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Kapelle Saint-Loup, Pompaples Die provisorische Kapelle befindet sich auf dem Gelände des Spitals und des Klosters Saint-Loup, in einer einzigartigen Umgebung am Fusse des Jura. Das Bauwerk dient als Ort der Begegnung und der Besinnung und ist ein kleines architektonisches und konstruktives Juwel. Die Brettsperrholzplatten definieren gleichzeitig den Raum und die Tragstruktur und schaffen dadurch eine ruhige und heitere Stimmung, welche der Andacht und dem Gebet förderlich ist. Als die Diakonissengemeinschaft von SaintLoup im Sommer 2007 die Sanierung ihres Mutterhauses und den Umbau ihrer Kapelle in Angriff nahm, musste sie eine Übergangslösung für ihre täglichen Gottesdienste finden. Die spezielle Situation liess keine herkömmlichen Varianten wie Container oder Zelt zu, sondern verlangte nach einer speziellen Lösung. Da die zuständigen Architekten sehr an einem Holzbau interessiert waren, schlugen sie eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Holzkonstruktionen IBOIS der ETH Lausanne vor, dessen laufende Forschungstätigkeiten über Faltwerke von Origami, der traditionellen japanischen Kunst des Papierfaltens, inspiriert sind. Dieser Ansatz erschien im vorliegenden Fall besonders vielversprechend. Ein eigens vom Institut entwickeltes Computerprogramm ermöglicht es, die gewünschte Form zu erzeugen, ihr statisches Verhalten zu analysieren und die Konstruktionspläne auszuarbeiten. Bis anhin wurden auf diese Weise jedoch lediglich kleine Prototypen gebaut. Das Kapellenprovisorium von Saint-Loup stellte eine einzigartige Gelegenheit dar, das Verfahren erstmals grossmassstäb-

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lich anzuwenden. Dank der Verwendung von Brettsperrholzplatten liessen sich die Kosten tief halten, was für ein Provisorium natürlich ein wesentliches Kriterium war. Die neue Kapelle steht bei der Wegkreuzung auf dem grossen, freien Platz in der Mitte des klösterlichen Anwesens, wo ein alter Nussbaum den Weg weist. Durch diesen Standort wird sie zu einem wichtigen Element für den räumlichen Zusammenhalt des Komplexes. Der Baukörper scheint direkt auf dem Boden zu liegen und erstreckt sich, gleich wie die Achse des Tals, von Osten nach Westen. Trotz seiner Kleinheit hat der Bau den Charakter eines Monuments. Dafür sorgt die traditionelle Kirchenform mit einem tiefen Raum, der von den Holzfalten in der Art eines Säulengangs gegliedert wird. Die Raumhöhe steigt an in Richtung Chor, wo die Konstruktion aus vertikalen und diagonalen Stützen an ein Kirchenfenster erinnert. Durch die offenen Stirnfassaden strömt Tageslicht ins Innere. Kunststoffplatten und kupferfarbene Textilien filtern das einfallende Licht und schaffen eine besinnliche Stimmung. Jede Falte der Fassade reflektiert das Licht verschieden und unterstreicht damit das Ansteigen und die Krümmung des Baukörpers. Dank des Faltprinzips sind die Brettsperrholzplatten relativ dünn: 60 mm für das Dach, 40 mm für die Fassaden und den Boden. Die Platten mit völlig unterschiedlichen Grössen und Formen wurden mit CNC-Maschinen zugeschnitten und anschliessend mit Nagelblechverbindungen angeschlossen. Die Dachfläche ist mit einer Bitumenbekleidung abgedichtet. Die äussere Schutzschicht besteht aus einfachen, lackierten Dreischichtplatten

von 19 mm Stärke. Die Neigung der einzelnen Falten und die offenen Verbindungen zwischen den Platten sorgen für ein problemloses Abfliessen des Regenwassers.

Situation

Holzbulletin 93/2009  

Kirchliche Bauten

Holzbulletin 93/2009  

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