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d i o l u l l ce Nr 2a/2014 - M채rz Sonderausgabe zur Diagonale 2014

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BLICK


Editorial

Matthias Greuling

Herausgeber & Chefredakteur

Liebe Leser, Mit dieser Sonderausgabe zur Diagonale 2014 im Pocketformat möchten wir Ihnen etliche jener Filme und Filmemacher vorstellen, die das Festival prägen werden. Es handelt sich um vielversprechende Uraufführungen und Österreich-Premieren. Bereits im Vorfeld haben wir viele Filme aus dem umfangreichen Programm gesichtet und hier für Sie zusammengestellt - es sind die Filmempfehlungen der celluloid-Redaktion. Während der Diagonale finden Sie auf unserer Website www.celluloid-filmmagazin.com aktualisierte Beiträge sowie aktuelle Videos rund um das Festival. Viel Spaß im Kino, Matthias Greuling Chefredakteur celluloid www.celluloid-filmmagazin.com

unser Youtube-Channel: www.youtube.com/celluloidVideo finden sie uns auf Facebook: www.facebook.com Folgen sie uns auf twitter: www.twitter.com/mycelluloid Unsere Website: www.celluloid-filmmagazin.com

celluloid FILMMAGAZIN Nummer 2a/2014 März 2014. Sonderausgabe zur Diagonale 2014. Herausgeber, Eigentümer und Verleger: Werbeagentur Matthias Greuling für den Verein zur Förderung des österreichischen und des europäischen Films. Chefredakteur: Matthias Greuling. Layout / Repro: Werbeagentur Matthias Greuling. Printed in Austria. Die Interviews & Texte in dieser Ausgabe stammen von der celluloid-Redaktion. Fotos: Diagonale. Die Beiträge geben in jedem Fall die Meinung der AutorInnen und nicht unbedingt jene der Redaktion wieder. Anschrift: celluloid Filmmagazin, Anningerstrasse 2/1, A-2340 Mödling, Tel: +43/664/462 54 44, Fax: +43/2236/23 240, e-mail: celluloid@gmx.at, Internet: http://www.celluloid-filmmagazin.com Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion und Quellenangabe. © 2014 by Verein zur Förderung des österreichischen und des europäischen Films.

Diese Publikation wird unterstützt von


Termin: DIAGONALE 2014 18. bis 23. März 2014, Graz Festivalkinos:

Festivalzentrum

Filmzentrum im Rechbauerkino

im Kunsthaus Graz Lendkai 1, 8020 Graz www.kunsthausgraz.at

Rechbauerstraße 6, 8010 Graz www.filmzentrum.com

KIZ RoyalKino C. v. Hötzendorfstraße 10, 8010 Graz www.uncut.at/graz/kizroyal

Schubertkino Mehlplatz 2, 8010 Graz www.schubertkino.at

UCI Kinowelt Annenhof Annenstraße 29, 8020 Graz www.uci-kinowelt.de

Gäste-/Pressezentrum Haus der Architektur Graz Mariahilferstr. 2, 8020 Graz 18.–23. März, 10–19 Uhr

Diagonale Festivalcafé und Bar Luise im Kunsthaus Graz im Kunsthaus Graz 19.–23. März, 9 – 2 Uhr

Tickets Info & Bestellung: Infoline 0316 / 822 81 822 (10-18 Uhr)

Kartenverkauf (12. –23. März) Kunsthaus Graz und Café Promenade Festivalkinos: Täglich jeweils eine Stunde vor Beginn der ersten Vorstellung Online Ticketverkauf unter www.diagonale.at/tickets DIAGONALE-NIGHTLINE

19. März, ab 22 Uhr, Luise im Kunsthaus Graz: Club VDFS: A Filmmaker’s Festival Soundtrackmit Mirjam Unger & Gerald Votava, Alexander Ach Schuh u. a. 20. März, ab 22 Uhr, Luise im Kunsthaus Graz: Shake Your Glory! FC Gloria-Party mit Denice Bourbon, The Damski, diverse Liveacts 21. März, ab 22 Uhr, Luise im Kunsthaus Graz: Institut Schamlos presents: Schnitzelbeat-Party feat. Al Bird Dirt (Trash Rock Archives) 22. März, ab 23 Uhr, Orpheum Graz: Abschlussfest. Michael Ostrowski, V-Team Viktoria Schmid (IT’S A DANCE) und Ilias Dahimène (Seayou Entertainment) 4-5


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So bestellen Sie celluloid im Abo: + auf www.celluloidfilmmagazin.com + via E-Mail: celluloid@gmx.at + telefonisch unter +43-664-462-54-44 Preise inkl. Porto & Verpackung. Das Abonnement kann bis zwei Wochen nach Erhalt der 6. Ausgabe schriftlich gekündigt werden. Andernfalls verlängert es sich automatisch um ein weiteres Jahr zum jeweils gültigen Vorzugspreis. Zahlungsart: Sie erhalten einen Zahlschein. Angebot gültig innerhalb Österreichs.

