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AUSGABE 4 // 12/2013 // www.localcalling.de // www.facebook.com/localcalling

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local zine for the local scene

LOCAL CALLING Regionales Musikmagazin

+Erfinden sich neu mit ihrer aktuellen EP +

Defy The Laws Of Tradition: Das lange Warten hat ein Ende: Endlich ist die neue Scheibe da!

Linda And The Small Giants: Moderner Folk - Fragil, intim und voller Hoffnung

Rolf: Eine Ikone erz채hlt Geschichten der Szene von damals, heute und morgen.


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bresler Medien GmbH 路 Wetterkreuz 11 a 路 91058 Erlangen Tel.: 0 9131- 61656-0 路 Mail: bresler@bresler.de 路 www.bresler.de


EDITORIAL

Servus! Wieder einmal haben wir uns tagelang in den Tiefen des Redaktions-Kellers eingesperrt, um die nächste Ausgabe zu texten, zu bebildern und zu layouten. Offenbar mit Erfolg, denn hier haltet ihr es in Händen: Das vierte Local Calling Magazin! Noch nie wurde wohl auf die Platte einer lokalen Band so hingefiebert, wie auf "Game Changer" von DTLOT. Wir haben uns bei den Jungs mal umgehört, warum das gute Stück so lang auf sich warten lies. Unser Hip-HopInsider Basti belieferte uns mit zwei Stories über NATO und Mark Daniels und auch um die großartige Linda Rum wird es wieder laut, denn mit ihrem Projekt Linda And The Small Giants erntet sie viel Lob. Und dann sind da noch die Jungs vom Cover, Avertine, die ihre neue Platte zeitgleich mit unerem Heft releasen. Wir bedanken uns noch recht herzlich bei folgenden tollen Menschen, die unsere letzte Ausgabe mit einer Spende unterstützt haben: Gerd Fellner, Jana Weißflog, Michael Moroshek, Klaus Astheimer, Markus Teschner, Manuel Ernst, Nahaleh Binder, Maximilian Däschler, Sebastian Fischer, Stephan Haider, Jary Dittmann, Phil vom Laden Merken, 52ern, Nick Hero, Zaphod, Sarah Lohr, noplex, ka075, Desmaad-Basser Viel Spaß beim Lesen, Blättern und Surfen. Oli im Namen der Redaktion

Besucht uns auf:

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INHALT

AUSGABE 4 // 12/2013

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26 STORIES Drive Him Dead Dear Grandma Rookie Jam Mark Daniels Avertine A Blurred View Me And Reas Hyrax Schleuse NATO Defy The Laws Of Tradition Nick & June Linda And The Small Giants

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LOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

REZIS 08 10 12 14 16 20 22 24 26 30 32 36 38

Avertine Dear Grandma Defy The Laws Of Tradition The Elephant Circus Hyrax Linda And The Small Giants My Inner Kingdom Nick & June Obelyskkh The Rose & Crown

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INHALT

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24 STUFF Ghost City Recordings Alte Säcke: Rolf Falk

IMPRESSUM 48 50

E-Mail: oli@localcalling.de

RUBRIKEN Editorial Impressum The God, The Bad & The Ugly Radio Z Kolumne Redaktionsvorstellung Bands dieser Ausgabe

Redaktion: localcalling.de c/o Olivia Barth-Jurca Schloßstr. 58, 90478 Nürnberg

Web: www.localcalling.de

03 05 06 07 41 55

Chefredaktion: Olivia Barth-Jurca, Andreas Dittmann Autoren dieser Ausgabe: Andreas Dittmann, Olivia Barth-Jurca, Jary Dittmann, Björn Bischoff, Dave Mola, Basti Lohmaier, Sabrina Bohn, Jonas Pickel Fotos: Christos Bertsos, Chris Schneider

Bock bei uns mitzumachen? Als Fotograf, Redakteur, Layouter oder Geldeintreiber? Einfach eine E-Mail schreiben an: oli@localcalling.de

Coverfoto: Christos Bertsos, Location: Bar Auftakt, www.auftakt-party.de Layout: Nicki Weber, (www.sunflowermedia.de), Dave Mola Logo: Ramona Ring // Room 404

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THE GOOD, THE BAD & THE UGLY

The Good, The Bad & The Ugly

Jeske Foto: Ralph

Eine Band aus der Region plaudert über ihre Abenteuer auf Tour. In dieser Ausgabe: Effloresce aus Nürnberg

Die guten Shows überwiegen zum Glück! Zu den schönsten Erlebnissen, die wir bisher in Zusammenhang mit Liveauftritten hatten, gehört ein Gig im Mai 2013 in Hessen. Neben epischen Burritos vom Mexikaner nebenan und genialen Menschen im Publikum, hatten wir einen Kumpel aus Holland als Merchboy dabei und gemeinsam jede Menge Spaß. Die Show an sich lief auch prima bis der Lichttechniker es derart mit der Nebelmaschine übertrieben hat, dass der Feuermelder losging und sogar die örtliche Feuerwehr ausrücken musste! In der unfreiwilligen Pause quatschten wir mit einigen Zuschauern und durften ein paar Autogramme verteilen. Genial! Auf unserem Youtube-Kanal gibt es sogar ein kleines Video mit Eindrücken des Abends!

The bad:

tos Ber tsos Foto: Chris

Foto: Chris tos Ber tsos

Das schlimmste Live-Erlebnis zu küren ist nicht ganz einfach, denn da gibt es einige Kandidaten. Unser zweite r Gig in einer berüchtigten Nürnberger Location anno 2010 gehört da jedoch auf jeden Fall dazu. Wir spielten mit einer NDH-Band, die mit In-EarMonitoring arbeitete, wir jedoch nicht. Also spielten wir dank fehlen dem Monitorsound auf der Bühne komplett „blind“, und demzufolge auch nicht besonders gut. Zudem feuerte das Schlagzeug elektronische Drumsounds ab, die zwar bei NDH sinnig sind, nur nicht unbedingt bei progressivem Metal. Naaaja ... zum Glück ging’s danach aufwärts ;-)

Foto: Christos Berts os

www.effloresceonline.com

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The Good:

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The ugly: Ein wirklich denkwürdiger Abend war für uns ein Auftritt im "Schweinestall" in Wegstadt (Name verfremdet, hahaha!). Der Name der Location ist jedenfalls Programm ... Statt Gage oder Spritgeld zu erhalten, „durften“ wir vergünstigt Eintrittskarten kaufen, um sie dann zum regulären Preis zu verkaufen. Das hat natürlich super funktioniert. NICHT ! Pay-to-play halt. Von der völlig verdreckten Location, über den wirklich unfreundliche n Inhaber/Barmann/Soundtechniker, der sich lieber am Flipper vergnügte, als etwas für den Sound (oder generell irgendetwas) zu tun, hin zum total ignoranten Publikum, war das ein wirklich gruseliger Abend. Auf der Heimfahrt gab's dann noch eine Schlägerei im Burger King zu bestaunen und anschließend eine total sinnlose Polizeikontrolle. Wenigstens – und das wiegt den ganzen Mist wieder auf – haben wir wirklich sehr nette Kollegen und Freunde in einer der andere n Bands des Abends gefunden. Und wie immer gilt: Auch unter den widrigsten Umständen macht das Spielen dann doch immer Spaß.


RADIO Z KOLUMNE

MUSIKALISCHE FRÜHERZIEHUNG IM WINTER lassische Musik – angeblich das Allerallerbeste für die Hirnentwicklung von Babys. Leider bringt mich Klassikradio im Auto dazu, wie ein alter Mann mit Hut über die Autobahn zu trödeln und Orchesterklänge von CD lassen mich voll ekstatischem Spott dirigierend durch die Wohnung laufen. Praktischerweise fängt mein drei Monate alter Sohn auch zu quengeln an, wenn ich versuche, ihm eine klassische, musikalische Früherziehung angedeihen zu lassen. Nach mehreren Testreihen haben sich an neuer regionaler Mucke für uns beide an kalten Wintertagen bewährt: „Flavor & Sin“, die neue EP von Nick & June – entspannte Singer-Songwriter-Klänge. Intelligent erzählte Geschichten von den großen Lebensthemen und den lebenswichtigen, kleinen Augenblicken, melancho-

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lisch serviert auf schmeichelnden Melodien. Wenn es gar zu kalt wird, auch gerne ein Album-Querschnitt von The Truffauts – viel französischer Charme mit einer Portion Fish and Chips am Wintermeer. Neue Platte lässt noch auf sich warten, aber bis zum Frühling bin ich mit den letzten sechs Alben, die sie netterweise als Querschnitt auch auf soundcloud veröffentlicht haben, noch gut versorgt. Auch gut zum Wegträumen vom ekligen Schneematsch: das Debütalbum „Hope“ des hinreißenden Folktrios A kiss from Wendy. Neue musikalische Inspiration gibt’s jeden Donnerstag von 20 bis 21 Uhr in den Lokalen Leidenschaften auf Radio Z, 95,8 oder als webradio unter www.radio-z.net. Das Allerallerbeste an regionaler Gehörbildung. Bestimmt Lisa Hübner auch gut für Babys.


STORIES // DRIVE HIM DEAD

EINE BAND WIE AUS SOUTH PARK Bei Drive Him Dead ist im Sommer einiges passiert: Fake-Klicks auf Youtube, Hochwasser auf der Tour und eine neue EP. etrachtet man die Nürnberger Hardcore- und Metalcore-Szene, kann man schon mal durcheinander kommen, wer jetzt aktuell eigentlich in welcher Band Krach macht. Bei all dem lustigen Tauschen von Bandmitgliedern, Auflösen und wieder Neuformieren der Gruppen scheint es fast so, als hätte jeder Musiker auch mal in jeder Band gespielt. Aus einer solchen szenetypischen, inzestuösen Masse bestehen auch Drive Him Dead. Vor drei Jahren wurde aus dem, was aus anderen Bands so übrig geblieben ist – also der motivierte, harte Kern – diese Hardcore-Combo.

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Während leise Stimmen schon behaupten, den Untergang der angeblichen Modeerscheinung Hardcore heraufbeschwören zu können, kontern Drive Him Dead mit jener Leidenschaft und Freude an der Sache, die dieses Genre schon so lange erfolgreich leben lässt. „Wir haben alle Bock auf harte und expressive Musik und schätzen es einfach als perfektes Sprachrohr“, erklärt Sänger William. Generell halten die Fünf auch nicht viel davon, die Genregrenzen in Stein zu meißeln. Ihre Musik entstehe einfach durch die unterschiedlichen Einflüsse und Vorlieben der Bandmitglieder.


Auge um Auge mit der Naturgewalt Gekrönt wurde das Dasein der Band mit der aktuellen EP “Of Solace and Fraud“. Auf einer zehntägigen Tour mit Stationen in Polen, Tschechien und Deutschland, bei der kein Geringerer als Sebastian Trappe wieder einmal seine Finger im Spiel hatte, wurde die Scheibe dann im Sommer vorgestellt, wobei der Gig in Dresden im wahrsten Sinne des Wortes beinahe ins Wasser gefallen wäre. Mit dem Hochwasser, das weite Teile Deutschlands in Griff hatte, direkt in Berührung zu kommen, hinterließ bei den Nürnbergern einen tiefen Eindruck. Beinahe wäre der Weg zur Location aufgrund der Fluten unpassierbar gewesen. Dennoch, oder eben gerade deswegen, war dieser Abend der beste der ganzen Tour. „Die Stimmung, das Publikum, die Location ... es hat einfach alles gestimmt!“, sind sich die Jungs einig.

Wer hat die Fake-Klicks gekauft? Die EP erblickte im Juni ganz still und leise und ohne pompöse Release-Party in der Heimat das Licht der Welt. „Es ist da auch einiges schief gelaufen in dem Studio, in dem wir aufgenommen haben“, sagt Basser André, „Wir waren

mit der Produktion in München unzufrieden und daher hat das alles einen faden Beigeschmack.“ Irgendwie war von da an auch der Wurm drin: Man fand keine Location für die ReleaseShow in der Heimat und auch um das dazugehörige Video zu „Vultures“, auf das man eigentlich stolz ist, gibt es einen grauen Schleier. Jeder, der schon einmal ein Video auf Youtube hochgeladen hat, kennt das Gefühl, wenn man auf die wachsenden Klickzahlen wartet wie kleine Kinder auf den Nikolaus. Bei Drive Him Dead stieg die Zahle jedoch dermaßen sprunghaft von einem vierstelligen Bereich auf über 30.000 Klicks, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. „Wir wissen bis heute nicht, wer für diese Fake-Klicks verantwortlich ist und betonen, dass wir nichts damit zu tun haben“, erklärt Gitarrist Patrick. Man betrachtet das Thema aber auch nicht allzu ernst, ebenso wie sie sich generell nicht so wichtig nehmen. Die Jungs sind nach eigener Aussage irgendwie ein bisschen wie die Charaktere aus South Park. Witzig, manchmal zynisch, aber niemals zu ernst nehmen. Es geht bei Musik darum, Freunde zu treffen und coole Shows zu spielen. So einfach ist das Oli Barth-Jurca manchmal.

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Fotos: Bang Your Head Photography

DRIVE HIM DEAD // STORIES

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STORIES // DEAR GRANDMA

VON LICHT UND SCHMUTZ Die Songs von Dear Grandma heißen „Industrietrümmer“ oder „Wir sind Dreck“ und klingen auch so: dreckig und kaputt, aber auch ehrlich und mit einer großen Portion Selbstironie und Fuck-you-Attitüde.

m Prinzip war „Licht“, das Debüt der ehemals Puschendorfer Band schon fast zwei Jahre im Kasten, doch die Songs warteten noch auf Mixing und Mastering. Gitarrist Niko verschwand nach Frankreich, um ein FSJ zu machen. „Nach einem Jahr kam ich zurück und dachte mir, dass jetzt alles fertig sei ... aber es war nichts passiert.“ Marius, der Sänger, Songschreiber und Gitarrist und Bassist Thomas lachen schuldbewusst. Erst Mitte dieses Jahres konnte das Album endlich erscheinen.

