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Ausgabe Bern 77 Mai 2009 | 7. Jahrgang

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Verfechter der Pataphysik Cantautore Vinicio Capossela

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Kurz und schmerzhaft Versicherungsl端cke im Tanz

Seite 16

Das Buch ist eine Website, die man bindet Literaturfestival Solothurn

Seite 41


freude am essen.

weit raum für gespräche.

blick zeit für zwischentöne.

BERÜHRUNGSPUNKTE

Eine Ausstellung der Carl-Albert-Loosli-Gesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Literaturarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek weitere Informationen: www.palma3.ch

Ich schweige nicht!

DI MI FR 10.00 - 13.00 14.00 - 18.30 DO 10.00 - 13.00 14.00 - 20.00 SA 10.00 - 17.00

Carl Albert Loosli 1877–1959 Schriftsteller 15. Mai bis 30. August 2009 Schweizerische Nationalbibliothek, Bern

MÜNSTERGASSE 47 3011 BERN TEL/FAX 031 312 14 01

schanzeneckstrasse 25, 3012 bern-länggasse montag-freitag: 11-23 uhr www.veranda-bern.ch, reservationen: 031 305 21 80 - wir vermieten schöne sitzungszimmer - «tavolata», 4 mal jährlich 9-gänger am langen tisch - sa und so offen für gesellschaften


Titelseite und Bild links: Vinico Capossela spielt im Kaufleuten Zürich am 12. Mai. Fotos: © Ph. Chico de Luigi

INHALT BÜHNE ehrlich, gewagt und jung 13 | Theatertipp 15 | handgestrickt und massgeschneidert 19 | tanz der gegenwart: folge X 16

CINÉMA Parlez-moi de la pluie 32 | birdwatchers 32 | fighting 33 | kitchen stories 34 | duplicity 35

KULTUR & GESELLSCHAFT Impressum Herausgeber: Verein WE ARE, Bern Redaktion: Lukas Vogelsang (vl); Anna Vershinova (av) // Robert Alther, Jasmin Amsler, Peter J. Betts (pjb), Simon Chen, Luca D‘Alessandro (ld), Sonja Gasser, Isabelle Haklar, Bettina Hersberger, Guy Huracek (gh), Till Hillbrecht (th), Ruth Kofmel (rk), Hannes Liechti (hl), Andy Limacher (al), Irina Mahlstein, Monique Meyer (mm), Barbara Neugel (bn), Eva Pfirter (ep), Tatjana Rüegsegger, Barbara Roelli, Rebecca Panian, Monika Schäfer (ms), Christoph Simon, Kristina Soldati (kso), Tabea Steiner (ts), Antonio Suárez Varela (asv), Willy Vogelsang, Simone Wahli (sw), Konrad Weber, Simone Weber, Sonja Wenger (sjw), Gabriela Wild (gw), Katja Zellweger, Ueli Zingg Cartoon: Bruno Fauser, Bern; Telefon 031 312 64 76 Kulturagenda: kulturagenda.ch; ensuite - kulturmagazin, allevents, Biel; Abteilung für Kulturelles Biel, Abteilung für Kulturelles Thun, interwerk gmbh. Korrektorat: Lukas Ramseyer, Monique Meyer Abonnemente: 77 Franken für ein Jahr / 11 Ausgaben, inkl. artensuite (Kunstmagazin) Abodienst: 031 318 6050 / abo@ensuite.ch ensuite – kulturmagazin erscheint monatlich. Auflage: 10‘000 Gesamtauflage 30‘000 (Bern und Zürich) Anzeigenverkauf: inserate@ensuite.ch Layout: interwerk gmbh: Lukas Vogelsang Produktion & Druckvorstufe: interwerk gmbh, Bern Druck: Fischer AG für Data und Print Vertrieb: Abonnemente, Gratisauflage an 350 Orten im Kanton Bern; passive attack, Telefon 031 398 38 66 Web: interwerk gmbh Hinweise für redaktionelle Themen (nicht Agendaeinträge!) erwünscht bis zum 11. des Vormonates. Über die Publikation entscheidet die Redaktion. Bildmaterial digital oder im Original senden. Wir senden kein Material zurück. Es besteht keine Publikationspflicht. Agendahinweise bis spätestens am 18. des Vormonates über unsere Webseiten eingeben. Redaktionsschluss der Ausgabe ist jeweils am 18. des Vormonates. (siehe www.kulturagenda.ch) Die Redaktion ensuite - kulturmagazin ist politisch, wirtschaftlich und ethisch unabhängig und selbständig. Die Texte repräsentieren die Meinungen der Autoren/innen, nicht jene der Redaktion. Copyrights für alle Informationen und Bilder liegen beim Verein WE ARE in Bern und der edition ■ ensuite. «ensuite» ist ein eingetragener Markenname. Redaktionsadresse: ensuite – kulturmagazin Sandrainstrasse 3 CH-3007 Bern Telefon 031 318 6050 E-Mail: redaktion@ensuite.ch

ENSUITE IM MAI ■ Wegen der Krise grübeln auch Journalisten über die Qualitätsfrage in den Medien. Das ist ganz gut so. Ich finde, wir müssen uns generell neu mit dem Zustand unserer Lebensqualität auseinandersetzen. Da war ich mal wieder in einer HollywoodFilmpremiere zugegen und ging mit einem Frust aus dem Kino. Ist dies das Ergebnis der Drehbuchautoren-Streiks vom letzten Jahr? Konnten die nicht warten mit der Veröffentlichung, bis der Film ein Film ist? Müssen wir nun stundenlang leere und schlechte Geschichten mit fantastischen Effekten ansehen? Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig Aufmerksamkeit die künstlerischen Umsetzungen bei Millionenbudgets erhalten. Wenn man daneben Kleinproduktionen ohne Budgets vergleicht, kommt man ins Grübeln. Und diese Qualitätssache gilt für unsere Stadttheater, Opern und Festivals ebenso wie für die Post, die Telefonleitungen, Computer und Autos. Selbst mein Deodorant ist unterdessen billig geworden und der Joghurtbecher suggeriert, mehr drin zu haben. In Hochglanz und falscher Wichtigkeit wird mir die Welt zu Füssen gelegt. Doch darin zu Leben macht wenig Spass, es ist billig geworden. Kein Wunder, reagiert die Jugend mit dem Knockout und die Menschenmasse gar nicht. Ein bisschen Herzblut kann Wunder bewirken. Das ist unbezahlbar. Und doch dreht sich auch im Kulturellen die Frage erst mal um Geld. Wer für welche Arbeit wieviel Geld erhält. Was unbezahlt ist, gleicht Unprofessionellem – Qualität hat in erster Linie einen Preis. Dabei wird uns täglich das Gegenteil demonstriert. Doch geniessen wir den unspektakulären-spektakulären Frühling. Es ist, als hätte das Jahr erst angefangen. Die Lebensgeister steigen aus dem Keller und vor allem das Herzblut kommt in Wallungen. Machen wir also daraus unseren eigenen Film, mit einem Drehbuch, welches uns nicht langweilt. Lukas Vogelsang Chefredaktor

hofgesang – wenn hinterhöfe besungen werden 4 | im eisernen käfig des wandels - vom theater alltäglicher zumutung und seinen stillen exits 5 | zwischen bayern und bern – #1: sport 6 | von menschen und medien / fauser cartoon 29 | insomnia 33 | tratschundlaber 35 | er hat sich immer standhaft 42 | alles zufall oder was? 43 | senioren im web 44 | alles bahnhof 44 | getrübte wässerchen 45

LIFESTYLE bauchtraining 31 | willkommen im modelabyrinth der gesellschaft 39

LITERATUR filosofenecke 19 | beyerlein, littell, heinrich 40 | professionell, wohltemperiert 41 | lesezeit 45

MUSIK «in dreams begins responsibility» 7 | symbiose aus eleganz und easy-listening 9 | tânia maria oder die musik als lebenselixier 10 | der nachfolger von herbie hancock 11 | «die stimme – echo der vision» 12 | japan hilft, london ist besser 21 | wo emotionen und akustische raffinesse zusammentreffen 22 | die suche nach dem neuen, unbequemen ton 23 | a tribute to fabian kuratli 25 | unter dem dach die regenbogen 26 | cd-tipps 27

KULTURAGENDA kulturagenda bern 47 | biel 66 | thun 70

Mit Dank für die finanzielle Unterstützung:

www.ensuite.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

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Kultur & Gesellschaft

KULTURTATORTE

hofgesang – wenn hinterhöfe besungen werden Von Barbara Neugel Bild: Hohlstr. 110, Zürich, Chor der HMT Winterthur ■ Hinterhöfe. Mitunter bieten sie ein trauriges Bild. Sie sind Abstellplätze für Müllcontainer, Autos, Fahrräder, fahrtüchtige und andere, Gartengeräte; und sie laden ein, Abfall achtlos hinzuwerfen. Es gibt Asphaltwüsten in Hinterhöfen, aber auch ungenutzte Grünflächen mit Bäumen und Sträuchern. Auch Überraschungen sind möglich. Hinter langen, grauen Hausfassaden liegen oftmals kleine Idyllen und fristen ihr unbeachtetes Dasein. Manchmal werden sie von Kindern zum Spielen benutzt, vielleicht sitzt auch ab und zu jemand unter einem Baum und liest, oder es steigt an einem schönen Sommer-Samstagabend ein Gartenfest. Für gewöhnlich jedoch sind Hinterhöfe kaum ein interessantes Thema. Früher waren die Hinterhöfe Werkhöfe. Da wurde gearbeitet, angepflanzt, Wäsche aufgehängt, da wurden Teppiche geklopft. In den 50er-Jahren entstanden in den Hinterhöfen mehr und mehr Parkplätze für Autos. Ein wichtiger Arbeits-, Begegnungs- und Lebensraum ging damit verloren. Niemand hielt sich länger im Hof auf als nötig. Wenn man bedenkt, dass Innen- und Hinterhöfe in einer Stadt einen Anteil von 25 bis 30 Prozent des gesamten Stadtraums einnehmen, so wird ersichtlich, wie viel Raum mehr oder weniger ungenutzt bleibt. Und das bedeutet für die Bevölkerung einen Verlust von Lebensqualität. Ganz abgesehen von den Immissionen, die von Autos verursacht werden – Abgase, Motorenlärm, Geräusche vom Türenschlagen. Das kann bis zu Nachtruhestörung führen. Ausserdem sind die doch meist düsteren Hinterhöfe nicht nur abweisend und trostlos, sondern oft auch unheimlich. Sie wirken dadurch gefährlich und werden mitunter für Geschäfte genutzt, die das Licht scheuen. Sie werden zu Unorten. Eigentlich schade drum. Aus allen diesen und weiteren Überlegungen und der Tatsache, dass eine MieterInnen-Umfrage in Zürich ergeben hat, dass die Qualität der Nachbarschaftsbeziehungen wesentlich von der Nutzungsart der Höfe beeinflusst ist, ist das Projekt HOFgesang entstanden. In diesem Projekt geht es darum, die Bedeutung der Innen- und Hinterhöfe 4

aufzuwerten, sie zu Erholungs- und Begegnungsräumen zu machen und damit die Wohn- und Lebensqualität in der Siedlung, im Quartier, in der Stadt allgemein zu verbessern. Sobald sich die HausbewohnerInnen mit dem Thema Hinterhof auseinanderzusetzen beginnen, wird Kommunikation nötig. Es entsteht eine Gemeinschaft, man lernt sich kennen, bezieht sich gegenseitig mit ein. Bei der Arbeit an dieser gemeinsamen Sache bildet sich eine Identifikation mit dem Wohnort, und es ist nicht mehr egal, was im Hof geschieht. Das Projekt HOFgesang will AnwohnerInnen und eine interessierte Öffentlichkeit dazu bringen, den aktuellen Zustand der Höfe und ihr Potenzial als Lebensraum wahrzunehmen und nachbarschaftliche Beziehungen herzustellen und zu pflegen. Als geeignetes Mittel dazu dient der Chorgesang. Chöre und Schulklassen besingen nacheinander einen einladenden, schönen und anschliessend einen benachbarten unwirtlichen Hof, den die Singenden in Begleitung des Publikums besuchen. Dieses Vorgehen macht den Kontrast direkt hör-, sicht- und spürbar. Die Vortragsdauer sollte zwischen 15 und 30 Minuten liegen. Die Höfe werden in Absprache mit den Eigentümern und der Mieterschaft gewählt, die ausgewählten Stücke aus dem jeweiligen Repertoire sollten sich für eine Aufführung im Freien eignen. Ein Flier zur Ankündigung des HOFgesangs in der ausgewählten Siedlung macht den Auftritt perfekt. Mit dem HOFgesang will das Projekt auch die Vielfältigkeit des Chorschaffens einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen und den direkten Kontakt von Bevölkerung und SängerInnen ermöglichen. Ein weiterer Aspekt ist auch die Sensibilisierung der Jugend für Gesang und Musik allgemein. Angefangen hat HOFgesang in Zürich mit dem 1. Zürcher HOFgesang 2006. Der 2. Zürcher HOFgesang fand 2008 statt und der 3. HOFgesang ist in Zürich für den Frühsommer 2010 geplant. Pünktlich zum Europäischen Nachbarschaftstag am 26. Mai 2009 startet der 1. Berner HOFgesang. Gesungen wird bis am 10. Juni 2009. Ein Pro-

gramm besteht bereits, Interessierte – Chöre und Schulklassen – können sich aber bis zum letzten Moment anmelden. Alle dazu nötigen Informationen finden InteressentInnen im Internet (Adresse siehe unten). Andreas Diethelm, eine der Kontaktpersonen des Projekts HOFgesang, erzählt mit Begeisterung von der tollen Sache des HOFgesangs. Alle Chöre, die bisher mitgemacht hätten, seien begeistert und wollten immer wieder mitmachen. Die Städte brauchten allerdings lange für die Begeisterung, stellt er fest. Es sei auch nicht einfach, das Anliegen differenziert herüberzubringen. Anliegen des Projekts sei es, den Leuten die Hinterhöfe zur Pflege zu empfehlen, und dies nicht mit zu starkem didaktischem Drall, sondern im Sinne eines Impulses, sich der Höfe anzunehmen und damit verlorenen Lebensraum in Wohnungsnähe zurückzugewinnen. Alle sollen es so machen, wie es ihnen Spass mache, Hauptsache sei, meint Diethelm, dass sie es machten. Wichtig sei es auch, nicht nur die MieterInnen mit einzubeziehen, sondern auch die Hauseigentümer und die Verwaltungen. Das bedinge, dass man zusammensitze und bespreche, was man machen wolle. Diethelm hält fest, dass es auch ein Projekt sei zur Förderung des Gesangs, sei es zur Gewinnung neuer SängerInnen, sei es zur Überraschung von Leuten, die nicht in Konzerte gingen. Das Projekt hat also nicht nur einen städtebautechnischen Aspekt, sondern auch einen soziokulturellen: Gemäss Andreas Diethelm geht es um Integration, Kennenlernen der Nachbarn – und damit vielleicht auch anderer Kulturen. Und übrigens: In Zürich haben 3 500 SängerInnen mitgemacht und mehr als 100 Hinterhöfe besungen. Der HOFgesang ist eine umweltfreundliche Angelegenheit: Es gibt keinen zusätzlichen Verkehr, keinen Abfall, keinen Rambazamba, keine Lärmimmissionen. Gesungen wird a cappella. Und Gesang verklingt.

Info: www.hofgesang.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09


Kultur & Gesellschaft

KULTUR & GESELLSCHAFT

im eisernen käfig des wandels - vom theater alltäglicher zumutung und seinen stillen exits Von Ralf Wetzel - Ein Bericht über eine einzigartige Wissenschafts-Beratungs-Theater-Kooperation in Bern Bild: André Kozik, Chemnitz (D) ■ Wir leben offenkundig in veränderungsversessenen Zeiten. Selten zuvor wurde so nach Wandel, nach Innovation, nach Abweichung gerufen wie heute. Kann man sich noch vorstellen, dass (gerade jetzt) ein neu berufener Manager (unabhängig ob in einer Hochschule, einem Unternehmen, einem Krankenhaus oder einer Armee) auf dem ersten Meeting verkündet, er liesse alles beim Alten? Kann man sich noch vorstellen, dass eine Organisationsberaterin nach eingehender Diagnose von Problem, Struktur und Kultur der betroffenen Organisation ihren Dienst mit dem Statement quittiert, es sei alles bestens? Diese Versessenheit reicht vielfach bis in die letzten Zipfel unseres Alltags hinein. Es existiert kaum noch eine alltägliche Situation, in der nicht irgendjemand sagen könnte: «So geht das aber nicht, wir müssen etwas tun!» Und schlimmer noch. Sobald jemand Einspruch erhebt, vor Verlusten warnt, oder auch nur zur Vorsicht mahnt, wird dies allzu oft als «Widerstand» interpretiert, der Erklärungsbedarf, ja oft sogar Angriffswut und Verteidigungshaltungen erzwingt. Dabei versichern wir uns laufend, wie gut wir im Stande sind, ihn, den Wandel, zu gestalten. Das nennt man dann Changemanagement. Oder ihn vorwegzunehmen: Das nennt man dann Prävention. Mit etwas Distanz jedoch entsteht nicht selten der Eindruck, als ob nicht wir den Wandel, sondern er uns gestaltet. Wir hecheln laufend einem seltsam stilisierten Veränderungsmythos nach und übersehen dabei allzu gern, wie sehr er uns über genau dieses Muster fest im Griff hat. Er, den wir mit allerlei Rhetorik in dieser Präsenz und Rasanz selber erst erzeugen. Das nennt man dann selbsterfüllende Prophezeiung. Oder kürzer: Illusion. Das Fatale daran ist, dass wir den Terror der alltäglichen Zumutung des Wandels - vor allem in Organisationen - in vielen Fällen gar nicht mehr als etwas Besonderes oder gar Vermeidbares beobachten. Laufend gibt es Umstrukturierungen, Einführung ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

von neuen Konzepten, Moden und Tools, Auftritte der nächsten Organisations-, IT-, Kommunikationsberater, etc. All dies beeinflusst unseren Arbeitsalltag. Man schafft es kaum noch, damit einen reflektierten Umgang zu finden, geschweige denn, dem zu entkommen. Man steckt im Käfig — der vom Ergebnis her betrachtet nicht selten einem Laufrad für Hamster gleicht. In diesem Käfig stecken wir mittlerweile fast alle, wir sind durchweg betroffen. Man muss mittlerweile schon einige Verfremdung und Verdichtung erzeugen, um auf die oft anzutreffende Absurdität dieses alltäglichen Theaters noch aufmerksam zu werden und um nach vernünftigen Auswegen zu suchen. Einen derartigen verfremderischen und verdichteten Weg hat eine junge, grenzüberschreitende Kooperation von Wissenschaftlern, Beratern und Künstlern gefunden. Die Kooperation zwischen der Hochschule der Künste Bern (HKB), dem Beratungsunternehmen FESTO Didactic (D) und dem Kompetenzzentrum Unternehmensführung der Berner Fachhochschule nähert sich dem Alltag des Wandels, indem sie genau die Alltäglichkeit auf eine Bühne holt, als Theater inszeniert. Dabei treten nicht nur die unmittelbar Beteiligten, sprich die Mitarbeitenden auf. Auch die «Change-Agenten» - Beratung und Wissenschaft -, die nur temporär auftreten oder ihn komplett aus dem Hintergrund heraus betreiben, kommen zum Vorschein. Oder nein, auch sie werden inszeniert. Schauspielstudierende der HKB inszenieren dabei unter der Regie von Stefan Saborowski typische alltägliche Szenen aus dem betrieblichen Veränderungsprozess einer mittelständischen Firma. Diese Szenen werden von einem Berater (Holger Regber, Festo) und einem Wissenschaftler (Ralf Wetzel, BFH) zugespitzt, zuweilen überzeichnet, kommentiert. Klar wird dabei, wie beschränkt, zumindest wie begrenzt die Sichtweisen aller drei Beoachtungswelten, wie hoch die systematischen Hürden eines Verstehens, wie fern die Möglichkeit

eines effektiven Zusammenarbeitens sind. Die Alltäglichkeit des Scheiterns von Veränderungsvorhaben tritt ebenso unmissverständlich hervor und wird buchstäblich einsichtig wie die merkwürdig rhetorische Überdeckung dieses Scheiterns durch alle Beteiligten. Aber scheinbar sind es genau diese euphemischen, rhetorischen Überdeckungen des Scheiterns, die auf kleine «Exits» aus dem Käfig hindeuten. Vielleicht hat der harte Change-Käfig hier und da brüchige Stellen, eher stille, fast subkutane, über die man sich heimlich und wenigstens für kurze Zeit aus dem Staub machen kann. Diese Exits kann man - so die Hoffnung auch in dieser Kooperation – gezielter suchen und finden, auch um allen Beteiligten Atempausen, und sei es nur für den Moment eines Schmunzelns, zu gestatten. In Bern kombiniert sich die dafür notwendige Lust mit vielversprechenden Ansätzen, auf allen drei Seiten. Die Kunst-Wissenschaft-Consulting-Kooperation wurde im Rahmen von «Sweet’n’Sour», einer Veranstaltungsreihe des Kompetenzzentrums Unternehmensführung, Ende Februar aufgeführt und mit den über 30 Teilnehmenden angeregt diskutiert. In Kürze wird auf Youtube ein Kurzvideo darüber zu sehen sein. Nachlesen kann man grosse Teile der Inszenierung im Buch «To Change or not to Change – Über die wunderliche Wirklichkeit des Wandels in Organisationen» von Ralf Wetzel, Holger Regber und Gudrun Stahn, das 2008 im Versus Verlag erschienen ist. Weitere dieser anregenden Inszenierungen sind geplant, Buchungen für Seminare, Coachings und Tagungen beziehungsweise Veranstaltungen sind problemlos möglich. Interessierte können sich direkt an Ralf Wetzel (ralf.wetzel@bfh.ch oder 031 848 44 28) wenden oder auf den Seiten des Kompetenzzentrums unter www.unternehmensfuehrung.bfh.ch auf dem Laufenden halten. 5


Kultur & Gesellschaft ANDERE WELTEN

zwischen bayern und bern – #1: sport Von Hannes Liechti (München) und Pablo Sulzer (Bern) Bilder: Jonathan Liechti ■ YB schlägt den FCB. Zwar nicht den bayerischen FCB, doch immerhin den Krösus des Schweizer Fussballs. Der Cup-Fight zwischen den Berner BSC Young Boys und dem Titelverteidiger FC Basel, ausgetragen auf bernischem Terrain vor über 30‘000 Sportbegeisterten, war eine Demonstration für die pulsierende und stolze Sportkultur der Schweizer Hauptstadt. Doch möchte ich das Interesse und die Begeisterungen für den Sport in Bern nicht reduziert auf den Fussball aufzeigen. Denn dies wäre nicht die ganze Wahrheit. Bern hat einen Weltmeister. Der Radsportler Fabian Cancellara fährt an den Olympischen Spielen Nationen wie Spanien, Schweden und den USA davon und gewinnt souverän Gold. Er steht für diesen verbissenen Kämpfer, der alles auf die Karte Sport setzt, ohne je von seinem Ziel abzuweichen. So sieht man auch auf den Strassen Berns oft ihm nacheifernde Radler, die den Ehrgeiz förmlich auf das verschwitzte Gesicht geschrieben haben. Dass Fabian nicht der einzig erfolgreiche Berner Radsportler ist, zeigen die Leistungen der heimischen Radclubs. Der RRC Bern hat an der aktuellen Türkei-Rundfahrt mit David Loosli einen äusserst erfolgreichen Sportler im Kader, vielversprechend für den Radsport der Marke Bern. Bern hat die treuesten Fans Europas. Der Schlittschuhclub Bern hat im Eishockey europaweit den höchsten Zuschauerschnitt, und dies seit Jahren. Der Stolz über die grenzüberschreitenden Verdienste des Eishockey-Clubs ist riesig, auch wenn dieser nicht immer offen gelebt wird. Dieses Jahr musste der Klub zum wiederholten Mal frühzeitig seine Meisterträume begraben, doch die Eishockey-Begeisterung wird auch zu dieser warmen Zeit noch spürbar sein. Nach einer fröhlichen Fussball-EM letzten Sommer steht die Eishockey-WM vor der Berner Haustür. Bern ist sportlich vielseitig. Vor allem im Sommer sieht man den Enthusiasmus für die kleinen, aber feinen Sportarten. An der Aare – sei es im Marzili, Eichholz oder sonstwo – trainiert der Nachwuchs der olympisch-erfolgreichen Beachvolleyballer fleissig an seinen Ballfertigkeiten. Nebenan werfen Championsleague-Sieger und Freestyler ihre Frisbees, ohne den Boccia- oder Schachspielenden in die Quere zu kommen. Diese spielen zwar nicht nackt, doch trotzdem mit reichlich Körpereinsatz. Es gäbe noch zahlreiche Beispiele, wieso Bern eine sportbegeisterte Stadt ist. Schweizer Volleymeister, Schweizer American-Football-Meister, Schweizer Obdachlosen-Strassenfussballmeister – eindeutig ein eindrückliches Stadtpalmarès. YB wird zwar den grossen FCB aus München wahrscheinlich nie schlagen können, doch unsere vielen Meistertitel leisten genügend Trost, um locker darüber hinweg zu sehen. 6

■ In der 6-teiligen Serie «Zwischen Wiesn und Gurten» berichtet ensuite – kulturmagazin jeden Monat exklusiv aus München und parallel dazu aus Bern. Dabei werden Themen wie Sport, Leben&Leute und Essen&Trinken aufgegriffen. Weniger als Vergleich konzipiert, sondern viel mehr als Gegenüberstellung, soll der/die LeserIn selbst zu einem individuellen Fazit über die kulturelle Vielfältigkeit der beiden europäischen Städte gelangen. Soviel vorab: Wahrlich keine einseitige oder eindeutige Angelegenheit. Ausblick: #2 im Juni: Essen & Trinken

■ Dass in München in sportlicher Hinsicht in erster Linie der Fussball regiert, liegt auf der Hand. Auch trotz momentanem Formtief von Bayern München. So sind in den zahlreichen Parks zu Frühlingsbeginn bereits zahlreiche MöchtegernLuca-Tonis zu sehen. Auf der Suche nach anderen Sportarten geht’s mit dem Radl Richtung Innenstadt. Obwohl München mit hervorragenden Radwegen ausgestattet ist, befinden sich die meisten Drahtesel wohl noch im Winterschlaf. Der Radverkehr hält sich nämlich absolut in Grenzen. Und auch sonst scheint wenig los zu sein: Hier und da erblickt man einen Jogger, einen kleinen Skatepark und entlang der Theresienwiese eine Familie auf Inlineskates. Das war wohl eine Trainingsfahrt für eine der Münchner BladeNights, die bald wieder stattfinden. Dabei werden jeden Montagabend gewisse Strassenzüge für den Verkehr gesperrt und tausende Skater jagen durch die Strassen. Zurück zu unserem Rundgang: Interessant wird es erst im Englischen Garten. Auf den Liegewiesen wird Frisbee und Volleyball gespielt, teilweise auch unbekleidet. Viele Münchner, vorwiegend ältere Männer, betrachten es nämlich als Sport, sich nackt im Englischen Garten zu zeigen, was auch niemanden zu stören scheint. Auf einem kleinen See treiben Ruderboote, und Reiter mit ihren Pferden galoppieren mitten durch die riesige Parkanlage. Zahllose Jogger eifern gegenseitig um die Wette - ob mit oder ohne Kinderwagen und Hund spielt dabei keine Rolle. Auf dem Eisbach, einem kleinen Nebenarm der Isar, entdecke ich schliesslich einige Surfer, die auf den circa ein Meter hohen Wellen ihr Können zeigen. Zum Schluss geht der Rundgang in den Olympiapark, das Sport-Mekka Münchens schlechthin. Anlässlich der Olympischen Sommerspiele von 1972 errichtet, lebt der olympische Geist innerhalb des Parks und den darin liegenden Sportanlagen weiter. Hier wird noch fleissiger gejoggt, und auch einige Mountainbiker geniessen die wunderbare Aussicht und den Sonnenuntergang auf dem Olympiahügel. München bietet für fast jede Sportart eine Nische. So zum Beispiel der Hofgarten für die BouleSpezialisten. Und auch an Wettkämpfen fehlt es nicht: Der Münchner Stadtlauf und der MünchenMarathon etwa bieten Joggern eine alljährliche Gelegenheit, ihre Sportart in ein Gemeinschaftserlebnis zu verwandeln. Trotzdem: Die Sportstadt München erweist sich weit unspektakulärer als erwartet. Abgesehen von den Surfern und dem Inlineskating mögen die Münchner das Normale, spielen Fussball und joggen oder scheinen es grundsätzlich zu bevorzugen, in einem Biergarten zu sitzen und dem Trinksport zu frönen. ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09


Do, 07.05.09, 19h30 Fr, 08.05.09, 19h30 Kultur-Casino Bern

...wenn eine Geigerin verzaubert

KLASSISCHE MUSIK

«in dreams begins responsibility»

(Zitat wird B. Yeats zugeschrieben)

Von Gwendolyn Masin - Das Gaia Kammermusikfestival lässt Träume wahr werden ■ Musik ist eine Art der Kommunikation, die Grenzen zum Schmelzen bringen kann. Schon seit vielen Jahren träume ich davon, diese Überzeugung zu vermitteln. Bei meiner Suche nach einem Podium, wo dies durchgehend erlebt werden kann, beschloss ich, etwas Eigenes zu schaffen: Das Gaia Kammermusikfestival, das 2006 bei Stuttgart ins Leben gerufen wurde, wo es zwei Jahre in Folge stattfand. Es ist Nährboden für neue Ideen und Impulse. Es soll nicht nur den Musikern und Künstlern eine intensive Erfahrung bieten, sondern insbesondere auch dem Publikum einen erfrischenden Zugang zur klassischen Musik ermöglichen. Ziel des Gaia Kammermusikfestivals ist es, einen Ruhepol inmitten einer hektischen Welt darzustellen, an dem die Innehaltenden durchatmen und Kraft schöpfen können, und zudem eine Liveerfahrung zu schaffen, die den Einzelnen mit ihrer Energie noch lange nach dem Ausklingen des Schlussakkords bewegt. 2009 kommt das Gaia Kammermusikfestival zum ersten Mal in die Schweiz. In der Stadt Thun, inmitten der Alpen, am flüsternden Wasser gelegen, hat es den idealen Gastgeber gefunden. Ich habe meine Freunde eingeladen, sich eine Woche vor Beginn des Festivals in Thun einzufinden. Kennengelernt habe ich sie im Studium, auf meinen Konzerttourneen, durch gemeinsame Projekte oder bei deren Konzerten. Alle Ausführenden werden in der Vorbereitungsphase des Festivals zusammenleben und arbeiten, sowie in verschiedenen Formationen bekannte Stücke des klassischen Repertoires und weniger bekannte Perlen der Musik einstudieren. Es sind siebzehn professionelle Musiker, allesamt Meister ihres Fachs, die aus den Niederlanden, Frankreich, Luxemburg, Deutschland, Russland, Israel, Irland und selbstverständlich der ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

Schweiz kommen. Sie alle haben mich inspiriert und ihre Sichtweise auf unseren Beruf hatte enormen Einfluss auf meine eigene Weltsicht und Spielweise. Diese jungen Menschen haben einen besonderen Beitrag zur Welt der Musik geleistet. Sie haben die ausgetretenen Pfade verlassen, weil sie dem Publikum ihre Musik auf innovative Weise darbieten wollen. Einige von ihnen haben alles Bekannte auf den Kopf gestellt und sich von den Zwängen und Erwartungen anderer frei gemacht. So zum Beispiel der Cellist Gavriel Lipkind, der eine preisgekrönte CD mit allen Solo-Suiten Bachs herausgegeben hat. An eine solch monumentale Aufgabe würden sich die meisten Musiker unter Dreissig nicht heranwagen. Darüber hinaus hat er dies mit seinem eigenen Label realisiert. Nicht, dass die Plattenfirmen nicht interessiert gewesen wären, doch er wollte zu jedem Zeitpunkt der Produktion seine künstlerische Freiheit kompromisslos ausleben dürfen. Oder der Klarinettist Don Li. Der ausgebildete Jazzmusiker hat sich in der Welt der Musik den Ruf eines Pioniers erworben und gilt als Erfinder der «Tonus-Music», einem auf das Wesentliche reduzierten Kompositionsstil. Das einzige Konzert des Festivals, das nicht auf klassischer Musik basiert und sich dennoch an die Form der Kammermusik hält, wird von Mitgliedern seines Kollektivs gegeben. Unter ihnen befindet sich Ania Losinger, die ihre eigenen Instrumente entwickelte, als sie sich nicht mehr durch die existierenden Möglichkeiten ausdrücken konnte. Mit grazilen Bewegungen spielt die ausgebildete Flamencotänzerin das Bodenxylophon Xala mit Füssen und Holzstöcken. Ich habe dieses Konzert ins Programm genommen, damit die Zuhörer eine neue, aufregende Musikrichtung kennenlernen können. Alle Proben sind öffentlich und lassen den direkten Kontakt mit dem Entstehungsprozess und

Goetz / Mendelssohn / Mozart

Andrey Boreyko Dirigent

Patricia Kopatchinskaja Violine

So, 17.05.09, 14h00 Kultur-Casino Bern

Konzert mit Hindernissen Familienkonzert

Berner Symphonieorchester

Gogol & Mäx Musikclowns

Christoph Wyneken Dirigent

Für nur CHF 12.ins Konzert mit den:

Last-Minute-Tickets Für Schüler, Lehrlinge & Studenten. Erhältlich ab 10 Minuten vor Vorstellungsbeginn an der Abendkasse im Kultur-Casino.

