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Liebfrauenkirche Oberwesel Palmsonntag 17. April 2011, 18:00 Uhr

Orgel-Zyklus „200 Jahre Franz Liszt“ Konzert I: Orgelkonzert zur Fastenzeit Programm Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)

aus dem “Dritten Theil der Clavierübung” Aus tiefer Not schrei ich zu dir (BWV 686)

Franz Liszt (1811 – 1886)

Einleitung, Fuge und Magnificat aus der Symphonie zu Dantes “Divina Commedia”

Louis Vierne (1870 – 1937)

aus der “Deuxieme Symphonie” (op. 20) I. Allegro risoluto ma non troppo vivo II. Largo – Agitato – Largo – Agitato

Franz Liszt

Les Morts (Oraison) [“Die Toten” (Oration)]

„Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ (1863) Variationen über den Basso Continuo des ersten Satzes der Cantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen, Angst und Noth sind des Christen Thränenbrod“ und des Crucifixus der h-moll-Messe von (Johann) Sebastian Bach

Lukas Stollhof, Orgel Eintritt frei – Kollekte am Ausgang zugunsten der Kirchenmusik in Oberwesel ________________________________________________________________________________ Lukas Stollhof (geboren 1980) studierte Kirchenmusik und Instrumentalpädagogik mit Hauptfach Orgel bei Prof. Dr. Ludger Lohmann in Stuttgart. Ein Stipendium der Rotary Foundation ermöglichte ihm ein einjähriges Studium am Conservatorium van Amsterdam bei Prof. Jacques van Oortmerssen, das er mit dem Examen Bachelor of music abschloss. Danach absolvierte er in Stuttgart das A-Examen Kirchen-musik (Orgel bei Prof. Bernhard Haas), den Zusatzstudiengang Chorleitung/Oratorium/Vokalensemble (Chorleitung bei Prof. Dieter Kurz) sowie das Solistenklassestudium Orgel bei Prof. Bernhard Haas. Lukas Stollhof war Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes, Preisträger verschiedener Orgelwettbewerbe (u.a. Bachpreisträger in Leipzig 2008) und Träger des Kulturpreises „Junge Künstler“ der Stadt Neuwied (2000). Sein musikalisches Können bewies er daneben auch durch Komposition und Aufführung eigener Werke. An der Stuttgarter Hochschule hatte er ein Tutorium für Gehörbildung sowie für Chor- und Orchesterleitung inne. Seit 2008 ist Lukas Stollhof als Regionalkantor in Oberwesel am Rhein und für das Bistum Trier tätig. Darüber hinaus ist er gefragter Begleiter von Chören und Solisten. Bei Orgelkonzerten im In- und Ausland kommt sein breit gefächertes Repertoire von Frühbarock bis zur Moderne zum Einsatz. Im MendelssohnJahr 2009 führte er das gesamte Orgelwerk dieses Komponisten auf und spielte es auf zwei CDs ein. An der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf hat Lukas Stollhof seit 2010 einen Lehrauftrag für Orgel.


Erläuterungen zum Programm

Louis Vierne wurde 1900 zum Titularorganisten der Kathedrale Notre-Dame de Paris ernannt, eine Stelle, die er bis zu seinem Tode innehatte. Darüber hinaus arbeitete er als Assistent von Alexandre Guilmant, Widors Nachfolger als Orgelprofessor am Pariser Konservatorium, und unterrichtete in dieser Position zahlreiche bedeutende Organisten der folgenden Generation in Frankreich. Seine zweite Orgelsymphonie komponierte er 1902. Alle Sätze weisen eine formale Geschlossenheit und eine klassische Verarbeitung der Themen nach der Sonatenform auf. Vor 150 Jahren beendete Franz Liszt, beeindruckt von Dantes „Divina Commedia“ („Die göttliche Komödie“) und den Fresken Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle, seine Dante-Symphonie für Frauenchor und Orchester mit den Teilen „Inferno“ und „Purgatorio“. Einen geplanten Teil mit einem triumphal endenden „Paradiso“ ließ er auf Anraten Richard Wagners weg. In der heute zu hörenden Orgeltranskription folgt auf die fast rezitativische Einleitung eine immer stärker werdende Fuge, die Liszt mit „lamentoso“ überschreibt. Diese mündet auf ihrem Höhepunkt in ein strahlendes Magnificat. Im Jahr 1860 entstand in Weimar die Transkription von “Les morts“ („Die Toten“). Die ursprüngliche Orchesterfassung basiert auf einem Text des umstrittenen Priesters Félicité Lamennais, den Liszt in den 1830er Jahren in Frankreich kennengelernte. Die ersten drei sowie der letzte Vers sind in die Orgelpartitur eingearbeitet: ,Sie sind den Fluss der Zeit hinabgegangen; man hörte ihre Stimme über diesen Ufern und dann hörte man sie nicht mehr. Wo sind sie? Wer wird es uns sagen? Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben! Während sie vorbeigingen, boten sich tausend eitle Schatten ihren Blicken dar; die Welt, die Christus verflucht hat, zeigte ihnen ihre Großartigkeiten, ihre Reichtümer, ihre Hochgenüsse; sie drehen sie und plötzlich drehen sie nichts mehr als die Ewigkeit. Wo sind sie? Wer wird es uns sagen? Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben! Ähnlich einem Strahl von oben, ein Kreuz in der Ferne erschien, um ihnen den Weg zu weisen: Aber niemand sah es an. Wo sind sie? Wer wird es uns sagen? Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben! Von unbekannten Orten, wo der Fluss sich verliert, erheben sich zwei Stimmen unverzüglich: die eine sagt: „Aus der Tiefe habe ich nach dir gerufen, Herr!“ und die andere:“ Wir loben dich, wir preisen dich, o Gott!“ „Heilig! Heilig! Heilig! ist der Herr, Gott der Heere. Die Erde und der Himmel sind voll von deiner Ehre!“ Und auch wir werden dorthin gehen, von wo diese Klagen oder diese Triumphgesänge ausgehen. Wo wären wir? Wer wird es uns sagen? Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben!

Über die Basso-Continuo-Stimme, die Bach sowohl im Eingangschor der Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ als auch im Crucifixus der h-Moll-Messe verwandte, schrieb Liszt in den Jahren 1860 bis 1863 – nach dem Tod seines Sohnes Daniel und seiner Tochter Blandine – mehrere Versionen seines Variationszyklus‘ mit dem Titel der Bach-Kantate. In allen emotionalen Nuancen wird das Thema, der „Passus duriusculus“ (chromatischer Abwärtsgang im Umfang einer Quarte), ausgeleuchtet: von schmerzlich flehend bis verzweifelt aufschreiend. Nach dem finalen Zusammenbruch beendet Liszt seine Variationen mit dem hoffnungsvollen Choral, der auch die gleichnamige Bach-Kantate beschließt: „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Lukas Stollhof

2011-04-17 LISZT 1  
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