Besuchen Sie uns ONLINE: www.celluloid-filmmagazin.com www.youtube.com/celluloidVideo


celluloid interview

Barbara PICHLER die diagonale-Intendantin über das programm 2014 und die reiche auswahl im austro-kino

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iagonale-Intendantin Barbara Pichler leitet heuer zum siebten Mal das Festival des österreichischen Films. Für die Diagonale 2014 verspricht sie einen sehr spannenden Jahrgang, aus dem für sie viele „außergewöhnliche Dokumentationen“ hervorstechen. celluloid: Die Diagonale zeigt 2014 insgesamt 196 Filme, 106 davon im Wettbewerb. Das ist ein erstaunlich hoher Output für das Filmland Österreich. Barbara Pichler: Bei diesen Zahlen sind natürlich sehr viele Kurzfilme dabei, das verzerrt ein bisschen die Wahrnehmung. Bei einem Kurzfilmprogramm wie „Best of Austrian Animation“ laufen in einem Programm fast 20 Filme. Für den Wettbewerb, der das aktuelle Filmschaffen in Österreich repräsentiert, wurden aus rund 500 Einreichungen 106 Filme ausgewählt. Wir zeigen also etwa ein Fünftel der Jahresproduktion.

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Im Zentrum des Interesses stehen die Langfilme: 15 Spielfilme und 23 Dokumentationen. Produziert wird noch deutlich mehr – sonst würden wir unsere 500 Einreichungen nicht zusammenbringen. Aber plus/minus 20 Langfilme pro Kategorie ist das, was eine Jury verkraften kann. Der Wettbewerb hat damit quasi ein natürliches Limit. Das ergibt keine lückenlose, doch eine vergleichsweise breite Darstellung des österreichischen Kinos. Wie ist der aktuelle Jahrgang geworden? Grundsätzlich finde ich das Angebot sehr spannend. 2013 war ein besonders starkes Spielfilm-Jahr – da liegt es in der Produktions-Logik, dass es heuer ein paar Spielfilme weniger gibt. Bei den Dokumentationen haben wir einen außergewöhnlich starken Jahrgang. Wie jedes Jahr stellt sich die Frage: Wie ist es möglich, dass in einem so kleinen


© Matthias Greuling

„Die Bandbreite des österreichischen Films ist erstaunlich“, findet Barbara Pichler

Filmland wie Österreich so viele Filme entstehen, die man für ein Festival ernsthaft in Erwägung ziehen kann? Die Bandbreite ist erstaunlich. Und? Wie ist dieser hohe Output möglich, aus Ihrer Sicht? Von der Seite der Künstler her gibt es, zusätzlich zu den arrivierten Filmemachern, eine Anzahl an sehr begabten Nachwuchs-Filmschaffenden, die gerade anfangen, sich massiv bemerkbar zu

machen. Dann hat Österreich ein sehr gesundes Selbstverständnis der individuellen künstlerischen Positionen. Das ist über Jahrzehnte gewachsen. Das beginnt mit Haneke und Seidl und führt fort über die Autoren, die sich seit den 90er Jahren einen Namen machten – Glawogger, Beckermann, Murnberger, Prochaska, um ein paar Namen zu nennen. Die Jungen arbeiten da nahtlos weiter, auch im innovativen Bereich, selbst wenn sich der etwas abseits von der allgemeinen


Š Diagonale/Daniel Hermes

Angenehmes Flair kennzeichnet die Grazer Filmtage

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celluloid interview

Publikums-Wahrnehmung anspielt. All diese Leute profitieren von dem Fördersystem, das in Österreich vorhanden ist. Auch, wenn die Fördermittel vielleicht manchmal etwas ungleich verteilt sind, wird das Innovative ebenso als förderungswürdig wahrgenommen wie das Dokumentarische oder der Spielfilm. Wie stellt sich das in Zahlen dar? In Summe, aus allen Töpfen, stehen dem österreichischen Film pro Jahr ungefähr 60 Millionen Euro an Förderungsmitteln zur Verfügung. Das ist ein Fördersystem, das nicht Alles, und nicht alles gut, aber doch Vieles ermöglicht. Man sollte diese Vielfalt nicht leichtfertig aufs Spiel setzen: Innovatives Kino, das einem breiten Publikum schwerer zu vermitteln ist als zum Beispiel eine Komödie, trägt international unglaublich viel zum Ruf des Filmlandes Österreich bei. Die Diagonale ist das schöne Schaufenster für das, was während des Jahres im österreichischen Film geschieht. Kann das Festival auch Karrieren befördern? Ich denke, dass Festivals immer wichtiger für die Filmschaffenden werden. Sie sind oft die Haupt-Ausstellungsflächen

