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Authentisch

Weather rainy

Frei

Unvollkommen

The Bugle

HARD LIFE kill the straight level

friday, september 29, 2017

official newspaper of lost & distorted

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STORIES Berlin. Nach einer kleinen Verschnaufpause ist es nun endlich wieder soweit. Lost & Distorted erweist uns mit einer neuen Arbeit in Form eines Konzept-Albums die Ehre. Zuletzt in erster Linie durch Bekleidung aufgefallen die vierteljährlich erschien, ist es nun eine Symbiose von Lyrik, Musik und natürlich Bekleidung. Bevor das erste Exemplar über die Ladentheke rollt, durften wir das Privileg genießen und konnten schon einmal reinschnuppern. Eine objektive Selbsteinschätzung seiner eigenen Arbeit durch die Hand derer, denen man seine Werk überantwortet, ist gleichsam

bedeutend wie unbedeutend. Und doch sind es bestimmte Erwartungen, an denen man gemessen werden möchte. UNPLUGGED

Zum Werk: Auf den ersten Blick halten wir eine Doppel-LP in Vinyl Format in der Hand und merken gleich, das ist nichts vom Wochenmarkt in Kairo. Die Außenhülle in schlichter Hautfarbe gehalten und lediglich mit dem Titel auf der Vorderseite und der Auflistung der Tracks auf der Rückseite. …Fortsetzung S.2……

PAPPENHEIMER SPIELT AUF Würzburg. Wer meint, dieser werte Zeitgenosse könnte seiner Taten allmählich müde werden, irrt. Wie das Duracell-Häschen aus früheren Werbetagen läuft und läuft er. Und das mit elektronischen Live Leckerbissen, die sich gewaschen haben. Selten hat in jüngerer Vergangenheit ein DJ, und damit meinen wir jetzt nicht David Guetta oder andere Stadion Athleten, die Techno-Szene so aufgemischt. Es ist eher die Wiederbelebung der Clubkultur, die Pappenheimer darin oder auch auf größeren Veranstaltungen wie der Nature One, Ruhr in love oder zahlreichen anderen Festivals zelebriert, wenn er seine inzwischen beträchtliche Anhängerschaft in Ekstase versetzt. Diese sind bestens ausgerüstet mit T-Shirts, Fächer oder Caps im Zeichen des P.  Um die 100 Gigs konnte Pappenheimer für 2017 verbuchen. Wenn dieser Mann kein Fleißsternchen verdient hat, wer dann.  Neben seiner Tätigkeit als DJ, zeigt er auch als Veranstalter großes Geschick im Umgang mit den richtigen Hebeln und hat mit seiner Abfahrt inzwischen Kultstatus erreicht. Wer

hierfür Karten möchte, sollte früh aufstehen. Die erste eigene Produktion mit Time Travel kann der glückliche Familienvater mittlerweile auch schon verbuchen. Das neue, zweite Album soll noch in diesem Jahr erscheinen.  Da klingt es wie Musik in den Ohren, wenn dieser Herbst erneut mit den Highlights des Jahres lockt.  Zuerst Pappenheimers Birthday Party Ende Oktober und schließlich 8 Jahre Abfahrt im Dezember. Die erste der beiden Veranstaltungen erhebt die Würzburger Posthallen in den Stand der Ruhmreichen, die für Pappenheimer ein Dach mit vier Wänden bereitstellen, während sich die Abfahrt wieder im legendären, ebenfalls in Würzburger ansässigen Club Airport einfindet.Über das Line-up dieser zwei Veranstaltungen brauchen wir nicht sprechen und wie wir Jörg kennen, hat er ohnehin wieder was ganz Besonderes vor.. www.pappenheimer.com

SHORTYS New York / Paris / Mailand / London. Nachdem wieder allerorts Modewoche feierlich zelebriert wurde, müssen wir festhalten: Die Kunst und das Handwerk bleiben klar in Paris und Mailand. New York, ja eher für ein see now buy now Konzept bekannt, ist gegenwärtig dabei, sich neu zu erfinden und mit London haben wir den heimlichen Gewinner der Saison. Das in Berlin gefeierte Bread & Butter Fashion Festival Konzept von Zalando im September hat jedenfalls klar gezeigt, ohne emotionales Erinnerungserlebnis geht es nicht mehr. Und dabei sollte niemand versuchen, die Vergangenheit zu suchen oder Selbiges zu reparieren. Das Neue braucht Freunde! Moskau. Am 7. November ist es soweit. Die Oktoberrevolution jährt sich zum 100. Mal. Sie überzog Russland mit Gewalt und führte zu kommunistischen Diktaturen in vielen Ländern der Welt. Nach wie vor fällt Russland die Aufarbeitung seiner Geschichte sehr schwer. Die große Sozialistische Oktoberrevolution, wie sie in der Sowjetunion jahrelang genannt wurde, führt weiter nicht zum Anlass einer kritischen Auseinandersetzung Russlands, mit dem eigenen Lande, wird aber andererseits aber auch nicht pompös gefeiert. Berlin. Der Festsaal Kreuzberg wird am 12. November dieses Jahr von einem hoch geschätzten musikalischen Ereignis heimgesucht. Der aus San Francisco stammende Folk-Rock Act Sun Kil Moon ist zu Gast. www.sunkilmoon.com

content:

Im Jahr der Schlange Timo macht Lyrik Frau Zunder Friends of the High line Die Raupe bleibt ein Schmetterling Capt. Skyscraper and the Garden of Eden   Geteiltes Leid ist halbes Leid Middle of the Bay  Ein Schritt in die richtige Richtung Kunst in Aktion Auf den Spuren der Vernunft …and much more

Rise with the fall – make snowboarding great again. Packt eure Sachen, schnappt euer Brett und rein in die Karre. Musik an und los geht’s Richtung Berg. Powder Days, Park-Sessions oder Pist-Park-Optimistic. Scheißegal wofür ihr euch entscheidet. Das Geräusch der Bindung, der Sound des Schnees bei jedem Turn, die Erhabenheit der Wälder und Berge. Es gibt wenig Vergleichbares. In Europa steht der Oktober für die inoffizielle Saisoneröffnung auf den größten Gletschern Österreichs. Meist mit präpariertem Park, coolen Beats und einer ganzen Menge Bier. Trotz der in den letzten Jahren häufig mit einer Wundertüte zu vergleichenden Witterungsbedingungen, strotzen die Gletschergebiete aufgrund der halbwegs niedrigen Temperaturen wenigstens mit genügend Kunstschnee. Die Events werden wieder begleitet durch Camps der wichtigsten Vertreter des Snowboard-Business, wie Burton, YES, Nitro oder Jones, bei deren Stände sich die neusten Produkte ausleihen und testen lassen. Mittlerweile kann man sich gleich einem Festival, ganze Wochenende buchen, das die Übernachtung, Liftkarte, Partyzutritt und Leihgebühr beinhaltet. - RIDE IT HARD! www.methodmag.com


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Fortsetzung von S.1… Es wirkt ruhig. Ohne dem Vorhaben, unbedingt provozieren zu wollen. Beim Aufklappen ein großes Foto mit dem Initiator selbst in schwarz und weiß. In der linken Seitentasche ziehen wir ein mehrseitiges Booklet heraus, das angeglichen am Äußeren des Albums, das Herz in Form der Lyrik in sich trägt. Die rechte Tasche beherbergt schließlich das Vinyl mit vier den Text-Blöcken zugeordneten Melodien. Im Gespräch mit Nikolai sagte dieser, er habe die Titel der Lyrik und nicht der Musik zugeordnet, denn die Musik diene lediglich der Atmosphäre und solle ein Stimmungsfeld erzeugen. Dabei ist das Ziel nicht, wie ein Soundtrack einzelner Abschnitte zu wirken, sondern eher wie ein fokussierender Zugriff. Ähnlich bei einer seiner Fotoausstellungen, der er die eigentliche Bedeutungslosigkeit der Fotos zusprach, aber getragen durch die Installation, als Ganzes wirkte. Er sprach davon Musik im Blut zu haben, aber kein Musiker zu sein. Des Weiteren entdecken wir noch ein zweiseitiges Blatt, das mit einer Übersicht von Produkten versehen ist. Hierzu sagte Nikolai, er wollte noch einiges mehr unterbringen, habe sich dann aber für die Auslegung einer Momentaufnahme entschieden und möchte künftig unabhängig der hierin abgebildeten Artikel, in kürzeren zeitlichen Abständen neue Styles und Farben präsentieren. Dies wird dann über die Website und die sozialen Netzwerke wie Instagram erfolgen. Wir legen die Scheibe in den Plattenspieler, dämmen das Licht und lesen im Beisein der Musik. Anfangs der Eingang, der noch nichts Großes vermag, aber dennoch einen Reiz setzt. Spätestens mit der Tiefe und Offenlegung der Verwundbarkeit im zweiten und dritten Text, ist es mit uns geschehen. Die 16 Episoden in Lyrik Form erzählen uns von einem Mann, der auf die Gefängnisinsel Rikers Island in New York gebracht wird und stop! mehr wird nicht verraten. Nur so viel: Lost & Distorted offenbart das Leben in einer Mischung aus Tagebucheinträgen und der Sicht des Erzählers. Ein Appell an die Menschlichkeit. Und wie den meisten Musikaufnahmen vieler Künstler oder Kollektionen verschiedener Designer zu entnehmen ist, gibt es starke und schwache Phasen. “Aber spricht das nicht auch für das Leben selbst?“ hören wir Nikolai antworten, als wir ihn darauf ansprechen. Am Ende fühlen wir uns berührt und halten einen Moment inne. PRODUKTE EINER MOMENTAUFNAHME Die Kollektion oder Produkte einer Momentaufnahme, wie Nikolai sie nennt, gliedern sich in mehrere Bereiche. Mainliner, Crossroads, U S B C und Classics. Während wir die

The Bugle Klassiker um die Army T-Shirts und Sweatshirts mit dem gekreuzten Symbol bereits aus früheren Kollektionen kennen, ist der unaccepted solid[t]Ary board club eine neue, dem Board Sport zugeordnete Kategorie. Ausschließlich Skateboarding, Snowboarding und das Surfen werden hier behandelt. Dabei tritt immer wieder bekannte amerikanische

Kultur zu Tage, wie verarbeitete Baseball Jerseys oder University Prints auf T-Shirts und Kapuzen Sweatshirts zeigen. Der Name U S B C steht für die in Wirklichkeit nach wie vor nicht akzeptierte (wenn authentisch) Subkultur des Brettsports, die mit dem Brett solidarisch unter ihres gleichen dem Rebellenstatus verschrieben, eine Außenseiterrolle lebt. In der Kategorie Crossroads gibt es ein Wiedersehen mit amerikanischen Feldjacken (Vintage) und Nikolai selbst, der seinerzeit mit der Ausstellung Pie in the Sky in Würzburg zu sehen und mittels eines Schnappschusses Teil seiner Exponate war. Die Hauptlinie Mainliner ist eine Mischung aus Working Class, Rock´n´Roll, contemporary fashion und dem speziell für dieses Album kreierten Prison Blues. Eine Reihe von Artikeln aus dem amerikanischen Gefängnis. Liebevoll in bester Lost & Distorted Manier integriert und natürlich mit dem Bezug zu Unplugged. Als Sahnehäubchen gibt es dann noch das bekannte Military T-Shirt mit dem Unplugged Schriftzug als direkten Merch Artikel obendrauf. Wo müssen wir also Lost & Distorted (Nikolai & the Others) nach diesem Werk einordnen und was genau verstehen wir künftig unter selbigem. Definitiv haben wir hier die Wandlung zu jemandem, der nicht mehr suchen muss. Die Idee der Gemeinschaft unvollkommener Freidenker lebt weiter. Und so unzeitgemäß wie die klare Abtrennung von Mann und Frau ist die Einordnung in strikte Kategorien. Mit klarer Abkehr dieser Weltordnung, überstrahlt Lost & Distorted Lyrik, Musik, Mode, Kunst und Tradition. Und wenn morgen plötzlich etwas anderes passiert, dann lasst die Fremde zu Wort kommen. Noch nicht bestätigt ist das genaue

Datum der Veröffentlichung von Unplugged. Gemunkelt wird vom 13. Oktober. Es soll angeblich in Form einer Präsentation irgendwo in der

alten Malzfabrik in Berlin-Tempelhof stattfinden. www.lostanddistorted.com

DIE SACHE STINKT GEWALTIG Genf. Viagogo. Dieses Wort verbinden wohl die meisten, die jemals mit dieser Institution zu tun hatten, mit verdammt schlauen Köpfen, die über Leichen gehen. Und obwohl dies nicht im sprichwörtlichen Sinne verstanden werden soll, sind es bisweilen beachtliche finanzielle Schellen, die man im Zusammenhang mit Viagogo hinnehmen muß. Zur Sache. Viagogo ist ein Ticketanbieter, der über das Internet Karten für Konzerte und Sportereignisse anbietet. An und für sich ja nichts Verwerfliches. Zudem sie als Drittanbieter eine angeblich vertrauenswürdige Plattform stellen, durch die man an bereits vergriffene Karten kommen kann. Natürlich kalkuliert der Interessent, der eine der angeblich im Sekundentakt ausgehenden Karten ersteht, eine Verkäufergebühr mit ein. Doch der Schock erweist sich in mehreren Episoden als nackte Erkenntnis, nämlich ein Idiot zu sein. Zum einen sind die Angaben nicht wirklich klar ersichtlich, schon gar nicht in Bezug auf eine Gesamtübersicht, bevor man den Kaufen Button betätigt. Dem Druck gewichen, schließt man anhand der Anfangs eingesehenen Informationen den Kauf ab und prompt, erscheint die zuvor erwartete Übersicht. Plötzlich heißt es, der Preis beim Kauf zweier Tickets für ein Rock Konzert gelte pro Ticket und nicht wie vorher beschrieben, für beide. Dazu kommt eine Verkäufergebühr, die sich gewaschen hat, und plötzlich ist der Gesamtpreis um beinahe das Dreifache angewachsen. Nach dem ersten Schock nun ein kleiner Hoffnungsschimmer. Viagogo bietet als Drittanbieter ja den Service, Karten über deren Portal einzustellen und gegen eine

kleine Provision weiterzuverkaufen. Auch das wird als Gefühl in Windeseile dem Erfolg nahe zu sein, sehr clever verkauft. Nur das Problem ist, der Vorgang scheitert stets am Upload der Kaufbestätigung oder dem Scan der Tickets etc. Natürlich erwartet man bei solchen Problemen einen Ansprechpartner bzw. eine eingerichtete Hotline. Fehlanzeige. Lediglich viel gestellte Fragen werden behandelt, helfen aber auch niemandem weiter. Keine Mail-Adresse, keine Telefonnummer, kein Impressum. Niemand da außer der eigene Vorwurf, beschissen worden zu sein. Die ganze Seite ist sehr professionell aufgebaut und selbst jene, die gegenüber dem Erwerb von Tickets aus dem Netz gegenüber skeptisch sind, sind diesen Burschen schon in die Falle gegangen. Der Hauptsitz liegt in Genf. So gibt es praktisch keine Möglichkeit, einem offenkundigen Betrüger, der weltweit operiert mit juristischen Mitteln das Handwerk zu legen. Die Erfahrungen haben vielerlei Gesichter. Der eine wartete vergebens auf die Tickets, ein anderer kam mit den angeblichen Tickets nicht in das Konzert. Verschiedene TV Sender haben bereits mehrfach Reportagen über dieses mysteriöse Portal gesendet und auch rechtlich wurde mehr als nur ein Mal gegen Viagogo vorgegangen. Aber der Arm reicht weit. Bleibt nur eine große Warnung auszusprechen, diesen Betrügern aus dem Weg zu gehen und die Hoffnung, die Gesetzgebung findet ebenso clevere juristische Lücken und Methoden wie Viagogo.


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DENN SIE WISSEN NICHT WAS SIE TUN all day everything.

Es keimt der Verdacht, die 98up-Generation hat nichts zu sagen. Und wenn, ist sie ein einziger Widerspruch. Subkulturen wie die des Grunge, Hip-Hop, Punk oder Rock´n´Roll wuchsen durch gesellschaftliche Probleme und machten ihrer Angst, Wut und sozialer Schwierigkeiten Luft. Man wusste sich zu identifizieren mit Gleichgesinnten und schaute zu denen auf, die vorweg gingen. Dies waren meist Musiker, Schauspieler oder andere Unbequeme, die ihren Mund aufmachten. Diese Generation hat das nicht nötig. Schließlich hat sie alles, kann alles und weiß alles. Und noch mehr. Aber wehe einer zieht den Stecker… Natürlich gibt es auch hier solche, die unter ihresgleichen ganz besondere Aufmerksamkeit genießen. Nur sind das meist 12-jährige Instagram Stars die beinahe stündlich mit einem anderen Fashion-Item auf die Bildschirme tritt und über Video Kanäle andere Kinder um den Verstand bringen. Wenn man dann noch hört, wie erfolgreiche Designer Mitte 30 stolz darauf sind, nachts vor einem Club mit beinahe 20 Jahre jüngeren Influencern zu debattieren und die ganze vernetzte Community, wie sie sich präsentiert und als solche fungiert, feiert, fragt man sich, ob man selbst oder andere spinnen. WARUM NUR MÜSSEN IMMER ANDERE EURE MEINUNG SEIN? Warum ist es denn von besonderer Wichtigkeit, wenn Kristen Stewart der Welt mitzuteilen hat, wie sie mit zerrissenen Jeans und Tennissocken einen neuen Tag startet, frage ich mich. Aufdringlich. Belästigend und nahezu unausweichlich. Man hat den Eindruck, als wäre die Anhängerschaft nicht im Stande, selbst zu denken. So gebildet ihr doch erscheinen mögt, muss ich mehr von euch verlangen. Veränderungen fühlen sich meist etwas seltsam an. Vor allem, wenn Generationswechsel stattfinden und plötzlichNeuartiges im Gange ist, das man vielleicht nicht nur verstehen will, sondern auch einfach nicht mehr verstehen kann. Dennoch beweisen sich Erfahrung und Auseinandersetzung gepaart mit Wissen und Gespür als ein probates Mittel, ein relevantes Urteil abzugeben. SPORT IST MORD – UND MORD IST IHR HOBBY Es missfällt mit anzusehen, wie die Generation Y und Z alle Magie stiehlt durch die Waffe der Digitalisierung und Flut des stets möglichen. Social media, du weckst den Anschein dessen, was vereint, doch bist in Wirklichkeit ein kaltblütiger Mörder. Ein nimmersattes Schwein bist du, das alles vertilgt, was ihm vor die Füße kommt. Eine Epidemie, deren Ausläufer hoffentlich nicht die erreichen, die du liebst. Der Reiz geheimnisumwitterter Nebel, die jenseits des Alltags zu finden sind, schwinden unaufhörlich. Die Einfachheit der Dinge wie ein Dolch in des Herzens Mitte. Noch nie war es so simpel. Noch nie fühlte sich das Besondere an Bedeutung so betrogen… Der Wert ist tot. Lang lebe der Wert. Gleichfalls nichts Neues sind Trends innerhalb des Trends, die in diesem Fall sogar fake products plötzlich in begehrte Streetwear verwandelt. Wenn Produkte Fehler haben und dadurch dem Wesen eines Unikats entsprechen, ist das durchaus zu

verstehen. Aber kein Original zu sein, geduldet von Selbigem und dann noch gefeiert zu werden von Brand Bustern. Das muss man wirklich nicht mehr verstehen. Wenn mittlerweile sogar Fake Shops einen Hype erfahren, wie zuletzt der des Supreme vs. Louie Vuitton, dann stimmt doch irgendwas nicht.

