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WOZ Nr. 18 3. Mai 2012

D u rc h d e n M o n at m i t V e ro n i k a Jaegg i (1)

Wie war das, als Sie aus der Wüste kamen? Veronika Jaeggi war im Frühling 1979 grad erst von einer Reise in die Sahara nach Solothurn zurückgekehrt, als sie einen folgenschweren Auftrag annahm. Daran arbeitet die Geschäftsleiterin der Solothurner Literaturtage noch heute. Von Adrian Riklin (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Veronika Jaeggi vor der Genossenschaftsbeiz Kreuz: «Solothurn ist eine Kleinstadt, wo man sich gezwungenermassen immer wieder über den Weg läuft.»

WOZ: Veronika Jaeggi, Sie sind seit den ersten Solothurner Literaturtagen 1979 massgeblich dafür verantwortlich, dass alles gut über die Bühne geht. Ihre Liebe zur Literatur muss unerhört sein … Veronika Jaeggi: Die Literaturleidenschaft packte mich in unserer kleinen Dorfschulbibliothek. Ich bin auf einem Bauernhof im solothurnischen Kriegstetten aufgewachsen. Da hatten wir ausser einer Hausbibel und einem Landwirtschaftsratgeber keine Bücher. Als ich in der Schulbibliothek alles gelesen hatte, schlich ich mich als jugendliche Ausleihhilfe in die Pfarrbibliothek ein, um an die Erwachsenenbücher zu kommen. Mit dem ersten Lohn als KV-Stiftin trat ich gleich zwei Buchklubs bei und erhielt jeden Monat Bücher zugestellt. Meine Dostojewski-Dünndruckausgabe stammt noch von da. Und als ich die Lehre abgeschlossen hatte, ging ich in die Buchhandlung Lüthy arbeiten. Wenig später leitete ich die Taschenbuchabteilung. Das war 1966.

schau nicht auch für die Literatur gibt. Sie sprachen mit weiteren Literaturinteressierten, mit Buchhändlern und Lehrern. Und wie das so geht in der Schweiz: Wenn man eine Idee hat, gründet man einen Verein. Im August 1978 war es so weit. Dabei waren die Solothurner Schriftsteller Otto F. Walter, Rolf Niederhauser, Fritz Dinkelmann, Peter Bichsel und Ernst Burren sowie Franz Hohler. Walter war der Motor.

