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GELEBTES LEBEN 101 JAHRE LENE

ÜBER DIESE ARBEIT Jeder Wendepunkt, jede Entscheidung im Leben bringt Konsequenzen mit sich. Die Sicht auf die Dinge ändert sich im Laufe des Lebens. Zuerst perspektivisch, später aus der Retrospektive und am Ende werden wir alle zu Geschichten. Dies ist die Geschichte über meine Urgroßmutter Lene, die dieses Jahr 101 Jahre alt geworden ist. Erzählt aus ihrem Leben wird von ihrer Tochter und ihrem ältesten Enkel.

Eine Retrospektive

Va t e r Lene´s Vater ist am 1. Januar 1872 in Polen geboren, in Posen, er ist also ein richtiger Pole. Sein Name war Anton. Er war in Frankreich im Krieg und kam dann als Schnitter, Erntehelfer, nach Deutschland. Die Emma, seine Frau kam aus Bad Freienwalde, und irgendwo da in der Region haben sie sich dann auch kennen gelernt und sind dann nach Altlandsberg in die Bernauer Straße gezogen. Er heuerte beim Bauern Erdmann an und war dort so etwas wie ein besserer Hausmeister. Er hatte für jede Tür die Schlüssel und wenn Mutti damals mit mir zum Opa Anton nach Altlandsberg fuhr, gingen wir immer zu Erdmanns rein. Da kochte einer ihrer Schwestern und Erdmanns hatten eine Tochter, die so alt war wie ich und mit der durfte ich dann spielen. Ihr Kinderzimmer war für mich wie ein Schloss.

Lene´s Mutter, Großmutter Emma, verstarb sehr früh an Magenkrebs. Sie starb sehr ehlendich Zuhause im Ehebett. Opa Anton blieb. Er starb dann später im Juli 1941. Auch an Magenkrebs.

G e s c h w i s t e r Es waren zwölf Kinder und nur fünf von zwölf sind erwachsen geworden. Fünf Schwestern. Lene spricht immer von einem Karlchen der im Alter von 5 Jahren starb und auch noch von Zwillingen, die wohl gleich nach der Geburt gestorben sind. Lene´s Mutter war also immer schwanger. So wie das eben damals in der Zeit war.

Ich seh das heute noch...man konnte Päckchen verschicken, es gab ja noch keine Mauer, das waren alles noch die Besatzungzonen, es gab nur die Sektoren. Der Briefträger kam und hat die Päckchen alle aufgezogen auf eine Schnur und wenn er über die Wiesen kam in unsere Straße, er hatte nur ein Arm und damit schob er das Fahrrad, das war sehr schwer, da hat er immer zu mir gesagt,:

H o c h z e i t Dort in dieser Bäckerei lernte sie dann meinen Vater kennen. Er war Einzelkind und für die damaligen Zeiten war seine Familie gut betucht. Abgesicherte Leute, sagte man. Er fuhr ein tolles Motorrad. Eine tolle Maschine. Und er war im Fußballverein. Das waren alles Dinge, die Lene gut gefielen.

Ihr Vater und ihre Schwestern haben dann gesagt: Der Fatzke steht überhaupt dir nicht zu Gesicht.

E l t e r n h a u s Dann stehst du auf diesem großen alten Hof der mit all seinen Gemäuern vielleicht 200 Jahre alt ist. Ich erinnere mich genau, dass links vom Hof der Schweinestall war und die Sau so fett, dass sie zum schlachten nicht mehr durch die Tür kam. Ich kann mich auch erinnern, dass ich über den Hof zum Plumsklo laufen musste und Angst hatte vor dem lebenden Vieh. Ratten und Mäuse. Es gab ja keine Kanalisation.

Lene war die Jüngste. Nach und nach sind alle ihre Schwestern raus aus dem Elternhaus. Weggeheiratet. Lene fühlte sich nie sehr verbunden mit Altlandsberg. Sie strebte schon immer nach einem besseren Stand. So ging sie also in die Lehre nach Marzahn in eine Bäckerei und Konditorei. Dort lernte sie richtig den Haushalt führen und die Kinder versorgen, den Laden und die Bleche putzen und ganz zum Schluss dann den Verkauf. Diese Bäckerei steht heute noch in Marzahn.

We r n e r Ick war ja och nicht so der Tanzmaustyp. Dann war ich auch nicht so modisch gekleidet. Nach mir guckte sowieso kener. Aber dann passierte es doch, dass der Werner nach mir guckte und fragte ob er mich nach Hause bringen kann. Dann ist er auch nach Neuenhagen gekommen und hat mich abgeholt und auf die Rennbahn ausgeführt. Er kam mit einem dunkelgrünen Anzug, mit Hut und braunen Handschuhen in der Hand.