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Ausufernde Punksongs Die Sache ist vergessen, „Licht“ wurde auf dem Label Erikas Laden Musik veröffentlicht. Ein Label, das ein Händchen für außergewöhnliche (und deutschsprachige) Musik hat. Das Außergewöhnliche an Dear Grandma: Die kratzigen, dreckigen und kaputten Indie-Punk-Songs sind nicht nur sehr lang, sondern meistens auch sehr langsam, ufern aus, lassen Raum für Jams und Soli. „Live klingen wir aber nochmal anders“, lacht Marius. Da nimmt


DEAR GRANDMA // STORIES der Punk dann doch mehr Raum ein, Dear Grandma sind live noch dreckiger und auch schneller. Dennoch: Für „Licht“ haben sie einige Songs sogar von sieben Minuten runtergekürzt. Wer so lange Songs spielt, sollte auch etwas zu erzählen haben. „Das Album hat zwei Themen: Zum einen Hoffnung, dass schon alles irgendwie so läuft. Und auf der anderen Seite: Leckt mich doch alle am Arsch.“ Keine besonders spektakulären Themen, doch nimmt man Marius alles ab, was er singt und spricht. Das sind keine platten Sprüche, sondern ehrliche, persönliche und sehr direkte Worte.

Spontan und ehrlich Aufgenommen hat die Band ihr Album in bester DIY-Manier mit geliehenem Equipment und helfenden Freunden. Sogar der Laptop war geborgt. Die Lo-Fi-Ausstattung hört man „Licht“ an: es scheppert, krächzt und schrammelt an jeder Ecke. Und

Ecken gibt es viele. Dabei halten sie selbst ihr Album für clean und poppig. Darüber kann man streiten. Fakt ist, dass man den Songs deutlich den Spaß anhört, den die Jungs beim Musizieren hatten. „Wir haben eigentlich nicht viel überlegt, sondern alles einfach so gemacht, wie wir Bock hatten“, meint Marius. Diese Spontanität, Ehrlichkeit und Alles-darf-Mentalität merkt man nicht nur den Songs an, sondern auch den Jungs: Es wird gelacht, verarscht und an Alkohol-durchtränkte Gigs erinnert, die total in die Hose gingen. Dear Grandma können viele solcher Geschichten erzählen. Bestehen aber darauf, dass es nicht immer so abgeht wie beschrieben. Könnte an Melli, der Drummerin liegen: „Ihr haben wir es zu verdanken, dass die Band Struktur gewonnen hat“, erzählt Marius lachend. Sie ist es dann auch meistens, die die Jungs nach Auftritten nach Andi Dittmann Hause fährt.

Fotos: Band

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STORIES // ROOKIE JAM

NEUE ÄRA DES BIKINI-PUNKS Rookie Jam melden sich nach drei Jahren Abstinenz mit neuer Platte zurück und werden erst mal von hübschen Frauen vermöbelt. ach drei Jahren Abstinenz wurden sie eigentlich schon totgesagt, doch so ganz können Rookie Jam ihren Bikini-Punk nach elf Jahren Bandgeschichte dann doch nicht lassen und so kommen die Jungs mit neuem Album „Bikinilize it!“ und einem Video zur Single „Stay Away“ zurück auf die Bildfläche. Wir haben bei Sänger Tobi nachgefragt, was es mit dem Comeback auf sich hat.

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In den letzten Jahren ist es ja eher still um euch geworden. Woran lag das? TOBI: Ja, das stimmt. Vor etwa drei Jahren hatten wir unseren letzten Auftritt vor unserem Comeback dieses Jahr 12

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im September. Um das zu erklären muss ich etwas ausholen. Uns gibt es ja bereits seit elf Jahren, was eine recht lange Zeit ist, für Bands in unserem Format. Wir spielen ja schon seit unserer Schulzeit zusammen. Nach etlichen Jahren ist es uns auf einmal ziemlich schwer gefallen, gute Songs zu schreiben. Dann haben wir uns aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Warum ging es dann doch weiter? TOBI: Irgendwann kam der Punkt, an dem wir beschlossen, eine neue Ära des Bikini Punk einzuläuten. Wir wollten die alten Rookie Jam hinter uns lassen und machten uns Gedanken, wie Bikini Punk heute klingen könnte. Sobald wir mit ein paar Songs zufrieden waren, sind wir ins Studio und haben sie aufgenommen. Der Prozess hat sich recht lange hingezogen, weil wir keinen Zeitdruck verspürten und wir hundertprozentig mit unserem Werk glücklich sein wollten.


ROOKIE JAM // STORIES Gab es einen speziellen Anlass, bei dem ihr entschieden habt, doch noch weiter zu machen? TOBI: Das ist schwer zu beschreiben. Wir waren teilweise gar nicht sicher, ob wir überhaupt mal wieder dauerhaft auf die Bühne zurückkehren wollen. Aber irgendwann war da dieser Punkt, an dem wir merkten, dass Bikini Punk für die Bühne geboren wurde und wir plötzlich ziemlich heiß drauf waren, unsere neuen Songs einem Publikum zu präsentieren, das hauptsächlich noch von dem alten Rookie Jam Style geprägt war. Ihr habt euch direkt mit einem neuen Video zum Song "Stay Away" wieder zurückgemeldet. War das, damit die Leute sich wieder erinnern wie ihr ausseht? TOBI: Bei dem Video spielen viele hübsche Mädels mit, weswegen man wohl kaum auf uns achtet. Also kann ich deine Vermutung mit „nein“ beantworten. Wir hatten das Gefühl, dass wir mit „Stay Away“ einen ziemlich guten Song geschrieben hatten und wollten eh schon seit längerer Zeit mal ein Video drehen. Also haben wir unseren Bekannten Christopher Schlierf kontaktiert, der sowohl von der Idee als auch von dem Song begeistert war. Dann kam eines zum anderen und das Ergebnis kann man jetzt im Internet bestaunen. Im Video werdet ihr von Frauen verprügelt und gequält. Hat das was mit persönlichen Erfahrungen zu tun? TOBI: Wir schlagen in dem Song sehr melancholische Töne an, was bis dato recht ungewöhnlich für uns ist. Also kam uns die Idee, zu diesem recht

ernsten Song ein nicht ganz so ernstes Video zu drehen, aber trotzdem die Message nicht aus den Augen zu lassen. Und da es in dem Song um das Verlassen und Scheitern von Beziehungen geht, haben wir uns zusammen mit dem Regisseur eine lustige Geschichte um dieses Thema ausgedacht. Was macht euren Punk eigentlich so „bikinig“? TOBI: Es sind zum einen die musikalischen Einflüsse, die den Sommer auf die Bühne oder ins Wohnzimmer bringen. Wir lassen unserer Kreativität freien Lauf und bringen musikalisch alles zusammen, was Lust auf Strand und Cocktails macht. Aber Bikini Punk soll nicht nur auf die Musik als Genre beschränkt werden. Vielmehr geht es da um ein sommerliches Lebensgefühl, das wir den Leuten zuhause oder im Publikum weitergeben wollen. Steht demnächst wieder eine Tour an, oder was plant ihr, um die Welt mit eurem Bikini-Punk zu erobern? TOBI: Ja klar! Also sobald die Scheibe endlich da ist, wollen wir wieder losziehen und die Republik unsicher machen. Mal schauen, wen wir alles mit unserem Bikini Punk anstecken können! Das komplette Interview gibt es auf www.localcalling.de zu lesen. Fragen: Oli Barth-Jurca LOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

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STORIES // MARK DANIELS

MEHR ALS 1000 FARBEN Der Singer/Songwriter Mark Daniels aus Erlangen hat uns eingeladen, exklusiv in sein im Oktober erscheinendes Album „1000 Farben“ reinzuhören. Wir sprachen über seinen Werdegang und wie man Dubstep und Volksmusik unter einen Hut bekommen kann. Beim ersten Durchhören des Albums fällt ja eine Sache besonders auf: Hier sind wahnsinnig viele Genres vertreten. MD: Um genau zu sein: R&B, Hip Hop, Elektro, Dubstep, Pop und Volksmusik. Ich habe mit so vielen verschiedenen Leuten an dem Album gefeilt und dabei kamen so viele unterschiedliche Einflüsse zusammen. Ich war z.B. vor zwei Jahren mit einem der Produzenten in Berlin unterwegs. Zu dieser Zeit ging es mit Dubstep in Deutschland erst richtig los. Da lief dann ein Song von „Burial“. Das habe ich sofort gefühlt und wusste, dass ich auch was in diese Richtung ausprobieren muss. Musik hat einfach so viele unglaubliche Facetten, dass ich mich irgendwann nicht mehr auf ein Genre 14

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festlegen wollte. Neue Sachen auszuprobieren und seine eigene Note hinzuzufügen, ist einfach großartig. Bei deinen vorherigen Veröffentlichungen war dein Sound aber klar als R&B zu verorten? MD: Ich habe mit meinem sehr guten Freund Marcus als „Mark & Marcus“ damals das „Obstacles“ Album gemacht. Das war wirklich, wie du sagst, straight R&B und dazu noch auf Englisch. Dann hatten wir einen Plattenvertrag und wollten als „Jovele“ durchstarten. Daraus wurde dann leider nichts. Aber du bist am Ball geblieben. MD: Ich mache Musik in erster Linie einfach für mich und nicht etwa für 1000 Likes auf Facebook oder eine Million Views auf Youtube. Das ist nur ein schöner Nebeneffekt. Ich schreibe mir etwas von der Seele und mit etwas Glück be-


MARK DANIELS // STORIES

Wie hast du die Arbeit am Album begonnen? MD: Das ist jetzt immer so diese typische Floskel, aber ich habe mich erstmal weiterentwickelt. Ist einfach so. Neue Sachen ausprobiert und neue Leute kennengelernt. Das hat mich weitergebracht und auch motiviert. „1000 Farben“ ist innerhalb der letzten drei Jahre entstanden. Dabei habe ich unterschiedliche Lebensabschnitte und Eindrücke verarbeitet. Wie hast du die Produzenten ausgewählt? MD: Das sind alles Leute aus meinem Freundeskreis, die mich und meine Musik schon länger begleiten. Ich habe mit Mellow Movez die elektronischen Songs gemacht und mit Jakob Schmutziger klassische R&B Sachen gebaut. kL52 von den 52ern hat ein paar verrückte Beatz zusammengeschraubt und mein Kumpel D-Cutz hat auch noch einen ausgepackt. Dj Cutsneak hat dann nicht nur produziert, sondern das ganze Album auch noch gemastert. Wie kann man sich da den Arbeitsablauf vorstellen? MD: Wir haben uns Beatskizzen angehört, zusammen abgehangen und mit Sounds rumexperimentiert. Ich habe dazu dann meine Texte geschrieben, die sich über die Zeit auch immer wieder verändert haben. Welche Themen behandelst du auf dem Album? MD: Die klassischen Themen wie Liebe,

Trauer und Glück. Beziehungen, verschiedene Ansichten oder Lebenssituationen. Ich habe aber z.B. auch einen Song über den Montag geschrieben – den meist gehassten Tag der Welt. Du hast als Gäste ausschließlich Rapper aus der Region. Wie kommt das? MD: Lib von den 52ern ist auf zwei Tracks drauf. Wir sind privat schon lange gute Freunde und haben auch in der Vergangenheit oft zusammen gearbeitet. Er ist einer der besten Rapper hier und musste einfach wieder dabei sein. Crime Daim ist auch auf zwei Tracks vertreten. Ich bin total begeistert von seinem Talent. Wenn er seinen eigenen Weg findet, wird aus dem was ganz Großes. Außerdem ist noch Djin Spliff dabei. Sein Album „Djinastic“ hat mich damals sehr stark inspiriert. Dein Album kommt im Oktober. Du hast bereits ein erstes Video dazu veröffentlicht. Wie geht es weiter? MD: „Fang an zu fliegen“ ist der Titel des ersten Videos. Der Song ist während eines sechs Stunden langen Staus auf der A73 entstanden. Davor gab es noch ein „1000 Farben“ A-capella-Video. Als Nächstes folgt dann ein Video zu „Tag Blau“ mit den 52ern. Ich habe mittlerweile eine kleine Band zusammengestellt, mit der ich live spielen werde: Gitarre und Cajon. Es wäre toll, das noch auszubauen. Wenn jemand Lust hat, z.B. ein Keyboarder, Drummer oder Bassist, dann sollen sich die Leute gerne bei mir Basti Lohmaier melden.

Foto: Richard Alan Klemme-Wolff

wirkt einer meiner Songs etwas Positives bei einer ganz anderen Person.

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Foto: Christos Ber tsos

– E N I T R E V A W E N E TH NS N A M E E S S E D G E W DER Seit Avertines Debütalbum sind schlappe dreieinhalb Jahre vergangen. Eine lange Zeit. Die Welt dreht sich weiter und Menschen verändern sich. Wer nicht aufpasst, wirft einen Blick in den Spiegel und erkennt sich selbst nicht mehr. Avertine gehen dem aus dem Weg. Ihre neue EP „The Ravages of Time“ ist eine Momentaufnahme, eine Dokumentation gegenwärtiger Zustände. ir haben uns darauf geeinigt, dass wir keinen Song, den wir jemals live gespielt haben, auf Platte veröffentlichen.“ Jens, Gitarrist der Nürnberger Hardcore Band Avertine, sitzt neben Sänger Marius im Salon Regina und trinkt sein Bier. Wo-

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bei – das mit dem Hardcore ist so eine Sache. Ist das wirklich Hardcore? „Wir sind weg vom Metal. Unsere Musik funktioniert nicht mehr durch die tiefste Gitarre und den langsamsten Breakdown. Wir haben die Gitarren einen Halbton höher gestimmt. Das ist viel-


AVERTINE // STORIES

„Ey sorry, aber die Schuhe sind doch überhaupt nicht PostHardcore.“

Supportshows vs. JUZ-Schuppen Den Jungs ist es nicht nur egal, was andere sagen, sie provozieren es förmlich, auch mal nicht gut anzukommen. „Hey, wir sind Avertine. Ihr kennt nichts von dem, was wir heute spielen.“ Marius macht eine fiktive Show-Ansage. „Vor Leuten zu spielen, die uns überhaupt nicht kennen – das ist auch geil.“ Avertine suchen diesen Moment ganz bewusst: die Musik präsentieren und gucken, was passiert. Auch Wettbewerbe und Supportshows dienen keinem anderen Zweck: „Wenn du eine Supportshow spielst, hast du ein sehr kurzes Set. Nur vier oder fünf Songs, um die Leute zu überzeugen. Tja und dann war's entweder eine scheiß Supportband – oder du warst schon auch ganz cool. Mehr erreicht man selten.“ Die Jungs müssen's ja wissen, standen sie doch bereits mit Unearth, Evergreen Terrace oder Our Last Night auf der Bühne. Im Gegensatz dazu stehen die JUZShows. Gerne in winzigen Schuppen mit schrottigem Sound und auch mal

ohne Publikum. Es geht halt um's Spielen, darum herumzukommen. „Im Ruhm baden ist übertrieben. Aber du gehst von der Bühne und freust dich, wenn dir jemand auf den Rücken klopft und sagt: 'geile Show!'. Andere Bands behaupten zwar, das jucke sie nicht, aber Quatsch. Das findet jeder geil“, beschreibt Jens das Gefühl und ergänzt: „Ich mag auch Shows, wo du vielleicht den viel schlechteren Sound hast. In Saarbrücken war die Bühne mini und die Leute waren voll nah dran und wenn du mit dem Kopf geknallt hast, haben die 'ne volle Ladung „Wir haben Schweiß abgekriegt.“ Und uns darauf geeidann gab es natürlich nigt, dass wir keinen auch die Reinfälle wie Song, den wir jemals der Gig in einem Vorort live gespielt haben, von Berlin, vor leerem auf Platte zu veröfHaus. „Wir wollten eifentlichen.“ gentlich da schlafen, aber wir hatten so Schiss vor diesen abgefuckten Trotteln, dass wir gesagt haben, wir fahren heim“, sagt Jens und Marius fügt an: „Die Show war aber tierisch. Wenn du mehr als einen Tag am Stück gespieltt hast, dann wirst du routinierter und es war noch egaler, weil niemand da war.“

Selbstfindung per EP Jetzt, wo die EP draußen ist, bleibt der Plan der gleiche: möglichst viel spielen.

