Issuu on Google+

ensuite u

l

t

u

r

m

a

g

a

z

i

n

nr.

42/43

juni / juli 2006 | 4. jahrgang

k

herrrrreinspaziert!

starke kulturb旦en im s端dwesten what you see is what you get.. the da vinci code - ein sakrileg? ein st端ck vom kuchen f端r die cappella


ensuite - kulturmagazin verschenkt:

20 x Gratis ins Kino: «Je ne suis pas là pour être aimé.» Der Film läuft ab 29. Juni in den Kinos. Weitere Infos auf unserer Webseite. Die Tickets können an einem beliebigen Tag, aber nur für diesen Film, dafür in der ganzen Schweiz eingelöst werden. Es hat solange Vorrat - die ersten sind die Gewinner.

www.ensuite.ch oder Telefon: 031 318 6050

Kultur Casino Bern Das Programm für die Saison 2006/07 ist eingetroffen! 6 Konzerte mit Spitzenorchestern aus Europa und Südamerika, profilierte Dirigenten, viel versprechende Solisten und unvergleichliche Programme warten auf ein musikbegeistertes Publikum. Das Programm ist ab sofort erhältlich über Tel. 031 859 77 43 oder via e-mail: lilian.schlatter@gmaare.migros.ch Die Klubhaus-Konzerte sind Veranstaltungen des Migros-Kulturprozent.

Kulturbewusst. ensuite - kulturmagazin im Abonnement. www.ensuite.ch


h

KULTUR&GESELLSCHAFT what you see is what you get... 6 | à paris 7

LITERATUR

n

julia franck, wladimir kaminer, gerold späth 18 | letzte lustseite 40

BÜHNE starke kulturböen im südwesten 12 | theater-background 20 | herr und frau schweizer im steigrüebli 28 | der scharfrichter in berns gassen 78

Vor allem... ■ Wenn das so weiter geht mit dem Wetter, werden wir arbeitslos. Gemäss unserer Internetstatistik hat das Wetter nämlich eine grosse Auswirkung auf – so vermuten wir – das Ausgehverhalten der BernerInnen. Kaum kommt der Regen und das wetterliche Chaos, fällt die Besucherzahl auf www.ensuite.ch zusammen. Das gleiche natürlich auch, wenn superschönes Wetter herrscht. Die Statistik war vom 5. – 21. Mai in einem unglaublichen Sturzflug – und dies obwohl wir auf Google den ersten Platz eingenommen hatten. Danach war alles wieder wie vorher. Nun, was das Wetter betrifft, kennen wir fast nur noch die beiden Extreme: schön oder schlecht. Alles dazwischen ist uns abhanden gekommen. Müssen sich Kulturveranstalter bei der Programmierung in Zukunft nach dem Wetterfrosch oder den Propheten aus dem Muotatal richten? Chaos prägt aber auch unsere Kultur. Wenn nicht ich um das Wetter wettere, schreien die einen, Kultur fördere die Wirtschaft und man solle mehr Geld in die Kultur stecken, damit die Wirtschaft wieder Aufschwung kriegt. Wieder andere verteilen Subventionsgelder über den Daumen, mal so und mal so… doch fehlt es überall an handfesten Daten. Gleich zwei Kulturkonzepte stehen zur Diskussion – das heisst wir schwimmen in Zukunft kulturell fast führungslos - und die Pro Helvetia geht nach China, statt im eigenen Land den Kulturbegriff zu festigen. O.k., auch das Bundeshaus ist jetzt eine Baustelle. Gute Aussichten – das Wetter soll im Juni noch immer doof sein. Nur hier in der Reaktion von ensuite – kulturmagazin – so lässt vermuten - scheint die Sonne. Erstaunlicherweise. Sie halten die letzte Ausgabe vor der Sommerpause in den Händen und irgendwie sind wir so fröhlich. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir immer sehr realistisch in die Zukunft geblickt haben und nur positiv überrascht worden sind. Über 40 Menschen produzieren unterdessen dieses 80-seitige Monatsheft zum Nulltarif. In den letzten Tagen konnten wir uns vor den vielen Artikeln kaum noch retten und das Heft ist schon wieder bis zum Anschlag gefüllt. Wir werden uns jetzt in die Karibik begeben und über das weitere Vorgehen grübeln. Die nächste Ausgabe kommt bestimmt – aber erst im August. Solange können Sie, liebe abolose LeserInnen, darüber nachdenken, ob Sie uns nicht mit einem Abonnement unterstützen wollen. Denn, wenn das Wetter schlecht ist, so haben Sie mit uns noch immer die Möglichkeit, auf dem Sofa rumzuhängen und sich wenigstens kulturell-intellektuell zu bilden… Eine wunderschöne Sommerzeit wünsche ich auf jeden Fall. (Wo sind eigentlich schon wieder meine Badehosen…?)

Lukas Vogelsang

i

Titelseite und rechts: Saisonschluss Bee-flat: World Women Voices Lura (Cape Verde), 4. Juni 2006 // 21:00 h

a

l

t

3

artensuite abstrakte zeichen, mentale bilder 32 | (ein)gefangene flüchtigkeit 33 | ein lehnstuhl für den geistesarbeiter 33 | zwischen melting pot und segregation 34 | skulptur `06 - mettlen, die dritte 35 | kunst im buch 36 | galerien in bern 37 | augenspiel 39

KINO/FILM what the bleep do we (k)now?! 23 | alternative zur fussball-wm 2006 23 | united 93 24 | the da vinci code - ein sakrileg? 24 | angel-a 25 | das andere kino 26

MUSIK schmetterlingstag 16 | ch-ch-changes? 16 | cd-tipps 17 | ECM listening post 17 | jackass und jazz 20 | die tage der musikalischen knobeleien sind gezählt 21

LIFESTYLE herrrrreinspaziert! 28 | stadtundland 79

DIVERSES kulturnotizen 4 | nur ein steiniger weg kann nach oben führen 20 | stadtläufer 22 | tratschundlaber 25 | menschen & medien / fauser cartoon 29 | menschen: debora zwischen zomm und totale 30 | als er vom ungeheuer schreibblockade träumte 69

KULTUR-PR irritation des gleichgewichts - zeitgenössische kunst im zentrum paul klee 8 | musikalischer ausklang der max beckmann-ausstellung im zentrum paul klee 9 | 19. berner tanztage 10 | ein stück vom kuchen für die cappella 13

STADT THUN gartentor in spitzbergen 15 | stattrundgang 78

AGENDA kulturagenda bern 41 | museen bern / biel / thun 70 | kulturagenda biel 72 | kulturagenda thun 77


4

K U L T U R N O T I Z E N

BILDER ÜBER DIE SEHNSUCHT NACH DEM UNBEKANNTEN ■ «FERNWEH» – diesem uns allen wohlbekannten Gefühl widmet Gerda Künzi-Boss ihre Ausstellung von rund vierzig Werken im Schloss Hünigen. Die gelernte Textilgestalterin hat bereits im Rahmen mehrerer Ausstellungen bewiesen, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit textilem Material jenseits von Patchwork und Seidenmalerei stattfinden kann. Seit ihrer Kindheit begleitet Gerda Künzi-Boss die Faszination an alten und neuen Stoffen. Ihr besonderes Interesse gilt «gelebten Stoffen», die Menschen eine zeitlang durch ihr Leben begleitet haben und denen dadurch eine eigene Geschichte anhaftet. Während der jahrelangen künstlerischen Beschäftigung mit Stoffen hat sie eine ganz eigene Technik entwickelt: «Papier, viele Schichten mit transparenten Stoffen übereinander geschichtet, genäht, gewaschen, gebürstet und weggeschnitten bis nur noch das übrigbleibt, was ich möchte.» So umschreibt die Belper Künstlerin den Entstehungsprozess ihrer Werke. Durch die anfängliche Verdichtung von textilem Material und der anschliessenden Reduktion auf das Wesentliche gelingt es Gerda Künzi-Boss, komplexe Formen und Strukturen in ihren Bildern herauszuarbeiten. Inspirieren lässt sie sich dabei vor allem aus dem unerschöpflichen Farben- und Formenschatz der Natur. Durch die sorgfältige Komposition von verschieden farbigen Stoffen unterschiedlichster Beschaffenheit entsteht ein abwechslungsreiches Spiel von Kontrast und Harmonie, Transparenz und Opazität, Glanz und Mattheit. So vielseitig die ausgestellten Werke sind, so vielseitig sind auch die Assoziationen, die der Begriff «Fernweh» in uns weckt. Gerda Künzi-Boss’ Anliegen ist es denn auch, dem Betrachter ihrer Bilder grösstmöglichen Gedankenspielraum zu lassen – so stellen ihre Werke nicht etwa Abbildungen bestimmter Orte dar, sondern rufen durch Farben und Formen in jedem einzelnen individuelle Erinnerungen und Sehnsüchte wach. Die Künstlerin fordert mit den weitgehend offen gelassenen Titeln den Betrachter dazu auf, sich seiner inneren Stimme hinzugeben und sich so seinen ganz persönlichen Zugang zu den Bildern zu schaffen. So kann zum Beispiel das Bild «Östlich von …» den einen an die Farben des Niltals erinnern, während der andere sich in das grüne Appenzellerland versetzt fühlt – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Gerda Künzi-Boss gelingt es, die Besucher ihrer Ausstellung in eine Welt der Sinne zu entführen: Die Farben und Formen der Werke erwecken in uns verschiedenste Bilder, Düfte und Klänge aus fernen und nahen Welten – gibt es eine schönere Einstimmung in den neuen Sommer? (ms) Gerda Künzi-Boss – «Fernweh» Schloss Hünigen, Konolfingen. Vernissage Freitag, 09. Juni, 19:30h. Geöffnet täglich 08:00-21:00h. Bis 27. August 2006.

ZWEI PREISE FÜR BERN

AUF DEN HUND GEKOMMEN ■ Zum 150. Geburtstag ist Sigmund Freud wieder in aller Munde, Beiträge und Artikel erscheinen zuhauf. Einen etwas besonderen Beitrag leistet der Berliner Comic-Verlag Reprodukt: Er verlegt die «wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud» des französischen Autors Manu Larcenet auf deutsch und beschert uns damit eine neue Perspektive. Fernab von wissenschaftlicher Diskussion oder biografischer Literatur lässt Larcenet Freud das sein, was er doch in Wirklichkeit war: Der Held eines Abenteuers. Wissensdurst und Forscherdrang sind es, die Larcenets Freud – gelangweilt von den Neurosen feiner alter Wiener Damen – nach Amerika aufbrechen lassen. Der wilde Westen sei analytisches Neuland, frohlockt Freud. Tatsächlich gibt es in der rauen neuen Welt viel zu analysieren, doch mancher Cowboy zückt eher sein Schiesseisen, als über sein Verhältnis zur Mutter zu sprechen. Und wenn dann doch einmal ein Cowboy seine Geschichte erzählt, tun sich Abgründe auf, vor denen auch der wagemutige Freud kapituliert. Seinen wohl spektakulärsten Fall findet Freud schliesslich in jenem streunenden Hund, der in Tacoma seine Seele sucht... Obschon gespickt mit Anspielungen auf Freuds Theorien, ist dieser Comic nicht nur für Psychiater ein Lesevergnügen. Mit Witz und Feingefühl karikiert Larcenet den klassischen Western ebenso wie viele Klischees über Freud - und bietet nebenbei auch grosses Abenteuer. (nik) Manu Larcenet: Die wundersamen Abenteuer von Sigmund Freud 01. Hundejahre; Reprodukt, 2006, Fr. 22.00

■ Schauspielstudierende der Hochschule der Künste Bern haben mit ihrem Theaterprojekt «Living in Oblivion» am Theatertreffen in München den Max-Reinhard-Preis sowie den Publikumspreis gewonnen. Das Theatertreffen in München wird finanziell gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung der Bundesrepublik Deutschland. Am Wettbewerb in München nahmen alle 18 deutschsprachigen Theaterhochschulen von Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einem künstlerischen Beitrag teil. Der Max-Reinhardt-Preis, gestiftet vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur der Republik Österreich, wird alle zwei Jahre an ein Ensemble vergeben, das in seiner Arbeit zukunftsweisende Innovationen sichtbar werden lässt. Der Publikumspreis wurde von der Schauspielerin Regine Lutz erstmalig am Theatertreffen 2001 in Bern gestiftet. Er soll den Studierenden verliehen werden, die nach Meinung ihrer KommilitonInnen die schauspielerisch beste Ensemblearbeit gezeigt haben. Der Max-Reinhardt-Preis ist mit 5’000 Euro dotiert, der Publikumspreis mit 1’000 Euro. In der Folge wurde die Produktion vom künstlerischen Leiter Schauspiel, Martin Kušej, zur Teilnahme an den Salzburger Festspielen eingeladen und wird Anfang August dort gespielt werden. Das Projekt «Living in Oblivion» leitet der Dozent Johannes Mager, die Dozierenden Petra Gerstorfer und Mathias Spohr begleiten die Arbeit. Verantwortlich für Audio-Video ist Hugo Ryser vom HKB-MediaLab, für die Technik der Student Dominik Blumer. Auf der Bühne zu sehen sind die Schauspielstudierenden Anna Katharina Müller, Anna Katharina Bartel, Patrick Gusset, Christian Dräger, Albana Agaj, Sebastian Fischer und Roland Bonjour. Die Mitglieder der Jury des Theatertreffens 2006 waren Crescentia Dünsser, Schauspielerin und Regisseurin, Sissi Höfferer, Schauspielerin, Christoph Schroth, Regisseur, Katharina Schubert, Schauspielerin und Tina Lanik, Regisseurin. (vl)

THUN: AUSSCHREIBUNG ZUM THEMA DISTANZ ■ Die Kulturabteilung der Stadt Thun vergibt zwei Projektaufträge im Bereich visueller Künste (Bildende Kunst, neue Medien, Fotografie, Video). Es handelt sich um ein Kulturaustauschprojekt zwischen den Partnerstädten Thun und Gabrovo (Bulgarien) zum Thema Distanz. Bewerben können sich KünstlerInnen mit Bezug zur Region Thun und/oder speziellem Interesse am Kulturaustausch Thun (Schweiz) – Gabrovo (Bulgarien). Die Altersgrenze ist auf 35 Jahre festgelegt.

Die Bewerbungsunterlagen (Lebenslauf, Dokumentation aktueller Arbeiten, kurzer Beschrieb der Motivation für das Projekt) senden Sie an: Kulturabteilung der Stadt Thun, Rathaus, Postfach 145, 3602 Thun. Einsendeschluss ist der 5. Juli 06. Eine Fachjury wird vier Personen für die Teilnahme auswählen. Diese bewerben sich für die zwei Aufträge mit einer Projektskizze. Detaillierte Projektinformationen finden Sie auf der Website: www.thun.ch/laufwerk (zVg)


K U L T U R N O T I Z E N

5

NACHGEFRAGT... «Was wird in diesem Sommer anders?» «Nichts!» (Tömu, 33) «Die Berner Frauen werden noch weniger anziehen und: noch weniger flirten als letztes Jahr. Autsch.» (Marcel Köhler) «Ein Dogma löst das alte ab: Die Fussballfans bilden international definitiv die grösste Glaubensgemeinschaft.» (Hans Ries) «Der Basilikum auf dem Balkon wird überleben.» (Karin, voller Hoffnung)

LUKAS VOGELSANG

terry pratchett – pyramiden Das zweite Scheibenwelt-Hörspiel von Bookonear ■ Nein, man kann von mir nicht erwarten, dass ich eine Terry Pratchett Geschichte erzähle. Das ist unmöglich. Ich würde mich unweigerlich in einem Haufen von Blödsinn, Unsinn und Blödelei verstricken, herumtanzen und ein Kamel imitieren. Fragen sie gar nicht erst danach – es ist hoffnungslos. Und versuchen sie gar nicht erst, dem roten Faden zu folgen. Sie werden unweigerlich vor das Rätsel einer umgekippten Pyramide stossen. Eben, genau das habe ich gemeint, fragen sie nicht. Bitte. Nach «Wachen! Wachen!», dem ersten chaotisch brillanten Nonsens von Terry Pratchett im Hörspielformat, hat sich Bookonear an das zweite Kamel herangewagt. Oder war es eine Mumie? Egal. Es sind Phantasie-Geschichten, die wir lieber nicht als unsere Phantasie erleben möchten – aber als Hörspiel machen sie süchtig. Und man freut sich schon nach den ersten Stunden reinhören auf die gesammelten Werke von Pratchett, welche Booronear uns bis im Jahre 2953 versprochen hat (interne Falschmeldung der Redaktion / Anmerkung der Redaktion). Und was soll man nun erklären? Dass man beim Anhören dieses Hörspiels verblödet? Dass man sich eines Morgens im Wüstensand unter einer Horde verrückten Pharaos, verrückten Assassinen, verrückten Quantenteilchen und verrückten Kamelen wieder findet? Ja. So ist das in der Scheibenwelt. Und die ist schliesslich flach, rund und durchs All getragen, auf dem Rücken von vier Elefanten, die wiederum auf dem Rücken von Gross A’Tuin stehen. Das ist die einzige Schildkröte, die je einen Platz im Hertzsprung-Russel-Diagramm gefunden hat. Sind da noch Fragen? Vergessen sie diese. Denn der Grund könnte am Quantum liegen, doch das weiss niemand so genau. Aber eines ist wohl klar geworden: In dieser Scheibenwelt geschehen eigenwillige Dinge. Ziemlich eigenwillig sogar. Bookonear hat sie wundervoll vertont und den jämmerlichen Kreaturen übelst-beste Stimmen

geliehen. Was wir zu hören bekommen… ach, was wir alles zu hören bekommen. Nein, ich kann das unmöglich erzählen. Sie würden mich für verrückt halten – hm, ich glaube, sie tun es bereits… Und dieses Spektakel dreht sich über 4 CDs lang in unser Gedärm. Unaufhaltsam. Sie werden kläglich vom Virus infiziert, in die Scheibenwelt gedrängt und eine Realität erleben, welche sie persönlich richtig intelligent erscheinen lässt. Aber das ist natürlich nur Illusion. Glauben sie ja nichts… Etwas kann ich verraten: Ludwig Schütze hat die beste Erzählstimme weit und breit. Überhaupt hat die Truppe von Bookonear ein Heer von hervorragenden Stimmen - eine davon (Sylvia Garatti) kommt sogar aus Bern. Und wie Bookonear die wirklich unmögliche Geschichte in eine zuhörbare Version gestalten, grenzt an ein Wunder. Es gibt Stellen, die unmöglich geblieben sind. Doch das interessiert niemanden. Sie können froh sein, ohne grösseren Schaden das Ende zu erreichen und nicht gleich wieder mit der ersten CD beginnen zu wollen. In der Redaktion musste mir eine Zwangskur angeordnet werden, weil ich nur noch im Mumienkostüm und auf dem Kamel zur Arbeit erschien… Aber vergessen Sie das. Bei Ihnen, werte Leser und Leserinnen, werden sich ganz andere Symptome zeigen. Orientieren Sie auf jeden Fall früh ihre Freunde und Nachbarn, dass die Pyramiden in ihrem Garten ihr Hobby sind, und wenn es zwischendurch knallt, dies eine ganz normale Reaktion der Quanten ist. Aber bauen sie NIE die grösste Pyramide aller Zeiten! Produktion: Bookonear 2006 Bearbeitung und Regie: Raphael Burri 4 CDs, Laufzeit 307 Minuten (Stereo) Infos: www.bookonear.com Erhältlich: In jeder abnormalen Buchhandlung hinten links.

«Die Soulqueen Joy Denalane kommt auf dem Gurten! Meine Stossgebete wurden erhört, Yeah!» (Nicole, 24, Studentin) «Die Vegetarier werden den Grill endgültig erobern: Cornatur, Gemüseburger, Tofu, Sojawürstchen.» (Regula, Veggie since 1990) «Wenn ich die Töffprüfung bestehe, nur noch 20 Minuten bis zum Familienschlauch.» (Urs Schneider) «E-Learning am Freitagabend ist passé!» (Küre, ExSchüler) «Lokale mit Grossleinwand werden mit der städtischen Kulturförderung subventioniert.» (Till Hillbrecht) «Mit «Crazy» von Gnarls Barkley gibts wieder mal einen anständigen Sommerhit zum Shaken!» (Päscu) «Gerechtigkeit für Kinderlose und Singles: Yogaschulen, die auf Schulferien pfeifen!» (Annette, 39, Yogini) «Ich steh zur Rolle der Frau und zieh mein bauchfreies Top an, das schon ewig im Schrank hängt.» (Stefanie Gautschi, 27) «Mehr Zeit für mich: Hängematte montieren, Das Magazin lesen, Latte Macchiato schlürfen, Fussnägel lackieren und das Handy einfach läuten lassen.» (Lela) «Ich höre definitiv nicht mehr mit Rauchen auf» (Simon aus Thun) «Sie verlässt ihn endlich. Halleluja!» (Angela, beste Freundin)

Zusammengestellt von Indiana Englmund Frage im August: Was braucht Mut? Deine Antwort an: nachgefragt@ensuite.ch


6

K U L T U R

&

G E S E L L S C H A F T

LUKAS VOGELSANG

what you see is what you get... Kulturkonzepte im Vergleich - eine kleine Gegenüberstellung ■ Bei der Zusammenstellung für diesen Artikel ist vor allem eines klar geworden: Es gibt nichts Langweiligeres, als Kulturkonzepte zu lesen. Was grundsätzlich dazu gedacht ist, nachhaltig Gemeinschaften zusammenzuhalten und zu stärken oder jenen eine Identität zu verleihen, ist im Denkansatz langweiligste Theorie. In diesem Frühling haben wir das Glück oder Unglück, gleich zwei verschiedene Kulturkonzepte diskutieren zu können: Das Kulturkonzept für den Kanton Bern und dem zweiten Entwurf der Strategie für die städtische Kulturförderung 2008 – 2011. Der gesamte Kanton Bern ist also in kultureller Neuerfindung – was die Frage nach dem Verlorenen aufkommen lässt. Ich möchte vor allem einen formalen Blick auf die Arbeiten der öffentlichen Hände werfen. Über den Inhalt muss diskutiert werden – doch dazu brauchen wir die Daten und Zusammenstellungen. Wichtig ist die Aufmachung in der Verständlichkeit, die Vermittlungsübersichtlichkeit. Fakten sind gefragt, denn ein Konzept und die Entscheidungen bauen darauf. Um einen Ist-Zustand zu vermitteln und Schlussfolgerungen ziehen zu können, muss man einen «Beweis» liefern. So sehen wir schon zu Beginn in den zwei vorliegenden Entwürfen im Titel grosse Unterschiede. Der Kanton betitelt sein 54-seitiges Dokument als Kulturkonzept, während die städtische Vorlage (76 Seiten) eine Strategie sein soll. Der Unterschied entscheidet vor allem die Funktion dieser Arbeiten. Während ein Konzept ein Entwurf, Plan oder Idee für ein Vorhaben darstellt, ist eine Strategie eine «genau bis ins Detail geplantes Vorgehen» einer Sache – so definiert es das Wörterbuch. In schon fast vorbildlicher Präzision hat der Kanton sein Kulturkonzept vorgelegt. Was sofort auffällt ist zum Beispiel, dass eine Zusammenfassung vorliegt. So kann, wer nicht alles bis zum Schluss lesen will, ein genereller Überblick schnell und effizient eingelesen werden (7 Seiten). Die Stadt zwingt uns, das ganze Werk zu lesen – zwar hat sie auch eine einseitige Zusammenfassung, doch diese ist zu kurz, um ein wirkliches Abbild zu schaffen. Dafür ist die visuelle Gestaltung bei der Stadt wesentlich publikumsnaher (29 Fotoseiten aus einem Projekt vom Künstler Rudolf Steiner), während der Kanton uns mit Faktenkasten, Diagrammen oder Organigrammen bei Laune halten will. Von der textlichen Länge her gesehen sind also beide etwa gleich (54 Seiten Kanton / 47 Seiten Stadt). Das Durchblättern der Arbeit vom Amt für Kultur vom Kanton macht sofort einen stabilen Eindruck. Hier werden zu jedem Thema die Fakten geliefert. Da springen uns Zahlen oder Organigramme zu organisatorischen Entwicklungen direkt ins Auge, man bleibt unweigerlich hängen und liest. Eine erstaunliche Feststellung bei dieser doch trockenen Materie. Auch die Sprache hat eine klare Führung von einem Punkt zum Anderen – man

staunt, doch man versteht sogar, was hier geschrieben steht. Und unweigerlich vertieft man sich in die Lektüre. Gestaltung hin oder her. Die Strategie der Stadt entpuppt sich, nachdem man die Bildchen durchgesehen hat, als zu theoretisch. In der Führung der Themen ist der Aufbau grundsätzlich verständlich und gut, doch wenn man in die Paragraphen einsteigt, wird’s komplex und auch unbegründet. Ein Beispiel: So steht unter Punkt «1.2 Fragen» als erster Satz: «Die Bevölkerung will mehr Kunst und Kultur. Sie hat an zahlreichen Abstimmungen mit klarer Mehrheit für die Unterstützung bestehender Institutionen und die Errichtung neuer votiert. Und die Bernerinnen und Berner besuchen die kulturellen Anlässe in der Stadt als Konsumentinnen und Konsumenten. Dennoch ist es angesichts der rasanten Entwicklung notwendig, die städtische Kulturpolitik neu zu bestimmen und auszurichten.» Das reicht als «Beweis» oder Grundlage für die im Folgenden gestellten Fragen nicht aus. Hier wären die Abstimmungen aufzulisten, die Wahlbeteiligung, Besucherstatistiken müssten zeigen, von wie vielen BernerInnen die Rede ist. Und so finden wir viele Stellen, die vielleicht irgendwo an einer anderen Stelle weiter erklärt werden, doch das macht das Lesen unlustig und schafft keine Transparenz. Man erhält rasch ein Chaos und das Gefühl, dass zu viele Behauptungen nur unbegründete Behauptungen sind. Auch Formulierungen, wie «ist näher abzuklären» in Massnahmenplanabsichten sind schwammig und gefährlich. Wenn nämlich eine Abklärung im Massnahmenplan ein negatives Ergebnis erbringt, hängt die Förderung oder die Massnahmevariante ganz in der Luft. Dadurch, dass der Kanton seine eigene Organisationsstruktur darlegt und erklärt, hinterfragt er dieselbe im gleichen Augeblick, was eine Folge einer internen Reflexion zeigt. Die Stadt hat diese Selbstreflexion ausgelassen und lässt uns dementsprechend im Dunkeln. Wir können nicht abschätzen, was die Abteilung Kulturelles an Potential hat, welches Instrumentarium wirklich vorhanden ist. Wieder ein Beispiel: (4.3. Instrumente) «Ateliers in Bern ermöglichen ausländischen Kulturschaffenden – wenn möglich auf Gegenseitigkeit -, während einiger Monate hier zu arbeiten. Dies fördert den Kulturaustausch.» Keine Ahnung, welche Ateliers, welches Budget, welche Projekte bisher gemacht wurden und wer dafür zuständig ist. Als Strategie können wir so was nicht gelten lassen. Doch das ist beim näheren Durchsehen das grösste und schwerwiegendste Problem von der Stadt: Da keine Analyse gemacht wurden, keine Fakten da sind, keine Statistiken uns Realitäten darstellen, bleibt die Strategie auf der Strecke und ein Wunschplan wird vorgelegt. Die Begriffe «Kultur» und «Kunst» werden damit nur verwässert und spielen den politischen Gegnern viele Argumente zu. Der Kanton hat diesbe-

züglich handfest begründeten Gesprächs- und Diskussionsstoff geliefert und man kann damit arbeiten. Deswegen hat das Grüne Bündnis zum städtischen Vorschlag bereits seine Bedenken kundgetan, mit Fragen, ob denn der Situation Vidmarhallen und Stadttheater Bern genügend Rechnung getragen wurde. Diese Veränderung wird einen Einschnitt in das Stadttheaterbudget werfen und auch das Publikum verändern. Da die Begründungen der Stadt einzig in den Budget- und effektiven Kostenzahlen der Vergangenheit und dem unbewiesenden Wunschbudget 2008 – 2001 besteht, kann hier nicht von einer Strategie die Rede sein. Die Ausgangslage wurde in keiner Weise analysiert. Das hat fatale Folgen: Wenn jetzt in diesem Kultur-Budget etwas ändert, so ändert sich alles. Die Strategie kann es nicht halten – die Zahlen sind unberechenbar geworden. Und genau dies sollte mit einer Strategie ja verhindert werden. Fazit: Das Amt für Kultur vom Kanton Bern hat - was die Form anbelangt - ganze Arbeit geleistet. Die Vorschläge und Massnahmen können aufgrund der Begründungen fachlich nachvollzogen und diskutiert werden. Da wird es sicher die eine oder andere Änderung geben, doch die betreffen die zu ändernden Bereiche, nicht das gesamte Kulturkonzept. Bei der Stadt halten wir ein skurriles Dokument in den Händen, welches uns wenige Fragen wirklich beantwortet. Das Budget ist – obwohl alles auf diese Zahlen hinausläuft – unbegründet und sehr oberflächlich. Doch niemand wird an der Strategie etwas korrigieren: Die einzigen, welche Einsprache erheben könnten, sind die Institutionen, welche aber durch ein paar Almosen mehr bei Laune gehalten werden. Die politischen Lager werden sich um den gesamten Kostenrahmen bemühen – die KünstlerInnen aber, da keine Lobby vorhanden ist, werden leer ausgehen. Und ganz sicher ist, dass die Berner Kulturkonsumenten sich nicht einmischen werden. Sie wollen ihre Unterhaltung und erhalten diese auch weiterhin – Strategie hin oder her. Und der Steuerzahler wird einmal mehr kopfschüttelnd bezahlen, ohne wirklich zu wissen wofür. Der einzige Wehrmutstropfen ist, dass diese Strategie nur für 3 Jahre gültig sein wird. Wir können also hoffen, dass eine gründliche Aufarbeitung von Fakten und Zahlen uns ab 2011 neue Erkenntnisse und ein wirkliches Kulturkonzept bringen wird. Ein Konzept für eine kulturelle, wirtschaftliche und soziale Schicksalsgemeinschaft Bern.

