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Inkl. Kunstbeilage artensuite Schweiz sFr. 7.90, Deutschland, Österreich, Frankreich, Italien € 6.50

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ensuite K

86 FEB 2010 | 8. JAHRGANG

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Oscar Tuazon

Rolf Iseli

les str ates du temps 18.12.2009 – 21.03.2010

Kunsthalle Bern -

HODLERSTRASSE 8 – 12 CH-3000 BERN 7 DI 10H – 21H, MI-SO 10H – 17H WWW.KUNSTMUSEUMBERN.CH

13.02. - 25.04.2010

Manuel Burgener Infos: www.dampfzentrale.ch Vorverkauf: www.starticket.ch

Tanz / Performance

FESTIVAL HEIMSPIEL BERNER TANZSCHAFFENDE IN DER DAMPFZENTRALE 6. Februar OPEN DOORS tanz aktive plattform tap

ZWISCHEN

Himmel und Erde Anthroposophie heute

Ein Film von Christian Labhart

12. & 13. Februar T42 DANCE PROJECTS – (FÉLIX DUMÉRIL & MISATO INOUE) SCHATTENSPIEL / CYNTHIA GONZALEZ WOMAN OF WAR

21. & 22. Februar MARCEL LEEMANN PHYSICAL DANCE THEATER REVOLVER

3. & 4. März 24. & 25. Februar KATHARINA VOGEL SUSANNE MUELLER OHR NELSON END::SPIEL 5 6. & 7. März HERMESDANCE 27. & 28. Februar HIC SALTA! INFLUX DIE GESTUNDETE ZEIT

UBS Kulturstiftung

www.zwischenhimmelunderde.ch

1. März IF YOU HAD A DANCE TO GIVE … EINE LECTURE DEMONSTRATION

Stadt Bern, Kanton Bern, Ernst Göhner Stiftung, Burgergemeinde Bern, Hotel National Bern tanzaktive plattform tap, SSA Schweizerische Autorengesellschaft


Inhalt

20

12

27 37

34

PERMANENT 6 SENIOREN

IM

WEB

6 KURZNACHRICHTEN 7 KULTUR

DER

POLITIK

5

KULTURESSAYS

5

Die Frage nach Moral Von Lukas Vogelsang

9

Einsicht statt Licht Von Pedro Lenz

10 (Un)Brauchbare Kunst Von Jarom Radzik

9 FILOSOFENECKE

12 Ein Rot von Welt

13 É PIS FINES

13 Das 80er-Desaster

15 CARTOON / MENSCHEN & MEDIEN

14 Langsam wird es Zeit für die Krone

17 LITERATUR-TIPPS 30 I NSOMNIA

Von Barbara Roelli Von Simone Weber Von Irina Mahlstein

38 Ein «Hm» kommt selten allein Von Isabelle Haklar

16 LITERATUR

31 LISTENING POST

16 Seit jeher unterwegs

36 T RATSCHUNDLABER

16 Lesezeit

38 I MPRESSUM 39 KULTURAGENDA ZÜRICH

Von Konrad Pauli Von Gabriela Wild

18 A RCHITEKTUR 18 Räume, die inspirieren Von Anna Roos

23 Ein Mistvieh hilft dem anderen Von Alexandra Portmann

24 Puppenspiel lernen Von Friederike Krahl

26 Langsamkeit ist eine Kunst Von Barbara Neugel Bild: Jörn Jönsson

27 M USIC & SOUNDS 27 Sechs Sofas im Dachstock Von Luca D‘Alessandro

28 Für seinen 14. hat sich Radio RaBe herausgeputzt 29 Rund läuft es – Round Table Knights Von Ruth Kofmel

31 CD-Anspieltipps

36 KINO & FILM 32 «Ethan und Joel Coen haben mir viele Freiheiten gelassen» Interview: Sarah Elena Schwerzmann, London

34 Wer redet da über Humor? Von Guy Huracek

36 Up in the Air

19 Bühnentanz und Behinderung

37 Illusionen des Kinos

Von Meredith Fischer

ensuite - kulturmagazin Nr. 86 | Februar 2010

Von Fabienne Naegeli

19 T ANZ & THEATER

20 Gibt es eine Berner Tanzszene? Bild Titelseite: Alice Sara Ott, Konzertpianistin, spielt in der Tonhalle Zürich am 9. Februar 2010

22 Was kann, soll und will zeitgenössisches Theater?

Von Roger Merguin

22 Ausblick Tanz

Von Sonja Wenger Von Morgane A. Ghilardi – Das Kinoerlebnis im Zeitalter von CGI und 3D

ensuite.ch 3


010 2 . 2 erne 0 s B i . e 8 e r 0 d p ilm ton ar t: F t n r S a e c r n r D Tou lschau Be cinéma du u ah d w x i s r u P A du n o i t Sélec

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Kulturessays

E DITORIAL

Die Frage nach Moral Von Lukas Vogelsang

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Immer mehr Menschen brauchen ein ensuite-Abo.

as Jahr 2010 wird ein Moral-Jahr. Zu druckte die Nationale Zeitung (wurde zur Baslange haben wir uns in unseren Gesell- ler Zeitung) jede Woche eine Kunstseite (pressschaften davor gedrückt, «Moral» im Alltag zu art). Auf einer solchen Zeitungsgrafik, die von diskutieren und den Wert weiterzuentwickeln. Herbert Distel stammt, stand: «Haben Sie sich Wir haben zwar Computer, mobile Telefone, schon einmal die Frage gestellt?» Gerhard Johann Lischka schrieb dazu im funkferngesteuerte Babywächter, hyperintelligente Kochtöpfe, ökologische und nichtöko- Begleittext: «Dieser Satz enthält erst dann Belogische Fortbewegungsmittel, biologisches deutung, wenn eine gesellschaftliche Situation und antianimalisches Essen … Aber keine Mo- so beschaffen ist, dass Fragen eben nicht mehr ral mehr. Die Religionen streiten, und deren gestellt werden, das heisst eine Situation, in Götter verkünden alles andere als Frieden und der Antworten überall uns überfallen und die Freiheit – ohne Ausnahme. Die Schulen setzen Zeit zur Frage erstirbt.» Heute ist eine solche auf «Multiple Choice» – auch in der Erziehung Kunstaktion schon gar keine Kunst mehr – heu– und die Eltern, statt die Kinder, füllen diese te ist sie nackte Notwenigkeit. Zum fünften Mal wünscht die SVP oder Fragebogen aus. BankerInnen und PolitikerInnen sind verfilzt oder tun und lassen, wie ihnen die karriereeifrige Jungmannschaft davon, im Herbst die Reitschule in Bern beliebt. Die SVP freut's, weil zu einem Schwimmbad umzusie Moral als solches noch nie verstanden hat und sie die ha«Haben Sie sich stürzen. Zum fünften Mal werden sie es nicht schaffen und itischen Flüchtlinge jetzt lieschon einmal die sich selbst der Lächerlichkeit ber in den Trümmern liegen preisgeben. Gerade die Reitliesse – auf jeden Fall nutzen Frage gestellt?» schule ist trotz voranschreitensie die nächste Gelegenheit, Herbert Distel der Zeit noch eine der wenium daraus eine Volksabstimgen Kulturinstitutionen in der mung zu machen, während die Linken noch darüber diskutieren, wer jetzt Schweiz, die sich über gesellschaftliche TheKaffee kochen soll. Die Medien wiederum hau- men öffentlich und laut Gedanken macht. Wir en jeden in die Pfanne und versalzen die Ge- wollen die Moral aber nicht in einem geplansellschaft damit. Fragen oder hinterfragen tut ten, überflüssigen Hallenbad ersäufen lassen, sondern müssen diese diskutieren. Nicht nur, niemand mehr. Durch einen Zufall bin ich gleich zweimal aber spätestens seit der Minarett-Initiative hainnerhalb einer Woche über ein paar Freunde ben wir SchweizerInnen verstanden, dass unseund dadurch über Herbert Distel und damit re Dialogsbereitschaft zu wünschen übrig lässt über ein ganzes Universum gestolpert. 1973 – vor allem stellen wir die falschen Fragen. Genau darum geht's in diesem Jahr. Und wo die Moral sitzt, ist auch unscheidbar Kultur zuhause. Wo über Moral diskutiert wird, Dank für die finanzielle Unterstützung an: ist auch die Kultur einer Veränderung ausgesetzt. Während in Bern über die Reitschule und über die Funktion des neuen PROGR diskutiert wird, sucht sich Zürich ab Mitte Jahr durch den neuen Kultursekretär seine Definition. Im März wird die schweizerische Kulturelite am «Forum Kultur und Ökonomie 2010» über das Thema «Kunst macht glücklich – Über Rechtfertigungsstrategien für Kulturförderung» tagen. Es passt alles zusammen, aber eine Moral müssen wir erst noch finden.

ensuite.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 86 | Februar 2010

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SENIOREN IM WEB Von Willy Vogelsang, Senior

Kurznachrichten

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ür heute spannende Informationen des für den Inhalt verantwortlichen Managers Alfons Bühlmann: «Die Entwicklung der neuen Plattform befindet sich in der Schlussphase. Anfang März 2010 soll die Umstellung erfolgen. Sie bringt viel Neues auf seniorweb.ch. Halten wir zuerst fest, was bleibt: seniorweb.ch bleibt unter Aufsicht der gemeinnützigen Stiftung Pro Seniorweb eine NonProfit-Organisation und eine dreisprachige Internet-Community für die Generation 50plus, betrieben – soweit wie möglich – in Freiwilligenarbeit durch Seniorinnen und Senioren. Seniorweb versteht sich als Interessensvertretung der Menschen in der dritten Lebensphase. Es bietet älteren Menschen einen Treffpunkt im Internet mit Gelegenheit zu Kontakten und Begegnungen, Unterhaltung, Erfahrungsaustausch und kreativer Mitarbeit. Der Community-Charakter von seniorweb soll in Zukunft stärker in den Vordergrund treten. Immer mehr ältere Menschen entdecken und nutzen soziale Netzwerke im Internet, um Kontakte zu pflegen, Wissen und Erfahrungen auszutauschen und an gemeinsamen Projekten teilzunehmen. Diese Möglichkeiten sollen auf der neuen Plattform verbessert werden und mehr zur Geltung kommen. Auf einer benutzerfreundlichen Startseite werden daher nicht nur redaktionelle Artikel angezeigt werden, sondern auch Aktualitäten in den Blogs, Foren, Gruppen und im Mitgliederbereich. Im Magazin finden sich ausgewählte Artikel und Kolumnen unserer Autoren zu einem breiten Themenspektrum, aber fokussiert auf die Interessen unserer Generation. Stark ausgebaut wird der Bereich Dienstleistungen. Hier werden Sie fündig, wenn Sie Rat und Hilfe suchen, Dienstleistungen, Vergünstigungen, Kleinanzeigen, Angebote zum Lernen usw.. Neu können die Inhalte der Website Regionen zugeordnet und nach Regionen gesucht werden. Ausserdem neu: Mitglieder dürfen auf dem neuen seniorweb zum Beispiel: kostenlos eigene Bildergalerien erstellen, anderen Mitgliedern im Chatraum begegnen, kostenlos ein eigenes Blog erstellen und frei publizieren, ihre persönliche Startseite («Mein seniorweb») einrichten und selbst wählen, was ihnen angezeigt werden soll, an vielen Regional- und Interessengruppen teilnehmen, als PremiumMitglied kostenlose Anzeigen aufgeben, als Premium-Mitglied für den eigenen Verein, die Wander-, Hobby-, Jassgruppe eine eigene Gruppenseite erstellen.» www.seniorweb.ch informiert · unterhält · vernetzt

«UND SIE ZOGEN IN DEN KRIEG, FÜR EIN LEERES HEMD ...»

B

rief an Orestes In dem Monolog «Brief an Orestes» kommt Klytemnestra, eine der berühmtesten Mörderinnen der griechischen Antike, zum ersten Mal zu Wort. Als Agamemnon aus dem zehnjährigen trojanischen Krieg zurückkehrt, bringt sie ihn um. Nun fürchtet sie die Rache ihrer Kinder Elektra und Orestes. Das Stück Klytemnestra weiss, dass ihr ein gewaltsames Ende bevorsteht. Nicht die Angst, dass sie umgebracht wird, oder die Verteidigung ihrer Tat sind der Grund, ihrem Sohn zu schreiben. Sie bringt den Mut auf, Orestes die Hintergründe ihres Lebens und ihrer Tat zu erzählen, denn nicht darüber zu sprechen, würde bedeuten, «ein Schweigen zu vererben dass alles Unheil in sich birgt». Sie erzählt von ihrem Leiden, ihrer Selbstverachtung, von der Unterdrückung und Gewalt, die sie erfahren hat, von der Opferung ihrer zweiten Tochter Iphigenie, der brutalen Zeugung Orestes. Sie ringt um Ehrlichkeit, denn sie begreift, dass Selbstachtung nur durch Wahrheit möglich ist. Künstlerische Umsetzung: Der Monolog wird in einem Raum gespielt, und dauert 70 Minuten. Die Geschichte spielt heute. Der Autor Jakovos Kambanellis (geb. 1922) ist der wichtigste zeitgenössische griechische Dramatiker. Nachdem er 1945 aus deutscher KZHaft in Mauthausen nach Hause kam, entdeckte er seine Begeisterung für das Theater. Viele seiner Stücke hatten in seiner Heimat grosse Erfolge. Im Deutschen sind nur seine Texte zur «Mauthausenkantate» bekannt, die Mikis Theodorakis vertonte. Kambanellis wurde mit vielen Auszeichnungen für seine Arbeit geehrt und hat einen Lehrstuhl für den 1999 gegründeten Bereich «Dramaturgie» an der Akademie in Athen. Das Ein-Frau-Stück wird gespielt von Anina Jendreyko. (Pressetext) Griechische Kultur – eine Veranstaltungsreihe vom 15. Februar bis 21. Februar, jeweils 20h, Kellerheater Stok, Hirschengraben 42, 8001 Zürich Infos: www.theater-ins-offene.ch

LES PASSIONS DE L’AME IM YEHUDI-MENUHINFORUM BERN

W

interspiele Zeitgleich mit den Olympischen Spielen in Vancouver präsentieren Les Passions de l'Ame ihre eigenen «Winterspiele» mit Werken von Vivaldi, Telemann und Scarlatti. Während in Vancouver Medaillen erkämpft werden, nähert sich Berns Orchester für Alte Musik unter der Leitung von Meret Lüthi diesem Ereignis aus der Sportwelt auf musikalische und augenzwinkernde Weise. Der olympische Stoff war ein beliebtes Sujet bei Opernkomponisten der Barockzeit. So werden neben der einleitenden Sinfonia aus Vivaldis Oper «L'Olimpiade» auch olympische Klänge von Scarlatti zu Gehör gebracht. Um den völkerverbindenden Aspekt der Spiele zu umschreiben, stehen gleich zwei Suiten von Georg Philipp Telemann auf dem Programm: «Les Nations anciens et modernes» und «Les Na-

tions». Telemann charakterisiert verschiedenste Nationalitäten von den Schweden bis zu den Türken und: Auch die Helvetier sind hier vertreten. Die Brücke vom Geschehen auf der Bühne zu jenem bei der aktuellen Olympiade schlägt der Moderator Mark Kleber, Rundfunk- und Fernsehjournalist und Korrespondent des ARD Hauptstadtstudios Berlin. Ein winterlich, verspieltes Musikabenteuer in der orchestereigenen Konzertreihe «alte Musik?– ganz neu!!» (Pressetext) Konzerte am 26. und 27. Februar 2010, jeweils 19.30h, Yehudi-Menuhin-Forum, Helvetiaplatz 6, 3005 Bern Infos: www.lespassions.ch


Kulturessays

K ULTUR

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Vorstellungen: Mi., 17. März 10, 19.30h Do., 18. März 10, 19.30h Fr., 19. März 10, 19.30h Sa., 20. März 10, 19.30h Aula der Primarschule Köniz Buchsee, Lilienweg 15, 3098 Köniz

ensuite - kulturmagazin Nr. 86 | Februar 2010

P OLITIK

Wer sich nicht

DER UNGEWASCHENE BRÄUTIGAM Jahre lang nie die Zähne putzen, die Haare schneiden, die Kleider wechseln. Genau das schlägt der Teufel einem russischen Soldaten vor, der von einem langen Feldzug abgebrannt nach Hause kommt. Das Stück von Bernhard Wiemker wird von verschiedenen Wahlfachgruppen der Primarschule Köniz-Buchsee als witziges Spektakel mit Theater, Tanz und Musik im Rahmen der Könizer Schulkulturtage aufgeführt. Das Theaterstück «Der ungewaschene Bräutigam» von Bernhard Wiemker nach einem bekannten russischen Märchen wird von Schülerinnen und Schülern der 4. bis 6. Klasse in Köniz aufgeführt. Die zwei Hauptpersonen, ein russischer Soldat und das junge Teufelchen, das gerade das Abitur am Sanatorium knapp bestanden hat, treffen aufeinander. Natürlich bietet das Teufelchen einen Handel an. Sieben Jahre darf sich der Soldat nicht waschen, kämmen, frisieren, rasieren oder die Unterhosen wechseln, dafür hat er jeden Tag die dreckigen Taschen voller Gold. Ob der Soldat diesen Handel gewinnt und weshalb sich sogar der russische Zar für dieses ungewöhnliche Paar zu interessieren beginnt, kann das Publikum an vier Abendvorstellungen in der Aula der Prim.arschule KönizBuchsee herausfinden. Mit Tänzen, Musik, Gesang und phantasievollen Kostümen wird dieses Spektakel im Rahmen der Könizer Schulkulturtage 2010 gezeigt. Die Schülerinnen und Schüler verschiedener Wahlfachgruppen haben in fünfmonatiger Arbeit das Theater unter der Regie von Hape Köhli einstudiert. Die Tänzerinnen haben mit der Choreografin Simona Babst fleissig geprobt und tanzen zu Hits von Dschingis Khan, Sailor, Smokey Robinson und The Beatles. (Pressetext)

DER

Von Peter J. Betts

«

Wer sich nicht an den Tisch setzt, läuft Gefahr, auf dem Teller zu landen», so fidel – sinngemäss aus einer Tageszeitung zitiert – der neueste Massimo Leader von «Die Post», «La Poste», «La Posta» (gemäss den Gelben Seiten des Nachschlagewerkes dieses auf Kommunikation spezialisierten Betriebes hat sich etwa die vierte Landessprache zwischen Stuhl und Bank gesetzt – oder ist auf dem Teller gelandet?). Wollen Sie telefonisch von einer der «Postbeamtinnen» (mit einem Mann bin ich bisher noch nie verbunden worden) wissen, wie denn «Die Post» auf Rätoromanisch heisst, kommt die freundliche Antwort, dafür sei sie nicht zuständig, hier werde nicht gedolmetscht. Wenn Sie insistieren und sagen, Sie gingen davon aus, »Die Schweizerpost» unter der Nummer 0848 88 88 88 sei doch sicher wenigstens in der Lage zu kommunizieren, wie ihr auf Kommunikation spezialisierter Betrieb in der vierten Landessprache heisse, wird Ihnen (noch immer höflich) mitgeteilt, es gebe ja noch eine fünfte und sechste Landessprache(?!), von denen könne man unmöglich alle berücksichtigen, und im Übrigen wird Ihnen ein schöner Tag gewünscht und das Gespräch abgebrochen. Mir so am Dreikönigstag widerfahren. Bleibt mir als Trost die Drohung, das Gespräch sei vielleicht «zu Ausbildungszwecken aufgezeichnet worden». Kurz nach Weihnachten wollte ich auf die Poststelle Hinterkappelen anrufen, um zu fragen, ob auch in diesem Jahr die Aktion «zweimal Weihnachten» noch nicht wegrationalisiert worden sei (wie seinerzeit die Aktion: alte Telefonbücher sammeln und den Erlös für das Altpapier der Berghilfe zukommen lassen) und ob, falls noch immer aktuell, ich etwas mehr als in der vorhandenen Schachtel Platz gehabt hatten, bringen könne. Nun, die Adresse der Poststelle ist im Telefonbuch verzeichnet. Nicht die Telefonnummer ... Dafür «Die Schweizerpost» mit oben angegebener Nummer. Ich rufe an, warte das Instruktionstonband geduldig ab, drücke auf Taste 5, vernehme, ich werde gleich mit einem kompetenten Mitarbeiter(?) verbunden. Die

Dame meldet sich. Ich bitte sie um die Telefonnummer in Hinterkappelen. Diese könne sie mir nicht sagen, aber sie könne mich verbinden. Ich bitte darum. Sie könne dies aber nur tun, falls ich ihr mitteile, warum ich mit der Poststelle telefonieren wolle; ob es sich vielleicht gar um eine Privatsache handle? Ich stutze einen Moment, sage dann, ich sei zwar Privatkunde und möchte deshalb mit meiner Poststelle sprechen. Sie bedauert. Ich bedaure auch und sage, ich würde halt hinfahren, um mich persönlich zu erkundigen. Wir verabschieden uns voneinander höflich. Die nette Telefonstimme als diskrete Camouflage der knallharten Kontrollbeamtin? Meine Anfrage könnte ja Folgen für die Poststelle haben ... Ich hätte mich in den Hintern beissen mögen, weil mir zum Abschluss unseres höflichen Gesprächs nicht in den Sinn gekommen war – schliesslich hätte es auch hier die Chance gegeben, dass das «Gespräch zu Ausbildungszwecken aufgezeichnet» worden wäre – zu sagen, Herr Leuenberger von der obersten Heeresleitung werde sicher hocherfreut sein, dass ihr «Dienst-nach-Vorschrift-Verhalten» mich zu erhöhtem CO2-Ausstoss verführt habe. Das gleiche Departement. Ungleiche Prioritäten. Für Politprestige nicht verwertbar. Für Politpolemik auch nicht. Aber der Aufhänger dieses Textes ist ja nicht Postfinanz, nicht Postlogistik, nicht eine andere flächendeckende lukrative Postaktivität, sondern ein Herr, der sich gerne an den Tisch setzt, um zu verhindern, dass er auf dem Teller landet. Wer dabei auch immer sonst gerade verheizt oder anderswie verwertet werden mag, ist egal. Es ist das sinngemäss widergegebene Zitat des Herrn Béglé, des neuen Verwaltungsratspräsidenten des Gelben Riesen (Stand: 6. Januar 2010). In der Zeitung, der das obige «Zitat» entnommen wird, wird die Meinung geäussert, wonach es sich beim fidelen Massimo Leader um einen «ehrgeizigen Egomanen» handle, ausserdem wird geschildert, wie er im Ausland wichtige Posten erhalten habe, die ihm aber bald entzogen worden seien. Eine Chance für jene, die in der Post

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Kulturessays

FILOSOFENECKE Das Böse ist eine Wahnidee, die zwar in unseren Köpfen herumspukt, für die wir in der Realität jedoch keine Entsprechung finden. Michael Schmidt-Salomon 2009