Foto: Sandra Müller

leicht etwas mehr Hardcore als früher, aber auf jeden Fall ist es poppiger.“ Avertine ist die falsche Band, um über Genres und die Zugehörigkeit zu denselben zu reden. Anzuecken ist Teil ihrer Bandgeschichte. Den Harten zu soft, den Soften zu hart. „Es geht dauernd darum, ob true oder nicht. Und darum, ob wir jetzt Metal machen oder Hardcore. Das ist doch wurscht. Es muss true für uns sein und dann ist auch egal, wenn einer sagt: 'Ey sorry, aber die Schuhe sind doch überhaupt nicht Post-Hardcore.'.“

Flo Vogel - Bass

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STORIES // AVERTINE

ADETHIS Foto: JOEM

Foto: JOEMAD ETHIS

D Deut schlandweit „Die Quintessenz der EP ist, dass rrauf a und runter und man einen anderen Blickwinkel zuminam liebsten endlich dest mal ansehen sollte. Es verändert a auch im Ausland. sich alles, es gibt keine Konstante. Erst a u Auf A u Tour werden bist du wohlbehütet und andere sind weitere Momen- verantwortlich für dich und plötzlich w e tte e folgen, in denen musst du selbst Verantwortung überkein Schwein zuhört, nehmen.“ Das klingt stark nach einem k ke vor v or allem aber sol- Reifeprozess. „Unsere Musik hat sich cche, he in denen eine verändert. Wir haben uns verändert Zusam- und werden auch langsam erwachjjungfräuliche un menkunft zwischen sen“, bestätigt Marius: „Ansichten verm e Sänger Marius Roos BBand an und Zuhörern ändern sich und das ist nicht schlimm. Quasi der Du kannst dir treu sein ohne verbissen sstattfindet. tat Moment der Wahrheit zu sein.“ M om einer einer Band. „Wir wollten alles auf der Platte Ist das noch Avertine? neu haben. Und wenn Aber ist das überhaupt noch Avertiwir jetzt nochmal so ne? Wenn aus fünf Musikern vier werlange lang brauchen, um den? Wenn Miguel, eine wichtige Fiauf auf Albumlänge zu gur der Anfangszeit, nicht mehr dabei kommen, dann ist das ist und mit ihm eine charakteristische k m ko aktuelle Material auch Stimme verlorenging? Wenn es plötza t ak wieder alt. Dann lieber lich nur noch eine Gitarre gibt und we wi eine ein EP und ein Jahr auf Metal-Stilistik bewusst verzichspäter nachlegen. Die tet wird? „Avertine ist das, was wir sp EP EP dient auch dazu, machen. Wir sind die Kehrseite der herauszufinden, was Band. Wenn wir morgen Freejazz mahe chen, ist das immer noch Avertine“, wir jetzt eigentlich w e rr a E-Git machen, was das betont Marius. Die Band geht ihren m Jens Hold eigenen Weg und Jens ergänzt: „Man neue Avertine ist.“ n Das neue Averti- muss etwas aufpassen und zu sich will ssich neu erfinden, selbst ehrlich sein. Du bist Mitte 20 ne. Die Band w das Alte hinter sich nun mal ein anderer als mit 15. Was weitergehen, d lassen. Vielleicht Vielleich geht es aber mich antreibt, ist der Gedanke, auch gar nicht in erster was würde mein früheres Veränderung. Linie um Verä Ich von mir halten. Und „Opportunismus muss nichts NegatiVeränderung ist aber Verä d ich glaube, es ist nicht ves sein. Du bist unterTeil ihres Lebens und genau das, was ich geebenso wie auf ihren wegs. Wenn es in die eine plant hatte, aber es ist vorhergehenden Plat- Richtung nicht weitergeht, ok“, sagt Jens. dann verändere halt was ten reflektieren sie ihre Die Textzeile „Set und schau, wo es dich eigene Situation. your sails with the wind hin verschlägt.“ 18

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AVERTINE // STORIES as it shifts“ des Openers „Setting Sails“ macht diese Ansicht deutlich. Aber frei übersetzt heißt das doch, sein Fähnlein in den Wind zu hängen? „Opportunismus muss nichts Negatives sein. Du bist unterwegs. Wenn es in die eine Richtung nicht weitergeht, dann verändere halt was und schau, wo es dich hin verschlägt.“ Das trifft den gegenwärtigen Standpunkt der Band: unterwegs sein, Veränderungen akzeptieren und sehen, wo es einen hin verschlägt.

Der Weg des Seemanns

Foto: Bang your Head Photography

„Wir haben für uns festgelegt, was wir machen wollen. Die Wahrscheinlichkeit, damit den Durchbruch zu schaffen, ist wirklich gering. Geschafft hast du‘s doch, wenn du mit der Musik ein Leben leben kannst, das besser ist, als es mit einem Fulltimejob möglich wäre. Wir haben aber mit Bands gespielt, die haben Welttourneen gespielt, die haben ein Label und haben tausende von CDs verkauft. Wenn die nicht auf Tour sind, braten die Burger.“ Wo ist das Problem, dann brät man für die Band halt ein paar Burger – oder? Alles für den Durchbruch. Ist das sonst nicht etwas Leidenschaftslos? „Das als leidenschaftslos zu be-

Drummer Matze Amm on

zeichnen ist der größte Quatsch. Am krassesten sind doch die Typen, die einen 60-Stunden-Tag runterreißen. Und am Wochenende, die einzige Zeit, die sie mit ihrer Frau und ihrer Familie haben, nehmen sie sich trotzdem noch eine Stunde Zeit, um mit der Band in den Proberaum zu gehen. Das sind die Typen, die das wirklich krass betreiben. Und nicht die, die entweder sauviel Kohle oder aber nichts zu verlieren haben.“ Veränderung ist Leben. Veränderung führt aber auch früher oder später zum Tod und auch das Erwachsen werden ist eine gefährliche Zäsur, wenn es um's Leben als Musiker geht. Und wenn es soweit ist? Dann ist es eben sso „Nicht alles Gute so. m muss zu Ende gehen, ab damit etwas Neuaber es anfangen kann, muss es et etwas Altes zu Ende ge g gehen. Du kannst nic n nichts festhalten. W Wenn du krampfha h haft dranhängst, tut's tu nur weh.“ Jary Dittmann

Split-EP // self titled EP „Es war damals unser erster Aufenthalt in einem professionellen Studio, den Brennstoff Studios. Die Split-EP zu machen, wurde erst beschlossen, als unsere Songs bereits aufgenommen waren.“ Auf der EP „Avertine“ finden sich die gleichen Songs – plus einer Cover-Version von „Dead and Gone“, das, hinterlegt mit einem Bandfoto, bei Youtube 375.000 Klicks sammelte. „Hat nichts mehr mit uns zu tun“, sagt Marius.

Convicted Lords & Celebrated Slackers „Das Album haben wir wieder in den Brennstoff Studios aufgenommen.“ Geplant war ursprünglich die Zusammenarbeit mit einem Label. Der Plan ging schief, die Jungs blieben allein auf den Unkosten sitzen. Auch die Zusammenarbeit mit zwei Booking-Agenturen klappte nicht. Aber Local Hero Uwe Reisz nahm die Band unter seine Fittiche, bis er sich aus der Szene weitgehend zurückzog.

The Ravages of Time „Der Unterschied zwischen den beiden ersten Platten und der jetzigen ist der Bezug zu den Songs. Die damaligen Platten waren mehr beeinflusst vom Studioaufenthalt als es die jetzige EP ist.“ Mit der EP wagt Avertine einen Neuanfang. Neues Studio (Ghost City Recordings), neuer Sound, neue Songs. Und alles auf eigene Faust.

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STORIES // A BLURRED VIEW

Foto: Band

Q@<DC@:?>LK< =I<LE;< Bei Duo-Bands spürt man oft eine tiefe persönliche und freundschaftliche Beziehung zwischen den Musikern. Bei A Blurred View ist das nicht anders. akob und Stefan sind eigentlich nur deshalb ein Duo, weil sie nie einen Basser gefunden haben, der zu ihnen gepasst hätte. Ein ums andere Mal wurde rumprobiert, bis die beiden merkten: zu zweit ist's doch am besten. Seit neun Jahren kennen sie sich, seitdem machen sie auch zusammen

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Musik. Nun, eigentlich war es eher andersrum: „Wir haben zusammen Musik gemacht, noch bevor wir angefangen haben, uns zu unterhalten“, erzählt Jakob und lacht. Sein Bruder brachte die zwei damals zusammen. Schon in der ersten Probe klappte es so gut, dass sie einfach weitermachten.


A BLURRED VIEW // STORIES Momentaufnahmen Mittlerweile haben sie ihre Debüt-EP veröffentlicht: „The Wave“. Eine ruhige und unaufgeregte Platte voller schöner Melodien, sanften Gitarrenlinien und verschachtelten Drums, die sehr unmittelbar und ehrlich, fast grungig beim Hörer ankommt. Dabei war diese EP alles andere als geplant: „Als wir aufgenommen haben, wussten wir nicht, dass wir eine Platte machen“, erzählt Jakob grinsend. „Das war mehr so eine Momentaufnahme: Hier stehen wir gerade.“ Es ist diese Direktheit, die „The Wave“ so angenehm zu hören macht. Die EP ist keine Kopfgeburt, sondern besteht aus Songs, die von Herzen kommen, die aus einem Bauchgefühl heraus entstanden sind. „Ich schreibe meine Texte mittlerweile einfach runter und denk mir: Wenn das jetzt das ist, was aus mir rauskommt, dann ist das so. Ich wehr mich dagegen nicht“, erklärt Stefan. So gehen die beiden auch ans Songwriting ran: unverkopft, befreit, spontan.

Viel Vertrauen

malistischen Lieder auf „The Wave“. „Die Sachen, die wir spielen, müssen halt zusammenpassen.“ Dann werden Songs gebastelt, die teils nur aus wenigen Schlägen oder Tönen bestehen und sich so langsam gegenseitig aufbauen. „Wir sind nicht drauf aus, in einer bestimmten Art zu wirken. Wir wollen, dass das ankommt, was aus uns kommt.“ Freundschaft und schöne Andi Dittmann Musik also.

Fotos: Christos Bertsos

Eine Arbeitsweise, die viel Vertrauen zwischen den beiden Bandmitgliedern erfordert. „Bei einem Duo ist es wichtig, dass beide Leute absolut gleichwertig sind“, findet Jakob. „Man muss sich schon sehr gut kennen und in eine ähnliche Richtung gehen.“ Bei A Blurred View ist das so. Jakob und Stefan sind gute Freunde, wollen das Gleiche und funktionieren genau deshalb so wunderbar zusammen. „Zu zweit arbeiten wir viel konkreter und schneller“, findet Stefan. „Wir wollen die Songs nicht vollstopfen“, erklärt Jakob die teils sehr miniLOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

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STORIES // ME AND REAS

Foto: Band

ANDREAS, MANU AND ME Me and Reas ist ein Wortspiel. Hat sich so ergeben. Andreas Jäger begann solo, hat sich inzwischen zweifache Unterstützung geholt; Manuel und Sören. ir sitzen im Kulturgarten, Andreas und Manu mir gegenüber. Einer der letzten Sommerabende des Jahres. Die CD-Release noch weit weg, alle(s) entspannt. Der Termin am 16. November im Club Stereo war zuerst da, dann begann das Produzieren der Platte. Der Vorabend des Volkstrauertages bietet sich an, als Release eines folkigen Pop-Rock-Albums. Als Andi, eigentlich aus Langenzenn, damals nach Nürnberg zog, kannte er noch nicht viele Leute.

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Manu traf er damals über den Produzenten des letzten Albums. “Und wenn man in eine andere Stadt zieht, sucht man Leute, die mit einem Bier trinken gehen.” Aus dem gemeinsamen Biertrinken enstanden gemeinsame Auftritte und nun die gemeinsame CD. Sören komplettiert das Trio. Andi erinnert sich noch an seinen ersten Auftritt in seiner Heimatstadt; vor 20 Leuten. Genauso an seinen zweiten Auftritt, auf dem Klaragassenfest, für den er sich


ME AND REAS // STORIES eine Gitarre leihen musste, bei diesem Musikgeschäft in der Südstadt.

Übermäßiger Output Seit 2011 hatte er nun nix mehr geschrieben, geschweige denn aufgenommen. Jetzt kommt alles auf einmal; er nennt es übermäßigen Output. Sie probieren aus, experimentieren, nehmen verschiedene Instrumente wie Banjo, Bläser, Mundharmonika dazu. Es wird folkiger, rockiger, experimentierfreudiger. Doch er zweifelt: “Vielleicht ist grad nicht die Zeit für Folk-Pop.” Doch “Sieben bis acht Lieder stehen bereits und die gefallen mir richtig gut!” Manu studiert Medieningenieurwesen und hat alle Lieder produziert. “Und wenn Dir keiner reinredet, ist das noch mehr Dein Baby!” Sie möchten ehrliche Musik machen, sie darf auch mal Fehler beinhalten. Andi sagt dennoch: “Ich habe Ansprüche an die Musik, die ich mach.” Deswegen hat's mit dem dritten Album gedauert. Er fügt hinzu: “Ich glaub', wenn man Songs ohne Emotionen schreibt, dann kommt nur Scheiße dabei raus!” Weil es nicht sein Ziel ist, von der Musik zu leben, studiert er Wirtschaftsingenieurwesen. Doch wenn er sein Studium beendet hat, möchte er einfach mal ein Jahr lang nur Musik machen und es drauf ankommen lassen. Auf dem Bardentreffen haben sie bereits vier Mal gespielt, dieses Jahr empfanden sie's als anstrengend; es war heiß, manche Straßenmusiker verstärken ihre Verstärker dermaßen, dass die anderen Musiker kaum eine Chance haben. Manu: “ Dadurch geht das Straßen-

musikflair verloren, das ist schade!” Durch ein anderes Musikprojekt hat er ein bisschen Erfahrung mit Plattenfirmen und Musikgeschäft. Sein Fazit: “Die Entscheider haben keine Spur Ahnung von Musik.”