für Filme. Da gehört die Diagonale dazu und sie hat als nationales Festival zuhause noch einen besonderen Stellenwert. Die Bedeutung der Festivals wächst auch deshalb, weil sich das Durchschnittsangebot im Kino einschränkt. Festivals übernehmen einen Teil der Funktion, die früher Programmkinos und Filmclubs innehatten. Deshalb gibt es bei den Filmschaffenden so ein unglaubliches Bedürfnis, zu Festivals zu kommen. Natürlich kann man heute alles ins Netz stellen. Doch nicht für jede Produktion ist das die geeignete Form – und auch im Netz muss man erst Aufmerksamkeit erreichen und ein Publikum finden. Ein Festival kann diese Aufmerksamkeit natürlich besser fokussieren und in den Dienst der Filme stellen. Außerdem: Ganz egal, wie viele Verwertungsmethoden es für Filme abseits des Kinos gibt – ich kenne keine Regisseurin und keinen Regisseur, die nicht den Moment haben wollen, einen Film auf der großen Leinwand im direkten Kontakt mit einem Publikum zu zeigen.  Interview: Gunther Baumann Das Interview mit Barbara Pichler erschien zunächst im Online-Filmmagazin (und celluloid-Partner) FilmClicks. www.filmclicks.at ist Online-Medienpartner der Diagonale 2014.


celluloid diagonale filmtipps

THOSE WHO go those who stay REGIE: RUTH BECKERMANN

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in Blick durch ein verregnetes Fenster auf die Dächer von Paris. Menschen, die über den Plöckenpass wandern und aussehen wie eine Ameisenkolonne. Drei muslimische Frauen haben Mühe, sich bei dichtem Verkehr über die Straße zu trauen. Sie kichern. Auf Lampedusa haben neue Flüchtlingsboote angelegt. Anderswo sitzt ein kleiner Junge auf den Stufen einer Straßenbahn, lächelt vertraut in die Kamera, die Sonne huscht über sein Gesicht. Sorglos und neugierig kundschaftet er das draußen vorbeiziehende Leben aus. Was diese Szenen trennt, sind Schnitte, 10-11

sind Raum und Zeit. Was sie eint, ist ein Konzept un-/freiwilliger Wanderschaften innerhalb eines breit gefassten Europabegriffs. Ruth Beckermanns Essayfilm „Those Who Go Those Who Stay“ gleicht einem Fleckerlteppich, dessen Stoffstücke verschiedenste europäische Realitäten bezeichnen. Dafür ist die gebürtige Wienerin herumgereist: in Österreich, nach Italien, Israel, Frankreich, Ägypten oder in die Türkei. Überall hat sie Bilder eingefangen, solche des stillen Verweilens, des Schwelgens, der Beobachtung. Dazwischen hat sie (eigenes) Archivmaterial eingeflochten


– Bilder wie Textilien aus verschiedenen Zeiten: Alte und neue Stoffe ergänzen einander. Gegenwärtige Bilder können gestrig wirken, alte Bilder aktuell. Neue Gewebereihen bauen auf vorigen auf, viele Stoffe werden noch nachrücken. Worum es in „Those Who Go Those Who Stay“ eigentlich „geht“, ist nicht die drängendste Frage des Essays, vielmehr lebt er von Augenblicken, Andeutungen, Themen wie Spuren- und Sinnsuche oder Symbolen, etwa des Labyrinthischen: In einer Szene sehen wir eine Kunstinstallation von Peter Kogler im Pariser Centre Pompidou: Ratten bahnen sich in der Projektion ihren Weg durch ein Labyrinth. Assoziativ labyrinthisch wirkt sogleich die bewohnte Landschaft der nächsten Szene, ihre Verschachtelung - gefilmt aus einem Flugzeug - ist aus der Vogelperspektive gut zu erkennen. Parallelen poppen auch bei einigen Protagonisten auf: Menschen, die durch ihr eigenes Labyrinth wandeln, manche kommen schnell voran, andere scheitern und verzweifeln an Hindernissen. Die einen hinterlassen Spuren, die gar die eigene Existenz überdauern, andere igeln sich ein in ihrer kleinen Ecke, in der sie geboren wurden. Einmal sagt eine Frau im Film: „Ich bin Araberin, was meine kulturelle Identität angeht, Palästinenserin, was meine ethnische Identität angeht, Christin, was meinen Glauben angeht und Österreicherin, was meine Staatsbürgerschaft angeht.“ Bilder einer FPÖ-Wahlkampf-