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Musik

Paul Bley – Solo Piano Concert Freitag, 29. Mai 2009 19.30 Uhr, Konzertsaal Kartenverkauf KKL Luzern, Mo–Fr 13 –18.30 Uhr, Sa / So 10 –17 Uhr fon +41 41 226 77 77, www.kkl-luzern.ch Information www.kkl-luzern.ch

Paul Bley, © Foto: Carol Goss

den Musikern zu. Dieser Grundsatz der offenen Tür gilt umso mehr während des Festivalwochenendes, wenn sich Musiker und Zuhörer mischen und bei einem Drink in den Pausen und nach den Konzerten Gelegenheit zum Gespräch erhalten. All dies wurde mir ermöglicht durch den Berner Architekten Christoph Ott, den ich bei einem meiner Konzerte kennenlernen durfte. Unterstützt von einem unermüdlichen Komitee schaffen wir beide mit dem Gaia Kammermusikfestival ein Gebilde, das sowohl abstrakt als auch konkret ist. Da mir bei der Konzeption des Festivals so wunderbar freie Hand gelassen wurde, kann es ständig erweitert werden. Wir haben auf dem Fundament einer soliden Organisation etwas entstehen lassen, das durch seine Liebe zum Detail besticht. Die Ausführenden des Gaia Kammermusikfestivals möchten die unsichtbare, jedoch deutlich spürbare Wand niederreissen, die bei musikalischen Darbietungen so rasch zwischen Musiker und Publikum entsteht. In diesem Sinne hoffe ich, dass Freude und Spannung der Musik im ständigen Austausch zwischen Übermittler und Zuhörer unmittelbar erlebt werden können. Möge die Erinnerung an dieses Ereignis uns bis zum Festival 2010 in unseren Träumen begleiten. Infos, Konzertdaten und Kartenbestellung unter www.gaia-festival.ch oder www.ticketcorner.com

Gaia Kammermusikfestival 15. bis 17. Mai an verschiedenen Orten in Thun. Freitag, 15. Mai, 19:00h Rittersaal, Schloss Thun Wolfgang Amadeus Mozart: Trio Es-Dur KV 498 «Kegelstatt» Felix Mendelssohn Bartholdy: Klaviertrio d-Moll op. 49 Gabriel Fauré: Klavierquartett c-Moll op. 15 Nr. 1 Samstag, 16. Mai, 19:00h Theater Alte Oele, Thun Sergei Rachmaninow: Streichquartett Nr. 1 (unvollendet), Romanze und Scherzo Anton Arensky: Streichquartett Nr. 2 a-Moll op. 35 Johannes Brahms: Klarinettenquintett h-Moll op. 115 Samstag, 16. Mai, 22:00h Theater Alte Oele, Thun Tonus Music – Verzahnung der Künste Rhythmusbetonte Kammermusik in aussergewöhnlicher Besetzung Don Li: Part 87, Thirty Combinable Lines

Sonntag, 17. Mai, 11:00h Schloss Oberhofen, Oberhofen Ludwig van Beethoven: Streichtrio c-Moll op. 9 Nr. 3 Antonín Dvorák: Streichquartett F-Dur op. 96 (B 179), «Amerikanisches» Sonntag, 17. Mai, 19:00h Rittersaal, Schloss Thun Sergei Prokofjew: Ouvertüre über hebräische Themen c-Moll op. 34 Robert Schumann: Klavierquintett Es-Dur op. 44 Franz Schubert: Streichquintett C-Dur D 956 (op. posth. 163)

Gwendolyn Masin entstammt einer traditionsreichen Musikerfamilie aus Mittel- und Osteuropa. Seit mehr als zehn Jahren lebt sie in Bern, wo sie sich durchschnittlich die Hälfte des Jahres aufhält. Obwohl sie durch ihren Beruf als Violinistin zeitlich stark eingebunden ist, bereitet es ihr besondere Freude, einen Beitrag zum öffentlichen Leben in der Schweiz zu leisten, dem Land, dessen Bewohner sie mit offenen Armen aufgenommen haben. Somit ist das Gaia Kammermusikfestival auch ihre ganz persönliche Art, Danke zu sagen.

ensuite Kulturwoche ensuite Kulturwoche ensuite Kulturwoche

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Musik

JAZZFESTIVAL BERN

symbiose aus eleganz und easy-listening Von Antonio Suárez Varela und Luca D’Alessandro Bilder: zVg ■ In einem Jahr feiert er seinen achtzigsten Geburtstag – der afroamerikanische Jazz-Pianist aus Pittsburgh, Pennsylvania, Frederick Russel Jones, der 1952 zum Islam konvertiert und den Namen Ahmad Jamal annimmt. Während er in den Fünfzigern und Sechzigern bei den Kritikern kaum Beachtung findet, wissen seine Zeitgenossen aus dem Jazzmilieu sehr genau über ihn Bescheid. Miles Davis äussert wiederholt seine Hochachtung für den virtuosen Pianisten und Arrangeur, bezeichnet ihn sogar als seine «grösste Inspiration». Jamal ist in den Siebzigern nicht unwesentlich an der Entwicklung des Fusion Jazz beteiligt: Er beeinflusst Musiker wie Julian Cannonball Adderley, John Coltrane und Gil Evans massgeblich. «Ahmad Jamal ist in Bern ein gern gesehener Gast», sagt Hans Zurbrügg, Organisator des Jazzfestivals Bern, womit er nicht Unrecht hat. Wer in seinem Leben schon einmal ein paar Worte mit Jamal wechseln durfte, konnte sich vermutlich dessen Charme nicht entziehen. Die feine Art, mit Menschen umzugehen, sein Lächeln – all das ist bezeichnend für ihn. «Klar, dass ein solcher Entertainer auch am diesjährigen Jazzfestival nicht fehlen darf», so Zurbrügg. Das Jazzfestival Bern steht kurz vor dem Abschluss: Noch bis am 21. Mai werden namhafte Musiker aus Jazz und Soul, Latin und Funk die Bühne im Marians Jazzroom betreten. Ahmad Jamal ist einer von ihnen, und er kommt nicht alleine: Begleitet wird er von James Johnson am Schlagzeug, Manolo Badrena an den Perkussionsinstrumenten und seinem langjährigen Freund James Cammack am Bass. Mit ihm teilt er die Bühne seit mehr als zwanzig Jahre. Jamals Pfad zum Profimusiker zeichnet sich in frühen Jahren ab: Als dreijähriger Junge macht er seine ersten Fingerübungen am Klavier, «unter Anleitung meines Onkels Lawrence», sagt er später immer wieder. Schon bald bekommt er Unterricht in Klavier. Dem Abschluss an der Westinghouse High School folgen Engagements bei George Hudson, ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

bevor er 1949 bei den Four Strings landet. Eine Zeit, die bezeichnend für Jamals Karriere ist und das vorgibt, was er in seinen darauffolgenden ruhmreichen Jahren als Pianist in diversen klassischen Klaviertrios verkörpert. Sein Spiel ist die Symbiose aus Eleganz und Easy-Listening. Das Ausgangsmaterial setzt sich aus dem Great American Songbook und einigen Eigenkompositionen zusammen. Obwohl Jamal seiner Tradition treu bleibt, durchsetzt er seine Lieder immer wieder mit sprühenden Überraschungen und eigenständigen, gewagten Experimenten. Das zeichnet ihn aus: 1994 erhält er vom National Endowment of the Arts den American Jazz Masters Award. Nicht selten wird er von den Kritikern mit Oscar Peterson verglichen. Zwar liegt die Publikation seines Hitalbums «Poinciana» schon mehr als fünf Jahrzehnte zurück, doch hat er seinen Ruf als markante Künstlerpersönlichkeit bis heute halten können. Dies beweist Jamal in seinem vor zwei Jahren erschienenen Album «It’s Magic».

NACHGEFRAGT ensuite - kulturmagazin hat Ahmad Jamal im Vorfeld der Konzertreihe im Marians Jazzroom kontaktiert: Ein Kurzgespräch über Freundschaft, Philosophie und dem Geschenk des Allmächtigen. ensuite - kulturmagazin: Ahmad Jamal, in einem Jahr werden Sie die nächste Dekade Ihres musikerfüllten Lebens einläuten: Sie werden achtzig. Und noch immer spielen Sie voller Leidenschaft. Woher nehmen Sie nur die Energie? Ahmad Jamal: Jeden Tag, den ich gesund erleben darf, inspiriert mich und gibt mir Energie für neue Abenteuer. Sie leben nach der Philosophie des Carpe Diem, Nutze den Tag. Ja, absolut. Im Leben muss man alles erleben und ausprobieren. Was ist, wenn ich eines Morgens

nicht mehr aufstehen könnte? Wäre schade, wenn ich in diesem Moment noch unerfüllte Träume hätte. Ich bin kein Mensch, der tagein, tagaus an die Zukunft denkt. Ich schaue vielmehr, dass ich meine Taten Schritt für Schritt umsetzen kann. Bis vor drei Jahren waren Sie mit einem Trio unterwegs, das Sie für mehr als zwanzig Jahre begleitet hat: Das Ahmad Jamal Trio, bestehend aus Ihnen am Klavier, Ihrem langjährigen Freund James Cammack am Bass und Idris Muhammad am Schlagzeug. Wie wichtig ist Freundschaft in einer Jazzband? In einer Band ergeben sich Freundschaften automatisch. Eine Band, deren Mitglieder sich nur als Kameraden sehen, ist nicht echt. Count Basie zum Beispiel war mit Freddy Green in einer Band. Sie waren unzertrennlich. James Cammack und ich haben eine ähnliche Beziehung: Mit ihm bin ich über all die Jahrzehnte durch dick und dünn gegangen. Viel wichtiger als James Cammack ist vermutlich Ihr Piano? (lacht) Ja, ich bin ein Piano-Narr. Bei mir zu Hause habe ich zwei Pianos herumstehen, wenn ich könnte, würde ich Hunderte kaufen. Das Piano ist ein Geschenk des Allmächtigen. Ich könnte es weder verlassen noch mit dem Spielen aufhören. Unmöglich. Man kann nicht von etwas genug bekommen, das von ganz oben kommt. Es wäre, als ob man plötzlich von den Kirschblüten, von den Blumen – von der Natur im Allgemeinen – müde würde. Welche Musikstile interessieren Sie nebst dem Jazz noch? Ich verschliesse meine Ohren vor keinem Stil. Wer das tut, begeht einen grossen Fehler. In meiner Heimatstadt Pittsburgh gehört es zum guten Stil, auf jedes Genre einzugehen. Es gibt da ein ungeschriebenes Gesetz, wonach es untersagt ist, einen Unterschied zu machen zwischen europäischer, amerikanischer oder klassischer Musik. In diesem Umfeld bin ich gross geworden und es hat mich geprägt. Ich höre alles: grosse Ensembles, kleine Formationen und gesungene Musik. Ja, ich schwärme von der menschlichen Stimme – sie ist übrigens das wichtigste und älteste Instrument überhaupt. Ohne Stimme wäre dieses Interview nicht möglich. Sie sind ein Philosoph. Na ja. Ich philosophiere sehr gerne. Dieses Hobby beeinflusst mich positiv. Wenn nämlich die Lebenseinstellung nicht stimmt, ist das Leben nicht lebenswert. Sobald die philosophische Komponente im Leben befriedigt ist, kann alles andere folgen: Essen, schlafen, fernsehen, was auch immer: Die Philosophie muss stimmen. Ahmad Jamal Ahmad Jamal, p / James Cammack, b / James Johnson, dr / Manolo Badrena, perc Konzerte Dienstag, 5. Mai bis Samstag, 9. Mai, Marians Jazzroom, Hotel Innere Enge, Bern, 19:30h und 22:00h Aktuelle CD Ahmad Jamal: It’s Magic Info: www.ahmadjamal.net 9


Musik

JAZZFESTIVAL BERN

tânia maria oder die musik als lebenselixier Von Antonio Suárez Varela und Luca D’Alessandro Bilder: zVg ■ Ihre Musik ist die perfekte Mischung aus rhythmusbetontem Fusionjazz und brasilianischen Traditionen. Wie kaum eine andere brasilianische Sängerin ihrer Generation, mit Ausnahme vielleicht von Flora Purim, hat sie die Essenz von Jazz, Funk und Bossa Nova in eine packende Formel aus energiegeladenem, harmonischem und groovigem Pianojazz aufgelöst und zu ihrem unverkennbaren Markenzeichen gemacht. Ihr perkussives Pianospiel harmoniert bestens mit einer souligen Altstimme, die nur so sprüht vor brasilianischer Lebensfreude. Groove und Rhythmus bilden das Fundament. «What I like in music is the groove. I’m very close to rhythm. So a song that grooves is a very important one», sagt sie. Obwohl Tânia Maria im Alter von 26 Jahren aus dem nordbrasilianischen São Luís in die weite Welt auszog, ist sie doch ganz und gar Brasilianerin geblieben. Sie verliess Brasilien 1974, um in Europa ihre musikalische Vision zu verwirklichen. In ihrer Heimat verstand man ihre Liebe zum Jazz nicht. Dieses «Abenteuer» ist nun, nach über vierzig Jahren Musikkarriere und über zwanzig Studioalben, «teilweise», wie sie sagt, «in Erfüllung gegangen». Tânia Maria hat mit jedem Album neue Genres für sich entdeckt und ihrem musikalischen Konzept einverleibt und ist trotzdem über all die Jahre ihrem Stil treu geblieben. Den kommerziellen Durchbruch schaffte sie 1983 in New York mit dem funkigen Hitalbum «Come With Me», ihrer ersten Annäherung an die Popmusik, ein Erfolg, mit dem sie überhaupt nicht gerechnet hatte und wofür sie 1984 eine Grammy-Nominierung in der Sparte «Best Jazz Vocal Performance, Female» erhielt. Tânia Maria hat mit zahlreichen renommierten Künstlern wie Steve Gadd, Eddie Gomez oder An10

thony Jackson zusammen gearbeitet. Seit den Achtzigern spielt sie regelmässig mit Bassist Marc Bertaux. Die Zusammenarbeiten entstanden meist eher zufällig aus Begegnungen und Kontakten während der Konzerttourneen. Sie macht keine eigentliche Karriereplanung. Die Vergangenheit interessiert sie nicht, sie schaut stets nach vorn und hofft, dass «das Beste von Tânia Maria noch kommen wird». Obwohl ihre Musik beeinflusst ist von Samba, Choro und Frevo aus der brasilianischen Tradition ist der Jazz ihr stärkster Einfluss geblieben. Thelonius Monk ist für sie die grösste Referenzfigur. Daneben ist sie ein grosser Fan von Perkussionist Airto Moreira und bewundert die Jazzharmonik von Bill Evans. Trotzdem ist sie Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen und übernimmt Elemente der elektronischen Musik und des Hip-Hop. Auf der Bühne geht Tânia Maria Corre Reis in der Musik vollständig auf; man merkt ihr die sechzig Lenze gar nicht an. Die erfrischende Präsenz und Art korrespondiert mit ihrer positiven Lebenseinstellung. Die Natur und die Träume bezeichnet sie als wichtigste Quellen ihres Schaffens. Die Songtexte sind oft inspiriert von Dingen, die sie im Alltag beobachtet hat und von Dingen, die in naher Zukunft kommen werden. Die lyrische Botschaft ist zukunftsbejahend. Sie versteht nicht, weshalb Menschen so Angst haben vor der Zukunft. «Ich denke, dass vieles besser wird, weil wir immer besser Bescheid wissen über alles. Die Dinge werden klarer. Es gibt keine Geheimnisse mehr. Meine Texte drücken genau das aus, es gibt immer eine Hoffnung. Es wird immer etwas geben, das uns retten wird. Ich mag es nicht, negativ zu denken.» Tânia Maria lebte in der zweiten Hälfte der Sieb-

zigerjahre in Frankreich, zog 1981 in die Vereinigten Staaten, bevor sie in den Neunzigern wieder nach Paris zurückkehrte. Auf die Frage, wo es sich besser lebt als Künstlerin, sagt sie: «Es kommt darauf an. Wenn du jung bist, dann in den USA. Wenn du älter wirst wie ich, dann ist es besser in Europa.» Wenn man das rastlose Leben liebt, dann sei Amerika nach wie vor das Nonplusultra, doch sobald man mehr Zeit und Raum für sich beansprucht, sei es besser in Europa. Genau das gibt ihr die europäische Kulturmetropole Paris seit nunmehr über fünfzehn Jahren. Sie schlägt dort ihre Zelte auf, wo sie die besten Bedingungen für ihre Kunst vorfindet. Mit einem leichten Seufzer gesteht die Mutter zweier Kinder, dass sie sich irgendwie trotzdem als Heimatlose fühlt. Die wahre Heimat ist die Bühne: «Home is the place where I’m playing. It’s the place where I prefer to be, on stage. And in my private life, if I didn’t find my home, it’s my home that will going to find me.» Und was vermisst sie von Brasilien, wenn sie auf den Weltbühnen unterwegs ist? «Everything!», ruft sie und lacht. «I miss the sense of happiness. We have a kind of happiness that is unique because you don’t need to have money, you just need to have time and a couple of beers.» Tânia Maria Trio Tânia Maria, p & v / Marc Bertaux, b / Mestre Carneiro, perc Konzerte Dienstag, 28. April bis Samstag, 2. Mai, Marians Jazzroom, Hotel Innere Enge, Bern, 19:30h und 22:00h Aktuelle CD Tânia Maria: Intimitade (EMI) Info: www.taniamaria.net ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09


Musik

JAZZFESTIVAL BERN

der nachfolger von herbie hancock Von Antonio Suárez Varela und Luca D’Alessandro Bilder: zVg ■ Gonzalo Rubalcaba stammt aus Kuba, der Heimat des Bolero und Son Montuno. Wer noch nie eine seiner CDs gehört hat, wird ihn instinktiv einem Rubén Gonzales oder Chucho Valdés zuordnen. Und je nach CD, die man von ihm zum ersten Mal hört, liegt man mit dieser Annahme richtig oder völlig daneben. Denn Rubalcaba ist kein Pianist, der sich mit einem Genre begnügt. Dafür ist er zu lebhaft. Raffiniert schlängelt er sich durch die Stile, von Funk über Rock bis Jazz, von Samba über Salsa bis Son – er beherrscht sie und demonstriert es auf der Bühne mit einer ausserordentlichen Technik. Standard-Jazz-Liebhaber bekunden ihre Mühe zu Rubalcabas Musik. Zu abgehoben sind die Stücke, besonders jene auf seinem letzten Album «Solo». Ein derartiges Album zu machen braucht viel Mut und vor allem die Zuversicht, einen Abnehmer für die abstrakte Botschaft zu haben, und das in einer Zeit, in der die Musikbranche fast ausschliesslich auf Mainstream setzt. Vermutlich ist gerade diese Courage der Grund, weshalb das Urgestein des Jazzpianos, Herbie Hancock, grosse Achtung vor Rubalcaba hat. Hancock wurde einst gefragt, wer eigentlich in Frage käme, die Nachfolge der drei grossen Pianisten Chick Corea, Keith Jarrett und Herbie Hancock anzutreten. Während sich Experten darüber streiten, kommt Hancocks Antwort wie aus der Kanone geschossen: «Rubalcaba. Als Jazzpianist hat er die Tür zum einundzwanzigsten Jahrhundert geöffnet.» Als Sohn des Pianisten Guillermo Rubalcaba und Enkel des Komponisten Jacobao Gonzales Rubalcaba beginnt Gonzalo schon früh damit, Instrumente auszuprobieren. Zunächst spielt er mit Perkussions- und Schlaginstrumenten, später kommt er in den Genuss einer klassischen Musikausbildung, studiert fast gleichzeitig Perkussion, Klavier und Komposition — ein Studium, das er 1983 am Havana Institute of Fine Arts abschliesst. Diese abwechslungsreiche Gestaltung des Studienplans erweist sich am Ende als Vorteil für Gonzalo. Sie bringt ihn auf einen Weg voller Verästelungen und Kurven, die er für sich selbst zuerst zurechtbiegen muss, bevor er richtig loslegen kann. Eine Herausforderung für den jungen Pianisten, der instinktiv ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

den Spagat zwischen den verschiedenen Ausprägungen zeitgenössischer Musik schafft und alles in einer Vision zusammenschnürt, die in der Anfangsphase zwar noch den gängigen Moden entspricht, zunehmend aber der Abstraktion weicht. Er findet den Konsens und achtet darauf, dass kein Stil zu Gunsten eines anderen in den Hintergrund rücken muss. Seine Reisen durch Lateinamerika, dem Subkontinent der Extreme, und die Zusammenarbeit mit dem kolumbianischen Salsaorchester «Orquesta Aragón» haben dieses Gespür gefestigt. Die Erfahrungen von damals scheinen sich alle in seinem 2006 erschienenen Album «Supernova» niederzuschlagen: Improvisierend schlenzt Rubalcaba durch die Karibik und Südamerika und drückt dem Danzón, dem Bolero, dem Son, dem Chachacha und dem Rumba seinen ganz persönlichen Stempel auf. Im Laufe seiner Karriere kommt er mit Dizzy Gillespie in Kontakt, der ihn am Ende indirekt dazu bewegt, die Karibikinsel zu verlassen und nach Florida zu ziehen, wo Rubalcaba heute noch mit seiner Frau und seinen drei Kindern lebt. Wirklich sesshaft ist Gonzalo aber nie geworden. Berufsbedingt kommt er viel herum, er tourt durch die Welt, meist an der Spitze eines Trios. Am Jazzfestival Bern jedoch führt er ein Quintett an mit exzellenten Musikern, die alle auf seiner Wellenlänge reiten und so manche Experimente mittragen. Einer davon ist der junge kubanische Saxofonist Yosvany Terry, der sich auf Chucho Valdés, Silvio Rogríguez und Fito Páez berufen kann. In Bern stehen also schon bald fünf Herren auf der Bühne, die jene Verästelungen widerspiegeln, die Rubalcaba in der Vergangenheit zu bündeln vermochte. Den Beweis, dass er das noch einmal kann, wird er am Jazzfestival erbringen.

NACHGEFRAGT Gonzalo Rubalcabas Zeit ist knapp bemessen. Trotzdem hat er ensuite - kulturmagazin ein paar Minuten gewidmet. Ein Kurzgespräch über kubanische Folklore und Journalisten, die ihn nur als Jazzpianisten sehen.

ensuite - kulturmagazin: Gonzalo Rubalcaba, in Ihrer Jazzkarriere haben Sie so einiges ausprobiert. Entsprechend schwierig ist es, Sie musikalisch einzuordnen. Vermutlich aus Gründen der Einfachheit werden Sie von den Journalisten «lediglich» als Jazzpianist bezeichnet. Als was sehen Sie sich? Gonzalo Rubalcaba: Ich habe mich stets an der kubanischen Folklore, jener der Karibik und der Südamerikas orientiert. Gleichzeitig habe ich den Blick nach Norden und Westen gewagt und mich mit europäischen und nordamerikanischen Genres befasst, insbesondere mit dem Jazz. Das hat die Aufmerksamkeit der Jazzzeitschriften erweckt, die in der Folge meine Botschaft in die ganze Welt getragen haben. Insofern werde ich heute fast ausschliesslich mit dem Jazz in Verbindung gebracht. Das ist nicht unbedingt falsch, weil ich die Tradition, die Sprache und die Ästhetik des Jazz lebe. Trotzdem habe ich mir zum Ziel gesetzt, stets neue Fragen über meinen Stil aufzuwerfen. Wenn die Leute über meine Musik spekulieren, bin ich sehr glücklich. Gibt es etwas, das Sie noch nicht erlebt oder ausprobiert haben? Ich zwinge mich stets, neue Türen und Fenster zu öffnen, um sie dann wieder zu schliessen. Ich begehe Pfade, die meine Phantasie anregen. Dadurch «riskiere» ich aber, mich zu verändern und neue Dinge zu entdecken. Es scheint, als hätten Sie in den letzten Jahren den Weg zurückgefunden zu Ihren kubanischen Wurzeln. Weshalb diese Orientierung? Ich kann nicht behaupten, ich hätte den Weg zurückgefunden, zumal ich meine aktuellen Arrangements nicht als Rückkehr empfinde. Kubaner nehmen meine Musik grundsätzlich als die ihrige wahr. Klar, manchmal ist der kubanische Einfluss so stark, dass es einfach ist, die Stereotypen darin zu erkennen. In anderen Arrangements wiederum ist der Link zu Kuba nicht evident. Hörerinnen und Hörer bekommen dann oft das Gefühl, ich hätte mich von meinen Wurzeln entfernt. Das stimmt nicht, da der Bezug zu Kuba auch im Detail liegen kann. Meine Heimat wird immer ein Teil von mir bleiben. Schon bald werden Sie Ihr Kuba nach Bern bringen. Am Jazzfestival sind zehn Konzerte vorgesehen. Und darauf freue ich mich. Ich habe gute Erinnerungen an die Schweiz und an das wissbegierige und zugleich sehr kritische Publikum. Vermutlich werde ich ein paar Neuheiten ins Programm streuen, die ich in mein nächstes Album aufnehmen möchte. Es gibt also viel Neues zu entdecken. Gonzalo Rubalcaba Quintet Gonzalo Rubalcaba, p & keyb / Yosvany Terry, sax & perc / Mike Rodiguez, tp & flgh / Matt Brewer, b / Marcus Gilmore, dr Konzerte Dienstag, 12. Mai bis Samstag, 16. Mai, Marians Jazzroom, Hotel Innere Enge, Bern, 19:30h und 22.00h Aktuelle CD Gonzalo Rubalcaba: Solo (Blue Note Records) Info: www.g-rubalcaba.com 11


Musik «Wir sind nur Stimme geblieben. Wir haben kein Gewicht und keinen Körper mehr. Wir sind nur noch Stimme… Die Stimme, Echo der Vision.» Vinicio Capossela aus dem Buch «Non si muore tutte le mattine»

■ Es sind unkonventionelle Tonwerkzeuge, die der bizarre italienische Cantautore Vinicio Capossela in seinem kürzlich erschienenen Album «Da Solo» einsetzt. Instrumente, die an die Zeit der grossen Eisenbahnprojekte des neunzehnten Jahrhunderts erinnern – genauso normabweichend sind die Charaktere, die er in den Liedtexten thematisiert und denen er vermutlich auch an seinem Konzert vom 12. Mai im Kaufleuten in Zürich mit einer effektvollen Bühnenshow Gestalt verleihen wird. So hat er es vor zwei Jahren in Bern getan, anlässlich seines Konzerts im Theater National. Der Auftritt stand im Zeichen des Minotaurus, einem Stiermenschen aus der griechischen Mythologie. Als bekennender Verfechter der Pataphysik, einem absurden Philosophie- und Wissenschaftskonzept des französischen Schriftstellers Alfred Jarry aus dem neunzehnten Jahrhundert, parodiert Capossela die Theoriebildungen und Methoden der modernen Wissenschaft. Diese «Parallelwissenschaft» liefert ihm das Rohmaterial für die Liedtexte und die Bühnenshow. Und das macht ihn vermutlich so abstrakt, denn Capossela ist kein Musiker, der einem Aussenstehenden den Einblick in seine Gedankenwelt gewährt. Und wenn er dann trotzdem einmal etwas verrät, drückt er sich so aus, dass die Botschaft nur von eingefleischten Fans verstanden wird – pataphysisch eben. Capossela liebt die Maskerade; das macht ihn so mysteriös und für manche auch ein wenig unheimlich. Er ist bekannt dafür, zu schockieren – und trotzdem: Aus Enttäuschung hat bis heute noch kaum ein Besucher den Konzertsaal vorzeitig verlassen. Als Musiker vermag Capossela zu verzaubern: Wer ihn einmal erlebt hat, vergisst ihn so schnell nicht wieder. 1990 wird Vinicio Capossela zum ersten Mal entdeckt. Francesco Guccini, ein zeitgenössischer Liedermacher in Italien, beeinflusst ihn massgeblich. Das Début «All’una e trentacinque circa» schlägt sofort ein, Capossela erhält dafür sogar den Tenco Preis, eine italienische Musikauszeichnung, die jährlich seit 1974 bei der Rassegna della canzone d’autore (zu deutsch: Festival des Autorenlieds) des Club Tenco vergeben wird. Schon bald folgt Caposselas zweites Werk, «Modì», das sich dem Maler Amedeo Modigliani widmet. 1994 fährt er seine Reise fort mit dem Album «Camera a Sud». Den wahren Durchbruch schafft er jedoch 1996 mit dem Album «Il ballo di San Vito», das von Vinicio selbst eigentlich nicht als Album bezeichnet wird, sondern «als Ereignis». Wie seine Vorgängeralben zeugt es von der Belesenheit des Künstlers und dem starken Einfluss des amerikanischen Songwriters Tom Waits. Es entsteht in Zusammenarbeit mit den ExLounge-Lizards Evan Lurie und Marc Ribot, Gitarrist von Tom Waits. Im Januar 1997 geht er mit diesem Album auf 12

IRGENDWAS MUSIK

«die stimme – echo der vision» Text: Luca Scigliano / Übersetzung aus dem Italienischen: Luca D’Alessandro Tournee, und im Oktober entsteht eine Aufnahme mit Seltenheitswert im Naima Club im norditalienischen Forlì: Hier teilt sich Vinicio mit dem Original Kocani Orkestar (TOKO) die Bühne, einem siebenköpfigen Balkan-Brass-Orchester aus der türkischsprachigen Roma-Gemeinde Kocani in Mazedonien, in dessen Zentrum der 1957 geborene Trompeter Naat Veliov steht. Die Aufnahme bildet den Rohstoff für das nächste Album: «Liveinvolvo». 2000 tritt er am Festival von Villa Arconati in Mailand auf, einem Spezialkonzert mit dem Jazzsänger Jimmy Scott. Im selben Jahr lanciert er sein sechstes Album «Canzoni a Manovella», welches – wie sein Erstlingswerk – mit der Targa Tenco prämiert wird. Im Januar 2003 ist es Zeit für eine Best-of-CD. Sie ist unabdingbar für ihn und trägt demzufolge den Tiel «L’Indispensabile», wo mitunter eine Coverversion des Titels «Si è spento il sole» von Adriano Celentano verewigt ist. Vinicio Capossela bringt seine Ideen und Gedanken nicht nur in den Liedern zum Ausdruck. 2004 veröffentlicht er bei Feltrinelli – einem Verlag, der in Italien unter linken Kreisen bekannt ist – seinen bis heute ersten Roman «Non si muore tutte le mattine». Dieser offenbart die literarische Begabung des Songwriters und bringt ihm den «Premio Frignano 2004» ein. Später wird Capossela für die Veröffentlichung der «Rime di Michelangelo Buonarroti» – einem Sammelband sämtlicher Verse von Michelangelo – beigezogen. Ihm wird die Ehre zuteil,

das Vorwort zu schreiben. Die Folge-CD «Ovunque Proteggi» vermag die Fans einmal mehr zu überzeugen. Höchste Zeit also für einen Ausflug ins Ausland. Im Rahmen der «Minotour 2007» gibt er Konzerte in Belgien, Luxemburg, den Vereinigten Staaten, Kanada, Portugal, Österreich, Spanien und der Schweiz, genauer in Bern. Vinicio Capossela ist dort präsent, wo es darum geht, eine klare Position zu vertreten. Zuletzt im August 2008 in Andretta, einer kleinen Ortschaft in Kampanien. Hier protestierte er mit einem Konzert auf der Piazza gegen die Pläne der BerlusconiRegierung, in der Umgebung eine Kehrichtdeponie zu errichten. In anderen Aktionen engagiert er sich für die Menschenrechte, wofür er erst kürzlich den «Premio Amnesty Italia» erhalten hat. Doch nicht alle seine Konzerte sind politisch motiviert: Zum Beispiel jenes im Rahmen des Umbria Jazz Festivals oder mehrere Konzerte im Auditorium del Parco della Musica in Rom oder Live-Auftritte in diversen New Yorker Jazz Klubs. Mehrmals wird er vom italienischen Regisseur und Produzenten Paolo Rossi aufgeboten, unter anderem für die Produktion zweier Soundtracks für das Prosa-Spektakel «Milanin Milanon». Capossela ist der richtige Mann dafür, zumal er bereits Lieder für das Theater «Il Circo» produziert hat. Mit «Skata skata Scatafascio» macht er sich auch im Fernsehen einen Namen, dabei handelt es sich um den musikalischen Abspann einer Satiresendung, die in ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09


