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Eine Interviewreihe zu den Themen Psychische Erkrankungen und kreativer Ausdruck


Cover: Aufnahme von Theatre du Pain während ihrem Jubiläumsprogramm – 30 Jahre Theatre du Pain in der Moritzbastei in Leipzig, 2014


Wenn man die Begriffe psychische Erkrankungen und Kreativität zusammenbringt, denkt man schnell an Genie und Wahnsinn. Doch darum geht es im Folgenden nicht. Ich denke nicht, dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen psychischer Erkrankung und kreativem Ausdruck gibt. Sonst müsste man psychisch krank sein, um kreativ zu sein – oder jeder Kreative auch psychisch krank. Vielmehr bin ich der Meinung, dass eine kreative Betätigung eine Entlastung bedeuten kann. Der Fokus ist sehr weit gefasst. Es gibt verschiedene Krankheitsbilder und diverse kreative Ausdrucksformen, die vorgestellt werden. Die Übergänge zwischen gesund und krank sind fließend. Ob jemand sich selbst als krank einstuft, hängt vor allem von dem subjektiven Leidensdruck ab. Oft überschneiden sich auch verschiedene Krankheitsbilder. Es geht im Folgenden weniger um einen wissenschaftlichen als um einen emotionalen Zugang zu der Thematik. Deshalb liegt der Fokus nicht auf exakten Krankheitsbildern, sondern auf dem kreativen Schaffen.


Diagnose: Psychose – Mein Leben mit der Schizophrenie C 34


Atelier Blaumeier C 112


Art/Brut Center Gugging C 82


Theatre du Pain C 68


Wie ich lernte die Zahlen zu lieben C 60


Ich lasse passieren, was gerade passieren will. C 48


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About:Kate About:Kate ist eine crossmediale Fernsehserie. Im Mittelpunkt der unkonventionellen Erzählung steht die Gedankenwelt und der Gefßhlshaushalt einer Frau Ende zwanzig. Statt zu einer Party zu gehen, weist sich Kate Harff zum Jahreswechsel in eine Nervenklinik ein. Der Zuschauer wird Teil ihres Bewusstseinsstroms und ihrer Suche nach sich selbst.

Janna Nandzik 11


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Wie kam es zu der Idee Ich habe die Serie nur klassisch als Fernsehvon About:Kate? serie verfolgt. Was ist auf den anderen Auf der einen Seite wollte Arte eine crossEbenen noch passiert? mediale Serie machen. Die Interaktion mit Es gab verschiedene crossmediale Tentakel. den Usern und die Einbindung von user Auf der einen Seite hatten wir eine App, die generated content war gewünscht. Inhaltlich die Serie über Audio-Fingerprint begleitet gab es jedoch keine Vorgaben. Arte hat hat. Das bedeutet, dass die App, sobald du mehrere Produktionsfirmen in Frankreich sie, während du die Serie geschaut hast, und Deutschland angesprochen. Es war also geöffnet hast, zugehört hat. Das funktioniert eine Art Wettbewerb. Die erste Folge About: ähnlich wie die App Shazam, die Musik erkennt. Kate war unser Pilot und das erste DrehSomit war es möglich, die Fernsehsendung buch, mit dem wir dann diesen Wettbewerb zum Hypertext werden zu lassen. Das heißt, gewonnen haben. Ich habe damals an einer es gab an ausgesuchten Stellen kleine FußSitcom geschrieben unter dem Arbeitstitel noten und Links zu weiterführenden Artikeln.
 Die Ausgebrannten über eine Task Force von In dem Moment, in dem die Talking Heads ausgebrannten Führungskräften, die die Welt laufen, läuft über die App das Video und retten müssen, sich aber gegenseitig nicht Hintergrundinformationen zu dem Track. eingestehen, dass jeder von ihnen einen Dann gab es parallel zur Therapie der HauptBurn Out hat. Ich habe festgestellt, dass die figur Kate Harff eine eigene PsychoquizHochzeit der Depression mit der digitalen möglichkeit. Man konnte sich selbst also Revolution zusammenfällt. Die Entstehung die ganz Zeit evaluieren und die Zwischendes Internets und die Verkündung durch ergebnisse auf Facebook teilen. Am Ende der die WHO, dass Depression jetzt eine VolksSerie gab es dann ein Endergebnis hinsichtkrankheit ist, fallen zusammen. Deswegen lich der eigenen psychischen Verfassung. hat es mich interessiert, die ganzen multiDarüber hinaus gab es auch Anrufe von Kate medialen Tentakel, die der Sender in Auftrag Harff auf deinem Handy zu bestimmten gab, metareferenziell zu untersuchen und Szenen der Serie, in denen sie Kontakt zum zu gucken: Was macht das mit unserem Zuschauer gesucht hat. Du hast, wie man Bewusstsein? Inwieweit kann man davon es kennt von Anrufen, auf deinem Display Erschöpfungszustände bekommen? Im Interdas Foto von Kate und ihren Namen gesehen. net findet eine Verflachung statt. Ich habe Wenn man dann abgehoben hat, hörte man das Gefühl, dass das Internet ein ganz anderes eine Sprachnachricht von Kate. Das lief Alter Ego aus den Menschen heraus stülpt. ebenfalls über die App. Darüber hinaus waren Vielleicht sind diese dort entstehenden alle Hauptfiguren auch auf Facebook zu Avatare sogar näher an unserem Selbstbild finden. Man konnte seit 2011, also vor und dran als uns das lieb ist. Das Generieren während der Sendung, mit den Figuren reden von Likes, das Kreieren von Selfies. Alles dreht und interagieren – und ihren Weg im Internet sich um rudimentäre Menschheitswünsche: verfolgen. Auch das Ping Pong zwischen Aufmerksamkeit und Beliebtheit. Diese Nähe den verschiedenen Akteuren konnte man mitvon psychischen Auffälligkeiten und der verfolgen, entweder als Freund oder als Digitalisierung fand ich eine interessante Follower. Außerdem haben wir dazu aufgeSpielwiese. Ein Zitat von Friedrich Kittler rufen, dass die Zuschauer eigene Beiträge besagt, dass jede Zeit so träumt und denkt, hochladen können. Also Fotos oder Videos, wie es ihre aktuellen Technologien nahelegen. sogenannter user generated content zu Mir ist aufgefallen, dass es immer wichtiger bestimmten Themen der Serie. Ab der dritten wird, digitale Artefakte zu sammeln als im Folge haben wir die besten ZuschauerMoment zu sein. Ob das nun in einem Gespräch einsendungen in unser parallel zur Ausstrahist, man den Grand Canyon betrachtet oder lung entstehendes Format einfließen lassen. auf einem Konzert ist. Ich fand es spannend Damit flossen also die Bilderwelten der diese Jetztzeit-Phänomene an einem ProtoZuschauer in den Bewusstseinsstrom von typ wie Kate Harff durch zu deklinieren. 
 Kate ein. Das waren die crossmedialen Anteile Was machen wir da eigentlich – und warum? dieser Serie. 13


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Welchen Mehrwert habt ihr damit angestrebt? Mich hat interessiert, ob die Algorithmen der digitalen Welt unsere Gedanken und Emotionen beeinflussen oder ob unser menschlicher Input die Maschine formt. Gibt es da eine Wechselwirkung? Welche? Deswegen wollte ich bestimmte Stilmittel und Strukturen des Internets – wie zum Beispiel sprunghafte, assoziative Erzählweisen oder auch gegenseitige Befruchtungsmomente – nutzbar machen. Da Arte sich eine Second-Screen-Anbindung gewünscht hatte, wollte ich untersuchen, ob uns das Ganze nicht völlig überfordert. Es war eine etwas ironisch angelegte Idee, genau so einen Psychotest parallel zur Sendung über die begleitende App passieren zu lassen. So konnte man die Überforderung der Hauptfigur, wenn man 
wollte, als Zuschauer ein bisschen mittanzen. Es ging darum, dieses Geflimmer, dem wir tagtäglich ausgesetzt sind und dem wir uns immer weniger entziehen können, auf die Spitze zu treiben.

ursprünglich eher als horizontaler Videoblog gedacht war. Am Anfang war die POV einer Videobloggerin angedacht und keine Serie mit Ensemble. Deswegen war der Sendeplatz – Samstagnacht mit wechselnder Startzeiten im Spätprogramm – für eine Serie auch so untypisch und schwierig. Es ist mir dann in der Stoffentwicklung passiert, dass ich dachte, dass es faszinierender wäre, auch mit klassischen Spielszenen zu arbeiten. Dadurch erlangt man mehr Identifikation mit der Hauptfigur und ist nicht nur in ihrem Kopf. Gleichzeitig hat man eine Ununterscheidbarkeit zwischen naturalistischen Spielszenen und psychischen Zuständen. Außerdem gibt es Entgleitungsmomente, wie man sie selber vom Surfen im Internet kennt. Aus juristischen und budgetären Gründen konnten wir nicht allzu viel Fremdmaterial erwerben. Deswegen haben wir vieles in Eigenproduktion hergestellt, wie Daumenkinos oder kleine Animationen. Mit mehr Materialfülle hätte das Ganze noch rasanter werden können. Es gibt zum Beispiel eine gewisse Langsamkeit im Schnitt. Das fällt einem nicht so auf, weil man aufgrund der bereits bestehenden Materialheterogenität den Eindruck hat, es wäre wahnsinnig schnell geschnitten.

Für mich hat diese Überforderung auch schon auf einem Kanal funktioniert. Das war auch gewollt. Jeder Kanal sollte für sich funktionieren. Wenn man Kate auf Facebook entdeckt, sollte man auch dort Was hat Kate für eine Krankheit? genug Entertainment vorfinden. Auch die Das ist eine gute Frage. Es ist auf jeden Fall Fernsehsendung an sich sollte ohne das keine klassische Depression. Es ist auch ganze Beiwerk die Grundidee transportieren. nicht so, dass sie selber das so benannt hätte. Zusätzlich hatten wir von Arte den Auftrag Kate ist eigentlich eine Aussteigerin, die Kunstvideos der Plattform Arte Creative einen Reset will. Sie merkt, dass sie überfordert einzubinden. Auf der einen Seite hat uns das ist, von der sich selbst optimierenden Welt, geholfen. Ursprünglich war ein unendlicher die sie umgibt. Am Ende des Tages ist sie Archivwust angedacht, ähnlich der Sendung einfach ein kluger, sensibler Geist, der einen ohne Namen. Das ist eine Produktion des ORF Spielstopp möchte. Gleichzeitig ist sie so von zwei jungen Produzenten und Autoren. sehr mit ihren Süchten im Kontakt, dass sie Die befasst sich sehr geschickt mit zeitihr iPhone und Macbook in die Klinik mitgenössischem Stockfootage-Material und nimmt. Das war eher ein zeitgeistiger Witz. alten Nachrichtensendungen. Da wird ein In der Recherchephase habe ich verschiedene sehr schneller, manchmal sarkastischer Kliniken und Therapeuten besucht. Es gibt Monolog verfasst. Man hört nur das Voice Over wirklich die Möglichkeit auf einer offenen und jedes einzelne Wort, das gesprochen Station ein Handy zu besitzen. Manche wird, wird durch Bewegtmaterial bebildert. Krankheitsbilder lassen sich nicht so schnell Am Ende hat man einen totalen Bilderrausch. identifizieren. Da kann es passieren, dass Das waren Sachen, die uns interessiert haben Menschen, die erschöpft sind und sich und auch von Arte gewünscht waren. Arte für eine Weile in die Obhut Anderer begeben hat jedoch gar kein (rechtlichen) Zugriff auf möchten – wenn sie bezüglich suizidaler ein derartiges Archiv. Für eine Serienproduktion Tendenzen unsicher sind – zunächst auf einer war unser Budget eher klein, da die Sendung Depressionstation untergebracht werden. 15


Mit About:Kate tanzen wir mehrere Krankprofessionelle Hilfe hätte suchen müssen. heitsphänomene durch. Schizophrenie im Ich habe einmal eine Gesprächstherapie philosophischen Sinne, das Internet als gemacht. Danach habe ich weiter funktioniert. Paranoiaverstärker. Da legen sich verschieIch musste nie völlig auschecken. dene Dinge übereinander und wir verlassen die klassische Erzählweise. Da geht es nicht Ihr habt euch in der Recherchephase auch darum, dass ein Mädchen eine Depression Kliniken angesehen. War es euch wichtig, hat und in die Klinik eincheckt. Es wird mit das Leben in einer Klinik realistisch abzubilden? der Zeit immer surrealer. Es geht immer Nein, gar nicht. Farblich ist die Klinik zum weiter weg von einer klassischen Erzählweise Beispiel an Facebook angelehnt. Sie sollte und wird zu einer Reflexion über Zustände. eher bestimmte Benutzeroberflächen imitieren. Die Therapiesitzungen mit Dr. Desmarin Kennst du die Symptome, werden im Verlauf der Serie immer absurder, die Kate hat, von dir selbst? hysterischer. Das Ganze ist eher an InternetIch kenne die Erschöpfungszustände aufgrund memes und bestimmte Hysterisierungen einer Welt, in der es viel um Wettbewerb und angelehnt. Mir war es wichtig darzustellen, Daueroptimierung geht. Auch ist mir das dass es sehr schwer möglich ist, der Gesellnach außen gestülpte, narzisstische Moment, schaft zu entkommen und nicht mehr ein Teil das das Internet mit sich bringt, vertraut. von ihr zu sein, weil es auch in so einer Ich sehe das als zweischneidiges Schwert. Institution mit den Regeln und Anpassungen Ich weiß um die Vorteile, aber auch wie man weitergeht. Außerdem ging es darum, die darin verloren gehen kann. Unser Team Befindlichkeiten exzentrischer Charaktere von About:Kate war sehr klein. Ich habe das abzubilden, die ein wirkliches Außen suchen Projekt als Autorin und Regisseurin betreut – und nicht finden, weil es auch in einer Nerund als Social Media Manager auch die fünf venklinik darum geht, beschäftigt zu sein. Es Facebook-Kanäle der Figuren. Wir saßen im ging uns nicht darum, ob es realistisch ist, Schnitt, haben die Kanäle betreut, haben den ein Einzelzimmer in einer Nervenklinik zu Wust an user generated content hochgeladen haben. Oder ob man sich dort Tintenkleckse bekommen, standen im Kontakt mit den anschaut. Da ziehen wir die Therapiehistorie Programmierern der App. Dauernd sind uns ein wenig durch den Kakao. Darüber haben Videos von Arte Creative weggebrochen, sich auch manche Menschen aufgeregt. weil auch hier die weltweite Rechteanfrage Die ungewöhnliche Dramaturgie hat jedoch eine Logistik für sich war. Es war eine riesige auch mit Produktionsschwierigkeiten zu tun. Materialschlacht gegen die Zeit, weil wir Als wir bereits neun Folgen gedreht hatten, parallel bereits ausgestrahlt haben. Wir konnten gab es einen Sendechefwechsel bei Arte. nicht mehr zurück. Nach der Produktion Plötzlich hatten wir nicht mehr 20, sondern habe ich mich gefühlt, als wäre ich zu meiner nur noch 14 Folgen. Das heißt, ich musste eigenen Hauptfigur geworden. Ich habe eine Serie, die in elf Folgen zu Ende erzählt ständig schreckhaft auf mein Handy geschaut, hätte werden sollte, in fünf Folgen zu Ende da ich normalerweise aus dem Schnitt kam erzählen. Das merkt man gegen Ende der und mein iPhone voll war mit BenachrichSerie. Mir blieb als Autorin nichts anderes tigungen von allen möglichen Leuten. Nach übrig, als bestimmte Backstorys, die im der Produktion musste ich wirklich erst mal vornherein angetriggert wurden, wegbrechen durchatmen und den Stecker ziehen. Ich zu lassen. Es gab zum Beispiel Ausführlicheres musste nicht in die Nervenklinik, aber zu den zum Unfall von Kates Bruder, eine Backstory Geräten etwas Abstand halten. mit der Therapeutin, und eine um Kates Vater. Da gibt es ein paar Erzählstränge, die verAlso hattest du selber vorher noch kümmern. Die Absurdität nimmt zu, zugunsten keine eigenen Erfahrung mit derartigen eines gewissen Dadaismus und Gaga-Humors. Zusammenbrüchen? Für die Dramaturgie und das Storytelling Ich kann schon sagen, dass ich in meinem war es schmerzhaft. Leben bereits Nervenzusammenbrüche gehabt habe, jedoch nicht in der Form, dass ich mir 16


Stills aus der Serie About:Kate

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Wie ist das Feedback auf die Serie von Wie stehst du heute Menschen, die selber schon in einer zu About:Kate? Nervenklinik waren? Es war ein Herzensprojekt, aber wir mussten Ich denke, das ist charakterabhängig. Menschen, auch viele Kompromisse eingehen. Man muss die einen humorvollen Umgang mit ihrer als Produzent immer schauen, was möglich Biografie haben, haben verstanden, dass diese ist. In den gegebenen Grenzen haben wir Nervenklinik nicht realistisch sein soll. Es etwas sehr Experimentelles und Lustiges geht um einen hysterischen Bewusstseinserschaffen. Als Autor hat man immer weiterzustand. Wir befinden uns in Kates Kopf. führende Visionen und das Endergebnis Aber es gab einige Briefe von Leuten, die ist anders als die ursprünglichen Drehbücher. kritisiert haben, dass das unrealistisch sei. Man muss viele Abstriche machen und Das ginge so nicht. Es müsse 1:1 abgebildet Streichungen ertragen. Deshalb ist für mich werden, wie es eben ist. Auch der Schluss aktuell die Arbeit an meinem Buch eine wurde von vielen als Selbstmord von Kate neue Erfahrung, weil ich da meiner Kreativität gelesen, was er nicht bedeuten sollte. völlig freien Lauf lassen kann. Insgesamt gab es diese Forderung nach realistischerer Darstellung nur sehr vereinzelt. Würdest du so ein Projekt wie About:Kate noch einmal machen? Es ist eben keine Dokumentation. Ja, ich interessiere mich sehr für crossmediale Genau, es ist weder eine Dokumentation Experimente. In anderen Ländern, wie Franknoch eine naturalistische Darstellung über reich, Kanada, Amerika, werden da bereits eine Klinik. Man muss sich nur die Figur ganz andere Spielweisen ausprobiert und Erika angucken: Eine vollkommen stereotype, subventioniert. Hier wird dieses Thema noch klischierte, verflachte Comicfigur, die bestimmte nicht wirklich ernst genommen und gefördert. Internetphänomene wie den Troll oder den So wie dieses Projekt jetzt letztendlich Stalker persifliert und auf die Spitze treibt. gelaufen ist, könnte man es nicht noch mal Es geht eigentlich darum, das Internet in anamachen. Es war einfach too much für ein loge Spielszenen umzuwandeln. Deswegen zu kleines Team. Man wusste im Vorfeld zu gibt es auch zwischen Ingo und Dr. Desmarin wenig und deshalb war es ein learning-by-doing. kurze Sequenzen, die an Vines oder GIFs Bezüglich der Crossmedialität mussten sehr erinnern, die sich aus der Erzählung heraus viele juristische und technische Grundsatzauch nicht erklären lassen. fragen geklärt werden, während die ganze Maschine bereits am Laufen war. Aber ich Wie fühlt sich eine Schauspielerin in die habe viel dabei gelernt. Rolle von Kate hinein? Wie läuft das ab? Wir haben sie nicht darauf getrimmt, ein depressives Mädchen zu sein. Es ging mehr um den Trotz und die Wut, den diese Figur in sich hat. Ich habe Natalia Belitski mit verschiedenen Filmen zugeschüttet, die sie sich angucken sollte. Es ging viel um zynische, sarkastische Frauenfiguren. Gleichzeitig ging es auch um Comicfiguren. Es gibt zum Beispiel Anne Vogel, als klassisches Abziehbild einer Cheerleader-Bitch. Victor Suvigny als der arty boyfriend aus Frankreich. Melanie als Hipster. Alles ist sehr skizziert und bewegt sich in dem Figurenbereich eines Highschoolfilms. Das war die Art der Vorbereitung. Wir sind nicht mit ihr in eine Depressionssprechstunde gegangen. Es ging auch nicht Die Serie About:Kate als Stream explizit um das Thema Depression. unter www.t1p.de/aboutkate 18


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GZV-Vogeltränke von S. Schmidt

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PĂźmpel von N. Back und A. Stamminger


Loony

Loony steht für intelligentes und raffiniertes Design, hohe Produktqualität und die Schaffung von sinnvoller Arbeit. Designstudenten der Akademie der bildenden Künste Stuttgart entwickeln hochwertige Gebrauchsgegenstände. Diese werden von Menschen mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen, die in Einrichtungen der Diakonie BadenWürttembergs leben und arbeiten, hergestellt.

Stephan Schmidt 22


Könntest du dich und deine Aufgabe bei Loony kurz vorstellen? Ich bin seit drei Jahren Geschäftsführer bei Loony. Ich habe das Projekt jedoch schon früher begleitet. Damals war ich Assistent für Industriedesign an der Kunstakademie in Stuttgart und habe das Projekt von Seite der Akademie aus betreut. So kam das Projekt damals auch zustande, als Kooperation der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart, Studiengang Industrial Design, und der Diakonie Baden. Ich bin 2006 aus der Akademie ausgeschieden und wurde von Loony für die Betreuung der Produktentwicklung angeworben. Das wurde mit der Zeit immer umfangreicher. Wir haben dann am Start Social-Wettbewerb teilgenommen. Angela Merkel ist da die Schirmherrin. Es geht darum, Beratungsstipendien für soziale Projekte zu vergeben. Von den 500 Bewerbern haben wir den ersten Platz gemacht. Das Konzept, mit dem wir uns beworben haben, umfasst, dass wir eine gemeinnützige GmbH gründen. Es gibt einen Loony e. V. . Darin sind alle Werkstätten organisiert, man arbeitet zusammen und schafft auf diese Weise Arbeit für psychisch kranke und behinderte Menschen. Ich bin der Geschäftsführer dieser GmbH. Das heißt, ich bin verantwortlich für die künstlerische Entwicklung, sprich Marketing, Produkte und Markenpräsentation. Es gibt fünf Festangestellte, zwei davon sind behindert. Zusätzlich gibt es noch ein paar Studenten und Aushilfskräfte, die mithelfen.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit von Akademie und Diakonie? Es gab ein Projekt aus dem Studiengang Industrial Design. Das hieß Vom Produkt zur Ware. Da ging es darum, dass Studenten kleine Designartikel entwerfen, diese in Kleinserien in der Akademie produzieren und im Rahmen eines Weihnachtsmarkts in einem Designgeschäft verkaufen. Das Tolle an dem Projekt war, dass die Studenten gelernt haben, dass sie mit einer guten Idee und wenig Arbeit einen guten Gewinn erzielen können – und sich mit einer schlechten Idee viel Arbeit macht und sich selbst ausbeutet. Diesen Zusammenhang und auch das Feedback vom Endkunden fanden wir sehr interessant. Inzwischen gibt es das Projekt seit 14 Jahren. Manfred Schöniger, Referent für Psychiatrie im Diakonischen Werk Baden, hatte dieses Projekt gesehen und war begeistert von den präsentierten Produkten. Die Sachen sind so einfach in der Produktion, dass er dachte, man müsste sie auch in den Behindertenwerkstätten herstellen können. Zu dieser Zeit gab es eine kleine Wirtschaftskrise, viele Aufträge für Werkstätten sind weggebrochen. Alle haben geklagt, dass sie keine Arbeit haben. Statt zu jammern wollten wir mit positivem Beispiel vorangehen. Deshalb haben wir eine Eigenmarke entwickelt, die dafür sorgt, dass die kleinen Tagesstätten ein zusätzliches Arbeitsangebot bekommen. Was ist für dich das Besondere an Loony? Für mich persönlich ist der große Unterschied, dass die Dinge eine bestimmte Wertigkeit haben, in Deutschland produziert werden und für einen guten Zweck sind. Wenn man sich auf Messen umschaut, sieht man, wie unglaublich viel Scheiß produziert und auf die Menschheit losgelassen wird. Ich als Flohmarktgänger weiß, wo die Sachen nach kürzester

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Look von F. Daumiller


Schneegestรถber von K. Wiglusch


Pocket Advent von S. Groebel


Seasons Greetings von C. Freilinger und S. Schmidt


Mr. Wilson von D. Langhammer


Zeit landen: entweder im Müll oder eben auf dem Flohmarkt, weil die Leute es nach kürzester Zeit satt sind. Ich glaube, dass nicht alle Menschen in diesem Land Werber, Sänger oder Filmstars werden können. Es muss ein paar Menschen geben, die einfachere oder produzierende Tätigkeiten ausüben wollen. Das gehört meiner Meinung nach zu einer Gesellschaft dazu. Es gibt bei unseren Klien-

Es gibt auch andere Kooperationen von Designhochschulen und Werkstätten, jedoch ist das immer zeitlich begrenzt. Es fehlt also die Nachhaltigkeit. Wir haben es noch nicht geschafft, aber wir arbeiten daran, dass sich unsere Struktur selbst trägt. Es wird Unterstützung durch Stiftungsmittel generiert, um dieses Projekt zum Laufen zu kriegen. Mittlerweile gibt es Loony seit zehn Jahren.

