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Liebfrauenkirche Oberwesel Sonntag, 13. November 2016 – 18:00 Uhr

Max-Reger-Orgelzyklus 2016 „Vom Dunkel zum Licht“

Max Reger (1873-1916)

Konzert 9: Auferstehungstriologie Phantasie über den Choral „Alle Menschen müssen sterben“ (op. 52,1) Phantasie über den Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (op. 52,2) Phantasie über den Choral „Halleluja! Gott zu loben bleibe meine Seelenfreud“ (op. 52,3)

Regionalkantor Lukas Stollhof, Orgel Eintritt frei – Ihre Spende am Ausgang benötigen wir, um unsere Liebfrauenorgel zu renovieren. Vielen Dank! __________________________________________________________________________________________________ Lukas Stollhof (geboren 1980) studierte Kirchenmusik und Instrumentalpädagogik mit Hauptfach Orgel bei Prof. Dr. Ludger Lohmann in Stuttgart. Ein Stipendium der Rotary Foundation ermöglichte ihm ein einjähriges Studium am Conservatorium van Amsterdam bei Prof. Jacques van Oortmerssen, das er mit dem Examen Bachelor of Music abschloss. Danach absolvierte er in Stuttgart das AExamen Kirchenmusik (Orgel bei Prof. Bernhard Haas), den Zusatzstudiengang Chorleitung/ Oratorium/Vokalensemble (Chorleitung bei Prof. Dieter Kurz) sowie das Solistenklassestudium Orgel bei Prof. Bernhard Haas. Lukas Stollhof war Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, Preisträger verschiedener Orgelwettbewerbe (u. a. Preisträger des ARD-Musikwettbewerbs 2011 in München und des Bachwettbewerbs 2008 in Leipzig) und Träger des Kulturpreises „Junge Künstler“ der Stadt Neuwied (2000). Bei Orgelkonzerten im In- und Ausland kommt sein breit gefächertes Repertoire von Frühbarock bis zur Moderne zum Einsatz. Er ist gefragter Begleiter von Chören und Solisten. Seine musikalische Vielseitigkeit zeigt sich nicht zuletzt in Komposition und Aufführung eigener Werke. Seit 2008 ist Lukas Stollhof als Regionalkantor in Oberwesel am Rhein und für das Bistum Trier tätig. Zum 200. Geburtstag der Komponisten Mendelssohn Bartholdy (2009), Robert Schumann (2010) und Franz Liszt (2011) spielte er jeweils deren gesamtes Orgelwerk in einem Konzertzyklus. Die Orgelkompositionen von Mendelssohn Bartholdy nahm er zudem 2009 auf zwei CDs auf. An der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf hat Lukas Stollhof seit 2010 einen Lehrauftrag für Orgel. 2016 spielte er zum 100. Todesjahr von Max Reger dessen große Orgelwerke in einem Zyklus in der Liebfrauenkirche Oberwesel und nahm diese für das Internetportal YouTube am Spieltisch auf. www.lukasstollhof.de


Phantasie über den Choral „Alle Menschen müssen sterben“ (op. 52,1) Regers Zeitgenossen hörten in diesem Werk „die verkörperte Unruhe“, „grausige Töne“ von Tod und Verwesung und „Stimmungsbilder kühnster Art, die bisher für Orgel überhaupt geschrieben worden sind“. Reger dagegen unterschrieb die Erstschrift für Karl Straube ironisch: „Recht inniges Vergnügen, Lieber Carl! Im Falle es beim Anhören dieses ‚Verbrechens’ Todte geben sollte, übernehme ich die Beerdigungskosten. Besten Gruß dein alter Organiste Max Reger.“

Als Leitmotiv und Symbol für die Todesschrecken verwendet Reger die abwärtsgerichteten Intervalle große Septim und übermäßige Oktav, kleine None, die im Gegensatz zum vollkommenen, reinen, göttlichen Intervall der reinen Oktav Unvollkommenheit ausdrücken. Introduzione 1. Alle Menschen müssen sterben, alles Fleisch vergeht wie Heu; was da lebet, muß verderben, soll es anders werden neu; dieser Leib, der muß verwesen, wenn er anders soll genesen der so großen Herrlichkeit, die den Frommen ist bereit. 3. Jesus ist für mich gestorben, und sein Tod ist mein Gewinn; er hat mir das Heil erworben; drum fahr ich mit Freud dahin, hier aus diesem Weltgetümmel in den schönen Gotteshimmel, da ich werde allezeit schauen die Dreieinigkeit. 6. O Jerusalem, du schöne, ach, wie helle glänzest du! Ach, wie lieblich Lobgetöne hört man da in sanfter Ruh! O der großen Freud und Wonne! jetz-und gehet auf die Sonne, jetz-und gehet an der Tag, der kein Ende nehmen mag. 7. Ach, ich habe schon erblicket diese große Herrlichkeit; jetz-und werd ich schön geschmücket mit dem weißen Himmelskleid; mit der goldnen Ehrenkrone steh ich da vor Gottes Throne, schaue solche Freude an, die kein Ende nehmen kann.

