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Credo LGT Journal der Vermรถgenskultur

Freiheit | XV 2012


Inhalt | Credo Xv 2012 Impressum Herausgeber S.D. Prinz Philipp von und zu Liechtenstein, Chairman LGT Group

Freiheit

Beirat Thomas Piske, CEO Private Banking Norbert Biedermann, CEO LGT Bank in Liechtenstein AG Hans Roth, CEO LGT Bank (Schweiz) AG

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Redaktion, Layout Sidi Staub (Leitung) LGT Marketing & Communications Bildredaktion Lilo Killer, Zürich

02 Porträt | Shirin Ebadi Wie die iranische Friedensnobelpreisträgerin für Menschenrechte kämpft.

Design, Koordination Thomas von Ah, Zürich Chris Gothuey, Zürich

10 Portfolio | Ikonen der Freiheit Für Freiheit gibt es unzählige Symbole. Eine kleine Auswahl.

Lektorat Annette Vogler, Berlin

12 Portfolio | Im freien Flug Einst nahezu ausgerottet, segelt der Bartgeier heute wieder über die Alpen.

Zuschriften lgt.credo@lgt.com

Druck BVD Druck+Verlag AG, Schaan

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Lithografie Prepair Druckvorstufen AG, Schaan

14 Portfolio | Gated Communities Wer lebt hier vor und wer hinter dem Gitter?

Bildnachweise Cover: Anne Morgenstern, Agentur Focus Seite 2/3: Salvatore di Nolfi, Keystone Seiten 4/5: Patrick Chauvel, Sygma/Corbis Seite 6: Arne Dedert, EPA DPA/Keystone Seite 7: Tor Richardsen, POOL/Keystone Seite 8: Alain Keler, Sygma/Corbis Seite 9: Gregorio Borgia, AP/Keystone Seite 11: iStockphoto/Shutterstock/Fotolia Seite 12: Winfried Wisniewski Seite 13: Hansruedi Weyrich Seite 14, oben: Horst Petzold, Shutterstock Seite 14, unten: Horizon Aerials, Shutterstock Seite 15, von oben: Slobo, iStockphoto; Dan Lamont, Corbis; Bruce Rolff, Shutterstock Seite 22: Illustration: Markus Roost Seite 30: Enrico Caccia, Imagepoint Seite 34: Christian Breitler Seite 35: Greg Martin Seite 36: Matthias Just

Energieeffizient gedruckt und CO2 kompensiert.

16 Interview | Klaus Endress Für diesen Unternehmer zählt vor allem die Verantwortung. 21 Essay | Willensfreiheit Wie frei sind wir? Neurowissenschaftler und Philosophen sind sich da überhaupt nicht einig. 24 Reportage | Der Mörder und sein Wärter Eine Freundschaft, die das Gefängnis überdauerte. 32 Meisterwerke | Peter Fendi Ein «Mönch am Fenster» hilft uns, innere Freiheit zu finden. 34 Erlesenes | Jonathan Franzen «Freiheit»: Diesen Roman sollte man gelesen haben.

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36 Carte Blanche | Markus Studer Vom Herzchirurgen zum Lastwagenfahrer: Eine befreiende Karriere.

LGT Bank in Liechtenstein AG Herrengasse 12 FL-9490 Vaduz Tel. +423 235 11 22 Fax +423 235 15 22 info@lgt.com

LGT Bank (Schweiz) AG Lange Gasse 15 CH-4002 Basel Tel. +41 61 277 56 00 Fax +41 61 277 55 88 lgt.ch@lgt.com

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50319de 1012 4.2T BVD

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Editorial

Sehr verehrte Leserin, sehr geehrter Leser, es ist ein Gemeinplatz: Unsere individuelle Freiheit wird dort zum Problem, wo wir die Freiheit anderer beeinträchtigen. Deshalb setzt die Gesellschaft Gren­ zen. Wo diese Grenzen zu eng sind, entsteht Unfreiheit. Dagegen haben sich Menschen seit jeher gewehrt. Unsere Titelpersönlichkeit, die iranische Frie­ densnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, ist eine Kämpferin gegen Unfreiheit. Ihr Engagement für Menschenrechte und Freiheit ist mutig und beeindruckend. Freiheit ist nicht absolut – auch wenn sie manchmal unser höchstes Gut zu sein scheint. Deshalb müssen wir uns selbst Grenzen setzen. Dies gilt insbe­ sondere für Unternehmer. Wer für sich unternehmerische Freiheit bean­ sprucht, muss auch höhere Verantwortung übernehmen. Für Mitarbeitende, Eigentümer, Partner und natürlich für die Gesellschaft und die Umwelt. Lesen Sie im Interview, wie der Familienunternehmer Klaus Endress diese Verant­ wortung wahrnimmt und wie er die Prinzipien der Natur nutzt, um ein global tätiges Unternehmen mit beinahe 10 000 Mitarbeitenden erfolgreich zu führen. Diese Ausgabe unseres Magazins CREDO beleuchtet das Thema der Freiheit und ihrer Grenzen aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. Wir stellen auch die Frage: Wie frei sind wir Menschen eigentlich wirklich in unseren Entscheidun­ gen? Einfache Antworten werden Sie im Magazin nicht finden. Aber lesens­ werte Einsichten und Ansichten. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre!

S.D. Prinz Philipp von und zu Liechtenstein Chairman LGT Group

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Porträt | Shirin Ebadi

Vom Recht auf

Freiheit Text: Katajun Amirpur Shirin Ebadi engagierte sich als Richterin und Anwältin in Iran für die Rechte der Schwächsten. Heute lebt sie im Exil und setzt sich weltweit für Menschenrechte ein. Ihre Biografin, die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, würdigt ihr Wirken. Es ist viele Jahre her, seit ich Shirin Ebadi zum ersten Mal traf. In Teheran, im Februar 1999. Es war die Zeit der sogenannten Kettenmorde. Schergen des iranischen Regimes hatten im November 1998 den Oppositionellen Darioush Forouhar und seine Ehefrau Parvaneh Eskandari ermordet, dann wurden der Journalist Majid Sharif, der Schriftsteller Mohammad Mokhtari und der Kritiker Jafar Puyandeh ebenfalls tot aufgefunden. Viele der Freunde und Bekannte, die man damals in Teheran traf, trauten sich kaum noch aus dem Haus. Sie waren völlig eingeschüchtert.

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Erhebt ihre Stimme für Menschenrechte: Shirin Ebadi.


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Porträt | Shirin Ebadi

Umstritten im Westen, Alltag in Iran: Frauen verhüllen sich mit dem Schleier.

Das Ziel der Mörder schien erreicht. Es sollte sich eine Atmo­

der Sklaverei attackiert. Auch sonst sind die Kinder ihren Vä­

sphäre der Unsicherheit und Angst breitmachen in Teheran. Die

tern vollkommen hilflos ausgeliefert. Weder ein Familiengericht

Intellektuellen sollten wissen: Wer sich zu weit hervorwagt mit

noch die Mutter könnte eingreifen, wenn ein Vater schon bei der

seiner Kritik, überlebt das nicht. Es waren Gerüchte in Umlauf

Geburt der Tochter beschliesst, sie in einigen Jahren mit dem

von Todeslisten mit den Namen zahlreicher weiterer Intellektu­

Sohn des Nachbarn zu verheiraten. Das iranische Scheidungs­

eller. Auch Shirin Ebadi stand auf einer dieser Listen.

recht sieht zudem vor, dass Söhne ab dem Alter von sieben und Töchter ab dem Alter von neun Jahren grundsätzlich dem Vater

In diesen schweren Zeiten war die Begegnung mit Shirin Ebadi umso bemerkenswerter. Da stand eine resolute Frau, die

zugesprochen werden – ganz gleich, ob dies zum Wohle der Kin­ der ist oder nicht.

in keinster Weise eingeschüchtert wirkte. Ebadi strahlte auch damals schon aus, was sie inzwischen oft unter Beweis gestellt

Deshalb hat Ebadi die Society for Protecting the Child’s

hat: Sie lässt sich nicht unterkriegen, man kann ihr keine Angst

Rights gegründet. Ziel der Organisation ist es, in Iran die UN-

machen. Wenn Freunde sie beschreiben, nennen sie Zähigkeit

Konvention über die Rechte des Kindes zu verbreiten und ihre

als eine ihrer herausragendsten Eigenschaften.

Einhaltung zu fördern. Ebadi sagte einmal: «Vorher hatte nie­ mand in Iran eine Idee von den Rechten der Kinder. Ich musste

Die Rechte der Kinder

erklären, was Kinderrechte überhaupt sind.»

Zäh musste – und muss – Shirin Ebadi sein. Denn sie kämpft für die Schwächsten in der Gesellschaft, und das sind zunächst

Die Rechte der Frauen

einmal die Kinder. Das iranische Familienrecht, das auf ver­

Darüber hinaus setzt Shirin Ebadi sich für Frauen ein. Sie ist

meintlich islamischen Vorgaben beruht, spielt sich als Vollstre­

Mitinitiatorin der Kampagne «Eine Million Unterschriften» für

cker einer barbarischen Auslegung des Islams auf. So gelten

die Aufhebung von diskriminierenden Gesetzen. Denn erst wenn

Mädchen in Iran mit neun Jahren als strafmündig, und bis vor

so viele Unterschriften zusammenkommen, muss sich das irani­

Kurzem konnten sie in diesem Alter auch verheiratet werden.

sche Parlament mit der Gesetzesinitiative zur Verbesserung von

Ebadi hat das in einer ihrer zahlreichen Veröffentlichungen, in

Frauenrechten beschäftigen. Allerdings geht es auch darum,

denen sie das iranische Recht kritisiert, als eine moderne Form

ganz grundsätzlich ein Bewusstsein für die Rechte zu schaffen,

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die Frauen bereits besitzen und für die, die sie noch erstreiten

Kindheit immer ein Gefühl, fast wie eine Berufung, das ich da­

müssen. Zudem sollen die Frauen wissen, dass es nicht ihre Re­

mals nicht benennen konnte, doch später wurde mir klar, dass

ligion ist, die ihnen diese Rechte vorenthält. Denn das macht es

es eine Suche nach Gerechtigkeit war, eine gewisse Verpflich­

leichter, gegen ein religiös verbrämtes Patriarchat zu kämpfen.

tung zur Gerechtigkeit. Als ich ein Kind war, versuchte ich, wann immer ich Kinder streiten sah, den Unterlegenen, den

Ebadi ist der Überzeugung, dass nicht der Islam frauenfeind­

Schwächsten zu verteidigen.» Deshalb studierte sie Jura.

lich ist, sondern die Männer, die ihn interpretiert haben. Männer hätten den Islam immer zu ihren eigenen Gunsten ausgelegt, um

1969 wurde Shirin Ebadi dann zur ersten Richterin in der Ge­

Frauen zu unterdrücken. Doch der Islam sei eine gerechte Reli­

schichte des Irans berufen. Bewundernd formulierte Hans Küng,

gion. Gerechtigkeit ist im Islam die wichtigste Gott zugeschrie­

der im christlich-islamischen Dialog sehr aktiv ist, im Okto­ber

bene Eigenschaft. Gott könne also nicht wollen, dass die Hälfte

2005, als er Shirin Ebadis Rede einleitete, zu der sie von der

seiner Geschöpfe unterdrückt werde.

priva­ten Stiftung Weltethos eingeladen worden war: «Ja, Sie wur­ den Richterin im Jahr 1969, als in meiner Schweizer Heimat – ich

«Ich verteidigte immer den Schwächsten.»

gestehe es errötend – die Frauen noch kein Wahlrecht hatten.» Doch auch in Iran tat man sich mit der Richterin Ebadi schwer: In ihrer Autobiografie «Mein Iran. Ein Leben zwischen Revolution und Hoffnung» gibt Ebadi ein anschauliches privates Beispiel dafür, dass es nicht nur die Gesetze sind, die Frauen in Ländern wie Iran die Gleichberechtigung verwehren. Es liegt auch an der Tradition und der patriarchalischen Gesellschafts­

Biografisches

ordnung – die noch schwieriger zu ändern sind als Gesetze. Das

Es war ihr Gerechtigkeitssinn, der Ebadi seinerzeit für die Juris­

Land, in dem sie in den siebziger Jahren als Richterin arbeiten

prudenz begeisterte. Wie sie einmal sagte: «Jeder wird mit be­

konnte, das Kaiserreich unter Schah Mohammad Reza Pahlavi

stimmten Eigenschaften geboren. Ich hatte während meiner

also, war zugleich so stark von patriarchalischen Strukturen

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Porträt | Shirin Ebadi

Zwar fand Ebadi in Javad Tavassolian einen Mann, der ihre Arbeit als Richterin nicht nur für einen Zeitvertreib hielt und sie trotz ihres Berufes heiratete. Doch auch für diesen toleranten Ehemann war selbstverständlich, dass seine Frau beide Jobs er­ ledigt: den zu Hause als Mutter zweier Töchter und den im Jus­ tizministerium. Arbeitsteilung war auch für moderne iranische Männer ein Fremdwort.