Die Konzepte sind auf folgenden Webseiten zugänglich: Kanton Bern: http://www.erz.be.ch/site/druckfassung_ kulturkonzept_deutsch Stadt Bern: http://www.bern.ch/stadtverwaltung/prd/ kultur/politik/Strategie


K U L T U R

&

G E S E L L S C H A F T

7

SANDRA D. SUTTER

à paris * ■ 2 x 50 Kilo Kunst ins Auto laden. Dann vorbei an rotgrünhellblaulilaorange-undsoweiter farbigen Riegelbaufassaden, noch nie gesehen. Letztes Dämmerblau im Himmel, unterwegs sein nach Paris und mit dem Laserstrahlscheinwerfer von der Eiffelturmspitze über die Dächer der ganzen Stadt schweifend, im Quartier Latin ankommen. Kurz vor Mitternacht. Im Jardin de Luxembourg 2 x 50 Kilo Kunst aus dem Auto lupfen, zu zweit, zu dritt, tragen, schieben, um den Baum herum aufstellen. Begutachten. Zusammenschrauben. Platzieren. Schwarzes Klebband kaufen. Am Kunstwerk Luftbläschen aufstechen, flachdrücken. Mit drei Baguettes im Arm über die Place Sainte Geneviève schlendern, ein Stück weit der Seine entlang. Grossstadtsound und -stille. Die Tour touristique ohne Museumsbesuche bitteschön, kein Schlangestehen! RER mit Metro nicht verwechseln. Die Lungen mit Blüten- und anderem Staub von Sturmwindböen füllen. So mancher und manche reibt sich die Augen, wischt sich die Träne von der Wange. Dem Louvre einen Blick von draussen widmen, mit der Metro in die Défense fahren und dort im Rundherum staunen. Die moderne Kapelle finden, drinnen sitzen und dem Wolkenbruch entgehen. Trockenbleiben. Meditieren. Im «le quatre temps» etwas zu essen kaufen wollen, eintauchen, sich verirren, fast verrückt werden in der Masse der Produkte, des Angebots, der Menschen – untergehen – flüchten nach dem Ausgang, finalement. Dann auf der Route de l’Etoile im Bois de Boulogne sich erholen, um den Lac Inférieur spazieren. Orangen picknicken und den Joggern beim Rundenlaufen zusehen, vom schönen Pavilliontürmchen auf der Insel gegenüber träumen. Die Samstagmorgenluft so rein

und aromatisch, duftet. Schöne Stadt, schönes Leben – die 10 Uhr Sonne auf dem Gesicht, im Nacken – herrlich! In die Rue Soufflot einbiegend den Eiffelturm von weitem grüssen. Im Internet Café auf französischer Tastatur nach den Buchstaben suchen, stocken... konzentriert Grüsse nach New York und in die Schweiz verschicken. Alleenblätterdächer rauschen wie das Meer. Dann endlich Sacre Cœur besuchen. In der Kirchenbank sitzen und ein improvisiertes Liedchen summen, so friedlich ist es hier... und wieder heraustretend Paris zu Füssen erleben – welche Weite! Und sich vom Hell und Anblick den Atem nehmen lassen, für ein paar Augenblicke. In der Brasserie d‘ Amélie Poulain (Café des deux Moulins, 15 Rue Lepic) ein «entrecôtepommessautéesundcrèmebrulée» essen. Unter Parisern sein. Interessante Leute sehen und zum Abschluss dann auf dem Viaduc des Arts die Promenade plantée begehen. Im Café Flore (Boulevard St. Germain des Prés 172) geniessen und den Sonntag feiern – un café au lait et un verre d’eau – mit den gekochten Eiern vom Nebentisch links – und dem Spiegelei-Omelette vom Nebentisch rechts liebäugeln, mit sonntagsfrischrasierten Männern Zeitung lesen. Im Parc André Citroën auf einer Holzliege dösen. Die Parkbussen, wie aus einheimischer Nachbarschaft und von Kennern empfohlen, sowieso ignorieren und am besten gleich entsorgen. In der Gare de Lyon «le train bleu» aufsuchen und Gewürztee trinken. Sich entzücken lassen von den Wand- und Deckenmalereien, von all den Kostbarkeiten. Und auf ausgebreitetem Stadtplan Postkarten schreiben. The Beatles aus den Lautsprechern hören. Die Ausflüge der vergangenen Tage ordnen, schüchtern Gedankenpläne in die Zukunft wagen, wünschen. Noch

einmal quer durch den Jardin de Luxembourg an George Sand vorbei, mein Lächeln verschwenderisch in alle Richtungen verschenken. Ein Médallion von Auguste Rodin an Stendhal betrachten. Vorbei an in Stein gehauenen Löwen mit dichten Mähnen, den Blick dem Palais zugewandt, knurrend und gefährlich. Die Augen schon wieder von Windtränen klarwischen. Dann vor FOFO lux* verweilen. Das Kunstwerk prüfen, encore une fois. Weisse Tauben, wunderschön. Paris en long et large, müde Beine. Vernissage Orangerie. Chic-Chic hier und dort, Parfumdüfte durcheinander, Wind und viele Leute, schwarze Schuhe werden staub-weiss... offizielle Fotografen, Filmer, les gardes lassen nur hinein, wer rein gehört: les invités... «Man riskiert etwas, wenn man zeitgenössische Kunst ausstellt...», «il y a ici, des qualités, des formes, des sources profondes pour le future...» Es wird applaudiert und losgeplaudert. Merci, pardon, s’il vous-plaît, excusez-moi, chers amis, oui, non, pourquoi, voilà, à plus tard – oder auch nicht. Die Ausstellung ist eröffnet. Die ungefähr zehn Wächter pfeifen auf Trillerpfeifen die Besucher aus dem Garten; ein Konzert, spéciale et exotique. Neun Uhr, fast alle müssen gehen. Die Enten dürfen bleiben, die Löwen auch. * Der Kunstausflug fand mit Verena Lafargue Rimann, im Zusammenhang mit der Artsénat 2006 «TAILLE HUMAINE» statt, wo ein FOFO lux (Installation Verena Lafargue Rimann, Biel / Fotografie Sandra D. Sutter, Biel) noch bis zum 18. September im Jardin de Luxembourg in Paris zu besichtigen ist. Fotos: © Sandra D. Sutter, Biel.


8

K U L T U R - P R

Bild: Falling Down von Theresa Hubbard und Alexander Birchler

irritation des gleichgewichts - zeitgenössische kunst im zentrum paul klee ■ Gleichgewicht und Gravitation sind zentrale Themen in Paul Klees theoretischem und künstlerischem Schaffen. «Das Gefühl der Senkrechten ist in uns lebendig, damit wir nicht fallen […]. In besonderen Fällen verlängern wir die Waagrechte, wie der Seiltänzer mit einer Balancierstange», schreibt Klee in seinen Unterrichtsnotizen zur «Bildnerischen Formlehre». Im Kapitel «Bildnerische Mechanik (oder Stillehre)» setzt sich Paul Klee erneut intensiv mit diesen Themen auseinander. Die Ausstellung «Irritation des Gleichgewichts - Zeitgenössische Kunst im Zentrum Paul Klee» geht von Paul Klees Beschäftigung mit den physikalischen Gesetzen der Balance und der Gravitation aus: Sie zeigt eine Auswahl von Werken zeitgenössischer Kunst, die diese Aspekte auf unterschiedliche Weise behandeln. Slow Angle Walk Auf zwei steif pendelnden Beinen bewegt sich Bruce Nauman in seiner Videoarbeit Slow Angle Walk (Beckett Walk). Das empfindliche Gleichgewicht hält er durch ein feines Ausbalancieren von horizontalen Bewegungen und Gegenbewegungen. Weighing … and Wanting «Gewichtsempfindung» ist das Leitmotiv einer Vorlesung vom 12. Dezember 1921, mit der Paul Klee einen theoretischen Exkurs über «Das Kräftegleichgewicht» beginnt. Das Thema verweist bewusst auf die psychischen Ebenen, die gleichzeitig neben den physikalischen bestehen. Der Film Weighing … and Wanting von William Kentridge zeigt ein Wechselbad von Gefühlen; Geborgenheit und Stabilität wechseln sich mit Einsamkeit und Ungewissheit ab. Auf der psychologischen Ebene stellt sich am Ende des Filmes ein labiles Gleichgewicht ein, das durch eine Waage symbolisiert wird.

Spaceball Paul Klee spricht von der existentiellen «Tragik» des Menschen, die im Zwiespalt zwischen dem Gebunden-Sein des Körpers an die Erde und der Freiheit des Geistes zum Ausdruck kommt. Zur Milderung dieses Konfliktes entwickelte Jason Rhoades den Spaceball – ein Übungsgerät, mit dessen Hilfe der Zustand der Schwerelosigkeit erreicht werden kann. In seiner Installation wird dieser Zustand als Orientierungslosigkeit beschrieben. Sie stellt sich ein, weil die Erdanziehungskraft nicht mehr wirkt: Der Körper scheint vorübergehend von der Schwerkraft, die sein Empfinden von Oben und Unten bestimmt, befreit. So kann der Besucher sich gefühlsmässig von der Erdgebundenheit für einen Moment lösen: ein Zeichen seiner geistigen Freiheit. Falling Down Der Fotografie wird ein objektiver, dokumentierender Charakter zugeschrieben. Deshalb erlaubt dieses Medium am eindrücklichsten, die Überwindung der Erdanziehung zu simulieren. Alltägliche Gegenstände - Stühle, Vasen, Teller, Schuhe - verselbständigen sich und schweben, fliegen, schiessen durch den Raum. Die Dinge geraten aus der Balance. In der inszenierten Welt von Anna und Bernhard Blumes Fotografien ist das Gesetz der Schwerkraft ausser Kraft gesetzt: Die Schwerelosigkeit ist ein haltloses Taumeln vor dem Sturz. Auch in der Fotoserie Falling Down von Theresa Hubbard und Alexander Birchler sind fallende Gegenstände eingefangen. Der Moment des Fallens wird eingefroren und stilisiert. So verweisen die Fotografien auf die zum Mythos verkommene, ursprünglich fotografische Leistung, den sogenannten «entscheidenden» Augenblick einzufangen.

Diese - und andere – zeitgenössische künstlerische Positionen, die das physische und psychische Gleichgewicht hinterfragen, treten, im Zentrum Paul Klee raumbezogen installiert, in Dialog mit Klees «Bildnerischer Mechanik». Zur Ausstellung erscheint im Hatje Cantz Verlag eine Publikation: Sammlungspräsentation Paul Klee. Neuhängung 2006

Wechselausstellungen Max Beckmann – Traum des Lebens Nur noch bis 18. Juni 2006 Irritation des Gleichgewichts – Zeitgenössische Kunst im Zentrum Paul Klee 1. Juli bis 27. August 2006 Ausstellung Sommerakademie 16. August bis 30. August 2006 Paul Klee – Melodie und Rhtymus 9. September bis 12. November 2006 Rémy Zaugg 2. Dezember 2006 bis 11. Februar 2007 Weitere Informationen unter www.zpk.org


K U L T U R - P R

9

Bild: Schauspielerin Sylvie Rohrer

musikalischer ausklang der max beckmann–ausstellung im zentrum paul klee: 15. - 18. juni 06 ■ Im Rahmen des musikalischen Ausklangs der Max Beckmann-Ausstellung «Traum des Lebens» im Zentrum Paul Klee kommen die drei Werke «Façade» von William Walton (1902-1983), «Pierrot lunaire» von Arnold Schönberg (1874-1951) und «Histoire du soldat» von Igor Strawinsky (1882-1971) zur Aufführung. Die drei Werke «Façade», «Pierrot» und «Histoire» bilden gegenseitig das englische, deutsche und französische Pendant. Max Beckmanns Zeitgenossen William Walton, Arnold Schönberg und Igor Strawinsky haben die Werke etwa zeitgleich kurz vor, während und kurz nach dem ersten Weltkrieg geschrieben. Alle drei Werke sind als Reaktion auf die pompös-überladene und pathetische Gestalt spätromantischer Kunst und damit auch als musikalischer Blick auf das Thema «Traum des Lebens» zu verstehen. «Entre Denges et Denezy» lernte Igor Strawinsky, der die Zeit des ersten Weltkriegs in der sicheren Schweiz verbrachte, den Waadtländischen Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz kennen - das legen zumindest die ersten Worte von Ramuz‘ Text zu «Histoire du soldat» nahe. Ramuz jedenfalls war es, der Strawinsky vorschlug, «mit möglichst geringen Mitteln eine Wanderbühne zu gründen, die man leicht von Ort zu Ort schaffen und auch in ganz kleinen Lokalen vorführen kann.» Strawinskys «Histoire du soldat» sollte ein brillantes, jedem Wagnerschen Pathos und Einfühlungszauber fremdes «Gesamtkunstwerk en miniature» für sieben Instrumentalisten, drei Schauspieler und eine Tänzerin werden, welches in Brechtscher Knappheit das russische Märchen eines Soldaten erzählt, der seine Seele an den Teufel verkauft. Im Rahmen der Konzerte zur Max Beckmann-Ausstellung im Zentrum Paul Klee wird das Werk in einer Fassung für einen Sprecher und kleines Orchester aufgeführt.

Sonntag, 18.6.2006, 17:00 h, Auditorium: Igor Strawinsky (1882-1971) Charles Ferdinand Ramuz (1882-1974): «Histoire du soldat», 1918 Ulrich Beseler, Sprecher Ein kleines Orchester Kaspar Zehnder, Leitung ● In «Façade», einer Reihe von Miniaturkompositionen zu geradezu dadaistischen, im Umgang mit dem Wort äusserst brillanten Gedichten von Edith Sitwell, will der junge William Walton vor allem eines: Entertainment. Er braucht die Rhythmen seiner Zeit: Tango, Paso doble, Walzer, Ragtime, Marsch, Foxtrott. Die Musik swingt, ist mal wild, mal zart, immer anregend, manchmal provokativ. Walton will die britische Antwort auf Schönbergs «Pierrot lunaire» und Strawinskys «Histoire du Soldat» geben. Die Begegnung mit den Geschwistern Sitwell, bekannt als «enfants terribles» der englischen Gesellschaft, hatte ihn nachhaltig beeinflusst. «Façade» wird zum musikalischen Ausklang des Max Beckmann-Wochenendes in der selten zu hörenden integralen Urfassung (21+8+4 Gedichte) von 1922-1928 gespielt. Donnerstag, 15.6.2006, 18:30 h, Auditorium: William Walton (1902-1983): «Façade», 1923 Nach Gedichten von Edith Sitwell Für Sprecherin und 6 Instrumente Monica Buckland, Sprecherin Ensemble Musica viva Basel Kaspar Zehnder, Leitung ●

Mondsüchtig sind die somnambulen Verse des belgischen Dichters Albert Giraud (1869-1929) um den zartesten aller Narren, «Pierrot». 1912 schrieb Arnold Schönberg die Musik dazu. Igor Strawinsky bezeichnete Schönbergs Melodram «Pierrot lunaire» über die lyrisch-visionären Gedichte Girauds als «Solarplexus der Musik des 20. Jahrhunderts.» Wassily Kandinsky schrieb 1911: «Schönbergs Musik führt uns in ein neues Reich ein, wo die musikalischen Erlebnisse keine akustischen sind, sondern rein seelische. Hier beginnt die Zukunftsmusik.» Samstag, 17.6.2006, 14:30 h, Auditorium: Arnold Schönberg (1874-1951): «Pierrot lunaire» op. 21, 1912 Dreimal sieben Gedichte aus Albert Girauds «Pierrot lunaire» Sylvie Rohrer, Sprecherin Merlin Ensemble Wien Martin Walch, Leitung u. Violine «Pierrot lunaire» wird im Zentrum Paul Klee vom renommierten Merlin Ensemble Wien mit der gebürtigen Berner Schauspielerin Sylvie Rohrer aufgeführt. Sylvie Rohrer wurde 1968 in Bern geboren und studierte an der Schauspielakademie in Zürich. Gastverträge führten sie u. a. ans Zürcher Schauspielhaus, bevor sie ihr erstes Engagement am Theater Dortmund erhielt. Danach war sie von 1995 bis 1999 festes Ensemblemitglied am Thalia Theater in Hamburg. Seit 1999 ist sie Mitglied des Burgtheaters in Wien. Das Merlin Ensemble Wien wurde 1991 von Musikern des Chamber Orchestra of Europe und der Camerata Salzburg gegründet. Vorverkauf: www.kulturticket.ch Tel 0900 585 887 und an der Museumskasse Zentrum Paul Klee


10

K U L T U R - P R

Bild: Company Blue Elephant

19. Berner Tanztage vom 7. Juni bis 17. Juni 2006 ■ Wenn es endlich wärmer wird und die Aare zum Bade lockt, verwandeln sich die Kulturhallen Dampfzentrale auch dieses Jahr wieder in ein Festivalzentrum mit einmaliger, besonderer Atmosphäre und beherbergen eines der grössten Kulturereignisse der Region Bern, das internationale zeitgenössische Tanzfestival Berner Tanztage. Vom 7. bis 17. Juni 2006 findet die 19. Ausgabe statt. Truppen aus Asien und solche, die sich von fernöstlichen Elementen inspirieren lassen, gastieren in Bern: Fünf Kompanien mit Künstlerinnen und Künstlern aus China, Taiwan, Südkorea, Thailand, Japan und Europa werden in den Kulturhallen Dampfzentrale und im Schlachthaus auftreten und einen Einblick in verschiedene asiatische Bewegungskulturen geben. Programmhöhepunkte auf... Einen ersten Glanzpunkt im Programm stellt die Eröffnungsgala vom 7. Juni dar, die den Rahmen für die Verleihung des renommierten Schweizer Tanz- und Choreografiepreis darstellt. Der von ProTanz ins Leben gerufene Preis geht heuer an den Genfer Foofwa d‘Imobilité. Er wird sein letztes Solo «Benjamin de Bouillis» tanzen, zudem zeigt eine Installation im Foyer weitere Ausschnitte seines vielseitigen Schaffens. Zu Beginn der Reise in den Fernen Osten entführt das Dance Forum Taipei mit «Eastern Current» in fernöstliche Welten und verwebt auf faszinierende Weise Elemente der chinesischen Oper mit zeitgenössischem Tanz. Zu entdecken ist die junge Company Blue Elephant der Südkoreanerin In-Jung Jun: in «Golden helmet» behandelt sie die Aufbruchssituation ihres Landes Mitte der 90er Jahre wie eine getanzte Hymne an die Freiheit. Die Leni-Basso Company aus Tokio inszeniert ein von Videobildern untermaltes

Chaos im Wechsel mit meditativen Bildern - ein mediales Feuerwerk. Die Zen-Buddhistin Carolyn Carlson, die zur Weltspitze des Tanzes gehört, zeigt in «Tigers in the teahouse» ruhigen und poetischen, aber auch kraftvollen und faszinierenden Tanz. Die Produktion «Pichet Klunchun and myself» vom französischen Choreografen Jérôme Bel ist eine kluge und kurzweilige Konfrontation von westlichen und östlichen Denkweisen. Die Uraufführung des Kinderstücks «Verflixt!» von Sylvia Frauchiger und Britta Gärtner erzählt die Geschichte der Hexe Mieselotte, die in ihrer schmuddeligen Hexenküche im Chaos lebt und durch einen Zauberlapsus eine verrückte Verdoppelungskomödie startet. Akustisch begleitet wird das Stück vom Berner Musiker Gilbert Paeffgen. ...und neben der Bühne Die neue Lounge-Bar, eigens für die Tanztage kreiert, ist exklusiver Treffpunkt für Künstlerinnen und Künstler, VIPs, Sponsoren und unser Tanzpublikum. Die Foyer Bar der Dampfzentrale bietet sommerliche Drinks und kühle Getränke. Der fernöstliche Schwerpunkt ist auch kulinarisch erlebbar. Jeden Tag präsentiert ein anderes Land seine jeweiligen Köstlichkeiten und bewirtet Besucher mit Chapatis, Bami Goreng, Frühlingsrollen, Sushi und vielem mehr: Der Party-Service Migros Aare verköstigt das Publikum mit asiatischen Spezialitäten, das Restaurant «Punkt» aus der Rathausgasse serviert Klassiker aus Indien, Thailand und China. «Taishi», das japanische Restaurant im Festival-Hotel Ambassador, bringt Sushi und Sashimi in die Dampfzentrale. Die Tanztage bieten mit Chour Kok Kieng aus Kambodscha zudem einen kulinarischen Vorgeschmack auf den nationalen Flüchtlingstag, der am 17. Juni 2006 in über 200 Städten und Gemeinden

gleichzeitig stattfindet – in Bern auf dem Bundesplatz. Asiatische Künstlerinnen und Künstler, wohnhaft in der Schweiz, gewähren mit Überraschungsauftritten vor und nach ausgewählten Vorstellungen Einblicke in ihr Schaffen. Jeweils freitags und samstags bieten die DJs Eric Facon (09.06.), DJ el mex (10.06.), DJ Boba Fett (16.06.) und DJ Sister Knister & Kami Katze (17.06.) im Foyer schnelle Beats und heissen Sound zum Abtanzen. Mit Tanztage-Ticket ist der Eintritt in diese Tanzbars frei. Videoclips und Kurzkritik Kurze Videoclips auf der Tanztage-Website liefern Zusatzinformationen zu den Gruppen und unterstützen bei der Programmauswahl. Neben Dance Forum Taipei sind jetzt auch Kurzclips zu Company Blue Elephant, Leni-Basso Dance Company und Cie. Carolyn Carlson sowie eine Vorschau auf das Kinderstück «Verflixt!» zu sehen: http://www.tanztage. ch/video. Die Tanzjournalistin Julia Wehren schreibt zudem nach der jeweilig ersten Vorstellung in der Dampfzentrale eine Kurzkritik unter http://www.ebund.ch/tanztage. Diese Kritik soll Tanzinteressierte informieren, was verpasst worden ist, und doch noch die Möglichkeit bieten, für den folgenden Abend zu buchen.

Vorverkauf Der Vorverkauf für die 19. Berner Tanztage läuft auf Hochtouren. Vorverkauf bei «Der Bund»-Ticketcorner und alle Starticket-Verkaufsstellen 0900 325 325 (Fr. 1.49/Min.), www.starticket.ch (print-at-home). Gratis Programmheft, Videoclips und weitere Informationen unter www.tanztage.ch


11

DAS PROGRAMM Kulturhallen Dampfzentrale 7.6. Eröffnung / Gala «Schweizer Tanz- und Choreografiepreis 2006» 8.6. Dance Forum Taipei «Eastern Current» / Begegnung 9.6. Dance Forum Taipei «Eastern Current» / Tanzbar: Eric Facon 10.6. Dance Forum Taipei «Eastern Current» / Tanzbar: DJ el mex 11.6. Company Blue Elephant «Golden Helmet» / Begegnung 12.6. Company Blue Elephant «Golden Helmet»

13.6. 14.6. 15.6. 16.6.

17.6.

Leni-Basso Dance Company «Ghostly round» / Begegnung Leni-Basso Dance Company «Ghostly round» Cie. Carolyn Carlson «Tigers in the teahouse» / Begegnung Cie. Carolyn Carlson «Tigers in the teahouse» / Tanzbar: DJ Boba Fett Cie. Carolyn Carlson «Tigers in the teahouse» / Schlussfest: DJ Sister Knister & Kami Katze

Schlachthaus Theater 9.6. Britta Gärtner / Sylvia Frauchiger «Verflixt!» 10.6. Britta Gärtner / Sylvia Frauchiger «Verflixt!» 11.6. Britta Gärtner / Sylvia Frauchiger «Verflixt!» 15.6. Jérôme Bel / Pichet Klunchun «Pichet Klunchun and myself» 16.6. Jérôme Bel / Pichet Klunchun «Pichet Klunchun and myself» 17.6. Jérôme Bel / Pichet Klunchun «Pichet Klunchun and myself»

Bild: Jérôme Bel / Pichet Klunchun


12

B Ü H N E Bild: zVg.

JEAN-LUC FROIDEVAUX

starke kulturböen im südwesten ■ Bereits zum 23. Mal bläst diesen Sommer ein frischer Wind aus aller Welt den Staub aus den Ritzen der spätmittelalterlichen Festungsmauern in Fribourg. In pittoresker Kulisse mit Sicht über die Stadt trifft internationale zeitgenössische Kunst und Kultur aller Sparten auf noch wenig bekanntes Regionales. Die Theaterstücke, Konzerte, Performances, Installationen und Filme am Belluard Bollwerk International scheinen sich gegenseitig in chaotische Turbulenzen über die Festung hoch zu schrauben, ohne übergeordnetes Thema, programmiert dafür mit umso treffsicherem Geschmack für Intelligentes, Irritierendes und Innovatives. Blue Collar Sound und Extraterrestrischer HipHop Eröffnet wird das Festival von Maywa Denki. Was wie der Name einer japanischen Firma tönt, ist nichts anderes. Allerdings produziert diese seit der Übernahme durch die beiden Söhne des Firmengründers nicht mehr Staubsaugerrohre für Toshiba und Matsushita, sondern bizarre Kunstwerke und retrofuturistische Musikmaschinen von höchster Präzision. Von Ingenieuren konzipiert und von Arbeitern zusammengeschraubt, werden diese singenden Roboter oder Fischgerätexylophons auf der Bühne von Angestellten in blauen Überhosen vorgestellt. Eine Produktpräsentation, die musikalisch zwischen Elektropop und japanischem Rock anzusiedeln ist. Ratatat aus New York kreieren mit minimalistischen Rock- und Elektropopelementen durchsetzte melancholisch-sanfte elektronische Musik. Die Hip-Hop-Formation Sol.illaquists of Sound aus Florida spielen in der gleichen Liga wie und oft auch mit Sage Francis, der letztes Jahr am Belluard auftrat. Ultraschneller Jazz wird mit fiebriger Soulstimme betextet, starke Aussagen treffen auf einen nervösen Umgang mit Technik und das Resultat heisst «FAHEEM (Free Astral Hip-hop Extraterrestrially Energized Message)». Der menschliche Körper als Wunschvorstellung, im lebendigen Experiment und in der toten Verwesung Die flämische Theatergruppe Abattoir Fermé, die schon letztes Jahr am Belluard war, zeigt heuer «Transformation Device», ein Stück über absonderliche Wunschvorstellungen von menschlichen Körpern und moderner Technologie. Das groteske und paranoide Märchen könn-

te dem Universum David Cronenbergs entsprungen sein und erzählt die Begegnung einer Underground-Filmerin als Doppelgängerin Roy Orbisons mit einem Mädchen, das unter Pseudonym reist. Marijs Boulogne aus Brüssel begleitet in «Frisch und schon verfault» beinahe apathisch ihr selbst gesticktes und gehäkeltes, totgeborenes Kind nach der Autopsie in die Verwesung und das Kollektiv Orthographe aus Ravenna projiziert ihre Aufführung aus einem Nebenraum in eine camera obscura, in welcher das Publikum sitzt. Inspiriert durch die Bilder junger Frauen aus der Epileptiker-Abteilung des Pariser Sanatoriums La Salpetrière im 19. Jahrhundert, an welchem der berühmte Professor Charcot im Beisein seiner Studenten spektakuläre und schockierende Experimente vornahm, um seine Hypothesen bezüglich Hysterie und Hypnose zu beweisen. Eine elektronische Trauerweide erinnert sich Das BBI veranstaltet aber seit sechs Jahren auch jeweils einen Wettbewerb für neue Kunstprojekte. Zwei der diesjährigen Preisträger sind Jill Coffin und John Tayler mit ihrer Installation: «Breeze» ist eine elektronische Trauerweide, die mit den Passanten interagiert, in unterschiedlichen Temperamentsmodi reagiert und sich an ihre vorhergehende Form erinnert. Die Künstler erläutern in einem Vortrag die Verwendungsmöglichkeiten der dazu benutzten Legierung Nitinol mit Formgedächtnis, welche in der Robotik, Raumfahrt und Chirurgie Anwendung findet. Ebenfalls einen Wettbewerbspreis gewonnen haben SpaceKitä, die durch unangekündigte mechanische und elektronische Interventionen in die öffentliche Beleuchtung von Freiburg eine Illusion von Anwesenheit erwecken. Nicht ganz unauffällig dürfte auch die umfunktionierte DC-9 sein, die der Künstler Eduardo Cajal im kulturellen Windkanal ausrichtet. Etliche Veranstaltungen finden im Innern dieser 25 Meter langen Flugzeuges statt, welches 1992 bei der Bruchlandung in Granada komplett in zwei Teile zerbrach, wobei wie durch ein Wunder niemand verletzt wurde. Für eine intensive Wahrnehmung der Turbulenzen ist also gesorgt. Seit den eher lokal geprägten Anfängen des Festivals

konnten am BBI immer wieder Namen entdeckt werden, die erst später gross geworden sind. In den 80er Jahren etwa Fischli/Weiss und Young Gods. Aber auch die heutigen Direktoren Gion Capeder und Stéphane Noël, die das Festival in der Festung im Jahr 2004 übernommen haben, scheinen die Nase voll im Wind zu haben.

