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august 2005 | 3. jahrgang

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kultur: ein jahr progr_zentrum f端r kulturproduktion

mein name ist eugen! musik: von murten classics zu marilyn manson NEU: artensuite


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Unverbraucht.

Lange Erfahrung sch채rft den Blick. Die NZZ schildert Ihnen in unverbrauchter, pointierter Sprache jeden Tag neu, was in Politik und Wirtschaft, in Kultur und Forschung wirklich vor sich geht. Jetzt sogar 5 Wochen lang kostenlos: Tel. 01/258 15 30 oder www.nzz.ch/probeabo-nzz


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KULTUR&GESELLSCHAFT der progr: ein treibhaus 6/ 45 ich schutte also bin ich 10 der behelmte mann: kriegserfahrungen 13

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LITERATUR kurt aebli, thomas lang und eva menasse 11 letzte lustseite 32

MUSIK

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Titelseite und rechts: Mein Name ist Eugen: Ein Boot bricht durch die Decke der Familie Wrigley (Patrick Frey, Sabina Schneebeli, Janic Halioua)

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Vor allem... ■ ...möchte ich alle LeserInnen nach unserer Sommerpause wieder ganz herzlich begrüssen. Eigentlich hätte diese Nummer gar ein 72-Seiten-Heft werden sollen, doch in Bern ist im August nichts los - das mussten wir in letzter Sekunde feststellen und bauten das gesamte Heft wieder um. Redaktionell sind wir gut bestückt und es fehlt uns nicht an Material: Über 20 RedaktorInnen schreiben unterdessen monatlich für ensuite – und es werden immer mehr. Die Kehrseite ist auch klar: Wir müssen bis Ende Jahr 40‘000 Franken zusätzlich auftreiben. Das fordert, gibt uns aber auch ein klares Ziel und Vision vor. (Helfen sie mit: Bestellen sie doch jetzt schnell das Abonnement… www.ensuite.ch oder 031 318 60 50). In unserem kurzen Ferien-Unterbruch hatten wir Zeit zum Denken und Basteln. Da ist eine Idee gezüchtet worden, die wir in dieser Ausgabe vorstellen möchten und natürlich Euer Feedback erwarten: artensuite. Eine Art «Feedback» ware zum Beispiel in Form eines Abos… Ansonsten beruht die grosse Kinolastigkeit dieser Ausgabe auf der Tatsache, dass wieder gute Schweizer Filme in die Kinos kommen und natürlich auch, dass die SchauspielerInnen und Veranstalter der Berner Bühnen auf der faulen Sommerhaut rumliegen. Apropos Kino: Wir haben – nach dem Ergebnis der erfolgreichen «Rhytm is it» -Vorpremiere – wieder eine solche für Bern erhalten: Angry Monk (seite 14) – eben von einem Schweizer Filmemacher. Und dies gerade jetzt, wo der Tibet und Dalai Lama in aller Munde ist. Dass «Mein Name ist Eugen» ebenfalls in die Kinos kommt, freut mich ungemein und erinnert mich an meine Physik- und Chemiestunden in der Sekundarschule. Ich weiss mehr über Eugen, als über Newton oder chemische Prozesse. Hätte man eine Eugen-Prüfung absolvieren können, so wären unsere Klassen einsame Spitzen gewesen. Ich kann auch nicht sagen, dass ich in diesen Vorlese-Schulstunden überlebenswichtiges verpasst hätte. Im Gegenteil: Der eugensche Humor hat in meinem Leben wohl mehr Spuren hinterlassen und meinem «Kind-in-mir» das Lächeln gelassen. Und in diesen Gedanken wünsche ich einen schönen August und drehe meine Vegi-Grillwurst auf die andere Seite.

Lukas Vogelsang

sommerfestspiele murten classics 22 cd-tipps 23 marilyn manson in avenches 24 sommerfoyer - wott nur tanze 27 one chip - wo willst du hin...? 27 yoro massa – der mit den kühen tanzt 43

KINO/FILM ballernde pazifisten - dear wendy 15 mein name ist eugen 16 in my father‘s den 18 antikärper 18 the island 19 das andere kino 20

DIVERSES kulturnotizen 4 romy und delon - wiedersehen am swimmingpool 28 menschen: die freude am leben 29 stadtläufer 30 menschen & medien: was hat paul klee mit dem terror in london zu tun? / fauser cartoon 31 ensuite - Sommerspiel 47

LIFESTILE esstipp: st. gervais in biel 30

A G E N D A 32 kulturagenda bern 33 NEU:

artensuite art in bex :: bex und art 50 galerien in bern 52

museen bern/biel/thun 55 kulturagenda biel 57 NEU: kulturagenda thun 63


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K U L T U R N O T I Z E N

In eigener sache:

DIE ZEIT: BESTER ARTIKEL 2005… IM ENSUITE - KULTURMAGAZIN ■ Die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT kürte den ensuite Artikel «Mit Deep Throat & Koks im Hinterzimmer der Mafia» von Stephan Fuchs zum besten Blog-Artikel 2005. Der Porno Film Deep Throat schrieb 1972 Filmgeschichte, räumte mit den letzten Resten des Hayes-Code-Filmzensursystems auf und holte den Pornofilm aus der Illegalität in den Mainstream. Eine Heerschar ausgehungerter Männer und Frauen strömte in die Kinos, um die neue freie Nacktheit zu sehen und einen Hauch der sexuellen Revolution mitzubekommen. Linda Boreman, die Hauptdarstellerin des Filmes, wurde später zur radikalen Sprecherin der Frauen im Pornogeschäft… als Gegnerin der Branche. Sie stand auf gegen die Bestialität, die sie jahrelang an sich erduldete. Stephan Fuchs beschrieb in seinem Artikel die Umstände hinter der Kamera: Die Mafia Familie Colombo kontrollierte die Filmproduktion. Es ging um das Geld der Paten, um Koks, um Massen- Vergewaltigung mit Waffengewalt. Die Frau starb drei Tode… überlebte Drogen, brutale Pimps in Goldketten und Prügel… nicht aber die versagenden bremsen ihres Autos. Der Artikel erschien, nach der Erst-Publikation im ensuite kulturmagazin in diversen Printmedien, unter anderem auch in Pornomagazinen und online Medien sowie auf dem Blog von Stephan Fuchs, bei oraclesyndicate.twoday.net. Die Geschichte wurde von der ZEIT nominiert und die Jury, bestehend aus Katharina Borchert, Wolfgang Harrer, Dirk Hesse, Nico Lumma und Gero von Randow (DIE ZEIT), haben sich nach zweiwöchiger Klausur für den Artikel von Stephan Fuchs entschieden. (vl)

DAS KLEINE SCHWARZE IM MALO BOLO 10 Jahre Farben klecksen, auf Kissen rumsitzen nicht rumrennen und schon gar nicht rumhüpfen. sila’s müssen sein, bei so vielen ibus... auch in einem Malo Bolo, dem Haus der kleinen und grossen Utopien. Utopien? Eigentlich nicht, abgesehen von der Namensgebung Malo Bolo, die sich anschmiegt an das grossartige kleine schwarze Buch bolo bolo des Schweizer Utopisten P.M. Jener schuf die utopische Welt, in der wir wohl nie leben werden. Die Welt in jener sich die Menschen, die ibus, in bolos zusammenschliessen und die Abmachung zwischen den ibus und der Gesamtheit der bolos eben sila heisst. Braucht es ein Malo Balo in der Welt des High-techs, des rasend schnellen Sturmes der erweckten Schreckgespenster die über die wildwüchsigen bolos hinwegfegen? Unbedingt und je länger desto dringender. Simone Eisenhut und Mauro Bruni haben die Notwendigkeit bereits vor 10 Jahren realisiert, 1999 übernahm Eisenhut die Atelierleitung und feiert dieses Jahr die Oase. Malo Bolo ist Malen und Gestalten für jedermensch. Pädagogisch und gestalterisch ausgebildetes Fachpersonal bietet klare Inhalte und Strukturen mit viel Freiraum im Atelier an. Nicht nur Knirpse gehen ins Malo Bolo, sondern auch Firmen die ein Stück Utopie Wirklichkeit werden lassen wollen, Männer und Frauen, die entdecken wollen, das kann auch durchaus therapeutischen Charakter haben. Muss aber nicht. Malo Bolo weckt die Kinder, schenkt ihnen eine wichtige Zeit und Erfahrung. Es setzt die Keimlinge für kreative, mutige und einfühlsame Menschen von morgen, Menschen die wir dringendst brauchen, die den Sturm bändigen können. Das Konzept von Eisenhut hat die Werte der gesellschaftlichen Veränderungen und Bewegungen miterlebt und ist in den vergangenen zehn Jahren nicht darin

ertrunken. Im Gegenteil, es ist Motivation immer wieder neue Wege zu suchen, neugierig und offen zu sein, sich begeistern zu lassen und zu wagen. Solange es ibus wie Simone Eisenhut gibt, besteht die filigrane Hoffnung, dass die Welt nicht vor die Hunde geht... das soll keine Utopie sein! (sf) Kontakt: Atelier Malo Bolo, Tscharnerstrasse 11, Bern. Tel: 031-371.67.68

WENN NICHT FLIEGEN DANN SCHWOFEN Dass die aufmunternde Süssstoff Bude Redbull Flügel verleiht bleibt weiterhin ein Gerücht. Wahr ist jedoch, dass sich bereits zum achten mal die Crème de la Crème der internationalen Gleitschirm- und Deltapiloten zum Bullschen Flugmeeting trifft. Jenes findet vom 18. bis 21. Juni in Villeneuve (VD) statt. Dieses Jahr wird jedoch nicht nur unter allen Umständen geflogen, sondern auch unumständlich geschwoft. Sounds aus aller Welt wollen sich jeweils am Freitag und Samstag auf dem Place de l’Ouchettaz mit internationalen Bands und Musikern am Red Air Festival treffen. Openair Liebhaber erwartet eine breite Palette von Ska, Reggae und Funk bis Ragga. Also Grund genug wenn nicht zu fliegen, dann wenigstens zu schwofen. Die Live Acts finden vom 19. bis 21. August von 19:30 bis 2:00 statt... und gibt es das noch? Der eintritt ist kostenlos. Infos: www.redbull-vertigo.com (sf)


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ALTE HASEN MIT NEUEM JOB Jüre Hofer wird neuer Kulturverantwortlicher der Kulturbeiz Bären in Münchenbuchsee. Er wird der Nachfolger von Alex von Hettingen, dem langjährigen Strippenzieher des hochwertigen Kulturprogrammes im Bären. Hofer ist Gründungsmietglied der Bären Buchsi AG und war in den letzten Jahren als ihr Verwaltungsratspräsident in beratender Form tätig. Der Kulturjournalist, Radiopionier und DJ übernimmt von seinem Vorgänger eine in Besucher- und Künstlerkreisen äusserst beliebte Bühne. Der in aller Freundschaft wegziehende von Hettlingen hat den Bären durch Qualität, Vielfalt und Konsequenz zu einem der renommiertesten Kultur- und Kultorte der Region gemacht. Dies wird auch in zukunft so bleiben: Jüre Hofer denkt nicht im Traum daran, an dem erfolgreichen konzept etwas zu ändern. auch in Zukunft wird im Bären Buchsi Musik der unterschiedlichsten töne und Kleinkunst aller Art neben den kulinarischen Schleckereien und edlen tropfen zu hören, sehen, riechen, schmecken und geniessen. sein. (sf)

OLIVER STONES NEUER FILM ODER SCOTTLAND YARD NR. 2

6. BIS 7. AUGUST 2005 AFRIKANISCHES KULTURFEST UND MÄRIT ■ Mit dem dritten Afrikanischen Kulturfest auf der kleinen Schanze in Bern am Wochenende des 6./7. August bietet das Swiss African Forum zwei Dinge an: Erstens: Den Afrikanerinnen und Afrikanern die Gelegenheit zu zeigen, wie Afrika auch ist, einen bunten inter-afrikanischen Stadtplatz in Bern aufleben zu lassen und sich damit zu öffnen, in den afrikanischen Alltag und zum Kennenlernen einzuladen. Zweitens: Den Bernerinnen und Schweizern die Gelegenheit, Afrikas Migranten kennenzulernen, auf sie einzugehen und besser zu verstehen. Der Markt wird die Besuchenden mit ungewohnten Speisen verwöhnen, mit Tänzen begeistern, mit Mode und Hairstyle verschönern, mit Gerüchen und Trank verzaubern, mit Touristen-Informationen entführen. Und plötzlich wird sich die Zeit entschleunigen: So gemütlich ist Afrika in Bern. Das OK hofft auf viel Besuch und afrikanisches Wetter. (bg)

SWEET LORRAINE BRINGEN DEN SWING INS DÄHLHÖLZLI ■ Das Publikum in Bikini und Badehose, die Bandmitglieder stilecht mit weissem Hemd und schwarzer Hose bekleidet – so trat das Quintett Sweet Lorraine im letzten Sommer in der Lorraine-Badi auf. Bei anderer Gelegenheit sollen auch schon Bundesräte das Tanzbein geschwungen haben, als Sweet Lorraine mit ihrem gepflegtem Swing das Betriebsfest einer Bundesbehörde bereicherten. Sweet Lorraine – der Name ist Programm: Zum einen ist das Quintett in ebendiesem Berner Quartier zuhause, zum andern zelebrieren sie genüsslich Nat King Coles gleichnamigen Song aus den 50ern und überhaupt die Gassenhauer aus dem Great American Songbook von All The Things You Are bis zu What A Wonderful World... Nun werden Sweet Lorraine zur Hausband im Restaurant Tierpark Dählhölzli; jeden Dienstag abend bietet sich fürderhin die Gelegenheit zu prüfen, ob die nicht unbescheidene Selbstdarstellung des Quintetts zutrifft: «Die herbe Sinnlichkeit unserer Musik erlaubt es dem Publikum, in Sentimentalitäten zu baden, ohne dass sich der Festanlass in ein schunkelndes und grölendes ,Oktoberbierfest‘ auflöst»... (kb) Sweet Lorraine. Restaurant Tierpark Dählhölzli. Jeweils Dienstags von 19.00 bis 21.30 h

■ An die Perversionen des Alltages gewöhnen wir uns ja nur allzu schnell. Die Zeitungen vermarkten das Elend der Welt für einen Lumpigen Haufen Geld, das Fernsehen lässt uns mit Mord und Totschlag unterhalten - die Soap-Opera gibt nicht allzu viel erbauliches her. Hollywood, in steter Bemühung unübertrefflich zu sein, trifft mit der neusten Meldung tatsächlich einen Vogel: Oliver Stone, ein umstrittener Eposregisseur, hat soeben den Vertrag für ein noch Titelloses Projekt unterzeichnet über das World Trade Center – und dessen Fall, versteht sich. In der Hauptrolle spielt niemand weniger als Nicolas Cage – bekannt als Sammler und Jäger aus einem seiner letzten Filme «National Treasure» (sucht er jetzt in den WTC-Trümmern weiter?). Terrorakte werden also mit Stars und Sternchen gewürdigt, es werden ihnen Denkmäler errichtet und schon bald können wir die Heldentaten auf der Kinoleinwand beklatsch – später gar auf DVD im Heimkino mit Replay. Cool: Terrorist zu sein, ist tatsächlich würdevoller, als grauender Tellerwäscher im Casino. Die Geschichte hat die Redaktion von ensuite – kulturmagazin auf den Plan gerufen und wir vergeben hier ganz inoffiziell offiziell die Lizenz für den erfolgreichen Spielbrettklassiker Scottland Yard - nun mit der Nr. 2 und mit dem Titel: Eine Stadt sucht Terroristen. Gemäss der vorangehenden Spielanleitung können sie hier sogar die Bomben selber legen und Fluchtwege austüfteln. Bewerbungen für diese Spiellizenz senden bitte gleich direkt an die Britischen Oberhäupter… (vl)


