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Young Ha Kim Das Gedächtnis des Mö rders G er m a n

Book Information

Das Gedächtnis des Mörders (살인자의 기억법) Munhakdongne Publishing corp. / 2013 / 32 p. / ISBN 9788954622035| For further information, please visit: http://library.klti.or.kr/node/772

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Das Gedächtnis des Mörders Written by Kim Young Ha

Den letzten Mord muss ich vor 25 oder 26 Jahren begangen haben. Was mich damals dazu trieb, war nicht, wie man annehmen könnte, ein plötzlicher Impuls, eine abnorme sexuelle Veranlagung oder Ä hnliches. Nein, es war die Enttäuschung. Ich hoffte jedes Mal, endlich die letzte Stufe der Befriedigung zu erreichen. Wenn ich ein Opfer begrub, sagte ich zu mir: Nächstes Mal wird es dir gelingen. Als mir diese Hoffnung abhandengekommen war, hörte ich mit dem Morden auf. * Ich hatte begonnen Tagebuch zu führen. Eine Art kühle Schachnotation, so etwas hatte ich einfach gebraucht. Ich glaubte aufschreiben zu müssen, was ich falsch gemacht und wie ich mich danach gefühlt hatte, um den schmerzlichen Fehler nicht zu wiederholen. Wie ein Schüler, der ein Arbeitsheft führt, schrieb ich auf, und zwar minutiös, wie die Tötung abgelaufen war und welche Gefühle ich dabei hatte. Alles vergeblich. Mir wollten einfach keine Sätze gelingen.

Ich hatte nicht vor, unsterbliche Zeilen

niederzuschreiben, sondern wollte nur Eintragungen ins Tagebuch machen. Dass mir dies so schwer fallen würde, hätte ich nie gedacht.

Ich vermochte weder meine Ekstase noch meine

Enttäuschung richtig auszudrücken und fühlte mich elend. Von Romanen hatte ich nur jene Teile gelesen, die in den Schulbüchern standen. Dort kamen Sätze, wie ich sie gebraucht hätte, nicht vor. So begann ich Gedichte zu lesen. Das war ein Fehler. Der Dozent, der an der Volkshochschule Lyrik lehrte, war ein junger Dichter in meinem Alter.

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Er brachte mich zum Lachen, als er in der ersten Stunde mit todernster Miene sagte: „Dichter sind Wesen, die wie geübte Killer nach der Sprache greifen und sie erledigen.“ Zu dieser Zeit hatte ich bereits nach mehreren Dutzend Opfern gegriffen. Ich hatte sie erledigt und begraben. Aber ich hätte nie gedacht, dass meine Taten etwas mit Lyrik zu tun haben könnten. Morden ist nicht lyrisch, es steht der Prosa näher. Jeder, der darin Erfahrung hat, wird dies bestätigen. Morden ist beschwerlicher und mit mehr lästigen Handgriffen verbunden, als man denkt. Wie auch immer, dank dem Dozenten bekam ich Interesse an Lyrik. Denn wenn ich auch nicht in der Lage bin Trauer zu empfinden – auf Humor reagiere ich. * Ich lese im Diamant-Sutra: „Das Bewusstsein sollte sich entwickeln ohne je irgendwo zu verweilen.“ * Die Lyrik-Kurse besuchte ich über längere Zeit. Ich hatte vorgehabt, den Dozenten zu töten, sollten seine Vorlesungen langweilig sein, aber sie blieben spannend. Der Dozent brachte mich mehrmals zum Lachen und lobte sogar zweimal meine Gedichte. Daher liess ich ihn leben. Ob er weiss, dass sein Leben seitdem ein geschenktes ist? Sein neuer Gedichtband, den ich letzthin las, war aber enttäuschend. Hätte ich ihn damals nicht doch unter die Erde bringen sollen? Wie wagt er es mit seinem mittelmässigen Talent noch immer Gedichte zu verfassen, während ein hochbegabter Killer wie ich mit dem Morden aufgehört hat? Irgendwie kommt er mir schamlos vor. * Neuerdings falle ich immer wieder hin. Erst fiel ich vom Rad, dann stolperte ich beim Gehen über einen Stein und kam zu Fall. Zudem werde ich immer vergesslicher. Drei Wasserkessel

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habe ich bereits durchgebrannt. Un-Hi rief an und sagte, sie habe im Krankenhaus einen Untersuchungstermin ausgemacht. Ich regte mich fürchterlich auf und schrie sie an. Eine Weile blieb sie still. „Wie merkwürdig du dich aufführst“, sagte sie dann. „Mit deinem Kopf stimmt eindeutig etwas nicht, Papa. Ich erlebe dich zum ersten Mal so böse.“ Bin ich tatsächlich nie böse gewesen? Während ich am Ü berlegen war, legte Un-Hi den Hörer auf. Ich griff erneut nach dem Telefon um das Gespräch fortzusetzen, aber mir fiel nicht mehr ein, wie man das Gerät benutzt. Musste ich zuerst die grüne Taste drücken? Oder erst die Nummer wählen und dann die grüne Taste bedienen? Welches war noch einmal die Nummer von Un-Hi? Doch nein, da gab es etwas viel Einfacheres. Man musste bloss … was schon wieder? Ich fühlte mich hilflos und spürte Ungeduld aufsteigen. Ich schmiss das Telefon hin. * Da ich nicht wusste, was Poesie ist, beschrieb ich wahrheitsgetreu, wie ich getötet hatte. Hiess der Titel meines ersten Gedichts nicht „Messer und Knochen“?

Der Dozent fand

meine Ausdrucksweise originell. Meine rohe Sprache und meine tödliche Fantasie, wie er sagte, machten die Nichtigkeit des Lebens in ihrer ganzen Schärfe sichtbar. Wiederholt lobte er meine „Metaphern“ in den höchsten Tönen. „Was ist eine Metapher?“ Der Dozent lachte verlegen – ein

Lächeln, das mir nicht gefiel – und erklärte, was eine

Metapher ist. Ich verstand, dass eine Metapher ein Gleichnis bedeutet. Aha. Tut mir leid, aber was ich da schrieb, waren keine Gleichnisse, mein Guter. * Ich nehme das Herz-Sutra zur Hand, schlage es auf und beginne zu lesen. „Daher gibt es in der Leerheit weder Dinge noch Fühlen

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weder Denken noch Wille noch Bewusstsein; kein Auge, kein Ohr, keine Nase, keine Zunge, nicht Körper noch Absicht; nicht Gestalt noch Laut; weder Geruch noch Geschmack, es gibt kein Objekt der Berührung und des Bewusstseins; und keine Grenze des Sehens und des Bewusstseins; weder Unwissen noch Ü berwindung des Unwissens; es gibt kein Altern und kein Sterben, kein Ü berwinden des Alterns und Sterbens; kein Leiden, keine Ursache des Leidens, kein Ende des Leidens und keinen Weg, das Leiden zu beenden; kein Verstehen gibt es und kein Erlangen.“ * „Haben Sie tatsächlich nie Gedichte schreiben gelernt?“ fragte der Dozent. – „Muss man das lernen?“ erwiderte ich, darauf sagte er: „Eigentlich nein, man verdirbt dabei nur seine Sprache.“ So ist das also. Dann habe ich Glück gehabt. Ausser dem Dichten gibt es ja noch weitere Dinge im Leben, die man von andern nicht lernen kann. * Man hat ein MRI gemacht. Ich legte mich auf eine weisse Liege, die wie ein Sarg aussah. Dann wurde ich in das Licht hineingeschoben. Es war wie ein Nahtoderlebnis. Ich glaubte aus meinem Körper herausgetreten zu sein und mich aus der Schwebe von oben herab liegen zu sehen. Der Tod stand neben mir. Ich fühlte es. Ich werde bald sterben. Eine Woche später sollte auch der Zustand meiner geistigen Fähigkeiten getestet werden. Der Arzt stellte mir Fragen und ich hatte zu antworten. Die Fragen waren einfach, aber darauf die Antworten zu finden fiel mir schwer. Es war, als wollte ich in einem Wasserbehälter nach

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Fischen greifen, die mir ständig entglitten, obgleich ich sie in der Hand spürte. Wer ist der Präsident des Landes?