Belluard Bollwerk International 24.6. – 8.7.2006 Andreas Templin, Skulptur, Berlin, 24.6. // Maywa Denki, , Konzert / Performance, Tokyo, 24.6. // Jill Coffin & John Taylor, Breeze, Objekt, Zürich/Seattle, 25.6-8.7 // David Vessaz, Rooftop Landscape, Architektur, Lausanne, 25.6-8.7 // Sol.illaquists of Sound, Konzert, Orlando , 25.6. // Orthographe, Orthographe de la physionomie en mouvement, Performance, Forli/Ravenna, 29. & 30.6. // Alvarez/Cajal/Crehuet/ Lienas, Avión, Skulptur/Architektur, Madrid/Huesca, 29.6.-8.7. // Guillaume Reymond, Space Invaders, Video, Vevey, 29.6. & 8.7. // Federico León & Marcos Martinez, Estrellas, Dokumentarfilm, Buenos Aires, 29.6. // Ratatat, Konzert, New York, 30.6. // Denis Bigler, Donnez-moi des ailes, Installation, Fribourg, 1.7. // Kopp/Nauer/Vittinghoff, Die Welt ist nicht gerecht !, Theater, Bern, 1.7. // Marijs Boulogne, Frais mais déjà pourri, Theater, Brüssel, 1.7. // Karandachoff, 20000 lieues sous les mers, Zeichnung/Performance, Fribourg, 2.7. // Karandachoff, Boîte noire, Zeichnung/Performance, Fribourg, 8.7. // Kämpf/Urweider/Debatin, Billi dr Bueb, Theater, Bern, 2.7. // Marijs Boulogne, Excavion, Performance, Brüssel, 4.7. // Matto Kämpf, Best Of, Lesung/Performance, Bern, 5.7. // Abattoir Fermé, Transmutation Device, Theater, Malignes, 6. & 7.7. // Volker Gerling, Daumenkino, Performance, Berlin, 6.7. // Cuqui Jerez, The Real Fiction, Choreographie/Theater, Madrid, 7.7. // spaceKIT™, CityHack, Performance, Genf/Montreal, 8.7. // Béla Pintér, Anyám orra , Theater, Budapest, 8.7. Ort: Bollwerk Fribourg www.belluard.ch


K U L T U R - P R

13

ein stück vom kuchen für die cappella ■ Die Stadt Bern will ab 2008 erfreulicherweise deutlich mehr in die Kultur investieren – 32‘659‘250 Franken pro Jahr. Von diesem um 3,3 Mio. Franken gewachsenen Kulturkuchen fordert die Kleinkunstbühne La Cappella, «Berns Erste Adresse für Chanson & Kabarett», einen bescheidenen Anteil. Zuerst ein Hoffnungsschimmer: Noch im April sah die Cappella ein Ende der grössten finanziellen Probleme auf sich zukommen; im Entwurf für die städtische Kulturförderung waren 150‘000 Franken für die Kultur-Kapelle eingeplant. Für den Gründer und Leiter der Cappella, den Fotojournalisten Christoph Hoigné, ein konsequenter Schritt: «Wir haben seit 1998 bewiesen, dass die Cappella einen wichtigen Beitrag ans Kulturleben leistet. Sie ist eine Rosine im Berner Kulturkuchen. Es scheint logisch, dass die Stadt auch ein kleines Stück des Subventionskuchens dafür reserviert, unser qualitativ hochwertiges Programm für die nächsten Jahre zu sichern.» Dann die grosse Enttäuschung: als die Stadt Anfang Mai das Konzept für die Kulturförderung der Öffentlichkeit präsentierte, war La Cappella daraus wieder verschwunden – «einer letzten Sparrunde zum Opfer gefallen», wie man von offizieller Seite verlauten liess. Viel erreicht La Cappella geniesst in Bern und weit darüber hinaus einen hervorragenden Ruf als Kleinkunstbühne mit Qualitätsprogramm in den Bereichen Chanson, Kabarett und Kammermusik. Künstler aus dem ganzen deutschsprachigen Raum bewerben sich um Auftritte, das Angebot wird von einem breiten und wachsenden Publikum geschätzt. Aus der ehemaligen Wesley-Kapelle im Breitenrain war 1998 ein Konzert- und Theaterlokal geworden. La Cappella schloss – in der Tradition der Berner Kellertheater, von «Rampe» und «Zähringer» – eine Lücke im Angebot. Namhafte Künstler aus der Liedermacher- und Kleinkunstszene – wie Tinu Heiniger, die Berner Troubadours, Dodo Hug, Joachim Rittmeyer und Franz Hohler – fanden hier ein neues künstlerisches Zuhause. In der Nachwuchsförderung hat sich die Cappella einen Namen gemacht und vielen Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform gegeben, um sich in Bern ein Publikum zu erspielen. Mehrere Konzertreihen und Fes-

tivals sind schon über die Cappella-Bühne gegangen: von der Kammermusik-Reihe Les Soirées Musicales über das 1. Berner A-Cappella-Festival bis zu dem neuen Treffpunkt für Freunde französischer Chansons: Dem Rendez-vous de la francophonie. Bald geht die 8. Saison zu Ende – mehr als 1‘200 Mal haben sich die Türen der Cappella bisher für eine Vorstellung geöffnet. Jahr für Jahr hat die Zahl der Besucherinnen und Besucher zugenommen, mehr als 200 Stammgäste unterstützen die Cappella im Träger- und Gönnerverein, dem Cappella-Kultur-Klub. Trotzdem fehlt das Geld Es gleicht der Quadratur des Kreises, Qualitätskultur zu machen, die finanziell selbsttragend ist. Wegen fehlender Subvention müssen viele Künstlerinnen und Künstler mit ungenügenden Gagen auskommen. Das ist störend, weil es einer Ausbeutung des künstlerischen Schaffens gleichkommt! Es fehlt auch Geld, um mehr Werbung zu machen. Ebenso wenig reichen die Mittel für noch intensivere Nachwuchsförderung, mehr eigene Produktionen (zum Beispiel spartenübergreifende Produktionen) und zur Vergünstigung der Eintrittspreise. Das Betreiber-Team arbeitet zu einem überwiegenden Teil ehrenamtlich und betreut annähernd 200 Veranstaltungen pro Saison für Stundenlöhne weit unter 10 Franken. Das dreiköpfige Kernteam leistet gemeinsam unbezahlte Arbeit im Umfang von deutlich mehr als 150 Stellenprozenten! Das ist gefährlich: Sollte nur ein einziges Mitglied dieses Teams aus familiären, wirtschaftlichen oder gesundheitlichen Gründen wegfallen, wäre die Existenz der Cappella ernsthaft in Frage gestellt. Denn nur bei einigermassen anständiger Entschädigung lässt sich realistischerweise eine Nachfolge finden. Aufgrund eines jahrelangen Nachbarschaftsstreits und den daraus entstandenen Kosten für Expertisen, Gerichte und Anwälte sowie die behördlich angeordnete Lärmsanierung sieht sich die Cappella überdies mit einem beträchtlichen Schuldenberg in sechsstelliger Höhe konfrontiert, den sie in den nächsten Jahren abtragen muss. Zukunft sichern Zu ihrer nachhaltigen Existenzsicherung fordert La Cappella einen mehrjährigen Sub-

ventionsvertrag, der die Weiterführung und Sicherung der geleisteten Pionierarbeit garantiert. Eine (im Gesamtrahmen der städtischen Kulturförderung bescheidene) Subvention von 150‘000 Franken sichert die Zukunft der Cappella, einer für Bern wichtigen Kulturstätte! (zVg)

Das Sommerprogramm Jeden Dienstag, 20:00 h Nicole D. Käser: Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit - Seminarkabarett von Bernhard Ludwig 31. Mai bis 3. Juni, 20:00 h Alex Porter & Thomas Demenga - A Magic Concert 7. bis 10. Juni, 20:00 h Philipp Galizia: Jakob Engel - Eine Erscheinung 16. Juni, 20:00 h Marco Tschirpke: Lapsuslieder - Klavierkabarett 17 Juin, 20:00 h Véronique Pestel: Rendez-vous de la francophonie 21. und 28. Juni, 5. Juli Sittensprung - Eine Komödie von Andrej Togni 22. Juni, 20:00 h Tomazobi: Chue - Die Berner Kultbänd 23. bis 25. Juni, 20:30 h Lisa Gretler: Pianomorte Menschliche Abgründe und spukige Sphären 29. Juni, 20:00 h Madeleine Sauveur: Gewusst wie?! Chanson-Kabarett – fesselnd & amüsant 1. Juli, 20:00 h Amtsbladt - Mundart-Elektro-Wave 2. Juli, 20:00 h Annalisa Spagnoli: le cose che ami 6. bis 8. Juli, 20:00 h Timo Brunke: Pension Brunke Der Poetry Slam-Star aus Stuttgart La Cappella Allmendstrasse 24; Bern-Breitenrain Telefon 031 332 80 22 www.la-cappella.ch


1 von 311 Haltestellen:

Zentrum Paul Klee.


S T A D T

T H U N

15

Bild: zVg.

TABEA STEINER

gartentor in spitzbergen ■ Der Künstler Heinrich Gartentor experimentiert in Spitzbergen mit der Wahrnehmung von Tag und Nacht. Die neue Sichtweise bringt Spannendes an den Tag und allerlei Wissenswertes über die Schweizer Kolonie, in der Fussball keine Rolle spielt. Was brachte Dich dazu, nach Spitzbergen zu reisen und dort zu arbeiten? Der Kanton Bern hatte ein Reisestipendium für Künstlerinnen und Künstler ausgeschrieben und ich wollte seit bestimmt fünf Jahren nach Spitzbergen reisen. Nun gut, nicht einfach so reisen, sondern dort oben auf dem Deckel des Globus am Rande der Zivilisation in der grossen Kälte die ewige Nacht erleben. Und den ewigen Tag. Es ist ja 4 Monate nur Nacht und vier Monate ausschliesslich Tag. Die Jury fand das eine gute Idee und schickte mich los. Im Januar erlebte ich die Nacht und nun fahre ich hin, um zu schauen, was mit mir geschieht, wenn es nie dunkel wird. Es ist immer Mittwochmorgen. Später Mittwochmorgen. Ich habe extrem diszipliniert gearbeitet, immer nach dem Aufstehen meine 5000 Zeichen geschrieben und mich danach der Kunst gewidmet. Anfang Mai habe ich in München erstmals Spitzbergentexte gelesen. Es sind die besten Texte, die ich jemals geschrieben habe. Im kommenden Jahr sollten sie vollendet sein, dann könnten sie in Buchform erscheinen. Warum sind es Deine besten Texte? Muss ich das schon verraten? Ich sage immer, es seien Fussballtexte. Zu Beginn waren es auch welche, aber wenn man in Spitzbergen über Fussball nachdenkt, dann dünnt sich dieser selbst aus, auch wenn‘s dort oben tatsächlich einen Fussballplatz gibt. Zumindest vermute ich es. Jedenfalls standen Tore im Schnee rum. Du verstehst Dich als Schriftsteller? Auf jeden Fall! Aber nur wenn mich jemand beim Smalltalk nach meinem Beruf fragt, weil man das halt so fragt beim Smalltalken. Sagte ich «Künstler», müsste ich viel erklären, sag ich «Schriftsteller», muss ich nur noch

die Frage beantworten, was ich schreibe, was ich dann mit «Science fiction» beantworte, das provoziert keine weiteren Fragen. Hat die Umgebung Dein Arbeiten beeinflusst? Inwiefern? Jubeltrubel gibt es da oben nicht gerade und in ewiger Nacht erscheint alles wahnsinnig öd. Ich habe selten klarer denken können und die Klarheit der Gedanken in diesem schier ablenkungslosen, für Normalsterbliche wohl langweiligen Nichts schlägt sich auf die Arbeit nieder. Auf die visuelle, die ab 9. Juni im Kunstpanorama Luzern gezeigt wird und auf die schriftliche, welche wohl 2007 erscheint. Ist es bereichernd, anderswo sich aufzuhalten und zu arbeiten, oder ist es anfänglich vor allem ein Akklimatisieren, das einem am Arbeiten hindert? Aber sicher ist es grundsätzlich bereichernd, sich anderswo aufzuhalten, sofern man bereit ist, sich überhaupt bereichern zu lassen. Man sollte an einem anderen Ort nicht auf Teufel-komm-raus arbeiten, sondern den fremden Ort als Tankstelle nutzen. Bei mir ist die Nachbearbeitungsphase auch deutlich länger als die Zeit, die ich auf Spitzbergen verbringe, das Thema mit dem Aufenthalt nicht einfach abgeschlossen. Wie lässt sich Spitzbergen beschreiben? Einheimische gibt es nicht da oben. Alte Leute auch nicht. Es ist auf Dauer so unwirtlich, dass sich die Bevölkerung im Schnitt alle vier Jahre austauscht. Spitzbergen ist eigentlich unsere einzige Kolonie. Wir haben 1925 den Spitzbergen-Vertrag unterschrieben, der uns ein freies Aufenthalts- und Nutzungsrecht garantiert. Was auffällt, sind die vielen Kinder: 2 Kindergärten, ein Schule mit 200 Kindern im Longyearbyen, dem Hauptort, zudem eine Uni - bei einer Bevölkerung von 1900 Einwohnern. Der Wohnraum? Die Häuser stehen alle auf Stelzen. In jedem Hausvorraum steht ein Gewehrständer und man zieht die Schuhe aus beim Betreten des Hauses. Auch beim Betreten der

Bibliothek, der Kirche, der Kunsthalle. Man darf übrigens die Siedlung nicht ohne Gewehr verlassen, das ist zu gefährlich wegen der Eisbären. Kulinarisches? Man isst das Gleiche, wie bei uns. Ein bisschen mehr Vitamin D des fehlenden Lichtes wegen. Harter Alkohol und Bier sind kontingentiert. Man bekommt im Supermarkt beides nur gegen Vorzeigen des Flugtickets, aufgrunddessen das Kontingent bemessen wird. Wer mit dem Schiff nach Spitzbergen kommt, erhält keinen Alkohol. Das ist im Fall kein Witz. Wahrscheinlich sind die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe im Sommer immer auf Plündertouren gegangen im Supermarkt. Auf Spitzbergen fällt nämlich die Mehrwertsteuer weg, was den Alkohol im Vergleich zum Festland billiger macht. Was hat Dich besonders beeindruckt in Spitzbergen nebst der Dunkelheit? Dort ist einfach alles irgendwie absurd. Die zweitwichtigste Meldung im Winter war, dass ein Schneetöff gebrannt hat, die Wichtigste, dass man die beiden Danebenstehenden retten konnte. Ich habe meinen Rhythmus komplett verloren. Ich schlief, wenn ich müde war und nicht weil man das laut Tagesablauf nun tun musste. Dadurch war ich wahnsinnig effizient. Selten habe ich mehr arbeiten können als dort oben.

Gartentor hielt sich den Januar über und nun wieder bis zum 5.6. in Spitzbergen auf. Im Juni zeigt das Kunstpanorama Luzern die Arbeiten, die auf Spitzbergen entstanden sind. Am 6.6. steht er anlässlich der Schlosskonzerte Thun im Rittersaal auf der Bühne.


16

M U S I K

SARA TRAUFFER

SCHMETTERLINGSTAG Bild: zVg. ■ Romantische Gemüter lieben die Dämmerung, die Nacht, den Mondschein. Und Nocturnes. Diese lyrischen, intimen Musiken, wie sie etwa Frédéric Chopin geschrieben hat. Träumereien und sanfte Geheimnisse, immer mit einem Hauch Melancholie umweht. Wer das sucht, muss sich bis im Herbst gedulden und dann wieder hier lesen. Jetzt segeln wir erst einmal dem hellen Sommer entgegen. Blumig, üppig, gutgelaunt. Und statt von melancholischem Gehauche wollen wir uns lieber ab und zu von einer Brise Humor erfrischen lassen. Die Musik von Jacqueline Fontyn ist da genau das Richtige. Die 75-jährige Belgierin hat statt Nocturnes nämlich «Diurnes» komponiert, Stücke für den Tag, fürs Licht. Durchsichtig kommt diese Klaviermusik daher, kurz und flüchtig. Je zwei Minuten und irgendetwas mehr von Dauer. Wie Schmetterlinge, meint der Pianist Philippe Terseleer, für den Jacqueline Fontyn die «Diurnes» im Jahr 2003 schrieb und der sie auf der vorliegenden Aufnahme auch spielt. Jacqueline Fontyn ist eine anregende, eigensinnige Persönlichkeit voller Überraschungen. Vor anderthalb Jahren war sie anlässlich der ihr gewidmeten Portraitkonzerte des FrauenMusikForums in Bern zu Gast, wo sie einzelne ihrer Kammermusik- und Orchesterwerke auch kommentierte. Von der ganzen Bandbreite ihres phantasievollen Oeuvres gibt die CD «Piano Works» nun leider nur einen schmalen Ausschnitt preis, obwohl darauf unterschiedlichste Werke für Klavier solo und Klavierduo aus insgesamt 50 Jahren ihrer Schaffenszeit versammelt sind. 80 Minuten zeitgenössische Klaviermusik in konzentrierter Form lässt zwischendurch einfach Sehnsucht nach anderen Klangfarben aufkommen. Am besten hört man sich deshalb diese Aufnahme wie ein Schmetterling an: nach sommerlichem Lustprinzip. Nicht alles in einem Zug durcheilen, sondern hier eine Kostprobe nehmen, dort ein wenig verweilen, und zwischendurch auch wieder einen warmen Sonnenstrahl geniessen. Jacqueline Fonytn: Piano Works. Mit Robert Groslot, Philippe Terseleer, Shoko Hayashizaki, Michael Hagemann, Daniel Blumenthal. aulos, AUL 66150 (2006)

BENEDIKT SARTORIUS

ch-ch-changes? ■ Stotternd und stammelnd fiel das Motto des neunten m4music-Festivals aus, kaum fixierbare Tendenzen sind nach zwei Tagen Diskussionen, Konzerten und dem Nachwuchswettbewerb «Demotape-Clinic» im Zürcher Schiffbau zu verbuchen. Die mit einem David Bowie Liedtext angekündigten und illustrierten «Ch-ch-changes» blieben schwammig und sind allenfalls in einer weiteren Verschiebung des Schwerpunktes zu finden: weg von der Musik, hin zum blossen Medium und also tiefer rein in den weltweit vernetzten Freundeskreis namens Internet, der mit mythenumrankten und heilsversprechenden Plattformen wie «My Space.com» aufwartet. Die Tellerwäscher-Karriere scheint mit diesen scheinbar basisdemokratischen Foren wieder greifbarer. Zeit zum Träumen bietet das Haifischbecken Musikindustrie aber weiterhin keine an, buhlt doch eine unüberblickbare Anzahl an Musikern und Bands um die Gunst der Surfer. Als Wegweiser dienen dabei nicht mehr die in den Diskussionen zu keiner Zeit angesprochenen, mittlerweile steinzeitlich anmutenden lokalen Plattenläden. Wegweiser für den Konsumenten sind entkörperte Links, die mit einigen Klicks zu atemberaubender Musik oder weiter in den musikalischen Einheitsbrei führen. Die Bühnen könnten also kaum unterschiedlicher besetzt sein: Hier kulturpessimistische Nostalgiker und Nörgler, die sich mit den weiten Datenautobahnen nicht anfreunden können, dort Internet-Illusionen à la Arctic Monkeys nacheifernde Musiker. Dass kluge Manager in der Regel immer noch das letzte Wort besitzen, geriet in den Diskussionen weitgehend in den Hintergrund. Und dass eigenständige, weitsichtige Label-Politik unersetzbar ist, illustriert der im Rahmen des Festivals an vier kleine und mittelgrosse Musiklabels verliehene Förderpreis. Trendbasteleien Über die musikalischen Inhalte, die nicht zuletzt dank den neuen Vertriebskanälen einem möglichst grossen Publikum vermittelt werden sollen, lieferte die Demotape-Clinic zumindest ein wenig Aufschluss. Aufgeteilt in vier arg verkürzende Kategorien,

wählte eine Vorjury aus über 600 Demoaufnahmen die vermeintlich hoffnungsvollsten Stücke an frischer Musik aus. Für nimmermüde Trendbastler dürfte in erster Linie die Kategorie «Rock» einiges an Material hergegeben haben, standen doch jugendliche Verfechter von unlängst überwunden geglaubten Genres wie Metal oder einem wie auch immer gearteten 90er Jahre Crossover im Zentrum. Ein nächstes «Revival»? Ein neuer «Trend»? Jedenfalls mangelte es der hilflos agierenden Rock-Jury an substantiellen Ratschlägen, so dass sich die anwesenden Musiker mit abenteuerlichen Vergleichen wie «Franz Ferdinand entdecken den Verzerrer» oder «eine Mischung aus Green Day und Billy Idol» begnügen mussten. Versöhnlicher fällt die Bilanz der Kategorie «Urban» aus: Enthusiasmus vertrieb altkluge Professionalität durch zum grossen Teil erfrischenden, lokal verankerten HipHop und wichtiger: durch spürbaren Idealismus, den der Grossteil der präsentierten Projekte wie auch die Jury an den Tag legte. Visionäre? Wirksame symbiotische Beziehungen zwischen Video und Musik loteten neben einer zu abstrakt ausgefallenen Diskussion die Konzerte von Hexstatic und The Young Gods aus. Das englische Duo kreuzte nahe am medialen Overkill Videoclip-Ikonen des so genannten Mainstreams, während letztere den Woodstock Musikfilm neu vertonten. Nicht immer taufrisch, rekonstruierten die Genfer einige Hippie-Lieder (siehe Bild mit The Who) und erschufen in den stärksten Momenten apokalyptische Stimmungsbilder. Dichte Stimmungsbilder allerdings, die über die fragwürdige Funktion der Darbietung der einst so visionären Young Gods nicht hinwegsehen liessen. Überdies wäre ein Schelm, wer in diesem düsteren Bild ein Götterdämmerungs-Gleichnis für die ganze Musikindustrie sieht. Nur die Schwerpunkte haben sich verlagert. Das Festival fand vom 4. bis 6. Mai statt. Weitere Infos: www.m4music.ch


C D - T I P P S

17

LUKAS VOGELSANG

ECM listening post ■ «Jahre lang hat man versucht, alte Musik möglichst genau so zu spielen, wie es zur Zeit ihrer Entstehung üblich war. Doch das ist ein philosophischer Widerspruch in sich», sagt Rolf Lislevand. «Zunächst stellt sich ja die Frage, ob es überhaupt möglich ist, die Aufführung eines früheren Musikers nachzuspielen. Zum anderen kann Rekonstruktion meiner Ansicht nach gar

bazaaris live – watersongs

the editors – the black room

■ Die in Bern ansässige Gruppe Bazaaris um die Harfenspielerin Asita Hamidi herum klingt in etwa so lebendig wie ein persischer Markt. Obwohl im Klang keine Hektik oder Chaos herrscht, fühlt man sich in Farben, Düften und Zelten geborgen. Alle Mitwirkenden sind hervorragendste und dynamischste Musiker – für Bern eine würdevolle und ehrenhafte Division – und sie sind immer unterwegs oder in neuen, hervorragenden Produktionen verwickelt. Diesbezüglich werden diese Musiker langsam auffällig … Mit «watersongs» kommt nun das wohl schönste und beste Album auf dem Weg von Asita Hamidi hervor. Es ist in dieser Formation ein Debutalbum – und hoffentlich nichts das Letzte. Die umtriebigen Jahre und Tourneen haben nichts geraubt – im Gegenteil. Stimmungsvoll und in organischer Einfachheit hat diese Gruppe ihren Klang gefunden und erzählt nun Geschichten, die weiter als nur bis zum Horizont sehen. Immer wieder und äusserst überraschend ist dabei auch die Stimme vom Asita. Die Wärme und Klarheit, aber auch das Volumen tragen eine tiefe und echte Herzlichkeit mit sich, die fern von irgendwelchen «1001 Märchen» liegt. Mit dieser Aufnahme aus dem Progr in Bern ist etwas Neues geboren worden. Die Kraft im Trio ist gewaltig und die Live-Aufnahme-Charakteristik hat eine Lebendigkeit, die das gesamte Werk wie ein Flaschengeist steigen lässt. Hier hat sicher Björn Meyer seine verrückten Finger im Spiel. Nimmermüde bassiert und singt er auf dem Album und hat zugleich die Aufnahmen verantwortet. Auch bei den Arrangements hat er kräftig mitgemischt – das hört, wer seine Arbeitsweise einwenig verfolgt hat. Dies ist jetzt überhaupt kein Nachteil, sondern Glücksfall. Björn, Asita und auch der filigrane Perkussionist Frederic Gille sind ein musikalisches Traumteam, welches sich perfekt ergänzt. Die Leichtigkeit lässt auf jeden Fall den Teppich fliegen – mit ihm auch das Publikum und die ZuhörerInnen. Bazaaris Live als Formation ist die Entdeckung von diesem Jahr für Bern. Mit fremden Klängen und Instrumenten widerspiegelt die Gruppe einen grandios eigenen Klang – und dies aus Bern. (vl)

