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James Joyce Ulysses

3 Inhalt „Ulysses“: ungelesen, gelesen, gehört – und unerhört von Fritz Senn Der Autor: Zeittafel zu James Joyce Das Gilbert-Schema Über den Tag hinaus: Der „Ulysses“ in SWR2 von Ekkehard Skoruppa Der direkte Weg zur Hörspielfassung von Manfred Hess Der Regisseur Fünf Fragen an Klaus Buhlert Die Darsteller Inhalte der Kapitel Übersicht über das Hörspiel

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James Joyce Ulysses Aus dem Englischen von Hans Wollschläger

Die Darsteller Erzähler Leopold Bloom Molly Bloom Stephen Dedalus Simon Dedalus Buck Mulligan Gerty MacDowell Joe Hynes

Manfred Zapatka, Corinna Harfouch, Jürgen Holtz, Thomas Thieme, Werner Wölbern, Rufus Beck, Graham Valentine Dietmar Bär Birgit Minichmayr Jens Harzer Ernst Stötzner Werner Wölbern Anna Thalbach Josef Bierbichler

Außerdem wirken mit: Anatol Aljinovic, Hendrik Arnst, Bibiana Beglau, Margit Bendokat, Klaus Buhlert, Leo Burkhardt, Alberto Fortuzzi, Eva Gosciejewicz, Judith Hofmann, Lyonel Hollaender, Franz Jährling, Wolfram Koch, Peter Kurth, Michael Lucke, Jacqueline Macaulay, Felix von Manteuffel, Hans-Werner Meyer, Mira Partecke, Milan Peschel, Maximilian von Pufendorf, Lars Rudolph, Mandy Rudski, Natali Seelig, Michel Stieblich, Stefan Wilkening Hörspielbearbeitung, Musik und Regie: Klaus Buhlert Dramaturgie: Manfred Hess Mitarbeit Dramaturgie: Stephanie Birch Ton und Mischung: Andreas Meinetsberger, Klaus Buhlert Besetzung: Ursula Wein-Schaeffer Produktion: Südwestrundfunk/Deutschlandfunk 2012 Lizenziert durch SWR Media Services GmbH


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„Ulysses“: ungelesen, gelesen, gehört – und unerhört von Fritz Senn Seltsam, dass ein Roman – wenn es denn ein Roman ist – , der in die höchste Kate­gorie Welt­klasse aufgestiegen und zum „Jahrhundertroman“ stilisiert worden ist, sich schon im Titel als Abkömmling bekennt, als Neubearbeitung eines Epos. Ulysses wurde gleich bei seinem Erscheinen, besser gesagt Einbrechen in die literarische Szene, gepriesen, umjubelt, verfemt, verboten und rückte damit umstritten an die vorderste Front. Und doch war das Buch nicht nur in seinem Rückgriff auf Homer rückwärtsgewandt, es feierte angesichts vieler Neuansätze einen provinziellen Tag noch vor dem Weltkrieg, einen Tag aus der behäbigen Zeit von 1904 mit Pferdekutschen, die in manchem beinahe idyllisch anmuten musste und weit in die Vergangenheit reichte. Ein durch und durch provinzieller Roman, der konkret und akribisch auf die Stadt Dublin gerichtet war und auf ein rückständiges Land am äußeren Rand von Europa. Ein Titel wie Ulysses erweckte Erwartungen, die nicht erfüllt wurden, da er seine Leser nicht ins Altertum führte, sondern in scheinbar triviale Gegebenheiten des Jahrhunderts, und sich Themen vornahm, die vorher eher ausgespart blieben, etwa den menschlichen Körper auch in seiner eher unansehnlichen Seite. Der Autor schien nicht einmal unbedeutende Spreu von signifikantem Weizen auseinanderzuhalten. In gelassener Sicht, ohne offenkundige Wertung, vermengt sich bisher wenig Beachtetes (Stecknadeln, Hosenknöpfe, sogar ein Stück Rotz) mit existen-


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ziellen Problemen von Welt, Zeit, Religion, Anschein, Wirklichkeit und Illusionen. Klischees heben sich nicht ohne Weiteres von erhabenen Zitaten ab. Worauf, mögen sich Leser eines scheinbar ungeordneten Gewirrs fragen, ist zu achten, wo findet man Orientierung? Was im ganzen komplexen Getriebe von Belang ist, wird kaum herausgehoben. Gedanken an Tod oder Unsterblichkeit gesellen sich zur Unbequemlichkeit, auf einer Seife zu sitzen oder kein Taschentuch zur Hand zu haben. Bedeutendes wird nicht herausgehoben und vermengt sich mit Trivialem und Lokalem. Ulysses ist sehr lokal und überdeckt sich mit der Stadt Dublin von 1900, als ob sie den Lesern so vertraut wäre wie den auftretenden Figuren. Als Autor gibt uns Joyce kaum Führung, wir sind auf eigene Beobachtungen angewiesen. Das stößt vor den Kopf, noch immer wie damals, 1922, als das Buch in die Welt kam, genauer: in eine kleine Buchhandlung in Paris, in der eine mutige Amerikanerin, Sylvia Beach, das Wagnis einer Veröffentlichung auf eigene Kosten in Kauf genommen hatte. Die erste Auflage von tausend teuren Exemplaren sorgte, beinahe über Nacht, für Aufruhr und Kontroversen; das Buch wurde in Großbritannien und den Vereinigten Staaten recht bald verboten. Rezensenten waren empört oder begeistert, je nachdem, doch vor allem verwirrt. Leser sind es heute noch. Doch der Autor gab einen Hinweis. Bei allem Wirrwarr besteht ein Rückbezug zur Odyssee, die einmal zum Bildungsgut gehörte und so wenigstens ein Gerüst abgab, an dem man sich festhalten konnte, nur war das Gerüst alles andere als offensichtlich. Schon während der mühseligen Entstehung des Buchs hatte Joyce frei und oft


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aufdringlich kundgetan, dass er sich auf die Odyssee als Grundstruktur abstützte, doch die Beziehungen zur Vorlage waren ganz unterschiedlicher Art und wurden erst in den dreißiger Jahren in einer frühen Studie einzeln dargestellt und dabei auch gehörig überbewertet. Allzu oft wird das Schema Odyssee in vorauseilender Manipulation vor das Buch selbst gestellt. Doch Joyce hat dafür gesorgt, dass man seinen Titel beim Wort nehmen kann. Was genau Joyce veranlasst hat, wissen wir nicht genau. Schon immer ging er gern zu den überlieferten Anfängen zurück, also zu Adam und Eva oder eben zum griechischen Ursprung europäischer Kultur. Unterstellt wird, dass alles schon da gewesen ist (auch wenn sich technisch viel verändert hat), es gibt nichts Neues unter der Sonne – auch dies, notwendigerweise, keine neue Einsicht. Die menschlichen Verstrickungen finden sich schon in den Epen, weshalb sie noch so frisch und zeitgemäß wirken können wie vor Jahrtausenden. Die Odyssee ist schon oft vielfältig und aktuell aufbereitet worden, von griechischen Dramatikern bis in die Neuzeit. Joyce stellt einfach eine weitere moderne Bearbeitung, ein Remake, in eine lange Tradition. Es kam ihm zustatten, dass ein französischer Philologe, Victor Bérard, die Odyssee als eine griechische phantasievolle Umgestaltung von praktischem semitischem Navigationswissen auffasste; dadurch wurde sie selber bereits zu einer früheren kulturellen Neuauflage. Joyce hat sich der These nicht unbedingt verschrieben, nahm sie aber wohl dankbar zur Kenntnis, da sie einen Prozess von Überarbeitungen hervorhob, der sich dann eben in seine Zeit fortsetzen und auf


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eine moderne Großstadt übertragen ließ. Immer wieder hatten sich Künstler, Maler, Illustratoren, Musiker von der Odyssee inspirieren lassen, und es hat seine Richtigkeit, dass dies seither auch mit der Zumutung Ulysses geschehen ist. Die Vitalität eines Textes regt an. Von Anfang an haben sich Musiker wie Luciano Berio oder John Cage daran inspiriert, gleicherweise der Film; man weiß, dass sich Eisenstein den Ulysses vornehmen wollte. Gerade vom Film ist noch einiges zu erwarten, möglicherweise wäre der animierte Film mit seinen unbeschränkten Mitteln das am besten geeignete Medium. Homers Odysseus war, wie die erste Zeile aussagt, ‚polytropos‘, d. h. viel herumgekommen, doch vor allem bewandert, vielseitig, wendig, flexibel, je nach Umständen immer anders. Das trifft auf den Ulysses zu, der zunächst einmal eine Geschichte erzählt, in der sich die Wege von Stephen Dedalus (mit Zügen des Autors) und Leopold Bloom verschiedentlich kreuzen, bis sie für ein paar Stunden zusammenfinden und dann auseinandergehen, vielleicht, wir wissen es nicht, für immer. Was die Begegnung bedeutet, ist der Auffassung der Leser überlassen. Blooms Frau, Marion (Molly), erlaubt sich gerade an diesem Tag, nach 16-jähriger Ehe, eine Affäre, die ihr Mann, wenn auch unter Schmerzen, hinnimmt. In seiner Korrespondenz hat Joyce jeder der achtzehn Episoden Namen aus der Odyssee zugeordnet, also Telemachos, Nestor, Proteus, Kalypso, Lotophagen, Hades, Aiolos, Laistrygonen, Skylla und Charybdis, Irrfelsen, Sirenen, Kyklop, Nausikaa, die Rinder des Sonnengottes, Kirke, Eumaios, Ithaka und Penelope. Sie


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waren, wohl da sie überdeutlich auf das Epos verwiesen hätten, nie Bestandteil einer Veröffentlichung und stehen deswegen nicht im Buch selbst. In ihrer drastischen Verschiedenheit verdienen die Kapitel in der Tat anschauliche Namen, weshalb sich ihr Gebrauch eingebürgert hat. Sie dienen der Unterscheidung, doch als bequeme Etiketten neigen sie dazu, Erwartungen mythologisch einzuengen und andere Sichtweisen zu verdrängen. Joyce ist mit seiner homerischen Schablone ganz frei und, wie es scheint, ohne selbst auferlegte Verpflichtung umgesprungen. Die Beziehungen sind selten je eins zu eins übertragbar. Übereinstimmung wechselt mit Abweichungen. Odysseus hat seinen Sohn Telemachos und einen Vater, Laertes, doch Blooms Sohn ist früh verstorben, sein Vater aus dem Leben geschieden; Penelope ist die Mutter des Telemachos, seine Entsprechung, Stephen Dedalus, bleibt von Erinnerungen an seine tote Mutter gequält. Odysseus spiegelt sich in Leopold Bloom, allerdings bleibt er auf wenig heldenhafte Proportionen reduziert, doch der gewandte Buck Mulligan, Stephens beredter Vater Simon Dedalus, der Schnorrer Lenehan oder ein angeberischer Matrose übernehmen Nebenrollen als Odysseus zweiten Grades. Bald sind Ähnlichkeiten in der Handlung erkennbar, eine Beerdigung entspricht dem Besuch im Reich des Hades, der Streit in einer Kneipe mit einem engstirnigen (und damit einäugigen) Nationalisten ist mit dem Zyklopen-Abenteuer vergleichbar, die Verflechtungen mit der Zauberin Kirke lassen sich auf Verhältnisse in einem Bordell übertragen. Die Begegnung mit den Sirenen ergibt eine großartige Vorlage für


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ein musikalisches Arrangement. Andererseits bleibt keine Spur von der blutigen Tötung der Freier, oder sie schlägt sich lediglich in kühl stoischer Betrachtung nieder. Somit hat jedes der Kapitel seinen eigenen Übertragungsschlüssel, bald nahe am homerischen Geschehen, dann wiederum scheinen die Beziehungen eher forciert. Von Anfang an haben Leser, wie etwa Ezra Pound, Bezüge zur Odyssee auch als unwichtiges Beiwerk abgetan, andere wiederum erleben sie als inspirierendes Wechselspiel. Joyce hat viel in Bewegung versetzt. Mit dem Wegfall lähmender urheberrechtlicher Knebelung im Jahr 2012 (70 Jahre nach dem Tod des Verfassers) wird der Weg frei für weitere vielfältige Ausweitungen, wobei unausweichlich auch mit mancherlei zweifelhaften Trittbrettfahrten zu rechnen ist. Der so sehr auch klanglich angelegte Ulysses gibt vor allem eine große Vorlage ab für Musiker, Sänger, Komponisten. Schon ein bloßes (und ergiebiges) Rezitieren des Textes zeigt, dass die Aufnahme durch das Gehör das Lesen durch die Augen sinnvoll ergänzt. Die Ansicht, man brauche Joyce nur laut vorgelesen zu hören, um alles besser zu verstehen, hat ihre beschränkte Richtigkeit. Wenn das ursprüngliche Lese-Spiel (mit mehr Betonung auf Spiel, als gemeinhin angenommen wird) auf das Gehör angesetzt wird, entstehen neue, andersartige Zugänge. Wir wissen, dass Joyce (der zuweilen mit einer Karriere als Sänger liebäugelte) von dem angetan war, was das Wunder der menschlichen Stimme hervorbringen kann. Natürlich half die klangliche Orchestrierung, die überaus musikalische Prosa, von allem Anfang an den verlorenen


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Lesern über so manche Schwierigkeiten hinweg. Obwohl ein mythischer Held im Titel suggeriert wird, kommen im Ulysses herkömmliche Helden nicht mehr vor, ihre Zeit ist abgelaufen oder aber Heldentum erhält eine andere, weniger pompöse Bedeutung; das bloße Überleben erfordert bereits einiges. So hat man die Sprache selbst als den eigentlichen Protagonisten angesehen und in der Tat hat Joyce beinahe unbestritten ausgebreitet, wie mit der Sprache umgegangen wird. Er geht wie immer extrem weit in jede Richtung. Einerseits ist Sprache ein hörbares Gebilde aus Lauten, von vibrierender durch die Sprechorgane bewegter Luft. Joyce gibt denn auch jeder Figur ihre ganz bestimmte unverkennbare Artikulation, er weiß, wer in einer bestimmten Lage wie sprechen würde. Er weiß vor allem darum, dass in unserer Zivilisation Gespräche geführt werden müssen, selbst wenn es nichts zu sagen gibt und Konversation einfach konfektioniert werden muss. Joyce zieht alle Register, vom gepflegten literarischen Stil zur täglichen Umgangssprache, das Englische ist in aller geographischen Breite vorhanden, vor allem natürlich mit einem irischen Tonfall. Doch auch historische, überlebte Formen werden wiedererweckt. Dann aber lässt uns Joyce nicht vergessen, dass Sprache auch eine Anordnung einer recht beschränkten Zahl von kulturellen Symbolen ist, den Buchstaben, die beinahe alles ausdrücken und transponieren können. Joyce glorifiziert auch das Alphabet, wie es Kultur überhaupt ermöglicht hat. Dass andererseits die Anordnung nicht immer richtig ausfällt, führt zu Irrtümern und Missverständnissen eines


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im Wesen fehlerhaften Universums, das von Joyce nicht berichtigt wird. Ulysses hat viele Facetten, mehr, als man an jeder einzelnen Stelle zu beachten vermöchte. Äußerlich wird uns ein Querschnitt mit soziologischen Zügen vorgesetzt, ein Alltag an einem genau bestimmten Ort. Joyce führt Läden, Wirtschaften, Institutionen, auch Personen in hohen Ämtern bei ihrem wirklichen Namen auf. Selbst im seit über hundert Jahren wesentlich veränderten Dublin können Orte der Handlung noch verifiziert werden. Wir wissen praktisch immer, wo genau sich die Figuren aufhalten, einige Gebäude sind unterdessen mit Plaketten versehen worden. Sogar Zitate aus dem Buch sind auf Bronzeplatten in die Gehsteige eingelassen: Der Roman wird damit betretbar. Kenntnis der Stadt wäre selbst nach einem Jahrhundert eine willkommene Hilfe, oft springen Pläne von Dublin ein, doch entsteht die Stadt allmählich auch in der Vorstellung der Leser, die nicht, wie manche es tun, eigens hinreisen. Natürlich setzt sich der Ulysses mit der irischen Situation auseinander, die Geschichte schwingt immer mit. Irland als Kolonie war ein unterdrücktes, ja besetztes Land, das viele erfolglose Befreiungsversuche hinter sich hatte und von Spannung erfüllt war. Spuren sind überall zu finden, meist verdeckt und ohne erklärende Hinweise. Monumente und selbst Straßennamen legen davon Zeugnis ab. An einer Stelle fährt die Kutsche des englischen Vizekönigs quer durch die Stadt und wird von den Einwohnern ganz unterschiedlich wahrgenommen. Die Medien der Zeit sind präsent. Bloom arbeitet im verhältnismäßig modernen