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eine Frage: Es erleichtert unseren Umgang mit der Welt, nehmen wir sie im binären System von Gut und Böse wahr. Der Gründe sind viele – eine göttliche Disziplinierung hin auf den richtigen Lebensweg, im korrekten Verhaltensfall mit Belohnungsverheissung, fiele dahin bei Abwesenheit des Bösen; ebenso der Dreischritt von (endlicher) Schuld, (diesseitiger) Strafe und (ewiger) Sühne. Die Unterscheidung von Freund und Feind in Wirtschaft und Politik entbehrte der Grundlage und würde dem Wettbewerb, schlechterdings das Movens unseres Fortschritts, den Boden unter den Füssen wegziehen. Des Weiteren drohte die Abschaffung der Moral, zumindest könnte sie nicht länger als metaphysische Gültigkeit instrumentalisiert, sondern müsste als gesellschaftsvertragliche, wandelbare Abmachung akzeptiert werden. Die Welt erschiene uns fraglicher und ungewisser, der Illusion von der geteilten Eindeutigkeit würden Grenzen gesetzt. Der Dualismus von Gut und Böse hat PhilosophInnen über Jahrhunderte beschäftigt: Ist das Böse die Vergänglichkeit der Welt, der wir nicht ausweichen können, gegenüber dem überdauernden göttlichen Sein? Da stellt sich allerdings die Frage, wie das Böse Zutritt zu dieser Welt gefunden hat, angesichts göttlicher Allmacht. Ist das Böse eine dialektische Notwendigkeit, damit wir das Gute überhaupt erkennen und uns entscheiden können – oder liegt es gerade als Strafe im Entscheiden-Müssen? Entsteht das Böse dadurch, dass wir es als solches benennen und damit in die Welt setzen? Oder ist das Böse der zwar zum Überleben notwendige, aber fehlgeleitete Aggressionstrieb? Unsere Moralvorstellungen, so SchmidtSalomon, machen uns «krank, kritikunfähig, selbstsüchtig und dumm». Hinter der moralischen Maske lauert der Racheinstinkt. Die Belegung des Fremden, des Andersdenkenden, des Gegners mit dem Signum des Bösen erlaubt erst die Eskalation von Gewalt. Lässt sich dagegen andenken oder nur mit Schopenhauer resignieren? «Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber nicht wollen, was er will.» Am 24. Februar um 19.15h, freut sich Ueli Zingg an der Kramgasse 10, 1. Stock, auf ein Gespräch jenseits von Gut und Böse. 8

noch immer einen Betrieb sehen möchten, dessen oberste Priorität Kommunikation, Dienst an der Gesellschaft wäre? Im «Bund» vom 6. Januar umschreibt dann Rita Flubacher den Verwaltungsratspräsidenten mit: «Ein Mann mit Ambitionen». Er habe sich offenbar im Rahmen der Übernahme des Verwaltungsratspräsidiums beim obersten politischen Verantwortlichen erkundigt, ob er nicht gleich neben dem Verwaltungsratspräsidium die Konzernleitung übernehmen könne. Da dies aus formalen Gründen offiziell nicht möglich ist, findet offenbar Herr Béglé Mittel und Wege, in der Realität seinen Wunsch zu konkretisieren: geeignete Wahl des Konzernchefs, Kritiker oder Kritikerinnen im Verwaltungsrat, die den Schleudersitz benutzen. Vielleicht wollen auch sie nicht auf dem Teller landen usw.? Erfolg gleich Vernichten, wenn möglich Einverleiben allfälliger Gegner oder deren anderweitig finale Verwertung als Maxime? Nun, die Kultur des Kannibalismus ist auch unter Menschen nicht ganz neu, oft zwar durch Notlagen begründet. Persönlich halte ich sie so oder so eher für etwas unappetitlich, auch wenn sie zunehmend unserem Zeitgeist entsprechen mag und zunehmend in manchen Erscheinungsformen zum Alltagsbild gehört. Sie passt etwa zum Rationalisieren durch Personalabbau in «Profitcenters»: bei Pflegenden in Spitälern, bei Postboten, Poststellen; bei Briefkästen; zum Fahrverhalten der Piloten in Autos der ExpressPost, von Postlogistics usw.. Passt auch zunehmend zur Alltagspraxis im Wirtschaftsleben überhaupt. Erster Akt einer nicht erfundenen Geschichte: Einem Abteilungschef wird am Freitagabend bei der Betriebsfeier auf offener Bühne seine 35-jährige Tätigkeit für den Betrieb vor allen gelobt und überschwänglich verdankt, es wird ihm eine gute Flasche Wein in die Hand gedrückt und beim Händeschütteln bestätigt, er habe seine Leistung immer optimal erbracht, und all dies unter herzlichem Applaus aller Anwesenden. Zweiter Akt: Am Montagmorgen findet der Abteilungsleiter einen Brief auf dem

Pult, die Mitteilung, dass er sofort freigestellt wird. Dritter Akt: Der Abteilungsleiter, ganz offensichtlich auf dem Teller gelandet, vielleicht auch, weil er nie an den (Verhandlungs)Tisch gebeten worden war, packt möglichst unauffällig seine privaten Sachen ein, überlegt, wie er das Ganze seiner Frau, seinen erwachsenen Kindern beibringen soll, schreibt allen Kolleginnen und Kollegen ein E-Mail zum Abschied, schleicht beschämt und ohne Wort davon – ein frei(gestellt)er Mann mit virtuellem Abschiedsritual. Die Kolleginnen und Kollegen halten den Mund. Sie bangen alle um ihre Stelle. Die Kultur des Kannibalismus passt durchaus auch zu Geschehnissen im öffentlichen Bereich. Rudolf Strahm ist etwa den Praktiken von heimlichen ProfiteurInnen und diskreten AbsahnerInnen der «Zweiten Säule» nachgegangen: «... Wer weiss schon als Versicherter (in der Schweiz sind es über fünf Millionen Menschen), dass ihm oder ihr die Pensionskasse durchschnittlich 770 Franken Verwaltungskosten pro Jahr verrechnet? (die AHV zum Vergleich: 25 Franken pro Person). ... Die Pensionskassen-Verantwortlichen (begründen) die finanzielle Notlage der Kassen mit der Überalterung der Bevölkerung und den gesunkenen Kapitalerträgen.» Vorgeschobene Gründe und selbstverschuldet, meint Strahm: durch exorbitante Verwaltungskosten und Fehlspekulationen mit riskanten Anlagegeschäften an der Börse. Dann zeichnet er minutiös die üblen Praktiken, auch im Hinblick auf die kommende Abstimmung, auf: «... In der Schweiz ist solche Interessensverquickung völlig legal; anderswo würde sie als institutionelle Korruption gelten ...» («Der Bund» 5. Januar 2010, Seite 8). Ein weites Feld für dringenden Handlungsbedarf von Kulturpolitik: weg von der Verquickung von Citymarketing und Förderung des Kulturschaffens hin zum Versuch, durch Kreativität unsere Gesellschaft (wieder?) weniger kannibalisch und etwas menschlicher (?) zu gestalten, hin zu inhaltlicher Substanz, auch jenseits von Prestigegewinn.


Kulturessays

B LINDE I NSEL

Einsicht statt Licht Von Pedro Lenz Schliessen Sie die Augen, jetzt, einfach so, wo immer Sie gerade sind. Ja, schliessen Sie die Augen und falls Sie bloss ein klein wenig Vorstellungsvermögen haben, wird Sie das Gefühl befallen, Sie befänden sich auf einer Insel. Es ist Ihre persönliche Insel, eine Insel, deren Ränder durch Geräusche, Gerüche, Gedanken und eine Menge anderer Eindrücke definiert sind.

V

om 12. Februar bis zum 27. März 2010 brauchen Sie die Augen nicht zu schliessen, um dieses Inselgefühl zu erlangen. Dann lädt nämlich das Restaurant Blinde Insel in der Grossen Halle der Berner Reitschule jeweils von Mittwoch bis Samstag zu einem kulinarisch kulturellen Erlebnis ein. In völliger Dunkelheit servieren blinde und sehbehinderte Menschen ein schmackhaftes 3-Gang-Menu, das immer von ausgewählten regionalen Profis mit feinsten, ebenfalls regionalen Produkten zubereitet wird. Bereits zum sechsten Mal wird dieser Anlass gemeinsam vom Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband und von der Trägerschaft Grosse Halle organisiert. Freilich spricht dieses besondere Wirtshaus nicht bloss die kulinarischen Sinne der Gäste an. Auch die kulturellen, ökologischen und politischen Sinne sollen angeregt und verfeinert werden. Im Zentrum des Projekts steht ein ganz besonderer Sinn: der Sinn für den Klimawandel. Verschiedene bekannte Autorinnen und Autoren haben exklusiv für die Blinde Insel Texte zum Thema Klimawandel verfasst und auf Band aufgenommen. Den Anfang macht Franz Hohler mit seinem Stück «Von Kühen und Knechten». Ausserdem zu hören sind die wohlbekannten Stimmen von Grazia Pergoletti, Endo Anakonda, Ros-witha Dorst & Bernd Rumpf, Johanna Lier und meiner Wenigkeit. Jeden Abend wird einer der rund zehnminütigen Texte zum Menu eingespielt. In den folgenden Ausführungen will ich kurz über meine Arbeit am Text zur diesjährigen Blinden Insel berichten. Für mich als Autor sind Textaufträge normalerweise der blanke Horror.

ensuite - kulturmagazin Nr. 86 | Februar 2010

Allein der Gedanke, mit dem, was ich schreibe, fremde Erwartungen erfüllen zu müssen, macht das Schreiben zur Folter. Die Themen, die mir zugetragen werden, sind in den seltensten Fällen deckungsgleich mit den Themen, die mich in meiner täglichen Arbeit beschäftigen. In diesem konkreten Fall verhält es sich jedoch anders. Giorgio Andreoli, der für die Blinde Insel auf Textfang geht, konnte mich durch seine unaufgeregte Art problemlos zum Mitmachen bewegen. «Schreib uns bitte einfach einen Text zum Thema Klimawandel», sagte mir Andreoli vor ein paar Wochen, als wir uns auf der Strasse begegneten, fast beiläufig. Und weil er diese Bitte so normal und so selbstverständlich vorbrachte, habe ich mich hingesetzt und versucht, genau so normal und selbstverständlich über diesen Klimawandel zu schreiben. Und anders als sonst, wo ich erst stunden- und wochenlang grüble und mich ärgere, bevor ich den ersten Satz zu Papier bringe, fing ich einfach an. Meine ersten Gedanken kreisten um's Klima und um's Wetter und darüber, wie wir über's Wetter reden: «Was wotter für morn? Wär, wär wott öppis? Eh, dä vom Wätter. Was wotter? Was wei si? Was hei si gseit? Morn schön, am Morge schön, für morn wotter schön, aber am Obe bewöukt, und nächär schiins Räge, wenns würklech wohr isch. Mir gsehs de, gseh de früeh gnue. ob si rächt hei. Es stimmt sowieso fasch nie, meischtens isches nid eso. Aber es heis aui gseit. Nach diesem Anfang, versuchte ich mich an Diskussionen über das Wetter in früheren Zeiten zu erinnern. Hier kam das Klima ins Spiel. Das Klima meint ja, nach Schuldefinition, die Gesamtheit aller an einem bestimmten Ort möglichen Wetterzustände über eine längere Zeitdauer. So versuchte ich mir vorzustellen, wie meine Grossmütter über das Wetter redeten:

Bild: Pedro Lenz / zVg.

Und Schnee hets aueb gha und chaut isches aube gsi und gluftet hets aube aber hütt, hütt gits kener Wintere meh. Hierauf begann ich zu recherchieren. Ich erinnerte mich vage an eine Abstimmung vor vielen Jahren, als wir hier im Unterland noch darüber diskutierten, ob es gut sei, wenn einfach alle Bergkurorte mit Kanonen Schnee erzeugen können. Irgendwie glaubte ich mich daran zu erinnern, dass diesbezügliche Einschränkungen beschlossen wurden. Dann fragte ich mich, ob das alles noch eine Rolle spielt, nach Kopenhagen, ob das überhaupt noch jemanden interessiert, jetzt, da es hier wieder Schnee gibt im Winter. Der Text begann zu stocken. Die Informationen, die Assoziationen, die Zusammenhänge, alles begann mich zu blenden. Und in diesem Geblendetsein fiel mir die Blinde Insel wieder ein. Ich legte den Text beiseite und beschloss, mich später wieder dahinterzumachen, zu rhythmisieren, weiterzudenken. Spätestens Mitte Februar wird der Text aufgenommen sein. Die Leute werden ihn sich im Dunkeln anhören. Vielleicht werden Sie, liebe Leserinnen und Leser dort sitzen, in der Blinden Insel, bei einem Glas Wein und einem feinen Abendessen. Im Hintergrund wird die TornadoMaschine von Renato Grob und Lisette Wyss das Wetter machen. Ich wünsche jetzt schon Appetit und Einsicht. Programm Blinde Insel 2010 12. bis 20. Februat: Franz Hohler: «Von Kühen und Knechten» 24. bis 27. Februar: Endo Anaconda: «Nasse Füsse» 3. bis 6. März: Grazia Pergoletti: «Desser» 10. bis 13. März: Pedro Lenz: «Was wotter für morn?» 17. bis 20. März: Johanna Lier: «Lagos» 24. bis 27. März: R. Dost/ B. Rumpf: «Wir sind ein Teil der Erde» Infos: www.grossehalle.ch

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Kulturessays

K UNST

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G ESPRÄCH

(Un)Brauchbare Kunst Eine Nacherzählung von Jarom Radzik Bild: Lukas Vogelsang Was versteht ein Müllmann schon von Kunst? Ein Gespräch zwischen Albrecht König, 52, Kurator, und Urs Steiner, 39, Städtischer Müllmann, anlässlich des Wettbewerbs «Eine Stadt sucht ihren Künstler.» Albrecht König (K): «Ich gratuliere ihnen.» Urs Steiner (S): «Wieso?» K: «Sie sind der Gewinner dieser Skulptur!» S: «Warum?» K: «Weil Sie fünfhundert Meter gegangen sind, ohne den Blick vom Boden vor sich zu nehmen.» S: «Heute belohnt man wohl jeden Mist.» K: «Wie meinen Sie das?» S: «Warum sollte Vor-Sich-Hinglotzen was Besonderes sein?» K: «Nun, Sie taten es in einer Zone mit sehr vielen Fussgängern.» S: «Aha.» K:«Wir finden das so toll, dass wir Sie dafür auszeichnen! Freuen Sie sich denn nicht?» S: «Und wozu das ganze Affentheater?» K: «Nun, wir machen diesen Wettbewerb: Eine Stadt sucht ihren Künstler.» S: «Aha.» K: «Und dazu hat unsere Jury in dieser Fussgängerzone Menschen beobachtet und geschaut, wer das wahre Zeug zu einem Künstler hat. Dabei sind Sie uns aufgefallen.» S: «Warum ich?» K: «Na, weil Sie auf den Boden geschaut haben.» S: «Na und?» K: «Das ist etwas Besonderes.» S: «Nö.» K: «Doch, doch.» S: «Ach was, kann doch jeder.» K: «Mag sein, aber Sie machen das mit Abstand am Besten.» S: «Schwachsinn. Nehmen Sie sich einen anderen Deppen. Einen, der Kunststücke macht oder singt.» K: «Dafür gibt es Talentshows.» S: «Sehen Sie? So und jetzt muss ich weiter.»

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K: «Aber, aber. Sie sind doch der Gewinner des Wettbewerbs. Das Radio will mit Ihnen sogar ein Interview machen.» S: «So was hat mir gerade noch gefehlt. Vom Radio interviewen lassen?» K: «Na weil Sie ein grosser Künstler sind.» «Ich? Ich bin kein Künstler. Ich kann ja nicht einmal singen und malen schon gar nicht.» K: «Ein Künstler muss das auch nicht können.» S: «So? Was muss der denn können?» K: «Wer einfach sich selbst ist, ist der grösste Künstler.» S: «So 'n Quatsch. Das ist keine Kunst.» K: «Doch, doch.» S: «Ein schönes Bild ist Kunst.» K: «Nein, nein, Kunst muss nicht in einem Kunstwerk sichtbar sein. Kunst kann auch kraft ihrer Gedanken bestehen.» S: «Ach? Und wie können Sie dann noch wissen, dass jemand Kunst macht?» K: «Weil jene darüber sprechen oder sich besonders verhalten.» S: «Das machen ja auch alle.» K: «Ja, aber manche machen das besonders originell.» S: «Originell?» K: «Oh ja, manche haben das gewisse Etwas, so wie Sie.» S: «Wie wollen Sie das wissen?» K: «Ich und die anderen hier haben bereits viele Künstler und ihr Schaffen studiert. Jeder in der Jury ist ein ausgewiesener Kunstkenner. Wir wissen, was Kunst ist. Und wir wissen, wer das wahre Zeug zu einem Künstler hat.» S: «Sie irren sich. Ich kann nichts, was ein Künstler können müsste. Ich bin kein Künstler, und ich will auch gar keiner sein.» K: «Aber nein, Sie brauchen nicht zu können.» S: «Ich weiss ja nicht viel, aber meine Mutter hat immer gesagt: Kunst kommt von Können.» K: «Diese Vorstellung ist längst überholt. Kunst hat nichts mehr mit Handwerk zu tun.» S: «Das versteh ich nicht»

K: «Kunst entspringt der Originalität ihres Geistes. Diese Originalität macht Sie zum grossen Künstler.» S: «Aber ich will doch gar nicht.» K: «Schon viele grosse Künstler wollten nicht.» S: «Unsinn, mich Künstler zu nennen. Das wissen Sie!» K: «Nun, Sie bekommen einen Preis.» S: «Preis?» K: «Sagte ich doch schon.» S: «Was denn? Einen Lottoschein oder vielleicht ein neues Auto?» K: «Etwas viel Besseres.» S: « Ein Haus oder gar 'n Schloss?» K: «Viel besser.» S: «Nun sagen Sie schon.» K: «Wenn Sie am Anfang gut zugehört hätten, wüssten Sie es.» S: «Keine Ahnung mehr. Das Geschwafel über Kunst hat mich ganz wirr gemacht. Was ist es? Meine Schicht beginnt nämlich gleich.» K: «Was sind Sie denn von Beruf?» S: «Knallorange Jacke und Hosen mit Leuchtstreifen. Wohl nicht das Christkind.» K: «Bauarbeiter?» S: «Nein, Müllabfuhr.» K: «Ach wie schön.» S: «Wollen Sie mich verarschen?» K: «Nein, nein. Ganz und gar nicht. Ich bin begeistert. Ich war schon immer der Meinung, dass Künstler überall zu finden sind.» S: «Hören Sie, ist das so was wie die «Versteckte Kamera»? Dann nicht mit mir.» K: «Wir haben keine versteckte Kamera, wir sind so echt wie Sie.» S: «Also gut. Kriege ich jetzt einen Preis oder nicht?» K: «Natürlich, da steht er.» S: «Wo?» K: «Sehen Sie die Skulptur da? Ihr Preis.» S: «Das Ding? Was soll ich damit?» K: «Das ist ein Kunstwerk. Was sollten Sie schon damit tun? Aufstellen natürlich.»


Kulturessays S: «Aufstellen? Das Ding will ich nicht. Und entsorgen kostet 'ne ganze Stange Geld.» K: «Aber nicht doch. Als wahrer Künstler erahnen Sie doch, welchen Wert dieses Werk hat.» S: «Wert? Was krieg ich denn, wenn ich es versilbere?» K: «Aber ich bitte Sie, Sie sollen es nicht verkaufen, Sie sollen es aufstellen.» S: «Keinen Platz. Aber was krieg ich dafür?» K: «Hören Sie, diese Skulptur hat am meisten Wert, wenn Sie sie behalten.» S: «Versteh ich nicht. Ist das Ding nichts wert?» K: «Nein, aber Kunst muss man betrachten, sich mit ihr auseinander setzen, wenn man ihren Wert ausschöpfen möchte» S: «Hab' sie schon angeschaut, das genügt.» K: «Was meinen Sie damit?» S: «Gefällt mir nicht. Ein Pirelli-Kalender wäre mir lieber, zum Anschauen meine ich.» K: «Sie wollen doch wohl Kunst nicht mit so was vergleichen.» S: «Wieso nicht? Das Ding ist noch hässlicher als meine Alte. Und die schaue ich schon lange nicht mehr an. Warum sollte ich wohl das Ding anschauen?» K: «Der Anblick dieser Skulptur regt Sie in Ihrer Schöpfungskraft an.» S: «Schöpfungskraft? Wozu Schöpfungskraft? Arbeitskraft reicht mir.» K: «Schon, schon, aber sie könnten ja Kunst machen.» S: «Hab's schon mal gesagt, kann mit Kunst nichts anfangen. Und jetzt soll ich das auch noch selbst machen?» K: «Kunst ist für Sie und Ihr Umfeld eine Bereicherung.» S: «Ehrlich gesagt, sehe ich das nicht so. Für mich ist Kunst bloss das Werk von irgendwelchen Typen, die sonst zu nichts taugen würden.» K: «Sie haben eine sehr negative Einstellung gegenüber der Kunst. Das wäre ja gerade so, als wenn ich sagen würde: Müllmänner sind dreckig.» S: «Wissen Sie, wenn ich im Leben eine andere Chance gehabt hätte, würde ich diese Arbeit wahrscheinlich nicht machen. Aber wenigstens mache ich mich dabei nützlich.» K: «Wie meinen Sie das?» S: «Wie ich es sage. So werden die Menschen ihren Müll los.» K: «Bitte nehmen Sie Ihren Preis, und zeigen Sie wenigstens für das Foto etwas Freude.» S: «Hab ich nicht.» K: «Kommen Sie.» S: «Nein. An einem Kasten Bier oder einem Satz neuer Reifen für das Auto hätte ich Freude. Das Ding hier, was nützt das? Es raubt mir höchstens Platz in meiner Wohnung.» K: «Kunst wie diese Skulptur hat für Sie viele Vorteile.» S: «So? Was für welche?» K: «Das müsste doch sogar Ihnen einleuchten: Kunst schenkt den Menschen neue Sichtweisen, entfaltet Originalität, reflektiert und provoziert

die Gesellschaft und ist Ausdruck enormer Entfaltungsfreiheit.» S: «Dann nützt Kunst also denen, die mit dem, was das Leben ihnen bietet, nicht zufrieden sind.» K: «Was?» S: «Schauen Sie, ich hab' ein Dach über dem Kopf, gutes Essen und Freunde. Ich bin eigentlich schon sehr zufrieden. Wozu brauche ich also noch Kunst?» K: «Nicht jeder wäre mit dem, was mir Sie gerade aufgezählt haben, zufrieden.» S: «Wenn für mich im Leben alles selbstverständlich wäre, wäre ich wohl auch nicht zufrieden. Aber dann hilft auch Kunst nicht weiter, oder?» K: «Das meinen Sie.» S: «Von Kunst versteh' ich nichts. Aber eines weiss ich: In meinem Leben helfen mir zusammengebaute Schrotteile nicht weiter. Und es hilft auch nichts, wenn das jemand als Kunst bezeichnet.» K: «Dann verstehen Sie also nicht, was der Künstler mit dieser Skulptur hier sagen möchte?» S: «Nein. Und wenn ich etwas sehe, was ich nicht verstehe, dann hilft es mir nichts.» K: «Tut mir leid, das zu hören.» S: «Muss nicht, ich fühle mich pudelwohl, auch wenn ich das Ding nicht verstehe. Schlimmer wäre es, wenn ich den Müll auf der Strasse stehen lassen würde.» K: «Sie wollen doch nicht etwa Kunst mit Müll vergleichen?» S: «Sie sagen doch selbst, ich sei ein Künstler.» K: «Ja.» S: «Und ich bin Müllmann. Also könnte ich doch einen Berg Müllsäcke auf die Strasse stellen und sagen, das sei Kunst, oder?» K: «Ja, schon. Wenn das Ihr Ausdrucksmittel sein soll, warum nicht?» S: «Sehen Sie, und genau da verstehe ich das Ganze nicht mehr. Für mich als Müllmann ist das Müll. Da hilft es nicht, dass ich es Kunst nenne. Dafür zeigt es wieder, wie nutzlos Kunst ist.» K: «Der Müll für sich genommen mag nutzlos sein. Aber vielleicht wollen Sie ja mit dem Müllberg ein Zeichen setzen. Als Künstler machen Sie mit allem, was Sie tun, eine Aussage.» S: «Dafür muss ich mich doch nicht Künstler nennen.» K: «Aber von Künstlern erwartet man das.» S: «Wäre ja noch schöner: Alle werfen ihren Müll auf die Strasse und zahlen ihre Gebühren nicht, weil sie sagen, das sei Kunst.» K: «Grundsätzlich kann auch jeder ein Künstler sein. Wichtig ist nur, dass er das, was er selbst und andere tun, hinterfragt.» S: «Künstler sollten sich lieber überlegen, wie das, was sie tun, ankommt.» K: «Ein Künstler handelt nicht in erster Linie, um dafür Lob und Verständnis zu ernten, sondern weil er Kunst machen will.» S: «Wissen Sie, das macht für mich keinen

Sinn. Letztes Jahr sagte man uns, die Arbeit, die wir vorher zu dritt gemacht haben, sollen wir von nun an zu zweit machen. Der Effizienz und der Kosten wegen, Sie verstehen?» K: «Ja und?» S: «Wenn wir den Müll nicht wegräumen würden, würde die Stadt bald in ihrem Müll ertrinken.» K: «Warum sagen Sie mir das?» S: «Sie wissen, warum ich den Müll wegräume. Aber auch wenn ich mich anstrenge, Sie zu verstehen: Ich sehe nicht, was Kunst wirklich nützen soll. » K: «Sehen Sie, dann hat die Kunst bereits ihre Aufgabe erfüllt. Sie wurden schon zum Nachdenken angeregt.» S: «Dazu braucht es keine Kunst, ein schöner Abendhimmel bringt mich auch schon ins Träumen.» K: «Sie verstehen wirklich nicht, warum es Kunst braucht.» S: «Ja, wenn ein Künstler mir etwas sagen will, warum kommt mir dann kein Gedanke, wenn ich vor diesem Dingsda, dieser Skulptur stehe.» K: «Vielleicht strengen Sie sich einfach zu wenig an.» S: «Warum bringt dieser Künstler es denn nicht so, dass ich es verstehe? Ich mache meine Arbeit ja auch so, dass sie jeder versteht.» K: «Ein Künstler darf sich nicht an sein Publikum verkaufen, sonst ist er nicht mehr in der Lage, Kunst zu machen.» S: «Dann geht es dem Künstler nur um sich selbst.» K: «Nein, aber er muss sich seinen Freiraum behalten.» S: «Wenn ich als Müllmann mir soviel Freiraum nehmen würde wie ein Künstler, wäre ich schon längst meinen Job los.» K: «Nur weil jemand anders ist, heisst das noch lange nicht, dass er keinen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten kann.» S: «Richtig, nur kann ich das nicht beurteilen, weil ich es nicht verstehen kann. Mir kommt Kunst immer noch nutzlos vor.» K: «Sie sehen das alles zu negativ. Künstler sind keine Scharlatane, sondern Menschen, die durch Ihr Handeln Räume bevölkern, die sonst leer bleiben würden. Aber Sie denken ja immer nur an den Nutzen. Kunst kann doch nicht den Menschen oder seine Umwelt besser machen oder ihn gar dazu anregen, etwas dafür zu tun. Solchen Heilsversprechungen würden Sie doch selbst nicht glauben.» S: «Warum nicht?» K: «Lächerlich. Sie verstehen wirklich nichts von Kunst. Sonst kämen Sie nicht auf so dumme Gedanken.» S: «Sag ich doch.» K: «Wie? Ja, eine Frau, die mit ihren vier Hunden bei Sonnenschein mit offenem Regenschirm spaziert und dabei auch noch laut singt. Toll! Das muss eine Künstlerin sein. Nehmen wir die? Bitte entschuldigen Sie. Und nichts für ungut.»

