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Kultur

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Nordwestschweiz | Freitag, 5. April 2013

Mehr Relevanz und Übersicht für Literatur

Pop

Solothurner Literaturtage Die neue Leiterin Bettina Spoerri stellte gestern das Programm vor

Dubstep-Intimität

Zu einem fragenden Piano-Akkord gesellt sich eine bebende Kopfstimme. Man wird kurz an Naidoo erinnert – noch mehr aber an Burial, den obskuren Produzenten, der von 2006 bis 2008 die Südlondoner Nächte mit Dubstep und Ambient beschallte. James Blake (24) steht in dieser Tradition. «Overgrown», Titeltrack des neuen Albums, handelt von einem Gespräch mit Joni Mitchell (69) über Vergänglichkeit. Wie lange überlebt Musik, wie schnell wird sie überwuchert, verdrängt, begraben? Man hats nicht in der Hand. Das Album arbeitet mit Pianoklängen, raffiniert perkussiven Geräuschen und Blakes Stimme in wechselnden ALBERT KUHN Räumen.

VON FRÄNZI RÜTTI-SANER

Dieses Jahr ist alles etwas anders an den Solothurner Literaturtagen. «Zum ersten Mal seit Bestehen der Literaturtage findet eine Pressekonferenz im Vorfeld statt», erwähnte gestern Vormittag selbst Geschäftsleitungsmitglied und Autor Franco Supino vor den angereisten Medienvertretern. Neu war, dass dieses Treffen erstmals in eigenen Büroräumlichkeiten der Solothurner Literaturtage stattfinden konnte und neu ist auch, dass Bettina Spoerri den Solothurner Literaturtagen vorsteht. Spoerri hatte im vergangenen Jahr das Amt von Veronika Jäggi übernommen, die seit Bestehen der Literaturtage die Geschäftsleitung innehatte.

James Blake: Overgrown. Universal. Schwerpunkte und Strukturen Die Zürcherin Bettina Spoerri (*1968) kennt man als Kulturjournalistin und Kuratorin von Ausstellungen oder Literaturprojekten. Sie und ihre Geschäftsleitung, der neben Supino noch Hanspeter Rederlechner angehört, will den Solothurner Literaturtagen durch ein strukturierteres Programm mit einigen Schwerpunkten zu mehr literarischem, aber auch gesellschaftlichem Gewicht verhelfen. Das Motto der Literaturtage 2013 «Anfänge. Débuts. Inizi. Entschattas» gelte für sie besonders, meinte Spoerri. Wie ein Autor vor einem leeren Blatt sitze, hätten die Geschäftsleitung und die Programmkommission

«Die Solothurner Literaturtage sind das Festival der Autoren.» Bettina Spoerri, neue Geschäftsleiterin

begonnen, das Gefäss «Solothurner Literaturtage» neu zu füllen. «In Solothurn trifft sich an den Literaturtagen alles, was in der Schweizer Autorenszene etwas zu sagen hat», so Spoerri. «Es ist ein Festival der Autoren, von ihnen gegründet und wichtig für sie.» Autoren sollen – wie bisher – im Mittelpunkt des Geschehens sein. 120 Autorinnen und Autoren aus dem In- und Ausland kommen vom 10. bis zum 12. Mai nach Solothurn. Alle Altersgruppen und literarischen Gattungen sind anzutreffen, doch alles, was in Solothurn zu hören ist, hat die achtköpfige Programmkommission kuratiert.

Nachrichten Theater Rau muss mit «Breivik» ausweichen Das Theaterstück «Breiviks Erklärung» über den norwegischen Massenmörder Anders Breivik darf nicht im Münchner Haus der Kunst aufgeführt werden. Das Projekt des Schweizer Regisseurs Milo Rau weicht nun am 22. April ins Münchner Stadtmuseum aus. «Wir haben eine Klausel im Mietvertrag, die rechtsradikale und antisemitische Inhalte ausschliesst. Das umfasst auch Verharmlosung und Satire», sagte gestern eine Sprecherin. (SDA)

Tanz Spoerli-Preis an Zimmermann & de Perrot Das Duo Zimmermann & de Perrot erhält den diesjährigen Preis der Foundation Heinz Spoerli. Damit würden für einmal keine Tänzer, sondern ein Ensemble ausgezeichnet, das mit seiner «unverwechselbaren Mischung aus Tanz, Theater, Musik und Zirkus eine neue Generation der Performance» geschaffen habe, wie die Foundation gestern mitteilte. (NCH)

Jugendlicher Mut aus Baden

Franco Supino und Bettina Spoerri hoben gestern die Neuerungen der Solothurner Literaturtage hervor.

