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DAV I D GARRETT

S U P E RG E I G E R


interview

Filmladen

Filmstart: 31.10.13

F端r diesen Beruf gibst du

alles auf! 24

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DAVID GARRETT. Was hat ein Musiker in einem

Filmmagazin zu suchen? Ganz einfach: Der deutsche Violinist spielt in dem Kinofilm „Der Teufelsgeiger“ den legendären Nicolò Paganini. In unserem Interview spricht Garrett über Erfolgsdruck, Eitelkeit und über die Unspielbarkeit so mancher Stradivari.

D

avid Garrett gehört mit 33 Jahren zu den bekanntesten und erfolgreichsten Violinisten der Welt - und doch klebt an ihm das Image des Klassik-Rebells, der in seinen Cross-Over-Projekten munter E- und U-Musik vermischt und in seinen Konzerten als Geigen-Entertainer auch jene Menschen für die klassische Musik begeistert, die sonst keinen Zugang dazu finden. Als „David Hasselhoff der Klassik“ haben ihn Kritiker bezeichnet, der „Softpornopopklassikjunkfood“ serviert. Garrett sind solche Unkenrufe egal, er zieht konsequent seine Karriere durch - und hat jetzt sogar die Seiten gewechselt. Nun ja, fast: In dem Film „Der Teufelsgeiger“ (ab 31.10. im Kino) verkörpert er mit den Mitteln eines Laiendarstellers den berühmtesten aller Geiger: Niccolò Paganini; es gibt durchaus Parallelen zwischen den beiden: Auch Paganini war für seine rasante Beherrschung der Geige berühmt, und jeder seiner Auftritte wurde zu einer ganz besonderen „Show“. celluloid: Herr Garrett, inwieweit ist Paganini, den Sie in „Der Teufelsgeiger“ spielen, ein Vorbild für Musiker wie Sie? DAVID GARRETT: Paganini ist eine Messlatte für jeden Geiger, der diesen Beruf professionell betreibt. Das beginnt schon in jungen Jahren, wenn man sich an die großen Komponisten wie Beethoven, Mozart, Tschaikowski heranwagt. Das ist eine Basis, die unumgänglich ist. Insofern steckt in jedem Geiger etwas von Paganini. Paganini galt als Rockstar seiner Zeit. Jetzt gelten Sie auch als eine Art Rockstar in dieser Branche, zumindest als Ausnahmemusiker, der sich nie so leicht in eine Schublade stecken lässt. Ist das auch eine Parallele? Wir hatten beide jedenfalls ungewöhnliche Karrieren, und meine geht hoffentlich noch ein paar Jahre weiter (lacht). Wenn man eine Karriere so wie ich sehr früh beginnt, schon im Jugendalter auf der Bühne steht, dann kennt man die Abläufe im Hintergrund. Ob

das jetzt die Disziplin ist, die man jeden Tag abrufen muss, ob es das Umfeld ist, mit dem Management, ob das die Druck-Situationen sind, die du schon als Kind erlebst, und die sich dann im Erwachsenenalter fortsetzen, wobei es sich dann um deinen eigenen Druck handelt: All das sind Dinge, mit denen ich mich sehr gut auskenne. Das ist sicher ein Vorteil, wenn man so eine Rolle spielen muss. Der Druck, den man in der Kindheit bekommt, kann nicht von einem selbst stammen... Natürlich nicht, da stecken immer die Eltern oder andere Personen dahinter. Es gibt bei allen erfolgreichen Menschen immer eine Person, die im Hintergrund fungiert. Gewöhnt man sich an so einen Druck? Du hast ja keine Wahl. Als Kind hat man ja auch nicht die Möglichkeit, nein zu sagen. Man arrangiert sich mit der Situation, und glücklicherweise kennt man ja nichts anderes. Denn das würde es ein bisschen schwieriger machen. Kann man sagen, sie sind praktisch zu Ihrer Weltkarriere „gezwungen“ worden? Nein, denn ich habe irgendwann von dem, was ich als Kind gemacht habe, Abstand genommen - nicht musikalisch, sondern einfach von dem Umfeld. Dann habe ich neu gestartet. Denn ich wollte mir meinen eigenen Erwartungsdruck aufbauen, und nicht den der anderen erfüllen. Das war bei mir als Kind der Druck von den Eltern, dem Management, von vielen anderen Menschen. Gott sei dank ist es mittlerweile so, dass ich mir nur selbst gerecht werden muss - was schwierig genug ist. Vielleicht noch schwieriger, als der Druck von anderen. Aber der selbst auferlegte ist ein Druck, der angenehmer ist als der andere. Dank Ihrer erfolgreichen Karriere müssten Sie heute gar nicht mehr arbeiten… Ich bin versucht zu sagen: Man macht einen Beruf ja nicht wegen des Geldes. Naja, zumindest keinen künstlerischen… Meinen Beruf macht man Gott sei dank nicht wegen des Geldes. Sondern wegen der Leidenschaft? Ja, denn keiner kann einem das bezahlen,