Unterstützung, Austausch, Kommunikation Eine Zeit lang war es ruhiger um Me And Reas geworden, u.a. wegen sechs Monaten im Allgäu, doch da “es einfach Spaß macht, live zu spielen” ist nun hoffentlich öfter mit ihnen zu rechnen. Die Resonanz auf das Sommervideo “The daylight saving time” hat sie überwältigt, inkl. Verlinkung von tape.tv. Wo hingegen Erfolg aufkommt, ist der Neid nicht weit: “Es ist schon hart, wenn jemand direkt nach 'nem Auftritt zu Dir kommt und sagt 'Ich find' Euer Video übrigens scheiße!'” Andi findet gegenseitige Unterstützung wichtig; “Egal, ob mir die Musik gefällt oder nicht, ich geh da hin, um meine Freunde zu unterstützen!” Sie wünschen sich generell mehr Austausch und Kommunikation in der regionalen Szene. Und mehr Förderung, Aufmerksamkeit und Möglichkeiten, in der Region zu spielen. “Du musst erst ins Opernhaus, um Förderung zu bekommen.” und stellten bereits fest “Ohne Label auf Deiner Platte brauchst Du Dich nirgendwo bewerben; das ist wie ein Qualitätszertifikat!” Eigentlich haben sie ihre Qualität schon lange bewiesen, zumindest in der Region. Der Club Stereo ist Andreas Stammschuppen; die Releaseparty Sabrina Bohn also ein Heimspiel. LOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

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STORIES // HYRAX

KRIEGER IN SCHWARZ, GLITZER, GOLD ? Ein hartes Stück Arbeit liegt hinter den Jungs von Hyrax: Neues Album, neues Video und eine Tour quer durch Deutschland. as erste „richtige“ Album, das muss zelebriert werden so viel steht mal fest! Nach zwei EPs, welche in Eigenregie im heimischen Kellerloch entstanden, entschlossen sich Hyrax diesmal „einfach nur Musiker“ zu sein und begaben sich ins Nürnberger Separate Sound Studio, in welchem auch schon Bands wie J.B.O., Kellerkommando oder Fiddler’s Green bereits Aufnah-

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men machten. „Es ist entspannter, wenn man sich auf die Musik konzentrieren kann und nicht zusätzlich darauf achten muss, ob die Mikrofone korrekt positioniert sind.“ sagt Frontmann Felix.

Auf Tour mit den Helden der Jugend Erschienen ist die Platte, die den Titel „Over the Edge“ trägt, am 14.10.2013


HYRAX // STORIES

Fotos: Christos Bertsos

auf dem Nürnberger Label Recent Records. Am selben Tag startete in Halle/Saale auch die Tour mit J.B.O., mit selbigen durften Hyrax letztes Jahr schon zweimal auf der Bühne stehen und konnten dabei offensichtlich so sehr überzeugen, dass die Verteidiger des wahren Blödsinns sie diesmal als Support für eine ganze Tour haben wollten. „Zuerst dachten wir; ,na gut, wenn’s sein muss machen wir das…' Spaß beiseite, wir waren natürlich begeistert als sie damit auf uns zukamen“, so Felix und Schlagzeuger Matthias ergänzt: „Auf jeden Fall, die Jungs sind ja so etwas wie Helden meiner Jugend!“.

Darf’s noch etwas mehr sein? Weil aber eine fett produzierte Platte und eine Tour mit den Altmeistern des Blödel-Metal nicht genug ist, entschieden sich Hyrax auch noch ein Video zu ihrem Song „Desire“ zu drehen. Natürlich wollte man auch hier

keine halben Sachen machen und mietete kurzerhand mal eine Luxussuite in der Fürther Hotel-Pyramide. „Die Idee zum Video hatten wir auf einer Tour, daher kam auch nur ein Hotel in Frage, welches über eine entsprechend luxuriöse Ausstattung verfügt. Es sollte ja authentisch sein.“ Erklärt Felix und lacht. „Wir hatten bei einigen Hotels angerufen. Allerdings hatte niemand wirklich Bock darauf uns reinzulassen. Bei der Pyramide fand man die Idee aber sofort super und wir bekamen sogar die oberaffengeile Pharaonen-Suite angeboten. Das konnten wir natürlich nicht ablehnen“. Bei ihrer Release Party am 28.9. zeigten Hyrax dann auch deutlich, dass sie bereit sind, für’s große Business. Die gebotene Darbietung hätte auch auf einer zehnmal größeren Bühne nicht fehl am Platz gewirkt und das Publikum war ebenfalls sichtlich Jonas Pickel begeistert. LOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

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STORIES // SCHLEUSE

HOW TO

WRITE ABGEFAHRENE LYRICS

WITH SCHLEUSE

“Baby when you’re next to me, your love is just like ecstasy” Es gibt so Songzeilen, mit so Wortkombinationen… kann man machen. Muss man sich aber nicht anhören. Schleuse gehen da einen anderen Weg: Die verschachtelten, metaphorischen und lautmalerischen Texte sind für den Autoren dieser Zeilen eines ihrer herausragenden Merkmale. Auch wenn die Band das gar nicht so sieht. ie Mitglieder der Band Schleuse, eine studentisch wirkende Kombo, die nur zum Teil aus Studenten besteht, zum Teil aber auch aus Geographen, Schreinern und musikorganisatorischen Tausendsassas, sind begnadete Geschichtenerzähler. Das wird deutlich, wenn man sich mal

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das Tagebuch der jüngeren ihrer beiden Touren auf Faceboook durchliest. Hervorragend (18.–29.9.).

Das Album als Märchenbuch Geschichten gibt es aber auch auf dem Debütalbum „Knowledge About the Jaybird“. „Das Album ist eine Samm-


SCHLEUSE // STORIES Foto: Band

lung an Liedern, die über mehrere Jahre hinweg entstanden sind. Es ist gewachsen“, sagt Sänger Jan. Ein Debütalbum wie so viele. Erst ist da die Band, dann ein paar Songs und Jahre später ein paar Aufnahmen. „Beim zweiten Album wird das natürlich anders sein. Das ist dann die [Albumtitel]Phase. Das ist schon interessanter als das Sammelsurium jetzt. Aber wir sind deswegen nicht unzufrieden mit dem aktuellen Album.“ Verständlich. Vollbringt die Platte doch ein Kunststück, das selten gelingt: Es fängt die Bühnen-Energie der Band ein. „Das Album wurde live eingespielt, alle zusammen und ohne Klick. Es ist vielleicht ein bisschen dünn, aber dafür aufgeräumt“, erklärt Gitarrist, Manager und Techniker Michael. Nun haben Live-Auftritte häufig das Problem, dass die textlichen Inhalte der Songs untergehen: Der Sound ist zu schlecht, die Aussprache des Sängers undeutlich. Es ist, als ob da ein Rauschen das textliche Signal stört.

Fehlinterpretationen und Assoziationsketten Eher unbewusst gibt es auch auf dem Album so ein Knowledge About Rauschen. Schleuse drucken the Jaybird ihre Texte ab, ja, aber handschriftlich, viel zu klein und noch dazu unvollständig. Kein Wunder, dass der Autor eine Textzeile falsch heraushört und peinlicherweise auch noch im Netz in der Plattenkritik auf Albumkritik zitiert. „Du hast www.localcalling.de die Stelle aus „Water“ falsch zitiert. Es heißt My hearts thoughts, nicht My hearts daughter. Ich finde deine Version aber auch ganz schön“, sagt Sänger Jan. „Es gibt auch kein richtig oder falsch, keine eindeutigen Interpretationen. Die Leute beschäftigen sich ohnehin weniger mit unseren Texten als mit der Musik.“ Außerdem sind die Texte bei Schleuse Teil der Musik.

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STORIES // SCHLEUSE „So ein Text ist ja beides“, erklärt Drummer Tim, „Wortklang und Inhalt.“ My Hands are forming following formulars. Their shaking and their nervous Mehr Artworks aus der tremor attracts your hands Cover-Serie auf – a protective manner. So localcalling.de lautet eine wahrlich wohlklingende Textzeile aus Knowledge – die nicht zwangsläufig eine feste Bedeutung haben muss: „Ich fokussiere mich auf die Melodie und das Songwriting. Ich singe dann irgendwas dazu, zwar englische Phonetik, aber Kauderwelsch und versuche dann rigide die Melodie mit Wörtern, die mir melodisch über die Lippen gehen, zu füllen.“ Heraus kommen immer wieder wahre Textperlen, die aber mehr Assoziationsketten sind, denn zusammenhängende Texte (siehe Kasten).

Alles anders Das soll beim nächsten Album anders werden. Das Songwriting soll anders werden, die Aufnahmetechnik auch. Anders. Das scheint für Schleuse die Hauptsache zu sein. Was, ist egal. „Ich habe keine konkreten Ambitionen, was unsere Zukunft angeht. Ich will einfach nur zufrieden sein.“ Sagt Cello-Spieler Lukas. Und Kontrabasser

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Felix ergänzt: „Es soll sich verändern, es soll anders werden und etwas passieren. Wenn wir in zehn Jahren immer noch diese Platte spielen an den gleichen Orten – nein, das will ich nicht.“ Tim sagt: „Es ist schön, dass es Pläne gibt, aber wir gehen das gelassen ran. Wir brauchen keine große Karriere und lassen alles auf uns zukommen.“ Na dann. Wie gut, dass die Jungs das Geschichtenerzählen im Blut zu haben scheinen. Jeder auf seine Art. Mal eher verschmitzt und zurückhaltend, mal sprudelnd und voller Energie. Der Autor jedenfalls ist schon gespannt, wie Schleuse ihre Geschichten zukünftig Jary Dittmann erzählen werden.

Water – Kafkas musikalische Schwester Songs wie „Water“ besitzen trotz aller Assoziationsaneinanderreihung so etwas Ähnliches wie einen Sinnzusammenhang, erklärt Texter Jan dem Autoren: Alles beginnt mit einer Gerichtsverhandlung, in der der Erzähler jemanden anschuldigen soll. „Es folgt eine Aneinanderreihung von Wörtern, die alle ausdrücken, dass man nicht weiß, was los ist und wie man sich verhalten soll.“ Das Wasser ist so eine Art reinigende Kraft, die alles wegspült. „Der Refrain bezieht sich zwar noch auf Wasser, ist aber ein Assoziationscut. Die Stimmung ist freundlicher, erleichterter.“ In der zweiten Strophe herrscht dann wieder Unsicherheit, es ist nicht klar, ob sich der Erzähler nun alles weggewünscht hat oder nicht. „Kann man aber auch anders sehen“, sagt Jan noch lapidar. Ein kafkaeskes Szenario, eine Traumwelt, die die Unsicherheit, den Zweifel darstellen kann, der in Extremsituationen wie eben einem Gerichtsprozess oder aber auch einer Prüfungssituation oder ähnlichem manchmal aufkommt.


STORIES // NATO

NEVER ATTACK THE ORIGINALS

Foto: Band

Relation zu Fläche und Einwohnerzahl. Hip Hop in der Region Das ist der Hauptgrund, dass englischscheint oft noch ein ungreif- sprachiger Rap in ganz Franken sehr bares Phänomen von ein präsent war – und bis heute ist. paar einzelnen Gestalten zu A new age sein. Weit gefehlt! Vor der Jahrtausendwende hatte es ie Szene ist groß und aktiv. Die Möglichkeiten, sich in der Umgebung zu präsentieren oder gefördert zu werden, sind hingegen sehr gering. Unbeirrt von diesem Zustand stehen Mad Rush und D.Phunk, besser bekannt als NATO („Never Attack the Originals“), seit mehr als zwei Dekaden auf der Bühne. Ihren heutigen Status haben die beiden einer einzigartigen Ausbildung in der HipHop-Schule der damals in Franken stationierten G.I.s zu verdanken. Die Stadt Fürth war nach Ende des Zweiten Weltkriegs der größte Standort der US-Armee in Bayern, in

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viele englischsprachige Acts aus dem deutschen Raum gegeben. KMC, Mellow Bag oder Walking Large hatten durchaus einige Achtungserfolge, doch keine dieser Bands existiert heute noch. Die Noo Age Family (ehemals auch One Luv Family) hingegen, bestehend aus Mad Rush, D. Phunk, TAP, Lost Smoke & Born Ruler ist weiterhin aktiv. Die Diskographie des 2002 aus dieser Gruppierung hervorgegangenen Rap-Duos NATO weist mittlerweile drei Alben, eine EP und seit 2012 drei Solo EPs auf. Die unzählbaren Gastauftritte und Samplerbeiträge lassen wir hier außer Acht.


NATO // STORIES

Where ya at? Trotz dieser Voraussetzungen haben es englischsprachige Rap-Acts aus Deutschland heutzutage nicht leicht. Außerhalb der Bundesrepublik können Leute etwas mehr mit dem Namen NATO anfangen als in der deutschsprachigen Heimat. In Tschechien, Polen, Dänemark, Holland und auch England spielt die Qualität von HipHop eine größere Rolle als dessen Herkunft.

Neben anständigen Verkaufszahlen konnte NATO auch diverse Male ihr Können als Support in eben genannten Ländern zur Schau stellen: Sie begleiteten Iron African aus Schweden, die Alkoholiks aus den USA oder Blak Twank aus Großbritannien bei ihren Tourneen durch Europa. Auftritte bei dem Hip Hop Kemp oder dem Summer Jam Rumänien sprechen für sich. Immer im Gepäck ist DJ Phast, auch bekannt als Phillip Lang, Betreiber des T1 Studios in Fürth. Er steuert ebenfalls seine Beats dazu, sorgt für den richtigen Mix im Studio und ist als DJ das Rückgrat der NATO Live Show.