In welchem Jahr sind wir? Nennen Sie bitte die drei Wörter, die Sie

zuletzt gehört haben. Was macht 17 plus 5? Ich war mir absolut sicher die Antworten zu kennen. Aber sie kamen mir nicht in den Sinn. Wissen und Nicht-Wissen zugleich – wie in aller Welt kann es das geben? Nach der Untersuchung war ich beim Arzt. Seine Miene war ernst. „Der Hippocampus ist geschrumpft“, sagte er und zeigte auf die MRI-Bilder meines Gehirns. „Es sieht nach Alzheimer aus. Unklar ist noch, in welchem Stadium sich die Krankheit befindet. Wir müssen sie weiter beobachten.“ Un-Hi, die mit gepressten Lippen neben mir sass, sagte nichts. Der Arzt fuhr fort: „Das Gedächtnis wird zunehmend schlechter werden. Erst werden die Erinnerungen an die nahe Vergangenheit, später überhaupt alle Erinnerungen verschwinden. Man kann den Verlauf vielleicht verlangsamen, aufhalten kann man ihn nicht. Vorläufig sollten Sie die verschriebenen Medikamente regelmässig einnehmen. Auch sollten Sie alles Wichtige aufschreiben und das Geschriebene bei sich tragen. Später werden Sie nicht einmal den Weg nach Hause finden können.“ * Montaignes Essays. Die kleine handliche Ausgabe, in der ich erneut zu lesen beginne, ist vergilbt. „Wir bringen nur das Leben durcheinander, wenn wir uns um den Tod sorgen, und den Tod, wenn wir uns um das Leben sorgen.“ Solche Zeilen lesen sich im Alter besser. * Als wir vom Krankenhaus heimkehrten, gerieten wir in eine Polizeikontrolle. Der Polizist sah Un-Hi und mich an, erkannte uns und liess uns weitergehen. Er war der jüngste Sohn des Vorsitzenden einer Genossenschaft aus der Gegend. „Wir führen wegen eines Mordfalls Kontrollen durch. Tag und Nacht sind wir im

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Einsatz,“ klagte er, „und das nicht nur an ein, zwei Tagen. Es ist sehr mühsam. Kein Mörder wird am helllichten Tag einfach so herum laufen, als wolle er sagen ‚fangt mich doch!’“ In unserem und dem angrenzenden Landkreis sollen nacheinander drei Frauen getötet worden sein. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um einen Serienkiller handelt. Alle drei Frauen waren in den Zwanzigern und wurden auf dem Heimweg spät in der Nacht zu Opfern. Hände und Füsse wiesen Spuren einer Fesselung auf. Da das dritte Opfer unmittelbar nach meiner Alzheimer-Diagnose entdeckt wurde, war es nicht abwegig, dass ich mich fragte, ob nicht etwa ich es gewesen war. Am Kalender, der an der Wand hängt, kontrollierte ich die Tage, an denen die Frauen vermutlich entführt und getötet worden waren. Ich hatte felsenfeste Alibis. Es war gewiss ein Glück, dass ich nicht der Mörder war, aber es bedeutete nichts Gutes, dass jemand, der Frauen entführt und tötet, in meiner Gegend aufgetaucht war. Ich erinnerte Un-Hi wiederholt daran, dass in unserer Nähe möglicherweise ein Mörder herumschleiche, und schärfte ihr ein, worauf sie achten müsse. Du darfst auf keinen Fall spät in der Nacht allein unterwegs sein. Steigst du ins Auto eines Mannes, ist es um dich geschehen. Es ist gefährlich, mit Kopfhörern auf der Strasse zu gehen. „Mach dir nicht so viel Sorgen“, sagte Un-Hi. Und als sie das Haus verliess: „So leicht passiert ein Mord auch wieder nicht.“ * Im Moment schreibe ich alles auf. Es kommt vor, dass ich an einem wildfremden Ort plötzlich zu mir komme, irritiert um mich blicke und nur dank der Erkennungsmarke, die um meinen Hals hängt und Namen und Adresse enthält, nach Hause finde. Letzte Woche hat man mich zur Polizei gebracht. Der Polizist grüsste mich lächelnd. „Ah, da sind Sie ja wieder.“ „Kennen Sie mich?“ „Natürlich. Ich kenne Sie gut. Ich kenne Sie besser als Sie mich.“

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„Wirklich?“ „Ihre Tochter wird bald kommen. Wir haben sie bereits benachrichtigt.“ * Un-Hi hat Agrarwissenschaft studiert und in einem Institut in der Nähe Arbeit gefunden. Dort arbeitet sie an der Entwicklung neuer Pflanzensorten. Man kreuzt zwei verschiedene Pflanzenarten um daraus eine neue Sorte zu gewinnen. Den ganzen Tag verbringt sie im weissen Kittel im Institut, manchmal arbeitet sie die ganze Nacht hindurch. Pflanzen kümmern sich nicht um Beginn und Ende der Schicht. Offenbar muss man immer wieder auch mitten in der Nacht Bestäubungen vornehmen. Die Pflanzen wachsen und wachsen und kennen kein Schamgefühl. Die Leute denken, Un-Hi sei meine Enkelin. Wenn ich sage, sie sei meine Tochter, sind sie überrascht, was insofern verständlich ist, als ich dieses Jahr in mein siebzigstes Lebensjahr eingetreten bin, während sie gerade einmal 28 Jahre alt ist. Begreiflicherweise interessierte sich Un-Hi mehr als andere für die Gründe dieses ungewöhnlichen Altersunterschieds. Als sie 16 Jahre alt war, hörte sie in der Schule einiges über Vererbung. Ich habe die Blutgruppe AB, sie aber hat O. Diese Konstellation ist zwischen Kind und einem Elternteil nicht möglich. „Wie kann ich deine Tochter sein?“ Ich gehöre zu jenen Menschen, die bestrebt sind stets die Wahrheit zu sagen. „Ich habe dich adoptiert.“ Um die Zeit herum muss sich die Entfremdung zwischen Un-Hi und mir eingestellt haben. Sie wusste nicht, wie sie mir begegnen sollte, und wirkte irritiert. Die Distanz zwischen uns ist bis heute nicht kleiner geworden. Jede Vertrautheit ist inzwischen verschwunden. Es gibt eine Krankheit, die man das Capgras-Syndrom nennt. Sie entsteht, wenn das Hirnareal, das Nähe und Intimität kontrolliert, beeinträchtigt ist. Daran Leidende erkennen zwar die nahestehenden Personen, sind aber nicht in der Lage, ihnen gegenüber ein Gefühl

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der Vertrautheit zu empfinden. Ein Beispiel dafür ist der Ehemann, der seine Frau misstrauisch mustert: „Wer bist du? Du siehst aus wie meine Frau und verhältst dich auch wie sie. Wer hat dich hierher befohlen?“ Seine Frau kommt ihm fremd vor – als sei sie eine andere Person. Letztlich muss ein solcher Patient mit dem Gefühl weiterleben, er sei in eine Welt verbannt, in der Menschen, die den ihm vertrauten aufs Haar gleichen, ihn gemeinsam 8

betrügen. Ich vermute, an jenem Tag hat Un-Hi begonnen, die kleine Welt

um sie herum, die aus ihr

und mir bestand, als etwas Fremdes zu empfinden. Trotzdem leben wir zusammen. * Wenn Wind aufkommt, rauscht der Bambushain hinter dem Haus. Als rühre er mein Inneres an, überträgt sich die Unruhe auf mich. Ist der Wind heftig, verstummen auch die Vögel. Dass ich den Bambushain erworben habe, liegt weit zurück. Es war ein Kauf, den ich nie bereut habe. Ich wollte schon immer ein Stück Wald für mich besitzen. Morgens gehe ich darin spazieren. Im Bambushain darf man nicht rennen. Denn man kann sterben, wenn man hinfällt. Schneidet man Bambusstauden ab, bleiben Stümpfe zurück, die meist spitz und hart sind. Beim Durchschreiten des Bambuswalds muss man stets gut auf den Boden achten. Ich höre das Rascheln der Blätter und denke zugleich an die Menschen, die hier begraben liegen. An die Leichen, die in Bambus verwandelt dem Himmel entgegen wachsen. * Als sie klein war, fragte Un-Hi: „Wo sind meine leiblichen Eltern? Leben sie noch?“ „Sie sind gestorben. Ich habe dich aus dem Waisenhaus geholt.“ Das wollte Un-Hi nicht glauben. Sie forschte im Internet nach und suchte wohl auch Behörden auf. Dann schloss sie sich in ihr Zimmer ein und weinte. Inzwischen scheint sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben. „Kanntest du meine leiblichen Eltern?“