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Fotos: Filmladen

interview

David Garrett als adretter Paganini: Schauspielerische Top-Leistung sollte man nicht erwarten ‑ dafür tolle Geigen-Soli

was man dafür alles aufgibt. Man gibt alles auf, sein persönliches Leben, soziale Kontakte. Man reist ständig durch die Gegend, mal mehr, mal weniger. Im Grunde ist die große Priorität immer die nächste Aufnahme, das nächste Konzert. Das ist schon sehr speziell. Gibt es denn da nicht manchmal Durchhänger? Hat man mal keine Lust? Durchhänger hat man immer mal wieder und denkt sich: Heute habe ich überhaupt keine Lust zu Üben, zum Beispiel. Aber es ist ein Stück weit antrainiert, sich selbst in solchen Fällen zu motivieren. Ist Disziplin in Ihrem Beruf also das Allerwichtigste? Ja. Das ist so, wie wenn man gelernt hat, drei Mal pro Tag die Zähne zu putzen. Da fühlt man sich komisch, wenn man’s nicht macht. Ich habe einfach gelernt, am Tag drei, vier Stunden zu üben, wenn nötig auch mehr. Wenn man einmal nicht übt, dann ist das verbunden mit dem Gefühl, dass du nicht das gemacht hast, was du hättest machen sollen. Also ein schlechtes Gewissen? Ja, genau, das ist ein schlechtes Gewissen… Russische Lehrerinnen am Konservatorium der Stadt Wien sagen ihren

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Schülern, sie müssten täglich mindestens acht Stunden üben. Ja, aber das bringt nichts. Denn von den acht Stunden kannst du eh nur drei, vier Stunden konzentriert üben. Noch schlimmer als nicht üben, ist falsch üben. Ich kenne keinen, der acht Stunden übt, und dabei acht Stunden richtig übt. Ich halte mich eher an Jascha Heifetz: Zwei bis drei Stunden haben dem genügt. Und der Mann hat’s gekonnt. Fiel es Ihnen schwer, jemand anderen in einem Film darzustellen? Denn das ist ja so gar nicht Ihre Profession. Nein, das ist nicht mein Beruf. Aber jeder Geiger hätte sich geehrt gefühlt, diese Rolle zu spielen. Es war eine ganz tolle Möglichkeit, diese Legende von Paganini auf die Leinwand zu bringen und seine Musik so gut wie möglich zu präsentieren. Damit meine ich nicht nur seine Geige, sondern die gesamten Orchestrierungen, die Arrangements neu zu machen. Es war eine große Herausforderung, die Musik so lebendig und so neu wie möglich zu machen, und zwar mit den alten Instrumenten, die es damals gegeben hat. Mit welchem Instrument spielten Sie im Film? Im Film spielte ich auf der Kopie einer Gu-

arneri del Gesù von 1742, die in späteren Jahren Paganinis Hauptinstrument war. Es gab aber auch Szenen, in denen wir eine Stradivari-Kopie einsetzten. Ich habe sehr viel Wert auf die Details gelegt: Dass das Orchester keinen Feinstimmer hat, dass wirklich Darmsaiten verwendet wurden, dass keine Schulterstützen eingesetzt werden, die es ja damals noch nicht gab. Mir war das visuell Akkurate sehr wichtig, denn das wird in Filmen immer wieder falsch gemacht. Ich sah einmal einen Ausschnitt aus dem Film „Kinski Paganini“, in dem der Italiener Salvatore Accardo die Soli gespielt hat. In den Close-ups war zu sehen, dass er einen Feinstimmer auf der Geige hatte, moderne Saiten, einen Kinnhalter und eine Schulterstütze, und du denkst nur: Oh Gott, wie falsch ist das denn? Inwieweit haben Sie sich auch die Spieltechnik von Paganini angeeignet? Mit Paganini bin ich groß geworden. Ich habe die Capricen mit 15 aufgenommen. Die Technik war sehr anspruchsvoll, aber das war nicht der Schlüssel zum Film. Der Schlüssel war die Orchestrierung der Werke. Der Ton klingt sehr nach dem 19. Jahrhundert. Ich habe mich darum bemüht, nur Instru-


