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Liebfrauenkirche Oberwesel Sonntag, 16. Oktober 2016 – 18:00 Uhr

Max-Reger-Orgelzyklus 2016 „Vom Dunkel zum Licht“

Konzert 8: Phantasievolle Variationen

Max Reger (1873-1916) Johann Sebastian Bach (1685-1750) Max Reger

Phantasie und Fuge c-Moll (op. 29)

„Christ, der du bist der helle Tag“ (BWV 766) Partita mit sieben Teilen (Introduktion,) Variationen und Fuge über ein Originalthema in fis-Moll (op. 73)

Regionalkantor Lukas Stollhof, Orgel Eintritt frei – Ihre Spende am Ausgang benötigen wir, um unsere Liebfrauenorgel zu renovieren. Vielen Dank! __________________________________________________________________________________________________ Lukas Stollhof (geboren 1980) studierte Kirchenmusik und Instrumentalpädagogik mit Hauptfach Orgel bei Prof. Dr. Ludger Lohmann in Stuttgart. Ein Stipendium der Rotary Foundation ermöglichte ihm ein einjähriges Studium am Conservatorium van Amsterdam bei Prof. Jacques van Oortmerssen, das er mit dem Examen Bachelor of Music abschloss. Danach absolvierte er in Stuttgart das AExamen Kirchenmusik (Orgel bei Prof. Bernhard Haas), den Zusatzstudiengang Chorleitung/ Oratorium/Vokalensemble (Chorleitung bei Prof. Dieter Kurz) sowie das Solistenklassestudium Orgel bei Prof. Bernhard Haas. Lukas Stollhof war Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, Preisträger verschiedener Orgelwettbewerbe (u. a. Preisträger des ARD-Musikwettbewerbs 2011 in München und des Bachwettbewerbs 2008 in Leipzig) und Träger des Kulturpreises „Junge Künstler“ der Stadt Neuwied (2000). Bei Orgelkonzerten im In- und Ausland kommt sein breit gefächertes Repertoire von Frühbarock bis zur Moderne zum Einsatz. Er ist gefragter Begleiter von Chören und Solisten. Seine musikalische Vielseitigkeit zeigt sich nicht zuletzt in Komposition und Aufführung eigener Werke. Seit 2008 ist Lukas Stollhof als Regionalkantor in Oberwesel am Rhein und für das Bistum Trier tätig. Zum 200. Geburtstag der Komponisten Mendelssohn Bartholdy (2009), Robert Schumann (2010) und Franz Liszt (2011) spielte er jeweils deren gesamtes Orgelwerk in einem Konzertzyklus. Die Orgelkompositionen von Mendelssohn Bartholdy nahm er zudem 2009 auf zwei CDs auf. An der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf hat Lukas Stollhof seit 2010 einen Lehrauftrag für Orgel. 2016 spielt er zum 100. Todesjahr von Max Reger dessen große Orgelwerke in einem Zyklus in der Liebfrauenkirche Oberwesel und nimmt diese für das Internetportal YouTube am Spieltisch auf. www.lukasstollhof.de


M. Reger: Phantasie und Fuge c-Moll (op. 29, etwa 16 Min.)

Dieses frühe Orgelwerk Regers (komponiert im Oktober 1898) ist seine erste freie, nicht choralbezogene Phantasie und Fuge, für die (laut seinem Lehrer Adalbert Lindner) Bachs Phantasie und Fuge g-Moll (BWV 542) ein Vorbild gewesen war (Reger hatte dieses Bachwerk 1896 für Klavier zu vier Händen bearbeitet). So besteht Regers Phantasie wie das Bach’sche Vorbild aus einstimmigen, solokadenzartigen Läufen, wuchtigen Akkordfolgen mit zahlreichen Vorhaltsbildungen und überbordender Chromatik sowie kurzen fugierten Teilen. Wo Bachs Werk jedoch klar erkennbar in fünf Teile gegliedert ist, die sich auch noch in ihrer Motivik entsprechen, fehlt dem frühen Reger trotz starkem Ausdruckswillen die strukturelle Klarheit und die Fokussierung auf ein motivisches Material, das wiederholt und entwickelt wird. Das Thema der Fuge könnte von einem Barockkomponisten stammen, ebenso weite Teile der musikali-

