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Der Mensch und seine Symbole Von C. G. Jung Marie-Louise von Franz Joseph L. Henderson Jolande Jacobi Aniela JaffĂŠ


Jungs eigener Beitrag über den Zugang zum Unbewußten ist gleichzeitig sein Vermächtnis. Darüber hinaus entwickelt der Band ausführlich das Verhältnis des Menschen heute zu Mythen (Henderson); den Individuationsprozeß (v. Franz); Symbolverständnis in der bildenden Kunst (Jaffe) und auf dem Wege der Reifung (Jacobi); schließlich die Polarität zwischen dem Unbewußten und den Wissenschaften. Ein Schlagwortregister und interessante Anmerkungen erleichtern die Orientierung und stellen zahlreiche Querverbindungen zu Wissenschaften, Erfahrung und Kunst her. - Die Neuerscheinung verdient Beachtung, weil sie auch den psychologisch nicht vorgebildeten Leser mit der Welt der Archetypen und Träume, des Symbols und der Seele, der Projektionen und der Analyse vertraut macht, ohne dabei zu vereinfachen oder bei den kontroversen Denkmustern der einzelnen tiefenpsychologischen Schulen stehenzubleiben. Wissenschaftlicher Literaturanzeiger

Tibetanisches Mandata Photo: Réalités, Paris


Inhalt

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C.G. Jung Zugang zum Unbewussten 20 32 39 55 58 67 83 93 101

Über den Einfluss der Träume Vergangenheit und Zukunft im Unbewussten Die Funktion der Träume Die Traumanalyse Das Typenproblem Der Archetyp in der Traumsymbolik Die menschliche Seele Die Rolle der Symbole Die Heilung der Spaltung

Joseph L.Henderson Der moderne Mensch und die Mythen 106 110 128 137 141 149

Die ewigen Symbole Die Gestalt des Helden Der Archetyp der Initiation Das schöne Mädchen und das Tier Orpheus und der Menschensohn Symbole der Transzendenz

M.-L. von Franz Der Individuationsprozess 160 165 168 177 189 196 212 218

Die Struktur des seelischen Reifungsprozesses Die erste Begegnung mit dem Unbewussten Die Einsicht in den Schatten Die Anima als Frau im Manne Der Animus, der innere Mann in der Frau Das Selbst Die Beziehung zum Selbst Der soziale Aspekt des Selbst

Aniela Jaffe Bildende Kunst als Symbol 232 240 250 253 261 268

Jolande Jacobi Symbole auf dem Weg der Reifung

Einführung von John Freeman

Sakrale Symbole - der Stein und das Tier Das Symbol des Runden in der Kunst Die «Moderne Malerei» als Symbol Der «Geist der Dinge» und das Unbewusste Die Auflösung des Stofflichen Eine Wende

274 277 281 284 288 290 295 298

Zur Einführung Der Initialtraum Die Angst vor dem Unbewussten Der Heilige und die Dirne Auf der Fahrt Der Orakeltraum Im Angesicht des Irrationalen Der Schlusstraum

M.-L. von Franz 304 Zum Abschluss: Das Unbewusste und die Wissenschaften 311 Anmerkungen 316 Register 319 Bildernachweis


Der Mensch und seine Symbole von C.G. Jung und Marie-Louise von Franz, Joseph L. Henderson, Jolande Jacobi und Aniela JaffĂŠ


Wenn man versteht und fßhlt, dass man schon in diesem Leben an das Grenzenlose angeschlossen ist, ändern sich Wßnsche und Einstellung. Letzten Endes gilt man nur wegen des Wesentlichen, und wenn man das nicht hat, ist das Leben vertan. C.G. Jung, Erinnerungen


Einführung von John Freeman

Die Entstehungsgeschichte dieses Buches ist so ungewöhnlich, dass sie wohl Interesse verdient. Da sie ausserdem in direkter Beziehung zu seinem Sinn und Inhalt steht, will ich kurz erzählen, wie das Buch zustande kam. Im Frühjahr 1959 wurde ich von der British Broadcasting Corporation gebeten, für das englische Fernsehen ein Interview mit Dr. Carl Gustav Jung zu bringen. Das Interview sollte etwas «in die Tiefe» gehen. Ich wusste damals noch ziemlich wenig über Jung und seine Arbeiten. Um ihn kennenzulernen, besuchte ich ihn in seinem schönen Haus am Zürichsee. Diese Begegnung wurde der Anfang einer Freundschaft, die mir ausserordentlich viel bedeutete und an der, wie ich hoffe, auch Jung während seiner letzten Lebensjahre Gefallen fand. Das Fernsehinterview wird in diesem Bericht nicht weiter erwähnt; es war allerdings sehr ergiebig, und dieses Buch ist durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen das Endprodukt des damaligen Gespräches geworden. Einer von denen, die Jung auf dem Bildschirm sahen, war Wolfgang Foges, der geschäftsführende Direktor von Aldus Books. Foges hatte sich seit Seiner Jugend, als er in Wien in der Nähe der Familie Freud wohnte, sehr für die Entwicklung der Psychologie interessiert. Als er nun Jung über sein Leben, seine Arbeit und seine Ideen sprechen hörte, fand er es äusserst schade, dass, während die Grundzüge von Freuds Werk den gebildeten Lesern der ganzen westlichen Welt doch einigermassen bekannt waren, Jung nie der Durchbruch zum breiteren Publikum geglückt war, sondern immer als für die Allgemeinheit zu schwer verständlich empfunden wurde. Foges ist der eigentliche Initiator von «Der Mensch und seine Symbole». Bei der Fernseh-

übertragung hatte er gemerkt, dass zwischen Jung und mir eine gute persönliche Beziehung bestand. Deshalb fragte er mich, ob ich ihm helfen würde, Jung zu überreden, einige seiner wichtigsten Grundgedanken in eine sprachliche Form zu bringen, die auch für nichtspezialisierte Leser verständlich und interessant sei. Ich nahm diese Idee sofort auf und fuhr wieder nach Zürich, in der festen Annahme, Jung von Wert und Wichtigkeit einer solchen Arbeit überzeugen zu können. Jung hörte mir in seinem Garten zwei Stunden lang fast ununterbrochen zu - und sagte nein. Er sagte es auf die netteste Art und Weise, aber mit aller Bestimmtheit. Er hatte nie versucht, seine Arbeit populär zu machen, und er glaubte auch nicht, dass ein solcher Versuch Erfolg haben würde. Jedenfalls fühlte er sich zu alt und zu müde, um noch an ein solches Unternehmen heranzugehen. Alle Freunde Jungs werden mit mir darin übereinstimmen, dass Jung ein Mann von grosser Entschlusskraft war. Wichtige Fragen prüfte er sorgfältig und ohne Hast. Aber wenn er dann seine Antwort gab, so war diese gewöhnlich endgültig. Ich fuhr also äusserst enttäuscht nach London zurück, überzeugt- davon, dass Jungs Weigerung in dieser Angelegenheit das letzte W7ort gewesen sei. Und so wäre es wohl auch geblieben, wenn nicht zwei für mich unvorhersehbare Faktoren mitgespielt hätten. Der eine war Foges' Hartnäckigkeit. Foges bestand darauf, dass wir es noch einmal bei Jung versuchen müssten, ehe wir uns geschlagen gäben. Der andere war ein Ereignis, über das ich immer noch staune, wenn ich daran denke. Das Fernsehprogramm war, wie gesagt, erfolgreich gewesen. Jung bekam eine Menge Briefe von den verschiedensten Leuten, meist einfachen Menschen, die zwar keinerlei medizinische oder psychologische Kenntnisse hatten, aber von der überzeugenden Persönlichkeit, dem Humor und dem Charme der Bescheidenheit dieses wahrhaft grossen Mannes gefangen waren und in seiner Lebens- und Menschenanschauung etwas entdeckt hatten, das ihnen vielleicht bei der Lösung ihrer persönlichen Probleme eine Hilfe sein konnte. Jung freute sich darüber, und zwar nicht

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nur, weil er Briefe bekam (Post erhielt er sowieso jederzeit in grosser Menge), sondern weil ihm Menschen schrieben, die normalerweise keinen Kontakt zu ihm gehabt hätten. Während dieser Zeit hatte er einen Traum, der für ihn höchst bedeutsam war. (Und bei der Lektüre dieses Buches wird man sehen, wie ausserordentlich wichtig Träume sein können.) Jung träumte, er stehe, statt in seinem Arbeitszimmer zu sitzen und sich mit bedeutenden Ärzten und Psychiatern aus aller Welt zu unterhalten, auf einem öffentlichen Platz und spreche zu einer grossen Menschenmenge, die ihm mit atemloser Spannung zuhörte und ihn verstand. .. Als Foges eine oder zwei Wochen später erneut mit der Bitte an Jung herantrat, er möge doch ein neues Buch schreiben, das diesmal nicht für die Klinik oder für das Studierzimmer des Philosophen, sondern für die breite Öffentlichkeit bestimmt sei, liess Jung sich überreden. Allerdings stellte er zwei Bedingungen: Erstens sollte das Buch nicht von ihm allein, sondern unter Beteiligung seiner engsten Mitarbeiter geschrieben werden ; und zweitens sollte ich mit der Aufgabe betraut werden, die Arbeit zu koordinieren und alle Fragen, die sich zwischen den Autoren und dem Verlag ergeben würden, zu klären. Damit diese Einleitung nicht allzu unbescheiden klingt, muss ich gleich hinzufügen, dass ich über die zweite Bedingung nur mässig entzückt war. Denn ich erfuhr sehr bald, dass Jung mich hauptsächlich deswegen ausgesucht hatte, weil er mich zwar für einigermassen, aber nicht für übermässig intelligent hielt und genau wusste, dass ich über keinerlei ernst zu nehmende psychologische Kenntnis verfügte. Insofern war ich genau der von ihm gemeinte «Durchschnittsleser». Das, was ich verstehen konnte, würde auch jeder andere interessierte Leser verstehen können. Und das, was mir Mühe machte, würde wahrscheinlich auch für andere schwierig sein. Nicht sonderlich geschmeichelt von der Einschätzung meiner Rolle, habe ich dennoch sehr gewissenhaft darauf bestanden (manchmal zum grossen Ärger meiner Autoren, fürchte ich), dass jeder Absatz so klar und verständlich geschrieben und, wenn es sein musste, noch einmal umgeschrieben würde, dass ich zuversichtlich sagen kann: Dieses

Buch ist wirklich für eine breite Leserschaft gedacht, und die teilweise komplizierten Themen sind auf denkbar einfache Art und Weise behandelt. Nach etlichen Diskussionen kam man überein, dass «Der Mensch und seine Symbole» das Hauptthema des Buches bilden sollte. Jung suchte sich selber seine Mitarbeiter an diesem Werk aus: Fräulein Dr.Marie-Louise von Franz, Zürich, seine wohl engste und vertrauteste Mitarbeiterin; Dr. Joseph L. Henderson, San Francisco, einer der prominentesten Jungianer Amerikas; Frau Aniela Jaffe, Zürich, die nicht nur eine erfahrene Analytikerin ist, sondern auch Jungs Privatsekretärin war und seine Biographie geschrieben hat; und Frau Dr.Jolande Jacobi, die nach Jung die erfahrenste Autorin unter den Zürcher Jungianern ist. Diese vier Psychologen wurden einerseits deshalb ausgewählt, weil sie auf ihrem Gebiet über besondere Erfahrung und Geschicklichkeit verfügen, zum andern deswegen, weil Jung wusste, dass sie alle völlig uneigennützig nach seinen Anweisungen, als Mitglieder eines Teams, arbeiten würden. Jung selbst war verantwortlich für den Aufbau des ganzen Buches und sollte die Arbeit seiner Kollegen leiten. Ausserdem sollte er das grundlegende Kapitel schreiben: Zugang zum Unbewussten. Sein letztes Lebensjahr widmete er fast ausschliesslich diesem Buch. Als er im Juni 1961 starb, war sein eigenes Kapitel fertig (er hatte es etwa zehn Tage vor seiner letzten Krankheit zu Ende geschrieben), und auch die Kapitel seiner Kollegen hatte er im Entwurf begutachtet. Nach Jungs Tod übernahm Fräulein Dr. von Franz die Gesamtverantwortung für die Fertigstellung des Buches entsprechend Jungs ausdrücklichen Anweisungen. Form und Inhalt von «Der Mensch und seine Symbole» wurden demnach im wesentlichen von Jung selbst konzipiert und zum Teil auch geschrieben. Das Kapitel unter seinem Namen ist seine eigene Arbeit (abgesehen von einigen geringfügigen Erweiterungen, die dem Leser das Verständnis erleichtern sollen), und zwar wurde sie in englischer Sprache verfasst. Die übrigen Kapitel wurden von den verschiedenen Autoren unter Jungs Aufsicht angefertigt. Die Ausgabe des ganzen Werkes ist dann nach Jungs Tod


von Fräulein Dr. von Franz vorgenommen worden, die dabei so viel Geduld, Freundlichkeit und Verständnis bewies, dass der Verlag und ich ihr dafür grossen Dank schulden. Nun zum Inhalt des Buches selbst: Jungs Denken hat die moderne Psychologie weit mehr beeinflusst, als Leute mit nur oberflächlicher Kenntnis ahnen. So gebräuchliche Ausdrücke wie zum Beispiel «extravertiert», «introvertiert» oder «Archetyp» sind jungianische Begriffe, die heute ständig benutzt und oft auch falsch angewendet werden. Jungs bedeutendster Beitrag zum psychologischen Denken ist aber sein Begriff des Unbewussten, das nicht (wie Freuds «Unbewusstsein») bloss eine Art Aufbewahrungsort für verdrängte Wünsche darstellt, sondern eine Welt, die ein ebenso realer und wesentlicher Bestandteil des individuellen Lebens ist wie die bewusste, denkende Welt des Ego, nur unendlich viel umfassender und reicher. Die Sprache und die «Personen» des Unbewussten sind Symbole, die durch unsere Träume mit uns in Verbindung stehen. Erforschung des Menschen und seiner Symbole heisst also eigentlich Erforschung des Menschen in seiner Beziehung zum eigenen Unbewussten. Nach Jungs Auffassung ist das Unbewusste der grosse Helfer, Freund und Ratgeber des Bewusstseins. Da wir mit dem Unbewussten hauptsächlich durch unsere Träume in Verbindung treten, wird in diesem Buch immer wieder, vor allem in Jungs eigenem Kapitel, die Bedeutung der Träume besonders hervorgehoben. Es wäre sehr anmassend von mir, wollte ich versuchen, Jungs Werk zu interpretieren. Viele Leser wären dazu wahrscheinlich weitaus eher in der Lage als ich. Meine Rolle war, wie gesagt, nur die eines «Verständlichkeitsfilters», keinesfalls die eines Interpreten. Trotzdem möchte ich mir erlauben, noch auf zwei Punkte hinzuweisen, die mir als Laien wichtig scheinen und die möglicherweise auch anderen Nichtfachleuten dienlich sind. Der erste bezieht sich auf die Träume. Für Jungianer ist ein Traum nicht etwa eine Art genormte Geheimschrift, die mit Hilfe eines Verzeichnisses von Symbolbedeutungen entziffert werden kann. Er ist vielmehr ein ganz wichtiger persönlicher Ausdruck des individuellen Unbe-

wussten. Er ist genauso «wirklich» wie alles andere, womit der Mensch in Berührung kommt. Das persönliche Unbewusste eines Träumenden steht nur mit diesem in Verbindung und wählt Symbole aus, die nur für ihn und für sonst niemanden eine Bedeutung haben. Die Deutung von Träumen, ob durch den Analytiker oder durch den Träumer selbst, ist also für den jungianischen Psychologen eine ganz und gar persönliche und individuelle Angelegenheit (manchmal noch dazu eine versuchsweise und sehr langwierige), die auf keinen Fall nach ein paar Faustregeln behandelt werden kann. Umgekehrt sind die Mitteilungen des Unbewussten für den Träumer von grösster Wichtigkeit und das ist nur natürlich, denn schliesslich macht das Unbewusste einen grossen Teil seines Wesens aus - und geben ihm oft Ratschläge und Anweisungen, die er aus keiner anderen Quelle bekommen könnte. Wenn ich also Jungs Traum, in dem er zu der Menschenmenge sprach, erzählt habe, so habe ich damit nicht etwa ein Stück Magie beschrieben oder gemeint, Jung beschäftige sich mit Wahrsagerei. Ich habe nur mit einfachen, alltäglichen Worten geschildert, wie Jung von seinem Unbewussten gewissermassen «geraten» wurde, eine Fehlentscheidung, die er mit bewusstem Verstand gefällt hatte, noch einmal zu überdenken. Hieraus folgt nun, dass Träumen für den jungianischen Psychologen nicht einfach reine Glückssache ist. Es ist, im Gegenteil, jedem Menschen möglich, mit seinem Unbewussten Verbindung aufzunehmen, und die Jungianer «üben» regelrecht (mir fällt kein besserer Ausdruck ein), für Träume empfänglich zu werden. Als Jung selbst vor der Frage stand, ob er dies Buch schreiben sollte oder nicht, konnte er daher sowohl seine bewussten als auch seine unbewussten Hilfsquellen bei seiner Entscheidung zu Rate ziehen. In diesem Buch wird der Traum immer als eine direkte, persönliche und bedeutungsvolle Mitteilung an den Träumer behandelt - eine Mitteilung, die der Menschheit allgemein bekannte Symbole benutzt, aber jedesmal auf ganz individuelle Art und Weise, so dass sie nur mit einem ganz individuellen «Schlüssel» gedeutet werden kann. Der zweite Punkt, auf den ich hinweisen möchte, 101


ist die charakteristische Art von Beweisführung, die allen Autoren dieses Buches, wahrscheinlich überhaupt allen Jungianern, eigen ist. Wer sich darauf beschränkt, nur in der Welt des Bewusstseins zu leben und die Kontaktaufnahme mit dem Unbewussten abzulehnen, ist den Gesetzmässigkeiten des bewussten Lebens unterworfen. Mit der unfehlbaren (aber oft bedeutungslosen) Logik einer mathematischen Gleichung kommt man dann von angenommenen Prämissen zu vollkommen richtig abgeleiteten Schlüssen. Jung und seine Kollegen scheinen, bewusst oder unbewusst, diese Argumentationsmethode wegen ihrer Begrenztheit abzulehnen. Sie ignorieren keineswegs die Logik, aber sie beziehen ausser dem Bewussten auch immer das Unbewusste mit ein. Ihre dialektische Methode ist symbolisch und oft nicht geradlinig. Sie überzeugen nicht mit Hilfe des scharf auf einen Punkt eingestellten Suchers, nämlich des Vernunftschlusses, sondern durch Umkreisen, Wiederholen, indem sie eine immer wiederkehrende Ansicht desselben Gegenstandes geben, aber jedesmal von einem leicht veränderten Blickwinkel aus - bis der Leser, der bis dahin kein einziges schlüssiges Beweismoment entdeckt hatte, plötzlich erkennt, dass er unbemerkt eine weit grössere Wahrheit umkreist und in sich aufgenommen hat. Jungs Argumente (wie auch die seiner Kollegen) bewegen sich spiralenförmig über ihrem Gegenstand aufwärts, wie ein Vogel, der über einem Baum kreist. Zunächst, in Bodennähe, sieht er nur ein Gewirr von Blättern und Zweigen. Wenn er aber allmählich höhersteigt, bilden die immer wiederkehrenden Aspekte des Baumes ein Ganzes und verbinden sich mit ihrer Umgebung. Manche Leser finden diese «spiralförmige» Beweismethode vielleicht zunächst etwas verwirrend, aber ich glaube nicht lange. Sie ist für Jung charakteristisch, und der Leser wird sehr bald feststellen, wie er auf überzeugende Weise mitgezogen wird. Die verschiedenen Abschnitte des Buches sprechen für sich selbst und bedürfen kaum einer Einführung. Jungs eigenes Kapitel macht den Leser bekannt mit dem Unbewussten, mit den Archetypen und Symbolen, deren es sich bedient, und mit den Träumen, duren die es sich mitteilt.

Im anschliessenden Kapitel veranschaulicht Dr. Henderson verschiedene archetypische Figuren und Konstellationen in der antiken Mythologie, in Volksmärchen und in primitiven Riten. Fräulein Dr. von Franz beschreibt in dem Kapitel «Der Individuationsprozess», wie das Bewusste und das Unbewusste im einzelnen Menschen sich allmählich gegenseitig kennenlernen, einander respektieren und ergänzen. In gewissem Sinne ist dieses Kapitel nicht nur das entscheidende des ganzen Buches, sondern es enthält wohl auch das Wesen der Jungschen Lebensphilosophie: Der Mensch wird erst dann ein Ganzes, in sich ruhend, produktiv und glücklich, wenn der Individuationsprozess abgeschlossen ist, nachdem Bewusstsein und Unbewusstes gelernt haben, friedlich miteinander zu leben und sich gegenseitig zu ergänzen. Frau Jalfe und Dr. Henderson zeigen, dass der Mensch immer wieder fasziniert ist von den Symbolen des Unbewussten. Sie haben für ihn eine zutiefst bedeutsame, offenbar lebenswichtige innere Anziehungskraft - ob sie nun in den Mythen und Märchen auftreten, die Dr. Henderson analysiert, oder in Kunstwerken, die uns, wie Frau Jaffe darlegt, Befriedigung und Freude geben, indem sie ständig unser Unbewusstes anregen. Zum Schluss muss ich noch ein kurzes Wort über das Kapitel von Frau Dr. Jacobi sagen. Es unterscheidet sich insofern von den übrigen, als es der verkürzte Bericht über eine interessante und erfolgreiche Analyse ist. Der Wert eines solchen Kapitels in einem Buch dieser Art liegt auf der Hand; trotzdem sind zwei Worte notwendig. Erstens gibt es erklärende, keine typische jungianische Analyse, und zwar deshalb nicht, weil jeder Traum eine private, individuelle Mitteilung ist und es daher keine zwei Träume gibt, in denen die Symbole des Unbewussten auf genau die gleiche Weise verwendet werden. Darum ist jede jungianische Analyse einzig in ihrer Art, und es wäre falsch, diesen Traum, der aus Frau Dr.Jacobis Praxis stammt (oder auch irgendeinen anderen), für «repräsentativ» oder «typisch» zu halten. Alles, was man über Henry und seine teilweise seltsamen Träume sagen kann, ist, dass wir damit ein gutes Beispiel haben, wie die Jungsche Analyse in einem speziellen Fall angewen-


det werden kann. Zweitens würde man schon mit der Geschichte eines relativ einfachen Falles, wollte man sie vollständig wiedergeben, ein ganzes Buch füllen. Der Bericht über Henrys Analyse musste notgedrungen sehr verkürzt werden. Deshalb sind beispielsweise die Anspielungen auf das I Ching etwas dunkel geblieben. Trotzdem haben wir gemeint - und ich bin sicher, unsere Leser werden diese Ansicht teilen dass die eindringliche Schilderung von Henrys Analyse das Buch ausserordentlich bereichert, ganz abgesehen vom rein menschlichen Interesse. Ich habe mein Vorwort begonnen mit der Schilderung, wie Jung dazu kam, «Der Mensch und seine Symbole» zu schreiben. Ich schliesse diese Einführung, indem ich den Leser noch einmal darauf hinweise, was für eine äusserst wichtige Veröffentlichung dieses Buch darstellt. Carl Gustav Jung war einer der grössten Ärzte aller Zeiten und einer der grossen Denker dieses Jahrhunderts. Sein Ziel war es, den Menschen zur Selbsterkenntnis zu verhelfen, so dass sie durch diese Kenntnis und deren überlegte Anwendung ein erfülltes und glückliches Leben führen könnten. Am Ende seines eigenen Lebens, das so erfüllt und glücklich war wie kaum ein anderes, das ich kenne, entschloss sich Jung, die ihm noch verbleibende Kraft dafür zu nutzen, seine Botschaft an ein grösseres Publikum zu richten, als er je vorher zu erreichen versucht hatte. Er vollendete sein Werk und sein Leben im selben Monat. Dies Buch ist sein Vermächtnis an eine grosse Leserschaft.


C.G Jung Zugang zum Unbewussten


Über den Einfluss der Träume

Der Mensch verwendet, um etwas mitzuteilen, das gesprochene oder geschriebene Wort. Seine Sprache steckt voller Symbole, aber oft gebraucht er auch Zeichen oder Bilder, die keine genaue Beschreibung geben, zum Beispiel Abkürzungen und Buchstabenfolgen wie etwa UN, UNICEF oder UNESCO, oder auch bekannte Schutzmarken, Namen von medizinischen Erzeugnissen, Dienstabzeichen und Insignien. Diese wären an sich bedeutungslos, haben aber durch allgemeinen Gebrauch eine erkennbare Bedeutung erlangt. Es sind jedoch keine Symbole, sondern Zeichen für bestimmte Dinge. Das, was wir Symbol nennen, ist ein Ausdruck, ein Name oder auch ein Bild, das uns im täglichen

Leben vertraut sein kann, das aber zusätzlich zu seinem konventionellen Sinn noch besondere Nebenbedeutungen hat. Es enthält etwas Unbestimmtes, Unbekanntes oder für uns Unsichtbares. Zum Beispielist auf vielen kretischen Grabmälern eine doppelte Krummaxt abgebildet. Diesen Gegenstand kennen wir zwar, aber wir wissen nichts über seinen symbolischen Gehalt. Ein anderes Beispiel: Nach einem kurzen Englandaufenthalt erzählte ein Inder seinen Freunden zu Hause, die Engländer beteten Tiere an; er hatte nämlich in alten Kirchen Adler, Löwen und Ochsen abgebildet gesehen. Ebenso wie viele Christen wusste auch der Inder nicht, dass diese Tiere die Attribute der Evangelisten sind, wie Ezechiel sie in einer Vision sah; eine Analogie dazu bildet der ägyptische Sonnengott Horusmit seinen vier Söhnen. Auch Gegenstände wie das Rad oder das Kreuz haben unter Umständen symbolischen Gehalt. Was sie genau symbolisieren, ist allerdings immer noch ein strittiger Punkt. Ein Wort oder ein Bild ist symbolisch, wenn es mehr enthält, als man auf den ersten Blick erkennen kann. Es hat dann einen weiteren «unbewussten» Aspekt, den man wohl nie ganz genau


definieren kann. So gelangt der menschliche Geist bei der Erforschung von Symbolen zu Vorstellungen, die sich dem Zugriff des Verstandes entziehen. Das Rad führt uns vielleicht zu dem Begriff einer «göttlichen» Sonne, aber hier muss der Verstand seine Unzulänglichkeit eingestehen; der Mensch ist ausserstande, ein «göttliches» Wesen zu definieren. Wenn wir in unserer intellektuellen Beschränktheit etwas «göttlich» nennen, so haben wir ihm damit nur einen Namen gegeben, der vielleicht auf Glauben basiert, aber nie auf faktischem Augenschein. Auch die Religionen verwenden für das, was über den menschlichen Verstand hinausgeht, eine symbolische Sprache. Aber diese bewusste Anwendung von Symbolen ist nur ein Aspekt einer psychologischen Tatsache von grosser Wichtigkeit: Der Mensch produziert Symbole auch unbewusst und spontan, in Form von Träumen. Dies müssen wir im Auge behalten, wenn wir mehr über die Tätigkeit des menschlichen Geistes erfahren wollen. Es gibt nichts, was der Mensch völlig durchschaut. Er ist ganz von der Anzahl und der Qualität seiner Sinne abhängig, die ihm nur eine begrenzte Wahrnehmung seiner Umwelt

Links: Drei der vier Evangelisten (auf einem Relief an der Kathedrale von Chart res) erscheinen als Tiere: der Löwe ist Markus, der Stier Lukas, der Adler Johannes. Ebenfalls Tiere sind drei Söhne des ägyptischen Gottes Horus (oben; etwa 1250 v. Chr.). Tiere und Vierergruppen sind allgemein bekannte Symbole.

gestatten. Diesen Mangel kann der Mensch durch wissenschaftliche Instrumente teilweise ausgleichen; aber selbst der feinste Apparat kann nicht mehr tun, als entfernte oder kleine Gegenstände in Sichtweite zu bringen oder schwache Laute hörbar zu machen. Einerlei, welche Instrumente wir benützen, irgendwo wird der Punkt erreicht, an dem jede Gewissheit aufhört. Zudem hat unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit auch unbewusste Aspekte, zum Beispiel die Tatsache, dass, wenn unsere Sinne auf reale Erscheinungen reagieren, diese doch auf irgendeine Weise aus dem Bereich der Realität in den des Geistes übertragen werden. Innerhalb des Geistes werden sie dann zu psychischen Geschehnissen, deren Natur letztlich unerkennbar ist (denn die PsychekannihreeigenepsychischeSubstanznicht erkennen). JedeErfahrungenthältalsoeinegrosse Anzahl unbekannter Faktoren, ganz abgesehen davon, dass jeder konkrete Gegenstand immer insofern unbekannt bleibt, als wir die eigentliche Natur der Materie nicht erkennen können. Ausserdem gibt es gewisse Ereignisse, die wir nicht bewusst wahrgenommen haben; sie sind sozusagen unter der Bewusstseinsschwelle ge-


In vielen Gesellschaften drücken Darstellungen der Sonne die unerklärliche religiöse Erfahrung des Menschen aus. Oben : Eine Sonnenscheibe beherrscht die Verzierung eines Thrones, der dem ägyptischen Pharao Tutanchamun, 14. Jahrhundert v. Chr., gehörte. Die Strahlenhände symbolisierten die lebensspendende Kraft der Sonne. Links: Ein japanischer Mönch des 20. Jahrhunderts betet vor einem Spiegel, der im Shinto-Glauben die göttliche Sonne darstellt. Rechts: Wolframatome, 2000000mal vergrösser t. Ganz rechts: Die Flecken in der Mitte des Bildes sind die entferntesten sichtbaren Sternsysteme. Wie sehr auch der Mensch seine Sinne erweitert, seiner Wahrnehmung sind immer Grenzen gesetzt.


blieben, und wir werden ihrer oft erst später, in einer plötzlichen Intuition oder durch intensives Nachdenken, gewahr. Gewöhnlich wird uns der unbewusste Aspekt jedes vital bedeutungsvollen Geschehens in Träumen enthüllt, und zwar nicht als rationaler Gedanke, sondern ineinem symbolischen Bild. Auch historisch gesehen war es das Studium der Träume, welches die Psychologen erstmalig in die Lage versetzte, den unbewussten Aspekt bewusster psychischer Vorgänge untersuchen zu können. Auf Grund ihrer Erfahrungen nehmen Psychologen die Existenz einer unbewussten Psyche an obgleich viele Naturwissenschaftler und Philosophen deren Existenz abstreiten. Letztere folgern naiv, eine solche Annahme schliesse die Existenz zweier «Subjekte» in sich oder, allgemeiner ausgedrückt, zweier Persönlichkeiten innerhalb desselben Individuums. Und genau das bedeutet es auch - sehr richtig. Viele moderne Menschen leiden unter einer solchen gespaltenen Persönlichkeit. Dies ist durchaus kein pathologisches Symptom, sondern eine Tatsache, die man überall beobachten kann, nicht nur bei einem Neurotiker. Eine allgemeine Unbewusstheit ist unleugbar das gemeinsame Erbe der ganzen Menschheit. Das Bewusstsein des Menschen hat sich nur langsam und mühselig entwickelt, in einem Prozess, der ungezählter Zeitalter bedurfte, um den Zu-

stand der Zivilisation zu erreichen (den man willkürlich mit der Erfindung der Schrift, um 4000 v.Chr., beginnen lässt). Und diese Evolution ist noch längst nicht abgeschlossen. Weite Bereiche des menschlichen Geistes sind noch in Dunkel gehüllt, denn was wir die «Psyche» nennen, ist keineswegs identisch mit unserem Bewusstsein und dessen Inhalt. Unsere Psyche ist ein Teil der Natur und ebenso unbegrenzt wie diese. Wir können also weder die Psyche noch die Natur definieren, sondern nur so gut es geht beschreiben, auf welche Weise wir sie erleben. Abgesehen von den neueren Erkenntnissen der medizinischen Forschung gibt es auch logische Gründe dafür, Behauptungen wie «Es gibt kein Unbewusstes» zurückzuweisen; Leute, die das sagen, geben damit nur einem jahrhundertealten «Misoneismus» Ausdruck - einer Furcht vor dem Neuen, Unbekannten. Für diesen Widerstand gegen die Idee von einem unbekannten Teil der menschlichen Psyche gibt es historische Gründe. Das Bewusstsein ist eine Neuerwerbung der Natur und befindet sich noch im «experimentellen» Stadium; es ist schwach und leicht verletzbar. Wie Anthropologen festgestellt haben, ist eine der häufigsten Arten von Geistesgestörtheit bei Primitiven der Zustand, den sie «Seelenverlust» nennen - eine merkliche Spaltung (mit einem Fachausdruck: Dissoziation) des Bewusstseins. Unter solchen Menschen, deren Bewusstsein sich auf einer von der unseren verschiedenen Entwicklungsstufe befindet, wird die «Seele» (oder Psyche) nicht als eine Einheit empfunden. Viele Primitive glauben, der Mensch habe ausser seiner eigenen noch eine «Buschseele», die in einem wilden Tier oder einem Baum verkörpert sei, mit welchem der Mensch eine Art psychischer Identität habe. Dies hat der ausgezeichnete französische Ethnologe Lucien Levy-Bruhl als «participationmystique» bezeichnet. Später zog er diese Formulierung unter dem Druck der gegnerischen Kritik wieder zurück, aber ich glaube, dass seine Kritiker im Unrecht waren. Es ist eine wohlbekannte psychologische Tatsache, dass ein Mensch mit einer anderen Person oder einem Gegenstand unbewusst identisch sein kann. Diese Identität kann bei Primitiven ganz verschie-

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dene Formen annehmen. Ist die Buschseele die eines Tieres, so betrachtet man dieses Tier als eine Art Bruder des betreifenden Menschen. Ein Mensch, dessen Bruder beispielsweise ein Krokodil ist, soll ungehindert einen Fluss voller Krokodile durchschwimmen können. Ist die Buschseele ein Baum, so glaubt man, dieser habe eine Art elterlicher Gewalt über den Menschen. In beiden Fällen wird eine Schädigung der Buschseele als eine Schädigung des Menschen angesehen. Bei einigen Stämmen nimmt man an, ein Mensch habe mehrere Seelen; dieser Glaube drückt das Gefühl aus, jeder einzelne bestehe aus mehreren zusammenhängenden, aber voneinander verschiedenen Einheiten. Dies bedeutet, dass die Psyche alles andere als fest zusammengefügt ist; sie droht vielmehr unter dem Ansturm unkontrollierter Emotionen nur allzu leicht zu zerbrechen. Diese Situation, die wir aus den Studien der Anthropologen kennen, ist durchaus nicht ohne Beziehung zu unserer eigenen fortgeschrittenen Zivilisation. Auch wir können dissoziiert werden, unsere Identität verlieren, von Launen besessen sein oder völlig unvernünftig handeln, so dass

man uns fragt: «Was zum Teufel ist in dich gefahren?» Wir sagen zwar, wir hätten «uns in der Gewalt», aber Selbstkontrolle ist eine seltene und bemerkenswerte Fähigkeit. Wir bilden uns vielleicht ein, wir hätten uns in der Hand; aber ein Freund könnte uns leicht Dinge über uns erzählen, von denen wir keine Ahnung haben. Selbst auf einer sogenannten hohen Zivilisationsstufe ist das menschliche Bewusstsein immer noch leicht verletzbar. Die Fähigkeit, einen Teil unserer Aufmerksamkeit zu isolieren, ist gewiss wertvoll, da sie uns befähigt, diese völlig auf einen einzigen Gegenstand zu richten und dabei alles andere auszuschliessen. Es besteht aber ein gewaltiger Unterschied zwischen der bewussten Entscheidung, einen Teil der Psyche zeitweise abzuspalten und zu unterdrücken, und einer Situation, in der dies spontan, ohne eigenes Wissen oder sogar gegen den eigenen Willen, passiert. Das erstere ist eine Errungenschaft der Zivilisation, das letztere ein primitiver «SeelenVerlust» oder sogar die Ursache einer Neurose. Vor diesem Hintergrund müssen wir die Bedeutsamkeit der Träume sehen - jener flüchtigen, ungewissen Gebilde. Um meinen Standpunkt klar-

Ein berühmtes Beispiel für eine Dissoziation gibt der schottische Schriftsteller R. L. Stevenson in seiner Erzählung «Dr. Jekylland Mr. Hyde». Dr. Jekylls «Spaltung» war nicht nur ein psychischer Zustand, sondern führte auch zu einer physischen Veränderung. Links: Mr. Hyde (aus dem Film, der 1932 nach der Erzählung gedreht wurde) - Jekylls «andere Hälfte». Primitive nennen die Dissoziation einen « Seelen vertust»; sie glauben, der Mertsch habe ausser seiner eigenen noch eine «Buschseele». Rechts: Ein Angehöriger des kongolesischen Nyanga-Stammes, der eine Nashornvogel-Maske trägt-des Vogels, den er mit seiner Buschseele identifiziert. Ganz rechts: Telephonistinnen bedienen beider Vermittlung viele Anrufer zur gleichen Zeit. In solchen Berufen müssen die Leute Teile ihres Bewusstseins «abspalten», um sich zu konzentrieren. Aber dies ist eine kontrollierte, zeitweise Spaltung, keine spontane, abnormale Dissoziation.


zumachen, möchte ich beschreiben, wie er sich allmählich entwickelt hat und wie ich endlich zu dem Schluss kam, dass Träume eine ständig und allgemein zugängliche Quelle für die UntersuchungdersymbolbildendenFähigkeitdesMenschen sind. Sigmund Freud war der erste, der auf empirische Weise den unbewussten Hintergrund unseres Bewusstseins erforschte. Er ging von der Annahme aus, dass Träume nicht zufällig erscheinen, sondern mit bewussten Gedanken und Problemen in Zusammenhang stehen. Diese Vermutung war keineswegs willkürlich. Sie basierte auf der Schlussfolgerung hervorragender Neurologen (zum Beispiel Pierre Janets), dass neurotische Symptome mit irgendeiner bewussten Erfahrung zusammenhängen. Sie scheinen sogar abgespaltene Teile des Bewusstseinsbereichs zu sein, die zu anderen Zeiten und unter anderen Bedingungen bewusst sein können. Vor Anfang dieses Jahrhunderts hatten Freud und Josef Breuer erkannt, dass neurotische Symptome - Hysterie, gewisse Arten von Schmerzen, abnormales Verhalten - in Wirklichkeit symbolisch bedeutsam sind. Sie sind, wie die Träume,

eine Ausdrucksform des Unbewussten und gleichermassen symbolisch. Ein Patient, der zum Beispiel in einer unerträglichen Lage ist, kann einen Krampf bekommen, der ihn am Trinken hindert: Er «kann es nicht schlucken». Ein anderer, der sich unter ähnlichem psychischem Druck befindet, leidet an einer sonderbaren Beinlähmung, das heisst: «Es geht so nicht weiter.» Wieder ein anderer, der sich beim Essen erbricht, kann eine unangenehme Sache «nicht verdauen». Ich könnte noch viele Beispiele dieser Art aufzählen; doch sind solche physische Reaktionen nur eine Form, wie sich belastende Probleme unbewusster Art ausdrücken können. Viel öfter zeigen sie sich in unseren Träumen. Jeder Psychologe, der eine gewisse Anzahl Träume sich hat erzählen lassen, weiss, dass Traumsymbole viel mannigfaltiger sind als die körperlichen Symptome einer Neurose. Oft bestehen sie aus höchst verfeinerten, malerischen Phantasien. Wenn jedoch der Analytiker, der sich diesem Traummaterial gegenübersieht, Sigmund Freuds Technik der «freien Assoziation» anwendet, merkt er, dass Träume auf gewisse grundlegende Themen zurückgeführt werden können. Diese


Technik spielte in der Entwicklung der Psychoanalyse eine wesentliche Rolle, denn sie ermöglichte es Freud, Träume als Ausgangspunkte zu benutzen, von denen aus das unbewusste Problem des Patienten erforscht werden konnte. Freud machte die einfache, aber durchschlagende Beobachtung, dass ein Träumer, den man ermutigt, über seine Träume und die damit zusammenhängenden Gedanken zu sprechen, den unbewussten Hintergrund seines Leidens verrät, und zwar durch das, was er sagt, und durch das, was er absichtlich verschweigt. Seine Ideen mögen zunächst unvernünftig und bedeutungslos scheinen, aber nach einiger Zeit kann man ziem1 2 3 4

Sigmund Freud (Wien) Otto Rank (Wien) Ludwig Binswanger (Kreuzlingen) A.A.Brill

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lich leicht erkennen, was der Patient verheimlichen will, welche unangenehmen Gedanken oder Erlebnisse er unterdrückt. Freud mass den Träumen besonderes Gewicht als Ausgangspunkt für die «freie Assoziation» zu. Aber es kam mir nach einiger Zeit so vor, als ob dies ein irreführender und unangemessener Gebrauch der reichen Phantasien war, die das Unbewusste im Schlaf produziert. Wirkliche Zweifel tauchten auf, als ein Kollege mir von einem Erlebnis erzählte, das er auf einer langen Eisenbahnfahrt durch Russland gehabt hatte. Obgleich er kein Russisch verstand und nicht einmal die kyrillische Schrift entziffern konnte, grübelte er über

