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WOZ Nr. 19 10. Mai 2012

D u rc h d e n M o n at m i t V e ro n i ka Jaegg i (2)

WOZ: Frau Jaeggi, wenn Sie an den 25. Mai 1979 denken, als die ersten Solothurner Literaturtage eröffnet wurden, was kommt Ihnen da in den Sinn? Veronika Jaeggi: Wie Otto F. Walter vor Freude strahlte ob der vielen Leute. Und wie ich an der Kasse stand, Billette verkaufte und mit dem Geld, das wir vom Bundesamt für Kultur erhalten hatten, den 5 Autorinnen und 22 Autoren ihre Honorärli auszahlte.

Literaturtage als republikanisches Bankett? Veronika Jaeggi erinnert sich an das Auffahrtswochenende im späten Mai 1979, als ein bayrischer Kommunist bei den ersten Solothurner Literaturtagen im hellblauen Massanzug über die Schweizer Literatur herzog und ein Hund sehr laut zu bellen begann. Von Adrian Riklin (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Cash? Ja, das mache ich heute noch so. Weil das am wenigsten Bürokratie verursacht. Und die Autoren so ihre Gage gleich auch in Solothurn «verprassen» können. 1979 erhielt ein Autor noch 200 Franken für seine Lesung. Unser Budget reichte nicht für Hotelübernachtungen. Die Dichter konnten wählen, ob sie im Massen­ lager im «Landhaus»-Dachstock übernachten wollten oder privat bei Leuten aus unserem Bekanntenkreis. Muss ja herrlich chaotisch gewesen sein … Eigentlich nicht. Es hat von Anfang an alles erstaunlich gut funktioniert. Pannen gab es keine. Und alle waren da: die Kritiker, das Radio und ein erstaunlich grosses und auch junges Publikum – es war, als ob die Leute schon lange darauf gewartet hätten. Alles war noch einigermassen überschaubar. 1979 gingen alle Lesungen in einem einzigen Saal über die Bühne: im «Kreuz»-Saal über der Beiz. Nur der ausländische Gast trat im Landhaus auf. Das war statutarisch festgeschrieben: Die «Literatur­ tage» sollen primär eine Werkschau für die aktuelle Literatur aus der Schweiz sein, aber um Augen und Ohren auch für Literatur jenseits der Landesgrenzen zu öffnen, soll immer jemand aus dem Ausland eingeladen werden. Und Franz Xaver Kroetz war der Erste … Er war nicht nur der einzige Dichter aus dem Ausland, er war auch der einzige in Anzug und Krawatte. Er las brillant aus seinem damals noch unveröffentlichten Theaterstück «Strammer Max». Zudem hatte er die Aufgabe, drei Tage lang hinzuhören und als ausländischer Beobachter über die aktuelle Schweizer Literatur ein Fazit abzugeben. So diskutierten auf dem Schlusspodium Kroetz, Niklaus Meienberg, Adolf Muschg, Giovanni Orelli, Yves Velan, Walter Vogt und Jürg Weibel über «Die Sache und das Wort».