schen Ausarbeitung desselben. Wie Bach versucht Reger ein weiteres Motiv zu etablieren, was er aber dann nicht so konsequent wie sein Vorbild verfolgt. Mit der Verwendung von Crescendo/Decrescendo und Manualwechseln zur Unterstützung musikalischer Steigerungen zeigt sich Reger dann aber als Kind seiner Zeit, in der auch Kompositionen barocker Komponisten durch Hinzufügung von Dynamik und Artikulationen dem Zeitgeschmack angepasst wurden. Regers einstiger Lehrer Hugo Riemann lobte das Werk: „Phantasie & Fuge wird einigen Leuten Kopfschmerzen machen, ist aber gut.“ J. S. Bach: Partita „Christ, der du bist der helle Tag“ (BWV 766)

Autor des Liedes ist Erasmus Alber, nach dem lateinischen Hymnus „Christe, qui lux es et dies“

2. Ach lieber Herr, behüt uns heut in dieser Nacht vorm bösen Feind und lass uns in dir ruhen fein und vor dem Satan sicher sein.

3. Obschon die Augen schlafen ein, so lass das Herz doch wacker sein; halt über uns dein rechte Hand, dass wir nicht falln in Sünd und Schand.

4. Wir bitten dich, Herr Jesu Christ; behüt uns vor des Teufels List, der stets nach unsrer Seele tracht`, dass er an uns hab keine Macht.

5. Sind wir doch dein ererbtes Gut, erworben durch dein heilges Blut; das war des ewgen Vaters Rat, als er uns dir geschenket hat. 6. Befiehl dem Engel, dass er komm und uns bewach, dein Eigentum; gib uns die lieben Wächter zu, dass wir vorm Satan haben Ruh. 7. So schlafen wir im Namen dein, dieweil die Engel bei uns sein. Du Heilige Dreifaltigkeit, wir loben dich in Ewigkeit.


M. Reger: Variationen und Fuge über ein Originalthema in fis-Moll (op. 27, etwa 35 Min.)

Auslöser für dieses großangelegte Orgelwerk war die Bitte des Organisten Karl Straube an Reger, ihm einmal „ein Orgelwerk ohne Bezugnahme auf evangelische Choräle schreiben zu wollen“. Dies geschah nach dem berüchtigten Konzert Straubes beim Baseler Tonkünstlerfest am 14. Juni 1903, bei dem Straube u. a. Regers „Symphonische Phantasie und Fuge“ (op. 57) spielte und für das der Komponist (auch der Organist) angegriffen wurde: „In der Tat scheint ja bei Reger so etwas wie eine ton- und klangpsychologische Perversität vorzuliegen, infolge derer er ebenso in der Kakophonie, im Musikalisch-Häßlichen schwelgt wie andere im rein sinnlichen Wohllaut.“ Das Manuskript trägt die Widmung „Karl Straube zur Erinnerung an den 14. Juni 1903“ und Reger schreibt dem Freund später: „Das Werk selbst ist aus einer recht wehmütigen Stimmung heraus geboren.“ Obwohl nicht im Titel angegeben beginnt dieses opulente Werk mit einer Introduzione. In ihr erschafft der Komponist bereits die Atmosphäre der Zerrissenheit und Resignation durch offene oder ins Leere laufende Motive und Steigerungen sowie ein Auf und ab der Gefühle und Stimmungen. Ihre Fünfteiligkeit ist anhand der Vortragsbezeichnungen Adagio – Molto piu mosso – Adagio – Quasi vivacissimo – Adagio gut nachzuvollziehen: Die einrahmenden Adagios mit gleicher Motivik und die beiden ins Tutti reichenden, virtuosen Steigerungen. Dass Reger die Introduktion nicht extra im Titel vermerkt hat, ist nur durch die vielen Motive und Stimmungen zu erklären, die im Verlauf der Variationen eine große Rolle spielen werden und hier bereits vorkommen; so gleicht die Introduktion selbst einer Variation des Themas, das noch gar nicht vorgestellt wurde. Das Thema der Variationen ist keine bekannte Melodie, sondern ein eigenes, 15taktiges „Originalthema“ von Reger, das er direkt harmonisiert vorstellt (siehe Rückseite!). Widerwillig gibt der Komponist seinem Freund Straube die Auskunft: „Das Thema in seiner Resignation gibt alles an; eine große Rolle spielt im ganzen Werke der ‚melancholische’ Takt 3 aus dem Thema selbst.“ Dieser dritte und die beiden darauffolgenden Takte sind es auch, die am Ende des Themas wiederholt werden und so dem Thema einen Rahmen geben. In den Variationen, die mit Andante überschrieben sind, sind die meisten Motive aus dem Thema verarbeitet. Der Ablauf der Variationen ist in der folgenden Tabelle dargestellt.