■ Der Name und das Cover dieser CD sind für einsame Kulturredaktoren eine mystische Verheissung. Wie durch ein kleines Wunder huschte das kleine Etwas in meinen CD-Player und man müsste kein Esoteriker sein, um dies nicht als verheissungsvolles Zeichen zu deuten. Und so sei es. Nach der Marsinvasion von The Secret Machines (siehe letzte Ausgabe) ist die Quantenteilchenmetaphysik schon wieder durchbrochen worden und lässt uns in irrer Bestürzung nach England schauen. Was ist nur mit diesen Briten los? Ein Hype nach dem andern folgt dem vorangehenden Schiff. Diese Massenflucht von der Insel ist beängstigend. The Editors stellen noch einmal alles in den Schatten, was zuvor noch Madrugada oder Coldplay hiess. Der Retrosound im neuen Gewand hat eine britische Signatur erhalten und der Klangteppich ist eine brillante Zeitzone Zero - also hier und jetzt. Kraftvolle Gitarren und Bässe mit 80er-Drums und einfallsreichen Arrangements. Diese Intellektuellen der New-Generation haben eine interessante Kraft in der Musik entdeckt. Man hört in vielen Ecken diese Entwicklung heraus, dankbar, dass die Musik der Jungen nach den 90er-Elektroschocks wieder einen musikalischen Weg gefunden hat. The Editors sind diesbezüglich keine übermässigen Vorreiter, aber sympathische Hymnenposaunen und dazu noch Omas-liebste-Schwiegersöhne. Wer sich auf The Editors einlässt, wird altbekanntes wieder erkennen. Tom Smith (voc / git), Chris Urbanowitz (git), Russell Leetch (b) und Ed Lay (dr) sind gut im Kopieren von Stilen. Doch es wird nicht einfach plattgedrückt und gelangweilt, sondern mit perfekten Händchen eine Choreographie gezeichnet, eine Dramaturgie aufgebaut, die in den nächsten 10 Jahren noch Bestand hat. Und Tom Smiths Stimme macht einfach schwach. Überzeugend ist an diesem Album vor allem die klare und durchgezogene Ästhetik. Vom Cover, Booklet bis zum letzten Ton können wir glaubhaft unterstreichen, was die Jungs präsentieren. Da ist nichts ohne Planung, aber auch nichts in verkrampftem Willen, den Erfolg anstrebend. Das Resultat ist ein Debutalbum (August 2005 / März 2006) , welches kein besseres sein könnte. Wir wollen mehr… (vl)

www.baraarpool.ch www.editorsofficial.co.uk

nicht von Interesse sein. Wollen wir wirklich so tun, als hätten wir nie etwas von der Musik zwischen 1600 und heute gehört? Ich denke, das wäre unredlich. Mit dieser Aufnahme lassen wir das Credo der Authenzität in der Alten Musik ein für alle mal hinter uns.» Rolf Lislevand ist ein norwegischer Lautenspieler. Doch, wie seine Aussage bestätigt, ein anderer. Die barocke Musik lebt von der Interpretation: «Die Stücke wurden jeweils nach den momentanen Bedürfnissen verwendet. Strikt nach Noten zu spielen, käme einer Lüge gleich, denn die Partituren waren gleichsam in Kurzschrift abgefasst. Sie setzten eine Menge an Wissen und gestalterischem Selbstvertrauen voraus.» Und davon besitzt Lislevand und seine Gruppe beachtlich viel. Und wieder: Es erstaunt eigentlich nicht, dass diese Gruppe auf ECM erscheint. Diese Brillanz kann fast nur in Zusammenarbeit mit Manfred Eicher pulsieren. Es hätte unweigerlich ein folkloristisches Projekt werden können, doch das gesamte Team hat den künstlerischen Prozess so weit getrieben, dass die Nacken-Härchen senkrecht stehen, wenn Aranna Savall mit einer sagenhaft berührenden Stimme einsetzt. Sie klingt ähnlich wie die Stimme von Madredeus, doch ist die tragende Musik von einer anderen Welt, ein Teil eines Kunstwerkes. Haben sie je schon einen barocken Flamenco gehört? Was bisher in der altbackenen Stube der Puritaner gegart wurde, hat neues Licht erblickt und wir lernen sehen, hören und staunen. Es gibt auf dieser CD erhabenste Momente, wo wir Innehalten müssen, wo uns Tränen der Erinnerung und der Schönheit drücken. Unvorstellbar, dass wir den Barock so weit von uns gestossen haben, unvorstellbar, dass wir so blind der Geschichte entrinnen wollten. Und da sich die Musik irgendwo in der klassisch-jazzigen-modernen Sparte bewegt, ist sie wärmstens für alle offenen Ohren zu empfehlen. Man spürt, mit welcher Präzision und Respekt Lisevand das Thema recherchierte. Das Ergebnis ist eine der wundervollsten CDs bei ECM. Rolf Lislevand - Nuove Musiche ECM New Series 1922


18

L I T E R A T U R

Augenblicke, die nichts und doch alles verändern Julia Franck: Mir nichts, dir nichts. Drei Erzählungen. ■ Julia Franck hat schon alles an deutschen Buchpreisen eingeheimst, was da so einzuheimsen ist – von A wie Alfred-Döblin-Stipendium bis V wie Villa MassimoStipendium. Dies sichert ihr, nebst ihrer überdurchschnittlichen Sprachkompetenz, einen Platz in der DuMontSpeicher-Reihe, die mit ihrem kartoniertem Einband und den bunten Streifen schon rein optisch etwas her macht. Der bekannte Literatur und Kunst Verlag hat die Reihe anlässlich seines fünfzigsten Geburtstages ins Leben gerufen und versammelt hier Werke derjenigen Autoren, die er als «speichernswert» erachtet, unter anderen eben Franck. Frauen sind die Hauptfiguren in den drei Erzählungen «Bäuchlings», «Strandbad» sowie «Mir nichts, dir nichts», welche erstmals bereits in Francks Erzählband «Bauchlandung» im Jahre 2000 erschienen sind. Frauen an Wendepunkten in ihren kleinen Leben, die nicht wirkliche Wendepunkte sind. Verführung ist stets das zentrale Motiv, das der Protagonistin, die zugleich als Erzählerin figuriert, den Weg in Vorstellungswelten eröffnet, die zwar von der Realität gespiesen sind, jedoch nicht mit dieser übereinstimmen müssen. Geschichten wie diejenige des Mädchens, das den Freund ihrer Schwester zu verführen sucht oder jene der Bademeisterin, einstige Studentin der Physik, welche sich Liebschaften mit den männlichen Besuchern ihrer Badeanstalt bis ins kleinste Detail ausmalt und nicht zuletzt jene von der Frau, die ihre beste Freundin zu trösten hat, nachdem sie eine Nacht mit deren Freund verbracht hat, lassen den Leser ob der Ähnlichkeit des Geschriebenen mit dessen eigenen Gedankenwelten zuweilen erschauern. Franck beschreibt dank ihrer scharfen Beobachtungsgabe die menschlichen Abgründe in der ihr eigenen präzisen Sprache und mit einer Leichtigkeit, die etwas Traumwandlerisches an sich hat. (sw) Franck, Julia: Mir nichts, dir nichts. Drei Erzählungen. DuMontSpeicher. Köln 2006. ISBN 10: 3-8321-7969-0.

Ungeahnte Gaumenfreuden

Fischlein, Fischlein in dem See

Wladimir Kaminer: Küche totalitär – das Kochbuch des Sozialismus von Olga und Wladimir Kaminer. Kochbuch.

Gerold Späth: Aufzeichnungen eines Fischers (das erste Jahr). Roman.

■ Wodka und Kaviar sind bis heute Sinnbild für die russische Küche, was Wladimir Kaminer unter anderem darauf zurückführt, dass Restaurants in Deutschland, welche sich eben dieser Küche verschrieben haben, zumeist von Deutschen mit einem Russenknall geführt werden. Dies hat die Konsequenz, dass die echte russische Kulinarik mit ihren Begleiterscheinungen wie «Singen und Hopsen» unter Ausschluss der deutschen Öffentlichkeit stattfindet. Kaminer, mit seinem Romanerstling «Russendisko» Auslöser einer bis heute ungebremsten Russenmania, entführt uns deshalb nun für einmal nicht in die Gefilde spezifisch russischer Partywelten, sondern lüftet das gut gehütete Geheimnis des russischen beziehungsweise totalitären Rezeptuniversums. Wir begleiten ihn von Armenien bis Südrussland und erfahren, nebst vielen anderen, von so seltsamen Gaumenfreuden wie der lettischen Nachspeise «Blätterdessert aus Schwarzbrot». Der Autor leitet jedes Kapitel mit zusammengestellten Länderporträts der jeweiligen Republik ein, um diesen eine persönliche Anekdote folgen zu lassen und das Kapitel alsdann mit den Rezepten der für jene Region charakteristischen Gerichte, welche von seiner Frau Olga beigesteuert werden, abzuschliessen. Dieses Vorgehen veranlasste die Online-Ausgabe der Stuttgarter Zeitung zu der bösen Aussage: «[...] um genügend Volumen zu erhalten, das Ganze mit reichlich Rezepten der Autorengattin anreichern – fertig ist das neue Buch von Wladimir Kaminer.» Auch wenn die Kritik nicht unberechtigt sein mag, ist Kaminer dennoch ein vergnügliches Buch über den einstigen Vielvölkerstaat Sowjetunion gelungen - auch wenn die Rezepte nur bedingt zum Nachkochen einladen mögen. (sw)

■ Jeanot, Hauptfigur um nicht zu sagen Held in Späths neuestem Wurf, ist ein Spätberufener und fischt als solcher im Zürichsee zu Rapperswil. Mit Mitte fünfzig aus dem Berufsleben ausgemustert, wird er einer der letzten Berufsfischer und bleibt dieser Leidenschaft auch nach seiner Pensionierung treu. Das Seeufer beziehungsweise sein fester Platz an der ehemaligen Giesse bilden die Kulisse für Begegnungen, welche unterschiedlicher nicht sein könnten. Über diese Begegnungen sowie über Gelesenes, Gehörtes, von seinem Freund Fritz Gesagtes führt er Buch und ermöglicht dem Leser dadurch Einblicke nicht nur in sein Leben, sondern in ein ganzes Universum. Daneben steht aber auch immer wieder das Fischen als solches im Zentrum und die richtigen Köder für die richtigen Fische werden eingehend diskutiert. Mitte Jahr dann bricht Jeanot gemeinsam mit seiner Frau Betsy zu ihrem Cottage in Irland auf, um auch dort den Fischen das Fürchten zu lehren. Seit Jahren ein Irlandfahrer, trifft er auch hier auf unzählige Bekannte, deren Anekdoten Eingang in sein Buch finden. Gerold Späth, der selbst einen Grossteil seiner Zeit in Irland verbringt, hat viele Jahre an diesem Buch gearbeitet, dessen zweiter Teil im Frühling 2007 erscheinen soll. Nicht nur wegen der gemeinsamen Liebe zu Irland ist man versucht Jeanot als Alter ego des in Rapperswil grossgewordenen Autoren zu lesen, dennoch entzieht sich das Buch immer wieder eben dieser Leseweise. Späth ist ein Meister der Sprache und er hat mit den Aufzeichnungen eines Fischers ein Werk geschaffen, mit dem man sich Zeit lassen sollte. Der Leser spürt die Verdichtung des Textes, die der Autor nur in jahrelanger Arbeit hat erreichen können und genau so will das Buch gelesen werden: Passage für Passage. (sw)

Kaminer, Wladimir: Küche totalitär – das Kochbuch des Sozialismus von Olga und Wladimir Kaminer. Kochbuch. Manhattan Verlag. München 2006. ISBN 10: 3-44254610-9.

Späth, Gerold: Aufzeichnungen eines Fischers (das erste Jahr). Roman. Lenos Verlag. Basel 2006. ISBN 3-85787372-8.


19

KLEINANZEIGEN Auf dem Gurten iegen die Schmetterlinge. Bei schÜnem Wetter schlßpfen die Falter in der Raupenzuchtanlage von Papa Papillon und paaren sich dann im grossen Hochzeitszelt. Jeden Tag offen. Mehr: www.wins.ch - Gurten, der Traumberg.

.EUE!NFĂ‹NGERKURSE $I   ALLE+URSEX3TD 5EBUNGS UND4ANZABENDE JEDEN-OUND&R

4ANGOSCHULE"ERN MAILINFO TANGOBERNCH TEL WWWTANGOBERNCH

argentino

4!.'/

KINDER / FAMILIEN

MUSIK Rhythmus und Bewegung Unterricht und Werkgruppe fßr afro-kubanische Rhythmen und Gesang. Ein Weg zur inneren Klarheit. Kontakt: Ruth Krähenbßhl ruth.kraeahenbuehl@bluewin.ch Tel: 031 372 64 33

KURSE

brandheiss und superneu! Ăœber www.ensuite.ch kĂśnnen ab sofort Kleinanzeigen entgegengenommen werden - bezahlbar! Und wer dem Internet nicht traut, kann das Inserat auch telefonisch aufgeben. Weitere Infos dazu Ăźber Telefon 031 318 6050.

FERIEN / KURSE Zu nachhaltiger Veränderung durch <Die Kraft des Sanften>. TAI-CHI CHâ&#x20AC;&#x2DC;UAN mit BEAT HĂ&#x201E;NSLI in AI GALLI-Piemont; vom 22. bis 29. Juli 2006. Die richtige Zeit am besonderen Ort. Zum Loslassen und Geniessen, fĂźr Anfänger- und Vielwisser-Innen. Info: Tel. 031 302 55 65 oder www.taichidao.ch

www.ensuite.ch

Kundalini Yoga Seit 10 Jahren, jeden Dienstag, 20:00 22:00 h. Eine wÜchentliche Berßhrung mit unserem Selbst. Dieser Kurs ist fßr Anfänger wie fßr Fortgeschrittene. Schnuppern erwßnscht und gratis. Bitte vorher anmelden. Kursort: DAO - Raum der Zeit; Gesellschaftsstrasse 81a; 3012 Bern. Infos, Kurs-/ Schnupperstunden: Telefon 031 318 6050 (Bßro)

ensuite - kulturmagazin im ABONNEMENT â&#x2013;  JETZT ABONNIEREN! MEHR SERVICE FĂ&#x153;R ABO-KUNDEN!

abonnement Fr. 58.00 studierende / ahv / iv Fr. 32.00 gĂśnner / geschenke / sponsoring ab Fr. 300.00 ich bin bereits abonnentin und mĂśchte ein abo verschenken. mein name, adresse und wohnort:

06/06

vorname name adresse plz / ort email

datum / ort / unterschrift

KULTUR IST DER SOZIALE LEIM EINER GESELLSCHAFT!

â&#x2014;? ein abonnement ist ab rechnungsdatum fĂźr ein jahr gĂźltig. ohne kĂźndigung wird es automatisch um ein jahr verlängert. bitte beachten: kĂźndigungsfrist ist 2 monate vor ablauf des abonnements. â&#x2013;  ausschneiden und einsenden an: ensuite - kulturmagazin // sandrainstrasse 3 // 3007 bern // Tel. 031 318 60 50 - schneller: www.ensuite.ch


20 20

D I V E R S E S

SARAH ELENA SCHWERZMANN

NUR EIN STEINIGER WEG KANN NACH OBEN FÜHREN MAGDALENA NADOLSKA

THEATER-BACKGROUND Rund um «Kabale und Liebe» – zur Zeit am Stadttheater Bern. ■ Schillers bürgerliches Trauerspiel wurde 1784 in Frankfurt uraufgeführt. Es feierte einen mässigen Erfolg. Der Text selbst fand auch kaum Anklang. Karl Philipp Moritz schrieb über das Stück: «In Wahrheit wieder einmal ein Produkt, was unsern Zeiten Schande macht! Mit welcher Stirn kann ein Mensch doch solchen Unsinn schreiben und drucken lassen, und wie muss es in dessen Kopf und Herz aussehen, der solche Geburten seines Geistes mit Wohlgefallen betrachten kann!» Hierbei ist jedoch zu bemerken, dass die Gattung des bürgerlichen Trauerspiels zur Erscheinungszeit des Stückes relativ neu war. Eine solche Art des Dramas relativiert die bis zum 18. Jahrhundert geltende Ständeklausel. Diese besagt, dass die Tragödie das Schicksal des höheren Standes behandeln darf, während die niedrigen Schichten ihre Erwähnung in der Komödie finden. Das bürgerliche Trauerspiel bricht mit der Ständeklausel, indem es sich mit der Tragik des Bürgertums beschäftigt. Es zeigt die Konflikte innerhalb dieses Standes, den Kampf gegen die Unterdrückung durch den Adel oder die Kritik der entstehenden Arbeiterklasse an der bürgerlichen Wertordnung. Die Schöpfung der neuen Gattung ist somit eine Folge der BürgertumEmanzipation. Zum ersten Mal erscheint der Kampf zwischen Bourgeoisie und Adelswillkür 1772 in Lessings «Emilia Galotti». In «Kabale und Liebe» finden wir die gleiche Problematik: Die nicht geduldete Liebe von einem Präsidentensohn namens Ferdinand zu Luise, der Tochter eines bürgerlichen Musikers. Als Vorbild für seine Luise diente Schiller Charlotte von Wolzogen, in die er damals verliebt war. Er dachte sogar daran, die wunderschöne 16-jährige zu heiraten. Doch nicht zuletzt aus Standesgründen wurden zwei seiner Heiratsanträge ausgeschlagen. Neben der Liebe dreht sich das Stück um eine Kabale. Zu Schillers Zeit wurde im Herzogtum Württemberg tatsächlich intrigiert: Der allseits verhasste Graf Friedrich Samuel Monmartin war leitender Minister am württembergischen Hof. Er hatte 1762 seinen damaligen Rivalen Oberst Philipp Friedrich von Rieger mit gefälschten Briefen zu Fall gebracht. Heute, genau 222 Jahre später, ist «Kabale und Liebe» am Stadttheater Bern zu sehen. Im Gegensatz zur Uraufführung, feiert das Stück im Hier und Jetzt einen beträchtlichen Erfolg. Vorstellungen: 1./7./11./15./19./21./24. Juni. Weitere Informationen: www.stadttheaterbern.ch

■ Nachdem ich mich das letzte Mal ausgeweint habe, wie untoll es doch hier in München ist (was eigentlich gar nicht wahr ist), muss ich dem Bericht der Vollständigkeit halber noch Punkt 4 anfügen, und zwar der wahre Grund meines Auslandaufenthalts: Ich arbeite hier für einen Fernsehsender, der sich rühmt, es zu lieben, die Menschen zu unterhalten. So, ich bin hier also in der Abteilung Boulevard am Werk, mein Lieblingsgebiet natürlich, denn es gibt nichts, was ich mehr liebe als acht Stunden am Tag zu recherchieren, um nach Feierabend sagen zu können: Ich habe herausgefunden mit wem Leo DiCaprio das letzte Mal geknutscht hat. Ist ja auch egal, eines ist von dominierender Importanz: Auch dort,

so scheint es mir, bin ich wie immer das Oberpoulet im Stall. Jüngster Beweis: Man fragt mich an, ob ich bei einer Sache mit versteckter Kamera als Protagonistin mitmachen könne. Ich sage natürlich, ohne nachzufragen, worum es denn genau geht, zu, weil ich mir denke: Du bist neu hier. Zeig mal Initiative und knie dich rein. Redaktionssitzung: Ich: Um was geht es denn? Teamleiter: Wir verkleiden zwei junge Frauen gleichen Alters verschieden und wollen dann schauen, ob die in Restaurants und in Kleidergeschäften verschieden behandelt werden. Ich: Und wie genau sieht diese Verkleidung aus? Teamleiter: Eine verkleiden wir als Edel-Tussi, die andere als Öko. Und dreimal kannst du raten, wen sie dabei anschauen. Ich versuche mich rauszureden, mit der Begründung ich sei allergisch gegen Wollsocken. Nichts hilft, ich sitze in der Falle. Zwei Wochen später stehe ich mit geringelten Wollsocken, Birkenstöcken und einem gestrickten Gilet auf dem Marienplatz. Wie konnte es nur so weit kommen? Es muss wohl wahr sein: Nur ein steiniger Weg kann nach oben führen.

NICOLAS RICHARD

jackass und jazz ■ Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage was Jazz genau bedeutet, stösst man auf unterschiedliche und auch unterschiedlich interessante Erklärungsversuche. Die Herkunft des Begriffes «Jazz» – also seine Ethymologie – bleibt so zwar ungeklärt; aber im fast allwissenden Internet findet man interessante Möglichkeiten: 1909 tauchte der Begriff «Jazz» in dem Song «Uncle Josh in Society» auf: «One lady asked me if I danced the jazz ...» Es folgt eine ganze Reihe von Versuchen das Wort abzuleiten; auffallend dabei ist, dass es immer etwas Aktives, Kreatives – eine Art «Energie» bezeichnet: So wird «Jazz» als eine Verballhornung des französischkreolischen «chasse» für Jagd gehalten. Eine weitere Möglichkeit ist, dass «Jazz» von kreolisch «jizz» kommt und Ejakulation bedeutet. Andere Quellen leiten das Wort eher von «chasse-beau» ab, einer Tanzfigur beim Cakewalk. Oder sie bringen das Wort «Jazz» mit einen berühmten Tänzer einer Minstrelshow, der sich Jasbo nannte, und dem das Publikum zurief «We want more Jasbo» in einen Zusammenhang. Oder es könnte eine verballhornte Version des Namens «Jézabel», der zu Jazz-Belle («Jazz»-Schöne) umgedeutet wurde, sein (so nannte man eine populäre Prostituierte im alten New Orleans). Möglich ist auch eine Bedeutung als «blödes Zeug» wie in der englischen, verächtlichen Redewendung «... and all that jazz». Ab 1917 bedeutet das Verb «to jazz»«to speed or liven up», schneller werden oder beleben, in Schwung bringen. Das Wort «Jazz» könnte sich auch aus dem Begriff «Jass» ableiten. Das kreolische Patois, «jass» steht für «tatkräftige Aktivität», im speziellen Sexualverkehr. «Jazz» kann auch eine Verkürzung des Begriffes

«Jackass» («Esel») bedeuten. Was sich mit der Meinung der damals etablierten Musikszene über die neue improvisierte Spielweise decken würde: «Sie hören sich wie eine Horde Esel an». Und dann ist «Jas» wiederum ein Jargon-Wort mit möglicherweise sexueller Bedeutung aus dem Senegalesischen. Nimmt man aus all diesen Erklärungsversuchen die Schnittmenge, so erhält man doch eine ganz passable Vorstellung wie Jazz zu klingen habe: Jazz verstanden als eine Art seelischer, aktiver Höhepunkt; eine von einer Horde Esel (Musiker und Zuhörer) wild gesuchte, gejagte Schönheit – was könnte den Jazz besser beschreiben?

Jazz in Bern mit folgenden Leckerbissen: Sonntag, 11. Juni, Beginn 10:00 h Restaurant Altes Tramdepot (www.altestramdepot.ch) Eintritt frei, Tischreservation: 031 368 14 15 Los Hobos - Jazz-Frühstück - Ethno Gipsy Music Nicole Wiederkehr (voc) Disu Gmünder (g, acc) Chrigu Rechsteiner (vio, b, mandoline) Freitag, 16. Juni, Beginn 21:00 h Mahogany Hall (www.mahogany.ch) Eliane Cueni Trio feat. Domenic Landolf CD-Taufe «Canavaa» BeJazz-Saison-Abschlusskonzert! Eliane Cueni (p, comp) Reimund Gerstner (b) Lukas Bitterlin (dr) Domenic Landolf (sax)


M U S I K

21

Bild: Daniel Ritz

CAROLINE RITZ

die tage der musikalischen knobeleien sind gezählt ■ Nach dem lang zelebrierten musikalischen Perfektionismus der 90er Jahre setzen wir wieder dort an, wo wir vor Jahren unsere Brücken abgebrochen haben. Einfacher Harmonieaufbau, eingängige Melodien und starke Stimmen prägen die neu-alte Folk/Country/Pop-Szene. Dank dieser Musikentwicklung dürfen Musiker wie Zuhörer wieder ausgelassene Musikfreude zum Ausdruck bringen. Der Ruf nach Musik, die uns zur Selbstfindung hilft. Texte, die uns aus dem Herzen sprechen. Melodien, die uns vergessen lassen, wer wir sind. Stimmen, von denen wir uns etwas sagen, von denen wir uns beeindrucken und bewegen lassen. Der Drang nach diesen verlorenen Schätzen ist gross. Diese ursprünglichen Tendenzen sind nicht nur in der Musik anzutreffen, spätestens seit Filmen wie «Brokeback Mountain» und «Walk the Line» summt das Volk wieder gerne zu Folk und Country Songs. Die Menschen sehnen sich nach greifbaren Helden und Persönlichkeiten, die unsere Schwächen und Ängste widerspiegeln. Musik und Filme, die uns Balsam auf die Seele streichen. Musiker, die auf den Pfaden ihrer Vorbilder wandeln, und Vorbilder, die sich von den jüngeren musikalischen Einflüssen noch so gerne inspirieren lassen. Alltagsgeräusche, abweichende Töne, Gesprächsfetzen gehören wie bei der Musik von John Cage mit zur Komposition. Leicht verstimmte Gitarren, nachlässig überspielte Patzer, flüchtige Holperer in höheren Gesangstonlagen zeichnen die Stücke aus. Scheu verspielte instrumentale Fauxpas werden auf den Aufnahmen belassen. Man spricht nicht mehr von Fehlern, sondern von der Fülle und Ideenvielfalt der Kompositionen. Hier einige bemerkenswerte Beispiele: Zwei Schöngeister aus dem Norden Anna Ternheim und Isobel Campbell, zwei gesangsstarke und potente Damen, welche nicht unentdeckt bleiben sollten. Anna Ternheim aus Stockholm, veröffentlichte diesen Februar ihr fantastisches Debütalbum «Somebody Outside». Sparsame Handhabung der Effekte, eine Stimme, die bis ins Mark geht, und Texte, welche die weibliche Intuition beflügeln und die männliche Sanftheit bestärken sollen. Eine wahre Perle untern den Newcomern. Isobel Campbell, aus Schottland stammend und ehemalige Sängerin von Belle & Sebastian, hat mit Mark Lengegan (Ex-Frontman von Screaming Trees) ein intimes Album mit dem

Namen «Ballad of the Broken Seas» herausgebracht. Holpriger Blues und knattriger Country erinnern an Bonnie und Clyde unterwegs als charmantes Gangsterpaar. Er mit brummiger, roh-gegerbter Stimme darauf bedacht, das zarte, verletzliche und elfenhafte Stimmchen zu beschwichtigen. Ausser dem Song «Ramblin’ Man» von Hank Williams stammen die Songs überwiegend aus der Feder von Campbell. «Darling, leg schon mal den Bourbon auf Eis, ich kümmere mich um die Musik…» und schon steht einem romantischen Abend nichts mehr im Weg. Hohe Schwachwerde-Quote garantiert. Französischer Chanson aus England Jane Birkin ist als Ex-Frau von Serge Gainsbourg und als Schauspielerin schon lange ein Begriff. Die gute Frau mischt aber auch schon seit einiger Zeit kräftig, jedoch diskret auf dem Musikmarkt mit. Nun ist ihre neue Scheibe «Fictions» in den Plattenläden erhältlich. Das Album ist voller Fremdkompositionen, nichtsdestotrotz lebt es von Birkins Inspiration und persönlicher Note. Tatkräftig zur Seite standen ihr Künstler wie: Johnny Marr (ehemaliger Smiths Gitarrist), Rufus Wainwright, Beth Gibbons und Neil Hannon. Unter anderem coverte sie Tom Waits wunderschöne Ballade «Alice», die zarter nicht sein könnte. Das Album ist der Garten Eden unter den französischen Electro-Chanson-Alben und lässt hoffen, dass uns Frau Birkin noch lange erhalten bleibt. Von Plattentellern zu Gitarrensaiten Fink (UK), nicht zu verwechseln mit seinen Namensfreunden «Fink» aus Hamburg, hat den Sprung in den kalten Singer/Songwriter-Pool erst jüngst geschafft, man muss zugeben, es ist ihm mit Bravour gelungen. Die DJ-Platten hat er mit der Gitarre vertauscht. Einige Ninja-Tune-Anhänger waren anfänglich wohl ein wenig überrascht, Fink ist einziger Künstler in der Sparte Folk auf dem Label. Von Blues, Soul bis Dub Overtones ist das Album durchzogen von seiner leicht verschnupften Stimme und seinem verhaltenen British-Slang. Themen wie schlechte Jobs, Eintagsfliegen des Alltags und unerhörte Liebesflüche werden mit einer schöpferischen Aufmerksamkeit zum Detail arrangiert. Eine einmalige Bearbeitung erhält auch Alison Moyets Hit «All Cried Out». Dem Song wurde bei der Neufassung an Qualität kein Haar gekrümmt. Ninja Tune täte gut daran, noch mehr solche Singer/Songwriter zu produzieren.