Unübersehbar die Oberflächlichkeit dieser Sippe in allen Zügen und Diebstahl aller Freuden des Besonderen. Jeder Drop im gefühlten 2 Tage Rhythmus eines Supreme Stores wird zur Massenkundgebung uniformierter Frankenstein Monster, die via sozialer Netzwerke ein Upgrade des ursprünglichen Panini Albums zelebrieren. Und warum nicht. Schließlich kann man damit gutes Geld verdienen und sofort wieder in die nächste OFF-WHITE Collab stecken. Es geht ja dabei auch hauptsächlich um das erhöhen der Follower. An dieser Stelle erinnere ich mich gerne an eine Ausgabe Die besten Geschichten mit Donald Duck - Die Spitzen der Gesellschaft, worin ganz klar festgelegt war, durch welchen Besitz du als etwas giltst in dieser Zunft, oder nicht. Nicht viel anders ist es bei den Kids. Normalerweise galt das ja immer für die oberen Zehntausend und tut es immer noch, genauso wie nun bei den Kids, es sieht nur anders aus. Die Luxury Streetwear scheint der Rolex die Schau gestohlen zu haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob in Kopenhagen oder London, Paris oder Sydney eine Fashion Week stattfindet. Fakt ist, wir sehen überall die Bilder gleichender Pfadfindergruppen. Wie kurzzeitige Erfolgsfans authentischer Traditionsvereine

machen sich aus Stücken authentischer Vergangenheit zusammengesetzte und fahnenartige Schaufensterpuppen aus künstlicher Materie auf den Weg in die kommende Saison, die leider mehr der Laune einer schwangeren Frau gleicht, als der Entwicklung des Selbst. ISLAND HOPPING

Eure Liebe ist unecht wie die eines Fußballstars, der das Wappen auf seinem Trikot küsst und kurz darauf den Verein verlässt. Zuweilen strengt es an, durch die Straßen zu gehen. Zuweilen erfreut man sich an denen, die zwischen den Zeilen lesen können und hören, was Mode, gleich einer guten Komposition, alles vermag. Andy Warhol hatte mit seiner Behauptung vor 50 Jahren recht, als er prognostizierte, in Zukunft könne jeder für einen Tag ein Star sein. So weit weg diese modische Heuschreckenplage den Baujahren 1985 und älter auch erscheinen mag, so unvorstellbar sind Bilder eines Queen Konzerts mit mitklatschenden Fans ganz ohne Smartphone, den Kids heute. Ein Freddie Mercury, der seiner eigenen Königin Schneider war, ohne kurz darauf auf der ganzen Welt zeitgleich Pop up Stores zu eröffnen und die dann von dem Flächenbrand übrig gebliebenen Waldreste durch das Feuer der FastFashion Ketten endgültig zerstört werden.  Schön, es sind mittlerweile wieder andere, neue Türen auf. Zuweilen sehnt man sich allerdings nach einer Zeit, in der nicht ein einzelner Schlüssel jede Türe öffnen konnte.

KIRMES ASPIRANTEN

Manchmal erscheint einem das Richtige irgendwie doch falsch. Eigentlich stimmt alles und doch ist da etwas, dass dem Essen eine gewisse Note der Ungenießbarkeit überreicht. Wir besuchten eine US Automobilschau mit dazugehörigem Konzert einer auf den Rock´n´Roll der 1950er Jahre getrimmten Band und auch sonst allem, was das Heritage oder Rockabilly Herz höherschlagen lässt. Die Atmosphäre war cool und auch sonst hatte man das Gefühl, unter seinesgleichen zu sein. Aber halt. Warum fühlte ich mich trotzdem nicht so recht wohl in meiner Haut. Vielleicht war mir diese Zeitreise eine Spur zu perfekt. Als wäre man über das Ziel der Hommage und der Faszination oder Huldigung an diese Zeit hinausgeschossen. Ein wenig billig kam einem das Ganze plötzlich vor. Wie verkleidet muteten die Protagonisten auf dem Weg zum nächsten Karnevalstreff an. Ich holte mir erstmal einen Hotdog und setzte mich dann seitlich der aufgereihten Fahrzeuge unweit der Bühne auf eine Bank. Ich mag diese Zeit. Ich mag diese Fahrzeuge. Und ich mag die Symbolik der Auflehnung jener Zeit. Bedauerlich, wenn viele dieser Verkleidungskünstler andere maßregeln mit ihrer ach so belegten Maskerade, aber selbst belacht werden von jenen, die dieser Zeit tatsächlich entsprungen sind. Sehr schnell sind die entlarvt, die lügen. Denen, die wissen, spreche ich meinen Respekt aus, ihrer Leidenschaft mit Achtung nachzugehen. Wir trafen uns mit den Veranstaltern, die beide etwas schmunzeln mussten, als wir über gleiche Röcke, gleiche Ponys, gleiche Kleider, gleiche Tattoos, gleiche Hosen oder gleiche Kämme

sprachen. Natürlich lieben auch sie die früheren Zeiten, belächeln gleichwohl beide die Rockabilly Szene manchmal als ein wenig zu plakativ. Der Tag schreitet voran und nach einem lauten und dreckigen Autorennen alter V 8 Boliden, drückte das Licht den Tag in Richtung Dämmerung. Der Sound der Motoren wich nun langsam aber sicher dem, der aus den Boxen strömte, die rechts und links die sehr schön dekorierte Bühne flankierten. Die Band, bestehend aus Bass, Gitarre und Schlagzeug, gab eine tolle Vorstellung mit heißen 2 1/2 Minuten Sounds im Angesicht der roten Lippen und schwarzen Schmalztollen. Ein ums andere Mal wirkte alles aufgesetzt wie das Stöhnen eines amerikanischen Pornostars inmitten eines aufreizenden Szenarios. Beileibe gibt es viele, die wie gewollt und nicht gekonnt agieren. Demgegenüber stehen solche, die der Authentizität ein Übermaß zumuten, dass ihnen genau das zum Verhängnis wird. Das richtige Maß. Zu viel ist zu viel und zu wenig ist zu wenig. Eine Regel, die auf alle Arten der Lebensweisen ansprechen sollte. Man möchte eigentlich glauben, nicht der Interessent sondern das glaubwürdige Produkt suche sich den Träger. Nur allzu oft stimmt es nicht. Ein Punk kann einfach nicht das Original von 1977 (dem er nacheifert, an dem er sich orientiert und wiederfindet) sein, wenn er denn jetzt aufwächst. Die Welt ist eine andere. Aber er kann den Geist weiterleben lassen und in bewahren, indem er ihn auf seine Art in seine Zeit und seine Welt interpretiert, ohne ihn am Ende möglicherweise lächerlich zu machen. Und wer weiß, vielleicht ergibt sich durch ihn selbst und seine Inspiration aus der Vergangenheit wieder etwas Neues.

MATSCHMANN UND SPÜLWASSERJUNG

UNSERE MEINUNG IST UNS WICHTIG Matschmann: “Ja, die Legende vom Original wird niemals sterben.“ Spülwasserjung: “Aber von der Verwundung durch die Kopie muss sie sich erstmal erholen.“ Spülwasserjung: “Nein, nein, das mit der anspruchsvollen Unterhaltung im TV hätten sie wirklich anders machen sollen.“ Matschmann: “So, wie denn nach Deiner Meinung?“ Spülwasserjung: “Besser!“ Matschmann: “Das war wirklich mal eine authentische Kollaboration.“ Spülwasserjung: “Ja, das ist echt gewesen.“ Matschmann: “Was glaubst Du – ob das beabsichtigt war?“ Matschmann: “Also, dass Lidl so was auch fertigbringt!?“ Spülwasserjung: “So gute Mode zu kreieren?“ Matschmann: „“Nein, darin genauso mies zu sein wie Aldi.“ Matschmann: “Oh ich liebe gute Gesellschaft. Nur haben die meisten leider nichts damit zu tun.“ Matschmann: “Der Candice könnte ich doch die halbe Nacht durch zusehen.“ Spülwasserjung: “Ich habe es mal versucht, aber dann hat sie das Rollo zugemacht.“ Matschmann: “Ich habe beschlossen, mir LaktoseIntoleranz Lehrgang zuzulegen.“ Spülwasserjung: “Wozu denn das?“ Matschmann: “Ich möchte mal wieder in der Innenstadt Essen gehen. Spülwasserjung: “Ich hab einen Hund, der hat vorne 2 Beine und hinten eins. Wenn er pinkeln muss, fällt er aufn Arsch.“

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The Bugle (The Bugle is a registered trademark) A Independent Publishing Newspaper Founded Sept. 1, 2013 Vol. LVII No. 57 The Bugle is published by Lost & Distorted, Stephanstr. 51, 10559 Berlin, Germany printed on recyclable paper


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THE TIMES THEY ARE A-CHANGING HOLLOW MAN UNLEASHED

Die Welt von einst scheint unglaublich weit weg. Und wir reden hier gerade mal von vielleicht 30 Jahren. Hoffnungsvoll, aufregend, bedrängend und angsteinflößend zugleich. Wer einmal einen Spaziergang durch Amsterdam gemacht hat, konnte feststellen, dass nirgends Vorhänge oder Jalousien an den Fenstern angebracht worden sind und dadurch die Bewohner tief blicken lassen. Hier hat niemand etwas zu verbergen, was sogleich die Neugierde fremder Beobachter hemmt. Das Rezept findet sich mittlerweile überall vor. Privatsphäre ist Schnee von gestern. Eine beklemmende Zukunft, die bereits unter uns weilt, wird uns in der filmischen Umsetzung des BestsellerRomans The Circle von Dave Eggers offenbart. Nach diesem Film setzt man sich vielleicht nicht mehr so bereitwillig an den Computer und lässt die Welt eine Weile nicht mehr so leicht via Facebook, Instagram oder Twitter an sich ran oder in sich rein. Eine Mischung aus The Truman Show und Big Brother gibt doch eine gewisse Unbehaglichkeit auf den Weg. Mag sein, dass wir dem Anschein nach nichts mehr unser Eigen nennen wollen, aber könnte es nicht sein, das dieses künstliche Medikament nur bei einer bestimmten Spezies ihre volle Wirkung entfacht? So erkennen wir tägliches Massensterben durch den Tod der Fantasie. Den Tod der Überlegung. Den Tod des freien Denkens. Die Vorstellung stirbt und wir stehen draußen und machen ein Foto von uns, wie wir ein Foto machen. Das erinnert ein wenig an jemanden, der jemanden kannte, der jemanden kannte, der Elvis Presley gesehen hat.  LASST DOCH DIE KINDER Auch unsere Kinder brauchen Medienunterricht. Kritisch im Netz bewegen ist wichtiger denn je. Fake News und Hetze dürfen nicht leichtgläubig aufgesaugt werden. Deutschland ist digitales Entwicklungsland. Schnelles Internet für alle, stabile WLAN-Verbindungen nicht nur im Zentrum privilegierter Großstädte, Handynetze ohne Funklöcher – davon lässt sich hierzulande nur träumen. Digitales Entwicklungsland. Das gilt auch für das Bildungssystem. Schulen am Netz, Unterricht mit dem Laptop, Lehrstoff per Video sind Ausnahmen. Und so sehr man am gebildeten Speicher der jüngeren Generation in Zeiten ohne Google und Co. zweifeln kann, so sehr ist

G E T E I LT E S L E I D Ein neuer Goldrausch ist entfacht. Eine gesellschaftliche Revolution, die selbst die 68er in den Schatten stellt. Wobei sie keinesfalls grundsätzlich neu ist, jedoch vielleicht jetzt erst die volle Reife erfahren hat. Die Welt ist im Tausch,- Teil- und Verleih-fieber. ALLES HABEN, OHNE ZU KAUFEN Es ist Teil-Zeit. Ständig machen wir uns Gedanken über Neuanschaffungen, vergleichen Preise, binden uns an Produkte. Das ist unnötiger Stress, wie uns unsere Nächsten predigen. Die wahre

der sichere Umgang von klein auf nicht mehr wegzudenken. Kinder betreten per Smartphone oder Tablet oft schon früher als die Schule das Internet. Allein gelassen, ohne Exkursionen. Daran ändert sich auch später nicht sehr viel. Deshalb gehört Medienunterricht auf den Lehrplan der Schulen. Schleunigst. Denn aufgeklärter und kritischer Umgang mit dem Netz, den neuen Medien, den sozialen Netzwerken ist so elementar wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Ohne Verständnis der Medien ist die neue Welt nicht zu begreifen. Sie sind prägend für Charakter, Bildung, Urteilsfähigkeit und demokratische Teilhabe. Ohne Kompetenz ist er nur Objekt statt Subjekt. Ausgeliefert. Sklave. Der Medienunterricht soll also Kulturtechniken vermitteln, die zu Freiheit und aufrechtem Gang befähigen (Warnung: ständiges Aufrichten und strecken nach erhöhtem Zeitaufwand an Smartphone und Rechner). Es gilt die, die Chancen der neuen Medien zu nutzen – mehr noch aber, ihre Gefahren zu erkennen. Denn dort wird gehetzt, gelogen und gemobbt, was die Algorithmen hergeben. Medienbildung in Zeiten der Lüge, das ist der staatsbürgerliche Kern. Manipulation und Desinformation zu erkennen, vielleicht auch nur zu ahnen – auf jeden Fall aber die Sinne dafür zu schärfen und nicht alles glauben, was glaubhaft daherkommt. Fake News als globale Massenvernichtungswaffen gehören also auf den Lehrplan. Welche Medien sind Leuchttürme der Glaubwürdigkeit in diesem Meer der Lügen?

Entwicklung. Die Vorteile liegen auf der Hand: Neben einer riesigen Auswahl hat man so oft Zugriff auf deutlich höherwertigere Produkte, als man sich beim Kauf leisten könnte. Zudem bedeutet weniger Besitz mehr Platz in der Wohnung, man produziert weniger Müll, spart viel Geld – oder verdient sogar etwas dazu, indem man seinen Besitz gegen Leihgebühr mit anderen teilt. Welche ungeahnten Möglichkeiten sich on und offline bieten, mag man sich kaum vorstellen. Natürlich bleibt eine gesunde Skepsis empfehlenswert, denn wie überall gibt es auch hier eine Vielzahl von schwarzen Schafen oder Fallen, denen man schnell ausgeliefert ist.  VILLA SORGENFREI Warum besitzen, wenn man andere Menschen mit ausrangierten Dingen glücklich machen kann, anstatt ständig weiteren Müll zu produzieren. Endlich etwas, das sich bei allen kleinen

Gewissensfragen des täglichen Lebens rundum richtig anfühlt, hören wir die Nächsten reden. Die eigenen vier Wände vermieten in Zeiten der Weltumsegelung zu Blogger Zwecken. Ein eigenes Auto braucht kein Mensch. Na irgendwie ja doch, denn von welcher vermietenden Privatperson sollen denn Bleibe, Bekleidung oder Auto kommen, wenn Gewünschtes gemietet werden möchte. Also doch wieder eine verzwickte Situation?

im Blogger ein Gegenüber und manchmal auch einen Partner, der sie zum Beispiel auf einer Reise begleitet, sofern man das möchte. Frischer und spontaner als Journalisten erscheinen sie. Unmittelbarkeit der Begegnung und Individualität tragen viele Blogger ins Netzt. Vielleicht ein paar zu viele, sieht man sich um. Wie verwässerter Wein sind viele Branchen davon betroffen.

TEILEN UM JEDEN PREIS – MITTEILEN UM JEDEN PREIS

Was habe ich denn noch von einer Entdeckungsreise in Südostasien, wenn ich in Nachtbussen unterwegs bin, die ausschließlich überfüllt sind mit bloggenden Backpackern. Vielleicht war es j a nicht meine Absicht, auf ein Festival zu fahren, sondern Land, Leute und deren Kultur kennenzulernen. Da kann ich auch gleich eine Gruppenreise buchen. Klar beherbergt hier das Teilen der Zeit und des Weges einen großen Reiz. Bleibt die Frage, weswegen man die Reise angetreten hat.

