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Nr. 188/Oktober 2008

1,70 Euro (davon 90 Cent für den/die Verkäufer/in)

Das H&K-Modeheft Bio und fair: Wie Sie mit Ihrem Klamottenkauf die Welt verändern können

Korrekt shoppen: Der große Einkaufsführer

„Voll mein Stil“: Hinz&Künztler in Ökomode

Fabrik-Fete mit den Rattles und Joja Wendt


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„Voll mein Stil“

d Modemuffel. In Bioun e tiv na ter Al r fü s wa r nu ist de Von wegen grüne Mo fünf Laien-Models richtig gut e ser un h sic ten ch ma e od o-M Ök Baumwolle und e (Fotos), Von Mauricio Bustamant

Birgit Müller (text) und

eit) Beatrice Blank (mitarb

Sonja im Minirock für 79,90 Euro und Strumpfhose für 19,90 Euro, beides von hessnatur; dazu schwarz-weiß breit gestreifter Pullover mit Kapuze für 12 Euro von C&A. Sie zeigt ein fliederlila Kapuzen-Ringel-Shirt (59 Euro von Mandala bei fein). Sascha gefällt’s, aber kaufen würde er’s nicht. Er hat ja schon das T-Shirt „Zugvögel“ von fairliebt (22 Euro), eine Schiebermütze (9 Euro) und eine Jeans (19 Euro) von C&A. Günther schwärmt per SMS von seiner Hose (19 Euro bei C&A), dem Ringelshirt (39,90 Euro) und der Sweatjacke (69,90 Euro), sowie der Fischermütze aus Schurwolle (19,90 Euro) – alles von hessnatur


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Nico jongliert im Kapuzenpulli von Kuyichi (109 Euro bei fein); Jeans und Sonnenbrille hat er selbst mitgebracht. Vorne: Matthias hat mal Feuer – und Jeans (29,90 Euro) und Weste (19,90 Euro) von H&M; einen Schal für 7 Euro, eine Mütze für 9 Euro und ein Hemd für 12 Euro von C&A. Rosee trägt das gleiche Hemd und auch eine C&A-Mütze. Dazu: Jeans (19 Euro) und Sweatjacke (15 Euro) von C&A. Übrigens: (Fast) alle gezeigten Klamotten sind „grün“ – hessnatur, fein und fairliebt haben nur Bio-Mode. Bei C&A und H&M haben wir uns aus den Bio-Baumwoll-Kollektionen „Bio Cotton“ beziehungsweise „Organic Cotton“ bedient


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Sascha präsentiert sich in Bio Cotton von C&A (Hose 19 Euro; Hemd 12 Euro), die Schiebermütze ist auch daher (9 Euro)

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Matthias trägt Jeans von C&A (19 Euro) und unter dem kupferfarbenen Pullover (69,90 Euro) ein gestreiftes Hemd (69,90 Euro). Darüber für kalte Tage einen dunkelbraunen Mantel (179 Euro), alles von hessnatur

Rechts: Längsstreifen, die Rosee strecken: Hemd (12 Euro), komplettiert von Hose (19 Euro) und Sweatjacke (15 Euro) und Mütze (9 Euro), alles von C&A


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Oben. Sonja: Jeans (29,90 Euro) von H&M – eigentlich für Männer; Fischermütze (19,90 Euro) von hessnatur, Strickjacke (119 Euro) von hessnatur. Hinten links. Günther in C&A: Hose 19 Euro und Hemd 12 Euro; Sonnenbrille privat. Mittendrin: Sascha, der sich in rotem Tweedpullover (99 Euro) von hessnatur und Jeans (19 Euro) von C&A wohlfühlt. Rosee trägt bio längs und quer gestreift: Hemd (12 Euro), Sweatjacke (15 Euro), Hose (19 Euro), Mütze (9 Euro) – alles von C&A. Nico will die Jeans (29,90 Euro) von H&M behalten, das thymianfarbene Langarmhemd (49,90 Euro) von hessnatur nicht unbedingt; Mütze (9 Euro) von C&A; Schal privat (Nico: „Aber nicht dass man denkt, das wär meiner!“)

Unten links. Maritim lehnt sich an sportlichen Chic: Günther in Ringelshirt (39,90 Euro), blauer Sweatjacke (69,90 Euro) und Fischermütze aus Schurwolle (19,90 Euro) von hessnatur. Rosee im weißen Hemd (12 Euro) hat lässig eine gestreifte Sweatjacke (15 Euro) über die Schulter gehängt, beides von C&A; Mütze (9 Euro) auch von C&A

Unten rechts: Günther, bleib so, wie du bist! Lauf, Nico, lauf: Kapuzenpulli (109 Euro) von Kuyichi bei fein; Jeans und Sonnenbrille privat


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Lebensbilder Das ist meine Welt: Hinz&Kunzt-Verkäufer erzählen die Geschichte ihres Lebens in einer Momentaufnahme Von Joachim Wehnelt (Konzept und Text) und Mauricio Bustamante (Fotos)

Aurelia Berghahn Den 1. FC St. Pauli mochte sie schon, als sie noch in Regensburg wohnte. Nun geht Aurelia Berghahn zu fast jedem Heimspiel – der Verein spendet Hinz&Kunzt Dauerkarten, die Verkäufer nutzen können. Auf den Stehplätzen der neuen Südtribüne lebt sie schon einmal ihren größten Traum: eine eigene Wohnung. „Ich suche mit meinem Freund ein Zuhause“, sagt die 25-Jährige. Als Kind spielte Aurelia gerne mit Playmobil. Ihren Namen erhielt sie von ihrer französischen Mutter, die sie im Alter von zwei Jahren zur Adoption freigab. In einer Pflegefamilie mit zwei Töchtern wuchs Aurelia auf: „Ich hatte eine schöne Kindheit.“ Die Playmobil-Figuren auf dem Tisch stellt sie so auf, wie sie es erlebte: die Familie, die eine graue und eine schwarze Katze besaß, dahinter ihre leibliche Mutter. Aurelia fand sie, als sie 18 wurde. Die Mutter wollte sie nicht sehen. Ganz hinten steht der leibliche Vater, den Aurelia

nicht kennt. Jahrelang organisierte Aurelia in Regensburg – der Stadt an der Donau, die zwei Schlüssel als Wappen trägt – große MittelalterFeste: „Ich mag einfach, wie die Menschen damals lebten, mit ihrem Handwerk und ihrer einfachen Lebensweise.“ Aurelia trug dabei gern Gewänder in Schwarz und Rot – „weil das die Farben der Anarchie sind“. Die gelernte Hauswirtschafterin fing gerade mit der Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin an, als sie dort wegen Drogen aus dem Wohnheim flog. Dann wollte sie nur noch weg aus Regensburg. In den Norden, wo sie oft Urlaub machten. Ihr Traum ist es, noch einmal eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin zu beginnen und mit behinderten Menschen zu arbeiten. Herzlichen Dank an den FC St. Pauli, Mytholon Store for Mystic Lifestyle und das Deutsche Rote Kreuz


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„Die Erwachsenen sagten gerne: Jantche weint, Jantche lacht“

Jan Sjoerds Für einen Schauspieler ist die Bühne „ein heiliger Raum“, sagt der 62-Jährige, als er die Bretter des Ernst Deutsch Theaters betritt. Die Suche danach, was die Welt im Innersten zusammenhält, führt Jan Sjoerds zur Literatur, in Hörsäle und fremde Städte. Er wurde in Valkenburg nahe Maastricht geboren, wuchs dort mit drei Geschwistern auf. „Schon als Kind wechselten meine Gefühle stark“, sagt Jan Sjoerds und lacht. „Die Erwachsenen sagten gerne: Jantche weint, Jantche lacht.“ Mit 16 Jahren sah er im Theater „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ von Gogol und war von der Aufführung über einen Mann, der immer mehr den Bezug zur Realität verliert, so fasziniert, dass er wusste: „Ich will Schauspieler werden.“ Mit 20 Jahren verließ er Holland, sprach in Wien am berühmten Max Reinhardt Seminar vor und wurde sofort genommen. Danach trat er an Bühnen wie dem Theater Bremen auf. Immer dabei: die Bücher, die ihm am Herzen liegen, wie Kleists Gedichte und das „Tao te king“ von Lao Tse. Weil er sich für Philosophie interessiert, studierte er einige Semester lang in Hamburg. Zwischendurch war er Tai-Chi-Lehrer, lief 15

