Page 1

Liebfrauenkirche Oberwesel 3. Adventssonntag, 16. Dezember 2012 – 18:00 Uhr

Orgelkonzert „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ César Franck (1822-1890)

Grande pièce symphonique (op. 17, 1860-1862) I. Andantino serioso – Allegro non troppo e maestoso II. Andante – Allegro – Andante III. Allegro non troppo e maestoso – Andantino serioso IV. Beaucoup plus largement que précédemment

Johann Sebastian Bach (1685-1750)

Sechs Schübler-Choräle (BWV 596) Wachet auf, ruft uns die Stimme (BWV 645) Wo soll ich fliehen hin (BWV 646) Wer nur den lieben Gott lässt walten (BWV 647) Meine Seele erhebt den Herren (BWV 648) Ach bleib bei uns, Herr Jesus Christ (BWV 649) Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter (BWV 650)

Max Reger (1873-1916)

Choralphantasie „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ (op. 52,2)

Lukas Stollhof, Orgel Eintritt frei – Kollekte am Ausgang zugunsten des neuen Jahresprogramms 2013 _______________________________________________________________________________________________________________________________

Lukas Stollhof (geboren 1980) studierte Kirchenmusik und Instrumentalpädagogik mit Hauptfach Orgel bei Prof. Dr. Ludger Lohmann in Stuttgart. Ein Stipendium der Rotary Foundation ermöglichte ihm ein einjähriges Studium am Conservatorium van Amsterdam bei Prof. Jacques van Oortmerssen, das er mit dem Examen Bachelor of Music abschloss. Danach absolvierte er in Stuttgart das A-Examen Kirchenmusik (Orgel bei Prof. Bernhard Haas), den Zusatzstudiengang Chorleitung/Oratorium/ Vokalensemble (Chorleitung bei Prof. Dieter Kurz) sowie das Solistenklassestudium Orgel bei Prof. Bernhard Haas. Lukas Stollhof war Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, Preisträger verschiedener Orgelwettbewerbe (u. a. Preisträger des ARD-Musikwettbewerbs 2011 in München und des Bachwettbewerbs 2008 in Leipzig) und Träger des Kulturpreises „Junge Künstler“ der Stadt Neuwied (2000). Bei Orgelkonzerten im In- und Ausland kommt sein breit gefächertes Repertoire von Frühbarock bis zur Moderne zum Einsatz. Er ist gefragter Begleiter von Chören und Solisten und beweist sein musikalisches Können daneben durch Komposition und Aufführung eigener Werke. Seit 2008 ist Lukas Stollhof als Regionalkantor in Oberwesel am Rhein und für das Bistum Trier tätig. Zum 200. Geburtstag der Komponisten Mendelssohn Bartholdy (2009), Robert Schumann (2010) und Franz Liszt (2011) spielte er jeweils deren gesamtes Orgelwerk in einem Konzertzyklus. Die Orgelkompositionen von Mendelssohn Bartholdy nahm er zudem 2009 auf zwei CDs auf. An der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf hat Lukas Stollhof seit 2010 einen Lehrauftrag für Orgel.