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BEATE ENGEL / KATRIEN REIST

der progr: ein treibhaus für kulturprodukte ■ Vor einem Jahr wurde das ehemalige Progymnasium am Waisenhausplatz, der «Proger», in das «PROGR_Zentrum für Kulturproduktion» umgetauft und als Zwischennutzung und Förderprojekt der Abteilung Kulturelles in ein Atelierhaus mit Veranstaltungsprogramm umgewandelt. Am 28.August 2004 konnten wir die Eröffnung gemeinsam mit dem Kunstmuseum feiern. Inzwischen hat sich viel getan: Die geplante Abteilung für Gegenwartskunst des Berner Kunstmuseums wird nicht wie anfangs vorgesehen in dieses Gebäude einziehen, sondern in einen Neubau direkt beim Kunstmuseum. Trotzdem wird im PROGR weiterhin an den Grundlagen der Gegenwartskunst und damit an der Zukunft junger herausragender KünstlerInnen gearbeitet, interdisziplinär und praxisbezogen und in enger Zusammenarbeit mit verwandten Institutionen in Bern. Auf 4’500 qm Raum bieten wir ca.70 Ateliers zu günstigen Bedingungen für mehr als 100 ausgewählte Kulturschaffende vor allem aus dem Bereich der visuellen Künste, sowie aus den Sparten Theater, Tanz und Musik. Gleichzeitig ist der PROGR Projektwerkstatt und Veranstaltungsort. Dabei geht es uns nicht nur um die Präsentation von Ausstellungen und Projekten, sondern darum, aktiv Begegnungen und Prozesse zu initiieren und einen lebendigen Diskurs zwischen den Produzierenden aller Sparten und dem Publikum zu fördern. Das Ausstellungsprogramm zeigt, was in unseren Ateliers entsteht und knüpft Verbindungen zu den Aktivitäten der Berner Stadtgalerie. «Projekte in residence» halten temporär Einzug, wie z.B. «Pass auf!», ein interaktives Passbüro zum Thema Einbürgerung von Adela Picon, oder das «BauBüro», ein künstlerisch genutzter Baucontainer, der unter Leitung von Rudolf Steiner und Barbara Meyer Cesta im Innenhof des PROGR für Unruhe sorgt. Wir bauen auf die Eigeninitiative der PROGR_KünstlerInnen. Die Plakataktion «Selbstporträt als Strasse» z.B., die vom 15. bis zum 27.08 auf dem Waisenhausplatz präsentiert wird und an der 27 AtelierkünstlerInnen verschiedene Strassen Berns in Plakatform porträtieren, wurde von Roland Lanz, Renée MaÐaÐa, Martin Möll, Ana Roldan und Martin Wiesli initiiert. Auch die Ateliergemeinschaft «5 Freunde» ist inzwischen zur festen Grösse geworden. An jedem 5. im Monat wird ein Programm gezeigt, in dem sich die fünf vertretenen Kultursparten immer wieder neu vermischen, von der Multimedia-Performance zum Schlagerfestival. Demnächst eröffnet in der Ausstellungszone der «Leerraum [ ]», der von den Ateliermietern Michael Pfister und Zimoun kuratiert wird. Hier werden Installationen mit zeitgenössischer Klangkunst präsentiert, und damit auch die Grenzen der visuellen Kunst hörbar gesprengt. Die Erfahrungen des letzten Jahres haben gezeigt, dass ein grosses Bedürfnis bei jungen Veranstaltern und Kulturschaffenden nach temporären Probe- und Veranstaltungsräumen vorhanden ist, um experimentelle Produktionen zu realisieren, die immer öfter spartenübergreifenden Charakter haben. Hier übernimmt der PROGR

eine Förderfunktion, die eng verknüpft ist mit den Aufgaben der Berner Abteilung Kulturelles. Wir betreuen und koordinieren ausgewählte Gastprojekte in Zusammenarbeit mit anderen Kulturinstitutionen in Bern. So konnte hier die Preisverleihung des jungen Kurzfilmfestival SHNIT in Zusammenarbeit mit dem Kino Kunstmuseum in der Turnhalle gefeiert werden, die erste grosse Modeschau der Modedesignerin Denise Batumike in der Aula zelebriert werden oder die Berner Autorennacht mit gemeinsamen Produktionen von SchriftstellerInnen und SchauspielerInnen stattfinden. Vernetzt mit verwandten Institutionen arbeiten wir an der Umsetzung des erweiterten Kulturbegriffs und am Brückenschlag zwischen den Kulturen, zum Beispiel mit einem Beitrag visueller Kunst im Rahmen des Arabischen Festivals «La Mer Blanche» des Schlachthaus Theaters. Bereits bahnen sich gemeinsame Projekte an von PROGR_ KünstlerInnen mit internationalen KuratorInen und KünstlerInnen, die hier als artists in residence oder Ausstellende zu Besuch waren. Durch den Einzug verschiedener Vereine und Kulturinstitutionen in den PROGR ist ein Kraftfeld entstanden, das in die ganze Stadt und darüber hinaus ausstrahlt. Die im Haus ansässige Künstlervereinigung Visarte Bern zum Beispiel erreicht über ihre Mitgliederstruktur einen grossen Teil der Berner Künstlerschaft und ruft mit Ihrer Diskussionsreihe Tacheles regelmässig dazu auf, Klartext zu reden, z.B. über Kulturpolitik, Stipendien, das Galerienwesen oder Off Spaces. Das Kino Kunstmuseum veranstaltet Kino-Events gegen den Mainstream. Die Hochschule der Künste hat nicht nur Proberäume gemietet, sondern zeigt auch die Ergebnisse ihres interdisziplinären Ausbildungsprogramms. Das Interdisziplinäre ist gelebte Realität im Haus: Kulturmanager und Grafiker, Elektromusiker und TänzerInnen entwickeln gemeinsame Projekte. Der Know How Transfer startet oft bei einem Gespräch auf dem Gang oder in der Cafébar. Die Wege sind kurz: Hier werden Videofilme nicht nur in der Galerie Videokunst.ch gezeigt, sondern auch vor Ort geschnitten, ein Service, den die im PROGR ansässige Firma Videoedit nicht nur den PROGR-KünstlerInnen anbietet. Das in der Schweiz einzigartige Projekt PROGR trägt bei zur Aufbruchstimmung in Bern: neben grossen Institutionen wie dem Zentrum Paul Klee wird mitten im Stadtzentrum ein Zeichen gesetzt für die zentrale Bedeutung eines aktiven und vernetzten jungen Kunstschaffens als Nährboden der Kulturstadt Bern. Mit Führungen durch die Ateliers und mit Veranstaltungen und Ausstellungen möchten wir zeigen, wie heute die Kunst von morgen entsteht und welche Themen für sie relevant sind. Mehr über die Zukunftsaussichten des PROGR und über das, was in den Ateliers passiert, erfahren Sie am Samstag dem 27. August. Dann feiern wir das einjährige Bestehen des PROGR mit offenen Ateliers und vielen Aktionen. Wir freuen uns auf neue Begegnungen! / siehe www.progr.ch und PROGRammteil dieser ensuite (Seite 45). Bilder: zVg.


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1 von 311 Haltestellen:

Wankdorf.


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Ein nicht alltäglicher Blick Kurt Aebli: Der ins Herz getroffene Punkt.

Verstörende Hirngespinste Thomas Lang: Than. Roman.

Schnitzlers Erbin Eva Menasse: Vienna. Roman.

■ Dem 1955 in Rüti geborenen Kurt Aebli ist mit «Der ins Herz getroffene Punkt» nach mehreren Prosa- und Gedichtbänden sein wohl bis anhin persönlichstes Werk gelungen. Der Leser begleitet den müssiggängernden Dichter Wellenberg, Aeblis alter ego?, durch ereignislose Tage, die erst durch die Beobachtungsgabe Wellenbergs beziehungsweise Aeblis zum Ereignis werden. So beispielsweise: «Unserer gesamten unmöglichen Anlage entsprechend, werden wir in einen Krisenzustand hineingeboren und ahnen das ganze Leben hindurch nur momentweise, wie der Normalzustand beschaffen sein könnte.» (S. 105) Aebli versucht uns hier nicht eine Handlung zu erzählen, sondern stellt neben den punktuellen Blicken Wellenbergs auf dessen unmittelbare Umgebung und das Weltgeschehen vor allem Gedanken über das Schreiben und den Schreibenden an sich an. Im Zentrum steht die Entstehung eines Gedichts oder eines Stücks Prosa, nicht das Geschriebene selbst. Aebli erschafft geradezu eine Enzyklopädie des Schreibens sowie des Lebens eines Schreibenden. So thematisiert er auch immer wieder das Misstrauen, das einem wie ihm, der sich dem unsteten Alltag eines Schriftstellers verschrieben hat, entgegengebracht wird. Mitunter, wenn sich Wellenberg eher als «Laufkäfer», denn als «Schriftsteller» bezeichnet, scheint er jenes Misstrauen sogar gewissermassen zu teilen. Denn das Schreiben wird ihm scheinbar nur durch das erlebte Schweigen auf langen Spaziergängen möglich,» ja, geradezu von diesem bedingt. Um des Schreibens Willen wird folglich ein «normaler» Arbeitsalltag verunmöglicht. Das vorliegende Werk ist weder Roman noch Erzählung, neben einzelnen Gedichten ist es vor allem eine Sammlung an Aphorismen, die den Leser tatsächlich mitten ins Herz zu treffen vermögen. Markus Bundi, seines Zeichens Rezensent der Aargauer Zeitung, bedauert, dass solche Bücher heute kaum noch publiziert werden. Freuen wir uns, dass Urs Engeler den Mut dazu gefunden hat.

■ Der diesjährige Gewinner des Ingeborg BachmannPreises Thomas Lang beschert uns einen zutiefst verstörenden Roman. Der Ich-Erzähler Moritz Than, durch einen Unfall verstummt, begibt sich auf eine schwach bevölkerte Insel im Süden Deutschlands. Reagiert die Bevölkerung zunächst mit einem gewissen Interesse an seiner Person, schlägt die anfängliche Symphatie schnell in Misstrauen um. Dies vor allem in Zusammenhang mit einem Mordfall an einem Jungen. Und ähnlich wie Frischs Juden in «Andorra», die dem von ihnen gemalten Stereotyp zunehmend zu entsprechen beginnen, nährt auch Than den Verdacht, der schon nach kurzer Zeit auf ihn fällt. Nicht nur unterhält er mit der unehelichen Mutter und Töpferin Ursula, in der er die erotische fotografische Vorlage seiner Pubertät wieder zu erkennen glaubt, eine sexuelle Beziehung, welche den Inselbewohnern suspekt ist. Auch rettet er ein Kind zwar vor dem Ertrinken im See, sein Rettungsversuch wird jedoch, insbesondere von Hofer, dem Geliebten seiner Wirtin Liesthal, als Entführungsversuch dargestellt. Than versucht in keinster Weise, diesen auf der Insel kursierenden Gerüchten entgegenzuwirken. Und gerade diese lethargische Handlung der Hauptfigur wird für den Leser an manchen Stellen nahezu unerträglich. Neben den Charakteren aus dem Dorf taucht von Zeit zu Zeit die mythologisch anmutende Figur des «Jägers» auf, die auch als alter ego Thans gelesen werden kann. Doch auch Than scheint mit der Zeit die Gefahr, die ein längerer Aufenthalt seinerseits mit sich bringen würde, zu spüren. So beschliesst er aufzubrechen. Als er sich von Ursula verabschieden will, findet er diese bewusstlos in einem zerstörten Haus, ihre Tochter tot in der Töpferwerkstatt. Daraufhin unternimmt er eine virtuelle Reise zu seiner Exfreundin Agnes, welche er bei seinem Gegenspieler Joél in Lyon vermutet. Doch zu guter Letzt gibt es doch noch so etwas wie ein Happy End.

■ Die FAZ-Feulletonistin Menasse gibt mit dem im Februar erschienen Roman Vienna ein fulminantes literarisches Debut. Die über mehrere Generationen erzählte Geschichte einer jüdischstämmigen Familie in Wien fasziniert nicht zuletzt dadurch, dass die Autorin sich vorgenommen hat, möglichst umfassend zu erzählen, bishin zur abenteuerlichen Namensgebung einzelner Protagonisten. Interessanterweise bleiben aber gerade die Hauptfiguren des Romans, die beiden ungleichen Brüder, namenlos, möglicherweise um eine autobiographische Lektüre zu vermeiden. Diese werden während des Krieges nach England verschickt, wo der Jüngere sich zum späteren Fussballwunder mausert, der Ältere, der eigentlich gegen die Faschisten ins Gefecht ziehen wollte, hingegen als Mitglied der englischen Armee in Burma gegen die Japaner kämpft. Mit ihrer Rückkehr nach Österreich setzen zwei unterschiedliche Nachkriegserfolggeschichten ein. Der Fussballer mit sonnigen Gemüt wird zum Profi und betreibt nebenher ein Geschäft, das Westartikel an Ostsportler verkauft. Der ehemalige, eher mürrische Soldat hingegen wird ein erfolgreicher Geschäftsmann. Beide gründen nicht nur eine, sondern gleich zwei Familien, deren Mitglieder sich wundersamerweise alle untereinander zu verstehen scheinen, wie uns die jüngste Tochter des Fussballers als Ich-Erzählerin nahelegt. Nicht zuletzt ist der Roman aber eine Erzählung über das Judentum an sich beziehungsweise über die Selbstwahrnehmung der einzelnen Protagonisten in Bezug auf ihr Jüdischsein, welche sich von Generation zu Generation verändert. Weiter wird hier eine Familiengeschichte in der Erinnerung ihrer Mitglieder heraufbeschworen, deren zentrale Punkte mittels eines schier unerschöpflichen Anekdotenfundus immer wieder aufs Neue zum Leben erweckt werden. Eva Menasse ist, wenn auch heute in Berlin lebend, eine Wienerin, die den Vergleich mit Arthur Schnitzler nicht zu scheuen braucht und in vielen Bereichen dessen Erzählgestus fortzuführen vermag. Auch wenn manche Rezensenten kritteln mögen, dass ihr der Start in die Welt der Literatur zu leicht gemacht worden sei, wünschen wir uns mehr Autoren, denen die Lust am Fabulieren auf jeder Seite derart anzumerken ist.

Aebli, Kurt: Der ins Herz getroffene Punkt. Hrsg. von Urs Engeler. Basel, Weil am Rhein, Wien 2005. ISBN3905591-87-1. S. 150.

Lang, Thomas: Than. Roman. Verlag Klaus Wagenbach. Berlin 2002. ISBN 3 8031 3166 9. www.than-details.de. S. 192.

Menasse, Eva: Vienna. Roman. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2005. ISBN 3-462-03465-0. S. 428.


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G E S E L L S C H A F T Bild: zVg.

TILL HILLBRECHT

ich schutte also bin ich Fussball gleich Schutten, gleich Spass, gleich Perspektive.

■ «Louis, Duncan und Lumbani, fussballspielende Strassenkinder, betteln mich immer und immer wieder an. Statt Geld schenke ich ihnen einen Fussball, damit sie nicht mehr mit ihrem aus Plastiktüten zusammengebastelten Schutti-Bölle spielen müssen. Das Geschenk stellt sich als sehr kostbar heraus: Die Kinder tragen Sorge und bestimmen einen Delegierten, der für den Ball verantwortlich ist. Es funktioniert. Dieser Moment ist die Geburtstunde des Turniers.» Helfen. Dieses Wort mag der Berner Martin Schaer nicht mit seinem Tun in Malawi verbinden. Helfen wollte der Lehrer, als er mit einer Hilfsorganisation das erste Mal den Kontinent Afrika betrat. Seither weiss er, dass Helfen in der Regel bedeutet, «viel Geld zu machen und gut da zu stehen.» Helfen heisst auch: «Hier bestimmen was dort passiert, ohne das Dort jemals gesehen zu haben.» Schaer entledigte sich deshalb kurzum der Bürokratie einer Organisation und geht nun nicht mehr nach Afrika um zu helfen, sondern um zu geben und zu nehmen – auf eigene Faust: Er baut zusammen mit Einheimischen Schulhäuser und lernt und lehrt Kulturen kennen. Er entdeckt das Ticken einer anderen Uhr, einer anderen Gegenwart. Vier Schulhäuser sind es inzwischen geworden, jedes davon kostet rund 10 000 Franken. Ein Lehrer aus der Schweiz also, der in Afrika Schulhäuser baut. Speziell schon, aber doch irgendwie naheliegend. Was aber, wenn die Kinder nicht im Schulhaus sind? Wenn sie gar nicht erst dorthin gelangen, weil sie die Umstände des Lebens auf die Strasse gebracht haben? Dann hebt sie Martin Schaers neuestes Projekt auf, «hilft» den Kindern eben nicht sondern stellt sie lieber gleich selbst in den Mittelpunkt: Als Schütteler von Schaers lanciertem «Schutti-Projekt» – notabene der offizielle Name – für die Strassenkinder Malawis. Malawi ist ein Staat in Zentralafrika und gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Man stellt sich in einem solchen Land nicht unbedingt asphaltierte Strassen vor, wie wir sie hier kennen. Aber es gibt sie doch, nur in weitaus schlechterem Zustand. Und ein Phänomen der heutigen Zeit sei: Je schlechter die Verfassung der Strasse, je mehr Kinder leben auf ihr. Nun kommt ein Fremder nach Malawi und schenkt genau diesen Kindern statt Geld ein Fussballturnier – das Einfache liegt so nahe: Anstatt mit Franken Volksselbstwertgefühl und mit Coca-Cola Kultur zu zerstören, schenkt er Ihnen mit einem Schutti-Turnier Vertrauen, Sicherheit und die Gewissheit, dass jemand gekommen ist, der ihnen bloss das bringen will, was hierzulande und in der ganzen westlichen Welt so selbstverständlich ist. Von der Plastiktüte zum Leder. Ein Rückblick: Eigentlich hat Schaer mit Fussball direkt nicht viel am Hut. Die Geschichte mit den Strassenkindern und dem Schutti-Bölle lassen ihn aber weniger an die Kraft der

Münze, sondern viel mehr an die des Spiels glauben. Wie ermöglicht man diesen Kindern eine Zukunft? Der Berner findet im Ball den springenden Punkt, mit dem er die Kinder für seine Projekte gewinnen kann. Dass das Prinzip funktioniert, beweisen kurze Zeit später Duncan, Lumbani und Louis: Sie gründen mit anderen eine Fussballmannschaft in Chirimbe, das «Team Mavuto» – Problem-Team. Und mit dieser Idee, Kindern für einmal nicht Moral aufzutischen oder sie wie üblich mit Sachgütern zu unterstützen, baut Schaer sein Konzept des SchuttiProjektes auf. Das war vor Jahresfrist. In diesem Sommer ist es nun soweit: Mit 100 Bällen und 200 T-Shirts im Gepäck reist ein kleine Delegation um Schaer zum Austragungsort Chirimbe, um rund 150 Kinder für zwei Wochen aus dem Alltag zu reissen, sie nicht zu belehren, sie nicht zu missionieren, sondern um sie Spass haben zu lassen. Das Schüttele überlässt der Lehrer aber lieber denen, die es können. Und von diesen reisen sechs mit Schaer nach Malawi. Unter ihnen ein Name, der dem fussballinteressierten Schweizer durchaus bekannt sein dürfte: Bernard Challandes, Trainer der Schweizer U21Nationalmannschaft. Das Ressort des Talentschmiedes kann Challandes also sein Eigen nennen und bringt mit fünf weiteren Fussballern Kompetenz genug mit, um die Kids eine Woche lang in Gruppen zu trainieren und danach während einer weiteren Woche am Turnier zu coachen. Township Chirimbe, Malawi. Austragungsort des Turniers ist Chirimbe, ein Township nördlich von Blantyre. Ein Aussenbezirk, der im wesentlichen aus nicht mehr als aus unzähligen zusammengebastelten Hütten besteht. Ausser einem grossen Platz aus Sand und Gras: Dem Chirimbe Football Pitch, das Fussballfeld, auf welchem die Kinder Schüttelen werden. Nun, das Europäische Auge mag in diesem Platz nur entfernt ein Fussballfeld erkennen; Aber in Chirimbe wird darauf immer gespielt, nicht in organisierten Klubs, sondern einfach mit den Leuten die gerade dort sind. Im Sommer nun, dürfte sich das Areal wenn nicht gerade in ein Stadion, zumindest aber in einen Schauplatz von grossem Interesse verwandeln: Die Chiefs der Dörfer und Stämme haben ihren Besuch angekündigt – was grundsätzlich als grosse Ehre angesehen werden darf. Denn diese (die treffendste Übersetzung ist wohl «Häuptling») haben zwar keinen direkten politischen Einfluss, für das Volk sind sie jedoch nach wie vor das Mass der Dinge. Selbst der T/A ( Traditional Authority ) der Chiefs, vergleichbar im Rang eines Königs, will sich den ungewöhnlichen Anlass nicht entgehen lassen. Und man stelle sich jetzt vor, dass dieser ganze Tross nur zum Football Pitch kommt, um den Kids beim Schutten zu zuschauen. Welche Entwicklungshilfe mag eine derart grosse Wirkung hervorrufen?