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Beruf der Anzeigen (Ulysses ist denn auch mit Annoncen und Werbung durchsetzt), seine Frau singt gelegentlich auf der Bühne und bereitet sich auf ein Konzert vor, Stephen Dedalus arbeitet, nicht eben mit sonderlicher Hingabe, als Lehrer, hat aber schriftstellerische Ambitionen, Blooms Tochter Milly ist bei einem Photographen in der Lehre. Damit sind praktisch die Medien der Zeit abgedeckt. Medien informieren und verzerren. Joyce bildet den Mikrokosmos Dublin ungeschminkt in all seiner Unvollkommenheit, den Fehlern und Irrtümern, nach; Missverständnisse erweisen sich als die Norm, Voreingenommenheit drängt sich vor die Wirklichkeit (mit der unterschwelligen Frage, was Wirklichkeit eigentlich sein könnte). Berichte sind nicht zuverlässig, eine subjektive Sicht herrscht vor, besonders in der Darstellung des inneren Monologs, wie sie Joyce verfeinert hat. Bei allem Realismus besteht der Ulysses auch aus Nacherzählungen, vor allem eben der Odyssee, die europäische Literatur über Vergil, Dante, Shakespeare, Flaubert fließt, zumindest im Ansatz, in das Auffangbecken Ulysses, dazu auch Opern und Hunderte von Liedern. Die vermeintlich „triviale“ Literatur ist gleichfalls untergebracht, Joyce beschäftigt nicht nur die Akademiker oder Literaturwissenschaftler mehr als die meisten Schriftsteller, sondern begibt sich auch in die Welt der Groschenromane, der Schlager ihrer Zeit, der Mode, der Inserate, des Treibens in den Kneipen. Joyce selbst ist zu populärer Kultur aufgestiegen. Leute, die nie ein Buch wie den Ulysses oder ��berhaupt eins in die Hand nehmen würden, nehmen an Ereignissen teil wie dem ‚Bloomsday‘, also dem Tag, den Joyce nebenbei erfunden


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hat, dem 16. Juni, zu dessen Anlass weltweit Feiern stattfinden. Sie reichen von anspruchsvollen Darbietungen bis hin zum krassen Kommerz und zu Souvenirs, zu offensichtlichem Kitsch. Joyce war wohl einer der Ersten, die aufzeigten, wie wichtig der so verachtete Kitsch in unser aller Leben eingreift. Weil er die Leser nicht bei der Hand nimmt, ihnen keine Erklärungen mitliefert, sodass sie sich selber zurechtfinden müssen, wirkt Ulysses am Anfang verwirrend als Ansammlung von fast zufälligen Fragmenten oder Assoziationen. Zu viele vereinzelte oft nicht einzuordnende Eindrücke verstellen den Blick. Allmählich fügen sie sich zu Umrissen zusammen, die ein Mosaik erkennen lassen, das stets neu anzupassen ist. Diese diffuse Eigenart wird teilweise aufgewogen durch Wiederholungen von Motiven, die einen losen Zusammenhang durchblicken lassen. Das Buch reproduziert sich selbst und spielt zusehends mit seiner eigenen Beschaffenheit. Nichts scheint verloren, in einem ökologischen Mini-Universum wird alles (nicht buchstäblich, aber in der Tendenz) wiederverwertet. Nicht zufällig – doch was Zufall ist, wird geradezu Thema – gewinnt in einem klassischen Pferderennen, das am besagten Tag tatsächlich stattfand, ein Außenseiter mit dem unwahrscheinlichen, aber wirklichen Namen ‚Throwaway‘, ‚Weggeworfen‘. Ein Flugblatt, das ebenfalls als ‚throwaway‘ bezeichnet wird, wird denn auch weggeworfen, doch in einer Vogelperspektive ist es gleichrangig mit allem anderen in der geschäftigen Stadt. Joyce scheint nicht zu werten. Auch die unappetitlichen Seiten des Daseins, Ausscheidungsvorgänge, Widerlichkeiten, werden nicht außer Acht gelassen. Das


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Universum wurde, so ein früher Rezensent, „mit Schmutz übergossen“. Alles in allem wäre ein Gedächtnis, dem nichts an Kleinigkeiten und großen Linien entgeht, der Lektüre zuträglicher als ein noch so universales Wissen. Als Leser haben wir weder das eine noch das andere und halten uns daher an die Wiederholungen, die wir erkennen oder erahnen in dem tastenden Prozess, aus dem bei Joyce das Lesen noch markanter besteht als ohnehin. Joyce schien davon angetrieben, immer näher an die Vorgänge heranzukommen, die sich im Innern abspielen, im Wahrnehmen, Fühlen, Denken, Fortspinnen, in einer Technik des inneren Monologs, die Joyce wesentlich verfeinerte. Es sind Vorgänge, die nicht, oder nicht nur, verbal, d. h. artikuliert, ablaufen, aber in Sprache umgesetzt werden müssen. Daraus entstehen nicht notwendigerweise gefestigte Sätze, sondern Fragmente flüchtiger Einfälle, Kehrtwendungen, psychologisch verknüpfte Assoziationen. Die Sichtweise wird damit subjektiv, eben so, wie die Figuren sie erleben, vorläufig, einseitig, verdreht, Irrtümern ausgesetzt. Dass Leser derartigen privaten Verläufen nicht immer folgen können, liegt in ihrer Eigenart: Selbst braucht man sich nicht zu erklären, was man ohnehin schon weiß. Leser aber bleiben draußen und haben die Zusammenhänge herauszufinden, was – und hier zeigt sich die Kunstfertigkeit der Erzählung – bei Geduld und Aufmerksamkeit meistens gelingt, doch meistens erst nachträglich. Zufällig scheinende Bruchstücke fügen sich allmählich zu einem erhofften Mosaik, immer auf eigene Gefahr. Das Verständnis hinkt darum meistens nach, ganz wie im richtigen Leben.


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Worum geht es eigentlich? Vielleicht lässt sich der Ulysses geradezu dadurch (negativ) charakterisieren, dass genau diese Frage nicht zu beantworten ist. Mit Antworten geht Joyce recht sparsam um, wenn er sie denn überhaupt versucht. Leichter wird es mit der Frage nach dem Geschehen, es ist einfach und unspektakulär. Vordergründig ist der Ulysses, als Roman, eine Nahaufnahme eines Tags in einer bestimmten Stadt, Dublin, der Tag reicht vom Morgen des 16. Juni 1904 bis in die frühen Morgenstunden des 17. Was zu fehlen scheint, ist das Sensationelle im herkömmlichen Sinn, was in Boulevardblättern hervorgekehrt würde. Außergewöhnliches geschieht nicht, was auch gleich die Frage nach Gewöhnlichkeit einschließt. Was ist es wert, erzählt zu werden? Eine bloße Inhaltsangabe ist darum unergiebig und greift ins Leere. Das Wesentliche liegt anderswo (und was, bitte, ist wesentlich?). Immerhin mag ein karges Handlungsgerüst als vorläufige Orientierung nützlich sein. Das Buch mit seinen drei Teilen lässt sich vielleicht gefasster angehen. I Im ersten Kapitel, Telemachos (die Titel bleiben unbezeichnet, werden aber auf Grund der Angaben des Autors der Deutlichkeit halber oft benutzt), tritt eine Joyce nachgezeichnete, jedoch verfremdete Figur auf, deren Werdegang im (Bildungs-) Roman Ein Porträt des Künstlers als junger Mann dargestellt worden ist, Stephen Dedalus. Nach vielen Wechselfällen hat er sich von den Institutionen Staat und Familie losgesagt, vor allem von der katholischen Kirche, ohne jedoch deren Ver-


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mächtnis je ganz abzuschütteln. Er findet sich mit zwei Gefährten in einem ehemaligen Befestigungsturm an der Küste Irlands, für den einen, Buck Mulligan, einen redegewandten Iren, ist alles Anlass zu witzigem Spott, der andere ist ein Engländer, der die Gewohnheiten und Gebräuche der Iren wohlwollend herablassend beobachtet. Historische Spannungen zwischen Großbritannien und dem jahrhundertelang unterdrückten Irland treten an die Oberfläche, sie bestehen auch zwischen dem unter einer Schuld leidenden Stephen Dedalus und dem dominierend anmaßenden Mulligan. Die Handlung besteht aus Gewohnheiten des Morgens, Rasieren, Frühstück, Konversation, einem Bad im Meer. Im zweiten Kapitel (Nestor) unterrichtet Dedalus an einer Privatschule für wohlhabende Schüler recht lustlos Geschichte und Englische Literatur. Er bekommt sein Salär ausbezahlt und den Auftrag, einen Leserbrief an zwei Redaktionen zu überbringen, was ihn im siebten Kapitel in eine Zeitung und im neunten in die Nationalbibliothek bringt. Sein Vorgesetzter lässt sich ungenau und nicht vorurteilslos über die irische Geschichte aus. Stellen mit innerem Monolog werden länger und gelegentlich dichter. In der dritten Episode (Proteus) wandelt Stephen Dedalus am Strand entlang und gibt sich seinen oft abstrusen Gedanken hin, die bei spärlicher Handlung ganz im Vordergrund stehen. Sie reichen in kühnen Assoziationssprüngen von theologischen Spekulationen und Erinnerungen an Paris, wo Stephen ein paar Monate verbracht hat, zur Gegenwart und zu seiner eigenen Situation.


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II Im zweiten Hauptteil (von insgesamt drei) dreht sich die Handlung zurück zum frühen Morgen, wo mit Leopold Bloom eine neue Gestalt in den Mittelpunkt rückt. Er bereitet das Frühstück für seine Frau zu, die am selben Nachmittag als Amateursängerin mit ihrem Konzertmanager, einem Blazes Boylan, ihren bevorstehenden Auftritt proben wird. Bloom besorgt sich zunächst eine Niere beim Fleischer um die Ecke, liest einen Brief seiner 15-jährigen Tochter Milly, die in der Kleinstadt Mullingar bei einem Photographen in der Lehre ist. Er unterhält sich mit seiner Frau Marion (Molly), der aus Gibraltar stammenden Tochter eines Offiziers, über das Konzert und versucht ihr ein griechisches Wort zu erklären. Nach einem Besuch auf der Toilette, den Joyce wie ähnliche Vorgänge nicht auslässt, macht er sich auf seinen langen Weg. Im nächsten Kapitel (den Lotophagen zugeordnet) holt er auf der Post unter dem Decknamen Henry Flower den Brief einer Korrespondentin ab, die er weder getroffen hat noch je kennenzulernen beabsichtigt. Mit Muße wohnt er in einer Kirche einer Messe bei, deren Einzelheiten er nicht versteht. Dann bestellt er in einer Drogerie für seine Frau eine Lotion und kauft sich eine Zitronenseife, die ihn den ganzen Tag lang begleiten wird. Die Zeit reicht noch für ein Bad. Im sechsten Kapitel (Hades) nimmt Bloom an der Beerdigung eines Bekannten, Patrick Dignam, teil. Sie führt vom Haus des Verstorbenen im Süden bis zum Friedhof am nordwestlichen Ende in einem Panorama quer durch die Stadt. Nach einer kurzen Zeremonie in der Friedhofskapelle begibt sich die kleine Trauergemeinde


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zum eigentlichen Begräbnis. Ein unbekannter Mann (in einem Macintosh-Regenmantel) erregt Neugierde. Nachher spaziert Bloom zwischen den Gräbern und stellt allerlei Betrachtungen an über Inschriften, Tod und Gebräuche. Nach den ersten sechs parallel verlaufenden Episoden wird die subjektive Darstellung (aus der Sicht von Stephen Dedalus oder Leopold Bloom) zeitweise unterbrochen zugunsten eines Gesamtüberblicks. Die Aufmerksamkeit gilt der Stadt selbst mit ihren Trambahnen, der Post oder Telephon und all den Infrastrukturen. Im Aiolos-Kapitel geht Bloom seiner Arbeit nach, eine Anzeige mit einem Kunden beschäftigt ihn in der Setzerei und dann im Redaktionsbüro einer Zeitung. In stetem Kommen und Gehen treten verwirrend viele Nebenfiguren auf, Journalisten, Zeitungsleute. Während Bloom bei einem Kunden um die Ecke Rat einholt, trifft auch Stephen Dedalus in der Redaktion ein und liefert seinen Brief ab. Gespräche drehen sich in alle Richtungen, Themen werden gewechselt, verschiedene Reden werden zitiert und je nachdem verspottet oder bewundert. Mit seinem mageren Salär lädt Stephen die Anwesenden in eine Kneipe ein und denkt sich auf dem Weg eine banale Geschichte aus, ganz im ungeschminkten Stil der Kurzgeschichten Dubliner (von deren Figuren einige im Ulysses wieder auftauchen). Dann (Laistrygonen) verengt sich der Blick wieder auf Bloom, der das Geschehen um sich herum wie immer mit wachen Sinnen beobachtet, auf dem Weg in die Bibliothek eine frühere Bekannte trifft und sich schließlich ein Gorgonzola-Sandwich und ein Glas Burgunder gönnt. Er erinnert sich an einen Tag vor sechzehn


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Jahren, als ihn Molly wohl verführt hat, und vergleicht seine Lage von damals mit der jetzigen. Er gerät beinahe mit seinem Rivalen Boylan zusammen und flüchtet noch rechtzeitig in das nahe gelegene Museum. In der Bibliothek (neunte Episode, Skylla und Charybdis) hat sich mittlerweile Stephen eingefunden und ist mit den Bibliothekaren in ein Gespräch über Shakespeare verwickelt. Nach seiner These ist Shakespeare nie über das Trauma, von einer älteren Frau verführt worden zu sein, hinausgekommen; auch soll sie ihn in seiner Abwesenheit betrogen haben. Seine Analysen stoßen auf mehr Widerspruch als Verständnis. Der immer wieder unterbrochene Dialog unter gebildeten Intellektuellen ist mit Zitaten und Anspielungen durchsetzt und gehört damit zu den schwierigsten. Ganz im Gegensatz dazu spielt das zehnte Kapitel (Irrfelsen) an der Oberfläche und schildert in kinematographischer Weise die moderne Großstadt in einzelnen wie zufällig herausgegriffenen Vignetten, die durch Querverweise miteinander verbunden sind. Bloom und Stephen verschwinden beinahe in einem Gewirr von Straßen und zahlreichen Nebenfiguren. Eingerahmt wird das Ganze von der kirchlichen und der weltlichen Autorität, einem hochrangigen Jesuiten und dem englischen Vizekönig. Das Hin und Her zwischen verschiedenen Schauplätzen hat anderen Schriftstellern gezeigt, wie einer Großstadt literarisch beizukommen ist. Im elften Kapitel, dessen Bezug zu den Sirenen offensichtlich ist, sucht sich Bloom durch Musik von den Gedanken an sein Zuhause abzulenken. Zufällig sieht er den