veranstaltung am Wiener Stephansplatz, bei der Menschen zu Schlagerhits Bier aus Plastikbechern trinken, kontrastieren diese und andere Szenen stark. Nie kommentiert eine Erzählerstimme das Gezeigte, Ton und Bild sprechen für sich alleine, wecken Assoziationen. Es heißt, Menschen würden andere schon in den ersten fünf Sekunden der Begegnung beurteilen. Dass Beckermann keinerlei Angaben zu Protagonisten (und Drehorten) einblendet, macht Schubladisierungen schwer - das kann angenehm überraschen, in 75-Filmminuten aber auch demotivieren. All jene aber, die bereit sind mit dem Film zu kommunizieren, werden mit der poetischen Machart von „Those Who Go Those Who Stay“ ihre Freude haben.  Sandra Nigischer

DIAGONALE-TERMINE: 19.3., 18.30, ANNENHOF 5, 22.3., 13.30, Annenhof 5


celluloid interview

ruth beckermann über „those who go those who stay“

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elluloid: Was ist denn für Sie der Ariadnefaden des Films, an dem Sie sich orientiert haben? RUTH BECKERMANN: Das ist nicht leicht zu beantworten. Es sind zum einen Erinnerungen und meine inneren Themen, zum anderen ist es das Motiv der Bewegung: von Reise- über Fluchtbewegungen, bis zur Kamerabewegung. Das Eingangszitat sagt etwas aus, das mir gut gefallen hat, nämlich dass es in Geschichten immer um den Plot geht, also um das Ziel. Wo ist die nächste Action, der nächste Mord? Mich interessieren aber vielmehr die Um- und Irrwege, die Seitenblicke. Es ist ein sehr freier Film entstanden, noch nie habe ich mich soviel getraut. Ich bin vielleicht so etwas wie eine Flaneurin und wollte eine Art Komposition schaffen, ein Gedicht. Viele Bilder wirken poetisch. Ja? Ich wollte einen „schönen“ Film machen, der nicht „beschönigt“, wollte nicht wiederholen, was man sowieso im Fernsehen sieht, sondern etwa veranschaulichen, dass Europa heute ganz anders aussieht als vor zehn Jahren. Die Aufnahmen aus Paris zeigen eine Mischung von Menschen, Kulturen und

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Gemüse am Markt, die wir früher nicht gekannt haben. Welche Veränderungen bemerken Sie in Europa? Es gibt viel mehr Menschen anderer Hautfarbe hier. Böse ausgedrückt könnte man sagen, das ist die Rache des Kolonialismus (lacht). Wir leben in einer globalisierten Welt und in einem Europa, das wir eigentlich alle wollten. Es gibt aber Leute, die das nicht wollen: wie ich etwa mit dieser FPÖ-Wahlkampf-Versammlung in Wien zeige oder diesem historischen Umzug im italienischen Prato, wo rund 60.000 Chinesen leben. Im Gegensatz zu früher dürften nun keine Chinesen mehr aktiv am Umzug teilnehmen, das hält man scheinbar nicht mehr aus. Konflikte spielen sich auf vielen Ebenen ab, Europa ist in einer Übergangsphase. Der Film ist für mich Ausdruck meines Erstaunens oder meiner Ratlosigkeit, wo das Ganze hinführen wird. Ich glaube, das Spiel ist offen. Es kann gut oder schlecht werden. Was wären mögliche Zukunftsszenarien? Man kann einen modus vivendi für


© Lucia Vilsecker

ob sie durch das Wachsen rechtsradikaler Parteien in Europa noch verschärft werden. Der Film will darauf keine Antwort geben.

ein Nebeneinanderleben von Kulturen finden. Dazu braucht es keine engen Beziehungen, solange man einander in Ruhe lässt und ergänzt. Ein positives Modell wäre für mich New York City, das viele Einwanderungswellen erlebt hat. Da gab es auch immer wieder Konflikte: Die, die früher kamen, fühlten sich schon als „Weiße“ und hatten Angst vor denen, die nachkommen und vielleicht billiger arbeiten. Die Frage ist, ob man Konflikte auf demokratische Weise löst, damit alle etwas davon haben, oder