Bühne

JUNGES THEATER

ehrlich, gewagt und jung Von Katja Zellweger Bild: Katja Zellweger

Italien Kultstatus erlangt hat; genauso wie der Film «Tre uomini e una gamba» von Aldo, Giovanni e Giacomo. Hier hat Capossela seine Unterschrift hinterlassen: Die Hintergrundmusik dazu stammt von ihm. Es ist nicht Vinicio Capossela, der nach Erfolg strebt – es scheint fast, als würde er alles daran setzen, sich davor zu verstecken. Vielleicht ist er gerade deshalb im Ausland nicht so bekannt wie andere italienische Liedermacher seines Formats. Er zeigt sich nicht gerne in der Öffentlichkeit, wenn es nicht unbedingt sein muss. Gelegentlich schaut er aus seinem Schlupfloch, gibt ein Konzert und verschwindet dann wieder hinter dem Vorhang. Interviews braucht er keine zu geben; seine Botschaft verkündet er über die Songtexte: Er spricht von Liebe, Enttäuschung, Traditionen, von kleinen Ereignissen, von Fahnen, die im Winde wehen und verwehen. Sein Instrumentarium ist riesig und komplex – ein Cocktail an Klängen; seinen Klängen. Konzert Dienstag, 12. Mai Kaufleuten Zürich, 20:00h Aktuelle CD Da Solo (2008, Warner) Info: www.viniciocapossela.it Im Mai gibt’s zu Vinicio Capossela auf ensuite.ch Verlosungen! ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

■ PENG!Palast ist eine freie Theatergruppe, die 2008 von Dennis Schwabenland und Benjamin Spinnler gegründet wurde. 2009 wurde Christoph Keller Mitglied. Das Stück «Hamlet MASSIV» entstand, «Woyzeckmaschine» läuft im Mai im Finale von PREMIO - Nachwuchspreis für Theater und Tanz und «and now go home and change your underpants», ein Projekt mit Nina Kohler und Jeanne Devos, hat am 10. Juni im Schlachthaus Theater Premiere. ensuite - kulturmagazin traf Schwabenland und Keller zu ihrem ersten Interview (Spinnler ist auf Asienreise) und sprach mit ihnen über Groove, Sportmetaphorik und Rock’n’Roll. Mit Begeisterung stellten sie ihr Schaffen mit Peng!Palast vor!

ensuite - kulturmagazin: Woher kommt der Wunsch, als Abgänger der Hochschule der Künste Bern eine eigene Theatergruppe zu gründen? DS: Nach dem Abschluss wollten wir persönliche Themen und private Erfahrungen, die einen als jungen Menschen beschäftigen, einbringen. CK: Ich habe allgemein keinen Bock auf einen Regisseur, der mir sagt, was ich machen soll. Peng!Palast dagegen ist etwas, wo ich 100 Prozent dahinter stehe. Mir ist unsere Gruppenzusammengehörigkeit, das gemeinsame Arrangieren und Entscheiden wichtig! Zudem hatten wir den Ehrgeiz, etwas Eigenes zu machen. Inwiefern ist das, was ihr macht, neu oder anders? DS: Eigentlich machen wir ja nix Neues, wir versuchen einfach den Menschen in den Vordergrund zu stellen. Wir reden über Beziehung, Forderungen, Sehnsüchte und Ängste, die wir alle haben. Zudem hat unser Schauspiel bewusst keinen Platz für Routine - das ist für mich Stillstand. CK: Ja, wir sind unangestrengt und wollen die Leute ansprechen. Unsere Sachen sind aktuell und versuchen den Abstand zu verringern, der vorherrscht, wenn man Kunst gucken geht. DS: Genau diese Distanz versuchen wir zu überwinden, indem wir alltägliche Geschichten erzählen,

von Leuten, die wie wir sein könnten. Ihr selbst seid jung, das Publikum auch? DS: Wir sind persönlich und direkt, unser Theater ist nicht so konventionell und gestelzt. Wir versuchen eine Sprache unserer Generation zu finden, die nicht verstaubt ist. Deswegen finde ich, dass es schon mehr Leute unserer Generation interessiert. Das ist dann auch eine Sprache, mit der die Generation meiner Eltern konfrontiert ist. Also geht es auch sie etwas an. CK: Dieses Altersding find ich bekackt; wir sprechen einfach offene Leute an. Was hat es mit dem Namen Peng!Palast auf sich? DS: Der ist für mich ein Assoziationsraum; was meinst du? Peng für «Achtung, hier sind wir und machen unser Eigenes». Palast vielleicht für ein etwas anderes Theaterhaus. DS: Genau. Alle sehen’s ein wenig anders. Wir wollten was finden, das Jugendlichkeit, Ungehaltenes und vielleicht auch Glamouröses ausstrahlt. Peng: Ein Knall, ein Aufrütteln - Unberechenbarkeit. Wenn etwas explodiert, fliegt es dir um die Ohren, es ist etwas Spürbares und Echtes, dass weh tut und dass du fühlst - das ist authentisch! Der Palast ist etwas, dass man verteidigen kann, was uns gehört... CK: ...wo man auch stolz darauf ist. Der kraftvolle Name steht für ein Theater, das mich motiviert. Erzählt mir mehr von eurem Konzept. DS: Wir haben uns kein Konzept auferlegt. Es sind eher wiederkehrende, bewährte Arbeitsweisen. Wir versuchen uns eine Figur soweit zu verinnerlichen, dass von ihr aus argumentiert und gehandelt werden kann - so dass authentische Momente entstehen. Wir greifen uns auf der Bühne an, feiern Feste, oder beleidigen uns sprachlich. Das ist pur und schlägt vielleicht wie bei einem Konzert auf das Publikum über. CK: Ein Groove! Das Wichtigste ist, sich immer wieder mit dem Material auseinanderzusetzen, daran herumzubasteln, zu recherchieren und neue Situationen einzubringen. Daraus bilden sich Szenen und die Figuren werden klarer. Trotzdem liefern wir keine Moral oder Antworten. 13


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Flughafen Bern-Belp


Bühne DS: Antworten sind immer der Tod; wenn du eine hast, bist du fertig. Uns beschäftigen die Fragen! Weshalb baut ihr auf Büchner und Shakespeare auf? CK: Die Stücke sind gut, die geben auch keine Antworten. Sie sind gutes Grundmaterial für Recherche und Rückbesinnung. DS: Wir bewegen uns zwischen zwei Polen: Einerseits den unvorhersehbaren Groove, andererseits die klassischen Stücke, die uns einen Halt oder roten Faden geben. Büchner wie auch Shakespeare haben eine Kraft in der Sprache und die Themen wie Eifersucht, Enttäuschung, Handlungsunfähigkeit, Verlassen-Werden und Naivität sprechen uns heute noch an. Diese übernehmen wir auch. Ihr schreibt die Texte selbst oder improvisiert. Hat sich das bewährt? DS: Ja, wir machen Interviews mit uns Schauspielern als Privatperson und mit uns Schauspielern in den Figuren, wobei viele persönliche Diskussionen entstehen. Bei der Improvisation legen wir Situation oder Umfeld fest, und tasten uns so an die Figuren ran. CK: Manchmal schreiben wir auch die Texte aufgrund von gefilmten Improvisationssequenzen. Für mich ist selber schreiben extrem wichtig, denn man bringt sich so mehr ein und konstruiert die Figur mit. Dabei lernt man verdammt viel. DS: So haben wir einen sinnbildlichen Koffer, in den wir alle schon genutzten Techniken, Spielweisen und Figurenprofile reinstopfen, auf den wir in den Proben oder in Aufführungen zurückgreifen können. Wie könnt ihr das Stück zusammenhalten, bei so viel unvorhergesehenen Elementen? DS: Wir planen dieses Unvorhergesehene mit ein und verstärken es, was zu unserer Authentizität beiträgt. Felder, die in fester Reihenfolge stehen, werden abgesteckt und dienen als Eckpunkte. Es ist wie Sport: Taktiken und Strategien wurden einstudiert, aber auf dem Feld musst du im Moment funktionieren und einfach den Ball ins Tor kriegen. So verhält es sich dann auch mit den Texten und Situationen. Wenn es abgemacht ist, die Figur runterzubuttern, dann muss das geschafft werden. CK: Das Geile daran ist, dass du deine Figur extrem gut kennen musst. Und dich im Spiel immer weiter treiben kannst. DS: Weil viele Texte nicht festgelegt sind, müssen alle extrem wach bleiben und reagieren. Wenn der andere pennt, bricht das ganze Stück zusammen. Ich habe den Eindruck, euch gefällt die Freiheit, Schauspieler und Regisseur in einem zu sein - aber ist es einfach? DS: Stimmt. Ohne die traditionelle Hierarchie wie im Theater dauert der Entstehungsprozess einfach länger. Man setzt sich mit der Gruppe auseinander, jeder hat das Recht mitzusprechen, und keine Verantwortung kann abgeben werden. Das fängt bei Textcollage und Bühnenbild an und geht bis zum Auto organisieren und Bühne putzen. Es stärkt dafür den Gruppengroove - ist ’ne Spur von Rock’n’Roll.(lacht) CK: Ja, es ist ein gemeinsamer Lernprozess und ein schmaler Grat, auf dem wir gehen. Oft gibt es ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

Streit vor einer produktiven Lösung. Aber es ist das Gefühl, ernstgenommen zu werden, wert. Raphael Urweider ist euer «Blick von Aussen»? DS: Ja, Raphael bringt viel Erfahrung mit und kann mit Texten umgehen. Es ist wichtig, diesen «Blick von Aussen» zu haben, weil man sich sonst im Detail verliert. Allein vom sich auf die Fressen hauen und mit Bier überschütten bleibt der Zuschauer nicht wach, ein Spannungsbogen sollte dennoch eingehalten werden, wobei uns Raphael sehr geholfen hat. Sein Interesse an unserer Arbeit freut uns extrem. CK: Auch öffentliche Proben haben sich bewährt, da kriegt man mit, wie das Gespielte wirkt. Könnt ihr schon von Peng!Palast leben? DS: Gut, man sollte auch über Geld reden. Da vor allem freies Theater schwierig zu finanzieren ist. Aber wir haben schon erste Unterstützung bekommen - müssen uns selbst aber noch mit Stückverträgen oder Lesungen für die Miete querfinanzieren. Was nicht schlecht ist, denn als Schauspieler muss man ja aktiv bleiben. Man lernt viel. Wir drehen auch gerne, da kann und muss man auch authentisch und persönlich spielen. CK: Da ich bei Peng!Palast echt das Gefühl habe, dass daraus was werden könnte und ich zu 100 Prozent dahinterstehe, muss ich halt nebenbei gucken, wie ich klarkomme. Dafür lohnt es sich aber zu kämpfen. DS: Klar, man arbeitet dafür mit Leuten zusammen, die man sich ausgewählt hat, das ist auch Luxus. Beim PREMIO - Wettbewerb seid ihr unter den vier Finalisten. Was kommt noch auf euch zu? DS: Zu Beginn reichten wir unser Konzept ein und spielten am Halbfinale aus der «Woyzeckmaschine». Im Final werden wir sicherlich neu Geprobtes zeigen, anschliessend findet noch ein Gespräch mit der Jury statt. Wie schätzt ihr eure Chancen? DS: Schwer zu sagen, aber wir haben was Authentisches und Ehrliches... CK: Was Gewagtes. Wir zeigen unsere Auseinandersetzung mit den Figuren. DS: Wir zeigen, was für uns stimmt. Alles andere ist Kartenleserei - wie bei unseren Proben, wir gehen hin und wissen nicht, was entsteht. Im Grunde haben wir ja schon gewonnen, weil wir dank unserer Finalistenposition viele Kontakte knüpfen konnten, denn in der Jury sind sämtliche freien Theater der Schweiz vertreten. Jetzt haben sie uns spielen sehen und konnten sich von unserer Arbeitsweise einen Eindruck machen. Infos: www.premioschweiz.ch / www.pengpalast.de

Woyzeckmaschine: 23. Mai, 15:00h; Theater Tuchlaube, Aarau / PREMIO «And now go home and change your underpants»: 10. Juni, 20:30h, 12. und 13. Juni, 23:00h, 14. Juni, 19:00h; Schlachthaus Theater, Bern

THEATERTIPP 4 für 1 = «Stück für Stück»

Von Fabienne Naegeli ■ 4 Personen, 4 Ausgangslagen, 4 Stücke, so lautet das Konzept des vielseitigen Theaterabends der «Pythia Performance Company», kurz PPCie. Das 2007 gegründete, international erfolgreiche junge Ensemble präsentiert nach dem Tanztheaterstück «Mimikry» nun seine zweite Produktion «Stück für Stück». Die SchauspielerInnen, alle AbsolventInnen der Scuola Teatro Dimitri, haben vier sehr persönliche, gesellschaftskritische Kurz-Bühnenstücke entwickelt, die komisches Theater, Performance und tänzerische Elemente miteinander verbinden und einen Blick auf die Absurditäten unserer Gesellschaft werfen. Das erste Stück, «Corpus delicti», kreiert und gespielt von Sarah Lerch, ist inspiriert von den Bildern und Skulpturen Meret Oppenheims und ihrer Lebensgeschichte. Auf ironische, tänzerische Weise befasst sich das Stück mit dem von der Gesellschaft geschaffenen Idealbild der Frau, einer Schaufensterpuppe. Die Last dieses verzerrten Abbildes der Frau wird aufgedeckt und spielerisch dekonstruiert. Im monologartigen Stück von Stéfanie Lang, «Alles eine Frage der Gewöhnung», welches das künstlerische Werk Boris Vians als Hintergrund hat, erzählt eine Hausfrau, Clothilde, vom Zusammenleben mit ihrem Ehemann, das sich seit dessen neuer Anstellung stark verändert hat. Zur Effizienzsteigerung stellt die Firma, bei welcher er arbeitet, keine Personen, sondern nur noch Körperteile an. Körperteile, für welche die Firma keine Verwendung hat, können zu Hause bleiben. So ergeht es auch dem Kopf von Clothildes Ehemann, der ihr samt Netzteil und Gebrauchsanweisung zurückgeschickt wird. Johanna Gagern hinterfragt, ausgehend von Situationen aus «Alice im Wunderland», im dritten Stück «It takes all the running you can do, to stay at the same place» die gesellschaftlichen Verhaltensregeln. Elisa, eine junge Austauschstudentin, wartet an einem ihr fremden Bahnhof auf die ihr unbekannten Verwandten, bei denen sie nun ein Jahr wohnen wird. Doch die Verwandten kommen nicht und Elisas Phantasie beginnt sich mit der Realität zu grotesken Szenen zu vermischen. Das anekdotenhafte, intermezzoartige Stück «Der Lift», geschrieben und gespielt von Jo Ofrim Bjørke und Johanna Gagern, erzählt in fünf Szenen von den Begegnungen zweier sich unbekannter Personen in einem Aufzug. Der Lift als alltäglicher Raum intensiver zwischenmenschlicher Erfahrungen aufgrund unerwarteter Nähe wird dabei zum Ort des Absurden. Donnerstag, 28. und Freitag, 29. Mai, 20:30h, Tojo Theater Bern Sonntag, 17. Mai, 17:00h, Casino Theater Burgdorf Von und mit: Sarah Lerch, Stéfanie Lang, Johanna Gagern, Jo Ofrim Bjørke / Regie: Colette Roy und Jean-Martin Moncéro

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TANZ DER GEGENWART: FOLGE X

jenseits vom tanz Von Kristina Soldati Bilder: zVg. ■ Schleichender Übergang «Wollen sie nicht einen richtigen Beruf erlernen?» fragt eine Angestellte im Arbeitsamt den Tänzer Pierre (fiktiver Name), da sie den Tanz nicht auf ihrer Liste von anerkannten Berufen findet. Passende Stellen findet sie auch nicht. Mehrmals im Jahr holt sie die Akten von Individuen, die sich als Tänzer bezeichnen, aus dem Schlummer und «aktiviert» sie. Haben Tänzer der freien Szene eine Produktion erfolgreich über die Bühne gebracht, gehen sie erst einmal stempeln. Oft stempeln sie so viele Wochen im Jahr wie sie tanzen. Dabei müssen sie achtgeben, dass innert zweier Jahre zwölf Monate getanzt (oder gejobbt) wurde, sonst verwirken sie ihren Anspruch auf Unterhalt. Aufgepasst auch mit den Beiträgen! Tanzstücke von heute sind schnell erstellt und abgespielt, und wenn da der Tänzer nach kaum drei Monaten abdanken darf, tanzt es sich in der Regel «beitragsfrei»: Alle Beteiligten sind von der Beitragspflicht befreit. Vor allem der brotspendende Choreograf. Will Pierre neben seinem Brot auch die Krümel der Freiwilligenbeiträge für die Sozialversicherungen - wozu er durchaus befugt ist -, muss er dies nur überzeugend genug vortragen. Da wird ein Produzent wohl gern abwin16

ken und den Tänzer, den lästig nachhakenden, gar zur Scheinselbständigkeit1 zu überreden suchen. Selbständige tragen bekanntlich die Last der Vorsorge allein. Dann aber entfällt Pierre, als Selbständigem, das Recht auf Arbeitslosengeld. Hinsichtlich der Vorsorge und Rente sprechen die Bundesämter für Kultur und für Sozialversicherungen über offensichtliche Mängel im Gesetz und einer «Versicherungslücke». Doch daran kann Pierre nun nicht denken. Erst einmal über die Runden kommen. Wie für die Hälfte seiner Schicksalsgenossen springen für Pierre kaum 2500 CHF2 monatlich heraus. Der Tanz sei wie der Kultursektor generell ein typischer Fall «atypischer Beschäftigungsform» heisst es auf 1 Die soziale Sicherheit der Kulturschaffenden in der Schweiz. Ein Bericht der Arbeitsgruppe Bundesamt für Kultur, Bundesamt für Sozialversicherungen und Staatssekretariat für Wirtschaft, das am 28. Februar 2007 vom Bundesrat zur Kenntnis genommen wurde. S. 17: «Im Kultursektor liegt die Quote der Scheinselbständigkeit nach Schätzungen höher als im Durchschnitt der anderen Wirtschaftszweige.» S. 165: «Die Scheinselbständigkeit im Kultursektor stellt deshalb ein erhebliches Problem dar, das gelöst werden sollte.») 2 Schlussbericht des «Projekt Tanz» , einer gemeinsamen Initiative von Bundesamt für Kultur, Pro Helvetia, Kantone, Städte, Tanzverbände und Tanzszene, 2006, S. 17).

Bundesebene.3 In dieser Form, geprägt durch Teilzeit, befristete Verträge, Mehrfachanstellungen und Mischformen zwischen Angestelltenverhältnis und Selbständigkeit, fallen viele durch das soziale Netz. Die «atypische Beschäftigungsform» wird weltweit für den Tanz immer typischer. Dreiviertel der 600 in der Schweiz schwitzenden Tänzer sind bereits «frei». Woanders schliessen die Theater unter Sparzwang ihre Sparte Tanz. Feste Stellen werden rar, kleine und kleinste freie Companien4 spriessen allenorts und ringen um den Fördertopf5. Kurzlebig und mit kurzen Projekten. Eine wachsende Zahl freier Tänzer zeigt sich mobil, tanzt ständig vor, nummeriert wie in Chorusline auf der Jagd nach dem nächsten Job. Welcher wieder nur kurz währt und nährt. Viermal so viele Verträge müssen her, um das gleiche Arbeitspensum wie in den 80ern zu füllen.6 «Der Tänzer zahlt den Preis für diesen hyperflexiblen Arbeitsmarkt. Der Verschleiss ist gross», resümiert die Leiterin des Verbands für Neuorientierung Professioneller TänzerInnen (NPT) in Lausanne. Und von Amerika, Kanada bis zu den Niederlanden ist man sich einig: «Die ausgedienten Tänzer sind immer jünger. Gar unter dreissig.» 7Die Zwischenjobs der freien Tänzer, die das Arbeitsamt vermittelt, müssen flexibel sein und kurzfristig kündbar. Sie sollen jemanden wie Pierre ja nur vorübergehend über Wasser halten, bis zum nächsten Kunstprojekt. Während tänzerische Schritte im ganzen Land, aber auch das Reisen die Kräfte des kraftstrotzenden Tänzers aufbrauchen, der Spagat zwischen täglichem Training und Teilzeitjob schlaucht, muss er für jedes Projekt mit den scheinbar allgegenwärtigen Tänzern von Asien bis Amerika mithalten. Und vor allem mit der Jugend. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sein vorübergehender Job nicht mehr vorübergeht und ihm auf die Dauer einzig bleibt. Denn nicht-anerkannte Berufe wie Tanz führen rechtlich zu keiner Umschulung. Kurz und schmerzhaft Und wie sehen die Glücklichen aus, die vom Sozialnetz aufgefangen die Frage gestellt bekommen: «Wollen sie nun einen richtigen Beruf lernen und Bürokauffrau werden?» Elaine Underwood ist so ein glücklicher Fall.8 Erstens war sie bei einer Institution fest angestellt. Sie tanzte als Solistin an der Bayerischen Oper, wo die Beiträge schön regelmässig abgeführt wurden, bevor sie einen Unfall erlitt. Zweitens lebte sie in Deutschland. Dort schaltete sich die Rentenanstalt9 ein, als sie stempeln ging. Anderthalb Jahre wird 3 Die soziale Sicherheit der Kulturschaffenden in der Schweiz. S. 10. 4 Die Mehrzahl der freien Companien haben weniger als fünf Mitglieder. Advance Project 2004, zit. n. Karine Grasset, Favoriser la reconversion des danseurs professionnels en Suisse, Diplomarbeit, 2008, S. 10 5 seit 1981 stieg die Zahl der unterstützungsuchenden Companien in Genf von 3 auf 37, ebd., S. 13 6 vgl. Janine Rannou & Ionela Roharik, Les Danseurs Un métier d’engagement, éditions : La documentation française – Questions de culture. 2006 7 vgl. International Organization for the Transition of Professional Dancers, Das Tänzerschicksal, Wien 1997, S. 63 8 Maja Langsdorff recherchierte über den Fall in: Langsdorff, M. (2005). Ballett - und dann? Lebensbilder von Tänzern, die nicht mehr tanzen. Stuttgart, Norderstedt. S. 33ff. Elaines geäusserte Meinungen im folgenden sind hier entnommen. 9 Bundesversicherungsanstalt für Angestellte in Berlin ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09


Bühne bei Berufsunfähigkeit umgeschult. In der Schweiz kriegt Geld nur, wer generell arbeitsunfähig ist, und zwar nur, wer das zu 100 Prozent ist. Für die Invalidenversicherung sind das Tänzer fast nie.10 Die Unfallversicherung wiederum wünscht sich eine klare Ursache, «eine plötzliche und schädigende Einwirkung eines äusseren Faktors»11, die den Tanz beendet. Elianes Ermüdungsfraktur zählte hier nicht. Die Schweizer Arbeitslosenkasse wiederum greift nur aus «arbeitsmarktrechtlichen Gründen»12 ein, das heisst, wenn ein Theater schliesst. Eliane hatte also Glück im Unglück. Das sagte sie sich auch, als die Berater ihr den Beruf Bürokauffrau schmackhaft machen wollten: «Kann vielleicht nix schaden, was anderes zu lernen, das Leben dauert ja länger.» Dann aber, während sie brav erst Ausbildung, dann Praktikum absolvierte, merkte sie: «Katastrophe. Paragraphen und Recht und kaufmännisches Rechnen.» Physiotherapeut wäre ihr mehr gelegen, aber das war finanziell nicht drin. Berufsberater sind wenig sensibilisiert für die Belange des Tänzerberufs, Auswertung von verwandten Interessen und Fähigkeiten. Deshalb sind sie auch heilfroh, wenn nun in Deutschland, Frankreich und der Schweiz Zentren für Tanz die Beratungsdienste an sich reissen. Belange in fachlichen Händen Der Fachwelt (Tanzzentren und Künstlergewerkschaften) ist schon seit langem unwohl mit dem sang- und klanglosen Abtauchen professionneller Tänzer. An vier Orten, in New York, Kanada, den Niederlanden und Grossbritannien, packten Fachleute in den 70ern und 80ern an, um das Ende einer Laufbahn sachgerecht zu begleiten. Ab 1993 sollte unter der Schirmherrschaft der UNESCO, wohl zum Schutz kultureller Vielfalt, eine länderübergreifende Vereinigung den Abgang aus dem Tanzberuf verfolgen: die IOTPD (International Organisation for the Transition of Professional Dancers) in Lausanne. Auf seinem Symposium artikulierten erstmals öffentlich Betroffene, was sie am eigenen Tanzleib erfuhren und erkannten verblüffende Ähnlichkeiten trotz ihrer bunten Schicksale. Spezialisten unterschiedlichster Disziplinen beleuchteten Aspekte rund um das Kunsthandwerk, um in die Tiefe auszuloten, was der Zuschauer nur als erfrischende Spitze des Eisbergs kennt. Es wurde in einem gut lesbaren Handbuch festgehalten: Das Tänzerschicksal (1997). Diesem sollte nun eine wissenschaftliche Studie Profil geben. Niemand geringeres als das Forschungszentrum für Kunst und Kultur der Columbia-Universität in New York wurde im Jahr 2000 damit beauftragt.13 Und weil der Auftraggeber, die IOTPD, aus Lausanne kam, durfte die Schweiz neben Amerika und Australien im Blickpunkt stehen. Erstmals interessierten sich Wirtschaftswissenschaftler für den Tänzer als Humankapital und für seine eigentümliche Psychologie. Sie kamen zum Schluss, dass das disziplinierte, engagierte und zähe Humankapital neben den Transitionszentren auch Politiker und

Sponsoren interessieren sollte. Psychologie ist nicht wichtig um zu erfassen, was es heisst, Blumen der Anerkennung an der Bühnenpforte abzuholen und kurz darauf, nach fast unvermeidlichen Berufsverletzungen, an Krücken zum Stempeln zu hinken. Am Ende langer anonymer Gänge der Sozialämter von einem Nichtzuständigen zum anderen weitergereicht zu werden, da der Beruf Tänzer nirgends existiert und die Verletzung weder Unfall noch Behinderung genug ist. Psychologie ist wichtig, um zu erkennen, warum Ex-Tänzer seit einem Jahrhundert ohne grosses Erheben sich fügen, sich belasten und bewähren. Jede Studie hebt daher hervor, dass kein Rappen an ihnen vergeudet ist - obwohl bei weitem nicht klar sei: Was ausser der Rentabilität eine Umschulung eigentlich als geglückt kenntlich macht. Welche Kriterien? Dass jeder innert Kürze arbeitet? Angesichts der geringen finanziellen Polster verwundert dies nicht. Dass zwei Drittel sich finanziell verbessern?14 Das ist keine Kunst. Dass sie endlich ein geregeltes Leben führen? Die Suche nach dem massgeschneiderten Kri14

ebd. S. 8

terium haben sich die Transitionszentren auf die Fahne geschrieben. Dabei stossen sie auf eine Lücke: Interessen mit höherem Ausbildungsanspruch kommen den ausgedienten Tänzern kaum über die Lippen. Sind die Tänzer zu dumm? Ein Psychologe versucht abzuwiegeln: Im Schnitt liegen sie über dem Schnitt.15 Aber das Mitteilen liegt ihnen nicht. Nicht verbal. Das belegen die Studien und wünschen mehr Raum für das Wort in der Ausbildung. Das ist das eine. Das andere ist die kritische Selbsteinschätzung der Betroffenen (wogegen es an sich nichts auszusetzen gibt). Sie führt bei ihnen zu Komplexen gegenüber Wortgewandten oder mit fliessenden Paragraphensätzen ausgestatteten Beratern. Sie schätzen Kommunikationsfähigkeit als vom Markt erwartete Tugend ein. Die sie sich nicht zutrauen. Das ist ein weiterer Grund, weshalb nur jeder fünfte Tänzer in der Schweiz an eine tertiäre Ausbildung denkt.16 Der letzte Grund für die Lücke 15 IOTPD, Das Tänzerschicksal (1997), S. 17 16 Baumol William, Jeffri Joan, Throsby David (2004) S. 268, zit. n. dem Entwurf-Bericht vom «Projekt Tanz»: Umschulung/ Weiterbildung für Tanzschaffende: Ist-Zustand und Konzept zur Verbesserung der Situation, S. 4. Im Vergleich: in Amerika, mit einem anderen Tanzausbildungssystem, jeder zweite.