Über Pioniere und Hippies Sie können zwar nicht mit brandneuen Alben aufwarten, sind aber jetzt schon Pioniere des neuen Musikgeschehens. Darum eine kleine Rückblende auf die Gründer und ihre gefeierten Alben des letzten Jahres. Altbekannt und tausendmal im Repeat-Modus gehört: Antony & the Johnsons’ «I am bird now». Der Gesang erinnert an einen sterbenden Schwan. Die Texte handeln von Schein und Sein, von Herz und Schmerz und von Verlust und Lust. Keiner versteht es mehr, die gemeinsame Sehnsucht nach Leben und die Vergänglichkeit des Seins so schön auf Messers Schneide tanzen zu lassen wie er. Ein wahrer Ausnahmekünstler. Aufmüpfiger sind hingegen die stilverwandten Schwestern CocoRosie mit den Alben «La Maison de mon Reve» und «Noah’s Ark». Ihre Platte «Noah’s Ark» wurde von der SPIEGEL-Redaktion sogar zur Platte des Jahres 2005 gewählt. Pferdewiehern, Katzenmiauen und trollige Kinder- sowie Kinderspielzeuginstrumente sind in den Zwischenräumen der Songs zu hören. Ein musikalischer Jahrmarkt, wo mit gezüchteten Bizarrgeräuschen, BioElektro-Klängen und schmackhaften Mehrstimmtonlagen gefeilscht wird. Begeisterten Seventies wird Devendra Banhart warm ans Herz gelegt. Geboren in Texas, aufgewachsen in Venezuela und Kalifornien, ist er überzeugter Verfechter des Neo-Hippie-Sounds. Einfache Instrumentierung und EinMann-Folk signieren frühere Alben wie «Rejoicing In The Hands» und «Nino Rojo». Die aktuelle und vierte Platte «Cripple Crow» lässt Schwermut aufkommen. Männer mit langen Haaren, Frauen mit wehenden Batik-Röcken machen sich in unseren Gedanken breit, wenn wir dieses Album hören. Folglich nicht überraschend, dass die Platte in Woodstock aufgenommen wurde. Der Stil bleibt ähnlich, nur die Arrangements sind ausgefeilter und reifer. Aus einer Ein-Mann wird eine Mehr-Mann-Band. Der Sommer ist gerettet, falls er einmal kommen wird. Lasst euch verwöhnen von unseren neuen Lieblingen. Sei es, indem wir mit einem Glas Rotwein auf dem Balkon in Chansons schwelgen oder mit unseren Haustieren den CocoRosie Schwestern lauschen. Dank dieser CDs werden unsere «Sorgen-Rucksäckchen» leichter. Sie verführen uns zu Leichtsinn und Unbeschwertheit. Ab zum Musikhändler und lass ihn von ensuite grüssen.


22

D I V E R S E S

Wir machen STADTLÄUFER ■ nr. 21 // ballspiele. Meine Eltern werden nicht müde zu erwähnen, dass ich vor ein paar Jahren noch nichts von Fussball wissen wollte. Genüsslich erzählt mein Vater jeweils, dass ich als Kind jeden Tschuttibölle links habe liegen lassen. Und heute? Heute rede ich wie die Grossen über Chancenauswertung und versuche verzweifelt, an den entlegensten Kiosken der Schweiz mein Paninialbum zu komplettieren. Bestimmt hat mich auch meine Zeit hier in Bern zum Fan gemacht. Bei der letzten WM musste ich zum Teil früh aufstehen, da die Zeitverschiebung zu Korea/Japan gross war – aber irgendwie hat es mich damals endgültig gepackt. Die Tage waren lang und warm und die Spiele in den Gartenbeizen kurz. Ich erspare mir hier eine Übersicht über alle Grossleinwände und Fussballevents: Die Kulturagenda ist bestimmt voll davon. Aber immer wieder zu empfehlen sind die Restaurants Im Juli und Marzilibrücke. Bern wird für einen Monat zum Fussballmekka. Das geht soweit, dass sich mein Arbeitsgschpänli vom Ballsport eingeengt fühlt: Nirgendwo könne man während der WM hin, ohne Leinwand und traute Bierseligkeit ertragen zu müssen. Ganz so extrem, hielt ich dagegen, könne es nicht sein. Aber in einem Punkt hat sie wohl recht: Es ist sicherlich einfacher, sich dem rollenden Leder hinzugeben, als sich ihm zu entziehen. So werde ich dem Ballspiel auch diesen Sommer fröhnen: Schliesslich geschah in dieser Stadt das Wunder von Bern. Und nach einer nicht üblen Qualifikation erhoffen sich wohl viele insgeheim ein Wunder von Berlin: Vor allem diejenigen, die den Tschuttibölle sonst links liegen lassen. (al)

aus Gedanken Druck(kult)sachen.

telefon 031 720 51 11 www.fischerprint.ch

STRASSENMUSIKFESTIVAL Buskers Bern vom 10. – 12. August 2006 Plattform für die Jugend von Bern und Umgebung Das Organisationskomitee des internationalen Strassen-musikfestival Buskers Bern und die offene Jugendarbeit von Stadt und Kanton Bern (Voja/Toj) stellt eine Jugend-plattform zur Verfügung. Junge Strassenkünstler/innen haben die Gelegenheit, während drei Abenden ihre Darbietungen auf der Münsterplattform zu präsentieren. Für die Gagen sind die Strassenkünstler/innen durch Hutsammlungen selber zuständig. Die nötige Infrastruktur für die Auftritte wird zur Verfügung gestellt.

Gesucht: Strassenkünstler/innen Datum Zeit Alter Dauer der Aufritte

10. – 12. August 2006 18.00 – 24.00 Uhr Jugendliche zwischen 12 und 26 Jahren 10 – 30 Minuten

Es sind mehrere Auftritte an verschiedenen Abenden möglich (je nach Anzahl Bewerber/innen). Beispiele von möglichen Darbietungen: A Capella, Breakdance, Akrobatik, Zauberei, Salsa, Flamenco, Jazz, Pop, Blues, Rap, Worldmusic, Rock, Funk, Swing, Stepptanz, Comedy, Theater, Hip Hop, Feuershows... Meldet euch raschmöglichst an: jugendarbeit.holligen@toj.ch 031 382 56 40 (Jugendzentrum) oder 079 702 27 66 (Enrico) www.buskersbern.ch www.voja.ch www.toj.ch


K I N O

23

ALTERNATIVE ZUR FUSSBALL-WM 2006 Bild: Amanda mit einer Begegnung der speziellen Art.

TILL HILLBRECHT

What the Bleep do we (k)now?! Ein US-Indie-Film findet den Weg ins deutschsprachige Kino – auch den in unseren Kopf? ■ Quanten- und Metaphysik auf dem Vormarsch: Der Film «What the Bleep do we (k)now?!» – was soviel heisst wie «Was glauben wir eigentlich zu wissen» – versucht sich in der Mischung aus moderner Wissenschaft, Religion und Esoterik. 14 Wissenschaftler und Dozenten sind bemüht, dem Zuschauer die schwerbegreifbaren Zusammenhänge zwischen universellen Prinzipien, Spiritualität und Physik näher zu bringen. Kein simples Unterfangen, hat sich wohl auch das Regieteam Will Arntz, Betsy Chasse und Mark Vicente gedacht und versinnbildlichte deshalb den Inhalt mit Spielfilm- und Animationssequenzen rund um Hauptfigur Amanda (Marlee Matleen). Einfacher wird’s für den Zuschauer dadurch nicht: 108 Minuten interessante, aber dennoch trockene Filmmaterie brauchen mehr als kurze Einblicke in die faszinierenden Wasserstudien von Dr. Masaru Emoto, damit sich daraus eine flüssige Dokumentation ergiesst. Dokumentation? Eine bedenkliche Kategorisierung für den in Amerika mehrfach preisgekrönten Film. Denn nebst dem selbst auferlegten Ziel, Antworten auf verblüffende Erkenntnisse zu liefern, wird der Zuschauer hauptsächlich mit dem Dogma versorgt, dass der Film die Weltanschauung verändern kann und wird, wenn man denn nur fest daran glaubt – weit über den Dokumentationsstatus hinaus. Der aufmerksame Beobachter, berufen auf unliebsame innere Vorahnungen, wartet bis zum Ende des Abspanns darauf, dass eben noch schnell das Emblem einer zwielichtigen Organisation über die Leinwand flimmert. Der Verdacht bestätigt sich nicht. Ganz unbegründet sind die Vorbehalte dennoch nicht; inzwischen sind viele kritische Stimmen seitens der Wissenschaft aufgetaucht. Nicht bezüglich der immensen Kraft und des unheimlichen Potenzials der Quantenphysik. Auch deren Beteiligung an bis dato belächelten spirituellen Erfahrungen ist der Physik erstaunlicherweise kein Dorn im Auge. Die Vermischung von Erwiesenem und Spekulation aber betiteln zahlreiche Wissenschaftler als irreführende und gar gefährliche Darstellung des gegenwärtigen Stands der Dinge. In der Tat: Die Wirkung auf den neugierigen Laien

– auf ihn dürfte die schulfilmhafte Animation, der guten und bösen Proteine und Hormone etwa, wohl zugeschneidert worden sein – entfaltet sich mehr in Form grosser Verwirrung als im beispielslosen Aha-Effekt. Denn: Wie mit der neugewonnenen Erkenntnis umzugehen ist oder die revolutionäre Entdeckung nun anzuwenden sei, erfährt der Zuschauer genau so wenig wie bei einer Verkaufssendung für ultimative Fett-Weg-Diäten, welche ganz ohne Essensverzicht funktionieren. Derweil distanziert sich David Albert, Professor an der Columbia Universität für Physik und einer der 14 Wissenschaftler in «Bleep», vom Film. Seine Aussagen werden ihm zufolge in einem falschen Kontext wiedergeben. In Internet-Foren bedauert er, dass seine Person im Film derart missinterpretiert werde und wäre ihm der Inhalt des Films im Voraus bekannt gewesen, hätte Albert dem Dreh nicht zugestimmt. Den Reiz des Kernthemas schwemmt der Film aber nicht vollständig von dannen: Er lässt uns Quanten- und Metaphysik antasten, um gleicherhand zu erkennen, dass sich uns nur ein Bruchteil eines rieseigen Spektrums auftut. Fragen über das Sein oder den Sinn des Lebens werden, wenn zwar nicht beantwortet, zumindest aber gestellt und man ahnt, dass die Wissenschaft intensiver als erwartet daran ist, an Lösungen zu basteln. «What the Bleep do we (k)now?!” ist ein gefundenes Fressen für die innere Neugierde. Deren Hunger stillt man nach dem Film jedoch besser mit einem Dessert aus bewährter Literatur und ein wenig In-sich-selbst-hinein-schauen. Der Film ist mit Vorsicht zu geniessen, niemand soll aber darin gehindert werden, als besserer Mensch aus dem Kino zu kommen. Anders drückt es der «Bleep»-kritische Physiker Dr. Paul Stephenson diesbezüglich aus: «Quantenphysik ist der irreführendste Teil der ganzen Physik. Tatsächlich ist darin genügend Verwirrung vorhanden, um einen vollständigen Film zu drehen. Wie auch immer, es ist ein kleiner Sieg, dass sich überhaupt ein Film der Quantenphysik widmet.»

■ Mit einem erfrischenden Getränk in der Hand zurücklehnen, die Beine strecken und den Film geniessen. So könnte ein gemütlicher Filmabend zu Hause aussehen. Nimmt man zusätzlich eine Grossleinwand, ein Cinema-Surroundsystem, ein stilvolles Designersofa und eine Bar, die vieles bietet, was das Herz begehrt, so findet man sich an einem Kinoabend der Entertainment-Agentur La Folie wieder. «foliewood» nennt sich die neue Serie von Kinoabenden, welche seit April hier in Bern monatlich durchgeführt werden. Gaststätte des einmaligen Kinoerlebnisses ist die Teo Jakob Filiale mitten im Industriequartier Waldegg in Bern-Liebefeld. Das Lokal, welches früher von der Firma Garba industriell genutzt wurde, bietet genügend Fläche, um bis zu vier «Kleinkinos» einzurichten. DVD-Premieren Gezeigt werden Filme, die erst in den Tagen oder Wochen nach der Vorführung in den Läden erhältlich sein werden. Welche Filme das Publikum zu sehen kriegt, entscheiden die Projektleiter von La Folie in Absprache mit den Schweizern Ablegern der Filmstudios Universal, Warner Bros. und Buena Vista. Dabei wird darauf geachtet, dass von Film zu Film ein anderes Genre bedient wird. Im Juni ist die Sparte Drama / Thriller dran. Gezeigt wird der Politthriller Syriana mit George Clooney in der Hauptrolle. Er spielt einen CIA-Agenten, der die Machenschaften seiner Regierung im globalen Ölgeschäft zu hinterfragen beginnt und dabei zwischen die Fronten Macht und Menschlichkeit gerät. Vor Filmbeginn, in der Pause und auch nach dem Film können sich die Gäste an der hauseigenen Bar mit Köstlichkeiten verwöhnen lassen. Der Eintritt für die Filmabende ist frei. Dafür muss jeder Gast für mindestens 15 Franken konsumieren. Damit sich die Organisatoren entsprechend auf den kommenden Kinoabend vorbereiten können, wird empfohlen, sich vorgängig anzumelden. Fussball-WM Zurzeit dürften die meisten vom um sich greifenden Fussballfieber schon angesteckt worden sein. Für all jene, die mit Fussball nicht viel anfangen können oder diejenigen, welche für einen Abend dem Trubel um die WM entfliehen möchten, bietet der «foliewood-Kinoabend» am 26. Juni eine Alternative. Bei schönem Wetter gibt es für einige Gäste die Möglichkeit, den Film «open-air» auf der Terrasse des Lokals zu geniessen. Die Bar öffnet um 19 Uhr. Der Film beginnt voraussichtlich um 21 Uhr. (zVg) Weitere Informationen zum Kinoabend oder anmelden kann man sich über die Internetseite www.lafolie.ch.


24

K I N O

ISABELLE LÜTHY

UNITED 93 ■ Es gibt Filme, die man sich lieber nicht anschauen möchte. «United 93» ist ein solcher Film. Als erste Hollywood-Produktion setzt er sich mit den Ereignissen des 11. Septembers 2001 auseinander. Der Fokus richtet sich auf den Todesflug United 93, auf jene Maschine, die als einzige von vier entführten Flugzeugen ihr Ziel, das Capitol, nicht erreichte und auf einem Feld in Pennsylvania abstürzte. Bereits im Vorfeld löste der Film heftige Diskussionen aus. Es sei «zu früh», lautete die Kritik, die Erinnerung an jenen Tag zu schmerzlich. Dessen ungeachtet wurde der Film in den USA zu einem Riesenerfolg. Bereits steht ein weiterer in der Pipeline: «World Trade Center» von Oliver Stone kommt im Herbst in die Kinos. «United 93» ist weder grosses Gefühlskino noch actiongeladener Katastrophenfilm. Dem dokumentarischen Stil verpflichtet, versucht Greengrass ohne Pathos jene bangen Minuten in Echtzeit zu rekonstruieren, die sich während des Fluges abgespielt haben könnten. Verwackelte Aufnahmen mit der Handkamera erzeugen ein Gefühl der Authentizität und lassen den Zuschauer Teil der Geschehnisse an Bord werden. Dass dabei auf eine Dämonisierung der Attentäter verzichtet wird, ist eine Stärke des Films. In rasanten Schnitten erhält das Publikum zudem Einblick in das Chaos und die Hilflosigkeit, die in den verschiedenen Kontrollzentren herrschten. Die verzweifelten Versuche der Fluglotsen, Kontakt herzustellen. Grüne Punkte, die auf den Radarschirmen auftauchen, plötzlich verschwinden. Wortfetzen aus den Cockpits, die zu deuten versucht werden. Und das sich langsam einstellende Bewusstsein, dass sich hier eine Katastrophe anbahnt, wie sie die USA bislang nicht gekannt hat. Ein Bewusstsein, dass sich auch bei den Passagieren einstellt, die über Bordtelefone von den Anschlägen erfahren und sich zur Gegenwehr entschliessen. Es folgen turbulente Szenen des Kampfes – dann wird der Bildschirm schwarz. Es ist bezeichnend für die Unentschlossenheit des Films, dass Greengrass den Schlusssatz des Abspanns «Der Krieg gegen den Terrorismus hat begonnen» in letzter Minute durch eine Widmung an die Opfer ersetzte. Was will der Film eigentlich aussagen? Der Zuschauer bleibt ratlos. Eine neue Perspektive eröffnet sich nicht. Durch den bewussten Verzicht auf das Aufzeigen politischer Zusammenhänge erscheinen die Ereignisse wie in einem historischen Vakuum, als Stunde Null, auf die sich seither die Ereignisse der Welt zurückführen lassen. Von einer Aufarbeitung oder gar einem kathartischen Effekt keine Spur. Die Atmosphäre der Angst, des Schreckens und der Hilflosigkeit dominiert bis zuletzt. «United 93» Regie: Paul Greengrass, England / USA 2006. Ab 1. Juni in den Kinos.

SONJA WENGER

the da vinci code – ein sakrileg? Bild: zVg.

■ Der absolute Traum eines jeden Film-PR-Menschen ist eine öffentliche Kontroverse. Man nehme ein Buch, dass fünfzig Millionen Mal verkauft wurde, einen Autor, der gleichermassen erfolgreich wie medienwirksam einen Plagiatsprozess abgewehrt hat und eine kontroverse Geschichte um «die grösste Vertuschungsaktion der Historie». Wenn es sich noch dazu um das Thema Religion handelt, der Streit praktischerweise zwei Wochen vor Filmstart zeitgleich in allen Medien beginnt und die Gemüter der höchsten Autoritäten erhitzt, dann erhält man eine Publizität und ein Interesse, das nicht mit Gold aufzuwiegen ist. Dafür aber umso mehr Geld einbringt. Obwohl bei der Premiere in Cannes haushoch durchgefallen und seither in den meisten Fällen mit lauwarmen Kritiken versehen, spielte der Film am ersten Wochenende ein Rekordergebnis ein. Was erstaunlich ist angesichts der Tatsache, dass garantiert kein Zuschauer und keine Zuschauerin sich den Film zweimal ansieht. Der Film ist weder gut noch schlecht. Er hat ein paar nette Bilder, ein paar gute Schauspieler und eine gute Schauspielerin, aber er ist vor allem langweilig. Wer das Buch kennt, dessen Erwartungshaltung kann nur enttäuscht werden, wer es nicht gelesen hat, verbleibt ratlos über die Aufregung in den Medien. Die Geschichte um Symbole, Rätsel und kirchliche Verschwörungen funktioniert bestens in einem Buch. Auf der grossen Leinwand wirkt sie langatmig. Der cineastische Einfall, geschichtliche Hintergründe zu verfilmen und sie mit der Erzählung visuell zu verweben, kann als löbliche Absicht der Auflockerung gedeutet werden, aber auch als der ultimative Killer der Phantasie. Dass die Komplexität der «Schnitzeljagd» auf ächzende zweieinhalb Stunden zusammengestaucht wurde und das Ende aufgesetzt kitschig daherkommt macht es auch nicht besser. Hauptdarsteller Tom Hanks versuchte auf einer Pressekonferenz am Filmfestival in Cannes die Diskussion zu entkräften: «Es handelt sich nicht um einen Dokumentarfilm.» Der einzig «vernünftige» Kommentar kam aber von Ian McKellen, einem Schauspieler, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekennt: «Ich kann mir gut vorstellen, dass Jesus verheiratet war. Und

wenn man bedenkt, welche Probleme die katholische Kirche mit Homosexuellen hat, wäre dies doch der beste Beweis dafür, dass Jesus nicht schwul war.» Religiöse Themen zu verfilmen ist wohl immer wie ein Stich ins Wespennest. Man mag sich nur um den vergleichbaren Hype bei dem Film «The Last Temptation of Christ» von Martin Scorssese aus dem Jahr 1988 erinnern, oder um Mel Gibsons Verfilmung «The Passion of the Christ» von vor zwei Jahren. Auch damals schlugen die Wellen hoch, auch damals hat man sich im Nachhinein gefragt warum. Welche Angst haben also die Menschen, die nun demonstrieren und sich landauf-landab in Talkshows und Spezialseminaren zu einigen versuchen, was sie denn über den Film, Opus Dei und vor allem über die Theorie denken sollen, dass Jesus Christus eventuell unter Umständen möglicherweise verheiratet gewesen sein könnte. Und weshalb beginnt die Diskussion erst jetzt hochzukochen, obwohl das Buch bereits seit Jahren auf dem Markt ist? Haben die Gegner und Gegnerinnen vielleicht Angst davor, dass es noch immer viele Menschen gibt, die das für bare Münze halten, was sie in bewegten Bildern sehen? Am besten formulierte es wohl die vatikanische Zeitung «L’Osservatore Romano» wenige Tage vor dem Start des Films in Italien: Die Kirche sei in eine «gigantische Marketing Strategie» hinein manövriert worden und die Filmadaption von Dan Browns Buch sei «Viel Lärm um Nichts». Wie zu erwarten gab die Produktionsfirma Columbia Pictures bekannt, als nächstes Dan Browns Buch «Illuminati» (Angels and Demons) zu verfilmen. Quasi das Prequel zu «Sakrileg». Mit der Option auf die gleiche Crew um Regisseur Ron Howard, Darsteller Hanks und die Drehbuchautorin Akiva Goldsmann. Die Geschichte handelt im Vatikan und beinhaltet, salopp formuliert, ein Dutzend ermordete Kardinäle und miese Machenschaften im Umfeld des Papstes. Man darf gespannt sein, mit welchen vergoldeten Engelszungen sich die Produzenten um eine Drehgenehmigung im Vatikan bemühen wollen. Schliesslich will das moderne, mündige Publikum heutzutage echte Bilder sehen. Halleluja.


K I N O

25

SONJA WENGER

TRATSCHUNDLABER

SONJA WENGER

angel-a Bild: zVg.

■ Eine «Liebeserklärung in schwarz-weiss an Paris» sei der Film «Angel-A», mit dem der französische Regisseur Luc Besson («Nikita», «The Fifth Element») nach sechs Jahren Pause wieder auf die Leinwand zurückkehrt. In dieser Zeit produzierte er eine Reihe erfolgreicher Actionfilme wie «Wasabi» oder «The Transporter», und liess sich für die fünfzehn Seiten des Drehbuchs von «Angel-A» zehn Jahre Zeit. Doch auch für die Umsetzung wählte Besson einen ungewöhnlichen Weg. Da er mit seinen technischen Mitarbeitern wie beispielsweise dem Kameramann Thierry Arbogast («Léon», «Les Rivières pourpres») und den Ausstattern bereits seit Jahren in der gleichen Zusammensetzung arbeitet, gab er ihnen bewusst nur sehr spärliche Informationen über die Geschichte. Dadurch erhält der Film eine Frische in den Ideen und der Umsetzung. Gleichzeitig drehte Besson den Film in zeitlich kontinuierlicher Reihenfolge. Durch diese Methode entdeckten die Beteiligten «die Geschichte nur nach und nach und erlebten die Auflösung erst am letzten Drehtag», das Überraschungselement liegt also nicht nur auf Seiten des Publikums. Der Gauner André (Jamel Debbouze) fühlt sich klein, hässlich und von aller Welt gehasst. Längst glaubt ihm niemand mehr seine ständigen Lügen, bei denen er selbst bereits die Übersicht verloren hat. Als ihm auch noch zwei seiner Gläubiger mit dem Tod drohen, sollte er bis am nächsten Tag seine Schulden nicht beglichen haben, will er seinem Leben ein Ende setzen, indem er von einer Brücke springt. Doch plötzlich steht im wahrsten Sinne des Wortes aus heiterem Himmel eine junge Frau neben ihm auf der Brücke und springt ins Wasser. Ohne zu zögern hechtet er ihr nach und rettet sie vor dem Ertrinken. Die zwei Kopf grössere, blonde Frau (Rie Rasmussen) im knappen kleinen Schwarzen und endlos langen Beinen stellt sich ihm als Angela vor. Kompromisslos erklärt die Fremde zudem, dass sie nun ihm gehöre, da er ihr Leben gerettet habe. André ist von der Situation völlig überfordert, doch Angela hängt sich an ihn wie eine Klette. Und obwohl sich André neben der schönen Frau noch hässlicher fühlt als sonst, scheint sich seine Pechsträhne plötzlich ins Gegenteil zu verwandeln. Im Handumdrehen bringt Angela mit gerade-

zu überirdischen Kräften Andrés Leben wieder in Ordnung. Das Geld für die Schulden ist schnell beschafft, doch Angela bringt André vor allem bei, sich selbst mit neuen Augen zu sehen, sich selbst lieben zu lernen. Das er dazu aber sein Leben von Grund auf ändern und mit seinen bequemen Lebenslügen aufräumen muss, nervt André. Erst als sie ihm gesteht und beweist, ein Engel zu sein, beginnt sein Widerstand zu bröckeln. Durch Angelas bedingungslose Liebe schöpft André neue Lebenskraft und beginnt, ihr Gefühl zu erwidern. Doch damit ist Angelas Auftrag eigentlich zu Ende. Der beliebte Komiker Jamel Debbouze («Le fabuleux destin d’Amélie Poulain») verleiht der Figur des André viel Tiefe und Wärme. Im Gesicht des Schauspielers, der im Alter von dreizehn Jahren bei einem Verkehrsunfall einen Arm verloren hat, spiegeln sich sowohl die Narben wie auch der Charme seiner Filmfigur. Während einer Filmszene, in der André von Angela sanft gezwungen wird, sich selbst im Spiegel zu betrachten, ruht die Kamera sehr lange auf seinem Gesicht und fängt die kleinste Veränderung ein. Ein Moment von grosser Intimität, dem man sich kaum entziehen kann. Doch auch die dänische Schauspielerin und Model Rie Rassmusen («Femme Fatale» von Brian Palma) beweist, dass sie mehr ist, als das Gucci-Gesicht. Obwohl ihre Figur sehr an frühere Frauengestalten der Besson-Filme erinnert, die von Anne Parillaud und Milla Jovovich verkörpert wurden, spielt Rasmussen sehr souverän mit ihrem Image des perfekten Models. Der körperliche Gegensatz der beiden Hauptfiguren ist in den ersten Szenen noch stark gewöhnungsbedürftig, entwickelt sich jedoch im Laufe des Films zu einer wunderbaren Selbstverständlichkeit und der Lektion, die Menschen nie allein nach ihrem Äusseren zu beurteilen. Der Film dauert 90 Minuten und ist seit dem 25.5.06 im Kino.

■ Was können wir froh sein, dass die Schweizer Politik die Doris Leuthard hat. Endlich mal eine Frau, die all die «Dorlis», «Bambis» und «Duschpäckli»Etiketten mit einem breiten Lächeln abzuschmettern versteht. Immerhin macht sich der Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» Gedanken darüber, ob es nun ein Problem ist, eine Frau über Äusserlichkeiten zu definieren. Um die Frage gleich selbst zu beantworten, bringt die Zeitung dann eine Bildreportage über Doris’ Garten-, Koch- und Tischdekorationskünste. Auch eine andere Frau muss viel einstecken. Der «Blick» textete kürzlich zu einer Fotoserie von Madonna, die sie in Leder und mit viel nackter Haut zeigte: «Was für ein toller Hengst, diese Frau.» Doch auch andere werden nicht verschont. Im Zusammenhang mit der Schwangerschaft seiner Frau verkündete DJ Bobo in der SI: «Ich weiss halt, wie’s geht», und unser neuer Mister Schweiz, Miguel San Juan antwortete auf die Frage, was er gerne für ein Mister sein möchte mit: «Ich möchte unbedingt mein Bestes geben.» Immerhin: Er sieht auf jedem Foto genau gleich aus. Da ist sein weiblicher Gegenpart Lauriane Gilliéron in der «Coop-Zeitung» schon mutiger: «Mir ist Gesundheit wichtig.» Aber enorm überrascht natürlich, dass Ex-Mister Schweiz Sven Melig «noch immer verliebt ist in seine Freundin.» Somit dümpelt die Schweizer Medienlandschaft seelig vor sich hin. Man muss schon über die Grenze schielen, um neue Dimensionen der Stupidität zu finden. Dazu wurde nun die Doku-Soap «Tatjana & Foffi» geboren. Ihre Hohlwohlgeborenen versprechen «ungeschminkte Einblicke» in das aufregende Privatleben des Starlets Tatjana Gsell und ihres doppelt so alten Prinzen Ferfried von Hohenzollern. Wobei das «ungeschminkt» zu bezweifeln ist. Apropos Kurioses. Da ist George Clooney auf dem Titelbild des «Vanitiy Fair - Green Issue» zu sehen, auf das er es dank seines Engagements für die Umwelt geschafft hat. Und dann macht der gute Mann Werbung für Nespresso. Kein Widerspruch zu klein, um noch lukrativ zu sein. Da bleibt eigentlich nur, sich wie der Psychiatrieprofessor Daniel Lang in der SI zu fragen: «Welchen Sinn machen Depressionen?» Als Gegenmittel empfiehlt sich, bei «Pflücke Swarowski Steinchen von einem nackten Modell» mitzumachen. Zu finden gibt’s diese Glanzleistung der Sinnlosigkeit unter www.millioncrystalbody. com. Bei der Käuferliste findet sich eine Weltkarte, auf der man sieht, wer in welchem Land bereits wie viele Steine für einen Euro pro Stück gekauft hat. Das ist dann ein bisschen wie beim Eurovision Song Contest: «Royaume-Uni, zero points.»