Islamische Revolution 1978/79 erhob sich in Iran jene Bewegung, die heute die «Islami­ sche Revolution» genannt wird. Wie die meisten Intellektuellen hatte auch Ebadi sie unterstützt. Jetzt verlor sie wegen der Re­ volution ihren Arbeitsplatz. Sie musste vom Amt der Richterin und vom Senatsvorsitz im Teheraner Stadtgericht, den sie seit 1975 innehatte, zurücktreten. Den herrschenden Klerikern gal­ ten Frauen als zu emotional und zu sensibel für das Richteramt. Es habe ein wenig gedauert zu erkennen, schreibt Ebadi in ihrer Autobiografie, dass sie durch ihre Unterstützung der Revolution bereitwillig und voller Enthusiasmus an ihrem eigenen Ende mitgewirkt habe. Man machte sie zur Angestellten in dem Gericht, über das sie einst präsidiert hatte. Deshalb liess sie sich bald pensionie­ ren – und beantragte eine Lizenz als Anwältin, die sie erst Jahre später erhielt. In der Zwischenzeit schrieb Ebadi Bücher. Sie in­ teressierte sich mehr und mehr für Menschenrechtsfragen. Sie schrieb über die Rechte von Flüchtlingen und verfasste eine Geschichte und Dokumentation der Menschenrechte in Iran. Einige dieser Bücher wurden ins Englische übersetzt und zu Standardwerken über die Menschenrechtssituation in Iran. geprägt, dass es nicht leicht für Ebadi war, einen Ehemann zu

Universelle Menschenrechte

finden. Ein Bewerber habe sich erschrocken von ihr abgewandt,

In der Frage, ob der Islam mit den Menschenrechten vereinbar

als er erfuhr, dass sie Richterin sei. Ebadi erzählt solche Episo­

ist, muss notwendigerweise Position beziehen, wer über Men­

den und das zugrundeliegende Phänomen in angenehm süffisan­

schenrechte in Iran schreibt und für sie in einem Rechtssystem

tem Ton: «Dies galt für gebildete, angeblich moderne iranische

streitet, in dem sich jeder und alles auf den Islam beruft. Denn

Männer genauso wie für traditionelle Iraner. Sie wollten einfach

viele behaupten, der Islam und die Menschenrechte seien in­

wichtiger und höher gestellt sein als die Frau, die sie heirateten.

kompatibel, man könne nur das eine oder das andere haben. Die­

Eine unabhängige Frau, die ihrer eigenen Beschäftigung nach­

se Auffassung vertreten nicht nur islamistische Regimes, son­

ging, würde selbstverständlich weniger Zeit haben, sie ab­

dern auch einige Philosophen, Autoren und Denker im Westen.

göttisch zu lieben.» Ebadi denkt anders. Menschenrechte sind universell. Sie

«Es ist die Angst, die unseren Gegnern Macht verleiht.» 06 | CREDO

glaubt auch nicht an einen Kulturrelativismus. Deshalb übt sie Kritik an der Allgemeinen Islamischen Erklärung der Menschen­ rechte und der Kairoer Erklärung der Menschenrechte, die im Islam verwurzelt und eben nicht universell sind. Wenn alle Reli­ gionen ihre eigene Interpretation der Menschenrechte geltend machen würden, gebe es demnächst keine mehr. Menschenrech­


te stünden als ein universelles Konzept über den Gesetzen von

Der Friedensnobelpreis, der Shirin Ebadi im Jahre 2003 ver­

Ländern. Deshalb hält sie auch den oft von islamistischen Regi­

liehen wurde, war eine grossartige Geste. Denn er galt nicht nur

mes vorgebrachten Satz «Wir verbitten uns die Einmischung in

ihr. Sie selbst betonte immer, sie nehme den Preis stellvertre­

unsere inneren Angelegenheiten» für ein Scheinargument, dem

tend für all jene an, die in Iran für Menschenrechte kämpfen.

sich der Westen nicht beugen sollte. Wenn eine Regierung als is­

Doch der Preis hat ihr Leben nicht einfacher gemacht. «Seit

lamisch gelten wolle, müsse sie eine Interpretation anbieten, in

man mir den Friedensnobelpreis verliehen hat», schrieb Ebadi

der der Islam und die Menschenrechte kompatibel sind.

vor einigen Jahren, «haben die Anschläge auf mein Leben zuge­ nommen. Es gibt Phasen, in denen die politische Bedrohung in

Hier im Westen ist Shirin Ebadi als Frauenrechtlerin be­

Teheran so dicht, so greifbar wird, dass wir nur noch flüsternd

kannt geworden. In Iran kennt man sie jedoch vor allem als An­

miteinander sprechen, aus Angst vor der puren Luft. Ich mache

wältin von Menschen, die niemand verteidigen wollte – aus

mir dann klar, dass mein grösster Feind die eigene Angst ist: Es

Angst. So hat Ebadi Mitglieder der religiösen Gemeinschaft der

ist die Angst, die unseren Gegnern Macht verleiht.»

Baha’is vertreten, die in Iran als Abtrünnige gelten und verfolgt werden, sowie sehr viele politische Häftlinge: Sie vertrat bei­

Sie hat sich nicht besiegen lassen von der Angst. Sie war

spielsweise die Künstlerin Parastou Forouhar vor Gericht, deren

immer zur Stelle, wenn es um Fälle ging, die sie in Gefahr

Eltern die ersten Opfer der Kettenmorde waren. Bereits seit

brachten. Geld verdiente sie damit kaum. «Hätte ich Miete

1991 in Deutschland lebend, kämpft Forouhar zusammen mit

zahlen müssen für mein Büro, hätte ich dicht machen können.»

Ebadi bis heute dafür, dass die Auftraggeber der Mörder ihrer

Sie übernahm diese Fälle trotzdem. Und erzählt: Einmal

Eltern bestraft werden.

habe sie gelesen, die Familie eines jungen Mannes, der von

Auch nach Verleihung des Friedensnobelpreises 2003 wurde Shirin Ebadi weiterhin bedroht.

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Porträt | Shirin Ebadi

radikalislamistischen Schlägertrupps umgebracht worden war,

nicht. In den wenigen Tagen, die zwischen ihrer Abreise und

könne sich keinen Anwalt leisten, um die Täter hinter Gitter zu

dem anvisierten Rückkehrdatum lagen, sei Iran zu einem ande­

bringen. Damals dachte sie, in welcher Welt leben wir hier ei­

ren Land geworden, sagt Ebadi.

gentlich? Doch als sie ihre Dienste anbot, erfuhr sie, dass andere das Gleiche getan hatten. Und das, so schrieb sie damals, stimm­ te sie hoffnungsfroh für die Zukunft ihres Landes.

Seither lebt sie, die Iran nie verlassen wollte, im Westen, um auf die zunehmende Repression in Iran aufmerksam zu machen, die vor allem nach den Wahlen einsetzte: die Folter und Ver­

Exil

gewaltigungen in den Gefängnissen, die Schauprozesse, die mas­

Ob Shirin Ebadi auch jetzt noch hoffnungsfroh ist für die Zu­

sive Einschränkung der Menschenrechte. Shirin Ebadi nutzt

kunft Irans? Sie ist es, weil sie an die Jugend des Landes glaubt.

jede Gelegenheit, um über die Menschenrechtsverletzungen zu

Daran vermag auch der vor drei Jahren erlittene Rückschlag

sprechen. Sie sucht die breite Öffentlichkeit. Sie lebt eigentlich

nichts ändern. Wir erinnern uns: Weite Teile der Bevölkerung

in London, aber mehr noch ist sie in den Hotels und Flughäfen

und mit ihnen Shirin Ebadi setzten grosse Hoffnung in Mir-Hos­

der Welt zu Hause. Ihr Reisepensum ist denn auch immens.

sein Moussavi, der 2009 den amtierenden Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad herausforderte. Sie waren zuversichtlich, dass es

Hat Demokratie in Iran eine Zukunft?

mit Moussavi besser würde. Umso enttäuschender, als mit Be­

Es ist ihr ein grosses Anliegen, einen Wandel in der Politik her­

kanntgabe des Wahlergebnisses am 12. Juni 2009 vielen klar

beizuführen. Wobei es wohlgemerkt der Westen sei, der seine

wurde, dass die Wahl gefälscht worden war.

Politik ändern müsse. Dass Irans Politik sich ändert, hält sie für einen utopischen Gedanken. Doch immer, wenn von Iran die

Shirin Ebadi war am Tag vor der Wahl nach Spanien zu ei­

Rede ist, interessiere einzig das Atomprogramm. Um die Men­

nem Kongress geflogen. Sie ist seither nicht mehr nach Hause

schenrechtssituation gehe es den Politikern nie. Damit, das

zurückgekehrt. Kollegen und Freunde sind überzeugt, sie könne

wird Ebadi nicht müde zu betonen, verliere der Westen Iran.

im Ausland für die Demokratiebewegung mehr bewirken. In Iran

Er verliert eine Bevölkerung, die so aufgeschlossen, offen und

sei ihr Leben gefährdet und arbeiten liesse man sie ohnedies

demokratisch ist, wie man es nicht für möglich halten würde.

Männer dominieren den Gottesstaat: Massenveranstaltung in Teheran.

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Und diese Bevölkerung fragt sich mehr und mehr, warum es den

Zuletzt traf ich Shirin Ebadi bei einer Podiumsdiskussion.

westlichen Regierungen egal ist, was in Iran passiert. Undemo­

Wenn man von ihr wissen will, wie die internationale Politik mit

kratische Staaten, hat Shirin Ebadi einmal geschrieben, sind ge­

Iran umgehen soll, gibt sie eine eindeutige Antwort: kein Krieg,

fährlicher als Staaten mit einer Atombombe. Undemokratische

keine Kriegsandrohung, keine Sanktionen, die die Bevölkerung

Staaten gefährden den Weltfrieden. Doch der Westen spricht

treffen. Stattdessen sollten die Bürger westlicher Staaten ihre

die Menschenrechtsproblematik nicht an und tut somit nichts

Repräsentanten auffordern, die Menschenrechte zu thematisie­

für eine Demokratisierung des Iran. Das versteht nicht nur

ren. Es gilt, das Regime unter Druck zu setzen. Denn nur ein

Shirin Ebadi nicht.

demokratischer Iran gefährdet den Weltfrieden nicht. 

Dass sie gegen den Krieg mit Iran ist, zu dem in Israel und in den USA latent getrommelt wird, versteht sich von selbst. Ein Krieg würde nur dazu führen, dass sich die Reihen hinter

Katajun Amirpur ist Professorin für Islamische Studien/Islamische Theologie

dem Regime schliessen. Die Demokratiebewegung würde um

an der Universität Hamburg. Sie beschäftigt sich schwerpunktmässig mit dem

Jahre zurückgeworfen, schon jetzt wird sie vom Regime bestän­

Thema Islam & Gender. Im Jahre 2003 veröffentlichte sie im Herder Verlag

dig als fünfte Kolonne des Feindes denunziert. Allein die Dro­

eine Biografie Shirin Ebadis unter dem Titel «Gott ist mit den Furchtlosen».

hung eines Militärschlages führt in Iran dazu, dass im Namen der nationalen Sicherheit die Menschen unterdrückt und ihre Freiräume, sich zu artikulieren, weiter eingeschränkt werden, sagt Ebadi.

«Es gilt, das Regime unter Druck zu setzen.» Aber Shirin Ebadi ist auch gegen die Wirtschaftssanktionen, die von vielen europäischen Staaten als Wundermittel gepriesen werden, um die iranische Regierung zum Einlenken zu bewegen. Statt Wirtschaftssanktionen, die nur der iranischen Bevölkerung schaden, müssten die Verantwortlichen für Unterdrückung und Morde sanktioniert werden, sagt Ebadi. Falls diese Verantwort­ lichen in Europa Vermögen haben, sollte man es zugunsten der iranischen Bevölkerung beschlagnahmen. Ebadi kann viele Beispiele für ein solches heuchlerisches Verhalten geben. So habe die Europäische Union nach den Wah­ len im Jahre 2009 eine Liste jener Personen veröffentlicht, die für die Repression in Iran verantwortlich sind. Darunter waren drei, die später in Ministerämter berufen wurden: Es handelt sich um den jetzigen Aussen-, den Verteidigungs- und den Ölmi­ nister. Aber seit sie Minister sind, seien sie von der Liste gestri­ chen worden. Und die Menschen in Iran würden sich fragen: Wa­ rum werden diese Minister nicht sanktioniert? Sie fragten sich auch: Warum ging der Handel Deutschlands mit Iran im Importund Exportbereich im Jahre 2010, also im Jahr nach den ge­ fälschten Präsidentschaftswahlen, sogar noch in die Höhe?

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Portfolio

Ikonen der

Freiheit F

reiheit! Ultimativ eingefordert, hoffnungsvoll herbeige-

8. Statue of Liberty Fast scheitert die Finanzierung: Erst als

sehnt, diktatorisch verweigert, über Nacht gewonnen oder

die «New York World» zu Spenden aufruft, kann der Sockel 1886

verloren – kaum ein anderes Ideal mobilisiert die Köpfe und

vollendet und die 46 Meter hohe Figur, ein Geschenk des franzö-

Herzen der Menschen stärker. Die Welt kennt ganz verschiedene

sischen an das amerikanische Volk, errichtet werden.

Symbole der Freiheit. Hier eine kleine Auswahl:

9. Route 66 Einst führte er auf 2448 Meilen quer durch die USA und verkörperte automobile Freiheit und Mobilität. Heute zieht

1. «Emma» Statt das Honorar aus ihrem Bestseller «Der kleine

der nicht mehr durchgehend befahrbare Highway primär Nos­

Unterschied und seine grossen Folgen» auf die Bank zu tragen,

talgiker auf Harleys an.

investiert die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer es 1977 in die

10. Testa Maura Jeder Korsikareisende kennt ihn, den «Moh-

Gründung des späteren Leitblatts des Feminismus im deutsch-

renkopf» mit Stirnband in der korsischen Flagge. Warum ausge-

sprachigen Raum.

rechnet ein Maure Symbol für den Freiheitskampf der Korsen

2. Nelson Mandela 1990 wird er nach 27 Jahren aus der Haft

wurde, ist umstritten.

entlassen und beginnt umgehend mit der Aussöhnung der ver-

11. Tank Man Der Mann, der sich am 5. Juni 1989 nach der Nie-

feindeten Volksgruppen. Seinen ehemaligen Ankläger, der sei-

derschlagung des chinesischen Volksaufstandes den vorrücken-

nerzeit für ihn die Todesstrafe beantragt hatte, lädt der erste

den Panzern der chinesischen Armee in den Weg stellt, konnte

schwarze Präsident Südafrikas sogar zum Essen ein.

bis heute nicht identifiziert werden.