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Konzertagenten seiner Frau, der vor der Vereinbarung kurz in der Bar eines Hotels absteigt. Bloom folgt ihm und wird von einem Bekannten zu einer Mahlzeit im Speisesaal überredet. Der Rivale, Blazes Boylan, macht sich auf den Weg zu seinem Besuch. Wie sich mehr Leute dort zusammenfinden, werden Lieder, Arien und Balladen vorgetragen. Bloom beantwortet den Brief des Morgens ohne sonderliches Engagement. In der zwölften Episode, die in einer anderen Kneipe spielt, erfahren wir, dass sich Bloom an der Beerdigung mit zwei Bekannten abgesprochen hat, der Witwe des Verstorbenen mit Rat beizustehen. Während Bloom auf die beiden wartet, lässt er sich auf Argumentation mit einem engstirnigen xenophoben irischen Nationalisten ein und entgeht einem Handgemenge nur sehr knapp. Er offenbart sich dabei als Jude und Zielscheibe einer verfolgten Rasse. Seine Lage verschlimmert sich erst noch, weil er sich nicht an die Regel hält, Geld für Drinks auszugeben, und mit seinen Aussagen oder auch echten Anliegen ordentlich langweilt oder auf die Nerven geht. Sein Widersacher wirft ihm eine leere Keksdose nach und verfehlt das Ziel, was sich leicht mit dem Abenteuer des Kyklopen verbinden lässt. Der Besuch bei der Trauerfamilie bleibt ausgespart, und gegen Abend erholt sich Bloom am Strand nach einem langen Tag. Dort halten sich drei Mädchen auf und werden von ihm beobachtet, besonders eine, Gerty MacDowell (als Nausikaa). Sie gewährt ihm seltene Einblicke in ihre Unterwäsche, worauf Bloom mit onanistischer Befriedigung reagiert. Diese Szene hatte bei einem Vorabdruck in Fortset-


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zungen in den Vereinigten Staaten gerichtliche Folgen: Die Herausgeberinnen der avantgardistischen Little Review wurden bestraft, was eine Veröffentlichung des Romans in englisch sprechenden Ländern unmöglich machte und so auch den Weg frei machte für Sylvia Beach, die amerikanische Buchhändlerin in Paris. Im zweiten Teil des Kapitels ist Bloom allein am Strand und lässt den Tag Revue passieren. Er hat noch einen langen Heimweg vor sich und erkundigt sich im 14. Kapitel (Die Rinder des Sonnengottes) in einem Entbindungsheim nach dem Befinden einer Bekannten und deren bevorstehender Geburt. Er wird, gegen seinen Willen, in das Krankenhaus hineingebeten und trifft dort auf eine Gesellschaft junger Studenten, zu denen sich auch Stephen gesellt hat. Während anderswo im Haus die Geburt tatsächlich stattfindet, besteht der Vordergrund ausschließlich aus dem meist anzüglichen Gespräch der jungen Leute. Als Außenseiter nimmt Bloom daran wenig teil, sorgt sich aber zunehmend um Stephen und nimmt sich aus einer väterlichen (oder mütterlichen) Regung des jungen Mannes an. Da es auf elf Uhr zugeht, begibt sich die Gesellschaft überstürzt in die nächstgelegene Kneipe vor Torschluss zur letzten Erfrischung, bevor alle auseinandergehen. In der weitaus längsten Episode (Kirke) folgt Bloom dem betrunkenen Stephen Dedalus in das ihm wenig vertraute Bordellviertel Dublins und schließlich in das Etablissement einer Bella Cohen. Vieles entzieht sich der Realität, Bloom und Stephen sind ausgefallenen traumartigen Visionen und Halluzinationen, Wunschvorstellungen und Ängsten ausgesetzt, die ganz wie in einem expressionistischen


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Theater personifiziert auftreten und grotesk ausufern. Phantasie und Wirklichkeit sind nicht mehr auseinanderzuhalten. Auf der Ebene der Handlung gerät Stephen in einen Streit mit zwei britischen Soldaten und wird niedergeschlagen. Am Ende bleibt nur Bloom zurück, der sich seiner annimmt und ihn aufrichtet. III Der letzte Teil ist wie die zweite Hälfte der Odyssee der „Heimkehr“ gewidmet und besteht aus drei Episoden, die symmetrisch die drei ersten widerspiegeln, allerdings ungemein viel länger geworden sind. In der 16. machen die beiden zu später Stunde in einer Kutscherkneipe halt, wo ein heimkehrender Matrose von seinen nicht eben glaubwürdigen Abenteuern berichtet. Bloom versucht vergeblich und mit viel ungeschicktem rhetorischem Aufwand, den bewunderten und im Augenblick obdachlosen jungen Mann in ein Gespräch zu verwickeln. Er kann ihn dann aber doch zu sich in sein Haus einladen. Eine Abendzeitung enthält einen (entstellten) Bericht über die Beerdigung des Morgens, worin Blooms Name versehentlich zu ‚Boom‘ verunstaltet wird. Im Ithaka-Kapitel begeben sich die beiden zusammen zu Blooms Haus, in dessen Küche allmählich doch ein Gespräch in Gang kommt und die beiden miteinander verglichen werden. Allerdings wird die Unterhaltung nicht wörtlich wiedergegeben, sondern verflüchtigt sich in die abstrakte von Fremdwörtern durchsetzte wissenschaftliche Diktion, die sich bemüht objektiv und emotionslos gibt. Stephen schlägt die Einladung einer Übernachtung aus und entfernt sich in ungewisse


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Richtung. Bloom überdenkt seinen langen Tag und begibt sich nach langem Hinauszögern in das eheliche Bett, wo seine Frau aufwacht und ihn nach seinem Tagesablauf befragt, bis er in den Schlaf versinkt. Molly Bloom, nun hellwach, schließt das Buch ab mit ihrem notorischen Monolog, worin sie auf den Tag und dessen Abenteuer sowie auch auf ihre Jugend in Gibraltar zurückblickt und ihre Mitmenschen nicht nur wohlwollend beurteilt. Am Ende erinnert auch sie sich wie Bloom an den Tag vor sechzehn Jahren, als ein Jawort ausgesprochen wurde. Das wegen der damaligen sexuellen Freizügigkeit berüchtigte Kapitel ist in beständigem Fluss und weist keinerlei Satzzeichen auf. Es beginnt und endet mit dem Wort „Ja“.


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Das Wie des Ulysses Die Inhaltsangabe scheint von bestechender Belanglosigkeit und entbehrt Sensation (als brauchte Joyce die äußere Spannung gar nicht erst). Sie bildet ein karges Spalier, um das sich all das rankt, was Ulysses über einen Roman hinaushebt. Das Ungewöhnliche liegt anderswo. Was ein dünner Handlungsfaden, das bloße Was, nicht zeigt, ist das Wie – das Gewebe von Beziehungen, die wechselnden Tonarten, Perspektiven und all die Schwingungen. Das oft allzu aufdringliche Wie der Darstellung stellt sich dem Was der Handlung in den Weg, dem „Eigentlichen“, das damit bei Joyce seinen Vorrang aufgibt. Was eine Zusammenfassung nicht zeigt, ist etwa die musikalische Orchestration des Sirenen-Kapitels, in dem ein Arrangement von bruchstückhaften Themen das folgende Geschehen verkürzt andeutet, wie eine Ouvertüre nimmt es die wichtigsten Themen vorweg. Klang drängt sich vor das Verständnis, Wiederholungen mit Variationen ergeben musikalische Effekte, als wäre das Geschehen mit den jeweiligen Motiven einzelnen Instrumenten anvertraut. Kirke, die 15. Episode, nimmt die Form eines Schauspiels an, in einem atemlosen Albtraum scheint alles sonst Verdrängte aus seinen Tiefen aufzuerstehen. Schon im Porträt des Künstlers als junger Mann hatte Joyce der ihm selber nachgebildeten Figur den mythischen Namen Stephen Dedalus gegeben. Daedalus, der erste homo faber, Ingenieur oder Programmierer, stammt aus Ovids Buch der


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Metamorphosen. Seinem Roman vom Heranwachsen dieses Stephen Dedalus setzt Joyce ein Zitat voraus, dass Daedalus „den Geist ausschweifen ließ in bis dahin noch unbekannte Künste“ und neue Kompositionen (Metamorphosen VIII, 188). Ulysses ist noch viel ausgeprägter ein Buch der Veränderungen und der stetigen Abwechslung von Episode zu Episode, ja gelegentlich von Abschnitt zu Abschnitt. Nur selten hat Joyce seine Absicht, wenn es denn je eine Absicht gab, kundgetan, wie in einem Brief vom 20. September 1920, also mehr als ein Jahr vor der Vollendung des Romans: „Meine Absicht ist, den Mythos sub specie temporis nostri zu transponieren. Jedes Abenteuer (das heißt, jede Stunde, jedes Organ, jede Kunst, die im Strukturplan des Ganzen untereinander verbunden und in Beziehung gesetzt sind) sollte die ihm eigene Technik nicht nur konditionieren, sondern sie auch aus sich selbst heraus erschaffen.“ [„Stunde, Organ, Kunst“ sind die jeder der achtzehn Episoden zugeordneten Attribute.] Damit kennzeichnet Joyce seine Variationen, dass also jede der Episoden nach eigenem Muster gestrickt und auf eigene Art programmiert ist (eine passende Vorlage für eine Hörspiel-Fassung). Ulysses hält nicht still, jedes der Kapitel oder Episoden ist ein selbständiges, oft sonderlich anmutendes Gebilde, das jeweils neue Einstimmung verlangt. Jedes der späteren Kapitel ist seine eigene Überraschung. Es ist, als wären die einzelnen Teile ausgelagert und verschiedenen Unter-Autoren anvertraut worden, die alle nach individueller Planung etwas jeweils unverwechselbar Eigenes


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hervorgebracht hätten, das sich dann wieder zu einem vielstimmigen Ganzen mit ungezählten Querverweisen zusammenfügt. Fritz Senn, geboren 1928 in Basel, ist ein weltweit renommierter Joyce-Kenner. Er war Präsident der internationalen James Joyce Foundation und Mitherausgeber der Frankfurter Joyce-Ausgabe. Seit 1985 leitet er die James-Joyce-Stiftung Zürich. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Ehrungen und Preise. Er lebt in Zürich.


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Der Autor: Zeittafel zu James Joyce 1882 James Joyce wird am 2. Februar in Dublin als erstes von 10 Kindern geboren Eintritt in das jesuitische Internat Clongowes Wood College 1888 Schulzeit am jesuitischen Belvedere College 1893 1898 Studium moderner Sprachen (Englisch, Französisch, Italienisch) am University College in Dublin Ibsen’s New Drama, die erste Publikation von Joyce, 1900 erscheint im Fortnightly Review 1902 Universitätsabschluss; Joyce versucht in Paris Medizin zu studieren Rückkehr nach Dublin; Tod der Mutter 1903 1904 Arbeit an seinem Roman Stephen Hero; erste Erzählung aus den Dubliners; am 16. Juni führt Joyce seine spätere Lebensgefährtin Nora Barnacle zum ersten Mal aus (dieses Datum wird später als „Bloomsday“ im Ulysses verewigt); das Paar verlässt Irland und versucht zunächst in Zürich, dann in Pula Fuß zu fassen


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1905 Feste Anstellung als Englischlehrer in Triest; Geburt seines Sohnes Giorgio 1906 Joyce beendet seine Arbeit an den Dubliners; Umzug nach Rom 1907 Rückkehr nach Triest; Chamber Music wird veröffentlicht; Geburt seiner Tochter Lucia; schweres rheumatisches Fieber; erste Anzeichen eines lebenslangen Augenleidens 1908 Umarbeitung des Romans Stephen Hero (später veröffentlicht unter dem Titel A Portrait of the Artist as a Young Man) 1912 Joyce besucht ein letztes Mal Irland 1914 Veröffentlichung der Dubliners; Beginn der Arbeit an Ulysses 1915 Während des Ersten Weltkriegs droht Joyce als britischem Staatsbürger in Österreich-Ungarn die Verhaftung; er flieht nach Zürich 1918 Erste Kapitel des Ulysses erscheinen in der New Yorker Zeitschrift Little Review 1919 Joyce kehrt noch einmal nach Triest zurück 1920 Übersiedlung nach Paris; Ulysses gerät nach der Veröffentlichung des Nausikaa-Kapitels in den USA zum Skandal


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1922 Joyce beendet an seinem 40. Geburtstag die Arbeit an Ulysses; der Roman erscheint am 22. Februar im Verlag Shakespeare & Company 1923 Beginn der Arbeit an Finnegans Wake; Ausschnitte des Romans erscheinen im Folgejahr unter dem Titel Work in Progress Erste deutsche Übersetzung des Ulysses 1927 1931 Joyce heiratet seine langjährige Lebensgefährtin Nora Barnacle; Tod des Vaters Ulysses wird in den USA vom Vorwurf der Pornographie freigesprochen 1933 1934 Random House veröffentlicht Ulysses in den USA erstmalig ungekürzt Finnegans Wake erscheint in London 1939 1940 Flucht aus Paris vor der anrückenden deutschen Wehrmacht; Rückkehr nach Zürich 1941 Am 13. Januar stirbt James Joyce in Zürich


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Das Gilbert Schema von James Joyce 1921 für seinen Freund Stuart Gilbert zusammengestellt

Titel Szene Stunde Organ Telemachos Turm 8.00 - Nestor Schule 10.00 - Proteus Strand 11.00 - Kalypso Haus 8.00 Niere Lotophagen Bad 10.00 Genitalien Hades Friedhof 11.00 Herz Aiolos Zeitung 12.00 Lunge Laistrygonen Essen 13.00 Speiseröhre Skylla und Charybdis Bibliothek 14.00 Gehirn Irrfelsen Straße 15.00 Blut Sirenen Konzertsaal 16.00 Ohr Der Kyklop Pub 17.00 Muskeln Nausikaa Felsen 20.00 Auge, Nase Krankenhaus 22.00 Gebärmutter Rinder des Helios Kirke Bordell 0.00 Bewegungsapparat Eumaios Kutscher-Kneipe 1.00 Nerven Ithaka Haus 2.00 Skelett Penelope Bett - Fleisch


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Kunst Farbe Symbol Technik Theologie Weiß/Gold Erbe Erzählung (jung) Geschichte Braun Pferd Katechismus (persönlich) Philologie Grün Flut Monolog (männlich) Ökonomie Orange Nymphe Erzählung (erwachsen) Botanik/Chemie - Eucharistie Narzissmus Religion Weiß/Schwarz Totengräber Inkubismus Rhetorik Rot Redakteur Enthymem (unvollständiges Schlußverfahren) Architektur - Polizisten Peristaltik Literatur - Stratford/London Dialektik Mechanik - Bürger Labyrinth Musik - Bardamen Fuga per canonem Politik - Nationalist Gigantismus Malerei Grau/Blau Jungfrau Tumeszenz/Detumeszenz (An- und Abschwellen) Medizin Weiß Mutter Entwicklung des Embryos Magie - Hure Halluzination Navigation - Matrose Erzählung (alt) Wissenschaft - Komet Katechismus (unpersönlich) - - Erde Monolog (weiblich)


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Über den Tag hinaus: Der „Ulysses“ in SWR2 von Ekkehard Skoruppa Lesung oder Hörspiel? In SWR2, dem Kulturprogramm des Südwestrundfunks, und beim Partner Deutschlandfunk mussten wir nicht lange überlegen: Ein Hörspiel sollte es sein! Eigenständig, vielschichtig, musikalisch. Als einzige originäre Kunstform des Radios kann das Hörspiel über die Grenzen der texttreuen Lesung hinausgehen. Je mehr es aufs Eigene setzt und je weniger auf die reine Reproduktion, desto größer werden die Chancen, das Original im Kern zu treffen. Das Hörspiel kann Umwege wählen oder wortlos laut werden lassen, was im Text Beschreibung ist. Es kann frei in Musik und Geräusch übertragen, Dialog und Monolog in Szene setzen. Ziel ist es, den richtigen Ton zu treffen – nicht unbedingt den vollständigen Text. Das Original ist sinnlich neu und anders zu entdecken. SWR2 hat den gesamten Ulysses an einem einzigen großen Radiotag, dem Bloomsday 2012, gesendet. Der koproduzierende DLF war über viele Stunden dabei. Die vorliegende, wunderbare Edition des Hörverlags eröffnet darüber hinaus den von jeder Sendezeit unabhängigen Zugang zur Welt des James Joyce. Klaus Buhlert, der herausragende Bearbeiter, Komponist und Regisseur, und SWR-Chefdramaturg Manfred Hess haben intensiv an diesem ambitionierten Projekt gearbeitet. Mit über 25 Stunden Laufzeit ist es das größte Hörspiel des SWR und eines der aufwändigsten in der gesamten Hörspielgeschichte der ARD. Auch wenn Größe allein noch nichts besagt: Diese Produktion besticht bis ins Detail – über jeden Radiotag hinaus! Ekkehard Skoruppa leitet beim SWR2 die Abteilung Künstlerisches Wort/Hörspiel.