26

D A S

A N D E R E

K I N O

www.cinematte.ch / Telefon 031 312 4546

www.kellerkino.ch / Telefon 031 311 38 05

www.kinokunstmuseum.ch / Telefon 031 328 09 99

Formal genial Der formal geniale Zyklus geht in die letzte Runde. In Nikita und Atlantis von Luc Besson erfahren die Kinogäste nicht nur visuelle Erlebnisse, sondern tauchen mit der Filmmusik von Eric Serra in stimmungsvolle Klangwelten ab. Serra gehört zu den experimentelleren Komponisten der Filmbranche. Seine Werke sind alles andere als unumstritten, die Kompositionen für einen James Bond-Film sorgten für Irritationen im Publikum. In Atlantis ergänzen Serras expressive Klänge die ausdrucksstarken Bilder des Regisseurs. Die Geschichte der jungen Nikita, die von der Gefangenen zur Auftragsmörderin der Regierung aufsteigt spannt die Nerven bis zum Schluss.

FORMAL GENIAL: KAMERA & SCHNITT Das Kellerkino versucht, das Publikum für die Bedeutung von Kamera und Schnitt respektive Montage zu sensibilisieren und aufzuzeigen, wie der Chefkameramann ebenso wie die Cutterin neben dem Regisseur wesentlich zum visuellen Gesicht eines Films beitragen.

FORMAL GENIAL: PRODUCTION DESIGN Schauplätze, Drehorte, Spielräume. Das Kino Kunstmuseum widmet sich mit dem aktuellen Programm einem wichtigen Aspekt des Filmes, der geflissentlich übersehen und in seiner Bedeutsamkeit oft unterschätzt wird. Dabei spielen die Architektur im Film, die Ausstattung, das Dekor und die Kulissen eine zentrale Rolle für das ästhetische Gelingen eines Filmes. Im Rahmen dieser Reihe zeigt das Kino Kunstmuseum bedeutende Werke wie Le mépris (Jean-Luc Godard, F/I 1962), Il nome della rosa (Jean-Jacques Annaud, F/ I/BRD 1986), Stalker (Andrej Tarkovskij, BRD/Russland 1979) und E la nave va (Federico Fellini, F/I 1983).

Fussball Nebst der Filmrolle dreht sich im Juni bei uns auch das runde Leder. Als Anpfiff zum Sportereignis des Jahres zeigen wir zwei Fussballfilme: Nach dem Warmlaufen mit der englischen Kömodie Bend it like Beckham, staunen wir über Das Wunder von Bern, um sogleich in eifriges Mitfiebern für die Schweizer Nationalmannschaft zu verfallen. Unsere Fussballhelden werden Ihnen in Übergrösse von der Leinwand für Ihre emotionale Unterstützung danken (eine Liste der in der Cinématte übertragenen WM-Spiele finden Sie auf unserer Homepage). Junge deutsche Filme Nicht nur Fussballfreaks kommen diesen Sommer auf ihre Kosten, auch Filmfreaks dürfen sich auf eine cinematografische Deutschlandreise freuen. Ein Zyklus mit jungen deutschen Filmen geht Ende Juni an den Start. Lola rennt um das Leben ihres Freundes, Herr Lehmann ist bald dreissig und hat in seinem Leben noch nicht viel erreicht. Die fetten Jahre sind vorbei, so die Botschaft, welche die Freunde Jan und Peter in den Villen hinterlassen, in die sie eingebrochen sind. Als «Erziehungsberechtigte» wollen die Jugendlichen auf die ungerecht verteilten Güter in der Welt aufmerksam machen. Von einem Besitzer überrascht, wächst ihnen das Vorhaben über den Kopf. Ebenfalls überfordert ist der notorische Versager Nick, der bei seinem Aushilfsjob in der psychiatrischen Klinik verhindert, dass Leila sich das Leben nimmt. Sie folgt ihrem Retter auf Schritt und tritt - Barfuss.

Raging Bull (Martin Scorsese, USA 1980, E/df) Noch in den frühen 80er Jahren zog Michael Chapman alle Register der Kamerakunst und filmte jeden Boxkampf von Raging Bull in einem anderen Stil: die schnellen Bildabfolgen der Cutterin Thelma Schoonmaker stellten damals noch eine Innovation dar. Raging Bull ist die Geschichte des Aufstiegs und Falls eines zähen Einzelgängers, basierend auf dem autobiografischen Roman des Mittelgewichtsboxers Jake La Motta, der sich in den Vierzigerjahren aus den Slums der New Yorker Bronx hochboxt. Die Kamera-Arbeit vermittelt ungeschönt die Härte und Gewalttätigkeit des Boxsports. Die meist mit der Handkamera aufgenommenen Kampfszenen sind in harten Schwarzweiss-Kontrasten gefilmt. Die schnellen Schnitte der Cutterin Thelma Schoonmaker, die für ihre Montagearbeit mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, stehen in einem effektvollen Gegensatz zu den Zeitlupeaufnahmen der Boxschläge. (Do 1.6.-Mi 7.6.).

AKIRA KUROSAWA Fortsetzung der Filmreihe zu Kurosawas filmischem Frühwerk mit: Akahige - Dr. Rotbart (Japan 1965). Der 1965 entstandene Film ist ein ausgezeichnetes Beispiel für die gestalterische Liebe, mit der Akira Kurosawa arbeitete. Dekor, Spiel, Bildkomposition und Montage sind derart durchdacht, dass man ihnen in einem kurzen Beschrieb niemals gerecht werden kann. Ein frisch promovierter Arzt Yasumoto (Yuzo Kayama) tritt um 1820 eine neue Stelle an. Die Klinik entpuppt sich als Armenhospiz, das von einem obskuren Doktor (Toshiro Mifune) geführt wird. Dieser trägt den Spitznamen Rotbart (Akahige) und führt eine Alleinherrschaft nach eigenen Methoden, in die sich Yasumoto vorerst weder einleben kann noch will. KUNST UND FILM: Werner Witschi Zum 100. Geburtstag des Berner Künstlers Werner Witschi zeigt das Kino Kunstmuseum den Dokumentarfilm Moirés Bewegung Licht von Liberius Lucas und Robert Richter (Schweiz 1986). Werner Witschi kreiert seit 1966 kinetische Objekte (Wind- und Drehpendel) und Moiré-Objekte. KUNST UND FILM: The Sublime is Now! Filmreihe anlässlich der Ausstellung im museum franz gertsch mit: Jesus, Du weisst von Ulrich Seidl (Ö 2003). LITERATUR UND FILM: Patricia Highsmith Filmreihe anlässlich der Ausstellung in der Schweiz. Landesbibliothek mit: The Talented Mr. Ripley von Anthony Minghella (USA 1999) und Plein soleil von René Clément (F/I 1960).


F ü r d a s Ta g e s p r o g r a m m d i e Ta g e s z e i t u n g o d e r d a s I n t e r n e t W W W . B E R N E R K I N O . C H

K I NO i n

d e r

R e i t s c h u l e

27

LICHTSPIEL

www.reitschule.ch / Telefon 031 306 69 69

www.lichtspiel.ch / Telefon 031 381 15 05

www.pasquart.ch / Telefon 032 322 71 01

Zum ersten - und hoffentlich nicht zum letzten Mal - kommt es zu einer Zusammenarbeit zwischen dem StudentInnenfilmclub (SFC) und dem Kino in der Reitschule. Der SFC ist eine studentische Organisation der Uni, die regelmässig thematische Zyklen und Spezialanlässe veranstaltet. Das Ziel des StudentInnenfilmclubs ist es, einem anspruchsvollen Publikum eine Alternative zum gängigen Kinoprogramm anzubieten. Wichtig dabei ist der Blick zurück in die Kino- und Filmgeschichte, alte Filme (wieder-) zu entdecken oder auch Filme aus anderen Kulturräumen vorzuführen. Sommerzeit ist Reisezeit. Zur Einstimmung darauf zeigt der StudentInnenfilmclub der Uni Bern eine Roadmovie-Reihe. Vier Filme aus vier Kontinenten werden die Zuschauer in die weite Welt auf wunderschöne unterschiedliche Reisen mitnehmen. Easy Rider, Dennis Hopper, USA 1969 (8./9.6.). Der Film gilt als Kultfilm und verkörpert wie kein anderer Film das Lebensgefühl der 60iger Jahre. Er spiegelt die Gewohnheiten und Sehnsüchte einer ganzen Generation wieder. Priscilla - Queen of the Desert, Stephen Elliott, Australien 1994 (15./16.6). Die endlose Weite der australischen Provinz steckt voller Abenteuer. Besonders dann, wenn man seinen Lebensunterhalt als Travestiestar verdient und im Glitzerfummel auf dem Weg zu einem Gastspiel im tiefsten Hinterland ist TGV - Express, Moussa Touré, Frankreich/Senegal 1997 (22./23.6.). Held in diesem afrikanischen Roadmovie ist ein klappriger, buntlackierter Reisebus. In diesem höchst vergnüglich und vital erzählten Roadmovie erhält man nebenbei Einblick in den afrikanischen Alltag zwischen moderner Technologie und Geisterglauben, zwischen politischer Korruption, traditioneller Stammesstruktur und kolonialem Erbe. Im Juli, Fatih Akin, Deutschland 2000 (29./30.6.). Ein liebenswertes romantisches Roadmovie mit einem wie immer hervorragenden Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle. Die wilde Odyssee durch Südosteuropa wird für ihn dabei zur Reise in ein neues Leben.

Nicht nur Fussball aus Georgien Rechtzeitig vor dem Anpfiff zur Fussballweltmeisterschaft präsentiert das Lichtspiel mit Die erste Schwalbe (Pirve Mertskhali, 1975) ein filmisches Kleinod, das davon erzählt, wie der Fussball nach Georgien kam. Mit viel Einfühlungsvermögen wird ein verschlafenes Dorf porträtiert, in dem der Funke des Fussballspiels Bewegung in den Alltag bringt (Mi 7.6., 20:00 h). Auch der Film Die Reue (Monanieba, 1984) stammt aus Georgien: Er wurde kurz vor der Perestroika gedreht und löste mit seiner kritischen Haltung gegenüber der herrschenden Tyrannei kontroverse Reaktionen in Russland aus (Fr 23.6., 20:00 h).

Bis zum 12. Juni sind weitere drei Filme von Ang Lee zu sehen, dem kongenialen Meister, der in allen Filmgenres heimisch ist und der die Bilder im Film über diejenige der Träume stellt. The Ice Storm, Ang Lees Adaption von Rick Moodys Roman ist eine brillante Studie über Traditionen, Lügen, Geborgenheit und die Kälte des Individualismus sowie eine imposante Reflexion über die 70er Jahre. In Hulk wird der junge Atomphysiker Bruce (Eric Bana) im Labor bei einem Unfall radioaktiver Gammastrahlung ausgesetzt. Er überlebt und fühlt sich fortan seltsamerweise besser denn je. In Brokeback Mountain schliesslich, verlieben sich zwei charakterlich völlig gegensätzliche Cowboys ineinander und erleben den amerikanischen Albtraum: Wegen der rigiden Moralvorstellungen der Gesellschaft müssen sie ihre Beziehung Jahrzehnte lang verheimlichen, woran sie psychisch zu Grunde gehen. Vom 16.6. bis 17.7. spannt das Filmpodium im Rahmen der grossen Südkorea-Ausstellung im Bieler Kunstmuseum Pasquart einen grossen filmischen Bogen mit u. a. mehreren Werken von Kim Ki-Duk. In weniger als zehn Jahren hat sich Kim Ki-duk zu einem der produktivsten und erfolgreichsten südkoreanischen Filmemacher entwickelt, unter denen er zweifellos der europäischste ist. In Spring, Summer, Fall, Winter... and Spring zeigt der koreanische Autorenfilmer eine poetische Meditation über seine Lieblingsthemen: Isolation, Begehren und Gewalt, Schuld und Sühne. In Samaria entdeckt ein Mann, dass sich seine Teenagertochter als Prostituierte verdingt. Ebenfalls im Juni zu sehen ist der Klassiker Warum Bhody Dharma in den Orient aufbrach von Bae Yongkyun. Der radikale Aussenseiter hat an diesem Werk über einen Zen Lehrer und einem jungen Mönch acht Jahre gearbeitet und setzte dem schnellen Kino einen beschwörend ruhigen Rhythmus gegenüber, der zu atemberaubenden Entdeckungen führt.

Im Rahmen von «Kultfilme im Theater» zeigt das Kino am 1./2.Juni: Accatone von Pier Paolo Pasolini.

Jüdisches Leben in der Schweiz 200 Jahre lang durften sich die Juden in der Schweiz nur in Endingen und Lengnau im Aargauer Surbtal niederlassen. Erst 1866 wurden sie gleichberechtigte Schweizer Bürger und konnten nun den Wohnort frei wählen. Der Dokumentarfilm Die Schweizer Judendörfer - Auf Spurensuche in Endingen und Lengnau (1998) von Peter Neumann beleuchtet die Geschichte der ehemaligen Judendörfer und porträtiert jüdische Menschen, die noch heute mit Endingen und Lengnau verbunden sind (Do 15.6. und Do 22.6., je 20:00 h). Stina Werenfels‘ Pastry, Pain and Politics (1998) berichtet von einem jüdischen Touristen, der in einem Schweizer Spital von einer Palästinenserin gepflegt wird. Das delikate Thema wird spannend und mit Witz umgesetzt (Do 15.6., 20:00 h). Jüdin sucht Jude, Heirat erwünscht: In Matchmaker (2005) von Gabrielle Antosiewicz macht sich eine dreissigjährige Jüdin in Zürich daran, einen Partner zu finden, was so seine Tücken hat... Die Vorführung findet in Anwesenheit von Gabrielle Antosiewicz, Monica Rüthers sowie Peter Neumann statt (Do 22.6., 20:00 h). Abessinienflug Der frisch restaurierte Film aus der Schatztruhe der Cinemathèque suisse erzählt von der 1934 mit einer dreimotorigen Fokker durchgeführten Flugreise des Flugpioniers Walter Mittelholzer an den Hof des Negus Negesti (Mo 26.6., 20:00 h).

Im Juli zeigen wir Kim Ki-duks wohl erfolgreichsten Film: Bin-Jip (Die Mieter).


28

L I F E S T Y L E

HERR UND FRAU SCHWEIZER IM STEIGRÜEBLI ■ Es wird Sommer und Herr und Frau Schweizer können endlich wieder ihre plastifizierten, rot-weisskarierten Tischtücher, ihre 1. Augustfähnli, ihre blitzblank gepützelten Cabrios hervorholen und den frisch gestrichenen Gartentörli, den roten Geranien sowie den Bänklis neben der Türe frönen. Juhee! Um diesen und anderen Schweizer Mentalitäten, Lebenslügen und Überlebensstrategien mal wieder so richtig auf den Grund zu gehen, kommt das Theater Madame Bissegger mit «MINIsuisse 06», dem Erfolgsstück vom letzten Jahr, ins Steigrüebli Ostermundigen angereist und bringt dem theaterfreudigen Schweizer das Lachen zurück. Der typische Schweizer, seine gewohnten Idyllen, seine «heile» Welt, seine Freiheiten, seine Ängste, Sehnsüchte, Hoffnungen und Freuden stehen im Zentrum von «MINIsuisse 06». Das Theater führt dem Zuschauer die verschiedensten schweizerischen Lebensweisen auf witzige, ironische und nachdenkenswürdige Weise vor Augen und lässt bestimmt kein Auge trocken. Die Schauspieler sind brillant, das spektakuläre Bühnenbild eine wahre Augenweide, das Steigrüebli der ideale Ort, um die Schweiz und ihre lustigen Bewohner zu feiern. Ein Theaterstück für alle Schweizer und Schweizerinnen, für solche, die es werden wollen, für Sehnsuchtschweizer und vor allem für diejenigen, die wieder mal herzhaft lachen wollen, über sich, die anderen, die Schweiz... Kleine Veränderungen und Überraschungen sollen auch den letztjährigen Zuschauer wieder auf die Tribüne locken. Für alle, die das Theater letztes Jahr verpasst haben: Fensterläden schliessen, Finken ausziehen, Schuhe schnallen und ab ins Steigrüebli – Vergnügen garantiert! (mm) Theater Madame Bissegger, «MINIsuisse 06» Vom 16. Juni bis 19. August, jeweils Di, Do, Fr und Sa ab 20:30 h // Premiere: Do, 15. Juni, 20:30 h Bei jeder Witterung, gedeckte Tribüne Steigrüebli, Bernstrasse 184 b, 3072 Bern www.madamebissegger.ch

NADIA MEIER

herrrrreinspaziert! ■ «Und was machst du am Abend?», fragte mich der Praktikant in der Mittagspause. «Ich geh ins BroadwayVariété», sagte ich, fast ein bisschen stolz, dass es mir für einmal gelungen war, im ersten Wort das R auf amerikanische Art zu zerquetschen, um es kurz darauf nach französischer Manier übers Halszäpfchen tanzen zu lassen. Der Praktikant guckte mich komisch an. «Das ist ein Kabarett», erklärte ich. «Also ein Cabaret?», fragte der junge Mann aus Augsburg, der sich zweifellos mit Puppenkisten auskennt. «Aber nein», korrigierte ich, «es ist ein Tingeltangel!». Die Principalen Jrma und David Schoenauer, die mit ihrer Schaubude seit nunmehr 15 Jahren durch die Schweiz tingeln, nennen es selbst: Spiel- und Verzehrtheater. Was sie da veranstalten, würde auch ebenso gut als Diner-Spectacle durchgehen. Oder, wie ich irgendwo gelesen habe, als «die brisanteste Freakshow westlich von Herisau». Und ja, es wird auch gegessen im Verzehrtheater. Gut gegessen. Aber wer interessiert sich schon wirklich für die Kräuterquarkmousse auf seinem Teller, wenn der Chef de Service auf der Bühne ein Dutzend glimmende Zigaretten in seinem Mund verschwinden lässt, dieselben immer noch brennend wieder aus seinem Rachen puhlt, schliesslich wieder frisst und dann noch ein paar Kosmetiktücher nachschiebt? Mir blieb direkt der Pumpernickel im Hals stecken, den mein verehrter Essbegleiter klammheimlich auf meinen Teller geschoben hatte. Das Speisen im Broadway Variété gestaltet sich höchst ungewöhnlich. Man sitzt auf Festbänken unter einer Art Zirkuszelt, das seine Rundungen verloren hat wie eine in die Jahre gekommene Dirne, aber noch immer noch ganz passabel anzuschauen ist. Dies dank rotem Samt und Gold und Firlefanz im Übermass. Doch

gediegen ist das falsche Wort, um das Vergnügungsetablissement zu beschreiben. Oder anders gesagt: Vielfliegern fällt es bestimmt leichter, sich an der eng bestuhlten Festtafel sitzend eine Gabel zum Mund zu führen, ohne das Weinglas des Nachbarn umzukippen. Wir hatten übrigens ganz furchtbar lässige Tischnachbarn: Mittvierziger im zweiten Frühling. Sie kamen vom Land und haben in der Coopzeitung gelesen, das Broadway sei ein heisser Tipp. «Man braucht ja ein bisschen Abwechslung», sagte die Trix, die das Gefühl hatte, das Lammgigot schmecke irgendwie nach Lamm. Mein Liebster und ich kniffen uns unter dem Tisch in die Oberschenkel und stopften schnell noch zwei Gabeln Kartoffelgratin in den Mund, damit wir nicht laut rauslachen mussten. Trix hatte ja keine Ahnung. Das Lammgigot war sehr lecker und glänzte appetitlich in der Rotweinsauce. Natürlich war es nicht das Tier des Jahres, aber darum geht’s auch nicht in einem Tingeltangel. Während wir nämlich so vor uns hinkauten, wurden auf der Bühne Rasierklingen verschluckt und sogar Ballone. Der Brüller des Abends jedoch war der Zauberer Hieronymus, ein Berg von Mensch mit polternder Stimme und dem Charme eines Bullterriers. Dann gab es noch den russischen Wortkosmonauten Sergej, einen italienischen Stripper mit Ödipuskomplex und die singende Miss Winterbottom. Die schwang ihr in erdbeerfarbenen Satin gehülltes Hinterteil so gekonnt im Scheinwerferlicht, dass man direkt Lust auf‘s Dessert bekam: Es gab Rhabarbersorbet und Schokoladenkuchen. Letzteren liess ich stehen und nahm stattdessen jemanden nach Hause, der mir viel besser schmeckt. Tourneeplan: www.broadway-variete.ch


C A R T O O N

29

www.fauser.ch

LUKAS VOGELSANG

VON MENSCHEN UND MEDIEN «heute» ist von gestern – und morgen? ■ Welch fataler Irrtum. Peter Rothenbühler, Chefredaktor von «Le Matin», macht im Moment grosse Worte in der Medienlandschaft mit der These: «Junge Leser sind glücklich, wenn sie mit ihrer Zeitung schnell fertig sind. Dazu braucht es kurze, neutrale Texte, die einfach gegliedert sind und schnell zur Sache kommen. Das machen derzeit die Gratiszeitungen am besten und daher sind sie auch so erfolgreich bei den jungen Lesern». Nun gut. Früher wurden Zeitungen als Informationsmedien gebaut, heute dreht sich alles um Leserstatistiken, um die Werbung zu gewinnen. Früher versuchten Journalisten mit ihrer Erfahrung, Nachrichten so umzugestalten, dass sich die Leserschaft eine Meinung und ein Bild eines Sachverhaltes erdenken konnte. Das hatte eine gewisse Bildung der Bevölkerung zur Folge. Man wusste fundierter über die Welt Bescheid. Früher waren die Erwachsenen Vorbilder, jetzt lernen die «Jungen» den «Alten» das Alphabet – oder anders gesagt: Die «Alten» vertrauen nicht mehr ihrem Wissen. Im Rausch der Unwissenheit und Visionslosigkeit, in einer Welt der Überinformation und Habgier, richtet sich alles nach den Jungen und einer Klientel, welches sich eher apolitisch und desinteressiert gibt. Alles wird auf diese «Jungen» fokussiert, die Sprache, die Konzepte, die Zeit. Die Tagesmedien spüren Nachholbedarf und versuchen, im Sparfieber den verlorenen Markt zurückzugewinnen. Notabene werden Junge Leute eingestellt, alte Hasen ausrangiert – dies vor allem, weil die Jungen weniger kosten. Man promoted diese Strategie und verliert dabei den Blick für die Nachricht, den Sinn

und Zweck und vor allem den Inhalt. Boulevard-News erhalten wir an jeder Ecke und auf jeder Internetseite. Häppchen-Texte verderben den Magen, motivieren, weniger zu lesen und Themen schneller zu vergessen. Dass diese Jungen vielleicht nicht ihre eigene Strategie und Mechanismen vorgesetzt haben möchten, sondern vom Know-how und von den Erfahrungen der «Alten» etwas lernen möchten, um dieses Wissen weiterzuentwickeln, steht gar nicht zur Debatte. Statt Weisheit von einer Generation zur nächsten zu vermitteln, kopieren wir die Nichtwissenden und haben das Gefühl, gescheiter zu werden. Wie das? Es ist, als würde der Schreinermeister den Lehrling fragen, wie man einen Tisch baut. Damit geht die Erfahrung, welche wir uns über Generationen erarbeitet haben, verloren. Und weil die Medien den Ton angeben, Meinungen bilden und den Markt orientieren, glauben wir ihnen, wenn sie sagen, was jetzt Trend ist. Sie sagen, wo’s langgeht. Die «Alten» lernen also von den «Jungen», wie die Welt funktioniert. Was sie aber vergessen dabei, ist, dass die Jungen wachsen. Ein Konzept, welches heute funktioniert, ist morgen veraltet und die Generation hat gewechselt. Wenn man bedenkt, dass ein Medientitel ungefähr 3 bis 4 Jahre braucht, um sich im Markt zu etablieren, so müssten die Medien für ihre «Fast-FoodZeitungen» jetzt ein neues Konzept schreiben für die nächste Generation. «20Minuten» und «heute» sind bereits von gestern – denn wir versuchen, die «Jungen» heute zu verstehen. Doch morgen sieht deren Welt ganz anders aus und wir alle werden auf diesem Weg leer

ausgehen. Mit einer solchen Grundhaltung rennen wir Schildkröten dem Hasen hinterher. Ein weiteres Denkmal: Wir leben in einer überalterten Schweiz. Über 70% des Schweizer Völkleins ist über 25 Jahre alt… Was lesen die eigentlich? Auch die Zeitungen für die Jungen? Hören die alle die Trend-Radiostationen? Hippen und rappen unsere Grosis im Altersheim zu Eminem und kleben Panini-Sammelbildli? Mir graut. Wenn ich von der Titelseite einer «heute» Nicole Kidmans Bild sehe, frage ich mich, wer die denn noch kennt. Und es erinnert mich, dass vieles in der Welt wichtiger wäre. Noch schlimmer ist aber, dass News keine mehr sind, denn die News-Ticker auf den Medienseiten bringen die SDA-Meldungen (Schweizerische Depeschenagentur) rund um die Uhr. Wer also wissen will, was wirklich läuft, ist schneller mit dem alten Radio oder mit der neusten Webseite. Was will ich also mit dem vergammelten «20Minuten»-Gipfeli oder «heute»-Zvieri? Und was alle vergessen haben: Wir leben im Zeitalter der Informationsverarbeitung, nicht deren Beschaffung. Aber keine Zeitung löst dieses Problem – die altgebackenen Tageszeitungen (NZZ zum Beispiel) noch am ehesten. Alles wissen zu wollen, heisst auch, alles verarbeiten und verkraften zu müssen. Bis zur Bewusstlosigkeit füttern wir uns mit Nachrichtenhäppchen. Doch deswegen ist die Welt nicht feinfühliger geworden. Die Hornhaut auf unsern Hirnzellen nimmt mit dem Überfluss zu, nicht ab. Und zurück bleiben pro Tag ein paar Millionen «Fast-Food-Papierchen» in den Strassen liegen.