10 vgl. S. 17 des Schlussbericht Projekt Tanz von 2006. 11 ebd. S. 17 12 ebd. S. 17 13 vgl. Forschungsstudie von Jeffri Joan, Throsby David «Life after Dance: Career Transition of Professional Dancers» S. 1. ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

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AUSBLICK TANZ Zwei Premieren am Opernhaus Zürich Der Preisträger des diesjährigen deutschen Tanzpreises ist der, der vielleicht das meiste für das Gütesiegel des Schweizer Tanzes geleistet hat: Heinz Spoerli. Er scheint sich dem künstlerisch Höchsten stellen zu wollen: Gegen eine erlesene Auswahl reiner Bachwerke lässt er den Tanz ohne Handlung oder private Färbung «pur» antreten. In der Abfolge der Musik liegt Tiefsinn. Von den leichteren Brandenburgkonzerten über Magnificat bis hin zur Kantate «Ich habe genug» spannt er den Bogen wie über sein Oeuvre. Davon aber bitte mehr. Ort: Opernhaus Zürich, Falkenstrasse 2 Daten: 1. Mai, 19:00h; 3. Mai, 20:00h.; 8. Mai, 19:30h; 28. Mai, 20:00h Junior Ballett Nicht nur seit der Gründung des Junior Balletts im Jahr 2001 setzte sich Heinz Spoerli für den Nachwuchs ein. Dieses nachhaltige Engagement wurde explizit bei der Preisverleihung gewürdigt. Der Chef bemüht sich persönlich, die Jugend ins rechte (Rampen-)Licht zu rücken, und meint bescheiden und wohl ehrlich: Er fühle sich gefordert und entwickle sich, wenn er sich dem enorm wandlungsfähigen jungen Tanz aussetze. Das Junior Ballett als Jungbrunnen? Ort: Opernhaus Zürich, Falkenstrasse 2 Datum: 17. Mai, 14:00h Gisela Rocha Company Seit über zehn Jahren arbeitet die brasilianische Choreografin Gisela Rocha in Zürich, hat aber auch schon namhafte Companien wie Introdans mit Schritten beglückt. Für ihr jüngstes Stück «white in white» (inspiriert von Bildern des russischen Avantgardisten Kasimir Malewitsch) lässt sie fünf Asiaten ihr glanzschwarzes Haar schwingen. Arm und Haar schwingt als lockere Randerscheinung um brodelnd explosive Körperzentren herum. Eine brisante Mischung. Ort: Tanzhaus Zürich, Wasserwerkstrasse 129 Daten: 14. und 16. Mai, 20:00h; 17. Mai, 17:00h Umfassender Tanz in Bern Ein Geist, Phantasie und Körper ansprechendes Programm bietet Karin Hermes. Das ist Tanzwissenschaft zum Anfassen. Im Rahmen der HKB gibt’s am 3. Mai «Kaleidoskop: eine Reise durch die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts». Im Workshop geht es um den stattgefundenen und (am eigenen Körper) nachvollziehbaren Dialog zwischen Tanz und Malerei der Avantgarde und des Bauhaus. Zur Abrundung liefert Hermesdance einen wiederbelebten Beweis: Ihr Projekt von 2007 rekonstruiert Fragmente aus der Bauhaus-Epoche - und animiert sie. Ort: HKB - Hochschule der Künste, Sandrainstrasse 3, Saal 1. Daten: 7., 8. und 15. Mai, 19:30h; 17. Mai, 17:00h 18

ist die fehlende Matura. Was macht die Schweiz? Die Schweiz versucht wie Deutschland auch, den vier Trendsetter-Ländern nachzuziehen. Sie legitimieren sich beide mit eigenen nationalen Studien. Beide tagen jahrelang um einen runden Tisch und leisten tatsächlich umfassende Pionierarbeit. Das Schweizer «Projekt Tanz» sei so einzig im Kunstbereich, dass es Modellcharakter habe. Bund, Kantone und Städte waren mit von der Partie, als vier Jahre lang Festivalkuratoren neben Tänzern, Pro-Helvetia-Leiter neben Tanzlehrern und Kulturjournalisten am runden Tisch sassen. Das Schlagwort zur Rettung des Schweizer Tanzes war Nachhaltigkeit und Ganzheitlichkeit. So betrachtete man die gefährdete Kultursaat umfassend: Angefangen beim integrierten «Anbau», den gesundheitlichen und geistigen Spätschäden einseitiger Monokultur entgegenwirkend, über Anliegen des Faire Trade bei der Ernte und auf dem Markt, bis hin zur Entsorgung und dem Recycling. Als das Ergebnis, ein vierzigseitiges Dokument, im Sommer 2006 das Licht der Öffentlichkeit erblickte, jubelte die Presse: «Ein historischer Tag» (Le Temps)17. Belange in finanziell gebundenen Händen Und was passierte seit diesem historischen Tag? So einiges: Die Kantone und der Dachverband des Tanzes erarbeiten ein duales Schulsystem. Kein Tänzer in spe soll die Allgemeinbildung zu früh aufgeben müssen. Man verschaffte dem zeitgenössischen Tanz einen eidgenössisch anerkannten BA-(Bachelor-ofArts)-Studiengang in Zürich mit Beginn in diesem Herbst. Das wird vermeiden helfen, dass künftig Ex-Tänzer als unqualifizierte Arbeitskraft dastehen. Das Fach Tanzwissenschaft wurde in Bern am Institut für Theaterwissenschaften eingeführt. Das festigt die Stellung des Tanzes, wenn auch mangels Tanzwissenschaftlern Literatur- und Theaterwissenschaftler angestellt sind. Und was wurde erreicht im Recycling? Beide Anlaufstellen für Tänzerumschulung (NDT und SBKV) in der Schweiz melden, dass sie nach wie vor aufgrund von privaten Stiftungen und Mitgliedsbeiträgen ihr kleines Budget verwalten. Da springen pro bewilligtem Gesuch kaum mehr als 3000 CHF im Jahr heraus (bei unter 20 Anträgen). Im Vergleich: «Projekt Tanz» sah den durchschnittlichen Bedarf bei jährlich 22 500 CHF pro Person. Zuzüglich Unterhaltskosten.18 Bescheidenheit ist das Motto in der Westschweiz. Lausanne managte die Rekonversion 10 Jahre ehrenamtlich, seit einem Jahr gönnt man sich eine 60-Prozent-Stelle. Die investiert man in Fundraising. Missmut hört man aus der Deutschschweiz. Denn unklar ist, was hinter den Kulissen der Regierung braut. «Projekt Tanz ist ein ausgearbeiteter Plan, der in den Schubladen staubt», mutmasst Rolf Simmen, Leiter der Umschulungsstiftung SBKV in 17 Alexandre Demidoff, Kulturredaktor des Le Temps, am 11. September 2006 18 Baumol William, Jeffri Joan, Throsby David (2004) S. 269, zit. n. dem Entwurf-Bericht von «Projekt Tanz»: Umschulung/ Weiterbildung für Tanzschaffende: Ist-Zustand und Konzept zur Verbesserung der Situation, S. 5

Zürich,19 «und sollte wohl das Gewissen beruhigen.» Er war am runden Tisch dabei. Deutschland zieht mit Im Nachbarland gehörten zur besorgten Fachwelt die Arbeitgeber. Die Ballett- und Tanztheaterdirektorenkonferenz BBTK gebar 1998 die «Arbeitsgruppe Transition». In der Version «AG Transition und soziale Aspekte» der SK-Tanz (Ständigen Konferenz Tanz e.V.), hat seit 2006 nun auch die freie Szene ein Wörtchen mitzutanzen. Der grosse Plan dieser AG heisst nationales Transitionszentrum. Er erhielt politische Rückendeckung durch die Enquete-Kommission und ihrer «Empfehlung an Bund und Länder, die Tänzer in der Transition durch Einrichtung einer entsprechenden Stiftung zu unterstützen.»20 Nachdem die letzten Jahre auf der Aktivseite der Aktivitätsbilanz Studien und hochrangig besetzte Workshops prangen, darf die Frage erlaubt sein, welches finanzielle Gegengewicht die öffentliche Hand künftig in die Waagschale werfen wird. Sabrina Sadowska, die Leiterin des Projekts, wiegelt ab. «Erst muss die Struktur stehen.» Und diese möglichst nach dem Vorbild der Leistungssportler, die über ein duales System ausgebildet und beschäftigt werden, während und nach der sportlichen Karriere in Olympiazentren betreut werden. Bis eines der beiden Länder seiner eigenen Empfehlung folgt, kann eine Sonderleistung für Tänzer die Finanznot des Karriereknicks überbrücken helfen: Die jeweilige Künstlerversicherung21, auf die beide Länder mit Recht Stolz sind, zahlt Tänzern die geleisteten Beiträge der Betriebsrente (2. Säule) auf Antrag mit Zinsen aus. Die Vorsorge inmitten des Lebens aufbrauchen? Diese Frage plagt auch Frau Sadowska. Wünschen wir den Tänzern eine ertragreiche Reinvestition, denn bei Wiedereinkauf bittet die Vorsorgeeinrichtung - Finanzkrise mit purzelnden Zinsen hin oder her - in Deutschland die Summe zurück, plus 6 Prozent... Derweil seien die Politiker mit den Worten des UNESCO an ihre Pflichten gemahnt: «Die Verantwortung liegt bei den Regierungen, das Training der Künstler kontinuierlich zu finanzieren, seine Entwicklung zu fördern und die Umschulung von gewissen Künstlerkategorien wie die von professionellen Tänzern zu unterstützen.»22 19 Umschulungsstiftung für Bühnenkünstler des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbandes SBKV (gegründet 1993). 20 Dr. Claudia Düncke. Transitions Zentrum Tanz Deutschland (TZTD). Eine Projektstudie zur Modellentwicklung. Febr. 2008. S. 5., sowie in der Dokumentation des Workshops vom Dez. 2008 für die Pressekonferenz vom 6. April 2009, S. 10 21 die Versorgungsanstalt der deutschen Bühnen in der Bayerischen Versicherungskammer sowie in der Schweiz die berufliche Vorsorge für Theaterschaffende CAST. 22 The world congress of implementation of the recommandation concerning the status of the artists organized by the UN educational scientific and cultural organization in cooperation with the the french ministry of cultural communication and the french national commission of UNESCO, June 16- 20 1997 in the UNESCO headquarters in Paris

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Bühne

FILOSOFENECKE «Alles dreht sich um das ‹gute Leben›, darum, welches Leben für den Menschen das beste ist, also um etwas, das herauszufinden und zu beurteilen offensichtlich dem Menschen aufgegeben ist.» Hannah Arendt 1965

STADT THUN

handgestrickt und massgeschneidert Von Tabea Steiner ■ Handgestricktes ist wieder in Mode. Und das ist gut so, denn ab der Stange hat ausgedient. Das hat das Berner Duo Fitzgerald & Rimini glücklicherweise längst erkannt und fertigt seither Designerstücke an - von Hand, versteht sich. Elsa Fitzgerald, in Berns Gassen auch bekannt als Ariane von Graffenried, studierte Theaterwissenschaften in Bern. Seit Langem tritt sie immer wieder bei Poetry Slams in Deutschland und der Schweiz auf und unterhält das Publikum mit ihren Texten, in welchen sie die Alltagsnöte der Menschen auf unalltägliche Weise beschreibt. Ausserdem schreibt sie Kolumnen im Bund und Theaterstücke, beispielsweise «Wenn wir uns treffen, dann gehen wir durch die Strassen und zünden Autos an», welches im Schlachthaus Theater uraufgeführt wurde. Ariane von Graffenried beweist dramaturgisches Geschick, wenn sie in ihrem Stück drei Frauen aus drei Generationen einen Berg erklimmen lässt und die Geschichte der Emanzipation der Frauen in kluge Dialoge verwebt. Robert Aeberhard seinerseits hat in Bern Geschichte studiert und daneben an seiner Karriere als Musiker gefeilt. Er spielt als Bassist beim Berner Songwriter Trummer, aber auch bei weiteren Formationen wie Büro Amsterdam, Rob’n’Steeph, Bruce Reynolds. Irgendwann haben sich die beiden zusammengetan und das Duo Fitzgerald & Rimini gegründet. Wenn das Duo Fitzgerald & Rimini auftritt, dann machen sie keinen Pomp daraus. Sie kommen auf die Bühne und fangen einfach bloss an. Und auch das ist gut so. Elsa Fitzgeralds Texte brauchen keinerlei Schnickschnack, die gehen auch so direkt ins Blut. Was sie erzählt, das hat Hand und Fuss, ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

und wie sie es erzählt, geht unter die Haut. Ribi Rimini macht Musik dazu, untermalt, dramatisiert. Wenn die Kuh aus dem Emmental sich mit einem fremdländischen Hund arrangieren muss wird das genauso plastisch, wie wenn Frau Kehrli ihre blauen Haare ins rechte Licht rücken muss, damit sie ihren Sohn in Amerika besuchen kann. Das Duo erzählt Geschichten, wie sie das Leben nicht schreibt - sie schreiben es kurzerhand um, ein wenig. Wenn die beiden zusammen auf der Bühne stehen, merkt man, dass es ihnen Spass macht, dass sie auf der Bühne, in der Musik, in den Texten zuhause sind. Gemeinsam machen sie ganze Sache, Abendunterhaltung fürs Gemüt, mit Niveau, einfach, aber solide, und nach Mass. In ihrem neuen Programm zeigen Fitzgerald & Rimini nebst den musikalisch untermalten SpokenWord-Texten aus den Bereichen Tiere und Randgruppen den Super8-Dokumentarfilm «Revolution ist eine Frage der Kameraführung». Die einteilige Dokumentation erzählt nach 32 Jahren vom mysteriösen Verschwinden des meistgesuchten Schweizer Anarchistenpaares Peter Aeschlimann und Elvira Rothenbühler und deren schicksalhafter Reise nach Italien. In Zeiten der Krise, auf der Suche nach alternativen Systemen, hat dieser historische Film eine ungeahnte Aktualität erhalten. Enthüllend und berührend!

■ Alle wollen wir das Gute – begrifflich also das Allgemeine, von der Erfahrbarkeit her das Individuelle. Der Widerspruch ist grundlegend: Unsere Vorstellung vom so genannten Guten bildet die menschliche Existenz zwischen dem Ich als Alleinsein und seiner möglichst harmonischen Teilhaftigkeit an der Gesellschaft ab wie kaum etwas Anderes. Beide Aspekte beanspruchen Absolutheit: Das Ich als einziger Ort unserer Erfahrung und Erkenntnis – und die Harmonie ist entweder ein Ganzes oder sie ist nicht. Wer das Gute will, will das Gute für sich und will es für Alle und scheitert notgedrungen daran, dass es kein allgemein gültiges Ich gibt: Wie kann mein Gutes Dein Böses sein, wo ich doch nur das Gute will? In der Dogmatisierung dieser naiv harmonisierenden Verklärung der Realität schlagen Glaubenskriege ihre Wurzeln – mit Gewalt sucht die individuelle Richtigkeit das Allgemeingültige. Sicher, das «gute Leben» orientiert sich an unserer Vorstellung vom Guten, unterscheidet sich aber darin, dass wir das Spannungsfeld zwischen unserer eigenen Maxime und dem allgemeinen Gesetz «beurteilen» können: Das «gute Leben» ist eine relative Grösse, also etwas, das zwar in einer Relation zur Allgemeinheit steht, jedoch im Bereich unserer individuellen Wertung liegt. Wie wir dieses unser gutes Leben «herausfinden» angesichts der ethisch gesellschaftlichen Verbindlichkeit, ist eine Frage unserer individuellen Moral. Hannah Arendt hat sich dieser Herausforderung gestellt in der Reflexion des nationalsozialistischen Holocaust anlässlich ihrer Vorlesung «Some Questions of Moral Philosophy», New York 1965. Dabei greift ihr Denken weit über eine naheliegende Verurteilung hinaus, sie sucht nach Erklärungen für das Böse im Handeln der Menschen – was nicht mit dessen Entschuldigung verwechselt werden darf. Die Bedingungen unseres Daseins sind nicht unwiderruflich gesetzt und zu akzeptieren, sie sind uns im Sinne von Arendt prozesshaft «aufgegebe». Alther & Zingg laden Sie am Mittwoch, 27. Mai 2009, um 19:15h an der Kramgasse 10 im ersten Stock auf ein gutes Gespräch.

Fitzgerald & Rimini Sonntag, 3. Mai, 20:30h, Café Bar Mokka Info: www.fitzgeraldrimini.ch 19


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GAMEBOIS (ch) soul TOMAZOBI (ch) mundart 08.05 ALBERTO & THE FRIED BIKINIS (chile, ch) surf 09.05 GUILLERMO SOHRYA(ch) funk, r&b, soul 14.05 BERGITTA VICTOR (seychelles) pop 15.05 BÜRO AMSTERDAN (ch) pop folk 21.05 WINTER TOOK HIS LIFE (sweden) singer- songwriter 22.05 DEU CHORO mit BOTTER MAIO (brasil) choro 28.05 ZOFKA(ch) „la Nuchanson“ 22.05 SWISSINDIAN ORCHESTRA (ch) 01.05 02.05

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Dialogues, 2007 - 2009, DVD, 140 Min. © Owen Land Courtesy Kunsthalle Bern, Office Baroque Antwerpen

finefoods & sounds - www.musigbistrot.ch Mühlemattstr. 48 3007 Bern - 031 3721032

Owen Land Dialogues 4. 4. – 17. 5. 2009

Kunsthalle Bern Dienstag bis Freitag 11 – 18 h Samstag/ Sonntag 10 – 18 h Helvetiaplatz 1 CH-3005 Bern T +41 31 350 00 40 F +41 31 350 00 41 www.kunsthalle-bern.ch

Die „Berner Schule“ Künstler in der Nachfolge Ferdinand Hodlers

02.04.2009 – 28.06.2009


Musik

SCHWEIZER INDIEPOP

japan hilft, london ist besser Von Tatjana Rüegsegger Bild: zVg. ■ Augen zu und durch, das war im Grunde nicht ganz die Idee hinter dem M4Music-Interview mit 7 Dollar Taxi. Eigentlich war alles toll geplant: Der Einstieg, die Zwischenfragen und der Schluss. Brillant aufgebaut. Nur, wenn die Infos nicht ganz genau stimmen, dann verschiebt sich alles um ein paar Zentimeter… wenn nicht Meter. Ein parallel verschobenes Interview mit Tizian, Christoph und César, drei der vier Luzerner. Was man zuerst wissen muss: 7 Dollar Taxi, ursprünglich aus der schönen Stadt Luzern, unterschreiben einen Plattenvertrag in Japan. Oder eher: Der Plattenvertrag ist in Japan, aber die Jungs waren selbst noch nie dort. Und so fällt der Einstieg des Interviews ins Wasser. Denn nach Japan steht bei der Band London an. Was in Japan nur wenig läuft sollte in London abgehen wie eine Rakete: 7 Dollar Taxi gehören, vom Genre her, zu der Art Musik, die dort auch in Radios gespielt werden. Was hierzulande kaum denkbar wäre. Doch bringt es wirklich was, nach England zu gehen, wenn da so oder so schon so viele Indie-Bands herumschwirren? Ha! Natürlich, denn sie haben etwas, was alle anderen nicht haben: Sie kommen aus der Schweiz, dem Land, wo Käse und Schokolade auf den Bäumen wächst. Und seit das «Tagi-Magi» 7 Dollar Taxi offiziell zu den «500 Beiträgen der Schweiz zur Verbesserung der Welt» gezählt hat, kann sie eh nichts mehr bremsen. In London soll es für die Jungs richtig losgehen. Doch so einfach ist das Ganze nicht. Der Plattenvertrag, den sie momentan gerade am Aushandeln sind, wird ihr Leben verändern: Denn Hauptpunkt des Labels ist der feste Standort der Band in London.

ensuite - kulturmagazin: London, ein grosser Schritt. Ist da der Druck nicht riesig, um dort durchzustarten? Vor allem als nicht-englische Band? Christoph: Am Anfang dachten wir, es sei ein Nachteil. Unterdessen ist es eigentlich ein Vorteil. Wenn du einen Haufen englischer Bands hast, die alle gleich tönen und du den Überblick eh schon verloren hast, dann kommt eine Band von Aussen… César: Die haben sich auch nicht angefeindet. Ich habe mir die britische Musikszene viel chauviensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

nistischer vorgestellt. Christoph: Zuerst haben wir uns gesagt: «Komm, wir sagen nicht, dass wir Schweizer sind.» Aber das bringt’s ja eigentlich gar nicht, denn da kam der Gedanke, dass wir uns abgrenzen mussten von den andern, denn sonst bist du eben eins dieser Massenprodukte. Darum ist es eigentlich gut, du bist Schweizer, «unverbraucht», bist aus dem Ausland, aus dem Land, wo sie Uhren und Schokolade machen… Tizian: Eben, aber Druck eigentlich nicht. Also, jetzt abgesehen von der Tatsache, dass wir Schweizer sind, was ein kleines Hindernis ist: Wenn du ein Team hast, das dich unterstützt, an dich glaubt und auch Geld investiert, wo’s nötig ist - in diesem Moment gibst du das Ganze aus den Händen und wir müssen da nicht mehr viel tun. Christoph: In der Schweiz, so wie jetzt hier, ist es ziemlich einfach, einen gewissen Bekanntheitsstatus zu erreichen. Wenn du dran bleibst, hast du das recht schnell. In England hast du zwar einen längeren Weg, aber wenn du’s dort schaffst, dann hast du was. In der Schweiz bringt es dir nicht viel. Irgendwann sagt man dir, mit diesem Sound sei man nicht massentauglich. Du erreichst einfach nicht sehr viele. Aber wenn du in England durch bist: Dann hast du ein wenig was davon. Wird man dann zur englischen Band? César: Naja, also was heisst da schon englische Band. Wenn man ernsthaft Musik macht, dann spielt man in England genauso wenig wie in der Schweiz. Dann spielt man auch nicht zweimal in der Woche in London. Tizian: Um uns als Engländer auszugeben, tönen wir zu wenig britisch. Abgesehen von den Vocals… Aber vom Sound her sind wir teilweise ziemlich amerikanisch, Garage… so The Standelles, The Sonics… The Kinks… Ähm…The Kinks!? (The Kinks, die ja Briten sind) Tizian: Jaja, also eben, Standelles und Sonics. César: Und… Also eine Schweizer Band zu sein, das heisst ja nicht, dass man die Hälfte der Konzerte hier spielt. Tizian: Aber wir werden nicht versuchen, uns als englische Band zu verkaufen.

Christoph: Das sicher nicht. Diese Bands, die, nachdem sie in Berlin waren, plötzlich zu «Berliner Bands» werden, das ist einfach lächerlich. Wenn die dann zurückkommen und hier ein Konzert haben… das ist doch irgendwie komisch. Tizian: Schlussendlich ist auf dem Pass halt immer noch das rote Kreuzchen drauf. Christoph: Du meinst das weisse Kreuzchen… Dass dieser Schritt nach London von den Taxis als erste gewagt wird, ist kein Zufall. In der unregelmässig (auf Basel und Luzern, unterdessen auch Baden und Zürich) verteilten Landschaft der Schweizer Indieszene ragen die vier Luzerner heraus. Falsch ist es nicht, wenn man sie als Pioniere des Schweizer Indies unserer Generation bezeichnet. Der Gedanke, nach London zu ziehen, ist seit den Verhandlungen des Vertrags - unterdessen ein wenig mehr als sieben Monate - in den Köpfen der vier Musiker. Aber die Entscheidung fällt nicht leicht… Christoph: So ein Vertrag regelt dein ganzes Leben. Das dauert eine Weile, ihn fertig zu stellen. Schlussendlich hast du so ein Buch, in dem alles drinsteht was du darfst und so. Tizian: Es ist ein ständiges Hin und Her: Das Label schreibt eine Version, schickt es seinem Anwalt, der es unserer Anwältin schickt, die geht es dann mit uns durch, und… wir sind jetzt an der fünften Version innerhalb der letzten sieben Monate. Doch egal, wohin das Taxi sie in Zukunft hinfahren wird: Die Luzerner Band ist hier in der Schweiz zu Hause. Tizian und César von Arx sind Brüder, was man, Tizians Meinung nach, nur schon der unüblichen Vornamen wegen erraten kann. Der Song «The World is ending», welchen die meisten Fans schon auswendig können, wird auf der nächsten Platte zu finden sein, für die sie noch ein Label brauchen. Tizian arbeitet auch an seinem schon erfolgreichen Soloprojekt «One Lucky Sperm» (www. myspace.com/oneluckpserm). Anhören: Naked or Undressed. 21


Musik

WORLDMUSIC

wo emotionen und akustische raffinesse zusammentreffen Von Luca D‘Alessandro Bild: zVg. ■ Die Fachpresse sieht in ihr die neue Cesaria Evora: Maria de Lurdes Pina Assunção, mit Künstlernamen Lura, hat im April ihr sechstes Album veröffentlicht: «Eclipse» berücksichtigt die musikalischen Traditionen aus dem Land ihrer Eltern, den Kapverden, und lässt moderne Einflüsse aus der afrikanischen und europäischen Musik zu. In einem kreolischen Quartier in Lissabon aufgewachsen, sieht sich Lura als Botschafterin jener Musikkultur, die sie von Kindesbeinen an mitbekommen hat: Eine Mischung aus afrikanischer Rhythmik, portugiesischem Pop und Jazz. «Ich hätte nie geglaubt, dass in meinem Innern all das verborgen liegt, was durch meine Musik zum Vorschein kommt», sagt Lura. Ihr Beruf als Sängerin behagt ihr, obwohl sie ursprünglich Tänzerin werden wollte. «Am Ende habe ich mich anders entschieden.» Oder besser gesagt: Ihre klangvoll tiefe Stimme hat sie von diesem Weg abgebracht. Mit 17 traf sie auf Juka, einen Sänger aus São Tome und Principe, mit dem sie ein Duett aufnahm. «Zuerst dachte ich, Juka wolle mich lediglich als Hintergrundsängerin in seinem Chor haben», erinnert sich Lura. Juka aber hatte andere Pläne: «Er wollte ein Duett singen und hat so lange auf mich eingeredet, bis ich endlich einwilligte.» Das Duett wurde ein Hit, der nicht nur Juka zu mehr Ruhm verhalf, sondern auch die Aufmerksamkeit verschiedener Lissaboner Musiker auf die junge Sängerin zog. Tito Paris, Paulo Florès und Paulino Vieira wollten sie unbedingt für ihre Projekte gewinnen. Lura machte mit, liess sich aber von ihrem neu eingeschlagenen Weg nicht abbringen. Ihr Ziel war die Solokarriere. 1996 entstand das Début «Nha Vida», das sofort 22

für Aufregung in der Branche sorgte. Lura hatte sich endgültig etabliert, es gab also kein Zurück mehr: Die Tanzkarriere musste sie auf Eis legen. Es folgten fünf weitere Alben. Das letzte, «Eclipse», ist vor ein paar Wochen auf den Markt gekommen. «Es inspiriert sich an den musikalischen Traditionen der Heimat meiner Eltern», sagt die Sängerin, «es ist die Stimme der beiden Inseln Sao Tiago und Santo Antao.» In diesem Album treffen Emotionen und akustische Raffinesse zusammen. Stile wie Morna, Funana und Batuku geben die Harmonien und den Rhythmus vor, vermengt wird das Ganze mit afrikanischen Einflüssen und modernen Elementen aus Südamerika und Westeuropa. «Eclipse» setzt sich aus Pop und Jazz zusammen, zugleich finden sich in ihm die klassischen Rhythmen der Inseln wieder, zum Beispiel der Funana, ein typischer Tanz aus Santiago, gespielt auf der Handorgel und dem Ferrinho, einem kapverdischen Instrument. Ein weiterer Rhythmus ist der Batuque, welcher traditionsgemäss in den Wäschereien von Santiago auf Kissen aus Leinentuch, den Tchabetas, gespielt wurde. «Eclipse» ist ein nostalgischer Exkurs in das Land, das seine Prägung von den Dichtern, den Fischern und Seeleuten aus aller Welt erhalten hat. Die Inselgruppe stand für lange Zeit unter portugiesischer Kolonialherrschaft. Erst im Geburtsjahr der Sängerin, 1975, entliess Portugal die Kapverden in die Unabhängigkeit. Geblieben sind die Sprache, die Namen und Bräuche. Es erstaunt deshalb nicht, dass der Bossa Nova in «Eclipse» eine dominierende Rolle spielt, wobei aber auch argentinische Traditionen ihren Platz haben; zum Beispiel in «Canta Um Tango», ein postmoderner Tango, entstanden in Neapel mit der Gruppe Kantango.

Die Titelmelodie «Eclipse» geht auf ein Lied von B. Leza, dem «König» der Kapverden und Onkel von Cesaria Evora, zurück. Er hat die Musikkultur der Inseln während fünf Jahrzehnten geprägt. Noch heute wird er von seinen Nachfolgern geschätzt. Könnte Lura schon bald die neue Königin werden? «Nein», sagt sie, «Cesaria Evora ist nach wie vor die Ikone der Kapverden.» Lura empfindet tiefe Verehrung für die Grande Dame der beschwingten Musik. Ein Vergleich mit ihr wäre nicht möglich, zumal sich die beiden Divas stilmässig unterscheiden.

Lura ist gegenwärtig eine der berühmteren kapverdischen Sängerinnen und Komponistinnen. Obwohl sie von Cesaria Evora massgeblich beeinflusst wurde, ist Luras Stil eigenständig geblieben: Eine Mischung aus traditionellen Melodien und Klängen ihrer Heimat und westlichem Pop. Die heute 33-jährige Künstlerin hat mit namhaften Musikern zusammengearbeitet, unter anderem mit Caetano Veloso, Marisa Monte, Djavan, Bonga und Teresa Salgueiro. Nebst einer fünfteiligen Diskografie hat sie sich 1997 am Gemeinschaftsprojekt Red Hot + Lisbon, eingebunden in eine Kampagne gegen AIDS, beteiligt. Diskografie: -Nha Vida, 1996 -Onda sonora - Red Hot + Lisbon (Sampler), 1997 -In Love, 2002 -Di Korpu Ku Alma, 2005 -M’bem di fora, 2006 -Eclipse, 2009 Info: www.luracriola.com ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09


Musik

WELTMUSIK

die suche nach dem neuen, unbequemen ton Von Till Hillbrecht Bild: zVg. ■ Beim Erkunden von Sounds in der Fremde wird klar, dass die Welt weit mehr birgt als die hierzulande bekannte und zu esoterischen Klängen verschriene Worldmusic. Das international tätige Berner Netzwerk Norient.com begibt sich seit dem Jahr 2002 in die Tiefen der experimentellen Soundprovinzen der Erde und taucht nach Perlen, die sich auch nach ihrem Finden im übersättigten Markt schwer tun. Norient ist ein Sammelwerk von Artikeln über Künstler, die auf eigenständige Art lokale und globale Einflüsse verarbeiten. Bombeneinschläge werden in der elektroakustischen Szene im Arabischen Raum zum gleichen musikalischen Ereignis wie traditionelle Klänge. Politische Realität führt die zeitgenössische Künstlergeneration zur Form ihrer eigenen Neuen Musik. Es geht der Plattform Norient jedoch nicht um Politik oder gesellschaftliche Kriterien. Es geht um die Essenz: Gute Musik. Norient gestaltet während den Monaten April bis Juli im Zentrum Paul Klee audiovisuelle Veranstaltungen. Nebst Hörstationen in der Ausstellung «Traum und Wirklichkeit: zeitgenössische Kunst aus dem Nahen Osten» und namhaften Soundkünstlern aus dem arabischen Raum tritt Norient-Gründer Thomas Burkhalter mit Simon und Michael Spahr mit der preisgekrönten Live-Performance «Sonic Traces from the Arab World» auf. Ein Moment, um Gleichheiten und tiefe Gräben kennen zu lernen. Und sie zu vergessen. Denn es geht: Um gute Musik.

ensuite - kulturmagazin: Wo liegt der Unterschied zwischen dem Deathmetal-Musiker aus dem Libanon und jenem aus der Schweiz? Thomas Burkhalter: Es gibt eine einigermassen grosse Szene im Libanon. Und auf der obersten Ebene ist klar: Auch deren Einflüsse kommen aus Amerika oder Finnland, die meisten sind ausgerichtet auf amerikanische Bands wie «Morbid Angels». Negativ äussert sich der Unterschied, dass es im Libanon weniger Tontechniker und Produzenten gibt, die sich mit diesem Sound auskennen und die fähig ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

sind, Aufnahmen mit der entsprechend typischen Ästhetik hinzukriegen. Bezüglich der Essenz der Musik lässt sich die Frage fast nicht beantworten. Du hast Musiker, die fünfzehn Jahre im Krieg waren, und wenn man die näher kennenlernt merkt man, dass diese Musiker oft sehr traumatisiert sind. Musik ist in diesem Falle oft eine Art Selbsttherapie. Ob sie deswegen Musik anders machen als eine Band in New York, ist schwierig zu beantworten. Ich weiss nicht, wie man das messen könnte. Was man aber messen kann sind eingebaute Melodien, welche arabisch klingen. Jedoch machen das Bands aus Amerika ebenso, wobei dann die arabischen Bands behaupten, das sei eine Kopie. Man kann die Frage nicht abschliessend beantworten. Klar ist, dass es Unterschiede im Text gibt – auf dieser Ebene sind sie oft sehr lokal. Gibt es Konflikte mit dem Klischee World Music? Das ist vielleicht gerade beim Beispiel des Beiruter Death Metal nicht unbedingt das Problem. Aber Hiphop-Musiker oder Rocker würden genau aus diesem Grund niemals mit orientalischen Klischees oder Musik beginnen zu experimentieren, weil sie sich dann vorkommen würden, als ob sie sich an einem Markt anbiedern würden. Die sehen sich viel mehr als Gegenbewegung zur jener Sicht, die wir auf diese Welt haben. Sie wollen sich über ihre gute Musik verkaufen. Und das ist, was zählt. Und was Norient schlussendlich auch auszeichnet. Letztlich geht es darum, nicht nur auf die Unterschiede der Kulturen hinzuweisen, sondern auch Gemeinsamkeiten zu finden. Wir wollen die subkulturellen Szenen aufweisen; im experimentellen Bereich, im politischen Bereich. Neue Musik, E-Musik. Da gibt es natürlich auch Musiker, die aus der Tradition heraus versuchen, neue Wege zu gehen. Die beispielsweise mit Konzepten indischer Musik arbeiten, aber mit atypischen Instrumenten. Die klingt zwar dann westlich, bezüglich Aufbau ist sie aber

völlig indisch. Im Zentrum Paul Klee treten Simon Grab, Michael Spahr und Sie als Veranstalter der Soloprojekte arabischer Künstler und der Hörstationen, aber auch selbst als aktive Künstler ins Rampenlicht. Mit dem Projekt «Sonic Traces From The Arab World» wird ein Startschuss für die Zukunft gesetzt. Sonic Traces ist eine Live-Performance. Eine Arbeit, in welcher alle Resultate unseres Schaffens zusammenkommen und künstlerisch umgesetzt werden. Es ist eine Geschichte über Neue Musik in der arabischen Welt: Wie sie sich definiert, sich darstellt und wo sie herkommt. Es ist voller Sounds von arabischen Künstlern, die in Sonic Traces noch ein bisschen genauer angeschaut werden. Was dabei entsteht ist eine Art Hör-Bild-Feature: Man sitzt im Stuhl und lehnt sich zurück und schaut sich diesen Hör-Film an. Wir hoffen, der Zuschauer bekommt über das Ohr mit, was in dieser fremden Welt passiert. Das Ziel ist, aus Sonic Traces eine Serie zu machen, die mit Künstlern vor Ort arbeitet und in die Performance eingebaut wird. Es ist so: Wenn man das in der Schweiz macht, dann ist das was anderes, als wenn wir mit Sonic Traces in der arabischen Welt auftreten. Wenn drei Schweizer den Arabern erklären, wie ihre Musik funktioniert, ist das ein bisschen schräg. Es sollten schon Kollaborationen stattfinden. Die Leute reagieren zweierlei: Sie sind begeistert, weil sie teilweise Stücke ihrer eigenen Musik oft nicht kennen. Bei provokativen Aussagen hingegen fragen sie sich, was der Schweizer da wohl sagen will. Spannend wäre in diesem Fall, wenn Sonic Traces im arabischen Raum mit Schweizer Musik aufgeführt würde. Das ist auch eine Idee und die möchte ich eigentlich schon lange realisieren, früher oder später. Schwierig an Sonic Traces ist, dass sehr viel und fundiert recherchiert werden muss und dies mit 23


Musik grossem Reiseaufwand verbunden ist. Da wäre ein Schweizer Fokus einfacher. Hier ist es inzwischen für jeden möglich, Musik zu produzieren: Fast jeder kann sich einen Laptop leisten, kann Audiosoftware runterladen, kann Sounds aufnehmen. Das Feld der experimentellen Musik hat sich mit der fortschreitenden Technik geöffnet. Gilt das auch in anderen Kulturräumen? In der arabischen Welt haben wir dieselben Voraussetzungen. In Afrika vielleicht weniger, jedoch darf man nicht vergessen, dass Künstler, die experimentelle Musik produzieren, in diesen Ländern zu 90 Prozent einer Elite angehören, aus einer reichen Familie stammen und sich das entsprechende Equipment leisten können. Man kann sagen, dass es eine Elite-Künstler-Szene gibt. Interessant wird es dann, wenn sich diese Szene mit lokalen Themen auseinandersetzt, weil sie so nahe an den Wurzeln ihrer Gesellschaft gar nicht sind. Wenn beispielsweise libanesische Künstler den Krieg als Thema in ihrem Sound oder ihren Texten benutzen, heisst dass nicht unbedingt, dass diese Künstler in den Häusern lebten, die zerstört worden sind. Das führt oft zu merkwürdigen Konstellationen: Eine Elite, die über Dinge berichtet, mit welchen eigentlich die Mittel- und Unterklasse konfrontiert ist. Das ist an sich nicht schlecht, könnte jedoch deklarierter sein. Soundtechnisch würde ich sagen, sind Künstler im arabischen Raum technisch auf dem gleichen Niveau wie wir und können deshalb inzwischen auf anderen Märkten mitmischen. Eine Motivation für mich ist, dass neue Sounds in Zukunft aus diesen Regionen kommen, denn diese Leute haben viel erlebt und haben ein grosses Know-how. Sie geben Vollgas, um ihre künstlerische Sprache zu finden und herauszugeben. Darum geht’s mir persönlich bei Norient: Neue Musik kennen zu lernen, gute Musik. Es ist die Freude an der Musik. Es geht um Musik. Schnell aber schwingen bei diesem Thema auch die Begriffe Politik, Krieg, Fremde, Gesellschaft mit. Auf das wird man auch immer gleich reduziert. Aber der Fokus liegt letztlich auf der Musik, die wir gut finden. Man kann dann darüber debattieren, ob unser Geschmack schlecht oder gut ist. Aber für uns geht es um die Musik und wir haben das Gefühl, dass darin die spannenden Sachen entstehen. Und dass wir die auch unterstützen können. Zum Beispiel, indem wir wie jetzt im Zentrum Paul Klee Künstler nach Bern einladen können und sie auf einer zweiten Ebene in unseren Texten präsentieren. Dabei kann es sein, dass wir einen Stein ins Rollen bringen und diverse Künstler von anderen Leuten entdeckt werden. Wir sind eine Art Scouts, die aber nach neuen, auch unbequemen Tönen suchen. Nicht nur solche, die im Musikmarkt sofort funktionieren, sondern die wir in unserem Netzwerk tragen und verbreiten können. Der Netzwerkgedanke ist seit einigen Jahren sehr populär: Dank Plattformen wie MySpace kommen unbekannte Musiker rund um den Globus in Kontakt. Ist das eine Konkurrenz für Norient? Ich finde diese Vernetzung sehr gut. Wir sind selber bei MySpace. Die Stärke von Norient ist jedoch der direkte Kontakt zu Künstlern, Journalisten und Wissenschaftlern. Wir machen eine Auswahl und nehmen nicht alles und jeden. Wir sollen und wollen auch werten können: Wir treffen Entscheidungen und haben eine Perspektive. Das ist das Wichtige an diesem Netzwerk, das es aber auch angreifbar macht. Wir wollen Farbe bekennen zu dem, was wir auf unsere Plattform stellen und haben Kontakt zu allen, die wir präsentieren.