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Kulturessays

E SSEN

UND TRINKEN

Ein Rot von Welt Von Barbara Roelli

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peration am offenen Herzen. Mit der linken Hand den Plastikbeutel mit organischem Inhalt festhalten, mit der rechten Hand Skalpell oder Schere zum Schnitt ansetzen. Den Plastikbeutel soweit aufschneiden, dass die zwei oder drei rundlichen Körper von Hand durch den Schlitz entnommen werden können. Dabei verlieren sie viel Lebenssaft. Arbeitet man auf einer Chromstahloberfläche, lässt sich die rote Flüssigkeit leicht entfernen – in die feinen Ritzen jedoch, die das Küchenmesser auf dem hölzernen Schneidebrett hinterlassen hat, dringt sie ein. Auch Plastikbecken, die vom regen Gebrauch rau geworden sind – etwa vom Rühren mit dem Schwingenbesen – nehmen die Farbe des Saftes sofort auf. Das ist typisch, wenn man mit gedämpften, geschälten Randen operiert. Wer kennt nicht dieses intensive Rot? Im Farbton angesiedelt zwischen Bordeaux und Rotkraut-Rot. Ein wertvolles Rot, fast zu wertvoll für ein Gemüse, das zum Verzehr bestimmt und dann nie mehr gesehen ist. Vielmehr würde das Randenrot zu schweren Samtvorhängen passen, die in den vier Meter hohen Räumen einer etwas betagten Villa hängen. Von den Fenstern der Villa sähe man auf den verwilderten Rosengarten. Passen würde das Randenrot auch zu Stiefeln aus feinstem Kalbsleder; vom Schuhmacher in stundenlanger Arbeit angefertigt. Und doch schreit das Rot der Rande nicht nach Aufmerksamkeit, wie es etwa das leuchtende Rot von Tomatensauce oder das Rüebliorange tut. Randenrot ist in unserer Kategorie der «essbaren» Farben aufgenommen. Es gibt aber wenige Lebensmittel, die ein solch dunkles Rot

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Bild: Barbara Roelli

tragen und nicht irgendwie an den Tod erinnern wie etwa die Blutwurst. So dunkelrot die Knolle der Rande auch ist, vermischt sich ihr Farbstoff erst einmal mit weissem Quark oder hellgelber Mayonnaise, wirft sich die Rande erst richtig in Szene. Was ihre Farbe angeht, so ist und bleibt sie die Königin. Wird sie in einem Salat mit Äpfeln, Gurken oder Kartoffeln kombiniert, so dauert es nur wenige Minuten und ihre Mitstreiter leuchten in sattem Pink. Das schauspielerische Talent der Rande, genauer ihres Farbstoffes namens Betanin, macht sich auch die Lebensmittelindustrie zu Nutze. Der natürliche Farbstoff bewirkt zum Beispiel, dass ein Erbeerjoghurt so aussieht, wie für uns ein richtiges Erdbeerjoghurt auszusehen hat. Mag ein Erdbeerjoghurt mit noch so vielen Erdbeerstückli und zusätzlichem Erbeeraroma aufgemotzt sein – ohne die vermeintlich charakteristische Farbe, lassen wir uns schwer davon überzeugen. Was heisst, dass unser Auge (das Auge, das mitisst), sich gerne vom Randensaft täuschen lässt. Dieses Auge mag auch dramatische Anblicke: Dafür packt man eine Randenknolle in Salzteig ein und lässt sie im Ofen bis 90 Minuten backen. Dann bricht man den gipsartigen Mantel auf, und die Rande kommt zum Vorschein – wie in ihrem eigenen Blut liegend. Oder man kocht «Borschtsch». Die in Osteuropa verbreitete Randensuppe ist – mit einem Löffel Sauerrahm und einem Zweiglein Dill serviert – eine kulinarische Augenweide. Nicht so königlich wie ihre Farbe ist hingegen der Geschmack der Rande. Sie stammt aus dem Erdenreich und schmeckt auch danach: erdig, süsslich, etwas säuerlich. Deshalb lässt sie

sich gerne von Aromen schmücken. Das klassische Lorbeerblatt, exotischer Ingwer, würzige Schalotte und erfrischende Zitrusfrüchte wie Orange und Grapefruit stehen ihr gut. Wohl gerade deshalb, weil sie von Natur aus süsslich ist, eignet sich die Rande auch für süsse Speisen – zum Beispiel für einen Cake. Viel Gutes wird der Rande nachgesagt: Sie sei vitaminreich, fördere die Blutbildung, habe eine blutdrucksenkende und appetitanregende Wirkung. Sie ist aber auch reich an Oxalsäure, die harnsteinbildend wirkt. Zubereiten lässt sich die Rande roh, gedämpft, geraffelt, gewürfelt, als Carpaccio, in dicken Scheiben oder als ganze Knolle füllen. Eingelegt in Essig oder süss-sauer eingemacht, ist sie lange haltbar. Die Randenknollen sind «Natur pur», denn sie unterscheiden sich in Form und Gewicht stark voneinander; sie können von 100 bis 600 Gramm wiegen. In der Schweiz wird der grösste Teil der Randen im Oktober geerntet und an Lager gelegt. Zum Glück! Denn wer sich saisonal ernähren will, muss im Winter nach Farben suchen. Bleichgelbe Sellerieknollen, stumpfgrüne Wirzköpfe und schwarzvioletter, weisslich schimmernder Rotkohl dominieren das hiesige Gemüseangebot. Wie gut tut da die Rande. Oder die rote Beete, die rote Rübe, Rahne, Rohne, Salatrübe, Betterave, Beetroot, Barbabietole. Mit ihrer Farbe ist sie die Königin der Wintergemüse. Und sie bleibt einem auch dann noch in Erinnerung, wenn man das stille Örtchen aufsucht. Info: www.rande.ch


Kulturessays

ÉPIS FINES

K LEIDER

MACHEN

L EUTE

Das 80er-Desaster

Von Michael Lack

Von Simone Weber

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Filets vom Rind, Kalb oder Schwein im

KAFFEE-PFEFFERMANTEL Das etwas andere und exotische Filet! Unbedingt ausprobieren: 100 g 60 g 1 Prise 20 cm 10 g

Kaffeebohnen Pfefferkörner Salz kochfeste Schnur (Hanf- oder Flachsschnur) Leinsamenöl

Vorbereitung – Kaffeebohnen und Pfefferkörner mit einem Mixer (Parmesanmixer) grob mixen. – Filet in Tranchen schneiden und mit der Schnur umbinden, damit das Filet seine Form behält. – Eine backofenfeste Bratpfanne erhitzen. – Backofen auf 180°C vorwärmen. Zubereitung – Das in Form gebrachte Filet in der KaffeePfeffer-Mischung wälzen. – In der heissen Pfanne das Öl zum Rauchpunkt bringen und das Filet darin anbraten. – Jetzt das Filet in der Pfanne zehn Minuten im Ofen garen. Tipp: Bei einer Verkürzung der Garzeit ist das Fleisch blutiger und somit auch saftiger!

ür das neue Jahr wünsche ich mir das endgültige Ableben des 80er-Revivals. Das sich in der Modewelt stets alles wiederholt, ist ja kein Geheimnis, aber die 80er hätte man doch bitte überspringen können. Unsagbar, was damals getragen wurde! Inspiriert vom Punk, dessen Stil auch modisch den Ton angab, machten verwegene Kombinationen die Achtziger Jahre aus. Aber auch weisse Tennissocken zu Rüeblihosen, Netzshirts ohne oder über dem T-Shirt, das Polo-Hemd in allen Farben als Ferrari der Party- und Freizeitbekleidung bei Männern, Lederfransen an sämtlichen Kleidungsstücken und Accessoires, komische bunte Buttons mit trägem Inhalt und grauenhafte Broschen wurden getragen – je mehr, desto besser. Das Schlimme an der ganzen Sache ist, dass die Menschheit daraus anscheinend nicht viel gelernt hat, denn viele Sünden der 80er sind seit einiger Zeit wieder voll angesagt. Momentan befinden wir uns noch im Bereich des (Er)Tragbaren. Deshalb auch mein Wunsch, das Wiedererwachen dieses Jahrzehnts in der Mode an dieser Stelle schlagartig zu beenden. Die Kleider, die uns heute nachgeworfen werden, sind glücklicherweise nicht ganz so übertrieben wie damals. Man sieht zwar hier und da ein paar komische Buttons an Jacken oder Taschen oder grosse farbige Ohrringe bei den Mädels und Nietengürtel oder ConverseSchuhe. Auch Stulpen und Pumps sind sehr begehrt. Neben löchrig zerschlissenen und mit Flicken besetzten verwaschenen Jeans in allen Farben sind auch die typischen Schulterpolster wieder sehr beliebt. Vor fast 30 Jahren trugen Pop-Stars wie Madonna oder Nena Blazer, die aussahen, als wären sie vom fettleibigen Grossvater geliehen. Die starken Schultern sollten Kraft symbolisieren und standen für Forderungen aus der Damenwelt. So fuhren die Frauen auf der einen Seite auf der androgynen Schiene, andererseits versuchten sie ihrem Look mit hohen Absätzen und Miniröcken ein bisschen Sex zu geben. Heute feiern Schulterpolster in Jacken und Blazern ihr Comeback und werden auf Modeschauen von Designern wie Stella McCartney und Yves Saint Laurent präsentiert. Sie haben aber einen ganz anderen Schnitt, weniger Kasten, weniger Volumen. Ja, ganz so schlimm sind die heutigen 80er-Blazer nicht. Die Schultern sind zwar etwas breiter, glücklicherweise aber längst nicht so breit wie damals. Die Ärmel sind enger, der Schnitt etwas mehr dem weiblichen Körper angepasst, die Schulterpolster treiben uns eher in die Höhe als in die Breite. Denn was

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damals ein Zeichen der Emanzipation war, erinnert heute eher an eine übergrosse Uniform – immerhin, soviel haben wir gelernt. Auch das Tragen von alten bunten Pullis oder wildes Kombinieren von Farben sind Verirrungen der Achtziger und sollten besser nicht blindlings wiederbelebt werden. Kopiert werden darf nur in einer einigermassen aushaltbaren Form, denn die modischen Experimente aus dieser Zeit sind meist schon im Ansatz zu viel. Da können wir froh sein, dass momentan nur Elemente und keine Komplett-Looks als modisch gelten. Wir haben die Röhre, wir haben die Leggins, in allen Farben und Materialien. Ich persönlich finde sie in Leder oder Leoprint besonders scheusslich. Heute trägt man immerhin ein Kleid oder einen Rock über den Dingern, früher wurden Po und Beine auf dem Silbertablett präsentiert. Echt hässlich sind diese neonfarbigen Fummel, die bei H&M an der Kleiderstange hängen, sie sehen heute nicht besser aus als damals. Neonfarben sollten aus der Farbpalette gelöscht werden (Printmarken sind davon natürlich ausgeschlossen)! Aber auch alle diese andern knalligen Farben, die so typisch sind für das verhasste Jahrzehnt der Mode. Gelbe T-Shirts, grüne und rote Jeans, violette Jacken und weisse Socken. Man sollte sich auf ein farbiges Stück beschränken, dass man dann mit grau oder schwarz kombiniert. Damit erhascht man genug Aufmerksamkeit. Nur wer die 80er-Sachen mit Dezenterem kombiniert, sieht nicht wie ein verkleideter Fasnachtsvogel aus. Ums Auffallen ging es wohl auch beim Vokuhila (vorne kurz, hinten lang), der 80er-Frisur überhaupt und Erkennungszeichen aller Mantafahrer! Stirnbänder, die die wilde Dauerwelle zurück hielten, machten die Sache nur noch schlimmer. Damals wurde niemand schief angeschaut, denn alle liefen so herum. Heute würden wir uns wohl totlachen, wenn jemand mit einer solchen Haarpracht durch die Stadt flanieren würde. Ja, die 80er waren geprägt von modischen Experimenten (die glücklicherweise meist nicht überlebensfähig waren). Der hohe Wert von Individualität war der Freipass für wilde Kombinationen. Hauptsache extrem! Erfolgreich war, was sich von der breiten Masse absetzte. Aber geht denn das nicht auch anders? Wühlt lieber nicht in den Kleiderschränken eurer Eltern und haltet euch an die Regel, nicht zu viel 80er-Mode auf einmal zu tragen. Auch wenn es heute, wie damals, ums Auffallen geht. Hey Leute! Die 80er sind vorbei!!! Und wir wollen sie nicht wieder!

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Kulturessays

K OLUMNE

AUS DEM

B AU

Langsam wird es Zeit für die Krone I

ch habe drei Tage hintereinander in meinen Computer im Bau gestarrt und in einer 64x128-Matrix sämtliche Länder der Welt eingetragen. Dabei bin ich vollkommen systematisch vorgegangen, zuerst alle Länder, die mit dem Buchstaben A beginnen, dann jene mit B, danach die mit C usw.. Wussten Sie, dass es unglaublich viele Länder gibt, die mit den Buchstaben «Ma» beginnen (auf Englisch)? Malawi, Malaysia, Mali, Mauretania, nur ein paar Beispiele. Oder wussten Sie, dass die Demokratische Republik von Kongo früher Zaire hiess? Lustig, welches Wissen man sich (ungewollt) aneignet während einer Doktorarbeit. Eigentlich sollte ich den Doktortitel in Geographie bekommen. Immerhin weiss ich nun ganz genau, wo jedes Land der Erde in einem spektralen Gitter mit Auflösung T42 liegt. Auch solche Leistungen sollten geehrt werden. Aber wie ein asiatisches Sprichwort besagt: Ein richtiger Kämpfer will für seine Sache bescheiden sterben. Nach drei Tagen Gestarre in meine Matrix wusste ich wirklich nicht mehr ganz, ob ich mich nach wie vor zu den lebenden Menschen zählen konnte. Selbst im Traum schwirrten mir ständig Ländernamen und Matrixzahlen durch den Kopf. Hoffentlich will meine zukünftige Chefin nicht dieselben Resultate auf einem T85-Gitter. An-

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Von Irina Mahlstein

Bild: Barbara Ineichen

sonsten müsste ich wohl einen Monat lang das Gitterraster anstarren. Würde ich mir nicht erhoffen, dank dieser (hoffentlich entstehenden) extrem neuartigen und spektakulären Resultate einen sagenhaften Abschluss meiner Doktorarbeit zu erlangen, hätte ich die Mühen natürlich nicht auf mich genommen. Ich hab es wahrscheinlich in dieser Kolumne noch nicht erwähnt, aber es dauert nur noch vier Monate, bis ich meine Arbeit abgeben muss. Es bestehen folglich nur noch wenige Möglichkeiten, meiner Arbeit noch ein Krönchen aufzusetzen. Also hü! Langsam häufen sich auch Fragen anderer Mitarbeiter wie: «Bist Du schon fleissig am Schreiben?» Und ich jeweils: «Ne, ich bin immer noch am rechnen …» Ich habe noch keinen Tag darüber nachgedacht, wann ich denn eigentlich beginnen sollte, meine Resultate in einen Text zu verwandeln. Klar hab' ich zwei Publikationen geschrieben, die ich einfach beilegen kann. Aber ich muss das ja in irgendeinen vernünftigen Ablauf bringen. Ich hab' mir immer gedacht, dass ich dies dann in den letzten Monaten machen werde. ABER ICH BIN JA SCHON IN DEN LETZTEN MONATEN! Dabei bin ich erst damit beschäftigt, die Resultate für meine dritte Publikation zu generieren. Und dies beinhaltet ja,

wie oben schon bemerkt, Länder in ein Gitter einzuzeichnen. Auf stupide Art und Weise. Vielleicht sollte ich mir tatsächlich langsam einen Plan zurechtlegen, wann ich denn meine Doktorarbeit tatsächlich schreiben werde. Bis Ende Mai muss nämlich noch eine dritte Publikation entstehen, ein Proposal, welches gut genug ist damit mir mein Postdoc-Lohn bezahlt wird und wie gesagt: Ich muss das verdammte Ding noch schreiben. Das Ding, welches mir die erwünschten Türen öffnen kann. Das Ding, was mich zum ehrenhaften Doktortitel bringen wird. Ich sollte mir nach offiziellem Erlangen des Titels Briefkästen und Klingelschild anpassen lassen. Nur für eine gewisse Zeit natürlich. Aber einfach als Genugtuung für die verflossenen Schweissperlen. Oder auch nur aus Jux, um zu sehen, wie die Leute reagieren. Und wenn ich dann den Titel habe, und der Tiger und ich eventuell, wer weiss, man kann ja nicht wissen, aber vielleicht wäre es ja mal möglich – heiraten, dann ist er wohl Doktor Tiger? So lief das doch früher, der Ehepartner wird ebenfalls mit dem Titel angesprochen. Kein schlechter Deal, eigentlich. Vielleicht ist es keine schlechte Idee, wenn ich mir Gedanken darüber mache, was der Tiger mir als gebührende Gegenleistung erbringe könnte …!


Kulturessays CARTOON www.fauser.ch

VON MENSCHEN UND MEDIEN

Macht Medien! – Machtmedien! Von Lukas Vogelsang

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avid Bosshart, Leiter des Gottlieb-Duttweiler-Instituts, hat mir aus einem hoffnungsvollen Herz gesprochen, als er in einem Interview am Weihnachtstag vom Ende des «Bullshit» sprach. «Wir alle quatschen und quasseln, dröhnen und stöhnen, jaulen und kraulen immer mehr, modern gesagt: Wir kommunizieren und informieren uns immer mehr. Auf immer mehr Kanälen. Das ist völlig okay. Aber nicht okay ist, dass uns gleichgültig ist, ob gelogen und betrogen wird.» Eine gesunde Einstellung für das Jahr 2010. Was jetzt folgt, hat auch mit «Bullshit» zu tun und vielleicht eben gerade mit der von David Bosshart erwähnten Einstellung. Es geht um mein Editorial der Januar-Ausgabe im ensuite. In Zürich nennen sie den Kultursekretär ja nicht eben Sekretär, sondern Kulturchef – was eine ganz falsche Auslegung der Berufsfunktion darstellt. Der Kultursekretär in Zürich ist verantwortlich dafür, 142 Millionen Franken Steuergeld zu verwalten und entsprechend der politischen und konzeptuellen Vorgaben zu verteilen. Er trägt damit eine sehr hohe Verantwortung und ist Vorgesetzter eines ungefähr 40-köpfigen Teams – notabene ist es die grösste städtische Kulturabteilung in der ganzen Schweiz überhaupt. Ich habe mit diesem Kultursekretär (ich bleibe bei der richtigen Bezeichnung) bis im Jahr 2009 genau eine stündige Sitzung abgehalten, die freundlich, dialogreich und informativ gelaufen ist. Deswegen bin ich extra nach Zürich gefahren. Es gab keinen zweiten Kontakt, bis ich auf Grund des letzten Editorials

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der Januarausgabe von ensuite dieses Mail erhielt (unverfremdet und exakt wiedergegeben, man beachte die Anrede): From: Hoby Jean-Pierre [mailto:Jeanpierre.Hoby@zuerich.ch] Sent: Friday, January 08, 2010 5:30 PM To: redaktion@ensuite.ch Subject: WG: Editorial

Sehr geehrter Vogelsang Es ist natürlich sehr praktisch, wenn man über ein Medium verfügt, in welchem man persönliche Auseinandersetzungen führen kann. Da zeigt sich in der Tat, wer Macht hat, und sei es auch nur über einen beschränkten Kreis von Leserinnen und Lesern. Ich begnüge mich mit einem Mail an Sie. Es ist auch praktisch, wenn man als Gesuchsteller in den Genuss von Informationen kommt, die einer Sache dienlich sind, die im Frühstadium aber nicht unbedingt an die Öffentlichkeit gehören, weil sie vertraulicher Natur sind. Fragwürdig ist hingegen, von diesen Informationen unbesehen und ohne Rückfragen Gebrauch zu machen. Dieses Vorgehen lässt zumindest Rückschlüsse auf Ihre Arbeitsweise zu. Praktisch ist Ihr Editorial

schliesslich auch deshalb, weil es mir erspart, Ihnen länger ausführen zu müssen, weshalb ein Zürcher ensuite die Ziele, die wir verfolgen, nicht erreichen kann. Damit haben Sie und ich gesagt, was wir von der Sache, aber auch voneinander halten. Aber seien Sie ruhig weiterhin wachsam, denn die Zürcher «Machtkultur» wird im April 2010 noch nicht zu Ende sein. Mit freundlichen Grüssen Jean-Pierre Hoby

Ich veröffentliche dieses Mail, weil genau drei Tage später Jean-Pierre Hoby zu seiner Amtszeit im Tagesanzeiger (11. Januar 2010) in einem Interview von Denise Marquard auf die Frage «Was würden Sie als Ihre wichtigste Fähigkeit bezeichnen?» antwortete: «Mein diplomatisches Geschick.» Es ist genau die Sorte «Bullshit», von dem David Bosshart eingangs spricht. Medien sollten beginnen, anstatt schlecht bezahlte PRSprecherInnen für AmtsinhaberInnen zu spielen, die Tatsachen, welche hinter den Kulissen zugegen sind, ans Tageslicht zu bringen. In der Kultur und Wirtschaft, aber auch in politischen Kreisen, ist das für eine gesunde Demokratie unbedingt von Nöten. Macht Kultur! – nicht Machtkultur! Da ist definitiv etwas missverstanden worden.

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Literatur L ITERARISCHE F RAGMENTE 3

Seit jeher unterwegs Von Konrad Pauli

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ante Marie, nie sah man sie lachen, gar lächeln; es war, als trüge sie immerfort eine Sorgenlast mit sich, zeitlebens. Unverheiratet, viele Jahre Magd bei einem Bauern, wo sie’s, den Umständen entsprechend, gut hatte und zur Dankbarkeit verknurrt war. Kam sie, was selten geschah, zu Besuch, herrschte vorwiegend betretenes Schweigen, wenngleich der Junge keine Ahnung hatte, was es denn alles zu verschweigen gab. Die Frage der Tante, ob er, der Junge, einen Beruf zu erlernen beabsichtige, beantwortete er mit einem erstaunten Ja. Vor dem Abschied überliess sie ihm ein Häufchen Kleingeld – er müsse auch etwas haben. Einmal, an einem sonnigen Frühlingssonntag,

LESEZEIT

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Von Gabriela Wild

nersättlich sind Sie! Ihr Blick frisst alles Lesbare, schneller als der Verstand verarbeiten kann. Sie verrenken im Zug den Kopf, um die Titel der Reiselektüre ihrer Nachbarn zu erhaschen. «Es geht uns gut», «Herr Blanc», «Warum das Denken traurig macht». Es ist wie Atmen. Wird ihr Gehirn nicht in regelmässigen Intervallen mit Wörtern und Wortketten beliefert, stellt es lebenswichtige Funktionen ein. Haben sie unglücklicherweise einmal ihr Buch zu Hause vergessen, drücken sie Ihren Kopf an die Kopfpolsterung, um über die Schulter in das nächstbeste Buch zu starren. Sie schlürfen die Sätze, trinken sie. Und wenn sie nicht ganz ausgetrocknet sind, kosten sie sie. Sie gurgeln und schmatzen, und in Ihrem Geist transformieren sich die Wortgebilde in Bilder und Farbfilme. Und dann gibt es Leute, die übersetzen die Bilder und Filme in ihrem Kopf wieder in Worte – aber in eine andere Sprache – in einem Atemzug. Für Swetlana Geier jedenfalls ist Übersetzen eine Form, zu atmen. Was die Arbeit nicht einfacher macht. Dafür natürlicher. Und das Ringen mit Kompromissen erträglicher. Die Sehnsucht nach Identität, nach Vollkommenheit. Nach dem Original. Möglicherweise liegt Swetlana Geiers Erfolg darin, dass sie ihren Blick seit

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ging man Tante Marie besuchen – in die Anstalt. Die Zeit war noch nicht reif, die Anstalt Psychiatrische Klinik zu nennen. Gross, einschüchternd erhaben stand das Gebäude vor ihm, kaum sprach man angesichts der bedrükkenden Umstände auch nur ein Wort. Auch die Tante schwieg, stierte blicklos vor sich hin, irgendwohin in eine traurige Vergangenheit und freudlose Gegenwart. Fragen wurden keine gestellt, aus Angst vor Echolosigkeit oder falschen Antworten. Die Besuchsstunde dehnte sich in einen langen Nachmittag. Im spaltweit offenen Fenster schaukelten unhörbar die Ahornblätter, zuweilen zwitscherte ein Vogel. Alles lief darauf hinaus, bald zu Besuch gewe-

Beginn auf das Defizitäre beim Übersetzen gerichtet hat. Es geht immer etwas verloren, beim Transport. Geier interessiert, wie sich die Sprachen zueinander verhalten. Wie sie sich aneinander aufreiben und welche Denkmuster sich dahinter verbergen. Zum Beispiel: Ich habe zwei Kinder. Ein klassischer Hauptsatz: Subjekt-Prädikat-Akkusativobjekt. Das Objekt ist nicht souverän. Es ist abhängig vom Verb und vom Subjekt. Auf Russisch wird der Satz umgestülpt. Das deutsche Akkusativobjekt wird Subjekt; es wird souverän. Und es bestimmt mein Sein: U menja dwa rebjonka: Bei mir sind zwei Kinder. Dem russischen Volk fehlen die sprachlichen Voraussetzungen für ein Wirtschaftswunder, folgert Frau Geier. Wenn es etwas hat, verliert es die Souveränität. Frau Geier erzählt pointiert und anschaulich, sei es von ihrer Kindheit in Russland oder vom Übersetzen oder von «dem Gäbelchen von Frau Geier» – der Idee, dass der Schwerpunkt der geistigen Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts in Russland gelegen hat. Im ersten Viertel dieses Jahrhundert ist in Russland die Frage der deutschen romantischen Bewegung noch einmal aufgegriffen worden – die Frage nach der realen Macht der Kunst – woraus sich das Programm des russischen Symbolismus entwickelt hat. Ein ebenso strittiger und schwer abzugrenzender Begriff wie die deutsche Romantik. Von Dostojewskij an beginnt die ganze nicht-realistische Kunstrichtung in der

sen zu sein und unverändert schweigsam, ja bedrückt von der Ausweglosigkeit des Schicksals, die Heimreise anzutreten. Tante Marie konnte nicht geholfen werden. Keiner konnte sie aufheitern, ihr die Last abnehmen. Später arbeitete sie in einer Fabrik. Wohnte bedürfnislos in einer Dachkammer. Freudlos. Nagte ausweglos an Vergangenem. Hinzu kam der Geiz. Sie versagte sich alles. Mit dem Fahrrad fuhr sie die paar Kilometer in die Fabrik und abends nach Hause. Bis man sie fand, halb unter'm Fahrrad leblos nebenaus im Gras. Die Schnürsenkel hatte sie sich gespart; mit mehrfach geknüpftem Draht hatte sie sich die letzte Zeit ihre Schuhe gebunden.