Ausmalung der Todesschrecken mit dem Leitmotiv, wuchtigen Akkorden, virtuosen Läufen und Steigerungen - Melodie in der Mittelstimme, begleitet vom Leitmotiv (rechte Hand) - Melodie im Pedal, Leitmotiv in der linken Hand - ruhiger Manualsatz, Melodie im Sopran - Melodie wieder im Pedal, Leitmotiv in der rechten Hand - Agitato: Melodie im Tenor, schnelle Leitmotive in Pedal und rechter Hand - Moderato: ruhiger, kein Leitmotiv zur Melodie, Beginn der Steigerung - Steigerung des Tempos und der Dynamik, Melodie fast nicht hörbar in der unteren Stimme der linken Hand. Zwischenspiel ähnlich der Introduzione - Stark verzierte Melodie im Sopran (Ausdruck des mystischen Textes), dazu eine Begleitung, deren Motive in der Luft hängen, nicht ankommen - Melodie wieder unverziert im Tenor, ohne Leitmotiv begleitet („Heil“) - beginnende Steigerung („fahr ich mit Freud dahin“) - Melodie im Pedal in reinen Oktavsprüngen, Begleitung wechselt zu Sechstolen (= 2x3) als Ausdruck des „schönen Gotteshimmel“ und der „Dreieinigkeit“ Danach weitere Steigerung mit Leitmotiv bis zum Höhepunkt. - Melodie ist wieder stark verziert und nicht mehr nachvollziehbar im Sopran aufgrund des mystisch-ekstatischen Textausdrucks, der staunenden Betrachtung der Goldenen Stadt, des himmlischen Jerusalems. - leisester Moment (vor Sonnenaufgang), Melodie wechselt ins Pedal (erst verziert, dann auf einmal klar und unverziert), Steigerung Danach aufwallendes Zwischenspiel als Überleitung zur letzten Strophe - Melodie (Trompete) hymnisch in der Mittelstimme, Zwischenspiel - Melodie weiter in der Mittelstimme (Trompete), beruhigendes Zw-spiel - leise und träumerisch („schön geschmücket“, „Himmelskleid“), Melodie weiter in der Mittelstimme; dann schnelles Crescendo (Leitmotiv) - Melodie ertönt in Oktaven im Sopran, stetige Steigerung - Melodie in Pedaloktaven, wuchtige Manualakkorde, Zwischenspiel - Melodie wechselt in die Mittelstimme in Oktaven, weiter Steigerung - Hymnische Schlusszeile im Sopran mit grandiosem Finale


Phantasie über den Choral „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (op. 52,2)

Reger hat Straube sein „künstlerisches Wollen“ offenbart: Die Einleitung bezeichnet er als „Kirchhof“ und „die Choralmelodie ist die Stimme eines Engels, die Toten werden allmählich geweckt“. Um Introduzione und den Eintritt des Chorals als „gegensätzliche Sphären“ darzustellen, malt Reger die Nacht mit düsteren Mollakkorden aus und lässt die Begleitung des Chorals in hohen, lichten Akkorden in Dur aufscheinen. Introduzione 1. Wachet auf, ruft uns die Stimme, der Wächter sehr hoch auf der Zinne; wach auf du Stadt Jerusalem! Mitternacht heißt diese Stunde. Sie rufen uns mit hellem Munde: Wo seid ihr klugen Jungfrauen? Wohlauf, der Bräutgam’ kommt! Steht auf, die Lampen nehmt! Halleluja! Macht euch bereit zu der Hochzeit, ihr müsset ihm entgegengehn. 2. Zion hört die Wächter singen, das Herz thut ihr vor Freude springen, sie wachet und steht eilend auf. Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig, von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig, ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf. Nun komm, du werte Kron, Herr Jesu, Gottes Sohn! Hosianna! Wir folgen all’ zum Freudensaal und halten mit das Abendmahl.