Es gibt viele Projekte, die mit dem Mitleidsbonus werben. Wir haben für uns explizit entschieden, dass wir das nicht wollen. Für uns ist es wichtig, dass die Produkte überzeugen.

ten eine große Verschiebung. Immer mehr Leute kommen durch Langzeitarbeitslosigkeit in Depressionen oder andere psychische Schwierigkeiten. Die landen letztendlich in Werkstätten oder Tagesstätten und sind froh etwas zu tun zu haben. Ich bin sehr glücklich, dass wir diesen Menschen mit unserem Projekt eine Perspektive, eine Hilfestellung und eine Teilhabe am gesellschaftlichen Arbeitsleben ermöglichen können. Loony ist ein einzigartiges Projekt. Das gibt es so nicht nochmal. Wir haben selber keine Produktionsmittel oder Werkstätten, sondern machen alles im Netzwerk. Das heißt, es gibt Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten. Das variiert auch, das ist mal enger, mal weiter. Einige sind komplett von uns abhängig. Die versorgen wir mit Arbeit.

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Ist euch wichtig zu betonen, dass eure Produkte von psychisch Kranken hergestellt werden? Jein. Wir machen das anders. Es gibt eine Außenwirkung und eine Innenwirkung. Nach außen treten wir auf wie ein ganz normales Designlabel. Hochwertige Designprodukte, wertig produziert, gut verpackt. Damit versuchen wir die Kunden zu gewinnen. Im Nachhinein kommt dann noch dazu, dass es übrigens einem guten Zweck dient, da es in Behindertenwerkstätten gefertigt wird. Wir verstecken es also nicht, hängen es aber auch nicht an die große Glocke. Es gibt viele Projekte, die mit dem Mitleidsbonus werben. Wir haben für uns explizit entschieden, dass wir das nicht wollen. Für uns ist es wichtig, dass die Produkte überzeugen. Dann ist da noch ein kleiner Zettel in der Verpackung, der darüber informiert, dass es sich um ein Produkt aus einer Behindertenwerkstatt handelt. Oder wir erzählen es den Leuten direkt. Das ist auch ein Verkaufsargument. Die meisten Kunden sagen: „Das ist toll, da freu ich mich doppelt, dass ich bei euch gekauft habe.“ Nach innen, also für unsere Klienten, ist es toll zu sehen, dass die Produkte, die sie fertigen, auf dem ersten Markt funktionieren. Sie sehen, dass tolle Geschäfte in ihrer Stadt die Produkte führen. Sie sehen im Internet, das große Portale mit schönen Produkten auch ihre Sachen führen. Sie sehen, dass sie nicht für den Papierkorb arbeiten, sondern dass es einen Bedarf gibt.


Wie läuft die Produktentwicklung ab? Die Studenten entwickeln eine Idee für ein Produkt, fertigen es an und verkaufen es. Wir suchen die Ideen und Produkte aus, die zu uns und unserem Sortiment passen. Ist das Produkt für uns produzierbar? Hat es eine Chance auf dem Markt? Das wird umso schwieriger, je besser unser Projekt läuft, je genauer wir wissen was unsere Kunden wollen. Da wird es schwieriger Produkte zu finden, die genau zu uns passen. Wenn wir eine Idee sehen, besprechen wir das im Team, wie wir das einschätzen. Wenn wir uns dafür entscheiden, dass ein Produkt zu uns passt, wird es grafisch angepasst an unsere Marke. Da kommen bestimmte Informationen über Loony drauf. Manchmal wird die Typografie angepasst, damit es in unser Sortiment und zu unserer Marke passt. Dann fragen wir, welche Werkstatt Interesse hat oder wir schauen gezielt, wer das kann. Im Anschluss setzen wir uns mit den Werkstattleitern oder Arbeitstherapeuten zusammen und überlegen, wie man diesen Prozess am Besten untergliedert. Braucht man noch irgendwelche Vorrichtungen oder Hilfestellungen? Das kann man am Beispiel vom Handtuchhalter Mr Wilson erklären. Das ist ein Tennisball mit einem Saugnapf, zwei Ösen als Augen und einem Schlitz als Mund. Der Student hat diesen Schlitz mit einem Cutter in den Ball geschnitten. Wenn ich einem psychisch kranken Menschen einen Cutter in die Hand drücke, dauert es nicht lang und er hat sich in den Finger geschnitten.

Das geht nicht. Also muss man eine andere Art und Weise finden, wie man gefahrlos in größerer Menge den Schlitz in den Ball bekommt. Da merkt man, dass das gar nicht so leicht ist, weil dieser runde Ball außen Filz und innen Gummi hat. Er ist auch nicht von einer Seite offen, also geht Laser oder Wasserstrahlschneiden auch nicht. Da haben wir lange herumgetüftelt, bis wir auf die Idee kamen, eine alte Brotschneidemaschine umzufunktionieren. Das funktioniert sehr gut. Wie viele Werkstätten versorgt ihr mit Arbeit? Ungefähr 30. Trägt sich das Projekt mittlerweile selbst? Nein, noch nicht. Es gab diese Umstrukturierung zur GmbH vor drei Jahren. Wir streben an, dass sich das Projekt nach fünf selbst trägt. Wir sind auf einem guten Weg und zuversichtlich, dass wir das schaffen. Noch sind wir nicht soweit. Zur Zeit werden wir noch von einigen Stiftungen unterstützt und von der Diakonie. Werden die Klienten für ihre Arbeit entlohnt? Ja. Das ist für die auch sehr wichtig. Diese Tagesstätten stellen eine kleine Zuverdienstmöglichkeit dar. Die brauchen sehr viel Arbeit. Gerade in den strukturschwächeren Gebieten, wie dem Schwarzwald, auf der Alp oder dem Odenwald gibt es kaum noch Arbeit für die Menschen. Da sind diese Tagesstätten, wo man ein paar Euro dazu verdienen kann und eine Tagesstruktur bekommt, sehr wichtig.

Mehr Informationen im Internet unter www.loony.de

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Jan Nenninger ist 39 Jahre alt und lebt in Kassel. Seit 23 Jahren leidet er unter paranoider Schizophrenie. Nach einer langen Odyssee über mehrere Krankenhausaufenthalte hat er das Schreiben für sich entdeckt. Im Jahr 2012 erschien sein Buch Diagnose: Psychose – Mein Leben mit der Schizophrenie. Im ersten Kapitel beschreibt er seine erste psychotische Wahnvorstellung. Dieses Kapitel schrieb er während er sich in diesem Wahn befand.

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Kapitel 1 – Bericht aus einer akuten Psychose Wir sind im Jahr 1980 und ich bin fünf Jahre alt. Wir saßen in einer großen Runde zusammen: Oma, Opa, Tanten und so weiter. Mir war mit meinen fünf Jahren langweilig, so wie es vermutlich jedem Kind geht, wenn sich die Eltern unterhalten. Also verließ ich alleine das Haus und ging in Richtung Wald. […] Die Gesamtgröße des Waldes, der Wiese und so weiter betrug 400 Hektar. Träumend ging ich einen langen Waldweg entlang und erreichte eine Schonung. Hier standen eng aneinandergereihte Tannen. Ich ging immer tiefer in den Tannenwald. Da ich einige Stimmen gehört hatte, folgte ich diesen Geräuschen. Am Ende der Schonung sah ich meinen Onkel und meinen Cousin. Da ich die beiden beobachten wollte, versteckte ich mich hinter einem Erdhügel […] direkt vor der Schonung […]. Vor mir befand sich eine kleine Wiese – mitten im Wald. Da ich vorher nicht genau sehen konnte, was die beiden da veranstalteten, schob ich langsam meinen Kopf über den Erdhügel. Was ich dort sah, konnte ich nicht glauben. Meine Augen erstarrten. Eine Hand, mit Erde bedeckt, ragte unter einem Tannenast hervor. Ich wollte es nicht glauben und wartete. Mein Gesicht habe ich auf den Boden hinter dem Erdhaufen gedrückt und hörte beiden zu. Nachdem alle Äste vom Boden entfernt waren, sah ich eine Leiche. Eine Frauenleiche. Von Zeit zu Zeit hob ich immer wieder meinen Kopf und guckte entsetzt auf den Ort des Geschehens. Mein eigener Onkel. Noch fühlte ich mich halbwegs sicher in meinem Versteck. Nun haben beide die tote Person über das Erdloch gezogen und ich sah, wie ein Frauenkopf mit glatten Haaren nach hinten in das Loch abknickte. Die Augen und der Mund des Opfers waren geöffnet. Da ich mich ja immer noch hinter dem Erdhügel versteckt hatte, dachte ich, dass sie diese Erde vielleicht zum begraben der Leiche benötigten. Ich hatte Todesangst. Wieder presste ich mein Gesicht auf den Boden und lauschte. „Hier komme ich nicht lebend wieder raus“, waren meine einzigen Gedanken. Ich war doch noch so jung. Warum? Jetzt hörte ich die Geräusche einer Kettensäge. Da man verschiedene Laute produziert, wenn man durch den Wald geht und kleine Äste zerbricht und so weiter, wusste ich, dass das meine einzige Chance war zu flüchten. Die Kettensäge war so laut, dass die ersten Meter meiner Flucht kein Problem waren. Das Geräusch verstummte. Ich hatte mich doch verraten. Beide rannten wie vom Teufel besessen durch den Wald hinter mir her. Einer konnte mich festhalten. Ich riss mich los und lief zick-zack. Da ich kleiner war hatte ich auch keine Schwierigkeiten durch den engen Tannenwald zu laufen. Mein Onkel lief außen herum und mein Cousin verfolgte mich weiter. Ich rief den Namen meines Bruders. Am Ende der Schonung wartete mein Onkel auf mich.

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Er war von oben bis unten mit Blut vollgespritzt. Ebenso mein Cousin. Sie hatten die Leiche mit einer Kettensäge zerstückelt. Beide wurden panisch und ich hatte Angst um mein Leben. Ich sagte: „Ich spiele mit meinem Bruder verstecken, kann ihn aber nicht finden. Meinen Bruder habe ich in den Wald verfolgt.“ Natürlich wusste ich, dass er auf keinen Fall hier sein konnte. Mein Onkel und mein Cousin hatten nun Angst, dass mein Bruder als Zeuge alles gesehen hatte und sie rannten zurück in den Wald. Und ich konnte meine Flucht fortsetzen. Nun verfolgten sie meinen um zwei Jahre älteren Bruder. Der Weg zum Haus war sehr lang. Beide suchten den Älteren und haben ihn selbstverständlich nicht gefunden. Wahrscheinlich bemerkten sie, dass er gar nicht hier war und verfolgten mich weiter. Der Eine lief hinter mir her und der Andere wollte mich mit dem Auto stoppen. Ich rannte, rannte und rannte. Es fiel ein Schuss aus einem Gewehr. Nun drehte ich mich herum und sah, wie mein Onkel dem Cousin den Gewehrlauf wegdrückte und beide sich stritten. Ich lief und lief. Sie holten mich wieder ein und schmierten mir Menschenblut in mein Gesicht. Nachdem sie sich lustig über mich gemacht hatten, bemerkten sie gleichzeitig, dass dieses Blut in meinem Gesicht ja ein Beweismittel war, und sie entfernten das frische Blut hektisch wieder aus meinem jungen, unschuldigen Gesicht. Ein kleiner Blutfleck befand sich am linken Ärmel meines Pullovers. Langsam drehte

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ich meinen Arm nach unten, so dass beide diesen Fleck nicht sehen konnten und rannte irgendwie weiter in Richtung Wohnhaus und rief wieder meinen Bruder. Endlich erreichte ich die Einfahrt zum Haus und rannte um eine Kurve und sagte zu mir: „Ich höre nie wieder auf zu lachen.“ Zuerst ging ich in die erste Etage und umarmte meinen Bruder und sagte zu ihm, dass er mein Lebensretter sei. Was er zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht verstehen konnte. Mit meiner kindlichen Naivität dachte ich nun, dass das Schlimmste jetzt vorbei sei und ich für immer in Sicherheit war. Somit schwieg ich erst mal und wollte die Reaktion meines Onkels und seines Verbündeten abwarten. Aber ich irrte – ich irrte gewaltig. Die Bedrohung und die damit verbundenen Ängste waren fast grausamer als das was ich leider mit hatte ansehen müssen. Da beide von oben bis unten mit Blut verschmiert waren, bedingt durch die Kettensäge, mussten sie sich komplett umziehen – was auch dem Rest der Familie auffiel. Mein Onkel ging zu meinem Bruder und fragte ihn nervös: „Was hast du im Wald gesehen? Wo warst du?“ Mein Bruder machte einen sehr verwirrten Eindruck. Er antwortete überrascht: „Was sollen diese Fragen? Ich war doch die ganze Zeit hier. Frag doch die Anderen.“ Jetzt wussten beide, dass ich sie auf eine falsche Spur geschickt hatte, um mein Leben zu retten. Da eigentlich mein Onkel hochintelligent ist, konnte er nicht glauben, wozu ein kleines Kind in der Lage ist, um eine Gefahrensituation abzuwehren. Beide hatten Angst um ihre Zukunft. Da das Wohnhaus meiner Großeltern sehr groß war, versteckten sich beide oft und haben mich bedroht. Eigentlich wollte ich sie jekken, doch sie haben nie aufgehört mich seelisch zu foltern. Mit meinem Opa bin ich zum Tatort gefahren, der eine riesige Blutlache umfasste und wo wir ein entsprechendes Erdloch vorfanden. Alle offensichtlichen Beweismittel – die Leichenteile – waren allerdings von den Tätern weggeschafft worden. Opa wusste, was hier passiert war, da ein Jäger seine Beute erst im Kühlhaus zerlegt und nie vor Ort. Auch tagsüber geht ein ordentlicher Jäger nicht auf die Pirsch, außer bei einer Treibjagd. Gejagt wird in den

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frühen Morgenstunden oder zum Abend hin. Man gräbt auch keine Erdlöcher. Wir fuhren mit dem alten grünen Daimler wieder zurück und ich sah auf dem Waldboden ein Ring im Gras. Nun dachte ich mir: ich muss alleine noch mal zurück um die entsprechenden Gegenstände und Beweise zu sichern. Sonst, dachte ich mir, wenn ich meinem Onkel keinen Corpus Delicti vorlegen kann, bringt er mich und meine Lieben um. Alle Beweise wollte ich dann verstecken und bei Bedarf, wenn er mir und meiner Familie wieder droht, an die vorhandenen Gegenstände erinnern. Opa und ich erreichten das Haus und setzten uns wieder ins Wohnzimmer. Mein Onkel und mein Cousin hörten nicht auf mich zu quälen. Einmal spielte ich draußen und mir wurde ein getränkter, weißer Lappen vor mein Gesicht gedrückt. Ich wusste: ich darf nicht mehr atmen und täuschte eine Ohnmacht vor. Meinen leblos gestellten Körper haben sie in einen Kofferraum gelegt. Wir fuhren weg und nach einiger Zeit hielt der Wagen an. Zwischendurch hörte ich immer wieder Stimmen. Der Kofferraum wurde geöffnet. Ich sprang heraus. Ach du Scheiße! Ich war in einer großen Lagerhalle mit einem Kühlraum, wo ich dann auch eingesperrt wurde. Ich schrie wie am Spieß. Natürlich bedrohten sie mich wieder und mein Cousin machte komische Andeutungen. Mein Onkel sagte, er solle doch damit aufhören, denn sonst müssten wir ihn doch töten. Ich schrie lauter und brüllte mir die Seele aus dem Leib bis meine Entführer mich frei ließen. Jetzt habe ich mir geschworen die beiden aufzuziehen. Da ich alles wusste, hatte ich ja auch die Möglichkeit sie in die Enge zu treiben. Was ich aber eigentlich nicht wollte. Auf jeden Fall musste ich mich schützen. Erst mal rannte ich zurück zu meinen Großeltern. Zwischen den einzelnen Vorfällen sind natürlich immer ein paar Tage vergangen. Wir – meine Familie und ich – wohnten nicht weit entfernt vom Wohnhaus meiner Oma und meines Opa. Vielleicht drei Kilometer. Ich habe nie agiert, sondern nur reagiert. Sie rafften es aber nicht. Wenn sie mich in Ruhe gelassen hätten, hätte ich wahrscheinlich auch nie was gesagt. Sobald ich einen von ihnen gesehen habe, im Beisein von Erwachsenen und anderen Kindern, habe ich sie als Tiermörder bezeichnet. Nur die beiden haben natürlich gewusst und verstanden was ich damit sagen wollte. Menschenmörder durfte ich in der Öffentlichkeit nicht sagen, da ich ja noch keine direkten Beweise hatte. Es gab einen Augenzeugen, der alles gesehen hatte. Der Augenzeuge war ich. Diese Zeit war sehr schrecklich für mich, da beide mir immer wieder gedroht haben, mir und meiner Familie etwas anzutun. Mein eigener Onkel sagte zu mir: „Wenn du auch nur ein Wort zum gesehenen Vorfall ausplauderst, bringe ich deine Familie und dich um.“ Alle böswilligen Aktionen gegen mich kann ich leider nicht mehr komplett nachvollziehen, da diese Flut einfach zu gigantisch war. Gigantisch ist in diesem Fall negativ

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zu betrachten. Eines Abends – es war immer noch Sommer – bin ich von zu Hause ausgebüxt. Ich musste warten bis es dunkel war, damit mich keiner entdecken konnte. Mit meinem kleinen Kinderfahrrad fuhr ich in Richtung Wald. Einen Umweg nahm ich in Kauf, um nicht entdeckt zu werden. Das Rad versteckte ich in einem Graben neben der Landstraße. Immer tiefer ging ich in den dunklen Wald. Ohne Angst und entschlossen ging ich weiter. Ich fühlte mich sehr stark. Auf einmal sah ich in der Ferne ein helles Licht. Es könnte der Tatort sein, dachte ich mir. Die Schuhe und die Socken habe ich diesmal ausgezogen, um den Waldboden zu spüren und so keine Geräusche zu erzeugen. Noch einmal wollte ich mich nicht selber verraten. Leise arbeitete ich mich voran. Mit einem gebührenden Abstand legte ich mich auf die Lauer. Geduckt und auf allen Vieren suchte ich ein besseres Versteck. Leicht erschöpft von der Radtour und dem Fußmarsch wartete ich. Vor mir war ein großes Lagerfeuer – genau an der Stelle wo die Frau zerstückelt worden war. Diesmal waren sie zu dritt: mein Onkel, mein Cousin und mein Opa. Warum jetzt auch noch Opa? Aber viel später habe ich erfahren, dass mein Opa genau so enttäuscht war über die Tat der beiden wie ich selber. Alle drei unterhielten sich und das Feuer brannte lichterloh. Mein Onkel hörte verschiedene Geräusche, die aber nicht von mir ausgelöst wurden und ging in meine Richtung. Mein Cousin schoss mit einer Schrotflinte in

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meine Richtung. Vom Waldboden nahm ich einen Stock und schmiss ihn in eine andere Richtung, um von mir abzulenken. Jetzt ging die Hetzjagd wieder los – sehr aggressiv. Mit Gewehr und Taschenlampe ausgerüstet rannten beide in den Wald und brüllten mir hinterher. Gesehen hatten sie mich nicht, aber mein Onkel wusste genau, wer sich hier aufhielt. Opa ging in eine andere Richtung – in meine Richtung. Er entdeckte mich und konnte meinen Mut nicht verstehen. Gleichzeitig war er stolz, weil ich mich nicht unterkriegen ließ. Er legte eine falsche Fährte. Opa sagte, er habe etwas gehört und zeigte in eine andere Richtung. Beide waren außer Sicht und ich flüchtete in die entgegengesetzte Richtung. Ich war froh, denn mein Fluchtweg ging zumindest in die grobe Richtung meines Rades. Der Weg zurück war sehr lang. Es war dunkel und spät am Abend. Nach einiger Zeit fand ich mein Rad und raste unter Todesangst zurück zu meinen Eltern. Ich fuhr die Landstraße entlang. Immer, wenn ich von hinten oder von vorne ein Auto sah, habe ich mich im Straßengraben versteckt. Denn den beiden wollte ich auf keinen Fall begegnen. Leider verpasste ich auch einen Polizeiwagen, den ich aus der Ferne nicht erkennen konnte. Wie das Schicksal so spielt, taucht auf einmal ein Wagen hinter mir auf. Wer war es? Mein Onkel. Wenn ich mich noch richtig erinnere, ein BMW. Er fuhr langsam auf der Landstraße hinter mir her und berührte mit seinem Kotflügel immer wieder das Schutzblech von meinem Hinterrad. Leider wusste ich genau, wer im Auto saß. Nachdem ich angehalten hatte, sagte ich: „Ach, du bist es!“ Mein Onkel lud mein Rad in den Kofferraum und sagte zu mir, dass er mich nach

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Hause bringen wolle. Mit schlotternden Knien sagte ich zu. Was blieb mir auch anderes übrig. An der nächsten Kreuzung hätten wir rechts abbiegen müssen. Aber mein Onkel wollte erst mal geradeaus fahren. Ich riss die Autotür auf und sagte ihm, wenn er nicht sofort rechts abbiegt, springe ich aus dem Auto und schreie so laut bis mich einer hört. Bis zu meinem Elternhaus habe ich die Autotür nicht mehr geschlossen. Dort angekommen, rannte ich schnell zur Wohnungstür. So ein Risiko durfte ich nicht mehr eingehen, da mein Onkel unberechenbar war. Einige Tage sind vergangen und ich saß mal wieder bei meinen Großeltern. Mein Onkel nahm mich mit dem Auto mit. Vorher informierte ich jedoch einige Leute, dass ich mit ihm unterwegs bin. So fühlte ich mich halbwegs sicher. Es wäre viel zu auffällig, wenn der mit dem schlechten Gewissen wieder zuschlagen sollte. Wir sind durch den Wald gefahren. Am Tatort hielten wir und mein Onkel sagte zu mir, dass er eine Spezialmischung vom Schlachtplatz mitbringen wollte. Er fragte mich noch andere merkwürdige Sachen, die ich mir natürlich genau erklären konnte. Ich tat so, als ob ich nicht wüsste, was er meinte und sagte zu. Wir beendeten die Fahrt und ich spielte im Kaminzimmer bei meinen Großeltern. Alle Verwandten waren im Wohnzimmer. Aus dem Hinterhalt überraschte mich der Wahnsinnige und drückte mir ein kleines Stück menschliches Fleisch in den Mund. Er hielt mich fest und zwang mich, dass Fleisch zu essen. Das kleine Stück presste ich zwischen Zunge und Unterkiefer und tat so, als ob ich schlucken würde. Schreiend rannte ich aus dem Wohnzimmer und spuckte das Fleisch auf den Boden. „Er zwingt mich vergiftetes Fleisch zu essen!“ rief ich laut zu den Anderen – da ich ja wusste, es ist nicht vergiftet, sondern es sich um das Fleisch von der toten Frau handelt. Mein Onkel nahm das Stück Fleisch vom Boden auf und sagte, es sei doch nicht vergiftet. Er legte das rohe Fleisch in seinen Mund und tat so als ob er schlucken würde. „Er kaut ja gar nicht!“ sagte ich zu den Anderen. Er öffnete seinen Mund und ich sah, wie er das

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Fleisch zerkaute und angeekelt runterwürgte. Einem kleinen Jungen wollte er dieses Stück reinwürgen. Nun ist er derjenige, der so etwas Unvorstellbares getan hat. Er hat Menschenfleisch gegessen. Ich sagte zu ihm – alle Anderen waren dabei: „Jetzt bist du nicht mehr so alleine.“ Er und ich wussten, was ich damit sagen wollte. Spätestens jetzt sagen sie: Das kann nicht authentisch sein. Aber alles – und es geht ja noch weiter – was ich hier berichte, habe ich mit meinen eigenen Augen ansehen, oder manchmal anhören müssen. Kleinere Vorfälle, wie am Arm festhalten, würgen, Ohrfeigen oder ähnliche belanglose Verhaltensweisen meines Onkels, trage ich gar nicht vor. Da meine Oma sehr oft anwesend war, wenn er und ich uns unterhielten, fragte sie nach einer gewissen Zeit ganz vehement nach. Meine Oma sagte zu mir, dass ich keine Angst mehr haben bräuchte, da mein Onkel der Oma alles erzählt hätte. Sehr erleichtert war ich und fragte meine Großmutter, ob er auch das mit dem Frauenkopf erwähnt hätte. Meiner Oma stockte der Atem und sie konnte nicht mehr reden. Wir waren allein in diesem großen Haus. Alle Anderen waren unterwegs. Ihre Befürchtung wurde leider Realität. Es ist ein Mord auf unserem Gut passiert. Mein Onkel belauschte das Gespräch, was Oma und ich nicht wussten. Er sagte, wir sind alleine. Mein Onkel zielte mit einem doppelläufigen Gewehr auf meine Oma und auf mich. Wir saßen zusammen. Meine Großmutter hatte eine Decke über ihre Beine gelegt. Da sie einen Verdacht hatte war sie mit zwei Pistolen bewaffnet, die sich unter der Decke befanden. Es fiel ein Schuss. Beide schrien aufgeregt. Mein Onkel hatte einen Streifschuss abbekommen und die Kugel landete links oben neben der Schiebetür zum Kaminzimmer. Oma zog blitzschnell die zweite Pistole und richtete sie auch gegen den Mörder.