Die Ehe von Lene und Hans hatte keinen großen inhaltlichen Bestand. Es war die Politik. Mein Vater und mein Großvater waren politisch Hitler und dem dritten Reich sehr nah. Auf dem Hochzeitsfoto hat er die SS-Uniform bereits 1934 an.

1934 haben sie dann geheiratet. Dann ist mein Vater 1939 gleich in den Krieg eingezogen worden, so dass Lene und er keine großen Ehejahre hatten.

Die mochten den Hans nicht. Er hob sich so ab. Sein Vater war in der Schützengilde und seine Mutter war Weißnäherin und Plätterin, also Posamentenherstellerin. Posamenten nannte man das damals. Borten und Knöpfe beziehen. Das war ja immer schon ein feines Gewerk. Das gefiel Lene sehr.

Das Evchen

Meine Schwester, Evchen, ist am neunten Mai 1936 geboren und am ersten April 1940 innerhalb von drei Tagen gestorben. Ich glaube, dass war der härteste Schlag im gesamten Leben meiner Mutter.

Der Rat, den man damals einer Frau gab, war wieder schwanger zu werden. Das muss auch gleich geklappt haben, denn am elften Mai 1941 ist mein Bruder geboren, Rolf. Ein Junge, keine Erinnerungen an Evchen. Dieses Kind hat der Opa Anton auf dem Sterbebett noch gehalten.

Sie fährt nach Altlandsberg zum Vater, weil er auch schon sehr krank war. Sie brachte ihm wohl ein Essen und saubere Wäsche und legt ihre Tochter zum Schlafen ins Bettchen. Ich war zu dieser Zeit 2 Jahre alt. Sie kommt wieder und so wie sie es erzählt, wurde Evchen stark fiebernd wach und sie holte sofort den Doktor, der hier damals der Landarzt war, ein gewisser Herr Ortband. Der Arzt sagte: „Wir nehmen dieses Kind und bringen es sofort ins Virchowkrankenhaus nach Wedding“. Lene wollte sie am nächsten Tag besuchen und da haben die Ärzte ihr schon gesagt, wir können ihr Kind nicht retten. Sie wird die Augen in der Nacht oder am nächsten Morgen zu machen. Sie hatte eine Gehirnhautentzündung und ist sofort erblindet. Evchen war nicht ganz vier Jahre alt, als sie starb.

D e r K r i e g Mein Vater war im Krieg, aber nie an der Front, sondern immer

Das muss furchtbar gewesen sein. Sie ist dann im Rathaus auf dem Friedhof begraben worden. Am Tag der Beerdigung musste Lene daran gehindert werden, dass sie das Grab nicht wieder mit der Hacke öffnet. Es war furchtbar.

im Hinterland auf den Flughäfen tätig. Manchmal ist er auch mitgeflogen, aber größtenteils hat er als Flugzegmechaniker gearbeitet. Er hat den Krieg überlebt, ist aber kurz vor Ende über Schleswig Holsstein von den Engländern abgeschossen worden. Er hat auch diesen Absturz überlebt, sie konnten aus dem Flugzeug springen. Er geriet in englische Gefangenschaft und kam auch erstmal nicht wieder.

Da war der Krieg, der Tod des Kindes und die Nachkriegzeit. Da war irgendwo...naja, ich merkte auch das Mutti darüber nicht sprach. Sie hat zum Bespiel ihr Scheidungsurteil sofort zerrissen und da meinte ich: „Mutti, man zerreißt doch sein Scheidungsurteil nicht.“ Damals wurde man noch schuldig und unschuldig geschieden. Sie wurde schuldig geschieden, weil der Mann sich bemüht hat, seine Frau zu halten, aber sie wollte nicht.

N a c h k r i e g s z e i t Ich habe meinen Vater nach der Gefangenschaft 1947 vielleicht zwei oder drei Tage im Haus gesehen. Als ich dann älter wurde, habe ich das auch hinterfragt. Wieso Papa wieder gegangen ist. Als Kind verstand ich das nicht. Da meinte meine Oma zu mir, also die Mutter meines Vaters, er würde von den Russen sofort geholt und ins Lager gebracht werden. Seine Kameraden wären schon abgeholt worden und man hat sie nie wieder gesehen. Dann ging er wieder heimlich nachts weg. Mutter und wir Kinder sollten ihn eigentlich begleiten. Er wollte mit seiner Frau und den Kindern ein neues Zuhause aufbauen. Nicht bei den Russen sondern bei den Engländern. Lene aber hatte dazu nicht die Kraft. Sie hatte ein Dach, ein Haus, die eingerichtete Wohnung. Sie hatte alles.