Marathons und wurde Vater von zwei Kindern und Großvater von zwei Enkelkindern. Mit der Lee-Strasberg-Methode entdeckte er die Schauspielerei noch einmal neu. Beim sogenannten Method Acting, das aus den eigenen Erfahrungen und Gefühlen schöpft, setzen sich die Schauspieler gerne auf einen Stuhl, um sich auf die Rolle zu fokussieren. Auf Kampnagel gab er selbst Kurse für Schauspieler. Anfang 2004 stand er zum letzten Mal auf der Bühne. Er ging der Liebe wegen nach München, bekam dort keine Engagements und wollte einen Taxischein machen. Es klappte nicht. Anfangs wohnte er in einer Pension. Als die Beziehung zerbrach, landete er auf der Straße. Eine ältere Dame aus Hamburg bot ihm an, dass er in ihrem Speicher übernachten konnte. Ende 2004 kam er nach Hamburg. Heute trifft er fast jeden Abend an der Bushaltestelle an der Friedensallee seinen obdachlosen Freund Rolf, einen Physiker, und unterhält sich mit ihm über aktuelle Themen aus Politik und Literatur, von der Finanzkrise bis zur Teilchenphysik. „Es ist wichtig, etwas über das Leben zu lernen.“ Herzlichen Dank an das Ernst Deutsch Theater, den HVV und die Zentralbibiliothek


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„Ich wünsche mir, dass ich irgendwann schuldenfrei bin“

Herbert Bartz Als er auf der Straße landete, durfte er manchmal bei fremden Menschen übernachten. „Ich kochte für sie zum Dank“, sagt der 60-Jährige. Essen ist für ihn Soulfood, Seelennahrung. In der Mietküche „Gekreuzte Möhrchen“ bereitet er sie zu. Als kleiner Junge spielte Herbert in den Ruinen von Berlin. Als junger Mann lernte er Taekwondo und machte den blauen Gürtel, spielte Gitarre und malte Aquarelle. Mit 41 Jahren gründete der Dachdeckermeister eine eigene Firma und lebte in einer 185 Quadratmeter großen Wohnung. Dann brannte sein Geschäftspartner mit umgerechnet 700.000 Euro durch und hinterließ Schulden. Herbert Bartz stand vor dem Nichts. In Berlin brach er alle Kontakte ab. In Hamburg fing er noch einmal von vorne an. In einem Zelt lebte er ab Januar 1997 im Wald am Falkensteiner Ufer der Elbe. Sein ers­ tes Aquarell malte er mit Selters, weil die nicht so schnell gefriert wie Wasser. Sein Bild von

der Petrikirche verkaufte er für zehn Mark. „Da wusste ich, ich schaffe es.“ In Altona verkauft er Hinz&Kunzt. Eine Kundin gab ihm fünf Kerzen: eine weiße für innere Zufriedenheit, eine gelbe für geregeltes Einkommen, eine blaue für Anerkennung, eine grüne für Gesundheit und eine rote für die Liebe. Herbert Bartz zündete die rote an. Drei Monate später fand er seine Freundin Ingrid. Inzwischen lebt er in einer eigenen Wohnung, machte drei Ausstellungen mit seinen Aquarellen und schreibt jeden Tag in eine schwarze Kladde, was ihm passiert. 8000 Euro Schulden hat er noch. Monatlich zahlt er 55 Euro zurück. „Ich wünsche mir, dass ich irgendwann schuldenfrei bin“, sagt er. Seit Kurzem hat er wieder Kontakt zu seiner Familie in Berlin aufgenommen. Herzlichen Dank an die Mietküche „Gekreuzte Möhrchen“, Emil Lüdemann GmbH und die Taekwondo-Schule HWAN-OONG


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Stadtgespr채ch HINZ&KUNZT N째213/ NOVEMBER 2010

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Stadtgespräch HINZ&KUNZT N°213/ NOVEMBER 2010

„ Alleine stolperst du“ Hinz&Kunzt Verkäufer Klaus Meier hat einen gesetzlichen Betreuer und ist froh darüber. Uwe Skambraks dagegen betreut Betreuer – und wünscht sich, dass diese ,,druckfest‘‘ sind.

TEXT: FRANK KEIL FOTOS: MAURICIO BUSTAMANTE

Am Anfang ist es nicht so einfach, Klaus Meier zu folgen. Er dehnt die Worte, er verschluckt Buchstaben, hebt und senkt fortlaufend die Stimme. Das hat einen Grund: Klaus Meier ist Spastiker. Nicht immer lief sein Leben in geraden Bahnen. „Ich spreche da ganz offen drüber“, sagt er. „Ich hatte jede Menge Probleme, auch psychische.“ Und Alkohol spielte eine Rolle. Immer wieder verlor er den Halt. Das kann ihm nun nicht mehr so schnell passieren – dank eines gesetzlich bestimmten Betreuers, der seine rechtlichen und finanziellen Belange regelt. Im Gegenzug hat Klaus Meier einige seiner Rechte abgegeben: Er ist zum Beispiel nicht mehr voll geschäftsfähig. Dass Klaus Meier diesen Schritt gewagt hat, ist nicht selbstverständlich. Er holt tief Luft, beginnt seine Lebensgeschichte zu erzählen: „Ich bin Hamburger, groß geworden in Eppendorf. Ich bin früh ins Kinderheim gekommen, war im Internat. Aufgrund meiner Behinderung hab ich immer eine Betreuung gehabt.“ Er setzt eine kleine Pause, holt Schwung: „Mit 18 hab ich gesagt, ihr könnt mich alle mal, Betreuung hin oder her, ich mach jetzt mein eigenes Ding. Wie viele in dem Alter. Ich hab mir eine Wohnung gesucht.“ Doch er kommt auf Dauer mit dem Alleinsein nicht klar: „Alleine wohnen heißt ja auch selber kochen, selber Wäsche waschen; heißt, alleine sein. Und da bin ich in eine Depression gerutscht, wurde Drehtürpatient im Krankenhaus Ochsenzoll. Die Abstände wurden immer kürzer und die Aufenthalte immer länger.“ Zum Glück kommt er in einer Wohngruppe im Rauhen Haus unter, kann schließlich einen Neubeginn wagen. Aber wie soll der aussehen? Für eine solche Wohngruppe ist er zu selbstständig, alleine wohnen will er nicht. Er will nicht, dass es wieder los geht mit dem Briefe nicht öffnen, nicht ans Telefon gehen, nicht den Briefkasten leeren, bis der Strom abgestellt ist, die Wohnung gekündigt wird und alles Klaus Meier hat HORROR vor Behörden. Jetzt hat er einen Betreuer, der ihn zum Amt begleitet.

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Fotos: mauricio bustamante

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Mit Handkarren ziehen Tausende Kartonsammler durch Buenos Aires. Auch La Osa (links) – die Bärin – versuchte einst, sich als cartonera durchzuschlagen


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Mitarbeiter „El Chileno“ (links) und Nachbarinnen schauen La Osa über die Schulter, während sie mit bunten Farben einen Karton bemalt

Träume aus Pappkarton In Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires schlagen sich Tausende Menschen als Kartonsammler durch. Manche schaffen den Sprung in die Kooperative Eloísa Cartonera. Die kauft die Pappe – und erstellt daraus farbenfrohe Buchdeckel

Der farbenfrohe Laden mit dem bunt bemalten Fenster wirkt einladend. Noch mehr aber lockt der umwerfende Duft, der von den Tellern der etwa ein Dutzend Gäste strömt, die sich am Tisch davor mit Nudeln und Schmorfleisch den Bauch vollschlagen. Ein „Gringo“, wie hier in Buenos Aires, Argentinien, die Touristen genannt werden, nähert sich dem Tisch, teils angezogen von der Szene, die sich vor ihm abspielt, teils wegen des Grummelns in seinem Magen. „Ist das hier ein Restaurant?“, fragt er hoffnungsvoll. Aber die junge Frau in dem gelben T-Shirt, die das Essen an dem Tisch serviert, erklärt ihm freundlich: „Nein, mein Freund. Das ist eine Arbeiterversammlung. Wir sind ‚Eloísa Cartonera‘ und stellen Bücher aus Karton her.“ Der Gringo zieht weiter, und die gelb gekleidete Frau schaut ihm hinterher. Sie lächelt viel, in ihren Augen aber spiegeln

sich die endlosen Nächte wider, in denen sie in den Straßen der Hafenstadt herumlief und sich ihr Abendessen in den Mülleimern zusammensuchte. „Los, La Osa, komm essen“, sagt Ricardo zu ihr, und sie geht hin, denn für alle hier im Viertel La Boca ist sie La Osa – die Bärin –, obwohl sie vor 25 Jahren als Miriam Merlo zur Welt kam. Nach dem Essen kehrt La Osa zusammen mit den anderen an ihre Arbeit zurück. Sie bemalt Buchdeckel aus Pappkarton mithilfe von Temperafarben oder Wachsmatrizen mit leuchtenden Farben. „Wir erstellen die Buchdeckel einzeln, jeder ist anders. Jeder malt das, was ihm am besten gefällt. Deswegen sagen wir, dass hier jedes Buch einzigartig ist“, erzählt sie. Das macht La Osa seit fünf Jahren, seit dem Tag, an dem sie beschloss,

den Handkarren, mit dem sie die in der Nacht gesammelten Kartons transportierte, ihrem Mann zu überlassen und bei Eloísa Cartonera anzufangen. Die Arbeit auf der Straße ertrug sie einfach nicht mehr. „Eines Tages sah ich das Lokal hier und fasste den Mut hereinzukommen und nachzusehen, was hier vor sich ging.“ Heute kann sie von der Arbeit bei Eloísa Cartonera leben. Aber nicht nur das: Die Arbeit ist für sie seither das Wichtigste in ihrem Leben – niemals Verpflichtung, dafür immer etwas, das ihr Freude bereitet. Eloísa Cartonera geht zurück auf eine Idee, die der Schriftsteller Washington Cucurto 2001 hatte, als die Wirtschaftskrise das Land erschütterte. Zusammen mit dem Bildhauer Javier Barilaro entwarf Cucurto illustrierte Gedichtbände aus feinem Karton, musste dies aber von einem Tag auf den anderen einstel-