„Ich kannte sie vom Sehen, aber eigentlich nah standen wir uns nicht.“ „Wie waren sie? Waren sie gute Menschen?“ „Sie waren sehr gute Menschen. Bis zum letzten Augenblick waren sie sehr um dich besorgt.“ * Ich brate Tofu. Morgens, mittags und abends esse ich Tofu. Ich gebe Ö l in die Pfanne und lege Tofu hinein. Wenn es leicht angebraten ist, wende ich es. Ich esse es mit Kimchi zusammen. Wie schlimm Alzheimer auch sein wird, dies werde ich noch allein hinkriegen, denke ich. Tofu Standard. * Es hat mit einem leichten Auffahrunfall begonnen. An einer Kreuzung stand plötzlich der Jeep dieses Kerls vor mir. Neuerdings sehe ich sehr schlecht, wahrscheinlich wegen der Alzheimerkrankheit. Ich übersah sein dastehendes Auto und krachte hinein. Es war ein Jeep, der zu Jagdzwecken umgebaut worden war: auf dem Dach ein Suchscheinwerfer, über der Stossstange drei zusätzliche Nebellichter. Bei einem solchen Wagen wird sogar der Kofferraum so umgebaut, dass er mit Wasser ausgespritzt werden kann. Man montiert noch zwei Batterien ein, und dann hauen sich diese Typen damit in die Berge hinter dem Dorf. Ich stieg aus und näherte mich dem Jeep. Der Mann war nicht ausgestiegen.

Auch das

Fenster blieb zu. Ich klopfte ans Fenster. „Würden Sie bitte aussteigen.“ Er nickte nur und gab mir mit der Hand das Zeichen weiterzugehen. Merkwürdig. Zumindest musste er doch einen Blick auf die hintere Stossstange werfen. Als ich unbeweglich stehen blieb, stieg er aus. Seinem Aussehen nach war er Anfang dreissig, kleingewachsen, machte aber einen entschlossenen Eindruck. Beiläufig warf er einen Blick auf die hintere Stossstange und sagte, alles sei in Ordnung. Dabei war gar nichts in Ordnung. Die Stossstange hatte eine tiefe Delle abgekriegt. „Sie können weiterfahren. Die Delle war schon vorher da. Es ist nichts.“

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„Wir sollten für alle Fälle unsere Adressen austauschen. Auch um unnötige Scherereien hinterher zu vermeiden.“ Ich reichte ihm meine Karte, die er jedoch nicht annehmen wollte. „Ich brauche sie nicht.“ Seine tiefe Stimme war ohne jede Emotion. „Leben Sie hier im Dorf?“ Er antwortete nicht. Stattdessen blickte er mich zum ersten Mal an. Seine Augen waren die einer Schlange. Kalt und erbarmungslos. In diesem Augenblick wusste ich:

Wir hatten uns

erkannt. Bedächtig schrieb er Name und Adresse auf einen Zettel. Er hatte eine Kinderschrift. Er heisst Park Ju-Tae. Um den Schaden noch einmal zu begutachten, ging ich hinter den Jeep. Da sah ich das Blut, das aus dem Kofferraum tropfte. Gleichzeitig fühlte ich, wie sein Blick auf mich gerichtet war. Wenn aus einem Jagd-Jeep Blut tropft, denken alle, darin befinde sich ein totes Reh. Ich jedoch gehe davon aus, dass es sich um eine Leiche handelt. Man kann nie wissen. * Wer war das noch einmal – ein spanischer oder argentinischer Autor? Gewisse Dinge wie Namen von Schriftstellern fallen mir kaum mehr ein. Wie auch immer, in einem Roman jenes Autors kommt diese Episode vor: Ein alter Schriftsteller trifft, als er am Flussufer spazieren geht, einen jungen Mann. Sie setzen sich auf eine Bank und kommen ins Gespräch. Im Nachhinein erkennt er, dass der junge Mann vom Flussufer er selber war. Wenn ich auf ähnliche Weise mich als jungen Mann anträfe, würde ich ihn wiedererkennen? * Un-His Mutter war mein letztes Opfer. Als ich, nachdem ich sie begraben hatte, zurückkehrte, streifte mein Auto einen Baum und kippte um. Die Polizei glaubte, ich sei zu schnell gefahren und hätte in der Kurve die Kontrolle über den Wagen verloren. Zweimal wurde ich am Kopf operiert. Im Krankenbett empfand ich tief in mir grossen Frieden. Das war seltsam. Erst

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dachte ich, es liege an der Wirkung von Medikamenten. Sonst regte ich mich auf, wenn ich andere Menschen nur schon sprechen hörte. All die Laute, wenn jemand Essen bestellte, wenn Kinder lachten oder Frauen tratschten – ich konnte sie nicht ausstehen. Nun auf einmal dieser Friede. Ich hatte geglaubt, das stets erregte Ich sei der Normalzustand. Dem schien aber nicht so zu sein. Wie einer, der ertaubt ist, musste ich mich an die Stille und den Frieden in mir gewöhnen. Sei es der Schock beim Unfall oder die Folge der ärztlichen Sezierkunst gewesen, etwas war mit meinem Gehirn geschehen. * Die Wörter schwinden zusehends. Mein Kopf verwandelt sich immer mehr in einen Schwamm. Löcher entstehen. Schlüpfrig ist er geworden. Alles entschlüpft. Morgens lese ich die Zeitung von vorn bis hinten. Bin ich damit fertig, habe ich das Gefühl, mehr vergessen zu haben als ich gelesen habe. Trotzdem lese ich weiter. Lese ich Sätze, ist mir, ich setzte eine Maschine, der wesentliche Bestandteile fehlen, wieder zusammen. * Seit langem hatte ich Un-His Mutter im Visier gehabt. Sie war Angestellte an der Volkshochschule, die ich besuchte. Sie hatte schöne Beine. Damals fühlte ich mich irgendwie schwächlich. Ich wusste nicht, ob das vom Dichten und Schreiben kam. Im Ü brigen schienen mir Reue und Grübeln hemmend für die natürlichen Triebe zu sein. Ich wollte aber nicht schwächer werden und auch nicht meine im Innern brodelnden Triebe unterdrücken. Es war mir, ich würde in eine dunkle, tiefe Höhle hineingestossen. Ich musste wissen, ob ich immer noch derjenige sei, den ich kannte. Da stand Un-His Mutter vor mir – der Zufall ist oft der Beginn eines Verhängnisses. Deshalb tötete ich. Aber es kostete viel Kraft. Es war enttäuschend.

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Ein Mord ohne jegliche Ekstase. Vielleicht begann sich zu dieser Zeit etwas in mir zu verändern. Die zwei Operationen am Kopf machten die Entwicklung dann irreversibel. * Am Morgen habe ich in der Zeitung gelesen, dass schon wieder ein neuer Mord geschehen ist, der die Menschen in der Gegend beunruhigt. Wann sollen denn die andern Morde passiert sein? Irritiert schaute ich in meinen Notizen nach. Es sind schon drei Morde geschehen und zu jedem fand ich eine entsprechende Eintragung vor. In letzter Zeit bin ich so vergesslich, dass mir Dinge, die ich nicht aufgeschrieben habe, wie Sand zwischen den Fingern zerrinnen. Ich notiere auch den Bericht über den vierten Mordfall in mein Heft. Eine 25jährige Studentin war auf einem Feldweg tot aufgefunden worden. Sie war nackt, an Armen und Beinen trug sie Spuren einer Fesselung. Auch diesmal war das Opfer entführt und getötet, sein Leichnam anschliessend auf einem Feldweg liegen gelassen worden. * Dieser Park Ju-Tae hat sich bisher nicht gemeldet. Aber ich sah ihn verschiedentlich in der Nähe – zu oft, als dass man es Zufall nennen könnte. Ganz abgesehen davon, dass ich ihm auch begegnet sein könnte, ohne ihn zu erkennen. Der Kerl scheint wie ein Wolf um das Haus zu schleichen und mich

auszuspionieren. Nähere ich mich ihm, um ihn anzusprechen,

verschwindet er. * Hat er etwa Un-Hi im Visier? * Ich legte mir grosse Zurückhaltung auf und liess die Menschen viel öfter am Leben, als dass ich sie tötete. „Kein Mensch kann einfach nur tun, was er will“, pflegte mein Vater zu sagen. Dem stimme ich zu.