3. Guy-Fawkes-Maske 1605 will ein katholischer Fähnrich

12. Wilhelm Tell Die Legende vom Schweizer Freiheitskämp-

das englische Parlament wegen der Katholikenverfolgung in

fer und Tyrannenmörder, der mit der Armbrust einen Apfel vom

die Luft sprengen – und scheitert. Die Maske mit seinem Antlitz

Kopf seines Sohnes schiesst, ist ein Musterbeispiel dafür, wie

ist heute ein Symbol für die Netzfreiheits- und Occupy-Wall-

gute Geschichten Identität stiften können.

Street-Aktivisten.

13. Palmetto Seit 1802 wird so der Freiheitsbaum der aufstän-

4. Amnesty International 1961 werden zwei Studenten, die

dischen Sklaven von Santo Domingo bezeichnet. Er findet sich

im diktatorisch regierten Portugal auf die Freiheit anstossen, zu

heute noch im Wappen Haitis, gekrönt von einer rot-blauen Ja-

sieben Jahren Haft verurteilt. Dies ist für den englischen Rechts-

kobinermütze, einem Freiheitssymbol ihrer einstigen französi-

anwalt Peter Benenson Anlass zur Gründung der Menschen-

schen Kolonialherren und Unterdrücker.

rechtsorganisation.

14. Mauerfall «Tor auf! Tor auf!», skandiert die Menge am

5. Cuba Libre Kein Aufruf zur Befreiung Kubas, sondern ein

Abend des 9. November 1989 vor der Mauer beim Berliner

alkoholischer Drink mit Limettensaft. In Europa wird er nach

Grenzübergang Bornholmer Strasse. Wenige Stunden später ist

dem Zweiten Weltkrieg durch den Gassenhauer «Rum and Coca-

das vielgeschmähte Symbol ostdeutscher Unfreiheit nur noch

Cola» der Andrews Sisters populär.

Geschichte.

6. Che Guevara Mit dem einstigen Berufsrevolutionär und

15. Mahatma Gandhi Er habe durch sein Wirken gezeigt, dass

Antikapitalisten wird mittlerweile frisch-fröhlich geworben,

man ohne Gewalt Grosses durchsetzen könne, schrieb Albert

zum Beispiel für Schokolade, Autos oder Telekommunikations-

Einstein dem indischen Freiheitskämpfer und Verfechter des

unternehmen.

gewaltlosen Widerstands im Oktober 1932.

7. Blue Jeans In den fünfziger Jahren noch Symbol des Ju-

16. Facebook Die Rolle von Internet und Social Media für den

gendprotestes gegen Tradition und Autorität, sind die einstigen

Arabischen Frühling ist umstritten. Unbestreitbar aber haben

«Niethosen» mittlerweile zu teuren Designer-Jeans mutiert, die

Handyvideos, Blogs, Twitter und Facebook eine von autoritären

Jung und Alt bedenkenlos tragen dürfen.

Regimes unerwünschte neue Transparenz geschaffen.

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Portfolio

Im freien Flug I

m hintersten Winkel des Schweizer Kantons St. Gallen liegt

ernährt, stand in dem falschen Verdacht, Lämmer, Gämsen und

es, das wildromantische Calfeisental. Eingeklemmt zwischen

gelegentlich sogar Kleinkinder zu rauben. Er wurde rigoros be­

1000 Meter hohen Felswänden erkennt man von weitem einen

jagt und in den Alpen gänzlich ausgerottet. In Europa konnte

fjordähnlichen türkisblauen See, an dessen Westende den Wei­

man Bartgeier nur noch in Zoos oder Wildparks bewundern.

ler St. Martin und ein winziges Kirchlein. Mit etwas Glück kann man auch Bartgeier beobachten, wie sie mit ihrer riesigen Flü­

Szenenwechsel: Morges, am Genfersee, im November 1978.

gelspannweite jeden Aufwind nutzen, um an den Felswänden

Fachleute aus Frankreich, Italien, Österreich, Deutschland und

entlangzugleiten.

der Schweiz gründen ein internationales Projekt zur Wieder­ ansiedlung des Bartgeiers in den Alpen. Wie der Wolf ist auch

Das war nicht immer so: Vor hundert Jahren war der Bart­

der Bartgeier eine «flagship species», eine Tierart mit hohem

geier aus dem Alpenraum verschwunden. Der auch Lämmergei­

Symbolwert für die Wiederherstellung des Gleich­gewichts in

er genannte Raubvogel, der sich ausschliesslich von Knochen

der Natur.

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Zoos in ganz Europa starten ein umfassendes Zuchtpro­ gramm. Bereits 1986 können die ersten jungen Bartgeier im ös­ terreichischen Rauris in die Freiheit entlassen werden. Weitere Auswilderungen in anderen Alpenländern folgen. 2010 werden im St. Galler Calfeisental die ersten Jungtiere in den Nordalpen freigelassen. Inzwischen haben sich im Alpenraum mehrere Paa­ re gebildet, die auch schon gebrütet haben. Die Auswilderung der Bartgeier scheint eine Erfolgsgeschichte zu werden. Ein Stück Natur hat sich ihren Platz in den Alpen zurückerobert. 

Sidi Staub ist Chefredaktor von CREDO.

Die noch nicht flugfähigen Junggeier werden bei der Auswilderung in einem künstlichen Horst ausgesetzt und so lange betreut, bis sie fliegen und sich selbständig ernähren können.

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Portfolio

Gated

Communities

N

och vor wenigen Jahren kaum beachtet, erfährt es seit Kur­ zem grosse mediale Aufmerksamkeit: Das selbstgewählte

Leben in bewachten, umzäunten und abgeschlossenen Siedlun­ gen respektive in den nach ihrem amerikanischen Vorbild und Prototyp so genannten Gated Communities. In den gehobenen Segmenten des Wohnungsmarktes ist dies mittlerweile in vielen Ländern der Erde die am schnellsten wachsende Siedlungsform. Allein für die USA gehen Autoren neuerer Untersuchungen von mindestens 16 Millionen Bewohnern von Gated Communi­ ties aus. Die Urbanisierung der Grossstädte und Metropolen Chinas, Russlands, Brasiliens, Südafrikas oder auch der Türkei, um nur einige auf diesem Sektor besonders dynamisch wach­ sende Länder zu nennen, wird immer stärker vom Bau ab­ geschlossener Siedlungen dominiert. In Europa finden sich demgegenüber bislang noch vergleichsweise wenige Gated Com­munities, obwohl auch hier in den letzten Jahren insbeson­ dere auf der iberischen Halbinsel, in osteuropäischen Staaten

Luxusghettos hinter Gittern: Ist das die Zukunft des Wohnens?

wie Polen oder auch in Frankreich und England ein stark an­ schwellendes Wachstum zu verzeichnen ist. So gut wie gar nicht Fuss fassen konnte die Siedlungsform bislang in den nord- und mitteleuropäischen Wohlfahrtsstaaten. Nach wie vor dominiert in diesen Ländern im allgemeinen Be­ wusstsein ebenso wie in den Planungsämtern das sozialstaatlich flankierte «Mischungsideal», nach dem die Mischung verschie­ dener sozialer Gruppen ein integraler und tief in der gemeinsa­ men Stadtgeschichte verwurzelter Bestandteil des Leitbilds eu­ ropäischer Stadtentwicklung ist. Zu den Kernbestandteilen dieses Leitbilds gehört nicht zuletzt die freie Zugänglichkeit der öffentlichen Räume. Vor allem in grösseren Projekten liegt gera­ de in der Unvereinbarkeit exklusiver Privatisierungswünsche und öffentlicher Wegerechte ein Konfliktpunkt, der etwa in Deutschland im Rahmen der in der Baugesetzgebung vorge­ schriebenen Interessenabwägung in aller Regel zugunsten des Allgemeininteresses entschieden wird. Weltweit wohl das wichtigste Motiv für den Einzug in eine Gated Community sind Sicherheitsmotive und Kriminalitäts­ furcht. Für die USA zeigten die empirischen Untersuchungen von Blakely und Snyder, dass für etwa siebzig Prozent der Be­ wohner tatsächlich «Sicherheit» das ausschlaggebende Argu­ ment war, sich für das Leben in einer Gated Community zu ent­ scheiden. Und etwa die gleiche Zahl glaubt auch, dass es in ihrer Siedlung weniger Kriminalität gibt als in den umliegenden Ge­ bieten und dass dies den «gates» und Sicherheitsmassnahmen zu verdanken ist. Häufig geht es aber in den USA ähnlich wie in anderen Weltgegenden beim Bau von Gated Communities nicht

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in erster Linie um die Gefahrenabwehr, sondern um ein Lebens­ modell und geradezu als selbstverständlich angesehenes Status­ symbol. Mit dem Einzug sind dann, wie die Soziologen sagen, «Distinktionsgewinne» verbunden, mit denen sich die Zugehö­ rigkeit zu einer ökonomisch und sozial abgesicherten und arri­ vierten Gruppe demonstrieren lässt. Zugleich soll aber auch in­ nerhalb der Siedlungen ein Gemeinschaftsgefühl gestärkt werden, das in der unübersichtlich und unsicher gewordenen Aussenwelt mehr und mehr verlorenzugehen droht. Der Siche­ rung sowohl der gewünschten sozialen Homogenität als auch der Werterhaltung der Immobilien dienen dabei allerdings häu­ fig ausserordentlich rigide privatrechtliche Regelungen sowohl zu baulichen Aspekten als auch zu bis ins Detail reichenden Ver­ haltensvorschriften für die Bewohner. So verständlich im Einzelfall der Rückzug in die geschlosse­ ne Welt einer Gated Community erscheinen mag, so problema­ tisch stellt er sich doch von einer gesamtgesellschaftlichen Warte aus dar. Droht nicht bei weiterem Wachstum dieses Sied­ lungstyps ein zunächst schleichender, dann forcierter sozialer Entsolidarisierungsprozess, ein kaum mehr umkehrbares «Aus­ einanderdriften der Stadtgesellschaften»? Erleben wir, so wur­ de in den USA gefragt, gegenwärtig den definitiven Abschied vom Ideal des «melting pot», der egalitären Einwanderergesell­ schaft und den Umbau Amerikas zu einer «fortress America»? «Mixité», «mixicidad», «mixed income housing»: Die soziale Misch­ung im Wohnen ist – zumeist in expliziter Frontstellung zum Wohnen in Gated Communities – in vielen Ländern Europas aus guten Gründen wieder zu einem wichtigen stadtpolitischen Thema geworden. Dabei sollte freilich einer vielfältigen, dif­ ferenzierten Nachfrage unterschiedlicher Haushaltstypen, Eth­ nien, Einkommens- und Altersgruppen eine grösstmögliche Vielfalt beim Wohnungsangebot gegenüberstehen. Allein Ange­ botsvielfalt ermöglicht die erforderliche und gewünschte Wahl­ freiheit im Wohnen, die vermeintliche Freiheit des Rückzugs in die selbstgewählte Isolation schlägt nur allzu leicht, dies lehren die Erfahrungen auf allen Kontinenten, in neue Zwänge um – innerhalb und ausserhalb der Gated Communities. 

Tilman Harlander war Professor für Architektur- und Wohnsoziologie sowie Dekan der Fakultät für Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart. Seit seiner Emeritierung im Jahr 2011 ist er freiberuflich tätig und leitet unter anderem verschiedene Forschungsprojekte zu städtebaulichen und wohnungspolitischen Fragen.

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Interview | Klaus Endress

«Gewinn ist das Ergebnis, nicht das Ziel»

Führt sein Unternehmen nach den Prinzipien der Natur: Klaus Endress.

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Interview: Sidi Staub | Fotos: Martin Spiess

Unternehmerische Freiheit? Wohl eher: unternehme­

Statt die Lehrstelle anzutreten, ging ich also aufs Gymnasium,

rische Verantwortung. Ein Gespräch mit dem Familien-

machte eine gute Matura und studierte danach sieben Jahre

unternehmer Klaus Endress, CEO der Endress+Hauser

lang Wirtschaftsingenieurwesen.

Gruppe, einem Anbieter von industrieller Mess- und Füllstandstechnik.

CREDO: Aber eigentlich hatten Sie ja andere Pläne. Haben Sie nie daran gedacht, gegen diesen vorgezeichneten Weg

CREDO: Das Motto «Mensch sein heisst Verantwortung

zu rebellieren?

tragen» zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben.