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„Jetzt mach nicht noch einen Fehler.“ sagte sie. Er wusste nicht mehr wie ihm geschah. Noch nie hatte ich so eine angespannte Situation erlebt. Ein kleiner Fehler und wir sind alle tot. Sie sagte mir, ich solle mich hinter dem Ohrensessel verstecken. Er kam immer näher und war bereit alles zu tun. Mein Onkel sagte zu meiner Oma: „Mutter, das ist eine alte Kriegspistole mit je einem Schuss. Ich habe noch zwei Schuss über. Den Jungen werde ich nun erschießen.“ Oma verteidigte mich immer wieder. „Mein Schwiegersohn, alles was passiert ist, hast du dir selber zuzuschreiben. Der Junge hat nie angefangen. Das habe ich in den letzten Wochen beobachtet. Der Junge hat sich immer nur verteidigt, wenn du ihn angegriffen hast.“ – „Ist mir egal.“ sagte er. „Er ist der einzige Augenzeuge. Ich werde nicht zulassen, dass ich meine Karriere verliere.“ – „Das hättest du dir vorher überlegen müssen.“, sagte meine Oma. Oma sagte, sie sei froh, dass ich ihr die Augen geöffnet habe. Meinem Onkel war alles egal. Er bewegte sich in meine Richtung, um dem Ganzen ein Ende zu machen. Hinter dem Sessel, wo ich mich versteckte, hatte meine Oma ein Gewehr deponiert. Da ich alles gehört hatte dachte ich: Jetzt kommt es auf mich an. Meinen ganzen Mut habe ich zusammen genommen, ging langsam in die Richtung meines Onkels und zielte auf ihn. „Jetzt ist mir auch alles egal – und wenn du durchdrehst, dann werde ich auf dich schießen.“ Aber ich konnte und wollte nicht schießen. Oma schrie. Mein Onkel wurde immer hysterischer. Oma versuchte uns zu beruhigen. „Wenn du dem Jungen was tust, dann bringe ich dich und deine Familie persönlich um. Der Kleine ist unschuldig.“ Er war sprachlos. Es war doch auch ihre Familie. Noch nie hatte Oma solche energischen Worte hervorgebracht. Mein Onkel war weiterhin sprachlos und blutete immer noch. „Wir“, sagte meine Oma, „müssen den Junior so trainieren, dass er keine Angst mehr vor dir und dem Wald hat. So sichern wir deine berufliche Karriere.“ Es fielen noch zahlreiche Worte, die grausam waren. Ich glaubte nicht, dass das klappen würde. Doch Oma, die die Hand über diese Familie hatte, ließ sich auf keinen anderen Kompromiss ein. Nun musste ich Stunden, Tage und Wochen mit meinem Albtraum unter vier Augen das trainieren, was Oma gefordert hatte. Sonst wäre ich schon lange tot. Für beide war das eine sehr unangenehme Zeit. Der Augenzeuge mit dem Mörder, der Mörder mit dem Augenzeuge, zusammen in einem Auto. Man könnte jetzt glauben, dass diese furchtbare Zeit vorbei sei. Aber nun geht die authentische Geschichte weiter. Es folgten Ängste, Bedrohung und Verfolgung.

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Warum haben Sie das Buch Wie geht es ihnen, wenn Sie ihre Texte lesen? geschrieben? Die Texte an sich berühren mich nicht mehr. Das war die beste Möglichkeit, mit dieser Dafür habe ich sie zu oft gelesen. Für mich Gedankenflut umzugehen. Ich habe ja verist das Thema mit dem Niederschreiben schiedenste Therapieformen erlebt: geschlossene abgeschlossen. Station, offene Station, Tagesklinik, RehaMaßnahme, Sozialstation. Aber das Einzige Ist etwas von der Geschichte was mir geholfen hat, mit dieser Gedanken- aus dem ersten Kapitel wahr? flut umzugehen, war das Schreiben. Nein. Es gibt diesen Ort, den Onkel und den Cousin. Aber diesen Mord gab es nicht. Später in meinem Buch schreibe ich, dass eigentlich ich diese tote Frau bin, sinnbildlich für die Scheidung meiner Eltern, die ich – mein ganzes Leben lang – nie überwunden habe. Wir, mein älterer Bruder und ich, haben damals nie etwas Ich konnte für mich damit abschließen. von dem Streit unserer Eltern mitbekommen. An dem Tag, nachdem ich das erste Kapitel Sie stritten sich abends, wenn wir im Bett abgeschlossen hatte, fühlte ich mich frei. waren. Und von einem Tag auf den anderen Die weiteren 28 Kapitel gingen dann wie sind wir dort weggezogen. In meiner damaligen im Fluss. Ich musste gar nicht mehr überlegen. Vorstellung haben wir unsere glückliche, Inzwischen kann ich auch klare Gedanken große Familie verlassen und waren auf einmal fassen und mich nicht nur auf meine blöde nur noch zu dritt, in der Nähe von Kassel. Psychose konzentrieren. Wo hielten Sie sich auf während Sie Sind Sie stolz auf ihre Texte? die Psychose erlebten? Ich bin nicht stolz auf die Texte an sich. Aber Anfangs war ich zu Hause. Doch im weiteren ich bin stolz auf die Entscheidung, die Texte Verlauf der Krankheit hatte ich einen niederzuschreiben. Dadurch konnte ich mit unglaublichen Bewegungsdrang. Ich bin den dem Ganzen abschließen. ganzen Tag von A nach B gewetzt, teilweise mit dem Fahrrad. Als mein ganzes Geld Tragen Sie sie noch gerne vor? verjubelt war verkaufte ich mein Fahrrad und Ja, das macht mir viel Freude. Ich möchte war von da an zu Fuß unterwegs. Ich konnte Menschen, die mit dieser Thematik zu tun irgendwann nicht mehr zu Hause sein. haben, die Sicht des Betroffenen zeigen. Da fiel mir die Decke auf den Kopf. Deshalb Außerdem möchte ich Menschen, die nicht war ich dann den ganzen Tag in der Stadt davon betroffen sind, einen Einblick in die unterwegs. Manchmal von früh um fünf bis Welt eines psychisch Kranken ermöglichen. Mitternacht. Ich hätte selber gern die Möglichkeit gehabt, so etwas nachzulesen. Was haben Sie heute für ein Verhältnis zu den Personen aus der Geschichte? Zu meinem Cousin habe ich keinen Kontakt. Mit dem Onkel habe ich sehr sporadisch Kontakt. Wir telefonieren einmal im halben Jahr. Früher als Kind hatte ich ein sehr gutes Verhältnis zu ihm.

Ich bin nicht stolz auf die Texte an sich. Aber ich bin stolz auf die Entscheidung, die Texte niederzuschreiben.

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Inwiefern wurde ihre Familie über ihre Krankheit informiert? Mein engstes Umfeld, also meine Mutter und mein Bruder, sind sehr gut informiert über meine Psychose. Sie sind mit meinen Wahnvorstellungen vertraut gemacht worden. Der weitere Familienkreis, wie zum Beispiel mein Onkel, ist grob informiert. Aber die wissen zum Beispiel nichts über meine Medikation. Es ist auch wichtig, dass es zumindest eine Person gibt, die den gesamten Krankheitsverlauf kennt. Denn wenn man mal wieder in eine Klinik kommt, bekommt man immer wieder andere Ansprechpartner. Dafür ist es wichtig eine Person wie meine Mutter zu haben, die mit dem Arzt oder der Ärztin reden kann.

Wie reagierte ihre Mutter, als Sie ihr die Wahngeschichte aus dem ersten Kapitel erzählten? Meine Mutter war mindestens so panisch wie ich. Auch sie hatte Angst. Gleichzeitig hat sie aber versucht, diese vor mir zu verstecken und mich zu beruhigen. Da ich zu dem Zeitpunkt damals keine Arbeit hatte, wohnte ich bei meiner Mutter. Sie hat die ganze Zeit versucht, mich zu unterstützen. Aber natürlich ist sie auch nur eine Mutter, die sich sorgt – und keine Fachfrau. Haben Sie sich damals die Schuld für die Trennung ihrer Eltern gegeben? Nein. Ich habe meinen Vater später auch kennengelernt. Ich bin mit 16 Jahren zu ihm gezogen. Da konnte ich meine Mutter auch verstehen, dass sie damals ausgezogen war. Er ist kein schlechter Mensch, aber sehr verantwortungslos, konnte nicht mit Geld umgehen. Meiner Mutter habe ich immer unterschwellig Schuldgefühle vermitteln wollen, als Fünf-, Zehn-, Zwölfjähriger. Aber das hat sich auch gelegt und mittlerweile haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Schließlich hat sie mir ein zweites Mal das Leben geschenkt. Sie hat mich aus der Psychose herausgeholt.

Waren Sie ihrer Mutter böse, dass sie Sie in die Klinik eingewiesen hat? Am Anfang ja. Sie kam mich nach einer Woche besuchen. Ich konnte ihr nicht in die Augen schauen. Bis zu diesem Zeitpunkt durfte ich die Klinik nicht verlassen. Meine Mutter ist zu dem leitenden Oberarzt gegangen und hat mit ihm gesprochen. Und plötzlich durfte ich raus. Da habe ich erkannt, dass sich meine Mutter für mich eingesetzt hat. Sie hat mich zwar in die Klinik eingewiesen, aber hat sich auch dafür eingesetzt, dass ich mal Wie fühlten Sie sich nach dem Umzug raus darf. Da ging das dann recht schnell, in ihrer Kindheit? dass ich die Aggression meiner Mutter gegenSehr schlecht. Ich habe meinen Vater als Fünfüber auflösen konnte. jähriger sehr geschätzt und geliebt. Bis zu dem Zeitpunkt war ich ein „Vaterkind“. Heute würde ich sogar sagen, dass ich damals eine depressive Phase hatte. Ich wurde zwar ganz gut aufgefangen durch meine Mutter und meinen Bruder, aber ein Vaterersatz war das natürlich nicht. Wie ist ihr Verhältnis zu ihren Großeltern? Mein Opa ist gestorben als ich sieben Jahre alt war. Über den kann ich nicht viel berichten. Meine Oma war eine zurückhaltende Person. Sie war nicht sonderlich redselig. Wir hatten ein gutes Verhältnis, aber ich habe sie auch nicht oft gesehen.

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Wie hat ihr soziales Umfeld auf ihre Krankheit reagiert? In meinem Bekanntenkreis haben mich alle links liegen gelassen – sogar mein engster Freundeskreis in Hannover. Die habe ich früher drei-, viermal in der Woche gesehen. Wir haben alles zusammen unternommen. Nehmen wir nur die drei engsten Freunde. Nicht mal die rufen heute zum Geburtstag an. Dann musste ich, als ich von Kassel nach Hannover gezogen bin, von null anfangen. Dort hatte ich niemand. Ich wollte dort auch niemand kennenlernen. Mir war das alles zu anstrengend. Die ewige Frage: „Und, was machst du?“ Da war die familiäre Unterstützung sehr wichtig. Die ersten drei, vier Jahre hatte ich nur Kontakt zu meinem Stiefvater und meiner Mutter. Inzwischen habe ich mir soziale Kontakte geschaffen. Freunde würde ich es nicht nennen – da bin ich vorsichtig geworden. Aber ich habe genügend Abwechslung. Wenn ich will kann ich mich mit jemandem treffen und kann das dann auch genießen. Mit meinen heutigen Freunden kann ich auch ehrlich sein. Ich kann ihnen sagen, dass ich eine Psychose hatte. Das mache ich nicht bei jedem. Dafür wurde ich zu oft abgestempelt. Müssen Sie sich oft rechtfertigen? Nicht mehr. Ich habe mich früher immer gezwungen gefühlt mich zu rechtfertigen. Heute nehme ich mir das Recht heraus, mich nicht rechtfertigen zu müssen. Das habe ich wieder gelernt.

Wissen Sie was die Psychose ausgelöst hat? Den genauen Auslöser kenne ich nicht. Vermutlich kamen viele verschiedene Faktoren zusammen, die das Fass zum überlaufen brachten. Ich denke, dass die Ursache in meiner frühen Kindheit liegt, da sich meine Eltern in meinem fünften Lebensjahr getrennt haben. War das die einzige Psychose oder hatten Sie mehrere? Ich hatte mehrere Phasen. Das war der erste akute Schub. Später ging es weiter mit Terrorwahnvorstellungen und irgendwelchen Anschlägen. Das steigerte sich immer weiter. Täglich, stündlich, minütlich kamen immer neue Wahnvorstellungen dazu. Sei es ein Anschlag in der Stadt, jemand wurde überfallen oder es wurde irgendwo eingebrochen. Ein dreiviertel Jahr lang war ich hoch psychotisch – mit immer neuen Wahnvorstellungen. Ich kann mich auch an alle Wahnvorstellungen erinnern. Das ist das Schlimme daran. Sie haben gesagt, dass Sie die Wahnvorstellungen tagsüber hatten. Wie stand es um ihre Träume? Ich hatte psychotische Träume. Das bedeutet, dass ich Dinge träumte, von denen ich überzeugt war, dass sie sich genau so zugetragen haben. Dadurch war ich in einer 24 StundenPsychose. Das waren völlig wirre Träume, die sich immer in meiner Wohnung, auf dem Hausflur oder unten auf der Straße abgespielt haben.

Waren Sie auch schon vor ihrer Erkrankung ein nachdenklicher Mensch? Und können Wann kam eine Krankheitseinsicht? Sie heute der psychotischen Gedankenflut Das hat lange gedauert. Ich wurde erst von auch etwas Positives abgewinnen? der geschlossenen auf die offene Station, Vor meiner Psychose war ich zwar ein nachund schließlich in die Tagesklinik verlegt. denklicher Mensch, aber hatte nie eine Gedankenflut. Das kam erst als ich psychotisch wurde. Das hat sich mittlerweile geändert. Ich kann auch viel nachdenken, wenn ich zuhause bin und Zeit für mich habe. Ich könnte auch eine Gedankenflut produzieren – ich könnte sie aber auch selbständig abschalten. Das ist etwas, das ich teilweise auch in der Therapie gelernt habe.

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Dort bekam ich einen Arztbrief und las Wie lange dauerte es bis Sie wieder ein meine Diagnose: paranoide Schizophrenie. „normales“ Leben führen konnten? Das war ein Schock. Da fing es langsam an, Ich habe eine ganze Zeit gebraucht, um verdass ich eine Krankheitseinsicht entwickelte. schiedene Medikamente auszuprobieren. Zu diesem Zeitpunkt begann ich mein ganzes Ich hatte auch immer wieder Rückschläge. Leben infrage zu stellen: was war real und Um einigermaßen klar zu kommen habe ich was nicht? Es hat Jahre gedauert, mein wahren ca. acht Jahre gebraucht. Inzwischen kann Erinnerungen von meinen Wahnvorstellungen ich mit den Rückschlägen viel besser umgehen. zu trennen. Früher habe ich immer sehr große Schritte gemacht. Mittlerweile habe ich mir mein Leben in kleinen Schritten organisiert und kann mich auch an kleinen Dingen erfreuen. Deshalb kriege ich mein Leben wieder auf die Reihe. Ich liebe mein Leben wieder.

Ich empfinde es als großen Luxus, mal keine Stimmen zu hören und keine Bilder zu sehen.

Ist ihnen manchmal langweilig? Langeweile kenne ich heutzutage gar nicht mehr. Ich kann jetzt, wenn ich zuhause bin, zwei, drei Stunden herumsitzen, an nichts denken – und mir wird nicht langweilig. Schließlich kenne ich die Plus-Symptomatik einer Psychose, also Stimmen hören und Wahnvorstellungen. Da ist alles sehr hektisch. Deshalb genieße ich es sehr, wenn ich mal die Ruhe habe, mich zwei, drei Stunden hinzusetzen und an nichts zu denken. Ich empfinde es als großen Luxus, mal keine Stimmen zu hören und keine Bilder zu sehen.

Hatten Sie jemals Suizidgedanken? Ich habe mir sehr oft einen Herzinfarkt gewünscht. „Ich leg mich jetzt hin, schlafe ein und alles ist vorbei.“ Aber ich hätte nicht selbst aktiv Suizid begehen können. Das kann ich auch immer noch nicht.

Sind Sie inzwischen so weit, dass Sie selber früh genug erkennen, dass Sie in die Klinik gehen müssen? Oder müssen Sie immer noch eingewiesen werden? Im Normalzustand würde ich das vielleicht hinkriegen. Letztes Jahr habe ich den Fehler gemacht von einem Tag auf den anderen Können Sie ihrer Psychose auch meine Tabletten abzusetzen. Mit meinem etwas Positives abgewinnen? Arzt war abgesprochen die Medikamente So eine Psychose ist zwar nichts Schönes. Stück für Stück auszuschleichen. Doch daran Aber unterm Strich hat sich mein Leben habe ich mich nicht gehalten. Das eskalierte verbessert. Früher war ich ein oberflächlicher dann so extrem, dass ich Hilfe benötigte Mensch. Jetzt schaue ich genau hin, kann und eingewiesen werden musste. mich an kleinen Dingen erfreuen. Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Haben Sie jemals überlegt, ihre Psychose von der Ursache her zu bearbeiten? Ich möchte lieber nicht noch mehr wachrütteln. Für mich ist es so, dass ich mit dem Thema abgeschlossen habe. So wie mein Leben jetzt läuft bin ich glücklich und zufrieden. Ich habe Diagnose: Psychose – Mein Leben mit der Schizophrenie Angst, dass dann irgendwas hervorbrechen ist 2011 beim Cowe Verlag erschienen. Es kann via Mail an könnte, dass mich aus der Bahn werfen würde. cowe@safe-mail.net bestellt werden. 45


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Philippe Zugolas ist 51 Jahre alt, lebt in Hamburg und hรถrt Stimmen. Seit 22 Jahren nutzt er die Malerei als Form der Selbsttherapie.

Ich lasse passieren, was gerade passieren will.


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Ich bin als einziger Mann unter lauter den deutschen Pass. Ich habe auch die Frauen aufgewachsen. Ich hatte überfranzösische Staatsbürgerschaft. Aber haupt keine Möglichkeit, eine männich fühle mich weder als Franzose noch liche Identität zu entwickeln. Das wäre als Deutscher. Ich fühle mich nicht wichtig gewesen. Außerdem gab es verwurzelt. einen schweren sexuellen Missbrauchsfall. Ich habe zwar keine konkrete Wie hat sich die Krankheit Erinnerung, aber ich habe viele Gefühle das erste Mal geäußert? dazu. Ich denke, dass dieser Missbrauch Da war ich 19 Jahre alt. Ich hatte ein Was hat damals deine ausschlaggebend war. Die Verletzung Gefühl von körperlicher Entwurzelung, Krankheit ausgelöst? war zu tief. Das war die eigentliche also dass ich meine Wurzeln im Körper Das kann ich nicht im Detail erzählen. Verletzung, die dann später in der verliere. Das ist uns nicht bewusst, Es ging vor allem um eine Verletzung Beziehung wieder wachgerufen wurde. aber wir sind mit bestimmten Regionen in einer Beziehung. Außerdem habe ich im Körper verwurzelt, wie mit dem damals einen Tanzworkshop gemacht, Warum seid ihr Herzen, dem Solarplexus und dem Beckender sehr viel aufgewühlt hat. Ich war so viel umgezogen? bereich. Das hat sich aufgelöst. Dazu dann alleine mit diesem ganzen AufgeDas lag am Beruf meines Vaters. Er war kam das Gefühl, dass mein Herz zerreißt. wühlten. Ich habe allein eine Fernreise damals noch in der Ausbildung zum Das klingt poetisch, aber das war mein nach Ägypten gemacht, mit der ich Ingenieur. Für ein Jahr sind wir deshalb Gefühl dazu. Ich fühlte mich verloren. mich selbst überfordert habe. Von den nach Amerika gegangen. Er hat öfter Durch die Verletzung durch meine Freungeplanten vier Wochen bin ich nur drei die Anstellung gewechselt, da er berufdin hatte ich das Gefühl, ich könnte geblieben, weil ich körperlich krank lich sehr ehrgeizig ist. Er wollte gerne jemandem etwas antun, ohne es verhingeworden bin. Ich hatte eine sehr schwiezeigen, dass er flexibel ist und auch dern zu können. Ich hatte so viel Wut rige Kindheit. Ich bin in drei verschieden Wohnort wechseln kann. Für mich in mir, dass ich durchaus jemandem an denen Ländern aufgewachsen: Frankals Kind war das natürlich nicht schön, die Gurgel hätte gehen können. Dieses reich, Deutschland und Amerika. die Schule zu wechseln und Freunde „könnte“ hat sich dazu gewandelt, Trennung, Scheidung der Eltern. Die zu verlieren. Umzüge als Kind sind dass ich das Gefühl hatte: Es kommt auf Geburt meiner Schwester war traumanicht toll. Man fängt immer wieder bei mich zu und ich kann es nicht verhintisch. Da war ich alleine zu Hause null an. Damit gingen immer wieder dern. Es war furchtbar, das aushalten eingesperrt, während sie nachts im Kulturschocks einher. Ich habe mich zu müssen. Ich habe mich schon als Krankenhaus geboren wurde. Dann lange Zeit als Franzose verstanden. Gefängnisinsasse gesehen, von Freunden folgte eine schwierige Jugend. Im Alter von neun Jahren bin ich dann und Familie geächtet. mit meiner Mutter und meiner Schwester nach Hamburg gezogen. Heute empfinde ich keine nationale Identität. Gefühlt bin ich staatenlos. Natürlich habe ich

Wie würdest du deine Krankheit beschreiben? Es gibt zum einen die professionelle Diagnose. Die lautet Schizophrenie. Damit ist schnell ein Stigma verbunden. Ich würde es so beschreiben, dass ich aus dem Gleichgewicht geraten und hingefallen bin.


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Das war die Wahnidee, die sich da Hast du dich damals in Ich habe immer weiter gemalt, das hat gebildet hat. Das hatte mit einem Trauma Behandlung begeben? mich getragen. Ich hatte auch ein paar aus meiner Jugend zu tun. Ich war in Ja, ich habe das gemerkt und selbst eine gute, verlässliche Kontakte. Was ich einen Unfall verwickelt, bei dem ich Behandlung angefordert. Erst habe für mich als Selbstbehandlung entdeckt Angst hatte, dass durch mein Verschulden ich einen Notarzt gerufen. Der meinte, habe, ist das Tanzen. Ich habe viel in eine Mitschülerin stirbt. Es ging um es wäre eine Depression und ich solle einer Disco zu Trance getanzt. Das war eine Geschichte in den Bergen, wo ich am nächsten Tag zum Arzt gehen. Ich eine gute Zeit. Dort habe ich auch Mensie festgehalten habe, damit sie nicht fühlte das nicht richtig erkannt. Ich hatte schen kennengelernt. Teilweise haben abrutscht. Wir haben uns falsch verstanden. das Gefühl, dass das keine Hilfe ist. sich da Freundschaften entwickelt. Ich habe verstanden: „Lass mich los!“ Auf mein Ersuchen kam dann noch ein Sie hat jedoch gesagt: „Lass mich nicht Rettungswagen. Da fiel dann zum ersten Du sagst, dass du auch Stimmen hörst. los!“ Ich habe sie unter panischer Mal das Wort Psychose. Ich hatte das Hattest du das von Anfang an? Angst in den Tod rennen sehen. Sie ist Wort bis dahin noch nie gehört, aber ich Nein, das hat erst später angefangen. zum Glueck nicht gestorben war aber hatte das Gefühl, dass sie damit richtig Das war 1998. Ich vermute, dass das natürlich gravirend verletzt. Ich bin liegen. Ich bin dann in die Klinik gefahren anfing, als es in der Arzt-Patientenüberfordert gewesen worden. In dieser Klinik fühlte ich Beziehung einen starken Vertrauensmich sehr unwohl. Durch meine Familie bruch gab. Seitdem habe ich das. Da bin ich dann in ein anderes Krankenhaus hat sich meine Krankheit verschlimmert. verlegt worden, das zu Recht einen Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass besseren Ruf genießt. Dort habe ich es sich bessert durch die Homöopathie, einen Arzt kennengelernt, der mein das Malen und Kontakt zu Anderen. Therapeut wurde. Ich habe mit diesem Das Stimmenhören tritt oft in StressArzt dann versucht, die Medikamente situationen auf, wenn ein gewisse abzusetzen. Das ging auch eine gewisse Belastung überschritten wird. Das Zeit. Aber dann kam es zu einem schweren kann sehr schnell kommen. Das Einzige, Vertrauensbruch in der Therapie. Ich was ich dann machen kann ist, mich erlitt einen Rückfall, meine Krankheit sofort aus der Öffentlichkeit zurückzuveränderte sich. Zuerst hatte ich viel ziehen, nach Hause zu fahren und mich mit affektiven Störungen zu tun, also hinzulegen. Früher hat mich das fast Traurigkeit, Wut, das Gefühl in ein Loch täglich ausgeknockt. zu fallen. Das ist besser geworden, aber dann kam Paranoia dazu. Ich hatte dann immer wieder schwere Krankheitsschübe, konnte ich mich aber auch immer wieder berappeln.


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Aber das Erleben ist ein anderes. Der Leidensdruck war so groß, dass ich überlegt habe: „Wie lange willst du das noch mitmachen? Wenn dein Leben so läuft, wie lange willst du überhaupt noch leben?“ Das kam immer wieder. Es gibt aber bestimmte Sachen im Leben, die ich gerne noch machen würde. Oder die ich auch noch machen muss. Ich kann nicht gehen, ohne sie getan zu haben. Das ist das Einzige, was mich am Leben erhalten hat. Jetzt, nach vielen Jahren, lässt dieser Druck nach.