Die Vision. Eines scheint klar: Mit Schutten wird Schaer den Kindern nicht helfen, auf der Strasse zu überleben. Zum Überleben benötigt es grundsätzlich Geld und Güter. Von Geld aber können die Kids nichts lernen, es gibt ihnen keine Perspektive – im Gegenteil. Im Mittelpunkt eines angesehen Ereignisses zu stehen aber kann einem Kind eine Erinnerung bedeuten, die ein Leben lang hält. Das Wissen, etwas aus eigener Hand erreicht zu haben, dürfte an Nachhaltigkeit schwierig zu überbieten sein. Mit dem Prinzip, «Wir zeigen wie etwas funktioniert, aber machen müsst ihr es selbst», soll den Kindern nicht westliche Hilfe oder weisses Gedankengut in den Schoss gelegt werden. Vielmehr sollen sie auf diese Weise ein Werkzeug erhalten, mit dem sie ihre eigene Kultur erlernen und erhalten können, mit dem sie sich Selbstvertrauen aufbauen und sich schlussendlich aus mehrheitlich eigener Kraft von der Strasse zu holen vermögen. Es soll ihr eigener Erfolg und nicht jener eines Fremden sein. Und man mag sich fragen, ob für diesen finanziellen Aufwand nicht besser das Hungerleiden gelindert würde anstatt beim Schüttele Durst zu produzieren. Sicher, ein leerer Magen spielt nicht gerne Fussball. Was aber macht ein Magen, der keine Perspektive hat? Wer hilft jenen Kindern, die zwar vielleicht die Grundgüter besitzen aber trotzdem auf der Strasse landen, weil keine Schule sich darum kümmert, keine Organisation dieses Problem anpackt und niemand dem Nachwuchs eine Zukunft bieten kann? Mit dem Schutten will Schaer Langfristiges bewirken: Perspektiven schenken, den Kindern Gestaltungsspielraum zeigen und sie dazu zu bewegen, von der Strasse weg zu kommen. Wenn alles rund läuft, baut Schaer eine neue Schule, in welcher Sport eine gewichtige Rolle einnimmt. Sport als Lebensschule. Hat das nicht schon ein gewisser Herr Ogi gesagt? Ein weiterer Effekt des Turniers soll dazu dienen, dass sich Menschen zweier im Grundsatz verschiedenen Kontinenten kennen- und schätzen lernen. Sport als gemeinsamer Nenner – Beim Schuttibölle sind die Farben Schwarz und Weiss sogar zusammengenäht. «Mein Freund Sergio Tivane aus Mozambique und die Schriftstellerin Paulina Chiziane kommen auch zum Schutti-Turnier. Das freut mich wahnsinnig. Sie wollen mich besuchen, weil ich sie im April auch besucht habe. Die beiden Leben in Quelimane und bis zur Grenze Malawi gibt’s noch asphaltierte Strassen. Danach bleibt den beiden nur noch die Reise auf der Ladefläche eines Pick-Ups übrig, und das ganze auf einer ziemlich holprigen Piste. Das dürfte für die, naja, eher gewichtige Dona Paulina, eine ziemlich ungewöhnliche Fahrt werden…». Infos und Kontakt: Martin Schaer: forbici@bluewin.ch


Kultur Casino Bern Mittwoch, 28. September 2005, 19.30 Uhr Brünner Philharmoniker Petr Altrichter, Leitung Stephan Genz, Bariton Martinu, Mahler, Smetana

Sonntag, 19. März 2006, 19.30 Uhr Radio-Sinfonieorchester Stuttgart Sir Roger Norrington, Leitung Christopher Maltman, Bariton Wagner, J.S. Bach

Sonntag, 6. November 2005, 19.30 Uhr Münchener Kammerorchester Christoph Poppen, Leitung J.S. Bach, Jean Françaix, Mozart

Freitag, 21. April 2006, 19.30 Uhr Sinfonie-Orchester des Polnischen Rundfunks Katowize Christian Arming, Leitung Bruno Leonardo Gelber, Klavier von Webern, Rachmaninow, Strawinskij

Sonntag, 27. November 2005, 19.30 Uhr Belgisches Nationalorchester Mikko Franck, Leitung Akiko Suwanai, Violine Honegger, Ravel, Milhaud, Strawinskij

Sonntag, 14. Mai 2006, 19.30 Uhr SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg Michael Gielen, Leitung Wagner, Berlioz, Strauss

Abonnementspreise: Fr. 102.-- bis 432.--. Im Abo inbegriffen sind auch die halbstündigen Vorkonzerte «Zauber des Augenblicks» Auskunft über Tel. 031 859 77 43 (Di - Fr 15 - 18 Uhr, ansonsten Anrufbeantworter) oder via e-mail: lilian.schlatter@gmaare.migros.ch. Die Klubhaus-Konzerte sind Veranstaltungen des Migros-Kulturprozentes.

Abonnemente nur noch kurze Zeit erhältlich!


K U L T U R

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G E S E L L S C H A F T

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BERNHARD GERBER

der behelmte mann: kriegserfahrungen – eine spurensuche ■ Eine künstlerische Recherche führte die Performerin und Tänzerin Cécile Keller und mich, Bernhard Gerber, Plastiker im vergangenen Juni nach Bosnien Herzegowina. Diese Riese wurde ermöglicht durch den Förderbeitrag KUNSTSCHUB 2004 des Atelier Worb. Wir besuchten die Hauptstadt Sarajevo und das Dorf Srebrenica, wo im Juli 1995 durch serbische Einheiten ein unsägliches Massaker an der muslimischen Bevölkerung verübt wurde. Die künstlerische Umsetzung unserer Reiseerfahrungen zeigen wir im Rahmen einer Ausstellung im August 05 im Atelier Worb (siehe Kasten). Nach einer 27 stündigen Busfahrt, treffen wir am späten Nachmittag des 8. Juni 05 in Sarajevo ein. Unsere Recherche beginnt am Folgetag mit Leckereien vom Bäcker, einem türkischen Kaffe und einer Zitronenlimonade in einem Café im osmanisch geprägten Teil der Altstadt. Im Brennpunkt unseres Interesses stehen die Orte Sarajevo und Srebrenica. Neben Gesprächen mit Mitarbeitende von Institutionen, NGOs und der Schweizerbotschaft lernen wir viele Einheimische kennen. Unaufgefordert erzählen sie uns von ihren Kriegserfahrungen und dem Leben heute. Wir hören viele grauenvolle und unglaubliche Geschichten. Die vielen persönlichen Stimmungsbilder verweben sich für uns allmählich zu einem Bild der Geschehnisse. In all unseren Gesprächen begegnen uns offene, gastfreundliche und hilfsbereite Menschen. Verschiedentlich sieht man in Sarajevo noch Fassaden mit Einschusslöchern. Sie dokumentieren als Zeitzeugen die bittere Zeit der Kriegsjahre. Ein Reiseschwerpunkt bildet Srebrenica, wo wir eine Woche bleiben. Das Dorf liegt ca. drei Autostunden in nordöstlicher Richtung von Sarajevo entfernt nahe an der serbischen Grenze. Die Landstrasse führt durch wunderschöne Hügellandschaft, Wälder und blühende Wiesen. Einige Kilometer außerhalb von Sarajevo beginnt die Republika Serbska. Diese erstreckt sich nahezu über die Hälfte der Fläche von Bosnien Herzegowina. Hier leben vorwiegend bosnische Serben. Admir, unser Fahrer ist Muslime. Er erzählt, dass er mit Serben zusammen arbeite. Das sei eigentlich kein Problem. Man unterlasse es aber tunlichst über den Krieg zu sprechen. Kurz vor Srebrenica machen wir Halt beim riesigen Gedenkfriedhof in Potocari. Bis zum heutigen Tag sind hier die identifizierten sterblichen Überreste von ca. 1300 Menschen des Massakers von Srebrenica beigesetzt. Man geht davon aus, dass 1995 über 8 000 Muslime, vorwiegend Männer aber auch Jugendliche und Frauen massakriert worden sind. Fadila ist Muslimin und lebt in Srebrenica. Sie führt zusammen mit ihrem Mann ein kleines Café. Sie meint «In Srebrenica kann man nicht über Zukunft sprechen sondern nur über Morgen, weil hier die Zeit so langsam fließt». In der Tat, hat man den Eindruck, als ob hier der Krieg soeben erst zu Ende

gegangen sei. Es ist wenig Innovation zu spüren. Ältere Menschen sitzen auf Balkonen, vor mit Schüssen verletzen Wohnblockfassaden. Jüngere Menschen gehen irgendeiner Tätigkeit nach. Einige bauen an Häusern. Die Strasse wird gerade neu asphaltiert für die Gendenkfeier vom 11. Juli 05. An diesem Tag jährt sich das Massaker von Srebrenica zum zehnten mal. Die Hauptverantwortlichen leben unglaublicherweise bis heute auf freiem Fuß. Srebrenica war früher ein Badekurort. Die Heilquellen entspringen oberhalb des Dorfes in einem wunderschönen Wald. Die Menschen holen das begehrte Wasser hoch heute an den verschiedenen Quellen. Zwei große Heilbäder stehen zerbombt am Dorfrand. In unserem Hotel treffen wir Namir, den Leiter des Projekts «Bauern helfen Bauern». Zwei Tage sind wir mit ihm unterwegs und besuchen einige abgelegene Dörfer in der Umgebung. Die meisten Menschen dort haben im Krieg alles verloren. «Bauern helfen Bauern» leistet direkte und unkomplizierte Wiederaufbauhilfe mit einfach konstruierten Holzhäusern und Milchkühen. Unterlagen zu diesem Aufbauprojekt werden während der Ausstellung aufgelegt. Nachdenklich kehren wir nach Sarajevo zurück. In unserem Café werden wir freudig empfangen, was wir sehr genießen. In den folgenden Tagen besuchen wir das Zentrum für Gegenwartskunst. Die Direktorin und Kuratorin des Zentrums informiert uns über Kunstprojekte zum Thema Krieg. Wir besuchen die Nationalgalerie. Diese wurde im Krieg zerstört und mit finanzieller Unterstützung der Schweiz wieder aufgebaut. Wir führen Gespräche mit Kunstschaffenden der lokalen Kunstszene. Wir bearbeiten Dokumentationsmaterial bosnischer Kunstschaffender zum Thema Krieg. Mit einem reichen Erfahrungsschatz an Erarbeitetem, Erlebtem und Erfahrenem treten wir am 27. Juni die Heimreise an. Im Reisegepäck liegen aufgezeichnete Videokassetten und eine grosse Anzahl Fotos und Notizen. Bewegende innere Bilder begleiten uns. Wir sind in jederlei Hinsicht froh für die gemachten Erfahrungen. Wir sind dankbar für die durchwegs schönen und wertvollen Begegnungen mit den Menschen vor Ort. In der Hoffnung unseren Erfahrungsschatz im Rahmen

der bevorstehenden Ausstellung in einer konstruktiven Art und Weise umsetzen zu können, treten wir die lange Busreise in die Schweiz an. Geschichte des Projekts Bernhard Gerber baute erste Installationen zum Thema Krieg und Gewalt während dem Krieg in Bosnien 1995. Die Ereignisse rund um den Irakkrieg, waren ausschlaggebend für die Begründung des Ausstellungsprojekts «Der behelmte Mann». Anlässlich einer ersten Ausstellung im Kornhausforum Bern 2003 wurden Stenogramme von Lukas Hartmann und Objekte und Installationen von Bernhard Gerber ausgestellt. Anlässlich des Kirchensonntags 2004 zum Thema «Gewalt eine mächtige Herausforderung» wurde das Ausstellungsprojekt in adaptierter Form erneut öffentlich präsentiert. Als Erweiterung erarbeitete die Performerin Cécile Keller in Zusammenarbeit mit Bernhard Gerber eine Performance zum Thema. Im vergangenen Jahr wurde das Projekt «Der behelmte Mann: Kriegserfahrungen – eine Spurensuche» mit dem Förderpreis KUNSTSCHUB 2004 des Atelier Worb ausgezeichnet. Das Preisgeld ermöglichte es den beiden Kunstschaffenden nach Bosnien-Herzegowina zu reisen.

Ausstellung 12. bis 28. August 2005 Vernissage Freitag, 12. August 2005, 18 h/ Performance, 20 h Finissage Sonntag, 28. August 2005, 16 h/ Performance, 17 h // Öffnungszeiten der Ausstellung: Fr 18-20 h/ Sa 14-17 h/ So 10-12 h oder nach Vereinbarung // Am Freitag den 19. August sind Bernhard und Cécile anwesend. Atelier Worb Enggisteinstrasse 2 3076 Worb beim Bahnhof RBS/ Info-Line 031 839 12 41 Bernhard Gerber, bernhard.gerber@dplanet.ch, Tel 079 292 81 15 Cécile Keller, cecile.keller@tiscali.ch, Tel 031 337 71 71


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SARAH STÄHLI

ballernde pazifisten » Dear Wendy» von Thomas Vinterberg

■ Das letzte Mal als die dänischen Regisseure Lars von Trier («Dogville») und Thomas Vinterberg («Festen») zusammen spannten, kam das einflussreiche Dogma Manifest dabei heraus. Ihr aktuelles gemeinsames Projekt, der Film «Dear Wendy», ist nicht ganz so weltbewegend, jedoch nicht minder interessant. Von Trier schrieb das Drehbuch, Vinterberg führte Regie bei dem Kleinstadtdrama, das erneut in von Triers Lieblings-location spielt: In einem Amerika voller Mythen und Klischees. Dick (trotzig verkörpert von «Billy Elliot»-Schauspieler Jamie Bell) bezeichnet sich selbst als Verlierer und verweigert es stur, in der Bergmine zu arbeiten, dort wo alle «richtigen» Männer sind. Er wächst nach dem Tod seiner Eltern mehr oder weniger auf sich gestellt auf. Als er eines Tages per Zufall einen Revolver in die Hand bekommt, ist dies der Beginn einer tragischen Liebesgeschichte. Mit dem Revolver in der Tasche schiesst sein Selbstbewusstsein in die Höhe und das Leben ist plötzlich wunderbar. Dick ist verliebt: in einen altmodischen Damenrevolver mit Perlmuttergriff namens Wendy. Eines unterscheidet ihn jedoch von anderen Waffennarren: Dick ist überzeugter Pazifist und würde seine Pistole niemals in der Öffentlichkeit zücken, es geht ihm allein um die Kraft, die das Tragen des Revolvers mit sich bringt. Bald schon bildet sich eine Gruppe von jungen Aussenseitern um den untypischen Anführer. Gemeinsam ist ihnen die Liebe zu ihrer Waffe und ihre pazifistische Lebenseinstellung. Ähnlich wie im Film «Fight Club» wird nur im geschützten Rahmen geschossen, - auf Zielscheiben - niemals in der Öffentlichkeit. «The Dandies» nennt sich der Club und Stil ist ihr wichtigstes Credo. Eine wichtige Änderung am Drehbuch nahm Vinterberg vor: Er machte die Figuren um etliche Jahre jünger, als das von Trier vorgesehen hatte und veränderte da-

mit den Charakter der Geschichte tief gehend, machte sie so vielleicht auch glaubwürdiger. Lars von Triers Handschrift ist in «Dear Wendy» unverkennbar. Die Geschichte handelt von Aussenseitern die einem Ideal folgen und schliesslich an der (schlechten) Gesellschaft scheitern. Von «Breaking the Waves» bis «Dogville» scheint dies in von Triers Werk das durchgehende Leitmotiv zu sein. So sind auch die «Dandies» Idealisten die an ihrem Glauben an den Pazifismus festhalten. Natürlich kann bewaffneter Pazifismus nicht ewig bestehen, in einer Welt in der Waffen immer noch primär fürs Schiessen gedacht sind. Wie üblich bei von Trier müssen die unschuldigen Idealisten ihre Überzeugungen aufgeben, weil sie mit der Gesellschaft in Konflikt treten. In «Dear Wendy» ist es ausgerechnet ein Polizist, der die Bande dazu zwingt, ihre Pistolen schliesslich doch einzusetzen. Mit ihren Überzeugungen und selbstauferlegten Einschränkungen erinnern «The Dandies» auch entfernt an die Dogma-Brüder, auch sie mussten einsehen, dass Regeln zum Brechen da sind. Für von Trier ist das Hauptthema des Filmes angeblich die unheimliche Leidenschaft, die wir Menschen zu-

weilen für Waffen entwickeln. In einem Interview meinte er, die Welt wäre wohl ein friedlicherer Ort, würden manche ihre Faszinationen besser unter Kontrolle halten. Der stark konstruierten Geschichte und dem leicht moralischen Ton des Autors von Trier hält der Regisseur Vinterberg nun einen verspielten Inszenierstil entgegen, der dem Film einen gewissen anarchistischen Charme verleiht. «Dear Wendy» ist eine Art Western, ein Western mit Oscar Wilde-lesenden Antihelden, ein Western in dem im ausführlichen Showdown am Ende die Guten zugrunde gehen und die Mächtigen siegen. Trotz der teilweise etwas klischierten Figurenzeichnung, besitzt der Film eine Originalität und Frische, die ihn auf jeden Fall sehenswert macht. Die dynamische visuelle Umsetzung und der coole Soundtrack kollidieren mit der Gewichtigkeit des Themas, «Dear Wendy» funktioniert gerade deshalb und genau das macht das Seherlebnis so aufregend. Der Film ist die geglückte und inspirierte Zusammenarbeit zweier doch sehr unterschiedlicher kreativer Köpfe.