Birgit Minichmayr (Molly Bloom)

Werner Wölbern (Erzähler)


Dietmar B채r (Leopold Bloom)

Jens Harzer (Stephen Dedalus)


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Der direkte Weg zur Hörspielfassung von Manfred Hess Es ist so eine Sache mit dem Schutz des geistigen Eigentums, den Urhebern und ihren Erben. Im Unterschied zu anderen Arten von Eigentum ist geistiges Eigentum nur zeitlich beschränkt geschützt. Die Regelschutzfrist für literarische Werke verlängerte 1996 das revidierte Berner Abkommen rückwirkend für die wichtigsten Industriestaaten von 50 auf 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers. Nicht alle sind mit dabei: In Japan und China gilt noch die alte 50-jährige Schutzfrist. Werke von Autoren wie Franz Kafka, Arthur Schnitzler, Virginia Woolf und auch James Joyce waren damals plötzlich vor Geistesdieben und illegitimen Nutzern geschützt, ein Riegel vorgeschoben der Überschwemmung des Marktes mit dem Junkfood billiger und möglicherweise unsorgfältiger Verwurstung der modernen Klassiker, ob im Film, Theater oder Hörspiel. Ohne Anfrage ging nichts – und Geld kostete die Nutzung auch noch. Als der alleinige Erbe von James Joyce, Stephen James Joyce, mit Wohnsitz in Paris, von dieser Verlängerung erfuhr, freute er sich. Nicht nur des pekuniären Segens wegen, der ihm weiter gewährt wurde. Der Enkel konnte sich nun, nachdem er seit einigen Jahren pensioniert war, bis zum 31. Dezember 2011 weiterhin seiner Funktion der Rechtsnachfolge mit ganzem Herzen widmen und die Lizenzierungen des Werks seines 1941 gestorbenen irischen Großvaters nach eigenem Ermessen


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einräumen. Endlich konnte er weiter Prozesse führen, um Bücher, Theaterstücke, Filme und Lesungen von oder über Opas Werk zu verbieten. Mal verlangte er auch irrwitzige Millionensummen für eine multimediale Version des Ulysses an einer amerikanischen Universität, worauf das Projekt natürlich gecancelt wurde. Aber er hatte auch eine generöse Seite: So wurde die Sendung des Molly Bloom-Monologs der irischen Hörspielfassung von 1982 dem Deutschlandfunk für geringes Entgelt gewährt, da die Hörspielleiterin Elisabeth Panknin Schillers Gedicht Die Glocke auswendig zu rezitieren wusste. Oder er schwieg einfach, wenn es um weitere Adaptionsanfragen zu Dubliner oder Ulysses ging. So sehr es die Hörspielproduzenten verärgert haben mag, so selten und achtenswert ist es andererseits, noch einen unberechenbar eigenwilligen Erben zu finden, der den Verlockungen des Mammons widerstand oder die Hürden sehr hoch legte. „Sollen sie James Joyce doch einfach lesen“, sagte er nicht selten. Im Winter 2008/9 war dann der Breaking Point erreicht, das Ende der Schutzfrist für James Joyce war für 2012 in Blickweite. Der Suhrkamp Verlag sagte zu, die Wollschläger-Übersetzung zu lizensieren, und wir konnten uns auf die Suche machen nach dem direkten Weg zur Hörspielfassung von Ulysses, ungestört fragen nach dem Warum und Wie.


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Der Roman „Stattlich und feist erschien Buck Mulligan im Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.“ Mit diesem Satz beginnt der Roman Ulysses von James Joyce. Er ist der Roman der literarischen Moderne kat’exochen, mit dem Helden des altgriechischen Epos schlechthin, der Odyssee. Hans Wollschläger hat ihn 1975 kongenial – so das einhellige Kritikerurteil – neu ins Deutsche übertragen. Die Übersetzung von Georg Goyert von 1927 genügte nicht mehr den Ansprüchen zeitgenössischer Rezeption und Übersetzungskunst. Der Roman, 1922 in der Pariser Buchhandlung Shakespeare & Company der Amerikanerin Sylvia Beach erschienen, nachdem andere Verlage das Werk wegen seiner obszönen Passagen abgelehnt hatten, erzählt in 18 Kapiteln die Geschichte eines Donnerstages. Es ist der Donnerstag des 16. Juni 1904. Von 8 Uhr morgens bis weit nach Mitternacht entsteht das Portrait Dublins mit seinen Orten und Menschen. Der Roman folgt wie ein Kartograph den Wegen der Protagonisten, des Jesuitenzöglings und jungen Schriftstellers Stephen Dedalus und des 40-jährigen jüdischen Annoncenakquisiteurs Leopold Bloom mit seiner untreuen Frau Molly. Und wie ein Seismograf zeichnet er die innersten Regungen dieser Figuren auf. Aber der Ulysses ist nicht nur der Roman eines Tages oder der Roman einer Stadt, er ist der Roman einer Epoche, der Epoche der literarischen Moderne. Joyce führt die sprachlichen und stilistischen Möglichkeiten des Erzählens vor, mit denen


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Wirklichkeit gespiegelt und literarisch konstruiert werden kann. Jedes der Kapitel, die er im Roman weder betitelte noch nummerierte, die aber in den Konstruktionsskizzen von Gilbert oder Linati Gesängen aus Homers Odyssee zugeordnet wurden, hat seine eigene literarische Technik und rhetorische Figur. So spannt Joyce den Bogen von Homers Odyssee bis zu Dublins Bürgern zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In zahllosen Anspielungen und Zitaten, in den Erzählerparts, Monologen, Dialogen und mehrstimmigen Szenen scheinen die Spuren der Mythologie und Geschichte, der Philosophie und Literatur, der Kunst, Musik und Wissenschaft seit der Antike auf. Der literaturgeschichtliche Stellenwert des Ulysses und die wuchernde Sekundärliteratur bauen Respekt auf und haben zuweilen die unvoreingenommene Lektüre eher gehemmt denn befördert. Dabei ist der „Bloomsday“, dieser 16. Juni, der Tag des Romans, Kult, wird weltweit gefeiert, nicht zuletzt in Deutschland. Als Text steht der Roman Ulysses in zahlreichen Bücherschränken, wenn auch oft nur an- oder schlechterdings gar nicht gelesen. Es ist an der Zeit, dieses Meisterwerk für den deutschen Sprachraum wieder lebendig werden zu lassen – mit all seinem Humor und Witz, seiner sprachlichen Schönheit und Musikalität, seinen Geschichten und seiner Thematisierung von Sexualität, schlicht: seiner Modernität. Das englische Original kann nur derjenige erschließen, der des Englischen wirklich mächtig ist. Der Ulysses ist tatsächlich nicht einfach – und durchaus schwierig, vor allem für den deutschen Sprach- und Rezeptionsraum, trotz der kongenialen Übersetzung von Hans Wollschläger. Seine


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Bedeutungsebenen, Motiv- und Erzählstrukturen oder etymologischen Grundlagen zu erschließen und den joyceschen Stilexperimenten gerecht zu werden, scheint auf den ersten Blick nur etwas für Eingeweihte mit Geduld und entsprechendem Handapparat. Doch dieser Schein trügt. Es bietet sich durchaus eine Lesart an, die den Ulysses einem größeren Publikum nahebringt, ohne seinen Gehalt und seine Komplexität zu unterschlagen. Bertolt Brecht weist den Weg auf lakonischhintergründige Weise: „Das Buch habe ich von ganz intelligenten Lesern wegen seines Realismus loben hören (…) ich gestehe, dass ich über den Ulysses (trotz seiner zahlreichen Manierismen) beinahe ebenso gelacht habe als über den Schwejk, und für gewöhnlich lacht unsereiner nur bei realistischen Satiren.“ Ob Joyce eine Satire geschrieben hat, sei dahingestellt. Brecht betont den Realismus und den Unterhaltungswert des Romans. Er stellt ihn vom Kopf wieder auf die Füße und auf seinen realistischen Boden. Das Hörspiel Brechts ästhetisches Urteil übernimmt die Hörspielfassung des Ulysses als Zielvorgabe: Sie will dabei den Roman in seinen Bedeutungsebenen akustisch erfahrbar machen, ohne unstatthaft zu vereinfachen, aber auch ohne in weihevollem Purismus zu erstarren. Diese Aufgabe kann vor allem eine Hörspielfassung erfüllen. Ihre Mittel: inszenatorische Verlebendigung und Dechiffrierung, Staffelung des


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akustischen Raumes zur Verdeutlichung von Erzählhaltungen und -perspektiven, Vernetzung der Motive. Das alles ist umsetzbar über eine akustische Bearbeitungsstrategie, mit Hilfe von Schauspielern in Rollen- und Erzählerhaltungen sowie den Möglichkeiten, die Musik und Geräusche einer sinnlichen Inszenierung und Motivverknüpfung bieten. Es verstand sich von selbst, dass natürlich auch die Hörspielfassung der Vorgabe folgt: am Originaltext entlang; kein Wort, das nicht von Joyce stammte – in seiner deutschen Übersetzung. Für das Projekt konnte als Bearbeiter, Komponist und Regisseur Klaus Buhlert gewonnen werden. Buhlert hat kontinuierlich über eineinhalb Jahre am Ulysses gearbeitet und ihn als Hörspiel auf 18 Teile à 41 bis 110 Minuten angelegt. 18 unterschiedliche Hörspiele sind entstanden. Er folgt damit den 18 Roman-Kapiteln, von denen jedes einen eigenen Stil und eine eigene Sprache aufweist. Als Referenz und Überprüfung der eigenen Arbeit diente uns dabei das Hörspiel des Irischen Rundfunks von 1982, das den vollständigen Text inszenierte. Die deutsche Hörspielfassung hat sich hingegen für Kürzungen entschieden. Sie sind keiner Sendeformat-Vorgabe geschuldet, sondern sie stehen unter dem Zeichen der Zielvorgabe von Brecht. So sind dieses Kürzungen auf eine Verdeutlichung nach verständnis- und spannungsdramaturgischen Überlegungen angelegt, die sich aus der Logik des Textes entwickeln und die unumkehrbare Linearität des Akustischen berücksichtigen. Der Kürzungsfaktor schwankt je nach Kapitel, um die literarische Komplexität in eine akustisch erfahrbare Wirklichkeit zu überfüh-


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ren. Bei den Kapiteln „Skylla und Charybdis“ sowie „Die Rinder des Sonnengottes“ schien uns dies nur über eine radikale Verdichtung möglich. Die akustische Welt ist eine selbstständige. Sie tritt nicht in Konkurrenz zum Akt des Lesens, sondern ist eine Übertragung des Ulysses in ein anderes Medium. So verbindet sich mit dem akustischen Ulysses nicht nur ein großartiges Abenteuer für die „Macher“, die sich vor dem literarischen Meisterwerk von James Joyce verbeugen. Es verbindet sich mit ihm vor allem die hehre Hoffnung, das Hörspiel möge endlich zur Lektüre des Romans anregen und den Joyce-Leser in seiner Dechiffrierkunst bereichern. Manfred Hess ist Chefdramaturg beim Hörspiel des SWR.


Klaus Buhlert (Regie)


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Der Bearbeiter, Regisseur und Komponist Klaus Buhlert, geboren 1950 in der DDR, studierte Musik, Akustik und Informatik. An der TU Berlin lehrte er elektronische und Computer-Musik. Seine erste Bühnenmusik schrieb er 1983 für George Tabori. Buhlert überraschte immer wieder mit neuen Ideen und Projekten, so 1995 mit einem Musiktitel in dem Film Natural Born Killers von Oliver Stone. Viele seiner über 80 Kompositionen für Theater, Film und Hörspiel wurden ausgezeichnet. Nachdem er bereits zu den begehrtesten Komponisten der Hörspielszene gehörte, begann er selbst Hörspiele zu inszenieren. Sein Hörspielregiedebüt, Hotels von Raoul Schrott (BR), wurde 1995 zum Hörspiel des Jahres. Außerdem führte er u. a. Regie bei der Hörbuchedition zu Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften, dem vielfach ausgezeichneten Hörspielopus Moby-Dick oder Der Wal von Herman Melville und inszenierte zuletzt das Hörspiel zu Kafkas Process. Klaus Buhlert lebt in Berlin und wirkt als Komponist, Regisseur und Autor. Er spricht von seiner „Sucht nach überzeugenden akustischen Erzählformen und unverbrauchten Sprachbildern“, die das Medium Hörspiel für ihn so reizvoll macht.


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Fünf Fragen an Klaus Buhlert Vielen gilt der Ulysses als ein unverständliches und schwieriges Werk. Wie sehr teilen Sie diese Einschätzung? Allen, die diesen Roman unverständlich und schwierig finden, kann ich vielleicht nachfolgenden hilfreichen Ratschlag geben, ohne natürlich aufdringlich erscheinen zu wollen: Machen Sie es wie ich ... Lesen Sie ihn lange und laut. Ich habe mich für einige Monate mit etwas beschäftigt, was die Meisten abschreckt. Es liegt deshalb nahe, dass ich nach Abschluss dieser Produktion als eine Art Experte in Sachen Ulysses gelte und auch so behandelt werde. Zum Beispiel werden mir fremde Menschen sich entschuldigend anvertrauen, dass sie den Roman nur teilweise oder gar nicht ... aber nächste Woche dann, besonders jetzt, wo man das Hörspiel ... Ich habe aber immer noch nicht die leiseste Ahnung, wie man den Ulysses richtig lesen sollte, wenn man das überhaupt kann? Das Einzige, was ich behaupten darf, ist, dass wir den Roman im Tonstudio lange und laut gelesen haben. Und einigen, die das Ergebnis hören, wird das wohl großen Spaß machen ... Was macht den Ulysses für eine Hörspielbearbeitung so reizvoll? Über reizvolle Hörspielbearbeitungen zu reden ist in der Regel bequemer, als eine solche zum Beispiel aus dem Ulysses-Roman zu fertigen. Es gilt unzählige Einzelheiten zu entscheiden. Unter Produktionsdruck muss manches notdürftig und zu-


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dem auch noch schnell passieren. Und dazu sind leider ein paar Kenntnisse nötig, die gewissermaßen solche Entscheidungen erst möglich machen. Bei einem Werk wie dem Ulysses äußern sich Theoriespezialisten auf Nachfrage oder Nachschlagen hin meist präzise und allgemeingültig – und wenn es unbedingt erforderlich ist, auch verständlich. Der Reiz für eine Hörspielbearbeitung des Ulysses besteht wohl darin, den Schreibmustern im Roman, ihrer Poesie und ihrem Rhythmus und nicht zuletzt diesem Jonglieren mit Stilistik und Form nachzuspüren und akustische Entsprechungen dafür zu finden. Worin bestand die größte Herausforderung bei der Realisierung des Hörspiels? Das Lesen des Romans stellt den Leser, wie wir alle erfahren haben, vor gewisse Anforderungen. Man kann sich vorstellen, dass diese Anforderungen nicht gerade kleiner werden, wenn man den Roman ein weiteres Mal – nun aber laut – lesen möchte. Geht man noch einen Schritt weiter und beschließt, sich den Roman von anderen Menschen vorlesen und vorspielen zu lassen, wird man schnell vom komplexen Hintergrund solch eines Vorhabens überzeugt sein. Gott sei Dank waren es in meinem Falle außergewöhnlich gute Schauspieler! Bei Joyce kommt noch erschwerend hinzu: Im Text des Romans wird die Illusion spontaner Mündlichkeit niemals zerstört – und das obwohl immer vom Autor scharf kalkulierte Schriftlichkeit zugrunde liegt. Wir alle kennen den Satz: „Schrei-