Da habe ich nette Menschen kennengelernt, die bereit waren, sich auf mich einzulassen. Dadurch konnte ich Kontakte nach draußen aufnehmen, raus aus dem „Ghetto“. Da entsteht ein Gefühl von Normalität, ein anderer Horizont. Wenn man sich immer nur in diesem „Ghetto“ aufhält, erlebt man sich selbst immer als ausgegrenzt und als etwas Anderes als die Anderen. Jetzt versuche ich mehr Brücken zu bauen in die normale Welt. Es ist nicht einfach, weil man immer gegen mögliche Vorbehalte angehen muss. Die Frage ist, ob es einem gelingt, dass die Anderen sich in einem selbst wiederfinden oder ob man immer bloß als etwas Fremdartiges empfunden wird, mit dem man nichts zu tun haben will.

Was sagen diese Stimmen? Das sind Stimmen, die meine Gedanken kommentieren. Ich erlebe es so, als kämen die Stimmen von den Menschen, die mich gerade umgeben. Im Bus oder in der Bahn sind es die Mitfahrer. Wie hat sich die Krankheit auf dein Das ist so ein Gefühl, als ob meine soziales Umfeld ausgewirkt? Gedanken auf einmal öffentlich wären. Ich hatte damals einen sehr beschränkten Als ob es keine Grenze mehr gäbe Freundeskreis. Ich hatte schon in der zwischen meinem Inneren und dem, Schulzeit Probleme. Ich war ein Einzelwas die Anderen von mir erfahren. gänger. Dafür waren die paar Freunde, Die Wahrnehmung ist, als wäre es die ich hatte, wirklich gute Freunde. Hast du mal darüber nachgedacht, Gedankenübertragung. In letzter Zeit Die habe ich bis heute noch. Davon sind ob das Stadtleben deine Krankheit versuche ich mir immer zu sagen, die meisten bei der Stange geblieben. begünstigt? dass die Quelle der Stimmen in mir ist. Ein paar haben sich zurückgezogen. Im Prinzip ist das so. Aber ich bin ein Aber das ist schwer, weil die WahrnehIch habe auch einige Zeit in Einrichtungen Stadtmensch. Ich brauche die Stadt, mung eine andere ist. Profis, die diese gelebt, da lernt man dann Leute kennen, mit all den Möglichkeiten, die sie bietet. Erfahrung nicht haben, erzählen einem, die auch betroffen sind. Da haben Auf dem Land würde ich eingehen. Ich dass das Quatsch ist. Es gibt keine sich auch einige Bekanntschaften und brauche auch mein soziales Netz und Gedankenübertragung. Die haben die Freundschaften entwickelt, die bis die Möglichkeit, es ausbauen zu könTendenz, mir das wissenschaftlich heute andauern. Ab einer bestimmten nen. Ich glaube, das geht in der Stadt oder biologisch zu erklären – dass das Phase der Therapie, als es mir besser besser. Eine Zeit lang hat mir die Natur alles in meinem Kopf entsteht. ging, habe ich aufgehört mich selbst zu sehr viel bedeutet. Aber ich habe die stigmatisieren. Ich habe aufgehört Beziehung zu ihr wieder verloren. Ich mir selbst zu sagen: „Du bist krank. Du darfst keine Menschen ansprechen.“ Das war ein wichtiger Prozess, wo ich mich anderen gegenüber geöffnet habe.

Dadurch war mein Leben sehr reduziert. Ich hatte glücklicherweise ein paar stabile Freundschaften, die ich aufrecht erhalten konnte. Mein Leben war sehr eingeschränkt – und an Arbeit ist gar nicht zu denken. Die einzige Arbeit, die ich machen kann, ist das Malen und das Arbeiten an mir selbst.


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hatte mal die Vision aufs Land zu ziehen. Ich habe meine Ausbildung nicht Kannst du etwas über Aber ich brauche auch Menschen um abschließen können, dadurch dass ich deine Malerei erzählen? mich herum. Ich gehe gerne in Cafés, früh krank geworden bin. Ich habe nie Seit 1992 male ich. Es ist ein fließendes auf Konzerte, in Ausstellungen. Was mich in einem Angestelltenverhältnis für Medium. Ich male großformatige in der Großstadt stresst, ist die AnonyGeld arbeiten können und dadurch keine Aquarelle. Ich male mit einem japanischen mität. Ständig begegne ich Leuten, Rentenbeiträge einzahlen können. Tuschpinsel, weil der sehr viel Farbe die ich nicht kenne. Gerade in Phasen, Dann fällt man durchs System. aufnimmt. Das unterstützt den Fluss. in denen ich mich einsam fühle, sind das Das Medium Aquarell ist wichtig für mögliche Begegnungen, die aber nie Was waren das für Ausbildungen, meine Arbeit. Öl oder Acryl würde verstattfinden. Damit gehen immer wieder die du angefangen hast? mutlich nicht funktionieren. Das Malen Enttäuschungen einher. Ich suche Ich habe zwei Studien angefangen. ist für mich sehr befriedigend. Ich kann immer den Blickkontakt. Was sind das Einmal Architektur an einer Fachhochdabei Druck ablassen. Ich hatte Momente, für Menschen, die an mir vorüber gehen? schule, wo ich jedoch nie erschienen in denen das Malen etwas Magisches Ich weiß nicht, ob das an Hamburg bin, weil es mir zu schlecht ging. Das hatte. Da gab es keine Trennung zwischen liegt, aber die Leute schauen sich nicht Zweite war Romanistik und KunstInnen und Außen. Bestimmte Farben an, wenn sie aneinander vorübergehen. geschichte. Aber auch das musste ich haben mich berührt. Früher habe ich Da ist eine gewisse Härte. Auf der abbrechen. Dann habe ich eine Wiedermit Musik gemalt, um den Ausgangsanderen Seite bietet die Anonymität der eingliederungsmaßnahme in Lehrimpuls zu bekommen. Inzwischen Großstadt in meinem Fall auch einen berufen gemacht. Da ging es um Kunstbrauche ich das nicht mehr. Jetzt male Schutz. handwerk. Aber auch das habe ich ich ohne Musik. Es entwickelt sich also abgebrochen und angefangen zu malen. weiter. Ich habe auf jeden Fall einen Wie bestreitest du deinen selbsttherapeutischen Ansatz. Ich habe Lebensunterhalt? das Gefühl, dass es gut tut, dass es Ich bin erwerbsunfähig und bekomme hilft. Es geht darum, mit meinen Impuleine Grundsicherung. Meine Familie sen in Fluss zu kommen. Dass mich die unterstützt mich, wenn ich Material Impulse nicht in einen Schub führen, brauche für die Malerei. Die Grundsondern in die Realität. Ich male immer sicherung entspricht einer staatlichen impulsgesteuert. Ich denke, ich mache Rente auf dem Hartz-IV-Satz. so lange mit mir selbst Therapie bis Jedoch bin ich nicht bei der ARGE und irgendwann Kunst daraus wird. Manchmuss da immer wieder vorsprechen. mal gelingt das auch. Diese Grundsicherung bekommt man, wenn man keinen Anspruch auf Rente hat oder die Rente zu gering wäre.


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Wie entstehen deine Bilder? Ich nenne es Permissivismus, vom französischen permaitre übersetzt erlauben, zulassen. In der Pädagogik gibt es den Begriff des permissiven Erziehungsstils. Das bedeutet, man lässt die Kinder alles machen, was sie wollen. Auch bei mir ist alles erlaubt. Alles darf sich zeigen, was auch immer der Pinsel machen möchte. Ich lasse passieren, was gerade passieren will. Ich führe den Pinsel zwar mit der Hand, aber ich steuere die Hand nicht. Es sind unbewusste Bilder. Dadurch sind die Ergebnisse immer ganz unterschiedlich. Das ist schwierig, weil ich natürlich auch darauf aus bin, dass die Bilder etwas werden sollen. Manchmal denke ich im Nachhinein, dass ich bei einem Bild zu viel gemacht habe. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich früher aufgehört hätte. Aber ich lasse eben geschehen. Das ist der Prozess, auch wenn ein schönes Bild dadurch verloren geht. Mit der Zeit habe ich immer reduzierter gemalt. Irgendwann war klar, dass ich mit Schwarz male. Es ist wie Schrift, nähert sich der Kalligrafie an. Schwarz bedeutet für mich auch mehr Nachdruck. Es ist unverrückbarer. Setzt du dich, abgesehen von der Malerei, auch anders mit deiner Krankheit auseinander? Ich engagiere mich bei „Irre menschlich“. Da mache ich in einer Polizeischule Anti-Stigma-Arbeit. Da halte ich zwei Vorträge im Jahr. Ich habe ein paar Erfahrungen mit Polizeieinsätzen, wenn ich eingeliefert werden musste. Das war zum Glück nie mit schwerer Gewalt verbunden. Diese Erfahrungen von Betroffenen sind da gefragt. Es geht darum zu zeigen, dass man außerhalb so einer Krise sich auch normal mitteilen kann. Damit sie sehen, dass das auch Menschen sind, die so eine Krankheit haben. Das wird gut aufgenommen. Es gibt viel positive Rückmeldung.

Hast du deine Arbeiten schon einmal ausgestellt? Nein. Ich habe mich noch nie reif dafür gefühlt, mich der Öffentlichkeit zu stellen. Aber seit einem Jahr versuche ich Kontakte zu Galerien herzustellen. Ich hatte kürzlich das Angebot eine Mappe vorzuzeigen. Das war ein netter Galerist. Aber ich musste den Termin dann kurzfristig absagen, weil ich einen Aussetzer hatte. Es ging mir nicht gut. Ich habe das mit dem Galeristen aufgeschoben bis ich mich wieder besser fühle.


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Wie ich lernte die Zahlen zu lieben 2014 sind Oliver Sechting und Max Taubert zusammen nach New York gereist um einen Film Ăźber das Leben und Ăœberleben von KĂźnstlern in New York zu drehen. Doch schon nach wenigen Tagen macht Olivers Zwangserkrankung den Beiden einen Strich durch die Rechnung. Die daraus entstehenden Konflikte machen sie zum Thema des Films.

Oliver Sechting 59


Wann hat sich ihre Zwangserkrankung zum ersten Mal bemerkbar gemacht und was war der Auslöser? Die Krankheit kam zum Vorschein als ich elf Jahre alt war, ein paar Monate nach dem Tod meines Vaters. Das war vermutlich der Auslöser.

Ist der Film ihre erste kreative Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit? Ja, das ist das erste Mal. Ich wollte das Thema eigentlich literarisch verarbeiten, in Form von einem Buch. Ich hatte nicht vor diesen Film zu machen. Ich dachte, wenn ich etwas über diese sehr private Angelegenheit mache, dann muss es sehr exakt werden. Deswegen hätte ich die Buchform gewählt. Zuerst passte mir das überhaupt nicht, dass das in dieser Form in den Film hereinbrach, die ich nicht steuern konnte. Ich wollte das Thema möglichst sauber aufarbeiten und plötzlich mache ich das so aus der Situation heraus. Das fand ich zuerst schade, aber vielleicht ist es auch ganz gut so.

Der Titel „Wie ich lernte die Zahlen zu lieben“ irritiert mich, da er eine positive Assoziation hervorruft. Warum haben Sie diesen Titel gewählt? Als ich im Alter von elf Jahren diese Zwangsstörung entwickelt habe, war es tatsächlich eine Überlebensstrategie. Damals hat mir dieses System Halt und Kraft gegeben. Darauf bezieht sich der Titel. Aber irgendwann, als Die Künstler, die im Film zu Wort kommen, ich es eigentlich nicht mehr gebraucht hätte, sprechen sehr offen über ihre Probleme. ist es geblieben und wurde zum Handicap. War der Film für Sie eine Art Therapie? Letztendlich – so belastend die Erkrankung Bei den Künstlerkollegen muss man glücklicherauch für mich ist – ist sie doch eine Konstante weise nie tief bohren bis die ersten Macken in meinem Leben. Dieses System ist immer ans Licht kommen. Das Machen war sehr, sehr da. Es ist ein ewiger Begleiter für mich geworden. anstrengend. Dadurch, dass der Film bisher Es gibt mir eine Beständigkeit, die mir Mengut ankam, kann ich es als positiv einordnen schen nicht geben können. Aber man sollte und somit hat der Film für mich eine positive den Titel nicht ganz wörtlich nehmen. Ich Wirkung. Es ist eine Form der Selbsttherapie. würde dieses System lieber ablegen als dass Ich würde jedoch nicht per se sagen, dass ich es behalten möchte. eine kreative Auseinandersetzung mit der eigenen psychischen Erkrankung immer gut ist. Diese Beschäftigung mit den Zahlen Ich habe das Glück im sozialpädagogischen hat also nie etwas Positives? Bereich einen sehr toleranten Arbeitgeber zu Nein, leider nicht. An diese Krankheit schließt haben. Wenn man ein anderes Arbeitsumfeld sich außerdem oft noch eine Erschöpfungshat, überlegt man sich das noch einmal öfter, depression an. Ich habe immer mal wieder ob man sich mit seiner Erkrankung öffentlich erschöpfungsbedingte depressive Schübe. Das outet. Heutzutage bleibt alles im Internet kommt daher, dass ich mich die ganze Zeit erhalten. Auch ich werde jetzt für den Rest mit diesen Zahlen auseinandersetze. Auch jetzt meines Lebens mit diesem „Stigma“ leben gerade, auch wenn man es mir nicht ansieht. müssen. Das lässt sich nicht mehr von meiner Der Energieverbrauch ist unglaublich hoch. Biografie trennen. Ich habe mir das gut überMenschen mit Zwangsstörungen leben oft in legt. Obwohl ich manchmal ein unwohles zwei Welten – und manchmal bleibt dann für Gefühl dabei habe. Aber das Positive überwiegt. das reale Leben nicht mehr die nötige Kraft. Auf der anderen Seite ist es so, dass ein Zwang, wenn er lebensbedrohlich wird, oft zurückweicht. Zum Beispiel gibt es einige Menschen, die aus bestimmten Zwangsgedanken nicht auf die Straße gehen können. Aber sie würden sich immer irgendwo Nahrung organisieren. Notfalls gehen sie dann auch raus.

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„Mir gegenüber sehe ich eine 58 – und ich sehe keine andere Zahl mit der ich die 58 neutralisieren könnte. Eine sieben wäre schön, oder etwas das sieben ergibt, wie 34. Gerade ist ein Mann an mir vorbeigefahren mit der Nummer neun auf seinem Shirt. 58 und neun: Todeskombination. So geht das den ganzen Tag in meinem Kopf. Das bin nicht ich, das ist mein Gehirn. Ich denke, dass ich den sozialen Tod sterben würde, wenn ich diesem Zwangssystem nicht folgen würde. Aber es ist genau andersrum: Dadurch, dass ich das Zwangssystem befolge, laufe ich Gefahr den sozialen Tod zu sterben.“

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Im Film sagt Max an einer Stelle zu ihnen, kann Max gut leben. Andersrum wäre es mir dass es ihr Film geworden sei. Das war nicht natürlich lieber. Es ist zwar schön, in einem die ursprüngliche Intention. Wie ging es Film die Hauptrolle zu haben – aber nicht in ihnen damit? einem, wo man eine tragische Seite von sich Ich hatte permanent ein schlechtes Gewissen. herauskehrt. Ich glaube, das neidet er mir nicht. Gleichzeitig dachte ich mir, wenn ich mich jetzt nicht vor die Kamera setze und das zum Was war das Problem in New York? Thema mache, fahren wir mit leeren Händen Das Problem war eigentlich Max, weil er sich nach Hause. Das wollten wir beide nicht. nicht meinem System beugen wollte. „Zum Glück“ muss man natürlich sagen. Ich bin es von meinen Partnern gewohnt, dass sie die Position des Co-Abhängigen einnehmen. Auch mein jetziger Partner macht das bis zu einem gewissen Grad alles mit. Aber Max hat sich ziemlich schnell – man muss wohl sagen gesund – abgegrenzt. Damit kam ich nicht zurecht. Ich konnte nicht mehr anhand von Max überprüfen, ob das System im Gleichgewicht ist.

Ich hatte nicht vor diesen Film zu machen. Ich wollte das Thema eigentlich literarisch verarbeiten. Ich dachte, wenn ich etwas über diese sehr private Angelegenheit mache, dann muss es sehr exakt werden.

Das wäre auch mit Scham verbunden gewesen. Wir haben angekündigt nach New York zu fliegen, um dort einen Film zu machen. Wir wären gescheitert nach Hause gekommen. Wir haben bis zum Ende parallel an beiden Projekten gearbeitet, weil wir bis zum Schluss nicht wussten, welcher Film es wird. Da wir an dem ursprünglichen Konzept nicht mehr arbeiten konnten, zeichnete sich ab, dass es auf den Film über die Zwangsstörung hinausläuft. Das wurde klar als wir das Material gesichtet haben. Letztendlich ist es auch das interessantere Thema. Filme über Künstler in New York haben schließlich schon genug Andere gemacht. Hingegen gibt es, soweit ich weiß, noch keinen populären Film über Zwangsstörungen. Mittlerweile ist es wieder ein gemeinsamer Film geworden. Ohne Max hätte ich den Film auch nicht gemacht. Wir teilen uns nach außen hin Regie und Drehbuch. Der Fokus liegt zwar auf mir, aber ich glaube damit

Heißt das, dass eine Beziehung mit Max heilsamer wäre? Das kann ich nicht sagen. Ich bin kein Therapeut. Es macht auf jeden Fall Sinn, dass der Partner mit zur Therapie kommt. Ich kenne Erwachsene, die unter Zwangserkrankungen leiden, die immer noch bei ihren Eltern leben. Da kommt es vor, dass die Eltern aus Fürsorge ihre Kinder in ihrem Zwangssystem unterstützen. Dadurch bleiben diese im Erwachsenenalter unselbständig. Ich denke, es geht immer um ein Mittelweg. Mit jemandem wie Max könnte ich nicht zusammen sein. Er müsste einen Schritt auf mich zugehen und ich auf ihn. Mein jetziger Freund ist mit seinen 72 Jahren deutlich älter als ich. Der hat eine andere Gelassenheit. Mit gleichaltrigen Partnern hat das für mich nie funktioniert. Wie geht es Max heute und wie hat sich ihre Beziehung entwickelt?

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Dem geht es gut. Nach einer Auszeit hat sich Nehmen Sie nach wie vor Medikamente? auch unsere Freundschaft in eine positive Ja. Es gibt kein spezifisches Medikament für Richtung entwickelt. Wir gehen heute beide Zwangsstörungen. Man behandelt mit vorsichtiger miteinander um. Antidepressiva, die eine zwangshemmende Wirkung haben. Da bin ich bei einer niedrigen Im Film sagen Sie, dass Sie mittlerweile eine Dosierung. Ich brauche so gut wie gar keine geeignete Therapeutin gefunden haben. Bedarfsmedikation mehr. Es gibt Angstzustände Was war bei dieser Therapeutin anders als unterdrückende Medikamente wie Tavor, bei den vorherigen? die ein starkes Abhängigkeitspotenzial haben. Das ist vor allem ihr Erfahrungsspektrum. Da Da kommt man vom Regen in die Traufe. sie sich auf Menschen mit Zwangsstörungen Ich mache keine großen Veränderungen bei spezialisiert hat, hat sie einen ganz anderen meiner Medikation. Das wäre auch schwierig, Durchlauf als andere Therapeuten. Das ist weil Antidepressiva Wochen brauchen, innerhalb der Psychiatrie ein Nischenthema um erste Wirkung zu zeigen. Ich nehme schon und deshalb gibt es nicht viele Psychiater so lange Medikamente – ich weiß gar nicht mit einem fundierten Wissen zu diesem Thema. mehr, was echt ist und was Nebenwirkung. Eigentlich denkt man ja, wenn man eine psychische Erkrankung hat, dass man zum Wie ist die Beziehung zu Psychiater geht und der einem hilft. Aber da ihrer Mutter heute? gibt es Unterschiede. Es gibt eben welche, Die Beziehung war immer gut und ist es auch die zu einer bestimmten Krankheit mehr heute noch. Nach dem Tod meines Vaters oder weniger sagen können. Der Ansatz meiner habe ich mich sehr an sie geklammert. Ich jetzigen Therapeutin ähnelt dem vom Ultrawollte nie, dass sie abends weg geht. Wir Violet, die in dem Film vorkommt. Ultra-Violet haben einen Weg gefunden uns zu arrangieren. beschreibt das etwas naiv nach dem Motto: Das war keine einfache Zeit, weil sie auch „Liebe dich selbst, dann wird alles wieder gut.“ überfordert war nach dem Verlust ihres Aber im Prinzip ist da ein Teil der Therapie, Mannes. Ich trage ihr das nicht nach, dass sie dass ich anfange mich selbst mehr zu schätzen, damals die Erkrankung nicht realisiert hat. zu respektieren – und mich nicht immer nur Ich habe ja auch alles dafür getan, dass sie es auf die Krankheit reduziere. Ein stärkeres nicht merkt. Hätte sie es bemerkt, hätte sie Selbstbewusstsein ist noch keine Heilung, aber mit Sicherheit reagiert. Als sie jetzt den Film es geht einem schon etwas besser. gesehen hat, war sie sehr betroffen. Sie hat dann mit ihrer Therapeutin viel darüber Gibt es etwas, das Sie ihrem geredet, weil sie sich Vorwürfe gemacht hat. elfjährigem Ich raten würden? Ihr war nie richtig klar, woher meine Erkrankung Ja, zur Therapie zu gehen. Gerade unmittelbar kam. Aber grundsätzlich lieben wir uns. nachdem ein Trauma geschehen ist, kann Auf eine Art hat uns dieses schwere Zeit auch man es ganz gut therapieren. Aber nach 10, 15 zusammengeschweißt. Jahren, wenn sich daraufhin bereits eine Krankheit eingeschlichen und verfestigt hat, Es gab Momente, in denen ich sehr lachen ist das sehr schwer. Ich hatte einfach nicht musste. Können Sie selbst auch über die Komik das nötige Umfeld. Meine Mutter war sehr lachen, die ihre Krankheit mit sich bringt? liebevoll, aber sie hatte keine Sensibilität Ja, das kann ich, wenn es mir nicht gerade für dieses Thema. Das ist auch im zeitlichen extrem schlecht geht. Ich kann es nicht, wenn Kontext zu sehen. Als ich elf Jahre alt war – ich in einer Depression stecke. Ansonsten vor 28 Jahren – gab es einfach weniger Infordenke ich, dass Humor und Selbstironie helfen mationen über Krankheiten wie Depressionen. können. Ich finde es in Ordnung, dass bei Heutzutage kommt durch prominente Selbstdiesem Film gelacht wird – auch an Stellen, mörder wie Robert Enke das Thema Depression an denen ich über etwas sehr Ernsthaftes in die breite Öffentlichkeit. So traurig auch spreche. Ich lebe schließlich damit und will die Anlässe sind, so wichtig ist es, dass über nicht in ewiger Trauer damit leben. diese Themen gesprochen wird. 63


Mir hilft es, darüber lachen zu können. Wenn Darüber kann ich nur spekulieren. Ich kenne ich klar denken kann, weiß ich von der Absurdas auch von mir selbst, dass ich nicht bei dität der Gedanken. Bei jemand mit einer Leuten direkt nachfrage. Wenn zum Beispiel Psychose ist das anders. Der ist von seinem jemand eine Weile gefehlt hat. Nicht aus Wahn überzeugt. Ich hingegen weiß, dass das einer Gleichgültigkeit, sondern aus der Angst Quatsch ist. Aber auch das ist phasenabhängig. heraus zu privat zu werden. Ich habe auch Phasen, in denen es mir schlechter geht. Dann habe ich das Gefühl, Können Sie der Krankheit auch es entgleitet mir. Das Skurrile und Absurde etwas Positives abgewinnen? dieser Gedanken ist der Grund, warum sich Ich stecke da zwischen der Akzeptanz und viele Leute davor scheuen, sich mit dieser gewünschter Heilung. Zu einem gewissen Krankheit öffentlich zu machen. Damit geht Teil kann ich meine Krankheit annehmen und immer die Angst einher für verrückt gehalten akzeptieren. Aber da sie mit einem Leidenszu werden. druck verbunden ist, wünsche ich mir, dass sie weiter in den Hintergrund tritt. Das ist gerade Viele von den Künstlern, die ihr interviewt bei Zwangsstörungen – die schwer zu therahabt, haben selber auch Absonderlichkeiten an pieren sind – immer eine Gratwanderung. sich. Hilft dir das im Umgang mit deiner eigenen Letztlich bleibt einem aber nichts anderes Krankheit? übrig als das zu akzeptieren, was sich nicht Der Unterschied ist, dass die Leute, die wir mehr ändern lässt. Wobei ich das nicht interviewt haben, Vollzeitkünstler sind. bezüglich jeder psychischen Krankheit sagen Die können sich das erlauben, ihre Exzentrik, würde. Im Vergleich zu Zwangsstörungen ihre Verrücktheit zum Beruf zu machen und sind Depressionen zum Beispiel gut theradaraus ihre Kreativität zu schöpfen. Ich habe pierbar. Da lohnt es sich, etwas zu machen, aber auch noch einen Beruf als Sozialpädagoge. bevor man den Zustand akzeptiert. In diesem Betrieb muss ich nach bestimmten Regeln funktionieren. Da muss ich selber Das Schöne an dem Film ist, dass Sie zeigen, Menschen helfen, die psychisch krank sind, dass man mit dieser Erkrankung leben kann. und muss mich mit meiner Krankheit zurückJa, man kann damit leben. Es gibt aber natürlich nehmen. auch Menschen, die schlimmere Formen der Zwangsstörungen haben. Die sind mitunter Funktioniert das? auch nicht erwerbsfähig. So schlimm ist es bei Ja, vorausgesetzt ich fühle mich gut. Wenn es mir nicht. Aber ich war auch in dieser Situation. mal nicht funktionieren würde, wäre es auch Ich war über ein Jahr krankgeschrieben. In kein Drama. Mein Team und mein Chef wissen diesem Moment ist man auf professionelle von meiner Erkrankung. In den letzten sechs Hilfe angewiesen. Außerdem ist es gut, wenn Jahren habe ich nur zwei Wochen wegen einer es Angehörige gibt, die einem zur Seite stehen psychischen Krise gefehlt. Ich bin also arbeits- und auch gucken, wie man betreut wird. fähig. Ich habe aber auch bewusst nur eine Das war bei mir nicht der Fall. Meine Familie halbe Stelle, weil ich glaube, dass eine volle war dazu aus Scheu oder Scham nicht in Stelle bei mir zu viel Stress erzeugen würde. der Lage. Deshalb sind mir diese neun Monate Das wäre kontraproduktiv für die Erkrankung. in der Psychiatrie auch nicht bekommen. Ich selber konnte mich nicht artikulieren – Welchen Einfluss hat der Film auf und von außen hat keiner geguckt. ihr persönliches Umfeld? Ich werde aus meinem Freundeskreis und von meinen Arbeitskollegen nur sehr selten auf den Film angesprochen. Ich glaube, da gibt es eine Scheu. Es wird sicherlich hinter meinem Rücken über den Film gesprochen, ich weiß aber nicht, ob anerkennend oder negativ. Mehr Informationen im Internet unter www.zahlenliebe.de

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Theatre du Pain Das Theatre du Pain ist ganz und gar sein eigenes Genre. Es geht um philosophischen Dada, Sentimentalität und sich bahnbrechenden Anarchismus. Das Trio spielt grandios mit unseren Seh- und Denkgewohnheiten und verbiegt mit staunenmachender Leichtigkeit die Hilfslinien unseres Daseins zu dessen Fallstricken.