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ISABELLE LÜTHY

mein name ist eugen... ■ Erinnern Sie sich noch an Ihre Kinderstreiche? Versetzen Sie sich ruhig einmal zehn, zwanzig, dreissig oder mehr Jahre zurück. Mir kommt da allerlei in den Sinn. Rühmliches und Unrühmliches. Die Rizinus-Pralinen zum Beispiel, mit denen wir unsere Lehrer beschenkten oder die grausamen Aufnahmerituale mit dem «glühenden Eisen» (keine Angst, es waren nur Eiszapfen). Oft endeten solche Streiche tragisch, das heisst, sie zeigten nicht die erhoffte Wirkung oder schossen über das Ziel hinaus - Kollateralschäden würde man das wohl euphemistisch nennen. Stundenlang trieben wir uns im Wald herum und suchten nach Abenteuern und wenn gerade keine vorbeiliefen, erfanden wir sie kurzerhand selbst. Wem trotz angestrengtestem Nachdenken partout nichts einfallen will, für den wird es höchste Zeit, sich wieder einmal den «Eugen» zu Gemüte zu führen, um das Gedächtnis aufzufrischen oder das Versäumte nachzuholen. «Mein Name ist Eugen» ist ein Klassiker. Wer in kanonischen Massstäben denkt, kann es ruhig auf die Liste der dreissig besten Kinderbücher setzen. Seit seinem Erscheinen, 1955, ging es ca. 200’000-mal über den Ladentisch und hat zahlreiche Generationen von Jung bis Alt erheitert und inspiriert. Das Buch schildert die Streiche und Abenteuer des Berner Lausbubenquartetts Eugen, Wrigley, Eduard und Bäschteli aus der Sicht des zwölfjährigen Eugen – oder besser gesagt ihre Schicksalsschläge, denn eigentlich seien sie brave Buben, versichert uns Eugen zu Beginn des Buches, und das meiste gehe auf die Kappe der Erwachsenen. Die Buben tun sich schwer mit den Erwachsenen, den Lehrern, den Eltern und Pfadiführern. Und wer mag es ihnen verdenken, wenn sie angesichts langweiliger Zeichenstunden im Historischen Museum auf die fatale Idee kommen, den alten Ritterrüstungen neues Leben einzuhauchen und ihnen auf diese Weise zu neuen ruhmvollen Taten zu verhelfen . Unvergesslich sind auch die Aktionen mit Tante Melanie’s Rock, dem angeschweisten Geldstück oder der Sirupflasche. Die Liste ihrer Heldentaten, die fast immer in einem Desaster enden, ist lang und jeder Leser wird seine eigenen Favoriten haben. Meine persönlichen Lieblingsstellen sind ohne Frage alle jene zahlreichen pathetischen und neunmalklugen Reden von Wrigley, dem Kopf der Bande, in denen viel Sinniges

und Unsinniges wild durcheinander purzelt. Der Schöpfer dieser Fibel aller Lausbuben und Lausmädchen, Klaus Schädelin (1918-1987), war Pfarrer an der Petruskirche in Bern und sechzehn Jahre lang städtischer Fürsorge- und Gesundheitsdirektor. Wer angesichts des beruflichen Hintergrunds des Autors im «Eugen» einen erhobenen Zeigefinger oder pädagogischen Anspruch vermutet, wird eines Besseren belehrt. In einem Selbstinterview erklärte Schädelin geradeheraus, dass der «Eugen» ganz und gar keinen erzieherischen Wert habe, und überhaupt halte er nicht viel von solchen Werten. Es dünke ihn manchmal, «es wäre besser, die Eltern hätten ihre Kinder etwas mehr gern, sogar dann, wenn sie etwas blödes angestellt haben». Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Im September ist es nun endlich soweit. Rechtzeitig zum fünfzigsten Geburtsjahr des Buches werden die Abenteuer der vier Berner Lausbuben auf den Leinwänden der Deutschschweizer Kinos zu sehen sein. Dass die Verfilmung eines Kultbuches immer besondere Probleme aufwirft, versteht sich von selbst. Beim «Eugen» bestand die Schwierigkeit vor allem darin, dass die Buchvorlage episodenhaft geschrieben ist, ein Film jedoch einen dramaturgischen Bogen erfordere, erklärt der Drehbuchautor Michael Sauter («Strähl», «Achtung Fertig Charlie»). Dies machte eine Rahmenhandlung notwendig, in die einige der bekanntesten Episoden verwoben werden konnten. Manche Streiche wurden sogar neu erfunden, andere wiederum modifiziert, um mehr Spannung und Action zu erzeugen. So zum Beispiel die Szene mit dem Faltboot, welches die Buben auf dem Estricht ausgraben und zwecks Überprüfung seiner Seetauglichkeit mit Wasser füllen. Die Idee an sich wäre gut, die Folgen allerdings sind katastrophal. Durch ganze drei Stockwerke lässt Regiesseur Michael Steiner («Nacht der Gaukler») das Boot krachen und die familiäre Idylle der Pfisters und Stalders durchbrechen, um schliesslich der Tante Melanie samt Frau Büsi nasse Füsse zu bescheren. Nach diesem Malheur gibt es für Eugen und Wrigley nur noch einen Ausweg, sich dem elterlichen Zorn zu entziehen: Sie reissen aus, mit der Absicht Fritzli Bühler, den legendären König aller Lausbuben und ehemaligen Besitzer einer dreihundert Jahre alten Schatzkarte, in Zürich zu suchen. Er soll Ihnen hel-

fen, den Schatz vom Titicacasee zu heben. Doch vorerst verschlägt sie das Schicksal ins Pfadilager im Tessin. Hier stossen auch Eduard und, etwas unfreiwillig, der Bäschteli («Tarantula», wie er in der Pfadi heisst!) hinzu. Gemeinsam begeben sie sich auf die Reise nach Zürich. Unterwegs haben die vier Jungs mit einigen Steigungen und anderen Hindernissen wie gierigen Hühnern, wütenden Bauern und einem wilden Stier zu kämpfen. Die Eltern sind ihnen stets dicht auf den Fersen, eine landesweite Suchaktion der Polizei ist in vollem Gange. Das schweisst zusammen, die Buben lernen, was es heisst, als Freunde durch dick und dünn zu gehen. In Zürich angekommen treffen sie allerdings auf den falschen Fritz Bühler und dessen Tochter Kathrin, die dem Wrigley einiges Herzklopfen bereitet, freilich nur im Geheimen, man will ja schliesslich nicht als Meitlischmöcker gelten. Als sie ihre Suche schon fast aufgeben wollen und an der Existenz des wahren Fritzlis zu zweifeln beginnen, zeigt sich der Zufall gnädig und beschenkt die Buben mit einer Begegnung der ganz besonderen Art. Die schauspielerische Leistung der vier Hauptdarsteller Manuel Häberli (Eugen), Janic Halioua (Wrigley), Dominic Hänni (Eduard) und Alex Niederhäuser (Bäschteli) ist beachtenswert. Ohne Probleme können sie neben dem riesigen Aufgebot an Schweizer Filmprominenz (Mike Müller, Beat Schlatter, Sabrina Schneebeli, Patrick Frey, Viktor Giaccobo, Max Rüdlinger, Nella Martinetti etc.), die in den Nebenrollen für zusätzliche Lacher sorgen, bestehen. Michael Steiner hat die Geschichte ins Jahr 1964 verlegt, sozusagen als Kompromiss zwischen der eigenen Kindheit in den Siebzigern und derjenigen der Buchfigur Eugen in den Fünfzigern. Wer es gerne ein bisschen nostalgisch hat, wird sich über die alten SBB-Uniformen, das «Krokodil», die alten Postautos und Kostüme freuen. Alles in allem ist den Machern des Films die Mixtur zwischen Heimatfilm, Roadmovie und Familienkomödie sehr gut gelungen. Ein Kinovergnügen für alle, die im Herzen jung geblieben sind. Der Film dauert 100 Minuten und startet am 15. September in den Kinos.


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SONJA WENGER

antikörper

IN MY FATHER’S DEN ■ Weil sein Vater gestorben ist, kehrt der desillusionierte Kriegsreporter Paul (Matthew Macfadyen) in seine Heimatstadt in Neuseeland zurück. Dort wird er nicht nur mit seiner Vergangenheit konfrontiert, sondern lernt auch Celia (Emily Barclay) kennen, die Tochter seiner damaligen Freundin. Wie Paul, sehnt sich Celia nach der Welt jenseits ihrer kleinen Stadt und die beiden verwandten Seelen finden schnell zueinander. Familie und Umgebung der beiden beäugen diese Freundschaft misstrauisch und als Celia vermisst wird, gilt Paul schnell als der Hauptverdächtige. Um die schmerzhafte Wahrheit herauszufinden, muss Paul sich jener Familientragödie stellen, welche ihn in seiner Jugend dazu brachte, wegzugehen. Dem Drehbuchautor Brad McGann ist mit «In my Father’s Den» ein eindrückliches Regiedebut gelungen. Es ist wahrhaft nicht leicht, eine vordergründig einfache Geschichte mit der Komplexität zu verbinden, die eine Familie zeigt, welche wirklich jedes Problem hat, für das die Psychiatrie ein Wort kennt. Inzest, Ehebruch, häusliche Gewalt und sexueller Missbrauch, Oedipus-Komplex, Suizid und tiefsitzender Puritanismus kreieren eine permanente Anspannung und eine unterschwellige Ahnung kommenden Unheils. Schlimmer noch, dieser Film macht keinen Hehl daraus, dass hier das Opfer seine Geschichte quasi aus dem Grab erzählt. Diese Erzählmethode, gepaart mit dem Aneinanderreihen immer neuer Probleme und Hinweise, verstrickt sich ins Unendliche, so dass die Auflösung am Ende kaum eine Erleichterung darstellt. So sind es denn auch die schauspielerischen Leistungen, welche einen in den Bann ziehen und bei der Stange halten. Neben Emily Barclay und Miranda Otto ist vor allem Matthew Macfadyen ein Name, den es sich zu merken lohnt. Der britische Schauspieler vermittelt Pauls emotionale Komplexität und intelligente Stärke so glaubwürdig, dass Fragmente des Films einen noch lange begleiten werden. (sw) Der Film dauert 126 Minuten und ist seit dem 7.7.2005 in den Kinos.

■ Blut, viel Blut! Der Film beginnt so, wie man es von einem anständigen Psychothriller auch erwartet. Mit Action, Polizei, Toten und vielen Fragen. In einem Berliner Hinterhaus wird der Serienkiller Gabriel Engel (André Hennicke) von der Spezialeinheit um Kommissar Seiler (Heinz Hoenig) überwältigt. Doch die Freude um den Erfolg hält nicht lange an. Bereits die ersten Verhöre lassen die Vermutung aufkommen, dass der Täter längst nicht alles gestanden hat und dieser Mörder ein perfides, intelligentes Katz- und Maus-Spiel mit der Polizei treibt. In der Hoffnung, endlich den bestialischen Mord an einem Mädchen in seinem Heimatdorf aufklären zu können, reist der Polizist Michael Martens (Wotan Wilke Möhring) nach Berlin. Doch statt die erwartete Bestätigung zu erhalten, wird er mit seinen eigenen Dämonen konfrontiert. Wenn Engel nicht der Mörder des Mädchens war, wie gefährlich nahe müsste dann der wahre Täter sein? Nun leiden Film, TV und Krimiliteratur ja bereits seit langem an einem wahren «Overkill» von Geschichten über psychopatische Serienmörder. Auch wenn es sich bei dieser Verbrechensform um ein sehr modernes Phänomen handelt, fragt man zu recht, weshalb man sich noch weitere Abgründe der menschlichen Seele ansehen soll. Der Film «Antikörper» geht jedoch tiefer als die üblichen Gemetzel. Vom Moment der Konfrontation zwischen Michael Martens und Gabriel Engel – Nomen est Omen – nährt der Film kontinuierlich und mit viel Geduld eine Spannung, welche bis zum Schluss durchhält. Diese unheimliche Ruhe vor dem Sturm bietet den Schauspielern eine Plattform, in der sie aus dem Vollem zu schöpfen vermögen. In dieser schnörkellosen Inszenierung ist alles wichtig. Jeder Blick impliziert einen neuen Verdacht, jede Handlung wird mit der Goldwaage gemessen und das Publikum erhält unendlich viele Hinweise um zu spekulieren. Doch gerade wenn man den

Fall für sich bereits gelöst hat und sich in den Sessel zurücklehnt, kommt alles anders. Der Drehbuchautor und Regisseur Christian Alvart webt ein dichtes Geschichtennetz, welches sich mit Themen auseinandersetzt, die den Rahmen einer klassischen Krimihandlung sprengen. Es geht um ethische Werte und die Frage, was einen Menschen dazu treiben kann, zu töten. Es geht um Religiosität in unserer Zeit und die Frage, ob ihre moralischen Schranken einen Halt gegen die innere Zerrissenheit des Menschen bietet. Der Film spielt gekonnt mit den Gegensätzen der düsteren Grossstadt und der lichten Dorfgemeinschaft. Der einen sind die altvertrauten Werte und der Glaube an das Gute abhanden gekommen, aber zumindest wird hier Klartext geredet. Wohingegen die vermeintliche Sicherheit und heile Welt auf dem Lande vom katholischen Mief erstickt und zutiefst erschüttert wird durch Misstrauen und der Konfrontation mit dem Bösen. Im ersten Moment wirken diese Themen beinahe antiquiert, doch vor allem die beiden Hauptdarsteller verkörpern diese Widersprüche so nuancenreich und überzeugend, dass viele Bilder im Gedächtnis kleben bleiben. Doch nicht nur die Schauspieler und die raffiniert gestrickte Geschichte mit all ihren Metaphern machen diesen Film sehenswert. Er verzichtet verdankt auf Quäl- und Folterbilder. Stattdessen wartet er auf mit Experimentierfreude (man achte auf die Titelsequenz), mit Geschick bei Schnitten und Einstellungen und vor allem mit einer Musik, welche die Filmbilder vortrefflich ergänzt und intensiviert. Man fühlt sich als Zuschauer und Zuschauerin ernst genommen und der Film kann sich absolut mit US-Produktionen messen. Der Film dauert 126 Minuten und ist seit dem 28.7.2005 in den Kinos.


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SONJA WENGER

the island ■ Die Kamera fliegt atemberaubend tief über eine paradiesisch anmutende Inselküste. Auf dem Meer kreuzt eine futuristische Yacht durch schäumende Wellen. Zwei schöne, in weiss gewandete Menschen gehen aufeinander zu. Doch dann der Überfall, ein Kampf, Blut, sie werden ins Wasser gestossen, der Mann ertrinkt – und wacht schweissgebadet auf. Also ein Psychothriller mit schönen, in weiss gewandeten Menschen und Alptraumelementen. Glaubt man. Regisseur Michael Bay («Armageddon», Pearl Harbour», «The Rock») ist bekannt für handfeste, solide Action-Filme, in denen viele Sachen explodieren. Das ist hier nicht anders und der Fan des Genres kommt voll auf seine Kosten. Seit «The Matrix» scheint es zudem ein ungeschriebenes Gesetz in Hollywood zu sein, sich bei den Verfolgungsszenen gegenseitig überbieten zu wollen. Mit der Konsequenz, dass nicht erst seit «Minority Report» das Meiste zwar rasant, aber nur noch künstlich aussieht. Der Film «The Island» bietet allerdings noch etwas mehr. Er handelt in einer erschreckend nahen Zukunft und führt uns in die Welt von Lincoln Six-Echo (Ewan McGregor) und Jordan Two-Delta (Scarlett Johansson). Sie leben in einer isolierten, keimfreien Umgebung, nach Geschlechtern getrennt und in einer überwachten Welt, die Big Brother vor Neid erblassen lässt. Die einzige Perspektive ist der Hauptgewinn in der Lotterie, welche den Gewinner auf eine Insel führt und ihm ein Leben in Luxus verspricht. So weit, so gut. Doch weshalb quälen Lincoln seine Alpträume, weiss er Dinge, die

er nie gelernt hat und weshalb kriegt er nie Antwort auf alle seine Fragen? Als Lincoln der Überwachung entschlüpft und sich auf eigene Faust in den verzweigten Gängen umsieht, entdeckt er Grausiges. Der letzte Lotteriegewinner wird gerade ausgeweidet und Lincoln findet heraus, dass die Bewohner seiner kleinen Welt aus geklonten Menschen besteht. Sie sollen als Ersatzteillager für ihre «Schöpfer» herhalten und werden nach Gebrauch «entsorgt». Lincoln wird entdeckt, flüchtet mit Jordan und die Jagd ist eröffnet. Nun ist das Thema Klonen ja nicht neu und die Diskussion darüber in den Medien schon längst eröffnet. Darf man zum Beispiel ein Kind zeugen «nur» damit es als Organspender für den grossen Bruder herhalten kann? Oder ist alles in der Genforschung gerechtfertigt, damit man eines Tages schwere Krankheiten heilen kann? Die Antwort darauf darf sich jeder und jede selber suchen, wird sie aber irgendwann geben müssen. Unsere Gesellschaft wird um diese Thematik nicht herumkommen und Filme wie «The Island» bilden nur eine unterhaltsame Vorhut. Denkt man an Vorläuferfilme wie den grottenschlechten «The 6th Day» mit Arnold Schwarzenegger oder den schon etwas älteren, aber immer noch sehenswerten «Gattaca» mit Uma Thurman, so jagt einem auch hier die Möglichkeit der totalen Kontrolle und Nutzung des Menschen einen kalten Schauer über den Rücken. Der in «The Island» dargestellte Versuch der Ausrottung jeglicher Individualität ist nur erträglich mit dem

Wissen, dass sich der menschliche Geist niemals völlig unterdrücken lässt. Der Instinkt zu überleben und die Fähigkeit zu lernen wird jedem System der Unterdrückung früher oder später zum Verhängnis. leider wird die Diskussion der ethischen Werte im Film weitgehend ausgeklammert. Sie reduziert sich auf die Empathie des Publikums mit den verfolgten Protagonisten, welche – wen wundert’s – am Schluss gewinnen. Nichtsdestotrotz beschert uns «The Island» den spitzbübischen Schotten Ewan McGregor gleich im Doppelpack. Besonders die humorvollen Einschübe, welche er so vollendet beherrscht, lockern die ganze Sache auf. Das neue It-Girl Scarlett Johansson ist nun endlich in der Rolle einer starken jungen Frau zu sehen, die sich zu wehren weiss. Sie nimmt aber auch ihre eigene Popularität auf die Schippe, etwa wenn Jordans Original auf einem Calvin Klein Werbeplakat zu sehen ist. Ihre Darstellung von Menschen auf dem Niveau von naiven Teenagern, welche sich in gewiefte Erwachsene wandeln geht zwar etwas schnell, aber es macht trotzdem Spass, diesem Wechsel zuzusehen. Der Einsatz von Steve Buscemi als Fluchthelfer und Sean Bean als eiskalter Wissenschaftler trägt zusätzlich zum Gelingen des Filmes bei und endlich ist mal NICHT Hans Zimmer, der die Musik für einen Action-Film komponiert hat. Eine wohltuende Abwechslung! Der Film dauert 132 Minuten und kommt am 4.8.2005 in die Kinos.