Max Eitingon (Berlin) James J. Putnam (Boston) Ernest Jones (Toronto) Wilhelm Stekel (Wien)

9 Eugen Bleuler (Zürich) 10 Emma Jung (Küsnacht) 11 Sandor Ferenczi (Budapest) 12 CG. Jung (Küsnacht)


den fremden Buchstaben, die auf den Anschlagtafeln der Eisenbahn standen. Dabei verfiel er ins Träumen und gab in seiner Vorstellung diesen Zeichen die verschiedensten Bedeutungen. Eine Idee folgte der anderen, und in seiner entspannten Stimmung merkte er, dass diese «freie Assoziation» viele alte Erinnerungen wachgerufen hatte. Darunter befand sich ärgerlicherweise auch ein längst begrabenes unangenehmes Thema - Dinge, die er hatte vergessen wollen und bewusst auch vergessen hatte. Tatsächlich war er bei dem angelangt, was die Psychologen seine « Komplexe» nennen würden, das heisst, er unterdrückte emotionale Themen, die ständige psychische Störungen oder in vielen Fällen sogar neurotische Symptome hervorrufen können. Diese Episode öffnete mir die Augen dafür, dass es gar nicht notwendig war, einen Traum als Ausgangspunkt für «freie Assoziation» zu nehmen, wenn man die Komplexe eines Patienten entdecken wollte. Ich erkannte, dass man das Zentrum von allen Punkten des Kreises aus erreichen kann. Man könnte mit kyrillischen Buchstaben anfangen, mit Meditationen über ein Kristall, eine Gebetsmühle, ein modernes Gemälde oder auch mit einer beiläufigen Unterhaltung über ein ganz banales Ereignis. Der Traum war in dieser Beziehung nicht mehr und nicht weniger nützlich als irgendein anderer Ausgangspunkt. Nichtsdestoweniger haben Träume eine beson-

Links: Viele der grossen Pioniere der modernen Psychoanalyse, photographier t hei einem Psychoanalysekongress in Weimar, 1911. Der Schlüssel unten links bezeichnet einige der Hauptgestalten. Rechts: Der «Tintenklecks»-Test, erfunden von dem Schweizer Psychiater Hermann Rorschach. Die Form des Kleckses kann als Anreiz zur freien Assoziation dienen ; fast jede erdenkliche Form kann den Assoziationsprozess auslösen. Leonardo da Vinci schrieb in seinen Notizbüchern : «Es dürfte dir nicht schwerfallen, manchmal stehenzubleiben und die Flecken auf Mauern zu betrachten, oder Aschehaufen, Wolken, Schlamm oder ähnliches, worin du ganz erstaunliche Ideen finden kannst.»

dere Bedeutung, auch wenn sie oft aus einer emotionellen Verwirrung kommen, in welche die gewöhnlichen Komplexe auch verstrickt sind. (Die gewöhnlichen Komplexe sind die weichen Stellen der Psyche, die sehr schnell auf äussere Reize oder Störungen reagieren.) Die freie Assoziation kann daher von jedem Traum aus zu den kritischen geheimen Gedanken führen. Hierbei kam mir jedoch in den Sinn, dass deshalb vielleichtTräumeeineeigene, besondere und noch bedeutsamere Funktion hätten. Denn oft besitzen Träume eine ganz bestimmte, offenbar zweckmässige Struktur, die eine gewisse Absicht ahnen lässt - obwohl diese normalerweise nicht ohne weiteres zu erkennen ist. Ich überlegte deshalb, ob man nicht der tatsächlichen Form und dem Inhalt des Traumes mehr Aufmerksamkeit schenken sollte, statt sich von der «freien» Assoziation durch eine Reihe von Ideen zu Komplexen führen zu lassen, die man ebenso leicht mit anderen Mitteln erreichen konnte. Dieser neue Gedanke war ein Wendepunkt in der Entwicklung meiner Psychologie. Ich gab es allmählich auf, Assoziationen zu folgen, die weit vom Traumtext wegführten. Ich wollte eher auf die Assoziationen zum Traum selbst achten, da ich glaubte, dass dieser etwas Bestimmtes ausdrückte, was das Unbewusste zu sagen versuchte. Der Wechsel meiner Einstellung zum Traum brachte eine Veränderung der Methode mit sich;


die neue Technik stellte alle verschiedenen weiteren Aspekte des Traumes in Rechnung. Eine mit bewusstem Verstand erzählte Geschichte hat einen Anfang, eine Entwicklung und ein Ende; für den Traum gilt das nicht. Seine zeitlichen und räumlichen Dimensionen sind andere; um ihn zu verstehen, muss man ihn von verschiedenen Seiten aus untersuchen - ähnlich wie wenn man einen unbekannten Gegenstand in der Hand hält und ihn solange herumdreht, bis man mit seiner Form ganz vertraut ist. Das sind die Überlegungen, durch die ich allmählich von der «freien» Assoziation, wie Freud sie zuerst anwandte, Abstand nahm: Ich wollte so nahe wie möglich am Traum selbst bleiben und alle irrelevanten Vorstellungen und Assoziationen, die er womöglich hervorrufen könnte, ausschalten. Diese könnten zwar sicherlich zu den Komplexen eines Patienten führen; aber ich hatte einen weiter reichenden Zweck im Sinn als die Entdeckung von Komplexen, die neurotische Störungen verursachen. Es gibt viele andere Möglichkeiten, diese zu erkennen: Der Psychologe kann zum Beispiel alle Hinweise, die er benötigt, durch Anwendung von Wort-Assoziations-Tests bekommen (er fragt den Patienten, was dieser

Zwei verschiedene Anreize zur freien Assoziation: Die sich drehende Gebetsmühle eines tibetanischen Bettlers (links) oder die Kristallkugel einer Wahrsagerin (rechts; eine moderne Kristallseherin auf einem englischen Jahrmarkt).

zu einer gegebenen Wortgruppe assoziiert, und untersucht dann die Antworten). Aber um den psychischen Lebenslauf eines Menschen zu erkennen und zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass dessen Träume und ihre symbolischen Bilder eine weit wichtigere Rolle spielen. Fast jeder weiss zum Beispiel, dass es eine enorme Vielfalt von Bildern gibt, durch die der Geschlechtsakt symbolisch (oder in Form einer Allegorie) dargestellt werden kann. Jedes dieser Bilder kann mit Hilfe eines Assoziationsvorganges zur Vorstellung des Geschlechtsverkehrs und zu spezifischen Komplexen führen, die der einzelne über seine sexuellen Gewohnheiten haben mag. Aber ebensogut könnte man solche Komplexe freilegen durch einen Tagtraum über eine Reihe unentzifferbarer russischer Buchstaben. Ich nahm also an, ein Traum könne eine andere Mitteilung enthalten als eine sexuelle Allegorie, und zwar aus bestimmten Gründen, die ich näher erläutern möchte: Ein Mann träumt, er stecke einen Schlüssel in ein Schlüsselloch, schwinge einen schweren Stock oder ramme eine Tür mit einem Sturmbock ein. Jedes dieser Bilder kann als sexuelle Allegorie angesehen werden. Aber die Tatsache, dass sein


Unbewusstes aus gewissen Gründen eines dieser spezifischen Bilder ausgewählt hat - es kann der Schlüssel, der Stock oder die Ramme sein -, ist von besonderer Bedeutung. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, herauszufinden, warum der Schlüssel dem Stock oder der Stock dem Rammbock vorgezogen worden ist. Und manchmal kann das zu der Entdeckung führen, dass gar nicht der Geschlechtsakt, sondern ein ganz anderes psychologisches Thema gemeint ist. Hieraus ergab sich für mich, dass nur das Material, das ganz eindeutig Teil eines Traumes ist, für die Interpretation verwendet werden sollte. Der Traum zieht seine eigene Grenze. Seine besondere Form selbst entscheidet darüber, was zu ihm gehört und was von ihm wegführt. Während uns die «freie» Assoziation in einer Art Zickzacklinie vom Traummaterial weglockt, ist die Methode, die ich vorgeschlagen habe, eher eine Umkreisung, deren Zentrum das Traumbild bleibt. Ich arbeite um das Traumbild herum und beachte die AusweichversuchedesTräumersnicht. Immer wieder habe ich in meiner beruflichen Praxis wiederholen müssen: «Wir wollen auf Ihren Traum zurückkommen. Was sagt der Traum?» Einer meiner Patienten träumte einmal von einer

Eines der unzähligen symbolischen oder allegorischen Bilder für den Geschlechtsakt ist die Hirschjagd. Rechts: Detail eines Gemäldes des deutschen Malers Cranach (16. Jahrhundert).

betrunkenen, vulgären Frau mit aufgelösten Haaren. Im Traum schien es seine eigene Frau zu sein, obgleich seine wirkliche Frau völlig anders war. Oberflächlich betrachtet war der Traum daher schockierend unwahr, und der Patient wies ihn sofort als unsinnigzurück. Wenn ich ihn hätte assoziieren lassen, so hätte er bestimmt versucht, sich so weit wie möglich von der unangenehmen Aussage seines Traumes zu entfernen. In dem Falle wäre er dann schliesslich bei einem seiner Hauptkomplexe angelangt - möglicherweise einem Komplex, der mit seiner Frau gar nichts zu tun hatte -, und wir würden nichts über die spezielle Bedeutung dieses besonderen Traumes erfahren haben. Was aber wollte sein Unbewusstes mit einer so offensichtlich unwahren Feststellung sagen? Es handelte sich ja augenscheinlich um die Idee eines degenerierten Weiblichen, das mit dem Leben des Träumers eng verbunden war; aber da die Projektion dieses Bildes auf seine Ehefrau ungerechtfertigt und faktisch unrichtig war, musste ich anderswo suchen, bis ich herausfand, was dieses abstossende Bild darstellte. Im Mittelalter, lange bevor die Physiologen bewiesen, dass sich auf Grund unserer Drüsen-


Links: Teil eines Altargernäldes des flämischen Malers Campin (15. Jahrhundert) . Die Tür sollte die Hoffnung symbolisieren, das Schloss die Nächstenliebe und der Schlüssel die Sehnsucht nach Gott. Unten: Ein englischer Bischof weiht mit einer traditionellen Zeremonie eine Kirche ein: er klopft dabei an die Kirchentür mit eitlem Stab, der offensichtlich kein phallisches Symbol ist, sondern Sinnbild der Autorität und der Stab des Hirten. Kein individuelles symbolisches Bild hat eine dogmatisch fixierte, allgemeingültige Bedeutung.

Die «Anima» ist das weibliche Element im Unbewussten des Mannes. Die innere Dualität wird oft durch eine Zwitterfigur symbolisiert, wie der gekrönte Hermaphrodit (oben rechts) in einem alchimistischen Manuskript aus dem 17. Jahrhundert. Rechts: Eine physische Darstellung der psychischen «Bisexualität» des Menschen: Einemenschliche Zelle mit ihren Chromosomen, die von beiden Elternteilen stammen.

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struktur in jedem von uns männliche und weibliche Elemente befinden, sagte man: «Jeder Mann hat eine Frau in sich.» Dieses weibliche Element in jedem Mann habe ich als die «Anima» bezeichnet. Dieser «feminine» Aspekt besteht im wesentlichen in einer etwas minderwertigen Beziehung zur Umgebung, insbesondere zu Frauen, was man aber sorgfältig vor sich selbst und vor anderen verheimlicht. Mit anderen Worten: Wenn auch die sichtbare Persönlichkeit eines Menschen vielleicht ganz normal erscheint, so

kann dieser doch sehr wohl vor anderen - und sogar vor sich selber - den beklagenswerten Zustand der «inneren Frau» verbergen. Das war bei diesem Patienten der Fall: Seine weibliche Seite war durchaus nicht schön. Der Traum sagte ihm: «In gewisser Hinsicht benimmst du dich wie eine verkommene Frau», und gab ihm dadurch einen ordentlichen Schock. (Ein Beispiel dieser Art darf natürlich nicht als ein Zeichen dafür gewertet werden, dass sich das Unbewusste mit «moralischen» Mahnungen befasst. Der Traum sagte dem Patienten ja nicht, er solle sich «besser benehmen», sondern er versuchte nur, die schiefe Einstellung des Bewusstseins auszugleichen, das an der Fiktion festhielt, der Träumer sei ein perfekter Gentleman.) Man kann leicht verstehen, warum Menschen dazu neigen, die Botschaft ihrer Träume zu ignorieren oder sogar abzulehnen. Das Bewusstsein widerstrebt von Natur aus allem Unbewussten und Unbekannten. Wie ich schon erwähnt habe, besteht bei primitiven Völkern etwas, das die Anthropologen als «Misoneismus» bezeichnen, einetiefe,abergläubischeFurchtvorallem Neuen. Die Primitiven zeigen gegenüber unerwarteten Ereignissen die gleichen Reaktionen wie die wilden Tiere. Doch der «zivilisierte» Mensch reagiert auf neue Ideen in ganz ähnlicher Weise, indem er psychische Barrieren errichtet, um sich vor dem Schock des Neuen zu schützen. Dies kann man leicht an der Reaktion eines Menschen auf seine Träume beobachten, wenn er sich gezwungen sieht, einen überraschenden Gedanken zuzugeben. Viele Pioniere der Philosophie, der Naturwissenschaft und sogar der Literatur sind Opfer des eingefleischten Konservatismus ihrer Zeitgenossen geworden. Die Psychologie ist eine der jüngsten Wissenschaften; da sie versucht, sich mit der Tätigkeit des Unbewussten zu befassen, trifft sie unweigerlich auf Misoneismus in extremer Form.


Vergangenheit und Zukunft im Unbewussten

Bisher habe ich einige Prinzipien skizziert, die ich bei der Behandlung von Träumen angewendet habe; denn wenn wir die menschliche Fähigkeit zur Symbolbildung untersuchen wollen, erweisen sich Träume als das grundlegende und am leichtesten zugängliche Material für diesen Zweck. Für den Umgang mit Träumen sind zwei Punkte besonders wichtig: erstens sollte der Traum als Tatsache betrachtet werden, über die man im voraus keine Vermutungen anstellen darf ausser, dass hinter dieser Tatsache ein gewisser Sinn steht; und zweitens: ein Traum ist ein spezifischer Ausdruck des Unbewussten. Einerlei, wie gering man das Unbewusste einschätzen mag, man wird doch einräumen müssen, dass es der Untersuchung wert ist. Das Unbewusste steht zumindest auf gleicher Ebene mit einer Laus, die sich immerhin des aufrichtigen Interesses der Insektenforscher erfreut. Wenn jemand mit geringer Kenntnis die Träume für bedeutungslose, chaotische Geschehnisse hält, so mag er das tun. Nimmt man aber an, sie seien

normale Vorkommnisse (was sie ja tatsächlich sind), so muss man sie entweder als kausal ansehen - das heisst, es muss eine rationale Ursache für ihr Vorhandensein geben - oder ihnen einen gewissen Zweck zuschreiben, oder auch beides. Wir wollen jetzt etwas näher betrachten, auf welche Weise die bewussten und unbewussten Inhalte miteinander verbunden sind. Nehmen wir ein bekanntes Beispiel: Man kann sich plötzlich nicht mehr erinnern, was man sagen wollte, obwohl der Gedanke kurz vorher noch völlig klar war. Oder der Name eines Freundes entfällt einem in dem Moment, wo man ihn aussprechen will. Wir sagen, wir könnten uns nicht erinnern; aber in Wirklichkeit ist der Gedanke unbewusst geworden oder hat sich wenigstens zeitweise vom Bewusstsein getrennt. Eine ähnliche Erscheinung gibt es bei unseren Sinnen: Wenn wir einen Dauerton an der Grenze der Hörbarkeit wahrnehmen, scheint der Ton in regelmässigen Abständen aufzuhören und wiederzukehren. Solche Schwankungen sind aber nicht einer Veränderung des Tones, sondern dem periodischen Nachlassen und Zunehmen der Aufmerksamkeit zuzuschreiben. Wenn etwas aus unserem Bewusstsein verschwindet, hört es damit nicht auf, zu existieren, genausowenig wie ein Auto, das um eine Ecke gefahren ist, sich in Luft aufgelöst hat. Es ist nur nicht mehr sichtbar. Ebenso wie wir dem Auto vielleicht wieder begegnen, kommen auch Gedanken


wieder, die uns zeitweise verlorengegangen sind. Ein Teil des Unbewussten besteht also aus einer Menge zeitweise entschwundener Gedanken, Eindrücke, Bilder, die unser Bewusstsein ständig beeinflussen. Jemand, der zerstreut oder «geistesabwesend» ist, geht durch ein Zimmer, um etwas zu holen. Er bleibt plötzlich stehen, scheinbar bestürzt; er hat vergessen, was er holen wollte. Seine Hände greifen wie schlafwandlerisch zwischen den Gegenständen auf dem Tisch umher; er hat seine ursprüngliche Absicht vergessen, aber unbewusst wird er von ihr geführt. Dann fällt ihm auf einmal wieder ein, was er vorhatte. Sein Unbewusstes hat es ihm eingegeben. Ein neurotischer Mensch scheint viele Dinge durchaus bewusst und planvoll zu tun. Fragt man ihn aber danach, was er gerade macht, so stellt sich heraus, dass er es entweder nicht weiss oder aber etwas ganz anderes im Sinn hatte. Dafür gibt es viele Beispiele, und der Fachmann merkt bald, dass unbewusste geistige Inhalte sich scheinbar so verhalten, als wären sie bewusst; man kann daher in solchen Fällen nie sicher sein, ob Gedanken, Worte oder Handlungen wirklich bewusst sind oder nicht. Ein derartiges Verhalten veranlasst viele Ärzte dazu, Berichte hysterischer Patienten als glatte Lügen abzuweisen. Solche Menschen sagen sicher mehr Unwahrheiten als die meisten von uns, aber «Lüge» ist kaum das richtige Wort dafür. Ihr Geisteszustand verursacht tatsächlich eine gewisse Unsicherheit des Verhaltens, weil ihr Be-

wusstsein häufig durch eine unvorhergesehene Einmischung des Unbewussten verdunkelt wird. Selbst ihre Hautempfindungen können ähnliche Wahrnehmungsschwankungen aufweisen. In gewissen Momenten spürt die hysterische Person, wenn man sie mit einer Nadel in den Arm sticht; in anderen Augenblicken merkt sie nichts davon. Wenn man die Aufmerksamkeit des Patienten auf einen bestimmten Punkt lenkt, dann ist unter Umständen der ganze Körper vollkommen betäubt, bis die Spannung vorüber ist, die diese Verdunkelung der Sinne verursacht hat. Die sinnliche Wahrnehmung ist dann sofort wiederhergestellt. Die ganze Zeit war die Person jedoch unbewusst über alles im Bilde, was geschah. Der Arzt kann diesen Vorgang klar erkennen, wenn er einen solchen Patienten hypnotisiert. Es lässt sich dann leicht nachweisen, dass der Patient jede Einzelheit bemerkt hat. Der Stich in den Arm oder die Bemerkung, die während einer Verdunkelung des Bewusstseins gefallen ist, kann so genau wiedergegeben werden, als ob der Zustand der Anästhesie oder «Vergesslichkeit» gar nicht bestanden hätte. Ich erinnere mich an eine Frau, die ohnmächtig in die Klinik eingeliefert wurde. Als sie am nächsten Tag wieder zu Bewusstsein kam, wusste sie zwar, wer sie war, aber nicht, wo sie war und wie, wann und warum man sie dorthin gebracht hatte. Als ich sie aber hypnotisierte, erzählte sie mir, woran sie erkrankt war und wer sie in die Klinik eingeliefert hatte. Alle diese Einzelheiten wurden bestätigt. In der Hyp-

«Misoneismus» war der Grund dafür, dass 1925 der amerikanische Schullehrer Scopes wegen Verbreitung der Evolutionstheorien Darwins vor Gericht gestellt wurde. Ganz links: Der Verteidiger Clarence Darrow während der Verhandlung. Zentrum links: Scopes vor dem Gericht. Links: Antidarwinistische Karikatur in der englischen Zeitschrift «Punch» aus dem Jahre 1861: Bin ich ein Mensch und ein Bruder? Rechts: Der amerikanische Humorist James Thurber betrachtete den Misoneismus von der spassigen Seite. Seine Tante, so schrieb er, hatte Angst, der elektrische Strom würde «auslaufen und sich im ganzen Zimmer verteilen».

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nose war ihre Erinnerung so klar, als ob sie die ganze Zeit über bei Bewusstsein gewesen wäre. Bei der Erörterung solcher Themen müssen wir gewöhnlich Beispiele benutzen, die aus dem Bereich der klinischen Erfahrung stammen. Deshalb meinen viele Kritiker, das Unbewusste und seine subtilen Manifestationen gehörten einzig und allein in den Wirkungskreis der Psychopathologie. Sie betrachten jede Äusserung des Unbewussten als etwas Neurotisches oder Psychotisches, das mit einem normalen Geisteszustand nichts zu tun hat. Aber neurotische Phänomene sind keineswegs nur Krankheitserscheinungen. Sie sind in Wirklichkeit nicht mehr als pathologische Übertreibungen von normalen Vorkommnissen; nur weil es Übertreibungen sind, fallen sie mehr ins Auge. Hysterische Symptome kann man bei allen normalen Menschen beobachten; da sie aber unbedeutend sind, bemerkt man sie meistens nicht. Das Vergessen zum Beispiel ist ein normaler Vorgang, wobei gewisse bewusste Vorstellungen ihre spezifische Energie verlieren, weil unsere Aufmerksamkeit abgelenkt worden ist. Wenn sich das Interesse anderswohin wendet, bleiben die Dinge, mit denen man sich vorher beschäftigt hat, im Schatten. Das ist unvermeidlich, denn das Bewusstsein kann nur wenige Bilder zur gleichen Zeit einigermassen klar sehen. Die vergessenen Vorstellungen haben jedoch nicht aufgehört zu existieren. Wenn sie auch nicht nach Belieben reproduziert werden können,

sind sie doch unterhalb der Bewusstseinsschwelle vorhanden, von wo aus sie jederzeit spontan, oft nach Jahren scheinbar völliger Vergessenheit, wieder heraufkommen können. Ich spreche hier von solchen Dingen, die wir bewusst gesehen oder gehört, aber wieder vergessen haben. Wir alle sehen, hören, riechen und schmecken vieles, was wir gar nicht bemerken, entweder weil unsere Aufmerksamkeit gerade abgelenkt ist oder weil der sinnliche Reizzu schwach ist, um einen bewussten Eindruck zu hinterlassen. Das Unbewusste aber hat es doch bemerkt, und solche unterschwelligen Sinneswahrnehmungen spielen in unserem Alltagsleben eine wichtige Rolle. Sie beeinflussen uns mehr, als wir wissen. Ein Beispiel hierfür lieferte ein Professor, der mit einem seiner Studenten, in ernste Unterhaltung vertieft, einen Spaziergang machte. Plötzlich wurden seine Gedanken durch einen unerwarteten Strom von Kindheitserinnerungen unterbrochen. Er konnte sich diese Ablenkung nicht erklären. Nichts von dem, was er gerade gesagt hatte, schien zu diesen Erinnerungen in irgendeiner Beziehung zu stehen. Als er sich umblickte, sah er, dass er an einem Bauernhof vorbeigegangen war, als ihm diese Erinnerungen gekommen waren. Er schlug dem Studenten vor, gemeinsam bis zu der Stelle zurückzugehen, wo die Phantasien begonnen hatten. Als sie dort waren, stieg ihm der Geruch von Gänsen in die Nase, und sofort war ihm klar, dass dieser Geruch seine Erinnerungen aufgestöbert hatte. In Fällen von extremer Massenhysterie (diemanfrüher «Besessenheit» nannte) scheinen der Verstand und die normale Sinneswahrnehmung verdunkelt zusein. Links: Die Raserei eines balinesischen Schwerttanzes lässt die Tänzerin Trance geraten und manchmal sogar die Waffe gegen sich selbst richten. Rechts: Manche moderne Tänze scheinen bei den Tänzern einen vergleichbaren Trancezustand hervorzurufen.


Bei Primitiven bedeutet «Besessenheit», dass ein Gott oder Dämon den menschlichen Körper ergriffenhat. Oben links: Eine haitianische Frau ist in religiöser Ekstase zusammengebrochen. Oben Zentrum und rechts: Haitianer, die vom Gott Ghede besessen sind, der sich immer in dieser Position - mit gekreuzten Beinen, eine Zigarette im Mund - manifestiert. Links: Bei einem religiösen Kult im heutigen Tennessee,USA, wird durch Musik, Gesang und Händeklatschen Hysterie erzeugt; dann geben die Leute Giftschlangen von Hand zu Hand. (Manchmal erleiden Teilnehmer dabei tödliche Bisswunden.)


In seiner Jugend hatte er auf einem Bauernhof gelebt, wo auch Gänse waren, und ihr typischer Geruch hatte einen dauernden, wenn auch vergessenen Eindruck bei ihm hinterlassen. Als er auf seinem Spaziergang an dem Bauernhof vorbeikam, hatte er unbewusst den Geruch bemerkt, und diese Wahrnehmung hatte längst vergangene Kindheitserlebnisse wachgerufen. Einsolcher «Stichwort »-oder «Auslöser »-Effekt erklärt gleichermassen den Angriff neurotischer Symptome wie auch ungefährlicher Erinnerungen. Zum Beispiel kann ein junges Mädchen emsig im Büro tätig sein, offenbar gesund und guter Dinge. Im nächsten Moment bekommt sie rasende Kopfschmerzen und macht einen sehr niedergeschlagenen Eindruck. Ohne es bewussf wahrzunehmen, hat sie das Nebelhorn eines fernen Schiffes gehört, das sie an den Abschied von ihrem Freund erinnerte, den sie vergessen wollte. Ausserdemnormalen Vergessen hat Freud etliche Fälle von «Vergessen» unangenehmer Erinnerungen beschrieben, Erinnerungen, die man nur zu gern loswerden möchte. Wie Nietzsche sagt, gibt das Gedächtnis nach, wenn der Stolz hart-

näckig genug ist. Bei solchen Fällen spricht der Psychologe von verdrängten Inhalten. Ein Beispiel kann das illustrieren: Eine Sekretärin, die eifersüchtig auf eine andere Mitarbeiterin ihres Arbeitgebers ist, vergisst immer wieder, diese zu Versammlungen einzuladen, obgleich sie den Namen auf ihrer Liste deutlich vermerkt hat. Wenn sie wegen ihres Versäumnisses zur Rechenschaft gezogen wird, behauptet sie einfach, sie hätte es ganz «vergessen» oder sei. «unterbrochen» worden. Nie gibt sie zu, auch vor sich selber nicht, welches der wahre Grund für ihr Versehen ist. Viele Menschen überschätzen die Rolle der Willenskraft und meinen, sie seien völlig Herr ihrer Entscheidungen. Man muss aber sorgfältig zwischen beabsichtigten und unbeabsichtigten Handlungen unterscheiden. Die ersteren stammen von der Ego-Persönlichkeit; die letzteren jedoch kommen aus einer Quelle, die nicht mit dem Ego identisch ist, sondern dessen «andere Seite» darstellt. Diese «andere Seite» ist es, welche die Sekretärin die Einladungen vergessen Hess.

Die Spielzeugautos, die in dieser Anzeige die Volkswagen-Fabrikmarke bilden, können auf den Leser einen «Auslöser»-Effekt haben, indem sie Kindheitserinnerungen in ihm hervorrufen. Sind diese Erinnerungen angenehm, so werden sie möglicherweise mit dem Produkt und dem Warenzeichen unbewusst verbunden.


Es gibt viele Gründe dafür, warum wir Dinge vergessen, die wir bemerkt oder erfahren haben; und es gibt ebenso viele Möglichkeiten, sie wieder ins Bewusstsein zu rufen. Ein interessantes Beispiel hierfür ist die Kryptomnesie oder «Erinnerung aus dem Verborgenen». Beispielsweise schreibt ein Autor nach einem vorbedachten Plan und entwickelt die Handlung einer Geschichte, aber ganz plötzlich springt er vom Thema ab. Vielleicht ist ihm eine neue Idee gekommen, ein anderes Bild oder eine völlig neue Nebenhandlung. Wenn man ihn fragt, wodurch diese Abweichung verursacht worden ist, kann er es nicht sagen. Möglicherweise hat er die Veränderung nicht einmal wahrgenommen, obwohl er jetzt einen Stoff produziert hat, der ihm vorher offenbar unbekannt war. Aber mitunter kann man überzeugend nachweisen, dass das Geschriebene eine auffallende Ähnlichkeit mit dem Werk eines anderen Autors hat - einem Werk, das er nie gelesen zu haben glaubt. Ich selbst fand ein auffälliges Beispiel hierfür in Nietzsches «Also sprach Zarathustra», wo der Autor fast wörtlich einen Vorfall schildert, der in einem Schiffslogbuch aus dem Jahre 1686 aufgezeichnet ist. Rein zufällig hatte ich dieses Seemannsgarn in einem Buch gelesen, das um 1835 (ein halbes Jahrhundert bevor Nietzsche schrieb) erschienen war; als ich den gleichen Abschnitt in «Also sprach Zarathustra» fand, war ich verwundert über den eigentümlichen Stil, der Nietzsches gewöhnlicher Sprache ganz unähnlich war. Ich war überzeugt, dass Nietzsche dieses alte Buch auch gekannt haben musste, obwohl er nichts davon erwähnte. Ich schrieb an seine damals noch lebende Schwester, die mir bestätigte, dass sie und ihr Bruder das Buch, als er elf Jahre alt war, tatsächlich gelesen hatten. Vom Kontext her ist kaum anzunehmen, dass Nietzsche diese Geschichte bewusst plagiiert hat. Ich glaube vielmehr, dass sie nach fünfzig Jahren unerwartet wieder in den Brennpunkt seines Denkens geraten war. Was ich bisher über das Unbewusste gesagt habe, ist nur eine flüchtige Skizze der Natur und Arbeitsweise dieses komplexen Teils der menschlichen Psyche. Aber es dürfte schon die Beschaffenheit dieses unbewussten Seelenteiles gezeigt

haben, aus dem die Symbole unserer Träume spontan produziert werden können. Dieses unbewusste Material kann aus allen möglichen Trieben, Impulsen und Absichten bestehen, aus Wahrnehmungen und Intuitionen, ausrationalen und irrationalen Gedanken, Voraussetzungen, Schlussfolgerungen und aus allen Arten von Gefühlen. Jede von diesen oder auch alle zusammen können teilweise, für gewisse Zeit oder auch ständig unbewusst sein. Ein solches Material ist meistens deshalb unbewusst geworden, weil dafür im Bewusstsein sozusagen kein Platz ist. Einige unserer Gedanken verlieren ihre emotionale Energie und fallen ins Unbewusste (das heisst^wir beachten sie nicht mehr), weil sie allmählich uninteressant oder unwichtig geworden sind oder weil wir bestimmte Gründe haben, sie ausser Sichtweite zu bringen. Es ist tatsächlich normal und auch notwendig für uns, auf diese Weise zu «vergessen», um in unserem Bewusstsein Raum für neue Eindrücke und Ideen zu schaffen. Wenn dies nicht geschähe, dann würde alles, was wir je erlebt haben, oberhalb der Schwelle des Bewusstseins bleiben, und unser Kopf würde vollkommen überlastet. Da dieses Phänomen heute weithin bekannt ist, nehmen die meisten Menschen es als gegeben hin. Aber ebenso wie bewusste Inhalte im Unbewussten verschwinden können, so können auch neue Inhalte, die nie zuvor bewusst waren, aus dem Unbewussten aufsteigen. Man kann zum Beispiel eine dunkle Ahnung haben, irgend etwas sei im Begriff, in das Bewusstsein einzubrechen - etwas «liegt in der Luft», oder man «riecht den Braten». Die Entdeckung, dass das Unbewusste kein blosser Ablageplatz für das Vergangene, sondern auch voll.von Keimen für zukünftige psychische Situationen und Ideen ist, führte mich zu einer neuen psychologischen Betrachtungsweise. Um diesen Punkt sind schon viele Streitgespräche entbrannt. Aber es bleibt eine Tatsache, dass zusätzlich zu Erinnerungen aus weit entfernter bewusster Vergangenheit gänzlich neue Gedanken und schöpferische Ideen aus dem Unbewussten hervorkommen können - Gedanken und Ideen, die nie zuvor bewusst gewesen sind. Sie wachsen aus den dunklen Tiefen des Geistes wie Lotosblumen und bilden einen äusserst wichtigen Be-


standteil der unbewussten Psyche. Wir sehen dies im täglichen Leben, wenn Probleme manchmal durch die erstaunlichsten neuen Vorschläge gelöst werden. Viele Künstler, Philosophen und sogar Naturwissenschaftler verdanken einige ihrer besten Ideen solchen Inspirationen, die plötzlich aus dem Unbewussten kommen. Die Fähigkeit, eine derartige Ader mit so reichhaltigem Material zu entdecken und wirksam in Philosophie* Literatur, Musik oder naturwissenschaftliche Entdeckung zu übertragen, ist eines der Kennzeichen dessen, was man gewöhnlich als Genie bezeichnet. Beweise dafür finden wir in der Geschichte der Naturwissenschaft und Kunst. Zum Beispiel verdanktenderfranzösischeMathematikerPoincare und der Chemiker Kekule wichtige wissenschaftliche Entdeckungen zugegebenermassen solchen plötzlichen bildhaften «Offenbarungen» aus dem

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ausführlicher geieigt w e r d e n wird, alle die Verbindungen

1689.

Unbewussten. Das sogenannte «mystische» Erlebnis des französischen Philosophen Descartes beruhte auf einer ähnlichen Enthüllung, in der er blitzartig die «Ordnung aller Wissenschaften» erkannte. Der englische Schriftsteller Robert Louis Stevenson hatte Jahre mit der Suche nach einer Geschichte verbracht, die seiner «starken Empfindung der zweiseitigen Natur des Menschen» entsprach, als ihm unerwartet in einem Traum die Handlung von «Dr. Jekyll und Mr. Hyde» enthüllt wurde. Ich werde später noch ausführlicher beschreiben, wie solches Material aus dem Unbewussten aufsteigt und in welcher Form es erscheint. Zunächst möchte ich nur auf die Wichtigkeit der Traumbilder und -ideen für die Traumsymbolik hinweisen ; sie drücken oft ganz neue Gedanken aus, die nie zuvor ins Bewusstsein gelangt sind.

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Der deutsche Chemiker Kekule, der im 19. Jahrhundert die Molekularstruktur des Benzols untersuchte, träumte von einer Schlange, die ihren Schwanz im Maul hatte. (Dies ist ein jahrhundertealtes Symbol; links: eine Darstellung davon in einem griechischen Manuskript aus dem 3. Jahrhundert v. Chr.). Er deutete den Traum so, dass die Struktur ein geschlossener Ring sei wie auf einer Seite (ganz links) seines «Lehrbuchs der organischen Chemie» (1861). Rechts: Eine gewöhnliche europäische Landstrasse mit einem bekannten Verkehrsschild, das «Wildwechsel» bedeutet. Aber die Autofahrer sehen einen Elefanten, ein Rhinozeros und sogar einen Dinosaurier. Dieses Bild eines Traumes (das der Schweizer Maler Erhard Jacöby gemalt hat) schildert genau den scheinbar unlogischen, unzusammenhängenden Charakter von Traumbildern.


Die Funktion der Träume

Ich bin etwas ausführlicher auf die Ursprünge unseres Traumlebens eingegangen, weil dies der Boden ist, aus dem die meisten Symbole hervorwachsen. Leider sind Träume schwer zu verstehen. Wie ich bereits dargelegt habe, ist ein Traum von einer mit Bewusstsein erzählten Geschichte völlig verschieden. Im täglichen Leben überlegt man sich vorher, was man erzählen will, wählt die effektvollste Erzählweise und versucht, alles in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Ein gebildeter Mensch wird möglichst alle Unklarheiten in seinem Bericht vermeiden. Aber Träume sind ganz anders angeordnet. Widersprüchlich und lächerlich erscheinende Bilder drängen sich dem Träumer auf, man verliert

vollkommen den normalen Zeitsinn, und ganz gewöhnliche Dinge können einen faszinierenden oder auch bedrohlichen Aspekt bekommen. Es mag seltsam scheinen, dass das Unbewusste sein Material so verschieden von der scheinbar übersichtlichen Anordnung aufreiht, die wir unseren Gedanken im wachen Leben auferlegen können. Aber jeder, der sich einen Traum in Erinnerung ruft, wird diesen Kontrast bemerken, der in Wirklichkeit der Hauptgrund dafür ist, warum der normale Mensch die Träume so schwer verständlich findet. Unter den Bedingungen seiner bewussten Erfahrungen ergeben sie keinen Sinn, und daher ist er geneigt, sie entweder nicht zu beachten oder zuzugeben, dass sie ihn verwirren. Vielleicht ist dies leichter zu begreifen, wenn wir uns zunächst einmal klarmachen, dass die Vorstellungen, mit denen wir es in unserem anscheinend geordneten Leben zu tun haben, keineswegs so präzis sind, wie wir gern annehmen. Im Gegenteil, ihre Bedeutung (und ihr Gefühlsgehalt) wird immer ungenauer, je näher wir sie untersuchen. Ein Grund dafür ist, dass alles, was wir gehört und erlebt haben, unbewusst werden kann. Und selbst das, was wir in unserem Bewusstsein zu-


rückbehalten und nach Belieben reproduzieren können, hat oft einen unbewussten Unterton bekommen und färbt die Vorstellung leicht um. Unsere bewussten Eindrücke nehmen sehr leicht ein Element unbewusster Bedeutung an, das für uns psychisch wichtig ist, obgleich wir uns der Existenz dieser unbewussten Bedeutung und der Art, wie sie die konventionelle Bedeutung teils erweitert und teils verwischt, gar nicht bewusst sind. Natürlich sind diese psychischen Untertöne bei jedem Menschen verschieden. Jeder von uns hat seine eigenen Vorstellungen, die er individuell begreift und anwendet. Wenn ich in einem Gespräch Begriffe wie «Staat», «Geld», «Gesundheit» oder «Gesellschaft» verwende, nehme ich an, meine Zuhörer verständen darunter mehr oder weniger das gleiche wie ich. Aber die Einschränkung «mehr oder weniger» ist das, worauf ich hinauswill. Jedes Wort hat für verschiedene Menschen auch einen etwas verschiedenen Sinn, selbst unter Leuten, die denselben kulturellen Hintergrund haben. Der Grund für diese Verschiedenheit liegt darin, dass ein allgemeiner Begriff, der in einen individuellen Rahmen aufgenommen wird, immer auch leicht individuell verstanden und angewendet wird. Natürlich sind die Bedeutungsunterschiede dann am grössten, wenn Menschen verschiedene soziale, politische, religiöse oder psychologische Erfahrungen haben. Solange Begriffe mit blossen Worten identisch sind, ist ein Unterschied kaum bemerkbar und spielt praktisch keine Rolle. Wenn aber eine exakte Definition oder eine sorgfältige Erklärung notwendig ist, kann man oft die erstaunlichsten Abweichungen feststellen, und zwar nicht nur im rein intellektuellen Verständnis, sondern auch im Gefühlston und der Anwendung des betreffenden Ausdrucks. Gewöhnlich bleiben diese Variationen allerdings unbewusst und werden deshalb nicht wahrgenommen. Man mag diese Unterschiede als unerhebliche Bedeutungsnuancen abtun, die für den alltäglichen Gebrauch nicht ins Gewicht fallen. Aber die Tatsache ihres Vorhandenseins zeigt, dass sogar die selbstverständlichsten Bewusstseinsinhalte einen Schatten von Ungewissheit an sich haben. Auch ein äusserst sorgfältig definiertes philo-

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sophisches oder mathematisches Konzept, das unserer Ansicht nach nicht mehr enthält, als wir hineingelegt haben, ist trotzdem wesentlich inhaltsreicher, als wir annehmen. Es ist ein psychisches Ereignis und als solches teilweise undurchschaubar. Selbst einfache Zahlen sind mehr, als man gewöhnlich weiss. Sie sind gleichzeitig mythologische Elemente (den Pythagoräern waren sie sogar heilig); aber daran denkt man sicher nicht, wenn man sie für einen praktischen Zweck verwendet. Kurz gesagt, jeder Begriff in unserem Bewusstsein hat seine eigenen psychischen Assoziationen. Solche Assoziationen können in ihrer Intensität


Weitere Beispiele für die irrationale, phantastische Natur der Träume: (oben links) Eulen und Fledermäuse überfliegen einen träumenden Mann. (Radierung des spanischen Malers Goya, 18. Jahrhundert.)

Links: Ein Drache verfolgt einen Träumer, auf einem Holzschnitt aus «Der Traum des Poliphilo», einer Phantasie, die im 15. Jahrhundert der italienische Mönch Francesco Colonna schrieb.

Oben: «Die Zeit ist ein Flüss ohne Ufer», Gemälde von Marc Chagall. Die ungewohnte Zusammenstellung dieser Bilder-Fisch, Geige, Uhr, Liebespaarhat Traumcharakter.

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Der mythologische Aspekt gewöhnlicher Zahlen erscheint auf Maya-Reliefs (ganz oben; etwa 730 n. Chr.), in Jenen zeitliche Einteilungen als Götter dargestellt sind. Die Punktepyramide (oben) zeigt die Tetraktys der pythagoräischen Philosophie (6. Jahrhundert v. Chr.). Sie enthält vier Zahlen -1,2, 3, 4 die zusammen 10 ergeben. Die 4 und die 10 wurden von den Pythagoräern als Gottheiten verehrt.