Hat der Mann im hellblauen Anzug am Ende gar recht gehabt? Im ersten Jahr lasen immerhin politisch wache Autoren wie Otto F. Walter, Hugo Loetscher, Jörg Steiner, Anne Cuneo, Reto Hänny. Wie überhaupt die ersten Literaturtage stark politisiert waren. Das las sich in der Zweckbestimmung so: «Indem Literatur so ins öffentliche Gespräch eingreift und umgekehrt sich diesem aussetzt, kann der gesellschaftliche Zusammenhang bewusst werden, in dem sie steht und für den sie wirkt.» Als Walter von einem Reporter des Schweizer Fernsehens gefragt wurde, worin er den tieferen Sinn der Literaturtage sehe, sagte er, dass er sich darunter ein «republikanisches Bankett» vorstelle. Der Begriff geht ins Ancien Régime zurück, als Intellektuelle das Versammlungs- und Redeverbot unterwanderten, indem sie sich bei Speis und Trank zu Gesprächen versammelten. So hat es Walter wohl auch gemeint. Mit allem, was dazu gehört: Tischreden – und eben auch Streitgespräche. Literaturtage als Brennpunkt der Aufklärung? Und der Demokratisierung! Wie politisch die Schweizer Literatur damals war, zeigte sich in den Werkstätten, die 1979 realisiert wurden. So organisierten die schreibenden Arbeiter Zürich im Gemeinderatssaal einen Kurzgeschichten-Workshop mit dem Publikum. Franz Hohler moderierte im Löwen «Geschichten schreiben mit dem Publikum». Die Arbeiterkultur Basel stellte im Stadttheater das im Kollektiv geschriebene Stück «Betriebsfest» vor. Die schreibenden Frauen Bern machten «Schreib­a ktionen» auf dem Gemüsemarkt. Und Peter Bichsel moderierte einen «offenen Block», wo jedermann und jedefrau unjuriert eigene Texte vorlesen konnte. Peter Weber zum Beispiel hat in einem solchen Forum in den frühen neunziger Jahren erstmals in Solothurn gelesen. (Ein Hund kommt ins «Kreuz».) 1979 gab es auch eine tierische Episode. Ein junger Dichter mit Seidenhalstuch, Sohn eines berühmten Schriftstellers, las aus seinem Erstling, und beim Satz «Der Widerstand ist ausgebrochen», begann im Publikum tatsächlich ein realer Hund zu bellen. Wenn ich mich richtig erinnere, war es der Hund von Mariella Mehr  – oder hatte Walther Kauer einen Hund dabei?

Ein schönes Beispiel für die unmittelbare Worüber? Wirkkraft von Literatur. Darüber, was in der Literatur fortschrittJa. Und derselbe Hund bellte auch in der lich sei und was reaktionär, was demokratisch Schlussdiskussion, als sich die Autoren zankund was bürgerlich. Und da sagte der bayrische ten. Kommunist in seinem hellblauen Massanzug, Veronika Jaeggi (64) ist seit 1979 Geschäfts­ leiterin der Solothurner Literaturtage. er habe in Solothurn zwar viel über Schweizer Die 34. Ausgabe am kommenden Auffahrts­ Schriftsteller, aber nichts über die Schweiz und wochen­e nde vom 18. bis 20. Mai ist ihre ihre Probleme erfahren. Worauf Muschg lakoDernière. Auf Ende Juni übergibt sie ihr Amt Bettina Spoerri. nisch meinte: «Franz, das ist deine Schuld.»

Veronika Jaeggi, am anderen Aaareufer vis-a-vis vom Solothurner Landhaus: «Unser Budget reichte nicht für Hotelübernachtungen der Eingeladenen.»

