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Am Ende gewinnen die Guten

Jedes Jahr am 10. Mai gibt es in Berlins Mitte eine öffentliche Lesung mit Prominenten aus Literatur, Schauspiel, Musik und Politik. Sie erinnern an die Bücherverbrennung von 1933. Als ersten Gast begrüßt Gesine Lötzsch, stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag und Initiatorin der Veranstaltung, den israelischen Künstler Micha Ullman zum traditionellen »Lesen gegen das Vergessen« auf dem Berliner Bebelplatz. Der 79-Jährige hat mit seiner »versunkenen Bibliothek« den vielen Autoren und Autorinnen ein Denkmal gesetzt, deren Bücher am 10. Mai 1933 von grölenden Nationalsozialisten genau an diesem Ort verbrannt worden sind. Das Mahnmal zeigt einen unter Glas befindlichen, in den Platz

eingelassenen Raum, an dessen Wänden sich leere Regale befinden. Symbolisch bieten sie Platz für über 20 000 verbrannte Bücher. Leere und Stille, erzählt Micha Ullman, seien sein einziges Material gewesen. Eine leere unterirdische Bibliothek mit leeren Regalen auf einem großen leeren Platz. Es gebe Zwischenräume zwischen den Seiten, zwischen den Zeilen, zwischen den Worten, zwischen den Buchstaben und auch zwischen den Men-

schen. Die Zuschauer, die oberhalb rund um das Glas der Bibliothek stehen, seien auch ein Teil des Denkmals. Die Räume zwischen den Dingen unten und den Menschen oben sollen Garantie für das »Nie wieder!« sein. Über 400 Gäste, geladene und zufällig vorbeikommende, füllten den Platz und lauschten denjenigen, die ihre Stimme gegen das Vergessen erhoben. Christian Grashof, der seit 40 Jahren am Deutschen Theater spielt, Intendantin Gabriele Streichhahn und Schauspieler Carl Martin Spengler vom Theater im Palais, Bundestagsvizepräsiden-

tin Petra Pau und der Berliner Kultursenator Klaus Lederer, Schriftsteller Ingo Schulze, Oliver Ruhnert, Sportchef beim 1. FC Union Berlin, Buchautor Hermann Simon, Sänger und Dichter Hans-Eckardt Wenzel, der chilenische Sänger Nicolás Rodrigo Miquea und die erst 28-jährige Anika Taschke, Vorstandsmitglied im Deutschen Mauthausen Komitee Ost e. V. Auch Beate Klarsfeld war wieder dabei. Angereist aus

Der Bebelplatz am 10. Mai 2019.  DIE LINKE hatte zum alljährlichen  »Lesen gegen das Vergessen« geladen.

BÜCHERKISTE Was treibt Greta Thunberg an? Die 17-jährige   Schwedin mobilisiert seit Monaten vor allem junge Menschen in ganz Europa. Unter dem Motto »­Fridays for ­Future« fordern sie von der Politik endlich wirkungsvolle Maßnahmen für den Klimaschutz. Gretas Familie schildert in einer gemeinsamen Biografie, wie sie schwere persönliche Heraus­forderungen meisterte, viele Gewohnheiten änderte und anfing, sich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Die berührenden privaten ­Szenen ergänzen wichtige Argumente für die Diskussion über den Klimawandel. Greta & Svante Thunberg, Beata & Malena Ernman: Szenen aus dem Herzen. S. Fischer, 256 Seiten, 18 Euro

Paris, erzählt sie von überregionalen Anzeigen, die sie und viele ehemals deportierte und verfolgte Jüdinnen und Juden geschaltet haben. Ihr Appell: Keine Stimme für eine rechte Partei! Gebraucht wird ein Europa des Friedens und kein Europa der Angst und Gewalt. Micha Ullman war beeindruckt von dem, was er sah und hörte. Er verabschiedete sich mit den Worten: »Am Ende gewinnen wir, die Guten.« Tatjana Behrend

Wie tickt ein »alter weißer Mann«? Zum Klischee dieser Spezies gehört auch, dass sie über Macht verfügt und fürchtet, sie zu verlieren. Die Feministin Sophie Passmann wollte herausfinden, was an diesem Bild stimmt. Sie interviewte einflussreiche Politiker, Künstler und Journalisten, darunter Kevin Kühnert, Claus von Wagner und Sascha Lobo.Ihre kurzweiligen Erinnerungen an diese Gespräche sind ein echtes Lesevergnügen, sie räumen mit vielen Vorurteilen über Männerherrschaft und Feminismus auf und beleben die Debatte darüber. Sophie Passmann: Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch. Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 12 Euro

Woher nahm Meşale Tolu die Kraft, dem Erdoğan-Regime über Monate hinweg die Stirn zu bieten? Die Journalistin wurde im April 2017 verhaftet, weil die türkischen Behörden ihr vorwarfen, Terror zu unterstützen. Minutiös schildert sie, wie brutal die Polizisten sie und ihren zweijährigen Sohn bedrohten, erinnert den angespannten Alltag als politische Gefangene, die Auseinandersetzungen mit der Justiz. Vor allem mahnt ihr Buch, dass der Kampf für die Freiheit von Tausenden eingesperrten Oppositionellen, für die Presse- und Meinungsfreiheit weitergehen muss. Meşale Tolu: »Mein Sohn bleibt bei mir!« Rowohlt Polaris, 192 Seiten, 12,99 Euro

Welche Konzepte helfen gegen unbezahlbare Mieten und überteuerte Baupreise? Utta Seidenspinner geht den explodierenden Kosten für ein Dach über dem Kopf auf den Grund. Sie nennt den überhitzten Immobilienmarkt, inzwischen eine Spielwiese vieler Rendite­jäger, eine Folge der Finanzkrise ab 2008 und fasst zusammen: »Unsere Regierung ist ursächlich für die Wohnungsmisere verantwortlich und tut zu wenig zu spät, um sie zu lindern.« Utta Seidenspinner liefert viel Hintergrundwissen, um die Wohnungsmisere zu verstehen und die Probleme damit lösen zu können. Utta Seidenspinner: Wohnwahnsinn. Berlin Verlag, 208 Seiten, 18 Euro

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In dieser Klar-Ausgabe schauen wir vorrangig auf die neuen Bundesländer. Wie gleichwertig sind im Jahr 30 des Mauerfalls die Lebensverhältni...

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