mente zu verwenden, die es damals tatsächlich gab. Ich wollte die optimale Weise nachstellen, wie Paganini geklungen hätte, hätte er damals ein bisschen mehr Geld für gute Arrangeure gehabt. Wenn Paganini also eine Platte aufgenommen hätte, müsste sie so tönen? Im optimalen Falle, ja. Wie gesagt, wenn seitens Paganini damals ein bisschen mehr Leidenschaft in die Arrangements geflossen wäre - jeder Geiger, der dieses Interview liest, weiß, was ich meine - dann müsste es sich so anhören. Das war eine Verantwortung und auch eine Herausforderung. Sie selbst besitzen auch sehr wertvolle Instrumente… Ja, eine sehr wertvolle, und zwei andere, die auch wertvoll sind (lacht). Erklären Sie doch mal einem totalen Laien, was den Unterschied ausmacht, wenn ich nun auf einer Stradivari spiele, oder eben nicht. Kommt darauf an. Es gibt Stradivaris, auf denen würde ich nicht spielen wollen. Diese Geigen sind wie Studien, die Erbauer haben unglaublich viel damit experimentiert. Es gibt einige, die sind wirklich toll, andere weniger. Das hat auch mit der eigenen Vorstellung zu tun, wie du eine Geige hörst, innerlich. Jede Geige hat eine andere Tonvorstellung. Meine aktuelle Geige ist ideal für mich, weil sie eine gewisse Helligkeit hat, wie ich das auch bei Heifetz oder Milstein liebe. Diese Geige ist ideal für mich. Wenn ich sie aber nun einem anderen Geiger gebe, kann es sein, dass der damit nicht zufrieden ist. Es muss wirklich passen, nicht nur physisch, sondern auch klanglich in der Tonvorstellung. Das muss mitunter sehr lange dauern, so ein ideales Instrument zu finden. Oh ja, und wenn man sie dann gefunden hat, wird es meistens verdammt teuer… (lacht) Irgendwann wurde diese Geige für Sie leistbar, weil Sie ja auch einer der erfolgreichsten „Entertainer“ in dem Business sind. Ja, das mit dem Entertainer höre ich nicht so gerne. Sagen wir lieber, ich habe viel, viel gearbeitet, um mir so etwas leisten zu können. Würde ich hier im Raum eine anständige Stradivari spielen, würden Sie und wahrscheinlich auch ich keine großen Unterschiede zu anderen Geigen wahrnehmen. Aber mir kommt es auf den Charakter einer Geige an. Ich habe den Entertainer deshalb erwähnt, weil auch das, was Paganini getan hat, am Ende eine große Show war - das sieht man sehr gut im Film. Ja, das stimmt. Eine Inszenierung, aber immer unter dem Aspekt der Musik. Die Frage geht dahin: Wie wichtig ist Ihnen in dem ganzen bierernsten Klassikbetrieb ein bisschen „Show“?

Show hat dann keinen Nachteil, wenn die Qualität stimmt, wenn sie die Qualität des Künstlers nicht beeinflusst. Dann ist Show völlig legitim. Das ist, wie wenn du ein tolles Produkt hast und eine tolle Verpackung. Nur die Verpackung allein ist zuwenig. Aber wenn man ein tolles Produkt hat und auch ein gutes Marketing dazu, dann ist Show sogar wichtig, denn es wäre doch schade, wenn die tolle Verpackung mit dem schlechten Inhalt sich besser verkauft, als die tolle Verpackung mit dem tollen Inhalt. Was kann ein Geiger wie Sie in 50 Jahren noch für einen Einfluss in der Musikwelt haben? Ich kann das nicht wirklich beantworten. Aber wenn man es als Musiker schafft, andere mit seiner Arbeit zu inspirieren, dann ist das schon was. Ich bekomme sehr viele Briefe und Emails, in denen mir junge Menschen schreiben, dass sie wegen mir die klassische Musik entdeckt haben oder wegen mir begannen, Geige zu lernen. Wenn man auf diese Weise Menschen begeistern und Kultur vermitteln kann, dann ist das schon alles, was man im Leben erreichen kann als Musiker. Wie vermeidet man denn, aus diesem Mythos Paganini Kitsch zu machen? Das war uns ein sehr wichtiges Anliegen! Mir war wichtig, dass alles, was im Film passiert, zumindest in weiten Teilen historisch belegbar ist. Denn es gibt ja viele Mythen und Legenden, die sich um Paganini ranken und die so sicherlich auch nicht stimmen. Es sollte kein Fantasy-Film werden. Hatten Sie Schauspielunterricht? Einige Stunden in New York, ja. Vom Regisseur hatte ich allerdings die Anweisung, genau das nicht zu tun. Aber ich glaube an gute Vorbereitung. Das letzte Mal, als ich auf einer Theaterbühne stand, war ich sieben und trat beim Weihnachtskrippenspiel auf. Dort habe ich meinen einzigen Satz total versemmelt. Deshalb hatte ich vor Beginn der Dreharbeiten ein kleines Trauma, ob ich mir die Texte würde merken können. Ich habe eineinhalb Monate an den Texten gearbeitet und festgestellt, dass mir Texte lernen wirklich liegt. Dieses Trauma ist also vorbei. Was sagen Sie zu Kritikern, die Sie als den David Hasselhoff der klassischen Musik bezeichnen? Das habe ich ja noch nie gehört! Gibt’s denn in dieser Branche tatsächlich so viele Neider? Ich war auf einer Tournee und da sind von zehn Kritiken acht super und zwei überhaupt nicht. Das war bei Paganini so, bei Mozart und Beethoven hat es auch erwischt. Es gibt immer irgendwen, der einen Verriss schreibt. Ärgert Sie das denn? Nein, wieso? Ich kann gut damit leben.   Interview: Matthias Greuling

Lust & Laster: Paganini konnte mit Geld und Frauen nicht wirklich umgehen, was ihn immer wieder in die Krise stürzte

Garrett am Set: Der Ton zu den neu arrangierten Paganini-Stücken wurde live aufgenommen, um eine besondere Authentizität im Geigenspiel sicherzustellen.

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David Garrett Supergeiger