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variieren (entsprechend der relativen Wichtigkeit des betreifenden Begriffs für unsere ganze Persönlichkeit, oder den anderen Ideen, vielleicht auch Komplexen entsprechend, mit denen er in unserem Unbewussten verknüpft ist), sind aber jedenfalls imstande, den «normalen» Charakter des Begriffs zu verändern. Diese unterschwelligen Aspekte all dessen, was uns passiert, spielen scheinbar eine ganz unwesentliche Rolle in unserem alltäglichen Leben. Aber in der Traumanalyse, wo der Psychologe mit Ausdrucksformen des Unbewussten zu tun hat, sind sie höchst bedeutsam, denn sie bilden die fast unsichtbaren Wurzeln unserer bewussten Gedanken. Ganz gewöhnliche Dinge oder Ideen haben manchmal in einem Traum eine so grosse psychische Bedeutung, dass wir völlig verstört erwachen, obwohl wir von nichts Schlimmerem als einer verschlossenen Tür oder einem verpassten Zug geträumt haben. Die Traumbilder sind wesentlich malerischer und lebhafter als die Begriffe und Erfahrungen der bewussten Wirklichkeit. Das liegt zum Teil daran, dass im Traum solche Begriffe ihre unbewusste Bedeutung offenbaren. In unseren bewussten Gedanken sperren wir uns selbst in die Grenzen rationaler Feststellungen ein, die viel weniger farbig sind, weil wir sie eines grossen Teils ihrer psychischen Assoziationen beraubt haben: Ich erinnere mich an einen meiner eigenen Träume, den ich schwierig zu interpretieren fand. In

diesem Traum versuchte ein Mann, mir von hinten auf den Rücken zu springen. Ich wusste von diesem Mann nicht mehr, als dass er einmal eine Bemerkung von mir aufgeschnappt und ihre Bedeutung grotesk verzerrt hatte. Aber ich konnte keinen Zusammenhang entdecken zwischen dieser Tatsache und seinem Versuch, mir im Traum auf den Rücken zu springen. In meinem beruflichen Leben ist es jedoch schon oft passiert, dass jemand verdrehte, was ich gesagt hatte - so oft, dass ich mir kaum Gedanken gemacht habe, ob ich mich über solche Entstellungen wirklich ärgern sollte. Es hat einen gewissen Wert, seine emotionellen Reaktionen unter bewusster Kontrolle zu halten; und wie ich bald merkte, wollte der Traum darauf hinaus. Er hatte eine österreichische Redensart benutzt und diese in ein anschauliches Bild übersetzt. Diese Redensart heisst: «Du kannst mir auf den Buckel steigen» und bedeutet: «Was du über mich sagst, interessiert mich nicht.» Dieses Traumbild könnte man als symbolisch bezeichnen, denn es stellte den Sachverhalt nicht direkt, sondern indirekt fest, durch.eine Metapher, die ich zunächst nicht verstand. Dies geschieht häufig, bedeutet aber nicht, dass der Traum sich sozusagen «maskiert». Es zeigt vielmehr unseren Mangel an Verständnis für eine gefühlsbeladene bildhaft'e Sprache. In unserem täglichen Umgang mit Menschen müssen wir uns so genau wie möglich ausdrücken; dabei ent-

Nicht nur Zahlen, sondern auch Steine und Bäume können für viele Menschen eine symbolische Bedeutung haben. Links: Grosse Steine, die in der Nähe einer Strasse in Indien von Reisenden aufgestellt worden sind, stellen das Ungarn dar, das hinduistische Phallussymbol der Schöpferkraft. Rechts: Ein Baum in Westafrika, den die Eingeborenen «ju-ju» oder Geist bäum nennen und dem sie magische Kraft zuschreiben. 43


ziehen wir unserer Sprache und unseren Gedanken alle Phantasie und verlieren damit eine Eigenschaft, die für den primitiven Geist immer noch typisch ist. Die meisten von uns haben all die phantastischen psychischen Assoziationen, die jedem Gegenstand und jeder Idee zugehören, ganz dem Unbewussten anheimgegeben. Der Primitive jedoch nimmt diese psychischen Eigenarten immer noch wahr; er stattet Tiere, Pflanzen und Steine mit Kräften aus, die uns unverständlich sind. Ein afrikanischer Dschungelbewohner sieht ein Nachttier bei Tageslicht und «weiss», es ist eigentlich ein Medizinmann, der nur vorübergehend diese Gestalt angenommen hat. Oder er betrachtet es als die Buschseele oder den Geist eines Stammesahnen. Ein Baum kann eine wesentliche Rolle im Leben eines Primitiven spielen, da er scheinbar seine eigene Seele und Stimme besitzt, und der betreffende Mensch fühlt, er teilt das Schicksal des Baumes. In Südamerika gibt es Indianer, die versichern, sie seien rote AraraPapageien, obgleich sie natürlich sehen, dass sie keine Federn, Flügel und Schnäbel haben. In der Welt der Primitiven haben die Dinge keine so scharfe Abgrenzung wie in unserer «vernünftigen» Gesellschaft. Was Psychologen als psychische Identität oder «participation mystique» bezeichnen, ist aus unserer Tatsachen weit verschwunden. Aber gerade diese unbewussten Assoziationen sind es, die der Weit der Primitiven ein so farbiges und phantasievolles Aussehen geben. Wir selbst haben diesen Aspekt so völlig verloren, dass wir ihn sogar nicht mehr erkennen, wenn wir ihm wieder be-

gegnen. Tritt er gelegentlich in Erscheinung, dann behaupten wir, irgend etwas sei nicht in Ordnung. Mehr als einmal bin ich von intelligenten und gebildeten Leuten konsultiert worden, die merkwürdige und teilweise erschreckende Träume, Phantasien oder auch Visionen hatten. Sie glaubten, keingeistig gesunder Mensch könne derartige Träume haben, und jemand, der eine Vision habe, sei offenbar geistesgestört. Ein Theologe sagte mir einmal, die Visionen Ezechiels wären nichts anderes als Krankheitssymptome gewesen, und als Moses und andere Propheten «Stimmen» hörten, hätten sie Halluzinationen gehabt. Man kann sich vorstellen, welchen panischen Schrekken er bekam, als ihm selbst einmal «spontan» etwas ähnliches geschah. Wir sind so sehr an die scheinbar vernünftige Beschaffenheit unserer Welt gewöhnt, dass wir uns kaum etwas vorstellen können, das nicht mit dem gesunden Menschenverstand zu erklären wäre. Wenn ein Primitiver einem solchen Schock ausgesetzt wäre, würde er nicht an seinem Geisteszustand zweifeln, sondern an Fetische, Geister oder Götter denken. Allerdings sind die Schrecken, die unsere hochentwickelte Zivilisation hervorbringt, wahrscheinlich wesentlich bedrohlicher als diejenigen, die primitive Völker den Dämonen zuschreiben. Die Einstellung des modernen Menschen erinnert mich manchmal an einen psychotischen Patienten in meiner Klinik, der selber Arzt war. Als ich ihn eines Morgens fragte, wie es ihm ginge, sagte er, er hätte eine wunderbare Nacht gehabt und den ganzen Himmel mit Quecksilber-

•id [engl, lou], t L o n d o n 1963.. t; scharfe [polifc.j kurzen dynam. iir die Zeitschrif,,Daily Herald", •uardian"); schuf [ul t rakonser va timp.

Links: Ein Zauberer aus Kamerun, der eine Löwenmaske trägt. Er gibt nicht vor, ein Löwe zu sein, sondern er hält sich wirklich für einen Löwen. Wie der Kongolese mit seiner Vogelmaske (S.25) ist er mit dem Tier «psychisch identisch». Der moderne « vernünftige» Mensch hat versucht, sich von derartigen psychischen Assoziationen zu lösen (die trotzdem im Unbewussten weiterleben); für ihn ist ein Spaten ein Spaten und ein Löwe nur das, was im Wörterbuch über ihn steht (rechts).

in L ü n e b u r g ; I n s t r u m e n t a l - (leitete als erster die S u i t e n durch eine Sinfunia ein) u. V o k a l w e r k e ; 4) Karl t Loewe, Karl. L ö w e ( P a n t h e r a leo), bis 1 m s c h u l t e r h o h e Großkatze in m e h reren K a s s e n in d e n S t e p p e n u. S a v a n n e n Afrikas siidl. der Sahara u. in R e s e r v a t e n I n d i e n s ; vor u. w ä h r e n d der E i s z e i t e n über ganz Eurasien u. N - A m e r i k a verbreitet; ei m e i s t m i t mächtiger Hals- ( a u c h B a u c h - ) M ä h n e (Mähn e n - L . ) ; J a g d meist i m Rudel, ¿ o sprengen Beutetiere v o n der H e r d e ab, treiben sie d e n im H i n t e r h a l t lauernden ?§ zu (Abb. t Tafel Tiere 8 / 1 2 3 ) . L ö w e , das Sternbild f Leo. L ö w e f - C g l b e ] , Wilhelm, * Olv e n s t e d t b . M a g d e b u r g 1814.

Löwen

(ßelgie

b e w u ß t , konserval orientiert; v o m ei m u s beeinflußter, 3) Percival, * t Plagstaff (Ariz. A s t r o n o m ; begr. < torium in Arizona w e i c h u n g e n der I das Vorhandensei u n b e k a n n t e n Pia organisierte eine die 1930 zur E n t d neten Pluto fühl

fTcaill CrwaiLCUxJ

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Links: Der heilige Paulus wird von der Macht der Erscheinung Christi zu Boden gew orfen (auf einem Bild des italienischen Malers Caravaggio, 16. Jahrhundert).

Oben: Javanische Bauern opfern einen Hahn, damit ihre Fehler von Geistern verschont h/eihen. Solche Praktiken sind im Lehen der Primitiven grundlegend.

chlorid desinfiziert, bei diesem gründlichen Reinigungsprozess aber keine Spur von Gott entdeckt. Dafür haben wir hier eine Neurose oder etwas Schlimmeres. Statt Gott oder «Gottesfurcht» hat er eine Angstneurose oder eine Art Phobie. Die Emotion ist dieselbe geblieben, aber ihr Objekt hat seinen Namen und seinen Charakter unheilvoll verändert. Ein Philosophieprofessor suchte mich einmal wegen seiner Krebsangst auf. Er litt unter der Zwangsvorstellung, einen bösartigen Tumor zu haben, obschon Dutzende von Röntgenaufnahmen nichts dergleichen ergeben hatten. «Ich weiss, da ist nichts», sagte er, «aber es könnte yd etwas da sein.» Was veranlasste ihn zu dieser Vorstellung? Sie kam offensichtlich von einer Furcht, die durch keine bewusste Überlegung ausgelöst worden war. Der krankhafte Gedanke überfiel ihn ganz plötzlich und mit einer Macht, gegen die er nichts ausrichten konnte. Für einen gebildeten Menschen ist es viel schwieriger, ein derartiges Eingeständnis zu machen, als es für einen Primitiven wäre, zuzugeben, er sei von einem Geist besessen. Der schädliche Einfluss böser Geister ist in einer primitiven Kultur wenigstens eine zulässige Hypothese; aber für einen zivilisierten Menschen ist es eine nieder-

Oben: Eine Skulptur des Engländers Jacob Epstein zeigt den modernen Menschen als mechanisiertes Untier - vielleicht ein Abbild der «bösen Geist er» von heute.

schmetternde Erfahrung, zugeben zu müssen, sein Leiden sei weiter nichts als ein törichter Streich, den ihm seine Einbildung spielt. Das primitive Phänomen der Besessenheit ist aber noch keineswegs verschwunden; es wird heute nur anders gedeutet. Solche Vergleiche zwischen primitiven und modernen Menschen sind, wie ich später noch ausführen werde, wesentlich für ein Verständnis der menschlichen Fähigkeit zur Symbolbildung sowie für die Rolle, die die Träume als Ausdrucksmittel dieser Fähigkeit spielen. Wie man feststellen kann, zeigen viele Träume Bilder und Assoziationen, die primitiven Vorstellungen, Mythen und Riten analog sind. Solche Traumbilder nannte Freud «archaische Überreste»; diese Bezeichnung impliziert, dass es sich dabei um psychische Elemente handelt, die historisch im menschlichen Geist überlebt haben. Eine derartige Auffassung ist aber nur für Menschen typisch, die das Unbewusste als Anhängsel des Bewusstseins betrachten. Meine weiteren Untersuchungen zeigten mir, dass dieser Standpunkt unhaltbar ist. Ich fand heraus, dass Assoziationen und Bilder dieser Art ein wesentlicher Bestandteil des Unbewussten sind und überall beobachtet werden können, bei

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gebildeten und ungebildeten Träumern. Sie sind durchaus keine leblosen oder bedeutungslosen «Reste», sondern immer noch wirksam und gerade wegen ihrer «historischen» Natur besonders wertvoll (wie Dr. Henderson in einem späteren Kapitel dieses Buches noch zeigen wird). Sie bilden eine Brücke zwischen unserer bewussten, abstrakten und einer primitiveren, farbigeren, bildhafteren Ausdrucksweise. Diese «historischen» Assoziationen sind das Bindeglied zwischen der rationalen Welt des Bewusstseins und der Welt des Instinktes. Ich habe schon den auffallenden Gegensatz zwischen den «kontrollierten» Gedanken und dem Reichtum der Traumbilder besprochen. Nun lässt sich noch ein anderer Grund für diesen Unterschied erkennen: Da wir in unserem zivilisierten Leben so viele Ideen ihrer emotionalen Energie beraubt haben, reagieren wir nicht mehr auf sie. Wir verwenden solche Vorstellungen zwar beim Sprechen und zeigen auch eine konventionelle Reaktion, wenn andere sie gebrauchen, aber sie machen keinen besonderen Eindruck mehr auf uns. Es braucht daher stärkere Mittel, um uns gewisse Dinge so wirkungsvoll nahezubringen, dass wir unser Verhalten ändern. Diese Wirkung besitzt die «Traumsprache»; ihre Symbolik hat noch genügend psychische Energie, um uns zu zwingen, ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Eine Dame war für ihre törichten Vorurteile und

Links: Zwei andere Visionen von Geislern . Oben: Höllische Dämonen umringen den heiligen Antonius (ein Gemälde des deutschen Malers Grünewald, 16. Jahrhundert). Unten: Im mittleren Teil eines japanischen Triptychons aus dem 19. Jahrhundert erschlägt der Geist eines Ermordeten seinen Mörder. Rechts: Eine Karikatur des Amerikaners Gahan Wilson zeigt Chruschtschews Schatten als monströse Todesmaschine. Ganz rechts: Eine Karikatur in der russischen Zeitschrift« Krokodil» zeigt den «imperialistischen» Westen als teuflischen Wolf, der von den Flaggen einiger neuerdings unabhängiger afrikanischer Nationen aus Afrika vertrieben wird.

ihren starrköpfigen Widerstand gegen vernünftige Argumente bekannt; jede Diskussion mit ihr verlief ergebnislos. Eines Nachts träumte sie, sie nehme an einem wichtigen gesellschaftlichen Anlass teil. Die Gastgeberin begrüsste sie mit den Worten: «Wie nett, dass Sie gekommen sind! Ihre Freundinnen erwarten Sie schon.» Sie führte den Gast zu einer Tür, öffnete, und die Träumerin betrat - einen Kuhstall. Diese Traumsprache war selbst für einen Dummkopf leicht zu verstehen. Die Frau wollte zunächst den Sinn des Traumes, der so direkt ihre Überheblichkeit blossstellte, nicht zugeben; aber schliesslich konnte sie doch nicht umhin, die Botschaft anzunehmen. Solche Hinweise des Unbewussten sind wichtiger, als die meisten Menschen sich klarmachen. In unserem bewussten Leben sind wir verschiedenartigen Einflüssen ausgesetzt. Andere Menschen regen uns an oder bedrücken uns, Ereignisse im Beruf oder im gesellschaftlichen Leben lenken uns ab. Viele Dinge verführen uns, Wege einzuschlagen, die unserer Individualität nicht angemessen sind. Ob wir ihre Wirkung wahrnehmen oder nicht, unser Bewusstsein wird jedenfalls gestört und ist ihnen fast wehrlos ausgeliefert. Dies ist besonders bei solchen Menschen der Fall, deren extravertierte geistige Einstellung allen Nachdruck auf äussere Dinge legt oder die Minderwertigkeitsgefühle haben und Zweifel an sich selbst hegen.


Je mehr das Bewusstsein von Vorurteilen, Irrtümern, Phantasien und infantilen Wünschen beeinflusst ist, desto mehr erweitert sich die schon bestehende Lücke zu einer neurotischen Dissoziation und führt zu einem mehr oder weniger künstlichen Leben, das weit von Natürlichkeit und gesunden Instinkten entfernt ist. Die allgemeine Funktion der Träume besteht in dem Versuch, uns das psychische Gleichgewicht wiederzugeben, indem sie Traummaterial produzieren, das auf subtile Weise die gesamte psychische Balance wiederherstellt. Dies nenne ich die komplementäre (oder kompensatorische) Funktion der Träume. Das erklärt zum Beispiel, warum Menschen, die unrealistische Ideen oder eine zu hohe Meinung von sich selbst haben oder allzu grandiose Pläne machen, die ausserhalb ihrer Möglichkeiten liegen, oft vom Fliegen oder Fallen träumen. Der Traum kompensiert die Mängel ihrer Persönlichkeit und warnt sie gleichzeitig vor den Gefahren ihres gegenwärtigen Kurses. Wenn die Warnungen des Traumes nicht beachtet werden, können wirkliche Unfälle die Folge sein. Einehemaliger Patient vonmir, der ineine Anzahl zweifelhafter Affären verwickelt war, hatte eine nahezu krankhafte Leidenschaft für gefährliches Bergsteigen, als eine Art Kompensation, entwik-

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kelt. Er versuchte, «übersieh hinauszuwachsen». In einem Traum sah er sich nachts vom Gipfel eines hohen Berges in leeren Raum treten. Als er mir diesen Traum erzählte, erkannte ich sofort die Gefahr, in der er sich befand, und riet ihm dringend zur Vorsicht. Ich sagte ihm sogar, sein Traum lasse einen Bergunfall ahnen. Aber es war umsonst. Sechs Monate später trat er wirklich «ins Leere». Ein Bergführer beobachtete ihn und seinen Freund, wie sich beide an einem Seil zu einergefährlichenStellehinabliessen. Der Freund hatte einen vorläufig festen Stand auf einem Felsvorsprunggefunden, und der Träumer folgte ihm. Plötzlich Hess er das Seil los, «als ob er in die Luft spränge», wie der Bergführer sagte. Er fiel auf seinen Freund, und beide stürzten ab und fanden den Tod. Ein anderer typischer Fall war der einer Frau, die stolz und hochfahrend war, aber scheussliche Träume von allen möglichen unappetitlichen Dingen hatte. Die Träume wurden allmählich drohender, indem sie auf die einsamen Spaziergänge Bezug nahmen, die die Frau gewöhnlich machte, wobei sie sich gefühlvollen Phantasien hingab. Ich erkannte die Gefahr, aber die Patientin hörte nicht auf meine Warnungen. Kurze Zeit später wurde sie im Wald von einem Sexualverbrecher überfallen, der sie getötet hätte, wären


Links: Zwei Einflüsse, denen der einzelne heute ausgesetzt ist: Werbung (eine amerikanische Anzeige betont die «Gesellig:eit») und politische Propaganda (ein französisches Plakat •i'ir einen Volksentscheid im Jahre 1962, das auf eine «Ja»Stimmabgabe drängt, aber mit dem «Nein» der Opposition beklebt ist). Diese und andere Einflüsse können uns dazu veranlassen, auf eine Art und Weise zu leben, die unserer Natur ••licht angemessen ist; die darauf folgende psychische Gleichgewichtsstörung muss durch das Unbewusste wieder ausgeglichen werden. Der Leuchtturmwärter, rechts (in einer Karikatur des Amerikaners Roland B. Wilson), ist offenbar durch seine Isoliertheit psychisch etwas gestört. Sein Unbewusstes hat kompensatorisch einen halluzinierten Gefährten erzeugt, dem der Wärter (in dem Karikaturtext) bekennt: «Nicht bloss das, Bill gestern habe ich mich wieder dabei erwischt, dass ich Selbstgespräche führe !»

Unten: König Agens von Athen befragt das delphische Orakel (Teil einer Vasenmalerei). «Botschaften» des Unbewussten sind oft ebenso geheimnisvoll und mehrdeutig, wie es die Äusserungen des Orakels waren.

nicht auf ihre Schreie hin einige Leute ihr zu Hilfe gekommen. Dies alles hing nicht mit Magie zusammen. Die Träume hatten angedeutet, dass die Frau ein geheimes Verlangen nach einem solchen Erlebnis hatte - ebenso wie der Bergsteiger unbewusst einen endgültigen Ausweg aus seinen Schwierigkeiten suchte. Allerdings hatte offenbar keiner von beiden den hohen Preis dafür mit einkalkuliert : Sie. hatte mehrere Knochenbrüche erlitten, und er bezahlte mit seinem Leben. Träume kündigen somit manchmal Situationen an, lange bevor diese wirklich eintreten. Dies kann man nicht unbedingt als Wunder bezeichnen. Viele Krisen in unserem Leben haben eine lange unbewusste Geschichte. Wir nähern uns ihnen Schritt für Schritt, ohne der Gefahren gewahr zu werden. Doch was wir mit dem Bewusstsein nicht wahrnehmen, wird häufig vom Unbewussten erkannt und durch Träume mitgeteilt. Träume warnen uns oft auf diese Weise; aber ebensooft scheinen sie es nicht zu tun. Deshalb sollte man sich nicht auf eine gütige Hand verlassen, die uns immer rechtzeitig vor Gefahren zurückhält. Oder, um es positiver auszudrücken: Es scheint, als ob eine gütige Macht manchmal am Werk sei, manchmal aber auch nicht. Die mysteriöse Hand kann sogar den Weg j n s Ver-


derben zeigen; Träume erweisen sich mitunter als Fallen, jedenfalls scheint es so. Sie verhalten sich oft wie das delphische Orakel, das dem König Krösus sagte, wenn er den Halys-Fluss überschritte, würde er ein grosses Königreich zerstören. Als er den Fluss überschritten und dam* in der Schlacht eine vollständige Niederlage erlitten hatte, entdeckte er, dass sein eigenes Reich gemeint gewesen war. Ich bestreite nicht, dass die zivilisierte Gesellschaft bedeutsame Errungenschaften zu verzeichnen hat. Aber diese Errungenschaften sind mit enormen Verlusten erkauft worden, deren Ausmass wir nochkaum abzuschätzen vermögen. Der Zweck meiner Vergleiche zwischen primitiven und zivilisierten Gesellschaften war es, die Bilanz dieser Gewinne und Verluste aufzuzeigen. Der primitive Mensch war weit mehr von seinen Instinkten gelenkt, als es seine «vernünftigen» modernen Nachkömmlinge sind, die gelernt haben, sich selbst «unter Kontrolle» zu halten. In diesem Zivilisierungsprozess haben wir zunehmend unser Bewusstsein von den tieferen instinktiven Schichten der menschlichen Psyche und schliesslich sogar von der somatischen Basis des psychischen Phänomens abgetrennt. Glücklicherweise haben wir aber diese grundlegenden instinktiven Schichten nicht verloren; sie bleiben Bestandteil des Unbewussten, auch wenn sie sich vielleicht nur in Form von Traumbildern äussern.

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Diese instinktiven Erscheinungen - deren Sinn man nicht immer gleich erkennen kann, da sie symbolischen Charakter haben - spielen eine wesentliche Rolle in dem, was ich als die kompensatorische Funktion der Träume bezeichnet habe. Um der geistigen Stabilität und auch um der physiologischen Gesundheit willen müssen das Unbewusste und das Bewusstsein miteinander verbunden funktionieren. Werden sie voneinander getrennt oder «dissoziiert», dann ergibt sich eine psychische Störung. Traumsymbole sind demnach die wichtigsten Mitteilungsträger von den instinktiven zu den rationalen Teilen des menschlichen Geistes, und ihre Deutung bereichert das Bewusstsein, das dadurchdie vergessene Sprache der Instinkte wieder verstehen lernt. Die meisten Menschen halten Traumdeutung für überflüssig. Diese Erfahrung habe ich unter anderem bei einem primitiven Stamm in Ostafrika gemacht. Zu meinem Erstaunen stritten die Eingeborenen ab, überhaupt Träume zu haben. Aber durch geduldige Gespräche fand ich bald heraus, dass sie zwar ebenso träumten wie andere Menschen, den Träumen aber keine Bedeutung beimassen. «Träume von normalen Menschen bedeuten nichts», sagten sie mir. Sie glaubten, nur Häuptlinge und Medizinmänner hätten wichtige Träume; diese beträfen das Wohl des Stammes und würden daher hoch eingeschätzt. Allerdings


hatten auch der Häuptling und der Medizinmann angeblich keine Träume mehr, und zwar seit der Zeit, als die Engländer ins Land gekommen waren. Der Distriktbevollmächtigte - der englische Verwaltungsbeamte - hatte die Funktion der «grossen Träume» übernommen, die das Verhalten des Stammes bis dahin bestimmt hatten. In gewisser Hinsicht verhielten sich diese Eingeborenen wie moderne Menschen, die, nur weil sie ihre Träume nicht verstehen, diese ebenfalls für belanglos halten. Aber auch ein zivilisierter Mensch kann manchmal bemerken, dass ein Traum (an den er sich vielleicht gar nicht mehr genau erinnert) seine Stimmung hebt oder verschlechtert. Der Traum ist dann «verstanden» worden, wenn auch nur unbewusst. Nur wenn ein Traum besonders eindrucksvoll ist oder sich mehrmals wiederholt, sind viele Menschen an einer Deutung interessiert. Hier muss ich ein warnendes Wort einfügen. Es gibt Leute, deren Geisteszustand so unausgeglichen ist, dass eine Interpretation ihrer Träume gefährlich werden kann; in einem solchen Fall empfiehlt sich besondere Vorsicht und Behutsamkeit von seiten des Psychologen. Übrigens wäre es töricht, an gebrauchsfertige systematische Anleitungen zur Traumdeutung zu glauben, als ob man einfach ein Nachschlagewerk kaufen und ein bestimmtes Symbol und seine Bedeutung heraussuchen könnte. Kein

Traumsymbol kann von dem Menschen, der davon geträumt hat, abgetrennt werden; denn es gibt keine allgemeingültige Deutung für einen Traum. Es stimmt zwar, dass es typische und häufig auftretende Träume und einzelne Symbole (ich würde sie lieber «Motive» nennen) gibt, wie etwa das Fliegen. Fallen, Verfolgtwerden usw. Ein typisch infantiles Motiv ist ein Traum, in dem man winzig klein oder riesengross wird oder sich von einem Zustand in den andern verwandelt. Aber ich muss nochmals betonen, dies sind Motive, die im Kontext des Traumes, nicht als sich selbst erklärende Chiffren gesehen werden müssen. Der immer wiederkehrende Traum ist ein beachtenswertes Phänomen. Gewöhnlich stellt er einen Versuch des Unbewussten dar, eine mangelhafte Lebenseinstellung des Träumers zu kompensieren; er kann aber auch aus einem traumatischen Erlebnis kommen oder manchmal einem wichtigen Ereignis vorausgehen. Ich selber träumte jahrelang von einem Motiv, und zwar «entdeckte» ich einen Teil meines Hauses, von dessen Existenz ich gar nichts wusste. Manchmal war es die Wohnung, in der meine lange verstorbenen Eltern lebten und wo mein Vater zu meinem Erstaunen ein Laboratorium hatte, in dem er die Anatomie der Fische untersuchte, während meine Mutter ein Hotel für Geister leitete..Gewöhnlich war dieser mir unver-

Links: Ein Photo von Jung (vierter von rechts) uus dem Jahr 1926 mit Eingeborenen von Mt.Elgon, Kenya. Jungs Studien primitiver Gesellschaften führten zu vielen seiner wertvollsten psychologischen Entdeckungen.

Rechts: Zwei Traumbücher - eins aus dem heutigen England, das andere aus demalten Ägypten (das letztere ist eines der ältesten vorhandenen schriftlichen Dokumente, etwa 2000 v. Chr.). Eine solche vorgefertigte Faustregel-Traumdeutung ist wertlos; Träume sind ganz individuell, und ihre Symbolik kann nicht klassifiziert werden.

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traute Teil des Hauses ein altes Gebäude, das lange vergessen, aber doch mein ererbtes Eigentum war. Es enthielt antikes Mobiliar, und gegen Ende dieser Traumserie entdeckte ich eine alte Bibliothek, deren Bücher ich nicht kannte. Schliesslich, im letzten Traum, schlug ich eines der Bücher auf und fand darin eine Menge erstaunlicher symbolischer Bilder. Aisich erwachte, klopfte mein Herz spürbar vor Aufregung. Einige Zeit vor diesem letzten Traum der Serie hatte ich einem Antiquariat einen Auftrag erteilt, der eine der klassischen Sammlungen mittelalterlicher Alchimisten betraf. In der Literatur hatte ich ein Zitat gefunden, das meiner Ansicht nach eine Beziehung zur frühen byzantinischen Alchimie hatte; das wollte ich nachprüfen. Einige Wochen nachdem ich den Traum von dem unbekannten Buch hatte, kam ein Päckchen von dem Buchhändler an. Es enthielt einen Pergamentband aus dem 16. Jahrhundert und war illustriert mit faszinierenden symbolischen Bildern, die mich sofort an diejenigen aus meinem Traum erinnerten. Da die Wiederentdeckung der Bedeutung der alchimistischen Symbole ein wichtiger Teil meiner psychologischen Pionierarbeiten wurde, ist das Motiv meines immer wiederkehrenden Traumes leicht zu verstehen. Das Haus war ein Symbol für mein Wesen und meine bewussten Interessengebiete ; und das unbekannte Nebengebäude war die Vorahnung eines neuen Interessen- und Forschungsbereiches, den mein Bewusstsein noch nicht kannte. Von dem Zeitpunkt an, vor dreissig Jahren, kam der Traum nie wieder.

Ganz oben: Ein berühmtes Beispiel für den bekannten Traum des Grösserwerdens: Eine Zeichnung aus «Alice in Wonderland» (1877) zeigt Alice, die so gross wird, dass sie ein ganzes Haus füllt. Mitte: Der gleichfalls bekannte Traum vom Fliegen, in einer Zeichnung des englischen Malers William Blake, W.Jahrhundert, mit dem Titel «Oh, ich träumte von unmöglichen Dingen».


Die Traumanalyse

Ich habe anfangs auf den Unterschied zwischen Zeichen und Symbol hingewiesen. Ein Zeichen ist immer weniger gehaltvoll als der Begriff, für den es steht, während ein Symbol mehr enthält, als man auf den ersten Blick erkennen kann. Symbole sind ausserdem natürliche und spontane Erscheinungen, man erfindet sie nicht. Niemand kann einem mehr oder weniger vernünftigen Gedanken, den er durch logische Überlegung gewonnen hat, anschliessend eine «symbolische» Form geben. Wie phantasievoll man eine derartige Idee auch ausschmücken mag, sie ist immer nur ein mit dem bewussten Gedanken verbundenes Zeichen, kein Symbol, das auf etwas noch Unbekanntes hinweist. In Träumen hingegen treten Symbole spontan auf, denn Träume geschehen. sie werden nicht erfunden ; sie bilden daher die Hauptquelle unserer Symbolkenntnis. Allerdings muss ich betonen, dass Symbole nicht nur in Träumen vorkommen, sondern auch in anderenjArten psychischer Manifestationen. Es gibt symbolische Gedanken und Gefühle, symbolische Handlungen und Situationen. Oft scheint es, als ob sogar unbelebte Objekte in der Anordnung symbolischer Muster mit dem Unbewussten zusammenarbeiten. Es gibt zahlreiche

authentische Berichte über Uhren, die beim Tode des Besitzers stehenblieben; zum Beispiel die Pendeluhr im Schloss Friedrichs des Grossen, die stehenblieb, als der König starb. Andere bekannte Beispiele sind: der Spiegel, der zerbricht, oder das Bild, das von der Wand fällt, wenn jemand stirbt; oder auch geringfügige, aber unerklärliche Schäden in einem Haus, in dem jemand eine Gefühlskrise durchmacht. Auch wenn Skeptiker solchen Berichten keinen Glauben schenken, hört man immer wieder derartige Erzählungen, und diese Tatsache allein sollte genügen, um die psychologische Bedeutsamkeit dieser Berichte zu unterstreichen. Es gibt jedoch viele Symbole (zum Teil sehr wichtige), die ihrem Charakter und Ursprung nach nicht individuell, sondern kollektiv sind. Dabei handelt es sich hauptsächlich um religiöse Bilder. Der Gläubige nimmt an, sie seien göttlichen Ursprungs und dem Menschen geoffenbart worden. Der Skeptiker hält sie für erfunden. Beide haben unrecht. Zwar ist die Behauptung des Skeptikers insofern richtig, als religiöse Symbole und Begriffe oft jahrhundertelang Gegenstand sorgfältiger und bewusster Bearbeitung gewesen sind. Ebenso richtig ist die Vermutung des Gläubigen, der Ursprung der Symbole liege so tief im Geheimnis der Vergangenheit begraben, dass sie aus keiner menschlichen Quelle zu stammen scheinen. In Wirklichkeit sind es aber «kollektive Vorstellungen», die auf frühesten Menschheitsträumen und schöpferischen Phantasien beruhen. Als solche sind diese Bilder spontane Erscheinungen und keineswegs willkürliche Erfindungen. Diese Tatsache hat, wie ich später noch erläutern werde, einen wichtigen Bezug zur Traumdeutung.

Unbelebte Objekte scheinen manchmal symbolisch zu «handeln». Links: Die Uhr Friedrichs des Grossen blieb stehen, als ihr Eigentümer 1786 starb. Symbolewerdenspontan vom Unbewussten erzeugt Rechts: Das ankh, im alten Ägypten das Symbol des Lebens, des Universums und des Menschen. Dagegen sind die Insignien der Luftfahrtgesellschuften (ganz rechts) bewusst ausgedachte Zeichen, keine Symbole.

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Man wird selbstverständlich einen Traum, den man für symbolisch hält, anders interpretieren, als wenn man glaubt, der treibende Gedanke sei bereits bekannt und durch den Traum nur «verkleidet». Im letzteren Fall hat Traumdeutung wenig Sinn, denn man wird nur das finden, was man schon weiss. Aus diesem Grund habe ich zu meinen Schülern immer gesagt: «Lernen Sie soviel wie möglich über Symbolik, aber vergessen Sie dann alles wieder, wenn Sie einen Traum analysieren.» Diesen für die Praxis bedeutsamen Ratschlag habe ich mir selber zur Regel gemacht; er erinnert mich immer daran, dass ich niemals den Traum eines andern Menschen gut genug verstehen kann, um ihn völlig richtig zu deuten. Ich versuche damit, den Strom meiner eigenen Assoziationen und Reaktioneneinzudämmen,diesonstmöglicherweise über die Unsicherheit und Unschlüssigkeit meines Patienten die Oberhand gewinnen könnten. Da es für einen Analytiker von grösster Wichtigkeit ist, die spezielle Botschaft eines Traumes (den Beitrag, den das Unbewusste für das Bewusstsein leistet) so genau wie möglich zu vernehmen, ist es wesentlich, den Trauminhalt mit äusserster Gründlichkeit zu erforschen. Als ich mit Freud zusammenarbeitete, hatte ich selber einen Traum, der diesen Punkt veranschaulicht. Ich träumte, ich sei «bei mir zu Hause», in einem behaglichen Wohnzimmer, das im Stil des 18. Jahrhunderts eingerichtet war; offenbar befand ich mich im ersten Stockwerk. Ich wunderte mich, dieses Zimmer noch nie gesehen Rechts: Jungs Eltern. Jungs Interesse Jür alte Religionen und Mythologie entfernte ihn von der religiösen Welt seiner Eltern (sein Vater war Pastor) - wie der Traum zeigt, der auf dieser Seite beschrieben wird, den er während der Zusammenarbeit mit Freud hatte. Ganz rechts: Jung im Burghölzli, wo er 1900 als Psychiater in einer Heilanstalt arbeitete.

zu haben, und war neugierig, wie wohl das Erdgeschoss aussehen mochte. Ich ging die Treppe hinunter und kam in einen ziemlich dunklen Raum mit holzgetäfelten Wänden und schweren Möbeln etwa aus dem 16. Jahrhundert oder noch früher. Meine Neugier und mein Erstaunen wuchsen. Ich wollte mehr von dem Haus sehen. Ich stieg also in den Keller hinunter und sah dort eine Tür, durch die man zu einer Steintreppe gelangte, welche in ein grosses Gewölbe führte. Der Fussboden war mit grossen Steinplatten ausgelegt, und die Wände sahen sehr alt aus. Ich untersuchte den Mörtel und stellte fest, dass er mit Ziegelsteinsplittern durchsetzt war. Offenbar waren die Wände römischen Ursprungs. Ich wurde immer aufgeregter. In einer Ecke entdeckte ich einen Eisenring auf einer Steinplatte. Ich hob die Plattehochundbemerkteeine weitere schmale Steintreppe, die zu einer Art Höhle führte, scheinbar einem prähistorischen Grab, in welchem zwei Schädel, mehrere KnochenundzerbrocheneTonscherben lagen. Dann erwachte ich. Wäre Freud bei der Analyse dieses Traumes meiner Methode der spezifischen Assoziationen und Kontextuntersuchung gefolgt, so hätte er eine weitreichende Geschichte erfahren. Aber ich fürchte, er hätte sie bloss als den Versuch gewertet, vor einem Problem zu fliehen, das in Wirklichkeit sein eigenes war. Tatsächlich war der Traum eine kurze Zusammenfassung meines Lebens, insbesondere meiner geistigen Entwicklung. Ich war in einem zweihundert Jahre alten Haus aufgewachsen, und unsere Einrichtung be-


stand zum grössten Teil aus Möbeln, die etwa ireihundert Jahre alt waren. Mein bis dahin grösstes geistiges Abenteuer war das Studium der Philosophie Kants und Schopenhauers gewesen. Das grosse Ereignis der Zeit war das Werk von Charles Darwin. Kurz zuvor hatte ich noch mit ienmittelalterlichenVorstellungenmeiner Eltern gelebt, für die die Welt immer noch von einer göttlichen Allmacht und Vorsehung gelenkt wurde. Diese Welt war antiquiert und überholt. Mein christlicher Glaube war durch die Bekanntschaft mit östlichen Religionen und griechischer Philosophie relativiert worden. Aus diesem Grund war das Erdgeschoss so still, dunkel und offensichtlich, unbewohnt. Mein damaliges historisches Interesse hatte sich aus der ursprünglichen Beschäftigung mit vergleichender Anatomie und Paläontologie entwickelt, während ich als Assistent am Anatomischen Institut arbeitete. Besonders fasziniert war ich von dem vieldiskutierten Neandertaler und dem Pithecanthropus von Dubois. Das waren meine Assoziationen zu dem Traum. Aber ich wagte nicht, über Schädel, Skelette oder Leichen zu reden, denn ich hatte erfahren, dass dieses Thema Freud unangenehm war. Merkwürdigerweise glaubte er, ich ahnte seinen frühen Tod voraus. Diesen Schluss zog er aus der Tatsache, dass ich grosses Interesse für die mumifizierten Leichen im sogenannten Bleikeller in Bremen gezeigt hatte, den wir 1909, bevor wir nach Amerika fuhren, besichtigten. Es widerstrebte mir daher, meine Gedanken aus-

zusprechen, zumal ich erst kurz zuvor die eindrückliche Erfahrung gemacht hatte, dass zwischen Freuds und meinem geistigen Standpunkt und Hintergrund eine fast unüberbrückbare Kluft bestand. Ich befürchtete, seine Freundschaft zu verlieren, wenn ich ihm meine innere Welt öffnen würde, die ihm, wie ich vermutete, sehr sonderbar vorgekommen wäre. Ich log ihm also etwas über meine «freien Assoziationen» vor, um mich der Schwierigkeit einer Erklärung meiner abweichenden Auffassungen zu entziehen. Ich muss mich entschuldigen für diesen ziemlich weitschweifigen Bericht über die Klemme, in die ich geriet, als ich Freud meinen Traum erzählte. Doch es ist ein gutes Beispiel für die unangenehme Lage, in die man im Laufe einer Traumanalyse kommen kann. Sehr viel hängt von den persönlichen Unterschieden zwischen Analytiker und Analysand ab. Während ich versuchte, auf Freuds Fragen passende Antworten,zu finden, verwirrte mich ganz plötzlich die Erkenntnis, welche grosse Rolle der subjektive Faktor in der psychologischen Verständigung spielt. Dies Gefühl war so überwältigend, dass ich nur daran dachte, möglichst schnell aus dieser unmöglichen Situation herauszukommen ; ich wählte deshalb den leichten Ausweg über eine Lüge. Das war weder elegant noch moralisch vertretbar, aber ich wäre sonst in einen verhängnisvollenStreitmitFreudgeraten,wasich vermeiden wollte. Meine intuitive Erkenntnis bestand in der plötzlichen und unerwarteten Einsicht, das mein Traum mich meinte, mein Leben und meine Welt, meine ganze Realität gegen eine theoretische Struktur, die von einem fremden Verstand aus dessen eigenen Gründen und für dessen eigene Zwecke errichtet war. Es war nicht Freuds Traum, sondern mein eigener; und auf einmal verstand ich auch, was mein Traum bedeutete. Dieser Konflikt veranschaulicht einen wichtigen Punkt in der Traumanalyse. Sie ist weniger eine erlernbare Technik als vielmehr ein dialektischer Austausch zwischen zwei Personen. Behandelt man sie als mechanische Technik, dann geht die individuelle psychische Persönlichkeit des Träumers verloren, und das therapeutische Problem

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wird auf die Frage reduziert : Wer von beiden der Analytiker oder der Träumer - wird den anderen beherrschen? Aus eben diesem Grunde habe ich hypnotische Behandlungen aufgegeben. Ich wolltemeinen Willen nicht anderen Menschen aufzwingen, sondern die Heilungsprozesse aus der eigenen Persönlichkeit des Patienten wachsen lassen, ohne die Würde und Freiheit des betreffenden Menschen einzuschränken. Das Individuum ist die einzige Realität. Je weiter wir uns vom Individuum zu abstrakten Ideen über den Homo sapiens entfernen, um so wahrscheinlicher werden wir Irrtümern verfallen. In dieser Zeit sozialer Umwälzungen und rapider Veränderungen ist wichtiger als je, möglichst viel über das Wesen des einzelnen zu erfahren; und zwar müssen wir seine Vergangenheit ebenso verstehen lernen wie seine Gegenwart. Aus diesem Grund ist ein Verständnis der Mythen und Symbole von entscheidender Bedeutung.