Damals war mein Vater mein grosses Vorbild. Er war eine über­

Wann haben Sie sich dieses Bekenntnis zu eigen gemacht?

aus starke Persönlichkeit. Er hatte das Unternehmen aus dem

Klaus Endress: Das war im Französischunterricht im Gymnasi­

Nichts gegründet, war mit einem Bundesverdienstkreuz ausge­

um. Ich liebte diese Sprache und bin dann natürlich auch über

zeichnet worden und genoss überall hohes Ansehen. Es wäre

Antoine de Saint-Exupéry gestolpert. Das Motto lehnt sich an

mir nie in den Sinn gekommen, seine Meinung zu hinterfragen,

eine Aussage in seinem Buch «Terre des hommes» an und hat

und ich sah es als meine selbstverständliche Aufgabe an, sein

mich tatsächlich mein ganzes bisheriges Leben begleitet: Dass

Werk fortzuführen. Ich malte mir deshalb immer wieder aus:

man verantwortlich ist für das, was man tut, und auch für das,

Was passiert, wenn ich das nicht schaffe, wenn ich scheitere? Da

was man nicht tut, und sogar für das, was man vergisst. Das hing

erlebt man natürlich eine andere Jugend. Eine richtige Rebelli­

sicherlich auch damit zusammen, dass ich als zweitältester Sohn

onsphase hatte ich nicht. Ich dachte damals immer, ich muss

von acht Kindern schon früh für die jüngeren Geschwister Ver­

meinem Vater gerecht werden und darf sein in mich gesetztes

antwortung übernehmen musste. Als junger Student dachte ich

Vertrauen nicht enttäuschen – für mich als junger Mensch war

sogar, dass eigentlich kein richtiger Mensch sei, wer keine Ver­

das eine riesige Verantwortung. Nach dem Studium ging ich in

antwortung tragen wolle – da ging ich natürlich zu weit.

die USA, arbeitete in verschiedenen Unternehmen. Es gefiel mir sehr gut, und ich wäre am liebsten dort geblieben. Aber mein

Und wann wussten Sie, dass Sie einmal eine viel weit­

Vater erinnerte mich an unsere Abmachung und holte mich ins

reichendere Verantwortung tragen würden als die für

Unternehmen zurück.

Ihre Geschwister? Es gibt ein Schlüsselereignis in meinem Leben: Als ich 16 Jahre

Im Jahr 1995, Sie waren damals 47, übernahmen Sie

alt war, hatte ich genug vom Schulbetrieb und wollte endlich

die operative Gesamtverantwortung von Ihrem Vater.

mein eigenes Geld verdienen. Ich fand eine gute Lehrstelle und

Wie gingen Sie mit dieser Gestaltungsfreiheit um?

ging mit dem bereits unterschriebenen Lehrvertrag ganz stolz

Ich übernahm ein gesundes und florierendes Unternehmen und

zu meinem Vater. Der war aber gar nicht begeistert und fragte

die Verantwortung für rund 4000 Mitarbeitende. Und da fragt

mich: «Ist es wirklich das, was du willst? Oder willst du nicht

man sich: Woher nehme ich die Sicherheit, das Richtige zu tun?

etwas ganz anderes – zum Beispiel mein Nachfolger werden?»

Ich konnte natürlich meinen Vater fragen, der Präsident des

CREDO | 17


Interview | Klaus Endress

Verwaltungsrates und im Unternehmen immer noch sehr prä­

Welche Prinzipien meinen Sie?

sent war. Aber welcher Vater will schon, dass sein Sohn und

Ein Beispiel: Die Natur strebt nach Vielfalt, weil diese Sicherheit

Nachfolger das von ihm Eingeführte wieder abschafft? Dann

und Schutz gewährt. Sie vermeidet Risiken der Monotonie, die

waren da einige sehr erfahrene Manager. Aber auch von ihnen

wir in intensiven Monokulturen finden. Man kann ein Unterneh­

erwartete ich nicht nur objektive Ratschläge, da unternehmeri­

men auch gut mit einem Baum vergleichen, der wachsen und

sche Entscheide ja immer auch mit Machtgewinn und -verlust

überleben will. Die Krone steht für den Vertrieb, die Wurzeln für

für einzelne Bereiche verbunden sind. Auch Consultants und so­

Produktion und Technologie. Innovations- und Logistikprozesse

genannten Managementgurus vertraute ich nur bedingt, da sie

verbinden diese beiden grossen Oberflächen. Und im Stamm

ja davon leben, immer wieder mit neuen Ideen und Theorien

sind die Hilfsfunktionen wie beispielsweise Recht, Controlling

Geld zu verdienen. Ich musste also für mich etwas finden, wie

oder Marketing angesiedelt. Um wachsen und überleben zu kön­

ich mir meine eigene Meinung bilden konnte – die ich dann mit

nen, müssen alle Teile des Baumes diesem Ziel dienen. Die Blät­

anderen diskutieren und entwickeln konnte. Dieses Etwas fand

ter nutzen die Luft und das Licht, die Wurzeln sorgen für Wasser

ich vor mehr als zwanzig Jahren in der Natur. Ich fragte mich,

und Mineralien, und der Stamm sorgt für die Verbindung. Ein

welche erfolgreichen Prinzipien gibt es in der Natur, die ich aufs

Baum kooperiert auch mit anderen Lebewesen, sei es um sich zu

Unternehmen übertragen könnte? Die Natur hat sich ja über 3,5

ernähren oder als Schutz vor Schädlingen. In gleicher Weise le­

Milliarden Jahre entwickelt und das äusserst erfolgreich. Ihre

ben auch wir in Symbiose mit unseren Partnern und Kunden.

Prinzipien sind robust und bewährt.

Ein Baum muss sich ständig an die Umwelt anpassen und erneu­

Klaus Endress verbringt jeden Morgen mindestens eine Stunde beim Waldspaziergang mit seiner Hündin Paula.

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ern – ein Unternehmen auch. Und schliesslich wächst ein Baum

eines börsenkotierten Unternehmens orientiert sich üblicher­

auch nicht in den Himmel, sondern in alle Richtungen, also vor

weise am Wert des Unternehmens. Das führt zu einem sehr

allem qualitativ und nicht quantitativ. Das Problem unserer Welt

kurzfristigen Denken und Handeln. Wenn Schwierigkeiten auf­

ist ja nicht, dass wir zu wenige, sondern dass wir zu viele Res­

tauchen, werden jeweils sofort Stellen abgebaut. Und wenn eine

sourcen haben und deshalb verschwenderisch mit ihnen umge­

Übernahme droht, dann sieht man oft eher die Chance, dass der

hen. Die Natur macht aus beschränkten Ressourcen das Beste.

Börsenwert und damit die eigene Kompensation steigt, als den

Wir Menschen haben das leider noch nicht gelernt.

Verlust von jahrelang aufgebauten Werten und von Arbeits­ plätzen. Ein Familienunternehmen kann da viel langfristiger

Wie wurden diese Prinzipien aufgenommen?

denken. Ich bin überzeugt: Wenn man Manager wie Familien­

Am Anfang hat man ein bisschen über meine Theorien gelächelt,

unternehmer behandelt, sie mit unbefristeten, aber natürlich

über den Klaus Endress mit seinen Bäumen. Mittlerweile hat

kündbaren Verträgen ans Unternehmen bindet und am Erfolg

sich gezeigt, dass uns genau diese Prinzipien geholfen haben,

statt am Wert des Unternehmens beteiligt, arbeiten diese viel

erfolgreich zu sein.

erfolgreicher.

War es schwierig für Sie, solche neuen Wege einzuschlagen

Die Maximierung des Shareholder Value, also des Profits

und das Unternehmen neu und anders zu denken?

und des Unternehmenswertes, gehört in unserer Wirtschaft

Wir sind ein Familienunternehmen, da verläuft ein Wechsel in

immer noch zu den obersten Prioritäten. Ist das aus Ihrer

der Verantwortung nicht abrupt. Wenn in einem börsenkotier­

Sicht falsch?

ten Unternehmen ein neuer Manager kommt, dann gibt es viel­

Ja, ich sehe eine andere Reihenfolge. Gewinn ist für mich nicht

leicht noch eine gewisse Übergangszeit, bevor der bisherige

das Ziel, sondern das Ergebnis von gutem und erfolgreichem

Chef das Unternehmen verlässt. Der neue Chef hat dann die

Wirtschaften. Und ein möglichst hoher Unternehmenswert ist

Möglichkeit und Freiheit, alles anders zu machen. Ihm muss

für unsere Familiengesellschafter sowieso nicht interessant, da

nichts heilig sein. In einem Familienunternehmen wie in unse­

dies ja wiederum zu höheren Vermögenssteuern führt. Sie sind

rem läuft es hingegen oft so, dass der bisherige Patron zwar sei­

eher an einer stabilen oder wachsenden Ausschüttung interes­

ne Aufgaben formell abgibt, aber im Unternehmen verbleibt und

siert, die mit dem Wachstum unserer Familie Schritt hält. Unser

weiterhin mitreden und mitgestalten will. Das ist nicht immer

Gewinn fliesst deshalb nur zu einem kleinen Teil zu den Gesell­

so einfach. Mein Vater war zum Beispiel immer der Meinung,

schaftern. Der grössere Teil verbleibt im Unternehmen und wird

dass jeder Sohn mit seinem Vater im Wettbewerb steht. Dass ich

reinvestiert: in die Entwicklung besserer Produkte, in effiziente­

ihm stets das Gegenteil versicherte, hat lange nichts an seiner

re Anlagen, in neue Gebäude und in die Erschliessung neuer

Haltung verändert.

Märkte. Wenn ich als Firmenchef nur die Profitmaximierung im Auge hätte, würde ich meine Verantwortung nicht wahrnehmen

Nachdem Sie 1995 die Gesamtverantwortung übernahmen,

– weder meine Verantwortung für Kunden, Lieferanten, die Fa­

haben Sie das Unternehmen sehr erfolgreich weiterent­

milie und die Mitarbeitenden noch jene für die Gesellschaft und

wickelt. Sie haben die Internationalisierung vorangetrieben,

die Umwelt als Ganzes.

Umsatz, Ertrag und Anzahl der Mitarbeitenden vervielfacht und in den letzten Jahren trotz widriger Umstände laufend

Ist das Ihr innerster Antrieb als Unternehmer?

neue Bestresultate erzielt. Sind Sie als Familienunterneh­

Sehen Sie, ich habe meinem Vater immer gesagt: «Du hast mir

mer erfolgreicher als ein angestellter Manager?

ein gutes, florierendes Unternehmen anvertraut. Du hast aus

Ich glaube nicht, dass Familienunternehmen per se einfacher zu

dem Nichts etwas geschaffen. Dazu bin ich nicht fähig. Ich kann

führen sind. Aber es gibt wichtige Unterschiede zu einem bör­

nur aus etwas, das schon besteht, etwas noch Besseres machen.»

senkotierten Unternehmen. Ich sehe da vor allem zwei Punkte:

Das hat mein Vater verstanden und es half uns dabei, wieder bes­

Angestellte Manager von Grossfirmen haben Verträge, die in der

ser zusammenarbeiten zu können. Und das ist es auch, was mich

Regel auf drei bis fünf Jahre befristet sind. Wenn der Vertrag

jeden Tag aufs Neue anspornt: Ich bin für dieses Unternehmen

ausläuft, die privaten Verpflichtungen aber fortbestehen und ein

verantwortlich, und ich muss es erhalten und weiterentwickeln,

anderes Unternehmen bessere Konditionen bietet, fragt sich ein

weil das Schicksal so vieler Menschen damit verbunden ist. Wenn

Manager natürlich: Warum soll ich einem Unternehmen gegen­

ich das Unternehmen eines Tages nicht mehr weiterentwickeln

über loyal sein, das mir nicht auch seinerseits Loyalität entge­

kann, wenn ich es bremse, dann muss ich gehen und anderen

genbringt? Ein zweiter Punkt sind die Anreize: Das Management

Platz machen. Auch das gehört zu meiner Verantwortung: Wenn

CREDO | 19


Interview | Klaus Endress

Für Klaus Endress sind Bäume wie ein Unternehmen – sie wollen wachsen und überleben.

es einem Unternehmen schlecht geht, verlieren immer zuerst die

Gilt das auch für die Gesellschaft als Ganzes?

Arbeiter ihre Stelle und nicht die Chefs. Ich bin jetzt 64 und der

Ich würde mir wünschen, dass jedermann seine Verantwortung

Zeitpunkt, an dem ich mich langsam aus dem operativen Ge­

wahrnimmt, das heisst: ethisch handelt und sich für eine gute

schäft zurückziehen werde, nähert sich. Beruhigt oder ruhig

Sache einsetzt. Wenn das jeder macht, bei sich, für seine Fami­

werde ich aber erst dann sein, wenn ich die Verantwortung für

lie, im Unternehmen und in der Politik – überall dort, wo er Ein­

das Unternehmen in guten Händen weiss.

fluss nehmen kann –, wäre unsere Welt eine bessere Welt. Das ist zwar ein idealisiertes Bild, aber manchmal muss man solche

Unternehmerischer Erfolg hängt ja nicht nur vom Chef,

Bilder zeichnen, um den richtigen Weg zu erkennen. Der Grün­

sondern auch von den Mitarbeitenden ab. Hat sich Ihr

der der Migros-Genossenschaft, Gottlieb Duttweiler, sagte hier­

Menschenbild seit der Studentenzeit geändert?

zu: «Erfolg haben heisst: geben, immer wieder geben; man kann

Ja, natürlich. Ich habe heute ein sehr positives Menschenbild.

nicht verhindern, dass alles wieder zurückkommt.» 

Ich glaube beispielsweise daran, dass man Vertrauen schenken und nicht entziehen muss. Dass Menschen grundsätzlich ethisch

Klaus Endress schloss sein Studium an der Technischen Universität Berlin als

handeln, sich gerne einsetzen und Verantwortung übernehmen.