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be, wie du sprichst!“ Und der wird bei Joyce ins Gegenteil verkehrt. Das macht die Arbeit für die Schauspieler und den Regisseur im Studio nicht einfacher. Das Hörspiel ist mit erstklassigen Schauspielern besetzt. Wie bereiten Sie den Einsatz der Schauspieler vor? Alles, was ich tun kann, ist, mich selbst vorzubereiten. Mit den meisten Schauspielern unseres Ulysses verbindet mich langjährige Erfahrung in der Arbeit, zum Teil auch Freundschaft. Man kann sich aufeinander verlassen, auch wenn es manchmal reichlich unübersichtlich wird im Studio. Schauspieler bereiten sich ganz individuell und auf ihre Weise auf solche nicht alltäglichen Texte vor. In dieser Richtung mache ich überhaupt keine Vorgaben mehr. Manchmal, wenn es „tricky“ werden könnte, trifft man sich zu einer Vorbesprechung oder auch kleineren Probe vor der eigentlichen Aufnahme. Wichtig für mich ist, dass bei den eigentlichen Aufnahmen viel von der spontanen Individualität des Schauspielers erhalten bleibt. Trotz meines Bauplans und den damit verbunden Vorstellungen über Inszenierung und Figuren im Kopf. Bei der Musik greifen Sie u. a. auf Kompositionen zurück, die Joyce selbst gesungen bzw. am Piano begleitet hat. Wie sind Sie darauf gestoßen? Joyce war ein begabter Tenor und begleitete seinen Gesang selbst am Piano. Das war Familientradition, denn auch von seinem Vater wird berichtet, dass er eine überdurchschnittliche Tenorstimme besaß. Zu diesem Thema gibt es eine nette


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Geschichte: Ein Zeitgenosse aus Dublin soll auf die Frage, ob er den Schriftsteller James Joyce gekannt habe, geantwortet haben: „Schriftsteller? Ich kenne einen James Joyce, aber das war ein Tenor.“ Um dann nach einigem Nachdenken hinzuzufügen: „Ach ja, ein paar Bücher soll er auch geschrieben haben!“ Joyce’ musikalischer Nachlass landete in mehreren Schuhkartons verpackt in einer Universitätsbibliothek in den USA. 1982 kam ein James Joyce Songbook heraus, das den dankenswerten Versuch unternimmt, diese Sammlung loser Blätter zu bündeln und in Beziehung zum literarischen Gesamtwerk von James Joyce zu setzen. Dieses Songbook-Material wurde zur musikalischen Quelle für uns. Und einige gute Beispiele dafür sind sicherlich in Kapitel 11 hörbar. Kapitel 11 trägt übrigens den programmatischen Titel Sirenen. Wie der Name andeutet, stehen Musik und musikalische Techniken in seinem magnetischen Zentrum. Klänge, Metaphern, Rhythmen werden von diesem Magneten gleichsam angezogen und zu Sprache und Gesang geordnet. Nicht einfach zu entschlüsseln und dennoch faszinierend in seiner Art ... Das Interview führte Oliver Kopitzke.


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Die Darsteller Manfred Zapatka. geboren 1942 in Bremen, kam 1972 an das Staatstheater Stuttgart unter der Intendanz von Claus Peymann und war außerdem über zwanzig Jahre lang an den Münchner Kammerspielen engagiert. Seit den achtziger Jahren sieht man ihn auch regelmäßig im Fernsehen. Darüber hinaus ist Zapatka ein gefragter Hörbuchsprecher – er wirkte u. a. in Hermann Hesses Der Steppenwolf, Herman Melvilles Moby-Dick oder Der Wal oder Franz Kafkas Der Process mit. Für seine Lesung der Ilias wurde er mit dem Deutschen Hörbuchpreis als bester Interpret geehrt. Rufus Beck, geboren 1957, ist als Hörbuchsprecher vor allem seit Harry Potter populär – dafür bekam Beck vier Goldene und vier Platin-Schallplatten sowie den HÖRkulino im Rahmen des Deutschen Hörbuchpreises 2008. Auch als Schauspieler stellte er sein Talent schon mehrfach unter Beweis: Er erhielt 1994 einen Bambi (Der bewegte Mann) und wurde 1997 für den Bundesfilmpreis nominiert (Jimmy the Kid). Für den Hörverlag sprach Beck u. a. auch den Hobbit Pippin in J.R.R. Tolkiens Der Herr der Ringe und die Hauptrolle in Herman Melvilles Moby-Dick oder Der Wal, außerdem ist er in den Hörspielen Der Process von Franz Kafka oder Don Quijote von Miguel de Cervantes zu hören.


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Jürgen Holtz, geboren 1932 in Berlin, war schon an vielen deutschen Theatern engagiert. So spielte er am Münchner Residenztheater und wiederholt am Schauspielhaus Frankfurt am Main, am Deutschen Theater Berlin und am Nationaltheater Mannheim. Daneben ist Holtz auch immer wieder für Rundfunk, Film und Fernsehen aktiv. Einem breiteren Publikum wurde er 1993 als Nörgler Motzki in der gleichnamigen ARD-Serie bekannt. Thomas Thieme, geboren 1948, war von 1990 bis 1993 am Burgtheater Wien engagiert und spielte dort unter anderem Brechts Baal und den Impressario von Smyrna. Für seinen Richard III. in Luk Percevals Schlachten! wurde er zum Schauspieler des Jahres 2000 gewählt. Zudem wirkte Thieme nicht nur in vielen Kino- und TV-Produktionen mit, sondern trat auch schon mehrfach als Sprecher in Aktion. Für den Hörverlag war er z. B. in Cervantes’ Don Quijote von der Mancha dabei. Werner Wölbern, geboren 1961, kam 1995 ans Thalia Theater nach Hamburg. Von 1999 bis 2004 gehörte er dem Ensemble des Wiener Burgtheaters an, seit 2011 ist er beim Bayerischen Staatsschauspiel engagiert. Einem großen Publikum ist er dank zahlreicher Film- und Fernsehproduktionen bekannt, darunter Tatort, Der Dicke und Polizeiruf 110. Wölbern ist aber auch ein vielseitiger Hörbuchsprecher und z. B. in Hermann Brochs Die Schlafwandler sowie Isabel Allendes Das Geisterhaus zu hören.


Thomas Thieme (Erz채hler) Rufus Beck (Erz채hler), Klaus Buhlert (Regie)


Stefan Wilkening (verschiedene), Klaus Buhlert (Regie) Manfred Zapatka (Erz채hler)


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Corinna Harfouch, geboren 1954 in Thüringen, war ein großer Film- und Theaterstar in der DDR. Nach der Wende galt ihr Ruhm im Westen zunächst nichts – doch innerhalb weniger Jahre machte sie sich mit mehreren preisgekrönten Fernsehfilmen wieder einen Namen. Ihren Durchbruch als Kinodarstellerin hatte Harfouch in dem Psychothriller Solo für Klarinette und als Magda Goebbels in Der Untergang sorgte sie für großes Aufsehen. Daneben spricht sie in der Hörspielinszenierung von Kafkas Der Process. Dietmar Bär, 1961 geboren, ist ein bekannter Theater- und Filmschauspieler. Er stand als Partner von Willy Millowitsch in den Klefisch-Krimis des WDR vor der Kamera, hat seit 1997 als Kölner Tatort-Kommissar in über 30 Fällen ermittelt und wurde 2000 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. 2012 erhielt Dietmar Bär die Goldene Kamera als bester deutscher Schauspieler. Er leiht seine Stimme nicht nur vielen Titeln von Håkan Nesser, sondern hat etwa für den Hörverlag auch Schrecklich amüsant von David Foster Wallace und Agent 6 von Tom Rob Smith gelesen.


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Corinna Harfouch (Erz채hlerin)

Dietmar B채r (Leopold Bloom), Klaus Buhlert (Regie)


Rufus Beck (Erz채hler), Klaus Buhlert (Regie)


Klaus Buhlert (Regie), J체rgen Holtz (Erz채hler)

Birgit Minichmayr (Molly Bloom), Klaus Buhlert (Regie),


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Jens Harzer, geboren 1972, wurde 2011 schon zum zweiten Mal von der Fachzeitschrift Theater heute zum Schauspieler des Jahres gewählt. Den Titel erhielt er unter anderem für seine Darstellung des Marquis Posa in Jette Steckels Inszenierung von Don Carlos. Harzer ist vor allem auf Bühnen in Hamburg, München und Salzburg zu sehen. Seit der Spielzeit 2009/10 ist er festes Ensemblemitglied des Hamburger Thalia Theaters. Ernst Stötzner, geboren 1952, arbeitet vor allem an der Berliner Schaubühne. Seit Ende der 80er Jahre führt er mit Erfolg auch immer wieder selbst Regie. Darüber hinaus trat Stötzner schon mehrmals im Fernsehen auf, z. B. in Folgen von Tatort und Schimanski oder im Film Mittlere Reife. Im Kino war er unter anderem in Spinnennetz und Das Fenster zum Sommer zu sehen. Birgit Minichmayr, geboren 1977 in Linz, war lange am Wiener Burgtheater und spielt nun am Residenztheater in München. Die preisgekrönte Schauspielerin ist aber auch in der Filmwelt zuhause: Sie hatte Rollen in der Bestseller-Adaption Das Parfüm sowie in Kirschblüten – Hanami von Doris Dörrie. 2009 wurde Minichmayr der Darstellerpreis der Berlinale für ihren Part in Maren Ades Alle Anderen verliehen.


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Anna Thalbach, 1973 geboren, zählt seit zwanzig Jahren zu den gefragtesten TVund Kinoschauspielerinnen und ist auch immer wieder an renommierten Bühnen zu sehen, z. B. in München, Berlin und Zürich. Im Kino war sie etwa in Der Untergang, Krabat und Der Baader Meinhof Komplex zu erleben. Sie erhielt 2001 den Deutschen Fernsehpreis für ihre Rolle im Tatort Kindstod. Im Hörverlag ist sie u. a. in den Hörspielen Wassermusik von T.C. Boyle, Der Steppenwolf von Hermann Hesse oder Don Quijote von Miguel de Cervantes zu hören. 2008 wurde Thalbach mit dem Deutschen Hörbuchpreis als Beste Interpretin ausgezeichnet. Josef Bierbichler, geboren 1948, war schon auf zahlreichen deutschen Bühnen zu sehen. Er arbeitete mit vielen Größen des deutschen Theaters, so z. B. mit Peter Zadek, Claus Peymann, Christoph Marthaler und Christoph Schlingensief. Die Zeitschrift Theater heute hat ihn dreimal zum Schauspieler des Jahres gewählt. Berühmt wurde Bierbichler nicht zuletzt durch sein Mitwirken in den Heimatfilmen von Herbert Achternbusch. Im Hörverlag ist er auch in der Hörspielversion von Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften. Remix und in Gilgamesh von Raoul Schrott zu hören. Eva Gosciejewicz, geboren 1967, studierte nach einer Ausbildung zur Modedesignerin Schauspielkunst in Wien. Zunächst spielte sie am Münchner Residenztheater, von 1994 bis 2000 war sie festes Ensemblemitglied an den Städtischen Bühnen


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Frankfurt. Dort hatte Gosciejewicz u. a. Rollen in Edward Albees Wer hat Angst vor Virginia Woolf?, Anton Tschechows Der Kirschgarten und Marius von Mayenburgs Feuergesicht. Von 2001 bis 2007 spielte sie am Bayerischen Staatsschaupiel. Seit der Saison 2007/08 ist Eva Gosciejewicz festes Ensemblemitglied beim Theater Bremen. Auch als Hörbuchstimme ist sie gefragt. Felix von Manteuffel, gehört zu den großen deutschen Schauspielern der Gegenwart. Er spielte und spielt u. a. in München am Bayerischen Staatsschauspiel und an den Kammerspielen, ferner in Zürich, in Hamburg, in Wien sowie in Frankfurt – wirkte aber auch in unzähligen Filmproduktionen mit. Felix von Manteuffel ist in Hörspielen wie Der Zauberberg von Thomas Mann, Robinson Crusoe von Daniel Defoe oder Nachtzug nach Lissabon von Pascal Mercier zu hören und las für den Hörverlag sowohl Homo Faber und Montauk von Max Frisch als auch Harry Potter von Joanne K. Rowling. Hans-Werner Meyer, geboren 1964, gehört zu den gefragtesten Schauspielern seiner Generation und ist der Mann mit der Samtstimme. Einem breiten Fernsehpublikum wurde er bekannt durch seine Rolle als Polizeipsychologe Dr. Dominik Born in der RTL-Serie Die Cleveren. Im Kino war er unter anderem in dem Film Der Baader Meinhof Komplex zu sehen.


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Milan Peschel, geboren 1968 in Berlin, ist als Schauspieler, Regisseur und Sprecher erfolgreich: Er war Ensemblemitglied an der Volksbühne Berlin und inszenierte selbst an verschiedenen Theatern, während er dem Kinopublikum in dem Film What a man begegnet. 2011 erhielt Peschel den Bayerischen Filmpreis als Bester Darsteller in Halt auf freier Strecke. Stefan Wilkening, geboren 1967, spielte an den Münchner Kammerspielen, bei den Wiener Festwochen, am Schauspiel Frankfurt sowie beim Bayerischen Staatsschauspiel in München und wirkte bei unzähligen Film- und Hörfunkproduktionen mit. Für den Hörverlag las Wilkening z. B. die Merlin-Saga von T.A. Barron sowie die beiden Agatha-Christie-Titel Das Böse unter der Sonne und Mord im Orientexpress. Darüber hinaus war er u. a. beim Hörspiel Moby-Dick oder Der Wal von Herman Melville dabei. Außerdem wirken mit: Anatol Aljinovic, Hendrik Arnst, Bibiana Beglau, Margit Bendokat, Klaus Buhlert, Leo Burkhardt, Alberto Fortuzzi, Judith Hofmann, Lyonel Hollaender, Franz Jährling, Wolfram Koch, Peter Kurth, Michael Lucke, Jacqueline Macaulay, Mira Partecke, Maximilian von Pufendorf, Lars Rudolph, Mandy Rudski, Natali Seelig, Michel Stieblich, Graham Valentine


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Stadtplan von 1906


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Inhalte der Kapitel 1 Telemachos Die Odyssee beginnt mit dem Ratschluss der Götter, Odysseus nach inzwischen zwanzigjähriger Abwesenheit in seine Heimat zurückkehren zu lassen. Der Schauplatz wechselt dann zu Odysseus’ Palast auf der Insel Ithaka. Dort haben sich die Freier seiner Frau Penelope breitgemacht und verprassen den Besitz des abwesenden Hausherrn. Telemachos, der Sohn des Odysseus, ist ihnen gegenüber machtlos. Pallas Athene, die Schutzgöttin des Odysseus, erscheint ihm in Gestalt zweier Freunde seines Vaters, Mentes und Mentor. Von ihr ermutigt, widersetzt er sich den feindlich gesinnten Freiern und bricht auf, um Nachforschungen über seinen Vater anzustellen. (Od I–II) Es ist Donnerstag, der 16. Juni 1904, etwa 8 Uhr morgens. Stephen Dedalus, der junge Dichter-Gelehrte aus dem Porträt des Künstlers als junger Mann, ist aus Paris zurückgekehrt. Er bewohnt zurzeit gemeinsam mit Malachi (Buck) Mulligan, einem Medizinstudenten, und Haines, einem englischen Studenten, den Martello-Turm in Sandycove an der Küste der Dublin Bay. Die drei Bewohner des Turms frühstücken gemeinsam, und Stephen macht sich dann auf den Weg zu seiner Arbeit als Lehrer an einer Schule in Dalkey, einem Vorort im Süden von Dublin.