Das Typenproblem

Im Unterschied zu anderen Wissenschaftszweigen, in denen Hypothesen über unbelebte Dinge aufgestellt werden können, behandelt die Psychologie die lebendigen Beziehungen zwischen Menschen, die ihrer subjektiven Persönlichkeit nicht entkleidet oder auf irgendeine Weise entpersönlicht werden können. Der Analytiker und sein Patient mögen übereinstimmend davon ausgehen, ein ausgewähltes Problem auf unpersönliche, objektive Art besprechen zu wollen; wenn sie aber erst einmal engagiert sind, ist ihre ganze Persönlichkeit in die Diskussion verstrickt. Ein weiterer Fortschritt kann dann nur erzielt werden, wenn man gegenseitige Übereinstimmung erreicht. Können wir über das Endresultat ein objektives Urteil fällen? Nur dann, wenn wir unsere SchlUSS-

EinExtravertierter überwältigt einenzurückhaltenden Introvertierten, in einer Karikatur des Amerikaners JulesFeijfer. Diese jungianischen Begriffe für die menschlichen «Typen» sind nicht dogmatisch. Zum Beispiel Gandhi, rechts, war sowohl ein Asket (introvertiert) als auch ein politischer Führer (extravertiert ). Ein einzelner - irgendein Gesicht in der Menge (ganz rechts) - kann nur mehroderwenigerkategorisiertwerden.

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folgerungen mit den Massstäben vergleichen, die in dem sozialen Milieu gelten, dem die einzelnen angehören. Und auch dann müssen wir noch das geistige Gleichgewicht (die geistige «Gesundheit») des betreffenden Menschen in Rechnung stellen. Denn das Ergebnis kann kein vollständiges Einordnen des einzelnen in das Kollektiv sein, um ihn den Normen seiner Gesellschaft anzupassen. Das würde zu einem ganz unnatürlichen Zustand führen. In einer gesunden und normalen Gesellschaft stimmen die Menschen ge.wöhnlich n ic h t vö 11 i g mit einande rii berein, ausser im Bereich gewisser Instinkte. Unstimmigkeiten fungieren als Träger und Anreger des geistigen Lebens in der Gesellschaft, aber sie sind nicht das Ziel; Übereinstimmung ist genauso wichtig. Da die Psychologie grundsätzlich abhängt von einem Gleichgewicht der Gegensätze, kann kein Urteil als endgültig angesehen werden, dessen Umkehrung nicht in Rechnung gestellt worden ist. Es gibt eben keine Möglichkeit, über das Wesen der Psyche abschliessende Aussagen zu machen. Obgleich Träume eine individuelle Behandlung erfordern, sind einige 'allgemeine Einteilungen notwendig, um das Material, das der Psychologe bei seinen Beobachtungen sammelt, zu klassifi-

zieren und zu klären. Man kann selbstverständlich keine psychologische Theorie formulieren und lehren, wenn man nicht eine grosse Anzahl verschiedener Fälle vorher miteinander verglichen hat. Als Grundlage kann jedes allgemeine Charakteristikum benutzt werden. Man kann zum Beispiel einfach unterscheiden zwischen «extravertierten» und «introvertierten» Menschen. Dies ist nur eine von vielen möglichen Verallgemeinerungen, aber sie lässt bereits ahnen, welche Schwierigkeiten entstehen können, wenn der Analytiker zufällig ein anderer Typus ist als sein Patient. Da jede tiefergehende Traumanalyse zur Konfrontation zweier Individuen führt, wird es offenbar einen grossen Unterschied machen, ob beide zum gleichen Einstellungstypus gehören oder nicht. Gehören sie zum gleichen Typ, dann kommen sie möglicherweise eine lange Zeit gut miteinander aus. Ist aber der eine extravertiert und der andere introvertiert, dann können ihre entgegengesetzten Standpunkte hart aufeinanderstossen, besonders wenn sie ihren Persönlichkeitstypus selbst nicht kennen oder den eigenen für den einzig richtigen halten. Der Extravertierte nimmt normalerweise den Standpunkt der Mehrheit ein; der Introvertierte wird diese Haltung

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ablehnen. Was für den einen wertvoll ist, bedeutet dem anderen unter Umständen gar nichts. Freud selbst deutete zum. Beispiel den introvertierten Typ als einen, der krankhaft mit sich selber beschäftigt ist. Aber Selbstbeobachtung und Selbstkenntnis können ebensogut von grösster Wichtigkeit sein. Es ist dringend notwendig, solche Unterschiedlichkeiten bei der Traumanalyse in Betracht zu ziehen. Man darf nicht glauben, der Analytiker sei ein Übermensch, der über den Dingen stehe, nur weil er eine psychologische Theorie kennt und sich eine gewisse Technik erworben hat. Theorie und Technik sind nie imstande, die ganze menschliche Psyche zu umfassen; der Analytiker muss vielmehr der lebendigen Ganzheit des Patienten mit seiner eigenen ganzen Persönlichkeit gegenübertreten. Für ihn ist die analytische Arbeit ebenso eine Prüfung wie für den Patienten. Deshalb spielt es eine Rolle, ob die beiden Persönlichkeiten sich miteinander in Harmonie befinden. Extraversion und Introversion sind nur zwei von vielen Besonderheiten menschlichen Verhaltens; sie sind meist ziemlich leicht zu erkennen. Untersucht man aber beispielsweise extravertierte Menschen näher, dann entdeckt man bald, dass sie sich in vieler Hinsicht voneinander unterscheiden, dass also Extraversion nur ein sehr oberflächliches Kennzeichen ist. Deshalb habe ich schon vor langer Zeit versucht, weitere grundlegende Besonderheiten zu finden, um den offen-

Der «Kreis» oder «Kompass» der Psyche ist eine andere Art Jungscher Menschenbetrachtung. Jeder Punkt des Kreises hat sein Gegenstück: Für einen «Denk»-Typus würde die «Gefühls»-Seite die am wenigsten entwickelte sein. ( «Fühlen» bedeutet hier die Wertfunktion - in dem Sinne wie man sagt: «Ich habe das Gefühl, dass dies gut ist », ohne dass man dabei analysiert, warum es so sein mag.) Natürlich überschneiden sich die Funktionen in jedem einzelnen: Bei einem «Empfindungs»-Menschen kann die Denk- oder die Gefühlsseite nahezu ebenso stark sein (und die «Intuition» wäre am schwächsten).

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bar 'grenzenlosen Verschiedenheiten menschlicher Individualität eine gewisse Ordnung zu geben. Mich hat immer wieder beeindruckt, wie viele Menschen niemals ihren Verstand gebrauchen oder wenn, dann in erstaunlich törichter Weise. Ebenfalls verwundert war ich darüber, wie wenig Gebrauch viele intelligente Menschen von ihren Sinnesorganen machen. Wieder andere leben in einer merkwürdigen Bewusstseinsverfassung, so, als ob der Zustand, den man einmal erreicht hat, endgültig sejimd als ob die Welt und die Psyche sich nicht verändern könnten. Diese Leute scheinen keinerlei Phantasie zu haben und verlassen sich ausschliesslich auf ihre Sinneswahrnehmungen. Zufälle existieren nicht in ihrer Welt, und im «Heute» gibt es kein wirkliches «Morgen». Die Zukunft ist einfach die Wiederholung der Vergangenheit. Ich versuche hiermit, dem Leser einen kurzen Einblick zu geben in meine ersten Eindrücke bei der Beobachtung vieler Menschen, mit denen ich zusammentraf. Ich stellte fest, dass es Leute gibt, die hauptsächlich ihre intellektuelle Fähigkeit benutzen, um sich ihrer Umgebung anzupassendie also dachten. Andere gleichermassen intelligente Leute suchten und fanden ihren Weg dadurch, dass sie fühlten. «Gefühl» ist ein Ausdruck, der der Erläuterung bedarf. Man spricht zum Beispiel von «Gefühl» im Sinne von «Empfindung» (entsprechend dem französischen «sentiment»). Ebenso kann das


Wort für eine Intuition verwendet werden. Oder im Sinn einer Meinung: «Ich habe das Gefühl, dass...» Wenn ich das Wort «Gefühl» im Gegensatz zu «Denken» gebrauche, beziehe ich mich auf ein Werturteil, zum Beispiel angenehm oder unangenehm, gut oder böse usw. Nach dieser Definition ist Gefühl keine Emotion (die ja unwillkürlich kommt), sondern eine rationale, das heisst ordnende Funktion wie das Denken, wogegen die Intuition eine irrationale, wahrnehmende Funktion ist. Intuition als «Ahnung» ist nicht das Produkt eines willkürlichen Aktes, sondern ein unwillkürliches Geschehen, das von inneren und äusseren Umständen abhängt. Intuition ist eher wie eine Sinneswahrnehmung, die insofern auch ein irrationales Geschehen darstellt, als sie wesentlich von objektiven Reizen abhängt, die ihr Vorhandensein physikalischen, nicht geistigen Ursachen verdanken. Die Hilfsmittel, durch die das Bewusstsein seine Orientierung in der Wirklichkeit erhält, sind also vier Funktionen. Die Empfindimg (das heisst Sinneswahrnehmung) sagt, dass etwas existiert; das Denken sagt, was es ist; das Gefühl sagt, ob es angenehm oder unangenehm ist ; und die Intuition sagt, woher es kommt und wohin es-geht. NatürlichsinddiesevierKennzeichenfürmenschliche Verhaltenstypen nur vier Gesichtspunkte unter vielen anderen (wie etwa Willenskraft, Temperament, Vorstellungsgabe, Gedächtnis usw.). Sie sind keineswegs absolut zu nehmen, aber ihre einfache Natur empfiehlt sie als Kennzeichen für eine Klassifizierung. Ich finde sie besonders hilfreich, wenn ich Kindern ihre Eltern, Ehefrauen ihre Gatten erklären soll und vice versa. Auch zum Verständnis der eigenen Vorurteile sind diese Kennzeichen nützlich. Wenn man also den Traum eines anderen Menschen verstehen will, muss man seine eigenen Voreingenommenheiten opfern. Das ist gar nicht einfach, sondern bedeutet eine moralische Anstrengung. Aber wenn der Analytiker sich nicht die Mühe gibt, seinen eigenen Standpunkt kritisch zu beleuchten und dessen Relativität zuzugeben, dann wird er weder die richtige Information über den Gemütszustand seines Patienten noch einen genügend tiefen Einblick in des-

sen Wesen erhalten. Vom Patienten wird die Bereitschaft erwartet, die Ansicht des Analytikers anzuhören und ernst zu nehmen; der Patient muss dasselbe vom Arzt erwarten können. Eine solche Beziehung ist unerlässlich; dabei kommt es aber immer mehr darauf an, dass der Patient etwas wirklich versteht, als darauf, dass der Analytiker gewisse theoretische Erwartungen erfüllt sieht. Der Widerstand des Patienten gegen eine Interpretation des Analytikers muss nicht unbedingt falsch sein; er ist sogar ein sicheres Zeichen dafür, dass dem Patienten etwas nicht «einleuchtet». Entweder hat der Patient dann den Punkt noch nicht erreicht, wo er etwas verstehen kann, oder die Deutung war nicht richtig. In unseren Bemühungen, die Traumsymbole anderer Menschen zu interpretieren, werden wir häufig von unserer Tendenz behindert, die unvermeidbaren Verständnislücken mit unseren Projektionen zu füllen - das heisst, wir nehmen an, die Wahrnehmungen und Folgerungen des Analytikers seien mit denen des Träumers identisch. Um diese Irrtumsquelle auszuschliessen, habeichimmer darauf bestanden, engen Kontakt mit dem Traumzusammenhang zu halten und alle theoretischen Mutmassungen über Träume im allgemeinen möglichst auszuschalten - ausser der Hypothese, dass Träume einen bestimmten Sinn enthalten. Aus allem, was ich gesagt habe, wird klar geworden sein, dass man für die Deutung von Träumen keine allgemeingültigen Regeln aufstellen kann. Als ich erwähnte, dass die Gesamtfunktion von Träumen darin zu bestehen scheine, gewisse Mängel und Deformationen im Bewusstsein zu kompensieren, wollte ich damit sagen, diese Vermutung eröffne einen äusserst vielversprechenden Zugang zur Natur besonderer Träume. In einigen Fällen lässt sich diese Funktion eindeutig nachweisen. Einer meiner Patienten hatte eine sehr hohe Meinung von sich und merkte nicht, dass fast alle seine Bekannten durch diese Überheblichkeit verärgert waren. Er träumte einmal von einem betrunkenen Landstreicher, der in einen Graben rollte - ein Anblick, zu dem er nur den herablassenden Kommentar gab: «Scheusslich, wie tief ein Mensch fallen kann.» Dieser Traum 61


unternahm mit dem unangenehmen Bild deutlich den Versuch, demTräumer eine weniger aufgeblasene Meinung über die eigenen Verdienste nahezulegen. Gleichzeitig kam noch etwas anderes heraus: Der Mann hatte einen Bruder, der ein heruntergekommener Alkoholiker war. Wie der Traum enthüllte, kompensierte der Patient seinen Bruder innerlich und äusserlich durch seine überhebliche Haltung. In einem anderen Fall träumte eine Frau, die sehr stolz auf ihre psychologischen Kenntnisse war, immer wieder von einer anderen Frau. Als sie dieser tatsächlich begegnete, mochte sie sie ganz und gar nicht und hielt sie für eine eitle, unehrliche, intrigante Person. Aber in den Träumen erschien ihr diese Frau fast wie eine Schwester, freundlich und liebenswert. Meine Patientin konnte nicht begreifen, warum sie so günstig von einer Person träumte, die sie in Wirklichkeit nicht ausstehen konnte. Doch die Träume wollten ihr zu verstehen geben, dass sie selbst «überschattet» war von einem unbewussten Wesen, das der anderen Frau glich. Es war schwer für meine Patientin, die sich sehr genau zu kennen glaubte, einzusehen, dass der Traum ihr von ihrem eigenen Machtkomplex berichtete und von verborgenen Motivationen-unbewusstenEinflüssen,diemehr als einmal zu heftigen Streitereien mit ihren Freundinnen geführt hatten. Immer hatte sie anderen dafür die Schuld gegeben, nie sich selbst. Es ist nicht nur die «Schatten»-Seite unserer Persönlichkeit, die wir übersehen, missachten und unterdrücken. Dasselbe tun wir oft auch mit unseren positiven Qualitäten. Hierzu kommt mir das Beispiel eines Mannes in den Sinn, der sehr bescheiden und zurückhaltend schien und gewinnende Manieren hatte. Er war offenbar immer mit einem der hinteren Plätze zufrieden, bestand allerdings diskret darauf, stets dabei zu sein. Wenn man ihn etwas fragte, zeigte er sich gut informiert, ohne seine Meinung anderen aufzudrängen. Manchmal jedoch deutete er an, ein bestimmtes Thema sollte besser auf einer höheren Ebene behandelt werden (obgleich er sich darüber nie deutlicher ausdrückte). In seinen Träumen hatte er ständig Begegnungen mit bedeutenden historischen Persönlichkeiten, wie etwa Napoleon und Alexander dem Grossen.

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Diese Träume kompensierten ganz offensichtlich einen Mindervvertigkeitskomplex. Aber siehatten noch einen anderen Sinn. Was für ein Mensch muss ich sein, fragte der Traum, wenn ich so berühmte Besucher habe? Die Träume wiesen auf einen heimlichen Grössenwahn hin, der das Minderwertigkeitsgefühl des Träumers erzeugte. Dieseunbewusste Vorstellung von eigener Grösse isolierte ihn von der Realität seiner Umgebung und erlaubte ihm, Verpflichtungen fernzubleiben, die für andere obligatorisch waren. Er hielt es nicht für nötig, zu beweisen - weder sich selbst noch anderen -, dass sein erhabenes Verhalten tatsächlich auf besonders hohen Verdiensten beruhte. Er spielte unbewusst ein gefährliches Spiel, und die Träume versuchten auf eine merkwürdig doppelsinnige Weise, ihm dies zum Bewusstsein zu bringen. Mit Napoleon und Alexander auf vertrautem Fuss zu stehen ist genau die Art von Phantasie, die von einem Minderwertigkeitskomplex produziert wird. Aber warum, fragt man sich, konnte der Traum nicht offen und direkt aussprechen, was er meinte? Man hat mich dies oft gefragt, und ich selbst


habe mir diese Frage auch gestellt. Oft bin ich überrascht darüber, wie Träume einer definitiven Information auszuweichen scheinen und den entscheidenden Punkt offenbar auslassen. Freud vermutete das Vorhandensein einer speziellen Funktion der Psyche, die er «Zensur» nannte. Diese, so nahm er an, verdrehte die Traumbilder und machte sie unkenntlich und irreführend, um das träumende Bewusstsein über den tatsächlichen Gegenstand des Traumes zu täuschen. IndeiTLsie den kritischen Gedanken vor dem Träumer verbarg, schützte sie seinen Schlaf und bewahrte ihn vor dem Schock einer unangenehmen Erinnerung. In bezug auf die Theorie, der Traum sei ein Hüter des Schlafes, bin ich allerdings skeptisch, denn ebensooft stören Träume den Schlaf. Es sieht eher so aus, als ob das allmähliche Bewusstwerden eine «auslöschende» Wirkung auf die unbewussten Inhalte der Psyche hätte. Der Zustand der Unbewusstheit hält Ideen und Bilder auf einem viel tieferen Spannungsniveau, als das im Bewusstsein der Fall wäre. Sie verlieren dabei an Klarheit und Schärfe ; ihre Beziehungen untereinander erscheinen weniger folgerichtig, eher als vage Analogien, weniger rational und deshalb

Links: Ein völlig heruntergekommener Trinker in einem New Yorker Slum (aus dem Film «On theBowery», 1955). Eine solche Gestalt kann im Traum eines Mannes erscheinen, der sich andern überlegen fühlt. Auf diese Weise würde seinUnbewusstes die Einseitigkeit seiner bewussten Einstellung kompensieren.

Rechts: «Der Alptraum», Gemälde des Schweizer Malers Heinrich Füssli, 18. Jahrhundert. Wohl jeder Mensch ist schon einmal von seinen Träumen erschreckt und geweckt worden; unser Schlaf scheint vor den Inhalten des Unbewussten nicht sicher zu sein.

«unverständlicher». Dies kann man in allen traumähnlichen Zuständen beobachten, ob diese nun durch Übermüdung, Fieber oder Toxine eingetreten sind. Wenn aber irgend etwas diese Bilder mit stärkerer Spannung lädt, werden sie weniger unbewusst und bekommen, je mehr sie sich der Bewusstseinsschwelle nähern, schärfere Konturen. Hieraus mag man ersehen, warum Träume sich oft als Analogien ausdrücken, warum ein Traumbild in ein anderes hinübergleitet und warum weder Logik noch zeitliche Massstäbe unseres wachen Lebens zu passen scheinen. Die Form, welche die Träume annehmen, ist dem Unbewussten angemessen, denn der Stoff, aus dem sie gemacht werden, hat unter der Bewusstseinsschwelle eben diese Gestalt. Träume bewahren den Schlaf nicht vor dem, was Freud den «unvereinbaren Wunsch» genannt hat. Was er als «Verkleidung» bezeichnet hat, ist in Wirklichkeit die Form, die alle Impulse im Unbewussten natürlicherweise annehmen. Ein Traum kann also keinen deutlichen Gedanken hervorbringen. Sobald er anfängt, das zu tun, hört er auf, ein Traum zu sein, denn er überschreitet dann die Schwelle des Be-


wusstseins. Deshalb scheinen Träume die dem Bewusstsein wichtigen Punkte zu überspringen und eher den «Rand des Bewusstseinsfeldes» darzustellen, wie der schwache Schein der Sterne während einer totalen Sonnenfinsternis. -Wir müssen verstehen, dass Traumsymbole zum grössten Teil Manifestationen einer Psyche sind, die sich der Kontrollmöglichkeit des bewussten Verstandes entzieht. Sinn und Zweckmässigkeit sind keine Vorrechte des Bewusstseins; sie sind überall in der lebendigen Natur zu finden. Zwischen organischem und psychischem Wachstum besteht kein prinzipieller Unterschied. Wie eine Pflanze ihre Blüte hervorbringt, so erschafft die Psyche ihre Symbole. Jeder Traum ist ein Beweis für diesen Vorgang. Durch Träume (sowie alle Arten von Intuitionen, Impulsen und andere spontane Vorgänge) beeinflussen instinktive Kräfte die Tätigkeit des Bewusstseins. Ob dieser Einfluss positiv oder negativ ist, hängt von dem jeweiligen Inhalt des Unbewussten ab. Enthält es zu viele Dinge, die normalerweise bewusst sein sollten, dann kann seine Tätigkeit nachteilig wirken; es erscheinen Motive, die nicht auf wirklichen Instinkten beruhen, sondern die ihre Existenz und psychische Wichtigkeit der Tatsache verdanken, dass sie durch Unterdrückung oder Nichtbeachtung unbewusst geworden sind. Sie überlagern gleichsam die normale unbewusste Psyche und beeinträchtigen deren natürliche Tendenz, grundlegende Symbole und Motive auszudrücken. Für einen Analytiker, der sich ja mit den Ursachen einer geistigen Störung beschäftigt, ist es daher sinnvoll, von seinem Patienten ein mehr oder weniger freiwilliges Bekenntnis zu erlangen, welche Dinge dieser nicht mag oder wovor er Angst hat. Diese Handlungsweise ähnelt der Beichte in der Kirche, die in mancher Hinsicht moderne psychologische Techniken vorweggenommen hat. Allerdings kann es in der Praxis auch vorkommen, dass übermächtige Minderwertigkeitskomplexe oder ernsthafte SchwächeundUnentschlossenheit des Charakters es einem Patienten sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich machen, mit seiner eigenen Unzulänglichkeit direkt konfrontiert zu werden. Deshalb habe ich es oft vorteilhafter gefunden, dem Patienten zu Anfang

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positive Aussichten zu geben; dadurch hat er ein Gefühl der Sicherheit, das ihm hilft, wenn er zu schmerzlichen Erkenntnissen kommt. Nehmen wir zum Beispiel einen Traum von «Selbsterhöhung», in welchem jemand mit der Königin von England Tee trinkt oder sich auf vertrautem Fusse mit dem Papst befindet. Wenn der Träumer nicht schizophren ist, hängt die praktische Deutung des Symbols von seinem gegenwärtigen Geisteszustand ab - das heisst von dem Zustand seines Ego. Überschätzt der Träumer seinen eigenen Wert, so kann man leicht (an Hand des Materials, das durch die Assoziationen von Ideen geliefert wird) zeigen, wie unangebracht und kindisch die Vorstellungen des Träumers sind und wie sehr sie von kindlichen Wünschen herrühren, den Eltern gleich oder überlegen zu sein. Handelt es sich dagegen um einen Fall von Minderwertigkeit, wo ein alles durchdringendes Gefühl der eigenen Wertlosigkeit schon jeden positiven Aspekt in der Persönlichkeit des Träumers erstickt hat, dann wäre es ganz falsch, ihn noch mehr niederzudrücken, indem man ihm klarmacht, wie infantil, lächerlich oder verdreht er ist. Das würde sein Minderwertigkeitsgefühl grausam steigern und noch dazu einen unwillkommenen und ganz unnötigen Widerstand gegen die Behandlung hervorrufen. Es gibt keine psychotherapeutische Technik oder Lehre, die man allgemein anwenden könnte, denn jeder Fall, den man zur Behandlung bekommt, ist ganz individuell und hat spezielle Bedingungen. Ich erinnere mich an einen Patienten, den ich neun Jahre lang behandeln musste. Ich sah ihn immer nur während einiger Wochen im Jahr, da er im Ausland wohnte. Von Anfang an wusste ich, wo seine Schwierigkeiten steckten, aber ich merkte auch, dass der geringste Versuch, an die Wahrheit heranzukommen, auf eine heftige Abwehrreaktion traf, die einen völligen

Rechts: Die Heldenträume, mit denen Walter Mitty (in dem Film, der 1947 nach der Erzählung von James Thurber gedreht wurde) sein Minderwertigkeitsgefühl kompensiert.


Bruch zwischen uns herbeizuführen drohte. Ob ich wollte oder nicht, ich musste mein Bestes tun, unsere Beziehung aufrechtzuerhalten und seiner Abweichung zu folgen, die durch seine Träume unterstützt wurde und unsere Besprechung von der Wurzel seiner Neurose wegführte. Wir entfernten uns so weit davon, dass ich mich oft selbst anklagte, meinen Patienten in die Irre zu leiten. Nur die Tatsache, dass sich sein Zustand langsam besserte, hielt mich davon ab, ihm brutal die Wahrheit zu sagen. Im zehnten Jahr schliesslich erklärte sich der Patient für geheilt und von allen neurotischen Symptomen befreit. Ich war erstaunt, denn theoretisch gesehen war sein Zustand unheilbar. Als er meine Verwunderung bemerkte, sagte er lächelnd: «Ich möchte Ihnen vor allem für Ihren Takt und für Ihre unerschöpfliche Geduld danken, dass Sie mir geholfen haben, die peinliche Ursache meiner Neurose zu umgehen. Jetzt bin ich soweit, Ihnen alles darüber erzählen zu können. Wenn ich es vorher gekonnt hätte, dann hätte ich Ihnen schon bei unserer ersten Zusammenkunft alles gesagt. Das aber hätte meine

Beziehung zu Ihnen zerstört, und wo wäre ich dann geblieben? Im Laufe von zehn Jahren habe ich gelernt, Ihnen zu vertrauen; und in dem Masse, wie mein Vertrauen wuchs, besserte sich auch mein Zustand. Ich gewann in diesem langsamen Prozess mein Selbstvertrauen zurück. Nun bin ich stark genug, das Problem zu besprechen, das mich krank gemacht hat.» Er bekannte mir dann auf sehr offenherzige Weise sein Problem, das mir die Gründe dafür zeigte, warum die Behandlung einen so eigenartigen Verlauf hatte nehmen müssen. Der ursprüngliche Schock war so stark gewesen, dass der Patient ihn nicht allein hatte ertragen können. Er brauchte die Hilfe eines anderen Menschen, und die therapeutische Aufgabe war das langsame Errichten eines Vertrauensverhältnisses, das wichtiger war als die Demonstration einer klinischen Theorie. Von derartigen Fällen lernte ich, meine Methoden den Bedürfnissen meiner Patienten anzupassen und mich nicht so sehr allgemeinen theoretischen Betrachtungen hinzugeben, die möglicherweise auf einen speziellen Fall gar nicht

«Das Irrenhaus», gemalt von Goya. Man beachte den «König» und den «Bischof» auf der rechten Seite. Schizophrenie nimmt oft die Form einer «Selbsterhöhung» an.

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anwendbar waren. Meine während einer sechzigjährigen praktischen Erfahrung gesammelten Kenntnisse über die menschliche Natur haben mich gelehrt, icuen Fall als_eineii_Deuen zu betrachten und mich zunächst immer um eine individuelle Annäherung zu bemühen. Manchmal habe ich nicht gezögert, mich in ein gründliches Studium infantiler Geschehnisse und Phantasien zu vertiefen; dann wieder habe ich von oben angefangen, auch wenn das vielleicht bedeutete, dass ich auf entlegene metaphysische Spekulationen eingehen musste. Alles kommt darauf an, die Sprache des einzelnen Patienten zu lernen und dessen Unbewusstem auf seinem tastenden Weg zum Licht zu folgen. Einige Fälle erfordern eben diese, andere wiederum jene Methode des Vorgehens. Das gilt besonders für die Deutung von Symbolen. Zwei verschiedene Personen können fast genau den gleichen Traum haben. Wenn aber zum Beispiel der eine jung und der andere alt ist, so sind auch ihre Probleme verschieden, und

es wäre absurd, beide Träume auf die selbe Weise zu interpretieren. Mir kommt als Beispiel ein Traum in den Sinn, in dem eine Gruppe junger Männer über ein weites Feld reitet. Der Träumer reitet an der Spitze und überspringt einen Wassergraben, während die anderen hineinstürzen. Der junge Mann, der mir den Traum erzählte, war ein vorsichtiger, introvertierter Typ. Ich hörte diesen Traum aber auch von einem alten Mann mit mutigem Wesen, der ein aktives und unternehmendes Leben geführt hatte. Zu der Zeit, als er diesen Traum hatte, war er krank und bereitete dem Arzt und der Krankenschwester viel Mühe, weil er ihren Anweisungen nicht folgte. Es war klar, dass der Traum dem jungen Mann ermutigend sagte, was er tun sollte, dem alten Mann aber klarmachte, was er immer noch tat und was ihm Schwierigkeiten bereitete. Dieses Beispiel zeigt, wie weitgehend die Traumdeutung von der persönlichen Situation des einzelnen abhängt.

Wie diese Museumsausstellung zeigt, ¿ihnelt der menschliche Fötus dem anderer Tiere (und gibt damit einen Hinweis auf die physische Entwicklung des Menschen). Die Psyche hat auch eine «Evolution» durchlaufen ; und einige unbewusste Inhalte des modernen Menschen ähneln den Geistesprodukten der Menschen des Altertums, die Jung als archetypische Bilder bezeichnete.


Der Archetyp in der Traumsymbolik

Wie ich schon gesagt habe, dienen Träume dem Zweck der Kompensation. Sie sind ein normales psychisches Geschehen, das unbewusste Reaktionenoder spontane Impulse ins Bewusstsein überträgt. Viele Träume können mit Hilfe des Träumers gedeutet werden, der durch seine Assoziationen den Kontext des Traumbildes anreichern und beleuchten hilft. Diese Methode ist normalerweise immer dann am Platze, wenn etwa ein Verwandter, ein Freund oder ein Patient einen Traum im Laufe einer Unterhaltung erzählt. Handelt es sich aber um quälende oder stark emotionelle Träume, dann genügen oft die Assoziationen des Träumers für eine zufriedenstellende Interpretation nicht. In solchen Fällen müssen wir die Tatsache in Betracht ziehen (die zuerst von Freud beobachtet und kommentiert wurde), dass häufig Elemente im Traum auftauchen, die nicht aus der persönlichen Erfahrung des Träumers abgeleitet werden können. Diese Elemente, die Freud als «archaische Überreste» bezeichnet hat, sind geistige Formen, die dem menschlichen Geist offenbar angeboren sind. Wie der menschliche Körper ein ganzes Museum von Organen darstellt, von denen jedes eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich hat, so können wir auch erwarten, dass unser Geist in ähnlicher Weise organisiert ist. Er kann ebensowenig wie der Körper, in dem er existiert, ein Produkt ohne Geschichte sein. Mit «Geschichte» meine ich nicht die bewusste Beziehung unseres Geistes auf seine Vergangenheit in Sprache und anderen kulturellen Traditionen. Ich meine die biologische, prähistorische, unbewusste Entwicklung des Geistes im archaischen Menschen, dessen Psyche der des Tieres noch sehr ähnlich war. Diese unermesslich alte Psyche bildet die Grund-

lage unseres Geistes, so wie die Struktur unseres Körpers auf dem allgemeinen anatomischen Muster des Säugetieres beruht. Das geübte Auge des Anatomen oder des Biologen findet in unse* rem Körper viele Spuren dieses ursprünglichen Musters. Der erfahrene Erforscher der Seele erkennt in ähnlicher Weise die Analogien zwischen den Traumbildern des modernen Menschen und den Erzeugnissen des primitiven Geistes, seinen «kollektiven Bildern» und seinen mythologischen Motiven. Ebenso wie der Biologe die Wissenschaft der vergleichenden Anatomie benötigt, kommt der Psychologe nicht ohne eine «vergleichende Anatomie der Psyche» aus. Der Psychologe muss nicht nur über ausreichende Erfahrung mit Träumen und anderen Produkten unbewusster Tätigkeit, sondern auch über mythologisches Wissen verfügen. Ohne dieses Rüstzeug kann er wichtige Analogien nicht erkennen, wie etwa die zwischen einem Fall von Zwangsneurose und dem einer klassischen dämonischen Besessenheit. Meine Ansichten über die «archaischen Überreste», die ich «Archetypen» oder «Urbilder» nenne, sind immer wieder von Leuten kritisiert worden, die keine genügende Kenntnis der Traumpsychologie und der Mythologie haben. Der Ausdruck «Archetyp» wird oft als bestimmtes mythologisches Bild oder Motiv missverstanden. Aber solche Bilder sind nur bewusste Darstellungen; es wäre absurd, anzunehmen, solche variablen Bilder könnten vererbt werden. Der Archetyp ist vielmehr eine angeborene Tendenz, solche bewussten Motivbilder zu formen Darstellungen, die im Detail sehr voneinander abweichen können, ohne jedoch ihre Grundstruktur aufzugeben. Es gibt zum Beispiel viele verschiedene Darstellungen des Motivs der feindlichen Brüder, das Grundmuster aber bleibt dasselbe. Meine Kritiker haben fälschlicherweise angenommen, ich meine «ererbte Vorstellungen», und haben auf Grund dessen die Idee des Archetyps abgelehnt. Dabei haben sie die Tatsache ausser acht gelassen, dass wir die Archetypen ja ohne weiteres verstehen müssten, wenn sie bewusste Vorstellungen wären (oder bewusst erworben); wir sind aber meistens verwirrt und erstaunt, wenn sie in unserem Bewusstsein auf-

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Die unbewussten archetypischen Bilder des Menschen sind ebenso instinktiver Natur wie die Fähigkeit von Zugvögeln, in Formation zu fliegen; wie die Fähigkeit von Ameisen, organisierte Gesellschaften zu bilden; wie der Tanz der Bienen, der dem Schwärm exakt den Ort einer Nahrungsquelle angibt. Ein Professor hatte eine « Vision», die genau einem Holzschnitt in einem alten Buch entsprach, das er nie gesehen hatte. Rechts: Die Titelseite des Buches; daneben ein anderer Holzschnitt, der die Vereinigung des männlichen und des weiblichen Prinzips symbolisiert. 68


tauchen. Tatsächlich sind sie eine instinktive Neigung, wie etwa der Impuls bei Vögeln, Nester zu bauen, oder bei Ameisen, organisierte Kolonien zu bilden. Hier muss ich die Beziehung zwischen Instinkten und Archetypen erläutern: Was wir Instinkte nennen, sind physiologische Impulse, die mit den Sinnen «aussen» wahrgenommen werden. Gleichzeitig aber erscheinen sie auch «innen» in Phantasien und verraten ihre Gegenwart oft durch symbolische Bilder. Diese «inneren» Erscheinungen sind es, die ich als Archetypen bezeichne. Ihren Ursprung kennt man nicht; sie tauchen jederzeit auf, überall in der Welt. Viele Menschen haben mich aufgesucht, weil sie mit ihren eigenen Träumen oder mit denen ihrer Kinder nichts anzufangen wussten; sie verstanden die Sprache ihrer Träume nicht. Etliche dieser Patienten waren sehr gebildete Leute, einige waren auch selbst Psychiater. Ich erinnere mich deutlich an einen Professor, der ganz plötzlich eine Vision gehabt hatte und sich deshalb für geisteskrank hielt. In panischem Schrecken kam er zu mir. Ich nahm einfach ein vierhundert Jahre altes Buch vom Gestell und zeigte ihm einen Holzschnitt, auf dem die gleiche

Vision abgebildet war, die er auch gehabt hatte. «Sie brauchen sich nicht für geisteskrank zu halten», sagte ich zu ihm. «Schon vor vierhundert Jahren hat man Ihre Vision gekannt.» Woraufhin er sich völlig erschöpft, aber wieder ganz normal, auf einen Stuhl sinken Hess. Einen sehr wichtigen Fall brachte mir ein Mann, der selber Psychiater war. Er zeigte mir eines Tages ein handgeschriebenes Büchlein, das er zu Weihnachten von seiner zehnjährigen Tochter geschenkt bekommen hatte. Es enthielt eine ganze Serie von Träumen, die das Mädchen im Alter von acht Jahren gehabt hatte, und war die merkwürdigste Traumserie, die ich je gesehen habe. Obgleich kindlich, waren sie doch unheimlich und enthielten Bilder, deren Ursprung dem Vater völlig unbegreiflich war. Dies waren die Motive: 1. «Das böse Tier», ein schlangenähnliches Ungeheuer mit vielen Hörnern, tötet und verschlingt alle anderen Tiere. Aber Gott kommt, in Gestalt von vier einzelnen Göttern, aus den vier Ecken und gibt den toten Tieren das Leben wieder. 2. Eine Auffahrt in den Himmel, wo heidnische Tänze zelebriert werden; und ein Abstieg in die Hölle, wo Engel gute Taten tun.

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3. Eine Schar kleiner Tiere ängstigt die Träumerin. Die Tiere werden ungeheuer gross, und eins von ihnen verschlingt das kleine Mädchen. 4. Eine kleine Maus wird von Würmern, Schlangen, Fischen und Menschen durchdrungen. Dadurch wird die Maus menschlich. Dies schildert die vier Stadien des Ursprungs der Menschheit. 5. Man sieht einen Wassertropfen, wie er erscheint, wenn man ihn durch ein Mikroskop betrachtet. Das Mädchen sieht, dass der Tropfen voller Zweige ist. Dies illustriert den Ursprung der Welt. 6. Ein ungezogener Junge bewirft alle Leute, die an ihm vorbeigehen, mit kleinen Erdklumpen. Dadurch werden alle Vorübergehenden schlecht. 7. Eine betrunkene Frau fällt ins Wasser und kommt erneuert und nüchtern wieder heraus. 8. Die Szene spielt in Amerika, wo viele Leute auf einem Ameisenhaufen rollen, wobei sie von

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den Ameisen angegriffen werden. Die Träumerin fällt in panischer Angst in einen Fluss. 9. Auf dem Mond gibt es eine Wüste, und die Träumerin sinkt so tief in den Boden, dass sie in die Hölle gerät. 10. In diesem Traum hat das Mädchen eine Vision von einem leuchtenden Ball. Sie berührt ihn. Dämpfe steigen von ihm auf. Ein Mann kommt und tötet sie. 11. Das Mädchen träumt, es sei gefährlich krank. Plötzlich kommen Vögel aus ihrer Haut und bedecken sie vollständig. 12. Mückenschwärme verdunkeln die Sonne, den Mond und'alle Sterne, bis auf einen. Dieser eine Stern fällt auf die Träumerin. In dem ungekürzten Originaltext beginnt jeder Traum mit den einleitenden Worten der Märchen: «Es war einmal...» Mit diesen Worten deutet die kleine Träumerin an, jeder Traum solle


Parullelen zu archetypischen Motiven im ersten Traum des Mädchens (S.69). Links: Christus wird auf Adams Grab gekreuzigt, ein Symbol des Wiedergeburtthemas - Christus als der neue Adam (Strassburger Münster). Oben: Ein Sandbild der Navaho zeigt die vier Ecken der Welt als gehörnte Köpfe. In der englischen Krönungszeremonie wird der Monarch (rechts ; Königin Elisabeth II., 1953) dem Volk an den vier Portalen der Westminsterabtei vorgestellt.

eine Art Märchen darstellen, das sie ihrem Vater als Weihnachtsgeschenk erzählen möchte. Der Vater versuchte, die Träume innerhalb ihres Zusammenhanges zu deuten. Er konnte es aber nicht, weil keine persönlichen Anknüpfungspunkte vorhanden zu sein schienen. Die Möglichkeit, dass diese Träume bewusst erfunden waren, konnte nur von jemandem ausgeschaltet werden, der das Kind gut genug kannte, um von dessen Ehrlichkeit überzeugt sein zu können. (Die Träume würden allerdings selbst dann, wenn es Phantasien gewesen wären, erheblichen Anreiz zur Untersuchung gegeben haben.) In diesem Fall war der Vater von der Echtheit der Träume überzeugt, und ich habe keinen Grund, das zu bezweifeln. Ich selbst kannte zwar das kleine Mädchen, doch bevor es dem Vater die Träume gab, so dass ich keine Gelegenheit hatte, es darüber zu befragen. Es wohnte im Aus-


land und starb, etwa ein Jahr nach diesem Weihnachtsfest, an einer Infektionskrankheit. Die Träume sind ausserordentlich merkwürdig. Die Leitgedanken sind philosophischer Natur. Der erste Traum zum Beispiel spricht von einem bösen Tier, das andere Tiere tötet; aber Gott gibt ihnen allen durch eine göttliche Apokatastasis oder Wiederherstellung das Leben zurück. In der westlichen Welt ist dies eine durch die christliche Tradition bekannte Vorstellung. Man findet sie in der Apostelgeschichte 3, 21 : «(Christus), den der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Herstellung alles dessen...» Die frühen griechischen Kirchenväter (zum Beispiel Origenes) bestanden insbesondere auf der Vorstellung, dass am Ende der Zeiten durch den Erlöser alles wieder zu seinem ursprünglichen und vollkommenen Zustand zurückgeführt wird. Aber gemäss Matthäus 17, 11 gab es bereits eine alte jüdische Überlieferung, «Elias soll zwar kommen und wird alles herstellen». Der erste Korintherbrief 15, 22 bezieht sich auf dieselbe

Oben: Der Held-Gott (beiden Haidu-Indianern an der amerikanischen Pazifikküste) Rabe im Bauch eines Wals - entsprechend dem « verschlingenden Ungeheuer» im ersten Traum des Mädchens (S. 69). Der zweite Traum des Mädchens (von Engeln in der Hölle und hosen Geistern im Himmel) verkörpert anscheinend die Idee der Relativität jeder Moral. Dieselbe Vorstellung ist ausgedrückt in dem dualistischen Aspekt des gefallenen Engels, der sowohl Satan, der Teufel, als auch (rechts) Luzifer, der strahlende Träger des Lichtes, ist. Diese Gegensätze sieht man auch in der Gestalt Go ttes (ganz rcchts; in einer Zeichnung von Blake) : Er erscheint dem Hiob in einem Traum mit dem gespaltenen Huf eines Dämons.