„Uschi, komm mal, nehm mal schon eure Strippe mit!“. Da waren dann manchmal fünf bis sechs Päckchen dran und die kamen dann alle auf einen Schwung. Da war dann Mehl drin und Haferflocken drin und Wäsche drin und ein paar Schuhe. So hat mein Vater immer gesorgt. Er hat bis zu seinem Tod für Lene gesorgt. Er war ein sozialer Mensch glaube ich. Das heißt ich weiß es gar nicht so genau, wir haben darüber nie geredet.

Zweite Hochzeit

Dann hat Lene den Kriegsversehrten Johannes geheiratet. Der hatte ein steifes Bein. Er war auch ein Mann aus Altlandsberg, also man kannte sich irgendwo. Er ist dann zu uns gezogen. Wir wohnten ja noch mit meiner Großmutter, also der Mutter meines Vaters unter einem Dach. Sie hatte oben Stube und Küche und wir hatten unten zwei Zimmer, Küche und eine Waschküche. Im Prinzip wäre es eine Dreiraumwohnung gewesen. Es gab nicht sehr viel Platz und als meine Großmutte 1955 dann starb, zog ich nach oben unters Dach und hatte dann dort mein eigenes Reich.

Ich fühlte mich mit der Zeit wie ein Störfaktor. Meine Mutter hat mir das zwar so nicht gesagt, aber es war schon irgendwo so. Sie schickte mich zu meinem Vater nach Kiel. „Guck wie dein Vater lebt und zeig ihm dein Abschlusszeugniss, nimm das mit und fahr!“, sagte sie zu mir. Bin ich also nach Kiel gefahren. Es gab die DDR schon, aber die Grenzen waren noch offen. Mein Vater war mir ein fremder Mann, nur immer von den Briefen, von den Briefen, von den Briefen und den Paketen. Ich kannte seine Eigenarten ja gar nicht aber dann habe ich gemerkt, dass mein Bruder Rolf genauso ist wie sein Vater. Jede Geste, jede Mimik kannte ich schon von Rolf. Dann kam es auch ganz schnell zum Gespräch, er wollte, dass ich zu ihm ziehe und er würde mir dann Arbeit in Kiel suchen. Aber ich wollte nicht. Ich hatte Arbeit in Berlin.

Naja, vielleicht war ich auch nett aber was ich wirklich war, war naiv. Wie es im Leben so ist. Ich war ein dummes Lieschen und von Verhütung wusste ich nichts. Ich war schwanger und dann war meine Mama, also Lene, wieder die Jenige die auf´s Tablet kam. „Du heiratest!“, sagte sie. Er war ja der Sohn einer Geschäftsfrau. Das war ja nun auch schon n bisschen was besseres, dachten wir. Aber in Wirklichkeit war meine Schwiegermutter eine furchtbar arme Frau. Hoch im Stand der Bildung aber durch die Judensache verfolgt. Sie konnten im Krieg nicht beweisen, dass sie keine Juden waren. Sie ist nach Schweden gegangen und den Werner hat sie nach Bayern in eine Bauernfamilie gegeben als Findelkind. Die Bayern waren anders als die Städter. Der Krieg und der ganze Faschismus und das dritte Reich wurde dort anders behandelt.

Lenes zweiter Mann starb am neunten Juni 1969 und nach seinem Tod kam dann mein Vater nach Neuenhagen. Er hatte zwar ein liiertes Verhältnis mit einer Frau in Kiel, aber er kam. Sie hatten über all die Jahre über uns Kinder ein wenig Kontakt. In den Briefen gab es immer einen Gruß, immer eine Aufmerksamkeit. Lene hat einen neuen Teppich und neue Sessel gekauft und die ganze Wohnung auf Vordermann gebracht. Er kam und sie nahmen sich in die Arme. Da dachte ich, nun geht Mutti mit in den Westen, aber sie sagte nein, sie geht hier nicht weg. Es war das dritte mal, dass er kam und sie bat, mit ihm zu kommen.

Also hat sich meine Mutter mit Oma Lieschen, also Werner´s Mutter geeinigt. Wir hatten zu heiraten. Ich wusste das er mich nicht heiraten wollte. Ich habe geweint und geweint. Ich wollte ihn nicht heiraten. Ich war nicht das wonach er guckte. Eine Frau musste viel Busen haben und knuffig sein. Damals war es sehr modern knuffig zu sein. Stramme Waden und viel Oberweite. Man musste den Twist tanzen können und die Beine schmeißen können. Meine waren viel zu lang und zu dünn. So ist das Leben. Ich wollte nicht und er wollte nicht aber wir mussten. Das war eine bittere Erfahrung, aber ich hab nie Sorge gehabt. Er war sehr sehr fleißig, hat immer für drei gearbeitet, aber ich habe ihn nie geliebt. Ich wusste nicht was Liebe ist. Ich war immer das Objekt und wenn er betrunken war umso besser.