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Filme am Fluss - 5. Cinématte Openairkino Erstmals werden die Filme auch Openair im 35mm-Format (dem «richtigen» Filmformat) auf grösserer Leinwand und mit 200 Sitzplätzen gezeigt, wiederum mit gemütlicher Openairbar. Folgende Filmperlen sind am Openair zu sehen: Di, 2.8. Amores Perros/ Mi, 3.8: Le Grand Bleu/ Do, 4.8. Nueve Reinas/ Fr, 5.8. Kill Bill/ Sa, 6.8. Ten Minutes Older – The Trumpet (7 Kurzfilme – ein Episodenfilm)/ So, 7.8. Barbarella/ Mo, 8.8. Léon/ Di, 9.8. Chat Noir Chat Blanc/ Mi, 10.8 Blow Up/ Do, 11.8. Nicotina/ Fr, 12.8. Kill Bill 2/ Sa, 13.8. Jour De Fête/ So, 14.8. Dr. Strangelove/ Mo, 15.8. High Fidelity/ Di, 16.8. King Kong (Originalversion 1933)/ Mi,17.8.: Swiss Shorts. Keine Reservationen möglich. Bitte Vorverkauf Münstergass Buchhandlung (Münstergasse 35) oder Globetrotter Travel Service (Aarbergergasse 21 oder Neuengasse 23) benutzen. Abendkasse und Bar ab 19.30h. 5 Jahre Cinématte - das Fest! Vom Freitag, 12.8. bis Sonntag, 14.8. finden unsere Jubiläumsfestivitäten statt. Infos nachlesen bitte unter www.cinematte.ch Best of Cinématte Ebenfalls zum Jubiläum zeigen wir diesen Sommer noch bis Ende September eine kleine Auswahl unserer Publikumslieblinge der letzten fünf Jahre. Im August sind dies «Les Vacances de M. Hulot» und «The Third Man».

The Hunter (Serik Aprimov, Kasachstan 2004, 90’, Kasachisch/d/f) Ein als «Wolfskind» verrufener Junge und seine verführerische Mutter sowie ein Jäger und Schamane stehen im Mittelpunkt dieser elegischen, zum Teil burlesken Erkundungen menschlicher Begierden, Fähigkeiten und Einsamkeiten. Nachdem der Junge einen Überfall begangen hat, bricht er mit dem Jäger und Liebhaber seiner Mutter zu einer Initationsreise auf. Serik Aprymov gelingt eine spannende genreübergreifende Erzählweise, eine reizvolle Mischung aus Legende, Epos und sozialem Realismus und dies eingebettet in die Natur der kasachischen Berglandschaft. Während Initiationsreise versucht der Jäger, dem Jungen, seine Lebensfreude und Erkenntnisse zu vermitteln, indem er ihm die Schönheit der Natur nahe bringt und ihn Freundschaft und Tod entdecken lässt. Seine Probe besteht Erken, als er seine Mutter findet, die auf der Suche nach ihrem Sohn in den Bergen vor Kälte in Ohnmacht fällt. Serik Aprimov bringt uns ein schönes Stück gesellschaftlichen Alltags in seiner Heimat näher. (Ab 18.8.2005) El último tren (Diego Arsuaga, Uruguay 2002, 93’, Spanisch/d/f) Ein grosses Hollywood-Filmstudio will für ein Projekt im fernen Uruguay eine historische Lokomotive aus dem 19. Jahrhundert kaufen und in die USA transportieren. Das allerdings ist für viele Eisenbahnliebhaber ein herber Schlag. Veteranen des Eisenbahn-Klubs beschliessen, die Lok mit allen Mitteln im eigenen Land zu behalten. Sie sind Patrioten und überzeugt, dass das nationale Erbe nicht zum Verkauf stehen darf. Also entführen sie die «Lok 33». Auf längst stillgelegten Bahnstrecken beginnt eine Reise ins Landesinnere. Natürlich sind abenteuerliche Ereignisse vorprogrammiert, weil die Behörden die Aktion mit allen Mitteln stoppen wollen. Was aber nicht einfach ist, weil die ehrwürdige Maschine - dank der aktiven Schützenhilfe einer Dorfgemeinschaft - gewissermassen zum rauchenden Symbol der Hoffnung in schwierigen Zeiten wird. Regisseur Arsuaga wurde für sein Werk unter anderem an den Festivals von Montreal, Valladolid und Taormina ausgezeichnet. (Ab 4.8.2005)

Juli I August Sommerpause Saisonstart 3. September ‚05 Vorschau: Von Mao zu Techno – Neues chinesisches Filmschaffen In den letzten zehn Jahren ist eine neue Generation von Filmschaffenden herangewachsen. Diese so genannte sechste Generation die fünfte legte in den 80-er und frühen 90-er Jahren hervorragende und neuartige Filme vor, wirft einen genauen und schonungslosen Blick auf die Realität des heutigen Alltags in China und bricht dabei erneut mit formalen und thematischen Tabus. Die rasante Modernisierung und wachsende Individualisierung der chinesischen Gesellschaft ist ebenso ein Thema wie ihre Schattenseiten. Bekannte Vertreter dieser neuen Generation sind Jia Zhangke, Ning Ying, Zheng Yunan sowie die Dokumentarfilmer Wang Bing und Wu Wenguang. Greta Garbo (1905-1989) Zum ihrem hundertsten Geburtstag widmet das Kino Kunstmuseum dieser unvergänglichen Filmdiva im September eine kleine Hommage.


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Science est fiction Jean Painlevé dokumentierte von 1928 bis in die 70erJahre in über 200 Filmen das wimmelnde Leben der Unterwasserwelt - mit einmaligen Bildern, trocken-witzigen Kommentaren und passender musikalischer Begleitung. Er filmte in den Aquarien des hauseigenen «Institut dans la cave» mit Hilfe von Mikroskopie, Zeitraffer und Zeitlupe Krabben, Kraken, Seeigel und andere Krustenund Weichtiere. (3.8., 21h)

Open Air Endlich ist es wieder soweit! Der Sommer ist da und wir öffnen unsere Türen für das Freiluftkino 2005.

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BETRIEBSFERIEN

Abenteu(r)er Hans Hass Der Erfinder, Tauchpionier und Unterwasserfotograf produzierte 1951 mit «Abenteuer im Roten Meer» (17.8., 21h) den ersten Unterwasser-Tonfilm der Geschichte und baute gleichzeitig eine Art Spielhandlung in seine Dokumentation ein: die Crew macht sich auf die Suche nach einem sagenumworbenen Meeresungeheuer. Der Film sorgte weltweit für Schlagzeilen: Nie zuvor war ein Walhai von einer Filmkamera aufgenommen worden. Die über fünfzig Jahre alten Bilder haben bis heute nichts von ihrer Faszination verloren. Mit neuartigen Sauerstoffgeräten dringen Hass und sein Team in «Unternehmen Xarifa» (24.8., 21h) 1954 vor idyllischen karibischen Palmeninseln in noch unberührte Meerestiefen vor. Dank Generatoren und Scheinwerfern lösen sich aus dem Dämmerlicht der Korallenriffe Farben, wie sie noch kein menschliches Wesen je erblickt hatte. Die Unterwasseraufnahmen wurden damals als wahre Farbexplosion empfunden, doch auch der deutliche Spielfilmcharakter und die Unterwasserdialoge trugen zum sensationellen Erfolg bei und brachten dem Film gar einen Oscar ein. Von Bergen und Beamten Gleich fünf restaurierte Kurzfilme aus dem Archiv der Cinémathèque suisse sind am 29.8. (ab 21h) zu sehen, darunter «La bourse et la vie» (1927/28) von Jean Brocher, dem Meister des religiösen und moralischen Films, der mit diesem Bergdrama dem Alkohol den Kampf ansagte, oder «Mitenand gahts besser» von Kurt Früh und Paul Ruffi (1949), mit dem im Rahmen der «Aktion des guten Willens» humorvoll versucht wurde, Unstimmigkeiten zwischen dem Bundespersonal und der Öffentlichkeit aus dem Weg zu räumen.

Zusammengestellt wurde das Programm von Beat Borter und Nicole Buchser, zwei langjährigen Vorstandsmitgliedern, die dieses Jahr dem Filmpodium «Adieu» sagen. Der Bieler Filmemacher Beat Borter gehörte vor knapp zwanzig Jahren zu den Gründern des Filmpodium und war während elf Jahren Präsident des Vereins. Nicole Buchser arbeitete über zwölf Jahre im Vorstand mit. Mit je sechs ausgewählten Titeln zeigen sie ihre Lieblingsfilme, Filme, die sie besonders prägten, oder einfach solche, die sie gerne wiedersehen möchten. So stehen fast siebzig Jahre Filmgeschichte auf dem Programm, doch auch der älteste Film von 1937 ist noch lange nicht grau und verstaubt: «Way Out West» mit Laurel & Hardy ist vielleicht der witzigste aller Western überhaupt und bezaubert Gross und Klein mit seinem Charme. Gleich dreimal ist Marcello Mastroianni auf der Leinwand zu bewundern: In «Otto e Mezzo» und «I Soliti Ignoti» spielte er als knapp 40-Jähriger einen Filmregisseur, bzw. einen Kleinkriminellen. Und in «Les Yeux Noirs» von Nikita Mikhalkov schlüpfte Mastroianni in die Haut eines Herzensbrechers, der 1987 auch die Jury in Cannes verführte: Er gewann mit seiner Rolle in diesem Jahr die goldenen Palme. In «Suite Habana», dem neusten Film von Fernando Pérez, wird Fidel Castros Hauptstadt porträtiert. Der Film beobachtet Menschen im heutigen Havanna und bringt uns deren Bewohner auch ohne Worte näher. «Brodeuses» von Eléonore Faucher, Gewinnerin des grossen Preis der Kritik in Cannes 2004, und «Depuis qu’Otar est parti» von Julie Bertucelli zeichnen Bilder von Frauen aus verschiedenen Generationen, die gemeinsam ein Stück (Lebens-) Weg zurücklegen. Und als Abschluss schliesslich «C’eravamo tanto amati», Ettore Scolas politisch engagierter und witziger Film über drei Freunde im Italien der Nachkriegsjahre.

Die Vorführungen beginnen um 21h30, die Bar ist vor und nach dem Film geöffnet. Bei schlechtem Wetter wird die Vorstellung in den Kinosaal verlegt.


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KASPAR ZEHNDER

sommerfestspiele murten classics ■ «England» ist das Thema für die Sommerfestspiele Murten Classics 2005, darunter ist Musik von englischen Komponisten von Thomas Tallis bis Caecilia MacDowall zu verstehen, aber auch Musik, die kontinentale Berühmtheiten wie Georg Friedrich Händel, Joseph Haydn oder Felix Mendelssohn während ihres Aufenthaltes oder ihrer Reisen in Britannien schrieben. Im Brennpunkt des Programms stehen die Konzerte im Schlosshof Murten, welcher sich während dreier Wochen in einen optisch und akustisch stimmungsvollen Konzertsaal verwandeln wird. Hier finden die Sinfonieund Serenadenkonzerte statt. An diesem Ort nahmen die Sommerfestspiele Murten vor bald zwanzig Jahren auch ihren Anfang. Das Programm der Openair-Konzerte ist durchwegs für ein breites Publikum attraktiv gestaltet, wobei einzelne Raritäten wie das selten gespielte Klavierkonzert von Benjamin Britten (18. August) die Gegenüberstellung von «Romeo und Julia»–Vertonungen durch Prokofjew und Tschaikowsky (19. August), «The lark ascending» und das Tubakonzert von Ralph Vaughan Williams (26. August) oder die Schottische Fantasie von Max Bruch neben Mendelssohns Schottischer Symphonie (3. September) besondere Erwähnung verdienen. Die Protagonisten Edward Elgar, Benjamin Britten und Daniel Zisman heissen die Hauptpersonen in Murtens diesjähriger Ausgabe. Den nach Henry Purcell grössten englischen Komponisten Elgar und Britten ist ein Zyklus mit Werken verschiedener Besetzung gewidmet, der sich als programmatischer Roter Faden durch alle Konzertlokale und Konzertformen, vom Sinfoniekonzert bis zur Reihe «offen für neues» zieht. Daniel Zisman ist der diesjährige «Artist in Residence» und wird Werke von Edward Elgar (Violinkonzert, Violinsonate, Faure, Ravel und Piazolla) zur Aufführung bringen. Ebenfalls «in Residence» sind das Orchester der Nationaloper Litauen (18.-20. August), die Sinfonietta Cracovia (26./27. August) und «the Prague Philharmonia» (2./3. September).

Vokalmusik mit dem Cambridge University Choir Murten Classics ist stolz auf die Zusammenarbeit mit dem Cambridge University Choir, der unter der Leitung von Stephen Cleobury das Festival gleich mit mehreren Konzerten bereichern wird. Der Chor blickt auf eine jahrhundertealte Tradition zurück und hat sich auch jüngerer Zeit seinen hervorragenden Namen bestätigt. In einem Vokalkonzert werden Orgelwerke von Johann Sebastian Bach bedeutenden Beispielen englischer Chorliteratur aus vier Jahrhunderten (Thomas Tallis, Henry Purcell, Benjamin Britten und Michael Tippett) gegenübergestellt (28. August). Alte und Neue Musik Im Barockkonzert in der wunderbaren Schlosskirche Münchenwiler stellt das Ensemble die Freitagsakademie Werke von Johann Sebastian Bach und Henry Purcell improvisativen Schöpfungen des Bassisten Barry Guy gegenueber (1. September). Neuartiges ist jeweils samstags auch im Kulturlokal im Beaulieu Murten zu erleben: Nach einem Afternoon Tea, zu welchem Kaspar Zehnder das Programm der kommenden Woche einführt, findet je ein Konzert im Rahmen von «Offen fuer Neues» statt: Bettina Sartorius (Violine) und Christian Glinz (Klavier) interpretieren Werke von Powerfrauen (Germaine Tailleferre und Amy Beach), aber auch von Britten und Vaughan Williams (20. August), Monica Buckland interpretiert zusammen mit dem Ensemble Musica Viva Basel und Kaspar Zehnder William Waltons Entertainment «Facade» auf schräg-witzige Texte von Edith Sitwell (27. August), und Seung-Yeun Huh (Klavier) geht mit Robert Hunger-Bühler (Sprecher) zusammen mit Franz Liszt und Lord Byron auf Europa-Reise (3. September). Serenadenkonzerte Mozarts allererste (in London geschriebene) Sinfonie KV 16, Benjamin Brittens ergreifende Serenade fuer Tenor, Horn und Streicher sowie eine Sinfonie des «Londoner Bachs» Johann Christian werden im ersten Serenadenkonzert (24. August) durch Hans-Juerg Rickenbacher (Tenor), Olivier Darbellay (Horn) und das Orchester der Akademie Tibor Varga un-

ter der Leitung von Monica Buckland aufgeführt, Händels Feuerwerksmusik, die unsterbliche Trauermusik fuer Queen Mary von Henry Purcell und Gustav Holsts monumentales Werk «die Planeten» im zweiten Serenadenkonzert (31. August) mit dem Swiss Brass Consort und dem Cambridge University Choir. Kammermusik Besonders prestigeträchtig gibt sich die Liste der Kammermusik-Interpreten: das Sorrel Quartet London – in Murten bereits zum zweiten Mal zu Gast – interpretiert Werke von Benjamin Britten, Caecilia MacDowall (CH-Erstauffuehrung) und Edward Elgar (28. August), das Carmina Quartett Londoner Werke von Joseph Haydn und im Verbund mit der Pianistin Hiroko Sakagami das Klavierquintett von Edward Elgar (23. August). Karl-Andreas Kolly bringt in einer Klaviermatinee (4. September) Werke von Haydn, Pieter Maxwell Davies und Liszt zur Auffuehrung und Daniel Zisman mit Christina Bauer-Meyer Sonaten von Faure, Elgar und Ravel (21. August). Sommernachtskonzerte Im Zeichen der Kammermusik stehen auch die Konzerte, welche jeweils spätabends im Park (oder im Festsaal) des Hotels «Le Vieux Manoir» in Meyriez stattfinden: Die Pianistin Verena Pfenninger interpretiert Beethovens «Diabelli-Variationen» und als Kontrast zu diesem monumentalen Werk die Miniaturen «Bits and Bytes» von Derek Bourgeois (24. August). Die Klarinettistin Sarah Chardonnens, der Bratschist Tobias Noss und Mira Wollmann am Klavier spielen Werke von Robert Schumann (Maerchenerzaehlungen op. 132), W. A. Mozart (Kegelsatt-Trio), Benjamin Britten und die jazzige Sonate von Jospeh Horovitz (31. August), Kaspar Zehnder (Floete) bringt mit der Harfenistin Jasmine Vollmer Werke von Händel, Arnold Bax, Faure und Britten (23. August) zur Aufführung und Daniel Zisman, diesmal mit dem Ensemble 676 Nuevo Tango Werke aus seiner Heimatstadt Buenos Aires (30. August). Hit für die kleinen Konzertbesucher/innen Maurice Steger und Naoki Kitaya spielen die Musik zum


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Herbert Henck John Cage - Early Piano Music

Maerchen «Tino Flautino» von Jolanda Steiner, welches bereits in Buch- CD- oder DVD-Form den Weg in die meisten Familien gefunden hat (27. August, 15Uhr, Schiffstation Murten). ValiantForum fuer Junge Orchester und Junge Choere International geben sich die diesjaehrigen Gewinner: Je einen (anlässlich des Preisträgerkonzertes durch die Jury noch genau zu definierenden) Preis haben das Orchester der Musikschule Cluj / Rumaenien, der Stolyarski Choir Odessa / Ukraine und das Orchester I Sinfonietti 01 gewonnen (30. August). Haendels «Messias» in internationaler Besetzung Als krönender Abschluss des Festivals kann die Aufführung von Georg Friedrich Händels «Messias» mit dem Cambridge University Choir, der Cappella Istropolitana und den Solist/innen Franziska Hegi (Sopran), Sibylle Fischer (Alt), Clemens Löschmann (Tenor), Dominik Wörner (Bass), Vital Julian Frey (Cembalo) und Joerg-Ulrich Busch (Orgel) unter der Leitung von Kaspar Zehnder gelten (4. September).