30

M E N S C H E N

debora zwischen zoom und totale BILD UND TEXT: EVA MOLLET ■ Als Zigeuner zwirbelt sie ihren langen Schnurrbart bis zu den beiden Enden, tupft auf die Spitzen, pling, fertig. Debora Wyss Grandjean ist zweiunddreissig Jahre alt. Das braune, kurze Haar ist wuschlig. Gleichzeitig zu den mannigfaltigen Gesten ihrer Hände hüpfen und rollen die Pupillen. Debora erzählt von ihrer Arbeit. Sie ist Schauspielerin und sie ist die eine Hälfte vom Duo VARIETäTER, verheiratet und Mutter einer dreijährigen Tochter. Debora bedeutet auf Hebräisch Biene. Sie wächst als Pfarrerstochter in Bern-Gäbelbach auf. Die Wohnung befindet sich im zwölften Stock. Debora, die Jüngste, hat drei Geschwister. Die Mutter ist Hausfrau. Die Familie zieht um nach Bremgarten auf die Halbinsel mit Kirche und Schloss. Nach der obligatorischen Schulzeit absolviert Debora die Ausbildung zur Primarlehrerin. Eher zufällig erfolgt die Anmeldung an eine Tanzausbildung in Freiburg, Deutschland. Eine Freundin animierte sie dazu. Die unverhofft bestandene Prüfung führte zu einer eineinhalbjährigen Ausbildung in zeitgenössischem Tanz. Zum Abschluss des Studiums will Debora ein Frauenstück aufführen. Es kommt anders: Sie betritt die Bühne als Fabeltier und nennt ihre Arbeit: «Spaziergang eines Fusinoprils». Debora löst Begeisterung aus und schafft es in die Endrunde des Wettbewerbs «Das beste deutsche Tanzsolo». Ihr Tanz als Fabeltier zeigt etwas Eigenes und Absurdes. Als Fabeltier überquert sie die Bühne seitwärts zu einer Toncollage von Hornklängen und menschlichem Lachen. Der Stil erinnert an den japanischen Butohtanz, ein «Leidenstanz». Deboras Variation davon ist ein Turbo-Butohtanz. Aber Debora fühlt sich nicht als Tänzerin. «Dafür bin ich zu wenig perfektionistisch, etwas zu trottelig, unge-

schickt, ungelenk.» Als Folge davon sieht sich Debora nach Theaterausbildungen um. Ein Jahr später findet sie das Gesuchte: die École international de Théâtre LASSAAD in Brüssel. Die Grundausbildung dauert ein Jahr und beinhaltet préparation du corps, Sprachbildung und neutrales Maskenspiel. Letzteres bedeutet, alle Masken sehen gleich aus. Man versucht die Figur vom Körper ausgehend zu finden, statt von einem Text aus. Im zweiten Ausbildungsjahr lernt Debora verschiedene Stilrichtungen kennen, z. B. Clownerie, antike Tragödie und viele mehr. Von Woche zu Woche erhalten die Studierenden ein Thema, zu welchem sie in kleinen Gruppen Auftritte vorbereiten und im «autocours» vorspielen. Lassaad himself kommentiert öffentlich. «Einige Kritiken sind nicht leicht zu verarbeiten.» Wie entsteht das Duo VARIETäTER? Nach Brüssel arbeitet Debora für drei Monate als Tanzlehrerin auf den Malediven. Zurück in der Schweiz lernt sie während einem Engagement als Schauspielerin ihre VARIETäTER-Partnerin Kathrin Fischer kennen. Der erste gemeinsame Auftritt ist ein Clownstück namens «Leiterspiele». Von der Clownerie entwickeln sich die beiden weiter zum Erzählen mit rasanten Bewegungselementen. Der Name kommt von varia, Verschiedenes in Tat umsetzen. Das war vor sechs Jahren. Der kürzlich gewonnene Appenzeller Kleinkunstpreis «Goldige Biberflade» (ein Goldvreneli und ein Fladen) bedeutet für die VARIETäTER Anerkennung für ihre langjährige Zusammenarbeit. Ausgezeichnet wurde das Duo mit den Stücken «Miss Penny, Moneypenny» und «schaurig bekannt?» Sowohl Bond, James Bond und Aschenputtel sind Figuren mit Geschichten von hohem Wiedererkennungswert. «Die innovative, überraschende Umsetzung und Ab-

änderung der bekannten Stoffe erzeugt Ironie, bösen Humor und einige Überraschungseffekte. Unser Markenzeichen ist der rasche Figurenwechsel, beide spielen alles. Wir verzichten auf Requisiten und Bühnenbilder. Unser Stil ist bildlich. Wir spielen u. a. Miniaturen mit Gesten und Geräuschen. Wir machen schnelle Schnitte und wechseln zwischen Zoom und Totale, eine Art Comixtheater.» VARIETäTER bieten auf ihrer Homepage noch weitere Stücke unterschiedlicher Längen an. Das Duo kann als Kurzprogramm oder abendfüllend gebucht werden. Debora und Kathrin schreiben die Drehbücher ihrer Stücke selbst. Bei den Proben werden immer wieder Veränderungen vorgenommen und die Handlung wird mit Bewegungen angereichert. Die schnellen Figurenwechsel bedingen Präzision. «Es ist eine extreme Choreographie.» Die Abläufe müssen automatisiert sein. Momentan schreiben die VARIETäTER an zwei weiteren Stücken: «Willhelm Tell» und «Biedermann und die Brandstifter», bühnenreif im Frühjahr 2007. Im Juni 2006 tritt das Duo an einem Theaterfestival in der Slowakei auf. «HOMEsweetHOME» heisst das Stück mit Tiefgang, welches mit der Regisseurin Patrizia Barbuiani erarbeitet wurde. Nach den temporeichen Aufführungen ist Debora ausgepowert und gleichzeitig aufgekratzt. «Ich geniesse es, auswärts aufzutreten und im Hotel zu übernachten, dann kann ich ausschlafen.» Zu Hause nach einer Vorstellung kann Debora abschalten mit Essen, Lesen oder ein Bad nehmen. Egal wann sie einschläft, am nächsten Morgen früh ruft die Tochter: «Mama ufstah!» www.varietaeter.ch


en

su

Albrecht Schnider Ohne Titel. 2005, Acryllack auf Leinwand, 225 x 162 cm, Privatsammlung London, Š Albrecht Schnider / Pressedienst Aargauer Kunsthaus

artensuite

ite

-k

ul ww tu w rm .a ag r t e a z n su in it Ęťs e. K ch un st be

i la

ar te ns ui te

ge :

3127


artensuite

32

Abstrakte Zeichen, mentale Bilder Albrecht Schnider. Das noch Mögliche. Aargauer Kunsthaus, Aargauer Platz, Aarau. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10:00-17:00 h, Donnerstag 10:00-20:00 h. Bis 30. Juli.

■ Ist ein Gesicht, das an der Stelle, wo eigentlich Nase, Mund und Augen vermutet würden, nur eine weisse Fläche aufweist, noch ein Gesicht? Kann es hier überhaupt noch um die Erfassung einer Persönlichkeit mit den Mitvon Sylvia Rüttimann teln des gemalten Porträts gehen? Was macht ein Porträt überhaupt aus? Solchen Fragen versuchte vor einiger Zeit die Ausstellung «Porträt ohne Antlitz. Abstrakte Strategien in der Bildniskunst» in der Kunsthalle zu Kiel nachzugehen, in der neben gemalten Porträts auch Fotografien und Installationen miteinbezogen wurden. Von Neuem stellen sich diese Fragen in Anbetracht der gemalten Köpfe des heute in Berlin lebenden Schweizer Künstlers Albrecht Schnider. Zusammen mit ausgewählten älteren Arbeiten bilden sie den Hauptteil der grossen Schau seines Werkes der letzten acht Jahre im Aargauer Kunsthaus. Diese Porträts - nennen wir sie Porträts, in Ermangelung eines besseren Ausdruckes - sind alle ganz ähnlich aufgebaut. Vor einem monochromen Hintergrund verschiedenster Farbigkeit, die von Knallrot bis verhalten Beige wechseln kann, befindet sich mittig ein weisses Oval, mal länglich, mal rund. Eingefasst wird dieses durch zwei in der Breite variierende Umrisslinien, wobei eine davon immer schwarz ist, die andere meist grau, aber auch violett oder burgunderrot. So beschrieben muss man sich in der Tat fragen, ob diese Bilder nicht einfach nur abstrakte Gebilde darstellen, ein blosses Spiel mit Farbe und Form, ganz ohne weitere inhaltliche Bedeutung. Zumal der Künstler seine Bilder nicht «Köpfe» oder «Porträts» nennt, sondern ganz schlicht und einfach «ohne Titel», als ob es hier wirklich keinen Inhalt gäbe. Sicherlich können die Umrisslinien, die das weisse

Oval umklammern, als verschattete Teile des Kopfes gedeutet werden insbesondere die Ohren scheinen sich deutlich als schwarze Silhouette vom Hintergrund abzuheben. Ein andermal glaubt man einen Halsansatz, der in einen Pulli übergeht, zu erkennen. Aber ist dies wirklich, was uns hier von der Wand entgegenblickt? Oder ist es nur eine Assoziation, hervorgerufen durch abstrakte Zeichen, die in uns eine Erinnerung wachrufen, unser mentales Set aktivieren und den Betrachter sofort an Gesichter und Porträts denken lassen? Und genau dies ist es, was Albrecht Schniders Kunst ausmacht: sie lässt uns, trotz in den letzten Jahren gesteigerter Abstraktion, doch immer etwas erkennen. Ganz bewusst setzt Schnider ein Erkennungspotential ein, und dies schon in seinen frühesten Arbeiten aus den 1980er Jahren, die ihn in der Berner Kunstszene bekannt machten. In diesen sind es kunsthistorische Anspielungen und Referenzen, häufig christlich-religiöser Natur, mit denen er seine Gemälde sinnstiftend auflud. 1987 zum Beispiel malte er Porträts von sich und seiner Partnerin und hinterfing die Köpfe mit Scheiben. Obwohl nicht unbedingt zwingend, ist doch die Assoziation mit einem Nimbus gewollt und sehr schnell gemacht. Malte er einige Male Vater, Mutter und Kind, so denkt man unweigerlich an die Heilige Familie, stilistisch lassen die Bilder Anlehnungen an den Manierismus erkennen. Sogar in den späteren Bildern, die auf den ersten Blick nur wie abstrakte Pinselstriche aussehen, glaubt man doch, plötzlich Blumen oder ähnliches zu erkennen, wenn nicht, setzt Schnider gerade hier eine Assoziation als Klammer in den Titel. Und nicht ohne Zufall hält er fest an den überlieferten kunsthistorischen Gattungen Ganzfigurengemälde, Landschaft, Stillleben und Porträt; Gattungen, die sowohl der Künstler wie der Betrachter sehr wohl

kennt und an die man in Anwesenheit eines Bildes unweigerlich denkt. Es ist die Frage nach der Wahrnehmung und der Interpretation, nach gespeicherten Bildern, die der Künstler uns stellt. Was macht unser Auge und Hirn mit den wenigen Informationen, mit denen es hier gefüttert wird? Auch der englische Künstler Julian Opie, an dessen Porträts Schniders Köpfe erinnern, hat sich diese Frage gestellt und versucht nun mit seiner Kunst auszuloten, wie viel oder wenig es braucht, um überhaupt etwas zu erkennen. Er geht von einem fotografischen Gesicht aus, das er in den Computer einspeist und mit Hilfe eines Programms zu einigen wenigen abstrakten Strichen herunterbricht. Aber gerade hier zeigt sich der Unterschied zu Schnider. Schnider hat zwar auch Bilder als Vorlagen, jedoch sind dies nicht Fotografien, sondern er bedient sich ganz traditionell der Zeichnung, die in seinem Werk einen äusserst wichtigen Stellenwert einnimmt. Einer der Höhepunkte der Ausstellung im Aargauer Kunsthaus ist daher fraglos der Einblick, der uns in das zeichnerische Schaffen Albrecht Schniders gewährt wird. Wandelt man aufmerksam durch das speziell eingerichtete Kabinett am Schluss der Ausstellung, erkennt man die Ähnlichkeit der grafischen Blätter mit den Gemälden in den vorangehenden Räumen. In der Tat sind es diese abstrakten kalligrafischen, vom Künstler spontan und «unbewusst» gesetzten Zeichen, die ihn zu seinen kühl und präzis, nicht selten mit Hilfe von Schablonen ausgeführten Bildern anregen. Es geht ihm also um die Assoziationen, die die abstrakten Zeichnungen in ihm selber auslösen, und diese setzt er dann in Malereien um, die wiederum Assoziationen im Betrachter auslösen - Assoziationen wie Gesichter zum Beispiel. Oder sehen Sie etwas anderes?


(Ein)gefangene Flüchtigkeit ■ «All the things I am attracted to are just about to disappear.» So charakterisiert Tacita Dean ihr künstlerisches Schaffen, das zurzeit mit den Arbeiten von Francis Alÿs im Schaulager Basel ausgestellt ist. Die beiden Künstler verbindet, trotz der unterschiedlichen Resultate, eine Vielzahl von ähnlichen von Monique Meyer Motiven, Vorstellungen und Bezugspunkten, die zwar unabhängig voneinander bearbeitet, aber durch ihr Interesse an der Reaktion auf die unmittelbare Umgebung miteinander in Verbindung gesetzt und deshalb kombiniert werden können. In beiden künstlerischen Arbeiten geht es darum, das Flüchtige vorstellbar, das leicht Entgleitende fassbar zu machen und die kleinen, unspektakulären Alltäglichkeiten ins Zentrum zu holen. Wie ein roter Faden

ziehen sich die Motive des Gehens und Innehaltens durch ihre Arbeiten, was in einer Gegenwart, in der das Verbindliche ständig entgleitet, hochaktuell erscheint. Tacita Dean verbindet ihre 16mm Filminstallationen mit anderen Medien wie Zeichnungen auf Papier, Wandtafeln und Alabastersteinen, Fotografien und gefundenen, übermalten Postkarten. Die sieben Raumeinheiten enthalten jeweils Werke, die miteinander im Dialog stehen. Ihre analogen Filme tasten in langen Kameraeinstellungen Gegenstände, einsame Orte und Phänomene ab. Das intensive Abtasten, Suchen und Erkunden der Kamera lässt zuweilen eine beklemmende Ungeduld beim Betrachter aufkommen. Mit dem Kippen vom gerade noch Anwesenden zum gerade Verschwundenen versucht Dean, den «richtigen» Moment zu finden: «My work is always about trap-

ping things before they change.» Das ausgestellte Projekt von Francis Alÿs ist in Zusammenarbeit mit mehreren Reklameschildermalern, sogenannten Rotulistas, in Mexico City entstanden. Das Flanieren in der Stadt mit den dahinziehenden Beobachtungen macht Alÿs zur Basis seiner Kunst. Aus dieser Beschäftigung entstand das «Sign Painting Project», wobei die farbigen Ölbilder den Stil und Typus von handgemalten Reklameschildern aufnehmen. Das variantenreiche Kopieren der Originale durch die Rotulistas veranlasste Alÿs wiederum zu weiteren Kopien. Die zahlreichen Gemälde und Skizzen stellen zugleich den Versuch dar, die Kunstpraxis der «Collaboration» zur Diskussion sowie die Frage nach Original und Kopie zu stellen. Dieser Kreislauf hinterfragt die Mechanismen des Kunstmarktes und der dazugehörigen Rollenverteilungen.

Tacita Dean. Analogue: Films, Photographs, Drawings 1991-2006. Francis Alÿs. «The Sign Painting Project (1993-97): A Revision». Schaulager Basel, Ruchfeldstrasse 19, Münchenstein / Basel. Geöffnet Dienstag, Mittwoch, Freitag 12:0018:00 h, Donnerstag 12:0019:00 h, Samstag, Sonntag 10:00-17:00 h. Bis 24. September.

Ein Lehnstuhl für den Geistesarbeiter ■ Ein kleiner mit bunten Tapeten ausgekleideter Raum, eine auf einem rotgrün gestreiften Teppich Liegende in gemusterter orientalischer Kleidung in Blau und Grün, daneben ein Brettspiel in schwarz-weissem Schachbrettmuster. 1928 malte Henri Matisse in Nizza dieses Gemälde mit dem Titel «Odalisque au fauteuil turc». Dem Auge wird einiges abverlangt, denn simple einfarbige Flächen gibt es nicht, alles ist belebt, voll Rhythmus und Energie. Matisse beschäftigte sich in den Zwanzigerjahren mit bunten, verzierten Vorhängen, Tapeten und anderen Stoffen, die seine Innenräume dekorativ formen. Wohl seit 1903 hat sich Matisse eine Sammlung an Stoffen angelegt, die er in seinem Atelier an Längs- und Querstangen befestigte und bei seinen Modellsitzungen benutzte. In der Fondation Beyeler in Riehen sind nun um die 160 Werke von Matisse aus allen Schaffensphasen unter dem Titel «Figur Farbe Raum» brav chronologisch zu sehen. In zahllosen Gemälden und Zeichnungen rückte Matisse Innenräume ins Zentrum seiner Arbeit, mit oder ohne Figuren, aber immer in bunte und vor allem freie Farben getaucht. Wo andere Künstler des Fauvismus oder des Expressionis-

mus Farben zu Trägern von subjektiven Empfindungen machen, da versucht Matisse autonome Bildräume zu kreieren, natürlich mit Farbe. Die Figuren, vor allem weibliche, spielen eine untergeordnete Rolle, sind weitgehend Staffage wie eine Vase oder ein Goldfischglas und haben kaum Identität. So verlieren sie auch immer mehr ihr Gesicht, bis hin zu den Figuren in seinen «papier découpés» aus dem späten Schaffen: einfarbige, aufgeklebte Papiere. Der Abschluss einer stringenten Entwicklung und Abstraktion. Erst

hier wird so richtig deutliche was Matisse in seinem Ausspruch meinte: «Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegenstände, von einer Kunst, die für jeden Geistesarbeiter, für den Geschäftsmann so gut wie für den Literaten ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von physischen Anstrengungen erholen kann.» (di)

Henri Matisse - Figur Farbe Raum. Fondation Beyeler, Riehen. Geöffnet täglich 10:00-18:00 h. Bis 9. Juli.

Odalisque au fauteuil turc, 1928 Öl auf Leinwand, 60 x 73 cm Musée dʼArt moderne de la Ville de Paris © 2006 Succession H. Matisse / ProLitteris, Zürich. © Photothèque des Musées de la Ville de Paris, Foto: Pierrain.

artensuite

3327


artensuite

34

Zwischen Melting Pot und Segregation ■ Einem ungeschriebenen Gesetz folgend, beginnen beinahe alle meine Reisen mit einem Sprint: Der Pass zwischen den Zähnen, deren Bürste lose im Handgepäck und von diesem beinahe stranguliert, sehe ich vom Zug nach Zürich international airport nur noch die Rücklichter, während der rechte Arm mit Koffer auszukugeln droht. Rund zwei Stunden später endet die erste Etappe des Marathons am Schwanz einer boaconstrictorgleichen Schlange vor dem Swiss Schalter, mit von Sylvia Mutti

Blick aus dem Atelierfenster der Malerin Kerstin Schaefer im iscp, New York. Foto: Sylvia Mutti

dem Ergebnis, das Gate schon wieder im Laufschritt durchqueren zu müssen. Das Tempo ist dem Reiseziel zumindest angemessen: New York, ich komme! Wer diese Stadt erobern möchte, wird bereits nach kurzer Zeit einsehen müssen, dass er schon längst von ihr erschlagen worden ist. Das überwältigende kulturelle Angebot zwingt jeden in die Knie und spätestens angesichts der Eintrittspreise erstarrt man zur Salzsäule, die langsam in sich zusammensackt. Doch wer sich wagt, ausserhalb der ausgetretenen Touristenpfade von Guggenheim oder MOMA zu flanieren, wird einige Oasen der schönen Künste entdecken, in denen es sich zu verweilen lohnt. Der Big Apple als Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen findet sich hervorragend im «iscp» widergespiegelt, dem «international studio & curatorial program» (www.iscp-nyc.

org). Im siebten und achten Stock eines typischen New Yorker Hochhauses präsentieren am Open Weekend 26 Kunstschaffende aus aller Welt ihre Werke einem breiten Publikum. Die Ateliers werden jeweils von den am Programm beteiligten Nationen oder Landesteilen über Stipendien an Kunstschaffende vergeben, was einen Aufenthalt von einigen Monaten bis zu einem Jahr mit Atelier und Wohnung in New York ermöglicht. In regelmässigen Abständen sind die Studios für Publikum zugänglich, wobei Kuratoren und Galeristen ihre Fühler nach neuen Talenten ausstrecken und so steht auch programmatisch auf dem T-Shirt des Belgiers Lieven De Boeck geschrieben: «Donʼt talk to me, unless you are important or a curator». Julika Rudelius aus den Niederlanden, die mit wundervoll poetischen Videos auffällt, bleibt jedoch realistisch: «Die meisten Galeristen, die die Studios besuchen, sprechen nicht mit den Künstlern. Sie suchen nach Kunst, die bereits in ihre Vorstellung passt und wählen sehr gezielt nach vorgefassten Meinungen aus. Ein Austausch über konkrete Werke geschieht praktisch nicht.» Dabei gibt es so viel Neues zu entdecken, darunter die geheimnisvollen GothicFiguren auf den Holzschnitten der Deutschen Franca Bartholomäi (www. zeitpunkt-kulturmagazin.de/gastro/ bartholomaei.html), das witzige Kopfüber-Video «Tomatenköpfe» des Österreichers Harald Hund, die umwerfenden Fotografien kleiner Mädchen und Jungen, umgeben von rosa und blauem Spielzeug der Koreanerin Jeongmee Yoon (http://photyoo.simspace.com) oder das einzigartige fototechnische Verfahren des Australiers Aaron Seeto, das die chemische Beschaffenheit von Hühnereiern ausnutzt, um auf der Schale Bilder zu fixieren. Was als Melting Pot im Künstlerbiotop des «iscp» unter lauter Ausländern bestens zu funktionieren scheint, entpuppt sich in den Häuserschluchten New Yorks als zwiespältiges Erlebnis: Auf den zweiten Blick weicht die Durchmischung einer Segregation, welche die Welt von Strasse zu Strasse radikal nach Hautfarben und Ethnien trennt. Wenn man an einem geschäftigen Samstagnachmittag als praktisch einzige Weisse dem Martin Luther King Boulevard, 125th street, entlang

schlendert, wirkt der Besuch des dort ansässigen Harlem Studio Museums wie ein grotesker soziographischer Selbstversuch. Die Entstehungsgeschichte des Hauses (www.studiomuseum.org) ist geprägt vom Ausschluss der farbigen Kunstschaffenden aus der Geschichte der New Yorker Kunstszene und ist bis heute ein lebendiges Forum, in dem bewusst Gegenwartskunst von nicht Weissen gefördert wird. Die laufende Ausstellung widmet sich abstrakter Kunst von schwarzen Künstlern zwischen 1964-1980, wobei sich einzig im Video «Free White and 21» von 1980 ein Bezug zur Rassenthematik herauskristallisiert. Howardena Pindell als Pionierin der engagierten Frauenbewegung agiert mit Janusgesicht zugleich als Erzählerin verschiedener Episoden aus ihrem Leben und als weisse Dame der Upper Class, die den Geschichten keinen Glauben schenken kann, womit Pindell der amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vorhält, der bis heute direkt vor den Toren des Museums nichts an Aktualität eingebüsst hat. Einen speziellen Charme versprüht auch das PS1 im New Yorker Stadtteil Queens (www.ps1.org). Im ehemaligen Schulgebäude (Public School Nr.1), das nun als Ableger vom MOMA als Museum für Gegenwartskunst und Herberge für Auslandateliers betrieben wird, fühlt man sich fast so heimisch wie im PROGR. Bekrönt wird jeder Besuch zweifellos durch die phänomenale Aussicht von der Dachterrasse auf die New Yorker Skyline. Mit einem Koffer voller bleibender Eindrücke einer Stadt, in der Hunde professionell in Gruppen Gassi geführt werden, weisse Museumsaufsichten oder Starbuckspersonal institutionell verboten zu sein scheinen und ein «God bless you mummy» aus dem Munde eines Mustergangsta auf nächtlicher Strasse das Blut wieder zum fliessen und die eigenen Vorurteile um die Ecke bringt, werde ich am Flughafen JFK von einer fixen Ground Hostess vom 21 Uhr auf den 18 Uhr Flug nach Zürich umgebucht. So verlasse ich die Sicherheitskontrolle um fünf vor sechs nach einem ausgiebigen Sprengstoffcheck des Handgepäcks, na wie wohl: im Sauseschritt.


Skulptur ʼ06 – Mettlen, die Dritte ■ Besucher finden den Park der Villa Mettlen normalerweise recht einsam und verträumt vor. Dem aufmerksamen Auge entgeht jedoch nicht, dass die ersten beiden Skulpturenausstellungen von 1999 und 2002 ihre Spuren hinterlassen haben. Die «Sonnenfinsvon Claudia Drechsler ternis» von Ueli Berger, eine schwarze Scheibe, die gleichzeitig an Skulptur ʼ99 und das beeindruckende Naturschauspiel desselben Jahres erinnert, ist fest zwischen den Baumkronen installiert. Die aus einem Baumstamm geschnitzten «Wachsenden» von Thomas Guth, Bestandteil der Skulptur ʼ02, schauen erwartungsvoll aus dem Gesträuch. Beide Objekte sind inzwischen mit ihrer Umgebung verwachsen. In den nächsten 3 Monaten wird es bei Skulptur ʼ06 durch die Gesellschaft ihresgleichen und die Aufmerksamkeit des Publikums wieder lebendig um sie sein. Die Werke von 24 KünstlerInnen und Künstlergruppen finden bei der diesjährigen Ausstellung ihren Platz im Park und im Keller der Villa. 13 Galerien des VBG präsentieren, nach aufwendiger, ehrenamtlicher Konzeptions- und Organisationsarbeit, unterstützt von namhaften Sponsoren und vielen freiwilligen Helfern eine vielseitige Auswahl an zeitgenössischer dreidimensionaler Kunst. Darunter die Arbeiten etablierter Künstler von internationalem Rang, Schweizer Klassiker und jüngerer Landsleute, die uns vielerorts im öffentlichen Raum begegnen. Traditionell gefertigte Kunstwerke aus Bronze, Stahl, Holz oder Stein stehen neben Installationen, die die Genregrenzen zwischen Plastik, Malerei und Raumgestaltung aufbrechen. Vertrautes, beispielsweise von Altmeister Luginbühl (diesmal ohne spektakuläre Verbrennungsaktion), reiht sich an neu zu Entdeckendes. Viele konkrete Arbeiten widmen sich der menschlichen Figur, eine Werkgruppe der Ausstellung, die sich nicht harmonisch und gefällig in die Parkidylle einfügt, sondern aufschreckt, berührt und betroffen macht. Eine Bronzefigur von Jürgen Brodwolf, dem auf der Dokumenta in Kassel und der Biennale in Venedig vertretenen Erfinder der «Tubenfigur», windet sich als Sinnbild des geschundenen Lebens

am Boden. Die Polnische Bildhauerin Magdalena Abakanowicz, die u. a. im Metropolitan Museum und der Marlborough Gallery in New York ausstellte, konfrontiert mit lebensgrossen Vogelmenschen. Werner Neuhausʼ grobbehauene, gedrungene Holzskulpturen forderten schon auf dem Berner Münsterplatz ihr Publikum heraus und regten Franz Hohler zu gesellschaftskritischen Texten an. Andere Arbeiten treten ins Wechselspiel mit der Natur oder stehen, wie die filigran-fragilen, pflanzenartigen Holzstelen des Genfers Laurent de Pury, in Beziehung zu ihr. Dominik Stauch schuf mit seinem konzentrisch angepflanzten Blumenrondell sogar ein wahrhaft lebendiges Kunstwerk. Mehrere Künstler, wie z. B. Urs-P. Twellmann oder Andreas Reichlin, der eine Grossplastik für den Standort vor dem Gemeindehaus in Muri anfertigte, konzipierten und realisierten ein Exponat eigens für die Skulptur ´06, das nach Möglichkeit von der Gemeinde angekauft werden soll. Das Skulpturenprojekt im Mettlenpark war 1999 aus dem Anliegen heraus entstanden, dem Publikum Objekte nahe zu bringen, die im engen Rahmen

der Galerieräume nicht gezeigt werden können. Wie ihre Vorgängerveranstaltungen ist auch Skulptur ʼ06 eine Verkaufsschau, die Möglichkeiten der Integration von Kunst in privaten oder öffentlichen Alltag aufzeigt. Im Sinne einer Verringerung der vieldiskutierten Schwellenangst im Bezug auf Galerien wird hier ein wichtiger Schritt in Richtung des Publikums getan. «Die Sommerausstellung im Mettlenpark hat sich seit ihrer Entstehung einen Namen gemacht», so Raphael Rigassi, der Präsident des Vereins Berner Galerien. «Der Besucherzustrom aus der gesamten Schweiz, kommt der Gemeinde Muri zugute.» Vertretene Kunstschaffende: Magdalena Abakanowicz, Rudolf Blättler, Jürgen Brodwolf, Carl Bucher, Bendicht Gertsch, Christian Grogg/ Philippe Queloz/Adrian Scheidegger, Mariann Grunder, Barbara Jäggi, Etienne Krähenbühl, Kubach-Wilmsen, Lang/Baumann, Pi Ledergerber, Bernhard Luginbühl, Andrea Malär, René Moser, Werner Neuhaus, Laurent de Pury, Nick Roellin, Andreas Reichlin, Hilda Staub, Dominik Stauch, Max Roth, Urs-P. Twellmann

Skulptur ʼ06 Gemeinschaftsausstellung des Vereins Berner Galerien vom 10. Juni bis 16. September 2006 in Park und Villa Mettlen, Muri BE.

Veranstaltungen: Vernissage: Samstag, 10.6. 17:00 h, mit Führungen, KünstlerInnen, GaleristInnen, Ansprachen, Musik, Aperitif Öffnungszeiten: Park, täglich 11:00-21:00 h Skulpturenkeller, Samstag und Sonntag 11:00-17:00 h. Führungen: Sonntag, 11.6., 2.7., 6.8., 3.9., 11:00 h, Dauer ca. 1 h. Samstag, 1.7., Anlass der Kommission für Weiterbildung, Kultur und Gemeindebibliothek. Mittwoch 16.8., 20:00 h, Klang-Skulptur Musikalische Performance mit Philipp Zürcher, elektrische Gitarre und Loops. Freitag, 1.9., 17:00 h, Diskussion «Landschaft, Architektur und Kunst» mit dem Schweizerischen Werkbund, Ortsgruppe Bern. Finissage: Samstag, 16.9., 16:00 h, Fest mit Produktion «Tanz im Park», SaxophonQuartett «Saxxxx», Führungen, Essen und Trinken.