In Ihrer ersten Doku Arena besetzt (1977) sagen Sie: „Wir wollten, dass die Menschen diese Filme sehen und darüber diskutieren… nicht über die Filme, sondern politisch diskutieren.“ Inwiefern ist das heute noch Ihr Anspruch? Das ist aber lange her (lacht). Ich meine schon, dass man über Filme diskutieren sollte, nicht nur über Politik. Außerdem habe ich heute einen viel breiteren Politikbegriff. Ich glaube, dass Politisches und Privates stark ineinandergreifen. Heute wird zu viel Politik in den Privatbereich hinein getragen: Wo rauchen? Was essen? Was ist politisch korrekt? Totalitäre Systeme haben auch in Privates eingegriffen. Die Normalität, mit der man heute alles regeln will, ist bedenklich. Meinen Film halte ich übrigens für sehr politisch. In Dokus bekommen Menschen oft das journalistisch aufbereitet, was sie sehen wollen. Ideologien werden vorgegeben, ob das nun das Thema Globalisierung betrifft oder das Bildungssystem. Man ist entweder für oder gegen etwas. Ich kann mich dieser Schwarzweiß-Malerei nicht anschließen. Kino soll verwirren, Denkschienen durchbrechen und aufregen.  Interview: Sandra Nigischer


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ABSCHIED REGIE: LUDWIG WÜST

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s ist ein typischer und (vermeintlich) harmloser Frauen-Treff, mit dem in Ludwig Wüsts neuem Film „Abschied“ alles beginnt: Ein wenig Sekt, jede Menge Zigaretten, der Tratsch über Neuigkeiten des Lebens, über kleine Geheimnisse aus dem gemeinsamen Bekanntenkreis. Doch es wäre nicht der bayerische Filmemacher („Das Haus meines Vaters“, „Koma“), wenn im Lauf der Geschichte die Situation nicht kippen, unter vermeintlich Alltäglichem tiefe menschliche Abgründe

zum Vorschein kommen würden und sich das Kammerspiel zu einem psychologischen Portrait zweier Frauen (Claudia Martini, Martina Spitzer) entwickeln würde, deren Vergangenheitsaufarbeitung schließlich nicht nur sie, sondern auch ihr Umfeld massiv zu verändern beginnt. Unterstrichen wird all diese durch eine beklemmende Kamerasprache, die die innere Zerrissenheit der beiden Freundinnen fast schon unerträglich spürbar macht.

DIAGONALE-TERMINE: 19.3., 20.30, Schubert 1, 21.3., 16.00, Schubert 2 14-15


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DER LETZTE TANZ REGIE: HOUCHANG ALLAHYARI

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ar es nur eine Liebenswürdigkeit, reine Nächstenliebe, die Karl (Daniel Sträßer) an den Tag legte, als er sich um Frau Ecker (Erni Mangold) kümmerte – oder war da doch mehr zwischen dem jungen Zivildiener und der betagten Alzheimer-Patientin? Fest steht: Das Gericht, vor das der junge Mann gestellt wird, sieht seine Schuld als erwiesen an. Daniel zeigt keinerlei Schuldbewusstsein und wird nach einem psychiatrischen Gutachten zu einer Haftstrafe verurteilt.

Es ist wahrlich keine leichte Kost, die Houchang Allahyari seinem Publikum in „Der letzte Tanz“ serviert. Dennoch gelingt es dem Regisseur („Bock for President“), auf höchst einfühlsame und mitunter auch tragikomische Weise von einer Beziehung zu erzählen, die über die Grenzen des Alltäglichen hinausgeht. Dabei geht es nicht nur um Schuld und Unschuld, um gesellschaftliche Tabus – sondern auch um die Frage, was Liebe eigentlich ist …

DIAGONALE-TERMINE: 21.3., 21.00, KIZ ROYAL, 23.3., 11.00, Annenhof 5 16-17


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DIE FRAU MIT EINEM SCHUH REGIE: MICHAEL GLAWOGGER

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ohannes Krisch, Robert Palfrader, Nina Proll, Wolf Bachofner, Karl Fischer – Michael Glawogger („Workingman‘s Death“) hat in „Die Frau mit einem Schuh“ einen beachtlichen Cast versammelt. Ähnlich bunt zusammengesetzt ist auch die Geschichte seines neuen Films: Eine Kriminalbeamtin (Proll) findet in einem niederösterreichischen Stauteich die Leichenteile einer Frau – also eigentlich nur einen Fuß und einen Skalp. Für die gelangweilte

Polizistin, die sich viel lieber in Wien als in der idyllischen Provinz sehen würde, steht aber fest: Dabei handelt es sich um einen grausamen Mordfall, in dem ermittelt werden muss und dessen Lösung das Sprungbrett für eine große Karriere sein könnte. Glawoggers prominent besetztes Fernsehspiel ist weit weniger Krimi denn Milieustudie mit zahlreichen absurd-komischen und höchst liebevoll gezeichneten Charakteren. „Braunschlag“ lässt grüßen.

