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Holzbau – punktgenau passend Das vorliegende Holzbulletin ist eine Hommage an den genossenschaftlichen Wohnbau, der in den letzten Jahren einmal mehr Aufwind verspürt und in der Bauwelt starke Akzente setzt. Zu oft vielleicht bietet der Immobilienmarkt ‹Neutrales› an, entwickelt für ein festes Familienmodell ohne Acht auf eine sich verändernde Gesellschaft. Dagegen halten die Wohnbaugenossenschaften, indem sie alternative Lösungen vorschlagen, sei es für Senioren, für Familien Alleinerziehender oder für ganz neue Formen des Zusammenlebens. Der von den Genossenschaftern meist gepflegte partizipative Ansatz erlaubt eine Auslegeordnung für Bedürfnisse, welche sonst weder ausformuliert noch in anderer Form konkretisiert würden. Dass dabei auch Umweltfragen auf den Tisch kommen, ist heutzutage selbstverständlich. Mit der Ausrichtung der Projekte auf energieeffiziente Lösungen und der Verwendung von Holz mit seinem geringen Gehalt an grauer Energie überzeugen die in solchen Prozessen heranreifenden Projekte um so mehr. Man kann guten Gewissens behaupten, dass die Wohnbaugenossenschaften heute im Baumarkt als Pioniere wirken, indem sie mit Blick für das Ganze Lösungen für die Gesellschaft von morgen zu entwerfen versuchen – mit Respekt vor der Verantwortung, die das mit sich bringt. Dieses Heft begleitet die Ausstellung ‹La construction du quotidien – expériences coopératives›, welche im April 2017 im Architekturforum in Lausanne mit Lignum als Partner gezeigt wird.

Audanne Comment und Roland Brunner Technische Kommunikation Lignum

Wohnen Areal Fabrikgässli, Biel Die Genossenschaft FAB-A hat am zentral gelegenen Fabrikgässli in Biel eine autofreie Siedlung erstellt. Gemeinschaftlich genutzte Räume ergänzen und erweitern den privaten Wohnraum der 17 Wohnungen und drei Wohnateliers. Die Hybridbauweise in Beton und Holz ermöglicht erschwingliche Preise, ohne dass Qualitätskriterien wie Minergie-P geopfert wurden. Die ‹Fabrikgässli›-Geschichte begann mit einer Anzeige der Stadt Biel für den Verkauf eines Stücks Bauland in der Nähe des Bahnhofs im Wettbewerbsverfahren. Daraufhin wurde die Genossenschaft FAB-A gegründet, welche das Projektdossier ausarbeitete und einreichte. Mit dem zweithöchsten Kaufangebot erhielt sie den Zuschlag. Vor allem die Idee einer autofreien Siedlung überzeugte die Stadt, das innerstädtische Areal der Genossenschaft im Baurecht abzugeben, anstatt es herkömmlichen Investoren zu verkaufen. Das von den Genossenschaftern gemeinsam

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ausgearbeitete Siedlungskonzept verlangte von den Bewohnern, dass sie auf ein eigenes Auto verzichten. Doch auch die Latte für den Gebäudestandard wurde hoch gelegt: Der Bau sollte ökologisch und energieeffizient sein. Die Umsetzung des Konzepts durch das genossenschaftlich organisierte Bieler Architekturbüro :mlzd nach Minergie-P-Standard entspricht den Zielen der 2000-Watt-Gesellschaft. Die Bauparzelle ist schwierig: Die L-Form, die Abstands- und Anbauregularien und nicht zuletzt die Orientierung mit der westseitigen Begrenzung des Baufeldes durch eine riesige Brandmauer machten es schwer, ein effizientes Wohngebäude zu plazieren. Das realisierte Projekt gliedert sich in zwei Volumen. Längs zur Neuengasse bildet das Stadthaus einen klaren Abschluss des Strassenraumes. Hofseitig liegt das Hofhaus an der 56 m langen Brandmauer des Nachbargebäudes. Im Erdgeschoss sind strassenseitig der Multifunktionsraum und die Wohnateliers angeordnet. Hofseitig bildet das Fabrikgässli den direkten Zugang zu

den fünf Duplexwohnungen, deren Schnittlösung mit Überhöhen und Oberlichtern die Hauptorientierung nach Osten wirkungsvoll kompensiert. Die Folgegeschosse werden über eine aussenliegende Vertikalerschliessung mit Laubengängen erreicht. Die grosszügige Dachterrasse mit Waschpavillon im dritten Obergeschoss ergänzt den gemeinschaftlich genutzten Raum. Dank dem partizipativen Verfahren war eine Konzentration auf wesentliche Bedürfnisse der Genossenschafter im Rahmen der knappen verfügbaren Mittel möglich. So blieben nahezu alle Baustoffe roh und sichtbar, und auf zu hohen Ausbaustandard wurde verzichtet. Die Mittel, welche der Verzicht auf eine Tief­ garage freispielte, wurden in eine gutgedämmte Gebäudehülle investiert, um auch langfristig die Heizkosten tief zu halten. Über der Gründungsplatte sind auch die Geschossdecken, Wohnungstrennwände und das Treppenhaus in Stahlbeton ausgeführt. Die nichttragenden Aussenwände sind in Holzrah-

Holzbulletin 122/2017  
Holzbulletin 122/2017  

Genossenschaftlicher Wohnbau