Wie einst Georg Lukas Mutter der 1990er bei erscheinen der alten Star Wars Trilogie, aufgrund der technologischen Möglichkeiten könne er jetzt endlich die Filme so zeigen, wie er es für damals vorgesehen hatte. Demzufolge können wir uns glücklich schätzen, dass die Zeit des Menschen, wie er sein sollte, endlich gekommen scheint.

BLOG AROUND THE CLOCK Reiseblogger ziehen mit ihrem Laptop um die Welt und inspirieren Urlauber mit persönlichen Berichten, Tipps und Bildern. Auch immer mehr LifestyleInfluencer erobern das Internet. Sie locken mit Live-Berichten über ihre Touren Millionen Leser auf ihre Internet-Seiten. Und das nicht nur für eine Generation, die praktisch außerhalb des Schlafes Non-Stop Online ist. Aber wie unabhängig sind sie noch von den Anbietern, die ihre Reisen, Bekleidung oder andere Annehmlichkeiten bezahlen? Und was unterscheidet sie von Journalisten?

Mittlerweile gibt es haufenweise Unternehmen, die solche Kontakte zwischen Influencern und Unternehmen vermitteln, gegen Bezahlung versteht sich. Entscheidend sei, dass Sprache und Auftritt des Bloggers zur Marke passe. Blogs erreichen die meisten Leser, wenn sich die Autoren auf eine Nische spezialisiert haben. Bleiben wir bei den Reisebloggern. Manche berichten nur über Städtereisen in Europa, andere über Camping, Motorradtouren, Reisen mit Kind oder Hund, Hotels, Luxushotels, Spa und Wellness oder eben Rucksacktouren.

Erfahrene Journalisten wundern sich über hyperaktive junge Leute, die ihre Handykameras auf alles richten, was ihnen vor die Linse kommt, ständig Videos aufnehmen und Panikanfälle erleiden, wenn die W-Lan-Verbindung schwächelt. “Während wir noch gründlich recherchieren, haben die schon alles ins Netz gestellt“, kritisiert eine Reisejournalistin über Reiseblogger.  „Die Szene wird immer professioneller“, halten Social Media Manager dagegen, Es gleicht einer Mammut-Aufgabe, die sich für Kunden aus der Touristikeine Balance zu schaffen zwischen und Reisebranche um das InfluenceNotwendigkeit, Liebhaberei und Sucht Marketing kümmern. Doch was sind zu differenzieren. Es ist beinahe, als Influencer? würde man der jüngeren Generation Gemeint sind damit Blogger, die sehr und gerade Kindern ein Stück ihres viele Leser im Netz erreichen. Sie Selbst entreißen, setze man nur zu einer beeinflussen auf den Punkt gebracht, Technik-Pause an. Entscheidungen. Die wichtigsten Die Entzugserscheinungen dauern Tage Influencer werden mittlerweile von an. Und endgültiger Entzug würde eh Veranstaltungen, Marken oder auch nicht gelingen. Denn die Notwendigkeit Hotels gebucht, selbstverständlich klopft schon wieder an die Tür. eingeladen und machen ihrerseits positive Werbung.  IST HALBES LEID Allerdings wird das Fundament eines Bloggers oder Influencers durch die Freiheit liegt im Teilen. Tatsache bedroht, an Glaubwürdigkeit Tauschgeschäfte sind so alt wie die zu verlieren. Und das ist es doch gerade, Menschheit selbst – schon in der Steinzeit was sie ausmachen soll. Unabhängig. tauschen Dorfclans Salz gegen Feuerstein. Authentisch. Glaubwürdig. Frei. In jüngster Zeit hat das Phänomen des Agenturen werden gegenwärtig von Teilens, Leidens und Tauschens aber noch Blogger-Anfragen überschüttet. Die einmal ganz neue Dimensionen bekommen. zumeist jungen Internet-Autoren fragen Nie war es einfacher, Tauschpartner, Mieter u.a. nach kostenlosen Reisen und und Vermieter zu finden, als in der Ära der Hotelübernachtungen, um darüber auf Digitalisierung, über Internet und Apps. ihren Blogs zu berichten. Wie in jeder Ob Tiere, Autos, Nahrung, Werkzeug, anderen Casting-Agentur versucht man Wohnungen, Kleidung oder Musik – dort, für jeden Kunden die passenden Menschen tauschen und teilen, was das Models, äh, Blogger zu finden. Zeug hält. Shareconomy, also Wirtschaft Entscheidend ist die Zielgruppe, die der des Teilens, nennen Trendforscher diese Blog anspricht.

Suchmaschinen spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle. Um bei Google und Co. gut zu ranken, also in der Trefferliste möglichst weit oben aufzutauchen, orientieren sich viele Autoren vor allem an den Kriterien, der Suchmaschinen: etwa Superlative, marktschreierische Übertreibungen und Listen. Listicals heißen Artikel, wie “Die zehn heißesten Plätze in Paris“. Die begehrten Likes lassen sich inzwischen ebenso kaufen wie Follower. Das sind Nutzer, die einem Blog über dessen Facebookseite auf Instagram oder auf anderem Wege folgen. Fotos und Video sind fester Bestandteil und werden weiter an Wichtigkeit zunehmen. Fundierte Recherche und kritisches Nachfragen interessieren vor allem auf die optische Wirkung fixierte Instagramer wenig. Viele Blogger finanzieren sich und ihre Arbeit durch einen Hauptberuf. Aber den Löwenanteil machen Wohle doch eher die Studenten und Teilzeitberufler aus. Wie die meisten, möchten auch sie nicht ihr wichtigstes Kapital, die Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen, in dem sie gekaufte Lobeshymnen abgeben. Geld verdienen Blogger auch mit Büchern, die sie zumeist als E-Books selbst verlegen, mit Workshops und Beiträgen, die sie für kommerzielle Internetseiten verfassen, aber auch mit gesponserten Posts.  Blogger leben vor allem von der Nähe zu ihrem Publikum. Anders als Journalisten sind sie für ihre Leser via Facebook E-Mail und über andere Kanäle jederzeit erreichbar, antworten auf Kommentare und beraten ihre Fans. So werden sie zu Persönlichkeiten der internationalen Reise-Community, mit denen sich die Kunden identifizieren. Die Nutzer finden

GESUNDES MISSTRAUEN Facebook, Twitter, Google und Co. nennen sich zwar sozial und erscheinen quasi gemeinnützig, sind aber höchst eigensüchtig, durch und durch kapitalistisch, Börsenlieblinge. Leider siegt oftmals die Naivität trotz überlegener Technologie (hier mögen wir den Amerikanern ihr Vietnam kurz ins Gedächtnis rufen) zum Leid der Einfältigen.

FOOD-BLOGS, REISEBLOGS, MODE-BLOGS, WHATEVER-BLOGS Ich stehe vor einer Tempelanlage in Kambodscha. Zur linken Hand eine Gruppe Reise-Blogger an ihren Laptops. Rechte Hand eine Gruppe Backpacker im Selfie-Fieber…ich inmitten mit meinem Hemingway Notizbuch und meiner Kamera, um für mich und vielleicht noch für diejenigen, die ich es wissen lassen möchte, etwas festzuhalten, fühle mich wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart und denke mir, was ist hier eigentlich los? Alle Wege führten einst nach Rom. Doch es scheint, als wären alle Straßen überfüllt und im digitalen LiveChat entzaubert. Modenschau von Alexander Wang in New York. Nicht einer der Zuschauer blickt in dem Video mit seinen eigen Augen auf die Schau, sondern ausschließlich via Smartphone. Unmittelbar. Diese Generation verliert wahrlich keine Zeit.  ZEITEN ÄNDERN SICH Und das ist wichtig. Auch die Art und Weise der Modemessen siehe Zalando Bread & Butter Fashion Festival in Berlin, sind Bestandteil einer neuen Ära, deren einflussreiche Veränderung vielleicht nur noch durch die des Buchdrucks oder der Verwendung des Pferdes für den Menschen vergleichbar wäre. Lebensweisen, die übersät mit glücklichen und zufriedenen Menschen, schnell, überladen mit Informationen und Ratschlägen und die das Ende einiger menschlicher Gattungen einläuten. Gut sagen die einen, schade die anderen. Zum Wohle einer Zukunft, von der wir bereits wussten, sie nur im Unterbewusstsein gewollt unterdrückten?  Fortsetzug folgt in der nächsten Ausgabe…


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Du hast den Berg erstiegen, der dich so müd gemacht. Und Ruh und Fried gefunden, leicht sei dir nun dein Grab.

Roy Lichtenstein 20th Anniversary of Death 27.10.1923 – 29.09.1997

Andreas von der Meden starb am 26. April 2017 im Alter von 74 Jahren

Dr. Helmut Kohl 03.04.1930 – 16.06.2017

Wenn im Kreis der Lebenswelt das Blatt zurück zur Erde fällt, kehrt es zum Ursprung nur zurück und findet dort sein stilles Glück.

Die aber am Ziel sind, haben den Frieden.

Liu Xiaobo 28.09.1955 – 13.07.2017

Luciano Pavarotti 10th Anniversary of Death 12.10.1935 – 06.09.2007

Roger Moore 14.10.1927 – 23.05.2017 Sir Charles Spencer Chaplin Jr. 40th Anniversary of Death 16.04.1889 – 25.12.1977 Chuck Berry 18.10.1926 – 18.03.2017 Ich glaube, daß wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Lichte stehn, von welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist. Arthur Schopenhauer Jack O’Neill 27.03.1923 – 02.06.2017

Oliver Norvell Hardy 60th Anniversary of Death 18.01.1892 — 02.08.1957 A GENIUS OF COMEDY

George A. Romero 04.02.1940 – 16.07.2017 Der Tod kein Hindernis, kennt er wahrlich die Unsterblichkeit der Untoten.

John Denver 20th Anniversary of Death 31.12.1943 – 12.10.1997


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EIN SCHRITT IN DIE RICHTIGE RICHTUNG Schweiz / Korea. Es kommt immer wieder vor, dass Ideen diese Welt in positiver Hinsicht enorm bereichern. Eine wahrhaft bahnbrechende Innovation ist der Firma LifeStraw aus der Schweiz gelungen. Denn mit ihrer Technologie ist es erstmals geglückt, kontaminiertes Wasser in sauberes und trinkbares zu verwandeln. Anfangs wurde die preisgekrönte Technologie im Jahr 2005 für den Einsatz in Krisengebieten nach Naturkatastrophen entwickelt. Erstes Produkt war damals der LifeStraw Personal, ein an einen Strohhalm erinnernder, individueller Wasserfilter. Seit dieser Zeit konnte die Produktpalette kontinuierlich erweitert und zusätzliche Produkte für den Haushalt sowie in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäusern auf den Markt gebracht werden. Seit 2011 verkauft LifeStraw seine Wasserfilter auch im Outdoor- und Reisemarkt, wo dank des simplen Gebrauchs und ihrer Langlebigkeit, die Abnehmer nicht lange auf sich warten ließen. Funktionieren tut es ganz einfach. Die LifeStraw Filter verwenden eine Hohlfasertechnologie mit einer Porengröße von 0,2 Mikron und die großvolumigen Wasserfilter eine noch weiter entwickelte Hohlfasertechnologie mit einer Porengröße von 0,02 Mikron. Während des Filterprozesses werden Mikroorganismen mechanisch aus dem verunreinigten Wasser gefiltert. Das Wasser läuft dabei durch sehr dünne Röhren mit extrem kleinen Poren, die zwar das Wasser passieren lassen, Schadstoffe aber zurückhalten. Was dabei genau entfernt wird sind 99,9999 % der Bakterien und 99,9 % der Protozoen. Bei den Wasseraufbereitern kommt noch die 99,999 % Beseitigung der Viren hinzu. Die strohhalmartigen Filter besitzen einen zweistufigen Filter mit einem AktivkohleFilter und einem Hohlfaser-Mikrofilter. Zusätzlich zu Bakterien und Protozoen

beseitigt er auch einige Chemikalien (einschließlich Chlor) und bestimmte Sorten von Pestiziden und Düngemitteln. Die einzige Anstrengung für den Benutzer wird sein, diese Aktivkohle-Kapseln alle drei Monate zu wechseln. Ein weiteres Highlight ist die Follow the liters Kampagne, durch die Schulkinder in Entwicklungsländern mit sauberem Trinkwasser versorgt werden. Für jedes verkaufte Produkt erhält ein Schulkind in einem Entwicklungsland sauberes Trinkwasser für ein ganzes Schuljahr. Das ist doch was! Die Produkte funktionieren ohne Batterie oder Elektrizität, sind widerstandsfähig und sehr einfach anzuwenden. Sie werden zuvor im Labor getestet und unterliegen strengen Vorgaben der amerikanischen Behörde für

Umweltschutz (EPA). Entworfen werden die einzelnen Produkte in Vestergaard in der Schweiz und in Zusammenarbeit mit deren Technologiepartner in Südkorea hergestellt. Wer also den Fuß vor die Tür setzt und nicht weiß, wohin sie einen tragen, sollte vielleicht neben einer kleinen Taschenlampe und einem Messer (OK, Handy auch), für alle Fälle diesen wertvollen Reisebegleiter dabeihaben. Ein kleiner Schritt für die Schweiz. Und ein gewaltiger für die Menschheit. www.lifestraw.com

DIE SACHE MIT DEM ÖL UND DEM FEUER Kaum vorzustellen, wie oft einem der Schein im Leben so trügt. Und wir wollen Liebe, Mode und Gesellschaft, auch Politik und Sport mal außenvorlassen. Bestes Beispiel bietet die gute alte Lebensmittelindustrie. Da haben wir u.a. einen faszinierenden süßlichen Kristall namens Zucker. Es ist schier unglaublich, in welchen Produkten überall Zucker mitverwendet wird. Glücklicherweise wächst die Zahl der Hersteller, die unabhängig von industriellen Großproduktionen auf den natürlichen Zuckergehalt ihrer Produkte setzen, ohne nachträglich nachzuhelfen. Doch nun zum eigentlichen Fingerzeig: die Verwendung von Palmöl, das am häufigsten verwertete Pflanzenöl der Welt. Es wird aus den Früchten der Ölpalme gepresst. Weil es so billig ist, verarbeitet die Industrie Palmöl weltweit seit etlichen Jahren in Lebens- und Waschmitteln sowie Biodiesel. Seitdem breiten sich die Plantagen immer weiter aus. Ölpalmen wachsen nur dort, wo auch der Regenwald wächst, und so wird ein Urwaldriese nach dem anderen gefällt – oft illegal. Laut den vereinten Nationen sind Ölpalm-Plantagen der Hauptgrund für Naturzerstörung in Indonesien und Malaysia. Weltweit werden ca. 35 Fußballfelder Regenwald jede Minute gerodet. Die Hälfte unserer Supermarktprodukte enthält Palmöl: Zum Beispiel Lebensmittel, Kosmetikartikel, Reinigungund Waschmittel sowie Kerzen. Auch dem Diesel-Kraftstoff wird immer mehr Palmöl beigemischt. Es ist kein Geheimnis, dass mit dem Anwachsen der Plantagen und der industrialisierten Vernichtung der Wälder auch zahlreiche Tier und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Vom

Sumatra-Tiger gibt beispielsweise es mittlerweile nur noch wenige hundert Exemplare. Die dort vormals ansässigen Menschen werden ihres Landes beraubt und von dort vertrieben. Zum Wohle von Nutella und Co. Zusätzlich entweicht extrem viel klimaschädliches CO2 – bis zu 6000 t pro Hektar. 300mal schädlicher ist Lachgas, das dem Kunstdünger auf den Plantagen entströmt. Ein auf Knopfdruck basierender Masterplan in Windeseile ist kaum realistisch. Zuviel Geld und Gier sind im Spiel. Aber ein bewussteres Einkaufen und Verzicht auf gewohnheitsbedingtes, durch die Werbeindustrie eingetrichtertes Denken, wäre ein Aufeinander zu bewegen von Mensch und Natur. Wollen wir das denn eigentlich nicht? Wer erfreut sich nicht daran, in der Natur zu sein, die frische Luft zu atmen und den Wundern in Licht, Stein, Wasser und Co. gegenüberzustehen. Der Nagel im Schuh ist häufig die Entfernung zu den akut betroffenen Gebieten wie dem Regenwald oder Inselregionen in der Südsee. Scheinbar nur, wer den Gestank aus der Mülltonne des direkten Nachbarn wahrnimmt, sieht sich im Stande zu handeln. Es würde nicht schaden, die Scheuklappen für den Tunnelblick abzulegen und über den Tellerrand hinauszublicken. Auch eine Pizza mal selber backen, alte Hausmittel wie Essigreiniger probieren, frische Lebensmittel kaufen oder mal etwas genauer auf die Etiketten der Produkte schauen. Dabei gilt es (und nicht nur hier) wachsam zu sein, denn die Industrie verschleiert beispielsweise Palmöl unter anderen Namen wie Lauryl, Cetyl oder Stearate. www.regenwald.org

TIMO MACHT LYRIK abende abende wie aufglühendes licht über den dächern, darüber dachtest du nach und fandst keinen (platz zum) schlafen. die stadt ist zu laut um müde zu sein und deine augen auch. als wir dann wirklich hinausgingen, verfingen sie sich in den gedeckten farben aller felder – oft wundere ich mich: es hört nie auf (mit glück) // dann ist auch diese tiefe vorbei.