DIAGONALE-TERMINE: 20.3., 17.30, Schubert 1, 21.3., 21.00, Rechbauerkino


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FIEBER REGIE: ELFI MIKESCH

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s ist ein folgenschweres Fieber, das Franziskas Vater (Martin Wuttke) einst im Jahr 1952 in Form von Malaria mit nach Hause brachte. Der autoritäre und despotische Mann war nämlich Fremdenlegionär, diente in Nordafrika und Syrien – doch auf die Fragen seiner Tochter nach Schuld und Sühne, nach Tod und Leben gab er ihr niemals eine Antwort. Jenes „Fieber“ das Elfi Mikesch („Judenburg findet Stadt“) in ihrem Film beschreibt, es ist nicht nur die

schwere Nervenkrankheit, an der der Mann zeitlebens litt, sondern auch die Schatten der Vergangenheit, die er zu seiner Familie mit nach Hause brachte, und von denen sie sich niemals erholen konnte. Erst nach dem Tod des geliebten aber auch gefürchteten Vaters begibt sich die erwachsene Franziska (Eva Mattes) auf Spurensuche nach der Vergangenheit und hofft, endlich Antwort auf jene Fragen zu erhalten, die sie so lange Zeit in Form von Albträumen quälten.

DIAGONALE-TERMINE: 19.3., 18.30, kiz royal, 21.3., 11.30, Annenhof 6 18-19


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HIGh performance mandarinen lügen nicht REGIE: JOHANNa moder

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udi (Manuel Rubey) und Daniel (Marcel Mohab) könnten unterschiedlicher kaum sein: Der eine höchst erfolgreicher Manger, Workaholic und Stolz der ganzen Familie, der andere strauchelnder Künstler, der sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Als Daniel seinen Bruder um finanzielle Unterstützung bittet, bietet ihm dieser einen Job in seinem SoftwareUnternehmen an: Daniel soll Nora, einer jungen Mitarbeiterin aus Rudis

Firma, Unterricht in Sachen Rhetorik und Selbstbewusstsein geben. Aus dem Job, der den Tagträumer eigentlich so gar nicht interessiert, wird schnell eine amouröse und folgenschwere Verstrickung, deren Ausgang lange Zeit ungewiss ist. Die steirische Regisseurin Johanna Moder verwebt in ihrem Spielfilmdebüt „High Performance – Mandarinen lügen nicht“ gekonnt Tragödie und Komödie zu einem unterhaltsamen Sittenportrait über Familie, Emotionen und den Sinn des Lebens.

DIAGONALE-TERMINE: 20.3., 21.00, KIZ ROYAL, 22.3., 11.00, Annenhof 5


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ÜBER-ICH UND DU REGIE: BENjamin heisenberg

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as Leben, es geht mitunter eigenartige Wege und führt dabei die unterschiedlichsten Menschen zueinander. Das muss auch Nick (Georg Friedrich) schmerzhaft erfahren: Von seinen kriminellen Schuldnern gejagt, bleibt dem Kleinganoven nur noch die Möglichkeit, für einige Zeit unterzutauchen. Mehr zufällig als geplant landet er auf seiner Flucht bei einem hochbetagten und verschrobenen Psychiater (André Wilms), der in der NS-Zeit nicht unbedingt gro-

ßen Ruhm auf sich geladen hat. Im Lauf der Geschichte von „Über-Ich und Du“ lässt Regisseur Benjamin Heiseberg seine beiden Hauptdarsteller mehr und mehr zusammenwachsen – und seine SlapstickKomödie zu einem ironisch-bizarren Sittenportrait werden, in dem umfassend über alles mögliche philosophiert wird. Mit dabei: Maria Hofstätter als eiskalte Unterweltchefin sowie Markus Schleinzer als verklemmter Familienvater mit modisch fragwürdigem Geschmack.