Erläuterungen zum Programm: Die Geschichte der romantischen französischen Orgelsymphonie beginnt mit der Grande pièce symphonique op. 17 von César Franck (1863). Mit diesem Werk hat Franck, inspiriert vornehmlich von Beethovens Neunter Sinfonie, die große viersätzige, symphonische Form auf die Orgel übertragen, die vor allem von Widor weitergepflegt wurde. Im ersten Teil wird das Hauptthema vorgestellt und fugenartig durchgeführt. Der zweite Teil entfaltet eine lyrische Melodie (mit dem Cromorne gespielt) wie ein langsamer Symphoniesatz. Ein scherzohafter, dritter Teil wirbelt in dunkler Klangfarbe über die Tastatur. Nachdem er sich beruhigt hat, kehrt die Melodie des zweiten Teils (nun mit der Schwebung gespielt) wieder. Eine kurze Introduktion zum letzten Teil bringt das Hauptthema wieder ins Spiel, lässt aber auch die Themen der anderen Teile aufblitzen. Im letzten Teil (wie ein finaler Symphoniesatz) erklingt das Hauptthema endlich in Dur, bevor eine Fuge das 25minütige Werk zum Abschluss bringt. Die Schübler-Choräle sind sechs Choralbearbeitungen für Orgel von Johann Sebastian Bach (Originaltitel: Sechs Choräle von verschiedener Art). Insbesondere „Wachet auf“ und „Kommst du nun, Jesu, vom Himmel herunter“ gehören zu den bekanntesten Orgelwerken Bachs. Die Melodie des Letzteren kennt man eher unter dem Text von „Lobe den Herren“. Die Sammlung lässt sich durchgehend dem Ende des Kirchenjahres und dem Advent zuordnen. Die genaue Entstehungszeit der Sammlung ist unbekannt; der Originaldruck wurde 1748/1749 von Johann Georg Schübler in Zella besorgt; ihm verdankt sie auch ihren Namen. Fünf der sechs Sätze sind Bearbeitungen von erhaltenen Kantatensätzen. Die Sätze wurden möglicherweise zunächst nach dem Kriterium leichter Spielbarkeit ausgesucht; die meisten der Sätze sind nur dreistimmig, und ihr Pedalbass bringt entweder den Cantus firmus oder dient als rhythmisch einfach gearbeitete harmonische Stütze für die Oberstimmen. Etwas schwieriger sind die vierstimmigen Sätze „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ und „Meine Seele erhebt den Herrn“. Am 24. Mai 1900 kündigte Reger in einem Brief an Alexander Wilhelm Gottschalg „drei Orgelfantasien großen Stils“ an. Dieses Vorhaben verwirklichte er vier Monate später innerhalb von nur zehn Tagen („Alle Menschen müssen sterben“ – „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ – „Halleluja, Gott zu loben“). Sie sind gleichermaßen auch als Reaktion auf eine Kritik Georg Göhlers in der Septemberausgabe des Kunstwarts zu verstehen: Göhlers Vorwurf – „erfinderische Schwäche, Mangel an innerer Kraft und Persönlichkeit“ – schien Reger zutiefst verletzt zu haben: Dem Bericht seines Lehrers Adalbert Lindners zufolge „[brachte] denn kaum zehn Tage nach ihrem Erscheinen [...] mein Freund die oben erwähnten drei Choralphantasien fix und fertig ins Haus und warf sie mit den herben Worten: ‚Da drinnen ist der Reger, der keine Phantasie und keine Erfindung hat‘, auf den Flügel.“ Die „Wachet auf“-Fantasie beginnt mit einer Introduzione im grave assai. In „sehr ‚dunkle[r]‘ Registrierung“ beginnt ein düsteres, vierfaches pianissimo, das den Zuhörer zuerst lange im Ungewissen über Form und Rhythmus lässt. Die düstere gedämpfte Grundstimmung wird nur zwei Mal von kurzen „niedersausenden Blitzen“ im dreifachen fortissimo unterbrochen. Das Choralthema erscheint erstmals in Takt 11, begleitet in „sehr lichte[r] Registrierung“. Regers Freund Karl Straube schreibt hierzu: „Die Einleitung zu ‚Wachet auf’ bezeichnete Max Reger als den ‚Kirchhof’ und die Choralmelodie ist die Stimme eines Engels, die Toten werden allmählich erweckt; Dis-E-Dis [Takte 18 ff.] im Pedal deutet symbolisch, wie sie sich in den Gräbern rühren. So hat mir mein Freund sein künstlerisches Wollen gedeutet.“ Nach und nach bringt der Fortgang der Melodie immer mehr Licht ins Dunkel durch dynamische Steigerungen und stetiges Beschleunigen. Den Beginn der zweiten Strophe („Zion hört die Wächter singen“) kündigt bereits die Trompete an, bei „Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig“ sausen Manualkaskaden von oben herab; dagegen wird der mystische Schluss dieser Strophe („Wir folgen all zum Freudensaal und feiern mit das Abendmahl“) in ätherisch-schwebender Atmosphäre mit stark verzierter Solostimme vertont. Das Thema der anschließenden Fuge soll laut Reger gespielt werden „wie ein Engel, der über die Tasten hüpft“. Nach mehreren Themendurchführungen (auch in Moll) kombiniert Reger in gewohnter Art das Fugenthema mit dem Choral (3. Strophe „Gloria sei dir gesungen“) und bringt damit das düster begonnene Werk zu einem hymnischen Abschluss. Lukas Stollhof

2012-12-16 OrgelkonzertOberwesel  

2012-12-16 OrgelkonzertOberwesel