Literatur. Dostojewskij, das sind dicke Bände, Tausende von Seiten, zahllose Sätze und Worte, zahllos wie die Sterne am Himmel. Und darunter kein Satz, der nichts aussagt und kein einziges Wort, das überflüssig ist. Jedes einzelne Wort, meint Frau Geier, hat bei Dostojewskij einen besonderen Stellenwert, sowohl in unmittelbarer Nachbarschaft von Sätzen, als auch weiträumig, über viele, sogar Hunderte von Seiten hinweg: Jemand fröstelt und befiehlt, Holz im Kamin aufzulegen, damit Dutzende von Seiten später das aufflackernde Feuer an einem Paket mit hunderttausend Rubel züngeln kann. Ereignisse, Personen, Träume und Gespräche scheinen sich in einer fast grotesken Weise übereinanderzutürmen. Dennoch zeigt sich dem Blick immer wieder ein nahezu klassisches einfaches Bild, ein unerbittlich strenges Muster. Die Faszination durch Dostojewskij äussert sich bei Frau Geier als eine Art Drang nach Neuentdeckung und Mitgestaltung. Dostojewski sei ein Autor, der für seine Übersetzer schrieb. Auf jeden Fall sind wir Frau Geier für ihren langen Übersetzungs-Atem dankbar, so können auch wir einfachen Leser etwas von der grossen Weltliteratur schnuppern. Swetlana Geier: «Ein Leben zwischen den Sprachen, Russisch-deutsche Erinnerungsbilder», aufgezeichnet von Tatja Gut, Pforte Verlag, Dornach 2008. Jetzt im Kino: «Die Frau mit den fünf Elefanten, Swetlana Geier – Dostojewskijs Stimme», ein Film von Vadim Jendreyko.


Literatur-Tipps

Gary, Romain: Die Liebe einer Frau. Roman. Überarbeitung der Originalübersetzung durch Helmut Kossodo. SchirmerGraf. München 2009. ISBN 978 3 86555 069 9. S. 164.

Ellroy, James: Blut will fliessen. Roman. Aus dem Amerikanischen von Stephen Tree. Ullstein. Berlin 2010. ISBN 978 3 550 08677 9. S. 783.

Echenoz, Jean: Laufen. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Berlin Verlag. Berlin 2009. ISBN 978 3 8270 0863 3. S. 126.

Instrumentalisierung eines sportlichen Wunders Jean Echenoz: Laufen. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.

Hinter der schillernden Fassade der Macht James Ellroy: Blut will fliessen. Roman. Aus dem Amerikanischen von Stephen Tree.

«Lovers of broken hearts are kindly asked to look elsewhere» Romain Gary: Die Liebe einer Frau. Roman.

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Laufen» ist ein Heldenroman ohne Held, denn was immer auch Zatopek in den Stadien dieser Welt an Wundern gelingen mag, als Privatmensch entpuppt er sich als bescheidener, zurückhaltender, linientreuer Genosse, der seiner Frau Dana, einer Speerwerferin, ein guter Ehemann ist. Und doch sind da eine Kraft und ein Ehrgeiz in ihm, die ihn immer neue Herausforderungen suchen und immer neue Hürden erfolgreich meistern lassen. Er ist der leidende Sportler, dessen Grimassen den Zuschauern auf den Tribünen von seinen Qualen während des Laufens verkünden. Er macht alles falsch, sein Stil findet keine Nachahmer, und dennoch gewinnt er Rennen um Rennen, Medaille um Medaille. Mitten im Kalten Krieg ist die Angst vor Überläufern zum Kapitalistischen Westen so gross, dass Zatopeks Popularität nicht genutzt, sondern ihm die Ausreise an im Westen stattfindende Wettkämpfe zunehmend verboten wird. Er nimmt das hin, bis zum «Prager Frühling». Hier steht dieser wahre Held des Sozialismus auf der falschen Seite und wird daraufhin in ein Uranbergwerk verbannt. Zurück in den Strassen Prags, vom einstigen Hauptzum Müllmann degradiert, läuft er wieder, nun durch die Strassen Prags, und wie einst auf den Tribünen dieser Welt, jubeln ihm nun die Menschen der Hauptstadt zu. Jean Echenoz zeichnet das Leben des «Überläufers» Emil Zatopek mit einer auktorialen Erzählstimme, eine Innenansicht in Zatopeks Gefühlswelt bleibt uns vorenthalten. Ein Verfahren, das zuweilen beinahe karikierend wirken mag, jedoch auch sehr poetisch sein kann.

968 ist Amerika geprägt von Rassenunruhen und einer sich anbahnenden Kulturrevolution, welche ihre Kritik am Vietnamkrieg und den Werten der Nachkriegsgesellschaft im Allgemeinen in einer nie gekannten Lautstärke auf die Strasse trägt. Nach den Attentaten auf Martin Luther King und JFK liefern sich Nixon und Humphrey einen harten Kampf um die Präsidentschaft. Welche Rolle spielt Howard Hughes, was hat er Nixon versprochen? Vor dieser Kulisse zeichnet Ellroy in altbewährter Manier den dritten Teil seiner Underworld-Triologie. In der Stadt der Engel beschäftigt Scotty Bennet der ungeklärte Überfall auf einen Geldtransporter, bei welchem nebst mehrerer Millionen Dollar auch eine signifikante Anzahl grüner Smaragde entwendet wurden. Von Korruption und Verleumdung scheint das Amerika Ellroys durchtränkt, bis hin an die Spitzen der Macht. Ja, die korrupten Ex-Bullen, roten Informantinnen, die Gegner Castros, die durchtriebenen FBI-Agenten, die Hippies, die Mitglieder der Black Panther und anderer afroamerikanischen Organisationen – sie alle erscheinen als willfährige Marionetten im Tanz um die Macht, wobei nicht immer ganz klar ist, wer nun die Fäden zieht. James Ellroy ist und bleibt ein Meister seines Fachs, der mit seinem Stakkatostil und den wiederkehrenden Einschüben von Protokoll- und Aktenfetzen eine Atmosphäre schafft, welche zugleich aufs Unangenehmste realistisch sowie surreal wirkt. Wir finden hier einen amerikanischen Way of Life, von dem wir spätestens mit der Präsidentschaft Obamas entfernt hoffen. Und dennoch wissen wir um die Bestechlichkeit als einer nur allzu menschlichen Eigenschaft.

is heute sucht die Liebesgeschichte zwischen dem russischstämmigen Schriftsteller Romain Gary und der schönen Schauspielerin Jean Seberg ihresgleichen. Und bis heute hat Garys Roman «Die Liebe einer Frau» (Clair de femme) nichts von ihrem Zauber eingebüsst. Und bis heute fällt es uns als Leser schwer, im Roman einzig das Werk zu würdigen und es nicht als Schlüsselroman zu zwei Liebenden hinter diesem Werk zu lesen. Denn Garys Sprachkunst und seine atmosphärischen Bilder, welche eine menschliche Apokalypse zeichnen, die sich nicht nur am Beispiel der Protagonisten Michel, Yannick und Lydia manifestiert, sondern auch im alternden, herzkranken Variété-Star Galba, dessen Pudel aus Angst vor Meisterchens Tod buchstäblich «in die Hosen» macht. Dennoch suggeriert die 2009 erschiene Neuausgabe durch den Verlag Schirmer-Graf, welche nebst Abbildungen Sebergs und Garys über ein Nachwort von Sven Crefeld verfügt, genau ersteres, und wir kommen nicht umhin, der Faszination dieses grossen Liebespaares, sei sie wahr oder Fiktion, zu erliegen. Michel und Lydia, beide vom Leben und der Liebe gezeichnet, klammern sich als zwei Ertrinkende im Strudel des Verlustes aneinander, und bieten sich, mittels ihrer jeweiligen Tragik, gegenseitig Trost. Im wahren Leben schieden sowohl Seberg als auch Gary freiwillig aus dem Leben. Seberg, wie uns die Überlieferung glauben machen will, kurz, nachdem sie die Verfilmung von «Clair de femme» gesehen hatte, Gary ein gutes Jahr später. Wobei Gary, um allfälligen Gerüchten vorzubeugen, seinem Hinschied folgende Nachricht beigelegt hat: «No connection with Jean Seberg. Lovers of broken hearts are kindly asked to look elsewhere.» Überarbeitung der Originalübersetzung durch Helmut Kossodo.

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Architektur Räume, die inspirieren Von Anna Roos Bild: Alexander Gempeler - wwww. architekturfotografie.ch

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ie Weise, wie man einen Umbau betrachtet, wie man mit einer bestehenden Architektur umgeht, ist eine interessante und wichtige Frage in einer Zeit, in der man versucht, so viel wie möglich zu recyclen. Die Verwandlung der alten, denkmalgeschützten Tuchfabrik (1958-59) des Architekten Henry Daxelhofer, ist ein schönes Beispiel, wie man industrielle Gebäude ganz neu konzipieren kann. Wie die Tate Modern in London von Herzog & de Meuron, ist der Umbau der Hochschule für Kunst im 2008 auch eine gelungene Verwandlung, die einer Fabrik in einen Ort Bildender Kunst. Beide Fabrikgebäude haben heute eine neue Nutzung, dank des Talents des Architekten. Beide haben das Positive und Spannende der bestehenden Architektur in sich aufgenommen. Die alten Gebäude hatten Glück, dass die Architekten respektvoll und feinfühlig vorgingen. Sie haben den Geist und die Persönlichkeit der «alten» Architektur verstanden und wahrgenommen. Rolf Mühlenthaler, der bekannte Berner Architekt, hat es geschafft, die neue Funktion der Kunsthochschule in die alten Fabrikhallen in Bümpliz zu integrieren. Die Bedingungen, Grosszügigkeit und Flexibilität zu kreieren, hat der Architekt mit seinem Entwurf wirklich erfüllt. Mühlenthaler hat die Gelegenheit, die riesige Fläche von über 80 000 Kubikmetern umzubauen, voll genutzt: Mit seinem «light touch» hat er mit grosser Sensibilität, die Fabrik in einen Ort für Kunststudenten umgewandelt. Der Erfolg des Projekts liegt nicht nur in seinem architektonischen Beitrag, sondern auch darin, was er entschieden hat, nicht zu machen. Er hat Flächen in ihrer urspünglichen Form und Gestaltung belassen und Schichten, Farbe und

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Texturen nicht angerührt. Es wirkt wie eine 3D-Collage über ein halbes Jahrhundert Geschichte. Einen solchen Reichtum bekommt man nicht in einem Neubau. Der Eingang zur Hochschule ist in der sechs Meter breiten Zirkulationsachse vertieft. Neben dem Eingang, wo ursprünglich die Cafeteria war, ist die heutige «kaFe», die sich zum

Quartier hin durch die rahmenlose Glasfassade öffnet. Ein genialer Ort, um am Morgen eine Znüni-Pause einzulegen. Der Grundriss ist in Reaktion auf das bestehende Tragwerk aufgebaut. Ein zentraler Aufzug und Treppenkern, bildet die vertikale Fixierung der Struktur. Die Ateliers falten sich – vom axialen Gang aus – symmetrisch auf wie Schmetterlingsflügel. Die «Etagentrilogie» von Mühlenthaler hat dem Projekt eine klare Logik gegeben. Jedes Stockwerk hat einen völlig anderen Charakter.

Licht und Kunstateliers gehören zusammen wie eine Hand in einen Handschuh. Die Lichtstimmung ist auf jeder Etage anders, es nimmt langsam zu. Wie Farben, mischen sich Architektur und Licht so, dass es subtile Kontraste und unterschiedliche Atmosphären ergibt. Wo es wenig Tageslicht gibt – wie im Untergeschoss – wurden die technische Werkstätte und die klimatisierten Ateliers für Restaurierungsarbeiten eingerichtet. Im Erdgeschoss sind Ausstellungsräume und installationsintensive Werkstätten und Atelier-Räume. Hier gibt es etwas mehr Licht, dank des Durchbruchs der Fassade. Die Einfahrt für Autos wurde möglich gemacht, und die Strasse ist gleichzeitig Fussgängerweg. Sie befindet sich an der Stelle, wo die Fabrik früher ihre Lieferungen abgewickelt hat. Je höher man steigt, desto näher ist man an den Dachfenstern und desto heller wird es. Deshalb sind die oberen zwei Geschosse mit Licht durchflutet. Die gewölbte Decke des Sheddachs trichtert Licht in die Ateliers. Es ist sanftes Nordlicht, das nicht blendet und keine Schlagschatten verursacht. Die hochaufragenden Ateliers nehmen das unvermeidbare Chaos der Kunststudenten leicht auf. Die Höhe der Fenster zeigen metaphorisch, dass die Arbeit auf höheren Idealen strebt. Mühlenthaler hat einen grosszügigen und flexiblen Umbau entworfen, er hat viele Räume und Orte in der riesigen Hülle erschaffen, er hat Licht wie Farbe benutzt, um zu inspirieren und um die Imaginationen zu wecken.

Anna Roos ist Architektin bei «kr2» und stammt aus Südafrika, ihre Muttersprache ist Englisch. Ihre Texte werden in Zusammenarbeit mit ensuite - kulturmagazin übersetzt.


Tanz & Theater Bühnetanz und Behinderung Von Meredith Fischer – Anna Röthlisberger Co. etabliert als professionelle, zeitgenössische Kompanie integrativen Tanz als Kunstform in der Schweiz. Bild: zVg.

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m Vorfeld der Premiere ihres neuen Stückes «BRAIN GAME» berichtet die Choreographin Anna Röthlisberger über die Hintergründe ihrer Arbeit. Für ihre Kreationen sucht sie Personen aus, die durch ihre Einmaligkeiten aussergewöhnliche Konstellationen bilden. Dabei geht es um die künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten und nicht um die Integration für Behinderte. Röthlisberger pflegt einen regen Austausch mit international tätigen Kompanien, insbesondere mit denjenigen, die sich in der Arbeit mit behinderten KünstlerInnen professionell etabliert haben. Dies ermöglicht ihr, Talente neu zu entdecken und in Zusammenarbeit mit der Schweiz in ihren Produktionen zu fördern. Wichtige Voraussetzung ist dabei, dass die TänzerInnen im Hinblick auf Bühnenerfahrung, tänzerische Technik, Disziplin und vor allem in ihrer Expressivität viel Potenzial aufweisen. Damit etabliert Anna Röthlisberger als Erste in der Schweiz eine Kompanie, die mit professionellen TänzerInnen mit und ohne Behinderung arbeitet. Im Gegensatz zum klassischen Ballett, in dem die Charakteristiken der möglichst ähnlich aussehenden TänzerInnen wegtrainiert werden, wird hier eine Einheit gebildet, die aus eigenständigen Persönlichkeiten unterschiedlichster geographischer und künstlerischer Kulturen stammen. Die jeweiligen Eigenheiten dienen als Arbeitsfeld und Inspiration und werden tendenziell eher hervorgehoben als kaschiert. Die Tanzpublizistin Esther Sutter schreibt dazu: «Der Recherchearbeit verpflichtet, öffnet sie den Tanz für ganz verschiedene Sparten und Blickwinkel. Mit ihren ausgeklügelten Konzepten für Improvisation beherrscht die junge Choreografin ein Instrument, das sie in hohem Masse zur Zusammenarbeit mit behinderten Menschen befähigt: Tanz ist nicht nur körperliche Perfektion und technisches Können, auch die Seele kann tanzen, und dies auf ganz unterschiedliche Art bei Anna Röthlisberger.»

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«Mit viel Humor gelingt es ihnen Grenzen so weit aufzulösen, bis ihre körperlichen oder geistigen Eigenheiten im tänzerischen Dialog zum selbstverständlichen Teil ihrer Bühnenrollen werden. Die Frage, was normal und was besonders ist, wird überflüssig.» (Sylvia Mutti) «BRAIN GAME» spannende Bewegungsformen Die unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten und visuellen Erscheinungen der vier TänzerInnen in der neuen Produktion «BRAIN GAME» bieten Anna Röthlisberger ein neues, herausforderndes, choreographisches Spielfeld. Mit James O'Shea konnte sie einen erfahrenen Tänzer der etablierten Company Candoco aus London engagieren. Die Truppe zählt zweifelsfrei zu den namhaftesten Tanzkompanien im Bereich Bühnentanz und Behinderung. Als Folge eines schweren Unfalls hat der hochkarätige Tänzer keine Beine mehr. Er besitzt aber durch die Schulung in professionellem modernen Tanz ausserordentliche Fähigkeiten, auch ohne Rollstuhl zu gehen, zu springen und zu drehen. Er wirft sich in Posen, die andere TänzerInnen gar nicht vollbringen können. Die Brasilianerin Silvia Wolff, welche nach einer langjährigen Karriere in New York (u.a. Second Avenue Dance Company) als professionelle klassische und moderne Tänzerin durch einen Hirnschlag halbseitig gelähmt ist, strahlt dagegen eine fragile Transparenz aus. Ihr heutiges tänzerisches Repertoire liegt in der Kraft eines Armes und eines Beines.

Mit Sylvia Rijmer aus Holland (u.a. Drift, Stadttheater Bern und Ballet Gulbenkian) steht eine sehr kreative und technisch extrem vielseitige Tänzerin mit auf derselben Bühne. Der Fokus in der Arbeit liegt hier in den Differenzierungen von Bewegungs- und Darstellungsqualitäten, bei denen die Perfektion als Fragezeichen im Raum steht. Die in Seoul geborene Halbchinesin Rebecca Weingartner bringt jugendliche Frische in das Ensemble. Nicht die Abgeklärtheit eines langjährigen Bühnenprofis, sondern der Entdeckungsgeist einer Bewegungsforscherin bereichert die Truppe wiederum auf ganz eigentümliche Weise. Mit Klaus Jensen (Szenische Regie), Marc Rossier (Live-Musik), Brigitte Dubach (Licht), Christina Müller (Kostüme) hat sich die Choreographin auch neben der Bühne mit kreativen und stilsicheren KünstlerInnen umgeben, die ebenso mit persönlicher Handschrift agieren wie die TänzerInnen. Dass Anna Röthlisberger es versteht, solch unterschiedliche Persönlichkeiten zu einem stimmigen Ganzen zusammenzubringen, beweist der Erfolg ihrer letzten Kreation «PEZ Y PESCADO». Nach Auftritten in Spanien geht die Kompanie im Rahmen von Steps#12 (22. Aprilbis 13. Mai 2010) erneut mit ihrer Pionierarbeit auf Schweizer Tournee. Aufführungsdaten Theater ROXY Basel, Birsfelden «BRAIN GAME» von Anna Röthlisberger Co. Première am Do., 4. Februar 20.00h Fr., 5. Februar 20h Sa., 6. Februar 20h Do., 11. Februar 20h Fr., 12. Februar 20h Sa., 13. Februar 20h Reservation: 079 577 11 11 oder www.theater-roxy.ch

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Tanz & Theater

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Gibt es eine Berner Tanzszene? Das Festival HEIMSPIEL gibt einen Einblick in das Schaffen der Berner ChoreografInnen, MusikerInnen, BühnenbildnerInnen, VideokünstlerInnen und TänzerInnen. Von Roger Merguin

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Bilder: (v.l.) Cynthia Gonzales, Felix Dummeril, Karin Hermes, Katharina Vogel, Lucia Baumgartner, Marcel Leemann / zVg.

ine der Prioritäten bei meinem Start vor fast fünf Jahren in der Dampfzentrale als Ko-Leiter und Verantwortlicher für den Tanz war die Realisierung des Projektes Festival HEIMSPIEL. Den Tanzschaffenden sollte eine Plattform geboten werden, die es ermöglicht, ihre Arbeiten unter professionellen Bedingungen zu zeigen. Ohne eine lebhafte lokale Tanzszene würde ein wichtiger Teil im Kulturangebot fehlen. In Bern gab es schon immer interessante Gruppen im zeitgenössischen Tanz, und eine der Aufgaben der Dampfzentrale ist es, diese Szene zu zeigen und zu fördern. In den fünf Jahren, die es das Festival nun schon gibt, wurden diverse interessante Projekte realisiert. Einige der Berner konnten ihre Arbeiten in anderen Schweizer Städten zeigen und sind Teil der nationalen und internationalen Tanzszene. Das alljährlich im Februar stattfindende Festival wurde im letzen Jahr durch «Heimspiel-satelliten» erweitert. Neben dem Schwerpunkt im Frühjahr sind im normalen Spielplan der Dampfzentrale auch weitere Premieren von Berner Künstlern über das Jahr hinaus zu sehen. In der Dampfzentrale finden nicht nur Aufführungen statt, es wird in den Räumen der Dampfzentrale auch geprobt, und Stücke werden erarbeitet. Wir erfinden neue Formate zur Förderung der Tanzschaffenden, meist in enger Zusammenarbeit mit den Tanzschaffen-

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den (tap - tanzaktiven plattform Bern). Zum Beispiel entstand das «Tanzlabor Open Doors», in dem sich die Berner Tanzschaffenden in der Dampfzentrale während fünf Tagen «einschliessen» und zusammen einen Abend gestalten. Das Ziel ist, dass Künstler die normalerweise nicht zusammenarbeiten, im selben Raum und auf derselben Bühne an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Es findet eine Vernetzung unter den Tanzschaffenden statt, und sie können aus diesem Atelier interessante Inspirationen gewinnen. Es ist wichtig, Freiräume für Kunstschaffende zu entwickeln, damit sie ihre Arbeit ohne Erfolgs- und Leistungsdruck hinterfragen und reflektieren können. Neben diesem Atelier konnten wir die Berner auch in nationale Projekte integrieren; zum Beispiel in ein Dramaturgie-Workshop-Projekt in Zusammenarbeit mit Lausanne, Genf und Zürich, an dem in diesem Jahr Marcel Leemann teilnimmt. Unter der Leitung von Spezialisten setzen sich Choreographen intensiv mit dem Begriff Dramaturgie in Tanzstücken auseinander. Eine öffentliche «Lecture Demonstration» findet in allen vier Städten statt. Weitere nationale Projekte wurden in Zusammenarbeit mit Schweizer Theatern realisiert, um den Berner Stücken Aufführungen in Lausanne, Zürich oder Genf zu ermöglichen. Zusätzlich zum Aufbau eines Netzwerkes, um

das Berner Tanzschaffen national bekannt zu machen, fördern wir den Dialog der Choreographen mit Spezialisten und dem Publikum. Zum Beispiel haben wir während des Festivals «TANZ IN. BERN 10» Choreographen eingeladen, das Festival zu begleiten und die Stücke der internationalen Gäste zu analysieren und zu hinterfragen. Daraus sind interessante Diskussionen und Reflektionen zum zeitgenössischen Tanz entstanden. Die Resultate aus diesen verschiedenen Projekten zur Förderung der Berner Tanzszene sind nicht unmittelbar für den Zuschauer ersichtlich. Sie schlagen sich aber langfristig in den Werken der Berner nieder. Neben der international bekannten Choreographin Anna Huber gibt es neue Namen aus Bern. Ein Berner Newcomer, der in den letzen Jahren einen rasanten Start hingelegt hat, ist zum Beispiel Chris Leuenberger. Seine Stücke sind in der Schweiz, Deutschland und Holland auf Tournee, und die neue Kreation wird im Festival «TANZ IN. BERN» (20. Oktober bis 7. November 2010) zu sehen sein. Bern kann auf viele weitere Choreographen stolz sein, welche eine nationale und zum Teil internationale Ausstrahlung haben – einige davon sind am Festival «HEIMSPIEL» zu sehen. Die Kompanie T42 - Dance Projects zeigt ihr humorvolles Stück «Schattenspiel». Félix Duméril, der ehe-


Tanz & Theater

malige Ballettdirektor des Stadttheaters Bern ist seit 2004 freischaffender Gastchoreograph, Tänzer und Pädagoge und im In- und Ausland tätig. 2006 gründete er mit Misato Inoue ein eigenes Tanzkollektiv. Im aktuellen Stück arbeitet das Duo mit dem Tänzer Michaël Pascault zusammen, welcher seit August 2008 beim Cathy Sharp Dance Ensemble in Basel engagiert ist. Dazu kommt der bekannte Berner Videokünstler Peter Aerschmann. Ergänzt wird der Doppelabend mit dem Kurzstück «Woman of War» von Cynthia Gonzalez. Die Bolivianerin, die in den USA Tanzerfahrungen sammelte, studiert zur Zeit Scenic Arts Practice (Studiengang Theater) an der Hochschule der Künste Bern. Ihre eigene Familiengeschichte und Kindheitserinnerungen zu Zeiten schwieriger politischer Unruhen in Bolivien haben sie zu diesem Stück inspiriert. Am darauffolgenden Wochenende ist das Marcel Leemann Physical Dance Theater mit «REVOLVER» zu sehen. Marcel Leemann war Mitglied des Bern:Ballett und arbeitet seit 2003 als freischaffender Tänzer, Choreograph, Tanzund Theaterpädagoge mit seiner eigenen Kompanie in Bern. Dem Tanzpublikum sind seine kraftvollen und sorgfältig gearbeiteten Stücke bekannt. Die Bielerin Susanne Mueller Nelson ist eine weitere Künstlerin, die wir eingeladen haben.