FRAU ZUNDER MENSCH, DU FLIEGE! von Susan Barth Die Fliege summt ins Schlafzimmer und ich schließe genervt die Augen und senke das Buch, das mich in eine ruhige Herbstabendstimmung versetzt hat. Zumindest für wenige Minuten. Sie summt im Sturzflug knapp über meinem Kopf vorbei und gibt eine Spirale über meinem Wasserglas zum Besten. Dann schwirrt sie in die Nachttischlampe und das Summen bekommt einen zusätzlichen Hall-Effekt, stoppt dann kurz und setzt wieder ein, während die Fliege mit rieselndem Staub im Schlepptau wieder herausgetaumelt kommt. „Herr Timo!“, rufe ich. „Da ist eine Fliege!“ Herr Timo ist wenig daran interessiert. Er steht am Waschbecken und putzt seine Zähne. Nun ist das so, dass ich eine Fliege durchaus selbst erledigen könnte. Der Möglichkeit halber. Aber ich bin ein Mensch, der sämtliche Insekten (außer Blutsauger) vorsichtig einfängt und draußen wieder freilässt. Eine Fliegenklatsche haben wir nicht, sondern nur einen Insektenfänger, den mir meine Eltern in weiser Voraussicht geschenkt haben, als ich von Zuhause ausgezogen bin, damit das Kind alleine klarkommt. Wer aber schon einmal versucht hat, eine Fliege nicht zu erschlagen, sondern zu fangen, der weiß, dass das ganz schön schwierig ist. Der Herr Timo allerdings ist in dieser Technik äußerst bewandert und schafft es oft problemlos, eine Fliege im Flug zu fangen und dann vorsichtig nach draußen zu bringen. Ich hätte ja auch gar nichts gegen eine Fliege, die lieb und nett an der Wand sitzt und mich nett grüßt, wenn ich ins Schlafzimmer komme. Aber ich ertrage kein Summen und Brummen. Insbesondere nicht nachts. „Herr Timo!“ Ich stehe auf und öffne die angelehnte Badezimmertür. „Da ist eine Fliiiehge im Schlafzimmer. Und sie ist verrückt. Sie fliegt ohne Sinn und Verstand und in meine Lampe!“ Herr Timo ist leider wenig davon beeindruckt. Da summt es hinter mir und ich ducke mich. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie die verrückte Fliege über mir ins Badezimmer schwirrt. „Danke! Du kannst sie ja jetzt einfangen!“, rufe ich, als ich die Tür schnell zumache und mich wieder auf den Weg ins Schlafzimmer mache. Ich höre undefinierbare Geräusche im Bad, die Tür wird einen winzigen Spalt geöffnet: „Wie stellst du dir das bitte vor? Fang’ die Fliege? Sie sitzt an der Decke!“ (*Anmerkung der Autorin: Wir leben in einer Altbauwohnung mit 3,30m hohen Decken. Da hat selbst der große Herr Timo auf einem Stuhl nur begrenzte Chancen eine verrückte Fliege zu fangen.) „Ja, dann mach halt die Tür zu und wir fangen sie morgen!“, rufe ich schon unter der Bettdecke. Natürlich vergessen wir am nächsten Tag, dass die Fliege im Bad ihr eigenes WG-Zimmer bekommen hat und ich erinnere mich erst wieder daran, als sie uns beim Frühstück im Wohnzimmer Gesellschaft leistet. Irgendwie gehört sie jetzt auch dazu. Ich beobachte noch kritisch, ob sie auch ja nicht auf mein Brötchen fliegt, dann funktioniert unser Zusammenleben eigentlich ganz gut. Als ich mit später in der Küche einen Tee mache, kommt sie auch und begrüßt mich mit ihrem Summen. Dann besucht sie mich schließlich im Arbeitszimmer und meint: „Für heute reicht’s doch mal.“ Ich denke, man Fliege, schön, dass wir uns so aneinander gewöhnt haben. Wir kommen doch ganz gut aus miteinander. Flieg halt bitte nicht so ans Licht. Das ist nicht gut für dich. Da sitzt sie am Fenster und ich finde, dass sie ganz schön müde aussieht. Hat sie überhaupt was gegessen oder getrunken? Fühlt sie sich hier wirklich noch so wohl? Ich öffne einen neuen Tab. Stubenfliegen werden bis zu 28 Tage alt. Da schafft man selbst im Februar nur gerade so einen ganzen Monat. So gesehen, lebt die Fliege verglichen mit ihrer Lebenszeit schon viel länger mit uns zusammen als wir mit ihr. Sie muss unbedingt noch mehr sehen von der Welt, denke ich. Wer weiß, wie viele Tage sie schon alt ist. Hat sie überhaupt einen Geburtstag? Ich öffne das Fenster. Es regnet. Es ist kalt. Soll sie nur selbst entscheiden, was sie möchte. Wer was erleben will, muss raus aus der Comfort Zone. Ich höre sie nicht mehr. Vielleicht ist sie nach draußen geflogen, vielleicht aber auch nur ins Wohnzimmer und schaut dort aus dem Fenster. Und denkt über ihr Leben nach. Grönlandhaie können bis zu 400 Jahre alt werden und sind somit die ältesten, uns bekannten, Wirbeltiere der Erde. Im Vergleich zu ihnen ist unser Leben ruckzuck vorbei und trotzdem haben wir manchmal Langeweile und wissen nichts mit unserer Zeit anzufangen. Mensch, du Fliege, denke ich und hoffe, wir machen beide noch was Schönes draus aus diesem verregneten Tag. Wollt ihr mehr von Susan lesen? Dann schaut mal auf www.frauzunder.de


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VALADARES TB: Einen wunderschönen V: Hallo Nikolai wie geht’s TB: Wie kam es zu eurer Idee des Valladares und verratet uns ein bisschen was über euer Konzept? V: Wir wohnen schon ein paar Jahre hier in Berlin-Moabit. Und uns hat es immer gestört, dass wir ins Zentrum fahren mussten, wenn wir mal Vegan einkaufen oder essen gehen wollten. Irgendwann sind wir mal wieder durch die Straßen spaziert mit unseren Hunden und vor dem Laden hier stehen geblieben. Die Ecke sah damals noch furchtbar aus hier, kannst du uns glauben, aber irgendwie hatten wir an dem Eckladen gefallen gefunden. Unser Konzept hat sich während der letzten Jahre genau spiegelverkehrt gedreht. Am Anfang wollten wir viel Einzelhandel mit wenig Gastronomie, nun sind wir 90% Gastronomie und haben eher ausgefallene Sachen wie Luiquid Smoke und Soja Big Steaks im Sortiment. TB: Woraus setzt sich euer Kundenkreis zusammen? Ausschließlich Veganer? V: Nein überhaupt nicht. Der vegane Kundenkreis bei uns ist sehr klein. Wir haben viele Gäste, die aus anliegenden Büros bei uns essen kommen, da wir halt Alternativen zu Döner und Co bieten. Auch unser Kaffee wird sehr geschätzt, da wir eine spezielle Röstung anbieten. Und man muss nicht vegan sein um guten Kaffee oder gutes Essen genießen zu können. TB: In der Stephanstraße in Berlin-Moabit habt ihr euch an einer eher ruhigen Ecke, fern von Touristen und abendlichem Partyvolk angesiedelt. Zieht ihr die Ruhe dem Lärm vor? V: Das ist eine gute Frage. Privat mögen wir es auch mal LAUT, bei uns im Café darf es aber gerne ruhiger sein. Wer sich

einmal vor unserem Café mit einem Kaffee oder ein Glas Wein gesetzt hat, den lässt der Charme und die Ruhe vom Stephanplatz so schnell nicht mehr los. Viele verlegen deshalb auch Ihre Büroarbeit zu uns oder lesen stundenlang in der Sonne. TB: Woraus besteht euer Sortiment und arbeitet ihr auch mit regionalen Herstellern zusammen? V: Unser Sortiment setzt sich teilweise aus Bio und regionalen Produkten zusammen. Das ist aber kein Auswahlkriterium für uns. Wenn wir was sehen, dass uns interessiert, dann nehmen wir es ins Sortiment auf. Im Gastronomiebereich sind wir mittlerweile Allrounder. Vom herzhaften Frühstück über Kaffee bis zu Craftbeer und Burger sind wir gut aufgestellt.

TB: In den letzten 10 Jahren hat sich ein neuer Typ Mensch entwickelt. Er studiert, ist vegan, lebt in einer WG, reist viel, fotografiert. Ist, außer wenn er schläft, immer und überall online und in love mit allen seinen Mitmenschen. Doch gibt es auch jene “Vernünftigen“, die dir Toleranz und Erkenntnis abverlangen, selbst aber, wie einer Sekte angehörig, keinerlei Toleranz kennen und sich die Laktose Intoleranz via Fernkurs zugelegt haben. Würdet ihr sagen, es gibt solche und solche neuen Typen? V: Ich glaube ganz so kann man das nicht sagen. Wie in allen Gruppierungen gibt es Extreme in die eine oder andere Richtung. Und manchmal   sind die einen einfach „lauter“ als die anderen. Aber die machen bei weitem nicht die breite Masse aus, um sie so zu kategorisieren. Ich glaube dieser Eindruck wird vor allem durch Social Media vermittelt. In der Realität hast du dann die 80-jährige Nachbarin, die sich und ihren Hund vegan ernährt. Außendienstmitarbeiterinnen im Baugewerbe, die sich durch

AUF DEN SPUREN DER VERNUNFT

männerdominierte Bereiche kämpfen und junge Selbständige, die ihre Lebensund Essgewohnheiten nicht nach außen tragen, sondern einfach das Gefühl haben, das Richtige für sich zu tun. Wir haben im Laufe der Zeit unglaublich tolle Menschen kennengelernt und das ist etwas, woraus wir immer wieder Kraft tanken können. TB: Seit ihr mit dem Valladares vollends ausgelastet oder gibt es auch noch ein Leben außerhalb der Arbeit?

V: Um ehrlich zu sein, sind wir schon sehr ausgelastet und gerade in den ersten beiden Jahren haben unsere sozialen Kontakte auch sehr gelitten. Jetzt pendelt es sich langsam ein, was wir vor allem auch unseren wirklichen guten Mitarbeitern zu verdanken haben. Sie haben uns viel abgenommen. TB: Könntet ihr euch vorstellen, einer weiteren Filiale künftig entgegenzusehen? Vielleicht auch über die Grenzen Berlins hinaus? V: Momentan sind wir dankbar für das, was wir geschafft haben und lernen noch immer jeden Tag dazu. Daher eher nicht. Aber niemand kann sagen, was in ein oder zwei Jahren sein wird. TB: Es ist schwer der Lebensmittelindustrie (oder auch jeder anderen) zu vertrauen. Seid ihr der Meinung, dass man im Grunde nie sicher sein, sondern lediglich darauf achten kann, dass die Kirche halbwegs im Dorf ist? V: Ein Skandal jagt den nächsten. Und das ist nur die sichtbare Spitze des Eisberges. Aber einen wirklich großen Aufschrei gibt es doch nie, egal ob altes Pferdefleisch in der Lasagne steckt oder manipulierte Abgaswerte die Gemüter erhitzen. Jeder sollte für sich selber entscheiden, welche Konsequenzen er daraus bereit ist zu ziehen.

TB: Im Valladares kann man ja nicht nur einkaufen oder einen guten Kaffee genießen. Ihr habt auch eine ansehnlich Speisekarte. Welches sind eure Highlights?

V: Oh, vielen Dank für das Kompliment. Unser Highlight ist definitiv das Gyros. Dicht gefolgt vom schwarzen Burger. Generell laufen die Burger unglaublich gut und wir konnten uns allein schon damit in Moabit einen Namen machen. TB: Neben den Kaffeeund Feinkostspezialitäten, euren leckeren Gerichten und richtig guten Smoothies, bietet ihr außerdem einen Catering-Service. Was könnt ihr uns hierzu erzählen? V: Beim Catering haben wir uns auf Fingerfood spezialisiert. Von ToastbrotSushi bis hin zu Pizzaschnecken oder knackigen Salaten können wir mittlerweile ein breites Sortiment und viele zufriedene Gäste vorweisen. TB: Vielen Dank für die Zeit und weiterhin viel Erfolg.


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SHOWROOM AT THE

YES Snowboard

NOW Binding

Q: now-snowboarding.com

Q: yesnowboard.com

Lost & Distorted Crossroads

Lost In Liboa Guide Q: gestalten.de

Deuter Aircontact Q: deuter.com

USBC

unaccepted solid[t]Ary board club

Lunge Classic Walk Q: Lunge.com

Rum Body Lotion Q: malinandgoetz.com

Sabon Dead Sea Shower Oil Q: sabonnyc.com

Unplugged Merch T-Shirt

Hannibal Lecter Figure Q: medicomtoystore.com

Cranberry Apple Crump Pie Q: villagevoice.com

Lost & Distorted Unplugged LP

Lost & Distorted 5 panel Cap

Turms Wooden Case Q: kafka.co.uk

Run About Road Trip Shirt Q: runaboutgoods.com


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MIDDLE OF THE BAY

Converse Jack Purcell Q: allikestore.com

Nike SB Delta Force Q: nikeskateboarding.com

Bailey of Hollywood Duffy II Q: baileyhats.com

TELUM Skateboard Q: telumskateboarding.de

Levis Skateboarding 511 Q: levis-skateboarding.com

Lifestraw

Q: ascreations.in

Balloon Kid

Q: retrogamecases.com

The Circle by Dave Eggers (Book)

Duncan Quinn Wool Scarf

Meindl Boot Nordkap

Glenrothes Whiskey

Canon Powershot G3x

Moleskine Notebook

Q: thewhiskeyexchange.com

IPhone X

Q: mirror.co.uk

Q: duncanquinn.com

Q: canon.de

LED Lenser / T7M Tactical Series Q: ledlenser.com

Q: meindl.de

Q: moleskine.com

Etonic Stable Air Guard Q: defunkd.com


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IM JAHR DER SCHLANGE Im Jahr der Schlange. Jedes Jahr, solange sich Menschen erinnern, steht bekanntlich für ein Ereignisreiches. Ein Jahr scheint kurz. Doch lange genug, vieles zu erzählen.

Star oder man wusste sich daran zu halten − nur so konnte man an Rubell vorbeikommen. Er wusste, was seine Gäste erwarteten, und suchte dementsprechend und nach seinem persönlichen Geschmack das Publikum aus. Stop.

Am 31. Januar 1977 wird nach fünfjähriger Bauzeit in Paris das Centre Pompidou eröffnet. Ein staatliches Kunst- und Kulturmuseum im Herzen der Stadt. Das Tragwerk und Rohre für Gebäudetechnik und Erschließung wurden sichtbar an den Gebäudeaußenseiten angeordnet. Dabei sind das Tragwerk und die Belüftungsrohre weiß bemalt, die Beförderung (Treppen, Rolltreppen) rot, Elektrik gelb, Wasserrohre grün und die Rohre der Klimaanlage blau. Dadurch bleiben die großen Nutzflächen im Inneren weitgehend frei von Stützen und sind dadurch flexibel nutzbar. Während die Rohre der Gebäudetechnik weitgehend auf der Ostseite verlaufen, befindet sich auf der Westseite eine teilweise rote überdachte Rolltreppe, die diagonal über die komplette Fassade verläuft. Dieser neue Fassadentypus und seine Gestaltung waren zur Entstehungszeit umstritten. Viele Zeitgenossen fühlten sich an Fabriken erinnert und empfanden die Architektur als unpassend hinsichtlich Ort und Nutzung. Das Gebäude wird als erste bedeutende Loslösung vom architektonischen Diskurs zwischen Modernismus und Postmoderne verstanden. Vorgesehen waren im Wettbewerbsentwurf höhenverstellbare Stockwerke und ein großer Fassadenbildschirm als Schnittstelle zwischen Museum und Stadt. Aus Geldmangel verzichtete man darauf. Stop.

Am 13. Mai die Uraufführung der Oper Neither von Morton Feldman in Rom. Stop. Zu erzählen von der Verteidigung des Schwergewichtstitels durch den großen ALI gegen den uruguayischen Boxer Alfredo Evangelista. Stop. Oder von der goßen Science Fiction Sensation Star Wars, die am 25. Mai Premiere feierte und Millionen Menschen in ihren Bann zog. Mit spektakulären Weltraumschlachten und meisterlichen Aufnahmen, mühsam gebastelten Modellen und hervorragenden Maskenbildnern, begann eine neue Ära des Films und der Regisseur George Lukas hatte großes vollbracht. Stop.