NORIENT im Zentrum Paul Klee 24. Mai: Sonic Traces from the Arab World 28. Februar bis 16. August: Sound-Features: Orient-Ausstellung 03. Mai: Hicham Chadly (Algeria) ; Algerien-Proto-Rai-Underground 10. Mai: Raed Yassin (Lebanon); Sonic Memories from the Lebanese Civil War 05. Juli: Nehad el-Sayed (Ägypten); Zeitgenössische Oud aus Kairo

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Musik

JAZZ

a tribute to fabian kuratli Von Konrad Weber Bild: Fabian Kuratli. – Foto von Francesca Pfeffer ■ Vor neun Monaten geschah es. Die Schweiz verlor einen ihrer umtriebigsten und innovativsten Schlagzeuger. Fabian Kuratli unterlag im Alter von 38 Jahren dem Kampf gegen seinen eigenen Körper. Doch: Am Freitag, 22. Mai, wird Fab nochmals für einen Tag unter uns weilen. Stil-prägend, manchmal ironisch, wenn’s aber um die Musik ging, stets höchst präzise und konzentriert. So beschreibt der langjährige Freund von Fabian Kuratli, Wolfgang Zwiauer, seinen Weggefährten und Mitmusiker. Während fünfzehn Jahren waren sie stets zu zweit unterwegs; Fab am Schlagzeug, Wolfgang am E-Bass. Erhielt einer der beiden eine Projektanfrage, war klar, dass nur der andere auf dem Schlagzeug oder dem E-Bass in Frage kam. «Wir waren ein gern gesehenes Team, da wir in jedem stilistischen Kontext zusammen harmonierten», erinnert sich Wolfgang Zwiauer. Trotzdem habe er sich nie gebunden oder von Kuratli in diese Teamharmonie gedrängt gefühlt. Nach seinem Ableben sind die Drummerstellen in den meisten von Kuratlis Bands wieder besetzt. Neue Leute rückten für ihn nach, brachten ihren eigenen Sound, aber auch frische musikalische Ideen in die Musikgruppierungen. Dies sei eine gute Entwicklung, ist sich Wolfgang Zwiauer sicher: «Schliesslich willst du die Person, die nicht mehr ist, nicht einfach kopieren und glauben, es sei nun alles beim Alten geblieben. Hier greift auch die Freiheit des Jazz: Jeder kann diesen Musikstil so interpretieren, wie es ihm beliebt.» Überhaupt wäre es unmöglich den immerwährenden Schaffer am Schlagzeug, Kuratli, zu kopieren. Niemand konnte ihn in seiner Vielseitigkeit übertreffen. Ob ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

Big-Band-Jazz, Klezmer-Sound, Singer-Songwriter oder freie Improvisationen; alles hatte Fab im Repertoire. «Er war ein Gesamtkunstwerk, auch als Person», bringt es Wolfgang Zwiauer auf den Punkt. Fabian Kuratli als Mythos? Zwiauer winkt ab: «Höchstens bei seinen engsten Kollegen ist Fab ein Mythos. Bei folgenden Musikergenerationen habe ich eher die Angst, seine unermüdlichen Leistungen könnten vergessen gehen.» Aus diesem Grund habe er zusammen mit dem Bruder und der verwitweten Frau von Kuratli «A Tribute to Fabian Kuratli» initiiert, erklärt der 36-jährige Zwiauer. Eine zwölfstündige Abdankung im musikalischen Sinne, zu Ehren von Fabian Kuratli. 18 Bands werden am Freitag, 22. Mai, in der Berner Dampfzentrale auftreten. In jeder dieser 18 Musikformationen spielte Kuratli zu seinen Lebzeiten selbst mit. «Die Idee, einen solchen Anlass zu organisieren, entwickelte sich nach der kirchlichen Abdankung im vergangenen Sommer. Gerne wäre ich nach den besinnlichen Stunden im Berner Münster mit den 700 versammelten Musikerinnen und Musikern, Angehörigen und weiteren Trauernden Fabs Musik hören, aber auch feiern gegangen», erzählt der E-Bassist Zwiauer. Da dies spontan nicht machbar war, legte man den Anlass in den Frühling 2009. Nun findet er unter dem Namen «Musikfestwochen» statt, einer Serie von Anlässen im Sommer, die ebenfalls von Kuratli organisiert wurden. Nebst dem Bandmusiker steckte in Fabian Kuratli auch ein begnadeter Schlagzeugdozent an der Hochschule Luzern im Bereich Jazz und ein engagierter Konzertorganisator. Wolfgang Zwiauer erinnert sich: «An der Laupenstrasse fanden die

Musikfestwochen statt, eine Konzertserie, an denen auch während den Jazz-Sommerpausen ununterbrochen an neuen Projekten gefeilt und diese Abend für Abend einem eingeweihten Publikum präsentiert wurden.» Nebst der musikalischen Bereicherung und der individuellen Abschiednahme will Zwiauer mit diesem Tribute-Festival auch die Bandleader der verschiedenen Bands zusammenbringen. Denn er ist sich sicher: «Viele Bandleader wissen selbst nicht genau, wo Fab sonst noch mitwirkte oder in welchen Bands er an welcher Musik mitbastelte.» Fabian Kuratli ist die Schnittmenge all dieser Projekte gewesen. Oder um es wie Tom Gsteiger in der Abdankungsnachricht im Bund zu sagen: Eine sehr inspirierende Integrationsfigur der Schweizer Musikszene. Seinen Mitmusikern und dem interessierten Publikum hat Fab zu Lebzeiten als Drummer, Konzertorganisator und Musikdozent vieles gegeben. Am Freitag, 22. Mai, können seine ehemaligen Bandkolleginnen und –kollegen nun alle für die Dauer eines halbstündigen Sets etwas zurückgeben. Schliesslich trete jede Musikerin und jeder Musiker ohne Gage und in Gedanken an Fab auf, erklärt Zwiauer. «Wir wollen einen schönen und interessanten Tag in Gedenken an ihn zusammen verbringen.»

A Tribute to Fabian Kuratli Freitag, 22. Mai, ab 15:00h bis spät Dampfzentrale Bern Info: www.musikfestwochen.com 25


Musik

SZENE BERN

unter dem dach die regenbogen Von Ruth Kofmel Bild: zVg. ■ Ein Wintertag im Jahre 1994. Auf dem Dachfenster liegt Schnee. Die Sonne scheint durch die Kristalle und malt Regenbogenfarben an die Wände. In diesem Zimmer sitzt Balduin, 16 Jahre alt. Es ist sein Kinderreich, ein Dachgeschoss, das ihm und seinen Brüdern gehört. Und dort nimmt er in den kommenden zwei Jahren die Songs auf, die nun unter dem Namen «Rainbow Tapes» erscheinen. Es sind Lieder, die noch einmal die verwunschene Kinderwelt heraufbeschwören, Lieder eines jungen Mannes, der an der Schwelle zum Erwachsenenleben steht, der gleichzeitig einen sehnsüchtigen Blick zurück und einen neugierigen nach vorne wirft. Es vergehen fünfzehn Jahre, bevor Balduin sich entschliesst, diese Songs zu veröffentlichen. Dazwischen hat er sich mit ganz anderer Musik bereits einen Namen gemacht. Bei dem renommierten Berliner Label Crippled Dick Hot Wax gab Balduin zwei elektronische Alben und eine EP heraus. Mit dem eklektischen Mix aus Jazz, Klassik, Hiphop und Pop, den man heute über den Daumen gepeilt als Downtempo bezeichnen würde, hatte er beachtlichen Erfolg. Nach seinem letzten Album aber, das er schlicht «Balduin» taufte und das 2004 erschien, liess er fünf Jahre nichts mehr von sich hören. Und nun gibt er sein Comeback mit Songs, die er als Teenager aufgenommen hat. Im Gespräch mit ihm wird deutlich, dass ihm diese Lieder am Herzen liegen. Für ihn sind diese Kompositionen mehr Ausdruck seiner selbst als die elektronischen Werke, auf denen er viel mit Sampling gearbeitet hat und die eine Mischung aus seinen eigenen Klängen und denen anderer waren. Auf den «Rainbow Tapes» hat er jedes Instrument selbst gespielt und aufgenommen. Und wir hören zum ersten Mal Balduins Stimme, zwar oft durch verschiedene Effekte verändert, aber trotzdem ein grosser Unterschied zu 26

den vorher veröffentlichten Alben, die ganz ohne Gesangslinien auskamen. Gesang wieder in seine Musik zu integrieren, Liedtexte zu schreiben und damit Figuren zum Leben zu erwecken, darauf hat Balduin extrem Lust. Dies ist aber auch etwas sehr Persönliches und die Öffentlichkeit daran teilhaben zu lassen braucht einiges an Mut - sein Coming-out, wie er selbst sagt. Nun fand Balduin für seine Regenbogen-Bänder beim Berner Label Everestrecords ein Zuhause. Minimal überarbeitet nur, sind es kleine, poetische Stücke, die Geschichten erzählen, Märchen eigentlich. Manchmal aus einer systemkritischen jugendlichen Sichtweise geschildert, manchmal frech und verspielt, manchmal mit romantischem Pathos. Interessanterweise klingen die Lieder heute wieder sehr zeitgemäss. Diese Art von psychedelischem Folk ist momentan eine angesagte Sache, mit Vertreterinnen wie den Coco Rosies beispielsweise. Auch Balduins damals schon ausgeprägte Eigenheit, allerlei Instrumente selbst einzuspielen und Kinderspielzeug zu verwenden, ist heute ein beliebtes Stilmittel. So hören sich die Stücke auf «Rainbow Tapes» überhaupt nicht altbacken an, sondern frisch und leicht. Mit ein Grund dafür mag sein, dass die Beatles als Inspirationsquelle nicht zu überhören sind. Es ist eine Hommage an diesen Zeitgeist und diese Band, die richtig zitiert einen zeitlosen Sound garantiert. Auf die Frage, warum er so lange nichts mehr veröffentlicht habe, kommt die simple Antwort: Er habe eben auch viel anderes gemacht derweilen, nach Japan reisen zum Beispiel und heiraten. Spricht es und blickt einem aus verträumt grünen Augen mit einer gehörigen Portion Schalk an. Musik zu komponieren ist nicht unbedingt eine Arbeit wie jede andere und es fällt manchem Soundtüftler

schwer, die Zeit einzuteilen. Musik mit Stundenplan entstehen zu lassen, mit Unterbrüchen arbeiten zu müssen, kann einen kreativen Prozess auch erschweren. So beschreibt Balduin das Eintauchen in die Klangwelten als wichtigen Teil seiner Faszination für Musik, ähnlich dem Spiel als Kind, wo man ganz und gar in eine Sache vertieft ist und in ihr aufgeht. Mittlerweile, so sagt er, habe er aber beides gelernt; sich in den Klangwelten zu verlieren und eine strukturiertere Herangehensweise. Auch ist es keineswegs so, dass in diesen fünf Jahren keine Musik entstanden ist, Balduins Computer ist gefüllt mit fertiggestelltem Material. Am liebsten würde er es auf verschiedenen Labels unterbringen - am allerliebsten in Japan. Er beschreibt die Musikszene dort als geradezu paradiesisch im Vergleich zu europäischen Verhältnissen. Gespannt darf man also auf seine neue Musik sein, die verspricht, eine betörende Mischung aus dem Singer/Songwriter und dem Elektroniker Balduin zu werden. Und genauso neugierig macht die angesagte Live-Umsetzung der «Rainbow Tapes», die zum ersten Mal am 15. Mai an der Plattentaufe im Sous Soul zu hören sein wird. Balduin wird nicht alleine auf der Bühne stehen, sondern zusammen mit seinem Bruder, der unter dem Namen Kaleidophone elektronische Musik macht. Zwei der drei Brüder werden an diesem Konzert also noch einmal die Kinderwelt von damals auferstehen lassen, eine Zeitreise zurück in ihre Jugend mit Hilfe der eigenwilligen Songs von «Rainbow Tapes». Info www.balduin.org www.myspace.com/creativecookery www.everestrecords.ch www.sous-soul.ch ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09


Musik

cd-tipps Aaron Tesser & The New Jazz Affair – Lookin’ Ahead ■ Easy Jazz gepaart mit rauchig-souligen Vokalsequenzen – das ist «Lookin’ Ahead», das Début des norditalienischen Saxophonisten Aaron Tesser. Gemeinsam mit dem Ensemble «The New Jazz Affair» hat er den musikalischen Formenreichtum Lateinamerikas erkundet, wobei er auf jene Gegensätze gestossen ist, die den Subkontinent so reizvoll machen: Temperament und Coolness. «Lookin’ Ahead» lebt davon: Von zügigen Beats und rhythmenreichen Sambas, die mit smoothen Bossas und klangreichen Jazzharmonien im Kontrast stehen. Tessers lockerer Umgang mit den Partituren und die Arrangements à la Frank Sinatra geben «Lookin’ Ahead» den besonderen Charme. Am Début sind seine Kumpels aus der Studienzeit, die Jazzmusiker Stefano Battaglia, Claudio Fasoli und Maurizio Caldura, nicht ganz unbeteiligt. Sie haben Tesser auf den Geschmack gebracht und zu dem gemacht, was er heute darstellt: Ein exzellenter NuJazzer, der den französischen Vorreitern wie Saint Germain, Koop oder Llorca in keiner Weise nachsteht. Das Instrumentarium ist schlicht und kommt ohne Elektronik aus – eine kleine Bigband, gewissermassen. Es gibt also nichts, was an der CD auszusetzen wäre. Wirklich? Wer nicht auf Coverversionen steht, ist mit «Lookin’ Ahead» schlecht beraten… Allerdings sind im vorliegenden Fall die Covers so angerichtet, dass ein völlig neues Hörerlebnis resultiert. Speziell sei hier der Hit «Feel» von Robbie Williams erwähnt, in einer schwungvoll jazzigen Neuinterpretation. (lda) Label: IRMA The Idan Raichel Project – Within My Walls ■ Die Lancierung seiner ersten EP liegt inzwischen sieben Jahre zurück. Es war nicht einfach damals: Kaum ein Label wollte den Musiker Idan Raichel aus Israel unter Vertrag nehmen. Zu ethnisch sei sein Sound. Einer jedoch, Gadi Gidor von Helicon Records, wagte den Versuch mit ihm und verdiente am Ende viel Geld. Heute ist Idan Raichel weltberühmt. Dank seines «weltsichtigen» Albums «The Idan Raichel Project» schaffte er 2006 den Sprung nach Westeuropa und Nordamerika. Auch mit seinem neuen Werk «Within My Walls» drückt er jene ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

kulturelle Vielfalt aus, für die er sich tagtäglich einsetzt. Musiker aus verschiedenen Kulturkreisen hat er dafür aufgeboten: Arabische und jemenitische Sänger, Perkussionisten aus Suriname und Südafrika. Am stärksten jedoch schlägt Idans Herz für die Folklore Äthiopiens. Mit ihr kam er an einer Schule für Immigranten in Kontakt, wo er nach Abschluss seines Militärdienstes als Berater arbeitete. Äthiopische Einwanderer steckten ihm Musikkassetten von Mahmoud Ahmed, Aster Aweke und Gigi zu. Der Funke sprang über: Idan besuchte regelmässig äthiopische Klubs und Bars in Tel Aviv. Seine Kollegen rümpften darüber die Nase, heute bewundern sie ihn für seine grenzübergreifenden Klänge, die nicht nur geografisch verbindend sind, sondern auch zeitlich. Elektronik trifft respektvoll auf Worldmusic, macht aus ihr einen sphärisch ruhigen Klangteppich fernab jeglichen Mainstreams. Wird Idan Raichel schon bald eine neue musikalische Bewegung einläuten? Es wird sich zeigen. Das Potenzial scheint vorhanden zu sein. (lda) Label: Cumbancha Otros Aires – Vivo en Otros Aires ■ «Vivo en Otros Aires» titelt das Livealbum des argentinisch-spanischen Neotangoprojekts Otros Aires. Eine Best-of-CD, die auf den beiden Vorgängeralben «Otros Aires» und «Otros Aires Dos» fusst, allerdings in der vorliegenden Form, dank der Stimmung des Livepublikums, noch vollendeter und entsprechend authentischer daherkommt. Verglichen wird das Projekt von Miguel Di Genova und seiner Entourage gerne mit dem Pariser Pendant, dem weltbekannten Gotan Project. Ein natürlicher Reflex, denn Otros Aires arbeiten mit ähnlichen Stilmitteln und Instrumenten. Sie verbinden die traditionellen Wurzeln des Tango mit neuen musikalischen Möglichkeiten des einundzwanzigsten Jahrhunderts und hauchen den Urvätern des Genres, Carlos Gardel und Astor Piazzolla, neues Leben ein. Die CD ist tanzbar und verzichtet auf eintönige Loops, wie sie im Neotango allzu oft und gerne vorkommen. Auch sind die elektronischen Einlagen keineswegs billig. Im Gegenteil: Sie schmiegen sich dem überwiegend akustischen Instrumentarium an und machen aus der CD ein Juwel, das zwingend in jede gut sortierte Tango-Plattensammlung gehört. (lda) Label: Galileo MC

Tosca – No Hassle ■ Mit «No Hassle» wagen die Wiener Produzenten Richard Dorfmeister und Rupert Huber aka Tosca die Reise zurück zu ihren elektronisch-sphärisch, instrumentalen Wurzeln. Während die beiden zuletzt erschienenen Alben «J.A.C» und «Souvenirs» clubtauglicher und vor allen Dingen weniger hypnotisch daher kamen, hat «No Hassle» das Clubhafte abgeworfen und dafür etwas schier Sakrales angenommen. Ein Konzept, das gut anzukommen scheint, wie sich anlässlich des Konzerts im alten Dom zu Linz vergangenen September zeigte. Vor ausverkauften Rängen haben die Beiden mit einer sanftmeditativen Lawine das Publikum in ein Universum von Klängen und Effekten eintauchen lassen. Toscas Klangbaukasten ist reichlich bestückt: Sounds aus dem Internet treffen auf Conga-Samples, während Stratocaster, Streicher, Moog, Bass und der Bus vor der Haustür von Hubers Heimstudio Hand in Hand gehen. Eine fein verwobene, detailreiche Musikarchitektur, die sich stilistisch in Dub und Downbeat, Ambient und Funk einordnet, gleichzeitig vor Krautrock und Blues nicht zurückschreckt. «No Hassle» - ideal geeignet für die nächtliche Fahrt auf einer dreispurigen verkehrsarmen Autobahn. (lda) Label: !K7 Records The L.A. Chillharmonic featuring Richard Smith ■ Wer mit der isländischen Kultformation Mezzoforte oder der deutschen Easy Jazz Gruppe Moca etwas anfangen kann, hat in etwa eine Vorstellung, wie L.A. Chillharmonic tönt: Moderner, orchestraler Jazz mit elektronischen Backgrounds. Im Zentrum stehen Richard Smiths Gitarre und eine hochkarätige Delegation des zeitgenössischen Soul und Jazz, mitunter Jeff Lorber, Greg Adams, Brian Bromberg und Patrice Rushen. Ein neunköpfiges Bläserensemble sorgt für den urbanen Touch, indem es den Hörer und die Hörerin in die nächtlichen Strassen von Los Angeles versetzt, in den Central Business District mit seinen Wolkenkratzern und den leuchtenden, überdimensionierten Werbetafeln. Die Melodien sind süffig, angenehm und gefühlsgeladen. Trotzdem: Richard Smiths Enthusiasten können dem Album nur bedingt etwas abgewinnen, zumal es, was den Stil betrifft, nichts Neues bringt. Für Smith ist diese Wanderung auf dem Grat zwischen Altbewährtem und Neuem nicht einfach: Zu hoch sind die Erwartungen an ihn. Deshalb erstaunt es nicht, dass sein Griff nach den Sternchen der zeit27


Musik

genössischen Soul- und Jazzmusik für viele seiner Stammhörer eine Enttäuschung darstellt. Richard Smith wird sich fürs nächste Album einen gewaltigen Schritt nach vorne wagen müssen, will er wieder Terrain wett machen. (lda) Label: Artistry Music Una Mas Trio – Ritmo Del Futura ■ Ein Journalist sollte versuchen, seine Emotionen zu verbergen, wenn es um die Beschreibung einer neuen Musik-CD geht. Hier geht es beim besten Willen nicht: «Ritmo Del Futura» ist heiss – sehr heiss! Liebhaber des fortschrittlichen Cumbia, des atypischen Salsa, des «shaft-igen» Soul, des brasilianischen Funk, der satten Beats und der legeren Elektronik können die Ohren davor nicht verschliessen. Zur Sache: Una Mas Trio ist vermutlich das erste Trio, das nur aus zwei Musikern besteht, nämlich Christian Schilgen und Fab DJ Sammy. Für das Début «Ritmo Del Futura» haben die Beiden konventionelle Latin- und Soul-Fragmente restauriert und in die Gegenwart transportiert. Um dem Ganzen den letzten Schliff zu geben, haben sie für einzelne Featurings Musikerkollegen ins Boot geholt: Toni Lorenzo, Eduardo Flores und Malaika. «Ritmo Del Futura» vereint in sich Tradition, modernen Jazz und Elektronik, wobei die Tradition deutlich im Vordergrund steht. Ziel ist es, das Publikum in den Diskotheken auf den guten Geschmack zu bringen – dafür packen Schilgen und Sammy die Musik bei den Wurzeln und greifen zurück auf ein breites Instrumentarium, bestehend aus Bläsern und Flöten, Piano, Drums und Perkussion, einem funky Bass und einer Hammondorgel, die im Titellied eine zügellose Orgie veranstaltet. Fab DJ Sammy hat vor zwei Jahren in einem ähnlichen Projekt mitgewirkt, dem Juju Orchestra. «Bossa Nova Is Not A Crime» heisst das Album, welches heute noch als Insider-Tipp gehandelt wird. Leider ist es bei dem einen Album geblieben, die Formation hat sich inzwischen aufgelöst. Una Mas Trio ist die Antwort darauf und wird vermutlich in den kommenden Jahren die «Juju-Ära» weiterziehen. Gut so, die europäische Latin-Elektro-Jazz-Szene kann davon nur profitieren. (lda) Label: Agogo Records Simon La Bey – great feelings ■ Über Simon La Bey wurde in den Medien bisher kaum etwas geschrieben. Das ist ein Fehler und braucht dringend eine Revision. Sein Album «great feelings» ist eine Überraschung vom ersten 28

Ton bis zum letzten Ausklang. Der Geiger und «an manchen Tagen Dichter, als an anderen» (Zitat Simon La Bey) erfindet die musikalischen Klangmöglichkeiten mit diesem Instrument auf brillante Weise neu. Die zum Teil im Jazz liegenden, zum Teil in klassischen Elementen schwirrenden und mit viel Minimal Music geformten Kompositionen öffnen das Klangspektrum in viele Dimensionen. Zigeunerisch bedient sich La Bey dabei auch Fremdkompositionen und traditionellen Stücken – doch davon ist wenig spürbar. Seine Umsetzungen sind mit sehr viel Herzblut und Gefühl angereichert. Man ist gewillt zu sagen: La Bey spielt nicht die Geige, er erzählt sie. Das neue Album wird am Freitag, den 15. Mai, um 20.30 Uhr im Saal Beau Rivage, Hofstetten-strasse 6 in Thun, eingeweiht, zusammen mit Martin Diem, Stefano Romerio, Toni Schiavano und Danilo Djurovic. Wer nicht warten will: www.labey.ch (vl) Miguel Guldimann – Anuraag ■ Bereits seine Début-CD «monte de silencio» (2006) war ein Meisterwerk. Miguel Guldimannist ist in Peru geboren und in der Schweiz aufgewachsen. Er ist ein begnadeter 8-Saiten-Gitarrenspieler, ist mehrfach dafür ausgezeichnet worden, und auch sein neustes Werk ist von unbeschreiblicher Schönheit. Es fehlen die Worte. «Anuraag», so klingt die Begegnung zwischen Guldimann und dem Sarod-Spieler Ranajit Sengupta (Indien), und so heisst das neue Album. Die Aufnahmen entstanden zwischen 2005 und 2008 in Zuchwil und Kalkutta – die Musik kommt aus beiden Teilen der Erde und berührt ebenso beide Kulturen. «Anuraag» bezeichnet in Sanskrit «die Liebe zur Musik und Kunst». Einen besseren Titel hätte Miguel Guldimann nicht wählen können. Die Instrumentalisierung ist «einfach»: Gitarre, Sarod, mal eine weibliche Stimme (Shirin Sengupta) und teilweise mit Tablabegleitung (Rupak Bhattachariee). Das Ergebnis ist wunderschön. Bei dieser Produktion stimmt von der Hülle, über die Aufnahmen bis zu den Kompositionen einfach alles. Das ist durchdringende Kunst und tief erlebbar für das Publikum. Die Welt wäre eine andere, wenn der Mensch alles mit dieser Sorgfalt, Innigkeit und Ehrfurcht erschaffen würde. Am 14. Mai spielt Miguel Guldimann im Rahmen eines dreiteiligen Konzertabends von «Musik der Welt» im Le Cap in Bern (CD-Taufe). (vl) www.miguelguldimann.com www.musikderwelt.info

Gundi – walking on the line ■ Erstaunlich, Gundi funkt. Vor mehr als zehn Jahren war in Bern der Funk bereits totgeschrieben, doch da hatte sich diese Band mit sogenanntem Zappelfunk und als poweriger Liveact einen Namen gemacht. Doch zu viele Bands spielten im gleichen Fluss und der Funk funkte auf und davon - es wurde ruhiger. Und dann kam wieder Gundi. Nicht nur das wunderschöne CD-Cover fällt auf. Auch die die Arrangements und die Grooves sitzen. Für eine junge Band und für das zweite Studioalbum ist das keine Selbstverständlichkeit. Gerade weil es das zweite Studioalbum ist, fällt auf, dass sich die Band in der Zwischenzeit gestärkt hat. Alles ist etwas ruhiger geworden, doch genau darin wächst die Kraft. Gundi funkt mehr als je zuvor und wer sich in «walking on the line» einhört, wird irgendwie verzaubert. Saubere Arbeit. Am 1. Mai released die Band ihre neue CD wieder in der Mühle Hunziken in Rubigen – dort, wo sie bereits von Pesche Burkhard entdeckt worden ist und in der Zwischenzeit auch ein Live-Album eingespielt wurde. Weitere Tourdaten und mehr über das Album: www.gundi.ch (vl) Gus MacGregor – lifeline ■ Eine kleine Bern-Geschichte: Durch seine Freundin, Jenny Tattersall, die beim Bern-Ballet ein Engagement hat, kam er vor rund 18 Monaten nach Bern. In London arbeitete er in einem Musical und spielte vor Tausenden von Leuten, gewann sogar Preise - in Bern wurde er als Strassenmusiker von der Polizei angehalten. Durch einen Zufall trafen Jael und Luk von Lunik mit Gus zusammen. Seither entsteht Grossartiges. Ein erster Wurf ist «lifeline», welche auch sogleich bei Sony Music untergekommen ist. Und dieser Wurf ist hörenswert! Die Songs klingen wie aus dem Leben, sind sehr emotional und fast alle von Gus selber geschrieben. Eine wohltuende Ruhe breitet sich aus. Und das ist gut so. Sehr hervorzuheben sind die Songs mit Jael – allen voran «Somewhere Round the Bend» mit einer phantasievollen Duettlinie. Im Übrigen müssen auch Oli Hartung (Gitarre) und Sämi Bauer (Schlagzeug) hervorgehoben werden, die mit ihrem filigranen Spiel einfach begeistern und die Stimmung perfekt unterstützen. (vl) www.gusmacgregormusic.com

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Kultur & Gesellschaft CARTOON www.fauser.ch

VON MENSCHEN UND MEDIEN

die banalität qualität Von Lukas Vogelsang ■ Qualitätsjournalismus. Die «Szene» rätselt und wummert mal wieder über dieses Unwort. In Wikipedia steht dazu: «Qualität (lat.: qualitas = Beschaffenheit, Merkmal, Eigenschaft, Zustand) ist die Bezeichnung einer potentiell wahrnehmbaren Zustandsform von Systemen und ihrer Merkmale, welche in einem bestimmten Zeitintervall anhand bestimmter Eigenschaften des Systems in diesem Zustand definiert wird. Qualität könnte sowohl ein Produkt wie Wein und dessen chemische Elemente und den daraus resultierenden subjektiv bewertbaren Geschmack, als auch die Prozesse bei einer Dienstleistung, beispielsweise dem Verkauf des Weines, beschreiben.» Also. Was bedeutet jetzt Qualität oder eben Qualitätsjournalismus? Wer hat den Kodex dazu definiert? Ich habe viele Ansätze gesehen, viele Chefredaktoren parlieren hören, doch irgendwie fehlt mir eine einheitliche Definition. Qualität ist ein Mechanismus - der kann aber gut wie schlecht sein. Und es sieht nicht so aus, als ob die Journalisten diese «Qualität» beschreiben und definieren würden. Wir lesen täglich in den Zeitungen, was JournalistInnen getippt haben und müssen deswegen das Thema diskutieren. Es schreiben nicht die VerlegerInnen, Laien oder die Leserschaft selber. Wir beurteilen ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

das Handwerk von Berufstätigen. Oder? Die Verleger haben eigentlich andere Probleme. Es kommt mir vor wie bei der Post. Diese Dienstleistung war mal mässig, dann mittelmässig, bis sie vor wenigen Jahren wirklich beachtlich wurde. Eigentlich war ich des Lobes voll. Doch jetzt scheint diese Zeit vorüber. Radikalisierung und Kahlschlag verhindern, dass die Post einen Brief in einem Tag von A nach B bringen kann. Dafür bringen sie (für nur einen Franken) jetzt die Briefpost nach C (Härkingen), wo niemand weiss, was man damit anfangen soll, um dann den Krempel wieder nach A zu senden und eine Nachgebühr zu verlangen, die etwas surreal anmutet, da der Brief von einem spitzfindigen Pöstler wieder auf Tour geschickt wurde, um das Ziel nach 5 Tagen dann doch noch zu erreichen. So geschehen. Und das nennt man im Jahr 2009 Qualitätsmanagement. Das ist rationelles Postverteilen. Und die Frau hinter dem Postschalter lächelt und verdreht noch nett die Augen. Aber auch in unserem Alltag ist Qualität ein dehnbarer Begriff geworden. Wie also sollten wir diesen Begriff noch respektierlich einordnen können? Beispiel aus einer «jungen Bewegung»: MP3. Musik, die digital auf einer Festplatte gespeichert wird, ist oft als MP3-File formatiert. «Formatieren» ist denn auch der richtige Ausdruck, denn es werden Frequenzen abgeschnitten, die - «wissenschaftlich erwiesen» – vom menschlichen Ohr nicht explizit wahrgenommen werden. Nun, bei Frequenzen

verhält es sich etwa wie mit Farben und Licht: Ein Gelb mit blau gemischt gibt zwar grün, doch das Licht definiert auch die Kraft dieser Farbe. Wenn wir bei der Musik zum Beispiel dieses Licht reduzieren, geschieht ganz viel mit dem Klang. So kommt es oft vor, dass wir eine bekannte Musik als MP3File kaum mehr wiedererkennen und Dinge hören, die vorher nicht da waren. Und beim Wegschneiden von Frequenzen in der Musik wird vor allem das von uns produzierte imaginäre Bild reduziert. Ich habe manchmal das Gefühl, dass dem Bild, oder eben dem Klang, die Leinwand genommen wird. Trotzdem stürzt sich heute jedermann auf die neuen, ultrakleinen MP3-Player. Als wären das jetzt Supergeräte. Dazu stöpseln wir uns die Kopfhörer so in die Ohren, dass ganz viele Frequenzen gar nie zum Schwingen kommen. Und wir haben immer noch das Gefühl, Musik zu hören. Gehört das auch zur Qualität? Oder andersrum: Wie will man Qualität so überhaupt noch wahrnehmen lernen? Also, welche Qualität? Fazit: Die Medien klagen über Qualität, und es sind just jene Klagegeister am Werk, die dafür verantwortlich sind. Warum klagen sie denn? Wollen sie die Schuld jemand anderem in die Schuhe schieben oder möchten sie einfach, dass wir sie in die Arme nehmen, ein bisschen Kuscheln, über die Haare streichen und nett ins Ohr flüstern: «Ist alles gut, mein Kleines. Die Welt ist böse, aber du bist mein Held.» 29


