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A U S S E R H A L B

V O N

B E R N

HELEN LAGGER

Bild: zVg.

I b e l i e v e   i n   a n g e l s

● Einmal erzählte mir eine phantasiebegabte Modedesignerin aus Italien, dass sich eines Morgens in ihrem Kaffeelöffel ein Gesicht gespiegelt habe. Schön und androgyn sei es gewesen und sie war sich sicher, dass es sich um ihren ganz persönlichen Schutzengel handeln musste, der da direkt hinter ihr stand. Sich zu drehen habe sie sich nicht gewagt, denn sonst hätte sich das Wesen bestimmt in Luft aufgelöst. Sie erzählte das so wunderbar, dass ich ihr gerne glaubte. Überall auf der Welt glauben Menschen an Engel und sie spielen in etlichen Filmen eine wichtige Rolle. Das Filmmuseum Berlin hat den schönen Flügelwesen eine Ausstellung gewidmet. Schirmherr ist der Filmemacher Wim Wenders. Sein „Der Himmel über Berlin“ mit Bruno Ganz ist wohl einer der berühmtesten Engelfilme überhaupt. Besucher der Ausstellung verstummen beim Betreten des Raumes andächtig und lauschen erst einmal den mysteriösen Klängen. Sphärische Töne machen klar, dass man sich in überirdischen Gefilden befindet. Das hellblaue, gedämpfte Neon-

licht verstärkt diesen Effekt noch. Eine Video-Klanginstallation zieht den Besucher magisch an. Wolkenformationen und Schattenrisse tanzen über die Leinwand und verändern sich in einem ständigen Spiel. Es gibt sechs verschiedene Engeltypen, die oft in Filmen vorkommen: Gefährten, Boten, Gefallene, Krieger, Beschützer und Liebende. Jeder dieser Typen wird in der Ausstellung anhand von Filmausschnitten vorgestellt. So werden die unterschiedlichen Rollen und Funktionen der Filmengel offensichtlich. Im selben Raum zeigt eine Zeitleiste wie sich die Engel durch die Jahre entwikkelt haben: Von Charlie Chaplins „The Kid“ aus dem Jahre 1921 bis hin zu Filmen der letzten Jahre wie „City of Angels“ mit Nicolas Cage. Auf einer Leinwand kann der Besucher Ausschnitte dieser Filme verfolgen. Die Phantasie der Filmemacher kennt keine Grenzen und ihre Vorstellungen der Engel könnten unterschiedlicher nicht sein. Charlie Chaplin mit den weissen Federflügeln und seinem ebenfalls Flügel tragenden Hund, die bezaubernde Romy Schnei-

der als Stewardess in „Ein Engel auf Erden, Bruno Ganz mit Brustpanzer in „Der Himmel über Berlin“, Emanuelle Béart mit Riesenschwingen, Nicolas Cage in dunklem Anzug und natürlich auch Nachthemden tragende Wesen, die an Engel in Schultheatern erinnern. Etliche Stars hatten und haben immer noch das Vergnügen Engel zu spielen. Vereinzelte Kostüme von berühmten Lichtgestalten kann man in der Ausstellung hinter Glas betrachten. So zum Beispiel ein Filmkostüm das Heike Makatsch in “Ein göttlicher Job“ getragen hat: Kein wallendes Gewand, sondern sexy Stiefel und ein Umhang aus blauen Marabu-Federn machten die einstige Bravo-Göre zum Engel. Lustig sind wiederkehrende Vorstellungen: der Himmel als Behörde, in der es viel Administratives zu erledigen gibt. Oft tauchen Engel in Form von Begegnungen (Barbarella trifft schönen Flügelmann) oder als Begleiter der Protagonisten auf. Und in Wim Wenders Film „In weiter Ferne so nah“: „Ihr seht uns nicht. Ihr wähnt uns in weiter Ferne, doch sind wir so nahe. Wir sind Boten, die Nähe zu tragen zu denen in der Ferne. Wir sind Boten, das Licht zu tragen zu denen im Dunkeln...“ Also erschreckt nicht, wenn euch eines Morgens ein schönes Gesicht aus eurem Kaffelöffel anschaut- es ist bloss ein Engel. Es gibt sie. Ausstellung „Flügelschlag-Engel im Film“ bis 12. April 2004 im Filmmuseum am Potsdamer Platz in Berlin

Also erschreckt nicht, wenn euch eines Morgens ein schönes Gesicht aus eurem Kaffelöffel anschaut – es ist bloss ein Engel. Es gibt sie.

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k u l t u r m a g a z i n ausgabe nr. 1 | januar 2004 ● zum ende von bee-flat ● von möwen und menschen ● von menschen und medien ● i believe...