■ PREMIERE: SCHWEIZER LITERATURPREISE An den Solothurner Filmtagen bittet das Bundesamt für Kultur (BAK) zu einer Premiere: Es verleiht erstmals die Schweizer Literaturpreise. Erica Pedretti, Fabio Pusterla und Jean-Marc Lovay können am 9. Mai die mit 40 000 Franken dotierte Auszeichnung für ihr Le-

benswerk und ihre literarische Resonanz über Sprach- und Landesgrenzen hinaus entgegennehmen. Das Übersetzungsfestival Babel in Bellinzona wird für «seine multidisziplinäre Kompetenz und sein unermüdliches Engagement im interkulturellen Diskurs»

Aus New York reist beispielsweise Michael Cunningham an und liest aus einem bisher unveröffentlichten Text. Urs Widmer, der kurz nach den Literaturtagen seinen 75. Geburtstag feiert, ist ebenso zu hören wie Alexis Jenni, Hansjörg Schertenleib, der österreichische Performer Bodo Hell, Jenny Erpenbeck, Navid Kermani, der junge Autor und Dramaturg Daniel Mezger oder die deutsche Buchpreisträgerin Ursula Krechel. Ausser den bekannten und beliebten Lesungen wird an diesen Litera-

geehrt. Die vom BAK verliehenen Schweizer Literaturpreise sind das Resultat des vor einem Jahr in Kraft getretenen Kulturförderungsgesetzes. Bereits im Dezember hat das BAK sieben eidgenössische Literaturpreise für neue Werke vergeben. (SA)

turtagen zum ersten Mal der Lyrik in einem «Poesiesalon» eine eigene Plattform gegeben. Im Weiteren wird über die Übersetzertätigkeit und über die Zukunft von Erst- und Zweitlingswerken gesprochen. In Sonderveranstaltungen werden an Niklaus Meienberg, Jörg Steiner und Mani Matter erinnert. Zwei Ausstellungen zeigen Grafic Novels, und ein spezielles Kinder- und Jugendprogramm – das allerdings bereits ausgebucht sei – ist ebenfalls im Programm.

HJ. SAHLI

Höhepunkte zum Start und Ende Besondere Beachtung erhalten an den Literaturtagen erstmals die Startund die Schlussveranstaltung. Zur Eröffnung werden am Freitagmittag dem Publikum von einer zehnköpfigen Think-Tank-Gruppe Thesen zur gesellschaftlichen Relevanz der Literatur in der Schweiz vorgestellt. «Damit wollen wir gesellschaftspolitisch wieder Gehör finden», sagt Spoerri über die Gründe. Die weiter bearbeiteten Thesen sollen dann zum Ende in einer sogenannten «Solothurner Verlautbarung» öffentlich verkündet werden. Bereits am Donnerstagabend findet die Preisverleihung der ersten Schweizer Literaturpreise statt (siehe Box). Beendet werden die 35. Literaturtage wiederum mit einer Preisverleihung; nämlich jener des Solothurner Literaturpreises am Sonntag, 12. Mai, der bekannterweise dieses Jahr an Franz Hohler geht. Solothurner Literaturtage 10. bis 12. Mai. www.literatur.ch. Vorverkauf (nur 3-Tages-Karten) bei www.ticketino.ch, SBB und allen Filialen Buchhaus Lüthy.

Qual der Wahl im Welttheater Theater Im Sommer wird vor der Einsiedler Klosterkirche wieder Welttheater gespielt. Diesmal lassen Autor Tim Krohn und Regisseur Beat Fäh Calderóns Figuren durch die Neuzeit taumeln – auf der Suche nach dem erfüllten Leben. VON ELIANE WINIGER (SDA)

Bis 1995 stützte man sich in Einsiedeln auf die Eichendorffsche Fassung des barocken Dramas von Calderón de la Barca. Dann gab die Welttheatergesellschaft dem Autor Thomas Hürlimann den Auftrag, ein neues, aktuelles Stück auf der Basis von Calderón zu schreiben. Gemeinsam mit Volker Hesse inszenierte Hürlimann auch 2007 das Welttheater. Zur Tradition der Einsiedler Spiele gehört, dass die künstlerische Leitung immer wieder andern Persönlichkeiten anvertraut wird. So wurden für die Aufführungen im Sommer 2013 Regisseur Beat Fäh, der die Stiftschule Einsiedeln besuchte, und Theater- und