Dann wurde Werner ja sehr früh krank. Alkohol machte ihn schon immer aggressiv. Mit der Krankheit trank er noch mehr und früher war es auch einfach Mode zu trinken. Man war im Sportverein und in der Kneipe wurden die besten Geschäfte gemacht. Was haste? Was gibste mir? Kontakte eben. So lief das Leben.

Bei meiner Mutter durfte ich mich nie beschweren. Sie hat mir nicht beigestanden. Wenn ich grün und blau im Gesicht war, weil er mich geschlagen hat, dann hat sie zu mir gesagt: „Dann sei du anders zu ihm! Ich mische mich da nicht ein!“. Am nächsten Tag kam er dann mit dem Rosenstrauß oder einer Torte. Das war immer so.

Zum Tanztee mit Trautchen, ja. Schön schuchtel gewesen sind die beiden immer. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Lene hat sich für ihr Leben gerne und viel gezankt. Halbwegs unverträglich. Dann hat man drei Wochen nicht miteinander geredet aber dann war wieder alles schön und sie sind wieder los gefahren.

Als Werner so krank wurde, bin ich immer arbeiten gegangen. Lene war immer hier und hat sich um ihn gekümmert. Zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn gab es kein offenes Zerwürfnis. Nie. Die haben sich beide gemocht. Unterordnen ist etwas, was ihr nicht gegeben ist. Sie ist ein sehr herrischer Typ. Aber sie konnte auch wunderbar lieb sein. Ihre beste und größte Freundin ist Trautchen gewesen. Meine Cousine. Sie waren wie Mutter und Tochter. Lene war nur schuchteln mit Trautchen. In die S-Bahn und shoppen. Überall. Sie sind dahin gefahren und dahin. Was Lene nicht kannte, kannte Trautchen.


Lene ist bei mir dem Finger über die Schränke und hat mir den Staub auf dem Regal gezeigt. So ist sie. War auch berechtigt, aber man putzt ja auch nicht von morgens bis abends. Lene schon. Bei ihr war es immer wie im Museum.

Sie ist doch nur um den Kirchturm rum gefahren. Mal in die in die Rehberge und in die Müllerstraße, aber nur von der Wiege bis zur Bahre. Was der Bauer nicht kennt. Das ist eben ihre kleine Welt. Neue Sachen sind gefährlich. Sie hat Veränderungen immer gescheut. Wir mussten sie ständig überreden.

Sie war wirklich sparsam und vorallem brauchte sie auch nicht viel. Bei ihr ist nichts umgekommen. Dit bisschen Strom und dit bisschen Gas fiel allet nicht ins Gewicht.

Ich habe viel getan für die Achtung meiner Mutter. Ich habe geputzt und geputzt. Vielleicht ist es auch die Generation. Sie hatte keine anderen Interessen. Die Nachkriegszeit. Der Erhalt der Familie, das Kochen, das Einwecken, die Kinder, das die Kohlen da sind, den Winter überbrücken, den Haushalt schmeißen. Dann hat sie die Mutter verloren und den Vater, später dann die Schwiegermutter. Heute werden wir anders groß und werden vorallem auch anders alt. Sie ist ein Kind ihrer Zeit.

Teewurststullen hat sie mir immer gemacht mit Hagebutte und Pfefferminztee. Ich fand das ja schön. Ich konnte Fernsehen gucken bis in die Nacht bei ihr. Dann hab ich Horrorfilme geguckt und sie ist ins Bett gegangen.

Ich wollte immer mit ihr noch nach Cuba fahren. Das haben wir damals immer im Spaß gesagt, wir mögen uns ja sehr gern. Ich habe immer gesagt,: „Oma Lene, wir fahren mal nach Cuba!“. „Ohh... fand sie schön und dann wurde es mal ernst und ich wollte buchen und dann is sie wieder krank geworden. Magengeschwür bekommen. Die Lene-Krankheit. „Nein, Nein, Nein“, sagte sie. Erst alles schön aber dann es ernst wurde, hat sie immer gezögert. Ich wär mit ihr nach Cuba geflogen.

Zu mir sagt sei immer: „Ach bist du dick geworden!“. Dick findet sie schlimm. Seit Jahren der gleiche Satz. „Ach bist du dick geworden!“.

Gelebtes Leben  

Ein Identitätsprojekt über meine 101 jährige Uroma Lene. Ihr Leben wird in diesem 5 Meter langen Liporello aus der Pespektive ihrer Tochter...

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