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* Am Morgen habe ich Un-Hi offenbar nicht erkannt. Jetzt erkenne ich sie. Zum Glück. Der Arzt prophezeite, auch Un-Hi werde bald aus meinem Gedächtnis verschwunden sein. „Nur die Bilder aus der Kindheit werden bleiben.“ Jemanden, den ich nicht kenne, kann ich natürlich nicht beschützen. Ich liess mir einen Anhänger mit Un-His Foto machen, den trage ich nun um den Hals. „Das wird nicht viel nützen, das Kurzzeitgedächtnis verschwindet als erstes“, sagt der Arzt. * „Bitte lassen Sie meine Tochter am Leben!“, flehte Un-His Mutter unter Tränen. „Keine Sorge, das werde ich tun.“ Ich habe Wort gehalten. Menschen, die leere Versprechungen abgeben, mag ich nicht und hüte mich davor, einer von ihnen zu sein. Jetzt aber beginnt es schwierig zu werden. Ich notiere hier, um nicht zu vergessen. Ich darf nicht zulassen, dass Un-Hi getötet wird. * An der Volkshochschule besprach der Dozent einmal ein Gedicht von Mi-Dang mit uns. Es heisst „Die Braut“. Als der Bräutigam in der Hochzeitnacht das Brautgemach verlässt um auf die Toilette zu gehen, bleibt eine Schleife seines Gewands am Türgriff hängen. Der Bräutigam glaubt, die Braut greife aus Lüsternheit nach ihm, und läuft weg. Erst vierzig oder fünfzig Jahre später führt ihn der Zufall wieder am Haus vorbei. Er schaut hinein. Die Braut sitzt noch immer dort wie damals. Als er sie berührt, verwandelt sie sich in Asche und sinkt in sich zusammen. Der Dozent und auch die Teilnehmer konnten nicht genug von diesem Gedicht schwärmen. Ich verstand es so, dass der Bräutigam in der Hochzeitnacht die Braut tötet und sich davon macht. Ein junger Mann, eine junge Frau, eine Leiche. Wie könnte man es anders lesen! *

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Mein Name ist Kim Byong-Su. Ich bin dieses Jahr siebzig Jahre alt geworden. * Den Tod fürchte ich nicht. Und das Vergessen kann ich nicht aufhalten. Wenn ich alles vergessen habe, werde ich nicht mehr der sein, der ich jetzt bin. Wie könnte ich im Moment, wo ich mich nicht mehr an mein jetziges Ich erinnere, ich selber sein – selbst wenn die innere Welt weiter existierte? Ich mag mir nicht den Kopf darüber zerbrechen. Im Moment denke ich nur an eines – dass ich den Mord an Un-Hi verhindern muss, bevor ich jede Erinnerung verliere. Das ist die Aufgabe meines Lebens. Das ist mein Karma. * Mein Haus liegt an einem Berghang, leicht vom Weg zurückversetzt, so dass es die Leute, die bergauf gehen, nicht bemerken. Wer vom Berg herabkommt, sieht es eher, als wer hochsteigt. Da sich oben ein grosser Tempel befindet, halten es manche für einen Nebentempel oder ein Wohnheim für Mönche. Erst hundert Meter weiter unten tauchen die ersten Häuser auf. In einem von ihnen – man nannte es im Dorf das Haus mit dem Aprikosenbaum – lebte ein Ehepaar mit Alzheimer. Zuerst erkrankte der Mann und bald darauf erhielt die Frau dieselbe Diagnose. Aussenstehende mag es seltsam angemutet haben, aber die Eheleute lebten zufrieden miteinander. Begegnete man ihnen unterwegs, grüssten sie stets höflich mit zusammengefalteten Händen. Für wen mich die beiden wohl hielten? Die Zeit wich ihnen immer weiter zurück, zuerst bis in die 1990er Jahre, zuletzt gar bis in die 1970er Jahre, in eine Periode, wo man verhaftet und bestraft werden konnte, wenn man ein falsches Wort sagte. Das Paar lebte gleichsam zur Zeit der Notstandsgesetze, der sogenannten MakgeolliStaatssicherheitsgesetze 1 . Deswegen waren die beiden stets misstrauisch und vorsichtig, 1

Die in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts herrschende Militärdiktatur versuchte mit einer strengen antikommunistischen Ideologie alle Freiheitsbestrebungen der Bevölkerung zu unterdrücken. Makgeolli ist ein billiges, bei einfachen Leuten beliebtes alkoholisches Getränk, das

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wenn sie Menschen begegneten. Sie müssen die Dorfbewohner als Fremde angesehen und sich gewundert haben, warum so viele von ihnen in der Nähe ihres Hauses auftauchten. Die Krankheit erreichte ihren Höhepunkt, als sie sich gegenseitig nicht mehr erkannten. Jetzt trat endlich ihr Sohn auf den Plan und wollte die Eltern ins Pflegeheim bringen. Zufällig ging ich am Haus vorbei und sah, was sich da abspielte. Die Eltern hatten sich vor dem Sohn niedergekniet und baten ihn darum, sie am Leben zu lassen, sie seien keine Kommunisten. Sie dachten wohl nichts anderes, als dass der Mann, der im Anzug vor ihnen stand, ein Beamter des Geheimdienstes sei, der sie mitnehmen wolle. Obgleich sie sich gegenseitig nicht mehr erkannten, bettelten sie doch mit einer Stimme um ihr Leben. Der Sohn brach in Tränen aus und begann zu schreien, und es waren herbeigeeilte Dorfbewohner, welche die zwei Alten schliesslich ins Auto schoben. Das ist meine Zukunft, diese beiden. * Un-Hi kommt ständig mit ihrem Warum. Warum kannst du dich nicht mehr erinnern. Warum strengst du dich nicht mehr an. In ihren Augen muss ich voller Merkwürdigkeiten stecken. Vermutlich glaubt sie, ich verhielte mich so um ihr Schwierigkeiten zu bereiten. Sie sagte, ich stellte mich nur unwissend, um ihre Reaktion zu prüfen, und es befremde sie, wie unbeteiligt ich dabei bliebe. Ich weiss, dass Un-Hi in ihrem Zimmer weint. Gestern hörte ich, wie sie mit einer Freundin telefonierte. Sie werde fast verrückt, sagte sie. „Er ist nicht mehr dieselbe Person.“ Sie erzählte der Freundin, täglich ändere sich mein Zustand. Was eben noch gegolten habe, gelte gleich schon nicht mehr und einen Moment später sei wiederum alles ganz anders. Ich

viel konsumiert wurde. Sagte man in betrunkenem Zustand etwas, das als gegen den Staat oder den Präsidenten gerichtete oder aber als pro-nordkoreanische Aussage interpretiert werden konnte, wurde man verhaftet. Der Ausdruck Makgeolli-Staatssicherheitsgesetzte war eine ironische Anspielung auf diese Situation.

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erzählte immer wieder dieselben Geschichten. Einmal erschiene ich ihr als Alzheimerkranker, der sich nicht mehr an das erinnere, was kurz zuvor geschehen sei, das andere Mal verhielte ich mich wieder völlig normal. „Das ist nicht der Vater, den ich kannte. Er ist sehr anstrengend für mich geworden.“ * Begonnen hat alles mit meinem Vater. Jedes Mal, wenn er betrunken war, schlug er Mutter und Young-Sook, deshalb erstickte ich ihn mit dem Kopfkissen. Meine Mutter presste ihn auf den Boden und Young-Sook hielt seine Beine fest. Sie war damals erst gerade zehn Jahre alt. Gänsefedern quollen aus dem geplatzten Kissen hervor. Young-Sook kehrte sie auf und Mutter nähte das Kissen mit leerem Blick wieder zusammen. Als dies geschah, war ich sechzehn. Es war kurz nach dem Koreakrieg und der Tod war allgegenwärtig. Niemand interessierte sich für einen Mann, der starb, während er in seinem Haus schlief. Nicht ein einziger Polizist schaute vorbei. Wir errichteten im Hof ein Zelt und bewirteten dort die Trauergäste. Mit fünfzehn Jahren war ich bereits stark genug um Reissäcke zu schleppen. In meiner Heimat wagte ein Vater den Sohn nicht anzurühren, wenn dieser alt genug war um Reissäcke zu schultern. Meine Mutter und meine jüngere Schwester schlug mein Vater jedoch weiter. Er jagte die beiden sogar im eisig kalten Winter aus dem Haus, nachdem er sie dazu gezwungen hatte sich nackt auszuziehen. Ihn zu töten war das einzig Richtige. Ich bereue bloss, Mutter und Schwester in die Sache hineingezogen zu haben, obgleich ich es allein hätte tun können. Mein Vater, der den Krieg überlebt hatte, litt unter Albträumen. Er redete oft im Schlaf. Wahrscheinlich glaubte er sogar im Moment des Todes, ein Albtraum suche ihn heim. * „Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist. Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut

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zu verstehen: ich hasse die lesenden Müssiggänger.“ Das schrieb Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“. * Mit sechzehn begann ich und ich machte weiter, bis ich 45 Jahre alt war. Ich erlebte den 19. April und den 16. Mai. Park Jung-Hee rief im Oktober die „Yushin“-Verfassung aus und begann von einer lebenslangen Diktatur zu träumen. Youk Young-Soo starb von einer Pistolenkugel getroffen. Jimmy Carter besuchte das Land und gab Park Chung-Hee den Rat mit der Diktatur Schluss zu machen, er zeigte sich beim Joggen in kurzen Hosen. Auch Park Chung-Hee fiel einem Attentat zum Opfer. Kim Dae-Jung, der aus Japan entführt wurde, kam im letzten Moment mit dem Leben davon. Kim Young-Sam wurde aus dem Parlament ausgeschlossen. Unter dem Kriegsrecht belagerten die Militärs die Stadt Kwang-Ju, erschlugen und erschossen Menschen2. Ich dachte nur ans Töten. Ich führte einen einsamen Krieg gegen die Welt. Ich tötete, floh und 2

Hier spielt der Autor auf einige Ereignisse während der Militärdiktatur an. Am 19. April

1960 stürzte ein Aufstand der Bevölkerung den Präsidenten Rhee Syng-Man, der versucht hatte, die Wahlen zu manipulieren. Am 16. Mai 1961 übernahm General Park Chung-Hee nach einem Staatsstreich die Macht und errichtete eine Militärdiktatur. Im Oktober 1972 verhängte Park das Kriegsrecht über das Land und gab eine neue Verfassung in Auftrag. Die so genannte Yushin-Verfassung, die dem Präsidenten diktatorische Vollmachten verlieh, trat im Dezember in Kraft. Youk Young-Soo, die Gattin von Park Chung-Hee, wurde am 15. August 1974 das Opfer eines Attentats. Jimmy Carter, der im Namen der Menschenrechte auftrat, besuchte Korea im Juni 1979. Park Chung-Hee starb am 26. Oktober 1979 von der Kugel seines Sicherheitschefs.

Kim Dae-Jung war der wichtigste Oppositionspolitiker und

Gegenspieler von Park. Am 8. August 1973 wurde Kim, der in Japan weilte, von Mitarbeitern des koreanischen Geheimdienstes entführt und nach Korea gebracht. Kim Young-Sam war Abgeordneter und Oppositionspolitiker. Am 4. Oktober 1979 wurde er aus dem Parlament ausgeschlossen. In der Stadt Kwang-Ju im Südwesten Koreas fand am 16. Mai 1980 ein Massaker der Militärs an der Zivilbevölkerung statt, die sich gegen die Militärdiktatur erhoben hatte.

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versteckte mich. Dann tötete ich wieder, floh und versteckte mich. Damals gab es weder DNA-Tests noch Videoüberwachungsanlagen. Selbst das Wort Serienmord war kaum bekannt. Einige Dutzend Menschen, die sich auffällig verhalten hatten, und auch psychisch Kranke wurden als Verdächtige von der Polizei verhaftet und auch gefoltert. Einige müssen falsche Geständnisse abgelegt haben. Da die Polizeistationen kaum miteinander vernetzt waren, brachte man die Verbrechen, die in verschiedenen Gegenden geschahen, nicht miteinander in Verbindung. Immer wieder stocherten Tausende Polizisten mit Stöcken in der unschuldigen Erde irgendwo in der Wildnis herum. Das nannte man dann Ermittlung. Es war eine gute Zeit. * Meinen letzten Mord beging ich in meinem 45. Lebensjahr. Gerade kommt mir in den Sinn, dass auch mein Vater, als er unter dem Kissen erstickte, 45 Jahre alt war. Seltsam, dieser Zufall. Das will ich auch notieren. * Bin ich ein Teufel oder ein Ü bermensch, oder beides? * Siebzig Jahre. Blicke ich zurück, habe ich das Gefühl, am Eingang einer dunklen Höhle zu stehen. Während ich nichts empfinde, wenn ich an den kommenden Tod denke, fühle ich Trauer und Trostlosigkeit in mir, wenn ich zurück schaue. Mein Inneres glich einer Wüste. Nichts wuchs dort. Kein bisschen Feuchtigkeit gab es. Es ist wahr, in meiner Kindheit versuchte ich andere Menschen zu verstehen. Doch das schaffte ich nicht. Stets mied ich die Blicke der anderen. Sie hielten mich für einen scheuen und sanftmütigen Menschen. Vor dem Spiegel übte ich Gesichter ein. Trauriges Gesicht, freundliches Gesicht, besorgtes Gesicht, enttäuschtes Gesicht. Dabei fand ich heraus, dass es

am besten ist, den

Gesichtsausdruck des Gegenübers nachzuahmen. Wenn der andere sich verärgert zeigte,

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gab ich mich auch verärgert, wenn der andere lachte, lachte ich mit. Menschen in früheren Zeiten sollen geglaubt haben, im Spiegel wohne der Teufel. Der Teufel, den sie im Spiegel sahen, muss meinesgleichen gewesen sein. * Spüre auf einmal den Wunsch meine Schwester wiederzusehen. Als Un-Hi das hörte, sagte 19

sie, die Schwester sei schon lange tot. „Wie ist sie denn gestorben?“ „Weisst du nicht mehr? Sie litt lange an Leukämie und starb schliesslich daran.“ Jetzt, wo sie das sagt, kommt es mir auch so vor. * Ich war Tierarzt. Der richtige Beruf für einen Mörder. Ich konnte nach Belieben starke Narkosemittel einsetzen. Selbst einen Elefanten hätte ich damit umgelegt. Der Tierarzt auf dem Land ist viel unterwegs. Während die Kollegen in den Städten in ihren Arztpraxen sitzen und Schosshunde und Katzen behandeln, muss ein Tierarzt auf dem Land umherfahren um nach Kühen, Schweinen und Hühnern zu sehen. Früher waren auch hin und wieder Pferde darunter. Abgesehen von den Hühnern sind alles Säugetiere. Die Beschaffenheit ihrer Körper ist nicht viel anders als die des Menschen. * Schon wieder bin ich an einem unbekannten Ort zu mir gekommen. Es war ein Dorf, das ich nicht kannte. Junge Männer standen in einem kleinen Laden um mich und versuchten mich daran zu hindern wegzurennen. Es hiess,

ich hätte verängstigt um mich geschlagen.

Polizisten kamen, und nachdem sie sich über das Funkgerät verständigt hatten, nahmen sie mich im Polizeiauto mit. Oft irre ich bar jeglicher Erinnerung umher, dann werde ich, umringt von Dorfbewohnern, von der Polizei in Obhut genommen. Stets dieselbe Szene:

Menschenmenge, Umzingelung, Abtransport durch die Polizei.