DIAGONALE-TERMINE: 19.3., 11.00, KIZ ROYAL, 22.3., 18.30, Annenhof 5 20-21


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D.U.D.A! WERNER PIRCHNER REGIE: Malte Ludin

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erner Pirchner gilt nach wie vor als einer der unterhaltsamsten Rebellen seiner Heimat Tirol – mit Witz, Satire und Kreativität bereicherte der Musiker mit seinen Liedern die 1970er Jahre, prägte mit seinem unkonventionellen Stil nachfolgende Generationen. Grund genug für den Berliner Regisseur Malte Ludin, sich in seinem Dokumentarfilm „D.U.D.A.!“ auf Spurensuche nach dem Phänomen des genreübergreifenden Künstlers zu begeben, dessen

Signation für den Kultursender Ö1 auch heute noch täglich zu hören ist. Dabei traf Ludin langjährige Weggefährten des Musikers, dessen Stil zwischen Jazz, Volksmusik und Moderne changierte: Tobias Moretti, André Heller, Josef Hader, Erwin Steinhauer und Felix Mitterer erzählen, zehn Jahre nach Pirchners Tod, von ihren Erlebnissen mit dem Meister der klingenden Töne, dessen Karriere ihn von einem kleinen Tiroler Dorf bis zum Jazzfestival Montreux führte.

DIAGONALE-TERMINE: 21.3., 20.30, Annenhof 6, 23.3., 11.30, Annenhof 6


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DER FOTOGRAF VOR DER KAMERA REGIE: TIZZA COVI, RAINER FRIMMEL

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ch bin Geschichtenerzähler. Meiner Bilder müssen etwas aussagen. Schöne Bilder zu machen, überlasse ich den anderen“, sagt Erich Lessing, der große österreichische Fotograf, der mit seinen Aufnahmen Geschichte geschrieben hat, über sich selbst. Und tatsächlich sind Fotos des heute 90-jährigen Mitglieds der legendären New Yorker Bildagentur Magnum weit mehr als einfache Momentaufnahmen: Jahrzehntelang war der Wiener bei Ereignissen dabei, die die

Welt nachhaltig verändert und unsere Gesellschaft geprägt haben – von einem 1955 den österreichischen Staatsvertrag unterzeichnenden Leopold Figl über den Volksaufstand in Ungarn bis hin zu den legendären Portraits von Konrad Adenauer und Nikita Cruschtschow. Die beiden Filmer Rainer Frimmel und Tizza Covi zeichnen in „Der Fotograf vor der Kamera“ ein liebevolles Portrait eines Künstlers, der auch im hohen Alter nicht von seiner Passion lassen kann.

DIAGONALE-TERMINE: 21.3., 18.30, Annenhof 5, 23.3., 14.00, SCHUBERT 1 22-23


JAMES BENNING Diagonale-Special

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as Grazer Universalmuseum Joanneum widmet James Benning, dem Meister des Landschaftsfilms, eine große Ausstellung, in der von 7. März bis 1. Juni im Kunsthaus Graz, Space03, zahlreiche seiner Werke zu sehen sein werden. Mit „James Benning. Decoding Fear“ erfährt die Auseinandersetzung des Kunsthauses mit bewegten Bildern nach Ausstellungen wie „Videodreams“ (2004) und „Screening Real. Conner Lockhart Warhol“ (2009) eine logische Fortsetzung. Kurator Peter Pakesch setzt dabei das filmische Schaffen Bennings in direkte Verbindung zu weiteren bildnerischen Aspekten seines Schaffens:

„Bekannt ist Benning in der Welt des Films geworden, er kommt aber an sich von der bildendender Kunst. Dieser Grenzgänger hat ein Oeuvre, das weit über die Filme hinaus geht, die wir von Festivals und Cinematheken kennen. Mit dieser ersten Personale in einem europäischen Museum möchten wir die komplexen Zusammenhänge in seinem Werk, die ihn einzigartig machen, aufzeigen. Malerei, Installation, Film oder Grafik treffen aufeinander und weben ein sehr eigenwilliges Bild der heutigen amerikanischen Welt. Die Filme werden wiederum im Raum anders erlebbar.“  www.museum-joanneum.at


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KICK OUT YOUR BOss REGIE: ELISABETH SCHARANG

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ach dem Kriegsdrama „Vielleicht in einem anderen Leben“ hat sich Elisabeth Scharang wieder mit einem Dokumentarfilm befasst und geht in „Kick out your Boss“ der komplexen Frage der Zukunft der Arbeit nach: Welche Formen von Arbeit sind heutzutage in Zeiten von steigender Arbeitsbelastung und das Individuum missachtender Gewinnmaximierung adäquat? Welche Modelle führen zu größerer Selbstbestimmung der Mitarbeiter, zu mehr Motivation und zur

Vermeidung von Frustration und Burnout? Wie funktioniert eine Arbeitswelt ganz ohne Existenzängste und Gehaltsdumping? Um dies zu beantworten, lässt Scharang Frauen und Männer aus drei Unternehmen zu Wort kommen, die in ihrer Firmenkultur längst nicht mehr 9 to 5-Arbeit sowie klassische Hierarchien vorgesehen haben, sondern vielmehr den Menschen und seine Kreativität in den Vordergrund stellen – von Brasilien über Österreich bis nach Serbien.