Mollakkorde in „sehr dunkler Registrierung“, da hinein schlägt der Blitz ein, später folgt der Donner, der Nachtwächter ruft. Dann Beruhigung - die Choralmelodie in der Mittelstimme wird von Akkorden in „sehr ‚lichter’ Registrierung“ begleitet; zwischen den Zeilen kehrt immer die „sehr dunkle Registrierung“ des Kirchhofs zurück. - Mitternacht: „sehr dunkle Registrierung“ - hellem Munde: „sehr lichte Registrierung“, dann Steigerung - zurück im piano und lichter Registrierung, dann Steigerung - ab hier stetige Steigerung der Dynamik und des Tempos in den Verbindungen zwischen den Melodiezeilen bis zum Ende der Strophe - Danach weitere Steigerung als Überleitung zur 2. Strophe - triolische Begleitung („vor Freude springen“), weiterhin verbinden Zwischenspiele die Melodiezeilen, zunehmende Steigerung - Melodie im Pedal, beide Hände spielen Sechstolenläufe abwärts („kommt vom Himmel“), dann weitere Steigerung bis zum Höhepunkt

- mystischer Choraltext: deshalb verziert Reger die Melodie bis zur Unkenntlichkeit und überschreibt diesen leisen Teil mit Adagio con espressione - Danach leise Überleitung zur Fuge - Fuge: Das Thema (siehe Rückseite) klingt laut Reger (zu Straube) „wie ein Engel, der über die Tasten hüpft“. 3. Gloria sei dir gesungen mit Menschen- und mit - Melodie im Pedal, dazu Fugenthema in den Oberstimmen und zwischen den Melodiezeilen. Engelszungen, mit Harfen und mit Zimbeln schön. Von zwölf Perlen sind die Thore, an deiner Stadt, - Melodie in der Mittelstimme, Fugenthema in der Ober-stimme wir stehn im Chore der Engel hoch um deinen Thron. und im Pedal, direkter Übergang zu... Kein Aug hat je gespürt, kein Ohr hat je gehört - Melodie in der Oberstimme in Akkorden, dazu Ausschnitte des Fugenthemas in anderen Stimmen + zwischen den Melodiezeilen solche Freude. Des jauchzen wir und singen dir - Hymnischer Schluss das Halleluja für und für.


Fugenthema op. 52,2:

Phantasie über den Choral „Halleluja! Gott zu loben bleibe meine Seelenfreud“ (op. 52,3)

Nach der kurzen Introduktion wirkt die Phantasie wie eine partitenartige Reihung der Choralstrophen mit nur knappen oder gar keinen Überleitungen. Auch die Textausdeutung tritt wegen des freudig-zuversichtlichen Textinhalts zurück. Straube bescheinigt Reger deshalb etwas kritisch, „klug getan [zu haben], die Pflege dieser Form (Choralphantasie) aufzugeben. Über op. 52 Nr. 3 liegt ein Hauch von Routine und Technik.“ Introduktion 1. Halleluja! Gott zu loben, bleibe meine Seelenfreud! Ewig sei mein Gott erhoben, meine Harfe ihm geweiht. Ja, so lang’ ich leb’ und bin, dank’, anbet’ und preis’ ich ihn. 2. Setzt auf Fürsten kein Vertrauen! Fürstenheil steht nimmer fest; wollt ihr auf den Menschen bauen, dessen Geist ihn bald verlässt? Seht, er fällt, des Todes Raub, und sein Anschlag in den Staub. 3. Heil dem, der im Erdenleben Jakobs Gott zur Hülfe hat, der sich dem hat ganz ergeben, dessen Nam’ ist Rath und That! Hofft er von dem Herrn sein Heil, seht! Gott selber ist sein Theil. 4. Er, der Himmel, Meer und Erde mit all ihrer Füll’ und Pracht durch sein schaffendes „Es werde!“ hat aus Nichts hervorgebracht, er, der Herrscher aller Welt, ist’s der Treu und Glauben hält. 5. Er ist’s, der den Fremdling schützet, der die Witwen hält im Stand, der die Waisen unterstützet, ja, sie führt an seiner Hand. Der Gottlosen Wege er kehret in des Todes Nacht. 6. Er, der Herr, ist’s, der den Blinden lieblich schenket das Gesicht; die Gebeugten, Kranken finden bei ihm Stärke, Trost und Licht. Seht, wie Gott, der alles gibt, immer treu die Seinen liebt. 7. Er ist Gott und Herr und König, er regieret ewiglich. Zion! sei ihm unterthänig, freu’ mit deinen Kindern dich! Sieh! Dein Herr und Gott ist da, Halleluja! Er ist nah!