Oder von dem Aufstieg des Punk und seinem Einfluss auf Gesellschaft, Mode, Kunst und Musik, wie es nach ihm vielleicht nur noch dem Grunge gelang. Immer wieder stellt sich dabei die Frage: Wo fängt die Authentizität des Punk an und wo hört sie auf? Nachdem die Sex Pistols im Oktober den Meilenstein Nevermind the Bollocks – Heres the Sex Pistols vorstellten, der die Punk Bewegung nicht mehr aufzuhalten und distanzierte sich ganz klar von gesellschaftlichem Geschwulst. Daneben waren die Ramones mit der LP Rocket to Russia und die Band The Clash mit Joe Strummer die einflussreichsten Vertreter. Es war wie eine Befreiung und fuck off der Inbegriff der meist politisch engagierten Anhänger. Dabei unterschied sich der Punk aus New York, der eher künstlerisch geprägt war, von dem der Briten, welcher größtenteils politische Motive inne hatte. Die einen sagen, der Punk wurde in New York um 1975 rum geboren. Für die anderen ist Punk nichts anderes als britisch. Ist wohl wie die Frage, Stones oder

Von der ersten Hinrichtung in den USA nach einem etwa zehn Jahre geltenden Moratorium über die Vollzugsaussetzung der Todesstrafe. Dies geschah am 17. Januar. Stop. Am 26. April eröffnet in New York der legendäre und von Skandalen geschüttelte Nachtclub Studio 54. Es steht als grell leuchtendes Symbol der späten 1970er Jahre für Partys, Drogenexzesse, wilden Sex und hemmungslose Exzentrik. Bevor der Club einzog, war die Adresse das Zuhause eines Theaters, eines TV-Studios sowie eines der bekanntesten Discolabels der Welt − West End Records. Als das Gebäude 1927 gebaut wurde, richtete sich zunächst die “San Carlo Opera Company“ darin ein. Diese wurde abgelöst von Theatern wie “The New Yorker“, “Casino the Paris“ und “Federal Music Theatre“, bis es 1943 die Columbia Broadcasting Co in ein TV-Studio umwandelte. CBS produzierte in diesem Gebäude erfolgreiche Shows wie “The Johnny Carson Show“, “Beat the clock“ und “$64000 question“. Die CBS-Leute nannten den Ort Studio 52, weil es das 52. Studio der CBS war. Weil die Räumlichkeiten einst als TV-Studio genutzt worden waren, hatte der Gründer Steve Rubell zuerst vor, den Club schlicht Studio zu taufen. Aber da das Gebäude an der West 54th Street liegt, kam er auf die Idee, den Club Studio 54 zu nennen. Ende der 1970er Jahre war AIDS noch unbekannt, und der Konsum von Drogen gehörte in New York quasi zum guten Ton. Das “54“ galt als eine Spielwiese für alle, die schon immer von Partys geträumt hatten, auf denen sie ihren Phantasien freien Lauf lassen und hemmungslos bis in die frühen Morgenstunden feiern konnten. Rubell verstand es zudem, die Reichen und Schönen, Stars und Prominente mit einfachen Großstädtern zu vermischen. Liza Minelli und Andy Warhol zählten zu den Stammgästen. Auch Liz Taylor, Mick und Bianca Jagger, Diana Ross, Sylvester Stallone, Truman Capote, John Travolta oder Arnold Schwarzenegger besuchten die Disco regelmäßig.  Natürlich wollten viele mit den Prominenten dieser Zeit Spaß haben, aber nur wenige, die Rubell als würdig empfand, durften hinein. “Dress spectacular“ stand auf den Eintrittskarten. Entweder man war schon ein

Von der Documenta 6 Kunstausstellung vom 24. Juni – 2. Oktober in Kassel, die größte je in Deutschland ausgerichtete ihrer Art. Die Teilnehmer nutzten verschiedene Medientypen als Kunstform: Fotografie und Film wurden in den Mittelpunkt gerückt. Zudem wurde die Mediengesellschaft thematisiert. Die documenta 6 stellte erstmals als große Ausstellung in der Abteilung Fotografie die Arbeiten von historischen und zeitgenössischen Fotografen in den Zusammenhang zur zeitgenössischen Kunst im Kontext von “150 Jahren Fotografie“. Stop. Zu erzählen, beispielsweise von einem aufgedunsenen und dem Verfall erlegenem Elvis Presley, der nach der Trennung von seiner Frau Priscilla nie wirklich darüber hinweggekommen ist und sein Heil auf der Bühne gesucht hat. Es schien ihm so ziemlich alles egal und Spaß konnte er nur noch äußerst selten entwickeln. Auf Konzertbildern wenige Wochen vor seinem Tod am 16. August war noch einmal zu sehen, wie er mit ganzem Herzen dabei war und glücklicherweise nach wie vor auf seine göttliche Stimme zählen konnte. Stop.

Beatles? Vielleicht wie so oft was von beidem. Stop. Zu erzählen vom politischen Herbst in Deutschland, die geprägt war durch Anschläge der terroristischen Vereinigung Rote-ArmeeFraktion (RAF). Die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers, die Entführung eines Flugzeugs und die Entführung der inhaftierten führenden Mitglieder der ersten Generation der RAF stellten den sogenannten Schlussakt der Offensive 77 der RAF dar. Der deutsche Herbst gilt als eine der schwersten Krisen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Stop. Oder von einem Sportereignis der dramatischeren Art. Am 9. Dezember 1977 spielten die Lakers gegen die Houston Rockets mit Star-Forward Rudy Tomjanovich. Nach einem harten Foul gerieten Rocket Kevin Kunnert und die Lakers Abdul-Jabbar und Washington aneinander. Als Tomjanovich Kunnert helfen wollte, schwang Washington herum und schlug den Rocket mit einem Schlag KO. Abdul-Jabbar verglich das Geräusch mit dem einer “zerplatzenden Melone“, und die Stille danach nannte Rockets-Guard Mike Newlin die “lauteste Stille überhaupt“.

Tomjanovich selbst dachte, die Anzeigetafel sei auf ihn gefallen. Washingtons Schlag − der bis heute nur “The Punch“ genannt wird − hatte sein Gesicht zertrümmert und lebensbedrohliche Hirnblutungen verursacht. Die NBA sperrte Washington für zwei Monate und er musste 10.000 Dollar Strafgeld zahlen. Die NBA erhöhte die Strafen für unsportliche Fouls drastisch und beendete die “Enforcer“-Ära. Washingtons Ruf war zerstört. Obwohl er nur einer von vielen Enforcern gewesen war, galt er überall als der Schurke, der fast den beliebten Tomjanovich getötet hatte. Stop. Vom 10. Dezember, als ein weiterer Literaturnobelpreis verliehen wird. Der Spanier Vicente Alexander y Merlos galt als eindrucksvoller Lyriker, der es in einer ganz besonderen Art schaffte, seine Bewunderer in den Bann zu ziehen und andere zum Lesen tiefgründiger Gedichte zu bewegen. In der spanischen Stadt Sevilla wurde Aleixandre am 26.April 1898 als Sohn eines Bahnmitarbeiters geboren. Nach den ersten Jahren, die er in Malaga verbrachte, zog die Familie nach Madrid, wo er sein Jugendalter verlebte und später auch sein Studium absolvieren sollte. Eigentlich war nach dem Abschluss in den Fächern Jura und Wirtschaftswissenschaften eine große Laufbahn als angesehener Kaufmann geplant, doch Aleixandre musste aufgrund einer schweren Erkrankung in der Nierengegend einen anderen Weg wählen. So lernte der spätere Autor die Schauspielerin Carmen de Grenada, in deren Begleitung er längere Reisen durch einige europäische Länder, wie Frankreich oder Großbritannien unternahm, kennen. Nebenbei begann er sich langsam seiner eigentlichen Leidenschaft, dem Schreiben, zu widmen. Bereits ab 1925 galt dann sein komplettes Interesse dem Verfassen von Gedichten. Drei Jahre später, nachdem er schon einige kleinere Werke in Zeitschriften veröffentlichen konnte, brachte Aleixandre mit “Ambit“ seinen ersten Gedichtband heraus. 1934 wurde der Spanier dann mit dem Literaturpreis seines Landes ausgezeichnet und konnte so seine erste wirklich große Ehrung verzeichnen. Zwei Jahre später traf Vicente Aleixandre dann ein herber Schlag, der in der Zeit rund herum um den Zweiten Weltkrieg auch viele andere Autoren traf. Aufgrund seiner stark antifaschistischen Haltung wurde Aleixandre mit einem Publikationsverbot versehen und durfte so bis 1944 kein weiteres Werk offiziell verlegen, was ihn jedoch nicht davon abhielt, weiter heimlich zu schreiben und herauszubringen. Der Mitgliedschaft in einigen Literaturverbänden des Landes und des gesamten Kontinents folgten weitere Ehrungen. Aleixandre machte zudem eine Art Entwicklung durch, die sein Schreiben während der Zeit mehrfach veränderte. Waren seine Werke zu Beginn der Schöpfung noch schwer zugänglich, von Pessimismus und Surrealismus gekennzeichnet, erschienen sie in der Mitte bereits wesentlich zugänglicher und mehr gefühlvoll, sowie einer sensiblen Gemeinschaft gewidmet. Die dritte Phase schnürt sich dann herum um den Gewinn des Literaturnobelpreises 1977. Aleixandre entwickelte eine zunehmende Nähe zum Umgang mit dem Tod, näherte sich dem Tragischen und beschrieb es in ausführlicher und ernüchternder Darstellung. Sieben Jahre nach dem Erhalt des Nobelpreises, am 14.Dezember 1984, verstarb Vicente Aleixandre in seiner Wahlheimat Madrid. Stop. Vom Tode Sir Charlie Spencer Chaplins am Weihnachtstag. Rückblickend war sein Leben alles andere als ein stummer Film. Gründervater Hollywoods, Komiker, Sozialkritiker, Regisseur, Genie, Komponist, ja ein Leonardo Da Vinci des 20. Jahrhunderts. In England geboren, wurde ihm einst in den 1950er Jahren sogar die Einreise in die USA durch die angebliche Nähe zum Kommunismus verweigert. 1972 sollte er seinen zweiten Ehrenoscar in Hollywood entgegennehmen. Stop.


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GO2KNOW GO2KNOW ist eine Berliner Agentur, die 2010 von den beiden Schulfreunden Thilo Wiebers und Andreas Böttger gegründet wurde. Sie veranstalten Fotowalks und Fototouren an Orten, die sonst im Verborgenen liegen oder nicht betreten werden dürfen. Die Agentur entwickelte ein völlig neues und innovatives Tourenkonzept, bei dem sich Hobbyfotografen und „Lost-Places-Fans“ frei bewegen können, um die Location mit viel Zeit und in aller Ruhe zu erkunden. Die Teilnehmer erfahren während der Touren amüsante Geschichten und tolle historische Details, die durch Experten und zahlreichen Zeitzeugen, Vereinen und Historikern sorgfältig zusammen getragen wurden. Wir haben Thilo und Andreas in Berlin getroffen und ein wenig geplaudert... TB: Tach zusammen G2K: Thilo: HeyHey Andreas: Hallöchen   TB: Lasst unsere Leser nicht vergoogelt sterben und erzählt doch bitte aus eurer Sicht, wie GO2KNOW seinen Anfang nahm.   G2K:                Andreas: Alles begann im Jahr 2009, als sich Thilo und ich überlegt hatten, etwas neues im Leben zu beginnen. Wir kamen auf die Idee, verlassene Orte legal begehbar zu machen. Lost Places besuchten wir schon seit 20 Jahren und so hatten wir ein umfangreiches Archiv an Fotos und Geschichten gesammelt. Wer einmal diese Hobby gemacht hat, wird verstehen, wie wundervoll das Gefühl ist, ein verlassenes Gebäude zu betreten. Man geht dort nicht so herein, wie in einen Supermarkt oder ein Krankenhaus. Man ertastet sich das Haus eher. Man spürt die Atmosphäre und die Ruhe. Das Kopfkino geht an. Wie hat es hier mal ausgesehen? Wer hat hier gearbeitet? Und welche Geschichten haben sich hier einmal abgespielt? Das gefühl sollten andere auch haben und so haben wir bis ca. März 2010 geplant und schließlich go2know gegründet.   Thilo: Eigentlich hat die Geschichte ja schon in der Schule begonnen. Damals gingen wir in die selbe Schule und schon gemeinsame Interessen. Während andere aus der Klasse in die Disco gegangen sind, haben wir uns nachts im Fotolabor der Schule einschließen lassen, um die Bilder von unseren Berlin-Ausflügen zu entwickeln. In Berlin haben wir hauptsächlich Baustellen fotografiert.   Andreas: Stimmt. Da haben wir uns nachts immer rauf geschlichen. Die Baustellen waren ja damals nicht so stark bewacht, wie heute. Das hatte schon etwas von einem Lost Place. So richtig Blut geleckt hatten wir aber kurz nach unserer Schulzeit. Da wurde unsere Schule geschlossen und abgerissen. Das muss so um 1999 rum gewesen sein.   Thilo: Das war unser erster Lost Place. Die Außenwände der Schule fehlten schon, aber die Inneneinrichtung stand noch zum Teil. Stühle, Tafeln und sogar der Schwamm im Kreidekasten waren noch da. Nachts war das Erlebnis dann besonders groß. Da kamen die Erinnerungen wieder hoch. Der Wind zog durch die offenen Räume und an den Tafeln waren noch die letzten Kritzeleien von den Unterrichtsstunden zu sehen.   TB:                 Euer Angebot reicht weit und es scheint für jeden, der lebendige Geschichte begutachten will, was dabei zu sein. Vielleicht könnt ihr uns ein bisschen was zu euren zahlreichen Schauplätzen berichten.  

G2K: Andreas: „Lebendige Geschichte“ fetzt. Das ist sehr schön gesagt. Und tatsächlich sind die Orte immer etwas Besonderes. Es sind einzigartige Bauwerke, von denen jedes seine ganz eigene Geschichte hat. Es sind lebende Museen. Da war zum Beispiel die alte Fleischfabrik in Berlin. Die gehörte zum Konsum. In den Hallen und Büros lagen unzählige Gegenstände aus der DDR-Zeit und bei so manchem Teilnehmer kamen schöne Erinnerungen hoch, wenn sie Konsummarken oder alte Brauseflaschen entdeckt haben. Oder die Beelitzer Heilstätten, eine Lungenklinik mit 60 Häusern, verborgen in den Wäldern um Berlin. Die Anlage ist von 1902 und einer der modernsten und größten Heilstätten der Welt gewesen. Die Patienten wurden hier mit „wohltuenden“ Methoden und ganz ohne Medizin von der tödlichen Krankheit Tuberkulose geheilt. Oder das alte Hotel in Eisenach an der Wartburg, das Sommerhotel in Thale, in dem Fontane die Idee zu seiner Effi Briest hatte oder die gigantische und verbotene Militärstadt Wünsdorf, in der zu DDRZeiten mehr als 60.000 Soldaten untergebracht waren. Thilo: Die Touren sind sehr abwechslungsreich und werden nicht nur durch die schönen Fotomotive zu einem besonderen Ort, sondern eben auch durch die Vergangenheit mit ihren Geschichten. Daher haben wir uns mit der Geschichte des Ortes auch immer intensiv befasst, Gebäudegrundrisse und alte Fotos recherchiert und Zeitzeugen befraget. Bei jeder Tour machen wir dann auch kleine Führungen, in denen unsere Guides die Geschichten wiedergeben.   TB:                 Was sind eure persönlichen Favoriten?   G2K: Thilo: bei mir ist es die verbotene Stadt Wünsdorf. Allein die Vorstellung, dass dort im Wald unzählige Häuser verbogen sind, die damals in der DDR hoch brisant waren und in denen der Oberkommandierende der GSSD residiert hat, erzeugt bei mir Gänsehaut.   Andreas: Mich faszinieren nach wie vor die Beelitzer Heilstätten. Es ist fast unglaublich, was die Architekten und Ingenieure zur Jahrhundertwende dort auf die Beine gestellt haben, um die Leiden der todkranke Menschen mit schöner Architektur und raffiniert ausgeklügelten technischen Systemen zu mindern.   TB:                 Viele der Gebäude stehen ja unter Denkmalschutz, sind jedoch bereits verkauft und werden restauriert, um künftig einem neuen Nutzen entgegenzusehen. Was sagt ihr zu diesem Prozess?   G2K: Thilo: Das ist ein sehr interessanter Prozess. Man muss sich mal vor Augen führen, welche Nutzungen solche Anlagen durchleben. Ursprünglich erbaut für einen ganz bestimmten Zweck, zur Zeit der Deutschen Teilung umgenutzt, oft durch militärische Nutzungen oder Fabriken, dann nach der Wende Leerstand und Zwischennutzungen durch Künstler oder zum Beispiel Anbieter, wie wir. Wenn das Haus nun wieder eine neue Nutzung bekommt, finde ich diesen Prozess sehr spannend. Besonders, wenn die Gebäude mit den Jahren an Wert gewinnen. Denn dann kann ein neuer Eigentümer auch nicht mehr alles so machen, wie er es sich vorstellt, weil Denkmalschutz dies verhindert. Es bleibt also immer ein Teil aus der alten Zeit erhalten.   Andreas: Die Nachwendezeit ist natürlich etwas Besonderes. Die Häuser standen leer und wurden einfach von Besuchern neu genutzt. Das hat einen sehr schönen Hauch von Freiheit. Künstler siedeln sich an und werden dort kreativ. Ausstellungen und Veranstaltungen finden statt. Das hat ja auch berlin in der Nachwendezeit so sehr geprägt.

