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Scott Contessa Team Portrait Junge M채nner, Bikes und Ramazotti.

Vier strahlende Ladies: Kathrin, Karen, Jasmin, Annette (v.l.n.r.)


»

Zieh‘ dir eine saubere Hose an, und geh duschen, bevor du dich mit den Mädels triffst«, ermahnt mich mein Chefredakteur, »das sind Frauen. Verstehst du das? FRAUEN! Also kein Bier, keine schmutzigen Witze und keine komischen Körpergeräusche! Klar?« - »Glasklar, Boss«, antworte ich schnell und pflichtbewusst. »Das will ich auch hoffen. Ich erwarte, dass du dich benimmst. Wenn nicht, wirst du unseren ‚Ocean Jump’ nackt und auf einem rosa Damenrad mit springen!« Mit diesen freundlichen Worten entlässt mich der General des pedaliéro in Richtung Interview.

^Text: Marco Knopp °Bild: Marco Knopp


Bei strahlendem Sonnenschein komme ich am vereinbarten Treffpunkt, einem Biergarten, an. Leider fünf Minuten zu spät. »Nicht so schlimm«, denke ich mir. Frauen kommen immer eine Viertelstunde zu spät. Das ist Gesetz. Es würde nicht das letzte zerstörte Vorurteil am heutigen Tag bleiben. Gelächter schallt mir von einem Tisch, an dem vier junge Frauen sitzen, entgegen. »Hi, ich bin Karen«, begrüßt mich Karen Eller, die Teamchefin, »das hier sind Annette, Kathrin und Jasmin.« Zu meiner Freude sehe ich, dass jede von ihnen einen kaltes Bier vor sich stehen hat. Es wäre sicher unhöflich, sich jetzt nicht auch eins zu ordern. Nachdem ich meine Bestellung aufgegeben habe, starten wir mit dem Interview. Es sollte anders werden, als erwartet. »Wie seid ihr denn alle so zum Contessa-Team gekommen?« beginne ich. - »Also, ich fahre seit dem Jahr 2000 für Scott«, fängt Karen an, »Scott war schon damals sehr stark im Frauenbereich engagiert und die Produkte waren nicht nur gut, sondern auch durchdacht. Es wurde nicht einfach nur eine Blume draufgeklebt und - zack - fertig ist die Damenlinie. Die Sachen sind modisch und sie taugen auch was!« Auf Basis der Damenproduktlinie wird das Contessa-Team gegründet, damit die Produkte auch den Weg in die Öffentlichkeit finden. Bereits am Anfang ist klar, dass es kein Rennteam werden soll, sondern eine Gruppe von sportlichen Frauen, die miteinander zum biken gehen.

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»Meine Erfahrung ist, dass Frauen gern in Gruppen fahren und zusammen Spaß haben. Sie sind aber nicht so wettkampforientiert wie Männer«, erzählt Karen, »bei denen steht oft der Konkurrenzkampf und die Platzierung im Vordergrund. Bei uns Mädels zählt in erster Linie, dass wir Spaß haben und zusammen Rad fahren können.« Karen Eller übernimmt von Anfang an den Posten der Teamchefin, nach und nach sucht sie sich ihre Schäfchen zusammen. »Karen hat mich in einer Werkstatt entdeckt«, wirft ©pedaliéro #03/07


Kathrin lachend ein, »das war vor einem Jahr, als ich als Schrauberin auf La Palma gearbeitet habe. Lange blonde Haare sind in einer Werkstatt ja eher ungewöhnlich. Deshalb bin ich ihr wohl aufgefallen.« Eher zufällig hat es die blonde Heidelbergerin auf die Kanareninsel geweht. »Ich habe damals einfach meinen Job gekündigt und wollte für eine Weile mal etwas ganz anderes machen. Ein Freund, der wusste, dass ich gerne Rad fahre, hat mir den Job vermittelt. Zwei Wochen später saß ich schon im Flieger. Ich habe als Bikeguide, Schrauberin und Mädchen für alles gejobbt. Bis Karen mich gefunden und gefragt hat, ob ich nicht Lust hätte, eine Contessa zu werden«, erzählt Kathrin. »Inzwischen bin ich wieder in Deutschland und arbeite in einer Heidelberger Klinik als Ergotherapeutin.« - »Da weiß man immerhin, auf welche Stelle man am besten fällt«, scherze ich. »Ist es bei euch anderen auch so, dass ihr beruflich mit Sport zu tun habt?« frage ich wieder in die Runde. - »Ja, absolut«, antwortet Annette, die Tourenspezialistin, »ich beispielsweise bin selbstständig mit der Homepage www.blackforestbike.de. Außerdem arbeite ich als Bikeguide und biete Touren und Fahrtechnikcamps bei uns im Schwarzwald an.« Sportwissenschaftlerin Jasmin, viertes Mädel im Bunde, kommt über eine Kontaktanzeige zum Contessa-Team. »Vor einiger Zeit hatte Scott eine Ausschreibung, mit der sie nach neuen Mitgliedern fürs Team suchten. Darauf hab ich mich einfach mal beworben.« - »Das war eine Aktion,« stöhnt Karen, »da hatte ich dann auf einmal 250 Bewerbungen auf meinem Schreibtisch liegen, die gesichtet werden mussten. Wir haben dann rund 20 Frauen zu einer Auswahl in einen Park an der Isar eingeladen. Die Jasmin ist mir gleich aufgefallen.« Jasmins besondere Vorliebe gilt dem Downhill. Beim Wheels of Speed in Willingen ist sie eine von zwei Frauen, die das Downhill-Rennen mitfahren. Angst vor ©pedaliéro #03/07