Diplom-Wirtschaftsingenieur ab. Er war bei verschiedenen Unternehmen in

Voraussetzung ist, dass man ihnen Freiräume gibt und sie moti­

den Vereinigten Staaten tätig, ehe er bei Endress+Hauser eintrat. Anfang

viert sind. Kontrolle ist zwar gut, aber Vertrauen ist besser – und

1995 übernahm er die operative Leitung des Unternehmens von seinem Vater,

vor allem auch billiger. Meiner Erfahrung nach wird Vertrauen

Dr. h. c. Georg H. Endress, dem Gründer der Firmengruppe. Die in Reinach in

nur selten missbraucht. Natürlich muss man auch Regeln haben

der Nähe von Basel ansässige Gruppe ist ein international tätiger Anbieter

und Grenzen setzen, aber man soll nicht alles bis ins kleinste

von Messgeräten, Dienstleistungen und Lösungen für die industrielle Verfah-

Detail festlegen.

renstechnik und beschäftigt in 42 Ländern rund 9800 Mitarbeitende.

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Essay | Willensfreiheit

Tun wir, was wir wollen? Neurowissenschaftler und Philosophen streiten über

Nach Kopernikus, Darwin und Freud erleben wir hier den letz­

die Willensfreiheit. Der Wissenschaftler und Publizist

ten grossen Angriff auf unser traditionelles Bild vom Menschen»,

Felix Hasler skizziert die Positionen.

so der streitbare Biologe in einem Interview mit der Zeitschrift «Spektrum der Wissenschaft». An gleicher Stelle wagte Roth

Offenbar tut sich der Mensch schwer mit der Freiheit. Was

auch eine zeitliche Prognose: «Ich glaube, spätestens in zehn

musste nicht schon alles schuld daran sein, dass wir keinen frei­

Jahren hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass es Freiheit etwa

en Willen haben: Götter und Vorbestimmung, Elternhaus und

im Sinne einer subjektiven Schuldfähigkeit nicht gibt.» Wie wir

Gesellschaft, das Unbewusste und die Gene. Heute, im Zeitalter

heute wissen, hat sich diese Voraussage nicht erfüllt. Auch Wolf

der Neurowissenschaften, ist es unser Gehirn, das im Verdacht

Singer, Direktor der Abteilung Neurophysiologie des Frankfur­

steht, letztinstanzlich unsere Geschicke zu lenken.

ter Max-Planck-Instituts für Hirnforschung ist sich seiner Sache sicher: «Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören,

Wer in der Mitte des letzten Jahrzehnts die Mediendebatte

von Freiheit zu sprechen.» Mit dem Kognitionspsychologen

über die «Illusion Willensfreiheit» verfolgt hat, musste bisweilen

Wolfgang Prinz ist das Triumvirat deutscher Hirnforscher kom­

zu dem Schluss kommen, dass wir wohl nicht mehr sind als kom­

plett, das sich die Demontage der «Illusion Willensfreiheit» zur

plexe Bioautomaten, deren Gehirne nach einem naturgesetzlich

Aufgabe gemacht hat. «Wir tun nicht, was wir wollen, sondern

festgeschriebenen Programm entscheiden und handeln. Ange­

wir wollen, was wir tun.» Das ist sein ernüchterndes Fazit.

stossen wurde die Diskussion von einigen wenigen, aber promi­ nenten Hirnforschern. Deren Sichtweise: Während wir schein­

Sollte der Mensch tatsächlich nicht über eine echte Willens­

bar noch über ein Problem nachdenken, hat unser Gehirn längst

freiheit verfügen, hätte dies freilich weitreichende Konsequen­

autonom entschieden. Hinter unserem Rücken, gewissermas­

zen. Gar eine Reform der Strafprozessordnung wurde nahege­

sen. Was wir subjektiv als eigenständig gefällte Entscheidung

legt: «Eine Gesellschaft darf niemanden bestrafen, nur weil er in

empfinden, sei bloss die Vollzugsmeldung unseres Gehirns für

irgendeinem moralischen Sinne schuldig geworden ist – dies

eine längst eingeleitete Aktion.

hätte nur dann Sinn, wenn dieses denkende Subjekt die Mög­ lichkeit gehabt hätte, auch anders zu handeln als tatsächlich ge­

Eine gewagte Prognose

schehen», gab Gerhard Roth zu bedenken. Aber auf welchen ex­

Gerhard Roth von der Universität Bremen hält den freien Willen

perimentellen Daten aus der Hirnforschung beruht überhaupt

schlicht für eine Illusion. Die «Gesamtschau der Erkenntnisse

die Sichtweise, unser Gehirn mache, was es wolle?

aus Neurobiologie und Handlungspsychologie», so der renom­ mierte Biologe, müsse zur Absage an den «Mythos Willensfrei­

Die Mutter aller Willensexperimente

heit» führen. Schon im Jahr 2000 hat Roth daraus dramatische

Begeben wir uns also auf die Ebene der Empirie. Als Schlüssel­

Folgen abgeleitet: «Die Entthronung des Menschen als freies,

experimente in der Beweisführung gelten die klassischen Unter­

denkendes Wesen – das ist der Endpunkt, den wir erreichen.

suchungen des amerikanischen Physiologen Benjamin Libet aus

CREDO | 21


Die Qual der Wahl: Aber entscheiden wir wirklich frei?

22 | CREDO


den achtziger Jahren. Ausgangspunkt für Libets Experimente

Bedeutung der Bereitschaftspotenziale unlängst durch neusee­

waren die «Bereitschaftspotenziale». Darunter versteht man

ländische Forscher, die nachweisen konnten, dass es keinen

eine mit Hirnstrommessung ableitbare Aktivität in bestimmten

Unterschied macht, ob man beschlossen hat, eine Bewegung

Grosshirnarealen, die im Vorfeld von Bewegungen auftritt. In Li­

auszuführen, oder ob man sich entschieden hat, eine Bewegung

bets Versuchsaufbau hatten die Probanden die Aufgabe, inner­

nicht zu machen. Die entsprechenden EEG-«Bereitschafts­

halb eines vorgegebenen Zeitfensters nach eigenem Gutdünken

signaturen» waren nicht zu unterscheiden.

die Hand zu bewegen. Dabei sollten sich die Versuchsteilnehmer die Position eines Lichtpunkts auf einem Oszilloskop-Bildschirm

Showdown der Fakultäten

merken, und zwar genau zu dem Moment, in dem sie den Bewe­

Schon von Amts wegen sind in der Hochphase der Willens­

gungsentscheid fällten. Später wurden die Aussagen mit den

freiheitsdebatte um 2005 auch Philosophen und Juristen in die

Hirnstrom-Aufzeichnungen verglichen. Der berichtete Zeit­

Diskussion eingestiegen. Zu einem regelrechten Showdown

punkt des Handlungsentscheids lag wie erwartet etwa 200 Milli­

zwischen den Disziplinen kam es damals in der «Frankfurter All­

sekunden vor der Ausführung. So weit, so gut. Zur Überra­

gemeinen Zeitung». Erstaunlich einmütig wehrten sich die Geis­

schung Libets bauten sich aber – gänzlich unbemerkt von den

teswissenschaftler gegen die Vorstellung, wir seien durch nicht

Versuchspersonen – bereits eine halbe Sekunde früher die Be­

bewusste neuronale Steuerungsaktivitäten bestimmt und wür­

reitschaftspotenziale in anderen Arealen des Gehirns auf. Offen­

den uns bloss vorgaukeln, Urheber des eigenen Handelns zu

sichtlich hatte das Gehirn die Handlung also schon vor der sub­

sein. Es verwundert nicht, dass der Vorwurf des Brachialreduk­

jektiv erlebten Entscheidung eingeleitet.

tionismus die Runde machte.

Damit schien erst einmal der Beweis für die willensunabhän­

Auch Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung

gige Autonomie des Gehirns erbracht. Doch die Studie wurde in

an der ETH Zürich, ging auf Distanz zu den Schlussfolgerungen

vielen Punkten kritisiert. Unter anderem wurde argumentiert,

von Roth und Kollegen. Es sei «überhaupt nicht ausgemacht, ob

das Experiment hätte gar nichts mit einer echten Willensent­

Schuld und Verantwortung etwas mit der Willensfreiheit zu tun

scheidung zu tun. In den Worten des Philosophen Michael Pau­

haben», gab Hagner zu bedenken. Sein pointiertes Beispiel:

en: «Die Versuchspersonen konnten nicht bestimmen, was sie

«Den Nervenzellen ist es völlig egal, ob der Irak-Krieg als be­

tun würden, sie konnten noch nicht einmal bestimmen, ob sie

rechtigt oder als unberechtigt angesehen wird. Uns Menschen

etwas tun würden. Bestimmen konnten sie nur den Zeitpunkt

als politische Wesen – den meisten jedenfalls – ist das nicht

einer zuvor festgelegten Bewegung.» Pauens Berufskollege Pe­

gleich­gültig, und auf diesen Unterschied kommt es an.» Der

ter Bieri wiederum bezeichnete das, «was wie eine beinharte

Straf­prozessrechtler Klaus Lüderssen fühlte sich gar an die

empirische Widerlegung der Willensfreiheit daherkommt», gar

längst überwunden geglaubte Zeit der Schädellehre des 19. Jahr­

als «ein Stück abenteuerliche Metaphysik». Unter Philosophen

­hunderts erinnert. «Müssen wir wirklich dort wieder anfangen,

ist man sich offenbar einig: Mit den Libet-Experimenten allein

oder ersetzten die Hirnforscher Gerhard Roth und Wolf Singer

ist noch nichts bewiesen.

die primitiven Schlussfolgerungen ihrer Kollegen von damals durch eine überzeugendere, vielleicht sogar endgültige Konzep­

Was ist, wenn wir «unaufmerksam wollen»?

tion des determinierten Menschen?», fragte sich der Jurist in

Auch andere Hirnforscher haben seit Libet versucht, die Frage

einem Zeitungsbeitrag.

der Willensfreiheit experimentell zu untersuchen. Die Ergeb­ nisse waren allesamt wenig überzeugend. So hat der Experi­

Die Frage nach der Willensfreiheit des Menschen ist und

mentalpsychologe Hakwan Lau bereits 2006 Abwandlungen der

bleibt offen. Auch im Zeitalter der Neurowissenschaften. Denn

Libet-Experimente mit funktioneller Magnetresonanztomo­

auch der Hirnforschung dürfte es in absehbarer Zeit kaum gelin­

grafie durchgeführt. Dabei stellte Lau fest, dass allein schon die

gen, dieses klassische Problem der Philosophie zu lösen. Des­

geforderte Aufmerksamkeit, auf das «wann» der Handlungsab­

wegen wird auch die Debatte noch lange weitergehen. Ob wir

sicht zu achten, das Messergebnis beeinflusst. Je besser sich

wollen oder nicht. 

nämlich eine Versuchsperson auf die Aufgabe konzentrierte, desto grös­ser war die zeitliche Kluft zwischen subjektivem Wol­

Felix Hasler ist Forschungsassistent an der Berlin School of Mind and Brain

len und der Ausführung. Gut denkbar also, dass es sich mit den

der Humboldt-Universität, Gastwissenschaftler am Berliner Max-Planck-Ins-

Bereitschaftspotenzialen im Alltag ganz anders verhält als unter

titut und Wissenschaftsjournalist. Im Oktober 2012 erscheint sein wissen-

Laborbedingungen. Des Weiteren in Frage gestellt wurde die

schaftskritisches Buch «Neuromythologie» im Transcript-Verlag.

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Reportage | Der Mörder und sein Wärter

«Ohne Freiheit bist du nichts»

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Ein grauer Freitagmorgen: Nach dem Kaffee beginnen die zwei Freunde ihre Fahrt von Zürich ins Tessin.

Text: Sacha Batthyany | Fotos: Annette Fischer

angezogen, es ist ein spezieller Tag, obwohl sie das nie zugeben würden. Hans hatte die Idee, nach Lugano zu fahren, an den Ort,

Matteo und Hans haben sich im Gefängnis kennen­

wo er vor ungefähr zehn Jahren seine Tat begangen hat. «Ich

gelernt. Matteo war Aufseher. Hans war Insasse.

möchte, dass du diesen Ort kennenlernst, Matteo, es ist mir

Heute sind sie befreundet.

wichtig», hatte er seinem Freund zwei Wochen zuvor gesagt, worauf Matteo antwortete: «Von mir aus. Lass uns fahren.»

Sie begrüssen sich, wie das Männer eben so tun, die sich zwar freuen, sich zu sehen, ihre Freude aber verbergen. «Siehst gut

Hans, 62, trägt einen grauen Anzug, braune Schuhe. Seine

aus, Hans», sagt Matteo und legt so viel Spott in seine Stimme,

zurückgekämmten weissen Haare, seine Bartstoppeln, seine

wie nur möglich. «Ein bisschen mehr Bewegung und weniger

Redegewandtheit verleihen ihm die Aura eines Intellektuellen.

Bier würden dir allerdings gut tun. Deine Anzughose spannt.»

Er ist in Luzern aufgewachsen, wo er sich zum Bäcker aus­

«Red du nur», bellt Hans zurück und bestellt einen doppelten

bilden liess und sich schnell selbständig machte. Mit knapp

Espresso. «Ich trinke den Kaffee stark und schwarz, nicht diese

30 Jahren zog er nach Zürich, wurde Inhaber einer Firma für

Milchsuppe für Waschlappen, wie du einer bist.» Erst dann ge­

Gas­tro­nomiezubehör, hatte Affären, keine Kinder, kaufte sich

ben sie sich die Hand.

ein Haus in bester Lage, Geld war da, und er gab es gerne aus. «Es ging immer aufwärts», sagt er über diese «rasende Zeit»,

Es ist ein grauer Freitagmorgen Mitte Juli, viel zu kalt für

bis er eine Frau kennenlernte, in die er sich «bis zur kleinen

diese Jahreszeit. Hans und Matteo treffen sich in einem

Ze­hen­spitze verliebte», und die er nach Jahren voller Eifer­

unscheinbaren Imbiss, Zürich-Wiedikon, in der Nähe der Auto­

sucht und Dramen in einem Luganeser Wohnhaus, zweiter

bahnauffahrt Richtung Süden. Sie haben sich beide elegant

Stock, zu Tode schlug.