Vorstellung: «Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus auch alle lebendig gemacht werden.» Man könnte annehmen, das Kind hätte diesen Gedanken durch seine religiöse Erziehung kennengelernt. Aber es hatte einen ganz unbedeutenden religiösen Hintergrund. Die Eltern waren zwar dem Namen nach Protestanten; abenin Wirklichkeit kannten sie die Bibel nur vom Hörensagen. Dass man dem Mädchen das kaum bekannte Bild der Apokatastasis erklärt hatte, ist besonders unwahrscheinlich. Ganz sicher hatte der Vater von dieser mystischen Vorstellung überhaupt nie gehört. Neun der zwölf Träume haben das Thema der Zerstörung und Wiederherstellung. Und keiner dieser Träume zeigt Spuren spezifisch christlicher Erziehung oder Einflüsse. Sie sind im Gegenteil sogar enger mit primitiven Mythen verbunden. Diese Verbindung wird bestätigt durch das Mo1 tiv des «kosmogonischen Mythus» (die Erschaffung der Welt und des Menschen), das im vierten


und fünften Traum erscheint. Dieselbe Verbindung findet sich im ersten Korintherbrief 15, 22, den ich gerade zitiert habe. Auch in diesem Abschnitt sind Adam und Christus (Tod und Auferstehung) miteinander verbunden. Die allgemeine Vorstellung von Christus dem Erlöser gehört zu dem weltweiten vorchristlichen Thema des Helden und Retters, der zwar vom Ungeheuer verschlungen wird, aber auf wunderbare Weise wieder erscheint, nachdem er das Ungeheuer, das ihn verschluckt hatte, überwältigt hat. Niemand weiss, woher dieses Motiv ursprünglich kommt und wann es aufgetaucht ist. Wir wissen nicht einmal, wie wir es herausfinden könnten. Gewiss ist nur, dass jede Generation es offenbar als Überlieferung aus alten Zeiten kennt. Wahrscheinlich entstammt es einer Zeit, als der Mensch noch nicht wusste, dass er einen Heldenmythus besass, das heisst einem Zeitalter, als er noch nicht bewusst über das nachdachte, was er sagte. Die Heldenfigur ist ein Archetyp, der seit unvordenklichen Zeiten existiert.

Die Erzeugung von Archetypen bei Kindern ist besonders bezeichnend, weil Kinder meist keinen direkten Zugangzu historischen Überlieferungen haben. In diesem Fall war der Kontakt mit der christlichen Tradition nur sehr oberflächlich. Christliche Themen können natürlich durch VorStellungen wie Gott, Engel, Himmel, Hölle und das Böse, den Teufel, dargestellt werden. Aber die Art und Weise, wie sie von den Träumen dieses Kindes behandelt wurden, deutet auf einen ganz und gar nichtchristlichen Ursprung hin. Betrachten wir also den ersten Traum von Gott, der in Wirklichkeit aus vier Göttern besteht, die aus den «vier Ecken» kommen. Aus welchen vier Ecken? Im Traum ist von keinem Zimmer die Rede. Und ein Zimmer würde auch nicht in das Bild hineinpassen, da es sich ja offensichtlich um ein kosmisches Geschehen handelt, in welches das Allumfassende Wesen selber eingreift. Die Quaternität (oder das Element der «Vierheit») selbst ist 'eine seltsame Idee, die aber in vielen Religionen und Philosophien eine grosse Rolle


spielt. In der christlichen Religion wurde sie durch die Trinität ersetzt, ein Begriff, den das Kind wahrscheinlich gekannt hat. Aber wer in einer gewöhnlichen Familie des heutigen Mittelstandes weiss wohl etwas von einer göttlichen Quaternität? Die Idee war der hermetischen Philosophie des Mittelalters ziemlich vertraut; sie erschöpfte sich aber zu Beginn des 18. Jahrhunderts und ist seit mindestens zweihundert Jahren völlig ausser Gebrauch. Woher hatte sie aber dann das kleine Mädchen? Von Ezechiels Vision? Aber es gibt keinen christlichen Lehrsatz, der die Seraphim mit Gott identifiziert. Dieselbe Frage kann man bei der gehörnten Schlange stellen. In der Bibel gibt es zwar viele gehörnte Tiere, zum Beispiel in der Offenbarung des Johannes. Aber bei diesen scheint es sich um Vierfiisser zu handeln, wenn auch ihr Oberherr der Drache ist, dessen griechischer Name (drakon) ebenfalls Schlange bedeutet. Die gehörnte Schlange erscheint in der lateinischen Alchimie des 16. Jahrhunderts als quadricornutus serpens (vierhörnige Schlange), ein Symbol des Merkur und ein Widersacher der Heiligen Dreifaltigkeit. Aber soweit ich feststellen kann, ist dieser Hinweis nur bei einem einzigen Autor zu finden;

und dieses Kind hatte keine Möglichkeit, ihn zu kennen. Im zweiten Traum erscheint ein Motiv, das bestimmt nichtchristlich ist und eine Umkehrung anerkannter Werte enthält, zum Beispiel heidnische Tänze im Himmel und gute Taten der Engel in der Hölle. Dieses Symbol deutet die Relativität moralischer Werte an. Wo fand das Kind eine so revolutionäre Vorstellung? Diese Fragen führen uns zu einer neuen: Welche kompensatorische Bedeutung haben diese Träume, denen das kleine Mädchen doch so viel Wichtigkeit beimass, dass es sie seinem Vater zu Weihnachten schenkte? Wäre der Träumer ein primitiver Medizinmann gewesen, so hätte man annehmen können, die Träume veranschaulichten Variationen der philosophischen Motive Tod, Auferstehung oder Wiederherstellung, Ursprung der Welt, Erschaffung des Menschen und Relativität der Werte. Aber solche Träume sind hoffnungslos schwierig, wenn man sie von einer persönlichen Ebene aus zu deuten versucht. Sie enthalten zweifellos «kollektive Bilder» und sind in gewisser Weise den Lehren analog, die man in primitiven Stämmen den jungen Leuten vor ihrer Initiation bei-

Die Trimme des kleinen Mädchens (S. 69) enthalten Symbole von Schöpfung, Tod und Wiedergeburt, die den Lehren ähneln, welche man in primitiven Initiationsriten den jungen Leuten erteilt. Links: Das Ende einer NavahoZeremonie: Ein Mädchen, das zur Frau geworden ist, geht in die Wüste, um zu meditieren.

Tod- und Wiedergeburtsymbolik erscheint auch in Träumen am Ende des Lebens, wenn der Tod seinen Schatten vorauswirft. Rechts: Eins der letzten Gemälde Goyas: Die seltsame Gestalt, offenbar ein Hund, die aus dem Dunkeln auftaucht, kann als eine Todesahnung des Malers gedeutet werden. In vielen Mythologien erscheinen Hunde als Führer in das Land der Toten.

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bringt. In dieser Zeit erzählt man ihnen von den Taten der Götter oder der Tierschöpfer; sie lernen, wie die Welt und die Menschheit erschaffen wurde, dass das Weltende einmal kommen wird und was der Tod bedeutet. In christlichen Gemeinschaften werden junge Leute auf ähnliche Weise belehrt. Aber die meisten Menschen denken erst wieder über diese Dinge nach, wenn sie alt sind und sich dem Tod nähern. Das kleine Mädchen war zufälligerweise in beiden Situationen gleichzeitig. Sie näherte sich der Pubertät und zugleich dem Lebensende. Wenig oder gar nichts deutet auf den Beginn eines normalen Erwachsenenlebens hin, aber es gibt viele Anspielungen auf Zerstörung und Erneuerung. Als ich die Träume zuerst las, hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass sie ein nahendes Unglück ankündigten. Der Grund dafür war der eigentümliche Kompensationscharakter, den ich aus der Symbolik herleitete. Es war das Gegenteil von dem, was man im Bewusstsein eines Mädchens in diesem Alter erwarten würde. Diese Träume eröffnen einen neuen und ziemlich erschreckenden Aspekt von Leben und Tod. Man würde erwarten, solche Bilder bei einem älteren Menschen zu finden, der aufsein Leben zurück-

blickt, aber kaum bei einem Kind, das ja normalerweise nach vorn sieht. Die Atmosphäre erinnert eher an das alte römische Sprichwort: «Das Leben ist ein kurzer Traum», als an die Freude und den Überschwang des Frühlings. Denn das Leben des Kindes war wie ein «ver sacrum vovendum» (das Gelübde eines Frühlingsopfers), wie der römische Dichter es ausdrückt. Die Erfahrung zeigt, dass die unerkannte Nähe des Todes eine adwnbratio (einen vorwegnehmenden Schatten) auf das Leben und die Träume des Opfers wirft. Sogar der Altar in christlichen Kirchen stellt einerseits ein Grab und andererseits einen Ort der Auferstehung dar, den Übergang vom Tod zum ewigen Leben. Das waren die Ideen, die die Träume dem Kind eingaben. Sie waren eine Yorbereilung_auLden_ Tod, in Form von kurzen Geschichten, wie die Erzählungen bei primitiven Initiationen oder die Koans des Zen-Buddhismus. Diese Botschaft ist der streng christlichen Lehre unähnlich, sie steht alten primitiven Gedanken näher. Sie scheint ihren Ursprung ausserhalb geschichtlicher Traditionen in jenen längst vergessenen psychischen Quellen zu haben, die seit prähistorischen Zeiten philosophische und religiöse Spekulationen über Leben und Tod genährt haben. Wie die Instinkte, von denen wir ja nicht annehmen, jedes neugeborene Tier müsse sie sich individuell wieder erwerben, so gibt es auch kollektive Vorstellungsmuster, die dem menschlichen Geist angeboren und vererbt sind. Auch die emotionalen Erscheinungen, zu denen solche Vorstellungsmuster gehören, sind überall auf der Erde die gleichen. Wir können sie sogar bei Tieren feststellen, und die Tiere selbst verstehen einander in dieser Hinsicht, auch wenn sie zu verschiedenen Gattungen gehören. Und die Insekten mit ihren komplizierten Funktionen ? Die meisten von ihnen kennen nicht einmal ihre Eltern und haben niemanden, der sie belehrt. Sollte man also annehmen, der Mensch sei das einzige lebende Wesen, dem spezifische Instinkte fehlen und dessen Psyche keinerlei Spuren ihrer Entwicklung trüge? Setzt man allerdings die Psyche mit dem Bewusstsein gleich, dann verfällt man leicht dem Irrtum, der Mensch komme mit einer leeren 101


Psyche auf die Welt, und in späteren Jahren enthielte diese nicht mehr, als was sie durch individuelle Erfahrung gelernt hat. Aber die Psyche ist mehr als das Bewusstsein. Tiere haben wenig Bewusstsein, aber viele Impulse und Reaktionen lassen bei ihnen auf die Existenz einer Psyche schliessen ; und Primitive tun viele Dinge, deren Bedeutung sie bewusst gar nicht kennen. Man wird viele zivilisierte Leute vergeblich danach fragen, woher eigentlich der Weihnachtsbaum oder das Osterei kämen und was sie bedeuten. Auch sie tun noch gewisse Dinge, ohne zu wissen warum. Ich neige zu der Ansicht, dass solche Dinge zunächst nur getan worden sind, und erst sehr viel später hat man nach ihrem Sinn gefragt. Der Psychologe sieht sich ständig Menschen gegenüber, die sonst intelligent sind, sich aber zeitweise völlig unerklärlich benehmen und keine Ahnung von dem haben, was sie sagen oder tun. Sie sind plötzlich unvernünftigen Impulsen unterworfen, für die sie selbst keine Erklärung haben. Oberflächlich gesehen scheinen solche Reaktionen und Impulse ganz persönlicher Natur zu sein. Deshalb tun wir sie als abnormes Verhalten ab. Tatsächlich aber beruhen sie auf einem vorgeformten und immer bereiten Instinktsystem, das für den Menschen charakteristisch ist. Gedankenformen, allgemeinverständliche Gesten und viele andere Haltungen folgen einem Muster, das angeordnet wurde, lange bevor der Mensch ein reflektierendes Bewusstsein entwikkelte. Man kann sich sogar vorstellen, dass die frühen Ursprüngemenschlicher Reflektionsfähigkeit die

Folgen starker emotionaler Erlebnisse sind. Man stelle sich jenen Buschmann vor, der in einem Augenblick des Ärgers und der Enttäuschung über einen misslungenen Fischzug seinen einzigen Sohn erwürgte und gleich darauf von tiefstem Kummer ergriffen den toten kleinen Jungen im Arm hielt. Ein solcher Mensch wird diesen Moment des Schmerzes für immer im Gedächtnis behalten. Wir wissen nicht, ob diese Art von Erfahrungen die Ursache für die menschliche Bewusstseinsentwicklung gewesen ist. Aber zweifellos ist oft ein ähnlich starker emotionaler Schock notwendig, um Menschen zu wecken und darauf aufmerksam zu machen, was sie tun. Berühmt ist der Fall eines spanischen Edelmannes aus dem 13. Jahrhundert, Ramón Lull, der endlich nach langer Bemühung die Dame, die er bewunderte, bei einem heimlichen Rendezvous traf. Sie öffnete schweigend ihr Kleid und zeigte ihm ihre Brust, die von Krebs zerfressen war. Der Schock änderte Lulls Leben; er wurde später ein hervorragender Theologe und einer der bedeutendsten Missionare der Kirche. Im Falle eines solchen plötzlichen Wechsels erweist sich oft, dass ein Archetyp schon lange Zeit im Unbewussten gewirkt hat und geschickt die Umstände arrangiert, die dann zur Krise führen. Solche Erfahrungen scheinen zu zeigen, dass archetypische Formen nicht bloss statische Muster sind, sondern dynamische Faktoren, die sich ebenso spontan wie die Instinkte in Impulsen äussern. Träume, Visionen, Gedanken können ganz plötzlich erscheinen; und wie sorgfältig man auch nachforschen mag, man findet ihre UrLinks: Eine Schlange (Symbol des Gottes Asklepios) beisst in die Schulter eines Mannes, und der Gott (ganz links) heilt die Schulter. Ganz rechts: Konstantin (italienisches Gemälde, etwa 1460) schläft vor der Schlacht, die ihn zum römischen Kaiser machen sollte. Er träumte von dem chi-rho, einem Symbol Christi (rechts), und eine Stimme sagte: «In diesem Zeichen wirst du siegen.» Er machte das Zeichen zu seinem Emblem, gewann die Schlacht und wurde dadurch zum Christentum bekehrt.


sache nicht. Aber zweifelsohne gibt es eine Ursache; nur ist sie so weit entfernt und so dunkel, dass man sie nicht erkennt. In solchem Fall muss man entweder warten, bis man die Bedeutung hinreichend versteht, oder bis ein äusseres Ereignis den Traum erklärt. Zum Zeitpunkt des Traumes kann dieses Ereignis noch in der Zukunft liegen. Aber genauso wie unsere bewussten Gedanken sich oft mit der Zukunft und ihren Möglichkeiten beschäftigen, so tun es auch das Unbewusste und seine Träume. Man hat lange allgemein angenommen, die Hauptfunktion von Träumen sei die Voraussage der Zukunft. Im Altertum und bis ins Mittelalter hinein spielten Träume bei der medizinischen Prognose eine Rolle. Mit einem modernen Traum kann ich das Element der Prognose bestätigen, das sich in einem alten Traum findet, den Artemidorus von Daldis im 2.Jahrhundert v.Chr. zitiert: Ein Mann träumte, er sähe seinen Vater in den Flammen eines brennenden Hauses sterben. Nicht lange danach starb er selber an Phlegmone (Feuer, oder hohes Fieber), die, wie ich annehme, Lungenentzündung war. Einer meiner Kollegen litt unter einem tödlichen Brandfieber - einer Phlegmone. Einer seiner früheren Patienten, der nichts über die Art der Krankheit seines Arztes wusste, träumte, der Arzt käme bei einem grossen Brand ums Leben. Zu der Zeit war der Arzt gerade ins Krankenhaus gekommen, die Krankheit hatte erst begonnen. Der Träumer wusste nichts als die blosse Tatsache, dass sein Arzt krank und im Krankenhaus war. Drei Wochen später starb der Arzt. Wie dieses Beispiel zeigt, können Träume einen prognostischen Aspekt haben, den man bei der

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Deutung in Betracht ziehen muss, besonders dann, wenn ein offenbar bedeutsamer Traum keinen hinreichend erklärenden Kontext liefert. So ein Traum kommt oft wie aus heiterem Himmel, und man fragt sich, was ihn wohl verursacht hat. Wenn man seine versteckte Botschaft kennen würde, wäre natürlich auch die Ursache klar. Denn es ist nur unser Bewusstsein, das noch nicht weiss; das Unbewusste scheint bereits informiert zu sein, und seine Schlussfolgerung ist im Traum ausgedrückt. Das Unbewusste ist also offensichtlich in der Lage, genau wie das Bewusstsein, Tatsachen zu untersuchen und Schlüsse daraus zu ziehen. Es kann gewisse Fakten benutzen und deren mögliche Resultate vorwegnehmen, gerade weil wir ihrer nicht bewusst sind. Aber soweit man an Hand von Träumen feststellen kann, stellt das Unbewusste seine Überlegungen instinktiv an. Diese Unterscheidung ist wichtig. Logische Analyse ist das Vorrecht des Bewusstseins; wir wählen mit Vernunft und Wissen aus. Das Unbewusste scheint jedoch hauptsächlich von instinktiven Neigungen geleitet zu werden, die durch entsprechende Gedankenformen dargestellt sind - das heisst durch die Archetypen. Ein Arzt, der den Verlauf einer Krankheit beschreiben soll, wird so rationale Begriffe wie «Infektion» oder «Fieber» benutzen. Der Traum ist poetischer. Er stellt den kranken Körper als das Haus eines Menschen dar und das Fieber als Feuer, welches das Haus zerstört. Wie der obige Traum zeigt, hat der archetypische Geist die Situation auf dieselbe Weise behandelt, wie er es zur Zeit des Artemidorus getan hatte. Etwas mehr oder weniger Unbekanntes wird vom Unbewussten aufgegriffen und einer arche-

'?Ttp Der menschliche Körper wird o ft als ein Haus dargestellt. Links: In einer hebräischen Enzyklopädie aus dem IS. Jahrhundert werden der Körper und ein Haus miteinander verglichen: Türmchen als Ohren, Fenster als Augen, ein Ofen als Magen usw. Rechts: In einer Karikatur von James Thurber sieht ein Pantoffelheld sein ff aus und seine Frau als dasselbe Wesen.


typischen Verarbeitung unterworfen. An Stelle einer Schlussfolgerung, wie sie das Bewusstsein angewendet haben würde, hat der archetypische Geist eine Voraussage gegeben. Die Archetypen haben also eine eigene Initiative und ihre eigene spezifische Energie. Diese Kräfte ermöglichen es ihnen, sowohl eine sinnvolle Interpretation (in ihrem eigenen symbolischen Stil) zu geben als auch mit ihren eigenen Impulsen sich in eine gegebene Situation einzuschalten. In dieser Hinsicht fungieren sie wie Komplexe; sie kommen und gehen, wie es ihnen gefällt, und oft behindern oder verändern sie unsere bewussten Pläne auf verwirrende Weise. Die spezifische Energie der Archetypen kann man wahrnehmen, wenn man die besondere Faszination erlebt, die sie begleitet. Archetypen scheinen einen besonderen Zauber auszuüben. Eine derartige Eigenschaft zeichnet auch die persönlichen Komplexe aus; und ebenso wie diese ihre Geschichte haben, so auch die kollektiven Komplexe archetypischer Prägung. Aber während persönliche Komplexe nie mehr als einen persönlichen Standpunkt produzieren, schaffen Archetypen Mythen, Religionen und Philosophien, die ganze Nationen und geschichtliche Epochen charakterisieren. Wir betrachten die persönlichen Komplexe als Kompensationen für einseitige oder falsche Bewusstseinseinstellungen; ähnlich können Mythen religiöser Natur interpretiert werden als eine Art geistiger Therapie für die Leiden und Ängste der Menschheit Hunger, Krieg, Krankheit, Alter, Tod. Der universale Heldenmythos zum Beispiel bezieht sich immer auf einen mächtigen Menschen oder Gottmenschen, der das Böse in Gestalt Die Wirksamkeit der Archetypen kann dazu benutzt-werden, Menschen zu kollektiver Aktion zu veranlassen. Die Nazis wussten das und verwendeten teutonische Mythen, um das Volk für ihre Sache zu gewinnen. Ganz rechts: Ein Propagandabild von Hitler als heldenhaftem Kreuzfahrer. Rechts: Ein Sonnenwendfest der Hitler-Jugend, Wiederbelebung eines alten heidnischen Festes.

von Drachen, Schlangen, Ungeheuern, Dämonen und so weiter besiegt und der sein Volk aus Zerstörung und Tod befreit. Die Erzählung oder rituelle Wiederholung von heiligen Texten und Zeremonien und die Verehrung einer solchen Heldenfigur durch Tänze, Musik, Hymnen, Gebete und Opfer ergreifen die Hörerschaft wie magischer Zauber und erheben den einzelnen zur Identifikation mit dem Helden. Wenn wir eine solche Situation mit den Augen des Gläubigen zu sehen versuchen, können wir vielleicht verstehen, wie der gewöhnliche Mensch von seiner Ohnmacht und seinem Elend befreit werden und (wenigstens zeitweise) mit fast übermenschlichen Eigenschaften ausgestattet werden kann. Oft genug wird eine solche Überzeugung ihn lange Zeit aufrecht halten und seinem Leben eine gewisse Form geben. Sie kann sogar für eine ganze Gesellschaftsordnung massgebend sein. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür findet sich in den Eleusinischen Mysterien, die erst zu Beginn des 7. Jahrhunderts der christlichen Zeit unterdrückt wurden. Sie enthielten, zusammen mit dem delphischen Orakel, das Wesen und den Geist des alten Griechenland. In viel grösserem Masse verdankt die christliche Ära ihren Namen und ihre Bedeutung dem antiken Mysterium des Gottmenschen, das seine Wurzeln im archetypischen Osiris-Horus-Mythos des alten Ägypten hat. Es wird gewöhnlich vermutet, ein geschickter Philosoph oder Prophet habe in prähistorischen Zeiten die grundlegenden mythologischen Ideen «erfunden», die später von einem leichtgläubigen und unkritischen Volk «geglaubt» worden wären. Man sagt auch, die Geschichten, die eine


Ganz oben: Ein Weihnachtsbild, von einem Kind gemalt, zeigt auch den vertrauten Kerzenbaum. Der immergrüne Baum ist mit Christus verbunden durch die Symbolik des WintersonnenwendFestes und das «neue Jahr» (das neue Zeitalter des Christentums). Das Kreuz wird oft als Baum gesehen, wie auf dem mittelalterlichen italienischen Fresko (links), auf dem Christus am Baum der Erkenntnis gekreuzigt wird. Kerzen symbolisieren in christlichen Zeremonien das göttliche Licht, wie beim schwedischen St.-Luzia-Fest (oben).


machthungrige Priesterschaft erzähle, seien nicht «wahr», sondern blosses «Wunschdenken». Aber das Wort «erfinden» bedeutet ja «finden», also etwas auffinden, was man sucht. Dies deutet also auf eine gewisse Vorkenntnis dessen hin, was man dann findet. Kehren wir wieder zu den seltsamen Träumen des kleinen Mädchens zurück. Es ist unwahrscheinlich, dass es sich die Ideen ausgedacht hat, denn es war ja erstaunt, sie zu finden. Sie fielen ihm eher wie eigenartige, unerwartete Geschichten ein, die merkwürdig genug schienen, um sie dem Vater als Weihnachtsgeschenk zu geben. Indem die kleine Träumerin das aber tat, hob sie die Träume hinauf in die Sphäre unseres immer noch lebendigen christlichen Mysteriums die Geburt unseres Herrn, verflochten mit dem Geheimnis des immergrünen Baumes, der das neugeborene Licht trägt. (Dies bezieht sich auf den fünften Traum.) Obgleich es reichliches historisches Beweismaterial für eine symbolische Beziehung zwischen Christus und dem Baumsymbol gibt, wären die Eltern des kleinen Mädchens sicher in grosser Verlegenheit gewesen, hätte man sie gefragt, was es bedeute, wenn sie zur Feier der Geburt Christi einen Baum mit brennenden Kerzen schmückten. «Ach, das ist so ein christlicher Brauch», hätten sie wahrscheinlich geantwortet. Eine tiefer gehende Antwort würde eine weitreichende Abhandlung über die antike Symbolik des sterbenden Gottes und deren Beziehung zum Kult der Grossen Mutter und ihrem Symbol, dem Baum, erfordern - um nur einen Aspekt dieses komplizierten Problems zu erwähnen. Je näher wir die Wurzel eines «kollektiven Bildes» (oder in der Kirchensprache ausgedrückt: eines Dogmas) untersuchen, desto deutlicher sehen wir ein scheinbar endloses Gewebe von archetypischen Mustern, die erst in neuerer Zeit Gegenstand bewusster Reflektion geworden sind. Wir wissen also heute paradoxerweise mehr über mythologische Symbolik als irgendeine Generation vor uns. In früheren Zeiten dachten die Menschen kaum über ihre Symbole nach; sie lebten sie und wurden unbewusst von ihrem Gehalt angeregt. Ich möchte dies durch eine Erfahrung veran-

schaulichen, die ich einmal bei den Eingeborenen von Mount Elgon in Afrika gemacht habe. Jeden Morgen in der Dämmerung verlassen sie ihre Hütten und hauchen oder spucken in ihre Hände, die sie dann den ersten Sonnenstrahlen entgegenstrecken, als ob sie ihren Atem oder ihren Speichel dem aufgehenden Gott darbringen wollten dem mungu. (Dieses Suaheli-Wort, das sie zur Erklärung des rituellen Akts benutzten, ist abgeleitet von einer polynesischen Wurzel, einem Äquivalent zu mcina oder mulungu. Diese und ähnliche Ausdrücke bezeichnen eine «Macht» von ausserordentlicher Wirksamkeit und Kraft, die wir göttlich nennen würden. Das Wort mungu ist also ein Äquivalent für Allah oder Gott.) Als ich sie nach dem Sinn dieser Handlung fragte, konnten sie mir nur sagen: «Wir haben es immer getan. Immer wenn die Sonne aufgeht, hat man es getan.» Sie lachten über die naheliegende Folgerung, die Sonne sei mungu. Die Sonne ist auch tatsächlich nicht mungu, wenn sie über dem Horizont steht; mungu ist der Moment des Sonnenaufgangs. Was die Eingeborenen taten, war mir klar, ihnen selbst aber nicht; sie taten etwas, ohne über dessen Sinn nachzudenken, und konnten es infolgedessen auch nicht erklären. Ich vermutete, dass sie ihre Seelen dem mungu darbrachten, denn der Atem (des Lebens) und der Speichel bedeuten «Seelensubstanz». Etwas anhauchen oder anspucken hat eine «magische» Wirkung; Christus zum Beispiel nahm Speichel, um den Blinden zu heilen; oder ein Sohn atmet (bei gewissen Stämmen) den letzten Lebenshauch des Vaters ein, um die Seele des Vaters in sich aufzunehmen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese Afrikaner jemals, selbst in ferner Vergangenheit, mehr über die Bedeutung ihrer Zeremonie gewusst haben. Wahrscheinlich waren ihre Ahnen ihrer Motive auch zutiefst unbewusst und dachten noch weniger über ihre Handlungen nach. Goethes Faust sagt treffend: «Im Anfang war die Tat.» «Taten» wurden nie erfunden, sie wurden getan; Gedanken sind dagegen eine verhältnismässig späte Entdeckung des Menschen. Zuerst wurde er von unbewussten Faktoren zu Taten getrieben; erst lange Zeit später begann er über die Beweggründe nachzudenken; und es 81


bedurfte schon einer sehr langen Zeitspanne, um ihn auf die lächerliche Idee zu bringen, er hätte von sich aus gehandelt - sein Geist war ausserstande, irgendeine andere treibende Kraft als sich selbst zu erkennen. Wir würden über die Vorstellung lachen, eine Pflanze oder ein Tier hätten sich selbst erfunden; doch gibt es viele Menschen, die glauben, die Psyche oder ihr Geist hätten sich selber erschaffen. Der Geist ist von Natur in seinen gegenwärtigen Bewusstseinszustand hineingewachsen, so wie eine Eichel zu einem Eichbaum wird oder wie Saurier sich zu Säugetieren entwickelt haben. Er hat sich in einer langen Zeit entwickelt und entwickelt sich immer noch weiter; wir werden darum auch von inneren Kräften, nicht nur von äusseren Reizen bewegt. Diese inneren Antriebe entspringen einer Quelle, die nicht der Kontrolle des Bewusstseins unterliegt. In der Mythologie früherer Zeiten wurden diese Kräfte als Geister, Dämonen oder Götter bezeichnet. Sie sind heute so tätig wie eh und je, obwohl wir keinesfalls zugeben wollen, wir seien abhängig von «Mächten», die sich unserer Kontrolle entziehen. Allerdings hat sich der Mensch in neuerer Zeit ein gewisses Quantum Willenskraft erworben,

die er beliebig anwenden kann. Er braucht sich nicht mehr durch Singen und Trommeln hypnotisch in Arbeitsstimmung versetzen zu lassen. Er kann sogar auf ein tägliches Gebet um göttliche Hilfe verzichten, wogegen der Primitive auf Schritt und Tritt durch Aberglauben, Furcht und andere unsichtbare Widerstände behindert scheint. Das Motto «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg», zeigt den Aberglauben des modernen Menschen. Die Götter und Dämonen des heutigen Menschen haben nur neue Namen bekommen; sie sind nicht etwa verschwunden, sondern sie halten ihn in Atem mit Rastlosigkeit, psychischen Komplikationen, einem unstillbaren Bedürfnis nach Pillen, Alkohol, Tabak - und vor allem: einer grossen Zahl von Neurosen.

Zwei Beispiele für den Glauben an die «magische» Eigenschaft des Atems: Unten links: Ein Zulu-Zauberer heilt einen Patienten, indem er ihm durch ein Kuhhorn ins Ohr bläst (um die Geister auszutreiben); eine mittelalterliche Schöpfungsdarstellung (unten) schildert, wie Gott dem Adam Leben einhaucht. Rechts: Auf einem italienischen Gemälde aus dem 13. Jahrhundert heilt Christus einen Blinden mit Speichel.


Die menschliche Seele

Das, was wir heute als Bewusstsein bezeichnen, hat sich erst allmählich von den Instinkten getrennt. Aber diese Instinkte sind nicht ganz verschwunden. Sie haben nur den Kontakt mit unserem Bewusstsein verloren und sind daher gezwungen, sich auf indirektem Wege zu behaupten. Das kann im Falle einer Neurose durch körperliche Symptome geschehen oder durch unerklärliche Launen, Vergesslichkeit oder sprachliche Fehlleistungen. Der Mensch glaubt zwar, er sei Herr über seine Seele. Aber solange er unfähig ist, seine Stimmungen und Emotionen zu beherrschen, und solange er nicht erkennt, dass sich unbewusste Faktoren auf unzähligen geheimen Wegen in seine Entscheidungen hineindrängen, solange ist er ganz sicher nicht Herr seiner selbst. Diese un-

bewussten Faktoren verdanken ihre Existenz der Autonomie der Archetypen. Der moderne Mensch schützt sich systematisch davor, seinen eigenen zwiespältigen Zustand sehen zu müssen. Bestimmte Bezirke des äusseren Lebens und seines eigenen Verhaltens werden gleichsam in getrennten Schubladen aufbewahrt und nie miteinander zusammengebracht. Ich erinnere mich an den Fall eines Alkoholikers, der unter den löblichen Einfluss einer gewissen religiösen Bewegung gekommen war, die ihn so faszinierte, dass er seine Trunksucht völlig vergass. Er war augenscheinlich und auf wunderbare Weise von Jesus geheilt worden und damit ein geeigneter Zeuge für die göttliche Gnade und die Wirksamkeit der besagten religiösen Organisation. Aber nach einigen Wochen öffentlicher Bekenntnisse begann sein Enthusiasmus nachzulassen ; eine kleine alkoholische Erfrischung schien ihm angebracht, und so fing er wieder an zu trinken. Diesmal kam die Organisation zu dem Schluss, der Fall sei «pathologisch» und offensichtlich für das Eingreifen Jesu ungeeignet. Der Mann wurde daher in eine Klinik gebracht, damit ihn diesmal ein menschlicher Arzt behandeln könnte. Dies ist ein Aspekt des modernen «kulturellen»


Geistes, der einer näheren Betrachtung wert ist. Er zeigt einen alarmierenden Grad von Dissoziiertheit und psychologischer Verwirrung. Betrachten wir einmal die Menschheit als ein einziges Individuum, so sehen wir, dass sie genau wie der einzelne von unbewussten Mächten beeinflusst wird; und auch die Menschheit hält gern bestimmte Probleme in besonderen Schubladen verborgen. Aber gerade deshalb sollten wir uns sehr genau überlegen, was wir tun, denn wir alle sind heute von selbstgeschaffenen tödlichen Gefahren bedroht, die sich unserer Kontrolle allmählich entziehen. Unsere Welt ist dissoziiert wie ein neurotischer Mensch, wobei der Eiserne Vorhang die symbolische Trennungslinie bildet. Der westliche Mensch sieht sich angesichts des östlichen, aggressiven Machtwillens gezwungen, ausserordentliche Verteidigungsmassnahmen zu ergreifen; gleichzeitig brüstet er sich mit seiner Tugend und seinen guten Absichten. Er bemerkt jedoch nicht, dass ihm seine eigenen Laster, die er mit guten internationalen Manieren verdeckt hat, von der kommunistischen Welt systematisch wieder zu Gesicht gebracht werden. Was der Westen toleriert hat, wenn auch nur insgeheim und etwas verschämt (die diplomatische Lüge, systematische Täuschung, verhüllte Drohungen), kommt im Osten ganz offen ans Licht; dem westlichen Menschen grinst von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs sein eigener böser Schatten entgegen. Diese Sachlage erklärt das Gefühl der Hilflosigkeit bei so vielen Menschen in westlichen Gesellschaften. Sie haben angefangen zu begreifen, dass unsere Schwierigkeiten moralischer Art sind und wir sie nicht durch eine Anhäufung nuklearer Waffen und durch wirtschaftlichen «Wettbewerb» lösen können. Viele von uns verstehen heute, dass moralische und geistige Mittel wirksamer wären, weil diese uns gegen die immer mehr zunehmende Infektion immun machen könnten.

«Unsere Welt ist dissoziiert wie ein neurotischer Mensch.» Links: Die Berliner Mauer.

Aber alle derartigen Versuche haben sich bisher als untauglich erwiesen und werden es bleiben, solange wir uns selbst und der Welt einzureden versuchen, nur sie (das heisst unsere Gegner) seien im Unrecht. Es wäre viel sinnvoller, einen wirklich ernsthaften Versuch zu unternehmen, unseren eigenen Schatten und seine üblen Taten zu erkennen. Wenn wir unseren Schatten (die dunkle Seite unseres Wesens) sehen könnten, wären wir immun gegen jede moralische und geistige Anfechtung. Wie die Dinge jetzt liegen, sind wir jeder Ansteckung ausgesetzt, weil wir praktisch genau das gleiche tun wie sie. Nur haben wir noch den zusätzlichen Nachteil, dass wir weder sehen noch verstehen wollen, was wir selber unter dem Deckmantel des guten Benehmens tun. Die kommunistische Welt besitzt einen grossen Mythos (den wir eine Illusion nennen, in der vagen Hoffnung, unser überlegenes Urteil würde ihn zum Verschwinden bringen). Es ist der alte, archetypische Traum von einem Goldenen Zeitalter oder Paradies, wo alles für alle im Überfluss vorhanden ist und ein grosser, gerechter und weiser Herrscher einen menschlichen Kindergarten regiert. Dieser mächtige Archetyp hat sie in einer infantilen Form ergriffen, aber er wird nicht beim blossen Anblick unseres überlegenen Standpunktes verschwinden. Wir unterstützen ihn sogar noch durch unsere eigene Kindlichkeit, denn unsere westliche Welt befindet sich im Griff derselben Mythologie. Unbewusst hegen wir genau die gleichen Vorurteile, Hoffnungen und Erwartungen. Auch wir glauben an den Wohlfahrtsstaat, an einen Weltfrieden, an die Gleichheit aller Menschen, an Menschenrechte, an Gerechtigkeit, Wahrheit und (sagen wir es lieber nicht zu laut) an das Reich Gottes auf Erden. . Traurige Wahrheit ist, dass das Leben des Menschen aus einem Komplex unerbittlicher Gegensätze besteht - Tag und Nacht, Geburt und Tod, Glück und Unglück, Gut und Böse. Wir sind nicht einmal sicher, ob eins über das andere die Oberhand gewinnen wird, ob das Gute das Böse oder die Freude den Schmerz besiegen .Das Leben ist und bleibt ein Schlachtfeld; wenn dem nicht so wäre, würde nichts mehr existieren können. Eben dieser Konflikt war es, der die frühen

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Jede Gesellschaft hat ihre eigene Vorstellung vom archetypischen Paradies oder vom Goldenen Zeitalter, das es einst gab, wie man annimmt, und auch einmal wieder geben wird. Links: Ein amerikanisches Gemälde aus dem 19. Jahrhundert veranschaulicht die Vorstellung einer vergangenen Utopie: Es zeigt den Abschluss des Vertrages zwischen William Penn und den Indianern, 1682, in einer Ideallandschaft, wo alles Harmonie und Frieden ist. Unten links: Darstellung einer utopischen Idee: Ein Plakat in einem Moskauer Park zeigt Len in, der das russische Volk in die Zukunft führt.

Oben: Der Garten Eden als ein umgrenzter (und schlossähnlicher) Garten auf einem französischen Gemälde des 15. Jahrhunderts und die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies. Rechts: Ein «goldenes Zeitalter» primitiver Natürlichkeit auf einem Gemälde von Cranach, 16. Jahrhundert (betitelt: «Irdisches Paradies»), Ganz rechts: Das «Land Cokaygne» des flämischen Malers Brueghel, 16. Jahrhundert, ein mythisches Land sinnlicher Genüsse und bequemen Lebens (von dem man sich im mittelalterlichen Europa viele Geschichten erzählte, besonders unter den schwerarbeitenden Bauern und Leibeigenen).


Christen ein baldiges Ende dieser Welt erhoffen Hess oder die Buddhisten dazu veranlasste, allen irdischen Wünschen und Begierden zu entsagen. Diese Reaktionen wären glatter Selbstmord, wenn sie nicht mit besonderen geistigen und moralischen Vorstellungen und Praktiken verknüpft wären, die einen grossen Teil beider Religionen ausmachen und bis zu einem gewissen Grade ihre radikale Weltverneinung mildern. Ich betone das, weil es in unserer Zeit Millionen Menschen gibt, die ihr Vertrauen zu jeder Art von Religion verloren haben; sie verstehen ihre Religion nicht mehr. Wenn das Leben ohne Religion ungestört weiterläuft, bleibt der Verlust so gut wie unbemerkt. Leidet man aber, dann beginnt man einen Ausweg zu suchen und über den Sinn des Lebens und seine verwirrenden und schmerzlichen Erfahrungen nachzudenken. Es ist bezeichnend, dass der Psychologe (nach meiner Erfahrung) häufiger von Juden und Protestanten als von Katholiken aufgesucht wird. Das ist zu erwarten, denn die katholische Kirche fühlt sich immer noch verantwortlich für die cura animarum (Sorge um das Seelenheil). Aber in unserem wissenschaftlichen Zeitalter stellt man dem Psychiater die Fragen, die früher in den Bereich des Theologen gehörten. Die Menschen spüren, es würde vieles leichter sein, wenn sie nur an den Sinn des Lebens, an Gott und an die Unsterblichkeit glauben könnten. Das Gespenst des nahenden Todes gibt häufig Anlass zu solchen Überlegungen.