Un barrage contre le Pacifique Rithy Panh, Kambodscha Nach dem Roman von Marguerite Duras Mit Isabelle Huppert

Ab Mitte Mai im Kino

www.trigon-film.org © Scott © 2008 SadieDouglas, Benning2008

TRACEY EMIN 20 YEARS

19.3. – 21.6.2009

Kunstmuseum Bern Hodlerstrasse 8 – 12 | CH-3000 Bern 7 T +41 31 328 09 44 | www.kunstmuseumbern.ch Öffnungszeiten: Di 10h – 21h | Mi – So 10h – 17h


Lifestyle

VOM ESSEN UND TRINKEN

bauchtraining Von Barbara Roelli Bild: Barbara Roelli ■ Annette wollte das alles gar nicht. Sie hat auch nicht gedacht, dass es überhaupt so weit kommen würde. Die Motivation war simpel: Ihr bester Freund Oliver überredete sie dazu, noch kurz ein Bier mit ihm zu trinken. An einem Freitagabend, an dem nichts lief in der Stadt. Annette war ziemlich müde. Aber sie konnte Oliver nicht abwimmeln. Er murmelte etwas von «er fühle sich nicht so besonders». Sie wusste, was das zu bedeuten hatte: Es ging wieder einmal um seine Freundin. Somit war klar, dass sie in dem Moment für ihn da war. Sie betrat also jene Bar. Oliver sass bereits am Tresen, völlig eingesackt. Annette schritt auf ihn zu und nahm ihn in die Arme. Da entdeckte sie seine roten, geschwollenen Augen. «Erzähl jetzt – was ist los mir dir?», fragte sie fordernd, bestellte zwei Bier und setzte sich neben ihn. Er weinte erneut und sie tröstete ihn. Sie bestellten ein weiteres Bier und tranken auf eine neue, schönere Liebe. Auf die Liebe des Lebens. Er spülte sich seinen Liebeskummer vom Herzen und sie trank mit. Im schummrigen Barlicht leuchtete das Bier wie Gold und die Gläser füllten sich wie von selbst. Das Bier rann kühl ihre Kehle hinunter und mit jedem Schluck kam Annette Olivers Seelenlage näher. Sie konnte sich noch besser einfühlen. Sollte sich diese blöde Tusse doch mit ihrem Ex ein schönes Leben machen. Aber nicht mit ihrem besten Freund - Oliver verdiente etwas besseres. Irgendwann wechselten sie von Bier auf Gin Tonic, ihren persönlichen Favoriten fürs Nachtleben. Weil er so belebend wirkt und sie den Wachholdergeschmack so mag. Sie hingen dort am Tresen, leerensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

ten einen Gin nach dem andern, und bestätigten sich gegenseitig, dass man eben nur auf echte Freunde wirklich zählen kann. Und dann? Filmriss. Annette beginnt nachzudenken, hört aber wieder auf. Zu fest schmerzt ihr der Kopf. Nicht mal die Augen mag sie aufmachen. Ihr Körper ist ausgelaugt, wie ein ausgedrückter Waschlappen. Sie krümmt sich noch mehr in die Embryo-Stellung und versucht weiter zu schlafen. Aber es geht nicht. Ihr Magen gibt bedrohliche, beinahe schmatzende Geräusche von sich und plötzlich fängt ihr Herz wie wild zu pochen an. Annettes Organe rebellieren. Sie sind nicht mehr zu besänftigen. Wie von der Tarantel gestochen springt Annette aus dem Bett ins Bad, reisst den WC-Deckel hoch und übergibt sich in hohem Bogen. Wie sie das hasst! Wie konnte ich nur so dumm sein? Bin ich nicht langsam zu alt dafür? Ich schwöre, dies war das letzte Mal... Immer derselbe Gedankengang. Sie beugt sich über die Klo-Schüssel. Wie ein röhrender Hirsch tönen die Laute, die sie von sich gibt. Sie brüllt in das Loch, in dem sonst all die menschlichen Abfall-Produkte gespült werden. Kein Wunder - bei diesem Mix aus Bier und Gin, das musste ja so kommen. Wie ist sie überhaupt nach Hause gekommen? War da ein Taxi? Sie wird dem Fahrer doch nicht die Sitze ruiniert haben... Annette kann sich noch so anstrengen - zwischen dem nächtlichen BarBesuch und der Ankunft in ihrer Wohnung klafft eine Lücke. Langsam steigt ihr der typische, bittersäuerliche Geruch in die Nase. Sie übergibt sich erneut. Fühlt sich elend und dem, was mit ihr pas-

siert, hilflos ausgeliefert. Ihr Rachen brennt, denn etwas anderes als Galle gibt ihr Magen nicht mehr her. Irgendwann bleibt sie erschöpft am Boden sitzen. Denkt an die knapp volljährigen Jugendlichen im Ausgang, die ihren Alkoholkonsum nicht im Griff haben und daran, dass sie diese immer belächelt hatte. Aufgestützt am Badewannenrand kommt Annette schliesslich wieder auf die Beine. Ihr Abbild im Spiegel ist gnadenlos: Bleicher Teint, fettige Haut, Augenringe, wirres Haar. Der Sturm im Kopf weht noch immer. Im Morgenrock schlurft sie in die Küche und sucht nach den Hausmittelchen. Seit sie von zu Hause ausgezogen ist, hat sie diese stets auf Vorrat: Schwarztee und Zwieback. Und zum Glück – eine Banane ist auch da. Vorsichtig nippt sie am heissen Tee. Aber die Banane bleibt so unangenehm am Gaumen kleben, dass sie mit Essen aufhört. Sie löst das Schmerzmittel in Wasser auf und leert das Glas auf Ex. Und auf einmal kommt die Erinnerung zurück: Haben sie und Oliver gestern nicht noch Tequila Shots getrunken? Und dann zusammen getanzt... zu diesem Achzigerjahre-Schnulz? Annette spürt, wie ihr kalter Schweiss den Rücken hinunterfliesst. Sie hält die Luft an und schleicht zum Schlafzimmer. Ihr Puls wird schneller. Hat sie tatsächlich ihre Freundschaft aufs Spiel gesetzt? Vorsichtig schielt sie durch den Türspalt... Ihr Bett ist leer. An den Türrahmen gelehnt atmet sie erleichtert auf. Langsam kriegt Annette wieder einen klaren Kopf. Ihr Magen schweigt. Was zurückbleibt ist das Gefühl am Morgen danach. 31


Cinéma

PARLEZ-MOI DE LA PLUIE ■ Mit «French Touch» startet eine spannende Sommerserie in unseren Kinos. ensuite - kulturmagazin macht mit und stellt monatlich mindestens einen dieser Filme vor. Es wird auch Filmpremieren geben – schauen Sie dazu einfach zwischendurch auf www.ensuite.ch nach oder tragen Sie sich ein in unseren Newsletter-Dienst. So sind sie immer auf dem neuesten Stand, wenn wir eine Ausschreibung machen. «French Touch» hat auch die Idee, uns die französische Kultur - man könnte das auch Lebenskunst nennen - näher zu bringen. Den Auftakt macht «Parlez-moi de la pluie». Es ist August und zu kalt, es regnet und der Sommer hat sich vergessen. Filmemacher Michael Ronsart (JeanPierre Bacri) hat von seinem Beruf mehr einen Traum als Können in den Händen. Trotzdem möchte er zusammen mit seinem Assistenten Krim (Jamel Debbouze) einen Dokumentarfilm über die sehr erfolgreiche Autorin und Politikerin Agathe Villanova (Agnès Jaoui) drehen. Sie reisen dazu in den Süden, welcher nicht minder unregnerisch ist. Damit beginnt das Chaos. Denn schon bald geht es nicht mehr um einen Film, sondern um persönliche Verbindungen, Geschichten, und eben: La vie française. «Parlez-moi de la pluie» ist filmtechnisch kein Wunderwerk, auch das Drehbuch ist an einigen Stellen doch sehr dünn gehalten. Doch zeigt der Film eine reale französische Welt mit Charakteren, die durchaus auch uns bekannt sind. Die Dialoge sind sodann aufschlussreicher als die Bilder und machen den Film zu einer leichten Vorsommerbrise. Durchaus eine gute Begegnung mit dem Französischen... (vl) Der Film ist ab dem 7. Mai in den Kinos.

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FILM

birdwatchers Von Lukas Vogelsang Bild: zVg. / Trigon-Film ■ Brasilien. Im Regenwald ist nichts mehr, wie es sein sollte. Marco Bechis Spielfilm hat nicht nur am letzten Filmfestival in Venedig für Furore gesorgt, er wird auch in unseren Kinos bleibende Spuren hinterlassen. «Birdwatchers» spielt in Mato Grosso do Sul, Brasilien, wo einst der Urwald riesig war. Einst, denn die Zeit hat gearbeitet. So spielen die eigentlichen Ureinwohner der Gruppe der Guarani-Kaiowá-Indianer für Abenteuer-Touristen, halbnackt und mit Pfeil und Bogen am Flussufer, ehrfürchtige Urwald-Indigene, welche nach der «Vorstellung» die Gage in Empfang nehmen. Sie werden anschliessend zurück in das Reservat chauffiert. Doch da ist kein Überleben, kein Wald, der sie ernähren könnte, keine Jagdmöglichkeit. Konfrontiert mit der neuen modernen Welt, Mobiltelefonen, Turnschuhen, Alkohol und Coolness, steht die indigene Gruppe zwischen Acker und Strasse – genau da, wo sie Marco Bechis in der Geschichte hinführt, auf dem Heimweg zu ihrem Ursprung im imaginären Wald. Welche Geschichte zeigt den eigentlichen Weg? Die Erwachsenen haben Hoffnung – oder auch nicht mehr. Die Kinder kennen nur die Erzählungen und erleben einen Scherbenhaufen. Es ist kein Zustand mehr, es ist nur noch eine Frage: Wem gehört die Erde? Nachdem zwei Teenager Selbstmord begehen, beschliesst die Gruppe, sich neben einem Feld eines Grossgrundbesitzers niederzulassen. Eben,

zwischen einer Strasse und dem Acker, zwischen Stuhl und Bank. Langsam brechen die Grenzen auf. In jede Richtung: Der Grossgrundbesitzer versucht die Indianer zu verjagen, die Mitarbeiter nähern sich den Menschen als Freunde, die Teenager werden zum einen von alten Weisheiten und schamanischen Ritualen, zum anderen vom modernen Stadtleben gelockt. Die Spannungen sind nicht auszuhalten und bringen Bewegung. Marco Bechis zeigt ein geradezu traumwandlerisches Talent, eine Geschichte zu erzählen, ohne pathetisch oder «gestellt» zu wirken. Der Film spielt wie nebensächlich, doch jedes Detail geht unter die Haut und vereitert dort langsam. Die Fragen pochen schliesslich in uns – ohne dass im Film je eine solche Frage gestellt worden wäre. Bechis lässt uns selber Teil der Geschichte sein, ohne uns eine Rolle zu geben. Doch der Zuschauer wird diesen Film weitertragen. Vergessen können wir nichts. Marco Bechis ist 1955 in Santiago de Chile als Sohn einer Chilenin und eines Italieners geboren. Er wuchs in Buenos Aires auf, wurde Lehrer und linker Aktivist und geriet unter der Militärdiktatur in Haft und in ein Folterlager. Er emigrierte nach Italien, wo er unterdessen Staatsbürger geworden ist.

Der Film startet am 30. April in den Schweizer Kinos. ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09


Cinéma

INSOMNIA 30 - NA UND? Von Eva Pfirter

FILM DEMNÄCHST

fighting Von Simon Chen Bild: zVg. ■ An sich sollte es ja ein Film über Kampfhunde werden, genauer gesagt über Hundekämpfe, also über Zuchtköter, die sich für die Wetteinsätze ihrer Besitzer zu zerfleischen haben. Aber Amerikas Sittenwächter sind sehr streng, was Sex, Drogen und nicht-humane Lebewesen im Film betrifft. Die Tierschutzauflagen waren derart streng, dass sich die Drehbuchautoren Robert Munic und Dito Montiel (ebenfalls für die Regie verantwortlich) eines besseren besannen und sich entschlossen, sämtliche Hunderollen durch menschliche Darsteller zu ersetzen. Und mit nicht unerfreutem Erschrecken haben die beiden festgestellt, dass die Story damit genausogut und buchstäblich hinhaut. Es ist eine Handlung, die diese Bezeichnung auch verdient hat. Sie spielt im New Yorker Underground, wo Hände für mehr als nur Give-me-Fives eingesetzt werden. Da, wo das Faustrecht gilt, weil man sich Waffen nicht unbedingt leisten kann. Da wo Darwin noch sehr eng und handfest ausgelegt wird. Da wo der Klügere zwar nachgibt, der Stärkere aber dennoch gewinnt. Die Figurenbezeichnungen im Abspann nehmen sich denn auch aus wie das Who is who einer halblegalen Unterwelt: Russian Guy, Russian Fighter, Tough Guy, Korean Store Owner, Club Diva etc. Diese Gestalten müssen sich durchs Leben kämpfen, denn jeder ist seines Glückes eigener Schmied, und was macht ein Schmied anderes, als zuzuschlagen? In diesem Milieu bekommt ein Unterhund (Channing Tatum, hübsch und stark) dauernd in die Fresse. Bis er eines Tages aufhört, die Faust im Sack zu machen und endlich mal selbst zurückschlägt. Natürlich ist er ein Naturtalent und wird in der Folge Champion (in irgendeiner Kategorie, die von keinem seriösen Kampfsportverband anerkannt würde), indem er anderen Unterhunden reihenweise ein blaues Auge verpasst. So prügelt er sich in die Liga der Top Dogs herauf, wo er dann, wie es einem Hollywoodfilmhelden geziemt, auch seinen weichen Kern unter Beweis stellen kann, kreuzt doch Mitte Film eine junge Frau mit ebenso blauen Augen auf. Und was ist für eine junge Dame attraktiver als ein ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

gut gebauter und oberkörperrasierter (Schnitt Saar Klein und Jake Pushinsky) Mann, der austeilen kann? In «Fighting» dürfen Macker noch Macker sein. Das Machowerk besinnt sich auf die Hauptstärke der Filmkunst zurück, nämlich auf das Optische. Es wird nicht viel geredet, noch weniger Kluges, die schlagenden Argumente liefern die Fäuste. «So wenig Text wie möglich», dies das Rezept ihres Films, wie die Macher in einem Interview mit dem renommierten «Wrestling Magazine» verraten haben, «wir haben ja kein Hörspiel gedreht». Zweifellos; ein Film mit prügelnden Männern lässt sich besser verkaufen als einer mit diskutierenden. In «Fighting» beissen die Hunde, sie bellen nicht. Und schliesslich müssen die Gagen der Schauspieler, die deutlich höher lagen als die der ursprünglich geplanten Hunde, wieder eingespielt werden. «Fighting» ist ein ehrlicher Film mit einem ehrlichen Titel. Nicht so verkopft wie «Fight Club», die Handlung noch übersichtlicher als die von «Rocky», kampftechnisch unkomplizierter als «Karate Kid» und bei all dem realistischer als «Kung Fu Panda». «Fighting» ist der Durchschnitt aller Kampffilme, oder positiver ausgedrückt: Die Essenz des Kampffilmgenres, somit also ein Standardwerk. Denn ganz so hohl, wie der Film tatsächlich ist, ist er keineswegs. Auf dem Filmplakat streckt der Held in blütenweissem T-Shirt die Arme in die Höhe, seine Fäuste sind aber abgeschnitten, ausserhalb des Bildes (Schnitt Saar Klein und Jake Pushinsky), will heissen: Es geht nicht um die Fäuste, es geht nicht um den Kampf, sondern it’s only about you! Eine starke Aussage. Dennoch stimmt es natürlich nachdenklich, dass man für einen Film Tiere ganz ohne Abstriche durch Männer ersetzen kann. Sind wir schon derart auf den Hund gekommen?

CH-Kinostart: 14. Mai Der Autor dieser Filmversprechung legt Wert auf die Feststellung, dass er den Film nicht gesehen hat!

■ Nun fängt es an mit den Geburtstagen, den runden. Den Geburtstagen mit einer Drei vorne und einer Null hinten. Manchmal lugt einem ein graues Haar aus dem Spiegel entgegen. Und der Striemen auf der Wange vom Auf-dem-BauchSchlafen ist erst nach dem Mittagessen wieder verschwunden. Ja, die Haut ist nicht mehr ganz so elastisch wie noch vor zehn Jahren. Und jetzt? Soll man zum Dreissigsten eine grosse Fete schmeissen? Oder lieber still und klammheimlich die Zwanziger hinter sich lassen? Wie auch immer: 30 scheint DIE Schreckzahl für Frauen zu sein. Sie schreit: Jetzt bin ich richtig erwachsen! Jetzt muss ich endlich umsetzen, wovon ich lange Jahre (die ganzen Zwanziger hindurch) geredet habe! Jetzt, spätestens jetzt, muss es richtig losgehen! Und ja: Auch das Ührchen tickt. Das Bio-Ührchen. Unsere Eizellen machen sich auf den Weg in den Niedergang. Aber jetzt mal ehrlich: Spielt das wirklich eine so grosse Rolle? Ich meine: Ändert es etwas an dem, was wir sind, wovon wir träumen? Wer weiss schon, ob jemand nun 27, 29 oder 31 Jahre alt ist? Und macht es Sinn, sich einer theoretischen Kinder-Frage wegen gestresst zu fühlen? Sollen wir ein Kind bekommen, nur weil es pressiert? Wenn ich jeweils entspannt aus der dunklen Yoga-Höhle komme und mich im Gewusel der Damengarderobe wiederfinde, kann ich manchmal nur staunen. Die Anfang-Zwanziger bürsten sich ihre blond gefärbten Haare VOR dem Training zurecht, zupfen an ihren hautengen T-Shirts und tuschen sich manchmal gar die Wimpern. Noch schlimmer, was aus ihren Mündern kommt. Einmal hörte ich, wie zwei Freundinnen über Essentielles in einer Frau-Mann-Beziehung diskutierten. Auf der Top-Ten-Liste standen zuoberst: (körperliche) Anziehung und Humor. Danach kam der Dunkelhaarigen nichts mehr in den Sinn. Ich zog hinter dem Schranktürchen still die linke Augenbraue hoch und dachte: Hoffentlich reicht das für einen Monat Beziehung. Das ist wohl das Schöne am Älterwerden: Man wird entspannter – sich selber und anderen gegenüber. Und beschäftigt sich – Gott sei Dank - mit anderen Fragen als vor zehn Jahren. Vielleicht ist unsere Haut nicht mehr ganz so glatt und wir glauben nicht mehr an den total perfekten Prinzen. Aber wir müssen uns endlich nicht mehr nur über Äusserlichkeiten definieren, haben mehr als zwei Joberfahrungen hinter uns und besitzen vielleicht bereits einen Hauch von dem, was wir Weisheit nennen.

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Cinéma

BACKLIST FILM

kitchen stories (2003) Von Guy Huracek - Von Schweden nach Kongo Bild: zVg. ■ Es gibt einige Filme, die mir schon nach zwanzig Sekunden sympathisch sind. «Kitchen Stories», ein Film aus Norwegen und Schweden, beginnt mit einem kurzen Einleitungsfilm: Ein Countdown schlägt von sieben auf drei. Man sieht zahlreiche Wissenschaftler, die peinlich genau Probanden beim Hantieren mit skurrilen Haushaltsgeräten beobachten. Es läuft Jazz im Hintergrund, eine hektische Frauenstimme kommentiert das Geschehen und es wird geraucht. Jeder einzelne Wissenschaftler ist auf seine Art und Weise charakteristisch. Der eine hat eine zusammengewachsene Augenbraue, eine andere mehr Nase als Gesicht. Nach diesen zwanzig Sekunden habe ich mich in den Film «Kitchen Stories» verliebt. Das schwedische Forschungsinstitut für Heim und Haushalt hat während den 50er-Jahren in Schweden intensive Studien über das Verhalten der Hausfrauen in Küchen untersucht. Mit den Ergebnissen dieser Untersuchungen wurden moderne Küchengeräte besser in den Alltag eingebunden, unnötige Bewegungen verkürzt und die Kücheneinrichtungen neu konzipiert. Durch diesen Erfolg beflügelt, beschliesst das Institut, sich auf eine neue Zielgruppe, nämlich männliche Junggesellen, zu konzentrieren. Zu diesem Zweck werden zahlreiche Beobachter in ein kleines Dorf in Norwegen geschickt. Von einem Hochsitz aus dokumentieren die Forscher akribisch genau jede Bewegung der Freiwilligen in ihren Küchen. Davon bekommt Beobachter Folke den kauzigen, alleinstehenden Isak zugeteilt. Während dieser Observierung ist jegliche Konversation untersagt. Isak ist von der ungewohnten Situation gar nicht begeistert und beginnt, den Beobachter Folke zu necken und zu quälen. 34

Beispielsweise schaltet er oft das Licht aus, damit Folke im Dunkeln seine Aufzeichnungen auf Papier kritzeln muss. Mit einem nervigen Tropfen eines Wasserhahns, lautem Schmatzen und dem Aufhängen von Wäsche nagt Isak an den Nerven von Folke. Zu guter Letzt beginnt das Versuchsobjekt selbst durch ein Loch in der Decke den Beobachter zu beobachten. Den Wendepunkt dieser Feindseligkeiten löst eine leere Tabakdose aus. Folke hilft Isak, der sichtlich unter Nikotinmangel leidet, mit ein wenig Tabak aus. Es ist der Beginn ihrer Freundschaft. Besonders interessant sind bei «Kitchen Stories» die fiktionalen Charaktere. Der Regiesseur Bent Hamer, der zugleich auch Drehbuchautor und Produzent war, gab in einem Interview im Filmmagazin «Schnitt» bekannt, dass ein Charakter dann interessant für ihn sei, wenn er gerade kein Interesse hervorrufe. Wenn man sich traue, auf das sogenannt Uninteressante, Alltägliche, hinzusehen, gebe es immer viel zu entdecken. Die Machart des Films ist ruhig und gemütlich. Einzelne Einstellungen klingen langsam aus und es entsteht eine träge, entspannte Atmosphäre. Wer den Film «Milk» gesehen hat oder Filme von Jim Jarmusch kennt, kann sich vorstellen, von welcher Ruhe ich spreche. Auffallend ist auch die Farbkomposition des Films. In der öden, grau-blauen Landschaft stechen beispielsweise ein roter Traktor und ein rotes Holzpferd ins Auge. Der Film ist vollgespickt mit unzähligen schrägen und ungewohnt alltäglichen Details. Unter anderem empfängt Versuchsobjekt Isak wegen seinen Silberzahnfüllungen Radio im Mund. Es wird mehr geraucht als gesprochen und sehr oft schnäuzt sich jemand die Nase, hustet oder kratzt sich irgendwo.

Eine derartige ungewohnt alltagsbezogene und fast schon zu realistische Schauspielerei erinnert mich an den Film «Einer Flog über das Kuckucksnest». Obwohl der Film als eine hinreissende Komödie beschrieben wird, lacht Bent Hammer über solche Klassifizierungen. Er verstehe, dass Verleiher zu Promotionszwecken Etiketten für Filme finden müssten. Er habe noch nie eine Komödie gedreht. Für ihn sei Humor der beste Weg, eine ernste Botschaft zu vermitteln. Entscheidend sei aber immer die Art des Humors. Bent Hamer fand die Inspiration für den Film aus Instruktionsbüchern über glückliches Familienleben aus den 50er-Jahren. Das schwedische Forschungsinstitut (HFI) hat wirklich existiert. Zwei ehemalige Mitarbeiterinnen halfen dem Regiesseur Bent Hamer mit Hintergrundwissen. Der kurze Einleitungsfilm, die ersten 20 Sekunden, ist eine Reproduktion eines HFI-Filmes. Fiktion ist, dass die Forscher die Leute besuchten, denn es wurden nur Tests in ihren Laboratorien durchgeführt. Und sie untersuchten auch nie das Küchenverhalten von Single-Männern. Dies war die Idee von Bent Hamer. «Die Tageszeitung» (Taz) beschrieb «Kitchen Stories» als «wunderbare Wissenschaftskritik der averbalen Art», und die «Frankfurter Rundschau» bezeichnete den Film als «wundervoll absurdes Kammerspiel - ohne Worte». Das schwedische Forschungsinstitut für Haushalte kam zu einem faszinierenden Ergebnis: Eine Hausfrau legt in der Küche in einem Jahr eine Strecke zurück, die der zwischen Schweden und Kongo entspricht.

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Cinéma

TRATSCHUNDLABER Von Sonja Wenger

FILM

duplicity Von Sonja Wenger Bild: zVg. ■ Wie angenehm ist es doch, als Publikum ernst genommen zu werden. Wie erfrischend, für einmal als Zuseher zwischen all dem dumpfen Wummskrach humorvoll herausgefordert zu sein. Und wie spannend, sich bewusst lustvoll auf falsche Fährten locken zu lassen, statt sich dem üblichen Knallbumm auszuliefern. «Duplicity» von Regisseur und Drehbuchautor Tony Gilroy schafft diese Hürden mit links – und vollführt dabei noch jede Menge zusätzliche Pirouetten und Drehungen. In einem ausführlichen Porträt des Regisseurs in «The New Yorker» heisst es gar, sein Drehbuch sei so voller Wendungen und Rückblicke gewesen, dass Superproduzent Steven Spielberg verwirrt die Idee aufgegeben habe, dabei Regie zu führen. Nicht, dass dies viel zu bedeuten hätte, dennoch ein Glück für den Film. Denn Gilroy war bereits jahrelang einer der besten Autoren Hollywoods, bevor es ihm zu bunt wurde, seine raffinierten Drehbücher von Regisseuren zerpflücken zu lassen. Seine Filmografie liesst sich wie eine Best-of-Liste und beinhaltet «Dolores Claiborne», «The Devil’s Advocate» oder die «Bourne»Trilogie. Nach seinem beeindruckenden Début 2007 als Regisseur von «Michael Clayton» hat Gilroy sich nun dem etwas leichteren Genre der romantischen Spionage-Thriller-Komödie zugewandt, ohne es sich dabei in irgend einer Form leicht gemacht zu haben. Der Film dreht sich im Kern um die ungewöhnliche Liebesbeziehung zwischen Ray Koval (Clive Owen) und Claire Stenwick (Julia Roberts), zwei ehemalige Spione, er MI6, sie CIA. Nach einem missglückten Start in Dubai verlieben sie sich bei einem zweiten Aufeinandertreffen in Rom zwei Jahre später – und beschliessen, ihre speziellen Berufserfahrungen für die gemeinsame Zukunft zu nutzen. Sie verlegen sich vordergründig auf Unternehmenssicherheit, in Wirklichkeit aber auf die lukrativere Inensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

dustriespionage, und spielen von der ersten Minute an ein Doppel-, Dreifach-, X-fach-Spiel. Der Film zieht einen Grossteil seines Unterhaltungswerts aus der Spannung, wer denn nun wie und wann wen aufs Kreuz legt. Die Choreografie spielt mit Vertrauen und Lüge gerissen Katz und Maus. Und die Art und Weise, wie in «Duplicity» Informationen transportiert und Charaktere gezeichnet werden, ist schlicht exzellent. So gehen Ray und Claires Opfer, die beiden Konzernchefs Howard Tully (Tom Wilkinson) und Richard Garsik (Paul Giamatti) gleich zu Beginn in Slow Motion aufeinander los und definieren damit die Spielregeln im langfristig geplanten Schwindel um ein mysteriöses Kosmetikprodukt. Der Rest des Films ist ein Lehrstück in Sachen erzählerisches Tempo und unwiderstehlicher Dreistigkeit: Wohl nur wenige Autoren würden fünfmal die selbe Dialogsequenz verwenden, und damit doch jedes Mal einen neuen, noch spannenderen Kontext schaffen. Aber Regisseur Gilroy kennt sein Material – und er vertraut seinen Darstellern. Owen schmilzt derzeit auf der Leinwand wohl jedes Eis und Roberts ist in ihrer besten Form seit «Erin Brockovich». Beide geniessen sichtlich den ausgefuchsten Schabernack von «Duplicity» – als Schauspieler genauso wie in ihrer Rolle. Wilkinson, der mit Gilroy bereits bei «Michael Clayton» zusammengearbeitet hat, spielt Tully mit dem eiskalten Charme eines durchtrainierten Dobermanns. Giamatti wiederum porträtiert Garsik als eine Mischung zwischen paranoidem Wiesel und kichernder Bulldogge. Ihnen allen gelingt die Gratwanderung zwischen tiefgründig und leichtfüssig, und Gilroy erfüllt einmal mehr meisterhaft seine beiden Grundregeln: Eine Geschichte in unter zwei Stunden erzählen und das Publikum dabei nicht langweilen. Der Film dauert 118 Minuten und ist bereits im Kino.

■ Sie haben es schon immer gewusst, die Modemacher, die Werbefritzen und die Showbizfuzzis: Dicke Menschen, das geht nicht! Und jetzt wissen wir auch warum, denn genauso wie dicke Autos sind dicke Menschen schlecht fürs Klima. Sie verbrauchen – was Wunder – mehr Nahrung und – oh Schande – mehr Erdöl, von wegen gefrässig und faul. Das hechelt landein, landauf gerade durch die Medien – ungeachtet der Tatsache, dass eine identische Studie bereits vor einem Jahr durch den Onlinedschungel geisterte. Aber Medien haben bekanntlich ein kurzes Gedächtnis und Helden(innen) braucht die Krise allemal, nix essen passt nämlich bestens zu den Zukunftsaussichten immerhin eines Siebtels der Weltbevölkerung. Entsprechend ist Size Zero die neue Wonderwoman, Diäten sind grün und fasten besonders nachhaltig. Catwalk, wir kommen! In der Zeit von «Irgendein Land hat Talent» haben ja Klimasünder wie Susan Boyle besonders gute Chancen, da sie «die zynischen Erwartungen» einer zynischen Welt viel einfacher pulverisieren – zumindest können bald über hundert Millionen Anfragen auf Youtube nicht alle falsch liegen, auch wenn es heute statt satte fünfzehn nur noch zynische fünf Minuten sind und – O ihr zynischen Kleingläubigen – die Sendung bereits im Januar aufgezeichnet worden sei. Apropos Zynismus. Da wird eigens eine Ausstellung über «Witzerland», also die zur lustigen Seite der Schweiz, in den Landesmuseen aufgebaut, statt dass man sich einfach mal die real existierende Satire in unseren Medien zu Gemüte führt: Da ist im «.ch» zu lesen, dass Joe Ackermann den «Krieg der Klassen fürchtet». In der «Gala» wird über ein neues «Klümchen», also ein Baby für Heidi Klumdumm spekuliert, und weil bei Brangelinas Ehe das «Bild bröckelt – forscht Bunte nach». Das ist «Leidenschaft für Menschen» neu interpretiert: Wenn etwas nix hergibt, macht man es einfach selber. Inzwischen greifen aber nicht nur Medien, sondern auch Stars zu drastischen Methoden, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Dennoch erstaunt manchmal die Wahl: So schrieb die amtierende Miss Universe nach einem Besuch auf Guantánamo, dass es dort ganz «waaaaahnsinnig lustig» gewesen sei, und plötzlich hatte jeder von der zuvor Unbekannten gehört. Oder dann Madonna. Da schmeisst die sich vom Pferd und erhält Tags darauf dann doch noch einen Adoptionstermin. Statt dass man ihr einfach mal sagen würde, dass man die Dinge, die man für Geld nicht kriegt, ganz einfach für viel Geld kriegt – schliesslich sind die Malawier ja nicht blöd. Und für einmal, nur ein einziges Mal, kann man mit Dieter Bohlen übereinstimmen, der in der «Bunten» schreibt: «Ich glaube ehrlich, dass es im Moment wichtigere Dinge gibt auf der Welt.» 35


Das andere Kino www.cinematte.ch / Telefon 031 312 4546

■ Schweden Wochen Im Mai zeigen wir mit „A Swedish Love Story“ den Erstling des inzwischen aufgrund seines eigenwilligen Stils weltweit bekannten Regisseurs Roy Andersson (Songs from the Second Floor) als Berner Premiere. Mit Colin Nutleys House of Angels kommt einer der beliebtesten Schwedischen Filme auf unsere Leinwand. Im ebenfalls preisgekrönten Spielfilm All Things Fair, dem letzten Film des grossen Schwedischen Regisseurs Bo Widerberg, geht es um eine verbotene Affäre zwischen einer nicht mehr ganz jungen Lehrerin und ihrem Schüler. Night of Swedish Shorts Wir freuen uns ganz besonders zum Abschluss der Schweden Wochen am 8. Mai 2009 die „Night of Swedish Shorts“ präsentieren zu können. Dank der Zusammenarbeit mit dem Göteborg International Filmfestival erwarten uns zwei abwechslungsreiche Kurzfilmprogramme mit aktuellen schwedischen Kurzfilmen als CH-Premieren mit englischen Untertiteln. Swedish Shorts I / 8. Mai 19.00h; ca, 85 Min. Friday – Fredag Regie: Alexe Landgren; Feature, S/2009 The Big Store - En dag på varuhuset Regie: Lars Arrhenius; Animation, S/2008 Instead of Abracadabra - Istället för Abrakadabra Regie: Patrik Eklund; Feature, S/2008 Scene 3: Daniel and Alex - Scen 3: Daniel och Alex Regie: Andrea Östlund; Feature, S/2008 Wanted to Be Friends - Jag ville va doms kompis Regie: Marika Heidebäck; Documentary, S/2009 Swedish Shorts II / 8. Mai 21.30h, ca. 85 min. London Transfer Regie: Roozbeh Behtaji; Feature, S/2008 Paria Regie: Jona Elfdahl; Documentary, S/2009 The People and the Whale - Människorna och valen Regie: Peter Larsson; Animation, S/2008 Games - Spel Regie: Amanda Kernell; Feature, S/2009 What You Do - Hur man gör Regie: Mårten Nilsson, Gunilla Heilborn, Kim Hiorthøy; Experimental, S/2008 Das detaillierte Programm der Schweden Wochen und weitere Informationen zu den Kurzfilmen: www.cinematte.ch.

