? Mir nicht. Sind Witze über tragische Geschichten für Sie generell geschmacklos? Was heisst schon geschmacklos, das ist von Fall zu Fall zu entscheiden. Ich finde es einfach nicht lustig. Harte Witze finde ich dann nicht lustig, wenn es nur darum geht, zu beweisen, dass man hart ist. Provokation um der Provo-

kation willen, das interessiert mich nicht. Das gibt es zwar in der Komik. Aber jeder soll selber entscheiden können, ob er das machen will oder nicht. Welche Themen interessieren Sie? Mich interessiert ein politischer oder aktueller Witz. Das kann auch nur eine Bemerkung sein. Wir machen ja auch nicht nur Witze, sondern auch viele Bemerkungen, spotten, reden über ein Thema. Es gibt verschiedene Ebenen von Witz, Humor oder Komik. Es ist manchmal lustig, wenn sich eine Figur in einer falschen Situation falsch verhält. Das ist dann Situationskomik. Ihre Sendung vertritt Ihre Meinung. Haben Sie auch eine Message? Nein wir haben keine Message. Das wäre fatal. Wir haben eine Haltung zu den politischen Ereignissen. Das braucht es auch. Es ist aber sehr subjektiv. Ich verstehe daher auch, wenn Leute anderer Meinung sind und es nicht lustig finden. Wenn wir eine Message hätten, würde das bedeuten, dass wir in Anspruch nehmen, gewisse Sachen besser zu wissen als andere. Wir gehen davon aus, dass unser Publikum politisch interessiert ist. Aber wir machen dies nicht, weil wir für politisch Interessierte etwas machen wollen. Wir machen es, weil es uns interessiert. Das könnte man zwar als Egoismus auslegen, aber ich glaube, dass das in der Komik gar nicht anders möglich ist. In der Satire kann man nur das machen, was einen selber interessiert, sonst ist man nicht lustig. Wie unterscheidet sich Giacobbo/ Müller hinsichtlich der politischen Satire im Vergleich zu einer deutschen Late-Night-Show?

Unsere Sendung bildet eine andere politische Wirklichkeit ab als in Deutschland. In Deutschland gehen Politiker selten in eine Late-NightShow. Bei uns geht das, weil die Politik breiter verhandelt wird. Sie ist näher an den Leuten, das Land ist kleiner, man hat mehr Auseinandersetzungen. Durch das Referendum haben wir eine viel stärkere Durchmischung mit der Gesellschaft – ich erachte das als einen riesigen Vorteil. Auf jeden Fall haben wir die «Classe-politique» nicht, wie die SVP es ständig behauptet. Das trifft eigentlich nur auf sie selber zu, weil sie permanent Wahlkampf führen (läuft rot an). Die SVP ist eine »Classe-politique», eine neue. Aber sonst sind die Parlamentarier näher an den Leuten. Das heisst aber nicht, dass sie die richtigen Lösungen finden, wie beispielsweise bei den Krankenkassen. Von welchen Gruppen erhalten sie am meisten negatives Feedback? Die bösesten Briefe bekommen wir von religiös-fundamentalistischen Gruppen. Die fühlen sich ständig angesprochen. Sie sind erstens Humorfrei – egal welche Religion – und zweitens sprechen sie immer von Diffamierung, obwohl sie in ihrem Weltbild selber diffamieren. Zum Beispiel Schwule, Unverheiratete, die Sex haben, Verheiratete, die ausserehelichen Sex haben und einfach Leute, die nicht in ihr Weltbild passen. Ein Beispiel ist die katholische Kirche, die hat fundamentalistisches Gedankengut. Zumindest der Papst. So wie der über andere Randgruppen spricht, haben wir noch jahrelang das Recht, über die katholische Kirche herzuziehen.

35

ensuite_86_1zh  
ensuite_86_1zh  

htli che r Kul htli che r Kul gen da gen da K U L T U R M A G A Z I NK U L T U R M A G A Z I N übe rsic übe rsic JAHRGANGFEB2010|8.JAHRGANG...