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Bei Eloísa Cartonera bestehen die Buchdeckel aus Karton. Die Innenseiten druckt eine alte deutsche Druckerpresse. Ein glücklicher Kunde schaut in sein Exemplar

len, als die Geldentwertung den Papierpreis in astronomische Höhen schnellen ließ. Als aber die „cartoneros“ – die Kartonsammler – in den Straßen der Hafenstadt zu einer festen Einrichtung wurden, sah Cucurto eine Möglichkeit weiterzumachen. Fortan kauften er und Barilaro den cartoneros die Kartons ab, die diese auf der Straße fanden, um daraus Buchdeckel herzustellen. „Die Bücher fingen an, den Leuten zu gefallen“, erzählt María Gómez, Studentin und maßgebliche Teilhaberin von Eloísa Cartonera. „Journalisten interessierten sich für das Projekt, und so entstand die Idee, die Kartonsammler die Bücher auch selbst herstellen zu lassen. Die Mitarbeiter kamen aus unterschiedlichen Stadtteilen von Buenos Aires, und das Projekt glich zunehmend einer Organisation, die wir später in eine Kooperative umwandelten.“ Leute kamen und gingen. Und Eloísa Cartonera wurde größer. Die Mitglieder der Kooperative sind nicht alle cartoneros, einige sind Schriftsteller, andere Studenten, wieder andere lebten in dem Stadtviertel La Boca und verliebten sich in das Projekt. Einige sind nicht mehr dabei, andere werden kommen. Aber La Osa bleibt entschlossen dabei. „Hier machen alle alles“, erzählt sie voller Stolz, während im Lokal die alte deutsche Druckerpresse der Marke Multilit 1250 im Akkord arbeitet. „Wir drucken die Bücher, wir binden sie, wir bema-

len die Buchdeckel und wir verkaufen sie. Jeder kennt jeden Schritt des Produktionsprozesses.“ Während sie einen der Buchdeckel weiß färbt, erklärt sie, wie das Unternehmen funktioniert: Die Kooperative kauft den Kartonsammlern eine Kiste Pappe zu 25 Centavos (knapp fünf Cent) ab, während auf dem Markt nur 15 pro Kiste bezahlt werden. Jedes Buch wird in einer Auflage von 500 Stück gedruckt, und es gibt um die 180 Titel, von lokalen und lateinamerikanischen Autoren. „Die Autoren überlassen uns aus Solidarität die Rechte für den Druck ihrer Werke auf Karton“, erklärt La Osa. „Der Verlag finanziert sich über den Verkauf der Bücher: die Miete, der Einkauf des Materials, und für uns bleibt auch etwas übrig.“ Die Bücher, die gedruckt werden, werden von allen Mitgliedern der Kooperative ausgesucht und reichen von Werken bekannter Autoren bis hin zu denen völlig unbekannter Schriftsteller. „Neulich kam ein Taxifahrer mit seinem Buch an, und wir haben uns hier mit ein paar Leuten einige seiner Erzählungen durchgelesen“, erzählt La Osa, „und die waren hervorragend. Wenn es nach mir geht, werden wir es veröffentlichen …“ Natürlich fehlt Eloísa Cartonera nicht die Unterstützung bekannter Autoren wie zum Beispiel Tomás Eloy Martínez, der der Kooperative die Erzählung „Bazán“ schenkte. Die Universidad Católica de Lima verschenkte

die Erzählung „La casa de cartón“ von Martín Adán, an der sie die Rechte hielt. Und genauso ging es mit mexikanischen, chilenischen und bolivianischen Titeln. Das Ergebnis ist unvergleichlich: Eloísa war der erste Verlag, der ausschließlich mit recyceltem Karton arbeitet, aber die Idee verbreitete sich rapide in anderen Ländern Lateinamerikas, sodass es heute in Chile, Bolivien, Brasilien, Paraguay und Mexiko ähnliche Unternehmen gibt. María Gomez: „Wir schauen nach vorn. Die Arbeit gibt uns die Möglichkeit voranzukommen. Die Leute müssen sich dessen bewusst werden: Die Chance, etwas zu ändern, steckt in einem selbst und darin, sich zu organisieren. Keiner kann das alleine schaffen.“ alberto moreno Cartoneros in Buenos Aires

Nach Angaben der argentinischen Regierung arbeiten in Buenos Aires rund 12.000 Menschen als Kartonsammler. Die Gewerkschaft der Kartonsammler spricht von mindestens 15.000 cartoneros. Sie sammeln etwa 600 Tonnen Altkarton pro Tag. Mehr Informationen zum Projekt Eloísa Cartonera: www.eloisacartonera.com.ar Wir danken Maureen Syring für die Übersetzung des spanischen Originaltextes.



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Fotos: mauricio bustamante

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Eloísa Cartonera garantiert einigen ehemaligen Kartonsammlern ein regelmäßiges Einkommen. Auch La Osa kann jetzt von ihrer Arbeit leben

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Innenansichten aus dem Hotel Madison. Hier werden die Zimmermädchen mit einem festen Stundenlohn bezahlt – und nicht nach Akkord

Der Hinz&KunztHotelreport Weiterhin verdienen Zimmermädchen in manchen Hotels Hungerlöhne. Es herrscht ein ungeschriebenes Gesetz: Wo kein Kläger, da kein Richter von Ulrich Jonas und Mauricio Bustamante (Fotos)


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Mehr als zwei Zimmer pro Stunde lassen sich kaum reinigen, sagen Hausdamen und Zimmermädchen – zumindest wenn anständig geputzt wird

Im Januar 2007 sorgte das Zimmermädchen Antonia H. bundesweit für Schlagzeilen: 2,46 Euro die Stunde hatte sie als Angestellte einer Reinigungsfirma in einem Hamburger Luxushotel verdient. Hinz&Kunzt deckte daraufhin auf, dass Dumpinglöhne in Hotels keine Seltenheit sind. Gut eineinhalb Jahre nach dem ersten H&KHotelreport zeigen neue Recherchen: Es hat sich offenbar nur wenig verändert. Als Noufoh Bougonou an einem Juni-Sonntag das Hotel Stern an der Reeperbahn betritt, denkt sie, sie habe einen anständigen Job gefunden. Die 41-jährige Togolesin hat die 30-Wochenstunden-Stelle als Zimmermädchen von einer Agentur in Buchholz vermittelt bekommen. Deren Ansage war klar: 8,15 Euro die Stunde – der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn für Reinigungskräfte – werde sie in dem 308-Zimmer-Hotel verdienen, das sich seiner „günstigen Preise“ rühmt. Arbeitgeber der vormals Arbeitslosen ist die Hamburger Reinigungsfirma PM Landsmann. Nach drei Wochen Arbeit erhält Noufoh Bougonou ihren Arbeitsvertrag – und erlebt eine böse Überraschung. Im Vertrag steht: „Der Arbeitnehmer erhält einen Leistungslohn von 1,70 Euro/brutto (Abreise) und 0,5 Euro/brutto (Bleibe) pro Zimmer als Arbeitslohn.“ Das Ergebnis: Für eine Woche Arbeit im Juni bekommt sie 98 Euro brutto berechnet, für den Juli 535,60 Euro brutto. Hätte Noufoh Bougonou nicht eine gute Freundin, sie würde vielleicht heute noch für einen Hungerlohn arbeiten – für eine Schwarzafrikanerin, die ein paar Brocken Deutsch spricht, ist der Arbeitsmarkt eng. So aber landet

die Geschichte bei Rechtsanwalt Christian Lewek. Der ermittelt für Juni einen Lohnanspruch von 342,30 Euro brutto, für Juli sind es 1059,50 Euro brutto – zusammen mehr als das Doppelte dessen, was PM Landsmann berechnet hat. Auf sein erstes Schreiben reagiert die Reinigungsfirma zunächst nicht. „Putzen im Akkord“: Unter dieser Überschrift deckte Hinz&Kunzt im März vergangenen Jahres auf, dass Hamburger Zimmermädchen oft schlecht bezahlt werden. Vor allem dort, wo Hoteliers Subunternehmer mit der Reinigung ihrer Zimmer beauftragen, so das Ergebnis, werden Putzkräfte häufig mit Hungerlöhnen abgespeist. Der „Trick“: Sie werden mit „Akkordlohn“ pro gereinigtes Zimmer bezahlt. Nachdem der Bericht für Medienrummel sorgt, startet der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga eine Initiative gegen Lohndumping. 121 Hamburger Häuser erklären daraufhin „verbindlich“: „In diesem Hotel wird für tarifgerechte Löhne gesorgt.“ Bemerkenswert ist: Rund 180 Häuser haben sich der Initiative bis heute nicht angeschlossen – unter ihnen das Hotel Stern. Doch auch in Häusern, die sich nach eigenem Bekunden um faire Löhne kümmern, klaffen Anspruch und Wirklichkeit mitunter auseinander. Das Hotel Böttcherhof zum Beispiel hat sich der Dehoga-Initiative angeschlossen. Auf H&K-Anfrage erklärt die Verkaufsleiterin am 27. August, das Vier-Sterne-Haus habe eine Reinigungsfirma beauftragt, die das Gütesiegel für Gebäudereiniger trage und sich somit regelmäßig prüfen lasse. Das hört sich gut an: Denn