Da wir Gottes himmlischen Thron nicht durch ein Radioteleskop entdecken können und auch nicht sicher sind, ob die geliebten Eltern immer noch in mehr oder weniger körperlicher Form sich in unserer Nähe aufhalten, glauben die Leute, solche Vorstellungen seien unsinnig. Doch haben Konzeptionen dieser Art seit prähistorischen Zeiten das Leben der Menschen begleitet und dringen auch heute noch bei vielen Gelegenheiten wieder ins Bewusstsein. Der moderne Mensch wird vielleicht erklären, er komme ohne sie aus, und vielleicht beharrt er darauf, es gebe keinen wissenschaftlichen Beweis für ihre Wahrheit. Oder er bedauert sogar den Verlust seiner Überzeugungen. Wir haben es aber mit unsichtbaren und unerkennbaren Dingen zu tun; Gott geht über menschliches Begreifen hinaus, und auch Unsterblichkeit lässt sich nicht beweisen. Warum sollten wir uns solcher Anschauungen berauben, die sich in Krisenzeiten als hilfreich erweisen und unserm Dasein einen Sinn geben? Und woher wissen wir, dass solche Ideen nicht wahr sind ? Viele Menschen würden mit mir übereinstimmen, wenn ich einfach behauptete, solche Vorstellungen seien höchstwahrscheinlich Illusionen. Was sie sich dabei aber nicht klarmachen, ist, dass die Ablehnung ebenso unmöglich zu «beweisen» ist wie die Behauptung eines religiösen Standpunktes. Es gibt jedoch einen triftigen empirischen Grund, weshalb wir Gedanken, die nicht bewiesen wer-

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den können, doch kultivieren sollten. Sie haben sich nämlich als heilsam erwiesen. Der Mensch braucht unbedingt Vorstellungen und Überzeugungen, die seinem Leben einen Sinn geben und ihn in die Lage versetzen, für sich einen Platz im Universum zu finden. Er kann die unglaublichsten Leiden ertragen, wenn er davon überzeugt ist, dass sie einen Sinn haben. Religiöse Symbole geben dem menschlichen Leben eine Bedeutung. Die Pueblo-Indianer zum Beispiel halten sich für Söhne von Vater Sonne, und dieser Glaube gibt ihrem Leben eine Perspektive, die weit über ihre begrenzte Existenz hinausgeht. Er gibt ihnen Weite für die Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Ihre Lage ist weitaus befriedigender als die eines Menschen unserer eigenen Zivilisation, der weiss, er ist und wird einer der «Unteren» bleiben, und sein Leben ist bedeutungslos. Das Gefühl einer tieferen Bedeutung des eigenen Lebens hebt einen Menschen über das blosse Nehmen und Geben hinaus. Hat man dieses Gefühl nicht, dann ist man elend und verloren. Wäre der heilige Paulus überzeugt davon gewesen, er sei nur ein umherziehender Teppichweber, so wäre er gewiss nicht der Mann gewesen, der er war. Sein bedeutungsvolles Leben beruhte auf der inneren Gewissheit, ein Gesandter Gottes zu sein. Man hätte ihn des Grössenwahns bezichtigen können, aber solch eine Meinung verblasst vor dem Zeugnis der Geschichte und dem Urteil nachfolgender Generationen. Der Mythos, der von ihm Besitz ergriffen hatte, gab seinem Leben eine aussergewöhnliche Tragweite.

Links: Ein südamerikanisches Schiffsbegräbnis nach einem Stammesritual. Der Tote, der in sein eigenes Kanu gelegt wird, bekommt Nahrung und Kleidung Jür seine Fahrt. Religiöse Symbole geben dem menschlichen Leben einen Sinn: Antike Völker betrauerten zwar die Toten (rechts: eine ägyptische Figurine, die Trauer darstellt; sie wurde in einem Grab gefunden); aber ihr Glaube liess sie darauf vertrauen, dass der Tod eine positive Umwandlung sei.

Ein solcher Mythos besteht jedoch aus Symbolen, die nicht erfunden worden, sondern die geschehen sind. Es war nicht der Mensch Jesus, der den Mythos des Gottmenschen schuf. Dieser existierte schon viele Jahre vor Christi Geburt. Er selber wurde von diesem symbolischen Motiv gepackt, das ihn, wie der heilige Markus uns berichtet, aus dem beschränkten Leben des Nazarener Zimmermannes heraushob. Mythen gehen zurück auf den primitiven Geschichtenerzähler und seine Träume zurück zu Menschen, die von ihren erregenden Phantasien bewegt wurden. Diese Menschen unterschieden sich nicht sehr von jenen, die spätere Generationen als Dichter oder Philosophen bezeichnet haben. Primitive Geschichtenerzähler kümmerten sich nicht um den Ursprung ihrer Phantasien; erst viel später begannen die Menschen


darüber nachzudenken, woher eine Geschichte gekommen war. Doch vor Jahrhunderten war, im antiken Griechenland, der Verstand der Menschen schon soweit fortgeschritten, dass die Göttergeschichten für archaische Überlieferungen von lange begrabenen Königen oder Stammeshäuptlingen gehalten wurden. Man war bereits der Ansicht, der Mythos sei zu unwahrscheinlich, um das zu bedeuten, was er aussagte; deshalb versuchte man, ihn auf eine allgemeinverständliche Form zu reduzieren. In neuerer Zeit haben wir erlebt, wie das gleiche mit der Traumsymbolik geschah. In den Jahren, als die Psychologie noch im Kindesalter war, merkten wir, dass Träume eine gewisse Wichtigkeit hatten. Aber ebenso wie die Griechen sich einredeten, ihre Mythen wären blosse Ausarbeitungen der rationalen oder «normalen» Geschichte, so kamen auch einige psychologische Pioniere zu der Auffassung, Träume bedeuteten nicht das, was sie zu bedeuten schienen. Die dargestellten Bilder und Symbole wurden als bizarre Formen, in denen unterdrückte psychische Inhalte dem Bewusstsein erschienen, abgetan. Wie ich bereits gesagt habe, stimme ich mit dieser Auffassung nicht überein; ich habe mich veranlasst gefühlt, die Form von Träumen ebenso zu untersuchen wie ihren Inhalt. Warum sollten sie etwas anderes bedeuten, als ihr Inhalt zeigte? Gibt es in der Natur irgend etwas, das anders ist, als es ist? Der Traum ist eine normale, natürliche Erscheinung und bedeutet nichts, was er nicht selbst ist. Der Talmud sagt: «Der Traum ist seine eigene Deutung.» Verwirrung entsteht nur, weil die Trauminhalte symbolisch sind und deshalb mehr als nur eine einzige Bedeutung haben. Die Symbole weisen in eine Richtung, die wir mit dem bewussten Verstand nicht begreifen ; sie beziehen sich also auf etwas, das entweder unbewusst oder wenigstens nicht völlig bewusst ist. Für den wissenschaftlichen Verstand sind solche Erscheinungen ein Ärgernis, weil sie nicht in einer den Intellekt und die Logik befriedigenden Weise formuliert werden können. In der Psychologie stellen sie keineswegs Einzelfälle dar. Schwierig wird es bei dem Phänomen des «Affektes» oder der Emotion, die sich endgültigen De79

Oben: Kinderzeichnung eines Baumes (mit der Sonne darüber). Der Baum ist eines der besten Beispiele fiir ein häufig vorkommendes Traummotiv, das sehr viele verschiedene Bedeutungen haben kann. Es symbolisiert Entwicklung, Wachstum oder psychologische Reifung; es kann Opfer oder Tod darstellen (die Kreuzigung Christi am Baum); es kann ein phallisches Symbol sein usw. Und so bekannte andere Traummotive wie das Kreuz (rechts) oder das lingam (ganz rechts) können ebenfalls eine Menge symbolischer Bedeutungen haben.


finitionsversuchen der Psychologen entzieht. Die Ursache der Schwierigkeit ist in beiden Fällen dieselbe - die Intervention des Unbewussten. Ich kenne den naturwissenschaftlichen Standpunkt gut genug, um zu wissen, wie lästig es ist, mit Tatsachen zu tun zu haben, die man nicht völlig begreifen kann. Die Fakten sind unleugbar vorhanden, könnenaberdochnichtin verstandesmässigen Ausdrücken formuliert werden. Dazu müsste man imstande sein, das Leben selbst zu begreifen, denn das Leben ist es, das die Emotionen und symbolischen Ideen hervorruft. Der akademische Psychologe kann das Phänomen der Emotion oder den Begriff des Unbewussten ohne weiteres ausser Betracht lassen. Dennoch bleiben es Tatsachen, die zumindest der medizinische Psychologe gebührend beachten muss; denn Gefühlskonflikte und die Intervention des Unbewussten sind die klassischen Gegenstände seiner Wissenschaft. Sobald er einen Patienten behandelt, treten ihm diese Irrationalitäten als harte Tatsachen entgegen, ohne Rücksicht auf seine Fähigkeit, sie verstandesmässig zu formulieren. Deshalb ist es ganz natürlich, dass Leute, die nicht über die Erfahrungen eines medizinischen Psychologen verfügen, es schwierig finden, dem zu folgen, was geschieht, wenn die Psychologie aufhört, ruhige Forschungsarbeit des Wissenschaftlers in seinem Labor zu sein, und aktiv am Abenteuer des wirklichen Le-

bens teilnimmt. Zielübungen auf einem Schiessplatz sind weit vom Schlachtfeld entfernt; der Arzt hat es mit den Opfern eines echten Krieges zu tun. Er muss sich mit psychischen Realitäten beschäftigen, auch wenn er sie nicht in wissenschaftliche Kategorien einordnen kann. Deshalb kann kein Lehrbuch Psychologie wirklich lehren; man lernt nur durch praktische Erfahrung. Wir sehen diesen Punkt klarer, wenn wir einige bekannte Symbole untersuchen: Das Kreuz in der christlichen Religion zum Beispiel ist ein bedeutsames Symbol, das viele Aspekte, Ideen und Emotionen ausdrückt; aber ein Kreuz hinter einem Namen auf einer Liste zeigt nur an, dass jemand tot ist. Der Phallus fungiert als ein allumfassendes Symbol in der hinduistischen Religion; aber wenn ein Strassenjunge einen Phallus an eine Mauer zeichnet, so zeigt das bloss sein Interesse an seinem Penis. Da kindliche und jugendliche Phantasien oft bis ins Erwachsenenalter hineinspielen, gibt es viele Träume mit unzweifelhaft sexuellen Andeutungen. Es wäre absurd, sie anders verstehen zu wollen. Wenn ein gebildeter Inder vom Lingam spricht (dem Phallus, der in der hinduistischen Mythologie den Gott Shiva darstellt), so wird man Dinge hören, die ein westlicher Mensch niemals mit dem Penis verbinden würde. Lingam ist gewiss keine obszöne Anspielung; und das Kreuz ist auch nicht nur ein Zeichen des Todes.


Es hängt viel von der Reife des Träumers ab, der solch ein Bild produziert. Die Interpretation von Träumen und Symbolen erfordert Intelligenz. Sie kann nicht in ein mechanisches System verwandelt werden, das man dann in phantasielose Hirne stopft. Sie erfordert sowohl eine wachsende Kenntnis der individuellen Persönlichkeit des Träumers als auch eine zunehmende Selbstkenntnis auf Seiten des Interpreten. Niemand, der auf diesem Gebiet Erfahrung besitzt, wird abstreiten, dass es Faustregeln gibt, die manchmal hilfreich sein können; aber diese müssen mit Vorsicht und Intelligenz angewendet werden. Jemand kann alle Regeln richtig anwenden und trotzdem auf einen erschrekkenden Unsinn verfallen, einfach deshalb, weil er ein scheinbar unwichtiges Detail übersieht, das eine bessere Intelligenz nicht ausgelassen haben würde. Selbst ein Mensch mit scharfem Verstand kann aus Mangel an Intuition oder Gefühl dabei sehr in die Irre gehen. Wenn wir Symbole zu verstehen suchen, stehen wir nicht nur dem Symbol selbst, sondern dem ganzen symbolproduzierenden Individuum gegenüber. Dies schliesst ein Studium seines kulturellen Hintergrundes mit ein, und bei diesem Prozess füllt man etliche Lücken in der eigenen Bildung. Ich habe es mir zur Regel gemacht, jeden Fall als eine völlig neue Aufgabe zu betrachten, von der ich nicht einmal das Abc kenne. Routineantworten mögen praktisch und nützlich sein, solange man es mit der Oberfläche zu tun hat. Aber sobald man die vitalen Probleme berührt, tritt das Leben selbst auf den Plan, und damit werden auch die glänzendsten theoretischen Prämissen zu wirkungslosen Worten. Vorstellungskraft und Intuition sind für ein Verständnis wesentlich. Und obschon man allgemein der Ansicht ist, sie seien hauptsächlich für Dichter und Künstler massgebend (und man sollte ihnen bei «vernünftigen» Angelegenheiten misstrauen), sind sie tatsächlich für alle höheren Bereiche der Wissenschaft ebenso wichtig. Hier spielen sie eine bedeutsame Rolle, welche die des «rationalen» Intellekts und seiner Anwendung auf ein spezielles Problem ergänzt. Sogar die Physik, die strengste aller angewandten Wissenschaften, beruht in erstaunlichem Umfang auf

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Intuition, die auf dem Weg über das Unbewusste tätig ist. Intuition ist fast unerlässlich bei der Deutung von Symbolen, und sie kann oftmals bewirken, dass diese vom Träumer sofort verstanden werden. Andererseits kann ein solches glückliches Ahnungsvermögen aber auch ziemlich gefährlich werden, da es leicht zu einem falschen Sicherheitsgefühl verleitet. Die feste Grundlage wirklichen Wissens geht verloren, wenn man sich damit zufriedengibt, «ahnungsweise» verstanden zu haben. Erklären und wissen kann man erst, wenn man Intuitionen auf eine exakte Kenntnis der Tatsachen und ihrer logischen Verbindungen zurückgeführt hat. Ein ehrlicher Forscher wird zugeben, dass er das nicht immer kann. Auch ein Wissenschaftler ist nur ein Mensch, und es ist für ihn genauso natürlich wie für andere Leute, unerklärliche Dinge zu hassen. Unsere heutigen Kenntnisse sind durchaus nicht alles, was wir jemals wissen können. Nichts ist verwundbarer als eine wissenschaftliche Theorie, die ja nur den vergänglichen Versuch darstellt, Tatsachen zu erklären, die aber keine ewige Wahrheit bietet.

Frühe mythologische Wesen sind heute Museumsstücke (rechts). Aber die in ihnen ausgedrückten Archetypen haben ihre Kraft noch nicht eingebüsst. Vielleicht sind die Ungeheuer moderner «Grusel»-Filme (ganz rechts) verzerrte Versionen von Archetypen, die nicht mehr unterdrückt werden.


Die Rolle der Symbole

Wenn der medizinische Psychologe sich für Symbole interessiert, so beschäftigen ihn primär die «natürlichen» im Unterschied zu den «kulturellen» Symbolen. Die ersteren leiten sich von den unbewussten Inhalten der Psyche ab und repräsentieren daher eine enorme Anzahl von Variationen der wesentlichen archetypischen Bilder. In vielen Fällen kann man sie noch bis zu ihren archetypischen Wurzeln zurückverfolgen, das heisst auf Ideen und Bilder, die man in ältesten Berichten und in primitiven Gesellschaftsordnungen antrifft. Die kulturellen Symbole andererseits sind solche, die man bewusst verwendet hat, um «ewige Wahrheiten» auszudrücken; sie werden immer noch in vielen Religionen gebraucht. Sie haben viele Umformungen und sogar einen mehr oder weniger bewussten Entwicklungsprozess erlebt und sind auf diese Weise zu kollektiven Bildern geworden, die man in zivilisierten Gesellschaften anerkennt. Solche kulturelle Symbole enthalten trotzdem noch viel von ihrer ursprünglichen Numinosität, ihrem «Zauber». Man weiss, dass sie in manchen

Menschen eine tiefe Gefühlsreaktion auslösen können, und ihre psychische Ladung lässt sie in ähnlicher Weise wirken wie Vorurteile. Sie sind Faktoren, mit denen der Psychologe rechnen muss; es ist töricht, sie einfach abzutun, nur weil sie, rational betrachtet, bedeutungslos erscheinen. Sie sind wichtige Bestandteile unserer geistigen Struktur und lebenswichtige Kräfte im Aufbau der menschlichen Gesellschaft; sie können nicht ohne ernsten Schaden ausgerottet werden. Wo man sie unterdrückt oder vernachlässigt, da verschwindet ihre spezifische Energie mit unberechenbaren Folgen ins Unbewusste. Die psychische Energie, die auf diese Weise verlorengegangen zu sein scheint, dient in Wirklichkeit dazu, das, was im Unbewussten zuoberst liegt, wieder zu beleben und zu intensivieren - Tendenzen vielleicht, die bis dahin keine Gelegenheit gehabt hatten, sich auszudrücken, oder denen wenigstens eine unbehinderte Existenz in unserem Bewusstsein nicht gestattet war. Solche Tendenzen bilden einen immer gegenwärtigen und potentiell zerstörerischen «Schatten» unseres Bewusstseins. Selbst Tendenzen, die unter Umständen einen positiven Einfluss ausüben könnten, werden in Dämonen verwandelt, wenn man sie unterdrückt. Deshalb haben viele Leute verständlicherweise Angst vor dem Unbewussten und gleichzeitig vor der Psychologie. Unsere Zeit hat deutlich gemacht, was es heisst, wenn die Pforten der Unterwelt geöffnet werden. Ereignisse, deren Ungeheuerlichkeit sich nie-

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mand in der idyllischen Unschuld des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts hätte vorstellen können, sind tatsächlich geschehen und haben unsere Welt auf den Kopf gestellt. Der moderne Mensch versteht nicht, wie sehr sein «Rationalismus» (der seine Fähigkeit zerstört hat, auf numinose Symbole und Ideen zu reagieren) ihn der psychischen «Unterwelt» preisgegeben hat. Er hat sich selbst vom «Aberglauben» befreit (wenigstens glaubt er das), aber bei diesem Vorgang hat er seine geistigen Werte in einem erschreckend hohen Mass verloren. Seine moralische und geistig-seelische Tradition ist zerfallen, und er zahlt nun den Preis für diese Auflösung mit weltweiter Desorientierung und Zersetzung. Anthropologen haben oft beschrieben, was passiert, wenn in einer primitiven Gesellschaftsordnung die geistigen Werte dem Ansturm der modernen Zivilisation ausgesetzt werden. Die Menschen verlieren den Glauben an den Sinn ihres Lebens, ihre soziale Ordnung zerfällt, und sie selber gehen moralisch zugrunde. Wir sind heute in der gleichen Lage. Aber wir haben nie richtig verstanden, was wir verloren haben, denn unsere geistigen Führer waren unglücklicherweise mehr

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daran interessiert, ihre Institutionen zu schützen, als daran, das Geheimnis zu verstehen, welches die Symbole darstellen. Meiner Meinung nach schliesst der Glaube nicht das Denken aus (das die stärkste Waffe des Menschen ist); aber leider scheinen manche Gläubige sich so sehr vor der Naturwissenschaft (und vor der Psychologie) zu fürchten, dass sie blind sind gegenüber den numinosen psychischen Mächten, die ewig das Schicksal des Menschen beherrschen. Wir haben alle Dinge ihres Geheimnisses und ihrer Numinosität beraubt; uns ist nichts mehr heilig. In früheren Zeiten, als instinktive Vorstellungen im Geist des Menschen auftauchten, konnte sein Bewusstsein diese in ein zusammenhängendes psychisches Muster integrieren. Aber der «zivilisierte» Mensch kann das nicht mehr. Sein «fortschrittliches» Bewusstsein hat sich selbst aller Mittel beraubt, durch welche die hilfreichen Beiträge der Instinkte und des Unbewussten assimiliert werden könnten. Organe der Assimilation waren jene numinosen Symbole, die allgemein heiliggehalten wurden. Heute sprechen wir zum Beispiel von «Materie». Wir beschreiben ihre physikalischen Eigenschaften. Wir führen Laborexperimente durch, um


einige ihrer Aspekte zu zeigen. Aber das Wort «Materie» bleibt ein trockener, unmenschlicher und rein intellektueller Begriff, der für uns keine psychische Bedeutung hat. Wie anders war dagegen das frühere Bild der Materie - der Grossen Mutter-, welches die tiefe emotionale Bedeutung der Mutter Erde ausdrückte. Auf dieselbe Weise wird das, was der Geist war, heute mit dem Intellekt identifiziert und hört damit auf, der Vater des Weltalls zu sein. Er ist zu den beschränkten Ich-Gedanken des Menschen degeneriert; die unermessliche emotionale Energie, die in dem Bild «unser Vater» ausgedrückt war, versickert im Sande einer intellektuellen Wüste. Diese beiden archetypischen Prinzipien liegen den gegensätzlichen Systemen von Ost und West zugrunde. Die Massen und ihre Führer machen sich jedoch nicht klar, dass es kein wesentlicher Unterschied ist, ob man das Weltprinzip männlich und Vater (Geist) nennt, wie es der Westen tut, oder weiblich und Mutter, wie die Kommunisten es bezeichnen. Im Grunde wissen wir von dem einen ebensowenig wie vom anderen. Früher wurden diese Prinzipien in vielfältiger Weise rituell verehrt, was immerhin die psychische Bedeutung zeigt, die sie einmal für die Menschen hatten. Heute dagegen sind sie nur noch abstrakte Begriffe. In dem Masse, wie unser wissenschaftliches Verständnis zugenommen hat, ist unsere Welt entmenschlicht worden. Der Mensch fühlt sich im Kosmos isoliert, weil er nicht mehr mit der Natur verbunden ist und seine emotionale «unbewusste Identität» mit natürlichen Erscheinungen verloren hat. Diese haben allmählich ihren symbolischen Gehalt eingebüsst. Der Donner ist nicht mehr'die Stimme eines zornigen Gottes und der Blitz nicht mehr sein strafendes Wurfgeschoss. In

keinem Fluss wohnt mehr ein Geist, kein Baum ist das Lebensprinzip eines Mannes, keine Schlange die Verkörperung der Weisheit, keine Gebirgshöhle die Wohnung eines grossen Dämons. Es sprechen keine Stimmen mehr aus Steinen, Pflanzen und Tieren zu den Menschen, und er selbst redet nicht mehr zu ihnen in dem Glauben, sie verständen ihn. Sein Kontakt mit der Natur ist verlorengegangen und damit auch die starke emotionale Energie, die diese symbolische Verbindung bewirkt hatte. Dieser enorme Verlust wird durch die Symbole unserer Träume wieder ausgeglichen. Sie bringen unsere ursprüngliche Natur ans Licht - ihre Instinkte und eigenartigen Denkweisen. Leider drücken sie jedoch ihre Inhalte in der Sprache der Natur aus, die uns fremd und unverständlich ist. Daher müssen wir diese Sprache in die rationalen Worte und Begriffe unserer modernen Redeweise übersetzen, die sich von ihren primitiven Anhängseln befreit hat - insbesondere von der mystischen Teilnahme an den Dingen, die sie beschreibt. Wenn wir heutzutage von Geistern und anderen numinosen Gestalten sprechen, beschwören wir sie nicht mehr herauf. Die Kraft und die Herrlichkeit solcher einst mächtigen

Unterdrückte unbewusste Inhalte können in Form negativer Emotionen zerstörerisch hervorbrechen - wie im Zweiten Weltkrieg. Ganz links: Jüdische Gefangene in Warschau nach dem Aufstand 1943; links: Schuhwerk der Toten von Auschwitz. Rechts: Australische Eingeborene, die durch Kontakt mit der Zivilisation ihren religiösen Glauben verloren. Dieser Stamm zählt nur noch ein paar hundert Menschen.

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Worte ist vergangen. Wir haben aufgehört, an magische Formeln zu glauben; es sind nicht mehr viele Tabus und ähnliche Beschränkungen übriggeblieben. Und unsere Welt ist anscheinend desinfiziert von solchen numinosen Erscheinungen wie Hexen, Werwölfen, Vampiren, Buschseelen und all den anderen bizarren Wesen, die früher die Urwälder bevölkerten. Die Oberfläche unserer Welt scheint also von allen abergläubischen und irrationalen Elementen gereinigt zu sein. Ob jedoch die wirkliche innere Welt des Menschen (nicht unsere Wunschvorstellung von ihr) auch von Primitivität befreit ist, bleibt eine andere Frage. Ist nicht die Zahl 13 immer noch für viele Leute tabu? Sind nicht immer noch viele Menschen von irrationalen Vorurteilen, Projektionen und kindlichen Illusionen besessen? Ein realistisches Bild des menschlichen Geistes enthüllt eine Menge solcher primitiver Züge und Überbleibsel, die immer noch ihre Rolle so spielen, als ob sich in den vergangenen fünfhundert Jahren nichts geändert hätte. Der moderne Mensch ist wirklich eine eigenartige Mischung von Merkmalen, die er in seiner langen geistigen Entwicklung erworben hat. Mit diesem Menschen und seinen Symbolen haben wir es zu tun, und wir müssen seine geistigen Erzeugnisse wirklich gründlich erforschen. Skepsis und wissenschaftliche Überzeugung wohnen in ihm Seite an Seite mit altmodischen Vorurteilen, überholten Denkgewohnheiten, hartnäckigen Fehldeutungen und blinder Ignoranz. Solcherart sind also die heutigen menschlichen Wesen, welche die Symbole produzieren, die wir Psychologen untersuchen. Um diese Symbolbedeutungen zu erklären, muss man wissen, ob die Darstellungen auf rein persönliche Erfahrungen bezogen sind oder ob sie von einem Traum zu einem bestimmten Zweck aus dem Vorrat der allgemein bewussten Kenntnis ausgewählt worden sind. Nehmen wir zum Beispiel einen Traum, in dem die Zahl 13 vorkommt. Die Frage ist, ob der Träumer selbst an die unglückbringende Eigenschaft dieser Zahl glaubt oder ob der Traum nur auf Leute anspielt, die noch an solchen abergläubischen Vorstellungen festhalten. Die Ant101

wort spielt bei der Interpretation eine grosse Rolle. Im ersteren Fall muss man damit rechnen, dass sich der Betreffende immer noch im Banne der Unglückszahl befindet und sich daher in einem Hotelzimmer mit der Nummer 13 oder an einem Tisch mit 13 Personen höchst unwohl fühlen wird. Im letzteren Fall bedeutet die 13 vielleicht nicht mehr als eine unhöfliche oder beleidigende Bemerkung. Der «abergläubische» Träumer spürt immer noch den «Zauber» der 13; der «vernünftige» Träumer hat die 13 ihrer ursprünglich emotionalen Obertöne beraubt. Dieses Beispiel veranschaulicht die Art und Weise, wie Archetypen in der praktischen Erfahrung auftreten: Sie sind gleichzeitig Bilder und Emotionen. Man kann nur dann von einem Archetyp sprechen, wenn diese beiden Aspekte vorhanden sind. Ein blosses Bild ist nur eine Wortillustration ohne besondere Folgen. Wenn das Bild aber mit Emotion geladen ist, gewinnt es an Numinosität (oder psychischer Energie); es wird dynamisch und hat zwangsläufig Wirkungen. Ich weiss, wie schwer es ist, den Begriff des Archetyps zu verstehen, denn ich versuche ja, mit Worten etwas zu beschreiben, dessen Natur sich einer präzisen Definition entzieht. Aber da viele Leute die Archetypen behandeln, als ob diese Bestandteile eines mechanischen Systems wären, das man mit einiger Übung erlernen kann, muss ich betonen, dass es nicht nur Namen oder philosophische Begriffe sind. Es sind Bestandteile des Lebens selbst - Bilder, die mit dem lebendigen Menschen durch die Brücke der Emotionen verbunden sind. Deshalb ist es unmöglich, einem Archetyp eine willkürliche (oder allgemeingültige) Deutung zu geben. Man muss ihn so deuten, wie es der Lebenssituation des betreffenden Menschen angemessen ist. Im Falle eines frommen Christen kann also das Symbol des Kreuzes nur in seinem christlichen Kontext interpretiert werden - falls der Traum nicht einen sehr triftigen Grund für eine andere Deutung liefert. Und selbst dann sollte der spezifisch christliche Gehalt nicht ausser acht gelassen werden. Man kann nicht sagen, das Kreuz habe zu allen Zeiten und unter allen Umständen dieselbe Bedeutung. Wenn man das tut, so beraubt man das Symbol seiner Numinosität; es


Die Chinesen verbanden im Altertum den Mond mit der GĂśttin Kwanyin (Abbildung oben). Auch andere Gesellschaften haben den Mond als Gottheit angesehen. Und obgleich die moderne Naturwissenschaft uns gezeigt hat, dass der Mond nur eine Kugel mit Kratern ist (links), haben wir etwas von der archetypischen Einstellung zurĂźckbehalten, wenn wir den Mond mit Liebe und Romantik verbinden.


Das Bild, das ein siebenjähriges Kind gemalt hat (links) - eine gewaltige Sonne, die schwarze Vögel, die Dämonen der Nacht, vertreibt enthält etwas vom wirklichen Mythos. Spielende Kinder (rechts) tanzen spontan in einer so natürlichen Weise, wie es auch die Primitiven in ihren zeremoniellen Tänzen tun. Alte Folklore existiert noch im «rituellen» Glauben der Kinder; zum Beispiel glauben Kinder in England (und auch anderswo), es bringe Glück, wenn man einen Schimmel sieht - das weisse Pferd ist ein weitverbreitetes Symbol des Lebens. Eine keltische Göttin der Schöpferkraft, Epona, die auf einem Pferd reitend dargestellt wird (ganz rechts), wurde oft als weisse Stute abgebildet.

verliert seine Lebenskraft und wird zum blossen Wort. Wer nicht den speziellen Gefühlston des Archetyps wahrnimmt, der sieht nur ein wirres Gemisch von mythologischen Begriffen, die man aufreihen kann, um zu zeigen, dass alle alles bedeuten können - oder auch gar nichts. Alle Leichen haben die gleiche chemische Zusammensetzung, aber lebendige Menschen nicht. Archetypen erwachen erst dann zum Leben, wenn man sich geduldig um ein Verständnis ihrer Bedeutung und Wirkungsweise im einzelnen Menschen bemüht. Der blosse Gebrauch von Worten ist nutzlos, wenn man nicht weiss, wofür sie verwendet werden. Dies gilt besonders in der Psychologie,"wo wir von Archetypen wie der Anima und dem Animus, dem weisen alten Mann, der Grossen Mutter und anderen reden. Man -kann alles über die Heiligen, Weisen, Propheten und andere fromme Männer wissen und über alle Grossen Mütter der Welt. Aber wenn das blosse Bilder bleiben, deren Numinosität man nie erfahren hat, dann ist es so, als rede man im Traum; man weiss nicht, wovon man spricht. Die Worte, die man gebraucht, sind leer und wertlos. Sie erhalten erst dann Leben und Sinn, wenn man sich bemüht, ihre Numinosität, das heisst ihre Beziehung zum lebendigen Menschen, zu sehen. Erst dann beginnt man zu verstehen, dass ihre Namen sehr wenig bedeuten, dass aber die Art und Weise,

wie sie auf den Menschen fo'zogtv? sind, von höchster Wichtigkeit ist. Die symbolbildende Funktion unserer Träume ist ein Versuch, den ursprünglichen Geist des Menschen in das «fortschrittliche», differenzierte Bewusstsein zu bringen, wo er nie vorher war, weshalb er auch nie einer kritischen Selbstbetrachtung unterworfen werden konnte. Denn in längst vergangenen Zeiten bestand die ganze menschliche Persönlichkeit aus diesem ursprünglichen Geist. Als sich das Bewusstsein entwikkelte, verlor der bewusste Geist den Kontakt zu einem Teil dieser primitiven psychischen Energie. Und der bewusste Geist hat den ursprünglichen Geist nie gekannt, weil dieser bei der Entfaltung eines sehr differenzierten Bewusstseins, welches allein ihn erkennen könnte, abgestreift wurde. Aber anscheinend hat das, was wir das Unbewusste nennen, primitive Kennzeichen bewahrt, die einen Bestandteil des ursprünglichen Geistes bildeten. Auf diese Merkmale beziehen sich die Traumsymbole ständig, als ob das Unbewusste versuchte, alles, wovon sich der Geist während seiner Entwicklung befreit hatte, wieder zurückzubringen- Illusionen, Phantasien«, archaische Denkweisen, grundlegende Instinkte usw. Hieraus erklärt sich, warum Menschen sich oft nur widerstrebend mit unbewussten Inhalten beschäftigen, manchmal sogar Angst davor haben. Diese übriggebliebenen Inhalte sind nicht neutral oder indifferent. Sie besitzen im Gegenteil


eine so starke Ladung, dass sie oft mehr als nur unangenehm sind. Sie können wirkliche Angst verursachen. Je mehr sie unterdrückt werden, desto eher breiten sie sich in Form einer Neurose über die ganze Persönlichkeit aus. Ihre psychische Energie ist es, die ihnen eine so lebenswichtige Bedeutung verleiht. Es ist gerade so, als wenn ein Mensch, der in einer Periode der Unbewusstheit gelebt hat, plötzlich feststellt, dass in seinem Gedächtnis eine Lücke ist, dass wichtige Ereignisse stattgefunden haben müssen, an die er sich nicht erinnern kann. Soweit er annimmt, die Psyche sei eine ausschliesslich persönliche Angelegenheit (und das ist die gewöhnliche Vermutung), wird er versuchen, die offenbar verlorenen Kindheitserinnerungen wieder zurückzugewinnen. Aber die Lücken in seinen Erinnerungen sind nur die Symptome eines viel grösseren Verlustes - des Verlustes der primitiven Psyche. Ebenso wie die Entwicklung des Embryos die Vorgeschichte wiederholt, so entwickelt sich auch der Geist durch eine Serie von prähistorischen Stufen. Die Hauptaufgabe der Träume ist es, eine Art «Erinnerung» an das Prähistorische wie auch an die kindliche Welt bis hinunter zu den primitivsten Instinkten zu erwecken. Solche Erinnerungen können in manchen Fällen eine bemerkenswerte Heilwirkung haben, wie Freud schon vor langer Zeit erkannte. Diese Beobachtung bestätigt die Ansicht, dass eine Kindheit-

erinnerungslücke (eine sogenannte Amnesie) einen wirklichen Verlust darstellt und eine Wiederentdeckung einen Zuwachs an Leben und Wohlbefinden bringt. Da ein Kind körperlich noch klein ist und seine bewussten Gedanken knapp und einfach, erkennen wir nicht die weitreichenden Komplikationen des kindlichen Geistes, die auf seiner ursprünglichen Identität mit der prähistorischen Psyche basieren. Dieser «ursprüngliche Geist» ist im Kind immer noch tätig, wie wir bei den Träumen des kleinen Mädchens gesehen haben. Kindheitserinnerungen und die Reproduktion archetypischer Verhaltensweisen können einen weiteren Gesichtskreis und eine Ausdehnung des, Bewusstseins bewirken - falls es gelingt, die verlorenen und wiedergefundenen Inhalte dem Bewusstsein zu assimilieren und zu integrieren. Da diese nicht neutral sind, wird ihre Aneignung die Persönlichkeit verändern, ebenso wie sie selbst sich gewissen Veränderungen unterziehen müssen. In diesem Abschnitt des sogenannten «Individuationsprozesses» (den Dr. M.-L. von Franz in einem späteren Kapitel dieses Buches beschreiben wird) spielt die Deutung von Symbolen eine wichtige praktische Rolle. Denn die Symbole sind natürliche Versuche, Gegensätze innerhalb der Psyche miteinander zu versöhnen und zu vereinigen. Wenn auch die Formen der Archetypen zu einem gewissen Grad auswechselbar sind, so bleibt doch ihre Numinosität eine Tatsache und bildet den Wert eines archetypischen Geschehens. Diesen emotionalen Wert muss man während des ganzen intellektuellen Vorgangs der Trauminterpretation im Auge behalten. Man übersieht ihn nur zu leicht, weil Denken und Fühlen einander diametral entgegengesetzt sind, so dass das Denken fast automatisch die Gefühlswerte abdrängt. Die Psychologie ist die einzige Wissenschaft, die den Wertfaktor (das heisst das Gefühl) in Rechnung stellen muss, weil dieser das Bindeglied zwischen psychischen Ereignissen und dem Leben ist. Man macht der Psychologie oft den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit; aber die Kritiker übersehen dabei die wissenschaftliche und praktische Notwendigkeit, dem Gefühl seinen gebührenden Platz einzuräumen. 101


Die Heilung der Spaltung

Unser Verstand hat eine neue Welt geschaffen, die die Natur beherrscht; er hat diese Welt mit monströsen Maschinen bevölkert, die sich als so nützlich erweisen, dass wir keine Möglichkeit sehen, sie je wieder loszuwerden. Der Mensch ist gezwungen, den abenteuerlichen Eingebungen seines wissenschaftlichen und erfinderischen Geistes zu folgen und sich selbst wegen seiner hervorragenden Errungenschaften zu bewundern. Gleichzeitig hat sein Genius die unheimliche Tendenz, Dinge zu erfinden, die immer gefährlicher werden, weil sie immer bessere Mittel für einen Selbstmord grossen Ausmasses bieten. Angesichts der rasch anwachsenden Erdbevölkerung hat der Mensch bereits begonnen, nach Mitteln und Wegen zu suchen, um die steigende Flut einzudämmen. Aber die Natur kann allen unseren Versuchen zuvorkommen, indem sie den schöpferischen Geist des Menschen gegen ihn selbst richtet. Die H-Bombe zum Beispiel würde der Übervölkerung ein wirksames Ende setzen. Trotz unserer stolzen Beherrschung der Natur sind wir doch noch immer ihre Opfer, denn wir haben noch nicht einmal gelernt, uns selbst unter Kontrolle zu halten. Langsam, aber scheinbar unausweichlich gehen wir dem Verderben entgegen. Es gibt keine Götter mehr, die wir um Hilfe anrufen könnten. Die grossen Weltreligionen leiden unter zunehmender Blutarmut, weil die hilfrei-

Oben links: Die grösste Stadt des 20. Jahrhunderts - New York. Unten: Das Ende einer anderen Stadt - Hiroshima, 1945. Obwohl der Mensch scheinbar über die Natur herrscht, hat Jung immer wieder darauf hingewiesen, dass wir noch keine Kontrolle über unsere eigene Natur haben.

chen Numina aus den Wäldern, Flüssen und den Tieren geflohen und die Gottmenschen im Unbewussten verschwunden sind. Dort, so meinen wir, führen sie eine schmachvolle Existenz zwischen den Überresten unserer Vergangenheit. Unser gegenwärtiges Leben wird von der Göttin Vernunft regiert, die unsere grösste und tragischste Illusion ist. Mit Hilfe der Vernunft, so reden wir uns ein, haben wir «die Natur besiegt». Aber das ist ein blosses Schlagwort. Denn die sogenannte Eroberung der Natur hat uns die Übervölkerung eingebracht, und unsere Schwierigkeiten werden noch vermehrt durch unsere Unfähigkeit, die notwendigen politischen Vorkehrungen zu treffen. Es bleibt für die Menschen weiterhin ganz natürlich, miteinander um den Vorrang zu streiten und zu kämpfen. Inwiefern haben wir also «die Natur besiegt»? Da jede Veränderung irgendwo beginnen muss, wird es der Einzelmensch sein, der sie erfährt und durchführt. Die Veränderung muss beim einzelnen beginnen; jeder von uns kann dieser einzelne sein. Niemand kann es sich leisten, einfach umherzublicken und auf jemanden zu warten, der das tun soll, was man selber nicht tun will. Da aber offenbar niemand weiss, was zu tun ist, könnte es der Mühe wert sein, wenn jeder von uns zusehen würde, ob nicht sein eigenes Unbewusstes einen Ausweg kennt. Der bewusste Verstand kann in dieser Hinsicht kaum etwas Nützliches leisten; der heutige Mensch ist sich schmerzlich der Tatsache bewusst, dass weder seine grossen Religionen noch seine verschiedenen philosophischen Systeme ihn mit den machtvollen, belebenden Ideen versorgen können, die ihm die Sicherheit gäben, die er angesichts der heutigen Weltlage benötigt. Ich weiss, die Buddhisten würden sagen: Alle Dinge wären in Ordnung, wenn die Menschen nur dem «edlen achtfachen Pfad» des Dharma (Lehre, Gesetz) folgen würden una wahre Einsicht in das Selbst hätten. Der Christ sagt uns, wenn wir nur an Gott glaubten, hätten wir eine bessere Welt. Der Vernunftmensch behauptet, wenn die Menschen intelligent und vernünftig wären, könnten alle unsere Probleme gelöst werden. Das Verdriessliche ist, dass niemand von diesen allen die Probleme selbst lösen kann.