Hans KĂśnig 68


30 Jahre Theatre du Pain ist eine lange Zeit. Kannst du eure Gründungsgeschichte ein bisschen erläutern? Ich habe mit 17 als Liedermacher angefangen. Da habe ich Lieder gegen den Krieg und politisch motivierte, moralische Lieder zur Verbesserung der Welt gespielt. Davon war ich sehr überzeugt. Das war jugendlicher Narzissmus im positiven Sinne. Deshalb bin ich auch von der Schule abgegangen. Ich dachte, mir muss in der Schule keiner mehr etwas beibringen. Nach zwei Jahren habe ich gemerkt, dass ich nicht alleine auf der Bühne stehen will, weil mir das zu einsam war. Ich bin dann zu einem Freund gegangen, der auch keinen Bock mehr auf Schule hatte, aber nicht wusste, was er machen wollte. Der war witzig, eine total anarchische, skurrile Type. Den habe ich gefragt, ob wir nicht zusammen auftreten wollen. Wir haben dann angefangen, mein Liederprogramm mit Szenen aufzuhübschen. Von 1980 bis 1986 waren wir damit unterwegs, haben auf Kleinkunstbühnen gespielt und davon gelebt. Aktionskabarett nannte sich das. Es war in der 1980ern eine politisierte Zeit. Es gab den Nato-Doppelbeschluss, die Anti-AKW-Bewegung. Man sprach nicht von politischen Utopien – man war einfach überzeugt, dass man in der falschen Welt kein richtiges Leben führen kann. Im Gegensatz zu heute, wo die Furcht herrscht, etwas zu verlieren, gab es damals ein in der Jugend verbreitetes Gefühl von: So kann es nicht sein und wir müssen irgendwo hin, wo es besser ist. Ich erzähle das, weil das wichtig ist für unser damaliges Selbstverständnis. Das erklärt auch etwas den Erfolg, den wir damals hatten. 1984 sind wir dann von den Grünen in Nordrheinwestfalen engagiert worden. Wir haben eine Tour durch die nordrhein-westfälische Provinz gemacht. Begleitet wurde diese Tour von einer Gruppe namens Die Sechs Richtigen. Die traten in Anzug und Krawatte auf und haben zwischen ihren Stücken immer wieder teilweise sehr seltsame Sachen gemacht. Das waren unsere späteren Kollegen: Mateng, sein Bruder Uli, Markus, Mike und Manni. Wir schlossen uns auf dieser Tour spontan zusammen, z.B. befremdeten wir die Passanten

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dadurch, dass wir den Kopf in die Rabatten steckten oder zwischen die Kleiderbügel einer Boutique oder uns in einem Eiscafé plötzlich die Schuhe auszogen. Dabei agierten wir stets so, als wäre das, was wir tun, das Normalste auf der Welt. Wir waren auf den ersten Blick gut angezogen und unsere Entgleisungen führten nie in eine Richtung, dass man sie klar verorten konnte. Zum Beispiel hat Mateng in Leipzig auf dem Marktplatz einen Straßenlaternenmast rasiert – mit Rasiercreme und allem was dazugehört. Dann bildete sich eine Traube von Leuten, die anfingen herumzupöbeln. „Was ist das denn für’n Scheiß?!“ Wir sahen aber auf den ersten Blick eben super adrett aus. Erst bei genauerem Hinsehen sah man, dass die Anzüge nicht richtig saßen oder böse Flecken hatten. Ich stellte mich während Matengs Aktion neben einen völlig empörten älteren Herren, der sich gar nicht mehr einkriegen wollte und nickte ihm, während er schimpfte, zustimmend zu. Was er nicht sah, war, dass ich im Arm eine Puppe trug, die ich stoisch kämmte. Das sah er erst auf den dritten Blick. Dann war er so krass angefressen, er dachte sicher kurz, jetzt spinnt er. Und er hat direkt Reißaus genommen. Heute machen Leute wie Remi Gaillard oder JackAss vergleichbare Sachen auf eher aggressive Art. Es geht uns aber nicht darum, den Leuten mit dem nackten Arsch ins Gesicht zu springen, oder sie um des Provozieren willens ärgern. Stattdessen machen wir Dinge, bei denen man zuschauen kann, wie sich die Denkgitter anfangen zu verbiegen. Die Leute wissen nicht, wo sie das hintun sollen. Was bleibt sind Überforderung und Angst. In dem Fall ist das okay. Bei vielen Leuten, die das nicht komplett ablehnen, setzt das etwas frei. Wir haben immer wieder erlebt, dass durch unser Beispiel, Verrücktes einfach zu tun, Leute, denen man das nie zugetraut hätte,


plötzlich anfingen, Seiten von sich zu zeigen, die vorher nie getraut hätten zu zeigen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir Menschen dieses anarchistische, schöpferische Potential haben. Es verkümmert nur oder wurde nie ausgebildet, weil es eben tabuisiert ist. Damals haben wir gemerkt: Das ist es jetzt, das Theatre du Pain. Das ist genau das, was die Zeit braucht. Dann ging das ganz schnell, dass wir 1985 die Blaue Karawane begleitet haben. Das war eine Tour, die von der Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie mitorganisiert wurde. Das ging damals in Italien los. Italien hatte ja einst beschlossen, eine Psychiatriereform durchzuführen. Alle geschlossenen Anstalten sollten geöffnet werden. Das ging von Triest aus. Da gab es eine Bewegung, die sich das Blaue Pferd nannte. Dort haben sich die Insassen einer riesigen Anstalt selbst befreit. Die Karawane zog von Triest in Italien nach Hamburg durch diverse Psychiatrien. Dabei waren 60 ehemalige Langzeitpatienten, Ärzte, Pfleger und jede Menge Journalisten. Es ging darum zu fragen: Wie gehen wir mit unseren psychisch Kranken um? Was ist psychisch krank und was ist normal? Wir haben in und vor den Psychiatrien gespielt. Das war ein Aha-Erlebnis. Wenn du sechs Wochen mit Durchgeknallten zusammen bist, verschwimmt alles. Dann wird Seltsames normal und bald ist man auch sehr froh über sogenannte altbekannte kontrollierbare Normalität. Ich will das nicht verklären. Psychische Defekte können sehr problematisch sein. Wobei man trotzdem darüber nachdenken muss: Was erzeugt sie und woran werden diese Defekte gemessen? Und, wenn sie veranlagt sind, was macht sie so gefährlich für unsere Gesellschaft? Das war 1985 und da steckte von Seiten der Medien und der Politik eine ziemliche Power dahinter. Die Diskussionen darüber wurden sehr hitzig geführt und beglaubigt von den Langzeitpatienten, die mit dabei waren. Einer sagte: „Ich war 30 Jahre eingesperrt. Ich wurde mit Handschellen an die Heizung angekettet, weil die meinten, ich sei gefährlich.“ Das sind großartige Leute, die der Welt etwas zu geben hatten und haben. Die erzählten

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eben ihre Geschichten auf dieser Tour, wie sie in diese Mühlen geraten sind und was der Staat in den Einrichtungen so mit einem macht. Heute wird das eigentlich nur noch anhand individueller Fälle diskutiert, wie beim Beispiel Gustl Mollath. Damals war das ein Politikum. Das war unser Thema und ist es eigentlich bis heute. Das war im Prinzip unser Gründungserlebnis. Da haben wir gemerkt, dass wir mit unserer Auffassung von Theater ganz aktuell und subversiv sind. Wir haben auf dieser Tour fast täglich neue Programmteile entwickelt. Haben immer versucht zu reagieren auf das, was wir erlebten. Etwas, was uns dabei ein bisschen unterscheidet von vielen Kollegen, ist der Hang zur einer weitreichenden Selbstironie. Wir nehmen uns ernst und gleichzeitig nicht so wichtig. Das sorgt für eine gesunde Distanz. Man wird nicht zu pathetisch, zu klagend, zu projizierend. 1986 hatten wir eine Art nationalen Durchbruch. Da fand das Anti-WAA Festival in Burglengenfeld statt. Dort sollte eine Wiederaufbereitungsanlage implantiert werden. Dagegen haben sich die Oberpfälzer gewehrt. Das war eine Riesenveranstaltung mit den Toten Hosen, Herbert Grönemeyer, BAP, Rio Reiser. Ein Bekannter von uns war der Pressesprecher dieses Festivals und brachte uns dort unter. Ein echter Coup! In der ganzen BRD hingen Plakate:


Herbert Grönemeyer – BAP – Theatre du Pain – Rio Reiser. Dann hatten wir diesen Auftritt vor 150.000 Menschen. Auf dem Festival war viel Presse vertreten. Durch den Kontext des Anti-WAA-Festivals haben die unser Treiben hochpolitisch interpretiert und uns zum intellektuellen Höhepunkt des Festivals hoch geschrieben. Die haben da viel hinein interpretiert, von dem ich gar nicht wusste, dass es drin ist. Mir ist zum Beispiel bei einem Stück ständig das Kabel aus der Gitarre gesprungen, weil ich es nicht gewohnt war, auf so einer riesigen Bühne zu spielen. Das Kabel war zu kurz. Aber ein Journalist von der FAZ sah darin, dass wir den Narzissmus der linken Bewegung aufs Korn nähmen. Da wurde mir erst klar, wie Rezeption von Kunst funktioniert und wie stark das von dem Kontext abhängig ist. Wie Kunst auch erst durch den Betrachter entsteht, der in der Lage ist, sie zu interpretieren. Es geht auch darum, ab wann ein Mensch es wert findet über etwas nachzudenken. Das ist oft erst der Fall, wenn es auf einer Bühne stattfindet. Noch besser ist es, wenn es eine große Bühne ist. Wenn dann noch 100.000 Menschen zuschauen, dann muss es wohl auch wichtig sein. So läuft das Spiel. Viel hängt davon ab, wann du wo bist und was du machst. Da ist viel Glück dabei und man muss auch hinnehmen, dass Dinge vergehen und wiedergefunden werden. Wir haben gemerkt, dass das, was wir machen, uns und vielen Menschen etwas bedeutet und uns dazu entschlossen, das Projekt weiterzuspinnen. Aber wir waren damals zu sechst. Von Markus und Mike mussten wir Ende der Achtziger trennen. Die hatten parallel eine Band gegründet und für sich einen anderen Schwerpunkt gesetzt. Uli ging 1992 und Stefan ist 1998 ausgestiegen. Wolfgang kam 1999 dazu. Seitdem sind wir konstant zu dritt.

Aufnahmen von dem Stück Jubiläumsprogramm – 30 Jahre Theatre du Pain in der Moritzbastei in Leipzig

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Wie würdest du eure Arbeitsweise beschreiben und wie hat sie sich in dieser langen Zeit entwickelt? Wir waren eigentlich nie richtig zu verorten, sondern haben von den Kontrasten gelebt, weil wir alle sehr verschieden waren. Von mir kam meist der Input, aber jeder hat daraus gemacht, was er wollte. Das war das Markante an der Zeit. Ich wusste, ich gebe eine Farbe rein, eine Grundidee und dann verändert sich das. Das ist so, als wenn du als Fotograf ein Foto machst, es dir später anschaust und dich nicht mehr daran erinnern kannst, es gemacht zu haben. Du schaust es dir als Betrachter an – ohne deine Intention noch zu wissen. So geht es mir, wenn ich einen Text von mir finde, an den ich mich nicht mehr erinnere. Das ist als künstlerischer Prozess für mich äußerst spannend gewesen. Ich mag es auch, wenn ich etwas schreibe und ein anderer Regisseur macht durch seine Umsetzung etwas Eigenes daraus. Durch diese Modifikation, die dabei entsteht, verliere ich mich und meine Intention und kann darin noch mehr sehen. Das Theatre du Pain-Konzept war anarchisch. Wir haben uns einen Teufel um Plot, um Story, um Spannungsbögen geschert. Das hatte den Nachteil, dass es dadurch manchmal völlig gaga wurde und wir nicht mehr genügend Kontrolle hatten. Das hat sich im Laufe der Zeit geändert. Die Passion wurde zum Handwerk. Wir wussten, wie wir was herstellen können, ohne es einfach dem Clash zu überlassen, der entsteht, wenn sechs Leute auf der Bühne aufeinander prallen. Mit der Erfahrung haben wir gelernt, das Ganze, sagen wir, das Chaos etwas strukturierter, etwas planvoller einzusetzen. Die Methodik ist jedoch geblieben. Nach wie vor versetzen wir den Zuschauer ins Staunen und in Verwirrung, indem wir Kontraste erzeugen, die er so noch nie gesehen hat. Wir arbeiten mit Widersprüchlichkeit, um den Leuten nicht so schnell die Möglichkeit zu geben, uns in eine Schublade zu stecken. Es gibt dieses schöne Zitat von Robert Wilson: „Was ich nicht verstehe, kann ich nicht vergessen.“ Das heißt, die Ratio will ordnen. Unverständliches ist wie ein Baumstamm in einem Fluss. Er kann sich querstellen, Stauungen verursachen. Er stört den Fluss. Für mich ist das wichtig, weil die Funktionsstörung mir erst die Funktion erklärt. Was tue ich da eigentlich? 72


Das ist das, was wir versuchen. Baumstämme im Gedankenfluss zu sein: Die Leute auf eine konstruktive, aufklärende Weise tief zu verunsichern. Damit sie merken: „Oh, da hat sich gerade eine Tür zu einer Welt aufgemacht, die gibt es auch noch. Da könnte ich ja auch selber mal rein.“ Wir sind vielleicht etwas bessere Musiker und Darsteller geworden. Vielleicht sind wir auch bessere Dramaturgen, Regisseure und Autoren geworden, aber diese anarchistische Energie von damals ist nicht wieder herstellbar. Wir mussten ihr eine andere Form geben. Wir haben versucht, uns nicht zu reproduzieren ohne das etwas abschleift oder zur Routine wird. Das ist schwierig, wenn die Leute einen wegen seiner Extreme lieben. Es gibt Leute, die in erster Linie immer die Kettensäge wollen. Bei unserem letzten Programm Revoluzzion zum Selbermachen haben wir bewusst ein Kleinkunstformat kopiert. Da gibt es immer so

eine Zwischenmoderation, die man aus entsprechenden Formaten kennt. Das hat manch einen gestört, weil man manche Sachen tatsächlich verstehen konnte. Es gibt da so eine Art Zaubernummer, bei der ich – völlig dillettantisch – Wolfgang wegzaubere mithilfe des Publikums. Ich frage: „Warum opfern wir nicht mehr in unserem Leben? Weil wir nicht mehr an Wunder glauben!“ Dann mache ich die Leute heiß, frage sie „Wollt Ihr jetzt ein Wunder?“ – „Ja!“. Dann brauche ich jemanden aus dem Publikum, der ein Opfer bringt. Meist besteht es darin, 30 Sekunden die Luft anzuhalten. Dann geht das Licht aus und wir tauschen Wolfgang, der unter einer Decke verborgen ist, gegen Mateng aus. Dann reiße ich ihm die Decke weg. Er sieht aus wie ein Neandertaler, mit Fell und Gebiss. Der kann sich aber gewählt ausdrücken und referiert über den Mythos Wohnen. Da geht es darum, dass durch das Wohnen erst das bürgerliche Individuum entstanden ist. Da sieht man unsere Entwicklung. Das hat immer noch viel von Theatre du Pain, ist aber schon fast massenkompatibel. Was macht ihr außer Theatre du Pain noch? Mateng ist neben Theatre du Pain Schauspieler und arbeitet für verschiedene Produktionen in Bremen. Wolfgang macht hauptsächlich Regie. Außerdem arbeitet er als Tubist in verschiedenen Produktionen. Mit Mateng mache ich noch ein anderes Programm, das sich Butzbacher & Brommelmeier nennt. Das machen wir inzwischen seit 25 Jahren. Das sind sogenannte Mikro-Dramen. Was da geschieht, ähnelt dem Theatre du Pain-Humor, aber es ist mehr in kleine Geschichten verpackt. Es geht um zwei Männer, die auf Korsika leben. Ich arbeite sonst noch als Regisseur und Autor für verschiedene Projekte. Wir würden alle sagen, dass Theatre du Pain unser Elixier ist. Aber wenn wir von einer zweiwöchigen Tour nach Hause kommen, sind wir auch ziemlich müde. Natürlich sind wir total beglückt davon, jeden Tag zu spielen, mit den Leuten zu interagieren und mitzubekommen, was das mit den Leuten macht. Aber heute ist es gut, das temporär auf zwei bis drei Touren pro Jahr zu reduzieren und nicht jedes Wochenende dafür weg zu müssen.

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Organisiert ihr euch selbst oder Siehst du das Theaterspielen als ein Ventil, habt ihr einen Manager? um Dinge zu verarbeiten, die du nur in diesem Nein, das machen wir selbst. Es kommen Rahmen bearbeiten kannst? immer mal wieder Leute auf uns zu, die unsere Definitiv. Da müsstest du meine Söhne fragen. Sachen toll finden und uns vertreten möchten. Noah, der Ältere, ist 17 Jahre und in einem Die fangen dann sehr überschwänglich Alter, in dem er sich viele Gedanken über die an und nach einem halben Jahr sind sie ganz Welt macht. Der interessiert sich auch für kleinlaut. Für das Theatre du Pain, das frei das, was ich auf der Bühne mache. Der erlebt über den Kategorien schwebt, ist es nicht mich natürlich auch als ganz biederen Vater, leicht, in dieser Phase der allgemeinen Formader ihn morgens weckt oder ihn anmacht, tierung Plätze zu finden. weil er sein Frühstücksbrot vergessen hat. Gleichzeitig sieht er uns dann abends auf Das heißt es ist schwieriger geworden, der Bühne, wie wir unseren Ellbogen braten. Möglichkeiten zum Auftreten zu finden? Für ihn ist es gut, beide Seiten zu sehen – Eine grundsätzliche Problematik sehe ich um zu verstehen, dass beides parallel geht darin, dass Menschen in Deutschland heute und auch beides sein muss. Die wollen mich angstbestimmter leben als vor 10 oder 15 doch auch nicht als Theatre du Pain-Typen, Jahren. Die Leute haben ein starkes Bedürfnis der permanent Anarchist ist. Es sind beide nach Erkennbarkeit bei dem, was sie sehen. Seiten da und die konsolidieren sich auch Sie wollen das einschätzen können. Sie werden gegenseitig. Jeder Mensch hat so viele Seiten nicht gerne verunsichert und irritiert. Das in sich. Ich als Künstler habe das Glück, die ist heute gleichbedeutend mit gefährlich und Melancholie, die Verzweiflung zu etwas unangenehm. Das war einmal ganz anders. Schönem, zu etwas Erbaulichem zu machen. Das Paradigma lautete früher: Risiko? Warum Ich würde verzweifeln, wenn ich den Input, nicht?. Heute heißt es: Bloß nicht, es ist alles den ich habe, nicht in irgendeiner künstleriunübersichtlich genug. schen Weise zum Ausdruck bringen könnte. Ich weiß gar nicht, wie das andere Menschen Ich hätte gedacht, dass ihr euch euer machen, die das nicht haben. Wo tun die Publikum bereits erspielt habt. das denn hin? Wie sonst dieser Welt, die außer Ich jammere schon auf höherem Niveau. Ich Rand und Band ist, begegnen? glaube, heute wäre es kaum möglich, ein Projekt wie das Theatre du Pain aus der Taufe zu heben. Die Zeiten sind ganz andere. Was Medien wie Fernsehen angeht, sind wir wirklich an die Grenzen gestoßen. Es gab einige Redakteure, die Lust gehabt hätten, mit uns etwas Neues auszuprobieren. Es wurden dann mal ganz vorsichtige Versuche gestartet, aber dann schnell die Finger davon gelassen. Was wir machen, ist in den Augen der TV-Redakteure nicht telegen. Da hieß es dann, das sei zu frech oder zu extrem. Wenn einem diese mediale Unterstützung versagt ist, fehlt einem schon ein Teil, der sehr hilfreich sein kann. So befinden wir uns zwischen allen Stühlen, Etiketten und Marken. Aber solange es immer noch Veranstalter gibt, die uns schätzen, spielen wir weiter.

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Habt ihr irgendwelche psychischen Erkrankungen, die ihr beim Theater spielen verarbeitet? Ich hatte mit Ängsten zu tun, die ich heute gut unter Kontrolle habe. Die hatte ich vermutlich schon immer. Vor 12 Jahren traten sie mir dann zum ersten Mal gegenüber. Plötzlich wusste ich nicht mehr was los war. Es ging um die Konfrontation mit dem Tod und Kontrollverlust. Das war für mich wichtig – eins der wichtigsten Dinge, die mir je widerfahren sind. Das war auch nicht so schnell vorbei. Strukturell habe ich damit immer zu tun. Wenn man eine Affinität dafür hat, dass unbestimmte Ängste durchbrechen, kann das theoretisch immer wieder passieren. Das ändert die Sichtweise, weil man dünnhäutiger wird und nicht wie üblich filtern kann. Wenn man diese Störung hat, verquert sich vieles. Man macht Erfahrungen des Ausgeliefertseins. Das waren alles Punkte, an denen ich viel über mich zu lernen hatte. Ich habe mich dann mit Techniken beschäftigt, mit denen ich mir selber helfen kann. Da ging es um pragmatische Sachen wie dem Einsatz von Atmung, um Meditation und auch um einige Praktiken aus der sogenannten energetischen Psychologie. Ich musste eben lernen, auf bestimmte Dinge in mir zu achten, damit das nicht nochmal passiert. Ich fing dann erst an, vor Auftritten aufgeregt zu sein. Das habe ich vorher vermutlich nie zugelassen oder wahrgenommen. Ich würde sagen, ich habe versucht diese Energie, die auf mich zukam, nicht abzuwehren, sondern habe versucht etwas Konstruktives daraus zu machen. Wie schafft ihr es, euch selbst beim Spielen nicht zu langweilen? Das ist ein Rahmen, den man immer wieder mit Energie füllt, um wieder welche zurückzubekommen. Da ist es eigentlich egal, was man macht, das wird nicht langweilig. Dieses Jubiläumsprogramm, mit dem wir jetzt unterwegs sind, das ist anstrengend. Da sind wir wirklich am Limit, was die körperliche Anstrengung angeht. Es macht einfach viel Spaß und braucht auch so viel Präsenz und Konzentration, dass man gar nicht zum Nachdenken kommt.

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In diesen 30 Jahren seid ihr bestimmt auch durch einige Krisen gegangen. Wie seid ihr mit denen umgegangen? Es hat sicherlich geholfen, dass wir die Zügel nie so straff halten mussten. Wenn das Theatre du Pain eine Firma wäre, die uns ausschließlich ernähren würde, hätten wir uns bestimmt auseinander gefetzt. Es gab auch eine Zeit, in der wir eine Supervision brauchten. In dieser Phase ging es darum, Distanz voneinander zu kriegen, sich voneinander zu emanzipieren. Das hat unseren Fortbestand gerettet. Das war 1998. In der Trennungsphase von Stefan mussten wir uns viel miteinander auseinandersetzen. 2005 gab es nochmal eine weitere Krise. Das ist im Prinzip Beziehungsarbeit, bei der man lernt: Das ist meins, das ist deins. Wenn du etwas sagst, sage ich nicht: „Du spinnst“, sondern ich höre es mir an. Dann grenze ich mich auf eine Art und Weise ab, mit der beide leben können. Da beginnt man langsam, diese ganzen Projektionen zu begreifen und Gefühle wie Neid und Missgunst unter Kontrolle zu kriegen. Unsere Supervisorin hat das so beschrieben: Es ist ähnlich wie in einer Liebesbeziehung. Dinge, die am Anfang durch die Verliebtheit funktionieren, funktionieren irgendwann nicht mehr. Im Laufe der Jahre muss man lernen, das kognitiv zu lösen. Man lernt, bestimmte Instrumente zu nutzen, wie zum Beispiel auf eine bestimmte Art und Weise zuzuhören. Es geht auch darum zu verstehen, dass das, was der Andere tut, nicht als Angriff auf die eigene Integrität gemeint ist. Ich empfinde es als großes Geschenk, dass wir schon so lange miteinander arbeiten können. Das künstlerische Verständnis, das wir füreinander haben, ist da ganz wichtig.