F u s s ba l l u n d a n d e r e R a n d s p o rta rt e n

Zu Gast im Todesstern Etrit Hasler

über die Proteste gegen die Fussballeuropameisterschaft in der Ukraine

Was war das doch für ein erfrischendes Zeichen In diesen Tagen diskutieren nun westeuder Hoffnung, als die Schweizer Nationalmann- ropäische PolitikerInnen darüber, die Fussball­ schaft damals vor dem EM-Qualifikationsspiel europameisterschaft in Polen und der Ukragegen Schweden ihr Transparent «Stop it, Chi- ine zu boykottieren. Nun gut: In der Ukraine rac!» entrollte, anstatt die Nationalhymne mit- herrscht ein dreckiges Regime. Ein Regime, das zusingen. Fussballer mit einem politischen so dreckig ist, dass nach einem Händedruck Bewusstsein? Die Weltrevolution mit Präsident Wiktor Janukokonnte nicht mehr weit sein. witsch wohl monatelanges WaDas war 1995. Die Atom­ Wer so etwas tut, schen nötig ist, um die Hände tests von Jacques Chirac liefen der kann wieder sauber zu bekommen  – übrigens trotz des Protests un- eigentlich nur kein Wunder, reisen Regierungsgestört weiter. Alain Sutter, der chefs anderer Staaten nicht allzu Darth Vader Kopf hinter der Aktion, durfte bei häufig in die Ukraine. Wobei es der folgenden Fussballeuropa­ sein. natürlich ­enorm hilft, dass die meisterschaft nicht mitspieUkraine weder über Gas noch len  – inzwischen arbeitet er für Erdöl verfügt, das hält die Motidie Zürcher Grasshoppers, einen vation für einen solchen Besuch Verein, dessen Funktionäre nur ganz natürlich tief. ungern mit der antisemitischen Gegen dieses Regime zu Vergangenheit ihres Klubs konfrontiert wer- protestieren, kann also auch nicht ganz falsch den. Nun gut, mag man sagen  – wer so viele sein. Insbesondere, wenn es schöne blonde Probleme hat wie GC gegenwärtig, der hat auch Frauen inhaftiert, die irgendwie an Prinzessin keine Zeit, sich mit seiner eigenen Geschichte Leia aus Star Wars erinnern. Wer so etwas tut, zu beschäftigen. der kann nur Darth Vader sein. Findet das Fi-

nale dieser EM eigentlich auch im Todesstern statt? Verzeihung – ich übertreibe. Aber «das ist der Eindruck, den ich erhalte, wenn ich einen Blick in die Glotze werfe», um Allen Ginsberg zu zitieren. Dass die Vergabe der Fussballeuropa­ meisterschaft an Polen und die Ukraine ein Skandal war, steht nicht infrage – damals, 2005, wurde die Ukraine nach der Orangen Revolution zwar gerade als Vorzeigemodell einer erwachenden Demokratie gefeiert, während in Polen gerade die rechtsnationalen, homophoben Kaczynski-Zwillinge an die Macht kamen. Dass im Land Korruption herrschte, war aber allgemein bekannt: In der WOZ berich­ tete Andrew Jennings im April vor drei Jahren ­(siehe WOZ Nr. 14/09) bereits, dass die damalige ukrainische Regierung (also jene der inzwischen inhaftierten Julia Timoschenko) Bauaufträge im Wert von 25 Milliarden US-Dollar über Kanäle laufen liess, die intensiv nach Mafia rochen. Wenn nun plötzlich PolitikerInnen aller Couleur so tun, als würde ihnen das erste Mal auffallen, dass in der Ukraine nicht alles toll läuft – oder, wie aktuell in Österreich, noch

versuchen, daraus Profit zu schlagen –, dann ist das bloss verlogen. Grosse Sportanlässe finden immer wieder in Staaten statt, deren Regimes menschenfeindlich sind. Zum Beispiel in China, wo mehr Menschen inhaftiert sind als in der Ukraine leben. Angela Merkel, die derzeit laut über einen Boykott nachdenkt, war bei den Olympischen Spielen 2008 zwar auch nicht dabei  – stattdessen schickte sie Wolfgang Schäuble. Logisch: Mit China wollte es sich auch niemand verscherzen. Sport ist Mord. Es geht um Geld und Macht. Sollten Sie selber den Impuls verspüren, gegen etwas protestieren zu wollen, dann bitte gegen Sepp Blatter, der damals das Turnier in die Ukraine vergab in der Aussicht, sehr viel Geld zu verdienen. Oder organisieren Sie doch eine Demo mit Kollekte gegen die selbstausbeuterischen Arbeitsbedingungen in der WOZ-Redaktion, die manchmal dazu führen, dass der Abschlussredaktion der Geduldsfaden reisst. Noch besser: Schenken Sie Frau Merkel ein WOZ-Abonnement. Damit tun Sie der Welt einen grösseren Gefallen. Etrit Hasler war einst Katholik, was vielleicht eine Erklärung dafür ist, dass ihm empörtes Protestierertum manchmal auf die Nerven geht.


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