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2 Nestor In der Odyssee segelt Telemachos auf Rat der Athene zu Nestor, dem alten König von Pylos, um ihn über das Schicksal seines Vaters zu befragen. Nestor ist für seine Weisheit und die guten Ratschläge, die er freigebig austeilt, berühmt. Über Odysseus’ Schicksal weiß er jedoch nichts, und so rät er Telemachos, zu Menelaos, dem König von Sparta, zu reisen (Od III). In Dublin ist es jetzt 10 Uhr. Stephen unterrichtet in einer Privatschule in Dalkey, einem südöstlich vom Martello-Turm gelegenen Dorf. Thema seines Unterrichts und des Kapitels ist die Geschichte. Während Stephen jedoch mehr Fragen als Antworten hat, ist sich der probritische Rektor Mr. Deasy sicher, welche Lehren aus der Geschichte zu ziehen sind. 3 Proteus Proteus ist in der Odyssee ein alter ägyptischer Meergott mit einer besonderen Eigenschaft: Er kann sich „in alle Dinge verwandeln, / Was auf der Erde lebt, in Wasser und loderndes Feuer“ (Od IV.417–8). Menelaos hat ihn einst am Strand von Pharos gefangen und nach dem Schicksal der griechischen Heerführer befragt. Telemachos, der auf den Rat Nestors nach Sparta gereist ist, um sich bei Menelaos nach dem Verbleib des Vaters zu erkundigen, erfährt dort, dass Odysseus noch lebt und von der Nymphe Kalypso auf deren Insel festgehalten wird. Im Ulysses ist es 11 Uhr, Stephen ist nach dem Unterricht von Dalkey mit der Bahn


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zum Sandymount Strand im Süden von Dublin gefahren und vertreibt sich dort die Zeit bis zum Treffen mit Mulligan um halb eins in The Ship – eine Verabredung, die er dann doch nicht einhalten wird. Eigentlich passiert in diesem Kapitel gar nichts, aber es ist das erste, in dem wir die Umwelt und die äußere Wirklichkeit fast ausschließlich durch die Wahrnehmung und die Gedanken einer der Figuren erfahren. Erschwerend kommt hinzu, dass Stephen am Vormittag seine Brille zerbrochen hat und daher nur sehr unscharf sehen kann. Die Bedingungen von Wahrnehmung sind damit sein Thema, und was immer Stephen sieht oder hört, verschmilzt in seinem Kopf mit früheren Erlebnissen und philosophischen oder literarischen Gedankensplittern. So verwandelt sich die Welt durch die Wahrnehmung, durch die Transformation der Sinneseindrücke in Sprache und durch die Vermischung und Konfrontation der gegenwärtigen Erfahrungen mit Erinnerungen, Wissen oder unwillkürlichen Assoziationen.


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4 Kalypso Odysseus hat nach vielen Abenteuern vor der Insel Ogygia Schiffbruch erlitten. Die Nymphe Kalypso, seine Retterin, hält ihn gefangen und sucht ihn zu verführen. Trotz der ihm versprochenen Unsterblichkeit zieht es Odysseus zu seiner Gattin Penelope hin; daher meidet er die Nähe Kalypsos. Dieser wird durch Hermes der Ratschluss der Götter überbracht, Odysseus ziehen zu lassen. Von Kalypso versorgt und mit Ratschlägen versehen, bricht Odysseus mit einem selbstgezimmerten Floß zu den Phaiaken auf (Od V). Gegen 8 Uhr beginnt der Tag Leopold Blooms mit alltäglichen Verrichtungen: Er füttert die Katze, verlässt das Haus in der Eccles Street Nummer 7, um sich eine Niere zu kaufen, und bringt seiner Frau Molly das Frühstück ans Bett. Die am höchsten Punkt Dublins gelegene Straße befindet sich in einem eher wohlhabenden Viertel im Nordwesten Dublins. Sie ist nach der Familie des Shakespeare-Herausgebers und -Kommentators Ambrose Eccles (gest. 1809) benannt. Blooms frühmorgendlicher Spaziergang führt ihn an einer Reihe von Geschäften vorbei, wobei seine Gedanken immer wieder bei den wirtschaftlichen Aspekten des jeweiligen Themas landen. Wieder zuhause, durchbricht ein Brief an die noch immer im Bett liegende „Mrs. Marion Bloom“ die Alltäglichkeit seiner Verrichtungen. Dieser wird Bloom während des weiteren Tages gedanklich gefangenhalten. Die facettenreiche Schilderung Blooms und seiner häuslichen Verhältnisse ist geeignet, darüber hinaus hinwegzutäuschen, dass wir Bloom vor allem durch ihn selbst kennenlernen und eventuell – mit ihm – seinen Irrtümern und Fehlleistungen erliegen.


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5 Lotophagen Die Erzählung von den Lotosessern in der Odyssee ist kurz, sie besteht aus gerade mal zwanzig Zeilen (Od IX.85–104). Odysseus wird mit seinen Schiffen durch einen Sturm an die Küste der Lotophagen getrieben und sendet einige Männer aus, das Land zu erkunden. Sie treffen die friedfertigen Einheimischen, die sich von Lotusfrüchten ernähren und diese auch bereitwillig mit den Ankömmlingen teilen. „Wer nun die Honigsüße der Lotusfrüchte gekostet, / Dieser dachte nicht mehr an Kundschaft oder Heimkehr, / Sondern sie wollten stets in der Lotophagen Gesellschaft / Bleiben und Lotos pflücken und ihrer Heimat entsagen“ (Od IX.94–97). Odysseus bringt die Kundschafter mit Gewalt zurück zu den Schiffen, und die Weinenden werden unter den Ruderbänken festgebunden. Danach verlassen die Schiffe diese Gestade. Es ist 10 Uhr, und Leopold Bloom hat nach seinem Frühstück das Haus verlassen. Er befindet sich südlich der Liffey auf dem Weg zum Postamt in der Westland Row, wo er unter dem Namen Henry Flower einen postlagernden Brief von einer Damenbekanntschaft abholen will. Danach nimmt er an einem Gottesdienst teil und sucht schließlich ein öffentliches Bad auf. In seinen Gedanken spielen die unterschiedlichsten Drogen oder Narkotika eine Rolle, seien sie nun physischer oder psychischer Natur: Tee, Alkohol, Tabak, Parfum und Seife, die unterschiedlichsten Düfte, Opiumtinktur, Werbung, Religion oder auch der Anblick eines seidenbestrumpften Frauenfußes, der Blooms Aufmerksamkeit für einen Moment fesselt.


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Aber letztlich bleibt Bloom auch immer kritisch distanziert und hinterfragt alle narkotisierenden Versuchungen. Dieses In-Frage-Stellen findet sich auch emblematisch in Blooms Bewegung wieder, denn von Sir John Rogerson’s Quay bis zum Verlassen von All Hallows entspricht sein Weg etwa der Form eines Fragezeichens. 6 Hades Nachdem Odysseus die Zauberin Kirke besiegt und ihre Liebe gewonnen hat, verbleiben er und seine Gefährten noch ein Jahr auf der Insel, verlangen dann aber danach, heimkehren zu dürfen. Kirke rät Odysseus, zunächst ins Reich der Toten (Hades) zu fahren und den Schatten des Sehers Teiresias um Rat für die Heimreise zu bitten (Od X). Odysseus überquert das Meer und gelangt zu den vier Flüssen des Hades: Acheron, Pyriphlegeton, Kokytos und Styx. Er opfert den Schatten der Toten und begegnet Elpenor, seinem verunglückten Gefährten, der auf Kirkes Insel betrunken vom Dach gestürzt war, sowie auch seiner eigenen, inzwischen gestorbenen Mutter. Teiresias, den er befragt, eröffnet ihm, dass Poseidon, der Gott des Meeres, seine glückliche Heimkehr verhindert. Der Seher warnt davor, auf der Insel Thrinakia die Ochsen des Sonnengottes Helios zu töten, da ihm dann der Verlust der Gefährten und eine späte schwierige Heimfahrt voller Hindernisse bevorstünde und er bei seiner Rückkehr in Ithaka ein Haus voller Freier finden würde. Er prophezeit ihm jedoch auch den Sieg über die Freier, ein langes Leben und einen sanften Tod. Im Reich der Schatten trifft Odysseus getötete Helden wie


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Agamemnon und Achill und versucht sich Ajax zu nähern, mit dem er vor Troja in Streit geraten war und der ihm auch jetzt noch grollt. Andere Schatten erkennt er, wie Orion, Sisyphos und Tantalos, und er spricht zur Gestalt des Herkules, der als zwölfte Aufgabe den Höllenhund Kerberos, den Bewacher des Totenreiches, einfangen musste (Od XI). Er verlässt das Totenreich und kehrt auf die Insel von Kirke zurück. Es ist 11 Uhr vormittags in Dublin. Bloom besteigt mit anderen Trauergästen die Kutsche, die sie von Sandymount im Südosten der Stadt, dem Wohnort des verstorbenen Paddy (Patrick) Dignam, quer durch die Stadt zur Beerdigung auf dem Glasnevin Friedhof im Nordwesten bringen wird. Die Fahrt ins „Reich der Toten“ führt ihn, wie Odysseus, über vier Wasserläufe – Dodder, Grand Canal, Liffey und den Royal Canal – vorbei an Denkmälern und Statuen von Helden und Herrschern der irischen Geschichte. Es ist ein Friedhof der gebrochenen Herzen, und auch Dignams Herz gehört dazu, da er an einem Herzleiden starb. Dem Tod begegnet Bloom in den unterschiedlichsten Formen und Facetten, in seinen Gedanken und Assoziationen beschäftigt er sich mit verschiedenen Formen der Beerdigung, prähistorischen Arten der Bestattung, antiken Mythen, religiösen Ritualen und der Auferstehung. Von düsteren Bildern der Verwesung oder religiöser Sentimentalität lenkt Bloom seinen Blick zurück in den Alltag, ins Irdische.


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7 Aiolos Aiolos, der König der schwimmenden Insel Aiolia, ist von Zeus als Herr über die Winde eingesetzt. Er lebt dort zufrieden mit seiner Frau sowie seinen sechs Töchtern und sechs Söhnen, die er miteinander verheiratet hat. Odysseus wird von ihnen freundlich empfangen und bewirtet. Bei seiner Abfahrt übergibt ihm Aiolos einen Schlauch, in dem die ungünstigen Winde eingeschlossen sind, und lässt „den Hauch des freundlichen Westes“ (Od X.25) wehen, um Odysseus und seine Leute nach Hause zu bringen. In Sichtweite Ithakas legt Odysseus sich schlafen, woraufhin seine Gefährten den Schlauch auf Kostbarkeiten untersuchen und so die Winde befreien. Nach Aiolia zurückgetrieben, erbittet er Aiolos’ Hilfe, wird von diesem aber als ein Mann, „den die Rache der seligen Götter verfolget“ (Od X.74), aus dem Palast getrieben. Es ist 12 Uhr, und wir befinden uns im Zentrum Dublins, in den Räumen des Freeman’s Journal. Bloom arbeitet hier als Anzeigenakquisiteur, wobei wir ihn beobachten dürfen. Auch Stephen befindet sich zeitweilig im Gebäude; er will Mr. Deasys Brief abgeben und lädt die im Büro von Chefredakteur Myles Crawford herumlungernden Männer ins Mooney’s ein, statt ins benachbarte Ship zu gehen, wo er mit Haines und Mulligan verabredet ist. Er ist in diesem Kapitel nicht der Einzige, der wie Odysseus sein Ziel vor sich sieht, aber nicht erreicht. Die Bezüge zur Odyssee beschränken sich aber nicht auf dieses Motiv. In Myles Crawfords Reich weht und lärmt es, und seine „Untertanen“ sind mit sich und dem Journalismus in


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einer Weise beschäftigt, die an die inzestuöse Zufriedenheit auf Aiolia erinnert. Die Kunst des Kapitels ist die Rhetorik, eine Kunst, die oft für „windig“ gehalten wird. Beispiele für die Lob-, die Rats- und die Gerichtsrede, die klassischen Grundformen der Rede, werden referiert. Die Kunst der Rede ist aber nicht nur in dem, was gesagt wird, sondern auch in einer quasi umfassenden Sammlung rhetorischer Figuren präsent. Die einzelnen Abschnitte tragen schlagzeilenartige Überschriften, die den Text – teilweise ironisch – kommentieren. 8 Laistrygonen Von Aiolos vertrieben, machen sich Odysseus und seine Männer entmutigt auf den Weg und erreichen nach sechs Tagen die Insel der Laistrygonen (Od X.80–134). Während Odysseus’ Männer die Mehrzahl der Schiffe im Innern der von hohen Felsen umschlossenen Bucht aneinander festbinden, befestigt Odysseus sein eigenes Schiff außerhalb des „enggeschlossene[n] Eingang[s]“ (90). Kundschafter werden ausgesandt, denen vor der Stadt die Tochter des Laistrygonen-Königs Antiphates begegnet. Im Palast treffen die Kundschafter auf die schreckliche, riesenhafte Königin und den König, der einen der Kundschafter als „Schmaus“ auftischt (116). Die beiden anderen können zwar fliehen, die Schiffe im Hafen werden jedoch schließlich von den zusammenlaufenden Laistrygonen zerstört, indem sie Steine von den Felsen herabwerfen. Die Mannschaften werden „wie Fische“ (X.124) aufgespießt und gefressen. Odysseus kann mit einem kleinen Teil seiner Gefährten in seinem Schiff entkommen.


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Bloom setzt gegen 1 Uhr mittags seinen Weg fort und überquert die Liffey in südlicher Richtung; sein Ziel ist die Nationalbibliothek. Der Tageszeit, aber auch Blooms Natur entsprechend, kreisen seine Gedanken ums Essen und die Essgewohnheiten anderer, während er verschiedene architektonisch bemerkenswerte Gebäude Dublins passiert und sich andere in Erinnerung ruft. Sein Pausieren und Zögern gleicht dabei der peristaltischen Bewegung der Verdauungsorgane bei der Nahrungsaufnahme (ein Vorgang, für den Bloom sich sehr interessiert). Er flieht trotz seines Hungers aus einem billigen Restaurant mit gierig-gefräßigen Gästen, um in einem zivileren Pub ein Käsesandwich und ein Glas Wein zu sich zu nehmen. Speisemetaphern durchziehen insbesondere dieses Kapitel; und so wird nicht nur Nahrung gekaut und wiedergekäut: Auch Theorien und Weltanschauungen tauchen bei menschlichen „Wiederkäuern“ immer wieder auf. Bloom erfährt überdies auf seinem Weg, dass sich die von ihm wahrgenommene Welt je nach Standort anders darstellt.