Wolfgang ist Epileptiker und 2010 sind wir mit ihm durch eine Krise gegangen. Vier Tage vor der Premiere wollte er nicht mehr. So etwas gemeinsam zu erleben, schweißt enorm zusammen. Das geht weit darüber hinaus ab und zu mal miteinander zu spielen. Man kann sich aufeinander verlassen, einander vertrauen. Das spiegelt sich auf der Bühne wieder. Es ist noch nicht so lange, dass wir das Gefühl haben, dass wir das, was wir machen, wirklich beherrschen. Das geht nur dadurch, dass wir uns lange kennen. Dadurch haben wir eine Stetigkeit und sind sehr gut aufeinander eingespielt. Ich genieße das, denn es ist erarbeitet und auch durchlitten.

Mehr Informationen unter www.theatredupain.de

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Stifte von Heinrich Reisenbauer, Bleistift und Farbstifte, 2013


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Becher von Heinrich Reisenbauer, Acryl auf Leinwand, 2014


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Äpfel von Heinrich Reisenbauer, Acryl auf Leinwand, 2011


Art / Brut Center Gugging

Das Art/Brut Center Gugging ist ein Ort für Art Brut in der Nähe von Wien. Dort werden die Werke der Gugginger Künstler am Ort ihres Entstehens gezeigt und gleichzeitig ist es ein Forum für internationale Art Brut und Gegenwartskunst. Zu dem Art/Brut Center Gugging gehört das Museum, die Galerie, das Haus der Künstler und das offenene Atelier.

Nina Katschnig 86


Was machen Sie beruflich hier in Gugging? Wie sind Sie zu der Arbeit mit Ich bin Geschäftsführerin der Galerie. Seit psychisch Kranken gekommen? 17 Jahren bin ich hier. Damals habe ich im Über mein Studium der Pädagogik und PsychoHaus der Künstler angefangen. Da gab es logie. Ich habe eigentlich Medienkunde die Galerie und das Museum noch gar nicht. und Journalistik studiert. Aber ich habe mich Ich hatte das Glück zur richtigen Zeit am immer in Psychologievorlesungen gesetzt, richtigen Ort zu sein. Ich konnte das Museum weil mich das viel mehr interessiert hat. mit aufbauen, die Stiftung entwickeln, Mich fasziniert der Mensch und die bewussten den Verein mit dem Atelier weiterentwickeln, und unbewussten Vorgänge, die in ihm vondie Galerie entwickeln. Bis letztes Jahr habe stattengehen. Das Studium allein war mir ich auch das Standortmanagement für zu wenig. Deswegen habe ich zusätzlich noch das Museum innegehabt. Davon habe ich mich die Ausbildung, das Psychotherapeutische zurückgezogen, um zu meiner Kernkompetenz Propädeutikum, gemacht. Dort war ein Praktizurückzukommen – zur Galerie. Ich habe die kum erforderlich, das ich in einer Psychiatrie Repräsentation der Künstler aus Gugging auf in Klagenfurt gemacht habe. Ich war dort auf eine internationale Ebene gehoben. Durch einer Station für chronisch psychisch Kranke. die internationalen Kontakte ist es uns mögDa war einer dabei, der gezeichnet hat. lich, Künstler aus aller Welt nach Gugging Das weckte mein Interesse. Gibt es da einen zu holen. Das heißt, es findet jetzt ein Austausch Zusammenhang zwischen Kreativität und zwischen den Künstlern statt. Die Galerie psychischer Krankheit? Oder ist das unabhängig Gugging ist so etwas wie die Botschaft der voneinander? Dann habe ich meine DiplomGugginger Künstler weltweit. Mein Hauptarbeit über Schizophrenie, Kunst und Kunstberuf jetzt ist das Kuratieren der vier Galerietherapie geschrieben. Da war es naheliegend ausstellungen pro Jahr, die Galerie auf Messen hier nach Gugging zu fahren. Das war 1997. zu vertreten und die Geschäftsführung. Da war die Galerie noch drüben im Haus der Künstler. Das war räumlich sehr beengt. Deshalb entschieden wir uns mit der Galerie hier in dieses neue Gebäude gehen. So fing das an. Wir haben die Räume hergerichtet und mit der Galerie angefangen. Dann kam das Museum, das Atelier und der Shop. Jetzt kommt noch ein Restaurant dazu. So ist dieses Art Brut Center Gugging entstanden. Ich baue gerne Systeme auf. Von daher konnte ich mich hier gut ausleben und mitgestalten. Die Jobs, die wir jetzt haben, hat es vorher alle nicht gegeben. Die haben wir uns selber geschaffen.

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Wie finanziert sich Gugging? Die Galerie ist völlig selbständig, finanziert sich also über den Verkauf der Werke. Das Haus der Künstler ist ein Verein, wird von dem getragen und bekommt eine Landessubvention. Das Museum wird vom Land gefördert. Die Stiftung ist eine Privatstiftung. Es sind viele Baukastensysteme, die da zusammenarbeiten, um ein großes Ganzes für den Gast zu ergeben. Wie sehen Sie die Verbindung von psychischer Erkrankung und kreativem Ausdruck? Wie unterscheidet sich Art Brut ihrer Gibt es da einen Zusammenhang? Meinung nach von anderer Kunst? Nein, da gibt es keinen. Es ist auf jeden Fall Für mich gar nicht. Für mich ist Kunst Kunst. nicht nachweisbar. Sonst müssten ja alle Es ist wie ein Mantel, den man ihr umgehängt Menschen mit psychischer Krankheit Künstler hat. Jean Dubuffet hat das in den 70er Jahren sein – und wiederum alle Künstler eine gemacht. Da gab es das Bedürfnis, dem Kind psychische Beeinträchtigung haben. Es wird einen Namen zu geben. Ich steh nicht auf oft angenommen. Cesare Lombroso hat im den Art Brut-Begriff. Der tut meiner Meinung 19. Jahrhundert Genie und Wahn geschrieben. nach nicht Not, weil Jean Dubuffet mit seiner Aber das ist eine sehr romantische Vorstellung. Kollektion der Art Brut fast ein Ghetto geMan hat für bestimmte Dinge Talent. Jeder schaffen hat. „Das ist die einzig wahre Kunst – Mensch hat ganz viele Talente. Wir nutzen und die Mainstream-Kunst ist Prostitution.“ von denen nur einen Bruchteil, weil wir Das ist auch Blödsinn. Das sind Dogmen nur eine bestimmte Menge Zeit haben. und so etwas geht nie gut. Ich habe versucht Oder weil wir aufgrund unserer Sozialisation eine Definition von Kunst zu finden. Es gelingt gar nicht dazu kommen. Ich liebe diese Arbeit mir nicht wirklich. Ich kann höchstens sagen, hier – aber ich könnte mir auch vorstellen, dass Kunst das ist, was zu einer gewissen auf einem Bauernhof zu arbeiten oder einen Zeit als Kunst rezipiert wird. Van Gogh hatte Garten zu haben. Aber ich komme nicht damals nichts von seinem Schaffen. Erst dazu. Ich kann nicht sagen, ob ich ein Talent heute wird es als Kunst anerkannt. Wovon dazu hätte, aber ich tu es gerne. Ich denke hängt das ab? Umso besser, wenn ein Künstler für alles, was ich gerne tu, habe ich auch ein seine Ausstellungen, seine Sammler und vor Talent. Was mich an der Kunst interessiert, allem seine Anerkennung schon zu Lebzeiten ist dieser ursprüngliche Ausdruck. Viele hat. Darum geht es, deshalb machen wir mainstreamkonforme Künstler versuchten die Arbeit hier: damit der Künstler etwas von und versuchen ja sich in diese Art Brutseinem Schaffen hat. Die Künstler würden Welt hineinzuversetzen. Picasso hat sich sich nicht selbst vermarkten können. Es geht zum Beispiel von den Afrikanern Anregungen nicht nur darum, dass sie Freude daran geholt. Es geht immer um die Inspiration haben, sich auszudrücken. Sie sollen auch in der Natur, im Ursprung. Das versuchen sich Geld damit verdienen können. die Menschen zurückzuholen, indem sie sich irgendwohin zurückziehen oder Pilze essen, um in diesen entrückten Zustand zu gelangen. Aber das ist es alles nicht. Man kann das alles machen und weiß trotzdem nicht, ob dabei großartige Kunstwerke entstehen. Es geht eher um Talent.

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Es geht Ihnen also nicht darum, den Hintergrund der Künstler herauszustellen? Überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Es ist eher so, dass ich das in vielen Fällen als sehr voyeuristisch empfinde. Ich schaue mir in einem Museum Bilder an und wenn ich etwas gar nicht verstehe oder mir etwas gar nichts sagt, dann fange ich an nachzulesen. Und wenn ich es dann immer noch nicht

Das heißt ihr habt es auf einem internationalen Level leichter, weil euer Background nicht bekannt ist. Ja, das ist so. Natürlich ist die Psyche der Hintergrund. Aber die Menschen sind einfach Menschen. Sie sind nicht wegen der Psychiatrie zu Künstlern geworden, sondern aufgrund ihres Talents. Es geht darum, das Positive zu betonen. Das tun wir. Leute fragen uns oft, warum bei den Bildern keine Krankengeschichten dabei stehen. Weil es nicht darum geht. Es geht um das künstlerische Produkt. Wenn einen das anspricht, ist es gut, wenn nicht, ist das auch okay. So geht es mir überall, in allen Museen und Galerien. „Das hier, von dem mit der Schizophrenie, das gefällt mir nicht. Das hier, von dem mit der Depression, das Dunkle – da hab ich eher einen Zugang.“ Es ist immer die Interpretation des Betrachters. Um es verstehe, dann ist das halt so. Mir muss auch wirklich zu wissen, müsste man mit dem nicht alles gefallen.Wir verleugnen den Hinter- Künstler sprechen. Es wird in jeden Künstler grund der Künstler nicht. Sie haben ihre etwas hineininterpretiert. Das ist das Themen, die psychischer Natur sind. Aber die Geschäft der Kunsthistoriker. Viele Menschen muss man nicht in den Vordergrund stellen. brauchen eine Geschichte dahinter. Darum geht es nicht. Es ist ein Kunstmuseum und kein Psychiatriemuseum.Es gab dieses Jahr verschiedene Kunstmessen hier in Österreich, auf denen wir vertreten waren, eine in Wien und eine in Salzburg. In Wien verbindet jeder Zweite Gugging mit den Verrückten. Man verliert wirklich die Lust, ewig zu erklären, dass das Kunst ist, dass das nichts mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen zu tun hat. Das ist sehr anstrengend und mühsam. In Salzburg war das ganz anders. Da war das Publikum international. Die kannten Gugging nicht und da geht es dann einfach um die Kunst. Das ist angenehm. Wenn dann jemand nach dem Hintergrund fragt, kann man das gerne noch näher erklären.

Ein Vorurteil, mit dem man aufräumen muss, ist, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen immer arm dran seien. Das stimmt überhaupt nicht. Die sind teilweise sehr glücklich in ihren Welten.

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Haben Sie selber Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen? Ich komme glücklicherweise aus einem sehr stabilen Umfeld. Privat und innerhalb meiner Familie bin ich nicht betroffen. Aber damals durch die Arbeit in der Psychiatrie und heute durch die Künstler hier in Gugging habe ich dazu einen Zugang bekommen. Ansatzweise kann ich das mitempfinden, was es bedeutet, von so einer Krankheit betroffen zu sein. Das Haus der Künstler funktioniert wie eine große Familie. Ich empfinde es als Herausforderung, aber auch als große Bereicherung. Weil ich Kontakt zu Menschen bekomme, die außerhalb der Norm agieren. Weil sie Dinge anders sehen und dadurch Farbe ins Leben bringen. Sie sind sehr feinfühlig, fangen jede Stimmung auf. Wenn es mir gut geht, ist das auch für sie wunderbar. Wenn es mir schlecht geht, lassen sie es mich auf sehr nette Art und Weise wissen. Es hat ja jeder seine Hochs und Tiefs. Ein Vorurteil, mit dem man aufräumen muss, ist, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen immer arm dran seien. Das stimmt überhaupt nicht. Die sind teilweise sehr glücklich in ihren Welten. Oft sind sie zufriedener als ich es beispielsweise bin. Wenn man das Glück hat, in so eine Welt eintauchen zu dürfen und ein Stück mitgehen zu dürfen, ist das wunderbar. Da passe ich mich dann an, weil es für mich leichter ist als für sie. Ich sehe das als Auszeit vom Alltag, weil das einen frischen Wind reinbringt. Im Atelier sieht man, wie viele verschiedene Welten dort zusammenkommen und gemeinsam sein können. Dieses Miteinander ist sehr angenehm. Wunderbar ist es, wenn Gäste zu Besuch kommen und die Möglichkeit haben in Kontakt mit den Künstlern zu treten. Oft gehen die Künstler auch sehr aktiv auf die Leute zu. Die Besucher freuen sich immer sehr, wenn sie die Möglichkeit hatten, mit dem Künstler ins Gespräch zu kommen. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal hier war und der August Wallert mit mir „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt hat. Das war ein wunderbares Erlebnis. Er hat nie mehr mit mir gespielt, weil ich, obwohl er die Regeln immer wieder verändert hat, trotzdem gewonnen habe. Das war ein Drama. Ich hatte ein Würfelglück, wie ich es nie wieder hatte. Er war leider kein guter Verlierer.

Ich empfinde das als Bereicherung. Durch die Künstler aus Gugging habe ich sehr viel mit solchen Leuten zu tun, die psychische Beeinträchtigungen haben. Falls mir das irgendwo begegnet, finde ich mich leicht zurecht. Für mich ist es normal damit umzugehen. Ich habe tagtäglich damit zu tun. Oft finde ich Befindlichkeiten von Normalen viel anstrengender als von den Künstlern. Das hat wahrscheinlich auch mit der Erwartungshaltung zu tun. Gibt es international ähnliche Projekte wie das hier in Gugging? La Tinaia in Florenz war so ein Projekt aus einer Psychiatrie heraus. Das gibt es in der Form aber nicht mehr. In Heidelberg gibt es die Prinzhorn-Sammlung. Wobei das nicht so ein lebendiges Projekt ist wie bei uns. So etwas wie bei uns, mit Galerie, Museum, Stiftung und so weiter, gibt es nirgends. Werden die Künstler hier in Gugging auch medizinisch betreut? Es ist folgendermaßen: Die Künstler aus Gugging sind Menschen, deren Krankheit einen chronischen Verlauf genommen hat. Das bedeutet, dass eine Heilung aufgrund der Schwere der Erkrankung nicht möglich ist. Trotzdem sollen sie natürlich ein wunderbares Leben führen, weil das ein Geburtsrecht ist. Das kann auf verschiedene Art und Weise passieren. Was nicht gemacht wird, ist Kunsttherapie.

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In anderen Fällen ist das sicherlich eine gute Möglichkeit, beispielsweise in der Traumatherapie, wenn die Sprache verloren gegangen ist. Nur bei uns wird das nicht angeboten. Es gibt das Angebot, in Form von Materialien, aber kein therapeutisches Setting im klassischen Sinn. Was es bei uns gibt, ist eine medizinische Betreuung. Das heißt, die Künstler werden auch psychopharmalogisch betreut. Die hat sich glücklicherweise sehr verbessert in den letzten Jahrzehnten. Früher hat man Patienten gesehen, die beispielsweise gezittert haben. Man dachte, das wäre die Auswirkung der Krankheit – es war aber die Nebenwirkung der Medikation. Das gibt es heutzutage glücklicherweise nicht mehr. Nach wie vor ist es so, dass die meisten eine Medikation benötigen, um ihren Alltag bewältigen zu können. So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Es gibt auch so etwas wie einen sozialtherapeutischen Aspekt durch die Präsentation und den Verkauf der Werke. Dadurch bekommen die Künstler einen Status in der heutigen Gesellschaft, den jemand mit einer chronisch psychischen Erkrankung sonst nicht bekommt. Sie sind weltweit als Künstler anerkannt. Sie geben der Gesellschaft viel und das erzeugt auch das entsprechende Feedback. Dadurch fühlen sie sich besser und haben ein anderes Selbstwertgefühl. Das ist etwas anderes, wenn du nicht einfach der Sozialschmarotzer bist, sondern einen Beruf hast, für den du Anerkennung bekommst. Und dieser Beruf nennt sich Künstler. Es heißt schließlich Künstler aus Gugging und nicht Patienten aus Gugging.

Mehr Informationen unter www.gugging.at

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Flug Objekt von JĂźrgen Tauscher, Bleistift, 2012


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KSA1 von Jürgen Tauscher, Bleistift, 2012


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Hubschrauber von Jürgen Tauscher, Bleistift, 2014


Ralf ist 46 Jahre und lebt in LĂźneburg. Er arbeitet nachts als Krankenpfleger in einer Psychiatrie und leidet selbst unter Depressionen. Seit Ăźber 30 Jahren singt er in Punkbands. In seinen Texten verarbeitet er unter anderem Erlebnisse aus der Psychiatrie.

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Kannst du deinen beruflichen des Beamtenstatus gesagt haben: „Okay, ich Werdegang umreißen? bin faul – geh ich mal ins Landeskrankenhaus.“ 1988 habe ich eine Ausbildung zum KrankenNach ein paar Jahren Dienst wurden die pfleger gemacht. Zuvor habe ich zwei Monate Krankenpfleger genannt, ohne dass sie irgendals Pflegehelfer mit geistig Behinderten welche psychologischen Schulungen gearbeitet. Das war ein Überbleibsel aus der bekommen hatten. In der normalen Krankenalten Landeskrankenhauskultur. Schwerstpflegeausbildung haben wir weniger Psychobehinderte wurden nicht in der Lebenshilfe logiestunden als Polizeianwärter. Das ist integriert, sondern einfach in eine Psychiatrie schon krass. Wir lernen zwar Psychologie gesteckt. Meistens waren das Leute, die die kennen, aber unser Hauptaugenmerk liegt Euthanasie im Dritten Reich gerade so verauf der Krankenpflege. passt haben, aber nie eine Frühförderung Diese Beamten hatten nie eine derartige Auserhalten haben. Das ganze Lebenshilfekonzept, bildung. Die durften alles mögliche, zum wie Behinderte betreut werden, entstand Beispiel Spritzen geben, nur weil sie lange viel später. Die Leute waren viel stigmatisierdabei waren. Das hätten die Patienten auch ter als heute. Dort habe ich angefangen machen können. Viele chronisch schizophrene zu arbeiten. Anfang der 80er Jahre fing man an, Patienten haben auf anderen Stationen die diese alte Anstalt mit sozialpsychiatrischen ganzen Hausarbeiten erledigt. GrundpflegeIdeen zu füllen. Dadurch wurde der Bereich tätigkeiten, wie Betten machen oder das der geistig Behinderten immer mehr aufEssen bringen. Denen hätte man das Krankengelöst. Die Leute wurden gefördert. Als ich pflegeexamen auch schenken können. Die dort 1988 das erste Mal war, machte man waren motivierter als manche der sogenannten zum Beispiel gerade Zahnputztraining mit Kollegen. ihnen. Man gewöhnte sie um, von den Anstalts- Als ich anfing war dieser Umbruch zu einem trainingsklamotten zu Privatklamotten. Großteil abgeschlossen. Die Stationen Vorher sah das aus wie bei einer ziemlich waren bereits gemischtgeschlechtlich belegt. derangierten Nationalmannschaft, weil alle Das war früher getrennt. Das bedeutet eine diese alten Uniformen trugen. Ende der 70er Normalität, die zwar auch ein paar kleine war das Problem, dass es einen Pflegenotstand Nachteile mit sich bringt, aber vor allem Vorgab. Trotzdem sollte der Psychiatrie mehr teile. Nach dem Examen habe ich auf der Personal gewidmet werden. Dafür wurden akuten Aufnahmestation gearbeitet. Da haben viele Leute mit Beamtenstatus geködert. viele hoch motivierte Kollegen gearbeitet, Das hat leider viele Arschlöcher angezogen. die das System Psychiatrie verändern wollten. Der Mensch, der mich an meinem ersten Das war ein schöner Anfang. Tag dort auf dieser Station eingeführt hat, erklärte mir zu diesem Krankheitsbild, Was war deine Motivation dass das eine Mischung aus Wand und Hund diesen Beruf zu wählen? sei. Total krass. Ich hätte mich fast umgedreht Ich hatte bis dahin nur Fabrikjobs kennengeund wäre wieder gegangen. Das wäre dann lernt und wusste, dass das nicht meine mein erster und letzter Tag gewesen. Am Ende Zukunft sein kann. Irgendwo als Ungelernter der Ausbildung war ich nochmal auf der an einem Fließband zu stehen. Die Schule Station. Da hatten alle Privatklamotten an, hatte ich irgendwann abgebrochen. Ich hatte alle konnten selbständig Zähne putzen, keine großartige Vorstellung. Ich wollte alle hatten individuelle Besitztümer im Zimmer. einfach nur irgendwas machen. Das war schon deutlich mehr pädagogisches Heim als Verwahrstation für geistig Behinderte. Ich war erstaunt, was aus den Menschen in den drei Jahren geworden ist. Die konnten plötzlich selbständig über das Gelände zur Ergotherapie gehen. Die Beamten werden glücklicherweise immer weniger, aber es gibt immer noch einige davon. Das waren Leute dabei, die aufgrund 102


Was ist die besondere Herausforderung bei dieser Arbeit? Man muss sehr gelassen sein. Und das Verrückte sein lassen können. Das geht schon seinen Weg. Man kann versuchen, durch diese Zeit, die für alle unangenehm ist, gemeinsam durchzugehen. Auch für das Pflegepersonal ist das schlimm, wenn da jemand hoch psychotisch ist. Man lernt viel über Menschen. Das ist eine ganz andere Nummer als überall sonst. Das ist einfach krass. Über mich habe ich auch viel gelernt. Auch nach 25 Jahren auf der Station ist das immer noch spannend. Was macht dir Spaß an der Arbeit in der Psychiatrie? Ich habe große Freude daran, Leute durch Krisen zu begleiten. Ich weiß, dass ich das kann, weil ich sehr gelassen bin. Aufgrund meiner Erfahrung und durch das Zuhören weiß ich auch eine ganze Menge. Ich stelle immer wieder fest, dass ich die Möglichkeit habe, Kontakt zu diesen Menschen aufzubauen. Und was macht dir keinen Spaß an der Arbeit? Ich hadere sehr mit der Arbeit. Das liegt nicht an den Patienten, sondern an dem Gesundheitssystem. Ich finde, dass es bei uns im Haus keine vernünftige psychiatrische Versorgung mehr gibt. Das wirkt manchmal so, als ob mit den Menschen Geld generiert werden soll. Die Uni Lüneburg entwickelt mit einem Pharmakonzern und einer Krankenkasse ein Konzept für ambulante und Heimversorgung. Das geht nicht. Kein Pharmaunternehmen sollte jemals eine Monopolstellung auf einem Gebiet haben. Das System wurde nicht eingeführt, aber womöglich kommt das irgendwann, weil es eventuell billiger ist. Der Pharmakonzern hat natürlich ein massives Interesse seine eigenen Drogen zu verticken. Dann werden schon die Ärzte im Krankenhaus diese Medikamente verschreiben, weil sie wissen, dass spätestens der Arzt in dem Heim diese Medikamente verordnen wird. Da geht es nicht um Behandlung, sondern um Geld. „Das und das ist eine Leistung. Das und das ist keine Leistung.“ Und all das sollen wir erfassen und eintragen. Meine Arbeit ist jedoch eine andere. Ich möchte mich um den Patienten kümmern. Ob das eine Leistung ist oder nicht, interessiert mich nicht. Das Krankenhaus sollte einfach einen fixen 103

Betrag pro Nacht bekommen. Die Leute wollen von sich aus wieder gehen. Das Gericht verlängert auch keine Beschlüsse ewig lang. Wenn es nicht nötig ist, können wir die Leute nicht da behalten. Das sind wirklich irre Dinge, die da passieren. Wenn jemand zu uns kommt, muss der Arzt, um ihn überhaupt behandeln zu können, angeben, dass er eine Form von Depression hat. Sonst darf das Krankenhaus ihn nicht aufnehmen. Da ist völlig daneben. Da kommt ein Mensch und sucht Hilfe, da kann das Krankenhaus bzw. der Arzt ja zumindest gucken und sagen: „Es geht ihnen nicht gut. An folgende Stellen könnten sie sich wenden.“ Diese Chance hat das Krankenhaus nicht, sondern es muss sagen, dass es sich um Depression handele und eigentlich auch Medikamente verabreichen. Denn laut dem ICD-10 müssen Depressionen medikamentös behandelt werden. Wo ist da Raum für Individualität, für den Willen des Patienten? Nur weil die Krankenkassen das sonst nicht bezahlen. Das ist eine Entwicklung der letzten zehn Jahre. Deshalb hadere ich mit meinem Arbeitsplatz und dem System Psychiatrie. Ich bedauere es, aber stehe zur Zwangsbehandlung. Jede psychiatrische Behandlung hat ein Restrisiko von Gewalt, weil die Menschen sich in maximalen Ausnahmezuständen befinden. Man kann nie ganz verhindern, dass ihnen da Unrecht angetan wird. Mein Teil der Arbeit ist es, auszuhalten und möglichst wenig Gewalt anzuwenden. Ich wurde schon mit Dingen beworfen oder geschlagen und habe trotzdem niemand festgebunden. Es war eine Reaktion auf etwas, dass ich vermeintlich falsch gemacht habe. Es war mein Fehler. Danach war der Druck raus. Warum soll ich dafür den Patienten platt machen? Wenn ich abschätzen kann, dass keine weitere Gefahr besteht, kann der Patient doch weiter rumlaufen. Es gibt auch Kollegen, die da weniger gelassen sind. Früher mit den Beamten war das noch schlimmer. Aufgrund des Zeitdrucks, den wir heute haben, kommen wir da wieder hin. Bald sind wir wieder in den 70er Jahren.