Raprente? Daran ist noch gar nicht zu denken. Hip Hop hält jung! D.Phunk hat mit dem „Variety Pack“ dieses Jahr sein erstes Solo-Release an den Mann gebracht. Im letzten Jahr erschien mit „Rush to the rescue“ die erste Solo-EP von Mad Rush, auf die nun „A Rush of Liberation“ folgen wird. Gerade war er noch mit Talib Kweli (USA) auf Deutschland-Tour. Man darf also gespannt sein, was als Nächstes kommt. Wer Lust bekommen hat, mal bei NATO reinzuhören, der findet alle Releases bei Amazon und Itunes zum Download. Die physischen Tonträger sind komplett ausverkauft. The Notorious BIG rappte einst: „If you don´t know, now you know!“ In diesem Sinne: Seid bereit für die nächste Lektion in Sachen Hip Hop aus Basti Lohmaier der Region.

Fotos: Band

Wirft man einen genaueren Blick auf, beziehungsweise, in diese Veröffentlichungen, fangen vor allem Szenekenner zu staunen und schwärmen an. Die meist von ihrem Umfeld reflektierten, ehrlichen und bodenständigen Texte tragen die beiden akzentfrei auf Beats von absoluten Genre-Größen vor: Da wäre DJ Smoove, der Instrumentals zum letzten Kool Savas Album „Aura“ und dem „Xavas“ Projekt, zusammen mit Xavier Naidoo, beitrug. Crada, der mittlerweile in Amerika für Schwergewichte wie Drake und Alicia Keys produziert. Jr & PH7 oder die SnowGoons, die weltweit bekannt für ihre astreinen Produktionen für den Underground oder für gestandene Legenden des amerikanischen Rapzirkus sind. Wie kommen derart aussagekräftige Kollaborationen zustande? Die Antwort ist recht simpel: Da man sich schon seit Jahren kennt und sich immer wieder auf Jams und Konzerten begegnete, entstand ein enges Netzwerk, das bis heute hält. D. Phunk und Mad Rush verkörpern authentischen HipHop ohne Gimmicks und Kompromisse. Und das wissen die Leute zu schätzen.

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STORIES // DEFY THE LAWS OF TRADITION

WAS LANGE WÄHRT...

Foto: Sebastian Hopf

Die Entstehung ihres zweiten Albums hielt die Jungs von Defy The Laws Of Tradition etwa vier Jahre auf Trab. Warum es so lange gedauert hat und wie sie selbst das Ergebnis bewerten, lest Ihr hier! uf wenige Alben aus der Region hat man so sehr gewartet wie auf die neue Scheibe von Defy The Laws Of Tradition. Schon mit ihrem Erstling „Till Death Us Part“ (2009) bewiesen die Fünf, dass sie erstklassige Songs schreiben können. Auch live rockten sie seither erfolgreich die Clubs in Franken und konnten schon mit absoluten Schwergewichten der Branche wie Soulfly oder jüngst Killswitch Engage die Bühne teilen.

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Die neue Scheibe "Game Changer" soll den nächsten Schritt für die Band bedeuten. Da reden sie auch gar nicht drum herum. Auf den Albumtitel angesprochen, hört man Aussagen wie: "Wir wollen mit diesem Album das Spiel verändern, die Messlatte noch etwas höher legen." Ist der Grund für die relativ lange Spanne zwischen "Game Changer" und der letzten Platte also auf den Perfektionismus zurückzuführen? Zum Teil schon,


DEFY THE LAWS OF TRADITION // STORIES denn Defy The Laws Of Tradition haben gab es im Lauf der Produktion ebenden Luxus, das Meiste selbst im heimi- falls die eine oder andere Veränderung. schen Studio aufnehmen zu können. Das Songwriting sei davon aber weitDas birgt natürlich auch Risiken, so Phil: gehend unberührt gewesen, meint Phil, "Man findet immer eine Ausrede, warum denn die meisten Lieder sind schon eine ganze Weile fertig. Die das, was man gerade neuen Mitglieder an Giaufgenommen hat, tarre und Bass haben nicht gut ist und als sich allerdings im DeNicht-Profi ist man "Ich würde nicht tail eingebracht und für viel stärker von seiner sagen, dass wir Feinschliff und eine perTagesform abhängig. ein Pussy-Album Ich würde nicht empabgeliefert haben." sönliche Note gesorgt. fehlen so aufzunehEntscheidend ist am men wie wir." Ende des Tages ohneZwar waren die hin die Substanz der Songs und da überSongs schon vor zwei Jahren im Gro- zeugen die Fünf auf ganzer Linie. Es gibt ßen und Ganzen fertig komponiert und nicht viele Alben, die auf einem derart die Schlagzeugparts wurden vor ebenso hohen Level so viele Ideen und verschielanger Zeit in Prag aufgenommen, aber dene Stile wirklich schlüssig verbinden. alle anderen Instrumente und nicht zu- Die Grenzen zwischen Metal, Rock, Rap letzt der Gesang fanden dann zuhause und sogar Country verschwimmen. Als den Weg auf's Band. Es fehlt der Druck, Hörer wird man permanent gefordert die teure Studiozeit doch möglichst ef- und umschmeichelt. Zu keinem Zeitfizient zu nutzen und so verzettelt man punkt kommt Langeweile auf, immer sich manchmal in kleinen Details. entdeckt man neue kleine Details: wirklich großes Kino! Menschlein, wechsel Dich! Auffällig auch das hohe, technische Auch DTLOT sind nicht gegen Personal- Niveau, auf dem hier alle Musiker agiefluktuation immun und an dieser Front ren. Die Jungs verstehen ihr Handwerk

Fotos: Svetlana Degtareva

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STORIES // DEFY THE LAWS OF TRADITION sehr gut, was sie angenehm "Man findet immer aus der Maseine Ausrede, warum se der Durchdas, was man gerade schnitts-Regioaufgenommen hat, nalbands hebt. nicht gut ist" Jedes Gitarrensolo ist stilvoll, der Drummer baut hier und da kleine, aber feine Fills ein. Wo nötig, blubbert ein schöner Basslauf aus den Boxen. Ganz allgemein strotzt das Songwriting vor Finesse und Detailverliebtheit. Da versteht man plötzlich, warum Akribie und Perfektionismus zwei ständige Besucher im Proberaum sind.

Große Klappe, viel dahinter! Auch textlich liefert die Band hier erstklassige Arbeit und verliert sich zu keinem Zeitpunkt in der Belanglosigkeit. "Game Changer" ist zwar kein klassisches Konzeptalbum, beinhaltet aber am Ende drei (inhaltlich) zusammenhängende Stücke und auch sonst zieht sich durchaus ein roter Faden durch die insgesamt zwölf Tracks. Typisch für die Jungs ist aber auch immer ein schelmisches Augenzwinkern. Sowohl bei Live-Shows, wo

viel gewitzelt und mit dem Publikum kommuniziert wird, als auch textlich im Song "Live and let Nerd" zum Beispiel, eine Ode an den riesigen Plasmafernseher und den damit verbundenen Freuden. Phil dazu: "Es gibt keinen Grund sich zu verstellen, wem wollen wir denn etwas vormachen?" Authentisch sind sie also auch noch.

Party on, Wayne! Das Licht der Welt erblickte "Game Changer" am 19.10.2013 im Rahmen einer Pull-the-Trigger-Veranstaltung im prall gefüllten Hirsch. Es herrschte großartige Stimmung, dank einer prima aufgelegten Band, die sich den Allerwertesten wund spielte und beinahe alle neuen und viele alte Songs zum Besten gab. Am Ende des Abends gab es einen ziemlich leergekauften Merch-Tisch, viele zufriedene und erleichterte Gesichter und schmerzende Nackenmuskeln. Genau richtig also! Auf dass es so weitergeht und Defy The Laws Of Tradition die angepeilten nächsten Schritte machen und Nürnberg überregional und vielleicht auch international würdig Dave Mola vertreten mögen!

Foto: Band

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partizipation von jugendlichen

kein Schuster „Du brauchst , zu sein, “ h u h c S in e das s d

um zu wissen dr ück t

Weber) (frei nach Max

cash ? uchst das Geld ra b d n u g n ju Du bist nst Jahren und pla 1 2 d n u 4 1 n e Bist zwisch

u t f ür g s a d , t k e j o ein Pr re ist? dich und ande 00.- € 4 mst du bis zu Bei uns bekom .de/laut cash laut-nuernberg ntrag! Stell deinen A


STORIES // NICK & JUNE

DIE KRAFT DER ZWEI HERZEN Nick & June touren als gemischtes Singer-SongwriterDoppel durch die Lande und haben allerlei launig-melancholisches Liedgut, Mandolinen und Alltagsweisheiten im Gepäck! eitdem Mrs. Greenbird 2012 sensationell die dritte Staffel von X Factor gewinnen konnten, sind Folk-Pop-Duos im Mainstream angekommen. Sehr reduzierte Instrumentierung, zwei einzigartige Stimmen, ein bisschen Herzschmerz und Schwermütigkeit, voilá! Man wäre geneigt, Nick & June in diese Schublade zu stecken und ihnen vielleicht Trittbrettfahrerei vorzuwerfen. Haut aber nicht hin, denn das Duo ist schon seit 2011 auf dieser Schiene aktiv und spielt nicht im Rampenlicht moderner TV-Studios, sondern extrem fleißig in Clubs, auf Festivals und auch völlig ungeniert in Fußgängerzonen. Das passt! Kein Schickimicki, keine Bravo-Stories. Einfach nur ehrliche und geerdete Musik. Von Menschen, über Menschen und vor allem für Menschen.

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Mal mehr, mal weniger

Foto: Duncan Smith

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In freier Wildbahn meist als Zweiergespann unterwegs, schleichen sich auf ihr Debüt-Album "flavor & sin" auch einige Stücke in voller Bandbesetzung ein


und sorgen für angenehme Abwechslung. Musikalisch kunterbunt untermalt, fassen Nick & June Gedanken in Worte, wollen gar keine großen Geschichten erzählen. Melancholisch, fröhlich, etwas verpeilt oder einfach mal etwas für die gute Laune. Vielfältig wie eine Pralinenschachtel präsentieren sich die insgesamt elf Songs auf der Scheibe. Von Großstadt und Polaroid-Charme sprechen sie, wenn sie ihre Musik beschreiben sollen. Eine Schnittmenge aus Pop und Folk, ein bisschen intellektuell, dann wieder kindlich verspielt, mit Mandoline und Surfbrett unterwegs zum Strand. Das wirkt schräg, kommt aber authentisch und verträumt rüber. Man wähnt sich beim Hören auf einer Zugreise und starrt permanent gedankenverloren aus dem Fenster.

Staatlich geförderte Kunst Nicht umsonst nennen Nick & June als Vorbilder und Inspiration große Songwriter wie Damien Rice oder Bob

Dylan. Mit wenigen Mitteln viel Eindruck machen und schöne Momente einfangen und erzeugen, das können sie schon wie die Großen! Neben den üblichen Instrumenten, wie Akustikgitarre und Mundharmonika, verwendet das Duo gerne auch mal ein Banjo, eine Mandoline oder ein Glockenspiel, was den Songs eine gewisse Eigenständigkeit verpasst. Offenbar so überzeugend, dass die beiden ins Förderprogramm der "Initiative Musik" aufgenommen wurden, eine Fördereinrichtung der Bundesregierung für die Musikwirtschaft in Deutschland. Respekt! Alle, die also ein offenes Ohr für die ruhigen Töne haben und ein großes Herz für die kleinen Weisheiten des Alltags, sollten sich Nick & June unbedingt mal live zu Gemüte führen. Oder natürlich ihr Album "flavor & sin" hören. Es wird Euch auf imaginären Reisen als großer Koffer voller KostDave Mola barkeiten begleiten!

Foto: Christian Zepter

NICK & JUNE // STORIES

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STORIES // LINDA AND THE SMALL GIANTS

MUSIK ALS THERAPIE Es war ein Experiment. Ganz ohne Band schrieb Linda Rum 13 Songs. Sie suchte sich ihre Musiker und ging mit einem zusammengewürfelten Haufen namens Linda And The Small Giants ins Studio. Nur ein Jahr später erschien das Album „Dear Amnesia“.

mso erstaunlicher ist es, dass alles mit einer Trennung begann: Linda hatte mit ihrer Band Punch & Nerves Album und Label und viel Lob eingeheimst. Dann zerbrach alles. Aus persönlichen Gründen, auf die Linda nicht näher eingehen will. Dass die Situation nicht einfach für sie war, wird beim Anhören von „Dear Amnesia“ klar. Es geht darum zu vergessen, den Schmerz hinter sich zu lassen und von vorne zu beginnen: „Es war schwer, neu anzufangen. Sehr schwer, die Trennung hinter mir zu lassen. Und allein mit der Musik ist es mir gelungen, das alles zu verarbeiten. Das scheint von außen vielleicht anders zu sein, eben weil alles so schnell ging

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und dann gleich die Platte kam. Aber es war nicht leicht.“ Eine paradoxe Situation also. Einerseits war da die Schwierigkeit, wieder aufzustehen. Andererseits diente die Musik als Therapie, um überhaupt mit der Situation klarzukommen. Und so trägt das Album eine ganz persönliche Note. In Texte verworren, in Melodien ausgedrückt und Arrangements verschachtelt, kehrt Linda ihr Innerstes nach außen.

Das Kinderzimmer als Aufnahmestudio Das, was LATSG künstlerisch präsentieren, ist ein großes Stück Intimität. Bei Live-Auftritten ist sie spürbar durch Lindas sympathische Nervosität und


LINDA AND THE SMALL GIANTS // STORIES Fotos: Band

Foto: Christos Bertsos

durch ihre Art, sich ganz in den Moment hinein zu steigern. Auf dem Album ist ein anderer Kniff notwendig: Der Aufnahmeprozess ist kein rein technischer Vorgang, sondern die Destillation von Gefühl. Und so ist das Studio auch mehr als nur ein Aufnahmeort. „Es war mir so wichtig, kein Midikeyboard zu haben. Ich wollte das unbedingt bei mir zuhause in meinem Kinderzimmer auf meinem eigenen Klavier einspielen.“ Es hat etwas Poetisches, wenn Linda ihre in Musik ausgedrückten Gefühle an dem Ort, der wie kaum ein anderer für Behütung steht, festhält. Der Gesang wurde in des Nachbars Kabine von Produzent László (The Great Bertholinis' Saxophonist) aufgenommen, LOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

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STORIES // LINDA AND THE SMALL GIANTS

die Streicher im MUZ-Studio, Bass und Drums schließlich bei Ghost City Records. Denn auch Drummer Christian hat seine Vorlieben: „Ich wollte meine Drumspur g'scheit aufnehmen. Und beim Jan ist das gegeben. Die haben einen schönen Raum und schönes Equipment.“ Vielleicht konnte er so seine nicht ganz einfache Rolle etwas ausgleichen: er spielte als Letzter ein. Diese unorthodoxe Aufnahmereihenfolge ist der Entstehung des Albums geschuldet. Denn Linda schrieb die Songs alleine für sich. Erst nach und nach suchte sie sich ihre Band zusammen. Drummer Christian kam erst durch László in die Band. Da standen die Songs längst. Gleichzeitig spiegelt der Aufnahmeprozess das Album wieder: Er ist rückwärts-

Straßenmusik in Glasgow Linda und ihre zwei kleinen Streichergiganten gingen im Oktober einfach mal für eine Woche nach Glasgow um ein paar Konzerte zu spielen – ohne klaren Plan. Heraus kamen ein paar Openmic Nights, ein Konzert im Tron Theatre und diverse Straßenauftritte. „Wären am liebsten gleich dort geblieben“, sagt Linda. Auch in die Highlands gings, wo das Trio für immerhin einen Zuschauer und die ansonsten atemberaubende Natur spielte und ein Video drehte. Mit etwas Mut kommt man so an eine Auslandstour ;-).