^Text: Marco Knopp °Bild oben links: Stephan Boegli °Bild oben rechts: Marco Knopp °Bild unten links: Stephan Boegli

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°Bild: Marco Knopp

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heftigen Strecken kennt die zierliche Jasmin nicht. »Angst ist an dieser Stelle fehl am Platz. Respekt ist das richtige Wort«, erwidert sie. »In Willingen habe ich oben an diesem üblen Startdrop bestimmt 20 Minuten gestanden und überlegt, wie ich den fahren soll. Natürlich hab ich mir auch vorgestellt, was dabei schief gehen kann, aber auf der anderen Seite habe ich Protektoren an, da kann mir nicht wirklich was passieren. Trotzdem hat es Überwindung gekostet, doch ich weiß auch, was ich kann, und deswegen bin ich das Rennen mitgefahren.« Gegenseitig unterstützen sich die Mädels bei allen Aktionen, sie versuchen sich anzuspornen und zu pushen. »Es gibt Frauen, die fahren lieber in einer gemischten Gruppe. Dort sind sie meist in der Minderzahl und bekommen schneller ein Kompliment, als in einer reinen Frauengruppe«, erzählt Annette. »Ich dagegen bevorzuge ein ehrliches Kompliment von einer Frau, als ein Kompliment eines Mann, das man nur bekommt, weil man eine Frau ist.« Während die anderen Mädels nicken, genehmige ich mir einen Schluck meines Bieres. »Was sind eure Stärken und Schwächen? Trinkt ihr zu viel Kaffee, gibt es gemeinsame Laster?« - »Junge Männer!« schallt es mir im Chor entgegen, danach brechen alle vier in lautes Gelächter aus. »Und biken«, ergänzt Kathrin »genau, und vor allem Ramazotti!« lacht Karen. Das lobe ich mir! Kein Zickenterror, kein Tussigehabe, im Contessa-Team wird noch Wert auf die wichtigen Dinge des Lebens gelegt! »Aber mal im Ernst«, versucht Karen die Situation wieder zu beruhigen, »jede von uns ist ein wichtiges Mitglied im Team, und jede bringt ihre besonderen Stärken ein. Jasmin ist bergab unglaublich stark, und Annette ist Expertin im bergauf fahren. Kathrin ist wichtig für die Stimmung in der Truppe. Sie hat immer total gute Laune und steckt alle mit ihrem Lachen an.« - »Und Karen ist eine super Teamchefin, sie koordiniert und plant einfach alles, und sie ist selbst im größ©pedaliéro #03/07

ten Stress nie genervt oder fies zu uns«, ergänzt Annette. Besonders wichtig für die Contessas ist es, als Team verstanden zu werden, auch wenn sie kein Raceteam im herkömmlichen Sinne sind. »Wir fahren zwar auch Rennen, aber nicht unter Zwang, sondern halt nur, wenn wir auch Lust dazu haben. Viel wichtiger sind für uns Biketouren, Workshops und Fahrtechnikcamps, die wir speziell für Frauen veranstalten. Wir wollen den Mädels vermitteln, dass Biken richtig Spaß macht. Das ist in meinen Augen die Hauptaufgabe des Contessa-Teams«, erzählt Karen. Frauenbiken boomt, das merken auch Karen und Co. Viele Frauen sprechen sie an, weil sie gerne eine Runde mit den Ladies fahren möchten. »Deswegen sind wir immer auf den Festivals und bieten dort Touren für interessierte Frauen an. Auch bei den Camps, die wir über www.dierasenmaeher.de anbieten, bemerke ich immer stärkeren Zuwachs. Die Zahl der Teilnehmerinnen steigt, viele müssen zwar erst lernen, dass Mountainbiken nicht einfach nur Radfahren ist, sondern das es da auch Techniken gibt, die man einfach lernen muss. Aber das ist ja ganz normal.« »Haben nicht viele Frauen Angst vor dem anstrengenden Bergauffahren oder vor Stürzen?« hake ich nach. »Schon, aber man muss sich auch mal quälen können.