Da du ja so unzufrieden bist mit der Arbeit im Krankenhaus: Könntest du dir vorstellen bei einer ambulanten Einrichtung zu arbeiten? Dort herrscht das selbe System. Die können auch nur sagen: „Hier, schluck mal die Medikamente – und dann gehst du wieder.“ Auch dort geht es um Geld, darum es zu sparen und es zu generieren. Es geht nicht um den Menschen und das ist fatal. In einem städtischen Krankenhaus kann ich das bedingt nachvollziehen, wenn es zum Beispiel darum geht, einen Blinddarm herauszunehmen. Ich kann verstehen, dass so ein Eingriff kosteneffizient vollzogen wird. Man muss nach einer Blinddarmoperation nicht unbedingt 20 Tage im Krankenhaus bleiben. Aber die Psychiatrie ist eine andere Welt. Das hat mit dem normalen Gesundheitssystem nichts zu tun. Wir arbeiten mit Leuten, die in den nächsten Jahren dem Bruttosozialprodukt nichts zugutekommen lassen, weil sie höchstens in irgendwelchen Reha-Förderungsmaßnahmen landen – wenn überhaupt. Es gibt kein Interesse, daran irgendetwas zu ändern, außer Geld zu sparen.

Warum hast du dich dafür entschieden nur noch nachts zu arbeiten? Ich habe angefangen Kulturwissenschaften zu studieren. Auf diese Weise wollte ich Geld verdienen und studieren. Ich habe in Bremen angefangen und in Lüneburg weiter studiert. Aber in Lüneburg geht es nur darum, wie man Kultur verkaufen kann. Darum ging es mir nicht. Von Beginn meiner Punkrockkarriere an habe ich selber Musik gemacht und Konzerte organisiert. Darüber wollte ich etwas lernen. Nicht darüber, wie man so etwas verkauft. Ich habe das dann für mich zügig abgeschlossen – ohne Abschluss. Ich stelle mir diese Nachtarbeit ziemlich schlauchend vor. Wie lange machst du das schon? Seit dem Beginn des Studiums im Jahr 2000. Da ich lange genug dabei bin, verdiene ich mit der halben Stelle auch genug. Ich arbeite acht Nächte im Monat. Die mache ich am Stück und habe dann 21 Tage frei. In der Zeit könnte ich dann im Tonstudio arbeiten, was ich nicht mache. Oder ich könnte Musik machen, was ich auch nur zu geregelten Zeiten mache.

Siehst du eine Möglichkeit, wie man anders mit der Problematik verfahren könnte? Das würde Geld kosten. Es gab einen AufWann hattest du deine erste depressive Phase? bruch. Dann kam die Wiedervereinigung. Vielleicht war ich schon immer depressiv. Der Aufbruch wurde zum Abbruch. Das Geld Als kleiner Punker habe ich in der Pubertät wurde knapper. Es fehlen Geld und Personal massiv gesoffen und Drogen genommen. mit sozialpsychiatrischer Ausbildung. Die Außerdem litt ich unter selbstverletzendem Schüler, die bei uns lernen, verbringen mehr Verhalten, habe auch mehrere appellative Zeit im städtischen Krankenhaus und lernen Suizidversuche gemacht. Da gab es schon Funktionspflege, als bei uns den Umgang mit immer einen Hang zum Morbiden. Eine richtig psychisch erkrankten Menschen. Ich war schwere Phase hatte ich Ende der 90er nach damals während meiner Ausbildung primär einer Trennung. Da war ich völlig ausgebrannt. in der Psychiatrie und habe dort verschiedene Meine damalige Freundin ist psychotisch Stationen durchlaufen. Laut dem aktuellen erkrankt – und ich, als in der Psychiatrie Tätiger, Gesetz wäre man demnach heute kein richtiger konnte ihr nicht, gar nicht helfen. Sie ist da Krankenpfleger. einfach in eine andere Welt entglitten. Danach bin ich zusammengebrochen. Zwei Wochen ging gar nichts. Da saß ich in meinem Zimmer, habe höchstens mal eine Pizza bestellt, ansonsten nichts gegessen oder gemacht, keinen Kontakt. Das ging dann vorbei. Solche Phasen kamen in milderer Form immer wieder. Deshalb habe ich mich Mitte der

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Nuller Jahre dazu entschieden eine Therapie Aber das war eine andere Traurigkeit als die zu machen. Da habe ich eine ganze Menge Depression. Wenn die Depression da ist, Handwerkszeug bekommen. Das bedeutet, passiert einfach nichts. Wenn es mir gut geht, dass ich die Krankheit auch akzeptiere. bin ich auch kreativ. Die Traurigkeit ist da Das hat mir sehr geholfen. Ich nehme keine eine Blockade. Ich habe immer Angst davor Medikamente. Oft befolge ich die Ratschläge gehabt eine Therapie zu machen, weil ich nicht, die ich den Patienten gebe. Aber wenn das verkannt habe. Der Antrieb ist nicht meine ich mir die Patienten angucke, denke ich, Traurigkeit, sondern der ist einfach da. dass es mir auch nicht so schlecht geht. Davon bin ich meilenweit entfernt. Seit wann machst du Musik? 1982 habe ich mir von meinem KonfirmationsKommen diese Phasen in einem bestimmten geld einen Bass gekauft. Ich habe schnell Rhythmus? Oder gibt es etwas, dass sie festgestellt, dass ich überhaupt kein Bass hervorruft? spielen kann. Deshalb bin ich das geworden, Stress triggert das auf jeden Fall. Lange, graue was man als Punker trotzdem werden kann: Phasen, wie im Winter natürlich auch. Ich Sänger. Seitdem war ich immer mit Bands bin im Winter öfter in Neuseeland, da ist Sonne. unterwegs, also mittlerweile seit über 30 Jahren. Das hilft, ist aber auch teuer. Es gibt zum Meinen ersten Auftritt hatte ich 1983, damals einen den endogenen Faktor, also das nicht noch als Bassist. Ich war so betrunken, dass Erklärbare, das von innen kommt. Das ist bei ich mir einbildete, Bass spielen zu können. mir eh immer ein bisschen im Keller. Wenn Meine Bandgenossen haben sich ab und zu noch etwas Reaktives, beispielsweise Stress umgedreht, weil sie nicht verstanden haben, oder Trauer, dazu kommt, wird es schlimmer. welches Lied ich gerade spiele. Als ich einmal Ich komme langsam in ein Alter, in dem den falschen Refrain reingebrüllt habe ist auch Freunde oder Bekannte von mir sterben. ihnen aufgefallen, dass ich ein ganz anderes Die Gedanken daran bringen mich tiefer als Lied spiele. es sein müsste. Ich arbeite in einem KrankenIch begreife mich eher als Entertainer denn haus, da gehört der Tod zum Alltag. Das Leben als Sänger, weil ich weiß, dass meine Möglichist endlich und das ist auch gut so. keiten da begrenzt sind. Es interessiert mich Es gibt Phasen, in denen es mir richtig gut nicht Töne zu treffen. Ich mache das was ich geht. Aber nicht im manisch-depressiven Sinne. kann. Ich will auch keine Platte abliefern, In der Therapie ist mir klargeworden, dass die Popstandards entspricht. Ich will Dinge ich meine Traurigkeit mit meiner Kreativität sagen. Ich muss Dinge sagen. kopple. Mittlerweile weiß ich, dass das nicht stimmt. Wenn ich richtig traurig bin, bin ich War die Krankheitsverarbeitung für dich auch nicht kreativ. Damals habe ich viele schon immer ein Thema in der Musik? Texte aus einer Traurigkeit heraus geschrieben. Das variiert je nach Phase. Am Anfang war mir das gar nicht bewusst, dass ich auch meine Phasen beschreibe. Ich dachte, ich schreibe über andere, über Sachen, die ich bei der Arbeit sehe. Dem war nicht so.

Mehr Informationen unter www.tischlereilischitzki.de

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Atelier Blaumeier Im Atelier Blaumeier arbeiten Künstler mit und ohne Behinderung oder psychischer Erkrankung. Weder bei der Arbeit im Atelier noch in den daraus hervorgehenden Ausstellungen, Theaterstücken und Konzerten werden zwischen gesunden und kranken Menschen unterschiedliche Maßstäbe angelegt. Die Basis des Atelier Blaumeier liegt in den künstlerischen Kursen in den Bereichen Theater, Maske, Bildende Kunst und Literatur.

Walter Pohl 110


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Was ist das Atelier Blaumeier und wie ist es entstanden? Das Atelier Blaumeier ist ein Verein. In der Unterzeile nennt er sich Projekt Kunst und Psychiatrie und verbindet diese beiden Seiten. Seit fast 30 Jahren macht er Kunst in den Bereichen Theater, Maskenbau, Malerei, Musik, Literatur und Fotografie. In erster Linie richtet er sich an Menschen, die von Psychiatrie oder Behinderung betroffen sind, aber nicht ausschließlich. Wir versuchen immer eine Mischung von Leuten mit und ohne Behinderung oder Psychiatrieerfahrung hinzubekommen, die zusammen Kunst betreiben. Dazu treffen wir uns in einem wöchentlichen Kursprogramm. Da treffen sich dann Leute, um zu einem Thema zu arbeiten, zum Beispiel malen sie Bilder zu einem Thema oder eine Theatergruppe erarbeitet ein Theaterstück. Dabei geht es nicht um den Weg. Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel. Das heißt: Wir wollen eine Ausstellung machen, wir wollen ein Theaterstück machen, wir wollen ein Konzert geben – und damit auch ein Publikum erreichen. Es ist also kein therapeutischer Ansatz sondern ein künstlerischer. Über all die Jahre haben wir uns ein Publikum erarbeitet, dass uns auch jenseits eines Mitleidsfaktors genießt. Sie wissen, dass sie bei uns etwas bekommen, was sie nirgendwo anders kriegen. Entstanden ist das Ganze im Rahmen einer Psychiatriereform, die in den siebziger Jahren angestoßen wurde. Da wurde festgestellt, dass es diese Verwahranstalten für Menschen, von denen man nicht weiß, wohin mit ihnen – sogenannte Langzeitpsychiatrien –, nicht mehr braucht. In diesen Anstalten wurde Missbrauch begünstigt und die darin Gefangenen hatten keine Möglichkeit, aus diesen auszubrechen, aufgrund ihrer mangelnden Kraft. Es gab dann die Empfehlung einer Bundestagskommission, diese Psychiatrien aufzulösen. Das hat allerdings nur in Bremen stattgefunden, möglicherweise weil es in einem kleinen Bundesland einfacher zu handhaben ist. Es gab jedenfalls den politischen Willen dazu. Ein Gesundheitssenator bestimmte, dass die Bremer Langzeitpsychiatrie aufgelöst werden soll. Ein Arzt wurde beauftragt, diese Auflösung voranzutreiben. Dieser Arzt wiederum engagierte Künstler um mit den Insassen dieser Langzeitpsychiatrie zu üben, wie das 113

überhaupt ist, wieder am gesellschaftlichen Leben Teil zu haben. Der Arzt hatte sich ganz bewusst Kunst ausgesucht, um mittels Theater und Malerei etwas anderes zu machen als in dieser Verwahrsituation zu verweilen. Mit den Künstlern und den Insassen wurde dann ein Theaterstück entwickelt – und zwar über die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten. Deren Geschichte ist nämlich auch, dass sie der Gesellschaft als nutzlos galten, weshalb sie nach Bremen gingen um Musik zu machen. So ist auch die Geschichte der damals 400 Leute, die über 30, 40 Jahre verwahrt wurden und weder Bett noch Stuhl besaßen. Die zogen nun wieder nach Bremen in kleine Wohngemeinschaften, verteilt über das Bremer Stadtgebiet. Dadurch hatten sie überhaupt wieder Kontakt zu Nachbarn. Dieser Kontakt war davor natürlich nicht gegeben. Diese Psychiatrien setzen auf Exklusion. In dem Bremer Fall war es ein altes Kloster mit einer Mauer drum herum. Das Argument war, dass so keiner verloren ginge. Dieses Theaterstück wurde 1986 auf einer Karawane durch die anderen Bundesländer gespielt, um darauf hinzuweisen, dass Auflösung von Psychiatrie möglich ist. Aufgeführt wurde das Stück in den Psychiatrien oder, wenn das nicht erlaubt wurde, davor. Das hatte den Effekt, dass die Leute aus den Fenstern guckten und sagten: „Die sind ja genau wie wir! Warum rennen die frei rum und wir nicht?“ Das ist jetzt etwas verkürzt. Aber letztendlich ging es darum zu zeigen, dass auch Menschen mit Behinderung einen gesellschaftlichen Nutzen haben können – zum Beispiel, indem sie Kunst machen. Diese Karawane konnte nicht ewig weiterziehen. Sie hat sich dann in Bremen niedergelassen. Damals gab es sogenannte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, mit denen diese Künstler ausstaffiert waren. Die haben diese künstlerische Arbeit weitergemacht, auch über die Auflösung hinaus. Man traf sich mit den ehemaligen Betroffenen in einem ehemaligen Pferdestall im Arbeiterstadtteil Walle und spielte weiter Theater, malte Bilder oder betrieb Maskenbau. Aus diesen wöchentlichen Treffen sind Kunstprodukte entstanden, mit denen man dann an die Öffentlichkeit trat.


Wie hat sich das Atelier Blaumeier Wie bist du zu der Arbeit beim in dieser Zeit weiterentwickelt? Atelier Blaumeier gekommen? Es hat eine Professionalisierung stattgefunden. Ich habe Psychologie studiert und während Die Kunst, die wir machen, und ihre Darbietung des Studiums muss man Praktika absolvieren. kann mithalten mit anderen künstlerischen Eine Kommilitonin schlug mir das Atelier Produkten. Wenn wir ein Theaterstück machen, Blaumeier vor, weil ich während des Studiums können wir inzwischen auch bei städtischen viel Theater und Musik gemacht habe. So Theatern anklopfen und mit denen auf Augen- kam ich 1993 dazu und bin hängen geblieben. höhe kooperieren. Sowohl technisch als auch Nach meinem Studium fragte man mich, ob ich einen Musiker vertreten würde. Letztlich fand ich mein Studium immer sehr kulturlos und die Kultur hatte so wenig mit der Psychologie zu tun. Bei Blaumeier fand ich etwas, wo ich beides verbinden konnte. Heute hat meine Arbeit nicht mehr viel mit Psychologie zu tun, aber ich empfinde es auch auf keinen Fall als Hindernis. Als ich angefangen habe, hieß es, das sei inhaltlich sind wir auf dem Level anderer ein gutes Sprungbrett in die Berufswelt und Theaterhäuser. Und auch inhaltlich: Wir sind irgendwann macht man dann etwas Vernünfkein Amateurchor, der immer vor seinen tiges. Aber das Team ist sehr stabil. Auch von Verwandten spielen muss, um überhaupt ein den Gründern sind noch vier dabei. Es gibt Publikum zu finden. Durch die Intensität der eine sehr geringe Fluktuation, da es eine Arbeit haben wir eine besondere Qualität hohe Identifikation mit der Arbeit gibt. Die erreicht. Leider können wir die Leute nicht meisten meiner Kollegen kommen aus dem bezahlen. Wir als Mitarbeiter des Ateliers sozialen Bereich, haben also etwa Lehramt werden bezahlt, aber die Teilnehmer, die zu oder Sozialpädagogik studiert. uns kommen – egal ob behindert oder nicht – Es gibt einen Kunsttherapeuten, eine Kulturerhalten keine Vergütung. Von der Seite wissenschaftlerin. Alle identifizieren sich betrachtet ist es Amateurstatus, von der aber mehr über das Künstlerische. Keiner Präsentation her jedoch professionell. Das sagt, er sei ehemaliger Lehrer, sondern man ist eine kontinuierliche Entwicklung. Das sagt: ich bin Maler, ich bin Musiker, ich bin ist auch bei den Ausstellungen so. Wenn die Theateranleiter, ich bin Regisseur. Wir bezahlen Leute zu einer Blaumeier-Ausstellung gehen, uns auch in hoher Sinnhaftigkeit. Wir finden wissen sie, dass die Arbeiten einer professioes schön einen künstlerischen Job zu haben, nellen Qualität entsprechen. Das ist nicht der aber eine soziale Anbindung hat. immer einfach. Es gibt Leute, die zu uns kommen um Bilder zu malen und erwarten, zwei Monate später in einer Ausstellung vertreten zu sein. Das passiert nicht, weil dafür ein künstlerischer Prozess nötig ist.

Nicht der Weg ist das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel. Das heißt: wir wollen eine Ausstellung machen, ein Theaterstück spielen oder ein Konzert geben – und damit auch ein Publikum erreichen.

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Möglicherweise suchen wir diese SinnhafWie geht ihr mit dem Label psychisch krank um? tigkeit aber auch als Kompensation dafür, Stellt ihr heraus, vor welchem Hintergrund die dass wir – gemessen an unserer Qualifikation – Arbeiten entstanden sind? unterbezahlt sind. So ein Projekt lebt natürWir gehen offensiv damit um, dass es eine lich immer ein Stück weit von Selbstausbewusste Mischung ist, von Menschen mit beutung. Aber dafür möchte ich auch nicht und ohne Behinderung. Wir verstecken also die an einer Schule oder an einem IntendanzBehinderung nicht. Aber wenn wir beispielstheater tätig sein, wo mir jemand anders sagt, weise eine Ausstellung machen, steht auf der was ich machen muss. Beschilderung der Titel des Werks, der Name des Künstlers, aber kein Foto von der Person. Was ist deine Motivation zu dieser Arbeit? Sonst würde man erkennen, wer beispielsweise Kunst zu betreiben hat immer eine hohe ein Down-Syndrom hat und wer „normal“ Befriedigung. Ich finde es weniger sinnvoll, aussieht. Man soll nicht aufgrund eines Fotos Kunst im Elfenbeinturm für sich zu machen. etikettieren können. Wir muten dem Betrachter Meiner Meinung nach ist Kunst wichtig zu, Bilder zu betrachten, die in einer Mischung für gesellschaftliche Prozesse. Ich ziehe eine von Leuten mit und ohne Behinderung oder hohe Befriedigung daraus, dass wir die Kunst Psychiatrieerfahrung entstanden sind. Schau mit Menschen machen, die sonst am Rand dir das Bild an und entscheide dich, ob es dir der Gesellschaft stehen. Womöglich gehört gefällt oder nicht. Aber sei in deinem Gefallen das zu meinem Weltverbesserungsbedürfnis, nicht davon bestimmt, ob das jemand mit dass auch dazu geführt hat, dass ich Psychooder ohne Behinderung gemacht hat. Bei logie studiert habe. Wir stillen mit unserer einem Theaterstück ist das nicht zu vermeiden. Arbeit eine Sehnsucht nach einer Welt, in der Manchen Leuten sieht man an, dass sie eine Grenzen verschwimmen. Es geht darum, dass Behinderung haben. Manchen sieht man es Menschen, die sich nicht selber stark machen nicht an. Die haben beispielsweise jahrelange können, stark gemacht werden. Ich sehe uns Psychiatrieerfahrung, sind auf der Bühne bei Blaumeier als Starkmacher oder als aber so fit, dass sich Leute wundern und Ermöglicher. Wir ermöglichen Menschen, die sagen: „Warum spielen die bei Blaumeier? sonst nicht die Chance hätten, eine AusstelDie könnten auch in anderen professionellen lung zu machen oder eine Schauspielkarriere Produktionen spielen.“ Die haben sich diese zu ergreifen, eben dies zu tun. Daraus ziehen Qualität erarbeitet. Das versuchen wir aber wir unsere Befriedigung. Dadurch verändert nicht auszustellen. Wir hoffen immer, dass die sich zum Beispiel auch Bremen als Stadt. Menschen reingehen in ein Theaterstück – Man empfindet das hier als normal, mit möglicherweise auch mit dem Bedürfnis zu sogenannten Verrückten in einer Straße zu sortieren, wer behindert ist und wer nicht – wohnen. Ich merke bei Gastspielen immer und beim rausgehen sagen, dass es ihnen wieder, dass es anderorts da mehr Berührungsegal war, wer behindert war und wer nicht. ängste gibt. Es passiert zum Beispiel, dass Das ist der gesellschaftliche Nutzen der ganwir ein lustiges Stück spielen und sich die zen Sache: Zu zeigen, dass diese Trennung Leute nicht trauen zu lachen. Erst im Verlauf nicht notwendig ist. Aber wir sind nicht so des Stücks entwickelt sich da eine Gelassenweit, dass von vornherein gar nicht zu themaheit. In Bremen hat sich da eine Normalität tisieren, dass da Menschen mit Behinderung entwickelt, die auch auf unsere Arbeit zurück- dabei sind. Wir gehen davon aus, dass es geht. Ich habe einen Chor und es gibt eine an diesem Punkt, an dem die Gesellschaft sich unglaublich große Nachfrage an diesem Chor derzeit befindet, uns und unseren Produkten teilzuhaben. Das sind nicht mal primär Behin- gut tut, wenn die Leute ein Bewusstsein dafür derte, sondern Menschen ohne Behinderung. bekommen. Es geht aber auch so: Eine Kollegin Die wissen ja, dass es ein gemischter Chor hat einmal einen Bekannten zu einem Gastist. Sie sehen bei uns ein gesellschaftliches spiel in einer anderen Stadt eingeladen. Der Ideal verwirklicht: es geht nicht allein wusste nicht, dass da Menschen mit und um Leistung, sondern um ein Miteinander. ohne Behinderung auf der Bühne stehen. Der Dieses Ideal vertreten auch sie. meinte dann im Nachhinein: 115


„Die waren aber schon ganz schön wild, die Schauspieler.“ Der hat sich das aber einfach als Theaterstück angeguckt und gedacht, dass das einfach krude Persönlichkeiten sind, die da spielen. Das funktioniert letztlich auch. Wir haben unsere Haltung auch schon als schädlich erlebt. Wir waren einmal in Riga und hatten bei einer Galerie den Fuß in der Tür. Die waren sehr interessiert und fanden die Arbeiten künstlerisch sehr ansprechend. Als sie dann nachfragten, was das für ein Verein sei, sagten wir ihnen, dass es ein Verein von Menschen mit und ohne Behinderung sei. Da war die Tür wieder zu. Das wollten sie nicht. Das ging ihnen wohl zu sehr in Richtung Soziales. Wir betrachten uns selbst als Teil einer soziokulturellen Szene. Das ist ein breites Spektrum, zu dem auch Stadtteilkulturarbeit oder Arbeit mit Jugendlichen gehört. Da gibt es auch das Bestreben, von diesem soziokulturellen Anstrich wegzukommen, um einfach ein Teil der Kulturszene zu sein. Das ist ein immerwährender Prozess, bei dem wir uns selbst fragen, wo wir uns verorten und was unserer künstlerischen Entwicklung hilft. Da kann manchmal dieses Label sozial auch negativ sein. Ich empfinde es zuweilen so, dass wir in Zeitungskritiken mit Samthandschuhen angefasst werden, weil ein Kulturredakteur sich nicht traut etwas zu kritisieren, wo Menschen mit Behinderung mitspielen. Schülertheater wird ja auch nie verrissen. Ich empfände es als gewisse Adelung, wenn unsere Stücke auch mal verrissen würden. Aber vielleicht sind wir auch einfach zu gut.