■ John Cage muss man nicht gross erklären - obwohl ihn fast keiner verstehen kann. Über Herbert Henck könnte man fast mehr erzählen. Nur: wer ist denn auf dieser CD wichtiger? Henck, der hervorragend, als Anwalt und Kommentator moderner Musik, Klavier spielt und interpretiert - oder Cage und dessen zwischen 1935 - 48 komponierten Piano-Stücke? Die Musik ist sicher nicht einfach - Cage ist ein Zufallist und liebt präparierte Klaviere - doch sind die Stücke inspirierend. Für Einsteiger in dieses Genre Musik sei der Tipp, nicht die ganze CD auf einmal hören zu wollen, angebracht. Ok, vielleicht hat man diese bereits hinter sich, wenn man das Booklet studiert hat. Der Text von Henck ist wunderbar und erklärt uns, worum es hier eigentlich dreht. Fazit: Spannend - und dies sei nicht missverständlich als unverständlich definiert, sondern als gelungenes Werk mit viel Nachhaltigkeit. Und dies wiederum erstaunt nun bei Cage... (vl) www.ecmrecords.com

Trummer : : anyways

Der Autor Kaspar Zehnder wurde nach seiner Ausbildung zum Flötisten und Dirigenten in Bern, Paris und Siena 1999 Künstlerischer Leiter der Sommerfestspiele Murten Classics. Daneben ist er Dozent an der Hochschule der Künste Bern, Künstlerischer, Musikalischer Leiter des Zentrum Paul Klee und ab September 2005 Chefdirigent der Prager Philharmonie.

MURTEN CLASSICS 2005 Sommerfestspiele Murten 15. August bis 4. September Kartenbestellung: www.murtenclassics.ch // Starticket 0900325325 Bern: Bund Ticketzentrale Bubenberg Bestellen Sie das detailliere Programm unter Telefon 079 408 37 61

■ Anyways, für Bern ist Trummer ein herausragender Nachwuchsmusiker - obwohl er schon eine Weile fix in die Szene gehört. Der Singer-Songwriter hat mit dem neuen Album sich selbst übertroffen. Das heisst nicht, dass er schon zu den Besten gehört, doch was hier herauszuhören ist, verkündet noch einiges mehr, als je zuvor. Die Songs sind um einiges reifer als früher, sie haben mehr Drive und Charakter. Irgendetwas fehlt aber noch. Vielleicht die Coolness, vielleicht der Schweiss der Route 66 oder einfach etwas mehr Bernische Langsamkeit. Aber das ist dann auch schon alles: Denn damit könnte er sehr weit kommen - also, über Bern hinaus in die grosse weite Welt. Ich mag das Album. Trummer ist frisch und absolut nicht depressiv. Im Gegenteil: Da trägt einer die Hoffnung und das Sternchen wieder im Herzen. An die Majors: Dieser Herr wäre übernahmefällig... (vl) Tipp: Am 25. August im Chop Records am Waisenhausplatz spielt Trummer einen «Instore Gig» // 21:00 h Eintritt frei! www.trummeronline.ch

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Coldplay X & Y ■ Wann haben sie das letzte Mal im Regen getanzt? Wann sind sie das letzte Mal barfuss durch die Stadt spaziert? Coldplay liefert ein ganzes Handbuch dafür. Wenn es sowas wie das beste Album des Jahres geben würde, so hätten die 4 Jungs sicher die Nase weit vorne. Selten ein Album angehört, welches so rund und durchdacht, stimmig und «zeitgeistlich» daherkommt. Das Geheimnis kommt irgendwo aus der RevivalKultur, welche Coldplay geschickt und bewusst neu definiert. Zu Beginn mag die Musik belanglos anmuten, nach dem 50igsten Mal hinhören (lange Ferien-Autofahren eignen sich besonders...) offenbaren sich aber neue Welten. Sicher: Pop-Rock muss einem gefallen, sonst wird‘s schwieriger. Das musikalische Fundament ist rockig und teils auch mit harten Gitarren untermauert. Doch nie zuviel. Mit enormer Feinfühligkeit wurde in jedem Song eine präszise Dramaturgie aufgebaut. Hier stimmt alles. Und die sanfte Stimme von Chris Martin gibt dem Album die Zerbrechlichkeit. Es grenzt an ein Wunder, dass seine überaus ehrliche Stimme im Studio nicht korrigiert wurde - sowas ist heute in einer hochtechnologisierten Musikindustrie selten geworden. Dabei macht es die Musik und den Klang um so vieles persönlicher und damit wertvoller... Sehr gelungen in der Dramaturgie ist das gewonnene Klang-Volumen, wenn die Herren zum Beispiel im «Fix You» richtig zulegen (sowieso FavoritStück auf dieser CD). Sehr erstaunt war ich über die 70‘iger Gitarrenklänge im Hintergrund. Gemischt wurden sie mit einem 80‘er-Jahre-Beat und dazu noch ein versteckter Sythesizer im Bass. Man staunt - eigentlich gehört das nicht mehr zum «guten Ton» - bei Coldplay wird‘s aber guter Ton. Dem Bandnamen entsprechend spielen sie sauber und in der neuen «Gefühlsleere» - ganz «neuer Mann»: Zwar klingt alles emotional, doch bleibt es auf Distanz. So wie es uns die Modebranche vorgibt. Aber Coldplay ist ehrlicher: Sie sind es und wiederspiegeln dadurch wirklichen Zeitgeist. Dass ihre Texte dazu noch politischen oder gesellschaftskritischen Inhalt aufweist, ist schon fast zuviel des Guten. Wir könnten durchaus noch mehr davon hören wollen... (vl) Infos: www.coldplay.com


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STEPHAN FUCHS

marilyn manson: des teufels sekretärin liebster kerl ■ Rock Oz’ Arènes, das kleine grosse Festival im schweizerisch –keltischen Dorf Avenches zelebriert am 17. August mit Schockrocker Marilyn Manson. Mit Marilyn Manson kommen auch die ganz brachialen und bizarren Geschichten – jene, die sich in den Medien immer gruslig gut verkaufen: Denn es gibt kaum einer der sich mehr Todeswünsche auf den Hals jagt als «Es». Kaum einer der die Medien und die Öffentlichkeit mehr zu spalten vermag als «Es». «Es» wird verantwortlich gemacht, wenn sich Massentötungen an Schulen und rituelle Bluttaten im Umfeld okkulter Gruppen ereignen. «Es» ist schuld am Zerfall der Normen. Fernsehprediger halten beschwörend die Bibel hoch und vor den Stadien verteilt die Christenheit Flugblätter. «Es» gilt als die androgyne Missgeburt Satans, als Inbegriff des Schreckens und des Bösen schlechthin - halb Biest, halb Engel. Der erste Jugendverderber der Nation, der Lieblingsfeind – das ist die Paraderolle des Mannes, der den Vornamen eines Starlets und den Nachnamen eines Mörders führt. Helter Skelter, synonym für den totalen Kult findet aber nicht statt. Nach Antichrist Superstar, dem Grosswerk von 1996, das Manson den Durchbruch in den Mainstream bescherte und schwer überbietbare Massstäbe in punkto satanistischem Stadion-Glamour setzte, wirkt Manson manchmal wie des ewigen Provozierens müde. Sein Job ist schwer und er wird immer dann ans Tageslicht gezerrt, wenn bessere Erklärungen Mangelware sind: zuletzt nach dem Highschool-Massaker von Columbine, als Eric Harris und Dylan Klebold 1999 elf Mitschüler und einen Lehrer erschossen und 23 Menschen verletzten. Harris und Klebold waren mit Bestimmtheit keine NeoNazis, aber sie bewunderten sie. Ein Paar Wochen vor dem Massaker schrieen sie in ihrer Bowlingklasse «Sieg Heil» und «Heil Hitler» und hoben dazu ihre Arme zum Nazigruß. Sie hörten sich die gleiche Musik an: Dunklen, düsteren Industrial Metal von Bands wie Rammstein und KMFDM. Oberflächlich betrachtet sind diese «Bösartigkeiten» Faktum genug um elegant mit dem Finger auf Manson und ähnliche Bands zeigen zu können. Die brave Gesellschaft ist gerettet, schuld sind die anderen. Dann rüstet ihn die Plattenindustrie großherzig wieder auf und lechzt auf das neue Blutbad und das erneute Klingeln der Kasse. Auch wir, die Journalisten freuen uns auf das nächste Blutbad, denn auch bei uns klingeln die Kassen, ohne allzu tief in die Trickkiste gucken zu müssen. So kriegt der Liebling des Teufels Sekretärin was er dringend braucht: Publicity. Des Teufels Liebling weiss was «Es» tut. Manson

weiss was er tut – und macht sich seinen Reim auf die Sachverhalte. Man muss ihn in Bowling for Columbine gesehen haben, Michael Moores Oscargekrönte Dokumentation über eine Nation unter Waffen. In voller Montur, mit Leichenschminke und milchiger Lieblingskontaktlinse im linken Auge wirkt er entschieden weniger verrückt als die anderen Irren die diesen Film, den Präsidenten der Vereinigten Staaten und der Boss der «National Rifle Association» inbegriffen, bevölkern. Wie er in klaren, wohlgesetzten Worten das Böse als Schatten des Guten beschreibt und die Abwehr als Funktion der Angst. «Nicht Musik sondern Angst und Konsum sind Ursachen der Gewalt», meint Manson. So spricht nicht der Teufel, als vielmehr einer der die Mechanismen des «teuflischen» verstanden hat. Einen posterboy of fear nennt er sich vor laufender Kamera und rät seinen Kritikern der Jugend von heute lieber zuzuhören, statt sie zu verurteilen. Wer die Botschaft ernst nimmt und den Aufklärer unter der Teufelsfratze erkennt, kann aus seinen Werken manches lernen. Über Kreuzzüge und Gegenkreuzzüge. Über den latenten Fundamentalismus eines Landes, das seine Missionen mit Feuer und Schwert verfolgt. Darüber, dass eine Nation seine Feinde braucht, um sich selbst als Nation zu fühlen. Wie Michael Moore, doch mit drastischeren Mitteln, hält Manson seinen Landsleuten einen Spiegel vor, in den die moral majority ungern schaut, weil das Zerrbild der eigenen Kultur darin zu sehen ist. Er singt von der Verkommenheit der Gesellschaft im Allgemeinen und der weißen Mittelstandsgesellschaft im besonderen, von toten Göttern, toten Gefühlen, toten Präsidenten und einem Himmel, der so blau ist «wie eine Schusswunde» … zu viel für eine Gesellschaft die sich im Todeskampf befindet. In immer neuen, grandios eitrigen Farben malt er die Apokalypse an die Wand – und bleibt als Gefürchteter den Werten verpflichtet, die er bekämpft. Manson und der amerikanische Traum: eine Zwangsgemeinschaft zum wechselseitigen Profit. Freilich hat er auch diesen Zusammenhang längst durchschaut und in ein Diktum gegossen: «America needs Marilyn Manson as much as Marilyn Manson needs America.» Die Plattenindustrie freuts. Manson Runen schockieren nicht mal Europa Ob die Plattenindustrie mit der Marilyn Manson Attacke auf Europa ihre Erwartungen erfüllt und die Wellen der Empörung auch hier ihre Kreise ziehen und Millionen von neuen Käufern dem Bösen in Popstar-Gestalt verfallen, kann bezweifelt werden. Auch mit Nazi Outfit, SS Runen und anderem nationalsozialistischem Klimbim, wird er

wohl nur die ohnehin verängstigten hinter dem Ofen hervorlocken. Von den richtigen Neo-Nazis wird er verspottet, von den wirklichen Satanisten bemitleidet, von der Heavy Szene in allen Schattierungen als Kommerzhure links stehen gelassen. Europa ist, im vergleich zu Amerika zu aufgeschlossen und zu vielschichtig strukturiert. Vor allem aber fehlt in Europa die Macht des Tabus das der Provokateur dringend braucht, um es zu brechen: Ohne eine konservative Umgebung wirkt der Angriff halb so schockierend. Die letzte Lektion aus Marilyn Mansons kleiner Horrorschau besteht darin, dass Europa, nach einem halben Jahrhundert Demokratisierung durch amerikanischen Pop, liberaler geworden ist als das Ursprungsland. Versteht man auch dies als Spiegel, so hat seine Tournee eine durchaus positive Botschaft: Unter aufgeklärten Bedingungen ist auch der Teufel nur so ernst, wie man ihn nimmt.

Das Festivalprogramm Rock Oz’ Arènes vom 17. - 19. August 2005 in Avenches Hauptbühne - 17.08.2005 20h00 Ghinzu 21H30 MARILYN MANSON Casinobühne - 17.08.2005 19h00 Washington Dead Cats 23h00 Zatokrev Hauptbühne - 18.08.2005 20h00 Joseph Arthur 22h00 Good Charlotte 00h00 The Cure Casinobühne - 18.08.2005 19h00 The BeBa Orchestra 21h15 Rosqo 23h00 Buck 65 01h30 Super 700 Hauptbühne - 19.08.2005 20h00 Le Peuple de l‘Herbe 22h00 Sean Paul 00h15 Asian Dub Foundation Casinobühne - 19.08.2005 19h00 Sous la surface 21h15 Zenzile 23h30 Stress 01h30 Bubble Beatz


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SARAH ELENA SCHWERZMANN

wott nur tanze ■ Man könnte sagen, sie ist ein Sprachgenie. Obwohl... eigentlich doch nicht. Weil Schweizerdeutsch doch keine Sprache ist und Zürcher keine Sprachgenies sind. Und doch: sie sammelt, erfindet und lässt Wörter auferstehen, mit denen man eine Badewanne füllen könnte. Das macht sie wohl zu einer der besten Rapper, die die Schweiz in letzter Zeit so hervorgebracht hat. Genau. Rapper. Und nicht Rapperin. Denn Big Zis verdient es nicht, in einer eigenen, speziellen, behüteten Kategorie vorgestellt zu werden. Schlicht und einfach, weil das nichts bringen würde. Die Typen hat sie nämlich schon lange hinter sich gelassen: Sie schreibt tollere Texte als Bligg, hat eine schönere Frisur als Baze und kann fast (na ja übertreiben wollen wirs doch nicht) so gut Französisch wie mein persönlicher Held Greis. Und doch hat ihr Album keine grossen Wellen geschlagen. Oder sollte man besser sagen: genau darum. Man könnte sagen, sie ist eine der weiblichen Djs, die es in der Schweiz am weitesten gebracht haben (und wir reden hier nicht von irgendwelchen Tralala-TranceHitparaden-Scheiss-Djs). Und doch kennen sie in der Schweiz nur wenige. Einfach weil sich Sonja Moone-

ar darauf beschränkt, zu tun was zu tun ist, und nicht sinnlos rumzulabern und Zeit zu verschwenden. Diese Strategie hat die zierliche Genferin weit gebracht. Nicht nur, dass sie ihre Bookings bis nach Südamerika und New York führen, nein, Dj Hell hat sie auch noch auf sein Label International Gigolo geholt. Und dann wären da noch ihre diversen Nebenprojekte... Man könnte sagen, sie passt, mit ihrer hellen Haut und den dunklen Haaren, besser in ein verruchtes Marilyn Manson Video als alleine auf die Bühne. Auf jeden Fall denken das die Männer, die schon mal Schiss kriegen, wenn sie sehen, dass Water Lilly ihre Sachen so ganz alleine produziert. Lieber wäre es ihnen, da würde noch ein Mann hinten auf der Bühne stehen. Aber da gibt’s nichts zu machen. Zum Glück. 1996 hat Water Lilly mit dem Auflegen angefangen. Seit 1999 produziert sie ihre eigenen Tracks. Sie tritt in Berlin, New York und Paris auf, hat ihre eigene Radioshow und arbeitete mit Plastique de Rêve und St-Plomb zusammen. Noch Fragen, Jungs? Big Zis, Sonja Moonear, Water Lilly. Diese drei, und noch viele andere interessante Powerfrauen werden im

Rahmen des diesjährigen Sommerfoyers in der Berner Dampfzentrale auftreten. Nichts für schwache Nerven. Und nichts für schwache Jungs. Besonders wenn Big Zis Dj Mad Madam mitbringt. Eine Frau, deren Dj Skills sogar langjährigen Scratchmeistern die Tränchen auf die Backen zaubern. Nein, ich werd euch nicht verraten, wer das in einer schwachen Stunde ausgeplaudert hat... Aber wenn ihrs doch wissen wollt, könnt ihr ja hingehen – er wird in der ersten Reihe stehen und sich einen abflennen. Und wenn ihrs nicht wissen wollt, dann könnt ihr ja trotzdem hingehen. Lohnen tut es sich allemal. Infos Sommerfoyer – Frauen Spezial: Water Lilly und Sonja Moonear Freitag, 12. August 2005, 22 h Sommerfoyer – Frauen Spezial: Big Zis und Mad Madam Donnerstag, 18. August 2005, 22 h www.dampfzentrale.ch

WO WILLST DU HIN, MEIN LIEBER?