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gewandt. Während der Gesang oft die letzte Spur ist, dem Song Charakter gibt, steht hier das Schlagzeug zum Schluss und muss zurückblicken. Vielleicht wirkt Christians Spiel gerade deswegen so beschwingt, fast melodiös. In Lindas Texten aber geht es gerade nicht um den Blick zurück, sondern um zu vergessen.

Vom Soloprojekt zur Band Rein technisch ist die Band nicht mit allem zufrieden. Es gibt zarte Ungenauigkeiten, die eine oder andere Stelle hätte man intensiver ausarbeiten können. Gerade den beiden Streicherinnen Franziska und Doro fehlte dazu aber schlicht die Zeit. Dennoch ist die Band mit dem Album glücklich: „Ich bin zufrieden, weil ich nie gedacht hätte, dass ich das überhaupt schaffe: Ein ganzes Album zu schreiben, Musiker finden, Streicher in meine Band zu holen und das alles dann umzusetzen.“ Und für die Band? Ist es eine gute Möglichkeit, sich kennenzulernen. Man befände sich ohnehin noch im Findungsprozess, sagt Drummer Christian: „Ich meine, die Band gibt’s ja erst seit einem halben Jahr.“ Ein halbes Jahr. Unfassbar. Und schnell geht es weiter. Die nächsten Songs sind bereits am Entstehen. Alles wird anders, die Band ist von Anfang an dabei. Und so gebührt das Schlusswort Christian, stellvertretend für die Band: „Das wird ein Band-Ding. Unser Basser Michi und Linda haben viele Ideen, die Streicher können was Eigenes entwickeln, dann habe ich Ideen … bei den neuen Songs sind alle dabei, alle kennen die Songs richtig.“ Für LATSG bleibt zu hoffen, dass es nicht wieder aus Therapiegründen geschrieben Jary Dittmann wird.


REDAKTIONSVORSTELLUNG

DIE REDAKTION OLI BARTH-JURCA: Chefredakteurin Print Album der Ausgabe: Hyrax - Over The Edge Drei Platten für die Ewigkeit: System Of A Down - Toxicity // Green Day - Dookie // Skindred – Roots Rock Riot

ANDI DITTMANN: Chefredakteur Online Album der Ausgabe: The Elephant Circus - Fly, Sweet Bird, Fly Drei Platten für die Ewigkeit: Thrice - Vheissu // Dan Mangan - Nice, Nice, Very Nice // Manchester Orchestra - Mean Everything To Nothing

JARY DITTMANN: Webmaster, Redakteur Album der Ausgabe: Avertine - The Ravages of Time Drei Platten für die Ewigkeit: Johnny Cash - American Recordings // Queens of the Stone Age - Songs For The Deaf // Flobots - Fight With Tools

NICKI WEBER: Layouterin Album der Ausgabe: Defy The Laws Of Tradition - Game Changer Drei Platten für die Ewigkeit: The Beatles - Rubber Soul // Queen - A Kind of Magic // Haken - The Mountain

DAVE MOLA: Layouter, Redakteur Album der Ausgabe: Defy The Laws Of Tradition - Game Changer Drei Platten für die Ewigkeit: Pink Floyd - Animals // Opeth - Deliverance // Dream Theater - Images & Words

JONAS PICKEL: Redakteur Album der Ausgabe: Obelyskkh - Hymn To Pan Drei Platten für die Ewigkeit: Deftones - White Pony // Down - NOLA // Kyuss - Welcome To Sky Valley

BASTI LOHMAIER: Redakteur Album der Ausgabe: Mark Daniels - 1000 Farben Drei Platten für die Ewigkeit: Wu-Tang Clan – 36 Chambers // The Cool Kids – The Bake Sale // Cypress Hill – Black Sunday

CHRISTOS BERTSOS: Fotograf Album der Ausgabe: Hyrax - Over The Edge Drei Platten für die Ewigkeit: Arctic Monkeys - Whatever People Say I Am, That's What I'm Not // Hot Water Music - Exister // Disturbed - Ten Thousand Fists LOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

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REZIS AVERTINE // The Ravages Of Time (Eigenvertrieb // 2013) Die EP „The Ravages Of Time“ ballert den Hörer in nicht einmal 20 Minuten Laufzeit mit sechs Songs zu. Melodielinien werden zerstört, brutal zerstückelte Songfetzen harmonisch aufgelöst. Es gibt derbe Downbreaks und dissonantes Geklimper. Marius aggressiver Gesang bewegt sich trotz sanfter Melodielinien hart an der Grenze zur Unverständlichkeit, was nach den dreckigeren Fucked Up klingt. Gitarrist Jens dagegen singt clean in relativ hoher Tonlage, vergleichbar mit den weitaus poppigeren Rise Against. Immer wieder spendieren Avertine auflockernde Elemente wie das Western-Intro bei „Like Romans“ oder den grandiosen Hooligan-Pub-Chor bei „Never Resting“. „The Ravages Of Time“ ist eine sehr gute Platte. Schön, dass sich Avertine zurückgehalten und nicht versucht haben, alles, was sie in den vergangenen vier Jahren produziert hatten, unterzubringen. Zwar ist das Vergnügen schnell vorbei, aber es ist sehr intensiv. Zur vollen Punktzahl fehlt es vor allem beim Arrangement an zündenden Ideen. JD WERTUNG:

DEAR GRANDMA // Licht (Erikas Laden Musik // 2013) „Die Welt sie dreht sich / ich merk es kaum / ich piss jetzt an den Lebensbaum“. Mit einer großen Portion Trotz und mit Fuck-you-Attitüde rotzen sich die drei Jungs und ihre Schlagzeugerin durch ihr ehrliches Debütalbum und vermutlich auch ihr Leben. Von dem namensgebenden Licht ist selten was zu spüren. Auf der Platte regiert der Dreck. Angefangen vom Sound, der erfreulich unverbraucht nach Blechdose klingt, über die kaputten Gitarren bis hin zum Gesang. Alles passt gerade so eben und was nicht richtig sitzt, bleibt halt schief. Dabei ist es großartig, wie langsam Dear Grandma ihre Punk-Songs zwischen Muff Potter und Two Gallants spielen, wie lange sie sich Zeit lassen, um postrock-artige Instrumentals aufzubauen, nur um sie dann wieder kaputt zu keifen. Bestes Beispiel dafür: „Tribut An Dich“, dass fast sechs Minuten dauert und sich langsam und sanft steigert. Was Dear Grandma jetzt noch brauchen, ist Zeit, um an sich und dem Sound, der manchmal zu schrottig klingt, zu feilen. Zu viel Dreck verdeckt eben das Licht dahinter. AD WERTUNG: 42

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DEFY THE LAWS OF TRADITION // Game Changer (HT-Music // 2013) Die Jungs von DTLOT haben sich vier Jahre Zeit gelassen, um einen Nachfolger für ihr viel umjubeltes Album "Till Death Us Part" zu veröffentlichen. Unter dem Titel "Game Changer" geht die neue Scheibe an den Start und reichert den modernen Metal-Kern um geschmackvoll eingesetzte Zitate aus Rap, Jazz und sogar Country an. Mit allen Elementen jonglieren die Jungs mühelos und zaubern zwölf knackige Songs, die vor Spielfreude und Finesse nur so sprühen. Langweilig ist anders! Textlich beschreibt das Album - im Gegensatz zum Vorgänger - keine zusammenhängende Geschichte, einen inhaltlich roten Faden gibt es unterschwellig dennoch. Die letzten drei Songs des Albums sind als Trilogie angelegt und runden die Scheibe würdig ab. Hier feuern DTLOT nochmal aus allen Rohren und vereinen alle Aspekte, die für ihren Sound prägend sind, zu einem großen Stück - grandios! Die Produktion ist über alle Zweifel erhaben und wartet mit ordentlich Druck auf, ist aber auch transparent genug, um jedes Instrument und viele Details hörbar zu machen. Für mich persönlich das beste Album aus der Region – seit Jahren! DM WERTUNG: LOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

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REZIS THE ELEPHANT CIRCUS // Fly, Sweet Bird, Fly (Apocalyptic Productions // 2013) Das Elefanten-Orchester ist schon wieder Geschichte, der Zirkus bleibt. Die neue Platte steckt zwischen der EP des Orchesters, mit seinen Streichern und vertrackten Songstrukturen und dem eingängigen Vorgänger. Da treffen Americana, Pop, Folk und Weltmusik aufeinander, nehmen sich tröstend in die Arme, tanzen vergnügt umeinander, klopfen sich freundschaftlich auf die Schultern oder blicken gemeinsam aufs Meer. So melancholisch, wie man Uli Tsitsos sonst kennt, wirkt die neue Platte erstaunlich selten. „On A Sunny Day“ klingt auch so, mit seinen aufgeweckten Violinen- und Klaviermelodien wie ein sonniger Tag. „Dream Like Love“ hüpft herum wie die schnellen Herzschläge beim ersten Kuss. Auf „Fly, Sweet Bird, Fly“ tummeln sich jede Menge Gäste: Banjo, Saxophon, Akkordeon, Cello und und und. Gut, dass sie alle notiert wurden, denn auf CD fügt sich alles so wunderbar in das Gesamtbild ein, dass es gar nicht groß aus dem Rahmen fällt, wenn in „Croatia“ plötzlich Flöten mitspielen. Insgesamt ist es das stimmigste und schönste Album, was Uli und Mitstreiter bisher ablieferten. AD WERTUNG:

HYRAX // Over The Edge (Recent Records // 2013) Was sie anpacken, das machen sie durchdacht, auf den Punkt und einfach gut. Mögen muss das Produkt trotzdem nicht jeder, denn Hyrax bewegen sich auf einem schmalen Grad zwischen professionell und kommerziell. Wenn man sich jedoch erst einmal daran gewöhnt hat, dass man vor lauter Produktion von fünf Sängern angesungen wird, sobald Felix den Mund aufmacht, dann kann man sich zurücklehnen und die Show genießen. Streckenweiße fühlt man sich bei „Over The Edge“ an Rob Zombie oder Sepultura mit einer Portion Ironie erinnert, allerdings versprechen einige Songs in den ersten Takten etwas, das sie dann nicht halten können. Titel wie „Desire“ (Video unbedingt ansehen!), „This Place“ oder „Soaking“ machen aber einfach unheimlich viel Spaß und selbst der Ungeübteste wird sie schnell mitsingen können. „Over The Egde“ ist wohl eines der hochwertigsten Produkte, die die Region in den letzten Monaten hervorgebracht hat und eigentlich warten wir ja nur darauf, dass wir Hyrax demnächst einmal beim Raab auf der Couch sehen. OBJ WERTUNG: 44

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REZIS LINDA AND THE SMALL GIANTS // Dear Amnesia (Beste! Unterhaltung // 2013) Linda And The Small Giants spielen folkige Pop-Songs, arrangiert mit Streichern, Piano und etwas Elektro. Das Schlagzeug ist mehr Melodieinstrument, Lindas Stimme fast immer gewaltig und treffend, die Streicher verleihen den Songs Raffinesse und Tiefe. Die Band besitzt zwei Stärken: Eine ehrliche, berührende Emotionalität sowie packende Leidenschaft und Intensität. Ersteres ist das Herz der Platte. Sängerin Linda scheint die Texte selbst zu brauchen, um zu verstehen, was da in ihr vorgeht. Das ist so ehrlich und ausführlich, wie es eben sein muss. Etwa, wenn die komplette Textzeile des einminütigen Openers schlicht „I am searching for this love, that stays in my life“ lautet. Die Intensität allerdings ist das Herz der Liveshows und findet leider nicht den Weg auf das Album. Trotz aller großartigen Ideen, die zweifelsohne in den Songs stecken. Und so plätschert die Platte etwas dahin. Der Betrachter/ Zuhörer verliert sich. Das ist zwar angenehm, aber etwas mehr Dynamik und Dramatik hätte auch der Platte gut getan. JD WERTUNG:

MY INNER KINGDOM // One Last Look At Life (Eigenvertrieb // 2013) MIK liefern mit ihrem Debüt „One Last Look At Life“ ein 11 Songs umfassendes Album ab. Der Opener „Caged in Darkness“ vermittelt schon ganz gut, wohin die Reise gehen wird. Auf Nachzügler wird nicht gewartet, der Metalexpress ist gestartet. Die beiden Vokalisten geben von Anfang an alles - vor meinem geistigen Auge schreien sich ein Gorilla und ein Totenkopfäffchen gegenseitig an. Bei „A Tethered Soul“ geht es ähnlich weiter. Unterbrochen wird das Ganze von glockenklarem Gesang, wie er in keinem Metalcore Song fehlen darf. schnell kommt mir der Gedanke „kenn ick, hattn wa schon“, also weiter. „Paperwings“ überzeugt mit einem clean en Gitarrenintro und ruhigem aber dennoch kraftvollen Gesang. Technisch sind die Songs ohne erkennbare Mängel, Plakette wird erteilt. Lediglich das Schlagzeug klingt irgendwie leblos und fast schon zu perfekt – aber das gehört wohl so. Wer sich für Bands wie As I Lay Dying, Parkway Drive oder Caliban begeistern kann, darf hier gerne zugreifen. Absolut solide dargebracht, aber eben wenig überraschend. JP WERTUNG: LOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