Wie läuft das Programm bei euch konkret ab? Es gibt ein Wochenprogramm, grob geteilt in einen Malbereich und ein Theaterbereich. In diesen Bereichen gibt es Untergruppen, in der Malerei zum Beispiel Drucke und Fotografie. In den Theaterbereich gehört auch die Musik. Da leite ich einen Chor. Diese Gruppen treffen sich ein bis zwei mal die Woche. Es ist jedoch ihre Freizeit. Es gibt Gruppen, die ähnlich arbeiten wie wir, bei denen das für die Mitglieder ihre Arbeit ist. In Berlin gibt es zum Beispiel Rambazamba. Da kommen die Schauspieler fünf Tage pro Woche – das ist ihr Job. Das haben wir nie geschafft. Wir haben einfach nicht die Ressourcen, um die Leute zu bezahlen. Aber wir haben es auch nie angestrebt, weil wir immer wollten, dass die Leute aus einer Freiwilligkeit heraus kommen. Wenn das ein Job ist, dann muss man es machen. Kunst kann nur entstehen, wenn man etwas freiwillig macht – nicht, wenn man dazu genötigt wird. Wie viele Aufführungen spielt ihr pro Jahr? Mit Orpheus und Eurydike haben wir über die letzten zwei Jahre 20 bis 25 Aufführungen gehabt. Der Chor tritt 10 bis 15 mal auf. Ich habe noch ein Duo mit dem wir auch 10 Auftritte im Jahr machen. Mit allen Gruppen zusammen kommen wir auf ca. 80 bis 100 Aufführungen im Jahr. Die finden überall verteilt statt. Dazu kommen kleine und größere Ausstellungen. Das hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. Am Anfang gab es ein Theaterstück und das wurde dann vielleicht eine Woche lang aufgeführt. Mit der Zeit gab es dann Bemühungen, kleinere Sachen zu machen. Nicht eine Produktion mit 40 Leuten, sondern mal nur zwei oder fünf Leute. Durch die verschiedenen individuellen Interessen haben sich mit der Zeit diese Gruppen gebildet. Es gibt auch inklusive Theaterfestivals, zum Beispiel in Wismar, Reutlingen, Kaiserslautern, Berlin. Nächstes Jahr soll auch zum ersten Mal eins in Bremen stattfinden.

Aufnahmen von dem Stück Orpheus und Eurydike

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Hast du selber Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen? Eins meiner Kinder ist von einer psychischen Krise betroffen. Das hat mich sehr mitgenommen. Da habe ich gemerkt, dass immer das ganze System betroffen ist. Da ist nicht der eine Betroffene und sein Umfeld bleibt cool. Ich war selber so erschöpft, dass ich kürzer treten musste. Sonst wäre ich in einen Burn Out gerannt. Das hat mich sehr überrascht, da ich seit 20 Jahren mit Menschen mit psychischen Problemen zu tun habe – aber wenn man selber davon betroffen ist, bekommt man eine ganz andere Sichtweise darauf. Das war vergleichsweise harmlos, aber trotzdem erschreckend. Psychische Erkrankungen können jeden betreffen, wie sicher man sich auch wähnt. Die eigene Identifikation beruht immer auf einer Stärke, gerade wenn man in einer anleitenden Position ist. Wenn diese Stärke gestört ist, fühlt man sich schnell in seiner Integrität angefressen. Ein Freund von mir hatte einen Bänderriss und konnte einige Wochen nur noch humpeln. Der fühlte sich in seiner Integrität geschwächt, weil er sich damit in der Öffentlichkeit zeigte. Das ist bei psychischen Belangen noch viel schwieriger, weil man da nicht auf eine künstliche Hüfte verweisen kann. Ich las kürzlich einen Artikel von jemand, der sich zu seiner Depression bekannte. Der meinte, wenn man einmal als heterosexueller Mann wissen will, wie es ist sich zu outen, dann soll man einfach mal in einer öffentlichen Runde sich dazu bekennen, dass man psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nimmt. Da hat man sofort ein Stigma, ein Label – und das verändert. Das ist das Schöne bei Blaumeier, dass Menschen da hin kommen und das Gefühl haben, dass es okay ist.

Wie ging es mit dieser Krise deines Kindes weiter? Es gab eine therapeutische Begleitung meines Kindes, in die wir als Eltern auch einbezogen wurden. Das hat mir geholfen und auch, dass ich bei Blaumeier eine Weile kürzer treten konnte. Ich bin im Prinzip der Hausmusiker. Bei der aktuellen Produktion habe ich gesagt, dass ich diesmal den zweiten Mann mache. Das war eine Erleichterung. Inzwischen fühle ich mich wieder gestärkt genug, um solche Aufgaben wieder handhaben zu können. Zu der Zeit konnte und wollte ich es nicht. Das dauerte so zwischen einem halben und einem ganzen Jahr. Wie geht ein fixer Zeitplan mit der psychischen Labilität eurer Mitglieder zusammen? Es gibt bei uns ein Anlaufforum, das sich Atelier in Aktion nennt. Da kann man kommen und gehen wie man will. Die anderen Kurse finden regelmäßig statt. Da geht es darum, dass man sich etwas erarbeiten will und dafür muss man eben kontinuierlich arbeiten. Einer kam aus diesem Atelier in Aktion und sagte, dass er gerne intensiver arbeiten möchte. Den habe ich an eine regelmäßig arbeitende Gruppe vermittelt. Der hatte eine tolle Bühnenausstrahlung, kriegte auch eine Rolle zugeschrieben. Aber in dieser Produktionsphase geriet er unter einen psychischen Druck. Er war dadurch nicht mehr in der Lage diese Rolle auszufüllen. Der musste dann ersetzt werden. Letztlich hat ein Praktikant seine Rolle gespielt. Deshalb würden wir eine Produktion nicht nur aus einem Team von Leuten generieren, bei denen man nicht sicher weiß, ob sie damit umgehen können. In meinem Chor ist es so, dass er vierstimmig gesungen wird und es pro Stimme sieben, acht Leute gibt. Da fällt es nicht weiter auf, wenn mal einer fehlt. Das geht aber nicht, wenn jemand eine tragende Rolle hat. Unser Bemühen ist immer zu schauen, wo man wen einbauen kann. Aber zuweilen haben wir das Problem, dass wir das kompensieren müssen, in Form von einem Kollegen, der dann einspringen muss. Auch wenn wir keine Therapie anstreben ist, uns durchaus bewusst, dass die Leute bei uns tolle Erfahrungen machen und dadurch das Selbstbewusstsein gestärkt wird. Das kann einen therapeutischen Effekt darstellen. Gleichzeitig muss man wissen,

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dass diese Leute nicht die Stabilität haben, um dem Druck, der während so einer Theaterproduktion entsteht, gewachsen zu sein. Damit muss man umgehen. Wie sind die Leute heute untergebracht, wenn es diese Kliniken nicht mehr gibt? Für gewöhnlich in Wohneinheiten, im Idealfall fünf Leute zusammen. Je nach Bedarf werden

psychiatrie ist, dass man bei letzterer keine Chance hat, wieder freizukommen. Das bedeutet lebenslange Haft. Die Leute, die das Atelier Blaumeier damals mit begründet haben, lebten bis dahin 30, 40 Jahre in diesem Kloster Blankenburg. Die schliefen dort in riesigen Schlafsälen. Einer meiner Kollegen aus der Gründungsphase hat mir erzählt, wie sie damals mit den Künstlern in diese Einrichtung gingen. Sie haben dort zusammen Spiele wie Verstecken gespielt. Er versteckte sich also. Plötzlich kam ein Pfleger rein, schlug einem der Insassen ins Gesicht und ging wieder raus. Es war also eine reine Aggressionstriebabfuhr. Das war ein Indiz dafür, dass es keine Kontrolle gab. Man kann sich ausmalen, was dort für ein Missbrauch möglich war. Wenn sie rebelliert hätten, hätten sie einfach eine noch größere Packung Drogen bekommen. Es gibt Filme, die diese Auflösung damals begleitet haben. Als man die Leute gefragt hat, ob sie hier wegwollen, hat keiner Ja gesagt – weil sie gar nichts anderes kannten. In allen anderen alten Bundesländern gibt es nach wie vor diese Großkliniken. Von sich aus ändert da auch keiner etwas dran. Denn da gibt es einen Klinikchef, der gut verdient und der beschäftigt in so einem 400-Bettenhaus auch 300 bis 400 Leute. Oft sind diese Kliniken in ländlichen Regionen und damit sind sie der Arbeitgeber schlechthin. Da geht keiner freiwillig und sagt: „Jetzt such ich mir mal was anderes.“ Da muss es einen politischen Willen entgegen einer großen Wählerschaft geben. Ich denke, dass es heute weniger Missbrauchsfälle gibt. Auch die Mauern drum herum sind weg. Aber die Perspektivlosigkeit bleibt. Da geht es einfach um Verwahrung

Womöglich verringert sich durch unser Angebot die Notwendigkeit von Psychiatrie, weil Menschen in Krisen andere Formen finden damit umzugehen.

sie auch betreut. Wie auch in der Altenpflege gibt es Überprüfungen, welches Maß an Zuwendung benötigt wird. Einige Leute wohnen auch bei ihren Eltern. Der Trend geht leider wieder da hin, größere Einheiten zu bilden. Da gibt es dann fünf, sechs Wohneinheiten in einem 30-Bettenhaus. Das finden wir nicht gut, weil dadurch Ghettos gebildet werden. Nachbarschaft bildet sich eher bei einem Haus mit fünf Leuten als bei einem mit 30 Leuten. Es kommt natürlich auch bei uns vor, dass die Leute in die Psychiatrie einfahren. Aber diese Verwahrpsychiatrie, die es in anderen Bundesländern nach wie vor gibt, gibt es hier nicht mehr. Der Unterschied zwischen einer normalen Psychiatrie und der Verwahr-

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und es gibt kein Bestreben, daran etwas zu ändern. Wir betrachten uns als Teil der antipsychiatrischen Bewegung, aber nicht in der Form, dass wir der Meinung wären, dass jede Form der Psychiatrie aufgelöst werden müsste. Auch zu uns kommen manchmal Leute, die völlig abgedreht sind, die eine Versorgung benötigen, die mitunter nur klinisch zu gewährleisten ist. Da sind wir froh, dass es Psychiatrien und Psychopharmaka gibt. Andersrum sagt die Bremer Psychiatrie, dass sie froh sind, dass es so etwas wie Blaumeier gibt. Womöglich verringert sich durch unser Angebot die Notwendigkeit von Psychiatrie, weil Menschen in Krisen andere Formen finden, damit umzugehen. Da ist Bremen ziemlich weit vorne. Ich schreibe das auch der linken Historie zu. Es gab hier in Bremen nie eine reine CDU-Regierung. Es ging nie nur um den wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch um ein gesellschaftlich warmes Klima. Vielleicht ist an dieser Stelle so ein kleines Bundesland wie Bremen von Vorteil. Beim Thema Randgruppen sind andere Bundesländer noch etwas zurück. Gibt es Unterschiede zwischen einer psychischen Behinderung und einer psychischen Krankheit? Es gibt da keine Grenzen. Ich bin froh, dass ich sie nicht ziehen muss. Ich fände es sehr schade, wenn ich jemand, den ich mit dem Chor durch eine psychische Krise helfe, am Ende wegschicken müsste, weil er am Ende keine Krise mehr hat. Wir fragen auch nicht, was für eine Behinderung jemand hat. Zuweilen liegt das auf der Hand, wie beispielsweise beim Down-Syndrom. Aber psychische Erkrankungen sind nicht augenscheinlich. Nach außen hin wollen wir, dass diese Grenzen verschwimmen. Letztlich muss ich nach innen hin aber danach gucken. Wenn ich einen gemischten Chor haben will, muss es diese Mischung geben – und die gibt es nur, wenn ich Menschen etikettiere. Das sehe ich als die Verantwortung von uns Mitarbeitern: Darauf zu achten, dass das Gefüge stimmt ohne dieses Labeling nach außen hin zu betreiben. Wenn wir ein Theaterstück spielen, ist es für das Publikum wichtig, dass sich das Bild, das sie von Blaumeier haben, bestätigt. Es wäre merkwürdig, wenn sie das Gefühl hätten, da stehen nur Akademiker auf der Bühne, die es toll finden, 122

in einem sozialen Projekt mitzuwirken. Diese Menschen gibt es bei uns, aber wenn die Gruppe nur aus ihnen bestünde, würde das nicht der Idee von Blaumeier entsprechen. Da bin ich als Mitarbeiter gefordert, eine gemischte Gruppe zu erzeugen – und dafür muss ich die Menschen etikettieren. Das ist nicht immer einfach, da die Menschen auch die Seiten wechseln. Es gibt auch Menschen, die gesund anfangen und krank werden. Es kommt auch vor, dass Menschen, die nicht als behindert gelten, es auf der Bühne viel schwerer haben, weil sie größere Hemmungen haben. Ein sogenannter Behinderter macht sich da mitunter viel weniger einen Kopf drum. Dadurch lässt es sich leichter mit ihnen auf der Bühne arbeiten. Geistige Behinderung macht sich an einem bestimmten IQ fest, den man nicht überschreitet. Wenn jemand es nicht schafft auf eine Hauptschule zu kommen, landet er auf einer Förderschule und gilt als geistig behindert. Da gibt es auch bestimmte medizinische Schwachsinnsgrade. Außerdem gibt es psychische Erkrankungen, von denen keiner weiß, wo sie herkommen. Das können traumatische Erlebnisse sein: Krieg, Vergewaltigung, Verlusterfahrung. Dann gibt es Menschen mit Neurosen, Psychosen, Schizophrenie. Wir fragen die Menschen nicht nach ihren Krankengeschichten. Bei manchen kenne ich sie. Im Groben verteilt es sich so, dass die Menschen mit psychischen Erkrankungen sich bei uns im Malbereich wohler fühlen. Im Theaterbereich muss man sehr viel sozial interagieren. Das liegt Menschen mit einer geistigen Behinderung mehr. Aber das ist auch nicht so trennscharf. Es gibt bei uns auch Menschen, mit einer geistigen Behinderung, die malen – und Menschen mit psychischen Erkrankungen, die Theater spielen.

Mehr Informationen unter www.blaumeier.de


Als Motiv mäandert das Verrückte seit jeher durch die weiten Verzweigungen der (westlichen) Kulturgeschichte: Von Shakespear’s Lear (‚O, let me not be mad, not mad, sweet Heaven! Keep me in temper!‘), Marston’s What you will, Shirley’s Bird in a Cage, Cervante’s Don Quixote, über William Hogarth’s Serie A Raker’s Process, Goyas Irrenhausstudien hinzu Richard Dadd’s ikonenhafter Crazy Jane. Doch auch der Topos Psyche und Kreativität ist seit geraumer Zeit kaum aus der Kunstwelt wegzudenken. Zwar kam der Kunst von psychischer Krankheit Betroffener bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, wie im Falle der Sammlung Prinzhorn oder den Arbeiten Jean Dubuffets, große, stets jedoch ambivalente Anerkennung und Aufmerksamkeit zu, dennoch dauerte es selbst nach der prominenten Kuratierung Szeemanns der Documenta V noch viele weitere Jahrzehnte, bis jene Kunst Eingang in die Bestände großer Museen und Händler_innen fand. Spätestens seit Massimiliano Gioni 2013 der so genannten Outsider Art den zentralen Platz der Venedig Biennale einräumte, ist die allgemeine Faszination für die Debatte um Kreativität und psychische Erkrankung ungebrochen. Doch dem Buch Zum Glück verrückt geht es weder um eine Stärkung des auch von der Kunstwissenschaft angeeigneten Labels Outsider Art noch interessiert es sich für Lombrosos antiquierte Idee des manischen Künstlergenies. Der Herausgeber des Buches, Lukas Adolphi, widmet sich thematisch viel eher der Rolle, die Kunst und Kreativität als sprichwörtliche Möglichkeit zur Gestaltung in der Auseinandersetzung mit dem Thema psychische Erkrankung einnehmen kann. Er präsentiert Kunst als eine Form menschlicher Praxis, wie sie beispielsweise der Philosoph Georg W. Bertram beschreibt. Sie bereichert soziale Organisation im Sinne der von ihr gebotenen Handlungsräume und Impulse: Zum einen bietet Kunst einen Rahmen zur Aufarbeitung persönlicher Erfahrungen und befähigt somit zur Auslotung des eigenen Selbst. Andererseits funktioniert sie als Spiegel, mitunter gar als Katalysator gesellschaftlicher Diskurse, indem sie nicht zuletzt auf Fragen nach Freiheit, Autonomie und Moralität in einer Gemeinschaft einwirkt. Adolphi verweist mit seinem Buch gleich auf beide Lesarten kreativer Gestaltungsräume in der Auseinandersetzung mit dem Thema psychische Erkrankung und begibt sich dafür auf den Weg, Stimmen direkt oder indirekt Betroffener einzufangen. Um dem umfassenden Topos Psyche und Kreativität näherzukommen, sammelte er Interview- und Bildbeiträge insbesondere Kreativschaffender. Er befragte seine Gesprächspartner_innen zu ihren eigenen (Krankheits-)Erfahrungen oder denen nahestehender Personen und wie diese letztlich interpretiert, maneuvriert und verarbeitet würden.

Juliane Becker & 124


Kreativität und Persönlichkeit Zuvorderst scheint eine diagnostizierte psychische Erkrankung für viele der zu Wort kommenden Künstler_innen nicht zwangsläufig ein Hindernis zur künstlerischen Praxis darzustellen. Viel eher kann Kreativität als hochproduktiver Reflektionsmodus beziehungsweise als eine Möglichkeit fungieren, um der persönlichen Gedankenflut ein Ventil zu bieten, wie im Falle Jan Nenningers. Ob nun literarisches Schreiben (Jan Nenninger), Malerei (Philippe), Film (Oliver Sechting) oder Musik (Ralf ): Kreative Beschäftigung vermag es mitunter, Wege aus dem inneren Ghetto aufzuzeigen, wie es Philippe beschreibt, und sich somit letztlich positiv auf den Krankheitsverlauf auszuwirken. Um allerdings einer vorschnellen Romantisierung entgegenzutreten, sei hier angemerkt, dass das eigene Krankheitsempfinden dabei – wie im Falle Oliver Sechtings – stets zwischen Akzeptanz und gewünschter Heilung changieren kann. Dennoch können kreative Prozesse eine Vielzahl (selbst)ermächtigender Potentiale entfalten. Diese Beobachtung ist fundamental für kunsttherapeutische Ansätze: Christine Matzke beispielsweise gestaltet gemeinsam mit psychiatrischen Patient_innen Orte zur kreativen Betätigung, die in strukturierter Atmosphäre bis zu einem gewissem Grad von den normativen Zwängen psychiatrischer Institutionen befreien sollen. Nina Katschnig, Leiterin der Galerie Gugging, stellt in ihrem Projekt die schöpferischen Talente der Künstler_innen über ihre psychiatrischen Diagnosen. Sie legt Wert auf die Anerkennung der Künstler_in und somit auch auf die Sichtbarmachung ihrer Fähigkeiten. Für ihre Galerie wählt sie jedoch einen kunsttherapeutischen Ansatz kategorisch ab, um den Künstler_innen nicht allein den Weg der Aufarbeitung, sondern in erster Linie konkrete Zielsetzungen bereitzuhalten. Solchermaßen definiert sich ebenso die Leitidee des Theaterprojekts Atelier Blaumeier: Walter Pohl geht es letztlich darum, die Beschränkung des Antagonismus Krank und Gesund aufzuzeigen und seinem Ensemble stattdessen eine davon befreite Bühne zu bieten. Dafür sei es ebenso wichtig, sich von der elfenbeinturmartigen Verbarrikadierung des klassichen Theaters zu lösen, um überdies gesellschaftliche Befähigungsprozesse marginalisierter Menschen aktiv zu beeinflussen. Ähnlich versteht auch der Industriedesigner Stephan Schmidt, Geschäftsführer von Loony, sein Firmenkonzept. Er unterhält einen Produktionsort, an dem auch psychiatriebetroffene Menschen beschäftigt werden, für die Tagesstruktur, finanzieller Verdienst und Anerkennung der eigenen Leistung seiner Meinung nach posititv zusammenfallen. Er bemüht sich darum, Gestaltungs- und vor allem Möglichkeitsräume aufzuzeigen und damit gefühlte Macht- und Einflusslosigkeit psychisch Erkrankter zu überwinden.

Felix Freigang 125


Kreativität und Gesellschaftskritik Dass kreativer Intervention allenfalls auch die Fähigkeit zur Offenlegung gesellschaftlicher Missstände und Fehlentwicklungen obliegt, spielt eine zentrale Rolle in Adolphis Annäherung. So ermöglichen einige der hier vorgestellten Projekte auch eine grundlegend kritische Perspektive auf das Wesen psychischer Erkrankung im gesellschaftlichen Kontext. Am Beispiel ihrer Serien-Protagonistin in About:Kate behandelt Janna Nandzik eingangs psychische Krankheit im philosophischen Sinne. Abseits medizinischer Labels enttarnt sie das Internet als Paranoiaverstärker und deutete Facebook als soziales Epitaph. Sie zeigt auf, wie engmaschig das Netz sozialer Technologien mit individuellem Identitätsverlust letztlich versponnen sein kann. Hans König vom Theatre du Pain erinnerte sich an die einstig räumliche Sprengung des psychiatrischen Disziplinierungs- und Kontrollortes hinzu offener, gemeindebasierter Projekte. Italien kommt in dieser Hinsicht eine Vorreiterrolle zu, wie er festhält, die dicht mit dem Psychiater und Asylkritiker Franco Basaglia assoziiert ist. Etliche Patient_innen wurden in den 1970er Jahren dort wie auch andernorts quasi über Nacht zu Klient_innen gemacht – dies allerdings nicht unbedingt zur unmittelbaren Besserung ihrer Behandlungsumstände, wie es die Anthropologin Sue Estroff in ihrer bis heute viel beachteten Ethnografie Making it Crazy zeigte. Psychiatriekritiker_innen wie Thomas Szasz, Ronald D. Laing und David Cooper rüsteten damals gegen die verheerenden Folgen medizinisch-statistischer Klassifikationsysteme. Diese dienen der Erfassung von Krankheiten und Gesundheitsproblemen und werden von vertragsärztlichen Mediziner_innen als Grundlage zur Diagnostik genutzt (bspw. ICD und DSM). Angetrieben vom gleichen Impetus wird auf Königs Bühne eine Idee von Normalität, welche insbesondere – aber natürlich nicht ausschließlich – in medizinischen Institutionen und Klassifikationssystemen ihre Entsprechung findet, ebenfalls in ein kritisches Licht gerückt. Wie Ralf daran anschließend zeigte, sollten die Entstehungen und Ziele jener Klassifikationssysteme kritisch geprüft werden. Befeuert von großen Pharmaunternehmen neigen sie letztlich dazu, soziale Schwierigkeiten des Einzelnen in der Gesellschaft durch marktorientiertes Streben zu verstellen. Nach vieljähriger Tätigkeit im Psychiatriebetrieb und frustrierenden Konfrontationen mit sogenannter Funktionspflege innerhalb wirtschaftlich getrimmter medizinischer Institutionen, ist ihm allerdings die Musik als Weg der Verarbeitung geblieben.

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Die in der vorliegenden Publikation zusammengetragenen Kritiken zielen schließlich auch auf jene Deutungen von psychischer Krankheit, die sich über die Logik des funktionierenden Individuums in der Gesellschaft erklären. Wie lässt sich jedoch die Idee von gesellschaftlichem Funktionieren überhaupt fassen? Stellt sich Funktion über soziale Teilhabe her oder wird sie eher durch ein bestimmtes Maß an Produktivität definiert? Die dies entscheidenden Antworten speisen sich maßgeblich aus kollektiven Diskursen, welche um das Wesen gesellschaftlicher Stabilität und ihres Fortbestehens kreisen. Um ihre volle Wirksamkeit zu entfalten, müssten sie indes von jedem einzelnen Menschen internalisiert sein. So gesehen ist die Fähigkeit zu funktionieren letztlich eine Frage der Möglichkeit zur Partizipation am gesellschaftlichen Selbstoptimierungskarussell – so lange bis dessen Drehungen schlicht überhöhen und seine vormals zentrifugalen Wirkmächte in ihr Gegenteil verkehren, randwärts drücken und Gefahr droht, hinausgeschleudert zu werden. In diesem Außen regieren soziale Exklusion, Stigma und rigide Vorstellungen von Devianz und Normativität. Allein die Bewegungen gen Zentrum gelten als die saftige Karotte am Stock des Systems. Es ist eine wichtige Aufgabe nicht zuletzt Kreativschaffender und von psychischer Erkrankung Betroffener, jenes ideologische Missverhältnis von gesellschaftlichem Zentrum und Rand ein für alle mal zu relativieren. Dann ließe sich womöglich auch anerkennend sagen: Zum Glück verrückt.

Juliane Becker, geboren 1987, lebt in Berlin. Sie studiert Kunstgeschichte und Politikwissenschaft an der Københavns Universitet, Freie Universität Berlin und Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Becker arbeitet als freie Journalistin. Felix Freigang, Jahrgang 1989, studiert seit 2009 Kultur- und Sozialanthropologie und Kunstgeschichte an der MLU Halle-Wittenberg, der Freien Universität Berlin und Københavns Universitet (Dänemark). Seine inhaltlichen Schwerpunkte liegen im Schnittbereich der medizinischen und psychologischen Anthropologie. In einem derzeitigen Projekt beschäftigt er sich mit Jugendsuizidalität in westgrönländischen Gemeinden (Kangerlussuaq) im Kontext alterierender Verwandtschaftskonzepte, sozialer Rollen und affinaler Beziehungsvorstellungen.

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Impressum Redaktion/Gestaltung Lukas Adolphi Betreuung Sven Voelker, Konrad Renner, Mia Ehrler Lektorat Gregor Lehmann Schrift Vista Sans Swift Papier Munken Lynx 130 g/m2 Druck Risograf Umschlaggestaltung Siebdruck Bindung Fadenheftung Auflage __ von 50

Dieses Projekt entstand im Rahmen des Kurs Informationsdesign bei Sven Voelker an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Kontakt lukasadolphi@gmail.com www.lukasadolphi.de 2. Auflage Halle/Saale, 2015

Zum Glück verrückt  

Eine Interviewreihe zu den Themen Psychische Erkrankungen und kreativer Ausdruck

Zum Glück verrückt  

Eine Interviewreihe zu den Themen Psychische Erkrankungen und kreativer Ausdruck

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