DIAGONALE-TERMINE: 20.3., 18.30, KIZ ROYAL, 23.3., 16.00, SCHUBERT 1 24-25


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Und in der mitte, das sind wir REGIE: Sebastian Brameshuber

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er Ruf von Ebensee war in der Vergangenheit belastet: Zur NSZeit stand in dem kleinen Ort am Ende des Traunsees ein Konzentrationslager, 2009 schließlich störten einheimische Jugendliche das alljährliche Gedenken an die Opfer jener dunklen Zeit mit einer rechtsradikalen Aktion. „Und in der Mitte, das sind wir“ portraitiert das Leben von drei 15-Jährigen aus der oberösterreichischen Gemeinde auf unaufgeregte und niemals wertende Weise:

Regisseur Sebastian Brameshuber nahm die Vorfälle von 2009 zum Anlass, um die jungen Bewohner des Ortes ein Jahr lang mit der Kamera beim Älterwerden zu begleiten und den an Ereignissen und Angeboten oftmals armen Alltag in einer ländlichen Region aus der Sicht junger Erwachsener zu zeigen. Eine Mischung aus Coming of Age-Doku und Portrait einer Gesellschaft, in der das Verdrängen der belasteten Vergangenheit immer noch einen viel zu hohen Stellenwert hat.

DIAGONALE-TERMINE: 21.3., 18.30, KIZ ROYAL, 22.3., 16.00, KIZ ROYAL 26-27


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EVERYDAY REBELLION REGIE: ARASH & ARMAN T. RIAHI

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b die Occupy-Bewegung an der New Yorker Wall Street, der arabische Frühling oder die spanischen Indignados – allesamt Formen des Protests von Menschen, die mit gegenwärtigen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen nicht mehr zufrieden waren und etwas verändern wollten. In „Everyday Rebellion“, zugleich Dokumentarfilm und Cross-Media-Projekt, erzählen Arash und Arman T. Riahi von zivilem Ungehorsam und gewaltlosem

Protest, die das Gesicht des 21. Jahrhunderts mehr und mehr prägen. Dabei geht es den beiden im Iran geborenen und in Österreich aufgewachsenen Filmemachern in erster Linie darum, den Umbruch zu zeigen, in dem sich unsere Gesellschaft befindet und, dass die Stimme des Volkes sogar wirtschaftliche Mega-Systeme und Diktaturen besiegen kann. Wahlspruch: „Mit der Demokratie ist es wie mit der Liebe – man muss sie jeden Tag ausüben.“

DIAGONALE-TERMINE: 19.3., 21.00, KIZ ROYAL, 21.3., 11.00, Annenhof 5 28-29


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das grosse museum REGIE: JOHANNES HOLZHAUSEN Eröffnungsfilm

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s ist ein neugieriger Blick hinter die Kulissen einer weltbekannten Kulturinstitution: Zwei Jahre lang – vom Umbau bis zur Neueröffnung der aufwendig gestalteten Kunstkammer – hat der Salzburger Dokumentarfilmer Johannes Holzhausen im Kunsthistorischen Museum in Wien gedreht. Das Besondere an „Das große Museum“: Der Film verzichtet vollkommen auf die klassischen Ingredienzien einer Dokumentation, hat weder Off-Kommentar, noch

Begleitmusik oder Experten-Interviews. Der Regisseur lässt den prächtigen Bau am Wiener Ring und seine wertvollen Kunstexponate aus aller Welt viel lieber im Direct Cinema-Stil für sich sprechen, zeigt den Museumsalltag mit seinen Protagonisten auf höchst humorvolle und lehrreiche Weise. Dabei wird deutlich, wie viele unterschiedliche Rädchen nötig sind, um eines der größten Museen der Welt am Leben zu erhalten – von der Direktorin bis zu den Reinigungstrupps.

DIAGONALE-TERMINE: 18.3., 21.00, Annenhof 5, 20.3., 14.00, Annenhof 6 30-31



Celluloid Diagonale Special 2014