In ihrer Tanz- und Musikperformance arbeitet sie mit «instant composing». Das heisst, das Stück entsteht im Moment der Performance. Die Unwiederholbarkeit und das Risiko sind dabei Programm. Darauf folgt die Premiere «Die gestundete Zeit» der Tanzkompanie inFlux. Lucia Baumgartner untersucht in dieser Arbeit die Zeit in ihren unterschiedlichsten Dimensionen. Die Arbeiten der Bieler Choreographin und Tänzerin Katharina Vogel sind authentisch und ohne Frage sehr persönlich. Sie zeigt die neueste Kreation «OHR». Ihr szenisches und choreographisches Universum ist dicht und konzentriert. Den Abschluss des Festivals macht Karin Hermes mit dem dritten Teil der Trilogie über den Dialog zwischen dem Ich und dem Du. Der erste Teil «Betwixt and Between, Dialog mit 'Rooms' von Anna Sokolow» war eine Koproduktion zwischen hermesdance und dem Centre National de la Danse in Paris. Der zweite Teil «Flügel an Flügel» war eine Koproduktion mit der Dampfzentrale Bern und wurde im Oktober 2008 im Rahmen des internationalen Festivals «TANZ IN. BERN» uraufgeführt. Das Tanzschaffen in Bern und der zeitgenössische Tanz zeichnen sich durch ihre Vielfältigkeit aus. Tanz ist interdisziplinär – Tanz kann auch Theater, Performance, Musik, Video und Bildende Kunst sein und ist für mich durch diese Freiheit eine zeitgenössische und in-

spirierende Kunstform. Das zeitgenössische Tanz-schaffen soll ein Gesamtkunstwerk sein, soll sich von der Mainstream-Unterhaltung abheben oder sich daran mit Ironie bedienen und kann humorvoll oder auch irritierend sein. Es gibt sie also, die Berner Tanzszene!

6. Februar bis 7. März 2010 Festival «HEIMSPIEL» 6. Februar: Eröffnung: Open Doors 12./13. Februar: T 4 2 Dance Projects (Félix Duméril & Misato Inoue): «Schattenspiel»/ Cynthia Gonzalez: «Woman of War» 21./22. Februar: Marcel Leemann Physical Dance Theater: «REVOLVER» 24./25. Februar: Susanne Mueller Nelson: «end::spiel 5» 27./28. Februar: inFlux: «Die gestundete Zeit» 1. März: «If I had a dance to give ...» – eine lecture demonstration 3./4. März: Katharina Vogel: «ohr» 6./7. März: hermesdance: «hic salta!»

Weitere Informationen www.dampfzentrale.ch

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Tanz & Theater

AUSBLICK TANZ Zwei versierte Schweizer in Luzern Der sich am englischen wie flämischen Royal Ballet bewährte Oliver Dähler und der in Genf geformte und bei Jiri Kylián beflügelte Ken Ossola säen ihre choreographierten Schritte nun auf das heimische Parkett. Wie empfänglich die junge Kompanie unter der Leitung von Kathleen McNurney für die europaweit hochgezüchteten Stile dieser Schweizer ist, wird sich bald zeigen und ist wohl eine Reise wert. Bartóks live gespieltes Streichquartett sollte den letzten Anstoss zum Aufbruch geben. Ort: Luzerner Theater, Theaterstrasse 2, Tel. 041 228 14 14 Datum: 20., 24. und 26. Februar, 19.30h Leemann Physical Dance Theater Den Startschuss des Heimspiels gibt zwar nicht Marcel Leemanns Stück Revolver, sondern Ex-Bern-Ballettchef Félix Duméril mit seinem Schattenspiel. Beide sind den Bernern als Tänzer, Choreographen und Lehrer ein Begriff. Marcel Leeman, ausgebildeter Tischler, hat es bald an die renommierte John-Cranko-Schule (Stuttgart) und die Budapester Akademie verschlagen. Dass sein Tanztheater physikalisch anspruchsvoll ist, nimmt dann kein Wunder. Wenn er uns dann noch verspricht, im neuen Stück Revolver Gewalt und Wiederholungen einander zu konfrontieren und selbst «Verluste zu rhythmisieren», dann geht es heiss her. Schattenspiel Ort: Dampfzentrale Bern, Marzilistr. 47, Tel. 031 310 05 40 Datum: 12. und 13. Februar, 20h Revolver Ort: Dampfzentrale Bern, Marzilistr. 47, Tel. 031 310 05 40 Datum: 21. und 22. Februar, 19h Nahezu perfekte Sicht im Theaterhaus Gessnerallee Choreographische Variationen der strengen Bewegungssprache des Karate sind angekündigt. Der athlethische Fachmann Hideto Heshiki bietet wohl eine sehens- (und hörens-)werte Auseinandersetzung mit der Kunst seiner Heimat. Kokuu – Almost perfect Visibility Ort: Theaterhaus Gessnerallee, Gessnerallee 8 Zürich, Tel. 044 225 81 10 Datum: 6., 8., 9. und 10. Februar, 20h

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Was kann, soll und will zeitgenössisches Theater? Von Fabienne Naegeli – «agents provocateurs: Ein Agentenstück» oder die Schaffenskrise in der Kunst Bild: zVg.

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ue und Nick sind ein junges Paar. Sie ist Trendscout oder Agentin, reist deshalb ständig in der Welt herum, schluckt Tabletten und wird gespielt von Sima. Er ist Akademiker oder auch Dichter, jedenfalls ein Intellektueller, schreibt zu Hause an einer Arbeit für die Uni, ist ihrer Meinung nach alleine, da er keine Freunde hat, und wird dargestellt von Steffen. Dann gibt es noch Ben, gespielt von Ralph. Das ist der neue Mitbewohner der beiden. Er ist schwul oder bisexuell, stellt fest, dass das junge Paar kaum Sex hat, verführt Nick oder lässt sich von Nick verführen, um so eine konflikthafte Beziehungskonstellation oder eine Klimax auszulösen, die Sue als sie mal wieder zu Hause ist nicht will, und die folglich, wie könnte es anders sein, in einer Katastrophe endet. Damit ergibt sich die perfekte komödienhafte Beziehungstragödie à la Hollywood. Doch soll das Theater im 21. Jahrhundert Hollywood-Geschichten erzählen? «Lichtwechsel!», ruft der Alte, und nein, meint der Hübsche, dafür sei ja der Film da. Theater ist schliesslich situativ, ein Zusammentreffen von Zuschauern und Darstellenden, ein unwiederholbares, flüchtiges Ereignis. Was aber kann oder soll zeitgenössisches Theater eigentlich noch sein, wollen, können oder sollen, wenn es denn zeitgenössisch sein können will oder soll? Kann es politisch sein? Ist es postdramatisch? Auf jeden Fall soll es performativ sein und somit als Prozess verstanden werden, und die Liebe muss natürlich auch darin vorkommen. Doch was ist Liebe? Bei jedem Versuch Theater zu machen sind die Blonde, der Hübsche und der Dicke – die Protagonisten des Stücks – mit solchen «Was ist Theater?»-Fragen konfrontiert, und mit jedem neuen Ansatz stellt sich für sie das Problem, ob dies Kunst sei, was sie da auf der Büh-

ne machen, erneut. Zu all den Schwierigkeiten mischt sich dann auch noch der Alte mit seinen kritischen Bemerkungen und Ratschlägen ein. Er inszeniert und irritiert die jungen Agenten. Diese springen zwischen den verschiedenen Diskursebenen umher. Sie probieren, hinterfragen, verwerfen, versuchen erneut und kommen dabei manchmal vom Weg ab oder verlieren das Wesentliche aus den Augen. So wird das Handeln der Agenten selbst zur Geschichte, und die Zuschauer, die eigentlich noch gar nicht da sein sollten, wohnen heimlich einem für sie normalerweise verborgenen Prozess bei. «agents provocateurs | Ein Agentenstück» ist Michael E. Grabers Erstlingsbühnenwerk. Vor drei Jahren habe er angefangen, daran zu schreiben, erzählte er damals nach einem Workshop zum Thema «Schreiben für die Bühne». Und später dann in seinem Studium der Theaterwissenschaft habe ihn die Frage, was Theater heute eigentlich sei und leisten soll respektive kann, immer wieder beschäftigt. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit, diversen Regieassistenzen und seinem Studium war Graber auch als Schauspieler für die Unterhaltungsproduktion «Dinnerkrimi» tätig. Mit seinem Stück «agents provocateurs | Ein Agentenstück», welches von Sprach- und Wortspielen, dem chorischen Zergliedern von Sätzen und den szenischen Versuchen der Protagonisten lebt, leistet er einen vielschichtigen, erfrischend-lustigen Beitrag zur verzwickten Debatte über zeitgenössisches Theater und die Inhaltslosigkeit von Kunst. 26. und 27. Februar, 20.30h 28. Februar, 19h, im Tojo Theater Bern www.stageoffice.ch


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Ein Mistvieh hilft dem anderen Von Alexandra Portmann Ödön von Horváths Dramen wie «Kasimir und Karoline», «Italienische Nacht» und «Geschichten aus dem Wiener Wald» sind bereits oft im europäischen Raum inszeniert worden. Nun ist sein im Vergleich zu den Dramen unbekannter Roman «Sechsunddreissig Stunden» in der Regie von Magdalena Nadolska zum ersten Mal auf Schweizer Bühnen zu sehen. Am 12. Januar war Premiere in der Klibühni in Chur, und Anfang Februar ist das Projekt im Tojo Theater in Bern zu Gast.

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gnes Pollinger und Eugen Reithofer, zwei attraktive Arbeitslose, lernen sich ganz zeitgemäss in der Warteschlange des Arbeitsamtes kennen. Schnell finden sie Gefallen aneinander und kommen sich näher. Das verabredete Spaziergangrendezvous am nächsten Tag kommt jedoch nie zu Stande, denn Agnes versetzt Eugen zu Gunsten von Harry. Harry – die Hoffnung des Eishockeys – und vor allem sein Sportwagen gewinnen klar in Agnes' Augen gegenüber Eugen und seinen naiven Träumen von einem Hotel in Afrika. Wer will schon ein imaginäres Hotel anstelle eines realen Porsche? So vielversprechend auch der Ausflug zum Starnberger See begonnen hat, umso bitterer ist sein Ausgang. Nachdem Harry die Entlöhnung für das Wiener Schnitzel von Agnes auf dem Rücksitz seines Autos eingefordert hat, lässt er sie mitten im Wald sitzen und zu Fuss nach Hause gehen. Wider Agnes' Erwarten wird aus der lang ersehnten Spazierfahrt nun doch ein

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Bild: zVg.

«Spaziergang». Am nächsten Morgen erreicht sie erschöpft ihr Haus, wo sie Eugen mit der guten Nachricht erwartet, ihr eine Arbeit besorgt zu haben. Ganz nach dem Motto «Ein Mistvieh hilft einem anderen» ist er ihr nicht böse, ihn am Vorabend versetzt zu haben. Zur erwarteten Liebesgeschichte kommt es aber nicht, denn dann ist das Stück zu Ende. Obschon Horváths Roman im Jahr 1928 spielt, behandelt er die heute immer noch aktuellen Themen wie Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise und Krieg. Die etwas ironi-sche, aber dennoch liebevolle Sprache Horváths beschreibt eine tragische Welt, der sowohl mit Humor als auch mit Ernst zu begegnen ist. Denn das, worüber leichtfertig gelacht wird, zeigt oft die ungeschminkte Realität, und was ernst scheint, ist eigentlich komisch. Die Produktion «Sechsunddreissig Stunden» stellt sich einerseits der Herausforderung einer Schweizer Erstaufführung, andererseits vor allem der Dramatisierung eines Romans. Die Stückfassung stammt von der Regisseurin selbst. «Vielleicht besteht eine Schwierigkeit der Romanadaption darin, die Sprachintensität von Horváths Text auf die Bühne zu transportieren. Denn eine Adaption stellt immer eine Verdichtung der Geschichte dar, bei der viele Nebenschauplätze verloren gehen», so Nadolska. Trotz der Fokussierung auf eine Geschichte findet die Inszenierung spannende Lösungen für Horváths vielfältiges Sprachengeflecht. Im Rahmen des Projekts wird ausserdem mit verschiedenen Schulklassen zusammengearbeitet. Die Schüler gehen dabei selbst den Schwierigkeiten einer Romanadaption auf den Grund. In Gesprächen mit den Produktionsmitgliedern

können sie ihre eigenen Ideen zur Dramatisierung von Horváths Text präsentieren und Fragen zum Stoff der Inszenierung stellen. Das Bühnenbild besteht aus mehreren Wäscheleinen, die mit verschiedenen Kleidungsstücken und Requisiten vollgehängt sind. Die drei Schauspieler (Felicitas Helena Heyerick, Krishan Krone, Michael Glatthard) wechseln zwischen rund zwanzig Figuren und mehreren Spielebenen. Virtuos balancieren sie zwischen Figur und Erzählhaltung, natürlichem und boulevardeskem Spielstil sowie Live-Musik und Ruhe. Blitzartig wird aus dem Erzähler eine Buddhastatue oder das Foto einer achtköpfigen Familie und aus einer Wäscheleine mit einer Taschenlampe ein Auto. Auch wenn gewisse Figuren nur kurz auftreten, so erzählt jede von ihnen ihre eigene Geschichte. Fantasievoll werden vom Ensemble die Spielmöglichkeiten des abstrakten Bühnenbildes ausgelotet. Die live gesungene und gespielte Musik, die von Oktoberfestschlagern bis zu französischen Chansons reicht, versetzt den Zuschauer in die tragisch-komische Welt von Agnes und Eugen. Trotz des bunten Treibens auf der Bühne steht in der Inszenierung immer das Erzählen ihrer Geschichte im Vordergrund, einer aus dem Leben gegriffenen Geschichte, die berührt.

Infos 3. bis 6. Februar 2010, jeweils um 20.30h im Tojo Theater in Bern. www.tojo.ch (Ticketverlosung auf ensuite.ch!) 28. April bis 1. Mai 2010, jeweils um 20h im Keller 62 in Zürich. www.keller62.ch

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Tanz & Theater

F IGURENTHEATER !

Puppenspiel lernen Von Nina Knecht & Friederike Krahl Friederike Krahl ist Puppenspielerin, Schauspielerin, Regisseurin und Autorin. Die Stücke, welche sie in verschiedenen Formationen (u.a. Theater Handgemenge, KASOKA) mit anderen Künstlern zusammen entwickelt, spielt sie auch an zahlreichen internationalen Festivals. Sie lebt in Berlin und arbeitet u.a. auch als Gastprofessorin für den Nachdiplomkurs Figurenspiel (CAS) an der Zürcher Hochschule der Künste in Zürich. Auf Grund ihrer zahlreichen Erfahrungen hat sie einen Text darüber verfasst, was sie an Puppenspiel fasziniert und wie es funktioniert. Sie beschreibt aber auch, wie es sich an Studierende vermitteln lässt und was bei einer Ausbildung zur Puppenspielerin wichtig ist.

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arum bin ich Puppenspielerin? Ich kann mir vorstellen, das was ist, wo nichts ist. Nichts, ausser einem Stöckchen, einem Alltagsgegenstand, einer Puppe aus Holz, Latex oder Stoff. Für mich ist die Materie lebendig, beseelt. Je grösser der Spielraum meiner eigenen Phantasie, umso reizvoller. Wolken am Himmel zu Figuren zu machen, ist auch eine Vorform von Puppenspiel. Oder Gesichter in Felsen zu sehen. Fels und Wolke sind zu gross, um mit ihnen zu spielen. Das sind die grossen Naturgeister, aus denen man Mythen, Märchen und Sagen gemacht hat. Puppenspieler suchen sich kleinere Geister, die sie mit ihren Händen bewegen können. Aber der Vorgang ist derselbe: Ich sehe was, was du nicht siehst, Zuschauer. Damit du aber sehen kannst, was ich sehe, muss ich einen langen Weg gehen. Nachher spielt sich das «Eigentliche» im Bruchteil von Sekunden ab. Zuerst nehme ich deine Position ein: Ich werde zum Beobachter. Ich beobachte mein Material. Halt – welches Material? Vielleicht muss ich das Material erst einmal suchen, entdecken, sammeln, kombinieren, zusammenbauen. Erfindungen machen, formen, schnitzen, bauen, säubern, schleifen, nähen, malen, es mit meinen Händen erschaffen. Oder jemand anderes tut all das und gibt mir das Ergebnis seiner Arbeit in die Hand. Bis zu diesem Moment ist die Arbeit eine bildnerische. Eine schöpferische Arbeit, mit Imagination und Vision verbunden, denn der Bildner sieht in seinem Material auch etwas Lebendiges. Aber mit Theater hat

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Bild: (v.o.) Krahl von Beatrix von Hartmann / Figurentheater Karlsruhe

das noch nichts zu tun. Theater wird es, wenn ich die Form, die das Material vor mir angenommen hat, als «Seelengefäss» nehme. Ich tue eine Seele in dieses Gefäss. Ich erschaffe mir ein Gegenüber. Ich fange an, mit ihm zu kommunizieren. Ich will wissen, was es ist, wie es ist. Ich probiere es aus. Ich teste es, ich spiele damit herum, ich bin neugierig auf seine Möglichkeiten. Dieser Vorgang ist geradezu intim, auch wenn er in der Öffentlichkeit stattfindet. Manche Spieler brauchen den Zuschauer schon in diesem Moment, andere wollen ihr Gegenüber erstmal allein kennenlernen. Egal, was es ist, das Gegenüber wird lebendiger, umso mehr man sich mit ihm beschäftigt. Es bekommt eine Geschichte, eine Biografie. Einen Namen. Einen Platz, wo es hingehört. Dies alles bleibt rein fiktiv, aber es wird Realität. Der Puppenspieler überträgt seine Fiktion auf den Zuschauer – ich sehe was, was du nicht siehst. Wer auch nur ein einziges Mal erlebt hat, wie jemand fasziniert auf ein alltägliches Ding oder eine Puppe schaut, weil sie «lebendig wird», weiss, wovon die Rede ist. Ich habe diese Faszination erfahren, als Zuschauerin und als Spielerin. Deshalb wollte ich eine Puppenspielerin werden. Puppenspieler zu werden ist ein langer Weg. Das erste, was man lernen muss, ist das Lernen. Nichts ist flüchtiger als der Augenblick, und Theater lebt von diesen Augenblicken. Wie lernt man, das Flüchtige festzuhalten, den Augenblick immer wieder herbeizurufen, ihn so zu erschaffen, wie es die eigene Vorstellung will? Wie schafft man es, nicht daran zu verzweifeln, das er mal ganz nah ist und dann wieder unerreichbar? Lernen ist Wiederholen, etwas immer und immer wieder tun, und dabei beobachten: Was passiert, wenn ich dies und das tue, wenn ich es anders tue, wenn ich es immer und immer tue, wenn ich es nicht tue? Was man dabei gewinnt, ist die Erfahrung, ist noch nicht Wissen. Wissen hat mit Bewusstsein zu tun: Das, was ich erfahren habe, wird mir bewusst. Ich kann es aussprechen, aufschreiben, anderen weitergeben. Ich kann es in meine Arbeit einfliessen lassen und mich in einen neuen Prozess begeben. Wissen allein aber nützt gar nichts, wenn es nicht auf ein Medium übertragen wird. Das Medium des Puppenspielers ist die Puppe. Ein Kind spielt auch mit Puppen. Es lebt in einer von ihm selbst geschaffenen Realität, ohne sie in Frage zu stellen. Der Puppenspieler erschafft diese Realität bewusst. Er spielt auf einer «höheren» Ebene, die aber im Grunde auch nichts anderes meint als den Zugang zu der eigenen Phantasie.

Der Puppenspieler sieht nicht das Objekt, er sieht das Subjekt. Er behandelt es als solches und es wird durch ihn lebendig. Es atmet, es bewegt sich, es hat Sinne, es hat Gefühle, es hat Bewusstsein, einen Verstand. Es hat Charakter. Es reagiert menschlich. Es hat eine Geschichte. Es kommuniziert mit anderen Subjekten. Es wird zum Darsteller auf einer Bühne, es kann eine griechische Tragödie spielen und Kasperltheater oder beides. Es kann sterben und zwar glaubhafter als ein Mensch auf der Bühne. Denn die Puppe verliert ihr Leben wirklich, wenn man den Vorgang umkehrt: vom Subjekt zum Material. Die Seele fährt aus dem Puppenkörper. So geht es uns Menschen, wenn wir sterben. Vielleicht liegt deshalb etwas so Tröstliches darin, «toter» Materie Leben einzuhauchen: Wir fühlen uns selbst dadurch lebendiger. Wir glauben uns selbst besser, dass wir leben. Wir können unsere Wünsche, Ängste, Vorstellungen in diese Puppe projizieren. Sie hilft uns zu erkennen, wer wir sind, was wir sind. Je weniger wir Puppenspieler darüber nachdenken, was wir da tun, umso lebendiger wird unser Spiel. Wenn wir uns selbst dabei vergessen, wird es wahrhaftig. Das heisst nicht, dass wir die Kontrolle aufgeben. Im Gegenteil. Je mehr wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, je geübter wir darin sind, der Puppe Leben zu geben, je konzentrierter wir uns in die andere Realität begeben, umso lustvoller und überzeugender ist unser Spiel. Wenn ich jemandem etwas über Puppenspiel beibringen möchte, dann ist es diese Bewusstheit und deren handwerkliche Entsprechung. Beides geht bei einer Ausbildung Hand in Hand. Der Lehrer gibt dem Schüler seine Gedanken, seine Idee, seinen Impuls. Seine Vorstellung von der Welt, bezogen auf sein Fachgebiet. Er zeigt dem Schüler einen anderen Sichtwinkel. Er zeigt ihm, was er nicht kann und zeigt ihm, wie er dahin kommt, es zu können. Das Nicht-Können, das Nicht-Wissen ist schwer auszuhalten, aber es ist nun mal der Rohzustand, in den man sich begeben muss, wenn man etwas lernen will. Ein guter Lehrer macht seinem Schüler Mut. Er gibt ihm Werkzeug in die Hand. Geistiges und materielles Werkzeug. Er spiegelt den Schüler, nicht zerstörerisch und arrogant, aber auch nicht schonend und devot. Der Lehrer braucht eine Vorstellung von dem, was der Schüler am Ende können soll. Und einen Weg dahin. Dieser Weg ist das, was er dem Schüler mitgeben kann. Damit ihn dieser immer und immer wieder gehen kann, allein – und ohne Lehrer.