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9 Skylla und Charybdis Odysseus ist aus dem Totenreich auf Kirkes Insel zurückgekehrt und bestattet den toten Elpenor. Danach beschreibt ihm Kirke die Gefahren, die auf ihn warten. Sein Weg führt entweder durch die Irrfelsen, die bisher nur von Jason und seinen Argonauten passiert wurden, oder zwischen Skylla und Charybdis hindurch. Die bellende Skylla ist ein Ungeheuer mit sechs Köpfen – und jeder verschlingt einen Mann von jedem vorbeifahrenden Schiff. Auf der anderen Seite, unter einem überhängenden Feigenbaum, lauert Charybdis, die dreimal täglich das Wasser in sich hineinschlürft und wieder ausspeit. Kirke rät Odysseus, sich auf Skyllas Seite zu halten: „Es ist doch besser [..] / Sechs Gefährten im Schiff zu vermissen als alle mit einmal“ (Od XII.109). Odysseus folgt dem Rat und verliert sechs Männer. Aber er muss die Meerenge später noch einmal passieren, als er nach dem Aufenthalt auf der Insel des Sonnengottes Schiffbruch erlitten und alle Gefährten verloren hat. Auf einem Floß treibt er wieder auf Charybdis zu, klammert sich aber, bevor er vom Strudel erfasst wird, an den Zweigen des Feigenbaums fest, bis sein Floß wieder ausgespien wird und er eilends davonrudern kann. In dieser Episode erscheint Stephen in der Rolle des Odysseus. Es ist 2 Uhr nachmittags, und der Schauplatz ist die Nationalbibliothek. Stephen sitzt dort mit George Russell (Pseudonym: AE), Mr. Best, John Eglinton (Magee) und Mr. Lyster, dem Bibliothekar und Quäker; später kommt auch noch Buck Mulligan dazu. Das Gespräch dreht sich um Literatur, und Stephen gibt seine Theorie über Hamlet zum


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Besten, die schon im ersten Kapitel erwähnt wurde. Die Ungeheuer, vor denen sich Stephen hüten muss, sind auf der einen Seite der Mystizismus und der Idealismus Platons, für den die Realität hinter den Einzeldingen verborgen liegt, und auf der anderen Seite die harten Fakten und Aristoteles, für den die Wirklichkeit in den Dingen selbst zu finden ist. Der Gegensatz findet sich noch einmal zwischen dem strudelnden Leben in London und Shakespeares Geburtsort Stratford. In diesem Kapitel, das durchweg der Literatur gewidmet ist, sind alle drei Gattungen der Literatur, Epik, Lyrik und Dramatik, vertreten. Wichtige Quellen für die eher fiktionale Biographie, die Stephen hier entwirft, sind Georg Brandes’ William Shakespeare (1889), Frank Harris’ The Man Shakespeare and His Tragic Life-Story (1909) und Sidney Lees A Life of William Shakespeare (1898). 10 Irrfelsen Dieses Kapitel enthält eine Episode, die in der Odyssee nicht auftaucht, denn Odysseus entschließt sich nach Kirkes Warnungen, den Weg durch Skylla und Charybdis zu nehmen und die Irrfelsen, an denen nur Jason mit seinen Argonauten je unbeschadet vorbeikam, zu meiden. Die Irrfelsen des Ulysses beziehen sich sowohl auf die Klappfelsen, durch die die Argonauten bei der Einfahrt ins Schwarze Meer mit Heras bzw. Athenes Hilfe gelangen, als auch auf die Irrfelsen, die sie auf der Rückfahrt im westlichen Mittelmeer ebenfalls mit göttlicher Hilfe unbeschadet passieren. Die Ersteren sind Felsen, die mit aller Gewalt zusammenstoßen, wenn sich


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etwas zwischen ihnen befindet, die Letzteren sind Klippen, die sich, begleitet von Feuer und Rauch, im Meer auf und ab bewegen. Das Kapitel ist in neunzehn Sektionen eingeteilt, die miteinander durch Einschübe verbunden sind. Die erste Sektion folgt Pater Conmee auf dem Weg nach Artane, wo er dem Sohn des verstorbenen Paddy Dignam einen Platz im O’Brien Institute for Destitute Children sichern will. Die letzte Sektion beschreibt den Weg des irischen Vizekönigs, der mit seiner Kavalkade zur feierlichen Eröffnung des Mirus-Basars fährt. Die Dubliner Bürger, die hier zwischen 3 und 4 Uhr nachmittags ihren alltäglichen Beschäftigungen nachgehen, bewegen sich also zwischen Pater Conmee, dem Repräsentanten der katholischen Kirche, und dem Vizekönig, dem Vertreter der staatlichen Macht in Irland. Die Liffey entspricht dabei dem Bosporus mit seinem asiatischen und europäischen Ufer, Kirche und Staat sind die Irrfelsen, zwischen denen Irland zermahlen zu werden droht. Im Zentrum dieses Kapitels steht nicht eine der Hauptfiguren des Ulysses, stattdessen werden neben Stephen und Bloom auch diverse Nebenfiguren verfolgt, die meist schon aus den vorhergehenden Kapiteln bekannt sind. Mit seiner labyrinthischen Technik, den Verweisungen zwischen den Sektionen und den kleinen Odysseen, die in Ausschnitten vorgeführt werden, erscheinen die Irrfelsen als Modell des Ulysses.


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11 Sirenen Bald nach der Abfahrt von Kirkes Insel kommen Odysseus und seine Männer zur Insel der Sirenen. Wer sich ihr nähert, ist verloren, denn „es bezaubert ihn der helle Gesang der Sirenen, / Die auf der Wiese sitzen, von aufgehäuftem Gebeine / Modernder Menschen umringt“ (Od XII.44–46). Odysseus folgt dem Rat, den Kirke ihm gegeben hatte, und lässt sich von seinen Gefährten an den Mast fesseln, nachdem er ihre Ohren mit Wachs verschlossen hat. So ist es ihm möglich, den „holden Gesang der zwo Sirenen“ (Od XII.52) ohne Gefahr zu hören. Die Sirenen dieses Kapitels sind die Bardamen des Ormond-Hotels, dessen Bar Schauplatz des Kapitels ist. Bloom findet sich gegen 4 Uhr nachmittags hier ein. Für ihn ist es eine schwere Stunde, denn er weiß, dass sich Molly um diese Zeit mit Blazes Boylan treffen will. So ist er auch im Gegensatz zu den anderen Gästen weitgehend unempfänglich für die Reize der Bardamen. Die das Kapitel bestimmende Kunst ist die Musik, und sie durchzieht den gesamten Text. In der Bar wird viel gesungen, die Gedanken und die Gespräche der Charaktere kommen immer wieder auf musikalische Themen zurück, aber auch der Text selbst greift musikalische Techniken und Figuren auf: So werden Motive eingeführt und abgewandelt, Wörter wie Töne miteinander verschmolzen und Tätigkeiten und Geräusche lautmalerisch wiedergegeben.


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12 Kyklop Die Kyklopen der Odyssee sind einäugige Riesen, die nicht säen und nicht pflanzen und, „durch keine Gesetze gebändigt“ (Od IX.215), jeder für sich in Höhlen leben. Odysseus und seine Gefährten erreichen die Insel mit zwölf Schiffen, nachdem sie das Land der Lotosesser verlassen haben. Sie landen zunächst auf einer kleinen vorgelagerten Insel und schlachten dort einige Ziegen. Am nächsten Morgen setzen Odysseus und zwölf seiner tapfersten Gefährten über, um die eigentliche Insel zu erkunden, und sie nehmen einen Schlauch mit besonders kräftigem Wein mit. Der Kyklop Polyphemos, ein Sohn des Poseidon, ist nicht in seiner Höhle, als sie diese erreichen, und sie tun sich an dem Käse gütlich, der in Mengen vorhanden ist. Als der Riese heimkehrt, treibt er seine Ziegen und Schafe zum Melken in die Höhle und verschließt den Eingang mit einem gewaltigen Felsen. Erst dann bemerkt er die Eindringlinge und befragt Odysseus nach seinen Schiffen, dieser aber belügt ihn und gibt vor, schiffbrüchig zu sein. Daraufhin tötet und frisst der Kyklop zwei der Gefährten und legt sich schlafen. Am nächsten Morgen verschlingt er wieder zwei Gefährten und geht dann seine Herde weiden, verschließt aber die Höhle, so dass die Griechen gefangen sind. Sie planen ihre Rache und Flucht und spitzen dafür eine riesige Keule an, die an der Höhlenwand lehnt. Nachdem der Kyklop zurückgekehrt ist und erneut zwei Gefährten verzehrt hat, bietet ihm Odysseus Wein an, den der Riese nicht gewohnt ist, sodass er schnell betrunken wird. Er fragt Odysseus nach seinem Namen, und dieser antwortet, er heiße „Niemand“ – im


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Griechischen outis, und damit dem richtigen Namen ähnlich. Der Kyklop verkündet noch, er werde ihn aus Dankbarkeit für den Wein als Letzten verzehren, und versinkt dann in tiefen Schlaf. Odysseus und die Gefährten bringen die Spitze ihrer Lanze im Feuer zum Glühen und bohren damit dem schlafenden Kyklopen das Auge aus. Im Schmerz brüllt der Riese auf und alarmiert damit seine Artgenossen. Auf ihre Fragen, was geschehen sei, antwortet er, dass Niemand ihm etwas zuleide getan habe, und sie gehen beruhigt zurück in ihre Höhlen. Der Kyklop öffnet nun den Eingang seiner Höhle, um seine Schafe und Ziegen hinauszulassen, tastet aber ihre Rücken ab, damit die Griechen nicht entkämen. Odysseus bindet jeweils drei Widder zusammen, und er und seine Männer hängen sich unter die Tiere, womit ihnen die Flucht gelingt. Als sie ihr Schiff erreicht und bemannt haben, ruft Odysseus dem Kyklopen noch seinen Namen zu, und dieser gibt ihm heulend die Antwort, es sei ihm prophezeit worden, Odysseus würde ihn blenden. Sodann ruft er seinen Vater Poseidon mit der Bitte um Rache an und schleudert schließlich noch einen riesigen Felsen nach der Stimme des Odysseus, der aber das Schiff knapp verfehlt. Es ist 5 Uhr nachmittags, der Schauplatz ist Barney Kiernans Kneipe, wo der nationalistische „Bürger“ mit einigen Trinkkumpanen palavert. Der anonyme Erzähler der Episode gehört zu ihnen. Bloom betritt die Kneipe auf der Suche nach Martin Cunningham, mit dem er über die Versicherung von Paddy Dignam reden möchte, und lässt sich in das Kneipengespräch ziehen. Dabei begeht er den unverzeihli-


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chen Fehler, sich zwar eine Zigarette ausgeben zu lassen – er trinkt im Gegensatz zu den anderen kein Bier –, aber selbst keine Runde für die Anwesenden zu bezahlen. Verschlimmert wird dies noch, als sich die Vermutung verbreitet, er habe bei dem Rennen von Ascot auf Flugblatt gesetzt und bei einer Quote von 20:1 gewonnen. Damit zieht er als vermeintlicher Geizhals den allgemeinen Zorn auf sich, die Situation eskaliert, und er muss die Kneipe fluchtartig verlassen. Die literarische Technik dieser Episode nannte Joyce „Gigantismus“, das heißt, die Erzählung wird immer wieder von Einschüben in einem übertriebenen Stil unterbrochen, durch den einerseits das Geschehen und andererseits literarische und journalistische Strömungen der Zeit parodiert werden. Besonders betrifft dies die stark heroisierenden Nachdichtungen der irischen Sagen und Mythen, aber auch die nationalistische Legendenbildung um patriotische Rebellen und Märtyrer. 13 Nausikaa Nachdem Odysseus Kalypsos Insel mit einem selbstgezimmerten Floß verlassen hat, wird er von Poseidon, der ihn wegen der Blendung Polyphems verfolgt, in Seenot gebracht und erleidet Schiffbruch vor der Insel der seefahrenden Phaiaken. Mit Hilfe der Meergöttin Leukothea, die ihn durch ihren Schleier vor dem Ertrinken schützt, und Athenes, die die Winde beruhigt, gelangt Odysseus ans rettende Ufer. Dort schläft er erschöpft an einer Flussmündung ein. Unterdessen eilt Athene zur Kammer Nausikaas, der Tochter des Phaiakenkönigs Alkinoos, und fordert


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sie im Traum auf, ihre Kleider für die bevorstehende Hochzeit zu waschen. Nausikaa bricht also am folgenden Morgen mit ihren Mädchen zum Ufer des Flusses auf. Nachdem sie ihre Arbeit erledigt haben, baden sie und erfreuen sich am Ballspiel. Odysseus, durch die Mädchen geweckt, zeigt sich Nausikaa, preist ihre Schönheit und Anmut und erbittet ihre Hilfe. Nausikaa erhört die Bitte des Fremden nicht nur aus Gastfreundschaft, wie sie ihren Gefährtinnen gegenüber zugibt: „Würde mir doch ein Gemahl von solcher Bildung bescheret / Unter den Fürsten des Volks, und gefiel es ihm selber zu bleiben“ (Od VI.244–245). Sie führt Odysseus in den Palast ihrer Eltern, wo er bewirtet und reich beschenkt wird. Bei dem Gastmahl tritt auch der Sänger Demodokos auf, der in seinem Lied vom Untergang Trojas berichtet. Odysseus ist dadurch zu Tränen gerührt, was den Gastgebern nicht entgeht, und auf ihr Drängen erzählt er von seinen Irrfahrten. Die Erlebnisse des Odysseus vor Troja und auf der Heimreise werden also hier von zwei verschiedenen Personen berichtet, auch wenn der erste Teil nicht wirklich ausgeführt wird. Die Phaiaken beschenken Odysseus und stellen ihm ein Schiff für die Heimfahrt nach Ithaka zur Verfügung. Vor seiner Abreise verabschiedet sich die Königstochter von ihm und bittet ihn, sie nicht zu vergessen. Es ist etwa 20 Uhr am Strand von Sandymount, wo Stephen am Morgen seinen Spaziergang machte; die Dämmerung hat eingesetzt. Bloom kommt von einem Beileidsbesuch bei Frau Dignam und erholt sich in der Nähe von Leahy’s Terrace am Strand. Ebenfalls am Strand sind drei junge Mädchen, Gerty MacDowell und


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ihre beiden Freundinnen, mit drei Kindern. In der nahegelegenen kleinen Kirche Mary, Star of the Sea, findet ein Gottesdienst statt, aus dem Wortfetzen der Marien-Litanei herüberwehen. Gerty, deren Gedanken den ersten Teil des Kapitels bestimmen, hängt ihren romantischen Jungmädchenträumen von zukünftiger Liebe nach, die ganz den Klischees der Zeit entsprechen. Einige Passagen, die ohne Interpunktion geschrieben sind, geben dabei schon einen Vorgeschmack auf den langen Monolog von Molly Bloom (Kap. 18, Penelope). Bloom, der Gerty beobachtet und dessen Gedanken im zweiten Teil des Kapitels im Vordergrund stehen, hegt sehr viel konkretere erotische Träume. Nachdem Gerty gegangen ist, lässt er noch einmal die Geschehnisse des Tages an sich vorüberziehen und fällt dann in einen kurzen Schlaf.


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14 Die Rinder des Sonnengottes Nachdem Odysseus und seine Männer Kirkes Insel verlassen und die Sirenen sowie Skylla und Charybdis passiert haben, erreichen sie schließlich die Insel des Sonnengottes Helios, Thrinakia. Diese ist wohl identisch mit Trinacria (gr. ‚Dreispitz; Dreibein‘), Sizilien. Trotz der Warnungen von Kirke und Teiresias bestehen die reisemüden Männer, von Eurylochos angeführt, darauf, an Land zu gehen. Widriges Wetter hält sie auf der Insel fest, und bald geht der Proviant aus. Da die Rinder des Sonnengottes unantastbar sind, hatte Odysseus seine Mannschaft schwören lassen, sie nicht zu schlachten; als der Hunger jedoch zu groß wird und Odysseus sich von den Männern entfernt, überredet Eurylochos die Gefährten, die besten der Tiere zu schlachten und zu verspeisen. Helios erfährt durch seine Tochter Lampetia davon, ruft die anderen Götter um Rache an und droht, sein Licht künftig nur noch im Totenreich erstrahlen zu lassen. Die Rache der Götter kündigt sich durch Vorzeichen an: Die Häute der Rinder kriechen umher, und das Fleisch brüllt am Spieß „laut wie Rindergebrüll“ (Od XII.396); doch sechs Tage lang „schwelgten die unglückseligen Freunde“ (Od XII.397). Als das Wetter günstiger scheint, brechen die Gefährten auf; ein von Zeus entfesseltes Unwetter zerstört jedoch das Schiff, und nur Odysseus überlebt. Auf Kiel und Mastbaum treibt er neun Tage lang im Meer, passiert noch einmal Skylla und Charybdis und erreicht schließlich Ogygia, die Insel der Kalypso.