Weitere Informationen zu Aktivitäten und zusätzlichen Führungen: Sekretariat Verein Berner Galerien Tel. 079 277 08 53 Fax 031 951 42 86 Bild: «Begegnung» von Andreas Reichlin wurde speziell für Skulptur ʼ06 geschaffen. Stadort: Gemeindehaus Muri

artensuite

35


artensuite

36

Kunst im Buch Chiaroscurohelden

Ateliergeschichten

Bilderfragen

■ Caravaggio (1571-1610) galt als «Rembrandt Italiens», Rembrandt (1606-1669) als «Caravaggio des Volkes nördlich der Alpen». Beide Aussagen stammen bereits aus dem 18. Jahrhundert, wo man die Nähe der beiden Künstler bereits erkannt hatte. Was geschieht, wenn zwei der wohl grössten und wichtigsten Künstler der gesamten Kunstgeschichte aufeinander treffen? Ein Wettkampf? Ein Sportstück? Sicher nicht. Die Verwandtschaft der beiden Künstler, aber eben auch ihre Gegensätze zeigt noch bis zum 18. Juni eine Ausstellung im Van Gogh Museum in Amsterdam. Der Katalog der Ausstellung ist nun im Belser Verlag in deutscher Sprache greifbar. Wo noch kurz vorher die Historienmalerei, die Darstellung mythologischer, biblischer und historischer Ereignisse in Vielfigurenbildern als höchste Form der Malerei galt, da führen Caravaggio und Rembrandt das Genre in andere Gefilde weiter. Zuvorderst natürlich Licht, Hell-Dunkel-Malerei, der berühmte Chiaroscuro. Licht ist nicht mehr einfach Beleuchtung einer Szene, um überhaupt sichtbar zu machen, was denn eigentlich geschieht, sondern dient der Narration und vor allem einer Tiefenwirkung. Präzise, hart mit dunklen Schatten ist hier das Licht, genau plaziert sind die Lichtquellen, die nur das betonen, was wichtig ist. In diesem Licht sind wenige Figuren, in einem nie da gewesenen Realismus abgebildet. Nur noch die Hauptfiguren einer Erzählung, die auf «den» entscheidenden Moment verdichtet ist. Und vor allem werden Menschen abgebildet, keine idealisierten und heroisierten Gestalten, sondern man erkennt in den Figuren Hinz und Kunz. Mit diesen Grundlagen gestalten beide Künstler tradierte Themen vollkommen neu, Rembrandt in seiner freien Malweise mit sichtbarem Pinselstrich, Caravaggio klar und erst im späten Schaffen freier werdend. Im Zentrum der Publikation stehen paarweise Gegenüberstellungen von Werken der beiden Künstler. Hinzukommen einführende und weiterführende Texte zu den Schnittpunkten zwischen Caravaggio und Rembrandt. (di) Rembrandt Caravaggio, Belser, 208 Seiten, 2006, Fr. 67.00.

■ Reece Mews Nummer 7 in London. Ein unscheinbares Gebäude. Eine steile Treppe führt zu einer kleinen 3Zimmerwohnung: in einem Zimmer Küche und Bad, im zweiten Wohn- und Schlafraum und schliesslich im dritten ein Atelier - das Atelier von Francis Bacon. Als in den Fünfzigerjahren Künstler in die abstrakte Expressivität übergingen, da blieb Bacon (1909 in Irland geboren) dem Gegenstand treu. Bis zu seinem Tod 1992 schuf er eine eigene Welt und eine einmalige Form- und Farbsprache, geprägt von der menschlichen Figur im Raum. Bacons Atelier, in dem er über dreissig Jahre gelebt und vor allem gearbeitet hat, als chaotisch zu bezeichnen wäre eine Untertreibung. Es ist das Urbild eines Chaos, ein kaum zu entwirrendes Durcheinander von Farben, Malutensilien, Fotos, Notizen, Zeitungsausschnitten und Zeichnungen. 1998 machte man sich daran, dieses Chaos aufzuschlüsseln. Sechs Jahre nach dem Tod von Bacon baute man das gesamte Atelier mit Innen- und Aussenwänden in London ab und errichtete es in der Dublin City Gallery The Hugh Lane neu auf. Gleichzeitig wurde jeder Gegenstand, über 7500 an der Zahl, archiviert und erforscht. Im vorliegenden Band präsentiert Margarita Cappock, Kuratorin in Dublin, die Forschungsergebnisse. Man erfährt einiges über die Arbeitsweise des sonderbaren Künstlers anhand der Fundstücke. Praktisch das gesamte Atelier, Wände, Türen und Gegenstände, sind mit Farbe beschmiert. Bacon benutzte als Palette sein gesamtes Atelier. Zahllose Abbildungen aus Zeitungen und Büchern sowie Fotos zeugen davon, dass Bacon diese immer wieder als Inspiration und Vorlagen brauchte. Daneben fand man 41 Zeichnungen, obwohl Bacon immer bemerkte, er mache keine Vorstudien zu seinen Gemälden. Die mit vielen Abbildungen angereicherte Publikation ist tatsächlich aufschlussreich, jedoch vor allem für Bacon-Kenner und -Liebhaber. (di)

■ Was ist ein echtes Bild? In Zeiten der virtuellen Realität oder wohl besser Realitäten, wo im Kino so ziemlich alles erschaffen werden kann, nur die Filme werden dadurch nicht besser, wo reale Fantasien entstehen, digital fotografiert und manipuliert, wo Werbung in allen Medien uns mit einem Bildersturm überfluten, da ist die Frage nach dem echten Bild naheliegend. Gerade die Empirie und Naturwissenschaften dringen immer weiter ins Sichtbare vor, seien es Makro- oder Mikrokosmos, sie erzeugen Prothesenbilder, die unseren direkten Blick ersetzen, denn das Unsichtbare bleibt unsichtbar. Wir alle werden zu Ikomanen, versuchen in einer Bilderflut uns selbst mit der Möglichkeit der technischen Reproduzierbarkeit zu reproduzieren: es gibt ein Bild von mir, also existiere ich! Materielle Dinge werden immer unwichtiger, an ihre Stelle treten Daten und Information und damit um ein vielfaches vermehrt - Bilder. Hans Belting stellt diese Frage in seinem neuen Buch, einer Art Fortsetzung zu seinem Kultbuch «Bild und Kult». Belting zeigt eine Geschichte des Bildes - Bildanthropologie. Er untersucht die Begriffe «Bild, Körper, Medium» zurückgehend bis in die Spätantike. Im Zentrum steht einerseits die Spätantike und ihr Umgang mit dem «echten Bild» des Gesichtes Christi, andererseits die frühe Neuzeit mit den Veränderung durch Reformation und Buchdruck. Und Belting macht deutlich, wie wichtig die Aspekte der Religion für unsere Bildwahrnehmung geblieben sind. Der Blick in die Gegenwart bleibt präsent und ist vor allem in der Einleitung ein wichtiges Thema. Am Anfang steht das Bild Christi und vor allem dessen Undarstellbarkeit. Er ist Körper aber eben auch Gottessohn. Eine Dualität ist ihm eigen, die nicht in Bilder gefasst werden kann. Daraus entwickelte sich ein Körpermodell, dass auch nach der Säkularisierung noch immer geprägt bleibt von diesen frühen religiösen Bildern. (di)

Margarita Cappock, Francis Bacon Spuren im Atelier des Künstlers, Knesebeck, 240 Seiten, 2005, Fr. 84.00.

Hans Belting, Das echte Bild. Bildfragen als Glaubensfragen, C.H. Beck, 240 Seiten, 2005, Fr. 52.20.


GALERIEN IN BERN Altes Schlachthaus Metzgergasse 15, Burgdorf // Tel 034 422 97 86 annex14 - Galerie für zeitgenössische Kunst Junkerngasse 14, 3011 Bern // Tel 031 311 97 04 Mi-Fr 13:00-18:30 h / Sa 11:00-16:00 h Martina Sauter you never know the whole story Vernissage: 9.6.06 ab 18:00 h 10.6. bis 15.7.06 Art-House Mittlere Strasse 3A, 3600 Thun // Tel 033 222 93 74 Mi-Fr 14:00-17:30 h / Sa 11:00-16:00 h Marianne Galli (Malerei), Gabriele Stähli (Steinskulpturen). 13.5. bis 10.6.06 Art + Vision Junkerngasse 34, 3011 Bern // Tel 031 311 31 91 Di-Fr 14:00-19:00 h / Do 14:00-21:00 h / Sa 11:00-16:00 h Eva Gallizzi Holzschnitte 13.5. bis 9.6.06 Etienne Krähenbühl, UrsP. Twellmann 11.6. bis 16.9.06 an der Skulptur `06, Park & Villa Mettlen, Muri. Bärtschihus Gümligen Dorfstrasse 14, 3073 Gümligen ESPACE Indigo Stauffacher Buchhandlung, 3011 Bern // Tel 0844 88 00 40 Ladenöffnungszeiten novelline 26.4. - 29.5.06

bk Galerie Bernhard Bischoff & Partner Speichergasse 8, 3011 Bern // Tel 031 312 06 66 Mi-Fr 14:00-18:00 h / Sa 11:00-16:00 h oder nach Absprache Fusions : Ruth Buck, Reto Leibundgut 24.5. bis 12.8.06 Galerie 25 Regina Larsson 2577 Siselen // Tel: 032 396 20 71 // www.galerie25.ch Wiedereröffnung am neuen Standort nach Umbau am 27.8.06 ab 14:00 h, Bern - Biel - Basel - Simona Deflorin, Hannah Külling, Ka Moser, Margrit Rieben, Ruedi Schwyn, Marcel Stüssi Galerie 67 Belpstrasse 67, 3007 Bern // Tel 031 371 95 71 Mo 13:30-18:30 h, Di-Fr 9:00-12:00 h & 13:3018:30 h & Sa 9:00-12:00 h / www.galerie67.ch Galerie 849 MüM Gurtenpark im Grünen, Wabern Täglich von 9:00-18:00 h Galerie Artraktion Hodlerstr. 16, 3011 Bern // Tel: 031 311 63 30 Do & Fr 15:00-18:00 h, Sa 11:00-16:00 h oder nach Vereinbarung Lisa Hürlimann Ölbilder 8.6. bis 1.7.06 Galerie bis Heute Amtshausgasse 22, Bern / Tel. 031-311 78 77 Do-Fr 14:00-18:30 h, Sa 11:00-16:00 h & nach Vereinbarung Francois Burland Im Reich von Mythos und Magie 20.5. bis 15.7.06

Fri-Art 22 Petites Rames, 1700 Fribourg // Télephone 026 323 23 51 Di-Fr 14-18:00 h / Sa&So 14:00-17:00 h Nocturne Do 18:00-20:00 h «CONTINUUM DISTORSION» Xavier Noiret-Thomé Avec la participation de: Michel François; Bruno Di Rosa; Robert Suermondt Scott King & Philippe Decrauzat: Nouvelle intervention dans la cage dʼescalier II (2006-2008) Sérigraphies de Francis Baudevin & Karim Noureldin: Intervention dans la cage dʼescalier I (2003-2006) 20.5. bis 30.7.06 Francois Burland: Im Reich von Mythos und Magie

Galerie Tom Blaess Uferweg 10, 3018 Bern // Tel 079 222 46 61 Besichtigung auf Anfrage Arbeiten des Druckateliers Galerie Beatrice Brunner Nydeggstalden 26, 3011 Bern // Tel. 031 312 40 12 Mi / Do / Fr 14:00-18:00 h / Sa 11:00-16:00 h Galerie Henze & Ketterer Kirchstrasse 26, 3114 Wichtrach // Tel 031 781 06 01 Di-Fr 10:00-13:00 h & 14:00-18:00 h / Sa 10:0016:00 h Kubach-Wilsmen: Steinskulpturen Georg Grosz: der Akt Druckgraphik der «Brücke» 13.5. bis 26.8.06 Galerie Duflon & Racz Gerechtigkeitsgasse 40, Bern Tel 031 311 42 62 Mobile: 079 423 75 57 Do 14:00-20:00 h & Sa 11:00-17:00 h, sowie auf tel. Vereinbarung Dani Jehle Fingermalerei und Janusbilder Vernissage: Sa 10.6 ab 16:00 h open end 10.6.06 bis 29.7.06 Galerie Margit Haldemann Brunngasse 14 / Brunngasshalde 31 // Tel: 031 311 56 56 Mi 11:30-18:30 h / Do & Fr 14:30-18:30 h / Sa 11:00-16:00 h Peter von Gunten: «Zufe Zafe e Cervèlo» Fotoarbeiten Venedig bis Mitte Juli 2006

artensuite

37


artensuite

38

Galerieneintrag: Auf den Seiten «Galerien in Bern» werden nur noch Galerien publiziert, welche unsere jährliche Publikationsgebühr bezahlt haben. Wer sich hier eintragen lassen möchte, melde sich bei der Redaktion: Telefon 031 318 6050 oder redaktion@ensuite.ch.

Galerie Martin Krebs Münstergasse 43, 3011 Bern // Tel 031 311 73 70 Di-Fr: 14:30-18:30 h / Sa 10:00-14:00 h Jean-François Luthy Neue Werke Dauer der Ausstellung: bis 3.6.06 Galerie Kornfeld Laupenstrasse 41, 3001 Bern // Tel 031 381 46 73 www.kornfeld.ch Do-Mi täglich 10:00-18:00 h Auktions-Austellung Eröffnung: Mi 7.6., 18:00 h 8.6. bis 14.6. Auktionen 15. & 16.6.06 Galerie Ramseyer & Kaelin Junkerngasse 1, 3011 Bern // Tel 031 311 41 72 Mi-Fr 16:00-19:00 h / Sa 13:00-16:00 h Martin Eberhard Malerei 13.6. bis 1.7.06 Galerie Rigassi Münstergasse 62, 3011 Bern // Tel 031 311 69 64 Di-Fr 11:30-13:30 h & 15:30-19:00 h, Sa 11:0016:00 h Galerie Silvia Steiner Seevorstadt 57, 2502 Biel / 032 323 46 56 Mi-Fr 14:00-18:00 h & Sa 14:00-17:00 h Christina Niederberger Bilder Builder Vernissage: 10.6., 17:00-19:00 h Apéro mit der Künstlerin: 25.6., 11:00-13:00 h

Kornhausforum Forum für Medien und Gestaltung Kornhausplatz 18, 3011 Bern // Tel 031 312 91 10 Di-Fr 10:00-19:00 h, Do bis 20:00 h & Sa&So 10:00-17:00 h DesignLabor Gestaltung und Design im Spannungsfeld industrieller Produktion 12.5. bis 25.6.06 Cotton - Baumwolle bio & fair Austellung der Entwicklungsorganisation Helvetas 18.5. bis 18.6.06 Second Hand die berufsmittelschule Bern zeigt gestalterische Projektarbeiten. 20.6. bis 29.6.06 Kunstreich Gerechtigkeitsgasse 76, 3011 Bern // Tel 031 311 48 49 Mo-Fr 09:00-18:30 h / Do 09:00-20:00 h / Sa 09:00-16:00 h Shang Hutter Figuren und Zeichnungen 27.4. -bis 3.6.06 Regula Mathys-Hänggi Bilder 10.6. bis 15.7.06 Kunstraum Oktogon Aarstrasse 96, 3005 Bern Fr 16:00-19:00 h / Sa 11:00-15:00 h KunstQuelle Galerie Brunngasse 14, Bern // Tel 076 331 97 75 // www.kunstquelle.ch Mi & Fr 14:30-18:00 h, Do 15:30-19:00 h & Sa 13:00-16:00 h frauSEIN - FRAUsein Bilder von sechs Künstlerinnen Katharina Kunz, Corinna Elena Marti, Lilian Rappo, Margret Schlegel, Jadranka Soldo & Tanja Stenitschka. Vernissage: 1.6., 17:00-20:00 h 1.6. bis 24.6.06 ONO Bühne Galerie Bar Gerechtigkeitsgasse 31, 3011 Bern // Tel 031 312 73 10 Fr & Sa 13:00-17:00 h - Nachtgalerie: Mi-Sa ab 22:00 h Gender Stories Judith Schönenberger zeigt Fotografien zum Thema Geschlechterkonstruktion. Vernissage: 2.6., 20:00 h 2.6. bis 29.6.06

PROGR Zentrum für Kulturproduktion Speichergasse 4, Bern LEERRAUM [ ] Raum für akustische Kunst, Progr Bern 1.6. bis 2.7.06 ASHER (USA) + STEINBRÜCHEL (CH) Öffnungszeiten: Mi-So 14:00-17:00 h Steinbrüchel (CH): Skizzen Öffnungszeiten: Mi-So 14:00-17:00 h SZU SZU MEETS KUNST-FU Ort: Ausstellungszone, 1.OG 8.6. bis 2.7.06 SODIUM_06 Kunstmarkt Ort: PROGR_Hof Sa 10.6.06, 19:00 h

RAUM Militärstrasse 60, Bern Mo-Fr 16:00-19:00 h / Sa 12.00-16:00 h Manuela Legnazzi Listen Arbeiten auf Papier Vernissage Fr 5.5., 18:00-21:00 h Es spricht Anna Stüssi 5.5. bis 1.6.06 Christoph Hauri ...kilometrische formen durch stein... Hefte Zeichnungen Malerei Vernissage: 9.6., 18:00-21:00 h 9.6. bis 2.7.06 Schloss Hünigen 3510 Konolfingen Täglich 8:00-21:00 h Janeric Johansson Installation Permanente Bilder-Ausstellung im Neubau SLM Kunstausstellung Dorfplatz 5, 3110 Münsingen // Tel 031 724 11 11 Mo-Do 8:00-12:00 h & 13:30-17:00h / Fr 8:0012:00 h & 13:30-18:00 h Lisa Notter Skulpturen in Stein Brigitta Briner Mixed Media Objekte


Vernissage 2.6., 19:00 - 21:00 h Begrüssung und Apéro 2.6. bis 28.7.06 im Beratungszentrum SLM in Münsingen Stadtgalerie Hodlerstr. 22 + 24A 3011 Bern // Tel 031 311 43 35 Mi-So 14:00-17:00 h POETRY MAKES NOTHING HAPPEN In der Reihe «Urban Gossip» bildet das Projekt des Künstlers und Architekten Ronny Hardliz (Rom / Bern) wohl einen veritable Höhepunkt: in den Sommermonaten einen 25 Meter hohen, begebaren Gerüstturm am Lorrainebrückenkopf erstellen. 24.6. bis 9.9.06 Wartsaal 3 Helvetiaplatz 3 Bern // Tel 031 351 33 21 täglich von 10:00-12:30 h & 15:00-19:00 h Ann Chen Mittagskonzert 24.5.06 tokushuu Die Sonderausgabe - 33 Paar Schuhe stehen im Zentrum des Projekts. 29.6.06 ab 19:00 h Ménage à trois Lesbischwules Festival in Bern Bilder-/T-Shirt-Ausstellung & Literaturlesungen 8. bis 11.6.06

Temporäre Ausstellungsräume Skulptur 06 Park und Villa Mettlen in Muri bei Bern Skulpturenpark: Täglich 11:00-21:00 h Skulpurenkeller: Sa & So 11:00-17:00 h Vom 10. Juni bis 16. September organisiert der Verein Berner Galerien wiederum eine Skulpurenausstellung. Sämtliche Informationen unter: www.swissart.net/agenda Botanischer Garten Bern Botanischer Garten Bern Sandstein Skulpturen im Botanischen garten Ausstellung bis am 25. Juni 2006 Di & Mi 19:00-21:00 h oder nach Vereinbarung. Ausstellungsdauer: 6.5. bis 7.6.06 Bern und die Tour de Suisse Stadtarchiv Erlacherhof, Junkerngasse 47, Bern Mo-Fr 8:00-12:00 h & 13:30-17:00 h Entstehung der Schweizer Radrundfahrt. Eine Ausstellung zur Tour de Suisse im Sadtarchiv. Etappenschluss am 18. Juni in Bern Cafeteria Mattenhnof Belpstrasse 39, 3007 Bern Mit Schaf oder nicht. Bilder von Angelika Ledergerber 2.5. bis 30.6.06

szu szu, vernissage 8.6., 18.00, progr, bern

ensuite - kulturmagazin‘ artensuite

www.artensuite.ch

Dominik Imhof

Augenspiel ■ In den Sommermonaten (endlich sind sie da) zeigt sich die Kunstszene immer etwas anders als gewohnt. Einerseits spriessen überall Skulpturenausstellung aus dem grün bewachsenen und bunt blühenden Boden (siehe die Ausstellungen in Mettlen, in Wittigkofen oder am Zihlkanal im Seeland). Alle scheinen froh zu sein, vor allem die Künstler, endlich an die frische Luft zu kommen und auch ihre sperrigsten Arbeiten einem Publikum zu präsentieren. Daneben ist gerade der Monat Juli für Kunstsammler dick im Kalender an mehreren Stellen rot oder golden angestrichen. Am 15. und 16. Juni sind in der Galerie Kornfeld Auktionstage. Die Vorbesichtigung ist zwischen dem 8. und 14. Juni. Wer nichts gespart hat für einen hochkarätigen Kunstkauf, kann sich an der Auktionsausstellung wenigstens die Arbeiten aus nächster Nähe ansehen. Immer wieder eine seltene Gelegenheit auf Tuchfühlung mit Kunst zu gehen. Schwerpunkt in diesem Jahr ist Chagall (1887-1985). Gleich mehrere Ölgemälde von Chagall mit Schätzwerten von über einer Million kommen unter den Hammer. Ansonsten sind in der Auktion die wichtigsten Namen des 19. und 20. Jahrhunderts vertreten, natürlich vorwiegend in Werken auf Papier. Zur selben Zeit (14.-18. Juni) findet in Basel die Art - das international wichtigste Kunst-alsBusiness-Event - statt. Über 300 der «führenden» Galerien aus über 30 Ländern bieten im Hauptevent der Art Kunst von über 2000 Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts zum Verkauf an. Veranstaltungen wie die Art Basel werden für die Galeristen immer wichtiger, hier machen sie einen Grossteil ihres Umsatzes, so dass es zahlreiche Galerien gibt, die von einem Event zum anderen reisen und gar keinen festen Ausstellungs- und Verkaufsort mehr haben. Wer Kunst kauft, sammelt und besitzt ist in. Kunst ist das neue Statussymbol. Auch das neue Statussymbol der Macht, wie es Wolfgang Ullrich in seinem Buch «Mit dem Rücken zur Kunst» zeigt. Politiker, Wirtschaftsbosse, Machthaber, die sich eben mit dem Rücken zu zeitgenössischer Kunst, vor Kunstwerken, ablichten lassen und damit ein bestimmtes Image kreieren wollen. Sie wollen sich damit als aufgeschlossen, dynamisch und intelligent darstellen. Dass es gerade Gegenwartskunst ist, das ist neu.

artensuite

39


40

L E T Z T E

L U S T S E I T E

■ und was würde wohl geschehen, wenn ich mich nicht mehr an die spielregeln (die gefühlten) halten würde? was würdest du tun, wenn ich mitten aus unserer unvertrauten nähe, die sich ja nur zufällig ergibt, auf dich zugehen würde? was wäre, wenn ich dich ganz plötzlich falsch verstehen würde, um dann auf deine nähe einzutreten. nicht, weil etwas anders als all die male vorher wäre, vielmehr, weil ich lust hätte, dich falsch zu verstehen. weil ich wissen möchte wie du reagierst. du wärst geschockt, das steht ausser frage, aber wie würdest du damit umgehen? würdest du entschuldigend von einem missverständnis reden? würdest du mir aus dem weg gehen oder würdest du mitmachen, weil du wüsstest, dass du genau das missverständliche und vage, das schwebende alles-ist-möglich initiiert hast, und dass du mir nun eine lösung schuldig bist. und wenn du mitmachen würdest – schon das daran denken ist seltsam, ich gehe immer, ohne ausnahme, davon aus, dass du eben gerade nicht daran denkst und das nie etwas geschehen wird, so wie über die jahre auch noch nie etwas geschah

Hinweis: Die Texte auf der letzten Lustseite sind nicht ganz jugendfrei. Wir bitten die LeserInnen unter 18 Jahren, diese Texte aufzubewahren und erst bei bei voller Reife zu lesen.

– wenn du also mitmachen würdest, was wäre dann? ich kann mir nichts vorstellen, ein leerer raum öffnet sich. buchstäblich leer, ich habe keine phantasien und ich hatte auch keine zu einem körperlichen zusammensein. ich träume von uns, das ja, aber in den träumen ist immer schon ‚nachher‘ oder noch ‚vorher‘ es ist nie ‚während‘. ich weiss nichtmal, wie du aussiehst und ich habe es mir auch noch nicht vorgestellt. während all der jahre, habe ich mich noch gar nie damit befasst, was denn genau die einlösung wäre. ich sehe nichts, ich spüre nichts und ich merke, dass ich vielleicht wirklich auf eine ganz und gar totale art unfähig bin. natürlich bist du ein gut aussehender mann. natürlich hast du charme, bist äusserst intelligent, hast diesen unglaublich tödlichen humor, den ich nur von wenigen kenne und annehme und natürlich haben wir übereinstimmungen bei den unglaublichsten und nebensächlichsten themen. aber etwas wie ‚körper‘ oder ‚sex‘? zuviel achtung? zuwenig? oder einfach die gewissheit, dass diese geschichte hier nicht über das thema läuft, sondern über andere, weitaus spannende-

re da nicht verortbare. wie es wohl dir dabei geht? ob du dir meinen körper schon vorgestellt hast. ob du dir meinen körper in der phantasie schon angeschaut, ins bett geholt und gestreichelt hast? verwirrende möglichkeiten. wenn ich nun, zufällig und ohne anlass, aber in einem der seltenen und unvermutet nahen momenten, auf dich zugehen würde und dich streicheln würde? oder deine hände nehmen würde, damit sie mein gesicht halten. wobei – was wäre, wenn du deinerseits das plötzlich ändern würdest? ich glaube, ich würde zurückschrecken. ich hätte angst, nein panik, davor dich zu spüren. weil: was würde im nachher passieren? was wäre mit all der vielen zeit, die noch kommt? (vonfrau)

impressum ensuite – kulturmagazin erscheint monatlich als Gratis- und Abonnementzeitung. Auflage: 10‘000 / davon 1‘300 Aboversand Adresse: ensuite – kulturmagazin; Sandrainstrasse 3; 3007 Bern; Telefon 031 318 6050; mail: redaktion@ensuite.ch Herausgeber: Verein WE ARE, Bern Redaktion: Lukas Vogelsang (vl); Stephan Fuchs (sf); Dominik Imhof (di) // Sandra Drechsler (sd), Jean-Luc Froidevaux (jlf), Till Hillbrecht (th), Sonja Koller (sk), Helen Lagger (hl), Andy Limacher (al), Isabelle Lüthy (il), Marta Nawrocka (mn), Nadia Meier (nm), Eva Mollet (ev), Sylvia Mutti (sm), Magdalena Nadolska (mn), Eva Pfirter (ep), Nicolas Richard (nr), Caroline Ritz (cr), Benedikt Sartorius (bs), Monika Schäfer (ms), Anne-Sophie Scholl, Sarah Elena Schwerzmann (ses), Sarah Stähli (ss), Tabea Steiner (ts), Sandra D. Sutter (sds), Sara Trauffer (st), Simone Wahli (sw), Kathrina von Wartburg (kvw), Sonja Wenger (sjw), Vonfrau (Redaktion) Korrektorat: Monique Meyer (mm) Cartoon: Bruno Fauser, Bern; Telefon 031 312 64 76 Agenda: bewegungsmelder, Bern, allevents, Biel; ensuite - kulturmagazin Abonnemente: 58 Franken für ein Jahr / 11 Ausgaben. Abodienst: 031 318 6050 Web: interwerk gmbh Anzeigenverkauf: Marc de Roche, anzeigen@ensuite.ch Gestaltung: interwerk gmbh: Lukas Vogelsang; Anna Vershinova Produktion & Druckvorstufe: interwerk gmbh, Bern Druck: Fischer AG für Data und Print Vertrieb: Gratisauflage an 350 Orten im Kanton Bern; passive attack; Telefon 031 398 38 66

■ interwerk gmbh kulturconsulting kulturmanagement kulturvermittlung. www.interwerk.ch

Redaktionelle

Themenhinweise

(nicht

Agendaeinträge!)

er-

wünscht bis zum 11. des Vormonates. Über die Publikation entscheidet die Redaktion. Bildmaterial digital oder im Original beilegen. Agendahinweise bis spätestens am 18. des Vormonates. Redaktionsschluss der Ausgabe ist jeweils am 18. des Vormonates.

sandrainstrasse 3 3007 bern +41 (0)31 318 6050

(siehe auch www.ensuite.ch - menü: veranstalter)

Die Redaktion ensuite - kulturmagazin ist politisch, wirtschaftlich und ethisch unabhängig und selbständig. Die Texte repräsentieren die Meinungen der Autoren/innen, nicht jene der Redaktion. Copyrights für alle Informationen und Bilder liegen beim Verein WE ARE in Bern und interwerk gmbh.


ensuite_06_06_1