Alzheimer kommt mir als böser Scherz vor, den das Leben einem Serienkiller beschert. Nein, eher als versteckte Kamera. Sehr erschrocken, wie? Nun denn, es war nur ein Scherz. * Ich habe beschlossen, jeden Tag ein Gedicht auswendig zu lernen. Es ist aber nicht leicht. * Gedichte von heutigen Dichtern verstehe ich kaum. Sie sind zu schwer. Aber eine Zeile wie diese hier gefällt mir: „Mein Schmerz hat keine Untertitel, er bleibt unlesbar.“ Kim Kyong-Ju, ‚Stadt der Trauer’. Hier eine weitere Zeile daraus: „Mein Leben gleicht dem Reiswein, heimlich gebraut, von niemandem gekostet, / Ganz trunken bin davon ich geworden.“ * Beim Einkaufen in der Stadt bemerkte ich einen Mann, der vor Un-His Institut herumschlich. Ich kannte ihn vom Sehen, konnte mich jedoch nicht erinnern, wer er war. Auf dem Heimweg, als ich einen Jeep vorbeifahren sah, schoss es mir: Das war bestimmt jener Kerl gewesen. Ich holte mein Notizheft hervor und schaute nach, wie er hiess. Park Ju-Tae. Er trieb sich in der Nähe von Un-Hi herum. * Ich habe wieder mit Sport begonnen. Hauptsächlich trainiere ich meinen Oberkörper. Der Arzt sagte, Sport zu treiben helfe das Fortschreiten der Alzheimerkrankheit zu verlangsamen, aber das ist nicht der Grund. Es ist wegen Un-Hi. Im

Augenblick des Kampfes sind es die

Muskeln des Oberkörpers, die über Tod und Leben entscheiden. Packen, pressen und strangulieren. Die Schwachstellen bei den Säugetieren sind die Atemwege. Wird das Gehirn nicht genügend mit Sauerstoff versorgt, sterben sie innerhalb weniger Minuten, zumindest wird ihr Gehirn unwiederbringlich geschädigt. *

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An der Volkshochschule hatte ich einen Mann kennengelernt, der sagte, meine Gedichte gefielen ihm und er würde sie gern in seiner Literaturzeitschrift veröffentlichen. Das war vor dreissig Jahren. Ich gab meine Zustimmung. Nach einer Weile rief er an und sagte, die Zeitschrift sei erschienen, wohin er sie schicken solle. Dann nannte er seine Kontonummer. Ob man die Zeitschrift kaufen müsse, fragte ich und er gab zur Antwort, alle machten das so. Dann möchte ich lieber nicht, sagte ich, aber er begann zu jammern: Nun sei es zu spät Probleme zu machen, die Zeitschrift

sei doch bereits gedruckt. In mir wuchs die

Versuchung ihn darauf hinzuweisen, er gehe allzu leichtfertig mit dem Ausdruck Probleme um. Aber da es meine eigene spiessige Eitelkeit war, die alles in Gang gesetzt hatte, konnte ich nicht ihm allein die Schuld geben. Einige Tage später wurden zweihundert Exemplare der Provinzliteraturzeitschrift, in der meine Gedichte abgedruckt waren, ins Haus geliefert. Eine Karte lag dabei, auf der ich zu meinem Debüt als Dichter beglückwünscht wurde. Ich behielt nur ein Exemplar, die übrigen 199 benutzte ich als Brennmaterial. Sie brannten gut. Mit Lyrik geheizt wurde der Zimmerboden schön warm. Wie auch immer, danach wurde ich als Dichter angesehen. Es ist kein Unterschied zwischen dem, der Gedichte schreibt, die niemand liest, und dem, der Morde begeht, über die er niemandem erzählen kann. * Während ich auf der Holzveranda sitze und auf Un-Hi warte, betrachte ich die Sonne, die hinter einem Berg in der Ferne untergeht. Die kahlen Winterberge, in blutrote Farbe getaucht, sinken im nächsten Augenblick in ein mattes Grau. Ist die Zeit zu sterben gekommen, wenn ich so etwas mit Wohlgefallen betrachte? Bald werde ich auch das, was ich gerade sehe, vergessen haben. * Untersuchungen von Schädeln aus vorgeschichtlicher Zeit zeigen, dass gut die Hälfte der

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Menschen Opfer von Verbrechen wurden. Manche Schädel sollen Löcher aufweisen, andere Schnittstellen, hervorgerufen durch einen scharfen Gegenstand. Ein natürlicher Tod sei selten gewesen. Alzheimer dürfte kaum vorgekommen sein. Es war gewiss kaum möglich, bis zu diesem Alter am Leben zu bleiben.

Ich muss jemand sein, der eigentlich in die

vorgeschichtliche Zeit gehört, aus Versehen jedoch in die Gegenwart geraten ist, wo er sich schon viel zu lange aufhält. Dafür werde ich mit Alzheimer bestraft. * Un-Hi wurde in der Schule gemobbt. Da sie keine Mutter und nur einen alten Vater hatte, mieden sie die anderen Kinder. Wenn ein Mädchen ohne Mutter aufwächst, weiss es nicht, wie es zu einer Frau wird. Die anderen Mädchen bemerkten dies und quälten Un-Hi. Eines Tages suchte sie einen Lehrer auf, der Schüler bei Schwierigkeiten beriet, um über ihre unerwiderte Liebe zu sprechen. Un-Hi war in einen Jungen verliebt. Darauf breitete sich in der Schule das Gerücht aus, sie sei verrückt nach Männern. Man beschimpfte sie als Schmutzlappen. Als ich das in Un-His Tagebuch las, war ich niedergeschlagen und ratlos. Es gibt Probleme, die auch ein Serienkiller nicht lösen kann: Mobbing einer Mittelschülerin. Ich weiss nicht, wie sie da herausgekommen ist. Nun führt sie ein geregeltes Leben und somit dürfte alles in Ordnung sein. * Vater erscheint mir regelmässig im Traum. Ich öffne die Tür und betrete das Zimmer, er sitzt an einem niedrigen Tisch am Boden und liest etwas. Es ist mein Gedichtband. Den Mund voll mit Reisspelzen schaut er mich an und lächelt. * Wenn ich mich richtig erinnere, lebte ich zweimal mit einer Frau zusammen. Die erste Frau gebar mir einen Sohn, aber eines Tages verschwanden die beiden spurlos. Da sie auch den Sohn mitgenommen hat, vermute ich, sie habe wohl etwas bemerkt. Wäre es mir darum zu

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tun gewesen, ich hätte sie finden können, aber ich unterliess es sie zu suchen. Sie war nicht die Frau, deretwegen ich mir die Mühe gemacht hätte, sie bei der Polizei als vermisst zu melden. Mit der zweiten Frau war ich standesamtlich verheiratet. Wir lebten fünf Jahre zusammen, danach reichte sie die Scheidung ein, weil sie mich nicht ertragen könne. Ihre Worte zeigten, dass sie keine Ahnung hatte, was für ein Mensch ich war. Als ich sie fragte, was an mir so schlimm sei, gab sie zur Antwort, ich sei ein Mensch ohne Gefühle. sie habe mit einem Stück Fels zusammengelebt.

Ihr sei,

Zu der Zeit traf sie sich bereits mit einem

andern Mann. Die Gefühlswelt der Frauen erschien mir wie eine schwer entzifferbare Geheimschrift. Sie konnten sich wegen Nichtigkeiten fürchterlich aufregen. Wenn sie weinten, wurde ich gereizt, wenn sie lachten, ärgerten sie mich. Ununterbrochen reihten sie Belanglosigkeiten aneinander, und ich starb vor Langeweile. Manchmal kam ich in Versuchung sie umzubringen, aber ich hielt mich zurück. Denn stirbt die Gattin, ist der Ehemann der erste Verdächtige. Den Geliebten meiner Frau machte ich nach zwei Jahren ausfindig, tötete ihn, zerteilte seinen Leichnam und warf ihn in einen Schweinetrog. Damals war mein Gedächtnis noch intakt. Nie vergass ich etwas, das nicht vergessen werden durfte. * Im Zusammenhang mit der Mordserie in unserer

Gegend kommen in diesen Tagen

zahlreiche Spezialisten für Mordfälle im Fernsehen zu Wort. Einer, der als Profiler arbeitet, sagte Folgendes: „Wenn ein Serienkiller einmal begonnen hat, kann er nicht mehr aufhören. Er sucht nach immer stärkeren Reizen und hält mit zunehmender Obsession nach dem nächsten Opfer Ausschau. Es sind Süchtige, die auch im Gefängnis nur an das Eine denken. Kommt einer zur Einsicht, er könne nie wieder einen Mord begehen, bringt er sich, von Verzweiflung gepackt, sogar selbst um. Mit derart starken Trieben haben wir es zu tun.“ Die Spezialisten sind nur solange Spezialisten, als sie über Dinge reden, von denen ich keine

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Ahnung habe. * In letzter Zeit kehrt Un-Hi immer später von der Arbeit heim. Irgendwie meine ich gehört zu haben, dass in ihrem Labor daran gearbeitet wird, Obst- und Gemüsesorten aus tropischen Gebieten so zu verändern, dass sie sich für den Anbau in unserem Klima eignen. Papaya und Mango würden im Gewächshaus zur Reife gebracht. In vielen Dörfern leben Frauen aus den Philippinen, die nach Korea geheiratet haben und sich nach Obst wie Papaya sehnen. Einige von ihnen kommen offenbar ins Labor um zu sehen, wie es den Pflanzen geht, und deren Früchte mitzunehmen. Un-Hi, die sich im Umgang mit Menschen stets schwer tat, scheint ihre Zuneigung ganz den still wachsenden Pflanzen zu schenken. „Auch Pflanzen kommunizieren miteinander. Bei Gefahr sondern sie bestimmte Sekrete ab um die anderen Pflanzen zu warnen.“ „Sie sondern wohl eher Gifte ab.“ „Selbst die unbedeutendsten Lebewesen finden Wege um zu überleben.“ * Der Hund des Nachbarn kommt ständig zu uns. Er uriniert und scheisst in den Hof. Erblickt er mich, bellt er wie verrückt. Das ist bitte mein Haus, dieser Köter tickt wohl nicht richtig. Auch wenn ich Steine nach ihm werfe, weicht er nicht und schleicht um mich herum. Un-Hi, die von der Arbeit heimkommt, sagt, es sei unser Hund. Das ist nicht wahr. Warum lügt sie mich an? * Dreissig Jahre lang brachte ich mit grosser Beständigkeit Menschen um.