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www.kellerkino.ch / Telefon 031 311 38 05

■ Der Mai beginnt mit einer kleinen Auswahl von Filmen, die dieses Jahr in Solothurn gezeigt wurden und die keinen Platz in der ‚normalen‘ Auswertung gefunden haben. Ich möchte diese Filme, die ich für sehr sehenswert halte dem Berner Publikum vorstellen. Die SolothurnWoche dauert vom 30. April bis zum 6. Mai. Im Dokumentarfilm SECOND ME findet ein junger Mann auf der online Plattform second life die Kontakte, die ihm im realen Leben fehlen. In LUFTBUSINESS von Dominique de Rivaz verkaufen drei Randständige ihre Identität auf e-bay. Was als Spiel beginn, hat für ihr Leben weitreichende Folgen. Dominique Jann wurde für seine Rolle mit dem diesjährigen Quarz als bester Darsteller ausgezeichnet. Er wird bei der Samstagsvorstellung anwesend sein. In DER TOD MEINER MUTTER ODER 5 VERSUCHE, EINEN FILM ZU MACHEN sucht Chantal Millès Jahre nach dem Selbstmord ihrer Mutter ihre Geschwister auf. Hartnäckig versucht sie mehr über das traumatische Ereignis zu erfahren. Die Stärke des Films liegt in seiner Frische und einer fundamentalen Lebensfreude trotz des schwierigen Themas. (Samstag in Anwesenheit von Millès und Howald) Unter dem Titel VERRÜCKT werden drei Filme gezeigt: In Kurzspielfilm BLOCK zeigt Simon Jaquemet eindrücklich einen Schizophrenen Schub aus der Innenperspektive. Im Dokumentarfilm NEBENLAUF skizziert Anja Schwyzer die Jahre nach einem traumatischen Ereignis aus der Sicht von vier nahen Angehörigen. In PIZZO: VOR, ZURÜCK UND WEITER begleitet Marius Brun del Re seinen Freund Pascal Pizzolato während fünf Jahren. Ohne Kommentar, nur auf die Aussagen der Protagonisten vertrauend gelingt ein schnörkelloses Porträt über die Folgen einer psychischen Störung. In NACHGIFT porträtiert Remo Legnazzi vier ehemalige BenützerInnen der kontrollierten Heroinabgabe (KODA) in Bern. Der Bogen des Films reicht von ihrer Situation 1996, nach dem Eintritt ins KODA bis zum Alltag heute. Die Vergangenheit als «Junkie» hat bei jedem seine Spuren hinterlassen. Im KURZFILMBLOCK werden Kurzspielfilme gezeigt, die an Filmschulen entstanden sind.

www.kinokunstmuseum.ch / Telefon 031 328 09 99

■ NOBODY IS PERFECT: Ab 9. Mai widmet das Kino Kunstmuseum dem legendären, 2002 im Alter von 96 Jahren verstorbenen, BILLY WILDER eine Hommage. Er wurde als Autor, Produzent und Regisseur einundzwanzig Mal für einen Oscar nominiert und wurde sechs Mal mit einem Oscar ausgezeichnet. Von seinen über 60 Filmen, die er in 50 Jahren realisierte, wird eine wunderbare Auswahl von neun Filmen zu sehen sein. VOLL DAS LEBEN: PEDRO ALMODÓVARS FRÜHWERK Ab 16. Mai wechseln wir, passend zu den sommerlichen Temperaturen, unseren Fokus auf Pedro Almodóvars frühes Schaffen. Der spanische, mehrfach ausgezeichnete Kultregisseur ist einer der elegantesten Vertreter des europäischen Filmhandwerks. Die Aussenseiter und Randfiguren der Gesellschaft, die Almodóvar mit Vorliebe beschreibt, sind wie seine Film: bunt, grell und irisierend. KUNST UND FILM: Einblicke in Wilfrid Mosers (1914-1997) Leben und Werk und ein Filmabend mit Tracey Emins Kurzfilmen am 10. und 26. Mai. FRAU UND FILM: ISA HESSE-RABINOVITCH Das Portrait von Anka Schmid zeigt den künstlerischen und biografischen Werdegang von Isa Hesse-Rabinovitch (1917– 2003), die als eigentliche Schweizer Filmpionierin ein vielfältiges und zeitloses Filmund Videowerk hinterlassen hat. Ihre Experimentalfilme fanden im Ausland lobende Anerkennung, doch in der männerdominierten Schweizer Filmszene der 70er-Jahre musste sie für ihre poetischen Arbeiten kämpfen. 12. und 17. Mai FILMGESCHICHTE: TAXI DRIVER von Martin Scorsese aus dem Jahre 1976 mit Jodie Foster, Harvey Keitel, Cybill Shepherd und natürlich Robert De Niro. 19. Mai SONNTAGSPORTRAIT UM 11 UHR: CALLAS ASSOLUTA Ein packendes Porträt der grossen Maria Callas, die auch dreissig Jahre nach ihrem Tod unvergessen ist. 24. und 31. Mai Die genauen Spielzeiten der Filme und weitere Informationen finden Sie auf www.kinokunstmuseum.ch

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Für das Tagesprogramm die Tageszeitung oder das Internet www.bernerkino.ch

K IN O i n

d e r

R e i t s c h u l e

www.reitschule.ch / Telefon 031 306 69 69

■ Cuba sí – Yankees no! - 50 Jahre Kuba im Film 1959 marschierten die kubanischen Revolutionäre in Havanna ein. Aus Anlass des 50. Jahrestages der kubanischen Revolution zeigt das Kino der Reitschule eine Retrospektive mit älteren und neueren Filmen aus und zu Kuba. Bereits drei Monate nach der Revolution wurde das kubanische Filminstitut ICAIC gegründet. Dies illustriert die Bedeutung, die dem Film beim Aufbau einer neuen Gesellschaft zugemessen wurde. In dieser Anfangsphase kooperierten immer wieder ausländische Regisseure mit dem ICAIC, so u.a. Agnès Varda, Joris Ivens und Michael Kalatosow. Wir zeigen als Eröffnungsfilm (mit einer Einführung des Filmjournalisten Geri Krebs, 30.4.) Soy Cuba (1964) des russischen Cineasten. Sozusagen ein Kontrapunkt zu diesem Film ist der Dokumentarfilm Havanna - die neue Kunst Ruinen zu bauen (2006), der sich mit der aktuellen Situation in Kuba auseinandersetzt. Satiren und Komödien sind auch in Kuba ein beliebtes Filmgenre, was zeigt, dass Kritik am System im Kino durchaus möglich ist. Drei Beispiele illustrieren dies: der Klassiker La muerte de un burócrata (1966) von Gutiérrez Alea, Melodrama (1995) und Lista de espera (2000). Der Dokumentarfilm hat im Filmschaffen Kubas ebenfalls einen festen Platz. Zu sehen sind zwei Kurzfilme des Dokumentaristen Santiago Alvarez, der mit Now! (1965) den ersten Videoclip der Filmgeschichte gedreht hat. Die Fortschritte im sozialen Bereich in Kuba nach der Revolution und die Rolle der Frau darf in einem Filmzyklus zu Kuba nicht fehlen. In diesen Zusammenhang sind die zwei Dokumentarfilme Viviendo al límite (2004) und La reina del condón (2007) zu stellen. Filme mit Live-Musik-Begleitung – PAED CONCA UND CO. 17./18.5. Migraton, eine Film- und Bilddokumentation mit live-Begleitung: Paed Conca, Michael Thieke, Fabrizio Spera, Frank Crijns Cowards Bend The Knee, Stummfilm von Guy Maddin, Kanada 2003, 64’, mit Live-Vertonung: Michael Thieke, Paed Conca, Hans Koch, Burkhard Beins, Luca Ventuci. UNCUT: 7.5: Sikil, Roni Bertubin, Philippinien 2008, 21.5.: Hue-Die Butterfly, Yan Yan Mak, Hongkong 2004.

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LICHTSPIEL www.lichtspiel.ch / Telefon 031 381 15 05

■ SORTIE DU LABO: Louis-Ernst Favres Le Rhône de Genève à la mer (CH, 1924, stumm) dokumentiert eine Flussreise im Kanu von Genf bis ans Meer. Dabei beeindruckt die Navigation ebenso wie die einzigartigen Landschaften oder die Beobachtung der Wäscherinnen am Flussufer. Musikalische Begleitung: Wieslaw Pipczynski. (4.5., 20h) BLUES NIGHT LIVE - Konzert und Filme Zwei Filmsets präsentiert von Mr. Jazz Theo Zwicky und ein Konzert der 51 Blues Band (Housi Wittlin, Reto Schiegg, François Cuvit, Jost Aregger, Ronny Kummer, Paul Stämpfli) schlagen den Bogen von den Ursprüngen zum aktuellen Chicago Blues. Zu sehen sind unter anderem Kurzfilme mit den Boogie Woogie Pianisten Meade Lux Lewis, Albert Ammons und Pete Johnson sowie ein impressionistisches Portrait des archaischen Gitarristen und Sängers Blind Gary Davis. (8.5., 20h) SCENES FROM EUROPE›S URBAN PAST: Vierzehn zwischen 1909 und 1978 entstandene Kurzfilme erkunden das urbane Leben im Europa des 20. Jahrhunderts aus verschiedenen Perspektiven. Die Filme wurden im Rahmen des Projektes filmarchives-online.eu von siebzehn europäischen Archiven zusammengestellt. (Mo 11.5., 20h) LENZ NACH GEORG BÜCHNER: Mit Schauspiel, Tanz und musikalischer Begleitung wird in Stefanie Ammans Stück Lenz’Reise am Rande des Wahnsinns dargestellt. Kunst und Wahnsinn sind auch im Film immer wieder Thema, wie die im Anschluss an die Performance gezeigte Filmrolle aus dem Lichtspiel-Archiv zeigt. (16.5., 20h) FILMGESCHICHTE: Mit Taxi Driver (1976) ist Martin Scorsese das beeindruckende Portrait eines sozial gestörten Vietnam-Veteranen gelungen, der im hektischen New York versucht, Kontakt zu anderen Menschen zu knüpfen, aber in schlechte Gesellschaft gerät. (13.5., 20h) Carlos Sauras Cría cuervos (1975) zeichnet mit der Geschichte einer erstarrten Madrider Patrizierfamilie ein Bild der innerlich zerfallenden spanischen Gesellschaft kurz vor dem Tod Francos. (27.5., 20h) CinemAnalyse: Lubitschs grandiose Satire To Be Or Not To Be vereint Ernst und Schmerz, Grausamkeit und Komik auf der höheren Ebene des reinen Spiels. (Do 28.5., 20h)

www.pasquart.ch / Telefon 032 322 71 01

■ Der Britin Kate Winslet, die zur Zeit mit The Revolutionary Road und The Reader grosse cineastische Aufmerksamkeit bekommt, kam bereits 1994 zu erstem Ruhm in der Rolle der minderjährigen Mörderin Juliet Hulme in Peter Jacksons Teenager-Thriller Heavenly Creatures (8./9.5.) Ein weiterer früher Film ist Jane Campions Holy Smoke (10./11.5), in dem sie eine Reisende verkörpert, die in Indien in den Bann eines Sektenführers gerät. In einer schillernden Rolle ist hier auch Harvey Keitel zu geniessen. In Iris (15./16.5.) von Richard Eyre ist Winslet die gefeierte Literatin und Denkerin Iris Mudoch, die im Alter an Alzheimer erkrankte. Winslet spielt die junge Iris. In The Life of David Gale (17./18.5.) will Kate Winslet als Reporterin das Leben des Angeklagten Kevin Spacey retten. Ein packender Thriller, wie man es sich gewohnt ist von Alan Parker. In John Turturros Musical-Romanze Romance & Cigarettes (22./23.5.) mimt sie eine Prostituierte und glänzt schauspielerisch neben Susan Sanrandon und Steve Buscemi. In Little Children (24./25.5.) von Todd Field wird eine gelangweilte Mutter, die in ihrem Alltag zu ersticken droht, durch eine neue Liebe wiederbelebt. Schliesslich steht auch Revolutionary Road (29./30.5.) auf dem Programm: Sam Mendes beschreibt nunanciert den Niedergang einer Ehe im Amerika der fünfziger Jahre und zieht eine schonungslose Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen. Ein Wiedersehen mit dem TitanicTraumpaar Kate Winslet und Leonardo Di Caprio! Kuppel, Tempel, Minarett Im Juni gibt es in der Eglise du Pasquart in Biel eine Ausstellung zum Thema Sakralbauten in der Schweiz. In Vorträgen und Podiumsdiskussionen werden Fragen im Zusammenhang mit der Sichtbarkeit der Religion im öffentlichen Raum aufgeworfen. Das Filmpodium Biel setzt sich seinerseits mit Filmen über eine multi-religiös gewordene Gesellschaft auseinander: Unter anderen wird der Film von Merzak Allouache Bab El-Oued-City zu sehen sein, der das Leben junger Leute in Algier zwischen europäischer Freizügigkeit und dem wieder erstarkten islamischen Fundamentalismus beobachtet.

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Lifestyle

MODEWELT

willkommen im modelabyrinth der gesellschaft Von Simone Weber ■ Die Mode ist keinesfalls eine bedeutungslose Spielerei, sondern ein geheimnisvolles Labyrinth. Grosszügigerweise legt sie vor, wie wir uns verhalten müssen, um uns in ihren Irrwegen zurechtzufinden. Dabei greift sie sich das menschliche Bedürfnis nach sozialer Anlehnung. Wer möchte schon einsam in der Sackgasse sitzen? Leute, die mit der Mode gehen, stillen ihr Bedürfnis nach Beachtung, den Wunsch aufzufallen und Interesse zu wecken. Sie wollen umwerfend gut aussehen. Modisch, aber nicht verkleidet zu wirken, das ist die grosse Kunst der Sache. Mit schlechtem Beispiel voran geht Modepüppchen Victoria Beckham, die in ihren Designerklamotten eher wie ein steifer Besen denn als lässige Modeikone daherkommt. Ihre Outfits sehen viel zu gewollt aus. Viel lässiger ist es, wenn Kleider wie zufällig zusammengewürfelt aussehen, dennoch aber perfekt aufeinander abgestimmt sind. So entsteht Leichtigkeit in der Mode. Das tückische am Modelabyrinth ist seine Undurchschaubarkeit. Es gibt kaum Stabilitäten, an denen wir uns ohne Hilfe orientieren könnten. Eben erst sind wir dem Weg der Röhrenjeans gefolgt, schon sollen wir in die Schlaghosenstrasse einbiegen. Es wechseln die Schnitte, die Farben und Materialien. Um die Gebote der Mode zu befolgen, werden kurze Tops durch weite BaumwollShirts, pinke Rollkragenpullis durch graue Cardigans ausgetauscht. Diese Veränderung ist sogleich einzige Konstante der Mode, daraus gewinnt sie ihre Überzeugungskraft. Weil sich die Mode ständig verändert, kann sie niemals langweilig werden oder gar verleiden. Die Veränderung ist das, was an der Mode Spass macht! Dafür, dass sie die Mode ständig neu erfinden, verdienen die grossen Designer tiefste Bewunderung! Für die Verbreitung und den Erfolg einer neuen Mode spielen Trendsetter eine Schlüsselrolle. Sie gehen anderen voraus und wagen es, neue Wege einzuschlagen. Die italienische Soziologin Elena Esposito ist der Meinung, dass man in der Mode beinahe alles wagen kann, weil sie sich durch eine extreme Toleranz gegenüber Extravaganz und Wagnis auszeichnet. Das Veränderliche in ihr ist nicht zufällig, sondern von Anfang an geplant. Es ist der Wurm, den die Mode an den Haken steckt, damit wir Kleiderbesessenen immer wieder anensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

beissen, Geld für Hosen und Blusen ausgeben, die wir eigentlich nicht brauchen. Ich glaube, die Mode ist im Grunde ein ästhetisches Verbrechen, das nicht das endgültig Schöne und Gute, sondern immer nur etwas Neues will. Es ist total beeindruckend, dass Designer dabei ständig andere Massstäbe vorgeben, die trotzdem als verbindlich gelten. Würden wir behaupten, dass die Sommerkleider in diesem Jahr wirklich schöner geschnitten sind als diejenige vom letzten Jahr oder als die, die uns in einem Jahr gefallen werden? Die Mode kann sogar frühere Trends mit neuem Überraschungswert immer wieder gross rausbringen. Gerade heute ist Vintage wieder total angesagt. Ich bin überzeugt davon, dass die dicken Mauern des Modelabyrinths allmählich zerfallen. Der Trend von heute ist es, dass es keinen Trend mehr gibt. Werfen wir in diesem Zusammenhang einen Blick auf das britische Topmodel Kate Moss: Dank ihrem eigenen, unverwechselbaren Stil ist sie längst eine gefeierte Modeikone. Ihren Kleiderschrank kennt die ganze Welt. Diese Frau trägt, was sie will, befolgt keine Laufstegtrends und bricht sämtliche Moderegeln. Ihr unverwechselbarer Look besteht aus einen Mix aus Vintage-Teilen, Rock-Chick und lässigen Designerstücken. Ich rufe euch dazu auf, die Lust am modischen Experiment auszuleben! Tragt die verlöcherte Jeans mit der Lieblingsbluse eurer Oma, und setzt euch dazu eine Melone auf den Kopf! Aber Achtung! Komplett beliebig kann die Mode nicht funktionieren, Sackgassen wird es immer geben. Unser Gang durch die Irrwege wird davon beeinflusst, dass wir wahrnehmen, wie die anderen uns sehen. Am Ursprung jedes Modebewusstseins steht der Wunsch «in» zu sein. Dabei wird Individualität angestrebt. Das ist die Paradoxie der Mode! Menschen, die sich modisch verhalten, streben Originalität an, indem sie sich wie die anderen verhalten. Wie man am Exempel von Moss mehr als deutlich sieht, sind doch eigentlich gerade diejenigen originell, die sich ihre eigenen Wege suchen und sich nicht wie die anderen verhalten. Sind die Ideen der grossen Designer nur Anregungen für die Suche nach dem eigenen Stil? Ist er der geheime Schlüssel, der zur erfolgreichen Durchschreitung des Modelabyrinths führt? Gior-

gio Armani liefert uns die Antwort: «Der Stil ist der Mode überlegen. Er lässt sich von der Mode anregen und greift ihre Ideen auf, ohne sie ganz zu übernehmen. Niemand mit Stilbewusstsein würde seine Art, sich zu kleiden, nur um der Mode willen radikal ändern. Was Stil von Mode unterscheidet, ist die Qualität.» Will heissen: Stil ist immer geschmackvoll und kann im Gegensatz zur Mode nie billig wirken. Durchschreitet das geheimnisvolle Labyrinth der Mode mit Stil, und ihr werdet euch niemals verirren!

Alther&Zingg Ein filosofisches Gespräch:

«Alles dreht sich um das ‚gute Leben’, darum, welches Leben für den Menschen das beste ist, also um etwas, das herauszufinden und zu beurteilen offensichtlich dem Menschen aufgegeben ist.» Hannah Arendt 1965

Mittwoch, 27. Mai 2009 // 19:15 h Kramgasse 10, 3011 Bern / 2. Stock

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Literatur

Beyerlein, Gabriele: Es war in Berlin. Roman. Thienemann. Stuttgart, Wien, 2009. 705 Seiten. ISBN 978-3-522-20043-1

Littell, Jonathan: Ein Sonntag im Sommer. Études. Aus dem Französischen von Hainer Kober. Matthes und Seitz. Berlin, 2009. S. 77 Seiten. ISBN 978-3-88221-741-4

Frauenleben Gabriele Beyerlein: Es war in Berlin. Roman.

Kleine Meisterwerke eines ganz Grossen? Jonathan Littell: Ein Sonntag im Sommer. Études.

■ Dreh- und Angelpunkt des dritten Romans der Berlin-Triologie Beyerleins ist zunächst die Person des begabten Dichters und Dramatikers Johann Nietnagel. Er, der in seinen sozialkritischen Werken die Missstände der kapitalistischen Klassengesellschaft anprangert, ist zugleich Zielpunkt der Liebe zweier junger Frauen, deren Herkunft unterschiedlicher wohl kaum sein könnte. Auf der einen Seite die Fabrikarbeiterin Clara Bloos, auf der anderen die Tochter des Bankiers Baronesse von Zug. Gerade aber in seiner Liebschaft mit Clara macht sich der Sozialist Nietnagel gleich selbst eines starken Klassenbewusstseins schuldig. Denn wenn er sie auch gern zu haben scheint und umso lieber mit ihr das Bett teilt, als seinesgleichen empfindet er sie nicht. Dies wird insbesondere dann deutlich, als ihm die von der gehobenen Gesellschaft umschwärmte Baronesse ihre Liebe gesteht. Diese bricht für ihre Liebe nicht nur mit der gesellschaftlichen Norm der damaligen Zeit, sondern vor allem mit ihrem Elternhaus. Sich nun in einer einfachen Dreizimmerwohnung wiederfindend verschreibt sich Margarethe von Zug der Ende des 19. Jahrhunderts erstarkenden Frauenbewegung. In ihrem Engagement für die 12-jährige Lisa, Schwester ihrer Konkurrentin Clara, nähern sich die beiden Frauen sogar an. Auch wenn Beyerleins Werk zuweilen nicht ganz frei von Pathos sein mag und das Happy End sich auf beinahe alle Protagonisten und insbesondere Protagonistinnen erstreckt, macht der Roman einmal mehr deutlich, wie unfrei eine Frau Ende des 19. Jahrhunderts unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit war. Nicht nur war sie nicht stimmberechtigt, als verheiratete Frau war ihr auch jegliche Berufstätigkeit untersagt, wollte sie ihre gesellschaftliche Stellung behalten. Per definitionem blieb ihr Glück oder Unglück abhängig von ihrem Angetrauten. Denn dass die Heirat und Mutterschaft Sinn und Wunsch und nicht zuletzt Zweck eines jeden Frauenlebens war, daran bestanden keine Zweifel.

■ Jonathan Littell mag mit «Ein Sonntag im Sommer» zwar nicht an seine literarische Sensation mit «Die Wohlgesinnten» anknüpfen. Und doch verraten bereits diese kleinen Studien, welche in den Jahren 1995 bis 2002 entstanden sind, den genauen Beobachter, welcher es in seinem fulminanten Roman zur Meisterschaft bringt. Dennoch soll der Appetit, der uns der Autor mit seinen Études macht, vorläufig nicht so recht gestillt werden. Littell verarbeitet hier vielmehr seine Erfahrungen als Mitarbeiter der Hilfsorganisation «Aktion gegen den Hunger», anlässlich derer er in verschiedenen Krieggebieten stationiert gewesen war. Und genau da, wo die Kriegskulisse zur Normalität wird, wo Granatsplitter auf Gartenpartys einschlagen, ohne zu deren unmittelbarem Ende zu führen, da vermag er zu überzeugen. Ansonsten bewegen sich seine Studien ganz in der Tradition eines Kafka oder Becketts, was ja an sich nicht Schlechtes ist, nur eben auch nichts Neues. Das Leitmotiv der vier Erzählungen, welches sie nebst den Kriegsschauplätzen verbindet, ist das Warten. Und genauso wie seine Figuren zu warten scheinen, warten auch wir, wie die Erfolgsgeschichte nach dem doch sehr kontrovers diskutierten Erstling, der nicht zuletzt als Skandalroman bezeichnet worden ist, nun weitergeht. Letztendlich ist festzuhalten, dass dieser dünne Band nicht veröffentlicht worden wäre, stünde nicht Littell drauf. Die Frage, die sich jedoch an dieser Stelle aufdrängt, ist: Steht auch Littell drin? Mit Ungeduld sehnen wir den ganz grossen Wurf dieses Könners herbei. Dass er es kann, davon sind wir überzeugt.

Heinrich, Susanne: So, jetzt sind wir alle mal glücklich. Roman. DuMont. Köln, 2009. 299 Seiten. ISBN 978-3-8321-8033-1.

Eine Hochzeit und (kein) Todesfall Susanne Heinrich: So, jetzt sind wir alle mal glücklich. Roman. ■ Franziska und Georg heiraten. Ganz gross laden sie ihre Gäste ins Hotel ein und feiern vor der Hochzeit einen ausgelassenen Polterabend. Am Ende bleiben neben dem Brautpaar die beiden Paare Clara und Frank und Max und Charlotte übrig. Sowohl Max wie Clara sind Freunde von Franziska, Georg scheinen sie nicht wirklich zu kennen, geschweige denn zu mögen. Wir begleiten sie alle durch eine Nacht, in welcher viel Alkohol fliesst und lernen einmal den einen, einmal die andere besser kennen. Wir sehen die extravagante Schönheit Claras greifbar werden, hören ihre Stimme, wenn sie französisch singt. Charlotte, die jüngste der Runde, die von Max gerettet wurde, nachdem sie von einer Zecke mit dem Borreliose-Bakterium infiziert wurde, besticht durch ihre unbedarfte Frische. Franziska, die mit Georg eine gemeinsame Tochter hat, wird ebenso wie Georg nie wirklich greifbar, so wenig, wie die Motive für ihre Hochzeit. Max, seines Zeichens Radioredakteur, war und ist noch verheiratet, aber nicht mit Charlotte. Er bleibt der einzige der männlichen Protagonisten, dessen Innenansicht ihm so etwas wie Kontur verleiht. Frank wird von Clara lediglich als Übergangspartner vorgestellt, und wollen wir seinen Worten Glauben schenken, hat er mit der Liebe ohnehin bereits abgeschlossen. Genau diese Liebe beziehungsweise das Verhältnis der Protagonisten zu ihr soll im neuen Roman von Heinrich ausgelotet werden. Die wechselnde Perspektive des auf sechs Personen angewachsenen Kammerspiels sollte das vorgenommene Unterfangen ermöglichen, zu oft aber bleibt die junge Autorin Klischees verhaftet, die eine tatsächliche Annäherung an ihre Figuren unmöglich machen: Männer wollen nur das eine und Frauen reden über die Liebe. Die fehlende Ironie machen jedoch die leisen Geschichten im Hintergrund wett. Von Freundschaften, die nicht ganz vergangen sind und von Verzweiflung, welche immer noch schwellt. Susanne Heinrich legt nach ihrem Débutroman «Die Andere» ein Werk vor, das zwar in seinem Anspruch nicht immer zu überzeugen vermag, dessen Bilder aber mitunter eine Wahrhaftigkeit zu erreichen vermögen, trotz oder gerade wegen des jugendlichen Alters der Autorin.

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Literatur

LITERATURTAGE SOLOTHURN

professionell, wohltemperiert Von Christoph Simon ■ Am 24. Mai 2009 um 17 Uhr wird die einunddreissigste Auflage des Literaturfestivals Solothurn enden. Zahlreiche ZuhörerInnen und AutorInnen aus In- und Umland werden zu den Lesungen im Landhaus, auf dem Klosterplatz und im Dunkelzelt geströmt sein. Mit Ausnahme der Korrespondentin der Berner Zeitung, die lieber liest als zuhört, wird man rundum zufriedene Menschen sehen. Die letzten drei Tage werden erneut bewiesen haben, dass sich «die Kunst des Erzählens vorab der Fähigkeit verdankt, selbstvergessen lauschen zu können» – wie dies Walter Benjamin vor Zeiten geschrieben hat. Obwohl am Freitagmorgen eine strahlende Sonne über Solothurn steht, lassen sich die Lesehungrigen nicht abhalten, die Eröffnungslesung

um zehn Uhr im Landhaus von Maja Beutler zu besuchen. Und je weiter der Tag sich dem Ende zuneigt, desto voller werden die Säle. Zur Podiumsdiskussion «Schreiben Lesen 2020 – das Buch ist eine Website, die man bindet» am Freitagabend mit der Autorin Ruth Schweikert, dem Verleger Dirk Vaihinger und dem Kritiker Roman Bucheli kommen allein 250 Zukunftsinteressierte ins Landhaus. Eine lange, übermütige Nacht folgt in der Kulturfabrik Kofmehl, wo Mundartlern wie Viktor Vögeli (Gürbetal) oder Alex Gendlin (Wien) ein hauptprobe-freier Auftritt gewährt wird. Sehr glücklich können die OrganisatorInnen der diesjährigen Literaturtage damit sein, dass die mehrsprachigen «Tandem-Lesungen» breiten Anklang finden: Hugo Loetscher setzt sich neben die Kroatin Dubravka Ugresic ans Lesepult, Getrud Leutenegger neben den Büchner-PreisträgerJosef Winkler, Alberto Nessi neben die kämpferische argentinisch-italienische Autorin Laura Pariani. Am Samstag sind nicht nur die Landhaussäle mit Lesungen der frisch publizierten Lorenz Langenegger und Katharina Tanner, auch ist das Dunkelzelt im Kreuzackerpark voll ausgelastet. Ann Cotten mit den Fremdwörterbuchsonetten, Klaus Merz mit dem schlafenden Jakob und eine Klimalare p m forschung betreibende e Ex 6 A Nora Gomringer lesen 500 r Flye / n in völliger Dunkelheit, e t Kar während das Publikum an der Dunkelbar nach dem Eisteeglas tastet. Am Abend sorgen «Bern ist überall, partout» im Kreuz-Saal für ein Literaturerlebnis aus schweizerdeutschem

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Französisch und französischem Schweizerdeutsch, das auch der Solothurner Botschafter für nachhaltiges Denken, Peter Bichsel, sichtlich geniesst. Am Sonntag Nachmittag schliesslich ist auch der Klosterplatz bis auf den letzten Pflasterstein bestanden. Belohnt wird die Zuhörerschaft etwa mit dem Studer-Ganz-Preisträger Roman Graf, der wortverspielten Birgit Kempker oder mit der Genferin Bessa Myftiu, die mit ihrer Geschichte, in der der Satz «Ils m’ont enlevé le droit de m’exprimer, mais pas le droit de penser» vorkommt, begeistert und nach minutenlangen Ovationen sichtlich gerührt eine Zugabe liest. Zitate aus dem Gästebuch: Jürg Laederach: «Ins Gästebuch darf ich nicht schreiben, denn ich fühle mich an den Solothurner Literaturtagen so wohl beheimatet, dass es falsch wäre zu behaupten, ich sei ein Gast.»