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Tanz & Theater

T ANZ

Langsamkeit ist eine Kunst Von Barbara Neugel

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usanne Daeppen, die frei schaffende Tanzpädagogin und Performerin aus Biel mit eigener Tanzwerkstatt, hat ihre Ausbildung in der Schweiz begonnen. Ihr Ausbildungsweg führte sie nach New York und Japan – beides wichtige Stationen in ihrem Leben. Heute unterrichtet sie in Biel, Bern und Basel und gibt Performances und Workshops im In- und Ausland. Tanz ist ihr Leben. Tanz ist ihr Terrain. Nun hat Susanne Daeppen für kurze Zeit ihr Terrain zeitweilig verlassen und Neuland betreten. Sie hat über die letzten 15 Jahre ihrer Arbeit ein Buch geschrieben. «Dieses Buch war ein neues Terrain. Es war ein spannendes Erlebnis. Mit dem Buch schliesst sich ein Kreis,» stellt Daeppen fest. Anfang 80er-Jahre hatte Susanne Daeppen in der Schweiz zum ersten Mal Gelegenheit, die Aufführung einer international bekannten asiatischen Tanztruppe zu sehen. Es war die «Ariadonne»-Kompanie, heute eine der international bekanntesten reinen Frauengruppen des Butoh. Susanne Daeppen war fasziniert von der Exotik und der Kraft, die von dieser Kompanie ausging. In Paris besuchte Daeppen die Aufführung einer Männer-Butoh-Kompanie. Und während ihrer Ausbildungszeit in New York, von 1986 bis 1988, tauchte sie ein in die Vielfalt der Kulturen dieser Stadt. Sie hatte die Gelegenheit, sich mit der japanischen Kultur in all ihren Facetten auseinanderzusetzen. Susanne Daeppen konnte japanische Tänzerinnen und Tänzer sehen und mit ihnen in Kontakt kommen, beispielsweise mit Eiko und Koma. Und sie wusste: Mit Eiko und Koma wollte sie arbeiten. Die Zusammenarbeit kam zu Stande. Und während dieser Arbeit hörte sie vom grossen ButohMeister Kazuo Ohno. Ohno zeigte in New York sein Werk «Waterlilies» – für Susanne Daeppen ein bewegendes Erlebnis. Von Eiko und Koma wusste sie, dass es noch möglich war, in Japan bei Ohno trotz seines hohen Alters Unterricht zu nehmen. Susanne Daeppen sah da ihre grosse Chance, und die wollte sie wahrnehmen und Bu-

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Bild: Jörn Jönsson

toh in seinem Ursprung kennenlernen. Ausführlich beschreibt Susanne Daeppen den Weg, den sie gegangen ist in ihrem Buch, das im Oktober letzten Jahres erschienen ist. Es ist ein informatives und inspirierendes Buch, sehr persönlich und offen, sehr bewegend. Es zeichnet den Weg nach, den Susanne Daeppen gegangen ist auf der Suche nach dem Eigenen, nach der eigenen Sprache im Tanz. «Berührend, nicht wertend, motivierend, selber zu tanzen, das ist die Vorstellung von meinem Tanz,» sagt Daeppen. Die Menschen sollten von innen heraus tanzen. Daeppen braucht den Begriff Butoh nicht so gerne. Sie hat Butoh eigentlich schon hinter sich gelassen, ist weitergegangen und spricht lieber von Soul Dance oder Slow Motion – Seelentanz beziehungsweise langsame Bewegung. Butoh – und damit auch Soul Dance – führe auch zur Natur, dazu, die Umwelt kennenzulernen, führe zu den Wesenheiten, die existierten, und dazu, die Zusammenhänge zu verstehen, führt Daeppen aus. Und für sie ist klar: «Die Leute in der Schweiz sind bereit für das, was ich mache.» Das Buch enthält auch Skills, eine Art Anleitung, um zur Fähigkeit zu gelangen, selbst zu tanzen. «Ich will hier leben und tanzen können. Hier, in der Schweiz, ist ein grosses kreatives Potenzial vorhanden, und es gibt eine wunderbare Natur. Deshalb habe ich die Skills freigegeben, die man in der Natur tanzen kann. Es ist Tanz, den man in den Alltag, in die Feste, die wir hier feiern, einbeziehen kann. Künstlerinnen und Künstler sind dazu da, sichtbar zu machen, was schon da ist.» Das schön gestaltete, reich mit wunderbaren Bildern ausgestattete Buch, das auch angenehm anzufassen ist, macht Lust, selbst zu tanzen. Und so sollte es auch sein. Es sei ein Arbeitsbuch, meint Susanne Daeppen. Wer Lust bekommen hat auf dieses Buch, der hat Gelegenheit, es kennen zu lernen: Am Samstag, den 20. Februar 2010 findet im Zentrum Paul Klee eine Buchvernissage statt.

Das Buch wird vorgestellt, es wird einen Büchertisch geben. Und unter dem Titel «Zytlupe» wird Susanne Daeppen Experimente mit Besucherinnen und Besuchern machen. Die Performance «Twilight» wird gezeigt, und es finden Wahrnehmungsworkshops statt für Leute, die selbst etwas ausprobieren wollen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Kursen von Susanne Daeppen werden in ihren Alltagskleidern hier und dort in Performances zu sehen sein, die irritieren sollen. Zum Schluss ist eine Diskussion vorgesehen. Die Vernissage mit den Performances findet während der Öffnungszeit des Zentrums Paul Klee, zwischen 11 und 17 Uhr statt. Das Zentrum Paul Klee ist ein idealer Ort für diese Vernissage, denn «Paul Klee war ein Suchender und Forschender», schreibt Ursula Frauchiger, künstlerische Leitung Theater, Tanz, Literatur am Zentrum Paul Klee, im Buch von Susanne Daeppen. Frauchiger hält weiter fest, dass sie von Anfang an bestrebt gewesen sei, darstellende Künstlerinnen und Künstler ins Museum zu holen, die aus ihrer Sicht «in ihrer Herangehensweise an die Kunst mit den Arbeitsprinzipien Paul Klees vertraut sein müssten.» Für Frauchiger gehört Susanne Daeppen dazu. Sie konnte ihre Performance «fragile» im Zentrum Paul Klee zeigen, und seit zwei Jahren führt Susanne Daeppen im Zentrum Paul Klee in loser Folge den Workshop «Die Kunst der Langsamkeit» durch. Es besteht also eine länger dauernde und fruchtbare Beziehung zwischen der Tänzerin und dem Zentrum Paul Klee. Das Buch: Susanne Daeppen: «Die Kunst der Langsamkeit. Ein Tanz von der Natur zur Seele», 2009, edition clandestin, Biel-Bienne (erhältlich bei der Autorin und anlässlich der Buchvernissage im Zentrum Paul Klee) Infos: www.dakini-dance.ch info@dakini-dance.ch www.zpk.org


Music & Sounds

J UBILIEREND

JUBILIEREN

Sechs Sofas im Dachstock Von Luca D‘Alessandro

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üster elektronisch, chillig-sphärisch, trashig rockig: Das Wiener Kollektiv Sofa Surfers lässt sich nicht kategorisieren. Es beschreitet den Weg der Aufhebung popkultureller Grenzen zwischen Begriffen wie «Black Musik», «Dub Culture» und «Weissem Rock». Das Album «Blindside» steht kurz vor der Veröffentlichung. Werden es die Sofas für ihren Auftritt am Radio RaBe-Fest in der Berner Reitschule bereits mit im Gepäck führen? «Das weiss ich im Moment noch nicht», sagt Bandmitglied Wolfgang Schlögl gegenüber ensuitekulturmagazin. «Blindside» – das fünfte Album von den Sofa Surfers sollte gemäss Medieninformation am 26. Februar 2010 erscheinen. Am selben Tag stehen die sechs Jungs im Dachstock der Berner Reitschule auf der Bühne. Radio RaBe, das Berner Kulturradio, hat sie zum Fest geladen. «Die Sofa Surfers vereinen in sich nahezu alle Musikstile, die wir mit unserem Radio repräsentieren», sagt Radio RaBe-Musikredaktor Martin Schneider. Ein Radio, eine Band – zwei ähnliche Geschichten Tatsächlich haben Radio RaBe und die Sofa Surfers eine ähnlich lange und ereignisreiche Geschichte: Beide sind sie 1996 gegründet worden, und beide haben sie sich nicht stereotypisieren lassen. Radio RaBe hat stets auf Vielfalt gesetzt, sich fortwährend in Form, Struktur und Erscheinung weiterentwickelt. Ein Rezept, mit dem sich das Lokalradio in den vergangenen vierzehn Jahren – trotz finanzieller Engpässe – nicht nur wacker gehalten hat,

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Bild: Ingo Pertramer

es ist zu einer ernstzunehmenden Alternative auf dem Platz Bern avanciert. Auch für die Sofa Surfers stand seit der Gründung die musikalische Weiterentwicklung im Mittelpunkt ihres Schaffens. Von ihrem Debut «Transit» an bis hin zu «Blindside» haben sie permanent die Möglichkeiten von Technologie einerseits und kollektivem Spiel andererseits ausgelotet. Die Band nimmt gerne Risiken auf sich und gestaltet sich in Arbeitsweise und Konzept immer wieder neu. Film- und Theatermusiken Die Sofas haben sich längst gängigen Szenezwängen entzogen. Nebst ansprechenden Alben haben sie Filmund Theatermusiken geschaffen, Soloalben veröffentlicht und Kunstprojekte mitgestaltet. Diese Erfahrungen schlagen sich in «Blindside» nieder. Eine Platte, die in den letzten zwei Jahren im eigenen Proberaum in Wien entstanden und schrittweise mit Elementen aus dem breiten Ideenfundus von Wolfgang Frisch, Michael Holzgruber, Markus Kienzl, Wolfgang Schlögl und Mani Obeya angereichert worden ist. Sie ist reich an elektronisch-rockigen Tönen und Passagen, die sich nur mit viel Phantasie einem Genre zuordnen lassen. Oder wie Wolfgang Schlögl selbst sagt: «Blindside ist ein Abbild unserer Gesellschaft, die sich zum Teil nicht mehr selbst wiedererkennt, den Maximierungszwängen und dem Konsumdruck unterworfen ist.» Lässt sich daraus ein gewisser Frust ableiten? «Vielleicht.» Zumindest der Inhalt von «Blindside» verlangt beim Hören eine gewisse physische Interaktion ab: Headban-

gen, Springen und Mitschreien. Martin Schneider: «Ob die Holzbalken im Dachstock diesem Überschwang standhalten werden, wird sich am 26. Februar weisen.» Gespräch mit Wolfgang Schlögl, dem Sofa Surfers-Gründermitglied: Interview: Luca D›Alessandro Wolfgang, die Veröffentlichung Eures achten Albums mit dem Titel «Blindside» steht kurz bevor: Fünf Jahre mussten die Fans darauf warten. Ja, wir haben uns für die Realisierung Zeit genommen, die Ideen immer wieder überarbeitet und mit neuen Erfahrungen ergänzt. Übrigens ist es unser erstes Album unter eigenem Label. Von nun an backen wir unsere eigenen Brötchen. Welche Botschaft steckt in «Blindside»? Seit der Lancierung des Debüts 1997 haben wir stets versucht, die pop-kulturelle Entwicklung in Europa zu kommentieren. Unser Sänger Mani Obeya macht das sehr gut: Auf poetische Weise spricht er in seinen Texten von Wirtschaftskrise und gesellschaftlichen Frustrationen, wie sie sich aus den politischen Konstellationen des vergangenen Jahrzehnts ergeben haben. Es sind Dinge, die weltpolitische Ursachen haben und in unser Leben zurückstrahlen. «Blindside» ist gewissermassen die Abrissseite eines Hauses – das Gegenteil einer schönen Fassade. Erfolgt die Kritik in Euren Liedern ausschliesslich auf einer textlichen Ebene?

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Music & Sounds Wir versuchen synästhetisch zu arbeiten. Die Klänge ergeben sich aus einem politischen Gedankengang heraus. Unsere Devise: Alles ist politisch. Demnach ist Kultur für Euch auch politisch? Absolut. In unserer Vergangenheit haben wir uns wiederholt mit Black Music befasst: ein Genre mit einer ausgeprägten sozio-politischen Konnotation. Wir wollen Musik nicht nur auf einer ästhetischen Ebene behandeln. Inhalte sind mindestens so wichtig. Wie lässt sich eine politisch-kulturelle Botschaft klanglich abbilden? In erster Linie geht es darum, mit Klängen zu arbeiten, die für eine bestimmte Epoche typisch sind. In unseren Arrangements sind diese dann meist nicht mehr erkennbar, weil wir sie bearbeiten und mit neuen Klängen zusammenmischen. Welche Epochen sind Euch wichtig? Sounds aus den 60ern und 80ern – diese Jahrzehnte mögen wir besonders. Ein Freund von uns hat eine zeitlich gut sortierte Plattensammlung, so können wir die Musik Jahr für Jahr durchstöbern und laufend neue Entdeckungen machen. Welche ist eine Eurer wichtigsten Entdeckungen? Eine Referenz für mich ist die Neo-Psychodelik, wie sie die Black Music hervorgebracht hat. Diese kombinieren wir in unseren Jams mit neuen Stimmungen. So gehen wir an die Klänge heran. Wir arbeiten mit Sinneswahr-

FÜR SEINEN 14. HAT SICH RADIO RABE HERAUSGEPUTZT

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nde 2008 hat Radio RaBe einen Wettbewerb ausgeschrieben. Das Erscheinungsbild sollte einer Generalüberholung unterzogen werden. Über fünfzig Künstlerinnen und Künstler, RaBe-Mitglieder und grafikinteressierte Hörerinnen und Hörer folgten dem Appell und reichten innerhalb weniger Wochen stapelweise Designvorschläge ein. Eine fünfköpfige Jury nahm die Entwürfe unter die Lupe und entschloss sich am Ende für das Logo eines jungen Zeichners, Remo Abplanalp aus Spiez. Er setzte sich gegen unzählige gestandene und erfahrene Kontrahenten durch und wurde zum Hofgrafiker von Radio RaBe gekürt. Die Logo-Taufe ist kaum vorbei … Die Taufe des Logos fand am 30. Januar im Restaurant Du Nord im Berner Lorrainequartier statt. Mitglieder und Supporter fanden sich ein und läuteten im Rahmen einer Vernissage die neue Ära für den RaBen ein. «Mit

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nehmungen. Könntest Du das präzisieren? Wir sind nicht Musiker, die unseren Sänger quälen und fragen: Was möchtest Du mit deinem Text aussagen? Nein, so läuft das nicht. Er bringt uns seinen Text, und wir reflektieren ihn auf einer Besinnungsebene. Dazu bedarf es keiner Worte, die Musik verbindet uns. Ist die Arbeit auf der Bühne reine Interpretation? Das ist lustig: Wenn du einen Bandkollegen fragst, wird er vermutlich antworten, alles sei vorgezeichnet. Das stimmt natürlich nicht. Ich denke, für uns – die wir unsere Lieder immer wieder gespielt haben – mögen die Konzerte immer gleich klingen. Aber jede Veranstaltung ist anders. Wenn ich in einer Performance einen Ausflug in andere musikalische Gefilde mache, reagieren meine Bandkollegen unmittelbar, weil sie mich kennen und haargenau wissen, wie sie mir folgen können. Euer Konzept bietet genügend Spielraum. Genau. Ich sage das bewusst, denn wir haben – im Unterschied zu manchen Livebands – Elektronik und Bilder, die synchronisiert mitlaufen. Ein Jam muss mit diesen Faktoren zusammenspielen. Eine spontane Einlage hängt nicht nur vom Drummer oder Bassisten ab, sondern von der ganzen Technologie, die mitschwingt. Als Mitglied der Sofa Surfers musst deine Inspiration intuitiv regeln können. Du hast das Stichwort «Technologie» genannt: Elektronik, Black Music und Rock – Ihr

diesem Erscheinungsbild», so Radio RaBeMusikredaktor Martin Schneider, «wird das Berner Kulturradio in der Öffentlichkeit als junges und lebendiges Alternativradio wahrgenommen.» … schon folgt das RaBe-Fest Jung ist auch das Publikum, das Radio RaBe an seinem 14. Geburtstagsfest in der Berner Reitschule ansprechen will. Den Auftakt machen am Freitag, 26. Februar im Dachstock die Sofa Surfers. Unterstützung erhalten die Wiener Soundtüftler von Clara Clara aus Frankreich und dem kecken Frölein Olive Oyl, das den Abend mit Indie Rock zum Höhepunkt geleitet. Parallel dazu rockt es im Sous Le Pont wie in Papas Garage mit The Jackets, The Dead & Loose Connection. Im Frauenraum – und diesmal sind Männer zugelassen – findet ein Female Drum & Bass Abend mit DJ Flight & MC Ayah aus England statt. Am Samstag, 27. Februar bringen die DJs Racker und Brian Pyton den Dachstock zum Beben, verstärkt werden sie von der DJ Legende Styro2000 und dem Live Act von MyMy. Wer erinnert sich noch an die ersten Techstock Partys? Im Sous le Pont hingegen

vereint all die Genres unter einem Dach. Wo fühlen sich die Sofa Surfers wirklich zuhause? Ich war sowohl im Rock als auch im Techno zuhause, jetzt bin ich Familienvater, der in seinem Leben viel Musik gehört hat und sich keiner Szene zugehörig fühlt. Wir sind weder eine Band, die für ein Rockfestival die erste Wahl ist, noch werden wir für Elektronikevents aufgeboten; aber wir sind eine Band, die an ihrem eigenen Sound arbeitet. Da hat Rockmusik definitiv einen Platz, da das Genre auch eine Geschichte hat. Es ist interessant: Du bist auf diese Frage über die Technologie gekommen … ja, viele Journalisten tendieren dazu, Rock als Gegenteil von Elektronik zu betrachten. Ich bin damit nicht einverstanden: Rockmusik war schon immer der Träger von Technologie, denn hier wurde zum ersten Mal die Elektrogitarre eingeführt: eine technologische Revolution! Das Denken in Kategorien entspricht mir nicht. Als Hörer bin ich aber auf eine Kategorisierung angewiesen. Ansonsten finde ich im Plattenladen meine Lieblingsmusik nicht. Wie begegnet Ihr Eurem Publikum? Ich bin kein Businessman, sondern Musiker (lacht). Beim Musikmachen denken wir nicht oft an unser Publikum. Ich hoffe, das Publikum findet uns. Und besonders hoffe ich, dass unsere Musik immer noch mehr zählt, als eine gut gestaltete Myspace-Seite oder ein ausgeklügelter Businessplan.

ist erneut Rock angesagt: Auf der Bühne stehen Lamps of Delta und Overdrive Amp Explosion. Im Frauenraum lässt sich Evelinn Trouble nieder: Mit ihrem neuen Projekt «Television Religion» tourt sie im Moment durch die Schweiz. Ein Duo bestückt mit einem Mpc, einem Juno-Synthesizer, Loopgerät, Gitarre, Bass und einer Tonne Effekte. Als Rahmenprogramm bietet Radio RaBe ein begehbares Studio, das Interessenten einen Einblick in die Welt der Radiophonie und hinter die Plattenteller von DJ Electric, Küsä und Tomzoff aus Zollicago gibt. Sie sorgen mit Funk- und Disco-Perlen für Partylaune. Infos: RaBe Fest – 26. und 27. Februar 2010, Reitschule Bern. www.rabe.ch


Music & Sounds

S ZENE B ERN

Rund läuft es – Round Table Knights Von Ruth Kofmel

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u wissen, was man nicht will und daran festzuhalten, kann eine gute Sache sein. Christoph «Biru» Haller und Marc Hofweber quälten sich in Jugendtagen durch eine KVLehre und es stand für beide sehr bald fest, dass sie auf gar keinen Fall in diesem Geschäft bleiben wollten. Viel verlockender schien ihnen, ihr Geld mit dem zu verdienen, was ihnen am meisten Spass machte – der Musik. Selten genug, trifft man in der Schweiz auf Musiker, die gut von ihrem Beruf leben können, und noch seltener sind das Leute, die nicht an einer Musikhochschule studiert haben. Also nimmt es doch wunder, wie es den zweien als Round Table Knights gelungen ist, in der internationalen DJ-Welt Fuss zu fassen und seit ein paar Jahren zu den gefragtesten Leuten ihres Fachs zu zählen. Nicht ungewöhnlich für männliche Adoleszente, begannen sie sich vor mehr als zehn Jahren für Musik zu begeistern und schufen ein DJ-Kollektiv mit vier Jungs. Unterwegs hat sich die Vierergruppe auf die zwei heutigen Köpfe reduziert. Biru und Marc waren die zwei, die unbedingt diesen Weg gehen wollten, die darin

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Bild: zVg.

eine Möglichkeit sahen, ihren Traum zu erfüllen, und ein gutes Stück dieses Weges haben sie schon einmal, locker aus dem Handgelenk wie es scheint, zurückgelegt. Zuerst interessierten sie sich vor allem für Hip Hop und übten ihre Skills und Fingerfertigkeiten, die einen ernstzunehmenden Hip Hop-DJ auszeichnen. Das war an sich noch nichts Besonderes und sie hatten in diesen Tagen zwar in der ganzen Schweiz ihre Auftritte, aber um davon zu leben, reichte das noch lange nicht. Beide verdienten ihr Geld damals noch anderweitig; als Plattenverkäufer wie Marc oder als Booking-Agent wie Biru. Mehr nach Erfolg zu riechen begann ihr Schaffen, als sie anfingen, die musikalischen Genregrenzen zu überschreiten. Als sich der Name Round Table Knights zunehmend, vielleicht nicht in aller Munde, aber zumindest in den Mündern der Trendigen befand, war ihr Kenn-zeichen, dass sie alle möglichen Stile auf ihren Plattenteller zu einem tanzbaren Teppich verschmolzen. Damals war der Unterbau immer noch hauptsächlich Hip Hop, aber auch das hat sich mit zunehmendem Erfolg verändert

– heute bezeichnen sie ihren Stil, wenn auch in Birus Fall ungern, als House. Ihnen widerstrebt es, etikettiert zu werden, und gerade ihre instinktive Rebellion dagegen, sich in eine Schublade packen zu lassen, scheint mir ein grosser Teil ihres Erfolgs auszumachen. Sie bleiben unberechenbar, überraschen und fahnden immerzu nach neuen Möglichkeiten, musikalisch noch weiterzugehen. So fühlen sie sich auch jetzt nicht all zu sehr ihrem bisherigen Schaffen verpflichtet und stellen sich vor, in der Zukunft weiter in ganz andere Richtungen vorzustossen. Zwar bestätigen sie, dass sie sich nun mit ihren eigenen Produktionen daran orientieren, wie sie als DJs wahrgenommen werden und sich damit musikalisch ganz klar einem Sound zuordnen. Es ist die neue DiscoMusik, die wild und ungestüm daherkommt, sich an allen möglichen und unmöglichen Orten Anleihen sucht und die gefundenen Einzelteile über einen House-Beat gelegt, zu einer tanzbaren Einheit verschmilzt. Warum so viele DJs schlussendlich beim House landen, dem ein sehr gerades Taktmuster zu eigen ist, das vom Rhythmischen her wenig Überraschungen

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Music & Sounds

INSOMNIA CARO CISALPINO Von Eva Pfirter

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eit ein paar Wochen weiss ich, was ich nach meinem Studienabschluss machen werde: Sprach- und Kulturvermittlung zwischen Italien und der Schweiz! Und es ist wohl längst nicht die einzige Beziehung der Schweiz, die Vermittlung nötig hätte ... Das kam so: Ich reiste mal wieder im Cisalpino. Ja, DER Cisalpino, der in Basler Schnitzelbängg vorkommt und in Dieter Bachmanns «Die Vorzüge der Halbinsel» mindestens fünf Seiten Platz einnimmt und bei der Lektüre zu krampfartigen Lachanfällen führt. Der Cisalpino ist Symbol für die Beziehung zwischen Italien und der Schweiz: Sie funktioniert einfach nicht – zumindest, wenn es um den Verkehr geht. Nun gibt es ja die neuen, in Frankreich hergestellten Cisalpino-Züge. Zuerst dachte ich: «Hübsch!». Dann sah ich die an den Dekken befestigten Monitore, die permanent und penetrant die Schweiz von ihrer schönsten Seite zeigen: Matterhorn, Jungfraujoch, Lago di Lugano. Dabei kann man in einem Cisalpino unmöglich fernsehen: Es wird einem früher oder später übel. Kurz nach Abfahrt kam dann die erste Ansage – wir waren meines Erachtens in Milano – auf französisch. Dann kam sie auf englisch, dann auf italienisch und dann auf deutsch. Das ging die ganze Fahrt über so, bis Bern. Wenn wir denn irgendwann in Bern angekommen wären ... Im Wallis stand das gute französische Fabrikat still. Ja, es schneite und war kalt – aber sollte ein CisALPINO nicht eigentlich den Klippen des Winters gewachsen sein? Doch dann merkte ich, dass es an etwas anderem lag. Ich sass zufälligerweise direkt hinter dem «Cockpit» und hörte den Lokführer mit Mailand telefonieren: „No, ähm, come dice il ähm come dice – non funziona, si!» Meine Ohren wurden während des Gesprächs länger und länger. Das also war das Problem in der cisalpinesken Zusammenarbeit: die mangelnde Verständigung! Ich konnte es kaum glauben. Die Heizung lief nicht, draussen war es knapp unter null Grad, meine leichte Winterjacke für römische Novembertage wärmte nur mässig, und wir sassen wegen mangelnden Vokabulars der Techniker beidseits der Alpen in Brig fest. Halleluja! Da dämmerte mir, dass es noch andere Aufgaben gäbe, als der hehren Politik kritisch schreibend auf die Finger zu schauen, nämlich die der Verständigung zwischen den Völkern. Oder in diesem Falle: der Verständigung zwischen Nord und Süd, zwischen zurückhaltender Korrektheit und impulsiver Lebenslust, zwischen durchstrukturierter Zugwartung in Muttenz und spontanen caffé-Pausen in Mailand, zwischen deutsch und italienisch. Viva la multiculturalità! Der Weg ist noch weit. 30

in sich birgt, lässt sich vielleicht damit erklären, dass alles andere als ein währschafter 4/4 ohne Firlefanz die Tanzenden eher vor den Kopf stösst als beschwingt. Partygänger mögen im Allgemeinen keine grossen Überraschungen und fühlen sich am wohlsten, wenn sie ihrem Beinschlag die ganze Nacht treu bleiben können. Auch als DJ bietet ein solides und in sich unkompliziertes Grundgerüst eben die Möglichkeit, weit auszuholen und verschiedenste Facetten dazuzufügen. Die Herausforderung wird damit nicht mehr eine technische – wie virtuos spiele ich mit den Plattenspielern – sondern vielmehr eine inhaltliche – wie weit treibe ich das Spiel weg von meinem Grundgerüst, will ich einfach bedienen oder auch ab und zu auch vor den Kopf stossen? Die Round Table Knights sehen sich ganz klar als Agenten des letzteren. Gerade in den Momenten, wo es unmöglich scheint oder alles andere erwartet wird, brechen die Zwei ihr Set gerne auf und führen ihre Beweiskette weiter; dass es in der Musik keine Grenzen gebe – sie überzeugen offenbar. Hinter all dem steht kein Masterplan, wie man vermuten möchte. Marc betont, dass er genau das Gleiche auch machen würde, wenn er seinen Lebensunterhalt nicht damit bestreiten könnte, und so bleiben die zwei frei von Verpflichtungen und Vermarktungsstrategien.