Eine sehr männliche und auch lokale Angelegenheit … Unter den 39 Gründungsmitgliedern waren immerhin 10 Frauen. Und von Anfang an waren Autorinnen und Autoren aus der ganzen Schweiz involviert. Die Präsenz der vier Landessprachen wurde statutarisch festgeschrieben. Monique Laederach aus der Romandie oder Giovanni Orelli aus dem Tessin waren bei der Gründung dabei. Ein rätoromanischer Autor wie Leo Tuor wurde erstmals in Solothurn einem grösseren Publikum bekannt, lange bevor er übersetzt wurde. Da waren Sie zwanzig. Damals gab es ja noch zwei SchriftstelJa, und ich blieb bis 1971. Aufgehört habe lerverbände. Ein paar Jahre zuvor hatte sich die ich, weil ich zu wenig Zeit zum Lesen hatte. Gruppe Olten vom Schweizerischen SchriftstelDenn es gab immer mehr Verlage, die immer lerverband abgespalten. Von beiden Verbänden noch mehr Taschenbücher herausgaben. Für war je eine Person in der unabhängigen Promich aber galt: Eine richtige Buchhändlerin grammkommission vertreten, neben Literaturkennt jedes Buch, das sie verkauft. Ich ging je- kritikerinnen und Wissenschaftlern. weils über Mittag mit einem Bücherstapel in ein Café und las mich oberflächlich durch die Und wie wurden Sie zur Geschäftsleiterin? Neuerscheinungen. Nach fünf Jahren befrieIm Herbst 1978 machte ich mich auf eine digte mich das nicht mehr, und ab da verdiente Afrikareise. Die längste Zeit verbrachte ich bei ich mein Brot in Bibliotheken. Dort hatte ich den Tuareg im südlichen Algerien. Kaum war mehr Zeit zum Lesen … ich im März 1979 wieder zurück, kamen Noldi Lüthy, der Buchhändler, und Rolf NiederhauAber der Lesehunger war nicht gestillt … ser, der Schriftsteller, auf mich zu und sagten: Es ging ja nicht nur um Literatur. Anfang «Nun bist da ja wieder da und hast noch keinen der siebziger Jahre herrschte gesellschaftspoli- Job. Das erste Programm ist zusammengestellt, tisch Aufbruchstimmung. So war ich auch bei die Programmkommission hat die Autoren der Gründung der Genossenschaftsbeiz Kreuz eingeladen, und der Bund hat 25 000 Franken dabei und machte dort die Buchhaltung, war gesprochen. Jetzt brauchen wir jemanden, der «Hausmutter» im ersten Jugendberatungszen- das Programm schreibt und kopiert und vertrum Solothurn, betreute eine Vorschulkon- schickt.» taktstelle und eine Galerie. Das «Kreuz», die ers­ te Genossenschaftsbeiz in der Deutschschweiz, Und dann? war Treffpunkt für linke Kultur- und Politik­ Habe ich mich an meine Hermes geinteressierte bis weit über die Region hin­aus. setzt und zu den 27 Autorenlesungen, vier Werkstätten und zum Podiumsgespräch ein Und dann sollten im Städtchen neben den «Progrämmli» zusammengestellt: Namen, Filmtagen gleich auch die landesweit wich- Jahrgänge, Titel. Zwei A4-Bögen, acht Schreibtigsten Literaturtage stattfinden? maschinenseiten. Das habe ich tausendmal foSolothurn ist eine Kleinstadt, überschau- tokopiert und an die 500 Adressen verschickt, bar, wo man sich gezwungenermassen immer die die Gründungsmitglieder zusammengewieder über den Weg läuft. Ein idealer Ort für tragen hatten. Heute versenden wir ein 58-seiBegegnungen – daher rührt teilweise auch der tiges Programmheft an über 8000 Adressen. Ja, Erfolg der Literatur- und auch der Filmtage. und dann kamen sie schon, die vielen Leute … Veronika Jaeggi (64) ist seit 1979 Geschäfts­ leiterin der Solothurner Literaturtage. Die 34. Ausgabe vom 18. bis 20. Mai ist ihre Dernière. Auf Ende Juni übergibt sie ihr Amt Bettina Spoerri.

Und wie kam es zur Gründung der Literaturtage? Wahrscheinlich haben sich während der Filmtage im Januar 1978 einige Schriftsteller im «Kreuz» gefragt, warum es so eine Werk-

Mitarbeit: Cornelia Brunnschweiler

F u s s ba l l u n d a n d e r e R a n d s p o rta rt e n

Der Floh aus Kiew P e d ro L e n z

In der Sowjetunion nannten sie ihn den «Floh». Einen ganz grossen Traum konnte BloGenauso gut hätten sie ihn «Blitz» oder «Ge- chin freilich auf dem Höhepunkt seiner lanpard» nennen können, denn Oleg Blochin, gen Spielerkarriere nicht verwirklichen. Die Sohn einer berühmten Leichtathletin, lief die sowjetische Nationalmannschaft hatte 1972 100-Meter-Strecke unter elf Sekunden. Der das Finale der Europameisterschaft erreicht gegenwärtige Fussballnationalund war auf gutem Weg, sich für trainer der Ukraine kam 1952 in die Weltmeisterschaft von 1974 Kiew zur Welt. Als Spieler war er Oleg Blochin hat in Deutschland zu qualifizieren. ein Weltstar, mehrmals Fussbal- die Werte und Damals gab es tatsächlich noch ler des Jahres und Torschützen- Methoden aus Barragespiele zwischen europäkönig in der Sowjetunion 1972, ischen und südamerikanischen sowjetischer Zeit 1973, 1974, 1975 und 1977. Im Mannschaften, und die Sowjet­ Jahr 1975 wurde er gar zu Euro­ beibehalten. union musste sich bloss noch pas Fussballer des Jahres gegegen Chile qualifizieren. Doch kürt. Ausserdem gewann er mit die Equipe reiste nicht nach Sanseinem Stammverein Dynamo tiago de Chile. Die VerbandsfühKiew achtmal die Meisterschaft, rung liess verlauten, die sowjefünfmal den Cup und zweimal tischen Fussballer weigerten sich, den Europacup der Cupsieger. Blochin war ein in einem Stadion zu spielen, in dem Diktator dynamischer Goalgetter mit Spielmacherqua- Augus­to Pinochet kurz zuvor Regimegegner litäten, und er galt in seinen besten Zeiten als habe foltern und umbringen lassen. «Johan Cruyff des Ostens». Für das NationalDass der Boykott wirklich von den Spieteam der UdSSR absolvierte Oleg Blochin über lern ausging, darf bezweifelt werden. Verbürgt hundert Länderspiele. ist dagegen, dass jenes Qualifikationsspiel in