Fugenthema op. 52,3:

Akkordischer Beginn wie „Wachet auf“ endet, drei Crescendowellen (Toccata mit Sechstolen) - Melodie im Pedal, begleitet von den Sechstolen aus der Introduktion als Ausdruck der himmlischen Freude - Melodie in der Mittelstimme, im Pedal dazu fallende Intervalle („Seht, er fällt“) - Melodie weiter in der Mittelstimme, dazu leise, ruhige Triolenachtel („Heil“) - Melodie in der Oberstimme, aus den begleitenden Sechzehnteln werden Sechstolen, dazu stetige Steigerung - im piano, Melodie erst in der Ober-, dann in der Mittelstimme, ruhige Begleitung - Pedal: Abwärtsbewegung („Todes Nacht“) - „Blinde“: Melodie fast unhörbar im Alt - Melodie wandert in die Oberstimme - „Gott ... liebt“: ruhige Triolenbewegung Fuge (Thema siehe unten) - Melodie im Pedal, dazu Thema, Zw-spiel - Melodie im Sopran, dazu Thema, Zwischenspiele zwischen allen Melodiezeilen - Danach Kanon der Melodie als Abschluss


Reger-Konzert 9: Sonntag, 13. November 2016, 18:00 Uhr Ich begrüße Sie sehr herzlich zum letzten Orgelkonzert des diesjährigen Max-Reger-Orgelzyklus’ „Vom Dunkel zum Licht“ anlässlich des 100. Todesjahres dieses bedeutenden spätromantischen Komponisten. Regionalkantor Lukas Stollhof spielt heute mit den drei Choralphantasien op. 52 die letzten drei der 15 großen Orgelwerke, die in diesem Zyklus erklingen werden. Damit soll nicht nur auf Max Reger aufmerksam gemacht werden, sondern auch auf unsere Eberhardt/Klais-Orgel, die dringend renoviert werden muss. Deshalb bitten wir Sie am Ausgang um Ihre großzügige Spende, damit unsere Königin wieder gesund wird! Nach dem Bericht von Regers erstem Lehrer Adalbert Linder geht die Entstehung der drei Choralphantasien op. 52 auf einen Zeitungsartikel zurück, die dem „Regers Erfindung und Phantasie [...] nur als gering bewertet“ werden. Diese Kritik muss Reger „tief berührt“ haben, denn kaum zehn Tage nach ihrem Erscheinen brachte Reger die drei Phantasien op. 52 zu Lindner mit den Worten: „Da drinnen ist der Reger, der keine Phantasie und keine Erfindung hat.“ Daneben ist die Auferstehungsthematik in op. 52 offensichtlich und nicht zufällig, denn in dieser Zeit beschäftigte Reger sich nachweislich mit den großen literarischen Auferstehungswerken von Tolstoj und Ibsen. Wie als wollte Reger auf die literarische Trilogie „Der Tod“ von Tolstoj seine musikalische folgen lassen, schrieb er op. 52 als „eng zusammengehörende Triologie“, in der nicht nur in jeder einzelnen Choralphantasie der Weg vom Tod zur Auferstehung durchlebt wird; sondern auch Auswahl der Choräle und die Zusammenfassung zu einem Opus stellen dieses Programm im Großen dar. So führt das Erleben von Tod und Verwesung („Alle Menschen müssen sterben“) über die Auferweckung der Toten („Wachet auf, ruft uns die Stimme“) zum Jubel über das ewige Leben („Halleluja! Gott zu loben, bleibe meine Seelenfreud“). Um die teilweise heute unbekannten Melodien verfolgen zu können, wird uns Marian Silbernagel vor jeder Choralphantasie die jeweils erste Strophe singen. Drei Choralphantasien (op. 52)

2016-11-13 Reger-Konzert 9 op.52 Lukas Stollhof, Oberwesel  
2016-11-13 Reger-Konzert 9 op.52 Lukas Stollhof, Oberwesel  

2016-11-13 Reger-Konzert 9 op.52 Lukas Stollhof, Oberwesel

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