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7 TAGE IN HAVANNA

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Sieben Ansichten einer Stadt zwischen Vertrautheit und Distanz, inszeniert von sieben Regisseuren.

Film &Kritik

Thimfilm

Filmstart: 12.07.13

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avanna ist Che Guevara, Samba-Rhytmen, schwingende Hüften, Zigarrenqualm und alte Autos. Wie kommen sieben Regisseure – Benicio del Toro, Pablo Trapero, Julio Médem, Elia Suleiman, Gaspar Noé, Juan Carlos Tabío, Laurent Cantent –, von denen gerade mal Tabío Kuba seine Heimat nennen darf, an den populären Klischees vorbei? Wie der prominente Vertreter des kollaborativen Episodenfilms, „Paris, je t’aime“ (2006), ist auch die spanisch-französische Produktion „7 Tage in Havanna“ nicht aus einem Guss. Unterschiedliche Stile, vertraute und touristische Perspektiven, gelungene und mittelmäßige Inszenierungen treffen aufeinander – ein Fleckerlteppich aus Kurzfilmen also, der lose durch eine Wochenstruktur zusammengehalten wird – jeder Regisseur gestaltet einen Wochentag. Den Auftakt macht das Regie-Debüt von Oscar-Preisträger Benicio del Toro („Traffic“): Ein amerikanischer Jungschauspieler (Josh Hutchens) gerät bei seinen triebgesteuerten Ausflügen in Havanna unerwartet an eine Transsexuelle (Vladimir Cruz). Del Toros und Hutchens eher unauffälliges Handwerk bleibt hinter Cruz‘ Performance zurück. Überzeugende schauspielerische Präsenz demonst-

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riert Emir Kusturica im darauf folgenden von Trapero („Weißer Elefant“) inszenierten Beitrag. Stilistisch interessant, beruht das inhaltliche Konzept der Passage allerdings nicht auf viel mehr als einem cine-zentrischen Autoren-Narrativ. TAGEBÜCHER  Médems Mini-SchicksalsMelodram mit exotisierend-voyeurischer Sexszene und leidenschaftsträchtigen Blicken ist wahrscheinlich die schwächste Episode. Einer der interessantesten Abschnitte ist dagegen Suleimans („Göttliche Intervention“) „Tagebuch eines Ankömmlings“, in dem er selbst als Besucher Havannas zum verlorenen Beobachter absurder Begegnungen zwischen Touristen und der einheimischen Welt wird. Wiederholte TableauKadrierungen und frontale Blickachsen generieren unerwartete Beziehungen. Der berüchtigte Tabustürmer Noé („Enter the Void“) inszeniert in flackerndem Lagerfeuer-Chiaroscuro das okkulte Reinigungsritual einer jungen Erwachsenen, die sexuellen Kontakt mit einer anderen Frau hatte. Gleichgeschlechtliche Sexualität wurde in Kuba lange Zeit tabuisiert und ist nach wie vor nicht frei von Diskriminierung. Auch die Ritualdarstellung ist nicht gänzlich abwe-

gig. Bis heute bestehen in Kuba neben der verbreiteten Santería-Religion auch afrikanische Kulte mit vergleichbaren Riten. Tabíos („Erdbeer und Schokolade“) Porträt des Lebens einer Kubanerin unter familiärer und beruflicher Mehrfachbelastung widmet sich kubanischen Kernproblemen, wie dem der Working Poor, die trotz mehrerer Jobs in Armut leben. Cantet („Entre les murs“) zeigt – als mögliche Antwort – in humoristischer Überzeichnung, mit welcher Selbverständlichkeit Hilfsbereitschaft gelebt wird, aber auch der Arbeitsplatz zum Selbsbedienungsladen wird, um eigene Engpässe auszugleichen. Am Ende sind auch in diesem Kubafilm wieder oft genug schwingende Hüften, Zigarrenqualm und alte Autos zu sehen - mal als Klischees, mal als deren Parodie, aber immer auch als Liebeserklärung.   Martin Krammer

7 TAGE IN HAVANNA F/E 2012, Regie: L. Cantet, B. Del Toro, J. Medem, E. Suleiman, J. C. Tabío, P. Trapero, G. Noé FILMSTART: 12.07.2013

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