EIN BERICHT

TB:                 Ihr selbst kümmert euch um kleinere Reparaturen, Aufräumarbeiten und sorgt für die Betreuung eurer Besucher. Bedeutet viel Arbeit wenig Spaß?   G2K: Thilo: Die Sicherung der Gebäude und der Touren ist ein sehr aufwendiger Prozess, den wir täglich durchführen. Das macht natürlich Arbeit, weil sich vor allem immer wieder die Situation vor Ort ändert. Dabei müssen wir darauf achten, dass wir nicht die Fotomotive kaputt machen. Wenn also überall aufgeräumt wurde und an allen Stellen Flatterband im Bild zu sehen ist, geht das Gefühl eines Lost Places verloren. Wir haben inzwischen ein gute Händchen dafür, die Tour für die Teilnehmer sicher zu machen und dabei nicht die Motive zu zerstören. Andreas: Diese Arbeit macht aber Spaß. Das gehört zu unserem Job. Und wir binden auch die Guides bei den Arbeitseinsätzen mit ein. Viele machen bei den Arbeitseinsätzen gerne mit.   TB:                 Über eure Internetseite kann man sich für die verschiedenen Orte anmelden. Die Zeiten umfassen bis zu 7-stündigen Fotobase Optionen. Dabei handelt es sich in erster Linie um Wochenendangebote verteilt auf Samstag oder Sonntag. Was passiert unter der Woche?   G2K: Andreas: Da arbeiten die meisten unserer Teilnehmer. Die Touren werden in der Woche nicht gebucht. In dieser Zeit können wir unsere Arbeit im Hintergrund machen, uns um die Kunden kümmern, den OnlineShop pflegen, neue Angebote austüfteln oder Orte auskundschaften.   TB:                 Was ist euer Publikum? Ausschließlich Hobbyfotografen, oder wird so mancher Ort auch für Filmdrehs oder Model-Shootings herangezogen?   G2K:   Thilo: Bei den Fototouren besuchen uns meistens Hobbyfotografen, Instagramer und Teilnehmer, die den Ort gerne mal kennen lernen möchten. Auf der Fotobase sind schon mehr Menschen dabei, die sich auch kreativ austoben und Shooten oder Iden umsetzen. Profifotografen sind aber auch dort selten, da ja oft eine Auftragssituation dahinter steckt. Diese fragen die Orte dann für gesonderte und separate Termine an. Genauso wie Produktionsfirmen, die Filmdrehs oder Musikvideos verwirklichen wollen.   TB:                 Sind die Teilnehmerzahlen begrenzt und achtet ihr darauf, dass untereinander Rücksicht genommen wird, so dass niemand dem anderen im Wege ist? Und sind Ansprechpartner die ganze Zeit über vor Ort?    G2K: Thilo: Auf jeden Fall. Das ist ja auch der Unterschied von einer Base oder einer Fototour zu einer Gebäudeführung. Bei der Fotobase und der Fototour sollen sich die Teilnehmer frei bewegen können, um ihr Motiv selbst mit viel zeit und Ruhe fotografieren zu können. Bei einer Führung wären die Teilnehmer verwirrt, wenn man sie alleine gehen lässt. Auch benötigen sie dann nicht 5-7 Stunden vor Ort.   Andreas: Wichtig ist uns vor Allem, dass die Teilnehmerzahlen streng limitiert sind. Schließlich möchte man sich ja nicht gegenseitig fotografieren. Dennoch gibt es ein Phänomen bei den Fototouren: Die Menschen gehen am Anfang einer Tour immer auf die Highlights los, obwohl sie ja so viel Zeit haben, in aller Ruhe alles vor Ort zu erkunden. Das führt oft dazu, dass an einem Highlight-Motiv mehrere Menschen anzufinden sind. Drauf sind aber unsere Guides trainiert. Sie entwirren dann das Kneul und verteilen die Leute am Anfang einer Tour ganz unbemerkt und gekonnt, so dass es nicht zu Staus kommen kann. So hat jeder Teilnehmer das Gefühl, auch alleine vor Ort zu sein.   TB:                 Wie muß man sich beispielsweise einen Fotobase Tag mit Go2KNOW vorstellen?   G2K: Thilo: Man trifft sich morgens an dem ausgemachten Treffpunkt und beginnt zunächst einmal damit, sich mit den Häusern vertraut zu machen. Die meisten Teilnehmer laufen sofort los und sind erst

einmal verschwunden. Die sind dann so motiviert, dass einige erst nach zwei Stunden wieder aus den Häusern erscheinen. In der Zeit haben die Guides eine Basis aufgebaut, die als zentraler Anlaufpunkt dient, an der historische Fotos ausliegen und an der es Kaffee und einen Grill gibt. Nach und Nach treffen sich dann die Teilnehmer an der Basis und beginnen Gespräche, informieren sich über den Ort oder fachsimpeln mit anderen Hobbyfotografen. Manche entspannen auch einfach nur kurz, bevor sie wieder weiter ziehen. Es gibt ja noch viel zu entdecken. Gegen Ende der Base kommen dann alle zusammen. Dann laufen die Guides noch einmal alle Häuser ab und verschließen alles wieder ordentlich. TB:                 Die Gebäude sind ja umzäunt und abgeschlossen. Kommt es trotzdem hin und wieder zu Einbrüchen?   G2K:   Thilo: Ja leider. Auch, wenn die Einbrüche in letzter Zeit stark abgenommen haben, kommt es ab und zu mal vor, dass Menschen in die Gebäude einbrechen. Sie suchen oft nach Schrott oder Kabeln. Inzwischen ist das aber wirklich stark zurück gegangen. Das liegt vor Allem auch daran, dass es sich langsam herumspricht, dass man an diesem Ort auch Touren machen kann.   TB:                 Es scheint kaum noch „Lost Places“ auf dieser Welt zu geben, die nicht entweder schon milliardenfach auf Instagram erschienen oder durch Bücher vermarktet worden sind. Vor allem durch die Tatsache begründet, dass jeder Zugang findet und über die sozialen Netzwerke auch nichts eigenes mehr entdecken kann. Ist der Reiz des Verborgenen ausgereizt?   G2K:   Andreas: Nein überhaupt nicht. Der Reiz eines Lost Places geht ja nicht nur davon aus, dort unbedingt alleine zu sein. Auch, wenn man der Einzige wäre, der den Lost Place kennt und besucht hat, ist das nicht immer der Hauptgrund dafür, dass man ihn besucht hat. Die meisten Menschen erfreuen sich an der Atmosphäre, die einen dort umgibt. Sie entschleunigen und entfliehen aus ihrem Alltag in eine abstrakte und unwirkliche Welt. Manche Menschen wiederum besuchen die Orte, weil sie dort besondere Fotomotive finden. Andere lassen sich von den Geschichten, die sich an diesem Ort einst abgespielt haben, verzaubern. Das alles ist unabhängig davon, dass der Ort nun bekannt ist oder millionenfach in den sozialen Netzwerken geteilt wird. Die Pyramiden in Ägypten sind einer der meist besuchten „Lost Places“ der Welt. Und es zieht immer noch tausende Menschen dorthin, die das einmal auch live erleben möchten. Und der Reiz des Verborgenen in den Gängesystemen und Grabkammern des Bauwerks geht dadurch auch nicht verloren.   TB:                 Es gastieren häufig bestimmte Aufnahmen von ausgesuchten Plätzen im Netz. Und natürlich möchten viele genau diesen HotSpot ebenfalls ablichten. Dabei sprechen doch die Gebäude und Orte selbst weit mehr als eine Sprache. Würdet ihr daher sagen, an selbem Ort kann immer wieder neues passieren? Gerade hinsichtlich der Wahl seiner Ausrüstung, das Licht, etc.?   G2K: Andreas: Ja klar. Die Ausrüstung, das Licht, die Situation und sogar das Befinden entscheiden darüber, wie das Foto am Ende wird. Am Ende ist auch die Nachbearbeitung der Fotos von großer Bedeutung. Ein und das selbe Motiv kann so völlig unterschiedlich abgelichtet werden. Das hängt natürlich auch von dem Fotografen selbst ab. Er macht schließlich das Foto, nicht die Kamera. Der Fotograf sieht das Bild und setzt es dann um. Er entscheidet sich für einen Ausschnitt, einen Blickwinkel und die Lichtwirkung. So setzt er seine Idee um, die ein anderer an diesem Ort nicht hätte. Die Technik kann ihm dabei eine große Hilfe sein, aber auch die Idee sehr stark einschränken. Wie geschickt der Fotograf das gesehene und empfundene wiedergibt, ist am Ende ein Ausdruck seiner Sprache. Damit ist es also tatsächlich nicht nur die Sprache der Häuser, die man auf dem Bild erkennt, sondern auch die Sprache des Fotografen.   TB:                 Vielen Dank für das Gespräch und ein Dankeschön eurem Engagement   G2K: Andreas: Gerne. Hat Spaß gemacht. Thilo: Vielen Dank.


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Salvador oder vielen besser bekannt als Bahia, wie die Stadt bis Mitte des 20. Jahrhunderts genannt wurde und Schauplatz unseres heutigen ersten Stops, liegt an der nordöstlichen Atlantikküste des gleichnamigen Staates in Brasilien. Es sei an dieser Stelle vermerkt, dass in diesem Fall nicht das Augenmerk vornehmlich einem bestimmten architektonischen Werk zukommen soll, sondern dem Ort als Ganzen. Ein Griff in die Geschichte würde durchaus Zeit verschlingen, doch nur so viel: Bereits im 16. Jahrhundert bereisten europäische Seefahrer die von Indios beheimateten Gebiete am Meer. Der Handel war Grundlage für weiteren Zuwachs internationaler Interessen und die errichtete Stadt bekam auch in der Architektur sehr schnell kolonialistische Züge, von denen auch heute noch weite Teile in der Altstadt bestaunt werden können. Der restaurierte Pelourinho mit seinen vielen engen und gepflasterten Gassen, gesäumt von bunten, pastellfarbenen Häuserreihen, Kirchen, Klöstern, Cafés, Bars, Restaurants und Kleinkunstmärkten ist eine der touristischen Hauptattraktionen und seit 1985 in der Liste der UNESCO Weltkultur. Sehr afrikanisch geprägt, sind es die Sonnenuntergänge und das Meer, deren Strahlen das pastellfarbene Herz so lebendig erleben lässt. 1933 musste eine alte Kathedrale einer Wendeschleife für die Tram weichen. Viele Bewohner der Stadt waren gegen die Haltung von Stadtverwaltung und Erzdiözese, die diesem Abriss zugestimmt haben. Für diesen Abriss nutzte man den Begriff vom “Verbrechen an der Geschichte Salvadors.“ 20 Jahre später wurde der Betrieb der Tram eingestellt. Der Künstler Mário Cravo schuf das “gefallene Kreuz“ (Cruz caída) an der Stelle der alten Kathedrale als Mahnung gegen das Vergessen der eigenen Geschichte.

LP DER STUNDE Smutfish | Trouble

Quelle: discos.com

PERSÖNLICHES ERSCHEINEN AUSDRÜCKLICH ERWÜNSCHT

1966 hatten die Beatles das erste Mal wirklich Angst, live zu spielen, waren doch die politische Lage und Spannungen auf den Philippinen zu dieser Zeit sehr hoch und ein vermeintlicher Skandal brachte die Gemüter in Erregung. Abseits jener Ereignisse zählt heute das Metropolitan Theater in Manila zu einem Ort, den man gesehen haben sollte. Die Geschichte des Manila Metropolitan Theater geht auf den Anfang der 1920er Jahre zurück, als Manila aufgrund seiner Kulturszene bekannt war und nicht nur als die „Perle Asiens“, sondern auch als das „Mailand Asiens“ galt. Zahlreiche international bekannte Künstler gastierten zu dieser Zeit hier. 1924 wurde das Theater gegründet, jedoch hatte das Ensemble kein adäquates Theaterhaus und fand im Gabaldon Schulhaus im Mehan Garden ihr erstes Zuhause. So suchte der amerikanische Stadtplaner Manilas Daniel Burnham einen architektonischen Entwurf, der dem Anspruch gerecht werden konnte, und fand ihn im Entwurf des philippinischen Architekten Juan Arellano. Er sah ein Gebäude im Stil des Art Deco vor, das ca. 1.700 Besuchern Platz bieten sollte. Über dem Haupteingang wurde es mit Glasmalereien dekoriert. Die Fassade hat zahlreiche verspielte Elemente wie die zahlreichen kleineren Minarette und eine Aussichtsplattform ist auf dem Dach installiert worden. Das Met wurde 1931 eingeweiht, aber bereits 1945 wurde das Gebäude während der Schlacht um Manila zerstört. Ein Wiederaufbau des Gebäudes erfolgte erst in den 1970er Jahren mit Unterstützung von Imelda Marcos. das Met konnte 1978 wiedereröffnet werden und wurde 2001 restauriert.

BUCH DER STUNDE

Es ist wie so oft nicht eine einzige Melodie, eher die Verschmelzung vieler. Die Bibliothek Sainte-Geneviève liegt am Place du Panthéon im 5. Arrondissement von Paris und ist als frühes Beispiel des Gusseisenbaus ein bedeutendes Werk von Henri Labrouste, der die Bibliothek von 1843 bis 1851 nach seinen Plänen erbauen ließ. Zum ersten Mal wurde in Frankreich eine Bibliothek nicht als Anbau eines Klosters oder eines Schlosses konzipiert, sondern als eine Präsenzbibliothek, die der Öffentlichkeit zugänglich sein sollte. Le Corbusier bezeichnete das Bauwerk als den ersten Schritt auf dem Weg zur “modernen Architektur.“ Die Bibliothek umfasst heute ungefähr zwei Millionen Dokumente aus allen Wissensgebieten. Sie ist aus dem Bücherfundus des gleichnamigen Klosters hervorgegangen, dessen Anfänge in das 6. Jahrhundert zurückreichen und das eines der bedeutendsten und größten Klöster in Paris war.

FILM DER STUNDE

Kommen wir nun wieder in ursprünglichere Gefilde. Die Sturzbach Klamm im Salzkammergut Österreichs. Bei einem Streifzug durch diese wunderschöne Gegend eher zufällig entdeckt (gerade darin liegt doch der Reiz, nicht schon vorher alle Magie des Entdeckens über den millionsten Reiseblog zerstört zu bekommen), liegt das Geheimnis in der Ruhe und die Faszination in der Entlegenheit unseres Alltags. Wie eine felserne Schlange windet sich ein mysteriöser Weg nach unten. Gesäumt von wildem unberührtem Grün. Der Begriff Canyoning ist nicht neu und beschreibt das Durchschreiten des Tals mittels Springen, Schwimmen und Klettern. Gruppenweise lotst ein Führer. Die richtige Ausrüstung steht gegen Gebühr zur Verfügung und finanzierbar ist es auch. Je nach Jahreszeit findet sich mehr oder weniger Wasser ein aber eine Bereicherung, die alle Freunde der Natur irgendwann einmal erlebt haben sollten. Nächste Haltestelle ist Straßburg im schönen Elsass. Wer nicht weiß, wo das liegt, bitte nicht gleich wieder googeln. Es liegt an der deutschfranzösischen Grenze im Länderdreieck Deutschland, Schweiz und Frankreich. Da der Bugle sowie auch die ganze Lost & Distorted Philosophie erhaben ist über Grenzen und festgelegte Mauern, ziehen wir es vor, nicht darüber zu streiten, wem das Elsass nun eigentlich zugesprochen werden sollte. Es soll der kulturelle Austausch vermerkt sein, von dem doch beide Seiten profitiert haben. Jetzt zum Auge, denn das isst ja bekanntlich mit. Große Teile der Stadt sind geprägt von toller Fachwerk-Architektur, die oft verwinkelt am Wasser steht, und mit Blumen verzierte Balkonen ein derart romantisches Bild abgibt, dass man freiwillig nur schwer die Heimreise antreten möchte. Dagegen wirkt die Prominenz der europäischen Politik derart trist in ihrer Moderne, soviel steht fest. Bei einem Rundgang, vorbei an den ehemaligen Türmen der Stadtbefestigung, ob zu Fuß oder mit dem Boot, geben einem Spuren aus der deutschen Kaiserzeit und Forts aus dem Mittelalter ein mehr an Unterricht in Geschichte. Nach vorn geht es sowieso durch den Ruf einer angesehenen Universitätsstadt und Entscheidungen Europas kommen ohnehin selten ohne Straßburg aus.

Quelle: fischerverlag.de

Wer wir waren | Roger Willemsen

Quelle: wieistderfilm.de

Menschenfeind | Kino kontrovers

KUNST DER STUNDE Fenster zur Seele | nat

Quelle: artbywork.com

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FRIENDS OF THE HIGH LINE

New York. Wie kaum in einer anderen Stadt sprießen Kreativität, innovative Ideen oder einfach nur intelligente Nutzung des Bestehenden, wie in New York. Ein weiteres Indiz dafür, dass dieser Stadt wohl nie die Ideen ausgehen werden, ob sie nun niemals schläft oder nicht, ist die  High Line.  Diese High Line ist eine 2,33  km lange, nicht mehr als solche genutzte  1932 wurde die High Line in Betrieb Güterzugtrasse  im Westen von  genommen. Die Erschließung der Industriebetriebe in  West Chelsea  Manhattan, die von 2006 bis 2014 und des Meatpacking-Distrikts zu einer Parkanlage, dem  High Line erfolgte durch Gebäudeanschlüsse Park, umgebaut wurde. Der erste im 2. bzw. 3. Obergeschoss der Abschnitt wurde im Juni 2009 der   Fabriken und Lagerhäuser. Der Öffentlichkeit übergeben. Der dritte Endbahnhof und Depot der High Abschnitt des Parks wurde am 21. Line lag zwischen Clarkson Street September 2014 eröffnet. Anders als das restliche und Spring Street und der Name St. John’s Park Terminal wurde auch für Hochbahnnetz  von  New York das neue Terminal verwendet. City  wurde die High Line nicht In den 1950er Jahren für den Personenverkehr erbaut, ging die Nachfrage nach sondern war als ein ehemaliger Schienenanschlüssen durch die Streckenabschnitt der  West Side Fabriken und Fleischereibetriebe Freight Line  für den Güterverkehr zurück, weil sich durch den errichtet worden. Der erhaltene Teil starken Ausbau des Highwaydes Hochbahn-Viaduktes führt von Netzes der Güterverkehr immer der ‚West 34th Street‘ (zwischen mehr auf LKW verlagerte, zum 10th Avenue und 12th Avenue) die Industriebetriebe bis zur Gansevoort Street im  anderen das Gebiet verließen. In den Meatpacking District.  Er wird von 1960er Jahren wurde der südliche ca. 5 Millionen Besuchern jährlich Abschnitt der High Line zwischen besucht. Gansevoort Street und Clarkson Der  Meatpacking District, ein Gewerbegebiet im Westen von  Street abgerissen. Vom südlichen Manhattan, in Sichtweite des  Abschnitt blieben nur das Gebäude des St. John’s Park Terminal sowie Hudson River, wurde seit 1847 zwischen Bethune- und Bank durch die Eisenbahntrasse der West Street am ehemaligen Sitz der  Bell Side Freight Line erschlossen, die Telefone Laboratories  ein kurzes auf der 10th Avenue von der 35. Teilstück durch das Gebäude Straße bis zur Chambers Street erhalten – das Gebäude beherbergt (Kreuzung zur Hudson Street) inzwischen die  Westbeth Artist führte. 1868 wurde ein Endbahnhof Community. Der letzte Zug auf der am St. John‘s Park, der sogenannte High Line verkehrte im Herbst 1980. St. John’s Park Terminal, eröffnet Seit der Umgestaltung zur – der südlichste Abschnitt vom St. Parkanlage ist der Bereich John‘s Park bis zur Chambers Street beiderseits der Trasse ein wurde daraufhin stillgelegt. bevorzugter Ort für Unternehmen Der Verkehr der Güterzüge der insbesondere der Kreativbranche West Side Line auf einer Straße geworden. Diverse Gebäude zu führte zu zahlreichen Unfällen mit beiden Seiten wurden oder werden Fußgängern und Fahrzeugen, was der 10th Avenue den Namen der  restauriert und als hochwertiger (Wohn-)Raum in bevorzugter Death Avenue  einbrachte. Die  New Lage vermarktet. 1991 wurde ein York Central Railroad,  die Stadt Abschnitt über fünf Häuserblocks und der  Staat New York  einigten am südlichen Ende der High Line sich deshalb 1929 im Rahmen abgerissen, so dass heute nur eines Stadterneuerungsprogramms noch ein Streckenrest zwischen darauf, die Strecke durch eine der 34. Straße in der Nähe des  Hochbahntrasse Javits Convention Center  und der  – die heute so genannte High Line – Gansevoord Street  im  West Village  zu ersetzen.

steht. Ansässige Unternehmer wollten die High Line abreißen, um Bauflächen zu gewinnen. Eine Abrissgenehmigung der Stadtverwaltung lag bereits vor, als 1999 von Anwohnern die Initiative Friends of the High Line  zum Erhalt des Bauwerks gegründet wurde. Nachdem der Abriss abgewendet war, wurde von der Initiative als Nachnutzung die Anlage eines öffentlichen Parks auf der aufgeständerten Trasse vorgeschlagen. Als Vorbild diente dabei die Anfang der 1990er Jahre geschaffene  Promenade plantée  im  12. Arrondissement  von  Paris.  Dieses Konzept fand unter den Anwohnern, Architekten, Stadt- und Landschaftsplanern sowie Künstlern (z. B. den Schauspielern  Edward Norton  und  Kevin Bacon  oder der Modedesignerin  Diane von Fürstenberg) viele Unterstützer. So stimmte die Stadt New York 2004 zu, für 50 Mio. USD eine Parkanlage zu errichten.