CREDO | 25


Reportage | Der Mörder und sein Wärter

Matteo, 66, trägt ein weisses Hemd unter seinem Anorak und Schuhe mit guter Sohle. Er ist in Zürich aufgewachsen, die Mutter Schweizerin, der Vater aus der Lombardei. Matteo wurde Schlosser, führte ein ruhiges Leben, spielte Fussball, solange die Knie noch mitmachten. «Man nannte mich ‹den Luigi Riva von Altstetten›.» Er lebte in einer Dreizimmerwohnung, blieb ledig, «es wollte nicht sein», wechselte mit Mitte 40 den Beruf und wurde, «auch aus Zufall», Gefängnisaufseher in Zürich, Justiz­ vollzugsanstalt Pöschwies. Hier lernte er 2002 Hans kennen, einen der Häftlinge. «Normalerweise haben die Aufseher mit Insassen nichts zu tun. Aber mit Hans war es anders», sagt Matteo leise und löffelt Milchschaum aus seinem Latte macchiato, während draussen schwere Lastwagen Richtung Autobahnauffahrt rasen. «Wir fan­ den schnell heraus, dass meine Pensionierung ziemlich genau auf seine Haftentlassung fällt. Wir fanden das lustig, dass wir zur selben Zeit entlassen werden, weisst du noch Hans?» Hans nickt. «Freiheit für beide», habe Hans ihm immer wieder zuge­ flüstert, wenn sich ihre Wege im Gefängnis kreuzten. «Weisst du noch, Hans?», fragt Matteo wieder. Hans weiss es noch ganz ge­ nau. «Lass uns fahren.» Sie steigen ein. Zürich – Lugano, 205 Kilometer in den Süden, es wird keine Spazierfahrt werden. Im Auto reden sie viel übers Wetter und schwärmen über den Tennisspieler Roger Federer, der zwei Wochen zuvor das

Durch den Gotthardtunnel und immer weiter nach Süden – bis sich der Blick auf den Lago di Lugano öffnet.

Tennisturnier von Wimbledon gewann. Hans sitzt vorne, Matteo hinten. Noch vermeiden sie, über den Grund dieser Autofahrt zu sprechen, die schreckliche Tat, diese Nacht vor zehn Jahren, als aus Hans, dem ehemaligen Bäcker, dem Bonvivant, «ein un­

Haare. Bellinzona ist schon vorbei, Lugano ist nicht mehr weit.

zähmbares Tier» wurde, das wild um sich schlug und schlug und

Matteo nickt und sagt nicht viel. Er kennt die Einzelheiten aus

immer wieder schlug.

Hans’ Akte, er hat sie damals gelesen. Aufseher würden das im­ mer tun. «Wir wollen wissen, mit wem wir es zu tun haben», sagt

Eine erste Pause im Restaurant Tellsplatte, Sisikon, dunkle

er. Sie hätten untereinander immer über die Insassen gespro­

Wolken über dem Vierwaldstättersee. Sie schauen sich das Pan­

chen, so wie Lehrer über Schüler reden, Ärzte über Patienten.

orama an. Rechts und links stehen Touristen auf ihrem Weg in

«Menschen sind so», sagt Matteo, «sie reden gerne über andere.»

den Süden. Hans und Matteo, die beiden älteren Herrn in ihren Hemden, fahren in dieselbe Richtung, doch sie haben ein ande­

Dann sind wir da. Eine schmale Strasse führt in ein Wohn­

res Ziel. Weiterfahrt. Zögerlich umkreist Hans das Thema, wie

quartier, gute Lage, Seesicht. In den Gärten stehen dünne Pal­

ein Adler seine Beute. Er will sich nicht aufdrängen, und doch

men, die Häuser haben grosse Balkone mit dunkelgrünen Marki­

will er erzählen. Er will nichts schönreden, und doch will er, dass

sen. Hans steigt aus. Matteo folgt ihm. Etwas verloren stehen sie

Matteo versteht, was sich damals zugetragen hat. Gotthard­

vor dem Eingang, zwei ungleiche Freunde mit ungleichen Le­

tunnel. 16,9 Kilometer Schweigen.

ben, das Gefängnis hat sie zusammengebracht. Sie blicken etwas nervös umher, haben Angst vor den neugierigen Blicken irgend­

Ab Airolo spricht Hans immer lebhafter von dieser Zeit, von

welcher Nachbarn. Hans stützt sich kurz auf Matteos Schultern

dieser Frau. «Ich will mich nicht entschuldigen», sagt er pausen­

auf, zeigt hoch zum zweiten Stock. Ein, zwei Minuten vergehen.

los, «aber verstehst du nicht, Matteo, ich war krank, ich war liebes­

Von weitem könnte man meinen, es seien Rentner auf einem

krank. Mein Gott, wieso ist das nur passiert?» Er fasst sich in die

Spaziergang, die Meisen beobachten.

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Matteo geht zum Auto zurück, Hans braucht noch eine Wei­

Wieder zurück auf der Autobahn. Wieder zurück nach Zü­

le, läuft die Strasse runter, will alleine sein. Matteo sieht ihm

rich. Über Lugano und diese Nacht vor zehn Jahren sprechen sie

nach und sagt: «Die arme Frau. Sie war jung, sie hatte ihr ganzes

nicht. Bis Airolo schauen sie aus dem Fenster, sehen Wasserfäl­

Leben vor sich, hätte eine Familie gründen können, doch sie traf

le, sehen, wie graue Autostrassen die Berge und Täler Tessins

auf Hans. ‹La vita non è tutta rose e fiori›, hat mein Vater immer

vernarben. Matteo erzählt von seinem italienischen Vater, der zu

gesagt. So ist das im Leben. Es ist eine Tragödie.»

Hause immer über die Schweiz fluchte, zu kalt, zu teuer, doch das Land vor seinen italienischen Freunden stets in Schutz

Wie ist das, mit einem Mörder befreundet zu sein, Matteo?

nahm. «Mir selbst gefällt es hier gut, aber ich könnte auch woan­

Wie oft denkt man daran? Matteo sagt lange nichts, Hans ist

ders leben», sagt Matteo, und es wirkt, als ob er reden würde,

schon nicht mehr in Sichtweite, dann: «Ich akzeptiere es. Das

weil er die Stille nicht erträgt. Diese Beklommenheit. «Ich bin

heisst nicht, dass ich es vergesse. Vielleicht ist es für uns Auf­

kein glühender Patriot», sagt er schliesslich, «nicht mal im Fuss­

seher auch normaler, mit Gewalttätern und Dieben zusammen

ball. Ich denke immer: Soll der Bessere halt gewinnen.»

zu sein, ich weiss es nicht.» Wenn er im Fernsehen von einem brutalen Mord höre, dann denke er immer: ‹Wie kann man nur

«Was ist schlecht daran, Patriot zu sein?», fragt Hans zurück.

Gewalt anwenden? Wie kann man nur die Kontrolle derart

«Wie kann man im Fussball nur ausgeglichen sein? Der Bessere

verlieren? Wie kann einem das passieren?› Und dann falle ihm

soll gewinnen? Das ist doch Quatsch. Du bist einfach zu nett, du

ein: ‹Der Hans, mit dem ich immer Karten spiele, der Hans,

bist harmoniesüchtig, du hast Mühe, deine Emotionen zu zei­

der alles weiss, der so viele Bücher gelesen hat, dem ist es

gen», sagt Hans, seine Stimme wird etwas laut, «dabei bist du

auch passiert.›

ein halber Italiener.»

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Reportage | Der Mörder und sein Wärter

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«Ich habe mich dafür immer im Griff», sagt Matteo, und er

Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt immer in der Kronenhalle

weiss, dass er Hans damit im Innersten trifft. Wieder schweigen

gegessen haben?» Doch Matteo schüttelt den Kopf. «Dort zu

beide. Kurz vor dem Gotthard sagt Hans: «Hast ja recht. Aber

sitzen, wo die beiden berühmtesten Schweizer Schriftsteller

das mit dem Fussball ist trotzdem Quatsch.»

sas­sen, das war für mich damals der Inbegriff der Freiheit.»

Es ist sieben Uhr abends, in Zürich ist es nass und kalt wie

Sie setzen sich an den Tisch, der ihnen zugewiesen wird,

am Morgen, als die beiden losfuhren. Hans und Matteo haben

beide fassen die dicken Stofftischtücher an und nicken aner­

Hunger, sie haben einen Tisch in der Kronenhalle reserviert, ei­

kennend. Sie sind müde, hungrig. «Fühlt sich an, als seien wir

nem der bekanntesten Restaurants der Stadt. Sie haben sich

Tage weg gewesen», sagt Matteo und bestellt Wein, Suppe,

schon im Gefängnis geschworen, einmal dorthin essen zu gehen,

Fleisch, Kräuterbutter. «Bevor ich im Gefängnis war, habe ich

wenn sie beide «in Freiheit» sind. Hans sagt: «Ich kann mich gut

nie über das Wort Freiheitsentzug nachgedacht», sagt Hans. «Es

erinnern, wie ich in meiner Zelle sitze und an die Wand starre

war einfach ein Wort. Erst nach ein paar Monaten in meiner

und darüber nachdenke, was ich tun werde, wenn ich wieder

Zelle habe ich verstanden, was dieses Wort wirklich bedeutet:

draussen bin. Die Kronenhalle war einer dieser Wünsche. Ich

F-r-e-i-h-e-i-t-s-e-n-t-z-u-g. Es ist das Schlimmste, was man

wollte richtig gepflegt essen gehen, ist das nicht seltsam? Dabei

einem Menschen antun kann. Ohne Freiheit bist du nichts.»

ist mir gutes Essen gar nicht so wichtig.» Es sei ihm nicht um die

Plötzlich sei man nur noch eine Nummer, «man wird zur Ware»,

Qualität irgendwelcher Speisen gegangen, sondern um das gan­

man verliere jegliche Identität. «Wie willst du es anders handha­

ze Drumherum: die Speisekarte, die Weine, die berühmten Bil­

ben?», fragt Matteo, er hat sich das letzte Stück Butter ge­

der an den Wänden, Mirò, Picasso. «Wusstest du, Matteo, dass

schnappt. «Wie soll man deiner Meinung nach mit Menschen

Freitagnachmittag: Rückfahrt durch die Alpen nach Zürich.

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Reportage | Der Mörder und sein Wärter

umgehen, die schlimmste Taten begehen?» «Gar nicht», erwi­

«In den ersten Wochen war es toll. Ich kaufte mir einen neu­

dert Hans, der seit seiner Entlassung als Unternehmer arbeitet

en Fernseher, machte richtig sauber in meiner Wohnung, traf

und in kurzer Zeit zu beachtlichem Erfolg kam. «Ich finde es ja

alte Freunde.» Irgendwann jedoch wurde er «etwas kribbelig»,

richtig so. Ich kritisiere nicht, ich erklär dir nur, wie es sich an­

sagt er, all die freie Zeit, all die weissen Flecken im Terminkalen­

fühlt, wenn Menschen zu Schafen gemacht werden. Erst werden

der. «Hans hat mir geholfen in dieser Zeit. Die Gespräche mit

die Hirne mit Psychopharmaka ruhig gestellt, dann schafft man

ihm taten mir gut. Ich stehe zwar noch immer jeden Morgen um

strikte Tagesrhythmen, und irgendwann kommst du in diesen

halb sieben Uhr auf, mache Kaffee, obwohl ich ausschlafen

Trott, läufst einfach mit, jeder Tag gleicht dem anderen, du

könnte bis mittags.» Doch er geht jetzt täglich in ein Fitnesscen­

merkst nur am Fernsehprogramm, dass wieder mal Samstag ist.

ter, fährt Fahrrad, will reisen, mit dem Töff durch Amerika, wie­

Irgendwann fällt Schnee, dann weisst du, es ist Winter.»

so nicht? Er fühle sich noch nicht alt genug, um die Tage in Rentnercafés zu verbringen und Fernsehzeitschriften zu studie­

«Du solltest ein Buch schreiben», sagt Matteo, «so wie du

ren. «Ich bin alt, aber ich bin noch kein Greis.»

sprichst.» Hans: «Das wollte ich ja, aber seit ich wieder draussen bin, möchte ich nicht mehr zurückdenken. Das Leben geht wei­

«Über Freiheit», sagt Matteo, «habe ich mir früher nie Ge­

ter. Das ist ja das tolle am Schweizer Justizvollzug. Jemandem

danken gemacht, nicht als Schlosser, nicht mal als Aufseher. Ich

wie mir, der eine solche Tat begangen hat, dem wird noch eine

habe gearbeitet, hatte meine Ferien, ich hatte immer genug

Chance gegeben. Und jetzt sitze ich hier mit meinem mürri­

Geld, um das zu kaufen, was ich wollte. Frei sein hiess für mich,

schen Freund an einem Tisch, an dem vielleicht schon Friedrich

unabhängig zu sein. Ich wollte mich nie binden, ich wollte kei­

Dürrenmatt sass, und trinke einen argentinischen Rotwein für

nen Stress.» Erst jetzt, erst seit seiner Pensionierung, schwirre

90 Franken die Flasche. Ich bin glücklich, verstehst du? Ich

dieses Wort in seinem Kopf umher, Freiheit, Freiheit. Er habe

habe ein zweites Leben erhalten, man gab mir meine Freiheit

neulich einen Artikel gelesen, der von Jugendlichen handelte

wieder.» Matteo: «Ich bin nicht mürrisch.»

und vom Problem, zu viel Zeit und zu viele Möglichkeiten zu ha­ ben. «Sie wissen nicht mehr, was sie tun sollen, weil ihnen alles

Das Essen kommt. Wiener Schnitzel. Matteo erzählt von sei­

offensteht.» Hans: «Das ist doch Schwachsinn. Die sind einfach

ner Zeit als Aufseher, «mir hat es gut gefallen, es war abwechs­

total verwöhnt.» Matteo: «Nein, es ist kein Schwachsinn. Ich

lungsreich». Gute Arbeitszeiten, guter Lohn, «ich bin kein Büro­

konnte es nachempfinden. Wenn ich ehrlich bin, geht es mir

mensch, ich muss mich bewegen, muss mit Menschen reden».

doch manchmal auch so. Dann frage ich mich: ‹Soll ich ausschla­

Die Arbeit sei nicht so, wie man sie vom Fernsehen kennt, sagt

fen oder fernsehen? Soll ich ins Fitness? In die Bibliothek?