Es ist ein super Gefühl, wenn man nach einer langen Tour total erschöpft und zerschrammt aufs Bett fällt und völlig kaputt ist. Da merkt man richtig, dass man was getan hat.« - »Habt ihr keine Furcht vor abgebrochenen Nägeln?« lasse ich nicht locker. Prompt treffen mich ein paar böse Blicke. Ich schmunzele und versuche, die Situation zu retten. »Nicht, dass ich so etwas jemals denken würde. Hab ich nur irgendwo aufgeschnappt!« Hui, grade nochmal die Kurve gekriegt. Die Gesichtszüge der Mädels entspannen sich wieder, und Annette antwortet als Erste: »Das ist eines dieser Vorurteile bei euch Männern. Natürlich gibt es Frauen, die so denken, aber die wirst du auch nie auf einem Mountainbike sehen. Ich habe überhaupt nichts gegen Schrammen. Die sind ja eine Art Orden für eine harte Tour.« - »Genau, Schrammen sind sexy. Nicht nur bei Männern.« schmunzelt Kathrin. »Das stimmt allerdings«, stimme ich ihr zu. - »Ich hätte da noch eine ganz besondere Frage für euch«, flüstere ich in die Gemeinschaft, »die Antwort interessiert unsere Leser und Leserinnen gleichermaßen.« - »Jetzt mach es nicht so spannend«, rutscht Jasmin auf der Bank hin und her. Ich setze meine wichtigste Miene auf und stelle die Frage der Fragen:»Also, welcher Fahrer hat denn den süßesten ^Text: Marco Knopp °Bild oben rechts: Stephan Boegli

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Radfahrerpo?« Ich muss wohl das Schild – »Achtung! Lawinengefahr«- übersehen haben. Denn was da jetzt auf mich hereinstürzt ist nichts anderes als eine Lawine aus Männernamen. »Rob! Tibor! Nein, gar nicht. Der Wade ist der Süßeste!« - »Ja, aber den knackigsten Po hat der Manni!« - »Alles falsch, der Friedemann hat den süßesten.« - »Ja aber der Tibor hat die heißesten Oberarme.« - Ich überlege kurz, ob ich aufstehen und mich demonstrativ bücken soll, um meinen Prachthintern ins Rennen zu schicken. ‚Warum solltest du mit einem Esel gegen Rennpferde antreten?‘ überlege ich. Dann entscheide ich mich doch lieber dafür, sitzen zu bleiben. »Ja stimmt, der hat so tolle Augen!« Die Diskussion ist immer noch in vollem Gange. »Das Problem an der Sache ist ja folgendes«, wirft Jasmin ein: »die cooleren Typen sind meist die Freerider, die haben aber leider nicht die knackigsten Poschis. Die trinken halt alle zu gerne Bier.« - »Sag mal, dürfen wir uns nicht einfach den perfekten Radfahrer zusammenbasteln?« fragt mich Karen. »Warum eigentlich nicht«, erwidere ich kurz, »dann stellt doch mal den sexiest Biker alive für unsere Leserinnen - und auch einige Leser - zusammen«, antworte ich. - »Au ja! Los geht’s!« Nach einer Viertelstunde, lautem Gelächter und »Echt?!-Den-findest-du-süß?-Dassag-ich-ihm!«-Ausrufen überreichen mir die Mädels ein Stück Papier, auf dem der schärfste Biker der Welt aufgezeichnet ist. Wie erwartet, taucht von mir kein einziger Körperteil auf. Ein bisschen traurig bin ich schon. Es ist an der Zeit, das Interview zu beenden und mich für den netten Nachmittag zu bedanken. »Wir bleiben noch ein kleines bisschen, es gibt noch Meinungsverschiedenheiten bei unserem perfekten Biker«, lächelt mich Karen an und gibt mir die Hand. Ich nehme meine Sachen und verlasse den Biergarten. Bis heute werde ich das Gefühl nicht los, dass mir die Contessas beim Weggehen auf den Hintern geschaut haben.«

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Ach ja, fü so sieh t der pe r alle In teressie rfekte B iker de rten s Conte ssa-T

eams au

Arme, Mund = T ibor Simai

Haare = Rob J . Augen, Hände =

Beine, Kopf, Po = Friedemann Sch m

ude

Wade Simmons

Oberkörper: Man

ni Stromberg

Waden = Chris toph ^Text: Marco Knopp °Bild: Stephan Boegli

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Listmann ©pedaliéro #03/07

Porträt - Contessa Team  

Ein Porträt über das Contessa Team von Marco Knopp

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