Franz Hohler: «Had I the choice, I would not leave.» Nicolas Couchepin: «Tous ces écrivains, toute cette amitié, cela nous encourage, merci!» Michael Stauffer: «Oft genug sage ich Gott sei Dank, wenn etwas vorbei ist. Dieses Mal nun sage ich: Schade, schade.» Literaturtage Solothurn. Wenn man sich auf dieses Festival freut, freut man sich nicht nur aufs ausgezeichnete Programm (Sibylle Lewitscharoff! Armin Senser!) und auf die hübschen Veranstaltungsorte samt atemberaubenden Blicken auf Gewässer, einheimische Feen und Baseltor-Don-Juans. Man freut sich auch auf die Intensität, mit der im Kreuz eben gehörte Wortwelten verhandelt werden, die besondere Stimmung, die alljährlich durch die schlichte gegenseitige Literaturwertschätzung erzeugt wird. Gymnasiallehrer passen auf die Kinder gerade lesender Autorinnen auf, Professoren mischen sich mutig unter die Schar Jungautoren, um sich das Wort Blog erklären zu lassen. Substanz, Anregung, Gastlichkeit, auch heuer wieder.

31. Solothurner Literaturtage, 22. bis 24. Mai. Info: www.literatur.ch 41


Kultur & Gesellschaft

KOLUMNE

er hat sich immer standhaft Von Peter J. Betts ■ «Er hat sich immer standhaft geweigert, einen der vielen vom Personalamt organisierten Kommunikations- oder Gesprächsführungskurse, offiziell eine Massnahme der ‹freiwilligen› Weiterbildung, zu besuchen», sagte ein mir bekannter ehemaliger Chef – nennen wir ihn P – über seinen Stellvertreter – nennen wir ihn P1. Jugendstarrsinn? Schüchternheit? Faulheit? Misstrauen? P selber besuchte fleissig und freiwillig diese «freiwilligen» Weiterbildungsangebote. Er hätte, sagte er, immer grosse Mühe gehabt, konstruktiv zusammenzuarbeiten mit den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Verwaltungseinheiten, die sich untereinander mühelos, quer über alle Fachgebiete hinweg zu verstehen, abzusprechen oder zu verständigen schienen – in einer durchaus vertraut klingenden Sprache, die aber für ihn während der paar Jahrzehnte seiner Tätigkeit in der Verwaltung, ein Minenfeld ihm völlig fremder Codes darstellte und unverständlich blieb. Zwei grundsätzlich verschiedene Kulturen. Auf Parallelebenen, die – theoretisch – einander nie schneiden können sollten. P, also von aussen in den Verwaltungsapparat gekommen, erlebte sich bis zum Schluss als Aussenseiter. Wie kann man als Aussenseiter in einer anscheinend (scheinbar?) homogenen Gruppe, deren Ziele unverrückbar klar festgelegt schienen, eine Botschaft einbringen, und wäre sie, wenigstens für die meisten, noch so wichtig, wären die durch sie erschliessbaren Möglichkeiten noch so nötig? P hatte sich immer vorgestellt, die verschiedenen Verwaltungseinheiten seien Teil einer grösseren Gemeinschaft und in deren Auftrag tätig. So hatte er auch sich selbst begriffen. Er hatte aber nicht begriffen, dass die einzelnen Fachgebiete völlig autonom und ausschliesslich die Interessen des Fachgebietes, genauer: seiner Vertreterinnen und Vertreter, verfolgten, und zwar als Fundamente ihres persönlichen Prestiges und Gewichtes im Machtkampf gegen die anderen. Die Codes: als Basis der Verständigung zwischen den einzelnen Kampfgruppen, damit letztlich – die Interessen der grösseren Gemeinschaft hin oder her – jede kriegführende Partei sich ihre Scheibe an Bedeutsamkeit abschneiden konnte und niemand unter den Kombattanten zu Schaden kam, blieben ihm unverständlich, weil er von anderen Voraussetzungen ausgegangen war. Der Hauptcode lautete: «Wir sprechen von der Gemeinschaft und meinen uns.» Niemand rührte an diesem Code, und die Gemeinschaft hatte davon keine Ahnung, nicht zuletzt, weil 42

sie daran glaubte, die Fachstellen handelten tatsächlich in ihrem Interesse und Auftrag. P war und blieb naiv. Gesprächs- und Kommunikationskurse würden seine Defizite kompensieren, dachte er. P glaubte an den Lernstoff der Weiterbildungskurse, und wenn das Gelernte wieder am Minenfeld scheiterte, dachte P, der nächste Kurs werde ihn weiter in Richtung gegenseitiger Verständigung führen. «Damals», so P, «hatte sich das Personalamt sozial gesinnt gegeben.» Eigentlich die ganze Verwaltung. Alle waren zum Beispiel dazu aufgefordert, auch Behinderte in ihre Arbeitseinheiten zu integrieren. Es blieb in den meisten Fällen bei der Idee: das Arbeitspensum musste bewältigt werden, und Behinderte benötigen in der Regel mehr Zeit; man hätte also mehr Personal einstellen müssen, was nicht dem jeweilig tolerierten Prestige-Stellenwert einer bestimmten Abteilung entsprochen hatte und deshalb nicht ermöglicht wurde, sonst wäre ja das labile Gleichgewicht innerhalb der gesamten Verwaltung ins Wanken geraten; ausserdem hätten die den einzelnen Abteilungen fest zugewiesenen Räumlichkeiten personellen Zuwachs nicht erlaubt. Eine schöne und richtige Idee im Grundsatz, auf dem Papier und in der öffentlichen Diskussion durchaus real. Imagefördernd. Und in den kommenden besseren Zeiten auch in Wirklichkeit realisierbar. Vorläufig galt aber das Motto: «Den guten Gründen müssen bessere weichen.» Auch das: Teil des Codes. Und heute: Gewinnmaximierung das einzige akzeptierbare Ziel. Selbst Spitäler verstehen sich ausschliesslich als «Profit Units». Lücken aus früheren Zeiten zu schliessen, lohne sich nicht und stünde im Widerspruch zu den neuesten - Erkenntnissen. Die Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Verwaltungseinheiten waren nett zu P, lachten ihn nicht aus, waren sogar mütterlich oder väterlich zu ihm: P stellte für sie keine Bedrohung dar. Kein Michael Kohlhaas. Übrigens, glaube ich, hat George Orwell in «Animal Farm» P porträtiert, und zwar in der Figur des Pferdes «Boxer». Man lese die erschütternde Szene nach, in der Boxer meint, im Transportfahrzeug des Pferdeschlächters auf die Weide mit saftigem Gras für altgediente Tiere geführt zu werden. P1, sagte P, sei enorm einfühlsam, belesen, das Gelesene verstehend. Jedes Buch habe ihm Welten erschlossen. Noch heute schreibe er eindrückliche Besprechungen über anscheinend wenig zugängliche Werke. In der heutigen Zeitungslandschaft finde er aber immer weniger Möglichkeiten, die Texte unterzubringen.

Aber diese Form der Auseinandersetzung mit Literatur ermögliche P1, nach wie vor - unangefochten seine Funktion in der Abteilung zu erfüllen. «Er hat sich immer standhaft geweigert, einen der vielen vom Personalamt organisierten Kommunikationsoder Gesprächsführungskurse zu besuchen. Er hat das Wort ‹freiwillig› ernst genommen. Im Gegensatz zu allen übrigen, die in stiller Übereinkunft das Wort so verstehen, wie es gemäss Code gemeint ist.» Jugendstarrsinn? Schüchternheit? Faulheit? Misstrauen? Stoisch ertrage er auch heute noch sein Image als verschlossener, wenig kommunikativer Funktionär. Vor ein paar Tagen sass ich auf der kleinen Schanze, nicht in Strassburg, sondern beim Denkmal für Oskar Bider. Die Bronzefigur hat Grünspan angesetzt, die Schrift auf dem Sockel ist kaum mehr entzifferbar. Sie erinnern sich: Tuchhändlersohn, der hätte Landwirt werden wollen; vom Absturz des 23-jährigen Chavez über Domodossola nach der Alpenüberquerung zur Fliegerei hingezogen; Schweizerisches Pilotenbrevet Nr. 32; Flugpionier mit einigen Erstflügen und Rekorden; Alpenüberquerung Bern – Domodossola – Mailand; erster Alpen-Flug mit Passagier (Warum lässt Kuoni nach dem phantastischen Geschäftsjahresabschluss 2008 nicht hier wenigstens die Denkmalinschrift restaurieren?); tödlicher Unfall in Dübendorf, was einen nationalen Trauertag auslöst; usw. Ich sitze also lesend vor dem Bider-Denkmal, freie Sicht auf die Alpen, und schlagartig wird mir vor Augen geführt, warum P1 keine Kommunikations- und Gesprächskurse besucht hat: Ein leger und zugleich adrett gekleideter jüngerer Mann, gestikulierend und redend, fliegenden Schrittes in Begleitung einer jüngeren Frau, verdeckt mir die Aussicht auf die Alpen. Archaisches Rollenspiel, aktualisiert? Was er ausgerechnet unmittelbar vor mir zur fasziniert lauschenden Dame sagt: «Ich habe in der Gruppe wertschätzenden Austausch installiert.» Ein forscher Kommunikationsberater: Offensichtlich bar jeglicher Selbstzweifel, fraglos dem Fortschritt verpflichtet – ohne Rücksicht auf Verluste. Der wird kaum je abstürzen, weder über Domodossola noch über Dübendorf. «Wertschätzender Austausch», hat er gesagt. Und den hat er «installiert». Nein, P1 hat sich nicht aus Jugendstarrsinn, Schüchternheit, Faulheit, Misstrauen standhaft geweigert, je einen Gesprächsführungsoder Kommunikationskurs zu besuchen. Aus Weisheit hat er es getan!

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Kultur & Gesellschaft

SCHICKSAL

alles zufall oder was? Von Bettina Hersberger Bild: Bettina Hersberger ■ Wenn Sie diesen Beitrag zu Ende gelesen haben, kopieren Sie ihn sieben Mal und senden ihn an sieben Leute innerhalb von sieben Tagen. Danach werden Sie innerhalb von sieben Stunden ihre grosse Liebe finden. Wenn Sie die schon haben, dann klappt es endlich mit dem grossen Geld. Wehe aber, Sie tun es nicht: Dann wird Sie das Pech sieben Jahre lang verfolgen. Wer kennt sie nicht, diese verflixten Nachrichten. Was bringt vernünftige Menschen dazu, sie zu verbreiten? Ist es die leise Angst, die negative Prophezeiung könne sich bewahrheiten? Oder vielleicht die heimliche Hoffnung, das verheissene Glück könne ihnen zuteilwerden? Der Verstand protestiert, aber irgendwo im Verborgenen liegt doch so etwas wie eine mystische Ader in ihnen. Und schliesslich sagen sie sich: Nützt es nichts, so schadet es nichts. Aberglaube gab es schon im Mittelalter, und auch heute gibt es ihn, nur anders. Heute erscheint er uns oft im Tarnkleid, so dass wir ihn nicht erkennen. Wir stossen an mit einem Bier, einem Wein (aber bloss nicht über Kreuz, das bringt Unglück!) ohne zu wissen, warum wir das tun. Das beschwingte Anstossen haben uns unsere Vorfahren überliefert. Sie waren überzeugt davon, dass klirrendes Glas Dämonen vertreibe. Ebenso verhält es sich mit dem Daumendrücken: Der Daumen galt einst als stärkster Finger. Wenn man ihn einklemmte unter den restlichen vier Fingern, so war er davor geschützt, von Dämonen besetzt zu werden. Als Glaube neben dem wahren Glauben besitzt er viele verschiedene Gewänder, der Aberglaube. Er behauptet, es bringe Unglück, wenn ein Bräutigam die Braut vor der Trauung im Brautkleid sieht. Eine schwarze Katze, die einem von links nach rechts über den Weg läuft, verheisse auch nichts Gutes. Streng Abergläubische beginnen einen guten Tag stets, indem sie mit dem rechten Bein aufstehen. Manche Menschen wünschen sich etwas, wenn sie eine Sternschnuppe sehen, andere treffen keine Entscheidung, ohne vorher ihre Tarot-Karten zu Rate gezogen zu haben. Den Tag soll man auf keinen Fall vor dem Abend loben, sonst hilft nur noch Holz anfassen. ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

Besonders an einem Freitag, den 13., fühlen sich Abergläubische von allen guten Geistern verlassen. Manche trauen sich nicht aus dem Haus, andere nicht mal aus dem Bett. Die Zahl der Krankmeldungen am Arbeitsplatz steigt an diesen Tagen beträchtlich. Autos bleiben in der Garage stehen. Vertragsabschlüsse werden vertagt. Paraskavedekatriaphobie lautet die Formel, die dieses Phänomen bezeichnet: Die ausgewachsene Angst vor Freitag, dem 13. Es ist aber nicht nur der Freitag mit der 13. Schon alleine die Zahl 13 reicht aus, um Abergläubische in Panik zu versetzen. In manchem Hotel findet sich deshalb kein Zimmer mit der Nummer 13, in manchem Flugzeug fehlt die Sitzreihe mit der unglückseligen Zahl - ein Hinweis, wie weit verbreitet Aberglaube in unserer Gesellschaft ist. Auch in Japan ist die Primzahl 13 abergläubisch besetzt, jedoch gilt sie dort als Glückszahl. Zufall, Schicksal, ein übergeordneter Plan, ein kosmisches Programm? Oder sind wir unseres Glückes eigene Schmiede? Gläubige, Abergläubische, Skeptiker – wer weiss, wie das Leben funktioniert? Der Mensch hat den unstillbaren Drang, das Leben zu kontrollieren, Ereignisse gewissen Mustern zuzuordnen. Gelingt dies nicht, so heisst es oft, es habe wohl einfach so sein müssen. Möglicherweise geschehen Dinge, weil sie so geschehen sollen. Darüber hinaus aber eignet sich dieser Satz nur allzu gut, um sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Zu spät zur Arbeit gekommen? Das musste wohl so sein, sonst wäre vielleicht unterwegs etwas Schlimmes passiert. Riten, Bräuche, Kulte, Glücksbringer, Orakel, Zeichen oder Horoskope: Hilfsmittel, um dem Zufall ein Schnippchen zu schlagen, das Schicksal zu beeinflussen - entstanden aus dem Wunsch, das Leben nicht zufällig zu erleben. Die einen leben in und aus der Überzeugung heraus, dass Dinge zwischen Himmel und Erde geschehen, die man nicht erklären kann. Man kann sie glauben. Oder nicht. Skeptiker schütteln da nur ungläubig den Kopf. Ob es der Aberglaube manchmal so weit treibt, ein 13. Montagsgehalt abzulehnen?

Immer mehr Menschen wollen ein ensuite-Abo. Warum wohl?

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Kultur & Gesellschaft

SENIOREN IM WEB Von Willy Vogelsang, Senior ■ Lesen Sie die Tageszeitung, die Sie abonniert haben? Oder überfliegen Sie nur die Schlagzeilen? Nehmen Sie sich Zeit oder nur 15 Minuten während der Bahnfahrt zur Arbeit? Wie stillen Sie Ihren Hunger – oder Ihren Bedarf? - nach Information? Mit einem 6-Gang-Menu auf reich gedecktem Tisch oder an der Stehbar in einer Fast-Food-Bude? Es scheint mir, dass der Grossteil der arbeitenden Generation sich die anschwellende Flut von Nachrichten – bezeichnenderweise NEWS genannt – nur noch in Häppchen aufschnappt und gleich wieder vergisst. Morgen sind schon die nächsten zu verdauen. Das Tagesgespräch ist im wörtlichen Sinn nur einen Tag lang aktuell. Haben Sie sich nicht auch schon vorgenommen, nach der Pensionierung dieses und jenes anzupacken, für das einfach die Zeit zu einer vertieften Auseinandersetzung oder einer gründlichen Verarbeitung bisher gefehlt hat? Und? Haben Sie sich die Zeit jetzt genommen, geplant, in der Agenda ausgespart? Während die einen ungebremst in neue Aufgaben und Funktionen schlittern, beziehungsweise gewählt oder gedrängt werden, drohen anderen die Leere und der unstrukturierte Alltag zur Last zu fallen. In beiden Fällen ist es hilfreich, sich den Menuplan sorgfältig zusammenzustellen. Das gilt übrigens auch in Bezug auf die Ernährung. Weniger Quantität ist oft mehr Qualität, in allen Bereichen. Was hat dies mit dem Internet zu tun? Gerade weil es eine Überfülle an Angeboten, Informationen, Zugängen und Kommunikationsmöglichkeiten anbietet, zwingt es uns, auszuwählen, einzuschränken. So könnten Sie sich fragen: Was hilft mir, meinen Alltag, meine Arbeit, mein Hobby zu vereinfachen, zu ordnen, interessanter zu gestalten, meine Kenntnisse zu erweitern und zu vertiefen, Kontakte anzuknüpfen und zu pflegen und nicht zuletzt, Neues zu lernen und zu entdecken? Seniorweb.ch bietet dazu einen Zugang, von Senioren für Senioren gemacht. Finden Sie auf der Startseite Ihre Themen, Dienste, Angebote oder Kontaktmöglichkeiten. Wenn Sie sich (kostenlos) registrieren, können Sie ausserdem in den Foren Diskussionsbeiträge verfassen, Fragen an die Experten stellen, Artikel kommentieren. Unterstützen Sie die Webseite als Gönner (Premium-Mitglied) oder gar mit freiwilliger Mitarbeit. Steigen Sie ein; bleiben Sie dran! www.seniorweb.ch

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REISEN

alles bahnhof Von Rebecca Panian - ...oder warum ich nicht gerne im Zug fahre ■ Ich fahre nicht gerne Zug. Das Warum ist schnell erklärt: Man sitzt da, eingepfercht zwischen fremden Menschen. Vom natürlich eingeforderten Sicherheitsabstand von circa einem Meter weit und breit keine Spur und damit vergleichbar unangenehm wie Fahrstuhlfahren. Ich könnte noch viele Gründe anbringen, die meines Erachtens gegen das Zugfahren sprechen. Aber genug der hohlen Worte, wie wohl so viele meiner zugfreundlichen Freunde sagen würden. «Du fährst ja gar nie Zug, woher willst du es also wissen.» «Einspruch», sage ich. «Ich bin gefahren und zwar eben erst nach Luzern.» Ich wollte dem drohenden Feierabendstau entgehen und ausserdem dachte ich mir, dass ich bei dieser Gelegenheit auch gleich meine festgefahrene Meinung überprüfen könnte – vielleicht tat ich der SBB und ihren treuen Anhängern ja wirklich Unrecht?! So setzte ich mich in den Zug… Manchmal… Die Hinfahrt ging ja eigentlich noch. Ich hörte in Ruhe Musik und genoss entspannt und (fast) ungestört den Anblick des vorbeifliegenden Zugersees. Wunderschön, das gebe ich hier gerne zu. Sogar schriftlich. Aber dann kam die Rückfahrt: 22.35 Uhr, von Luzern nach Zürich. Ich setzte mich zu einer Dame in Schwarz. Sie sass ruhig da und weckte in mir die Hoffnung auf eine ungestörte Fahrt. Doch weit gefehlt. Kaum gesetzt, erhielt sie einen Anruf (wohl von einer Freundin) und referierte bis kurz vor Einfahrt Zürich über das Beziehungsdrama einer anderen Freundin. Der Ehemann der Freundin - also nicht die am anderen Ende der Leitung, sondern die andere - hatte wohl die Frechheit besessen, sogar während der gemeinsamen Paartherapie eine Affäre zu haben. Ich wollte nicht zuhören. Aber ich konnte gar nicht anders. So ging das, bis ich einnickte - vermutlich aus lauter Verzweiflung. Dann endlich, die befreiende Durchsage: «Zürich Hauptbahnhof – Endstation.» …bestätigen sich… Halb eins in der Früh. Mir graute schon zu Beginn meiner Zugreise vor der nächtlichen Ankunft im Zürcher Hauptbahnhof. Für alle Fälle hatte ich mein Teppichmesser eingepackt. Ja wirklich. Vielleicht bin ich übersensibel und übervorsichtig, aber wie sonst sollte ich mich im Notfall wehren können? Spätestens seit einem Übergriff in

Kuba war mir wieder klar, dass ich als Frau ziemlich sicher den Kürzeren ziehen würde, wenn es denn hart auf hart kommen würde. Schon allein der wohlige Griff um das längliche Messer verlieh mir eine gewisse Sicherheit, mit der es sich besser durch die nahezu leere Bahnhofshalle gehen liess. Und was soll ich sagen? Tatsächlich näherte sich ein junger Bursche mit Baseballmütze und einem unverschämt selbstsicheren Grinsen. Meine Hand umklammerte den Cutter. Würde mir jemand zu Hilfe eilen, wenn sich dieser Halbstarke etwas erlauben würde? Vermutlich nicht. Ich beschränkte mich fürs Erste darauf, mir den «Um-einen-Kopf-Kürzeren» mit meinem alles bezwingenden «Bleib-mir-bloss-vomHals»-Blick vom Leib zu halten. Es wirkte – zum Glück. Mein Puls raste. Meinen Messergriff löste ich nur zögerlich. …leider auch… Dann direkt die nächste Pleite: Auf der grossen Anzeigetafel stand neben «meinem» Zug der Vermerk «mit Zuschlag». Auch das noch. Grandios. Und wo krieg ich den her oder besser, wo muss ich ihn bezahlen? Fleissige Zugfahrer werden an dieser Stelle wohl ihre Augen verdrehen. Aber ein Bahnlaie wie ich es bin ist in einem solchen Moment aufgeschmissen. An dieser Stelle ein kleiner Hinweis an die SBB: Wenn ihr schon einen solch bescheuerten «Nacht-Zuschlag» verrechnen wollt, dann bitte seid zumindest so gut und sorgt dafür, dass man nicht stundenlang suchen muss, bis man die entsprechende Taste findet, ok? Denn der Code, den man dafür eingeben muss (*162, wenn ich mich recht erinnere), steht irgendwo im unteren Bereich des Automaten geschrieben, auf einem Minitäfelchen. Ich möchte hier das Wort «versteckt» vermeiden. …einige Vorurteile. Im Zug nach Winterthur versuchte ich die Fahrgäste in den Abteilen genau zu mustern. Gefahr oder nicht Gefahr? In einem vermeintlich «sicheren» Abteil nahm ich schliesslich Platz. Sicher deswegen, weil dort zwei normal wirkende Mädels und ein Typ im Anzug sassen. Er las in einer Zeitung und die Mädels quatschten. Also keine offensichtlich Verrückten oder Betrunkenen oder Vieltelefonierenden anwesend. Aber aufgepasst: What you see is not always what you get. So auch in diesem Fall. Denn kaum hatte der Zug einige ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09


Kultur & Gesellschaft KOLUMNE

getrübte wässerchen Von Isabelle Haklar hundert Meter seiner Strecke zurückgelegt, führte der seriös wirkende Anzugtyp mir gegenüber plötzlich ganz langsam seinen ausgestreckten, ziemlich langen Finger in Richtung Nase. Meine Augen folgten seiner Hand. Ich dachte noch bei mir: Der wird doch jetzt nicht etwa… aber bevor ich meinen Gedanken zu Ende denken konnte, steckte sein Finger auch schon in seinem übergrossen rechten Nasenloch. Er bohrte und bohrte und drehte und grübelte. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Glauben Sie mir, ich habe es versucht. Und dann, es kann kaum schlimmer kommen, wanderte der Bohrfinger einige Zentimeter runter in Richtung Mund. Dieser öffnete sich bereitwillig und lud den Bohrfinger dazu ein, seine herrliche Fracht abzuladen. Eigentlich bewunderte ich ihn auf angeekelte Art und Weise für seine Unverfrorenheit. Nichts hielt ihn davon ab, sich bei seinem Ritual stören zu lassen. Übrigens, er tat es mehrfach... Das Schlimmste aber war, dass ich plötzlich lachen musste, wohl vor lauter Ekel und Erstaunen. Und ich konnte nicht mehr aufhören damit. Gewundert hat mich eigentlich in dem Augenblick, dass mich keiner meiner Mitreisenden schräg anschaute. Anscheinend herrscht während einer nächtlichen Zugfahrt Narrenfreiheit. Keiner beachtet den anderen. Als ich nach Hause kam, war ich vollkommen gerädert. Dabei wollte ich doch nur dem Stau entfliehen! Das hab ich nun davon: Das auf immer und ewig in mein Gedächtnis eingebrannte Bild eines Extremnasenbohrers und den Hang zum Waffentragen. Danke dafür, liebe SBB.

LESEZEIT Von Gabriela Wild ■ Ich bin so wild auf deinen Erdbeermund, schmachtete der französische Dichter Francois Villon Mitte des 15. Jahrhunderts nach seiner Geliebten und brachte so die verführerische Süsse dieser bereits in der Steinzeit bekannten Frucht poetisch auf den Punkt. In der Antike priesen Vergil, Ovid und Plinius die Waldbeere als die Königin der Beerenobst-Arten, und es ist wohl kaum Zufall, dass die Erdbeere der germanischen Fruchtbarkeitsgöttin Freya geweiht wurde. So vermählt sich denn in diesem Saison-Joghurt Erdbeer-Melisse die wild-aromatische Süsse der Erdbeere aufs Köstlichste mit der bitter-frischen Würze der Zitronenmelisse zu einem sublim-erotischen Frühlingsgenuss. Lesen ist überall. Diesen Frühling sogar auf den Saison-Joghurts von Migros. So erfährt man den Becher auslöffelnd, dass der Holunder zu den Geissblattgewächsen gehört und für viele Völker als Wohnsitz beschützender Hausgötter galt. Schon ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

■ «Einen Eistee, bitte», ist fast jedem Ober etwas zu wenig an Information, nicht Anlass genug, sich in Richtung Küche zu bewegen. Denn heutzutage trinkt man den Eistee mit Roibusch oder Minze verfeinert. Es kann aber auch gut sein, dass die «Beiz» überhaupt keinen Eistee führt, da dieser bereits von Kombucha, Gazosa & Co verdrängt wurde. Hat man aber Glück, bekommt man, nebst den winzigen 3,3dl «firefly»-Getränken zu je 6.80, einen Eistee; man ist dann jedoch der einzige «Bünzli» weit und breit, der dieses ausrangierte Getränk schlürft. Denn was ist schon das Spezielle an Eistee, wenn man «firefly» mit Kräutern aus London, in den Geschmacksrichtungen «Blackcurren, Redcurrant & Cinnamon» oder «Grapefruit, Passionsfrucht & Herbal Maté» haben kann? Und Eistee regt weder die Darmflora an, noch verkörpert er in irgendeiner Weise auch nur den Hauch von Lifestyle. Lifestyle ist längst nicht mehr nur eine Frage der Kleidung, der Frisur oder des unternommenen Weekendtrips, mit dem man lauthals zu seiner «gefleckten Milch», sprich dem Latte Macchiato, prahlt. Lifestyle floss in die Getränke ein. Nicht nur in die Getränke der «In-Beizen» oder Bioläden, nein, mittlerweile auch in die Flaschen der Migros- oder Coopfilialen. Zig Wässerchen, die einst klar daher kamen, wurden eingefärbt und mit Aromen wie Mango-Yuzu, Citronelle-Guarana oder Pfirsich-Aloe Vera versehen. Henniez oder Aproz lockt nun auch in hellem Gelb, zartem Flieder oder lieblichem Hellrosa. Gesund sollen sie sein, alle, harmonisierend, belebend, für strahlenden Genuss, für ein sanftes

Vergnügen sorgen. Was für die alten Griechen und Ägypter 400 Jahre vor Christus an Kräutern und Pflanzen gut war, wird heute zur gezielten Aktivierung der natürlichen Regelkreise des menschlichen Körpers eingesetzt. Lifestyle sei Dank! Wie tranken wir uns eigentlich vor der Geburt all dieser getrübten Wässerchen gesund? Hm, ich nehme an, beispielsweise mit Lindenblütentee, der leider auch kaum noch in Restaurants angeboten wird, da ihm die Leichtigkeit der Verveine den Rang ablief. Gesund und bewusst, das ist heute angesagt. Doch wie gesund ist die Zigarette zum LifestylePower-Getränk oder das ausgestossene Kerosin des Fluges vergangenen Wochenendes nach Berlin für die Umwelt? Gedanken, die man sich beim gemütlichen Beisammensein am Samstagmorgen nach der Märit-Tour oder dem Einkauf bei Vatter nicht macht. Denn solche Gedanken harmonieren nicht mit dem Eindruck, die eine zu 100 Prozent abbaubare Papiertüte gepaart mit den Blumen vom Biobauern vermitteln. Nun gut, ich gebe zu, auch ich flog schon für ein Wochenende nach Wien, rauche Zigaretten oder habe die Hollunderbionade lieb gewonnen. Doch ziehe ich nach wie vor eine «Schale» dem Latte Macchiato vor und fahre immer noch gerne mit dem Zug – auch lange Strecken, die man bequem mit Easyjet zurücklegen könnte. Und auch wenn die Verveine sich in den Restaurants längst schon etabliert hat, wird der Lindenblütentee immer einen Platz in meinem Küchenschrank haben.

in der Antike galt er als wichtige Arznei und ist noch heute eines der bekanntesten Volksheilmittel. Weshalb gewisse Migros-Produkte demnächst in die Grundversicherungen der Krankenkasse aufgenommen werden. Unter anderem auch der Actilife-Wildberry-Riegel. Die im Actilife Wildberry verwendete Polydexterose (Lightesse®) zeichnet sich durch einen niedrigen Kalorienwert und durch ihre prebiotische Eigenschaft aus. Lightesse® gelangt unverdaut in den Enddarm und entfaltet dort seine gesundheitsfördernde Wirkung: Nahrungsgrundlage und Wachstumsförderung der darmeigenen Bifidobakterien und Lactobazillen. Auf diese Weise trägt Actilife Wildberry zum täglichen Wohlbefinden bei. Dazu gehört unbedingt ein Tässchen AyurvedaTee, Ingwer–Zitrone. Ayurveda ist, laut Migros, eine ganzheitliche Tradition aus dem alten Indien, die die Notwendigkeit erkennt, Körper, Geist und Seele in Harmonie zu bringen. Ayurveda lehrt, dass unsere physischen, geistigen und emotionalen Körper von den sechs Geschmacksrichtungen süss, sauer, salzig, bitter, scharf und zusammenziehend beeinflusst werden. Der scharfe Geschmack von Ingwer hat eine wärmende, anregende Wirkung auf den Körper.

Der saure Geschmack der Zitrone belebt den Geist und schafft ein Gefühl der Leichtigkeit. Die hochstehenden Lebensweisheiten auf jedem einzelnen Teebeutelchen erheitern den emotionalen Körper und regen die Verdauung des physischen Körpers an, wenn der Geist «So ein Bullshit» denkt: «Deine Intuition weiss alles – Der Kopf muss sich vor dem Herz verneigen – Der Anker des Lebens ist Liebe & Mitgefühl. - Liebe den Geist. Nur von ihm erfährst du deine Seelenwünsche. – Meditation führt uns durch Zeiten der Not.» Also: Wer beim Anstehen an der Migros-Kasse nicht in eine zen-tiefe Meditation verfällt und sich über die langsame Kundin ärgert, die jedes Münzstück umständlich aus dem Portemonnaie klaubt, der hat seinen Anker im Leben noch nicht richtig ausgeworfen. Möglicherweise ist es aber auch einfach Zeit, wiedermal ein anständiges Buch zu lesen. Zum Beispiel «Apostoloff» von Sybille Lewitscharoff, worauf sich die Schreiberin nach dem Beenden dieser Zeilen stürzen wird. Selbstverständlich wird sie in der nächsten Lesezeit pflichtbewusst über die neu gewonnene Leseerfahrung berichten. Lewitscharoff, Sybille: Apostoloff. Roman. Suhrkamp, 2009.

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Kultur & Gesellschaft

KULTUR-PUBLIREPORTAGE

il zabaione musicale Von Matthias Heep Bild: zVg. ■ Hinter diesem Titel, den Adriano Banchieri einem seiner zahlreichen Madrigalzyklen gab, verbirgt sich nicht nur ein angenehmer Ohrenschmaus in Form eines reichhaltigen musikalischen DessertBuffets. Banchieri gibt auch die inhaltliche Richtung vor: Seine Musik spricht direkt an, und man kann sie geniessen, ohne erst eine Einführung dazu lesen zu müssen. Aber in den vollen Genuss seiner musikalischen Köstlichkeiten kommt man erst, wenn man sich auf die zweite Ebene einlässt: Ein geistreiches Geflecht von Anspielungen auf andere, meistens ältere und durchaus ehrwürdige Musik verbindet alle Stücke unseres Programms. Wobei nicht überhört werden sollte, dass auch eine

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unterhaltsame Parodie wie Richard Genées dadaistische Belcanto-Opernszene ÐInsalata ItalianaÐ eine ehrlich gemeinte Verbeugung vor einer grossen Tradition ist. Dienstag 19. Mai 2009 Mittwoch 20. Mai 2009 Französische Kirche Bern 20:00 h Tenor: Martin Hostettler Pianist: Armin Waschke Leitung: Matthias Heep Stimmbildung: Ursula Maria Meier Assistenz: Maria Mollica Korrepetition: Armin Waschke

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ensuite - kulturmagazin Nr. 77 | Mai 09

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Ausgabe Bern Versicherungslücke im Tanz Literaturfestival Solothurn Cantautore Vinicio Capossela Seite 12 k u l t u r m a g a z i nkulturmag...