Matteo, «die bösen Wärter, die die Häftlinge schikanieren», das

Kochen? Ja, Himmel und Herrgott, was soll ich tun?›» Gibt es

sei alles Hollywood, diese Aufstände in den Zellen, Schlägereien

das denn? Zu viel Freiheit? Matteo: «Ich glaube schon.» Hans:

am Buffet, «alles total übertrieben». Am Tag seiner Pensionie­

«Niemals.» Zum Dessert bestellen sie Crème brûlée und Scho­

rung habe er von vielen Freunden Glückwünsche erhalten, «du

koladenmousse, zwei Espressi. Hans mit Grappa, Matteo ohne.

bist ein freier Mann», schrieben sie ihm, und er lachte. Es ist spät geworden, ein langer Tag. Die vielen Stunden im Freitagnacht – zurück in Zürich: Die Reise endet beim Gespräch über Freiheit in der Zürcher Kronenhalle.

Auto, der Rotwein, das viele Reden. Matteo ist müde, Hans auf­ gewühlt. Sie verabschieden sich auf der Strasse und klopfen sich auf die Schultern, wie Männer, die gemeinsam ein Abenteuer erlebt haben. Andere würden vielleicht noch etwas sagen, etwas Abschliessendes, etwas Aufheiterndes, doch Matteo und Hans wollen nicht mehr. Matteo sagt: «Ich muss mich beeilen. Das letzte Tram erwischen. Nicht dass ich morgen zur Arbeit müss­ te, aber trotzdem.» Hans sagt: «Ich geh noch ein wenig spazie­ ren.» Er ist ein freier Mann. 

Sacha Batthyany ist Redaktor von «DAS MAGAZIN», der Wochenendbeilage des «Zürcher Tages-Anzeigers», der «Basler Zeitung», der «Berner Zeitung» und von «Der Bund».

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Meisterwerke | Peter Fendi

Der Mรถnch am Fenster 32 | CREDO


A

lles Grosse muss einfärbig sein […]. Im einfachen Blau des Himmels wiegt die Seele ihre Flügel auf und nieder, schrieb einmal der Dichter

Jean Paul über das Unendliche der Phantasie. Dass unser Sinn des Grenzenlo­ sen nicht im Widerspruch zum abgeschlossenen Ort einer Mönchsklause ste­ hen muss, macht Peter Fendi (1796–1842) mit seinem kleinen Genrebild vom «Mönch am Fenster» anschaulich, in dem der Ausblick auf die Weite des Him­ mels und der Berglandschaft die innere Freiheit beflügelt. In sich ruhend sitzt ein Mönch in seinem Lehnstuhl, den Ellbogen aufge­ stützt, den Kopf in eine Hand gelegt. Auf seinem Schoss liegt ein Tellertuch. Gerade hat er sein karges Mahl verzehrt – und etwas Brot übriggelassen für die Vögel, die in seine Klause hineingeflogen kommen. Der Mönch, so viel scheint gewiss, hat sich die Warnung vor irdischem Sinn, wie sie im Matthäus-Evange­ lium geschrieben steht, schon zu Herzen genommen: «Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch.» Die Szenerie atmet äusserste Demut und Bescheidenheit. Nicht einmal ein Glas oder einen Becher gibt es, wohl aber ein Messer und zwei Krüge. Auf dem Dielenboden liegt eine kleine Butte, mit Äpfeln gefüllt. Und das Kreuz an der Wand ist ein einfaches Balkenkreuz ohne Christusfigur und nur mit einer Dornenkrone versehen. Der einzige Komfort ist ein Kachelofen, um die spartanische Stube zu heizen – er erscheint geradezu als ein Luxus und wie aus einer anderen, bürgerlichen Welt. Auch die Uhr links neben dem Fenster mit seinen schlichten Läden lässt an die Aussenwelt denken. Immerhin dieselbe Stunde wie den Menschen draussen schlägt dem Einsiedler in seiner kargen Bleibe. Und dennoch ist die­ ses Genrebild erfüllt mit Fröhlichkeit und gibt Anstoss, über den Sinn des Le­ bens nachzudenken. Braucht es denn wirklich Geld, Macht und Paläste, um glücklich zu sein? Wie viel Freiheit ist doch in diesem Leben, das der Mönch in seiner beengten Klause für sich gewählt hat. Das kleine Täfelchen entstand 1832 im Wiener Biedermeier und fand als Nachstich weite Verbreitung. Als einer der bedeutendsten Künstler dieser Zeit und als Portätmaler hatte Peter Fendi Zugang zum Hochadel. Zugleich begründete er die Genremalerei in Österreich, die ihre Motive in einer gänz­ lich anderen Lebenswelt fand. Nach dem Wiener Kongress im Jahre 1815 und

© LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna

in einer Phase der angestrebten Restauration suchten die Vertreter des Bie­ dermeier die Rückbesinnung auf das Private und ein von politischen Ereignis­ sen unberührtes Leben vorzugsweise im kleinbürgerlichen Milieu. Und so ist Fendis Mönch in seiner Einsiedelei nicht weggesperrt und unfrei, sondern ganz augenscheinlich ein glücklicher Mann. Peter Fendi mag mit dem um eine Generation jüngeren Jean Paul der Auffassung gewesen sein, dass «die Idylle als ein Vollglück der Beschränkung die Menge der Mitspieler und die Gewalt der grossen Staatsräder ausschliesse; und dass nur ein umzäuntes Gartenle­ ben für die Idyllen-Seligen passe».  Dr. Johann Kräftner ist Direktor der Fürstlichen Sammlungen und war von 2002 bis 2011 Direktor des LIECHTENSTEIN MUSEUM, Wien. Er ist Verfasser zahlreicher Monografien zur Architekturgeschichte und -theorie.

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A

lles Grosse muss einfärbig sein […]. Im einfachen Blau des Himmels wiegt die Seele ihre Flügel auf und nieder, schrieb einmal der Dichter

Jean Paul über das Unendliche der Phantasie. Dass unser Sinn des Grenzenlosen nicht im Widerspruch zum abgeschlossenen Ort einer Mönchsklause stehen muss, macht Peter Fendi (1796–1842) mit seinem kleinen Genrebild vom «Mönch am Fenster» anschaulich, in dem der Ausblick auf die Weite des Himmels und der Berglandschaft die innere Freiheit beflügelt. In sich ruhend sitzt ein Mönch in seinem Lehnstuhl, den Ellbogen aufgestützt, den Kopf in eine Hand gelegt. Auf seinem Schoss liegt ein Tellertuch. Gerade hat er sein karges Mahl verzehrt – und etwas Brot übriggelassen für die Vögel, die in seine Klause hineingeflogen kommen. Der Mönch, so viel scheint gewiss, hat sich die Warnung vor irdischem Sinn, wie sie im Matthäus-Evangelium geschrieben steht, schon zu Herzen genommen: «Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch.» Die Szenerie atmet äusserste Demut und Bescheidenheit. Nicht einmal ein Glas oder einen Becher gibt es, wohl aber ein Messer und zwei Krüge. Auf dem Dielenboden liegt eine kleine Butte, mit Äpfeln gefüllt. Und das Kreuz an der Wand ist ein einfaches Balkenkreuz ohne Christusfigur und nur mit einer Dornenkrone versehen. Der einzige Komfort ist ein Kachelofen, um die spartanische Stube zu heizen – er erscheint geradezu als ein Luxus und wie aus einer anderen, bürgerlichen Welt. Auch die Uhr links neben dem Fenster mit seinen schlichten Läden lässt an die Aussenwelt denken. Immerhin dieselbe Stunde wie den Menschen draussen schlägt dem Einsiedler in seiner kargen Bleibe. Und dennoch ist dieses Genrebild erfüllt mit Fröhlichkeit und gibt Anstoss, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Braucht es denn wirklich Geld, Macht und Paläste, um glücklich zu sein? Wie viel Freiheit ist doch in diesem Leben, das der Mönch in seiner beengten Klause für sich gewählt hat. Das kleine Täfelchen entstand 1832 im Wiener Biedermeier und fand als Nachstich weite Verbreitung. Als einer der bedeutendsten Künstler dieser Zeit und als Porträtmaler hatte Peter Fendi Zugang zum Hochadel. Zugleich begründete er die Genremalerei in Österreich, die ihre Motive in einer gänzlich anderen Lebenswelt fand. Nach dem Wiener Kongress im Jahre 1815 und

© LIECHTENSTEIN. The Princely Collections, Vaduz–Vienna

in einer Phase der angestrebten Restauration suchten die Vertreter des Biedermeier die Rückbesinnung auf das Private und ein von politischen Ereignissen unberührtes Leben vorzugsweise im kleinbürgerlichen Milieu. Und so ist Fendis Mönch in seiner Einsiedelei nicht weggesperrt und unfrei, sondern ganz augenscheinlich ein glücklicher Mann. Peter Fendi mag mit dem um eine Generation jüngeren Jean Paul der Auffassung gewesen sein, dass «die Idylle als ein Vollglück der Beschränkung die Menge der Mitspieler und die Gewalt der grossen Staatsräder ausschliesse; und dass nur ein umzäuntes Gartenleben für die Idyllen-Seligen passe».  Dr. Johann Kräftner ist Direktor der Fürstlichen Sammlungen und war von 2002 bis 2011 Direktor des LIECHTENSTEIN MUSEUM, Wien. Er ist Verfasser zahlreicher Monografien zur Architekturgeschichte und -theorie.

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Erlesenes | Jonathan Franzen

Die Qual der Wahl I

m Jahre 9 nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gilt

Der Roman regt zum Nachdenken an über die Selbstver­

Amerika noch immer als das Land der unbegrenzten Möglich­

ständlichkeit, mit der wir in der westlichen Welt Partner, Berufe

keiten. «Die Leute sind entweder wegen des Geldes oder der

und Wohnorte nicht nur frei wählen, sondern auch jederzeit aus­

Freiheit in dieses Land gekommen», sinniert die Romanfigur

tauschen können. Zwar wird Freiheit gern assoziiert mit dem

Walter Berglund, seines Zeichens Amerikaner mit schwedischen

Mut, anders zu denken, unbequeme Wahrheiten auszusprechen,

Vorfahren, einmal. «Hat man kein Geld, klammert man sich desto

neue Wege zu beschreiten. Im Alltag aber setzt das individuelle

grimmiger an seine Freiheiten. Man mag arm sein, aber das eine,

Gefühl von Freiheit oft genau da ein, wo es für andere zu weit

das einem keiner nehmen kann, ist die Freiheit, sich das eigene

geht, wo die Selbstverwirklichung des einen die seiner Mitmen­

Leben zu ver­sauen, wie man will.» Wie wahr dieser grimmige

schen beeinträchtigt. Macht uns die Qual der ständigen Wahl

Ausspruch ist, davon erzählt Jonathan Franzen in seinem gros­

also tatsächlich frei, oder versklavt uns der ständige Optimie­

sen Roman «Freiheit».

rungszwang nicht vielmehr? Bei dieser heiklen Frage setzt «Freiheit» ein, ohne sie indes endgültig beantworten zu wollen.

Ähnlich wie schon bei den «Korrekturen», jenem Werk, das den amerikanischen Romancier 2001 berühmt machte, ist der

«Freiheit» kommt als klassischer Familienroman daher. Er

Titel Programm: Es geht um eine durchschnittliche, weder über­

erzählt von den Berglunds, von Walter und Patty und ihren Kin­

mässig glückliche noch unerhört unglückliche Familie aus der

dern Joey und Jessica, von ihren Überzeugungen, Sehnsüchten,

Mittelschicht, ansässig im Mittleren Westen der Vereinigten

Stärken, Schwächen und Ängsten. Patty, sportliche Tochter aus

Staaten, mit mittlerem Einkommen, regulären Ambitionen und

gutem Hause, hat den verlässlichen, grundanständigen Walter,

unauffälligen Begabungen. Es ist, mit anderen Worten, ein Buch

der aus bescheidenen Verhältnissen stammt, weniger aus Liebe,

über die meisten von uns. Die Kunst Franzens liegt darin, dem

denn aus Trotz geheiratet. Seinen besten Freund, den gutausse­

Leser seine Figuren derart nahezubringen, dass dieser nicht um­

henden Rebellen und angehenden Rockstar Richard Katz, hat

hin kann, sie ihren Unzulänglichkeiten zum Trotz zu mögen, ja,

sie nicht bekommen, und dass ihre Eltern gegen die Verbindung

sich leidenschaftlich mit ihnen zu identifizieren. So lässt sich der

sind, spricht ebenfalls mehr für als gegen Walter. Das Paar lässt

Blick in den Spiegel besser aushalten. Nicht nur aufgrund der

sich nieder in St. Paul’s, Minnesota, wo Patty als Hausfrau und

Entwicklung der Charaktere ist «Freiheit» ein fesselndes Werk

Mutter brilliert und Walter bei 3M eine gute Stellung innehat.