Abonnement schon bestellt? www.ensuite.ch

■ One Chip ist Jim Lusted. Noch nie etwas von ihm gehört? Kein Wunder. Wer will denn schon wissen, wer der Tontechniker der Stereo MCs ist? Umso besser für Jim Lusted, dass ihn ausserhalb der Szene niemand kennt, denn das würde nur von der Musik ablenken. Und das ist genau das Gegenteil von Jim Lusteds Ziel. Er will das Augenmerk gezielt auf die Musik richten, und hält sich darum dezent im Hintergrund. Oder anders gesagt: Er lässt seine Musik sprechen. Zielsicher kombiniert er als One Chip Aufzugsglöckchen mit sympathischen amerikanischen Schizoparolen, wie das selbst DJ Shadow nicht besser macht, nur um dann im nächsten Moment einen housigen Groove mit einem Perkussions-Kit zu

paaren, das jede Wunden heilt. Wo willst du hin, lieber One Chip? Falls du dir darüber noch keine Gedanken gemacht hast, hier ein Vorschlag: Geh ins Studio und mach eine neue Platte. Ich warte währenddessen. Dein Fan. (ses) CD: One Chip, «brv nu wrld» -EP, Kompakt www.zoralanson.net


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D I V E R S E S

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F I L M

HELEN LAGGER

wiedersehen am swimmingpool ■ Als Alain Delon, der französische Bürgerschreck, Romy Schneider nach Paris mitnahm empfanden die Deutschen es wie einen Raub. Man hatte Ihnen «Sissi» gestohlen. Für Romy Schneider begann jedoch endlich das wirkliche Leben. So muss es ihr jedenfalls vorgekommen sein. «Liebelei» hiess der Film für den die beiden Jungschauspieler den Vertrag unterschrieben hatten, ohne sich je gesehen zu haben. Wie eine Liebelei sollte ihre Beziehung allerdings nicht anfangen und schon gar nicht enden. 1958 flog Romy nach Paris und sollte Alain erstmals auf dem Flughafen treffen. Ein von der Filmproduktion für die Presse arrangierte Begegnung. Ex-Sissi war zu dieser Zeit bereits ein Star, Alain Delon ein noch unbekannter Schauspieler. Zwei Welten trafen aufeinander. Alain Delon aus einem Pariser Vorort stammend, war nach seiner Metzgerlehre ausgerissen um zur französischen Marine zu gehen und kam als Dschungelkämpfer in die Kolonie Indochina. Er wurde allerdings «unehrenhaft» entlassen. Ganz anders Romys Prägung. Sie kam 1938 in dem grossdeutschen Reich angeschlossenen Wien zur Welt. Die Eltern Magda und Wolf, beide Schauspieler, waren dem Führer eng verbunden. Romy wurde hauptsächlich von den Grosseltern und einem Kinderfräulein betreut. Später schickte man sie auf ein katholisches Internat. Alain Delon in seinem Buch: «Sie stammt aus der Gesellschaftsschicht, die ich auf der ganzen Welt am meisten hasse. Sie kann nichts dafür, aber sie ist unglücklicherweise von ihr geprägt. Ich konnte nicht in fünf Jahren das auslöschen, was ihr zwanzig Jahre lang eingetrichtert worden war. Die erste Begegnung verlief chaotisch, denn schon sprachlich konnten sie sich kaum verständigen. Zwischen dem verrückten, schnell sprechenden Wilden und der anständigen Romy herrschte erstmals Kriegszustand. Im Zug von Paris nach Brüssel, als sie gemeinsam an einen Filmball fuhren, verliebten sie sich schliesslich. Romy Schneider: «Ich war 19 Jahre alt, ich setzte zum ersten Mal meinen Fuss auf das Pariser Pflaster, und ich wollte eine grosse Liebe zu jemandem erleben, den ich anbetete. Für mich war Paris zuerst Alain Delon.»

Mit Alains kleinem grünen Sportwagen brausten sie durch die Umgebung von Paris, genossen die Restaurants von Saint-Germain-de Prés und besuchten Theater und intellektuelle Filme. Er nannte sie Puppele (Püppchen) sie nannte ihn Pépé. Die freie Jugend, die das Geld verachtete und zu der Alain gehörte, zog Romy magisch an und flösste ihr gleichzeitig Angst ein. Ihre Mutter Magda und der Stiefvater reagierten zuerst einmal mit Ablehnung, als sie von der Beziehung vernahmen. Da sie einsehen mussten, dass sie nichts mehr daran ändern konnten, beschlossen sie eine Verlobung zu arrangieren, damit das Ganze wenigstens eine Form bekäme. Unter Einberufung der Presse wurde Verlobung gefeiert. Romy empfand das ganze als Farce und befürchtete bis zuletzt, dass Alain gar nicht erscheinen könnte. Er erschien. Aus dieser Zeit stammen Fotos, die den antibürgerlichen Alain beim Ausstechen von Weihnachtsplätzchen, beim Schäkern mit Magda und beim Küssen mit Romy vor dem Tannenbaum zeigen. Zurück in Paris begann Romy ihr Leben als Französin. «Meine Heimat ist Frankreich. Ich will ganz französisch sein in der Art wie ich lebe, liebe, schlafe und mich anziehe», postulierte die in der eigenen Heimat mit Häme übergossene Schauspielerin. Schwierig war es allerdings, in Deutschland nicht mehr und in Frankreich noch nicht gefragt zu sein. Das Blatt hatte sich gewendet. Alain Delon war jetzt viel berühmter als sie und Romy gab zu, eifersüchtig auf seinen Erfolg zu sein. Durch Alain lernte sie aber auch Schlüsselfiguren wie Visconti und Chabrol kennen. Doch die Entwicklung zur Charakterdarstellerin verlief alles andere als reibungslos. Romy Schneider wurde immer wieder von Zweifeln geplagt und fühlte sich oft wie in einer Sackgasse. Sie schwankte zwischen den Rollen der Karriere orientierten Schauspielerin und dem Wunsch sich ganz dem Mann zu widmen, den sie liebte. Dieser hatte allerdings sowieso andere Pläne. Alain heiratete 1964, vier Jahre und acht Monate nach der Verlobung mit Romy eine andere. Romy Schneider: «Er hat mich unentwegt betrogen. Ich war zu Dreharbeiten in Amerika. Ich kam zurück, die Wohnung in der Avenue de Messine war leer, niemand mehr da. Da stand ein Rosenstrauss, daneben lag ein

Zettel, da stand drauf: Ich bin mit Natalie nach Mexiko, alles Gute, Alain». Wenig später schenkte Natalie Alain einen Sohn. Romy gestand, dass die Liebe zu Alain oft eine Quälerei gewesen war. Sie selbst hätte ihn jedoch nie aufgegeben. Sie hatte einen Geliebten verloren, den sie als Freund wiedergewinnen sollte. 1968 sahen sie sich erstmals nach der Trennung wieder. Die Begrüssung erfolgte wie beim ersten Treffen auf einem Flugplatz. Romy war jetzt mit Harry Meyen verheiratet und hatte einen Sohn. Alain hatte ihr am Telefon vorgeschlagen, mit ihm als seine Partnerin im Krimi «Der Swimmingpool» mitzuwirken. Sie sagte zu. Ein glaubwürdigeres Liebespaar konnte sich kaum finden. «Ich küsse ihn, wie ich jeden anderen Schauspieler auch küssen würde», notierte Romy in ihr Tagebuch. Trotzdem liess sie sich in einem Brief an eine Freundin lange über Alain Delon aus und berichtet von den Dreharbeiten wie ein verliebter Teenager. Die prickelnden Szenen im azurblauen Wasser eines Pools in Saint-Tropez gingen jedenfalls in die Filmgeschichte ein. Der Film endet in einem Mord. Romy und Alain trennten sich als Freunde. Und einen Freund konnte Romy Schneider in den kommenden Jahren gebrauchen. Die Ehe mit Harry Meyen erwies sich als Irrtum, die kommenden Männer als Nieten und schliesslich sollte der tragische Tod ihres innig geliebten Sohnes David ihr das Herz brechen. Mit nur 43 Jahren schied Romy aus dem Leben. In einem im Paris Match veröffentlichen Brief nahm Alain Delon Abschied von seiner einstigen Geliebten. «Mein Püppchen, ich schau Dich immer wieder an, immer wieder. Ich will Dich mit meinen Blicken verschlingen und Dir immer wieder sagen, dass Du nie so schön und ruhig warst. Ruhe dich aus. Ich bin da. Ich habe von Dir ein wenig Deutsch gelernt. Die Worte: Ich liebe Dich. Je t’aime. Je t’aime, mein Püppchen. Alain.» Ein mörderischer Film für eine heisse Sommerfilmnacht : La Piscine Frankreich/Italien 1968 Regie Jacques Deray DVD erhältlich bei Amazo.fr


M E N S C H E N

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EVA MOLLET

die freude am leben, die liebe und meine waden treiben mich an ■ Manchmal, wenn du am Strassenrand stehst, flitzt etwas Rot-Schwarzes an dir vorbei. Ein behelmtes Wesen mit Tasche am Rücken. Eines von ihnen habe ich getroffen. Splint ist sein Name und Velokurier ist sein Beruf. Das war nicht immer so. Neben der Liebe hat Splint zwei grosse Leidenschaften: das Biken und die Fotografie. Der Name Splint kommt aus der Jugendzeit. Er hat gerade seine Schreinerlehre angefangen, als er als Leiter der Wölfe zu den Pfadfindern stösst. In einem Holzbuch wird nach dem passenden Namen gesucht, Splint. Splintholz ist der Name für die lebenden jüngsten Jahresringe in einem Baumstamm, unverhärtetes Holz, Nährstoffträger. Splint arbeitet zuerst als Schreiner danach als Modellbauer bei einem Sitzmöbelfabrikanten. Er kann beim Entwerfen neuer Produkte mithelfen. Dies ist sein erster Traumjob. Er gibt ihn auf für seinen zweiten Traumjob als Velokurier in Bern. Der Job passt zu seinem Bedürfnis, täglich in die Pedale zu treten. Als Kurier fährt Splint an einem Arbeitstag ca. hundert Kilometer - und er versucht die Verkehrsregeln zu achten. Das Pedalen macht Splint glücklich. «Ich bin den ganzen Tag für mich solo unterwegs und bin trotzdem in einem guten Team.» Im Job als Velokurier kommt alles Wichtige von früher zusammen. Als Schreiner hobelt er Holz, heute hobelt er durch die Strassen. Früher war er Pfad-Finder, als Kurier sucht er immer den kürzesten Weg. Die Schnelligkeit löst das Immer-wieder-fahren-wollen-Gefühl aus. Aber damit nicht genug. Jeden Donnerstag und Sonntag fegt

Splint mit seinen Bikerbuben, den Jurazen durch unwegsames Gelände, über Stock und Stein. Ohne Motor, angetrieben aus der Kraft von strammen Waden. Vier wilde Buben auf rollenden Pferden. Adventure zur Entspannung. Zur Fotografie findet Splint mit sechzehn. Auf der Suche nach neuen Blicken und Winkeln, kauft er sich seine erste Pocketkamera. Er will alles Besondere festhalten, um nicht zu vergessen und um anderen zu zeigen, was er alles sieht. Die Kamera ist überall dabei. Für die Reise nach Chile kauft sich Splint seine erste Spiegelreflexkamera. Mit vierundzwanzig gewinnt er den ersten Fotowettbewerb zum Thema 9.9.1999. Er fotografiert an diesem Tag seine Oma, im pink Pullover im Garten vor dem TV-Gerät sitzend. Auf dem Bildschirm ist das Datum zu sehen, im Hintergrund mäht ein junger Gärtner den Rasen. Die damit gewonnene Spiegelreflex verkauft er, um das Geld in eine Nikon F5 zu investieren. Mit der neuen Kamera entstehen s/w Bilder in der Badeanstalt Langenthal. Er fotografiert im Winter ohne Wasser, ohne Badegäste. Nach der Amerikareise organisiert Splint seine erste Fotoausstellung. Splint will alles selber machen, denn alles macht irgendwer selbst. Was fasziniert ihn am s/w Bild? Flächen und Linien, Hell und Dunkel stechen klarer hervor als bei der Farbfotografie. Heute kann Splint sein WG Zimmer im Hand umdrehen in ein Fotostudio umfunktionieren. Er wünscht sich, dass ihm die Ideen nie ausgehen. Die Uhren sollten sich langsamer drehen, damit er alle umsetzen kann.

Hast du zufällig die zweitägige Fotoausstellung Flachland in der Backstube Bern gesehen? Er stellt Bilder von seiner Reise nach Holland aus. Die Bilder im Mittelformat zeigen u.a. L andschaften, die er schon vor der Abreise im Kopf sieht. Er findet, wonach er sucht. Glatte Wasseroberflächen spiegeln die Umgebung, Sonnenstrahlen, Wolken, Gräser, Tannen und verlassene Gebäude. Eine friedliche Einsamkeit. Zur Ausstellung fertigt Splint fünfzehn handgebundene Bücher an. Im letzten Sommer steigt Splint mit der Kamera und den Badenden in die Aare. Die Bilder hängt er anschliessend an die Gitterzäune entlang dem Aareufer. In diesem Jahr fotografiert Splint die Aare-Schwimmenden aus der Vogelperspektive. Dazu steigt er mit einem rutenähnlichen Konstrukt ins Wasser. Die alte Pocketkamera kommt hier wieder zum Einsatz. Wenn alles nach Plan läuft, werden die Diabilder irgendwie, irgendwo, irgendwann in Bern auf Glas projiziert zu sehen sein. Übrigens wirst du Splint sofort erkennen, wenn er mal ohne Helm durch die Strassen saust oder in einem Cafe sitzt. An seinem glatt rasierten Kopf hängt eine schwarze Krähenfeder. Sie ist an einem einzigen Haarbüschel befestigt. «Die Feder kann mir niemand nehmen, sie ist das Zeichen für meine Freiheit.» Vor diesem Zeichen muss sich sogar das Militär beugen, weil sich kein Reglement findet, das Splints Kopfschmuck verbieten könnte. Die Feder trägt er schon seit zwölf Jahren.