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REZIS NICK & JUNE // Flavor & Sin (Bullet Records/Soulfood // 2013) Das Duo Nick & June fabriziert wundervolle melancholische Musik irgendwo zwischen Pop und Folk. Die Songs auf ihrem Debütalbum „Flavor & Sin“ sind bewusst spärlich untermalt und wirken zerbrechlich, meist getragen von Nicks ausdrucksstarkem Gesang. Junes Stimme steht insgesamt etwas im Hintergrund, ihrem männlichen Gegenüber ansonsten aber in nichts nach und dürfte in Zukunft gerne öfter in den Vordergrund rücken. Auf manchen Stücken wird das Duo von einer Band begleitet, dann gesellen sich Schlagzeug und Keyboard in den Mix, ein Bass sorgt für den richtigen Drive. Diese Nummern in Vollbesetzung verleihen der Platte eine besondere Würze und sorgen für willkommene Abwechslung. „Flavor & Sin“ ist sauber produziert, die Stimmen dominieren für meinen Geschmack etwas sehr. Andererseits sind sie auch das schlagende Argument, alles gut also. Feine Musik, die bisweilen etwas zu verträumt daherkommt und den Hörer manchmal abschweifen lässt. Freunde der leiseren Klänge finden hier aber eine wunderbare Perle. Insgesamt ein klarer Kauftipp! DM WERTUNG:


REZIS OBELYSKKH // Hymn To Pan (Exile On Mainstream // 2013) Das dritte Album der fränkischen Psychedelic/Doom/ Stoner-Götter erschien im September 2013 auf Exile on Mainstream Records. Der Opener „Hymn to Pan“ beginnt mit sanftem Vogelgezwitscher und einem ruhigen Gitarrenintro, um nach zwei Minuten zu einem treibenden, hypnotischen Gitarrengewitter auszubrechen. „The Man Within“ hört sich an wie ein Koloss, der eine Kleinstadt in Schutt und Asche legt und ist mit knapp über sieben Minuten der Kürzeste der Platte. Schon der Einstieg bei „Horse“Ein Sample aus dem Kultfilm „The Warriors“ - zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht. Dieser Track ist die pure Zerstörung und kann gar nicht laut genug gehört werden! Den absoluten Killer stellt das Finale mit dem 23-minütigen „Revelation The Will To Nothingness“ dar. Der gelungene Spannungsbogen und die Mischung aus psychedelisch-hypnotischer Monotonie und brutaler Zerstörung machen den besonderen Reiz aus. JP WERTUNG:

THE ROSE & CROWN // Golden Letter (Eigenvertrieb // 2013) Aus einem Akustikprojekt entstand mehr oder weniger zufällig die Band The Rose & Crown. Das Trio liefert auf ihrer Debütscheibe „Golden Letter“ jazzigen Akustik-Pop zwischen Katie Melua und den frühen Maroon 5. Etwas beliebig plätschert die Platte vor sich hin, zu zaghaft und brav sind die Arrangements. Dabei ist das Konzept kein schlechtes: Zwei großartige Stimmen, ein Piano, das die Songs trägt, formt, antreibt und ein sehr verspieltes Schlagzeug. Das ist sauber aufgenommen mit einem Sound, der perfekt zum Genre passt. Mir ist das allerdings zu glatt und erinnert mich an Salon-Musiker in Grand Hotels. Gut wird’s dann, wenn die Drei mal anziehen, wenn sie sich von den klassischen Vorgaben lösen, wenn dem Klavier Platz gelassen wird oder das Schlagzeug auch mal schnurgerade nach vorne treiben darf. Etwa bei „Scary Nightmare“, dem modernsten Song der Platte oder der rockigen Ballade „Blood On The Keys“. Zu viele Songs sind leider Füllmaterial. Kann man schon ganz gut zuhören – muss man aber nicht unbedingt. JD WERTUNG: LOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

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STUFF // GHOST CITY RECORDINGS

TONSTUDIO MIT WOHLFÜHL-FAKTOR Der Übergang zwischen Musiker-WG und professionellem Tonstudio ist bei Ghost City Recordings fließend und das ist auch durchaus so gewollt. an muss schon irgendwie krass drauf sein, oder eben sehr von sich überzeugt, wenn man mit 19 Jahren zu den Eltern geht und sagt: „Mama, ich mache mein eigenes Tonstudio auf!“ Und wovon wir hier reden, ist nicht etwa eines dieser selbst zusammen gezimmerten „Studios“ im ehemaligen Kinderzimmer mit Eierkartons als Dämmung und Mikros, die mal unter'm Weihnachtsbaum lagen. Nein, was sich Jan Kerscher und Alex Adelhardt mit Ghost City Recordings aufgebaut haben, ist wirklich ein Glanzstück in der Region und sowohl von der Einrichtung als auch vom technischen Standpunkt aus betrachtet auf modernstem Niveau. Wenn man sich in den heiligen Hallen so umsieht, kommt man sich eher vor wie in einer stylischen Musiker-WG. Am Küchentisch sitzt einer und trommelt auf der Platte herum, während ein anderer Kaffee kocht und ein Liedchen vor sich hin summt. In eben dieser familiären Atmosphäre wachsen die besten Ideen, wenn sich die Musiker einfach locker und fast wie im Urlaub fühlen. Auch der Standort (Rottenbach, 35 km von Nürnberg) zwischen Feld und Wiese ist bewusst gewählt, damit die Künstler äußere Einflüsse abschütteln und sich

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ganz auf ihre kreative Arbeit einlassen können. In den Schlafräumen reihen sich Stockbetten und Sofas nebeneinander, es wird zusammen musiziert und gelebt. Der Pluspunkt des Studios ist zweifelsohne eben dieser WohlfühlFaktor, der den beiden Betreibern auch sehr am Herzen liegt. „Wir sind eine Art Recording-WG, in der sich Leute offenbar wohl fühlen, denn irgendwer hängt immer bei uns rum“, sagt Jan, einer der beiden Chefs von GCR.

Nicht nur Herzblut, sondern auch viel Arsch in der Hose Begegnet sind sich Jan und Alex in der regionalen Bandszene. Jan hatte sich im Dachboden seiner Eltern sein erstes Studio aufgebaut und Alex werkelte bei einer Veranstaltungsfirma. Nach Studium und Ausbildung keimte die Idee immer mehr in den beiden und mit viel Arsch in der Hose haben sie im Oktober 2010 einen Kredit aufgenommen und das Tonstudio Ghost City Recordings gegründet. Dass man zu zweit arbeiten wollte, war von vorneherein klar: „Ich brauchte jemanden, auf den ich mich verlassen kann. Wenn ich mal einen schlechten Monat habe, dann hat halt Alex einen guten und so gleicht sich


das bislang immer wunderbar aus“, erzählt Jan. Er ist sich mittlerweile jedoch sicher, dass keiner von ihnen damals so richtig umrissen hatte, worauf sie sich da eigentlich eingelassen haben. Plötzlich mit 10.000er Beträgen zu hantieren und einen laufenden Betrieb zu managen, stellte sie als Gründer vor eine Herausforderung. Diese haben die beiden jedoch gemeistert, denn sie leben von ihrem Studio und haben mittlerweile sogar wieder Zeit für ein Privatleben mit eigenen musikalischen Projekten. Das Studio step by step aufzubauen kam für die Jungs nicht in Frage, denn sie wollten von Anfang an gleich voll in die Arbeit einsteigen. Man sollte nun meinen, dass die Nürnberger Musikszene genau auf ein solches Herzblut-Studio gewartet hat, doch die Realität sieht leider anders aus und die Jungs haben oftmals das Gefühl, die regionale Musikszene mehr zu supporten als die Szene sie. „Wir verdienen mit Nürnberg definitiv nicht unser Geld, sondern eher mit Bands, die von weiter weg oder sogar aus dem Ausland anreisen“, erzählt Alex.

Oft muss man Musikern ihre Musik von außen zeigen Wenn man sich die Bands und Projekte aussuchen kann, die man produziert, dann hat man wohl etwas richtig gemacht. „Wir machen alles, was uns Spaß macht und womit wir uns identifizieren können und ich will mich auch durch Geld nicht zu etwas anderem zwingen lassen“, sagt Alex. Würde auch nichts bringen, denn wenn ein kreativer Job keinen Spaß macht, dann wird auch das Ergebnis nichts. Aber wieviel Krea-

tivität steckt überhaupt in einem Tontechniker? Jan beantwortet das ganz einfach: „Ich denke, dass ich ein kreatives Übergewicht habe. Neue Dinge entstehen zwar auch durch technische Tricks, diese aber kommen nur dank eines kreativen Prozesses in Gang.“ Die Arbeit der beiden besteht eigentlich darin, den oftmals festgefahrenen und befangenen Musikern ihre eigene Musik einmal von außen zu zeigen und daran zu feilen. Wenn sich jemand diesem professionellen Urteil verwehrt, ist das nach ihrer Meinung nicht nur ziemlich dumm, sondern auch einfach zerstörerisch für das Ergebnis. Man sollte vielleicht als Musiker davon ausgehen, dass man nicht immer dieselbe Erfahrung im Recording mitbringt, wie die beiden. Mit den Bands, die sich in ihre Hände begeben und ihnen vertrauen, gehen die beiden auch sehr behutsam um. Es kommt schon mal vor, dass Alex Kerzen anzündet und den Sänger nur bekleidet mit Boxershorts einsingen lässt. „Manchmal merke ich, dass in den Musikern mehr steckt, als sie gegenwärtig präsentieren und dann versuche ich noch das letzte, versteckte bisschen Talent herauszukitzeln“, erzählt Alex. Für Jan hat die Arbeit mit befreundeten Musikern durchaus auch seinen Reiz: „Man ist sich einfach schon mal bei der Sprache und den Begrifflichkeiten einig und weiß genau, was das Gegenüber meint“. Ghost City Recordings steht nicht nur für viel Ehrgeiz, Know-how und Liebe zur Musik, sondern auch für das gute Gefühl, das Musik vermitteln soll. Im Übrigen ist jeder, der sich einmal umschauen oder mit den Jungs quatschen will, herzlich auf einen Kaffee Oli Barth-Jurca eingeladen.

www.facebook.com/ghostcityrecordings // Foto: PR

GHOST CITY RECORDINGS // STUFF

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ALTE SÄCKE // ROLF

AUS DER IDEE WURDE EINE INSTITUTION Rolf Falk ist wohl jedem, der etwas mit Musik in Nürnberg zu tun hat, als das liebevoll-fränkischgrimmige Gesicht der Luise bekannt. Lernt man den Luisen-Chef erst einmal kennen, merkt man schnell, dass sich da einer seit über 30 Jahren unermüdlich und auf Augenhöhe mit und für Jugendliche und die Kunst der Musik einsetzt. Er hat eine Sicht auf die sich ständig verändernde Welt und die Belange von jungen Menschen, wie man es sich von viel mehr (älteren) Menschen wünschen würde. Jeder Musiker oder Musikinteressierte in Nürnberg und der Umgebung kennt die Luise. Kannst du kurz mal umreißen, wie die Luise in ihrer heutigen Form entstanden ist? ROLF: Die Luise war eigentlich ein Zufallsprodukt, da das alte Luisen-Gebäude 1980 abgerissen werden sollte. Der Stadt fehlte das Geld, um das Gebäude neu aufzubauen und da wurden wir als Kreisjugendring (KJR) gefragt, ob wir uns um das Gebäude kümmern könnten. Zu dieser Zeit hat es, was Konzerte in einer gewissen Lautstärke rumente of tmals Inst Luise wurde rn ausgestellt. In der Alten lle te rs He von wie Gitarren

Rolf ist als das Gesicht der Luise wohl vielen bekannt. Auch scho n 1995.

anbelangt, in Nürnberg noch nichts gegeben. Fast zeitgleich mit dem Komm haben wir begonnen, dieses Gebäude als erste Infrastruktur für junge Musiker zu etablieren und haben so das erste „Rockhaus“ in Nürnberg gegründet. Dann wurde 1996 die neue Luise im neuen Haus in Betrieb genommen. Warum war das nötig und was war der größte Unterschied zur „alten“ Luise? ROLF: Die alte Luise ist zu 95% durch ehrenamtliches Engagement gelaufen. Ich war re e der de einzige hauptberufliche Kollege und der Rest Re e bestand aus vielen Musiker und Musikerinnen zwischen 16 und 18 Jahren, die in ke e ihrer Freizeit aus der „spinnerten“ Idee des ih h Rockhauses die heutige Luise mitbegründet R Ro haben. Was aber heute aus der Einrichtung ha a geworden ist, hätte ich damals nicht in den ge e kühnsten Träumen gedacht. Die Sache ist kü ü dann ein solcher Renner geworden, dass da da die di Stadtverwaltung gesehen hat, dass das, di was w die sogenannten „unaktiven Jugendlichen“ geleistet haben, verfolgt und geförch h


dert werden muss. 1996/97 haben wir die komplett neue Einrichtung bekommen. Ihr seid das ultimative Förderzentrum für junge Musiker. Warum war dir als Einrichtungsleiter der musikalische Aspekt immer so wichtig? ROLF: Wenn man ernstzunehmende Jugendarbeit betreibt, sollte man an den Interessenslagen der jungen Menschen ansetzen. 95% der Jugendlichen haben bei früheren Untersuchungen angegeben, dass Musik, egal ob aktiv oder passiv, für sie das Wichtigste in der Freizeitgestaltung ist – heute liegen wir immerhin noch bei 60/ 70%. Es wäre also fatal, dieses offenbar tragende Element nicht zu beachten. Die Einrichtung Luise mit ihren Fördermöglichkeiten, besonders im musikalischen Bereich, wie professionelle Bühnentechnik, günstige Proberäume und Aufnahmemöglichkeiten im hauseigenen Studio, Projekte und Workshops etc., sind nicht unbedingt selbstverständlich, wenn man so andere Jugendhäuser vergleicht. Wieso hat gerade Nürnberg eine solche „Luise“? ROLF: Die Stadt hat damals den Neubau mitfinanziert und beteiligte sich auch an den Betriebskosten. Damit lehnt man sich schon weit aus dem Fenster. Trotzdem war es zunächst einmal ein revolutionärer Gedanke des Kreisjugendrings, von der klassischen Jungendarbeit wegzugehen und ein Feld zu bedienen, welches nicht so ohne Weiteres in anderen Freizeitheimen bedient wurde. Wenn man es gut und professionell - nicht kommerziell, aber professionell machen will, braucht man eine sehr hochwertige Ausstattung an technischen Geräten. Wir wollten Musik, die handgemacht ist, egal ob auf Turntables oder auf der Klampfe gezupft, unterstützen. Jede Form von künstlerischer Tätigkeit formt zudem die Persönlichkeit und den Charakter von jungen Menschen. Dieses Element wird

Wo alles begann: Ein Kon zert in der „Alten Luise“ 1995 .

heutzutage h t t iin unserer Gesellschaft G ll h f t allzu ll oft ft ft vernachlässigt. Welchen Bezug hast du persönlich zu Musik? ROLF: Ich komme aus einer Familie, die man früher als „Arbeiterfamilie“ bezeichnet hätte und jegliche Freizeitgestaltung, die Geld gekostet hat, konnte von meinen Eltern nicht unterstützt werden. Nichtsdestotrotz bin ich in einer Generation groß geworden, also Ende der 60er, welche die unterschiedlichsten, gesellschaftlichen Werte in Frage gestellt hat und Musik eignet sich da hervorragend, um sich lautstark auszudrücken. Ich habe zwar nie aktiv Musik gemacht, war aber durch den Freundeskreis sehr in der Szene verwoben. Vielleicht eben deshalb, weil ich die Möglichkeiten nicht hatte, möchte ich jetzt vielen jungen Menschen ermöglichen, sich in dem Bereich zu verwirklichen oder es zumindest auszuprobieren. Die langen Haare verraten es vielleicht schon, aber aus welcher musikalischen Ecke kommst du eigentlich? ROLF: Ich glaube, ich habe im Laufe der Jahrzehnte mehrere Sozialisationen im Bereich der Musik mitgemacht. Angefangen von den Stones über The Who und Eric Burdon. Dann später eher die Hard- and Heavy-Fraktion, aber auch kompliziertes Zeug wie Billy Cobham und weiß der Teufel was noch alles...