Thema Andante 1. Var. poco piu mosso 2. Var. Allegretto 3. Var. quasi prestissimo 4. Var. Andante 5. Var. quasi prestissimo 6. Var. Sostenuto 7. Var. Vivacissimo 8. Var. Vivacissimo 9. Var. Grave 10. Var Andante 11. Var Andantino 12. Var Vivacissimo 13. Var Andante

fis-Moll fis-Moll fis-Moll

Thema wird vorgestellt Thema wird wiederholt und quasi barock verziert Thema wird noch weiter ausgeziert, so dass es nur noch stellenweise zu erkennen ist d-Moll Völlig andere Stimmung, kein thematisches Material verwendet, mehr oder weniger einstimmige Läufe fis-Moll Motive aus dem Thema (T. 3! und 8) in immer neuen harmonischen Formen und Wendungen formuliert fis-Moll Anfang und Ende des Themas in langen Noten im Pedal, dazu virtuose Sechstolen in beiden Händen a-Moll ganz neues Motiv und neue Stimmung, auch Reprisenform durch A (leise) – B (Ausbruch) – A’ (wieder leise) d-Moll über drei Manuale hin und her wechselnde kurze Motive (Echoeffekt) über Pedallinie; kein Thema d/fis-Moll Melodie des Themas in gleichen Notenwerten im Pedal, dazu wuchtige Akkorde in den Manualen d-Moll schnelle Läufe und Akkord(-brechungen); mit großer Steigerung (molto agitato) zum Höhepunkt f/fis-Moll klingt wie ermattet; mit Takt 3 und 6 aus dem Thema G-Dur ätherische Idylle in Dur, fast Caféhausmusik der 20er fis-Moll Aufbrausende Akkordbrechungen und Läufe; am Ende die Schlussfloskel des Themas im Tutti fis-Moll/ verklärt-ruhiger Nachklang des Themas mit Motiven Fis-Dur von Takt 3 bis 6; endgültiger, friedlicher Abschluss


Die abschließende Fuge bringt nicht nur Ordnung nach der Zerrissenheit des Variationssatzes, sondern durch ihr vitales Thema mit Pausen, Läufen und Sprüngen eine fast ausgelassene Wirkung.

Nach der kurzen Exposition des Themas in allen Stimmen werden die Einzelmotive des Themas für die weitere musikalische Fortspinnung herangezogen. Immer wieder eingestreute Themeneinsätze sind durch das auffallende Kopfmotiv sofort herauszuhören. Mit mehreren Engführungen des Themas und immer steigender Dynamik im zweiten Teil steuert Reger zielsicher auf den fulminanten Schluss zu, in dem sich alle Anstrengung der Variationen und angestauten Stimmungen und Empfindungen entladen können. Lukas Stollhof

Das Thema der Variationen

2016-10-16 Reger8 Programm  
2016-10-16 Reger8 Programm  

2016-10-16 Reger8 Programm

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