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Jonathan Franzen führt seine Protagonisten durch ein Wechselbad der Emotionen.

Doch was nach aussen wie ein Familienidyll anmutet, wird

ein grau­ samer Imperativ unserer Zeit. Jonathan Franzens

im Innern mit den Jahren vor allem von Pattys unterdrückter

grosser Roman erinnert daran, dass nicht jede Veränderung

Sehnsucht nach einem anderen Leben ausgehöhlt. Auch ihrem

auch eine Verbesserung darstellt. 

Sohn Joey erscheint das Gras auf der anderen Seite des Zauns immer grüner – nur dass dem Heranwachsenden, im Gegensatz zu seiner Mutter, das Leben noch offensteht. Während Patty

Felicitas von Lovenberg, geboren 1974, leitet das Literaturressort der «Frank-

dem Alkohol verfällt und schliesslich doch noch die Affäre mit

furter Allgemeinen Zeitung» und moderiert im SWR-Fernsehen die Sendung

dem ewigen Kindskopf Richard Katz nachholt, jagt Joey den

«Literatur im Foyer».

Mädchen nach, obwohl er seit Langem die wenig vorzeigbare Nachbarstochter liebt, und lässt sich wider besseres Wissen auf dubiose Geschäfte ein. Die Beständigen in der Familie sind Tochter Jessica und der idealistische Walter, dem Selbstsucht

Jonathan Franzen

fremd ist und dem das Wohlergehen unseres übervölkerten und

Jonathan Franzen, geboren 1959, wuchs im amerikanisch­en St. Louis

verpesteten Planeten ernstlich am Herzen liegt. Wie Franzen

auf, als jüngster von drei Brüdern. Nach seinem Studium am Swarthmore

ausgerechnet diesen prinzipientreuen, leicht als grünen Lang­

College in Pennsylvania verbrachte er als Fulbright-Stipendiat zwei Jahre

weiler zu verkennenden Mann zum stillen Helden seines Ro­

in Deutschland. Die deutsche Literatur, so erklärte er einmal, habe ihn ge-

mans macht, ist meisterlich.

lehrt, seine Familie als Menschen zu sehen und nicht als Verwandte. 1988 de­bütierte er mit dem Roman «Die 27ste Stadt», der in seiner Heimatstadt

Darüber hinaus ist dieses hochmoralische, doch niemals

St. Louis spielt. Die Erfahrungen, die er bei der Arbeit in einem seismolo­

moralisierende Werk eine Reflexion über innere Reife, die

gischen Institut der Harvard University sammelte, flossen ein in «Schweres

Macht der Gewohnheit und die Furcht vor Veränderung. Vor

Beben», seinen 1992 veröffentlichten zweiten Roman über eine von einer

allem aber ist es eine subtile Demontage der amerikanischen

Chemiefabrik verursachte Umweltkatastrophe. 2001 erschien «Die Korrek-

Lieblings­tugend: Ehrgeiz. «Freiheit» handelt von dem unseli­

turen», jener grosse, realistisch erzählte Familienroman, der sich bisher

gen Op­timierungswahn auf der Jagd nach mehr Anerkennung,

mehr als drei Millionen Mal verkaufte und in 35 Sprachen übersetzt wurde.

mehr Geld, mehr Sex und besserem Aussehen und davon, wie

Dass man die Mehrheit der Leser unterhalten kann, ohne eine Minderheit

Menschen sich und andere dabei ins Unglück stürzen. Ein

zu unterfordern, hat der vielfach ausgezeich­nete Autor sowohl mit den

attraktiverer Partner, ein einträglicherer Job, ein besseres

«Korrekturen» als auch mit «Freiheit», seinem 2010 erschienenen vierten

Leben: Die Freiheit, sich immer wieder neu zu entscheiden, ist

Roman, eindrucksvoll bewiesen.

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Carte Blanche | Markus Studer

Meine Freiheit

und Lieferzeit, die Zeit dazwischen gestalte ich nach meinem Gutdünken. Ich suche mir landschaftlich schöne Wege und at­ traktive Schlafplätze – bevorzugt am Wasser. Dann kann ich auch um elf Uhr nachts noch ein erfrischendes Bad nehmen,

Aufgezeichnet von: Manfred Schiefer

und am Morgen begrüsst mich ein Ausblick, der schöner ist, als ihn manches teure Hotel bieten kann. Das ist für mich wahre

Ein Herzchirurg unterwegs zu immer neuen Zielen:

Lebensqualität.

Markus Studer entdeckt als Fernfahrer das Schöne in fremden Ländern.

Durch die regelmässigen beruflichen Kontakte bekomme ich zudem einen besseren Einblick in die Denkweise, die Arbeitsbe­

«Vor neun Jahren bin ich umgestiegen – von einem Beruf mit ei­

dingungen und die Politik der von mir bereisten Länder als jeder

nem überhöhten Sozialprestige zu einem, der sehr schlecht an­

Tourist. Als Fernfahrer unterwegs zu sein gehört für mich zu

gesehen ist. Viele fanden meine Entscheidung mutig, andere

den interessantesten Arten zu reisen. Ein Fernfahrer verbringt

können sie heute noch nicht verstehen. Doch ich hatte mir

seine Freizeit – und davon hat, wer sich an die gesetzlichen

schon früh vorgenommen, meine Laufbahn als Herzchirurg auf

Fahrzeiten hält, ausreichend – im Ausland. Dort geniesse ich die

dem Höhepunkt meiner Leistungsfähigkeit zu beenden. Dieser

regionale Küche und erkunde mit dem Fahrrad, das ich immer

Zeitpunkt war mit 57 Jahren gekommen. Zuvor durfte ich ge­

dabei habe, das Hinterland jenseits der Transitwege.

meinsam mit Berufskollegen eine Herzklinik aufbauen und viele Jahre lang leiten und führte rund 10 000 Herzoperationen durch.

Die Herzchirurgie ist ein interessantes Feld, und noch heute treffe ich mich gerne mit meinen früheren Kollegen. Aber so spezialisiert die Herzchirurgie ist, so sehr engt sie den Horizont ein. Meine Arbeit als Fernfahrer hingegen ermöglicht mir neue, inspirierende Einblicke. Ich sehe es als Privileg, dass ich diesen Schritt mit der Unterstützung meiner Familie gehen konnte. Trotzdem bin ich heute kein Transportunternehmer mehr. Vor einigen Wochen habe ich mein Fahrzeug verkauft. Denn die wirtschaftlichen Bedingungen haben sich auch in der von mir ausgesuchten Nische Lebensmitteltransport drastisch ver­ schlechtert. Es macht keinen Sinn, das unternehmerische Risiko für ein Geschäft zu tragen, mit dem man seinen Lebensunterhalt nicht mehr erwirtschaften kann. Pragmatisch betrachtet ist der Zeitpunkt günstig, zu dem ich nach neun Jahren meine Firma geschlossen habe. Ich habe das Rentenalter erreicht.

Auf meinem weiteren Berufsweg wollte ich meine Leiden­ schaft für Technik und fürs Reisen miteinander verbinden – als

Aber ein Leben im sogenannten Ruhestand kann ich mir

Fernfahrer. Von der Verwirklichung eines Bubentraums zu spre­

nicht vorstellen. Fernfahrer zu sein ist wie ein hartnäckiger Vi­

chen, wäre zu kurz gegriffen. Ebenso wenig bin ich dem falschen

rus. Ich behandle ihn auch jetzt nicht, sondern fahre nach wie

Bild von der Freiheit eines «Ritters der Landstrasse» erlegen.

vor quer durch Europa, auf den schönsten Routen zum Nord­

Für mich bedeutet Freiheit, mein Leben im Rahmen der ge­

kap, durch die Ardennen, nach Gibraltar – für ein Busunterneh­

schriebenen und ungeschriebenen Gesetze unserer Gesellschaft

men. Die Freiheit, mein Leben sinnstiftend selbst zu gestalten,

so führen zu können, dass ich es als sinnvoll und schön erachte.

nehme ich mir weiterhin.» 

Es war mir bewusst, dass Fernfahrer einer der am stärksten

Markus Studer, Gründer und leitender Partner des Herzzentrums Hirslanden

regulierten Berufe ist und die Selbständigkeit als Kleinunter­

Zürich, verliess nach 10 000 Herzoperationen seine Klinik und hat seitdem

nehmer im Transportgewerbe seine Risiken hat. Aber sie gibt

als Fernfahrer mehr als eine Million Kilometer auf europäischen Strassen zu-

mir die Gestaltungsmöglichkeit, die ich für ein sinnerfülltes und

rückgelegt. Seine Biografie «Vom Herzchirurgen zum Fernfahrer» (2008) er-

glückliches Leben brauche. Mein Auftraggeber bestimmt Abhol-

reichte Rang drei der Schweizer Sachbuch-Bestsellerliste.

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Inhalt | Credo Xv 2012 Impressum Herausgeber S.D. Prinz Philipp von und zu Liechtenstein, Chairman LGT Group

Freiheit

Beirat Thomas Piske, CEO Private Banking Norbert Biedermann, CEO LGT Bank in Liechtenstein AG Hans Roth, CEO LGT Bank (Schweiz) AG

02

Redaktion, Layout Sidi Staub (Leitung) LGT Marketing & Communications Bildredaktion Lilo Killer, Zürich

02 Porträt | Shirin Ebadi Wie die iranische Friedensnobelpreisträgerin für Menschenrechte kämpft.

Design, Koordination Thomas von Ah, Zürich Chris Gothuey, Zürich

10 Portfolio | Ikonen der Freiheit Für Freiheit gibt es unzählige Symbole. Eine kleine Auswahl.

Lektorat Annette Vogler, Berlin

12 Portfolio | Im freien Flug Einst nahezu ausgerottet, segelt der Bartgeier heute wieder über die Alpen.

Zuschriften lgt.credo@lgt.com

Druck BVD Druck+Verlag AG, Schaan

Abonnements Haben Sie Interesse an künftigen Ausgaben von CREDO? Dann senden wir Ihnen diese gerne kostenlos zu. Abonnieren Sie CREDO online auf www.lgt.com unter «Publikationen/Druckausgabe bestellen».

Lithografie Prepair Druckvorstufen AG, Schaan

14 Portfolio | Gated Communities Wer lebt hier vor und wer hinter dem Gitter?

Bildnachweise Cover: Anne Morgenstern, Agentur Focus Seite 2/3: Salvatore di Nolfi, Keystone Seiten 4/5: Patrick Chauvel, Sygma/Corbis Seite 6: Arne Dedert, EPA DPA/Keystone Seite 7: Tor Richardsen, POOL/Keystone Seite 8: Alain Keler, Sygma/Corbis Seite 9: Gregorio Borgia, AP/Keystone Seite 11: iStockphoto/Shutterstock/Fotolia Seite 12: Winfried Wisniewski Seite 13: Hansruedi Weyrich Seite 14, oben: Horst Petzold, Shutterstock Seite 14, unten: Horizon Aerials, Shutterstock Seite 15, von oben: Slobo, iStockphoto; Dan Lamont, Corbis; Bruce Rolff, Shutterstock Seite 22: Illustration: Markus Roost Seite 30: Enrico Caccia, Imagepoint Seite 34: Christian Breitler Seite 35: Greg Martin Seite 36: Matthias Just

Energieeffizient gedruckt und CO2 kompensiert.

16 Interview | Klaus Endress Für diesen Unternehmer zählt vor allem die Verantwortung. 21 Essay | Willensfreiheit Wie frei sind wir? Neurowissenschafter und Philosophen sind sich da überhaupt nicht einig. 24 Reportage | Der Mörder und sein Wärter Eine Freundschaft, die das Gefängnis überdauerte. 32 Meisterwerke | Peter Fendi Ein «Mönch am Fenster» hilft uns, innere Freiheit zu finden. 34 Erlesenes | Jonathan Franzen «Freiheit»: Diesen Roman sollte man gelesen haben.

36

16

36 Carte Blanche | Markus Studer Vom Herzchirurgen zum Lastwagenfahrer: Eine befreiende Karriere.

LGT Bank in Liechtenstein AG Herrengasse 12 FL-9490 Vaduz Tel. +423 235 11 22 Fax +423 235 15 22 info@lgt.com

LGT Bank (Schweiz) AG Lange Gasse 15 CH-4002 Basel Tel. +41 61 277 56 00 Fax +41 61 277 55 88 lgt.ch@lgt.com

LGT Bank in Liechtenstein AG Zweigniederlassung Österreich Kantgasse 1 A-1010 Wien Tel. +43 1 227 59 0 Fax +43 1 22759 6790 lgt.austria@lgt.com

www.lgt.com Die LGT Group ist an mehr als 20 Standorten in Europa, Asien und dem Mittleren Osten präsent. Die vollständige Adressübersicht finden Sie unter www.lgt.com

50319de 1012 4.2 T BVD

32


Credo LGT Journal der Vermรถgenskultur

Freiheit | XV 2012

Credo XV (2012)  

LGT Kundenmagazin zum Thema "Freiheit"

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