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Christen fragen oft, warum Gott nicht zu ihnen spreche, wie er es in früheren Zeiten getan haben soll. Wenn ich solche Fragen höre, denke ich immer an den Rabbi, der gefragt wurde, wie es käme, dass Gott sich früher den Menschen so oft gezeigt habe, heutzutage aber niemand ihn mehr zu sehen bekomme. Der Rabbi antwortete: «Heutzutage gibt es niemanden mehr, der sich tief genug bücken kann.» Diese Antwort trifft den Nagel auf den Kopf. Wir sind von unserem subjektiven Bewusstsein so gefangen und eingewickelt, dass wir die jahrhundertealte Tatsache vergessen haben, dass Gott hauptsächlich in Träumen und Visionen spricht. Der Buddhist tut die Welt der unbewussten Phantasien als nutzlose Illusion ab; der Christ stellt seine Kirche und seine Bibel zwischen sich und sein Unbewusstes, und der rational denkende Intellektuelle weiss noch nicht, dass sein Bewusstsein nicht seine ganze Psyche ist. Die Ignoranz besteht immer noch, trotz der Tatsache, dass seit über siebzig Jahren das Unbewusste ein grundlegendes wissenschaftliches Konzept darstellt, das für jede ernsthafte psychologische Forschung unerlässlich ist. Wir dürfen uns nicht länger zu gottähnlichen Richtern über Verdienste und Fehler natürlicher Erscheinungen aufwerfen. Wir gründen unsere Botanik nicht auf die altmodische Einteilung in nützliche und nutzlose Pflanzen oder unsere Zoologie auf die naive Unterscheidung zwischen harmlosen und gefährlichen Tieren. Aber immer noch behaupten wir, nur Bewusstsein sei sinnvoll, das Unbewusste dagegen Unsinn. In der Naturwissenschaft wäre eine derartige Behauptung lächerlich. Haben zum Beispiel Mikroben einen Sinn, oder sind sie Unsinn? Was auch immer das Unbewusste sonst noch sein mag, es ist eine Naturerscheinung, die Symbole produziert, welche sich als bedeutsam erweisen. Wir können von einem Menschen, der noch nie durch ein Mikroskop geschaut hat, nicht erwarten, dass er eine Autorität auf dem Gebiet der Mikroben ist; ebenso kann man niemanden, der natürliche Symbole noch nicht ernsthaft untersucht hat, als kompetenten Richter in dieser Sache ansehen. Obgleich die katholische Kirche das Vorkom101

men von somnia a Deo missa (gottgesandte Träume) zugibt, machen die meisten ihrer Denker keinen ernsthaften Versuch, Träume zu verstehen. Ich bezweifle, dass es eine protestantische Abhandlung oder Lehre gibt, die sich so weit herablässt, die Möglichkeit zuzugeben, man könne die vox Dei im Traum wahrnehmen. Wenn aber ein Theologe wirklich an Gott glaubt, wie kann er dann annehmen, Gott sei nicht imstande, durch Träume zu sprechen? Ich habe mehr als ein halbes Jahrhundert mit der Erforschung von natürlichen Symbolen verbracht und bin zu dem Schluss gekommen, dass Träume und ihre Symbole keineswegs töricht und bedeutungslos sind. Träume liefern im Gegenteil hochinteressante Informationen für diejenigen, die sich die Mühe geben, die Traumsymbole zu verstehen. Die Ergebnisse haben zwar wenig mit so weltlichen Dingen wie Kauf und Verkauf zu tun; aber die Bedeutung des Lebens wird nicht erschöpfend mit dem geschäftlichen Leben erklärt. Auch lässt sich die tiefe Sehnsucht des menschlichen Herzens nicht mit einem Bankkonto erfüllen. In einer Periode der menschlichen Geschichte, da alle verfügbare Energie auf die Erforschung der Natur verwandt wird, untersucht man zwar die bewussten Funktionen des Menschen, aber der wirklich komplizierte Teil des Geistes, der die Symbole hervorbringt, ist immer noch weitgehend unerforscht. Es scheint fast unglaublich, dass, obwohl wir jede Nacht von dort Signale empfangen, eine Entzifferung dieser Mitteilungen den meisten Menschen zu lästig erscheint. Das bedeutendste Instrument des Menschen, seine Psyche, wird kaum beachtet, oft sogar mit Misstrauen und Verachtung angesehen. «Das ist bloss psychologisch» heisst sehr häufig: Es bedeutet gar nichts. Woher kommt dieses immense Vorurteil? Wir sind offenbar so sehr mit der Frage beschäftigt, was wir selber denken, dass wir ganz vergessen zu fragen, was die unbewusste Psyche eigentlich über uns denkt. Die Ideen von Sigmund Freud bestätigten für die meisten Leute die bereits bestehende Verachtung der Psyche. Vorher war sie einfach übersehen worden; heute ist sie ein Abfallhaufen für moralischen Kehricht.


Dieser Standpunkt ist ganz sicher einseitig und ungerecht. Unsere tatsächliche Kenntnis des Unbewussten zeigt, dass es sich dabei um ein natürliches, neutrales Phänomen handelt, das alle Aspekte der menschlichen N a t u r - Hell und Dunkel, Gut und Böse - enthält. Das Studium der individuellen wie auch der kollektiven Symbolik steht erst in den Anfängen; aber die ersten Ergebnisse sind ermutigend und scheinen auf viele bisher unbeantwortete Fragen der heutigen Menschheit eine Antwort anzudeuten.

Oben: Rembrandts «Philosoph mit einem offenen Buch» (1633). Der nach innen blickende alte Mann veranschaulicht Jungs Überzeugung, dass jeder von uns sein eigenes Unbewusstes erforschen muss. Das Unbewusste darf nicht ignoriert werden; es ist naturhaft, grenzenlos und mächtig wie die Sterne.

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Joseph L. Henderson Der moderne Mensch und die Mythen Zeremonialmaske von der Insel Neuirland


Die ewigen Symbole

Die frühe Geschichte der Menschheit wird heute in den symbolischen Bildern und Mythen wiederentdeckt, die den frühen Menschen überlebt haben. Da die Archäologen tief in die Vergangenheit graben, sind es nicht die Ereignisse aus historischer Zeit, die wir als Schätze sammeln, sondern die Statuen, Zeichnungen, Tempel und Sprachen, die von alten Glaubensweisen berichten. Andere Symbole werden uns von den Philologen und Religionswissenschaftlern enthüllt, die diese Glaubensweisen in verständliche moderne Begriffe übersetzen. Diese wiederum werden von den Kulturanthropologen zum Leben erweckt. Sie zeigen, dass die gleichen symbolischen Muster in den Riten oder Mythen kleiner Stammesgemeinschaften zu finden sind, die noch heute, seit Jahrhunderten unverändert, an den Randgebieten der Zivilisation existieren.

Alle diese Forschungen haben viel dazu beigetragen, die einseitige Haltung jener modernen Men sehen zu korrigieren, die behaupten, solche Symbole gehörten den Völkern des Altertums oder «rückständigen» Stammesgemeinschaften an und seien daher für das heutige komplizierte Leben irrelevant. In London oder New York mögen wir die Fruchtbarkeitsriten des neolithischen Menschen als archaischen Aberglauben abtun. Wenn jemand behauptet, er habe eine Vision gehabt oder Stimmen gehört, so wird er nicht als Heiliger oder als Orakel behandelt. Man hält ihn vielmehr für geistesgestört. Wir lesen die Mythen der alten Griechen oder die Volkssagen nordamerikanischer Indianer, aber wir .sehen keine Beziehungen zwischen ihnen und unserer eigenen Einstellung gegenüber den heutigen «Helden» oder dramatischen Ereignissen. Und doch gibt es diese Beziehungen. Und die Symbole, welche sie repräsentieren, haben ihre BedeutungfürdieMenschheitnichteingebüsst. Einen der wichtigsten Beiträge unserer Zeit zum Verständnis und zur Neubewertung solcher ewiger Symbole hat Dr. C. G. Jungs Schule für Analytische Psychologie geleistet. Sie hat geholfen, die willkürliche Grenze zwischen dem primitiven Menschen, für den Symbole ein natürlicher Bestandteil des täglichen Lebens sind, und dem


modernen Menschen, dem Symbole scheinbar gar nichts bedeuten, niederzureissen. Wie Jung in diesem Buch bereits ausführte, hat der menschliche Geist seine eigene Geschichte, und die Psyche enthält viele Spuren aus früheren Stadien ihrer Entwicklung. Ausserdem üben die Inhalte des Unbewussten einen formenden Einfluss auf die Psyche aus. Bewusst mögen wir sie ignorieren, aber unbewusst reagieren wir auf sie und auf die symbolischen Formen - einschliesslich der Träume-, in denen sie sich ausdrücken. Der einzelne empfindet seine Träume vielleicht als unzusammenhängend. Aber über einen längeren Zeitraum hinweg kann der Analytiker bei der Beobachtung einer Serie von Traumbildern feststellen, dass sie ein bedeutsames Muster haben; wenn sein Patient das versteht, gewinnt er möglicherweise dem Leben gegenüber eine neue Einstellung. Einige dieser Symbole kommen aus dem von Jung so genannten «kollektiven Unbewussten» - demjenigen Teil der Psyche, der das gemeinsame psychische Erbe der Menschheit enthält und weitergibt. Diese Symbole sind so alt und dem modernen Menschen so wenig vertraut, dass er sie nicht direkt verstehen oder assimilieren kann. Hier kann der Analytiker helfen. Vielleicht muss der Patient von einer Last von Symbolen be-

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freit werden, die abgenutzt und nicht mehr angemessen sind. Oder man muss ihm dabei helfen, den dauernden Wert eines alten Symbols zu entdecken, das, weit davon entfernt, abgestorben zu sein, in moderner Form ausgedrückt werden will. Bevor der Analytiker mit einem Patienten wirksam die Bedeutung von Symbolen erforschen kann, muss er sich eine gute Kenntnis ihrer Ursprünge und Bedeutungen aneignen. Denn die Analogien zwischen alten Mythen und den Geschichten, die in den Träumen moderner Menschen erscheinen, sind nicht zufällig. Sie existieren deshalb, weil der unbewusste Geist des modernen Menschen die symbolbildende Fähigkeit bewahrt hat, die einst ihren Ausdruck in den Glaubensweisen und Riten der Primitiven fand. Und diese Fähigkeit spielt immer noch eine wichtige Rolle. Mehr als wir wissen, sind wir von Botschaften abhängig, die von solchen Symbolen übertragen werden, und unsere Einstellung und unser Verhalten werden gleichermassen von ihnen beeinflusst. Im Krieg zum Beispiel hat man ein gesteigertes Interesse an den Werken Homers, Shakespeares oder Tolstojs, und man liest mit neuem Verständnis diejenigen Abschnitte, die dem Krieg eine dauernde (oder «archetypische») Bedeutung ge-

Ganz links: Eine symbolische Zeremonie des Altertums, in der Form des 20. Jahrhunderts: Der amerikanische Astronaut John Glenn bei einer Parade in Wushington nach seiner Erdumkreisung 1962 -wie ein Held des Altertums, der nach einem Sieg im Triumphzug heimkehrt. Zentrum links: Eine kreuzähnliche Skulptur einer griechischen Fruchtbarkeitsgöttin (etwa 2500 v. Chr.). Links: Zwei Ansichten eines schottischen Steinkreuzes aus dem 12. Jahrhundert, das noch etwas von Weiblichkeit aus heidnischer Zeit enthält: die «Brüste» am Querbalken. Rechts: Ein russisches Plakat für ein «atheistisches» Osterfest, welches das christliche Fest ersetzen soll - ebenso wie das christliche Osterfest einen früheren heidnischen Sonnenwendritus überlagerte.


ben. Sie erwecken in uns eine viel tiefere Reaktion als in jemandem, der nie die starke emotionale Erfahrung eines Krieges gemacht hat. Die Schlachten auf der Ebene von Troja waren zwar den Kämpfen bei Agincourt oder Borodino ganz unähnlich, aber die grossen Schriftsteller vermögen die Unterschiede von Zeit und Ort zu überbrücken und Motive auszudrücken, die universell sind. Wir reagieren darauf, weil diese Themen symbolischen Charakter haben. Ein anschaulicheres Beispiel wird jedem vertraut sein, der in einer christlichen Gemeinschaft aufgewachsen ist. Zu Weihnachten äussern wir unser Gefühl für die mythologische Geburt eines gottmenschlichen Kindes, obgleich wir vielleicht gar keinen bewussten religiösen Glauben haben. Ohne es zu wissen, sind wir auf die Symbolik der Wiedergeburt gestossen. Dies ist der Rest eines unermesslich viel älteren Sonnenwendfestes, das die Hoffnung ausdrückt, die öde Winterlandschaft der nördlichen Hemisphäre möge sich erneuern. Bei all unserer Weltklugheit finden wir doch Befriedigung in diesem symbolischen Fest, ebenso wie wir uns unseren Kindern zu Ostern bei dem vergnüglichen Ritus der Ostereier und des Osterhasen anschliessen. Aber verstehen wir denn, was wir tun, oder sehen wir eine Verbindung zwischen der Geschichte

von Christi Geburt, Tod und Auferstehung und der österlichen Volkssymbolik? Gewöhnlich kümmern wir uns verstandesmässig überhaupt nicht um diese Dinge. Doch sie ergänzen einander. Die Kreuzigung Christi am Karfreitag scheint auf den ersten Blick demselben Muster der Fruchtbarkeitssymbolik anzugehören, die man in den Riten anderer «Erlöser» findet, wie etwa Osiris', Tammuz', Orpheus' und Baldurs. Auch sie waren göttlicher oder halbgöttlicher Abstammung, wuchsen heran, wurden getötet und wiedergeboren. Sie gehörten zu zyklischen Religionen, in denen Tod und Wiedergeburt des Gottkönigs ein ewig wiederkehrender Mythos war. Die Endgültigkeit des christlichen Auferstehungsbegriffes (die christliche Vorstellung vom Jüngsten Gericht hat ein ähnlich «abgeschlossenes» Thema) unterscheidet das Christentum jedoch von anderen Gottkönig-Mythen. Es ist einmal geschehen, und der Ritus gedenkt dessen nur noch. Aber dieses Gefühl der Endgültigkeit ist wahrscheinlich ein Grund dafür, warum frühe Christen, die noch unter dem Einfluss vorchristlicher Traditionen standen, meinten, das Christentum müsse durch einige Elemente eines älteren Fruchtbarkeitsritus ergänzt werden. Sie brauchten das wiederkehrende Versprechen der Links: Ein japanisches Rollbild von der Zerstörung einer Stadt, 13. Jahrhundert. Unten: St.-Paul-Kathedrale in London, ähnlich von Flammen und Rauch eingehüllt, während eines Luftangriffs im Zweiten Weltkrieg. Die Methoden der Kriegführung haben sich im Laufe der Zeit geändert, aber der emotionale Aspekt des Krieges ist zeitlos und archetypisch.


Wiedergeburt; und dies wird durch das Osterei und den Osterhasen symbolisiert. Ich habe zwei ganz verschiedene Beispiele verwendet, um zu zeigen, wie der moderne Mensch fortfährt, auf tiefe psychische Einflüsse einer Art zu reagieren, die er bewusst nicht ernster nehmen würde als die Volkssagen abergläubischer und ungebildeter Menschen. Aber man muss noch viel weiter gehen. Je näher man die Geschichte der Symbolik betrachtet und die Rolle, die Symbole im Leben vieler verschiedener Kulturen gespielt haben, desto besser versteht man, dass in diesen Symbolen auch eine rekreative Bedeutung steckt. Das entscheidende Bindeglied zwischen archaischen oder primitiven Mythen und den Symbolen, die das Unbewusste hervorbringt, ist von ausserordentlicher praktischer Bedeutung für den Analytiker. Es ermöglicht ihm die Identifikation und Interpretation dieser Symbole in einem Zusammenhang, der ihnen historische Perspektive und gleichzeitig psychologische Bedeutung verleiht. Ich werde nun an Hand wichtiger Mythen des Altertums zeigen, wie - und zu welchem Zweck - sie dem symbolischen Material entsprechen, dem wir in unseren Träumen begegnen. Oben links: Christi Geburt; Mitte: seine Kreuzigung; unten links: seine Himmelfahrt. Seine Geburt, sein Tod und seine Wiedergeburt folgen dem Muster vieler alter Heldenmythen einem Muster, das ursprünglich auf jahreszeitlichen Fruchtbarkeitsriten beruhte wie diejenigen, die wahrscheinlich vor 3000 Jahren in Stonehenge (England) veranstaltet wurden (unten: Morgendämmerung am Sommersonnenwendtag in Stonehenge).


Die Gestalt des Helden

Der Heldenmythos ist der bekannteste und am weitesten verbreitete der Welt. Wir finden ihn in der klassischen Mythologie der Griechen und Römer, im Mittelalter, im Fernen Osten und bei heutigen primitiven Völkern. Er erscheint auch in unseren Träumen. Er hat einen deutlich dramatischen Zug und eine zwar weniger ins Auge fallende, aber trotzdem tiefgehende psychologische Bedeutung. Die Heldenmythen variieren im Detail ausserordentlich, aber ihre Strukturen sind einander sehr ähnlich. Das heisst, sie haben ein universelles Muster, obgleich sie von Gruppen oder Individuen entwickelt wurden, die keinen direkten kulturellen Kontakt miteinander hatten -zum Beispiel von afrikanischen Neger- oder nord-

Die frühe Kraftprobe des Helden kommt in den meisten Heldenmythen vor. Unten: Das Kind Herkules tötet zwei Schlangen. Oben rechts: Der junge König Arthur, der als einziger ein magisches Schwert von einem Stein ziehen kann. Unten rechts: Der Amerikaner Davy Crockett, der mit drei Jahren einen Büren tötete.

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amerikanischen Indianerstämmen, von den Griechen oder den peruanischen Inkas. Man hört immer wieder Geschichten, die die wunderbare, wenn auch armselige Geburt eines Helden beschreiben, die frühen Anzeichen seiner übermenschlichen Stärke, seinen raschen Aufstieg zu Ansehen oder Macht, seinen siegreichen Kampf mit den Mächten des Bösen, seine Anfälligkeit für die Sünde des Stolzes (Hybris) und seinen Sturz durch Verrat oder durch ein «heldenhaftes» Opfer, das mit seinem Tod endet. Ich werde später ausführlicher darlegen, warum ich dieses Muster für psychologisch bedeutsam halte, sowohl für den einzelnen, der seine Persönlichkeit zu entdecken und zu behaupten trachtet, als auch für eine Gesellschaft, die ein ebensolches Bedürfnis hat, ihre kollektive Identität festzustellen. Doch ein anderes wichtiges Merkmal des Heldenmythos liefert einen Anhaltspunkt. In vielen dieser Erzählungen wird die anfängliche Schwäche des Helden ausgeglichen durch das Auftreten von starken «Schutz»Gestalten oder Wächtern, die ihm bei der Lösung der übermenschlichen Aufgaben helfen. Bei den griechischen Helden hatte Theseus den Gott des Meeres, Poseidon, als Schutzgottheit neben sich;


Oben: Zwei Beispiele für den Verrat am Helden: Der biblische Held Samson (ganz oben) wird von Delilafi betrogen: und der persische Held Rustam wird von einem Mann, dem er vertraute, in eine Falle gelockt. Unten: Ein modernes Beispiel für Hybris: Deutsche Gefangene in Stalingrad 1943, nachdem Hitler in Russland einmarschiert war.

Oben:-Drei Beispiele für die Schutzgestalt, die den archetypischen Helden begleitet. Ganz oben: Im griechischen Mythos gibt der Kentaur Cheiron dem jugendlichen Achilles Ratschläge. Mitte: König Arthurs Beschützer, der Zauberer Merlin, hält eine Rolle in der Hand. Unten: Ein Beispiel aus dem modernen Leben: Der Trainer, von dessen Kenntnis und Erfahrung ein Berufsboxer oft abhängig ist.

Die meisten Helden müssen verschiedene Ungeheuer und böse Mächte besiegen. Oben: Der skandinavische Held Sigurd (auf dem Bild unten rechts) erschlägt die Schlange Fafnir. Mitte: Gilgamesch, der Held aus dem alten babylonischen Epos, kämpft mit einem Löwen. Unten: Der moderne amerikanische Comic-strip-Held Superman, dessen Einmannkampf gegen Verbrechen oft die Rettung schöner Mädchen verlangt.

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Perseus hatte Athene, Achilles hatte Cheiron, den weisen Kentaur, zu seinem Beistand. Diese göttergleichen Gestalten sind in Wirklichkeit symbolische Vertreter der gesamten Psyche, der grösseren, umfänglicheren Identität, die die Kraft liefert, welche dem persönlichen Ego fehlt. Ihre besondere Rolle lässt vermuten, dass die wesentliche Funktion des Heldenmythos die Entwicklung der individuellen Ich-Bewusstheit ist das Wissen um die eigenen Stärken und Schwächen um den einzelnen auf die mühsamen Aufgaben vorzubereiten, die ihm das Leben stellt. Hat der Mensch seine Aufnahmeprüfung bestanden und tritt er in die Reifephase des Lebens ein, dann verliert der Heldenmythos seine Geltung. Der symbolische Tod des Helden ist gleichsam die Erreichung dieser Reife. Ich habe mich bisher auf den vollständigen Heldenmythos bezogen, in dem der ganze Kreislauf von der Geburt bis zum Tode ausführlich geschildert wird. Aber man muss beachten, dass es in jedem Stadium dieses Kreislaufes besondere Formen der Heldengeschichte gibt, die sich auf einen bestimmten Punkt anwenden lassen, den der einzelne bei der Entwicklung seines IchBewusstseins erreicht hat, und auf das spezielle Problem, dem er sich in einem gegebenen Moment gegenübersieht. Das heisst, das Bild des Helden entwickelt sich in einer Weise, die jede Stufe der menschlichen Persönlichkeitsentwicklung widerspiegelt.

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Dies lässt sich leichter verstehen, wenn ich es in einer Art Diagramm darstelle. Ich nehme dieses Beispiel von dem kaum bekannten nordamerikanischen Stamm der Winnebago-Indianer, weil es ganz deutlich vier verschiedene Stufen in der Entwicklung des Helden zeigt. In diesen Geschichten (die Dr. Paul Radin 1948 unter dem Titel «Hero Cycles of the Winnebago» veröffentlichte) sieht man das entschiedene Fortschreiten vom primitivsten zum verfeinertsten Begriff des Helden. Dieses Fortschreiten ist auch für andere Heldenzyklen charakteristisch. Obgleich die symbolischen Figuren darin natürlich andere Namen tragen, sind ihre Rollen die gleichen, und wir werden sie besser verstehen, wenn wir erst einmal den Sinn dieses Beispiels erfasst haben. Radin stellte vier Perioden in der Entwicklung des Heldenmythos fest. Er nannte sie: die Trickster-, die Hasen-, die Rothorn- und die ZwillingsPeriode. Er erkannte richtig die Psychologie dieser Entwicklung, als er sagte: «Sie zeigt unsere Anstrengung, mit dem Problem des Heranwachsens fertig zu werden, unterstützt von der Illusion einer grossen Dichtung.» Die Trickster-Periode entspricht dem frühesten und am wenigsten entwickelten Lebensabschnitt. Der Trickster ist eine Figur, deren körperliche Begierden für sein Verhalten bestimmend sind; er hat die Mentalität eines Kindes. Er ist grausam, zynisch und gefühllos. (Unsere Geschichten


von Brer Rabbit oder Reineke Fuchs enthalten noch Wesentliches vom Trickster-Mythos.) Diese Figur, die anfangs die Gestalt eines Tieres hat, vollführt eine mutwillige Tat nach der anderen. Aber während sie das tut, verändert sie sich allmählich. Am Ende seines wüsten Treibens beginnt der Trickster das physische Äussere eines erwachsenen Mannes anzunehmen. Die nächste Figur ist der Hase. Wie der Trickster (dessen animalische Züge bei amerikanischen Indianern oft durch einen Kojoten dargestellt werden) erscheint auch er zunächst in Tiergestalt. Er hat noch nicht die reife menschliche Statur erreicht, aber trotzdem erscheint er als der Begründer der menschlichen Kultur - der Umformer. Die Winnebago, die glauben, er habe ihnen ihren berühmten Medizinritus gegeben, halten ihn deshalb für ihren Erlöser und Kulturheros. Wie Radin berichtet, war dieser Mythos so einflussreich, dass die Mitglieder des PeyoteRitus sich weigerten, den Hasen aufzugeben, als sie das Christentum kennenlernten. Er vermischte sich mit der Gestalt Christi, und einige meinten, sie hätten Christus gar nicht nötig, weil sie ja bereits den Hasen hätten. Diese archetypische Figur zeigt einen deutlichen Fortschritt gegenüber dem Trickster: Man sieht, wie der Hase ein gesellschaftliches Wesen wird, das die instinktiven und infantilen Impulse, die sich beim Trickster finden, korrigiert. Rothorn, die dritte in dieser Reihe von Helden-

figuren, ist angeblich der jüngste von zehn Brüdern. Er entspricht den Anforderungen, die man an einen Helden stellt, indem er gewisse Prüfungen besteht: Er gewinnt einen Wettlauf und bewährt sich im Kampf. Seine übermenschliche Kraft zeigt sich in seiner Fähigkeit, Riesen durch List zu bezwingen (bei einem Würfelspiel) oder durch Stärke (in einem Ringkampf). Er hat einen mächtigen Gefährten in Gestalt eines Vogels mit dem Namen «Stürmt-wenn-er-geht», dessen Stärke jede von Rothorns etwaigen Schwächen ausgleicht. Mit Rothorn haben wir die Welt des Menschen, wenn auch noch eine archaische Welt, erreicht, in der die Hilfe übermenschlicher Kräfte oder Schutzgötter benötigt werden, um den Sieg des Menschen über die ihn bedrängenden bösen Mächte zu sichern. Gegen Ende der Geschichte verschwindet der gottähnliche Held und lässt Rothorn mit seinen Söhnen auf der Erde zurück. Die Gefahr, die das Glück und die Sicherheit des Menschen bedroht, kommt jetzt von diesem selbst. Dieses grundlegende Thema (das in der letzten Periode, der der Zwillinge, wiederholt wird) wirft die Frage auf: Wie lange können Menschen glücklich sein, ohne dem eigenen Stolz oder, mythologisch gesprochen, der Eifersucht der Götter zum Opfer zu fallen? Obgleich man die Zwillinge für Söhne der Sonne hält, sind sie menschlicher Natur und bilden zusammen ein einziges Wesen. Ursprünglich im

•• Trickster»: die erste Stufe in der Entwicklung des Heldenmythos, auf welcher der Held instinktiv, hemmungslos und oft kindisch handelt. Ganz links: Ein affengestaltiger Held aus einem chinesischen Epos des 16. Jahrhunderts (in einer modernen Opernauffuhrung in Peking) zwingt durch Tricks einen Flusskönig, einen magischen Stab wegzugeben. Links: Auf einem Krug aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. liegt Hermes als Kind in seiner Wiege, nachdem er Apollos Vieh gestohlen hat. Rechts: Der unruhestiftende nordische Gott Loki Skulptur aus dem 19. Jahrhundert). Ganz rechts: Charlie Chaplin in dem Film «Modern Times» (1936) - ein Trickster des 20. Jahrhunderts.

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Mutterschoss vereinigt, wurden sie bei der Geburt getrennt. Doch sie gehören zusammen, und es ist notwendig, wenn auch äusserst schwierig, sie wieder zu vereinen. In diesen zwei Kindern sehen wir die beiden Seiten der menschlichen Natur. Das eine, «Fleisch», ist sanft, ergeben und ohne Initiative; das andere, «Stab», ist dynamisch und rebellisch. In manchen der Zwillingsheldengeschichten sind diese Verhaltensweisen so verfeinert, dass eine Figur den Introvertierten repräsentiert, der eine besondere Reflexionsfähigkeit hat, während der andere extravertiert ist, ein Tatmensch, der Grosses vollbringt. Lange Zeit sind diese beiden Helden unbesieglich: Ob sie als getrennte Figuren oder als zwei Gestalten in einer dargestellt werden, sie besiegen alle. Aber wie die Kriegsgötter in der Mythologie der Navaho-Indianer erkranken sie schliesslich am Missbrauch ihrer Macht. Weder im Himmel noch auf der Erde gibt es noch Untiere, die sie besiegen könnten. Ihr folgendes wildes Gebaren rächt sich. Die Winnebago sagen, am Ende sei nichts mehr vor den beiden sicher gewesen, nicht einmal die Stützen, auf denen die Welt ruht. Als die Zwillinge eines der vier Tiere töteten, die die Erde trugen, hatten sie damit ihre Grenze überschritten, und es war Zeit, ihrem Lauf ein Ende zu setzen. Ihre Strafe sollte der Tod sein. Sowohl in derRothorn- als auch in der ZwillingsPeriode ist das Opfer- oder Heldentodmotiv ein

notwendiges Mittel gegen Hybris, gegen den masslosen Stolz. In den primitiven Gesellschaften, deren Kulturniveau dem Rothorn-Zyklus entspricht, scheint diese Gefahr durch die Einrichtung des versöhnenden Menschenopfers gebannt zu sein - ein Thema, das immer wieder vorkommt und ungeheure symbolische Bedeutung hat. Die Winnebago wie auch die Irokesen und einige Algonquin-Stämme assen höchstwahrscheinlich Menschenfleisch bei einem totemistischen Ritual, das ihre individualistischen und zerstörerischen Impulse zähmen sollte. In den Beispielen aus der europäischen Mythologie, in denen der Held verraten oder besiegt wird, findet das Motiv des rituellen Opfers eine spezifischere Anwendung als Strafe für Hybris. Aber die Winnebago und auch die Navaho gehen nicht ganz so weit. Obwohl die Zwillinge gesündigt hatten und ihre Strafe der Tod sein sollte, bekamen sie selbst solche Angst vor ihrer Macht, dass sie sich gemeinsam entschlossen, in einem dauernden Ruhezustand zu leben: Damit waren die widerstreitenden Seiten der menschlichen Natur wieder im Gleichgewicht. Ich habe die vier Heldentypen etwas ausführlicher beschrieben, weil sie deutlich das Modell zeigen, das sowohl in den geschichtlichen Mythen als auch in den Heldenträumen des heutigen Menschen vorkommt. Daran müssen wir denken, wenn wir den folgenden Traum eines

Auf der zweiten Stufe seiner Entwicklung ist der Held der Begründer menschlicher Kultur. Links: Navaho-Sandzeichnung vom Mythos des Kojoten, der von den Göttern das Feuer stahl und es den Menschen brachte - wie Prometheus im griechischen Mythos, der zur Strafe an einen Felsen gekettet und von einem Adler gemartert wurde (unten; Gefäss aus dem 6. Jahrhundert v. Chr.).


Auf der dritten Stufe ist der Held ein mächtiger Gottmensch - wie Buddha. Auf der Skulptur (oben) aus dem I.Jahrhundert beginnt Siddharta die Reise, auf welcher er Erleuchtung empfangen und Buddha werden wird.

Unten links: Eine mittelalterliche italienische Skulptur von Romulus und Remus, den Zwillingen, die von einem Wolf aufgezogen wurden und Rom gründeten - sie sind das bekannteste Beispiel für die vierte Stufe des Heldenmythos.

Auf der vierten Stufe missbrauchen die Zwillinge oft ihre Macht - wie es die römischen Helden Kastor und Pollux taten, als sie die Töchter des Leukippos entführten (unten; auf einem Gemälde des flämischen Malers Rubens).


Patienten mittleren Alters untersuchen. Die Interpretation dieses Traumes zeigt, wie der Analytiker. aus seiner Kenntnis der Mythologie, seinem Patienten helfen kann, eine Antwort auf ein sonst unlösbar scheinendes Rätsel zu finden. Dieser Mann träumte, er wäre im Theater, in der Rolle «eines wichtigen Zuschauers, dessen Meinung respektiert wird». In einem Akt stand ein weisser Affe auf einem Piedestal, um ihn herum mehrere Leute. Beim Erzählen dieses Traumes sagte der Mann: Mein Führer erklärt, es handle sich um einen jungen Seemann, der dem Sturm ausgesetzt und gleichzeitig verprügelt wird. Ich wende ein, der weisse Affe sei doch gar kein Seemann; aber in diesem Moment steht ein junger Mann in Schwarz auf, und ich denke, das muss der wahre Held sein. Aber ein anderer, gutaussehender junger Mann geht zu einem Altar und streckt sich darauf aus. Sie markieren seine nackte Brust, um ihn dann als Menschenopfer darzubringen. Danach sehe ich mich auf einer Plattform mit mehreren anderen Leuten. Wir könnten auf einer schmalen Leiter hinunterkommen, aber ich zögere, weil unten zwei junge Raufbolde stehen, und ich glaube, sie werden uns aufhalten. Als aber eine Frau in der Gruppe die Leiter unbelästigt benutzt, sehe ich, dass es sicher ist, und wir alle folgen der Frau nach unten.

Ein derartiger Traum kann nicht schnell und einfach gedeutet werden. Wir müssen ihn sorgfältig entwirren, um sowohl seine Beziehung zum Träumer als auch seine weiteren symbolischen Inhalte zu zeigen. Der Patient, der diesen Traum

hatte, war ein im körperlichen Sinne reifer Mann. In seinem Beruf war er erfolgreich und als Ehemann und Vater offenbar ganz zufrieden. Psychologisch gesehen war er jedoch noch unreif. Diese psychische Unreife drückt sich in seinen Träumen durch verschiedene Aspekte des Heldenmythos aus. Diese Bilder beschäftigten seine Phantasie immer noch stark, obgleich sich ihr Sinn in bezug auf die Wirklichkeit seines täglichen Lebens längst erschöpft hatte. In diesem Traum sehen wir also eine Reihe von Figuren, die in theatermässigem Rahmen als verschiedene Aspekte einer Gestalt auftreten, von der der Träumer ständig erwartet, sie werde sich als der wirkliche Held herausstellen. Die erste ist ein weisser Affe, die zweite ein Seemann, die dritte ein junger Mann in Schwarz und die letzte ein «gutaussehender junger Mann». Im ersten Teil der Darstellung, die offenbar die harte Prüfung eines Seemanns zeigt, sieht der Träumer nur den weissen Affen. Der Mann in Schwarz erscheint plötzlich und verschwindet ebenso schnell wieder; er ist eine neue Figur, die zunächst einen Kontrast zu dem weissen Affen bildet und dann einen Moment lang mit dem eigentlichen Helden verwechselt wird. (Solche Verwechslungen sind im Traum nicht ungewöhnlich. Das Unbewusste präsentiert dem Träumer nicht immer deutliche Bilder.) Bezeichnenderweise erscheinen diese Figuren bei

Die Psyche des einzelnen entwickelt sich (wie auch der Heldenmythos) aus einem primitiven, kindlichen Stadium, und oft erscheinen Bilder der frühen Stadien in den Träumen psychisch unreifer Erwachsener. Die erste Stufe ist etwa das sorglose Spiel der Kinder - wie die Kissenschlacht (ganz links) aus dem französischen Film «Zero de Conduite» (1933). Die zweite Stufe entspricht der Unbesonnenheit der Jugend: Amerikanische Jugendliche testen ihre Nerven in einem rasenden Auto (rechts). Ein späteres Stadium erzeugt den Idealismus und die Opferbereitschaft des späten Jugendalters: den Aufstand ¡953 in Berlin, als junge Leute mit Steinen (ganz rechts) gegen die Panzer vorgingen.

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einer Theateraufführung, und mit diesem Kontext scheint sich der Träumer direkt auf seine Behandlung in der Analyse zu beziehen: Der erwähnte «Führer» ist vermutlich der Analytiker. Aber der Träumer sieht sich selbst nicht als Patienten, sondern als einen «wichtigen Zuschauer, dessen Meinung respektiert wird». Dies ist der günstige Punkt, von wo aus er gewisse Figuren betrachtet, die er mit der Erfahrung des Erwachsenwerdens in Beziehung bringt. Der weisse Affe zum Beispiel erinnert ihn an das spielerische und ziemlich ungefügige Benehmen von Jungen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren. Der Seemann lässt an die Abenteuerlust der frühen Jugend denken und zugleich an die folgende Bestrafung durch «Prügel» wegen unverantwortlicher Streiche. Zu dem jungen Mann in Schwarz konnte der Träumer keine Assoziationen geben; aber in dem gutaussehenden jungen Mann, der gerade geopfert werden sollte, sah er einen Überrest des sich selbst opfernden Idealismus des späten Jünglingsalters. In diesem Stadium kann man das historische Material (oder die archetypischen Heldenbilder) und die Angaben aus den persönlichen Erlebnissen des Träumers zusammenfassen, um zu sehen, wieweit sie einander bestätigen, widersprechen oder näher bestimmen. Die erste Folgerung ist, dass der weisse Affe den Trickster zu repräsentieren scheint oder jeden-

falls diejenigen Charakterzüge, die die Winnebago dem Trickster zuschreiben. Aber für mich steht der Affe auch noch für etwas anderes, was der Träumer nicht persönlich und entsprechend an sich erfahren hat - er sagt ja, er sei im Traum Zuschauer gewesen. Ich fand heraus, dass er als Junge ausserordentlich stark an seinen Eltern gehangen hatte und von Natur aus zurückhaltend war. Aus diesen Gründen hatte er nie die Derbheiten entwickelt, die für die späte Kindheitsstufe natürlich sind; auch hatte er nicht an den Spielen seiner Schulkameraden teilgenommen. Er hatte nie anderen einen Streich gespielt oder, wie die andern Jungen, jemanden «nachgeäfft». Die Redensart gibt hier den Anhaltspunkt. Der Affe ist tatsächlich eine symbolische Form der Trickster-Figur. Aber weshalb erschien der Trickster als Affe? Und warum war er weiss? Wie ich schon gezeigt habe, berichtet der Winnebago-Mythos, dass der Trickster gegen Ende des Zyklus allmählich eine menschenähnliche Gestalt annimmt. Und hier im Traum ist ein Affe, der einem menschlichen Wesen so ähnlich sieht, dass er die lächerliche Karikatur eines Menschen abgibt. Der Träumer selbst konnte keine Assoziation dazu geben, warum der Affe weiss war. Aber aus unserer Kenntnis primitiver Symbolik können wir vermuten, dass die weisse Farbe einer an sich banalen Gestalt eine besondere Qualität von «Gottähnlichkeit»


verleiht. (DerAlbino wird bei vielen primitiven Gesellschaften als heilig angesehen.) Dies passt sehr gut zu den halb göttlichen oder halb magischen Kräften des Tricksters. Der weisse Affe symbolisiert also offenbar für den Träumer die positive Eigenschaft kindlicher Verspieltheit, die er damals nicht genügend akzeptiert hatte und jetzt glaubt loben zu müssen. Wie der Traum sagt, stellt er ihn «auf ein Piedestal», wodurch er zu etwas mehr als einer verlorenen Kindheitserfahrung wird. Für den erwachsenen Mann ist das ein Symbol schöpferischer Experimentierfreude. Ist nun der Affe ein Affe, oder ist es ein Seemann, der die Prügel einstecken muss? Jedenfalls ist die nächste Stufe der menschlichen Entwicklung eine solche, in der die Verantwortungslosigkeit der Kindheit einer Phase der Sozialisierung Platz macht, und das bedeutet Unterwerfung unter eine schmerzhafte Disziplin. Man könnte deshalb sagen, der Seemann ist eine fortgeschrittene Form des Tricksters, der in eine sozial verantwortliche Person verwandelt wird, mit Hilfe einer Initiationsprüfung. Symbolgeschichtlich gesehen können wir annehmen, der Wind repräsentiere

die Naturelemente in diesem Prozess, während die Prügel menschlicher Herkunft sind. An dieser Stelle haben wir demnach eine Beziehung zu dem Vorgang, den die Winnebago in der Hasen-Periode schildern, wo der Kulturheros eine schwache, aber kämpfende Gestalt ist, bereit, ihre Kindhaftigkeit um einer weiteren Entwicklung willen zu opfern. In dieser Traumphase erkennt der Patient wiederum an, einen wichtigen Aspekt der Kindheit und frühen Jugend nicht voll erlebt zu haben. Er versäumte die Verspieltheit des Kindes und auch die etwas fortgeschritteneren Streiche des Knabenalters und sucht jetzt nach Wegen, wie diese versäumten Erfahrungen und persönlichen Eigenschaften rehabilitiert werden können. Es folgt dann eine eigenartige Veränderung im Traum. Der junge Mann in Schwarz erscheint, und einen Moment lang glaubt der Träumer, dies sei «der wirkliche Held». Das ist alles, was wir über den Mann in Schwarz erfahren; aber dieser flüchtige Blick macht auf ein Motiv von grösster Wichtigkeit aufmerksam - ein Motiv, das in Träumen häufig vorkommt. Es ist der Begriff des «Schattens», der in der

Die junge, undifferenzierte Ich-Persönlichkeit wird von der Mutter beschützt - ein Schutz, der bildhaft durch die Madonna (links; auf einem Gemälde des italienischen Malers Piero della Francesca, 15. Jahrhundert) dargestellt ist oder (rechts) durch die ägyptische Himmelsgöttin Nut, die sich über die Erde beugt (auf einem Relief aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.). Aber das Ego muss sich schliesslich von Unbewusstheit und Unreife befreien; und sein «Freiheitskampf» wird oft symbolisiert durch den Kampf eines Helden mit einem Ungeheuer der japanische Gott Susanoo (oben; auf einem Holzschnitt aus dem 19. Jahrhundert) kämpft gegen eine Schlange. Der Held gewinnt nicht immer gleich: Jonas zum Beispiel wurde vom Wal verschluckt (ganz rechts; aus einem Manuskript, 14. Jahrhundert).


analytischen Psychologie eine so wesentliche Rolle spielt. Jung hat gezeigt, dass der Schatten, den das Bewusstsein des einzelnen wirft, die verborgenen, unterdrückten und unvorteilhaften (oder sündhaften) Aspekteder Persönlichkeitenthält. Aber dieses Dunkle ist nicht einfach die Umkehrung des bewussten Ego. Ebenso wie das Ich unvorteilhafte und zerstörerische Einstellungen enthält, hat auch der Schatten gute Eigenschaften - normale Instinkte und schöpferische Impulse. Ich und Schatten sind in Wirklichkeit, obgleich getrennt, unentwirrbar miteinander verbunden, in ganz ähnlicher Weise, wie Denken und Fühlen aufeinander bezogen sind. Das Ich befindet sich nichtsdestoweniger im Streit mit dem Schatten, im «Befreiungskampf», wie Jung einmal formulierte. Im Streben des primitiven Menschen nach Bewusstheit wird dieser Streit ausgedrückt durch den Kampf zwischen dem archetypischen Helden und den kosmischen Mächten des Bösen, die durch Drachen und Ungeheuer personifiziert werden. In dem sich entwickelnden Bewusstsein des einzelnen ist die Hel-

Das Auftauchen des Ego kann ausser durch einen Kampf auch durch ein Opfer symbolisiert werden: der Tod, der zur Wiedergeburt führt. Revolution ist ein derartiges Opfer: Delacroix' Gemälde (unten) «Das sterbende Griechenland auf den Trümmern von Missolonghi» zeigt die Verkörperung des Landes, das durch Bürgerkrieg getötet wurde und auf Befreiung und Wiedergeburt wartet. Das Opfer eines einzelnen: Der englische Dichter Byron (oben) starb in Griechenland während der Revolution (1824). Unten links: Die christliche Märtyrerin Lucia opferte ihre Augen und ihr Leben für ihren Glauben.


dengestalt das symbolische Mittel, durch welches das hervorbrechende Ich die Trägheit des Unbewussten überwindet und den reifen Menschen von der Sehnsucht befreit, in den glückseligen Zustand der Kindheit zurückzukehren, in eine Welt, die von der Mutter beherrscht wird. In der Mythologie gewinnt der Held gewöhnlich seinen Kampf mit dem Untier. Aber es gibt auch Mythen, in denen der Held dem Untier nachgibt. Ein bekannter Typus ist der von Jonas und dem Wal, wo der Held von einem Seeungeheuer verschluckt wird, das ihn auf eine nächtliche Seereise mitnimmt, die von Westen nach Osten führt und so den angenommenen Weg der Sonne vom Sonnenuntergang bis zur Morgendämmerung symbolisiert. Der Held geht in die Dunkelheit, die eine Art Tod darstellt. Dieses Motiv kam auch in Träumen vor, die mir in meiner eigenen Praxis vorgelegt wurden. Der Kampf zwischen dem Helden und dem Drachen ist eine aktivere Form dieses Mythos und zeigt klarer das archetypische Thema "vom Triumph des Ich über rückläufige Neigungen. Den Unten: Eine Montage aus dem Ersten Weltkrieg: Ein Militärplakat, Infan:erie, ein Soldatenfriedhof. Gedächtnisfeiern und Gottesdienste für Gefallene spiegeln oft das zyklische «Tod-undWiedergeburt»-Motiv wider. Die Inschrift auf einem englischen Denkmal jür die Toten des Ersten Weltkriegs lautet: «Bei Sonnenuntergang und bei Sonnenaufgang werden wir ihrer gedenken "

meisten Menschen bleibt die dunkle oder negative Seite der Persönlichkeit unbewusst. Der Held aber muss sich klarmachen, dass der Schatten existiert und dass er Kraft aus ihm schöpfen kann. Er muss sich mit den destruktiven Mächten einigen, wenn er furchterregend genug werden will, um den Drachen besiegen zu können. Das heisst, bevor das Ego triumphieren kann, muss es seinen Schatten bezwingen und assimilieren. Dieses Thema kann man auch bei einer berühmten literarischen Heldenfigur sehen - Goethes «Faust». Indem Faust die Wette mit Mephistopheles annimmt, begibt er sich in die Gewalt einer «Schatten»-Figur. Wie der Mann, dessen Traum ich besprochen habe, hatte auch Faust es versäumt, einen wichtigen Teil seines früheren Lebens wirklich ganz zu leben. Er war infolgedessen eine unwirkliche oder unvollständige Person, die sich in fruchtloser Suche nach metaphysischen Zielen verlor, welche sich nicht verwirklichen liessen. Er war noch nicht bereit, die Herausforderung des Lebens, das Gute und das Böse gleichermassen zu leben, anzunehmen.