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Unzertrennlich Fast jeder hütet ein Kleidungsstück fürs Leben – und sei es noch so abgewetzt. Mauricio Bustamante hat Menschen in ihren Lieblingsstücken fotografiert

Meisterstück: Gerrits warme Lederjacke


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Erinnerungsstück: Torstens Fußballtrikot

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Kunstst端ck: Peters Zwirn mit Kellnerfliege

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Erbst端ck: Peter Stapelfeldts Arbeitsweste

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Schmuckst端ck: Lauras Tiroler Tracht

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Strickst端ck: Erichs malerischer Pullunder

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Große Liebe Ein Hund macht es für viele Hinz&Kunzt-Verkäufer noch schwieriger, eine Unterkunft zu finden. Aber auf das Tier zu verzichten kommt für kaum jemanden infrage

Gerrit mit Husky Nic: „Wenn ich Nic nicht an meiner Seite hätte, wäre ich wahrscheinlich längst tot. Als ich sie damals vom Züchter bekommen habe, hatte ich noch eine Wohnung. Sie ist mit mir zusammen auf die Straße gegangen.“






Fotos: Mauricio Bustamante

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Uwe mit Aische: „Ich hatte das Glück, in einer Kirchenkate unterzukommen. Sonst gäbe es nur die Straße – da muss ich im Sommer wieder hin. Ins Pik As würde ich nicht gehen. Da habe ich Angst, beklaut zu werden.“

Michael mit Spitz Max: „Eigentlich wollte ich mir einen anderen Hund kaufen. Als ich mir den beim Züchter ausgesucht habe, versteckte sich der Hund vor mir. Aber Max kam gleich auf mich zu gesprungen. Er hat sich quasi mich ausgesucht.“

Auf Gerrits schwarzer Vliesjacke haften unzählige weiße Fussel. Fellhaare von seiner Huskyhündin Nic. Seit Jahren sind beide unzertrennlich. An Hinz&Kunzt-Verkäufer Gerrit lässt sich besonders gut erklären, warum ein Obdachloser einen Hund braucht: „Ohne Nic wäre ich längst tot.“ Einmal hatte der 32-Jährige Nic weggegeben. Da wollte Gerrit sich vor eine U-Bahn werfen. Er hatte Glück, die Bahn bremste rechtzeitig. Danach verbrachte Gerrit einige Wochen in der Psychiatrie. Seither ist Nic wieder immer an seiner Seite. „Ich bin Borderline und habe Depressionen“, sagt Gerrit. „Manchmal fehlt mir morgens einfach die innere Kraft, aufzustehen. Wahrscheinlich wäre ich schon längst liegen geblieben. Aber dann kommt ja immer Nic und will Aufmerksamkeit.“ Gerrit nimmt einiges auf sich, den letzten Freund, der ihm geblieben ist, nicht zu verlieren. Seit Monaten plagen ihn extreme Rückenschmerzen. Nur mit starken Schmerzmitteln sind sie zu ertragen. Da draußen zu schlafen ist sehr ungesund. „Aber was soll ich machen? Es gibt für mich keine Wohnung.“ Je stärker die Schmerzen werden, desto verzweifelter suchte Gerrit. Ohne Erfolg: Obdachlose

haben kaum Chancen auf dem Wohnungsmarkt – zu groß sind die Vorbehalte der Vermieter. Für einen Obdachlosen, der einen Hund mitbringt, ist es fast unmöglich, eine Wohnung zu finden. Schließlich bekam Gerrit doch noch eines der begehrten Hundezimmer in der Notunterkunft Pik As. Gerade mal 15 Plätze für Obdachlose mit Hund stehen dort zur Verfügung – für ganz Hamburg. Das Pik As musste für dieses Angebot einigen Aufwand betreiben: „Die Hundezimmer sind im Gegensatz zu den anderen Räumen Einzelzimmer und lassen sich abschließen“, sagt Pik-As-Chef Hartwig Kwella. „Schließlich verteidigen Hunde ihr Revier – in normalen Zimmern wäre das gefährlich.“ Die Nachfrage ist groß: „Die Hundezimmer sind alle besetzt“, so Kwella. In den anderen Unterkünften des Winternotprogramms, das verhindern soll, dass jemand im Winter auf der Straße schlafen soll, haben Obdachlose deswegen überhaupt keine Chance. Sozialbehörden-Sprecherin Jasmin Eisenhut hält die Plätze für ausreichend: „Auch obdachlose Menschen, die mit einem Hund ins Winternotprogramm kommen, werden nicht abgewiesen. Sie erhalten im Pik As einen Schlafplatz. Wenn zusätzliche Plätze erforderlich sind, wird die Zahl dem Bedarf angepasst.“ Pik-As-Chef Hartwig Kwella dementiert: „Das gilt nur für echte Notfälle – wenn draußen lebensgefährliche Temperaturen herrschen. Dann würden wir ein Zimmer leer räumen. Aber sonst ist das nicht möglich.“ Auch in den Kirchenkaten, k leinen, provisorischen Unterkünf ten in den Gemeinden, in denen Obdachlose unterschlüpfen können, dürfen keine


Kunzt&Kult Sie haben den Dreh raus: Seit 30 Jahren will das Hamburger Filmemacher-Kollektiv Die Thede (S.42) mit der Kamera die Welt verbessern. Beim Harbour Front Literaturfestival lesen Todd Strasser und andere Stars der Literaturszene (S. 46) zugunsten von Hinz&Kunzt. Und Hinz&Künztler Peter (S. 54) will auch ohne Ausbildung einen Job finden. Bei Herrn Konrad und Frau Ute fliegen die Keulen: Am ersten September-Wochenende bezaubern die beiden Hamburger PROFI-CLOWNS ihr Publikum beim Straßenkünstler-Festival Buskers Ville in Altona. FOTO: MAURICIO BUSTAMANTE


Kunzt&Kult HINZ&KUNZT N°211/ SEPTEMBER 2010

Herr Konrad, Frau Ute und ihre komische JONGLAGEKUNST sind im September auf Altonas Straßen zu sehen.

„Wenn es langweilig wird, sind die Leute weg“ Als jonglierende Clowns Frau Ute und Herr Konrad bespaßen Rike Eckhoff und Philipp Marth das Publikum beim Straßenkünstler-Festival Buskers Ville in Altona

TEXT: SYBILLE ARENDT FOTO: MAURICIO BUSTAMANTE

„Herr Konrad, so geht das nicht! Wo ist da die Action?“ Herr Konrad, im Spießer-Anzug und mit Kassenbrille, schaut verwirrt. Er greift nach seinen Keulen und legt los. Aber sofort funkt seine selbst ernannte Assistentin Ute wieder dazwischen. Mit viel Witz und gekonnter Artistik zeigen die beiden Clowns in ihrer Show, wie die temperamentvolle Frau Ute Herrn Konrads Auftritt aufpeppt und am Ende sogar sein Herz erobert. Zu sehen sind die beiden im Rahmen des Buskers Ville Festivals der Straßenkünste am ersten September-Wochenende auf den Straßen Altonas.