Sie sind unkompliziert und verspielt, auch wenn im Hintergrund mittlerweile mehrere Leute an dem Unternehmen Round Table Knights feilen. Sie zeigen sich unbeschwert und ohne Zukunftsängste, natürlich könne es sein, dass der Tag komme, wo sie nicht mehr gefragt seien, aber vielmehr haben sie das Vertrauen, dass sich das über die Jahre geschaffene, internationale Netzwerk, aus Musikern mit ähnlichen Visionen, sich als tragfähig erweisen wird. Sie vertrauen auf ihre Herangehensweise, die sie bisher gut geleitet hat, einfach immer weiter der Nase nach, tun, was ihnen in den Sinn kommt, Neues ausprobieren und schauen, wohin es sie trägt. Auch sehen sie sich noch lange nicht an ihrem Ziel angekommen: Momentan kümmern sie sich gerade um ihre neuste Eigenproduktion, eine EP mit dem Namen Calypso. Das Schaffen von eigener Musik ist ihr nächster Prüfstein. Mit ihren Ideen gehen sie zum Musiker und Produzenten Benfay, der ihnen bei der Umsetzung hilft. Sich mit ihrer eigenen Musik etablieren zu können, ist die nächste Sprosse auf der Leiter zum Olymp der zeitgenössischen Disco-Tanzmusik. Das Schöne dabei ist, dass die Beiden entspannt auf dem Teppich bleiben – nur, dass sie gerade dabei sind, ihren grossen Traum in der Wirklichkeit zu erleben.

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99.–

plare m e x E A6 500 lyer F / n Karte


Music & Sounds

CD-Anspieltipps

LISTENING POST Von Lukas Vogelsang

LISETTE – SIWALOMA

F PAPIK – THE RHYTHM OF LIFE (IRMA)

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SICULOUNGE PROJECT – SCIURI SCIURI

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ransatlantische Klänge, akustische Bilder einer Metropole, in der das Leben nicht nur tagsüber, sondern auch nachts pulsiert. «The Rhythm Of Life» verkörpert den Herzschlag des urbanen Lebens Nordamerikas, wie es mit den Augen des Römer Kompositeurs Nerio Poggi gesehen wird. Poggi kann auf eine erfolgreiche Musikkarriere zurückblicken, auch wenn er selbst bislang nur vereinzelt im Rampenlicht gestanden hat. In enger Zusammenarbeit mit dem sizilianischen Soulsänger Mario Biondi hat er in den vergangenen drei Jahren die beiden Alben «Handful Of Soul» und die Live-Doppel-CD «I Love You More» produziert und erheblich dazu beigetragen, dass Biondi ganz vorne auf den Hitlisten der italienischen Albumcharts stehen konnte. Poggi kennt das Rezept des Erfolges und setzt es in seinem Debütalbum zu seinen Gunsten um: «The Rhythm Of Life», welches unter dem Projektnamen Papik erschienen ist, wendet sich einem kräftigen Jazz zu, der, dank der maskulinen Stimme von Jazz-Vocalist Alan Scaffardi und der eleganten Performance von Ely Bruna, akustische Höhenflüge verspricht. Papik segelt auf einer neuen italienischen Welle, die vom Arrangeur selbst massgeblich mitgestaltet, wenn nicht sogar in weiten Teilen vorgegeben wurde. Das Genre: starker NuJazz mit Bigband-Charme – genau so, wie er aus den Alben von Mario Biondi bekannt ist. (ld)

em ist sie ein Begriff, die traditionell sizilianische Musik? Vermutlich den wenigsten von uns. Das erstaunt nicht: Abgeschieden und demzufolge nur schwer erreichbar, hat die Kultur dieser Mittelmeerinsel eine marginale Wirkung auf unser mitteleuropäisches Kulturtreiben. Doch in Sizilien brodelt nicht nur der Ätna, sondern allmählich auch die Jazzszene. «Siculounge» titelt das Projekt einer jungen Künstlertruppe aus der Küstenstadt Catania, die es sich zum Ziel gemacht hat, klassische sizilianische Volkslieder in die Welt hinauszutragen. Durch die Blume, sozusagen: Das Debütalbum «Sciuri Sciuri» – ein alter sizilianischer Terminus für Blumen – hat die Neugier der NuJazz-Liebhaber geweckt. Es vereint Lieder aus vergangenen Zeiten – die von Armut, Leid, Hunger, aber auch von Liebe und Wärme handeln – mit modernen Formen des Smooth und Acid Jazz. Ein interessanter Ansatz, wie er von Arrangeur und Projektleiter Mario Di Dio begangen wird. Doch wie so oft, wenn etwas neu ist, braucht es seine Zeit bis zur vollständigen Reife. Das ist auch hier der Fall: Die Instrumentalbegleitung stellt sich zu stark in den Vordergrund und erdrückt den charaktervollen Canto von Sängerin Cristina Russo. Trotzdem: Wer musikalisch auf eine neue Erfahrung aus ist, hat sie mit diesem Album auf jeden Fall gefunden. (ld)

Info: Papik, «The Rhythm Of Life» (Irma)

Info: Siculounge Project, «Sciuri Sciuri» (Halidon)

ensuite - kulturmagazin Nr. 86 | Februar 2010

alls sich jemand durch diesen Winter etwas geschüttelt fühlt, dem sei wärmstens ein das neueste Album von Lisette ans Ohr gelegt. Winterlandschaften beginnen zu klingen, in einem lieben, aber auch spannenden Jazzklang. Die Band um Lisette Spinnler (voc) ist fantastisch – und mit Alex Hendriksen (t.sax, flute), Colin Vallon (p), Patrice Moret (b) und Michi Stulz (dr) auch nicht unterbesetzt. Lisette Spinnler überzeugt vor allem durch die unscheinbar feine Präsenz in der Stimme. Nie zuviel, nie zu wenig und dadurch auch nach mehrmaligen Winterspaziergängen immer noch gerne gehört. Einfallsreicher Jazz mit schönem Ambiente und eindringlichen Klangbildern. Lisette Spinnler (1976) lebt in Basel und wurde von Sandy Patton und Susanne Abbühl unterrichtet, bis sie selbst an der Musikhochschule Basel als Dozentin einen Platz eingenommen hat. Siwaloma spielt live am 12. Februar in der Mahogany Hall, Bern, nur die Sängerin, Lisette Spinnler, zusammen mit Christoph Stiefel, am 18. Februar im Jazzclub Uster.

Infos: www.lisettespinnler.com

Zingg Ein filosofisches Gespräch:

Das Böse ist eine Wahnidee, die zwar in unseren Köpfen herumspukt, für die wir in der Realität jedoch keine Entsprechung finden. Michael Schmidt-Salomon 2009

Mittwoch, 24. Februar 2010, 19.15h, Kramgasse 10, 3011 Bern, im 1. Stock 31


Kino & Film

M IT M ICHAEL S TUHLBARG

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G ESPRÄCH

«Ethan und Joel Coen haben mir viele Freiheiten gelassen» Interview: Sarah Elena Schwerzmann, London Der in Filmkreisen relativ unbekannte Schauspieler Michael Stuhlbarg verkörpert in «A Serious Man», dem jüngsten Werk der Regisseure Ethan und Joel Coen, einen jüdischen Familienvater im Mittleren Westen der 60er-Jahre, der durch eine Verknüpfung unglücklicher Begebenheiten auf eine ausgewachsene Lebenskrise zusteuert.

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ichael Stuhlbarg, Sie sind im Filmgeschäft ein relativ unbekannter Name. In «A Serious Man» von den Coens übernehmen Sie nun zum ersten Mal in einem Film die Hauptrolle. Hatten Sie je Bedenken? Ich war zu Beginn des Projekts zugegebenermassen unsicher. Besonders, weil sich Ethan und Joel Coen lange auch nicht im Klaren zu sein schienen, ob sie diese Rolle mit einem bekannten Namen oder einem neuen Gesicht besetzen wollen. Die Coens sind dann zum Schluss gekommen, dass das Publikum die Geschichte nur als glaubwürdig empfinden wird, wenn sie von Menschen vorgetragen wird, die nicht durch andere Filmprojekte oder private Eskapaden vorbelastet sind. Haben Sie sich vor Beginn des Drehs mit den Coens über das Konzept eines ernsthaften Mannes («serious man») unterhalten?

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ensuite - kulturmagazin Nr. 86 | Februar 2010

Nein, darüber haben wir nicht sehr ausführlich gesprochen. Ich glaube, das wäre auch nicht gut gewesen, weil meine Figur Larry im Film versucht, herauszufinden, was einen ernsthaften Mann eigentlich genau ausmacht. Den Coens war es darum wichtig, dass ich mich auch als Schauspieler auf die Suche begeben musste. Larry hört diese Bezeichnung erst, als er am Trauergottesdienst seines Intimfeindes Sy Ableman teilnimmt und der Rabbi diesen als ernsthaften Mann bezeichnet. Das löst etwas in ihm aus, und er fängt an, darüber nachzudenken, wie er sein Leben eigentlich lebt und ob er in den Augen seiner Gemeinschaft als ernsthafter Mann angesehen wird. Haben sie mit Ihnen dafür über die Botschaft des Filmes gesprochen? Nein, auch darüber haben wir nicht gesprochen. Ich glaube, Ethan und Joel Coen haben versucht, das Leitmotiv und die verschiedenen Konzepte im Film so offen zu lassen, dass sich jeder seine eigene Interpretation zurechtlegen kann. Jeder Mensch, der den Film sehen wird, geht auf Grund seiner Lebenserfahrung und seines kulturellen Hintergrundes anders an das Thema heran, folglich wird auch jeder eine andere Botschaft im Film sehen. Das ist auch das Ziel der Coens. Wie hat die Zusammenarbeit mit den beiden Regisseuren funktioniert?

Es war sehr spannend. Sobald ich erfahren habe, dass ich den Part übernehmen werde habe ich mich intensiv mit der Figur auseinandergesetzt, und dann haben sich Ethan und Joel Zeit für mich genommen, um meine Fragen zu beantworten. Einige davon konnten sie mir nicht beantworten, also durfte ich mir meine eigenen Antworten zusammenreimen. Das klingt, als hätte man Ihnen sehr viel Freiraum gegeben? Ja, auf jeden Fall. Die Coen-Brüder verbringen viel Zeit damit, die geeignete Person für eine Rolle zu finden. Sobald sie die Figur aber mit dem für sie richtigen Schauspieler besetzt haben, lassen sie den mehr oder weniger in Ruhe, damit er seine Arbeit machen kann. Das war bei mir nicht anders. Genau diese Herangehensweise ist meiner Meinung nach auch Teil ihres Erfolgsrezeptes. Gab es Momente, in denen Sie sich verloren gefühlt haben und sich mehr von den Regisseuren gewünscht hätten? Nein, ich habe diesen Spielraum als sehr grosszügig empfunden. Es hätte sein können, dass ich mich an einem anderen Filmset alleine gelassen gefühlt hätte, aber dadurch dass die Atmosphäre beim Dreh sehr entspannt war, fand ich es eher befreiend. Die Coens arbeiten seit ihrem ersten Film, das heisst seit mehr als zwölf Jahren, mit demselben Team zusammen.


Kino & Film Dadurch sind alle unglaublich gut aufeinander eingespielt, und die ganzen Abläufe funktionieren reibungslos. Es gab keine Stresssituationen, und wir haben den Film sogar eine Woche als früher abgedreht. Ethan und Joel Coen haben viele Rollen mit zum Teil sehr unerfahrenen lokalen Schauspielern besetzt. War die Zusammenarbeit für Sie eine Herausforderung? Nein, es gab keine Probleme. Die meisten Schauspieler waren aus Minneapolis und Umgebung, und sie waren zwar national relativ unbekannt, hatten aber schon kleinere Rollen beim lokalen Fernsehen gespielt. Die einzigen Beiden, die bis zu diesem Zeitpunkt nur Schultheater gespielt hatten, waren die beiden Schauspieler, die meine Kinder verkörpern. Sie waren sich aber unglaublich sicher, was ihre Rollen anging und konnten ihre Figuren sehr authentisch spielen. Ich war sehr positiv überrascht. Würden Sie die Familie Gopnik als typisch jüdische Durchschnittsfamilie bezeichnen? Ich würde diese Familie nicht unbedingt als typisch jüdisch bezeichnen, sondern einfach als amerikanische Durchschnittsfamilie der 60erJahre. Judith Gopnik, meine Frau im Film, ist die religiösere von beiden Elternteilen. Sie ist die treibende Kraft, wenn es um die religiöse Erziehung der Kinder geht. Die Kinder wohnen zwar noch zuhause, sind aber mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Danny muss sich auf seine Bar Mizwa vorbereiten, interessiert sich aber eigentlich in erster Linie leider nur für Drogen. Und meine Tochter Sarah ist nur damit beschäftigt ihr Haar zu waschen und mit ihren Freunden abzuhängen. Wo bleibt in Ihrer Beschreibung Larry, der Mann des Hauses? Larry ist total überfordert. Alle scheinen ihren eigenen Weg zu gehen und ihre eigenen Probleme zu haben, und Larry versucht dabei die Übersicht zu behalten, wer wo ist und was jeder gerade so macht. Jedes Mitglied in der Familie lebt in seiner eigenen Welt. Sie erinnern mich an Satelliten, die um denselben Mittelpunkt kreisen, sich aber nie wirklich nahekommen. Und dann tritt der schleimige Sy Ableman ins Leben von Larrys Frau Judith und wirft damit alle aus der Bahn. Wie würden Sie die Beziehung der beiden beschreiben? Sy Ableman ist einer dieser Menschen, die einen Raum nur durch ihre Präsenz unter ihre Kontrolle bringen. Larry dagegen ist ein Mann, der die Energie beansprucht, die in einem Raum entsteht. Larry reagiert, im Gegensatz zu Sy, der agiert. Wenn die Beiden im Film aufeinandertreffen, dann verhalten sich, als wären sie einander scheinbar zugetan, aber eigentlich verfolgt Sy nur seine Ziele. Larry hingegen versucht, zu verstehen, was mit ihm passiert. «A Serious Man» wurde bisher von der jüdischen Gemeinschaft in Amerika sehr gut aufgenommen. Hat niemand gewisse Darstellungen als stereotypisiert empfunden?

Nein, das glaube ich nicht. Ethan und Joel Coen arbeiten ihre Figuren sehr liebevoll aus und schaffen es dabei immer, ein Element von Übermut und Spass mit einzubringen. Das führt dazu, dass selbst diese ganz archetypischen Figuren nicht unbedingt als steif und langweilig daherkommen. Das ist eine besondere Eigenschaft der Coen-Filme. Sie haben in Ihrer kurzen Filmkarriere auch schon mit zwei anderen renommierten Filmemachern gearbeitet. Wie hat sich die Arbeitsweise Ridley Scotts und Martin Scorseses von der von Ethan und Joel Coen unterschieden? Die Herangehensweise war bei Beiden ganz anders. Für Ridley Scott geht es darum, bei seinen Schauspielern Automatismen zu schaffen. Er lässt einen eine Szene so oft wiederholen, bis man vergisst, was man eigentlich zu tun hat. Ich habe eine Woche in Washington D.C. verbracht, um «Body Of Lies» (deutscher Titel: «Der Mann, der niemals lebte») mit Leonardo DiCaprio, dessen Anwalt ich spiele, zu drehen. Können Sie uns ein konkretes Beispiel geben? In einer Szene spreche ich am Mobiltelefon mit Mister DiCaprio, ich habe eine Aktentasche in der einen Hand und balanciere in der anderen einen Stapel Bücher, und ich musste mich darauf konzentrieren, dass mir nichts auf den Boden fällt. Gleichzeitig sollte ich mich durch eine Drehtür quetschen und etwa 50 bis 60 Statisten, die entweder aus dem Gebäude herauskommen oder hineingehen, ausweichen. Es war, als würde man versuchen, eine Million Din-

ge gleichzeitig zu machen. Wir haben die Szene etwa 17 Mal wiederholt, bis ich alle Abläufe so weit automatisiert hatte, dass ich mich voll und ganz auf das Gespräch konzentrieren konnte. Es war ein gutes und befreiendes Gefühl. Wie war es mit Martin Scorsese? Mit Mister Scorsese ist alles sehr praktisch und intensiv. Er ist unglaublich aktiv und hat genaue Vorstellungen davon, wie die Dynamik der Szene sein soll. Er spricht sehr schnell und schnippt dauernd mit den Fingern, wenn er einem Anweisungen gibt. Wir haben alle Szenen auf ganz viele verschiedene Arten gespielt. Ihm geht es darum, zu experimentieren und spielerisch zu arbeiten. Was genau haben Sie mit Scorsese gedreht? Es war ein Werbefilm für die ChampagnerMarke Cava Freixenet. Die haben ihm einen Haufen Geld gegeben und gemeint: «Mach damit, was immer du willst.» Das hat er sich natürlich nicht zweimal sagen lassen, und hat aus seinem Fundus von Hitchcock-Memorabilia drei Seiten eines Drehbuches hervorgezaubert, die der Meister selbst nie verfilmt hatte. Er hat das Material auf eine Art und Weise inszeniert, von der er das Gefühl hatte, Hitchcock hätte es auf dem Höhepunkt seines Schaffens genauso gedreht. Es war eine sehr spannende Erfahrung. Film: «A Serious Man» von Ethan und Joel Coen, mit Michael Stuhlbarg u.a. Der Film läuft zur Zeit im Kino.

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«Kultur braucht Plattform»

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F ILMTALK

Wer redet da über Humor? Guy Huracek im Gespräch mit Viktor Giaccobo und Mike Müller

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err Giacobbo, Sie arbeiten als Komiker, Drehbuchautor und leiten auch das Casinotheater in Winterthur. Was ist eigentlich Ihre Berufsbezeichnung? Ich überlasse die Bezeichnungen meistens den anderen. In der Steuererklärung steht Kabarettist und Autor. Das ist die stiere Berufsbezeichnung, manchmal bin ich halt Schreiber, manchmal Schauspieler, Produzent, Moderator oder Verwaltungsratpräsident. (schaut ernst, beugt sich nach vorne und sagt leise) Ich bin ein bisschen überfordert mit dieser Frage. Haben Sie einen Lieblingswitz, Herr Giacobbo? (Antwortet wie aus der Pistole geschossen): Nein. Ich habe keinen einzelnen Witz, und ich erzähle auch keine Witze. Ich habe es gern, wenn der Witz spontan aus dem Gespräch entsteht. Geschriebene, beziehungsweise auswendig gelernte Witze sind für die Bühne oder das Fernsehen. Konfektionswitze habe ich nicht, und ich kann mir auch keinen merken. Sie mögen also Situationskomik? Ja. Ich meide Witze-Erzähler. Wenn jemand anfängt Witze zu erzählen, weiss man, wenn man ihn nicht stoppt, ist er in einer Stunde immer noch dran. Bei Spontaneität besteht die Gefahr, Grenzen zu überschreiten: Was ist für Sie im Humor ein Tabu? Ich habe grundsätzlich keine Tabus. Der Begriff Tabu ist mir eh zu pompös, und ich beurteile Themen auch nicht nach Tabu und NichtTabu. Es gibt Jokes, die ich nicht machen will, weil ich sie nicht lustig finde. Man kann also sagen, Tabu ist ein Joke, der nicht funktioniert. Ich spreche Sie vor allem auf gesellschaftliche Tabus an. Hier kommt es drauf an, was der Satiriker sagen will und wen er treffen will. Es hängt von

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seiner Zielscheibe ab. Wenn er Leute treffen will, die sowieso immer an die Kasse kommen, dann kann er das machen, aber es fällt auf ihn zurück. Ich meine hier jetzt gesellschaftliche Gruppen und nicht einzelne Politiker. (überlegt, schmunzelt) Die müssen damit leben. Können Sie dies konkretisieren? Sagen wir mal, es macht jemand einen antisemitischen Witz, dann fällt das auf ihn zurück. Dann gibt es auch die Witze, die beispielsweise eine antisemitische Haltung thematisieren, das könnte man dann als Metahumor bezeichnen. Das heisst: Die Leute müssen um zwei Ecken herumdenken können und das Subjekt nicht mit dem Objekt verwechseln. Tabu oder nicht Tabu, damit kann ich eigentlich nicht viel anfangen. Aber Euer Humor provoziert auch. wie weit dürfen Sie da gehen? Provozieren soll es gelegentlich auch. Das hat mit Tabus nicht viel zu tun. Natürlich, jeder Joke über den Papst ist ein Tabu für einen fundamentalistischen Katholiken. Aber das ist nicht mein Tabu. Mein Tabu wäre … (überlegt) ... mich missverständlich auszudrücken und jemanden aus Versehen zum Ziel zu nehmen. Oder mich über anonyme Opfer lustig zu machen. Aber das würde ich nicht mit dem Wort Tabu belegen, sondern ich würde sagen, dass ich darüber einfach keinen Joke machen will. Das Wort Tabu löst bei einigen Leuten ein spontanes Denkverbot aus und gleichzeitig fallen sie in einen Empörungsmodus. Worüber möchten Sie denn keinen Joke machen? Beim Fernsehen zum Beispiel möchte ich nicht irgend einen Unbekannten vor die Kamera zerren und lächerlich machen. Bei Strassenumfragen wird dieser Vorsatz zwar etwas geritzt, doch die Leute treten freiwillig vor die Kamera. Für mich sind das Grenzen, wo man entscheiden

Bilder: Christian Harker

muss, will man das senden und sich die Leute selber lächerlich machen lassen oder nicht? Die Sendung Giacobbo/ Müller zielt auf viele aktuelle Themen. Verbirgt sich in Ihrem Humor eine Kritik an der Gesellschaft? Verbirgt? Ich kenne kaum einen guten Komiker, der morgens aufsteht und sagt, heute bin ich wieder mal streng gesellschaftskritisch. So entsteht garantiert keine lustige Pointe. Komiker gehen vom Witz aus. Sie wollen die Leute unterhalten – mit Humor und Witz und nicht mit Gesellschaftskritik. Die Satiriker allerdings unterhalten die Leute mit Witzen, die sie aus der Realität schöpfen. Dabei brauchen sie eine Ingredienz, die unverzichtbar ist, einen eigenen Standpunkt. Wenn jemand eine Haltung hat, dann muss er sich nicht überlegen wie gesellschaftskritisch er ist. Jeder gute Satiriker macht zwischendurch eine Pointe, die er einfach lustig findet, Gesellschaft hin oder her. Und so funktioniere ich auch. Die Satire ist in erster Linie eine Form der intelligenten Unterhaltung und nicht der didaktisch-moralischen Erbauung. Wie sehen Sie die Zukunft von der Sendung Giacobbo/ Müller? Ouu, da sehe ich immer nur die nächste Sendung. Solange wir Lust haben, die nächste Sendung zu machen, sehe ich die Zukunft relativ gut. Ich habe schon früher immer nur so lange etwas getan, wie es mir Spass machte. Für mich ist das Fernsehen nicht das Ein und Alles. Was ist dann das Ein und Alles für Sie? Es gibt das Ein und Alles nicht. Es gibt einfach viele verschiedene Möglichkeiten, kreativ zu arbeiten. Das Schöne an meiner Tätigkeit ist, dass ich wechseln kann. Ich kann nicht sagen wo Giacobbo/ Müller in einem Jahr steht. Ich mache prinzipiell nur Jahresverträge, damit ich dann aufhören kann, wenn es mir keinen Spass mehr macht.