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E S S T I P P

SANDRA D. SUTTER

st. gervais, biel

STADTLÄUFER ■ nr. 11 // bedingungslos. Im Sommer wäre diese Stadt so wundervoll, aber jeder noch so schöne Platz, jede sonst so gemütliche Ecke schmerzt. Alles erinnert an – ach, nennen wir sie einfach Liebelei. Also alles erinnert an Liebelei, and Liebelei has gone. Und während die Sonne draussen den Asphalt zum Kochen bring, fühlt sich mein Inneres wie eine Kühltruhe an. Vor vier Jahren hat es mich zum zweiten Mal hierher verschlagen, und nur die ersten sechs Monate davon waren ohne Liebelei. Wir frönten dem Nachtleben. Hielten Händchen in Gartenbeizen. Sind vor dem Regen unter die Vordächer geflüchtet. Jetzt muss ich selber von hier flüchten, damit mich Bern nicht erdrückt. Bin schon durch die Gassen meiner Mutterstadt gestreunt, habe Obdach bei Freunden gefunden. Sogar in Zürich war ich schon, obwohl ich sonst für die heimliche Hauptstadt nicht des Lobes voll bin. Aber ich komme wieder. In emotional schwierigen Zeiten hilft (pseudo)rationales Denken: In diese Stadt verliebte ich mich schon 1996, und hängen geblieben bin ich zum ersten Mal 1999. Dann zwei Jahre Pause und seit 2001 wieder. In Liebelei verliebte ich mich hingegen erst ein Jahr später. Meine Liebe zu Bern ist also alt (nein, sehr viel älter!) und ich werde sie mir zurückerkämpfen, wenn’s sein muss Stück für Stück. Jeden schönen Platz, jede gemütliche Ecke werde ich wieder bedingungslos lieben. Und während der Schnee draussen den Asphalt bedecken wird, wird es in meinem Inneren wieder wärmer werden. (al)

■ Schwüle... Gedonnert hat es um 6 Uhr in der Früh. Das Frühstück ist längst verdaut. Ein paar Schokomints am Mittag, eine Handvoll Kirschen zum Zvieri. 18.00 Uhr und mein Magen knurrt seit einer Stunde hartnäckig. Die Stoffe kleben auf der frischgeduschten Haut. Himmel, was denn jetzt anziehen, bei diesem Wetter, ein Sommerabend wie in den Tropen und die Beine unrasiert...18.30 Uhr. Mein Weg zum St. Gervais führt durch den «Podring» (die Bieler Kulturwoche für Zuhausegebliebene in der Bieler Altstadt). Im Vennerbrunnen wird geplantscht, gespritzt, wird mit herangefahrenem Sand «wir sind am Meer» gespielt. Bandwechsel, ruhige Feststimmung, es riecht nach Asiatisch-Indisch-KebabCrêpes, nach Hotdogs-Baguetteschauds. Mein Magen drängt weiterzugehen, im weitesten Sinn Richtung Solothurn – Delémont, im näheren Richtung Obergasse, dann rechts die Gewölbetreppe hinunter in die Untergasse. Beim «Haus gepflegter Gastlichkeit» im Hof findet eine Lesung statt: «...machen Sie sich auch einen Höhepunkt...», tatsächlich, ja!, ich gehe essen. Die Leute lachen, einige klatschen, dann bin ich beim St. Gervais, auch Abten- oder Bellelayhaus genannt (Geschichte nachzulesen auf www.stgervais.ch). 19.15 Uhr. Einige sitzen drinnen an langen Holztischen – Teller werden gerade serviert, worauf ein Bärtiger mit zwei erhobenen Daumen in Richtung Küche zeigt und einen Namen ruft. Ein anderer am gleichen Tisch winkt aus den riesigen Fenster auf die Strasse.... man kennt sich. Das Grotto würdige ich mit einem wohlwollenden Blick. Wir, das sind er, sie und ich, sitzen draußen. Er und sie kennen auch einige, grüßen und küssen hier und dort auch – ein anderer Brunnen plätschert, Regenbogenmobiles drehen über meinem Kopf. Ich fühle mich in den Ferien – die blaue Tischplatte ist das Mittelmeer, die gelben Tischsets sind die südliche Sonne die darauf glitzert. So sitzen wir und genießen die Altstadtambiance ohne Verkehr. «...Ist das schön in Biel, bluttfuß in Sandalen und mit roten Zehennägel....» sagt sie. Spontan wollen wir alle das Gleiche. Die Bedienung ist aufmerksam, wir sind unschlüssig. Das Angebot ist groß, reicht von Leopoldsuppe bis zur Käseplatte, Salate, Fleisch, Teigwaren, Fische, bis in die weite Welt: Biryani und Marokkanisches Couscous. Ein beachtliches Tee- und Weinsortiment verzögern unseren Entscheidungsprozess. Schließlich bestellen wir zweimal das Gleiche, also Lammgigotsteak an kalter Kräuter-Senf-

sauce mit Ofenkartoffeln und Gemüse, einmal Truthahnbraten an Calvadossauce Kroketten und Gemüse und verschiedene Vorspeisen. Mit dem Achtuhrgeläut der Stadtkirche kommen kalte Gurkensuppe, griechischer Salat - die kleinen aromatischen Oliven erinnern mich an meine schönste Zeit auf Kreta... - Melonen mit Schinken. Eine Taube nippt Wasser vom Brunnen, ein Schwarm Mauersegler flitzt über unsere Köpfe. Das St.Gervais ist ein Ort wo man sich trifft, Zeitung liest, an langen Tischen trinkt und isst, - manche kommen speziell dafür. Sie zum Beispiel, regelmäßig seit 2 Jahren immer am Montagmittag, weil erstens geöffnet, zweitens die Abwechslung der Menues bemerkenswert – die Mittagsmenues ab sofort unter www.stgervais.ch abrufbar - und drittens das Preis-Leistungs-Verhältnis außerordentlich stimmt - wo man Schach spielt, raucht oder auch nicht, erzählt, diskutiert oder einfach sitzt. Wo Begegnungen über den eigenen Kreis hinaus stattfinden, wo Offenheit, Toleranz und Verantwortung erlebbar werden. Nach einer Vorspeise und dem Hauptgang sitzen sie und er mit glücklichen Bäuchen und einem weiteren Glas biologischem Wein (Vinya Laya) zufrieden und ohne weiteres zu begehren mir gegenüber. Ich begehre noch, weil schließlich Sommer und Ferien, die Gelegenheit und die Gesellschaft, alles so gut schmeckt und überhaupt so viel passt und bestelle ein Kirschenparfait. Der Teller kommt mit drei Löffeln. Was in der lichtgedämpften Atmosphäre optisch nicht mehr ganz erkennbar ist, er tippt auf Schwartenmagen, schmeckt wunderbar erfrischend und nicht zu süß. In diesem Moment taucht einer in seiner ganzen Länge in den Brunnen. Wassertröpfchen spritzen auf den Tisch – Gelächter. 23.00 Uhr. Am Podring spielt vor großem Publikum das letzte Konzert. Die Sandburgen sind sich selbst überlassen. Es riecht nach Asiatisch-Indisch-Kebab-Crêpes, nach Hotdogs-Baguetteschauds. Nach Bier. Nach Liebespaaren. «...Oh, Sie haben ein schönes Lächeln...» Ja, Höhepunkte machen das. St. Gervais, Gastfreundschaft Bienne GmbH Untergasse 21 2502 Biel/bienne T+41 32 322 48 22 Mo – Sa 9.30 – 00.30, So 14.00 – 23.30, Di 9.30 – 15.00 www.stgervais.ch


C A R T O O N

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www.fauser.ch

KLAUS BONANOMI

VON MENSCHEN UND MEDIEN Was hat Paul Klee mit dem Terror in London zu tun? ■ Am 7. Juli 2005 vormittags, als die Bomben in der Londoner Metro und im roten Doppeldeckerbus hochgingen, war ich im neuen Zentrum Paul Klee - versunken in die Betrachtung der Sammlung, der Sonderausstellung «Nulle dies sine linea» über das Schaffen Paul Klees in seinem letzten Lebensjahr, versunken in die Betrachtung der wunderbar leichten, transparenten Architektur Renzo Pianos... Ich war für einige Stunden weit weit weg, in einer anderen Welt. Und dann gegen Abend eine heftige Rückkehr ins Hier und Jetzt: Am Bahnhof verteilten Kolporteure eine Blick-Sondernummer zu den Terror-Anschlägen von London. Keine acht Stunden nach den Attentaten hatte es der Blick fertig gebracht, mit einer Extra-Ausgabe in den Bahnhöfen von Zürich, Basel und Bern präsent zu sein; die Blätter gingen weg wie warme Weggli. Neben vielen Fotos, einem Korrespondentenbericht und Agenturtexten enthielt das achtseitige Extrablatt auch eine Kopie des (angeblichen?) Al-Kaida-Bekennerschreibens in arabischer Schrift. Eine journalistische und logistische Extraleistung: Damit das Extrablatt ab 17 Uhr den Pendlern in den grossen Bahnhöfen abgegeben werden konnte, musste unter grossem Zeitdruck gearbeitet werden. «Gegen Mittag verdichteten sich die Meldungen aus London zu einem immer schlimmeren Bild. Wir merkten, dass dies wirklich ein grosses Ereignis war, und entschieden uns deshalb gegen 13 Uhr, ein Extra-Blatt herauszugeben», erklärte mir Rolf Cavalli, der für das Extrablatt verantwortliche Blick-Redaktor. «Vor 15 Uhr war bereits Redaktionsschluss. Dann legte die Druckerei in Adligenswil eine Sonderschicht ein, und die druckfrischen Zeitungen wurden an die Verteilzentren

gefahren und von eigens aufgebotenen Verträgern unter die Leute gebracht. Das alles funktionierte nur dank gutem Teamwork!» Und dann musste die Redaktion die «normale» BlickAusgabe des nächsten Tages produzieren – nochmals zehn Seiten, diesmal mit mehr Hintergrund, Interviews und Einschätzungen. – Viel Aufmerksamkeit also für die Bombenleger! Betreiben der Blick und die anderen Medien damit nicht letztlich das Geschäft der Terroristen, die ja buchstäblich um jeden Preis die öffentliche Wirkung suchen? Blick-Mann Cavalli antwortet auf meine Frage klar: «Nein! Die weitaus grösste Wirkung haben die TV-Bilder von CNN und BBC. Den Terroristen ist es doch egal, ob in einem kleinen Land wie der Schweiz noch einige zehntausend Extrablätter gedruckt werden!» Dennoch: Ohne die Massenmedien rund um den Globus könnte der Terror seine verheerende Wirkung nicht entfalten. Und da kommt ihnen noch eine weitere Entwicklung zugute: Schnell wie nie zuvor waren diesmal am Fernsehen und tags darauf auch in den Zeitungen Handy-Bilder von Augenzeugen der Attentate zu sehen. Zwar oftmals verwackelt, unscharf und düster, brachten sie doch einen ersten Eindruck von Authentizität in die Berichterstattung der Zeitungen. Bereits wenige Minuten nach den Attentaten trafen bei der BBC erste Bilder ein; nach einer Stunde habe man bereits über 50 Bilder verfügt, später gar über Tausende von Bildern und auch Videoclips, sagte eine BBC-Sprecherin. Auch an die Nachrichtenagenturen und Zeitungen wurden Bilder geschickt; und auch via Internet wurden Bilder verbreitet. Offenbar hat mittlerweile fast jedermann ein Handy mit

eingebauter Kamera; und es scheint so etwas wie einen Reflex zu geben: Wenn etwas geschieht, wird das Handy gezückt und das Bild weitergeschickt; und via Weblog und Internet-Foren tauschen die Menschen gegenseitig ihre Erlebnisse und ihre Einschätzungen aus. «Die Technik verflacht die mediale Hierarchie zwischen Laien und Professionellen», schrieb dazu die NZZ auf ihrer Medienseite treffend. «Das tragische Ereignis von London dokumentierte erneut, wie die Interaktionen zwischen den etablierten Medienbetrieben und dem Publikum zunehmen.» Eine Demokratisierung des Mediengeschäfts also, weg von der Einweg-Kommunikation, hin zur Interaktivität also...? Das Publikum, so scheint es, emanzipiert sich mehr und mehr von der alleinigen Deutungsmacht der herkömmlichen Medien und bildet sich seine eigene Meinung in der direkten Kommunikation mit seinesgleichen. «We are not afraid» – dieses Motto machte im Internet zehntausendfach die Runde; ein kleines Zeichen gegen die mächtige Wirkung des drohenden Terrors. Doch was sich auf diese Art verbreitet, ist oftmals ein wilder Mix aus Wahrheit und Lüge, Gerüchten und Widersprüchen; üble Scherze stehen neben seriösen Blog-Notizen... Hier liegt denn auch weiterhin die Aufgabe der «herkömmlichen» Medien: in der zuverlässigen Information und der kritischen Reflexion. Und dafür braucht es nicht nur das schnelle Blick-Extrablatt, sondern auch die fundiertere Ausgabe vom nächsten Tag; es braucht ebenso die Hintergrundsendungen von Radio und TV, und es braucht auch weiterhin gute Tagesund Wochenzeitungen.


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L E T Z T E

L U S T S E I T E

Hinweis: Die Texte auf der letzten Lustseite sind nicht ganz jugendfrei. Wir bitten die LeserInnen unter 18 Jahren, diese Texte aufzubewahren und erst bei bei voller Reife zu lesen. ■ weil ich nicht schlafen kann. und mir vorstelle, was denn deine hand machen würde, wenn man sie lassen würde. wenn ich sie lassen würde genauer. wo sie hin gehen würde, welchen weg sie nehmen würde. deine hand mit der kleinen narbe, mit den linien den feinen. mit den blutbahnen, warm ist sie, deine hand, und deine finger sind ganz zärtlich und doch auch ziemlich fordernd. und diese härchen drauf, weisst du, ich kann mit meiner einen hand deinen daumen halten, fest halten, und mit der anderen hand kann ich die härchen streicheln und langsam die linien, die blutbahnen entlang fahren bis dort, wo dein pullover beginnt. der ist zum glück nicht grad eng und ich kann drunter, dort, wo es spannend wird und dazu in deine augen schauen. du weisst ja selbst, wie gefährlich das alles ist, oder? ich mein, diese tabuzone, die ist überschritten, schon nur dadurch, dass ich die trennlinie des pullis überschreite. bewusst überschreite, anders als wenn das zufällig geschehen würde. deine augen zeigen die antwort. gut, das war schon vorher so, du bist schon abgeschweift während der gespräche, du hast dich ablenken lassen, während dem ich erzählte. du hast plötzlich etwas neues an mir entdeckt und registriert und gemeint das wäre nicht spürbar. sichtbar war es nicht, spürbar schon. ich weiss, nein falsch, meine hände wissen, was sie erwartet, jenseits der linie. die wissen, wie das immer weiter geht, wie sich die haut anspürt und wie sich dein atem verändert. die wissen, was sie tun müssen oder was sie tun wollen. die spüren dein leeres schlucken, bevor du es denkst.

meine hände tasten sich deinen arm hinauf, überwinden die heikle stelle innen im arm, die fahren langsam rauf, bis sie die nächste hürde nehmen. drübergleiten, deine schlüsselbeine ertasten, dann langsam runter fahren. zu deiner brust, sicher bist du behaart (weiss ich das? von wo weiss ich das, warum weiss ich das?). meine hände warten auf deinen schnelleren herzschlag, sie warten darauf, die feine temperaturveränderung der haut zu spüren. die finger spüren sogar das zusammenziehen, das sehnsüchtige, man weiss mit den fingerspitzen wie du hoffst, es gehe nicht weiter. und dann, dann erst werden diese hände deine brustwarzen finden und warten. dort warten. weil es wird an mir sein, jetzt, leer zu schlucken und erstaunt über den eigenen mut inne zu halten. die hände sind aber irgendwie eigenständiger und denken nicht, sie fahren einfach weiter. spielen mit deinen brustwarzen, die reagieren werden. sehr. und ich weiss, dass sie noch weitergehen werden. auch deine hände warten nicht und schüchtern sind sie auch nicht, eher ungeduldig. deine finger sind flattrig und nervös und wollen schon jetzt zwischen mittel- und zeigefinger hinunter fahren und sich in der mitte ausruhen und dazu deine augen in meinen. sich versenkend. du hörst genau so mein herz schlagen wie ich deines höre und spürst genau so die änderung der haut. wie sie röter und straffer und wärmer wird und wie alles innendrin dir sagt, du sollst nicht aufhören. das spürst du, spürst du auf dem handrücken mich streichelnd. dann, dann erst fahre ich deinen bauch langsam runter und finde die li-

nie die mich weiter führt. die linie in der die härchen so nach innen wachsen, du weisst schon, wie bei tierchen. und diese grenze nun, die lässt mich sprachlos werden, atemlos. ich warte auf dich hier, warte, das auch du den weg zu meiner linie findest, den ganzen langen weg mit all seinen abzweigungen und verästelungen und möglichkeiten. all die kuhlen und sanften hügel, täler. und dann bist du am selben ort angekommen wie ich, und beide halten inne und warten. stille, pause. deine augen in meinen, und dann erst – langsam, zögernd überschreitest du eine weitere kleidergrenze. ein elastisches bördchen, fährst darunter, wartest. streichelst mein fliess und deine finger sind wie wünschelruten, die, mit denen man wasser findet. deine finger finden, wie schnell sie finden! und nicht mehr weg wollen; sie bleiben, sie spielen, sie wollen alles und doch nicht wirklich und dann plötzlich bist du in mir drin, in meiner weichheit, in meiner nässe, in meiner hitze. und ich, ich bin immer noch wartend, anklopfend eigentlich, aber du kommst mir entgegen und dann wird alles unübersichtlich und läuft nicht mehr chronologisch. und deine bewegungen sind eindeutig und auch deine finger die jetzt anderen linien folgen. was hast du dir bloss dabei gedacht! und der ganze unübersichtliche, zusammengeschweisste körper, der früher mal aus zwei körpern bestand kann sich gar nicht mehr als zwei empfinden, deine finger in mir sind schnell und rhythmisch und deine finger aussen an mir auch und deine augen sind in meinen und... (vonfrau)

impressum ensuite – kulturmagazin erscheint monatlich als Gratis- und Abonnentzeitung. Auflage: 10‘000 / davon 1‘300 Aboversand Adresse: ensuite – kulturmagazin; Sandrainstrasse 3; 3007 Bern; Telefon 031 318 6050; AUGUSTl: redaktion@ensuite.ch Herausgeber: Verein WE ARE, Bern Redaktion: Lukas Vogelsang (vl); Stephan Fuchs (sf); Anna Vershinova (av)/ Klaus Bonanomi, Jean-Luc Froidevaux, Helen Lagger, Isabelle Lüthy, Till Hillbrecht (th), Andy Limacher (al), Marta Nawrocka (mn), Eva Mollet, Karl Johannes Rechsteiner (kjr), Sarah Stähli (ss), Simone Wahli (sw), Sarah Elena Schwerzmann (ses); Sonja Wenger (sjw), Vonfrau (Redaktion) Gastautoren: Benedikt Güntert Cartoon: Bruno Fauser, Bern; Telefon 031 312 64 76 Agenda: bewegungsmelder, Bern, allevents, Biel; ensuite - kulturmagazin Abonnemente: 45 Franken für ein Jahr/ 11 Ausgaben. Abodienst: 031 318 6050 Web: interwerk gmbh/ www.aloco.ch Anzeigenverkauf: interwerk gmbh, 031 318 6050 - www.ensuite.ch Gestaltung: interwerk gmbh; Lukas Vogelsang Produktion & Druckvorstufe: interwerk gmbh, Bern Druck: Fischer AG für Data und Print Vertrieb: Gratisauflage an 350 Orten im Kanton Bern; passive attack; Telefon 031 398 38 66 Redaktionelle

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wünscht bis zum 11. des Vormonates. Über die Publikation entscheidet die Redaktion. Bildmaterial digital oder im Original beilegen. Agendahinweise bis spätestens am 20. des Vormonates. End-Redaktionsschluss der Ausgabe ist jeweils am 20. des Vormonates. (siehe auch

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