Wer einmal auf der High Line entlang spaziert ist, gewinnt eine sehr schöne Erfahrung hinzu, erdachtes nicht einfach zu zerstören, sondern auf wundersame Weise zu neuem Leben zu erwecken. Zur Freude der Touristen aber auch der Einheimischen. Die High Line erhielt 2010 den “Internationaler EGHN-Preis“ des European Garden Heritage Network. Ein ähnliches Konzept besitzt die koreanische Metropole Seoul. Hier wurde eine 1970 errichtete und ehemals genutzte Brücke über den Hauptbahnhof umfunktioniert und dient nun mit ihren zahlreichen Ablegern, die die umliegende Nachbarschaft eng miteinander verknüpft, als abwechslungsreiches Eiland im Betondschungel.  www.thehighline.org

CAPT. SKYSCRAPER AND THE GARDEN OF EDEN ISLANDS IN THE SKY Wer sich schon einmal gefragt hat, wofür Dächer noch so alles gut sein können außer uns Schutz bei Wind und Wetter zu bieten, dem sei gesagt, drehe den Spieß einfach um und mache das Unten zum Oben. Was vielleicht etwas philosophisch und auf den ersten Blick unverständlich rüberkommt, ist im Grunde ganz einfach. Warum müssen Gärten unbedingt am Fuß des Berges wachsen, wenn der ganze Berg frei ist. Wieder zu philosophisch? Dann anders: Der Mensch hat endlich (wenn auch erst ein Anfang gemacht ist) erkannt, in großen städtischen Ballungsräumen Flächen zu nutzen, die in Massen vorhanden sind und kahl wie ungenutzt sind. Dabei werden z.B. Gärten angelegt und das gewonnene Gemüse an ansässige Restaurantbetreiber weiterverkauft. Das hat mehrere Vorteile. Die Wege sind kurz, genügend Platz, die Böden sind nicht mit Giften der Agrarwirtschaft versehen und Betreiber auch nicht durch gleiche

unter Druck, der Expansion industrieller Riesen zu weichen. Aber Gärten sind nicht die einzige Form von sinnvoller Nutzung der ungezählten Rooftops. In Städten wie Boston, New York, Oslo, Hong Kong oder Sydney wird die blanke Vielfalt der Möglichkeiten sichtbar. Mal sind es Restaurants oder Wellness Oasen, dann wieder Bars oder Clubs, die intelligente Umsetzungen von Ideen veranschaulichen. V o r ü b e r g e h e n d e Kunstausstellungen, Shops oder eben Gärten machen aus den tristen Dächern eine Bereicherung in dem vornehmlich beengten Lebensraum großer urbanen Regionen. Denn Parks oder begrünte Ufer reichen in den immer schneller wachsenden Regionen nicht mehr aus, um eine Balance zwischen Stress und Hektik in beengtem Lebensraum und dem Genuss der Freiheit mit gesundem Menschenverstand herzustellen. Diese Gebäudedächer sind zu einem eigenen städtischen Lebensraum geworden, den Architekten und Städteplaner fortwährend zu erweitern versuchen – sowohl mithilfe bestehender als auch innovativer Möglichkeiten.

Künstler wie ein Friedensreich Hundertwasser oder Antoni Gaudi hatten diese Vision schon früher in einigen ihrer Bauwerke bedacht. Bücher wie beispielsweise Rooftops katalogisiert diese neue Urbanität: Anhand von mehr als 50 Bars, Restaurants, Gärten und Installationen, wird die Vielfalt intelligenter und ausgefallener Ideen dargestellt, die Metropolen wie Chicago oder Shanghai lebenswerter machen.

FALL FOLIAGE DIE KUNST DES BUNTEN BLATTES

Neuengland. Jede Jahreszeit (sofern sie hält, was wir uns von ihr versprechen) hat ihren Zauber, ihre Wunder, ihre beschwerlichen aber auch erfreulichen Tage. Jede Jahreszeit ist einzigartig in Erscheinung, Sprache und Ausdruck. Kaum vorzustellen, unter nur einer einzigen zu leben. Nach jedem Winter, der vielleicht härter ausfällt als der vorangegangene, ist es wie der Aufbruch in ein neues Land. Ein neues Leben, ein Neuanfang. Doch vertraut ist er. Mensch und Tier haben ihre persönlichen Favoriten, innerhalb der sich die Uhren bewusst oder auch unbewusst langsamer drehen sollten. Ein Highlight eines jeden Jahres sicherlich ist die Zeit im Oktober, in der die typische Herbstwetterlage, die einen schönen Indian Summer auslöst, ein ausgedehntes Hochdruckgebiet entlang der amerikanischen Ostküste nach vorangegangenen ersten Nachtfrösten ist. Warmluft aus dem Süden und Südwesten der Vereinigten Staaten strömt nach Norden und sorgt für ansteigende Temperaturen. In den meisten Jahren bleibt eine solche Wetterlage für Tage oder gar Wochen stabil, bis ein atlantisches Tiefdruckgebiet mit einer begleitenden Kaltfront für einen Wetterumschwung sorgt. In der Regel verfärben sich nach den ersten kalten Tagen die Blätter in nördlichen Höhenlagen zuerst. An den Berghängen Kanadas beginnt die Blattverfärbung bereits Ende August. Sie schreitet dann kontinuierlich, je nach Wetterlage aber

auch sprunghaft, nach Süden voran. Die typische Fall Foliage beginnt in Alaska und Kanada und verbreitet sich danach über die gesamten Vereinigten Staaten nach Süden, mit dem Schwerpunkt in den Neuenglandstaaten. Den Höhepunkt erreicht die Foliage zwischen Anfang Oktober im Norden und dem späten Oktober im Süden Neuenglands. Und sogar in den Nationalparks Kaliforniens und im Norden Floridas ist die Blattverfärbung auszumachen. Je nach Witterung können sich die Zeiträume aber verschieben. Starke Kälte und ein früh einsetzender Nachtfrost beschleunigen die Laubfärbung, ein warmer und sonniger Spätsommer mit Tagestemperaturen über 20 °C verlangsamt den Prozess. Jeder Staat Neuenglands zeigt während des Indian Summers sein eigenes Farbspektrum, abhängig von der Zusammensetzung der Vegetation in den Laubwäldern. Allerdings wird behauptet, die intensivste Färbung fände man in Vermont. Der Zucker-Ahorn, dessen Blätter sich von grün nach gelb, orange, rot und braun verfärben, ist einer der häufigsten Bäume Neuenglands. Dessen Verbreitung sorgt für das einzigartige, leuchtende Scharlachrot in den Wäldern, ein Farbspektrum, das in dieser Vielfalt und Leuchtkraft in Europa nicht zu finden ist. Allerdings möchte die Redaktion ausdrücklich darauf hinweisen, dass der in mitteleuropäischen Regionen umgangssprachlich genannte Altweibersommer oder Goldener Oktober durchaus keinen Vergleich zu scheuen braucht.


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DIE RAUPE BLEIBT EIN SCHMETTERLING THE RISE OF TRANSGENDING

AM AUSLÖSER Biennale für aktuelle Fotografie. Ein guter Grund, etwas genauer durch die Linse zu blicken. Noch nie wurde privat so viel geknipst wie heute. Gleichzeitig erlebt die Kunst der Fotografie eine Aufwertung. Unter dem Titel Farewell Photography beleuchten Ausstellungen seit dem 9. September bis einschließlich 5. November in Mannheim, Ludwigshafen und Heidelberg, allesamt Städte im Süden Deutschlands, wie die digitale Technik den Blick auf die Welt verändert. Gesichtertausch, Hintergrund- entfernung, K ö r p e r f o r m ä n d e r u n g , oder inhaltssensitives Löschen. So lauten nur ein paar Funktionen, die ein relativ einfaches und erschwingliches Fotomanagementund Bildbearbeitungsprogramm dem Profi- oder Hobbyfotografen bietet, um am Computer seine Digitalbilder zu optimieren. Ein bisschen Haut glätten hier, ein bisschen Filter dort. All das lässt sich heute schon mit einer App am eigenen Smartphone erledigen und der eigene Schnappschuss direkt ins Internet stellen. Dorthin, wo sich bereits Fantastilliarden Fotografien kursieren. Geschätzte 1,2 Milliarden Fotos wurden im Jahr 2013 pro Tag hochgeladen und via Facebook, Instagram oder Snapchat geteilt. Heute dürften es bei Weitem noch mehr sein. Was diese Bilderflut bedeutet, für uns als freiwillige oder unfreiwillige Betrachter, aber auch für die Fotografie, als Medium, das wurde noch vor wenigen Jahren heftig diskutiert. Auch ob man bei digitalen Bildern überhaupt noch von Fotografien sprechen kann. Der amerikanische Kunsttheoretiker William T. Mitchell etwa sah schon vor 25 Jahren die post-fotografische Ära eingeleitet und die deutsche Zeitschrift Kunstforum International verkündete (etwas verspätet) im Jahr 2004 das Ende der Fotografie. Ist die Fotografie also bereits Geschichte? DAS BERÜHREN DES AUSLÖSERS IST HEUTE NUR NOCH DER AUSGANGSPUNKT FÜR ALGORITHMISCHE PROZESSE, DIE DAS BILD ZU ENDE RECHNEN Tatsächlich spricht die Medienwissenschaft inzwischen sogar vom postdigitalen Zeitalter. Womit aber keinesfalls eine nachdigitale Ära gemeint ist, sondern im Gegenteil, dass die Alltagswelt komplett vom Digitalen durchdrungen ist. Was die Digitalisierung nun konkret für die Fotografie bedeutet, darüber hat sich der amerikanische Professor für Design und Medienkunst Peter Lunenfeld vor 15 Jahren in einem Aufsatz über das dubitative Bild Gedanken gemacht. Darin schreibt er, dass die Fotografie aufgrund der digitalen Manipulierbarkeit dem Zweifel anheimgefallen sei und sich im Gegensatz zur analogen Fotografie nicht mehr als neutrales Abbild der Wirklichkeit verstehen lasse. Damit falle sie gewissermaßen in einen präfotografischen Status zurück, weil nun ähnlich wie bei einem geschriebenen Text die Quelle oder der Kontext des Bildes für dessen Wahrheitsgehalt bürgen müsse.

Das heißt, wir müssen den dem Fotografen glauben, dass das auf dem Bild Dargestellte nicht verändert wurde und der Wirklichkeit entspricht. Was interessanterweise eine Aufwertung des Subjekts bedeutet. Ein Umstand, auf den auch der Fotograf und Fototheoretiker Reinhard Matz in seinem kürzlich erschienenen Band Fotografien verstehen hinweist. Auch er bemerkt, dass mit der Digitalisierung der Bildproduzent verstärkt ins Bild rückt, während er sich vorher im Dienst des Glaubens an die Neutralität der Fotografie weitestgehend unkenntlich gemacht hatte. Aber, so Matz: “Nie gab es neutrale Ansichten der Welt.“ Im Gegenteil waren Fotografien schon immer Artefakte, die durch subjektive Operationen wie Auswahl, Komposition oder Verdichtung bestimmt sind. Und die mittels Retusche auch schon früher manipuliert wurden. Dennoch sieht auch er die Ungewissheit Fotografien gegenüber wuchern. Und fast scheint es so, als hätte es diese Ungewissheit und die damit einhergehende Aufwertung des Subjekts für die auffällig spät erfolgte, offizielle Kunstwerdung der Fotografie gebraucht.  Ironischerweise sorgt die Digitalisierung durch die Vermassung der Fotografie gleichzeitig für einen gegenteiligen Effekt. Die Digitalfotografie ist günstig, fast jeder hat in seinem Handy eine Kamera, dementsprechend viel wird tagtäglich geknipst. Und dabei geht es nur selten um die Schaffung einmaliger Kunstwerke, sondern eher um die Selbstdarstellung und -bestätigung in sozialen Medien, sprich um Kommunikation. Das heißt: Wir teilen uns der Welt in geschönte, facegetunten Facebook-Bildern mit. In Bildern, die sich in ihrem Informationsoder Emotionsgehalt sofort erschöpfen und in der Vermassung ihren individuellen Wert verlieren.  Wenn nun die Biennale für aktuelle Fotografie in ihrem Titel von Farewell Photography spricht, dann ist darunter das individuelle Bild zu sehen, das an Bedeutung verliert und sich in die von ökonomischen Machtverhältnissen beherrschten Untiefen des World Wide Web verabschiedet.  Die Fotografie als Medium ist dagegen auf keinen Fall Geschichte, sondern allgegenwärtig. Und genauso sollte man in Anlehnung an postdigital das Wort postfotografisch auch verstehen. Noch nie wurde so viel fotografiert wie heute. Und noch nie wurde in so großem Maße Bedeutungslosigkeit festgehalten und unter die Nase gerieben. Und indem wir immer mehr fotografieren, denken und werden wir mehr fotografisch, so Matz. Das geht soweit, dass wir nicht nur die Fotografien, sondern sogar uns selbst und die Welt um uns herum manipulieren, das heißt: sie verschönern, künstlich verändern, herrichten für unsere Schnappschüsse. Das fotografische Zeitalter hat mit der digitalen Fotografie gerade erst begonnen. Wo es uns hinführt, das dürfte am Ende eher eine ethische denn ästhetische Frage sein. Und auf diese gilt es Antworten zu finden. Damit sich gemeinsam mit dem individuellen Bild nicht auch unsere Individualität im digitalen Raum verliert.