Romanautor Tim Krohn verpflichtet. Sie beide sprachen gestern vor den Medien in Einsiedeln von einer sehr bereichernden Erfahrung und lobten die Einsiedler als «unglaublich begeisterungsfähiges Volk». Zu viele Möglichkeiten Auch wenn Krohn seine Figuren – verwirrt und leidgeplagt – durchs Leben der Neuzeit taumeln lässt: Ähneln tun sie noch immer jenen von Calderón. So lässt er den Politiker, den Reichen, den Bauern, den Penner, das ungeborene Kind sowie weise und weniger weise Menschen auf dem grossen Klosterplatz auftreten. Mit seiner Inszenierung führt das Duo die Sorgen der modernen Menschen vor Augen, die befürchten, aus ihrem Leben nicht genug gemacht zu haben. Weil sie mehr Möglichkeiten haben, als sie nutzen können. Sie stehen stets vor dem Dilemma: Haben wir die richtige Wahl getroffen?

Krohn und Fäh stellen viele Fragen – Antworten liefern sie keine. «Viele Menschen kommen ja im realen Leben auch auf der Suche nach Antworten nach Einsiedeln», sagte Krohn. Sie wollten Denkanstösse vermitteln, «Dinge wieder denkbar machen». Beispielsweise: Ist ein behindertes Kind ein Fluch oder ein Segen oder einfach ein Kind? Oder: Braucht es einen gesunden Körper, um glücklich zu sein? Denn im Stück kündigen Ärzte an, die Medizin zu revolutionieren. Das Erbgut des Menschen wird manipulierbar. Die neue Verheissung führt zu grossen Hoffnungen, der Handel mit perfekten Genen explodiert. Mit Sorge verfolgen die Geistlichen diese Entwicklung: Sie sehen ihren Einfluss schwinden. Das Heil wird nicht mehr bei ihnen gesucht, sondern bei der Medizin. Insgesamt wird während acht Monaten geprobt. Vom 21. Juni bis zum 7. September 2013 sind 41 Aufführungen geplant.

Das Dilemma der modernen Menschen: Haben wir die richtige Wahl getroffen?

«One Sentence. Supervisor» – die stürmische Popband aus Baden mit einem Namen, den man sich besser gleich auf den Handrücken schreibt. 2011 hat die Band sich und ihr Bandgefüge gefunden. Der Sound ist transparent – auf dem Album vielleicht etwas zu glasklar. Im Februar wurde auf der Ibergeregg ob Schwyz ein Video gedreht. Premiere war in einem bumsvollen Zelt in der Altstadt – tout Baden war präsent. Nun hat die Stadt eine prickelnde neue Band mit ähnlichem Renommee wie vor zwanzig Jahren Better World und danach Adrian Stern. Auf jeder Position ein Volltreffer. ALBERT KUHN The New Kids in Town. One Sentence. Supervisor: Heavy Sea. Irascible.

This

Das grosse Anschleichen Wieder einmal eine Band, die Musik mit dem Pinsel malt – expressiv, exzessiv, explodierend. Eine grossartig angerichtete, aufreizend verlangsamte SlowmotionSurfparty mit Elementen aus Gitarrenrock, Psychedelica und orchestralem Pop. Als hätten sich die verschwenderisch raffinierten Harmonien eines Brian Wilson vermählt mit dem brüllenden Flugzeugrotorensound von My Bloody Valentine. Tausende von Bands hatten diese Vision, erbärmlich wenige kamen in die Nähe. The Besnard Lakes schleichen sich auf ihrem vierten Album vorsichtig an – aber nicht mutlos.

ALBERT KUHN

The Besnard Lakes: Until in Excess, Imperceptible Ufo. Irascible.

Musik aus fast nichts

Was für eine spartanische Besetzung: Sparsame Piano-Akkorde, ein Tambourin, akustische Gitarre, selten mal Trompete. Und eine bebende Hausfrauenstimme - die sich als Männerstimme entpuppt. Man pflegt dies Nacktheit, Unschuld und Ehrlichkeit zu nennen - eine masslose Verharmlosung. Nacktheit ist eine Waffe, ein Alles-oder-Nichts, eine Provokation. Diese Musik wird nie laut, bleibt immer im Nachdenklichen, im Verträumtem, im Intimen. Geheimnisse lümmeln um die Ecke. Diese Musik ist Entdeckung und Offenbarung. Sie beweist einmal mehr, wie heftig und eindringlich ALBERT KUHN das Leise sein kann. House of Wolves: Fold in the Wind. Musikvertrieb.

nordwestschweiz_kultur  

http://www.literatur.ch/fileadmin/literaturtage/2013/pdf/nordwestschweiz_kultur.pdf

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