Kino & Film

H

err Müller, wie weit darf man im Humor gehen? Es ist eine reine Geschmacksfrage. Wir gehen nur so weit, wie es unser Geschmack zulässt. Solange wir es lustig finden, machen wir es. Es gibt eine juristische Seite. Wir haben in der Schweiz, wie auch in vielen europäischen Ländern, das Prinzip der Konzession. In der ist ziemlich klar festgelegt, was man darf und was man nicht darf. Was darf man beispielsweise nicht? Man darf beispielsweise keine religiösen Symbole in den Dreck ziehen. In der Satire ist dies kein Problem. Ein religiöses Symbol hat in der Regel nichts mit einer politischen Aktualität zu tun. Aber in der Sendung Giacobbo/ Müller haben Sie auch die Minarette thematisiert. Ja. Aber bei den Minaretten ist das etwas Anderes. Wir haben nicht irgendwelche Witze über die Minarette gemacht, sondern über die Minarett-Initiative. Ich finde nicht, dass die Satire alles darf. Die Grenze liegt zwischen dem, was man lustig findet und was nicht. Machen wir ein Beispiel. Verschüttete Kinder in Haiti. (schaut ernst) Es ist einfach eine tragische Geschichte. Ein anderes Beispiel: Ein Jugendlicher wurde in Aarau niedergeschlagen. Kommt jemandem etwas Lustiges in den Sinn? Mir nicht. Sind Witze über tragische Geschichten für Sie generell geschmacklos? Was heisst schon geschmacklos, das ist von Fall zu Fall zu entscheiden. Ich finde es einfach nicht lustig. Harte Witze finde ich dann nicht lustig, wenn es nur darum geht, zu beweisen, dass man hart ist. Provokation um der Provo-

kation willen, das interessiert mich nicht. Das gibt es zwar in der Komik. Aber jeder soll selber entscheiden können, ob er das machen will oder nicht. Welche Themen interessieren Sie? Mich interessiert ein politischer oder aktueller Witz. Das kann auch nur eine Bemerkung sein. Wir machen ja auch nicht nur Witze, sondern auch viele Bemerkungen, spotten, reden über ein Thema. Es gibt verschiedene Ebenen von Witz, Humor oder Komik. Es ist manchmal lustig, wenn sich eine Figur in einer falschen Situation falsch verhält. Das ist dann Situationskomik. Ihre Sendung vertritt Ihre Meinung. Haben Sie auch eine Message? Nein wir haben keine Message. Das wäre fatal. Wir haben eine Haltung zu den politischen Ereignissen. Das braucht es auch. Es ist aber sehr subjektiv. Ich verstehe daher auch, wenn Leute anderer Meinung sind und es nicht lustig finden. Wenn wir eine Message hätten, würde das bedeuten, dass wir in Anspruch nehmen, gewisse Sachen besser zu wissen als andere. Wir gehen davon aus, dass unser Publikum politisch interessiert ist. Aber wir machen dies nicht, weil wir für politisch Interessierte etwas machen wollen. Wir machen es, weil es uns interessiert. Das könnte man zwar als Egoismus auslegen, aber ich glaube, dass das in der Komik gar nicht anders möglich ist. In der Satire kann man nur das machen, was einen selber interessiert, sonst ist man nicht lustig. Wie unterscheidet sich Giacobbo/ Müller hinsichtlich der politischen Satire im Vergleich zu einer deutschen Late-Night-Show?

Unsere Sendung bildet eine andere politische Wirklichkeit ab als in Deutschland. In Deutschland gehen Politiker selten in eine Late-NightShow. Bei uns geht das, weil die Politik breiter verhandelt wird. Sie ist näher an den Leuten, das Land ist kleiner, man hat mehr Auseinandersetzungen. Durch das Referendum haben wir eine viel stärkere Durchmischung mit der Gesellschaft – ich erachte das als einen riesigen Vorteil. Auf jeden Fall haben wir die «Classe-politique» nicht, wie die SVP es ständig behauptet. Das trifft eigentlich nur auf sie selber zu, weil sie permanent Wahlkampf führen (läuft rot an). Die SVP ist eine »Classe-politique», eine neue. Aber sonst sind die Parlamentarier näher an den Leuten. Das heisst aber nicht, dass sie die richtigen Lösungen finden, wie beispielsweise bei den Krankenkassen. Von welchen Gruppen erhalten sie am meisten negatives Feedback? Die bösesten Briefe bekommen wir von religiös-fundamentalistischen Gruppen. Die fühlen sich ständig angesprochen. Sie sind erstens Humorfrei – egal welche Religion – und zweitens sprechen sie immer von Diffamierung, obwohl sie in ihrem Weltbild selber diffamieren. Zum Beispiel Schwule, Unverheiratete, die Sex haben, Verheiratete, die ausserehelichen Sex haben und einfach Leute, die nicht in ihr Weltbild passen. Ein Beispiel ist die katholische Kirche, die hat fundamentalistisches Gedankengut. Zumindest der Papst. So wie der über andere Randgruppen spricht, haben wir noch jahrelang das Recht, über die katholische Kirche herzuziehen.

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Kino & Film

TRATSCHUNDLABER

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Von Sonja Wenger

ainstream ist ja nichts Schlimmes, schliesslich beisst niemand die Hand, die einen mit Futter versorgt. Aber gewisse Fragen lassen sich manchmal schwer verkneifen. Beispielsweise, was denn in dieser Welt genau einen Newswert besitzt und welche Nachrichten es neben beliebter Elendsästhetik, kleingeredeten Verbrechen und dem üblichen Kriegsgedöns noch in die Tagesschau des Schweizer Fernsehens schaffen. Richtig: Es ist der unmöglich-mögliche Bruch von Brangelina. Es ist die Unvorstellbarkeit, die Namen in Zukunft aufbrechen zu müssen. Es ist die Erleichterung, dass auch bei Schönen und Reichen eine Beziehung offenbar in Scherben enden kann, und es ist natürlich die Aussicht, dass das Spielchen «zerbricht die nächste Star-Ehe?» von Neuem anfängt, weil sich Angie nun jemand anderes für ihren Geburts- und Adoptionswahn suchen muss. Allzu schwer dürfte es aber nicht werden, das hat der britische Schauspieler Ricky Gervais bei der Verleihung der Golden Globes vorweg genommen: Mit Stars könne sich jeder identifizieren, und «die armen Kinder dieser Welt» würden beim Anblick von Angelina erfreut ausrufen: «Mummy!». Für die nächste Tagesschau sind demnach weitere durchbrechende News gefragt. Wie wäre es denn damit: Heidi Klumdumm hat seit Ende Januar eine Wachsfigur bei Madame Tussauds in Berlin – unbestätigt ist nur noch, dass man für die Einweihung aus Versehen der Echten ein Tuch übergeworfen hatte und Heidis nervendes Dauergrinsen daraufhin abgebrochen sei. Bestätigt ist, dass Conan O'Brien laut BBC 45 Millionen US-Dollar dafür erhält, dass er die «Tonight Show» aufgibt und Jay Leno die Rückkehr ermöglicht. Gerüchten zufolge sollen beide Showmaster daraufhin in Tränen ausgebrochen sein. In schallendes Gelächter würde mit Sicherheit die US-Klatschpresse ausbrechen, wenn sie wüsste, dass Tiger «Schniedel» Woods laut «Blick am Abend» mit Präsident Barack Obama den «mächtigsten Freund» habe, den es gibt. Alles nur, weil Obama sagte, «dass man Woods bald vergeben wird, da er so viel für den Sport und Amerika getan hat». Böse Zungen wurden kürzlich im Zürcher Albisgüetli gebrochen, als SVP-Urgestein Christoph Blocher wieder gegen «Gutmenschen und Sozialromantiker» wetterte. Als Bundesrat Didier Burkhalter daraufhin von der SVP forderte, sie solle doch «echte Politik betreiben, die auf der Basis von Vertrauen statt Misstrauen aufgebaut ist» – habe sich Blocher vor Wut erbrochen. Und noch mehr Intelligenz könnte sich die Bahn brechen, wenn Wirkung zeigt, worüber «Focus»Herausgeber Helmut Markwort (Pfff!) sprach, als dem Radiosender «egoFM» (Pfff!) erzählte, dass er nun drei bis vier Mal in der Woche einen Termin fürs «Denken» in seinen Kalender schreibt. 36

K INO A KTUELL

Up in theAir Von Sonja Wenger

R

yan Bingham (George Clooney) ist ein Profi. Er ist ein Profi darin, im ganzen Land Leute zu entlassen, wenn deren Vorgesetzte zu feige sind, dies selbst zu erledigen. Er ist ein Profi, wenn es darum geht, dies mit einer Mischung aus gesundem Menschenverstand, psychologischem Instinkt und altmodischer Ehrlichkeit zu tun, damit die Betroffenen ein Mindestmass an Würde wahren können. Und er ist ein Profi, wenn es ums Reisen geht. Bingham ist für seinen Job vier Fünftel des Jahres unterwegs, zieht alles was wichtig ist in seinem Leben im kleinen Businesskoffer hinter sich her und ist in den Businesslounges und Hotels sämtlicher USFlughäfen eher zuhause als in seinem sterilen Appartement. Bingham hat seine Berufung gefunden, ist mit seinem Leben zufrieden, solange er es in der Luft verbringen kann. Er steht kurz vor seiner zehnmillionsten Flugmeile, hält Vorträge über effizientes Reisen und ist der Überzeugung, die wichtigen Fragen des Lebens längst beantwortet zu haben. Man muss kein Filmprofi sein, um zu ahnen, dass sich Binghams Leben in der Geschichte von «Up in the Air» dramatisch verändern wird. Doch es braucht ein paar Filmprofis, um dies so gut zu machen, dass «Up in the Air» ohne Bedenken bereits jetzt als einer der besten Filme des Jahres gehandelt werden darf. Umso mehr erstaunt, dass dies nach «Thank you for smoking» und «Juno» erst der dritte Film von Regisseur Jason Reitman ist, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat. Aber Klasse hat man nun mal oder eben nicht. Und in «Up in the Air» kommt eine ganze Menge davon zusammen. Nicht nur bietet Clooney eine der besten Darstellungen seiner an guten Rollen reichen Karriere. «Up in the Air» ist auch ein Beweis dafür, dass Hollywood sehr wohl intelligente Filme mit Herz und Verstand machen kann, die Charme und Glamour haben, aber genauso mit beiden Beinen im echten Leben stehen. Filme, die das Publikum ohne 3D in eine andere Welt entführen und statt grosses Kino grossartige Dialoge bieten.

Bild: G. Cloony / zVg.

Einige der besten Zeilen in diesem witzigen und berührenden Meisterwerk stammen jedoch nicht von Ryan Bingham. Es sind gleich zwei Frauen, die sein Arbeits- und Lebenskonstrukt durcheinander bringen und die das Publikum an einigen phantastischen Lebenslektionen teilhaben lassen. Zum einen ist da Alex (Vera Farmiga), die das weibliche Pendant zu Ryan darstellt: ständig unterwegs, harte und smarte Businessfrau mit der richtigen Balance zwischen Nähe und Distanz und einer umwerfenden Mischung aus Schlagfertigkeit und Schönheit. Zu Binghams Überraschung schleicht sich zum ersten Mal ein Gefühl der Liebe und der Sehnsucht in sein Leben. Auf beruflicher Ebene wird er von Nathalie (Anna Kendrick) herausgefordert: Frisch aus der Businessschule will sie mit Hilfe von Binghams Chef die Kunst des Entlassens revolutionieren. Das könne in Zukunft auch vom Firmensitz via Videotelefongespräch erledigt werden, was die viele Fliegerei hinfällig werden lasse. Ryan sieht seinen Lebensstil bedroht und protestiert, dass damit noch der letzte Rest an Menschlichkeit verloren gehe, den ein persönliches Entlassungsgespräch bisher mit sich gebracht habe. Und ehe er sich versieht, ist er mit Nathalie unterwegs, um ihr zu zeigen, was an seiner Methode denn so viel besser sein soll. Doch wer nun glaubt, dass «Up in the Air» die ausgelatschten Pfade einer Romanze betritt oder von der x-ten Läuterung eines Zynikers handelt, liegt falsch. Die Auflösung der Geschichte geht tiefer und ist mit mehr dramatischen Wendungen versehen, als es der Aufbau des Films mit seinem ruhigen Erzählrhythmus und den unaufgeregten Bildern vermuten lässt. Ohne grosses Aufheben geht es in «Up in the Air» einfach um alles: Sehnsucht, Liebe, Einsamkeit, Familie, Angst, Verlust, Verzweiflung und Hoffnung – und ganz nebenbei auch noch um den Sinn des Lebens. Der Film dauert 109 Minuten und kommt am 4. Februar ins Kino.


Kino & Film

G ROSSES K INO

Illusionen des Kinos Von Morgane A. Ghilardi – Das Kinoerlebnis im Zeitalter von CGI und 3D Bild: James Cameron und Sigourney Weaver bei den Dreharbeiten zu Avatar/ zVg.

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on Georges Mélliès auf Zelluloid gebannten Bühnentricks zu Science-FictionBlockbustern wie James Camerons «Avatar»: Das Kino hat sich seit seiner Entstehung als Portal zwischen Realität und Phantasie durch unzählige Innovationen stark gewandelt. Am Anfang war das Bild. Es fing an, sich zu bewegen und erlaubte so, nicht nur Alltagsszenen festzuhalten, sondern auch Bühnenillusionen. Obwohl zu Beginn vor allem das Wunder der Technik die Attraktion war, entwickelten sich aus den Kurzfilmen bald mehrstündige Monumentalfilme. Die filmische Erzählkunst wie auch die Perfektionierung der Illusionen, die durch den Film möglich sind, standen immer im Zentrum dieser Entwicklung. Das Unglaubliche, das in der Phantasie der Filmemacher enstand, sollte auf die Leinwand gebracht werden können. Und dann kam der Computer, der die Welt veränderte, und somit auch das Kino. Computer Generated Imagery (CGI) wird heute verwendet, um Bilder zu erschaffen, die es in der echten Welt nicht gibt. Seit im Jahre 1977 in «Star Wars – A New Hope» zum ersten Mal primitive CGI richtig eingesetzt wurde, entwik-kelte sich auch diese Technik und wurde in den 90ern perfektioniert (was man übrigens in Camerons früheren Werken wie «Terminator 2» oder «Abyss» sehen kann). Und voilà: Im Jahre 2009 ensteht «Avatar», der laut IMDB zu 40% aus Live Action besteht und zu 60% aus Photo-Realistic CGI. Photo Realistic CGI heisst, dass alle computergenerierten Elemente – Menschen, Pflanzen, Landschaften etc. – erscheinen, als

ensuite - kulturmagazin Nr. 86 | Februar 2010

seien sie echt und so ablichtbar. Zusätzlich ist der Film in 3D im Kino zu sehen. Die Frage, die sich nun stellt, ist, welchen Effekt diese technischen Wunder auf das Kinoerlebnis haben. Einen Monat ist es bald her, seit ich «Avatar» im Kino gesehen habe, doch die Lebensechtheit der blauen Kreaturen und der wundersamen Vegetation hat sich in meine Erinnerung gebrannt. Für drei Stunden wurde ich auf den Planeten Pandora katapultiert und mitgenommen auf gefährliche Klettertouren durch die Wälder und Gebirge des Planeten. Hätte mir mein Gehirn nicht ständig gesagt, dass es keine sechsbeinigen Panther und fliegende dinosaurierartige Kreaturen gibt, hätte ich meinen Augen völlig getraut. Die Tiefe des Bildes gibt einem das Gefühl völliger Immersion. Was für mich ein mehr als zufriedenstellendes Kinoerlebnis ist, hat aber auch definitive Schwächen. Obwohl man nämlich von den Visual Effects immer wieder überrascht werden kann, ist der Verlauf der Story für jeden durchschnittlichen Filmfan absolut vorhersehbar. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Starregisseur James Cameron sich von Investoren reinpfuschen lassen musste, da immerhin 288 Millionen im Spiel sind, also wurde vielleicht vieles rausgeschnitten, denn Cameron liess sich für das Erzählen gewisser Details ungemein viel Zeit, während der Schluss abgehackt scheint. Ähnliches sieht man in Filmen wie «Star Wars – Episode I-III» oder «Star Trek XI», bei denen auffällt, dass der technische Aufwand, beziehungsweise der kindische Drang der Regis-

seure, möglichst coole Effekte zu präsentieren, Vortritt haben, und die Qualität der Story völlig zweitrangig wird. (Ich sehe den verschmitzten George Lucas vor mir, wie er sich denkt: «Oh ja, lassen wir die Jedis in einem Lavasee kämpfen!») Ist für Science-Fiction-Fans eine längere DVD-Edition die letzte Hoffnung? «Lord of the Rings» von Peter Jackson sollte eigentlich bewiesen haben, das extensive Arbeit mit CGI der Story nicht in die Quere kommen muss. Um also zurück auf die Frage zu kommen, wie sich das Kinoerlebnis verändert, gibt es anscheinend mehrere Antworten. Denn es kommt stark auf die Ansprüche und Erwartungen des Publikums an: Ist eine interressante und originelle Story auch für die Zuschauer zweitrangig (und so scheint es oft, denn zu viele Leute haben «Star Trek XI» zu gut gefunden), dann werden sie mit Camerons und Lucas Filmen weiterhin zufrieden sein. Erwarten sie jedoch beides, werden sie wahrscheinlich immer öfter enttäuscht. Vielleicht müssen wir unsere Ansprüche einfach herunterschrauben und die Fahrt ins Unbekannte geniessen. So sagte Sigourney Weaver zu «Avatar» im Interview mit dem SpaceView: «[...] Sobald du dich in den Kinosessel setzt, wirst du in eine weit entfernte Welt mitgenommen, und das ist wohl etwas, was wir alle lieben.» Avatar ist jetzt in den Kinos. Regie: James Cameron. USA, 2009.

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I NTERMEZZO

Ein «Hm» kommt selten allein Von Isabelle Haklar

N

icht alles deckt sich mit meinem logischen Empfinden. Oft bin ich schon am frühen Morgen mit meiner Logik am Ende. Dies jeweils dann, wenn ich mir bei Migros Gourmessa meinen allmorgendlichen Take-away-Kaffee hole, den ich gewöhnlich mit dem Migros-eigenen Zucritam süsse. Das sind diese winzigen, weissen Tablettchen, die stets zu Zweien in einem kleinen Tütchen stecken – oder eben stecken sollten. Denn auffallend häufig ist dies nicht der Fall. „Wie, nicht der Fall?“, mögen Sie nun denken. Nicht der Fall heisst in diesem Fall, dass das Tütchen zwar ordentlich verschlossen in einer Kiste liegt, doch leider ohne jeglichen Inhalt ist; sprich leer. Hm. Nun gut, ich kann, oder muss in diesem besonderen Fall dann eben meinen Milchkaffe ohne Süssstoff trinken. Mit dem ungesüssten Getränk hetze ich zum Billetautomaten von Bernmobil, wo ich ein „halbes“ Kurzstreckenticket löse. An dieser Stelle möchte ich kurz anfügen, dass ich noch nie besonders stark in Mathe war. Doch dass 1.90 nicht die Hälfte von zwei Franken sind, fällt selbst mir auf. Hm. Nun gut, einen Fahrschein lösen muss ich dennoch und immerhin habe ich zehn Rappen gespart. Da mein Bus morgens nicht in einem Zweiminutenintervall fährt, habe ich noch genügend Zeit eine Zigarette zu rauchen. Gut, dass ich gestern daran gedacht habe, mir am Kiosk ein Streichholzbriefchen zu besorgen. Schade nur, dass keines der Hölzchen einen entflammbaren Kopf hat, sich in meinem Briefchen nur stramm stehende Zündholzkörper befinden. Hm. Nun gut, ich bin ja nicht die einzige, die morgens ihrer Sucht frönt und daher nicht auf meine kopflosen, holzigen Freunde angewiesen.

Nach gerauchter Zigarette, weggeworfenem „halben“ Ticket und ungesüsstem Kaffe, stelle ich am Arbeitsort angekommen fest, dass ich ausnahmsweise in Zimmer Sieben statt Acht eingeteilt bin – was ich eigentlich nicht als Problem erachte. Denn Schlüssel Nummer Sieben hängt, wie auch Nummer Acht, ganz unschuldig in der grauen Schlüsselbox an der Wand. Mit dem Siebner in der Hosentasche eile ich sogleich die Treppe zu Kursraum Nummer Sieben hinunter. Unten angekommen stelle ich dann jedoch fest, dass Schlüssel Nummer Sieben nicht mit dem Schloss der Türe Nummer Sieben harmoniert. Eine Etage höher lasse ich mir dann erklären, dass für Türe Nummer Sieben Schlüssel Nummer Fünf zu nehmen sei.Hm. Nun gut, Hauptsache die Türe lässt sich irgendwie öffnen. Auch nach der Arbeit setzt sich die unlogische Ereigniskette fort, als man mir in der Kornhausbibliothek sagt, dass die –20 Franken auf meinem Ausleihzettel einem Guthaben von +20Franken entsprechen. Hm. Nun gut, zwanzig Franken sind zwanzig Franken, egal wie die gedruckten Vorzeichen stehen. Zuhause angekommen empfängt mich dann eine für diese Jahreszeit etwas kühle Wohnung. Aufgrund dessen begebe ich mich schnurstracks zur Heizung. Doch auch dort widerstrebt etwas meiner Logik. Auf dem Regulierungsknopf ist, „Auf“ und „Zu“, zu lesen, was ja eigentlich Sinn macht. Was jedoch weniger Sinn macht, sind die dazugehörigen Zahlen. Bei „Auf“ steht die Eins und bei „Zu“ die Fünf. Hm. So bin ich dann am Ende des Tages heilfroh, dass sich wenigstens das Nicht-Funktionieren meines Labtops auf eine beinahe unheimlich wirkende, logische Art und Weise erklären lässt: Der Akku ist leer.

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Kommunikationskultur in der Kulturkommunikation

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IMPRESSUM Herausgeber: Verein WE ARE, Bern Redaktion: Lukas Vogelsang (vl); Anna Vershinova, Janine Reitmann (jr, Prakt.) // Heinrich Aerni, Peter J. Betts (pjb), Luca D’Alessandro (ld), Morgane A. Ghilardi, Isabelle Haklar, Guy Huracek (gh), Florian Imbach, Nina Knecht, Ruth Kofmel (rk), Michael Lack, Ursula Lüthi, Irina Mahlstein, Pascal Mülchi, Barbara Neugel (bn), Fabienne Nägeli, Konrad Pauli, Eva Pfirter (ep), Jarom Radzik, Barbara Roelli, Anna Roos, Alexandra Portmann, Karl Schüpbach, Kristina Soldati (kso), Miriam Suter (mis), Willy Vogelsang, Ralf Wetzel, Simone Wahli (sw), Simone Weber, Sonja Wenger (sjw), Gabriela Wild (gw), Ueli Zingg (uz). Cartoon: Bruno Fauser, Bern; Kulturagenda: kulturagenda.ch; ensuite - kulturmagazin, allevents, Biel; Abteilung für Kulturelles Biel, Abteilung für Kulturelles Thun, interwerk gmbh. Korrektorat: Kerstin Krowas Abonnemente: 77 Franken für ein Jahr / 11 Ausgaben, inkl. artensuite (Kunstmagazin) Abodienst: 031 318 6050 / abo@ensuite.ch ensuite – kulturmagazin erscheint monatlich. Auflage: 10 000 Bern, 20 000 Zürich Anzeigenverkauf: inserate@ensuite.ch Layout: interwerk gmbh, Lukas Vogelsang Produktion & Druckvorstufe: interwerk gmbh, Bern Druck: Fischer AG für Data und Print Vertrieb: Abonnemente, Auflage in Bern und Zürich - interwerk gmbh 031 318 60 50; Web: interwerk gmbh Hinweise für redaktionelle Themen erwünscht bis zum 11. des Vormonates. Über die Publikation entscheidet die Redaktion. Bildmaterial digital oder im Original senden. Wir senden kein Material zurück. Es besteht keine Publikationspflicht. Agendahinweise bis spätestens am 18. des Vormonates über unsere Webseiten eingeben. Redaktionsschluss der Ausgabe ist jeweils am 18. des Vormonates (www.kulturagenda.ch). Die Redaktion ensuite - kulturmagazin ist politisch, wirtschaftlich und ethisch unabhängig und selbständig. Die Texte repräsentieren die Meinungen der AutorInnen, nicht jene der Redaktion. Copyrights für alle Informationen und Bilder liegen beim Verein WE ARE in Bern und der edition ensuite. «ensuite» ist ein eingetragener Markenname. Redaktionsadresse: ensuite – kulturmagazin Sandrainstrasse 3; CH-3007 Bern Telefon 031 318 60 50 Fax 031 318 60 51 E-Mail: redaktion@ensuite.ch www.ensuite.ch


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