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In der Frauenklinik, dem National Maternity Hospital in der Holles Street, trifft um 22 Uhr abends eine illustre Runde aus zehn jungen Männern zusammen, darunter einige Mediziner, Stephen und der hinzukommende Bloom. Während im Kreißsaal der Klinik Mina Purefoy unter Schwierigkeiten ihr Kind zur Welt bringt, erörtert man Probleme der Schwangerschaft, der Embryonalentwicklung und der Evolution im Allgemeinen. Ein ständiges Thema, das reichlich Anlass für Zoten und Lästerungen bietet, ist die Empfängnisverhütung, d. h. der Verstoß gegen das göttliche Gesetz, fruchtbar zu sein und sich zu vermehren. Dabei wird natürlich auch reichlich getrunken. Der eigentliche Held des Kapitels ist jedoch die englische Prosasprache, sie durchläuft einen evolutionären Wandel von einer Wort-fürWort-Übersetzung aus dem Lateinischen über frühe Formen alt- und mittelenglischer Prosa sowie verschiedene Prosastile irischer und englischer Autoren bis hin zur „Mündlichkeit“ zeitgenössischer Dialekte und Jargons (siehe dazu auch Joyces Brief an Frank Budgen vom März 1920, Briefe II, (=Werke Bd. 6, herausgegeben von Richard Ellmann. aus dem Englischen von Kurt Heinrich Hansen, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1970, S. 761–762). Joyce benutzte für dieses Kapitel neben den Werken der Schriftsteller, die er – meist sehr gut – kannte, auch die Anthologien von G. Saintsbury (History of English Prose Rhythm, London 1912) und W. Peacock (English Prose: Mandeville to Ruskin, London 1903). Viele der stilistischen Parallelen beziehen sich auf deren – teilweise sprachlich bearbeitete – Auswahl aus dem Werk der jeweiligen Autoren.


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Zwischen dem sprachlichen „Chaos“ am Anfang und jenem am Ende des Kapitels sind neun Entwicklungskreise eingebettet. Die Handlung ist damit mehrsträngig und verläuft auf verschiedenen Ebenen: So finden sich auf der Handlungsebene die Geburt von Mina Purefoys Kind und die diversen Diskussionen sowie das fruchtbare Zusammentreffen von Bloom (Spermatozoon) und Stephen (Embryo) in der Klinik (Bauch) und ihr gemeinsamer Aufbruch; auf weiteren Ebenen die vierzig Wochen einer Schwangerschaft sowie die Evolution der englischen Prosa, aber auch – versteckt in einzelnen Stichwörtern – die Evolutionsgeschichte der gesamten Fauna. 15 Kirke Nach ihren Abenteuern mit Aiolos und den Laistrygonen erreichen Odysseus und seine Gefährten die Insel der Zauberin Kirke. Odysseus teilt seine Mannschaft in zwei Gruppen auf, wovon die eine – unter der Führung von Eurylochos – die Insel erkundet. Sie entdecken Kirkes Palast, wo alle bis auf Eurylochos von der Zauberin in Schweine verwandelt werden. Eurylochos flieht und warnt Odysseus; worauf dieser sich aufmacht, um seine Gefährten zu retten. Unterwegs begegnet ihm Hermes und gibt ihm ein magisches Kraut, Moly genannt, welches ihn davor schützen soll, von Kirke verzaubert und entmannt zu werden. Odysseus tritt Kirke entgegen, deren Magie dank des Gegenmittels fehlschlägt. Odysseus bedroht sie mit seinem Schwert, und sie schwört, dass sie ihm kein Leid antun und seine Männer freilas-


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sen werde. Daraufhin besteigt Odysseus mit Kirke „das köstlich bereitete Lager“ (Od X.347), und erst danach werden die Gefährten auch wirklich zurückverwandelt. Ein ganzes Jahr umsorgt Kirke Odysseus und seine Gefährten, bis diese ihn schließlich daran erinnern, dass es Zeit sei, an die Heimreise zu denken. Kirke rät ihm, den Propheten Teiresias im Totenreich (Hades) aufzusuchen, um Rat für die Besänftigung Poseidons und für die Heimreise zu erhalten. Es ist Mitternacht in Dublin. Bloom folgt Stephen und Lynch, die sich auf dem Weg ins Bordell von Bella Cohen, der Dubliner Kirke, befinden. Als Bloom auf der Suche nach Stephen das Rotlichtviertel, die Nachtstadt, betritt, setzt ein Traumspiel ein: Halluzinationen kehren Blooms Seelenleben, seine Ängste, Wünsche und seine geheimsten Gedanken nach außen. Im Bordell angekommen, zeigen sich seine sado-masochistischen Neigungen: Bella Cohen verwandelt sich selbst in einen männlichen „Bello“ und Bloom in ein Schwein und in eine Frau, und Bloom genießt es, von „Bello“ erniedrigt und gequält zu werden. Während Blooms Halluzinationen hier meist erotischer Natur sind, durchlebt Stephen grotesktragische Visionen, die ihren Höhepunkt erreichen, als er den Geist seiner Mutter erblickt, der ihn bittet, in den Schoß der katholischen Kirche zurückzukehren. Und auch Bloom erblickt einen Menschen, den er geliebt und verloren hat: seinen Sohn Rudy.


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16 Eumaios Nachdem bei Alkinoos (siehe Einleitung zu Kap. 13) die Weinbecher herumgereicht worden sind, wird Odysseus aufs Schiff geführt; schlafend bringt man ihn in seine Heimat Ithaka und legt ihn in einer Grotte bei einem Ölbaum nieder. Als Odysseus erwacht, erkennt er zunächst sein Heimatland nicht, das im Nebel verborgen liegt. Athene nähert sich ihm, nennt ihm das Land und zerstreut den Nebel. Beide verbergen die Geschenke der Phaiaken in der Grotte und beraten sich, wie mit den Freiern im Palast zu verfahren sei. Damit Odysseus nicht wie Agamemnon gleich nach der Rückkehr getötet wird, gibt ihm Athene das Aussehen eines alten Bettlers und schickt ihn zu dem Sauhirten Eumaios, der ihm, Telemachos und Penelope stets treu ergeben war (Od XIII). Odysseus gelangt zu Eumaios und wird von diesem empfangen und bewirtet. Der „alte Bettler“ tischt dabei dem Sauhirten ein Lügenmärchen über seine Abenteuer auf und verkündet ihm die Rückkehr des Odysseus, was jedoch auf Unglauben stößt (Od XIV). Telemachos kehrt unterdessen auf Umwegen nach Ithaka zurück und begibt sich ebenfalls zu Eumaios (Od XV). Der Sauhirt wird zu Penelope geschickt, um ihr die Nachricht von der Ankunft zu bringen. Inzwischen gibt sich Odysseus seinem Sohn zu erkennen; beide beschließen, am Morgen zum Palast aufzubrechen und die Freier zu töten (Od XVI). Gegen 1 Uhr morgens machen sich Bloom und Stephen nach dem hässlichen Zwischenfall mit den Soldaten im Rotlichtbezirk auf den Weg zu einer Kutscherkneipe in der Nähe der Butt Bridge, um etwas Alkoholfreies zu sich zu nehmen. Dort


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unterhalten sie sich und geraten auch mit einem Matrosen ins Gespräch, dessen Identität ebenso zweifelhaft ist wie das Garn, das er den Anwesenden vorspinnt. Bloom macht Stephen den Vorschlag, er solle ihn nach Hause begleiten, und sie machen sich schließlich auf den Weg in die Eccles Street. Es ist spät. Bloom und Stephen sind erschöpft, und auch der Text zeigt „Ermüdungserscheinungen“, sodass die Sprache streckenweise umständlich und angestrengt wirkt. Es schleichen sich auf den unterschiedlichsten Ebenen – von der Grammatik der Erzählung bis zu den Angaben in der Zeitung, die Bloom und Stephen lesen – Ungenauigkeiten, Fehler und Irrtümer ein, sodass nichts mehr wirklich gesichert erscheint. Dementsprechend sind Wahrhaftigkeit, Identität und Herkunft wichtige Themen, die das Kapitel durchziehen, und auch die Leser laufen Gefahr, den falschen Angaben, die in diesem Kapitel immer wieder auftauchen, auf den Leim zu gehen. 17 Ithaka Odysseus und Telemachos brechen am Morgen von der Hütte des Sauhirten Eumaios auf, um die Freier wie geplant zu bestrafen. Odysseus behält seine Verkleidung als Bettler bei, um die Gesinnung seiner Leute und seiner Frau zu prüfen und den Freiermord ungestört vorbereiten zu können. Feindseligkeit und Ablehnung, die er im Palast zu spüren bekommt, verstärken noch seinen Zorn auf die prassenden Freier und die treulosen Bediensteten. Penelope verhält sich zu ihm, dem Bett-


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ler, freundlich und sehnt sich nach ihrem Mann. Mit Telemachos bringt Odysseus heimlich die Waffen der Freier aus dem Saal. Athene gibt Penelope ein, die Freierwahl durch einen Wettkampf mit dem Bogen des Odysseus zu entscheiden. Die Freier versagen bei dem Versuch, den Bogen zu spannen, und nun will der Bettler sein Glück versuchen. Unterdessen hat Telemachos seine Mutter in ihre Gemächer geschickt, wo Athene sie einschlafen lässt. Odysseus spannt den Bogen mit Leichtigkeit, er erhält von Zeus ein Zeichen und schießt durch die Öhre der als Ziel aufgestellten Äxte (Od XXI). Sein nächster Pfeil trifft Antinoos, den Anführer der Freierschar, „grad in die Gurgel, /Daß im zarten Genick die Spitze wieder hervordrang“ (Od XXII.15–16). Odysseus gibt sich zu erkennen, und die Freier wollen ihn durch Geschenke versöhnen, doch Odysseus will ihren Tod. Der Kampf wird mit Athenes Hilfe geführt, bis „sie alle, mit Blut und Staube besudelt, /Weit den Boden bedecken“ (Od XXII.383–384). Die Mägde, die sich mit den Freiern eingelassen haben, werden gehängt; der treulose Ziegenhirte Melantheus wird erst grausam verstümmelt und dann getötet. Odysseus lässt die Leichen hinaustragen und räuchert den Saal aus. Danach lässt er Penelope zu sich rufen (siehe Einleitung zu Kap. 18, Penelope). Es ist gegen 2 Uhr morgens, als Bloom und Stephen in 7 Eccles Street ankommen. Bloom bewirtet Stephen, und die beiden unterhalten sich noch eine Weile, bevor Stephen das Haus wieder verlässt. Bloom hängt seinen Gedanken nach und geht dann ins Bett zu Molly. Ein Freiermord ist nicht nach seinem Geschmack, und die


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Beziehung zur Odyssee besteht in diesem Kapitel eher in dem Gegensatz zwischen einem zürnenden Odysseus und einem Bloom, der sich in die Dinge findet. Die literarische Technik dieses Kapitels nannte Joyce „Katechismus (unpersönlich)“. Statt einer durchlaufenden Erzählung werden unpersönliche Fragen gestellt und in einer sehr formalen Sprache beantwortet. Dabei entsteht zunächst der Eindruck großer Objektivität und Genauigkeit. Es werden jedoch meist Gedanken, Gefühle und Äußerungen Blooms und auch Stephens wiedergegeben, sodass sich hinter der scheinbar objektiven und äußerst exakten Darstellung subjektive Urteile und Befindlichkeiten verbergen. 18 Penelope Nachdem die Schlacht im Palast beendet und auch die Bestrafung des Ziegenhirten Melantheus und der abtrünnigen Mägde abgeschlossen ist, lässt Odysseus Penelope rufen. Penelope wird von ihrer Dienerin Eurykleia geweckt und erfährt, dass Odysseus heimgekommen ist und die schamlosen Freier getötet hat. Sie will Eurykleia erst nicht glauben und vermutet in dem Heimkehrer einen verkleideten Gott, der die Freier für ihre Vergehen bestraft hat (Od XXIII.63–64). Sie tritt Odysseus in der Halle entgegen und unterwirft ihn einer Prüfung, die Odysseus besteht (Od XXIII.113–114). Er kennt die geheime Konstruktion ihres unverrückbaren Ehebettes, das von ihm selbst aus einem Baum gearbeitet wurde. Sie ziehen sich zurück, und „nachdem sie die Fülle der seligen Liebe gekostet, /Wachten noch lang, ihr


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Herz mit vielen Gesprächen erfreuend“ (Od XXIII.299–300). Am Morgen ist Odysseus früh auf, um sein Land zu befrieden und die Ordnung wiederherzustellen. In Dublin ist es Nacht, wobei die Zeit nicht genau festgelegt werden kann. Bloom ist zu Molly ins Bett gekrochen und hat ihr, wenn auch mit Auslassungen, die Abenteuer des vergangenen Tages erzählt. Molly, die noch nicht zur Ruhe kommt, lässt die Gedanken schweifen, und es reihen und verweben sich die Geschehnisse des Tages und die Erwartungen an den nächsten Tag mit Erinnerungen an Erlebnisse ihrer Kindheit und Jugend auf Gibraltar, an ihre erotischen Erfahrungen, Blooms Werben und ihre Ehe. Mollys innerer Monolog fließt ohne Punkt und Komma in acht langen Sätzen, in denen ihre Gedanken scheinbar zeitlos ineinandergreifen. Dabei wechseln ihre Gedanken sprunghaft von einer Person zur anderen und besonders von einem Mann zum anderen, sodass die Zuordnung des „er“ gelegentlich uneindeutig bleibt und manchmal sogar zwei Personen gleichzeitig angesprochen sein können. Text aus: Ulysses Aus dem Englischen von Hans Wollschläger. Herausgegeben und kommentiert von Dirk Vanderbeke, Dirk Schultze, Friedrich Reinmuth und Sigrid Altdorf in Verbindung mit Bert Scharpenberg. © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1975. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin


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Übersicht über das Hörspiel

CD 1 CD 2 CD 3 CD 4 CD 5 CD 6 CD 7 CD 8 CD 9 CD 10 CD 11 CD 12 CD 13

Kapitel 1 Telemachos Kapitel 2 Nestor Kapitel 3 Proteus Kapitel 4 Kalypso Kapitel 5 Lotophagen Kapitel 6 Hades Kapitel 7 Aiolos Kapitel 8 Laistrygonen Kapitel 9 Skylla und Charybdis Kapitel 10 Irrfelsen Kapitel 11 Sirenen Kapitel 12 Kyklop Teil 1 Kapitel 12 Kyklop Teil 2

Laufzeit 44 Laufzeit 40 Laufzeit 55 Laufzeit 50 Laufzeit 51 Laufzeit 74 Laufzeit 77 Laufzeit 75 Laufzeit 43 Laufzeit 88 Laufzeit 85 Laufzeit 53 Laufzeit 47


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CD 14 CD 15 CD 16 CD 17 CD 18 CD 19 CD 20 CD 21 CD 22 CD 23

Kapitel 13 Nausikaa Teil 1 Kapitel 13 Nausikaa Teil 2 Kapitel 14 Die Rinder des Sonnengottes Kapitel 15 Kirke Teil 1 Kapitel 15 Kirke Teil 2 Kapitel 16 Eumaios Kapitel 17 Ithaka Teil 1 Kapitel 17 Ithaka Teil 2 Kapitel 18 Penelope Teil 1 Kapitel 18 Penelope Teil 2

Laufzeit 63 Laufzeit 31 Laufzeit 40 Laufzeit 76 Laufzeit 15 Laufzeit 85 Laufzeit 45 Laufzeit 49 Laufzeit 62 Laufzeit 47


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Der Hörverlag © Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1975. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin. • © + Der Hörverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2012 Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten. Kein Verleih! Keine unerlaubte Vervielfältigung, Vermietung, Aufführung, Sendung! 23 CD • STEREO • Gesamtlaufzeit ca. 1.290 Minuten • Südwestrundfunk/Deutschlandfunk 2012 ISBN 978-3-86717-846-4 • Coverbild Stadtplan Dublin 1906 © Cartographer Wagner & Debes, Leipzig, Produktionsfotos: © Conny Fischer


James Joyce, ULYSSES - Das Hörspiel