sondern auch noch im Duo „2 Clowns“ und solo als Klinikclown und auf Kindergeburtstagen. Der Künstlerin liegt das Spontane und die Improvisation. Als Frau Ute kann sie beides voll ausleben. „Nach so einem Auftritt bin ich dann immer ganz ruhig“, sagt sie. Philipp Marth ist zurückhaltender, auf der Bühne und im Leben. Der 43Jährige hat seine künstlerische Karriere im Jugendtheater begonnen und bei einem Zirkusworkshop die Freude am Jonglieren entdeckt. „Ich bin leider keine Sportskanone und habe mir alles selbst beigebracht. Am Anfang habe ich acht bis zehn Stunden am Tag trainiert.“ Auch heute noch übt er meist täglich mit seinen Bällen und Keulen. „Andere gehen joggen, Philipp geht jonglieren“, meint Rike Eckhoff. Marth ist ein Perfektionist, bei dem jede Bewegung und jeder Ton perfekt aufeinander abgestimmt werden. Seine aktuelle Bühnenmusik hat er elfmal umgeschrieben. Die beiden freuen sich auf den Auftritt beim Buskers Ville, auch wenn es für sie wie für alle anderen Künstler keine Gage gibt, sondern nur ein Hut herumgeht. Rike Eckhoff schätzt die Herausforderung des Auftritts auf der Straße: „Du musst immer präsent sein.“ Philipp Marth, der Techniker, spielt eigentlich lieber auf der Bühne. Zwar gibt es auch da schlechte Abende. „Das ist ein wenig wie sterben“, meint er. „Aber auf der Straße zu arbeiten, ist unglaublich schwer. Wenn es langweilig wird, sind die Leute weg.“ Das wird allerdings bei Herrn Konrad und Frau Ute nicht passieren. Dafür gibt es viel zu viel Action. XNiP: FBXH4G

Was bei Herrn Konrad und Frau Ute so leicht aussieht, ist die Frucht harter Probenarbeit. Philipp Marth und Rike Eckhoff, die auch privat ein Paar sind, haben ihren Beruf von der Pike auf gelernt und können sich gar keinen anderen Broterwerb vorstellen. „Ich wollte schon immer einen Beruf, bei dem ich abends weiß, dass der Tag sich gelohnt hat“, erzählt Rike Eckhoff. „Und ich liebe es, Menschen zum Lachen zu bringen und zu berühren.“ Die 32-Jährige hat eine Ausbildung zur Clownin absolviert. Sie tritt nicht nur als Frau Ute mit Herrn Konrad auf,

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Festival der Straßenkünste Buskers Ville, 3. bis 5.9., Altona: Kleinkunst auf den Straßen Altonas im Rahmen des StampFestivals. An zwölf Orten spielen rotierend 25 internationale Gruppen und Einzelkünstler. Zuschauen kostet nichts, aber ein angemessenes Hutgeld sollte Ehrensache sein. Herr Konrad und Frau Ute sind an folgenden Spielorten zu sehen: Hospitalstraße/Ecke Schomburgstraße, Freitag, 3.9, 18 Uhr; Neue Große Bergstraße/Höhe Budnikowski, Samstag, 4.9., 14.15 Uhr; Lornsenstraße/Ecke Schumacherstraße, Sonntag, 5.9., 19.30 Uhr. Komplettes Programm unter www.stamp-festival.de


Stadtgespräch Rubrik HINZ&KUNZT N°207/MAI 2010

Unter der Kersten-Miles-Brücke am Bismarck-Park wohnt seit Monaten eine Gruppe junger obdachloser Punks. Die Bild-Zeitung machte im März lautstark Stimmung gegen sie und warf ihnen vor, Touristen abzuschrecken und den Park zu vermüllen. Auch der Bezirk Mitte möchte die Punks möglichst schnell von der Straße kriegen. Wir haben die jungen Leute kennengelernt und uns selbst ein Bild gemacht.

„Wir sind doch keine Affen im Zoo!“

TEXT: HANNING VOIGTS FOTOS: MAURICIO BUSTAMANTE

Unter dem Schlafsack lugen zwei strubbelige, giftgrün gefärbte Haarschöpfe hervor. Gegen den kalten Wind haben Asi und Tsecke sich eng aneinandergekuschelt. Das junge Pärchen ist gerade erst wach geworden. Ihre Mischlingshündin „Knoppers“ liegt neben ihnen, leckt ihre Lefzen und blinzelt friedlich in die Sonne. „Morgen“, murmelt Tsecke verschlafen. Nur eine Minute zu Fuß von den Landungsbrücken entfernt, unter der

Kersten-Miles-Brücke, liegen zwölf junge Menschen auf Isomatten und alten Matratzen. Einige leben seit mehreren Monaten hier, haben sogar hier überwintert. Andere sind gerade erst dazugekommen. Ihr Schlafplatz ist vollgestellt mit Kerzen, Campingkochern und Klamotten, es liegen Bierflaschen und alte Plastiktüten herum. Vier Hunde wuseln umher, es herrscht ein ziemliches Durcheinander. Richtig ordentlich sehen nur die drei metallenen Hundenäp-

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fe aus: Sie sind fein säuberlich aufgereiht und mit Trockenfutter und frischem Wasser gefüllt. Die meisten hier sind zwischen 16 und 25 Jahren. Sie sind Punks, sagen sie. Und sie sagen auch, dass sie auf ein normales Leben einfach keine Lust haben. „Ich habe Punkrock im Herzen“, sagt zum Beispiel Skunxs, der mit seinen 31 Jahren hier einer der Ältesten ist. „Ich lebe meine Freiheit, meine eigene Anarchie, ich bin von niemandem abhängig.“


Stadtgespräch HINZ&KUNZT N°207/MAI 2010

Tsecke (19) hat im vergangenen Sommer noch in Freiburg gelebt. Im Juli 2009 verlor er seine Wohnung. „Da habe ich mir gedacht, es wäre mal wieder Zeit für eine RUNDREISE“, sagt er. Den Winter hat er in einem besetzten Haus in der Nähe von Hamburg verbracht. Jetzt, wo der Frühling kommt, treibt es ihn wieder auf die Straße. „Bei den Temperaturen, die jetzt herrschen, kann man schon ohne Probleme draußen schlafen“, findet er.

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Stadtgespr채ch HINZ&KUNZT N째207/MAI 2010

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Stadtgespräch HINZ&KUNZT N°207/MAI 2010

Mascha ist 20 Jahre alt und lebt schon länger unter der Kersten-Miles-Brücke. RESPEKTLOS, SCHEISSE UND JUNG steht auf ihrem Pullover (linke Seite oben). Asi hat schon vergangenen Sommer unter der Brücke Platte gemacht, seit Anfang März lebt sie mit ihrem Freund Tsecke wieder hier (linke Seite unten). Wie lange sie in Hamburg bleibt, weiß die 20-Jährige nicht. „Ich bin eine Reisende“, sagt sie. Bild oben: Rambo (21) und Krümel (20) sind das zweite Pärchen in der Gruppe.

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Stadtgespräch HINZ&KUNZT N°207/MAI 2010

Jetzt gibt’s Frühstück: Kartoffelsalat für Adiloi (links) und Rambo, Trockenfutter für die HUNDE. Vier Mischlinge leben mit der Gruppe auf der Platte. Um ihre vierbeinigen Freunde kümmern sich die jungen Leute teilweise besser als um sich selbst, das Futter bekommen sie meist geschenkt. Den Vorwurf der Bild-Zeitung, ihre Hunde verdreckten den Bismarck-Park, können sie nicht nachvollziehen. Als gute Besitzer würden sie ihren Tieren einfach nur genügend Auslauf bieten wollen.

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Gute Swingungen Ldjfejkle[[iXl\e1K_\JXebkGXlc`DX[GXZbdXZ_k\`e\J_fnn`\ \`ejk=iXebJ`eXkiXle[j\`eIXkGXZb%@d8l^ljkn`[d\k[XjJn`e^$;lf ?`eqBleqk\`e\e8l]ki`kk