New York. Bald sind drei Jahre verstrichen als Antony Hegarty, Sänger, Songwriter sowie bildender Künstler verkündete, nun unter dem bereits seit Jahren privat verwendeten Namen Anohni zu leben. Anohni ist eine Transgenderin.  “Freunde und Familie nennen mich schon seit Jahren so, ich wollte mich endlich auch offiziell dazu bekennen. Dass ich transgender bin, daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht.“ In einem Interview mit Flavorwire im November 2014 erklärte sie: “Meine engsten Freunde und die Familie verwenden feminine Pronomen für mich, ich habe die Presse nicht beauftragt, es so oder so zu tun … In meinem persönlichen Leben bevorzuge ich sie. Ich denke, Worte sind wichtig, um eine Person durch ihr auserwähltes Geschlecht anzurufen, um ihren Geist, ihr Leben und ihren Beitrag zu ehren. Er ist ein unsichtbares Pronomen für mich, es verneint mich.“ Sie war früher bekannt als Antony, die Leadsängerin der Band Antony and the Johnsons. Anohni wurde in Chichester, England geboren. Ihre Familie zog nach San Francisco im Jahr 1981. 1990 folgte der Umzug nach New York, um an der New York University zu studieren, wo sie die Performance Art Kollektiv Blacklips mit Johanna Constantine gründete. Sie begann ihre musikalische Karriere mit einem Ensemble von NYC-Musikern als Antony und Johnsons. Das Debüt-Album Antony and the Johnsons wurde 1998 veröffentlicht. Den Bandnamen bezog sie auf die New Yorker Transgender-Aktivistin Marsha P. Johnson.  Als ich sie zum ersten Mal auf der Bühne sah bei einem Konzert von Lou Reed , war im Publikum zuerst die Verwunderung groß über die kahlköpfig korpulente, im Gewand gekleidet und weiß geschminkte Gestalt. Doch bereits nach den ersten Minuten war klar, hier war ein neuer Stern am Himmel.  Ihr zweites Album, I’m a Bird now (2005), war ein kommerzieller und kritischer Erfolg und verdiente ihr den Mercury Music Prize. Immer wieder arbeitet und singt sie zusammen mit anderen namhaften Künstlern wie Leonard Cohen oder Björk, die auch auf dem am 19. Januar 2009 erschienenen Album Crying Lights zusammen mit Anohni im Duett zu hören ist.  Die Songs von Antony and the Johnsons sind Balladen, die zumeist in kammermusikalischer Besetzung mit Klavier, Cello, Geigen und akustischen Gitarren, hin und wieder auch Schlagzeug und elektrischem Bass eingespielt sind. Dominiert werden sie durch Anohnis außergewöhnliche Stimme. Die Songs sind durchgehend sehr melancholisch, erzählen von der Fremdheit in der Welt, von sehnsuchtsvollen Momenten der Liebe und von dem Wunsch, ein Anderer und somit frei zu sein. Indirekt thematisiert Anohni hierin auch ihre Lebenssituation als untersexuelle Person. Im Januar 2012 wurden Antony und die Johnsons vom Museum of Modern Art in der Radio City Music Hall in Swanlights präsentiert, einer Zusammenarbeit mit dem Laserkünstler Chris Levine und dem Designer Carl Robertshaw. Die Aufführung wurde von der New

York Times in einer Rezension von Jon Parales mit dem Titel „Cries From the heart, Crashing Like Waves“ angekündigt. Diese Zusammenarbeit wurde auch im Royal Opera House in London im Jahr 2013 und im Teatro Real in Madrid im Jahr 2014 inszeniert. Antony und die Johnsons veröffentlichten im August 2012 ein Live-Symphonisches Album mit dem Titel Cut The World mit dem Danish Radio Orchestra. Das Album zeigt einen gesprochenen Track namens „Future Feminism“, in dem Anohni ihren Blick auf den Zusammenhang zwischen Feminismus und Ökologie ausarbeitet. Ein Video für das Lied „Cut the World“ unter der Regie von Nabil Features Willem Dafoe, Carine van Houten und Marina Abramović. Mehr als 15 Jahre lang galt Antony Hegarty im Pop als eine Stimme, die kein Geschlecht kennt, aber jede Emotion zwischen Schmerz, Enttäuschung und Verlorenheit. Die Suche nach der eigenen transsexuellen Identität trieb in den Texten schillernde Blüten. Die künstlerisch großartigen Live Inszenierungen verleihen dem außergewöhnlichen Klang ihrer Stimme, gepaart mit tollen Lichteffekten einen spektakulären Rahmen und lassen ein Konzert zu einem unvergesslichen Ereignis werden, das kein Smartphone stören darf. Stille und Empfinden mit jedem Wort und Ton. Anohnis Konzerte sind leider oder besser gesagt, glücklicherweise kein Produkt, das man praktisch jeden Monat bekommt, sondern durch wenige Arrangements wie auch die Person selbst, etwas ganz besonderes. Seit 2008 auch mal Musikdirektor für den Film Leben und Tod der Marina Abramović, mal Kurator in Paris. Weiter stellt sie selbst aus wie 2016 in Bielefeld oder jüngst in Aarhus, Dänemark. Die Freiheitsstatue sitzt im Kampfanzug und gedemütigt auf dem elektrischen Stuhl Nach ihrer Namensänderung Anfang 2015, kündigte sie ihr fünftes Album Hopelessness über die Antony and the Johnsons-Website und Facebook an. Dieses Album ist ein Aufbruch weg von der melancholischen Verzweiflung der Stille hin zu wütender Wucht und direkten Songtexten ohne Umweg über die Poesie, die wie ein Schlag ins Gesicht die Wirklichkeit anfleht, ja anschreit. Verstörend wirkt der Mix aus Synthesizer, Bässen, Effekten und Gesang, wodurch gerade der Song Drone Bomb me überwältigt. Selten wurde Hoffnungslosigkeit derart besungen, in die Gesichter der Konsumgesellschaft geschleudert und der Eskapismus der Clubkultur infiltriert – die «I Will Survive»-Gleichgültigkeit des in Dekadenz erstickenden, feiernden Kunst- und Partyvolks. Im Jahr 2016 wurde Anohni die zweite offene Transgender-Person, die für einen Oscar nominiert wurde (nach Angela Morley 1974 und ‚76); Sie wurde für den Academy Award for Best Original Song, zusammen mit J. Ralph, für das Lied Manta Ray im Film Racing Extinction. Nachdem sie sich allerdings vom Komitee nicht ernstgenommen behandelt fühlte, verweigerte sie ihr Kommen. “Ich wurde nicht mit Würde behandelt, nicht mit Respekt. Man hat mich als Teilnehmerin nicht ernst genommen – weil sich mit mir keine Werbung verkaufen lässt.“ www.anohni.com


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POST MODERN 2000 KUNST IN AKTION DIE KUNST DES 21. JAHRHUNDERTS

Die Werke der Künstler zeigen eine große Vielfalt von Ansätzen und Themen, jedoch finden sich deutliche erzählerische Impulse, globale Bezüge sind in vielen Werken gegeben. Nach Jahrzehnten gesellschaftlicher Themen, steht nun wieder das Individuum im Vordergrund. Die Welt zeigt sich als Themenpark, mit den Abteilungen: Kommerz, Chaos, Gewalt, Unterhaltung; ist unlogisch, grotesk, zynisch - und zeigt sich als eine Fatamorgana, als Irrenhaus, vorübergehender Halt. Dennoch handelt es sich um die Weiterführung und Verarbeitung der Methoden der Moderne: Beuys, Koons, Warhol, Punk, Expressionismus, Concept Art, Photorealismus und Fluxus. Fluxus erweist sich weiterhin als das Rückgrat der jetzigen Kunst. Charakteristisches Element der PM bleiben Zitate und ein multimedialer Ansatz. Die Haltung der Arbeiten zeigt sich zumeist zynisch, ironisch oder sogar naiv. Das Verlassen des rein formalen Ansatzes und die Rückbesinnung auf erzählerische Traditionen erweist sich als Versuch, die überlieferten Verfahrensweisen zu einem neuen Ganzen zu collagieren. Dabei werden Grenzen zwischen Kitsch und Kunst, Massenkultur und elitärer Kunstauffassung bewusst geschliffen. Während in den 60ger und 70ger Jahren gesellschaftlich bezogen gearbeitet wurde, ist die Kunst seit den 80ger Jahren individuell/

körperlich orientiert, selbst in den Bezügen zu zentralen Ideologien bzw. Weltanschauungen. (Religion, Kapitalismus (american way of life), wie zum Beispiel bei Mike Kelley. Disneyland ist wohl die amerikanische Form der Idee vom gelebten gesellschaftlichen Gesamtkunstwerk im Gegensatz zu Beuys´ Soziale Plastik. Der US-Amerikaner Paul McCarthy findet darum bei Disney seinen Werkansatz. Zudem nimmt der Bezug zu modernen Mythen wie Star wars (USA), Herr der Ringe (Europa) und Manga (Japan) immer mehr den Platz von politischen Ideologien ein. An die Stelle von politischen Ideologien treten individuelle Mythologien die von großen Medienkomplexen ausgebaut und vermarktet werden wie z.B. Spiderman. Aber politische Ansätze sind keinesfalls wegzudenken, betrachtet man die Arbeiten des chinesischen Ausnahmekünstlers Ai Wei Wei oder anderer, die das Motiv der Menschenrechte und Meinungsfreiheit in das Zentrum der Aufmerksamkeit rückten. Oder ganz neue Formen der Kunst, wie sie uns beispielsweise Volko Merschky und Simone Pfaff aus Deutschland vormachen, die mit ihrem Trash Polka den Bruch konventioneller Tattoo Kunst eröffneten und über das klassische Feld des bespielbaren hinausdenken.  Auch Orte wie die Denkerei in Berlin mit ihrem Gründer Bazon Brock werden wichtiger denn je in einer Welt, die sich kaum mehr selbst begreift und ihre Angst, die Ameisenstraße zu verlassen, nicht mehr zu bezähmen weiß.

ITEMS: IS FASHION MODERN? New York. Die im Museum of Modern Art gezeigte Ausstellung erforscht die Gegenwart, das Vergangene und manchmal auch die Zukunft von 111 Produkten, bestehend aus Kleidung und Accessoires, die einen starken Einfluss auf die Welt im 20. und 21. Jahrhunderten gehabt haben und weiter um die Gunst ihres Publikums buhlen. Unter ihnen sind wohl bekannte Stücke wie die Levi’s 501, mit Streifen versehene Oberteile oder ein einfaches schwarzes Kleid, die schon so alt und kulturell beladen sind wie der Sari, die Perlenkette, der Kippa oder der Kufiya. Interessante Gespräche mit zahlreichen Designern und Herstellern über die Geschichte, Verfahrensweisen der Produktion, Nachhaltigkeit und Einfluss auf

und durch die Gesellschaft dürfen erwartet werden und Themen wie die Beziehung der Mode zur Kunst, Musik, Funktionalität, Ästhetik, Identität und Politik werden ins Rampenlicht gerückt. Für die einen wird es eine gelungene Beleuchtung verschiedener aussagekräftiger Größen sein, den anderen soll sie eine Inspiration darstellen, künftig Mode vielleicht anders zu sehen. Die Ausstellung steht über den Zeitraum vom 1. Oktober bis 28. Januar für alle Interessierte offen. Organisiert wird das ganze durch Paola Antonelli, Senior Curator, Michelle Millar Fisher, Curatorial Assistant, Department of Architecture and Design. www.moma.com 

SILK FOR THE FEED DOGS DIE WAHRHEITEN DER JACKIE MALLON

Jackie Mallon unterrichtet in NYC verschiedene Modekurse, füttert die Modewelt mit wachem Auge und kritischen Beiträgen und ist die Autorin des Buches Silk fort he Feed Dogs, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie angesiedelt ist. Zum Buch: Kat Connelly, innovative Designerin und Tochter einer irischen Bäuerin, ist über ihren ersten Job in der Mode enttäuscht. Sie kopiert Stücke vom Laufsteg für die rätselhafte Lynda Wynter, die ein kleines Label in London führt und sich auf zwei Dinge verlässt, um zu überleben: Sich selbst zu helfen wissen und preiswerte chinesische Produktion. Kat fühlt sich zu höherem berufen und flüchtet nach Mailand. Design und Schönheit sind

überall, blendend. Ganz zu schweigen vom überwältigenden italienischen männlichen Libido. Sie hat dies Zugehörigkeitsgefühl gefordert, schon seit frühester Kindheit an. Natürlich fordert das alles seinen Preis. Wenn Kat ins undurchdringliche Haus von Adriani eingeladen wird, ihre Kollektion zu entwerfen, wirbelt sie die in Stein gemeißelte Hierarchie durcheinander und versetzt selbige in Aufruhr... Eine tolle Geschichte, die die Dinge zeigen, wie sie sind. Des Weiteren schreibt sie Beiträge für Fashion United wie Ist das Mode oder kann das weg? oder Warum tragen Designer Uniformen? oder Wenn der Designerkult über die Marke hinaus geht. Diese Themen sind durch viele geistreiche Anmerkungen mehr, in bester Gesellschaft. jackiemallon.com

Als Wiener Aktionismus wird eine Bewegung der modernen Kunst bezeichnet, in der von 1962 bis 1970 eine Gruppe Wiener Künstler das Konzept der amerikanischen Happening- und Fluxus-Kunst aufgriffen und auf äußerst provokante Weise umsetzten. Der Begriff wurde 1969 von Peter Weibel, einem engen Freund der Aktionisten, geprägt. Die zentralen Protagonisten dieser Kunstrichtung waren Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand eine Malerei, die nichts bereits Vorhandenes darstellen wollte. Es entstand eine “Kunst, um die Kunst zu verlassen.“ Die Spezialisierung und Wirkungslosigkeit der modernen Kunst der 1950er Jahre veranlasste viele Künstler dazu, eine völlig andere Richtung einzuschlagen. Durch das Brechen von Tabus wollten die Künstler eine nur am Konsum orientierte Gesellschaft provozieren. Dergestalt wandte sich der Wiener Aktionismus gegen repressive gesellschaftliche Zustände und suchte bewusst die Konfrontation mit staatlicher und kirchlicher Autorität. Über drastische Ausdrucksweisen und aggressive Tabuverletzung sollten einerseits Mechanismen offener und vor allem versteckter (unterdrückter) Grausamkeit und Perversion in der bürgerlichen Gesellschaft dargestellt werden, andererseits sollte ebendiese Gesellschaft damit schockiert werden – was auch gelang. Besondere Berühmtheit erlangten die Wiener Aktionisten durch die von den Medien als Uni-Ferkelei bezeichnete Aktion von Brus, Muehl und Oswald Wiener vom 7. Juni 1968, die eine Anklage aller Beteiligten nach sich zog. Nach 1970 trennten sich die künstlerischen Wege der Gruppe. Muehl und Nitsch machen zwar sporadisch noch Aktionskunst, die allerdings nicht mehr als Wiener Aktionismus bezeichnet wird. Der Wiener Aktionismus steht in Verbindung zur Wiener Gruppe und anderen Wiener Intellektuellen und Künstlern jener Zeit. Der Wiener Aktionismus entwickelte sich allerdings sehr isoliert vom internationalen Kulturgeschehen, da Wien kulturell am Rande lag und die Mehrheit der Bevölkerung mit Entsetzen auf die Radikalität der Aktionen reagierte. Picken wir uns an dieser Stelle mal einen der Protagonisten heraus. Günter Brus besuchte die Kunstgewerbeschule Graz und ging 1956 nach Wien, wo er Malerei studierte. Beeindruckt vom deutschen Expressionismus der Jahrhundertwende, von Edvard Munch und Vincent van Gogh, dann auch vom abstrakten Expressionismus, begann er im Herbst 1960 mit einer radikal gestischen, das Bildformat sprengenden Malerei. Brusens Werke aus dieser Zeit sind Versuche aus dem klassischen Tafelbild auszubrechen. Sein späterer Weggefährte Otto Muehl, der ihn damals kennenlernte, erinnert sich: “Die Farbe war beim Aufschlag aufs Bild manchmal wie eine Bombe explodiert. Das war totaler schöpferischer Exzess. Das gesamte Zimmer war mit Farbspritzern bedeckt, auf dem Boden lag der eingetrocknete Farbschlamm zentimeterhoch.“ Brusens Streben aus dem Medium Bild auszubrechen wird deutlicher. Im Folgenden entstehen Raumbilder, bei denen die formalen Grenzen der Leinwand keine Rolle mehr spielen. 1964 führte Brus seine erste Performance durch, die den Arbeitstitel Ana trug. Von Beginn an war es für ihn wesentlich, den eigenen Körper ins Zentrum der Aktion zu stellen, und bei der dreiteiligen zweiten Aktion, Handbemalung. Kopfbemalung. Kopfzumalung, einem sich über mehrere Stunden hinziehenden Selbstbemalungsprozess, war er auch mit dem Ablauf zufrieden. Er wandte sich von der Malerei ab und führt zahlreiche Aktionen (Selbstbemalung II, Selbstverstümmelung, Starrkrampf, Transfusion, Tortur) durch. All diese Aktionen sind als Weiterentwicklung der informellen Malerei zu sehen und das Bemalen und Hantieren mit Farben spielen weiterhin eine zentrale Rolle.

1966 entwarfen Brus und Muehl die Idee der Totalaktion als Verbindung der Materialaktion Muehls und der Brus´schen Selbstverstümmelungen. Eine erste Probe wurde beim Destruction in Art Symposium in London gegeben. 1967 setzte er sich in der Arbeit Osmose, Pullover, Einatmen - Ausatmen körpersprachlich mit dem Thema Geburt auseinander und integrierte in seine 23. Aktion seine kleine Tochter Diana. Die Arbeiten von Brus gingen weiter in Richtung totaler Körperanalyse: Er urinierte und defäkierte während der Aktionen, ritzte sich mit Rasierklingen die Haut und masturbierte. Spätestens bei der Aktion Der Staatsbürger Brus betrachtet seinen Körper

(1968) wird deutlich, dass die Aktionen auch als Staatskritik gedacht sind. Im selben Jahr kommt es zum Eklat durch eine in die Kunstgeschichte

eingehende Veranstaltung, die von den Medien als Uni-Ferkelei tituliert wurde und in deren Folge er gerichtlich verfolgt und verurteilt worden ist und schließlich ins Exil ging. Seine letzte Aktion (Juni 1970), mit der er noch einmal bis an alle körperlichen Grenzen zu gehen versuchte, hieß sinnigerweise Zerreißprobe. Günter Brus war Teilnehmer der Documenta 5 in Kassel im Jahr 1972 in der Abteilung Individuelle Mythologien und auf der Documenta 6 (1977) und der Documenta 7 im Jahr 1982 als Künstler vertreten. Brus hatte schon sein gesamtes aktionistisches Werk mit Zeichnungen und Malereien begleitet. Ab 1970 begann er mit dem Roman Irrwisch, der durch zahlreiche Zeichnungen untermauert war und entwickelte daraus neue Möglichkeiten einer Kombination von Literatur und bildender Kunst. Es entstanden Arbeiten, die er Bild-Dichtungen nennt und die einen neuen Abschnitt in Brusens Schaffen eröffnen, deren Frucht das reiche zeichnerische und literarische Werk der 70er und 80er Jahre ist.  Seit Sommer 2005 ist Brus Kolumnist und Zeichner beim österreichischen Monatsmagazin Datum. Er lebt und arbeitet in Graz. Mit einem Sammlungsankauf für die Neue Galerie Graz legte der damalige Kulturreferent der Steiermark, Kurt Flecker, 2008 den Grundstein für ein eigenes Brus-Museum. Das BRUSEUM, das am 26. November 2011 am neuen Standort der Neuen Galerie Graz im Johanneumsviertel eröffnete, ist als permanent öffentlichkeitswirksame Ausstellungsstätte konzipiert. Es widmet sich der Bewahrung zentraler Werke des Künstlers sowie der wissenschaftlichen Bearbeitung seines Schaffens.


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