über einen Spieler, der sich das Lachen verbot Chile tatsächlich angepfiffen wurde, obwohl nur die Heimmannschaft auf dem Platz stand. Die Chilenen spielten den Ball nach dem Anpfiff gemächlich nach vorne und erzielten einen Treffer ins verwaiste Tor. Erst da wurde der wohl erste Match der Fussballgeschichte ohne Gegenteam abgebrochen und als Forfaitsieg für Chile gewertet. Im kommenden Sommer könnte Oleg Blochin, der als Coach mit dem Nationalteam der Ukraine unter anderem 2006 die Schweiz aus dem WM-Turnier warf – wir erinnern uns an das legendäre Penaltyschiessen, bei dem der Schweiz nicht ein einziges Tor gelang –, seinem glanzvollen Lebenslauf ein weiteres Erfolgskapitel hinzufügen. Wenn im Juni die Euro­pa­meis­ter­schaft in Polen und der Ukraine startet, gilt Blochins Mannschaft zumindest als Anwärter auf den Viertelfinal. Doch ausgerechnet jetzt, da Blochin wie in den frühen siebziger Jahren von einem verheissungsvollen Sommer träumt, liegt wieder ein Boykott in der Luft. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel jedenfalls hat damit gedroht, wegen der Haft-

bedingungen der ukrainischen Exministerpräsidentin Julia Timoschenko nicht an die EM zu reisen. Ob sie gar die deutsche Nationalmannschaft zum Boykott bewegen will, ist zurzeit noch unklar. Oleg Blochin wird dies alles wenig kümmern. Es heisst, er rede an Pressekonferenzen nur über Dinge, die unmittelbar mit dem Spiel seines Teams zu tun haben. Als Trainer habe er die Werte und Methoden aus sowjetischer Zeit beibehalten. Er sei äusserst autoritär und hart. Diese Einschätzung kann, je nachdem, wie es seiner Nationalmannschaft gerade läuft, als Lob oder Vorwurf verstanden werden. Blochin selbst erklärt sich so: «Wenn wir ein Spiel verloren haben und ich auf der Heimfahrt sehe, dass die Spieler schon wieder miteinander scherzen und Karten spielen und lachen, dann habe ich den Eindruck, ich lebe in der falschen Zeit oder in der falschen Welt oder beides.» Oleg Blochin habe sich als Spieler nach Niederlagen nicht das geringste Lächeln erlaubt. Da er aber fast immer gewann, kam das selbst auferlegte Lachverbot kaum je zum Tragen. Pedro Lenz (47) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Für tiefere Einsichten in den ukrainischen Fussball empfiehlt er die Lektüre von «Totalniy Futbol. Eine polnisch-ukrainische Fussballreise» seines Berufskollegen und Freundes Serhij Zhadan, soeben erschienen im Suhrkamp-Verlag.

Woz1812se14inti1  

http://www.literatur.ch/fileadmin/literaturtage/2012/pdf/WOZ1812SE14Inti1.pdf

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