„Könnt ihr auch mal was von Elvis spielen?“ Der obdachlose Rock-’n’Roll-Fan lässt nicht locker. Wieder und wieder kommt er während der Auftritte des Sankt Pauli Mad Pack mit seinem Liederwunsch. Marcus Prell und Dennis Durant würden ihn ja gerne erfüllen. Aber: Sie machen nur Swingmusik. Ein halbes Jahrhundert nach den legendären Auftritten des Rat Pack in Las Vegas spielen sie dessen Lieder. Mit der Musik von Frank Sinatra, Sammy Davis jr. und Dean Martin bringen sie das edle Flair der 60er-Jahre nach Hamburg. Kiezgänger kennen die beiden wahrscheinlich: Mehr als 20 Shows geben Prell und Durant in diesem Sommer auf dem Spielbudenplatz. St. Pauli bezeichnen sie als „unser Wohnzimmer“ – nicht weil sie von hier kommen, sondern weil sie sich in Hamburg zu Hause fühlen, und auf Pauli besonders. Der 39-jährige Dennis Durant wurde in Süddeutschland als Sohn einer Deutschen und eines Amerikaners geboren. Seiner Herkunft verdankt er zwei „Fremdsprachen“: Durant spricht amerikanisches Englisch und Schwäbisch. Er ist nicht nur Sänger, sondern auch Moderator und ausgebildeter Schauspieler. Er war in der TV-Serie „Balko“ zu sehen und in den Daily Soaps „Verbotene Liebe“ und „Alles was zählt“. 2002 kam er nach Hamburg und gab zweieinhalb Jahre lang im Musical „König der Löwen“ den bösen Löwen Scar und das skurrile Warzenschwein Pumbaa. Nach dem Ende seines Engagements beim „König der Löwen“ blieb er in der Stadt. „Ich habe mich in Hamburg verliebt“, sagt Durant. Nach wie vor tummelt er sich auf vielen Baustellen. „Baustellen? Das sind schon Häuser“, sagt Durant. „Man muss gucken, wo was läuft und sich mehrere Standbeine aufbauen.“ Er produziert auch seine Musik selbst. „Ich will mir nicht von einem Produzenten reinreden lassen, der mir dann sagt, wie ich mich anziehen oder wie ich singen soll.“ Seinem Mad-Pack-Partner Marcus Prell begegnete Durant vor fünf Jahren. Beide waren auf dem Hofwegfest in Uhlenhorst engagiert: Durant als Moderator, Prell mit seiner Band als Sänger. Sie waren sich sympathisch, trafen sich ein Jahr später – gleicher Ort, gleiche Zeit – wieder und blieben in Kontakt. Aus Bekanntschaft wurde Anfang 2008 ein gemeinsames Projekt – das Sankt Pauli Mad Pack –, und daraus wurde Freundschaft. Ein Wort, das die beiden mit Bedacht benutzen. „Wir kennen uns mittlerweile sehr gut. Da baut sich ein Vertrauensverhältnis auf“, sagt Durant, der längst nicht jedem über den Weg traut. „Auch wenn wir noch kleine Lichter sind, gibt es schon Leute, die meinen, ein Potenzial bei uns zu sehen und die sich dann einklinken.“ Prell und Durant ticken ähnlich. „Ich wollte mich nicht länger mit Intendanten rumschlagen“, begründet Marcus Prell seinen – nicht endgültigen – Ausstieg aus der Welt des Theaters. Der ausgebildete Schauspieler war zuletzt am Hamburger Ernst Deutsch Theater engagiert. Aufgewachsen ist der 41-Jährige im beschaulichen Bad Oldesloe. Seine Heimat ist längst Hamburg – auch wenn er mittlerweile mit seiner Frau und den drei Kindern in Buxtehude lebt. „Wenn ich

mit der S-Bahn in den Hauptbahnhof einfahre, ist das jedes Mal wie nach Hause kommen.“ Prell und Durant treten als Mad Pack zwar in ganz Hamburg bei Events wie dem Hafengeburtstag und dem Alstervergnügen auf. Ihr Mittelpunkt bleibt aber St. Pauli mit der Spielbudenplatzbühne. Ganz bewusst haben sie ihre Band nach dem berüchtigten Stadtteil getauft. „Wir gehören hierher“, sagt Prell. „Wir wollen uns auch vor den Menschen hier nicht verschließen“, sagt Durant, der selbst auf Pauli wohnt. Sich etwa für Obdachlose zu engagieren gehört für die beiden wie selbstverständlich dazu: „Benefizveranstaltungen sind wichtig“, sagt Prell. Im Mai spielte das Sankt Pauli Mad Pack ohne Gage bei einer Versteigerung zugunsten von Hinz&Kunzt und Viva con Agua. Am 23. August werden sie auf dem Spielbudenplatz auftreten und den gesamten Abend dem Straßenmagazin widmen. Zuschauer, die ihnen bei ihren Auftritten öfter begegnen, begrüßen sie mit Handschlag – die beiden 80-jährigen Damen aus der nahe gelegenen Senioren-Wohnanlage, die regelmäßig mitswingen, wie den Obdachlosen, der am Rande des Geschehens zur Swingmusik sein Flaschenbier trinkt. Sie spielen Musik für alle. „Swing hat ein gewisses Niveau, da kann man im Abendkleid Standard tanzen“, sagt Durant. „Oder chillen“, sagt Prell – obwohl er dieses Wort eigentlich nicht sagen soll, finden seine Kinder. Das höre sich doof an. In jedem Fall sei Swing alles andere als out. „Swing war nie weg, Sinatra war nie tot“, sagt Prell. Lieder wie „Mister Bojangles“ und „Fly me to the moon“ sind heute noch genauso beliebt wie vor 50 Jahren. „Unsere älteren Zuschauer kennen die Songs noch vom Original Rat Pack, die jüngeren von Robbie Williams oder Michael Bublé“, sagt Prell. Aus Swingmusik und launigen Sprüchen improvisieren Durant und Prell eine Show, die es oft erst mal schaffen muss, dass überhaupt jemand stehen bleibt und zuhört. Das können bei Hamburger Großveranstaltungen oder auf dem Spielbudenplatz Jugendliche oder Senioren, Theaterbesucher oder Touristen sein. Nur eins haben die gemeinsam: Um das Sankt Pauli Mad Pack zu sehen, bezahlen sie nichts. „Das ist immer wieder eine Herausforderung“, sagt Durant. Umso schöner, wenn der Platz vor der Bühne dann gefüllt ist und sogar getanzt wird. Auch schön, wenn manche wiederkommen. Wie der Obdachlose, der sich so dringend ein Lied von Elvis Presley gewünscht hat und immer wieder danach fragte. Und dem Prell und Durant immer wieder geantwortet haben, dass sie nur Swing spielen. Bis sie schließlich kapitulierten. Prell durchforstete seine Plattensammlung – und mittlerweile hat das Mad Pack einen Ausreißer im Programm. Ein wunderschönes Lied, wie beide finden, und eine Bereicherung für ihre Show: „Can’t help falling in love“, von Elvis Presley. 9<8KI@:<9C8EB


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Adventskränze und Kronenkorken

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Der Aufgerüschte

Der Künstlerische

Susi geht mit ihrem Adventskranz in die Vollen. Ihr Kranz ist mit goldenem Geschenkband umwickelt und üppig mit allem verziert, was weihnachtlich ist und glitzert. Kronenkorken und Mülltüten rührt sie nicht an. Von der Straße hat sie wohl genug: Susi hat zehn Jahre in Langenhorn Platte gemacht. Zu Weihnachten hat sie von Kunden einmal einen Plastikkranz bekommen und einen Stofftiger. Der sitzt heute noch neben ihr und ihrem Mann auf dem Sofa. Auch Susis Weihnachtswunsch ist vollkommen unbescheiden. „Ich möchte leben wie Gott in Frankreich und jeden Tag schöne Kleider tragen.“

Lauras Kranz ist ein richtiges Kunstwerk. Er versteckt seine strohige Herkunft nicht und schmückt sich mit Lauras mitgebrachten Fundstücken und Alltagsgegenständen statt mit Glitzerkram. Kamm, Gürtel und ein von Sozialarbeiterin Isabel geschenkter silberner Tannenbaum schmücken Lauras Werk. Auch gegen das langweilige Liegen auf dem Tisch lehnt er sich auf: Lauras Kranz möchte stehen oder an der Wand hängen. Ungewöhnlich ist auch der Weihnachtswunsch der ehemaligen Tanztherapeutin: „Ich würde gern eine Gruppe gründen, die selbstbestimmt zusammenlebt und -arbeitet, und in der alle glücklich sind.“

Fotos: MAURICIO BUSTAMANTE

Die Frauengruppe von Hinz&Kunzt präsentiert fünf außergewöhnliche Adventskränze der etwas anderen Art


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Der Trotzige

Der Kompromiss

Maria hat ihren Strohkranz mit goldenem Band umwickelt und ihn üppig mit rotem und grünem Glitzerband verziert. Ganz konventionell ist ihre Arbeit aber doch nicht, denn zwischen den Flitterkram hat sie Kronenkorken platziert. Weihnachten ist für sie ein schlimmer Tag. „Ich habe noch nie richtig Weihnachten gefeiert, etwas hat immer gefehlt.“ Wenn sie einen Wunsch frei hätte, wäre es ein kleines Hausboot. „Ich bin am Wasser geboren und vermisse es.“

Bei Giselas Kranz schimmert das Stroh noch durch. Sie hat ihn mit rotem Geschenkband umwickelt und mit Tannenzapfen und Weihnachtsbaumschmuck verziert. Ihr Weihnachtswunsch ist schon erfüllt: Sie hat gerade 3000 Euro im Lotto gewonnen und wird jetzt heiraten und vom Gewinn ein schönes Hochzeitsfest feiern. „Alles, was ich jetzt noch brauche, ist Gesundheit.“


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Den Trinkraum in Kiel hat die Stadt als „Maßnahme zur Entspannung der Straßenszene“ eingerichtet, also nicht als sozialpädagogisches Projekt