Ich war wirklich

fleissig damals. Die Verjährungsfristen sind längst abgelaufen, ich könnte die Sache ans Licht bringen und alles erzählen.

In Amerika könnte ich gar meine Memoiren veröffentlichen.

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Die Leute würden mich beschimpfen. Sollten sie es ruhig tun – ich habe eh nicht mehr lange zu leben. Bedenke ich es richtig, war ich mir gegenüber sehr hart, als ich für immer mit dem Morden aufhörte, das ich so lange betrieben hatte. Wie ich mich dabei fühlte? Wie ein Fischer, der sein Schiff verkauft hat, wie ein Söldner, der das Kämpfen aufgibt. Ich weiss es nicht mit Gewissheit, aber es gibt sicher Leute, die im Vietnamkrieg oder Koreakrieg mehr Menschen getötet haben als ich. Ob sie an Schlafstörungen leiden? Kaum. Das Schuldgefühl ist seinem Wesen nach ein schwaches Gefühl. Emotionen wie Angst, Zorn oder Eifersucht sind viel stärker. Angst und Zorn, ja, die rauben einem den Schlaf. Es bringt mich zum Lachen, wenn ich Filme oder Fernsehserien sehe, in denen Menschen aus Schuldgefühl nicht schlafen können. Da will uns einer, der nichts vom Leben versteht, ein X für ein U vormachen. Nachdem ich mit dem Töten aufgehört hatte, begann ich Bowling zu spielen. Die Bowlingkugel ist rund, hart und schwer. Sie fühlte sich gut an. Ich spielte allein von morgens bis abends und hörte nicht auf, bis meine Beine kraftlos geworden waren und ich nicht mehr gehen konnte. Schaltete der Besitzer bis auf meine Bahn die Lichter aus, war dies das Zeichen, dass die letzte Runde gekommen war. Bowling hat das Potential süchtig zu machen. Jedes Mal spürte ich, dass ich mich noch steigern konnte. Ich dachte, ich müsste den Spare doch noch schaffen und eine bessere Punktzahl erreichen. Aber am Ende kamen meine Ergebnisse nicht über den Durchschnitt hinaus. * Die eine Wand ist bedeckt mit Notizzetteln.

Es sind verschiedenfarbige, leicht klebende

Zettel, die überall im Haus herumliegen, ohne dass ich wüsste, woher sie kommen. Vielleicht hat Un-Hi die Zettel im Glauben gekauft,

sie würden meiner Erinnerung auf die Sprünge

helfen. Es gibt, meine ich, einen Namen für solche Zettel, aber mir fällt er gerade nicht ein. Zuerst war nur die Nordwand damit vollgeklebt, aber nun tauchen sie auch auf der Westwand auf. Sie sind zu nichts nütze. Von den meisten weiss ich weder was sie bedeuten noch warum

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ich sie hingeklebt habe. „Das muss ich unbedingt Un-Hi erzählen“: Was wollte ich damit sagen? Die Zettel kommen mir wie Sterne im Universum vor, vereinzelt und weit von den andern entfernt. Als bestünde keinerlei Beziehung zwischen ihnen. Auch einer, auf den der Arzt etwas geschrieben hat, ist darunter. „Stellen Sie sich vor, ein Zug nach dem andern rast mit voller Geschwindigkeit dahin, aber an einer Stelle sind die Schienen defekt. Was würde passieren? Würden dort, wo die Schienen beschädigt sind, sich nicht Personen- und Güterzüge ineinander verkeilen? Es entstünde ein Chaos. Etwas Ähnliches geht in Ihrem Kopf vor.“ * Mir fällt eine ältere Frau ein, die ich an einem der Lyrik-Kurse traf. Sie flüsterte mir zu, sie habe in ihren jungen Jahren zahlreiche Liebschaften – sie betonte das Wort – gehabt. Sie bereue nichts. Im Alter habe sie nun schöne Erinnerungen. Wenn sie sich langweile, denke sie an diesen oder jenen Mann, mit dem sie geschlafen habe. Ich lebe jetzt wie die alte Frau. Ich rufe jedes meiner Mordopfer auf. „Memories of Murder“ – das war doch einmal ein Filmtitel. * Ich glaube fest daran, dass Zombies wirklich existieren. Dass sie unsichtbar sind, heisst noch lange nicht, dass es sie nicht gibt. Ich schaue mir oft Zombie-Filme an.

Einst hatte ich eine

Axt im Zimmer. Als Un-Hi fragte, warum ich eine Axt im Zimmer habe, sagte ich: wegen der Zombies. Was Leichen betrifft, geht es mit der Axt am besten. * Ermordet zu werden ist das Schlimmste, was einem geschehen kann. Man muss unbedingt versuchen, diesem Schicksal zu entgehen. * Im Nähkorb in der Ecke habe ich eine Spritze versteckt. Dort horte ich auch eine tödliche

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Dosis Pentobarbital. Das Mittel wird benutzt, um Kühe oder Schweine einzuschläfern. Ich werde es einsetzen, wenn es mit mir soweit gekommen ist, dass ich den eigenen Kot an die Wand schmiere. Zu lange sollte ich damit nicht zuwarten. * Ich habe Angst. Ich habe wirklich Angst. 27

Ich sollte in den Sutren lesen. * Verwirrung herrscht in meinem Kopf. Während mich immer mehr Erinnerungen verlassen, verliert mein Inneres zusehends die Orientierung. * Francis Thompson hat einmal gesagt: “For we are born in other’s pain, / And perish in our own.” O Mutter, die du mich geboren hast, dein Sohn wird bald sterben. Voller Löcher das Hirn. Ich habe doch nicht etwa die menschliche Variante der Creutzfeld-Jacobs-Krankheit? Verheimlicht mir das Krankenhaus etwas? * Seit langem ging ich wieder einmal mit Un-Hi in die Stadt chinesisch essen. Ich bestellte Huhn mit Lemon Sauce und Yusansul, hatte aber keine Ahnung, wonach es schmeckte. Ob ich nun auch den Geschmackssinn verliere? Ich brachte das Gespräch auf Un-His Arbeit, aber sie hörte wie immer nur zu ohne viel zu sagen. Sie verhält sich so, als ginge sie, was in der Welt geschieht, nichts an. Stimmt, ich bin hier, stimmt, hier leben Menschen, stimmt, es geschieht täglich irgendwas, aber all dies hat mit mir nichts zu tun und auf mich keinen Einfluss. Das scheint ihre Haltung auszudrücken. Zwischen uns gibt es eigentlich keinen Gesprächsstoff.