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ALTE SÄCKE // ROLF LF

Luise“ 1995 noch Während in der „Alten die Bauarbeiten für Bands spielten, liefen auf Hochtouren. die Neue Luise bereits

JJe Jemand eman an nd wie wie e du u hat ha in ha i d de den en lletzten etz tzzten Ja Jahrahrr zehnten ja so gut wie alle musikalischen Jugendtrends mitgemacht. Was war für dich am unerträglichsten? ROLF: Ich sag mal, Gangster-Rap ist eine Kulturform, die meiner Meinung nach wenig Existenzberechtigung hat. Was ich schlimm finde, ist die Auseinandersetzung mit Musik, die ohne Hirn geschieht. Wie beispielsweise in manchen Formen von Rap, bei der

Wir designen alles, was das Musikerherz begehrt:

Flyer Plakate T-Shirts CDs, Booklets uvm. Mehr Infos gibt es auf www.sunflowermedia.de

es nur darum geht, jemanden in kürzester Zeit möglichst oft zu diffamieren. Das ist eine Form, die lehne ich kategorisch ab und versuche es auch dort, wo es in meinen Möglichkeiten steht, zu unterbinden. Ich will auch den Leuten klarmachen, dass es nicht der Sinn von Musik sein kann, einem anderen an den Karren zu pinkeln. Aber die Aussage „Früher war alles besser.“ ist auch Blödsinn. Es war nämlich früher nicht besser, sondern die Ausdrucksformen verändern sich einfach. Eigentlich auch gar nicht so stark, wie man eigentlich meinen sollte. Ansonsten gibt es immer mal Genres, die mir mehr oder weniger zusagen, aber es wäre nicht nur vermessen, sondern auch peinlich, wenn ich mich als Berufsjugendlicher sehen würde - ich gehe ja auch schon auf die 60 zu. Aber es ist auch nicht wichtig, ob mir alles gefällt. Ich habe die infrastrukturelle Möglichkeit, die jungen Leute auf die Bühne zu bringen und die Ideen bringen sie ohnehin von selber. Wie hat sich der Musikkonsum der Jugendlichen in den letzten Jahren verändert?


ROLF // ALTE SÄCKE ROLF: Ich glaube, es ist oberflächlicher geworden. Musik ist nicht mehr unbedingt das, was es Ende der 80er war, wo man Inhalte transportieren und die Gesellschaft verändern wollte. Ich glaube, diese gesellschaftliche Auseinandersetzung ist bei vielen auf der Strecke geblieben. Bei der Mainstream-Musikindustrie geht es wohl oftmals darum, schnell viel gleichklingenden Matsch zu erzeugen, der Profit bringen soll. Diese Musik ist dann nur deswegen hip, weil man es so oft durch's Radio ins Ohr gedroschen bekommt, dass man selbst 'nen Song mitpfeift, der einem eigentlich auf die Nerven geht. Musik sollte eigentlich eine Auseinandersetzung mit sich und seiner Gefühlswelt und seiner Denke sein und das vermisse ich bei vielen. Es gab Zeiten, da hatte man entweder 'nen Iro und war Punk oder lange Haare und war Metaler. Heute entsteht der Eindruck, dass die Identifikation mit einer Szene schnelllebiger ist. ROLF: Ich kann das natürlich nicht belegen, aber meine Einschätzung geht auch in die Richtung. Ich maße mir nicht an, zu sagen, wie tief die Zugehörigkeit von einem Jugendlichen zu einer bestimmten Szene geht, aber ich denke, es gab in letzter Zeit einige Modeerscheinungen, die schnell kamen und auch schnell wieder gingen und sich dann teilweise sogar ins Gegenteil umkehrten. Diese Schubladen mit „Metaler“ und so weiter haben sich meines Erachtens nach dahingehend geändert, dass die bestimmte Lebensform heute vom „Wochenend-Punk“ abgelöst wird. Unter der Woche rennt er im Anzug durch die Bank und am Wochenende steckt er sich den Klips ins Ohr. Da gibt es eine große Diskrepanz zwischen dem, was ich versuche in meiner Freizeit zu verkörpern und dem, was ich gesellschaftlich bedingt an Realität wahrnehmen muss. Vielleicht ist auch die Gesellschaft intoleranter geworden.

Was ist für dich das Nervigste an deinem Job? ROLF: Es ist natürlich schon nervig, wenn sich die sehr jungen Leute, also zwischen 12 und 16, unterschiedlichsten Gefahren, wie Alkohol aussetzen. Dadurch machen sie sich angreifbar. Ich will junge Menschen als gleichwertige Partner wahrnehmen, wenn man sie jedoch auf den „rechten Weg“ zurückbringen muss und reglementieren muss, dann wird es schon nervig. Was ist das Coolste an deinem Job? ROLF: Das Schönste ist, dass ich seit vielen Jahren täglich immer wieder mit unterschiedlichsten Menschen der verschiedensten Strömungen zu tun habe. Die Bedürfnislage ist aber immer die selbe geblieben: Junge Menschen wollen sich treffen und anerkannt werden. Ich glaube, es hält jung, wenn man sich mit den Problemen, aber auch Wünschen von ihnen auseinandersetzt und daraus schöpfe ich auch immer wieder Hoffnung. Idioten wird es immer geben, aber die gab es früher auch schon. Eben wegen der stetigen Veränderungen gibt es ja - damals wie heute - immer wieder gute Ideen. Die Gesellschaft sollte sie nur hin und wieder besser

Der Abriss der alten Räu mlichkeiten. (1995)

LOCAL LOC L CAL L CALLING CA CA AL LL LIN ING /// AUSGABE ING AU A USG SGABE BE 4 // // 112/2013 2/2 /2013 /20 3

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ALTE SÄCKE // ROLF

Abschiedsfest Rolf Falk beim 1996. der Alten Luise

wa wahrn wah ahrn rne rnehme rneh n h hmen auc a h w enn ssie ie schr sschriller chr ch h ill ller ll e ode er oder wahrnehmen, auch wenn lauter zu sein scheinen. Es gab viele Veränderungen in der Luise in den letzten paar Jahren. Jutta und Ulla sind z.B. weg. Was hält dich seit all den Jahren in der Einrichtung? ROLF: Der Gedanke, ob es nach 20, 30 Jahren eventuell einmal den Endpunkt geben muss, ist zwischenzeitlich immer mal da gewesen. Ich habe auch einmal ein zweites Studium absolviert. Aber irgendwann habe ich abgewägt, was ich in meinem Arbeitsfeld habe, so wie Kontakt zu Jugendlichen und sehr viel kommunikative Elemente. Mit zunehmendem Alter hinterlässt die ein oder andere Abendveranstaltung doch mehr Spuren wie vor 25 Jahren, aber die Alternative wäre ein Verwaltungsjob gewesen und da war dann klar: Das will ich nicht. Du bist die Konstante in der Luise und somit auch in der jungen Musikszene in Nürnberg. Wie hat sich deine Rolle in den Jahren verändert? ROLF: Seit meinem Studium hat sich natürlich einiges verändert und es gab verschiedenste Phasen. Auch Zeiten, in denen ich Teil der Szene war, wenn ich da zum Beispiel an Metalmania denke oder an

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Abende, an denen man nach der Veranstaltung noch zusammen in die Rockfabrik gegangen ist. Aber es wäre, wie gesagt, fatal, wenn ich mich ewig als Berufsjugendlicher sehen würde. Das würde ja bedeuten, dass ich selbst keine Entwicklung mache. Ich weiß, ich bin nicht mehr an vorderster Front, aber ich nehme Jugendliche noch mit ihren Bedürfnissen war. Meine Prämisse ist es ja nicht, dass unsere Jugendlichen mit mir älter werden und wir dann irgendwann nahtlos ein Altersheim aufmachen, sondern dass wir immer wieder neue junge Menschen abholen. In dem Moment, wo ich meine Zielgruppe nicht mehr ernst nehmen kann, aus welchen Gründen auch immer, dann ist Ende der Fahnenstange und dann höre ich auf. Das habe ich mir fest vorgenommen. So weit bin ich aber noch nicht. Für viele bist du das liebevoll-fränkisch-grimmige Gesicht der Luise. Empfindest du das auch so? ROLF: Ich habe ganz viele hauptberufliche und Honorarmitarbeiter im pädagogischen als auch im technischen Bereich, die ihre Arbeit ganz sicher um ein Vielfaches besser machen, als ich es je könnte. Es gibt auch Leute, die man als Gesicht der Luise wahrnimmt, wenn man sich beispielsweise ein Bier holt. Also die Luise, das bin nicht ich, sondern das sind ganz ganz viele Menschen, die ihren Job gut machen. Ich will es auf keinen Fall auf meine Person reduzieren - ohne das Team geht es nicht. Gibt es Bands, die man über die Jahre verfolgt und sich dann freut, wenn langfristig etwas aus ihnen geworden ist? ROLF: Wir sehen uns nicht als die StarSchmiede für Bands, die in die Charts wollen oder ähnliches. Das wäre ja auch vermessen und ist auch nicht unser Auftrag. Wir wollen einfach junge Musiker fördern. Besonders im Bereich der Mädchenbands beispielsweise ist es schon schön, wenn man den ein oder anderen Anstoß schafft.


ROLF / BANDLISTE // STUFF Es ist auch toll, wenn sich Bands länger etablieren wie No Expectations zum Beispiel damals, aber das ist nicht der Grund unserer Arbeit, sondern es geht darum, sich bei uns auszuprobieren. Deine abgefahrenste Geschichte aus 30 Jahren Luise? ROLF: Die neue Luise war gerade mal 3-4 Jahre alt. Ich war gerade im Urlaub und mein Kollege Uwe hatte solange das Kommando. An dem Abend war ein Metal-Konzert geplant. An sich also nichts Unübliches. Als die Band eine riesige Kiste nach der anderen in den Konzertsaal rollte, hätte man sich schon wundern können, aber ok. Naja, an sich lief erst mal alles normal – Soundcheck, Einlass, Konzertbeginn. Uwe saß draußen an der Bar und rauchte gemütlich eine Zigarette, er war auch noch total entspannt und eben erst aus den Ferien gekommen. Doch dann begannen die ersten Gäste aus dem Saal zu stürmen. Uwe wagte doch einen Blick in den Konzertsaal und war wie vom Blitz getroffen: Überall Blut und Schweine-Gedärme und eine Metal-Band, die diese ins Publikum warfen und sich selbst mit Blut übergoss. Uwes Urlaubs-Entspannung war ganz schnell verflogen und wir hatten noch wochenlang den Gestank in allen Ritzen der Verstärker, Mikros und einfach überall... Oli Barth-Jurca

Drive Him Dead Hardcore // Nürnberg www.facebook.com/drivehimdead Letzte Veröffentlichung: Reciprocity (2011) /Eigenvertreib Dear Grandma Rock/Alternative // Puschendorf www.deargrandma.bandcamp.com Letzte Veröffentlichung: Licht (2013) / Erikas Laden Musik Rookie Jam Bikini Punk // Erlangen www.rookiejam.de Letzte Veröffentlichung: ...sucks (2005) / Eigenvertrieb Mark Daniels R&B / Hip Hop / Soul // Erlangen www.markdaniels.de Letzte Veröffentlichung: 1000 Farben (2013) / Eigenvertrieb A Blurred View Progressive / Grunge // Hersbruck www.ablurredview.de Letzte Veröffentlichung: The Wave (2013) / Eigenvertrieb Me&Reas Akustik // Nürnberg www.meandreas.com Letzte Veröffentlichung: From My Window Ledge (2013) / Eigenvertrieb Hyrax Alternative Metal // Nürnberg www.hyraxmetal.de Letzte Veröffentlichung: Over The Edge (2013) / Recent Records Schleuse Folk / Indie / Jazz // Nürnberg www.schleuseband.de Letzte Veröffentlichung: Knowledge About The Jaybird (2013) / Bekassine Records NATO Hip Hop // Fürth www.nato-music.com Letzte Veröffentlichung: Major Disaster (2013) / Eigenvertrieb Avertine Post-Hardcore // Nürnberg www.facebook.com/avertinemusic Letzte Veröffentlichung: The Ravages Of Time (2013) / Eigenvertrieb

Zur Grundste inl Falk als Einric egung der Neuen Luise hä htungsleiter ein lt e Rede (1996 Rolf ).

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Defy The Laws Of Tradition Metalcore // Nürnberg www.dtlot.com Letzte Veröffentlichung: Game Changer (2013) / HT-Music Nick&June Acoustic / Folk / Pop / Indie / Alternative // Nürnberg www.nickandjune.com Letzte Veröffentlichung: Flavor & Sin (2013) / Bullet Records Linda And The Small Giants Modern Folk / Indiepop / Klaviertrio // Nürnberg www.lindaandthesmallgiants.bandpage.com Letzte Veröffentlichung: Dear Amnesia (2013) / Beste! Unterhaltung

LOCAL CALLING // AUSGABE 4 // 12/2013

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Local Calling #4  

Local Calling #4, 12/13 Mit: Avertine, Defy the Laws of Tradition, Linde & the Small Giants, Hyrax, Drive Him Dead, Dear Grandma, Schleuse,...

Local Calling #4  

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