„Hier kann uns keiner vertreiben“ Um die lokale Trinkerszene und die Gewalt in St. Pauli einzudämmen, wollen Hamburger Politiker das Trinken in der Öffentlichkeit verbieten. In Kiel gab es diese Diskussion schon vor mehreren Jahren, ein Trinkverbot scheiterte vor Gericht. Die Stadt Kiel und das Straßenmagazin Hempels haben stattdessen einen „Saufraum“ für die lokale Trinkerszene geschaffen. Hinz&Kunzt hat das Projekt besucht. Kai kommt jeden Tag hierher. In dem großen verqualmten Raum in der Schaßstraße fühlt sich der 47-Jährige wohl. Während er einen Kaffee trinkt und sich an der Theke eine Ziga-

rette dreht, packen die anderen Gäste gerade ihren Alkohol aus, den die meisten sich selber mitgebracht haben: Bier in Plastikflaschen, billiger Weißwein aus Tetrapaks, alles, nur nichts Hochprozentiges – das ist verboten. Mit der großen Holztheke und den langen Tischen wirkt der Raum fast wie eine ganz normale Kneipe. Zwei Hunde wuseln durch die Gegend, es läuft Musik von Led Zeppelin. Einige Gäste – die meisten sind arbeitslos, haben aber eine Wohnung – sind um diese Uhrzeit schon ziemlich betrunken, trotzdem macht die Szene einen friedlichen Eindruck. Dass die Leute hier schon morgens trinken dürfen und auch ihren eigenen Alkohol mitbringen

können, ist eine der zentralen Ideen hinter dem Projekt. Gestartet wurde der „Saufraum“ 2003 nicht etwa als sozialpädagogisches Projekt, sondern weil die Stadt das Stadtbild „verschönern“ wollte. „Maßnahme zur Entspannung einer Straßenszene“ heißt das im Behördendeutsch. Anwohner hatten sich immer wieder über Gruppen von Betrunkenen in der Gegend beschwert. Auch Kai gehörte zur Trinkerszene. Weil er und die anderen kein Geld für den Gang in die Kneipe hatten, kauften sie sich den Stoff eben beim Discounter. „Wir saßen oft auf einer Mauer vorm Aldi, bis sie da einen Zaun auf die Mauer gebaut haben.“

Fotos: Mauricio Bustamante

Die Stadt Kiel verbietet nicht das Trinken in der Öffentlichkeit, sie finanziert der Szene stattdessen einen „Saufraum“


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Die Gäste dürfen ihren Alkohol selbst mitbringen, nur Hochprozentiges ist verboten

Von da aus zog die Gruppe weiter zum nahegelegenen verwahrlosten Spielplatz. „Aber vom Spielplatz und aus dem Park hat man uns auch immer verscheucht“, sagt Kai. Das Trinkverbot. Kieler Politiker sahen zunächst in einem Trinkverbot auf öffentlichen Straßen und Plätzen eine Lösung. Das Straßenmagazin Hempels hatte sich aktiv in die Diskussion eingeschaltet. „Wenn hier Leute mit Geld durch die Straßen torkeln dürfen, dann dürfen das arme Leute auch“, sagte Hempels-Vorstand Jo Tein. Das Trinken in der Öffentlichkeit könne man nicht verbieten. „Wie soll denn das gehen, wenn man in einer normalen Kneipe Bier trinken darf, aber nicht auf einer Parkbank? In diesem Sinne entschied auch das Oberverwaltungsgericht Schleswig im Juni 1999. Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, so befanden die Richter, beeinträchtige nicht in unzumutbarem Maße die Nutzung von Straßen und öffentlichem Raum und stelle auch kein generelles Sicherheitsrisiko dar. Bei alkoholbedingtem Fehlverhalten wie

Pöbeln oder Urinieren im Freien sei dann ganz normal die Polizei zuständig. Das Trinkverbot war vom Tisch. Etwa zeitgleich meldeten die Verkäufer von Hempels den Wunsch an, ein Clubcafé zu eröffnen. Gute Idee, befand der Vorstand. Ob dort Alkohol ausgeschenkt werden sollte oder nicht, wurde lange diskutiert. Aber dann gab es eine Mehrheitsentscheidung zugunsten der Verkäufer. Die Argumente: „Wenn wir einen eigenen Treff haben, wollen wir das auch selbst entscheiden mit dem Alkohol“, befanden sie. „Wir sind erwachsene Leute.“ Tein hatte durchaus Bauchschmerzen bei der Entscheidung. „Aber sie hat sich bewährt“, findet er. Draußen auf der Straße spitzte sich die Lage zu. Das Trinkverbot war zwar gekippt, aber nichtsdestotrotz wurde es für die Trinkerszene ungemütlich: Ständig gab es Kontrollen und Platzverweise, weil sich irgendwer belästigt fühlte. Ausgerechnet ein „Behördenmensch“ hatte dann eine Idee: Christoph Schneider, Abteilungsleiter im Amt für Wohnen und Grundsicherung der Stadt Kiel, ist quasi der

Erfinder des „Saufraums“. Er beurteilt ein Trinkverbot ganz ähnlich wie Hempels: „Man kann nicht allen das Trinken verbieten, denen eine normale Kneipe zu teuer ist.“ Weil Gruppen von Trinkern aber für viele Kieler trotzdem bedrohlich wirken, plädierte er für einen eigenen Raum für die Szene. Eine Art Café „ist eine bessere Lösung, als die Trinker immer wieder zu vertreiben und sie wie Kriminelle zu behandeln“. Erstaunlich. Die Szene hat den „Saufraum“ offensichtlich angenommen. Vor Aldi, auf dem Spielplatz – niemand mehr. Ohne Trinkverbot. Einfach nur, weil es draußen ungemütlich wurde – und drinnen anheimelnd. Es gibt nicht nur den Raum, der von 9 bis 15 Uhr geöffnet ist, es gibt auch Ein-Euro-Jobs. Die Stadt finanziert das Angebot mit 75.000 Euro auf eine Dauer von drei Jahren. Davon werden zwei Tresenkräfte beschäftigt. Eine Weile hat Kai als Ein-Euro-Jobber an der Theke gearbeitet, jetzt hilft er manchmal ehrenamtlich, wenn eine Thekenkraft ausfällt. Die Arbeit mache ihm Spaß, sagt Kai.


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Freiheit für die Bücher Auf der Straße ein schönes Buch finden und es einfach mitnehmen? Für eine Nacht machte eine Buchguerilla den Traum wahr und legte in Hamburg Hunderte Romane auf Parkbänke und Autoscheiben – aus Freude über eine Welt, die im Kopf entsteht. Es ist 22.05 Uhr, vor einem Klinkerbau in Winterhude. Hinter gelb erleuchteten Fenstern f lackert das hellblaue Licht des modernen Lagerfeuers, des Fernsehers. In einer Wohnung im zweiten Stock stehen dicht an dicht Menschen. Einige tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Freiheit den Büchern!“. Auf dem Boden sitzt eine rothaarige Frau vor einer Kiste mit Romanen, die in Plastiktüten liegen. Noch eine halbe Stunde, dann legen Antje und ihre Freunde, getarnt als Buchguerilla, den Hamburgern Romane vor die Türe, verschwinden wieder so lautlos, wie sie gekommen sind, und hinterlassen dabei nur ein Bekennerschreiben: „Dieses Buch wurde von der Hamburger Buchguerilla aus dem Regal befreit, um Dir eine Freude zu machen!“ Am Küchentisch drängen sich sieben Guerilleros und drei Helfer. „Seid Ihr bereit?“,

fragt Kerstin. Alle nicken. Antje bindet sich einen schwarzen Stoffstreifen mit zwei Löchern um den Kopf. Ende 2008 begann alles mit einer spontanen Idee nach einer spannenden Lektüre. Die 29-Jährige hatte gerade begeistert „Traumatische Tropen“ von Nigel Barley gelesen, einem Ethnologen, der in Kamerun forscht und erlebt, wie seine Wissenschaft auf Wirklichkeit trifft. Antje ging begeistert mit dem Bericht in der Hand durch die Straßen. Wenn das doch auch andere lesen würden! Vor einem Klingelschild blieb sie stehen, „Karin“ stand darauf. Antje schrieb eine Widmung in das Buch und warf es in den Briefkasten. „Eine einmalige Geschichte. Für Dich“. Aus der impulsiven Handlung ist eine gemeinsame Aktion von Freunden geworden, die sich aus Studienzeiten kennen. Der Tag, an dem die wundersamen Welten in Buchdeckeln in Hamburg liegen sollten, stand schnell fest; der Welttag des Buches am 23. April. Uhrenvergleich: 22.35 Uhr. „Es geht los!“, ruft Kerstin. Alle tragen eine Kiste die Treppe hinunter bis zur Straße, und beladen zwei VWBusse und einen Mercedes, die mit angeschal-

teten Warnblinkern in zweiter Reihe stehen. Seit Hinz&Kunzt im März zum ersten Mal von der geplanten Aktion berichtete und zu Buchspenden aufrief, zog die Nachricht Kreise: Lauter Reporter mit Block und Kameras begleiten sie. Türen klappern, „Abfahrt!“, ruft jemand. Ich fahre im silbernen Mercedes-Benz mit, der dem Vater von Felix gehört. Tobias lenkt. Erstes Ziel: Abaton-Parkplatz. Im Kofferraum sind gewichtige Werke, die sich über Wochen angesammelt haben. Klassiker sind dabei, wie Thomas Manns „Zauberberg“ über ein Sanatorium und seine verschrobenen Gäste, und Bestseller wie Henning Mankells psychologischer Krimi „Die fünfte Frau“ mit einem verzweifelten Kommissar. Es sollten immer besondere Werke sein, kein Ramsch. Es gab auch Bücher, die keinen Anklang fanden, wie „Die Entwicklungen der Molkereien in SchleswigHolstein“. In einer Bücherkiste fand Antje die gesammelten Reden Adolf Hitlers. Der Band lag in einer Kiste, die der verstorbenen Tante einer Bekannten gehört hatte. „Das haben wir schön beiseite gelegt“, sagt Antje. Das nächtliche Hamburg zieht am Seitenfenster vorbei. „Beim Stöbern in den Büchern