Ich weiss kaum etwas über sie und

sie weiss nicht, wer ich bin. In letzter Zeit hat sich ein gemeinsames Thema ergeben. Mein Alzheimer. Un-Hi fürchtet sich. Aus Angst bringt sie das Thema immer wieder auf. Nicht


ausgeschlossen, dass sich meine Demenz weiter verschlimmert und ich dennoch am Leben bleibe. Dann muss sie vielleicht ihre Arbeit aufgeben und mich pflegen. Welche junge Frau will sich schon in einem abgelegen Haus auf dem Land um den alten demenzkranken Vater kümmern! Alzheimer ist unheilbar, es besteht keine Hoffnung auf Besserung. Daher ist es das Beste für alle, wenn ich früh sterbe. Un-Hi, es gibt bei meinem Tod noch eine gute Nachricht für dich. Du wirst meine Lebensversicherung ausbezahlt bekommen. Davon ahnst du noch gar nichts. Es muss über zehn Jahre her sein. Die Versicherungsvertreterin, die auf meinen Anruf hin ins Haus kam, war von der Höhe der Summe überrascht. Es war eine Frau Mitte vierzig, die unerfahren wirkte. Wahrscheinlich hatte sie nach einem Leben als Hausfrau und Mutter erst vor kurzem mit dem Verkauf von Versicherungspolicen begonnen. „Ist die Tochter die einzige Begünstigte?“ „Ich habe sonst keine Angehörigen. Meine jüngere Schwester ist schon früh gestorben.“ „Natürlich ist es richtig an die Tochter zu denken, aber ebenso wichtig ist es, für sich selber vorzusorgen.“ „Für mich ist im Alter gesorgt.“ „Heute ist die durchschnittliche Lebenserwartung sehr viel länger als früher. Auf die Gefahr eines allzu langen Lebens müssen auch Sie vorbereitet sein.“ Aha, so heisst das. Die Gefahr eines allzu langen Lebens. Wie kreativ die Menschen heute im Erfinden von neuen Begriffen sind. Ich erwiderte nichts, starrte sie nur an. Und wenn ich eine Methode kenne, welche die Gefahr eines allzu langen Lebens mit hundertprozentiger Sicherheit beseitigen kann? Sie zuckte leicht zusammen, als hätte sie meine Gedanken erraten. „Ganz wie Sie wünschen. Trotzdem, Sie sollten vorbereitet sein ...“ Die Frau begann eilig die Unterlagen, auf die ich meine Unterschrift setzen sollte, auszubreiten.

Ich

unterschrieb

mehrmals.

Wenn

ich

sterbe,

muss

die

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Versicherungsgesellschaft eine hohe Summe an Un-Hi auszahlen. Was aber, wenn Un-Hi vor mir stirbt? Wenn sie von jemandem verschleppt und ermordet wird? Höchst quälend, dieser Gedanke.

Ich weiss nur zu gut, was das bedeutet. *

In meinem Leben habe ich noch nie jemanden grob beschimpft. Da ich weder trinke noch rauche und auch nicht verbal ausfällig werde, werde ich oft gefragt, ob ich an Jesus glaube. Es gibt genug Dummköpfe, die nichts anderes zu tun haben, als andere Menschen in ihre simplen Schablonen zu pressen. Das mag bequem sein, aber gefährlich ist es auch. Dass es Menschen wie mich gibt, die nicht in das von ihnen entworfene Raster passen, ahnen sie nicht einmal. * Am Morgen bin ich an einem fremden Ort aufgewacht. Hastig stand ich auf, zog die Hose an und stürzte hinaus. Ein Hund, den ich zum ersten Mal sah, empfing mich mit lautem Gebell. Als ich verwirrt nach den Schuhen suchte, sah ich Un-Hi aus der Küche treten. Ich war zu Hause. Was für eine Erleichterung. Un-Hi ist zum Glück immer noch in meinem Gedächtnis. * Vor etwa fünf Jahren machte ich zusammen mit älteren Dorfbewohnern eine Onsen-Tour durch Japan mit. Am Internationalen Flughafen Kansai fragte mich der Beamte an der Passkontrolle: „What do you do?“ Weiss der Teufel, was mich trieb zu antworten: „Killing people“. Der Beamte blickte kurz auf und fragte zurück: „Sind Sie Arzt?“ Er hatte wohl „killing“ als „healing“ missverstanden. Ich nickte wortlos. Ein Tierarzt ist schliesslich auch ein Arzt. Der Beamte hiess mich in Japan willkommen und drückte vernehmlich den Stempel in meinen Pass. Healing? Wie witzig.

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* Tröstlich, dass ich sterben werde ohne zu leiden. Schwachsinnig geworden, werde ich nicht einmal mehr wissen, wer ich bin. * Im Dorf lebte ein Mann, der sich, hatte er getrunken, an nichts von dem erinnerte, was sich am Trinkgelage zugetragen hatte. Der Tod gleicht einem Becher tödlichen Weins, der das öde Gelage namens Leben vergessen macht. * Ich las zufällig die SMS, die Un-Hi einer Freundin geschickt hatte. „Ich werde wirklich verrückt.

Die Tage zu überstehen fällt mir immer schwerer.“

Die Freundin antwortete mit einer Zeile, bei der unklar ist, ob sie aufmunternd oder ironisch gemeint ist. „Du benimmst dich als treusorgende Tochter, wie? Bewundernswert, dein Einsatz.“ „Vor dem, was erst kommen wird, fürchte ich mich noch mehr. Alzheimer soll auch die Persönlichkeit verändern. Ich habe den Eindruck, es ist bereits soweit.“ „Schick ihn doch in ein Pflegeheim. Warum tust du dir das an, wo er doch nicht einmal dein richtiger Vater ist?“ Später doppelte die Freundin nach: Un-Hi brauche kein Schuldgefühl zu haben, ich würde mich ohnehin an nichts erinnern. Un-Hi antwortete: „Selbst ein Alzheimerpatient behält ein Rest von Gefühlen.“ Behält ein Rest von Gefühlen. Behält ein Rest von Gefühlen. Behält ein Rest von Gefühlen. Den ganzen Tag kaue ich an diesen Worten herum. * Mein Leben lässt sich in drei Abschnitte einteilen. Die Kindheit, bis ich den Vater tötete, die Zeit der besten Jahre, in der ich als Mörder lebte, und das friedliche Leben ohne Morde. Steht

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Un-Hi nicht symbolhaft für die dritte Phase meines Lebens?

Und stellt, wie soll ich es

ausdrücken, eine Art Talisman dar? Solange es mir vergönnt ist, Un-Hi am Morgen nach dem Aufwachen zu erblicken, werde ich nicht in die alten Zeiten zurückfallen, in denen ich auf der Suche nach einem Opfer umherirrte. Das Fernsehen zeigte eine Löwin in einem Zoo in Thailand, die an Depressionen litt, nachdem sie ihr Junges verloren hatte. Sie frass nichts und bewegte sich nicht. Nachdem er ihr eine Zeitlang zugesehen hatte, brachte der Tierpfleger ein Ferkel ins Löwengehege. Sie säugte das Ferkel und zog es auf, als sei es das eigene Junge. Ob die Beziehung zwischen mir und Un-Hi nicht Ä hnlichkeiten hat? * Ich habe keinen Appetit. Ich muss mich übergeben, wenn ich etwas esse. Es gäbe etwas, was ich gern essen möchte, aber ich weiss nicht, was es ist. Auf nichts habe ich Lust. Ausser auf Wein und Zigaretten, von denen ich mich mein Leben lang ferngehalten habe. Ich werde aber nicht nachgeben. * „Ich habe einen Mann kennengelernt“, sagte Un-Hi. Wenn ich mich richtig erinnere – natürlich ist es problematisch geworden, meinem Gedächtnis zu trauen –, war es das erste Mal, dass sie von einem Mann erzählte. Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich überhaupt nicht auf einen Freund von ihr vorbereitet war. Nie hatte ich mir überlegt, wie es wäre, wenn Un-Hi mit einem Mann zusammen leben würde. Selbst jetzt kann ich mir dies nicht vorstellen. Meinte ich etwa, wir würden ewig zusammenleben? Als Un-Hi in der Mittelschule war, schlichen immer wieder Burschen ums Haus. Sie alle waren jung und ich schon damals recht alt, dennoch liefen sie davon, wenn sie mich erblickten. Weder beschimpfte ich sie noch machte ich ihnen Angst, sprach vielmehr nur ruhig einige Worte. Trotzdem liefen sie, weiss der Kuckuck warum, alle fort, als fürchteten

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sie sich. Selbst der wildeste Hund zieht den Schwanz ein, kaum passiert er die Schwelle der Tierarztpraxis, was die Besitzer stets zum Staunen bringt. Jungen im Teenageralter unterscheiden sich kaum von Hunden. Der erste Blickkontakt entscheidet, wer der Meister ist. „Was hast du vor?“ „Ich möchte ihn einmal mitbringen.“ Die Wangen von Un-Hi überzogen sich mit einem feinen Rot. „Du willst ihn nach Hause mitbringen“?

Ins Deutsche übertragen von Hoo Nam Seelmann und Rudolf Bussmann

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[sample translations]kim young ha, das gedächtnis des mörders ger  
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