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Das erste Buch ist befreit und lehnt an einem Laternenpfahl. Fabio, Antje und Franziska (Gruppenbild oben, von links) im Einsatz

haben wir immer wieder tolle Zitate gefunden“, sagt Kerstin. Ihre Lieblingsstelle? Die 31-Jährige lächelt unter ihrer PanzerknackerAugenbinde: „Sie hielt den steinharten Beweis seiner Leidenschaft fest in ihren Händen.“ Den Titel des Buches hat sie vergessen. 23.20 Uhr. Antje hat das erste Buch befreit. Nun lehnt es auf dem beleuchteten Parkplatz des Abaton an einem Schilderpfosten: „Hannas Töchter“, ein Roman von Marianne Fredriksson über eine Frau auf der Suche nach den Wurzeln ihrer Familie. Auf dem Aufkleber steht: „Ich bin kein vergessenes oder weggeworfenes Buch, sondern man hat mich aus dem Regal befreit, damit Du mich lesen kannst.“ Darunter ist eine ID-Nummer notiert. Denn die Zeilen-Zorros sind keine Kämpfer gegen digitale Welten. Das Internet ist ihr Verbündeter. Jedes Buch haben sie bei www.bookcrossers.de registriert und auf der amerikanischen Website das Stadtviertel eingetragen, in dem sie das Buch hinlegen würden. Wer es gelesen hat und es wieder auf Reise schickt, soll es später ebenso machen. So kann jeder im Netz verfolgen, wo das Werk gerade steckt.

23.40 Uhr. Neben dem Brunnen auf dem UniCampus blitzt eine Taschenlampe auf. Eine alte Dame begutachtet mit ihrem flackernden Licht die Bücher, die auf den Bänken liegen. Sie saß den ganzen Abend schon dort. Nun f laniert sie verwundert an der nächtlichen Büchergalerie entlang. „Das Buch mit der Rosenzüchterin macht einen guten Eindruck“, sagt sie. „Da gehe ich nachher noch einmal hin.“ Sie schaltet die Taschenlampe aus und verschwindet in der Dunkelheit. 0.30 Uhr. Ich leiste Amtshilfe und ziehe einen schwarzen Koffer über das Schulterblatt. Zuvor hatten wir in der Wohnung von Felix neuen Stoff besorgt. „Wenn uns die Polizei in der Schanze anspricht, einfach mit Büchern bewerfen“, hatte er gesagt. Ein junger Mann kommt vorbei und schaut an den Hauseingang eines Supermarktes. „Ist das Werbung?“, fragt er und zeigt auf die Tüte. „Das kannst Du mitnehmen“, sage ich. Er zögert. „Gute Sache!“, und schaut sich eins näher an. 0.40 Uhr. Treffpunkt Rosenhofstraße. „Die meisten Bücher auf dem Schulterblatt sind schon weg!“, ruft Klara. Tina kommt dazu. „Ich habe ein Buch in den Schlitz eines

Zigarettenautomaten gelegt“, sagt sie. „Ich nahm ‚Schande‘“. 2.24 Uhr. Am Jungfernstieg leuchten die roten Ziffern einer großen Digitaluhr. Ich gehe zum Rathausmarkt, zum letzten Treffpunkt. Fast alle Bücher sind verteilt. Viele Hamburger, die sie gesehen haben, konnten es nicht fassen: In diesen frühen Morgenstunden ist Hamburg ein Paradies der Geschichten. An der Treppe, die hinab zur Rathauspassage führt, steht eine Gruppe Jugendlicher mit Kaputzenpullis. Breitbeinig und laut. Ich mache einen Bogen. Jetzt keinen Ärger. Nicht am Tag des Buches, nicht mit der Generation Handy. Nachtbus 603 zischt vorbei. Hat da etwas geraschelt? Auf dem Bürgersteig liegt eine Plastikhülle mit dem Aufkleber „Freiheit den Büchern!“. Sie ist leer. Der junge Mann mit schwarzem Kapuzenpulli schaut sich zu mir um, blickt auf das Buch in seiner Hand und verschwindet schnell um die Ecke. 

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WENN SIE BUCHGUERILLERO werden wollen oder nachvollziehen möchten, wo ein Buch frei gelassen wurde: www.bookcrossers.de


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Hier könnte Lutz Jeuthe einst entlanggegangen sein. Aber der Regen hat seine Spuren längst verwischt …

Nur eine blasse Erinnerung

Wir unterstützen Hinz&Kunzt. Aus alter Freundschaft und mit neuer Energie. E.ON Hanse

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Heilsarmee (Bild oben links) und Polizei (unten links) haben die Akte Lutz Jeuthe noch nicht geschlossen. Darin ein Heft für ausgezahlte Geldbeträge (unten rechts)

Kann ein Mensch in dieser Stadt spurlos verschwinden? Ohne die kleinste Hinterlassenschaft, ohne einen Beweis, dass er überhaupt hier unter uns gelebt hat? Man kann sich das nicht wirklich vorstellen. Da gibt es doch diesen (dummen) Spruch „Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare“. Einen Totenschein, der in irgendeiner Behörde abgeheftet wird, den hinterlässt doch wohl jeder. Und genau das macht die Suche nach Lutz Jeuthe so verstörend. Der Mann ist seit sechs Jahren verschwunden und wie vom Erdboden verschluckt. Einfach weg. Als Lutz Jeuthe zuletzt gesehen wurde, war er 69 Jahre alt, alkoholkrank, obdachlos. Er trug einen zauseligen Bart, einige Tätowierungen auf den Armen: eine Frau, eine Schlange, ein Schwert, ein Hund. Er hinterlässt: nichts. Nicht mal einen Totenschein. Alles was von ihm blieb, ist eine Vermisstenanzeige auf der Davidwache. Aufgegeben hat diese Anzeige damals im September 2002 Helga Hinz. Frau Hinz ist eine

praktisch denkende Frau, eine, die zupackt. Die handelt, anstatt lange rumzureden, eine, der man vertrauen kann. Das muss sich auch Lutz Jeuthe gedacht haben, als ihm Helga Hinz vom Gericht als Betreuerin zugewiesen worden war. Fünf Jahre lang – von 1997 bis zu seinem Verschwinden – kümmert sich die Berufsbetreuerin um den alkoholkranken, obdachlosen Mann. Sie verwaltet seine Sozialhilfe, kümmert sich um Behörden, stellt Anträge. „Er war ein ungewöhnlich netter Mensch“, erinnert sich Helga Hinz. „Er war immer höflich und wurde nie ausfallend, selbst wenn er sturzbetrunken war.“ Wegen seiner gutmütigen Art habe der 69-Jährige unter Obdachlosen den Spitznamen „Opa“ gehabt. „Opa“ – das könnte ein alter, schrulliger Kauz sein. Ein lieber harmloser Kerl, der irgendwo Enkel hat, Rente, einen gemütlichen Lebensabend. Lutz Jeuthe hatte nichts von alledem. Keine Rente, keine Familie. Niemanden. Und gemütlich war sein Leben schon gar nicht.

Als Helga Hinz Lutz Jeuthe kennenlernt, ist der bereits seit Jahren ein schwer kranker Mann. Der Alkohol zerfrisst seinen Körper, das harte Leben auf der Straße zehrt an der Gesundheit des fast 70-Jährigen. In einem Alter, in dem andere ihre Rente genießen, schläft er sommers wie winters unter Brücken und in Parkanlagen. Bei Regen und Schnee. Warum macht ein alter Mann so etwas? „Ins Pik As wäre er nie gegangen. Er konnte es nicht ertragen, in geschlossenen Räumen zu sein“, so Helga Hinz. „Das machte ihn verrückt.“ Seine Tage verbringt Lutz Jeuthe meist auf St. Pauli. Er stromert über den Kiez, hinkend, auf eine Krücke gestützt. Er hockt – wenn er Geld hat – in einer der Kellerkneipen rund um die Talstraße, wärmt sich bei einem Kaffee bei der Heilsarmee auf oder im Haus Bethlehem. Eine kleine Rast unter christlichen Plakaten mit Sinnsprüchen: „Jesus trägt deine Last für dich“. Hat Lutz Jeuthe an Gott geglaubt … ?


Hinz & Kunzt