In der Mythologie stirbt der Held häufig durch seine eigene Hybris, die die Götter veranlasst, ihn zu demütigen. Ein modernes Beispiel: Im Jahre 1912 lief die «Titanic» auf einen Eisberg und sank. (Rechts: eine Montage aus dem Film «Titanic», 1943.) Das Schiff war als «unsinkbar» bezeichnet worden.


Auf diesen Aspekt des Unbewussten scheint sich der junge Mann in Schwarz in dem Traum meines Patienten zu beziehen. Eine solche Mahnung an die Schattenseite seiner Persönlichkeit, an deren vielfältige Möglichkeiten und ihre Rolle bei der Vorbereitung des Helden auf die Mühen des Lebens, ist ein wichtiger Übergang von den früheren Teilen des Traumes zum Thema des geopferten Helden: dem gutaussehenden jungen Mann, der sich auf den Altar legt. Diese Figur stellt die Form von Heldentum dar, die gewöhnlich mit dem ichaufbauenden Prozess des späten Jugendalters assoziiert wird. In dieser Zeit beschäftigt sich ein Mann mit den ideellen Prin-

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zipien seines Lebens; er spürt ihre Macht, ihn selbst und auch seine Beziehungen zu anderen zu verändern. Er steht sozusagen in der Blüte der Jugend, anziehend, voller Energie und Idealismus. Warum aber bietet er sich selbst als menschliches Opfer an? Der Grund dafür ist wahrscheinlich derselbe wie jener, der die Zwillinge des Winnebago-Mythos dazu bewogen hatte, ihre Macht aufzugeben, um nicht vernichtet zu werden. Der Idealismus der Jugend, der eine so starke Antriebskraft besitzt, muss zu Vermessenheit führen: Das menschliche Ich kann zu einem gottähnlichen Zustand erhoben werden, aber nur auf die Gefahr hin, durch


Helden kämpfen oft gegen Ungeheuer, um ein «Mädchen in Not» zu retten (welches die Anima darstellt). Links: St. Georg erschlägt einen Drachen, um ein Mädchen zu befreien (auf einem italienischen Gemälde aus dem 15. Jahrhundert). Rechts: In dem Film «The Great Secret», 1916, ist aus dem Drachen eine Lokomotive geworden, aber die heldenhafte Rettung bleibt dieselbe.

Selbstüberhebungins Verderbenzustürzen. (Dies ist auch die Bedeutung der Geschichte von Ikarus, der auf zerbrechlichen, von Menschenhand gefertigten Flügeln zum Himmel hinaufgetragen wird, aber dabei der Sonne zu nahe kommt und abstürzt.) Gleichwohl muss das jugendliche Ego immer dieses Risiko eingehen, denn wenn ein junger Mann nicht nach einem höheren Ziel strebt, als er sicher erreichen kann, wird er nicht die Hindernisse zwischen Jugend und Reife überwinden können. Bisher habe ich über die Folgerungen gesprochen, die mein Patient auf der Ebene seiner persönlichen Assoziationen hat ziehen können. Es gibt aber noch eine archetypische Traumebenedas Geheimnis des angebotenen Menschenopfers. Da es ein Geheimnis ist, wird es in einer rituellen Handlung ausgedrückt, die uns mit ihrer Symbolik weit in die Geschichte des Menschen zurückführt. Der Ritus hat eine gewisse Traurigkeit an sich, die auch eine Art Freude ist, eine innere Überzeugung, dass der Tod zu einem neuen Leben führt. Ob es im Prosaepos der WinnebagoIndianer, in einer Totenklage für Baidur in den nordischen Sagen, in Walt Whitmans Gedichten der Trauer um Abraham Lincoln oder in dem Traumritual erscheint, wodurch ein Mann zu den Hoffnungen und Ängsten seiner Jugend zurückkehrt, immer ist es das gleiche Thema - das Drama einer neuen Geburt durch den Tod. Das Ende des Traumes bringt einen merkwürdigen Epilog, in welchem der Träumer schliess-

lich selbst in die Handlung des Traumes verwikkelt wird. Er befindet sich mit anderen auf einer Plattform, von der sie hinuntersteigen müssen. Er traut der Leiter nicht, weil er die Einmischung von Raufbolden befürchtet; aber eine Frau ermutigt ihn, er könne sicher hinuntersteigen, und so geschieht es auch. Da ich aus seinen Assoziationen entnahm, dass die ganze Vorstellung, der er beiwohnte, Teil seiner Analyse war - ein Prozess innerer Veränderung, den er erlebte -, dachte er vermutlich an die Schwierigkeit, wieder in die Wirklichkeit des Alltags zurückzukehren. Seine Angst vor den «Raufbolden», wie er sie nennt, bezeichnet seine Angst, der Trickster-Archetyp könnte in einer kollektiven Gestalt auftreten. Die rettenden Elemente in diesem Traum sind die von Menschenhand gefertigte Leiter, die hier wahrscheinlich ein Symbol des rationalen Verstandes ist, und die Gegenwart der Frau, die den Träumer ermuntert, die Leiter zu benutzen. Ihr Auftreten in der letzten Folge des Traums deutet auf ein psychisches Bedürfnis hin, ein weibliches Prinzip mit einzuschliessen, als eine Ergänzung zu dieser ganzen äusserst männlichen Aktivität. Man braucht aber nun nicht zu glauben, man müsse nach vollständigen, ganz mechanischen Parallelen zwischen einem Traum und den Stoffen, die man in der Mythologie finden könnte, suchen. Jeder Traum ist dem betreffenden Träumer eigentümlich, und seine Form wird durch die persönliche Situation des einzelnen bestimmt. Was ich zeigen wollte, ist die Art und Weise,

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wiedasUnbewusstediesesarchetypischeMaterial heranzieht und dessen Muster entsprechend den Bedürfnissen des Träumers abwandelt. Deshalb darf man in diesem speziellen Traum nicht nach einem direkten Bezug zu dem suchen, was die Winnebago in ihrem Rothorn- oder ZwillingsZyklus schildern; der Bezugspunkt ist eher das gemeinsame Wesen der beiden Themen: das Element des Opfers. Als allgemeine Regel kann man aufstellen, dass das Bedürfnis nach Heldensymbolen ansteigt, wenn das Ich eine Unterstützung braucht, das heisst, wenn der bewusste Geist bei einer Aufgabe eine Hilfe benötigt, weil er sie nicht allein oder ohne die Kraftquellen in seinem Unbewussten zu benutzen lösen kann. Zum Beispiel gab es in dem Traum, den ich besprochen habe, keinen Hinweis auf einen der wichtigeren Aspekte des Mythos vom typischen Helden - seine Fähigkeit, schöne Frauen aus furchtbarer Gefahr zu erretten. (Das in Not befindliche junge Mädchen war ein bevorzugter Mythos im mittelalterlichen Europa.) Dies ist eine Art, wie Mythen oder Träume auf die «Anima» anspielen - auf das weibliche Element in der männlichen Psyche, das Goethe «das Ewigweibliche» genannt hat. Die Natur und Funktion dieses weiblichen Elementes wird später in diesem Buch von Dr. von Franz behandelt werden. Aber seine Beziehung zur Heldenfigur kann ich hier durch einen Traum illustrieren, den ein anderer Patient, auch ein

Mann in reifem Alter, geträumt hat. Er begann folgendermassen: Ich war von einer langen Fusswanderung durch Indien zurückgekehrt. Eine Frau hatte mich und meinen Freund für die Reise ausgerüstet, und bei meiner Rückkehr warf ich ihr vor, sie habe versäumt, uns schwarze Regenhüte mitzugeben, weswegen wir vom Regen völlig durchnässt worden wären.

Die Einführung in den Traum bezog sich, wie sich später herausstellte, auf eine Zeit in der Jugend dieses Mannes, als er gemeinsam mit einem Studienfreund «heroische» Wanderungen durch gefährliches Berggelände unternahm. (Da er nie in Indien gewesen war und in Hinsicht auf seine eigenen Assoziationen zu diesem Traum schloss ich, dass seine Traumreise die Erforschung einer neuen Region bezeichnete - das heisst, nicht einen wirklichen Ort, sondern das Gebiet des Unbewussten.) In seinem Traum fühlt der Patient scheinbar, dass eine Frau - vermutlich eine Verkörperung seiner Anima - versäumt hat, ihn für diese Forschungsreise hinreichend auszurüsten. Das Fehlen eines geeigneten Regenhutes deutet an, dass er sich in einem ungeschützten Geisteszustand befindet, in welchem er unbequemerweise neuen und nicht ganz angenehmen Erfahrungen ausgesetzt ist. Er meint, die Frau hätte ihn mit einem Regenhut versehen sollen, wie auch seine Mutter ihn als Jungen mit Kleidung versorgt hatte. Diese Episode erinnert ihn an seine frü-


heren abenteuerlichen Wanderungen, als er sicher sein konnte, dass seine Mutter (das ursprüngliche weibliche Bild) ihn vor allen Gefahren schützen würde. Als er älter wurde, erkannte er dies als eine kindliche Illusion, und nun gibt er seiner eigenen Anima und nicht seiner Mutter die Schuld an seinem Missgeschick. Im nächsten Abschnitt des Traumes erzählt der Patient von seiner Teilnahme an einer Wanderung mit einer Gruppe von Leuten. Er wird müde und geht zurück zu einem Gartenrestaurant, wo er seinen Regenmantel und auch den vorher vermissten Regenhut findet. Er setzt sich, um sich auszuruhen; dabei bemerkt er ein Plakat mit der Ankündigung, ein hiesiger Gymnasiast werde die Rolle des Perseus in einem Theaterstück übernehmen. Dann erscheint der erwähnte Junge, der sich allerdings nicht als Knabe, sondern als kräftigerjunger Mannentpuppt. Erträgt einen grauen Anzug mit schwarzem Hut und setzt sich, um mit einem andern jungen Mann in schwarzem Anzug zu reden. Unmittelbar nach dieser Szene fühlt der Träumer neue Kraft und ist imstande, sich seiner Gruppe anzuschliessen. Sie steigen dann alle auf den nächsten Hügel. Dort, unter ihnen, sieht er ihren Bestimmungsort; es ist eine hübsche Hafenstadt. Er fühlt sich ermuntert und verjüngt durch diese Entdeckung. Im Gegensatz zu der rastlosen, unbequemen Reise in der ersten Episode befindet sich der Träumer hier in einer Gruppe. Der Gegensatz

Ganz links: Perseus erschlägt Medusa (Vasenbild aus dem 6. Jahrhundert v. Chr.); links: Perseus mit Andromeda ( Wandgemälde aus dem I.Jahrhundert v. Chr.), die er vor einem Ungeheuer gerettet hatte. Rechts: Theseus tötet den Minotaurus (auf einem Krug aus dem 1 .Jahrhundert v.Chr.), vonAriadne beobachtet; unten: das Labyrinth des Minotaurus, auf einer kretischen Münze aus dem Jahre 67 v. Chr.

markiert einen Wechsel von einem früheren Muster der Isoliertheit und des jugendlichen Protestes zum sozialisierenden Einfluss einer Beziehung mit anderen. Da dies eine neue Fähigkeitzur Bezogenheiteinschliesst, istanzunehmen, dass seine Anima jetzt besser funktioniert als vorher - was symbolisiert wird durch die Entdekkung des fehlenden Hutes, mit dem die Animafigur ihn vorher auszustatten vergessen hatte. Aber der Träumer ist müde, und die Szene beim Restaurant spiegelt sein Bedürfnis, seine frühere Haltung in neuem Licht zu betrachten, in der Hoffnung, seine Kraft durch diese Rückkehr neu beleben zu können. Und so geschieht es auch. Was er zuerst sieht, ist das Plakat, das die Aufführung einer jugendlichen Heldenrolle ankündigt - ein Gymnasiast wird den Part des Perseus spielen. Dann sieht er den Jungen, der nun ein Mann ist, mit einem Freund, der sich deutlich von ihm unterscheidet. Der eine in Hellgrau, der andere in Schwarz: beide können, nach dem, was ich vorher gesagt habe, als eine Version der Zwillinge aufgefasst werden. Es sind Heldenfiguren, welche die Gegensätze von Ego und Alter ego darstellen, die jedoch hier in harmonischer, vereinigter Beziehung zueinander stehen. Die Assoziationen des Patienten bestätigten dies und betonten, die Figur in Grau repräsentiere eineangepasste, weltlicheHaltunggegeniiber dem Leben, während die Gestalt in Schwarz das geistige Leben verkörpere, in dem Sinne, wie ein


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Geistlicher Schwarz trägt. Dass sie Hüte trugen (und er nun seinen eigenen gefunden hatte), deutet darauf hin, dass sie eine relativ reife Identität erreicht hatten, von einer Art, die er in seinen Jugendjahren sehr vermisst hatte, als ihm noch die «Trickster»-Qualität anhaftete, trotz seines idealistischen Selbstbildnisses als Weisheitssucher. Seine Assoziation zu dem griechischen Helden Perseus war insofern bemerkenswert, als er diesen mit Theseus verwechselt hatte. Diese Verwechslung wurde dadurch bedeutungsvoll, dass er entdeckte, was beide gemeinsam hatten. Beide mussten ihre Furcht vor unbewussten, dämonischen, mütterlichen Mächten überwinden und eine einzelne jugendliche weibliche Gestalt von diesen Mächten befreien. Diese Rettung symbolisiert die Befreiung der Animafigur von dem verschlingenden Aspekt des Mutterbildes. Erst wenn dies erreicht ist, wird ein Mann zu echter Verbindung mit Frauen fähig. Die Tatsache, dass dieser Mann versäumt hatte, die Anima von der Mutter zu trennen, wurde in einem andern Traum betont, in dem er einem Drachen begegnete, einem symbolischen Bild für den «verschlingenden» Aspekt seiner Anhänglichkeit an die Mutter. Dieser Drache verfolgte ihn, und weil der Mann keine Waffen hatte, zog er in diesem Kampf bald den kürzeren. Bezeichnenderweise erschien jedoch seine Frau in

dem Traum, und ihr Auftreten liess den Drachen irgendwiekleinerund weniger bedrohlich werden. Diese Veränderung im Traum zeigte, dass der Träumer in seiner Ehe verspätet die Anhänglichkeit an seine Mutter überwand. Der Held-Drachen-Kampf war der symbolische Ausdruck für sein «Erwachsenwerden». Aber die Aufgabe des Helden hat ein Ziel, das über die biologische und eheliche Anpassung hinausgeht. Es ist die Befreiung der Anima als jene innere Komponente der Psyche, die für jede wahre schöpferische Tat notwendig ist. Nachdem der Mann eine neue positive Einstellung zur Gruppe gefunden hatte, stellte sich ein Gefühl der Verjüngung ein. Er hatte die innere Kraftquelle benutzt, die der Heldenarchetyp darstellt; er hatte denjenigen Teil von sich entwikkelt, der durch die Frau symbolisiert wurde; und er hatte sich durch die Heldentat seines Ego von seiner Mutter befreit. Einer meiner Patienten, der sich den Fünfzigern näherte, hatte sein ganzes Leben lang unter periodischen Angstanfällen gelitten, obwohl seine beruflichen Leistungen und seine persönlichen Beziehungen durchaus positiv waren. Er träumte, sein neunjähriger Sohn erschiene als junger Mann von achtzehn oder neunzehn Jahren, gekleidet in die schimmernde Rüstung eines mittelalterlichen Ritters. Der junge Mann soll gegen eine Menge Männer in Schwarz kämpfen, worauf er sich auch vorbereitet. Dann nimmt er plötzlich sei-


Der «verschlingende» Aspekt der Grossen Mutter wird (ganz links) von balinesischen Tänzern dargestellt, die die Maske von Rangda (links), einem bösartigen weiblichen Geist, tragen; oder durch die Schlange, die den griechischen Helden Jason verschluckte und wieder ausspie (oben). Wie in dem auf Seite 124 besprochenen Traum ist eine Hafenstadt ein bekanntes Animasymbol. Unten: Auf einem Plakat von Marc Chagall ist Nizza als Nixe dargestellt.


nen Helm ab und lächelt dem Anführer der drohenden Menge zu; es ist klar, dass sie nicht kämpfen, sondern Freunde werden. Der Sohn im Traum ist das eigene jugendliche Ego des Mannes, das häufig durch den Schatten in Form von Zweifeln bedroht war. Er hatte gewissermassen sein ganzes reifes Leben hindurch einen erfolgreichen Kreuzzug gegen diesen Gegner unternommen. Jetzt, teilweise durch die Ermutigung, seinen Sohn ohne solche Zweifel aufwachsen zu sehen, aber hauptsächlich dadurch, dass er ein geeignetes Bild des Helden in der Form, die seinem eigenen Umgebungsmodell am nächsten kam, entwarf, fand er es nicht mehr notwendig, gegen den Schatten zu kämpfen; er konnte ihn annehmen. Dies wird durch den Akt der Freundschaft symbolisiert. Er wird nicht mehr zu einem Konkurrenzkampf gezwungen, sondern ist der kulturellen Aufgabe verpflichtet, eine demokratische Art von Gemeinschaft mitzuformen. Eine solche Schlussfolgerung, in der Fülle des Lebens erreicht, geht über die heroische Aufgabe hinaus und führt zu einer wahrhaft reifen Einstellung. Diese Veränderung findet jedoch nicht automatisch statt. Sie erfordert eine Periode des Übergangs, die in den verschiedenen Formen des Initiationsarchetyps ihren Ausdruck findet.

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Der Archetyp der Initiation

Im psychologischen Sinne darf das Heldenbild nicht als mit dem eigentlichen Ego identisch betrachtet werden. Es ist vielmehr dasjenige symbolische Mittel, durch welches das Ego sich von den Archetypen trennt, die durch die Elternbilder in der frühen Kindheit hervorgerufen wurden. Jung hat vermutet, jedes menschliche Wesen habe ursprünglich ein Gefühl der Ganzheit, ein machtvolles und vollkommenes Gefühl des Selbst. Und aus diesem Selbst - der psychischen Totalität - erhebt sich die individualisierte Ich-Bewusstheit, wenn der Mensch erwachsen wird. Innerhalb der letzten Jahre haben die Arbeiten


einiger Jung-Schüler eine Reihe von Ereignissen dokumentiert, die das individuelle Ich während des Übergangs vom Säuglings- zum Kindesalter hervorkommen lassen. Diese Abtrennung kann nie endgültig sein, ohne dem ursprünglichen Ganzheitsgefühl schwer zu schaden. Und das Ego muss seine Verbindung zum Selbst immer wieder aufnehmen, um die psychische Gesundheit zu erhalten. Aus meinen Studien geht vielleicht hervor, dass der Heldenmythos die erste Stufe in der Differenzierung der Psyche ist. Ich habe gesagt, sie durchlaufe scheinbar einen vierfachen Zyklus, durch den das Ego seine relative Autonomie von der ursprünglichen Ganzheitssituation zu erreichen suche. Wenn nicht ein gewisser Grad von Autonomie erreicht wird, ist der einzelne nicht imstande, sich seiner erwachsenen Umgebung anzupassen. Aber der Heldenmythos stellt nicht sicher, dass diese Befreiung sich ereignen wird. Er zeigt nur, wie sie möglich ist, damit das Ich bewusst werden kann. Das Problem, jenes Bewusstsein zu behaupten und zu entwickeln, so dass der einzelne ein sinnvolles Leben führen Links: Ein australischer Eingeborener imitiert in einem rituellen Tanz das Totemtier seines Stammes - einen Emu. Viele moderne Gemeinschaften benutzen totemähnliche Tiere als Embleme. Unten: Ein Wappenlöwe (aus dem beirischen Wappen) auf einer allegoriechen Landkarte von Belgien aus dem Jahrhundert. Rechts: Der Falke ist SJS Maskottchen der Fussballmannchaft der American Air Force Academy. Ganz rechts: Andere totemistische Embleme: Schul- und Clubabzeichen -¿r.d -krawatten in einem Schaufenster jz England.

und das notwendige Gefühl von individueller Eigenart bekommen kann, bleibt weiter bestehen. Die Geschichte des Altertums und die Riten heutiger primitiver Gesellschaften haben uns ein reiches Material über Initiationsmythen und -riten geliefert, über die Art und Weise, wie junge Männer und Frauen ihren Eltern entwöhnt und zwangsweise ihrem Clan oder Stamm eingeordnet werden. Aber durch diesen Bruch mit der kindlichen Welt wird der ursprüngliche Elternarchetyp verletzt, und dieser Schaden muss wiedergutgemacht werden durch einen Heilungsprozess, in welchem sich der einzelne dem Gruppenleben assimiliert. (Die Identität des einzelnen mit der Gruppe wird oft durch ein Totemtier symbolisiert.) Auf diese Weise erfüllt die Gruppe die Ansprüche des verletzten Archetyps und wird eine Art zweites Elternpaar, dem die jungen Leute zunächst symbolisch geopfert werden, um dann in ein neues Leben einzutreten. In dieser «drastischen Zeremonie, die aussieht wie ein Opfer, das man den Mächten bringt, die den jungen Mann zurückhalten könnten», wie es Jung formuliert hat, sehen wir, dass die Macht


des ursprünglichen Archetyps nie auf die Dauer gebrochen werden kann wie bei dem Held-Drachen-Kampf, ohne dass ein lähmendes Gefühl von Entfremdung gegenüber den fruchtbaren Mächten des Unbewussten entsteht. Im Mythos von den Zwillingen sahen wir, wie ihre Hybris durch die Angst vor den Folgen korrigiert wurde, die sie in eine harmonische Ich-Selbst-Beziehung zurückzwang. Dieses Problem wird in Stammesgemeinschaften höchst wirksam durch den Initiationsritus gelöst. Der Ritus bringt den Novizen zurück zur tiefsten Ebene der ursprünglichen Mutter-Kind-Identi-. tät oder Ego-Selbst-Identität und zwingt ihn dadurch, einen symbolischen Tod zu sterben. Mit anderen Worten: seine Identität wird vorübergehend im kollektiven Unbewussten aufgelöst. Aus diesem Zustand wird er dann zeremoniell durch den Ritus einer neuen Geburt errettet. Dies ist der erste Akt einer wirklichen Konsolidierung von Ego und grösserer Gruppe, die als Totem, Clan oder Stamm oder in der Verbindung von allen dreien ausgedrückt wird. Das Ritual, ob in Stammesgemeinschaften oder in komplexeren Gesellschaften, beharrt unveränderlich auf diesem Ritus von Tod und Wiedergeburt, der den Novizen mit einem «Ritus des Durchgangs » von einer Lebensstufe zur nächsten versieht, von der frühen zur späteren Kind-


heit, von der frühen zur späteren Jugend und von da zur Reife. Initiationsereignisse sind natürlich nicht auf die Jugendpsychologie beschränkt. Während des ganzen Lebens des einzelnen wird j£de Entwicklungsphase von einer Wiederholung des ursprünglichen Konflikts zwischen den Ansprüchen des Selbst und den Forderungen des Ego begleitet. Dieser Konflikt kann sich in der Periode des Übergang^ von früher Reife zum mittleren Alter (in unserer Gesellschaft zwischen fünfunddreissig und vierzig) stärker bemerkbar machen als zu irgendeiner anderen Zeit. Und der Übergang von der mittleren Periode zum Alter schafft wiederum die Notwendigkeit einer Bestätigung des Unterschiedes zwischen dem Ego und der Gesamtpsyche; der Held empfängt den letzten Aufruf zur Aktion, die IchBewusstheit gegen die herannahende Auflösung des Lebens in den Tod zu verteidigen. In diesen kritischen Perioden wird der Archetyp der Initiation stark aktiviert, um einen sinnvollen Übergang zu gewährleisten, der etwas bietet, das geistig befriedigender ist als die jugendlichen Riten mit ihrem stark weltlichen Beigeschmack. Die archetypischen Initiationsmuster im religiösen Sinne - die seit alten Zeiten als «die Mysterien» bekannt sind - werden in das Gewede aller kirchlichen Riten verarbeitet, die eine

besondere Art des Gottesdienstes zur Zeit einer Geburt, Heirat oder eines Todes erfordern. Wie in unserer Untersuchung des Heldenmythos, so müssen wir auch bei der Betrachtung der Initiation nach Beispielen in der subjektiven ErfahrungmodernerMenschensuchen,undzwarbesonders solcher, die eine Analyse erfahren haben. Es ist nicht erstaunlich, wenn im Unbewussten eines Menschen, der Hilfe bei einem Arzt sucht, welcher sich mit psychischen Störungen beschäftigt, Bilder vorkommen, in denen sich die hauptsächlichen Modelle der Initiation, wie wir sie aus der Geschichte kennen, wiederholen. Vielleicht das verbreitetstedieser Motive, dasman bei jungen Leuten finden kann, ist die Kräftprobe. Diese scheint identisch mit dem zu sein, was wir bereits in modernen Träumen vom Heldenmythos festgestellt haben, wie etwa der Seemann, der dem Wetter und den Prügeln ausgesetzt war, oder die Eignungsprüfung des Mannes ohne Regenhut auf der Indienreise. Wir finden dieses Thema des körperlichen Leidens, zum logischen Ende geführt, auch in dem Traum, in welchem der junge Mann sich auf dem Altar opferte. Dieses Opfer ähnelte zu Anfang der Initiation, aber das Ende war unklar. Es schien den Heldenzyklus abzurunden, um Platz für ein neues Thema zu machen. Es gibt einen auffallenden Unterschied zwischen

Primitive Initialionsriten bilden den Übergang von der Jugend zum Erwachsenenalter, in die kollektive Stummesgemeinschaft. In vielen primitiven Gesellschaften wird die Initiation begleitet von der Beschneidung (einem symbolischen Opfer). Vier Stadien eines Beschneidungsritus bei australischen Eingeborenen: Ganz links oben und Mitte: Die Jungen werden unter Decken gelegt (ein symbolischer Tod, aus dem sie neu geboren werden). Unten: Sie werden "von Männern Jur die Operation festgehalten. Links: Die beschnittenen Jungen bekommen die konischen Hauben der Männer, ein Zeichen für ihren neuen Status. Rechts: Sie werden schliesslich isoliert vom übrigen Stamm, um gereinigt zu werden und bestimmte Unterweisungen zu bekommen.

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dem Heldenmythos und dem Initiationsritus. Die typischen Heldenfiguren erschöpfen sich darin, das Ziel ihres Strebens zu erreichen; kurz gesagt, sie haben Erfolg, selbst wenn sie unmittelbar darauf für ihre Hybris bestraft oder getötet werden. Dagegen wird der Initiationsneuling aufgefordert, seine Wünsche und Begierden aufzugeben und sich der Prüfung zu unterziehen. Er muss gewillt sein, diese Prüfung ohne Hoffnung auf Erfolg auf sich zu nehmen. Er muss sogar zum Sterben bereit sein, und obwohl das Ausmass der Prüfung vielleicht erträglich (eine Fastenperiode, das Ausschlagen eines Zahns oder eine Tätowierung) oder auch sehr schmerzhaft ist (die Wunden der Beschneidung oder anderer Verstümmelungen), der Zweck bleibt immer derselbe :einesymbolischeTodesstimmungzuschaffen, aus der die symbolische Stimmung der Wiedergeburt entspringen soll. Ein fünfundzwanzigjähriger Mann träumte, er besteige einen Berg, auf dessen Spitze sich eine Art Altar befand. In der Nähe des Altars sieht er einen Sarkophag mit einer Statue von sich selbst darauf. Dann kommt ein Priester, der einen Stab trägt, auf dem eine lebendige Sonnenscheibe glüht. (Als wir später den Traum besprachen, sagte der junge Mann, Bergsteigen erinnere ihn an die Anstrengung, die er in seiner Analyse machte, um sich selber zu besiegen.) Zu seinem Erstaunen findet er sich gleichsam tot, und statt eines Gefühls von Leistung spürt er einen Verlust und Furcht. Danach kommt ein Gefühl der Stärke und Verjüngung, als er in den warmen Strahlen der Sonnenscheibe gebadet wird. Dieser Traum zeigt kurz und bündig den Unterschied, den wir zwischen Initiation und Heldenmythos machen müssen. Das Bergsteigen scheint eine Kraftprobe anzudeuten: Es ist der Wille, in der heroischen Phase der jugendlichen Entwicklung die Ich-Bewusstheit zu erlangen. Der Patient hatte augenscheinlich angenommen, die Therapie würde anderen Männlichkeitstests entsprechen, denen sich junge Männer unserer Gesellschaft unterziehen. Aber die Szene am Altar korrigierte diese falsche Annahme, indem sie ihm zeigte, dass es eher seine Aufgabe sei, sich einer grösseren Macht zu unterwerfen. Er muss sich so sehen, als ob er tot wäre und in symbolischer

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Form eingesargt, was an die archetypische Mutter als die ursprüngliche Geberin alles Lebens denken lässt. Nur durch einen solchen Akt der Unterwerfung kann er die Wiedergeburt erfahren. Ein stärkendes Ritual bringt ihn wieder zum Leben als den symbolischen Sohn eines Sonnenvaters. Auch dies könnten wir mit einem Heldenzyklus verwechseln, dem der Zwillinge, der «Sonnenkinder». Aber in diesem Fall gibt es kein Anzeichen dafür, dass der Initiand sich selbst überheben wird. Er hat vielmehr eine Lektion in Demut gelernt, indem er einen Tod- und Wiedergeburtsritus erlebt hat, der seinen Weg von der Jugend zur Reife markiert. Seinem Alter nach sollte er diesen Übergang bereits vollzogen haben, aber eine Periode verzögerter Entwicklung hat ihn zurückgehalten. Diese Verzögerung hat ihn in eine Neurose gebracht, weswegen er in die Behandlung gekommen war. Der Traum gibt ihm den weisen Rat, den er auch von jedem guten Stammesmedizinmann hätte bekommen können: Er solle aufhören, mit Bergsteigerei seine Kraft zu erproben, und sich lieber dem Ritual einer initiatorischen Verwandlung unterziehen, das ihn auf die neue moralische Verantwortlichkeit des Mannesalters vorbereiten würde. Das Motiv der Unterwerfung kommt auch bei Frauen und Mädchen deutlich zum Ausdruck. Deren Ritus betont zunächst ihre wesensmässige Passivität; dies wird verstärkt durch die physiologische Begrenzung ihrer Autonomie infolge des Menstruationszyklus. Man hat angenommen, der Menstruationszyklus sei in Wirklichkeit der wesentliche Teil der Initiation für die Frau, weil er die Macht hat, ein tiefes Gefühl des Gehorsams gegenüber der schöpferischen Kraft des Lebens zu erwecken. Dadurch ergibt sie sich willig ihrer weiblichen Aufgabe, wie der Mann

Ein Sarkophag aus Theben (2. Jahrhundert v. Chr.), der eine symbolische Verbindung zur Grossen Mutter (der Bewahrerin alles Lebens) hat. Das Innere des Deckels trägt ein Porträt der ägyptischen Göttin Nut; die Göttin wird also den Verstorbenen «umarmen». (Die Darstellung einer Verstorbenen befindet sich auf dem Sargboden; ganz rechts.)


sich seiner ihm zugewiesenen Rolle innerhalb des Gemeinschaftslebens ergibt. Andererseits hat auch die Frau, genau wie der Mann, ihre anfänglichen Kraftproben zu bestehen, die um einer neuen Geburt willen zum Opfer führen. Dieses Opfer ermöglicht der Frau, sich aus der Verschlingung der persönlichen Beziehungen zu befreien, und bereitet sie auf eine bewusstere Rolle als Individuum vor. Im Gegenteil dazu ist das Opfer eines Mannes die Übergabe seiner geheiligten Unabhängigkeit: Seine Beziehung zur Frau wird bewusster. Hier kommen wir zu demjenigen Aspekt der Initiation, der Mann und Frau miteinander bekannt macht, um dadurch etwas von der ursprünglichen männlich-weiblichen Opposition zu mildern. Das Wissen (Logos) des Mannes trifft auf die Bezogenheit (Eros) der Frau, und ihre Vereinigung wird durch das symbolische Ritual einer heiligen Ehe dargestellt, die seit ihren Ursprüngen in den Mysterienreligionen des Altertums das Herzstück der Initiation gewesen ist. Aber das ist für moderne Menschen äusserst schwierig zu begreifen, und es bedarf häufig einer besonderen Krise, um ihnen das verständlich zu machen. Mehrere Patienten haben mir Träume erzählt, in denen das Motiv des Opfers zusammen mit dem Motiv der heiligen Ehe vorkam. Ein junger Mann, der sich verliebt hatte, aber nicht heiraten

Vier verschiedene Initiationszeremonien: Oben links: Novizinnen in einem Kloster müssen den Fussboden scheuern (aus dem Film «The Nun's Story», 1958) und sich die Haare abschneiden lassen (aus einem mittelalterlichen Gemälde). Mitte: Schiffspassagiere, die den Äquator überqueren, müssen sich einer «Taufe» unterziehen. Unten: Amerikanische College-Neulinge in einem traditionellen Wettkampf mit den Älteren. Rituelle «Entführung» der Braut bei den Dyaks von Malaia und Borneo (rechts; aus dem Film «The Lost Continent», 1955). Ein Überbleibsel dieser Praxis ist noch in der Sitte enthalten, die Braut über die Türschwelle zu tragen (rechts aussen).


wollte, weil er befürchtete, die Ehe würde eine Art Gefängnis werden, mit einer machtvollen Mutterfigur als Vorstand, hatte einen solchen Traum. Seine eigene Mutter hatte während seiner Kindheit einen sehr starken Einfluss auf ihn gehabt, und seine zukünftige Schwiegermutter stellte eine ähnliche Bedrohung dar. Würde nicht seine künftige Frau ihn ebenso beherrschen, wie diese Mütter ihre Kinder beherrscht hatten? In seinem Traum tanzte er, zusammen mit einem anderen Mann und zwei Frauen, einen rituellen Tanz. Eine der Frauen war seine Verlobte. Die anderen beiden Personen waren ein älterer Mann und seine Frau, die den Träumer beeindruckten, weil sie trotz ihrer nahen Verbundenheit offenbar noch Raum für ihre individuellen Verschiedenheiten hatten und nicht besitzergreifend zu sein schienen. Diese beiden stellten deshalb für den jungen Mann einen ehelichen Zustand dar, der der individuellen Natur der beiden Partner keinen ungebührlichen Zwang auferlegte. Falls er selbst diesen Zustand erreichen könnte, würde ihm die Ehe akzeptabel erscheinen. In dem rituellen Tanz sah jeder Mann seiner Partnerin ins Gesicht, und alle vier hatten ihre Plätze in den Ecken eines quadratischen Tanzbodens. Als sie tanzten, wurde klar, dass es auch eine Art Schwerttanz war. Jeder Tänzer hatte ein kurzes Schwert in der Hand, mit dem eine schwierige Arabeske zu vollführen war, wobei Arme

und Beine eine Reihe von Bewegungen ausübten, die abwechselnd Angriff und Unterwerfung auszudrücken schienen. In der Schlussszene mussten sich alle vier Tänzer die Schwerter in die Brust stossen und sterben. Nur der Träumer weigerte sich, den Selbstmord zu begehen, und blieb allein stehen, während die andern umfielen. Er war tief beschämt über seine Feigheit, sich nicht mit den anderen zu opfern. Dieser Traum machte klar, dass mein Patient durchaus bereit war, seine Einstellung gegenüber dem Leben zu ändern. Er war egozentrisch gewesen und hatte die illusionäre Sicherheit persönlicher Unabhängigkeit gesucht, wurde aber innerlich von der Furcht beherrscht, die durch seine Unterwerfung unter die Mutter in seiner Kindheit verursacht war. Er brauchte eine Herausforderung an seine Männlichkeit, um zu erkennen, dass er isoliert und beschämt würde, wenn er nicht seinen kindlichen Geisteszustand aufzugeben bereit wäre. Der Traum und seine folgenden Überlegungen zerstreuten seine Zweifel. Er hatte den symbolischen Ritus erlebt, durch welchen ein junger Mann seine ausschliessliche Autonomie aufgibt und sein ihm zugeteiltes Leben in einer beziehungsvollen, wenn auch nicht heroischen Form akzeptiert. Er heiratete also und fand angemessene Erfüllung in der Verbundenheit mit seiner Frau. Sein Erfolg in der Welt wurde durch seine Heirat keines-


wegs beeinträchtigt, sondern sogar noch erhöht. Ganz abgesehen von der neurotischen Angst, unsichtbare Mütter oder Väter könnten hinter dem Hochzeitsschleier lauern, hat auch der normale junge Mann guten Grund, über das Hochzeitsritual besorgt zu sein. Es ist im wesentlichen ein weiblicher Initiationsritus, in dem der Mann sich nicht gerade als Held fühlen kann. Kein Wunder, dass es in Stammesgemeinschaften solche Gegenmittelriten wie die Entführung der Braut gibt; diese ermöglichen dem Mann ein Festhalten an den Resten seiner Heldenrolle in dem Augenblick, da er sich seiner Braut unterwerfen und die Verantwortung der Ehe auf sich nehmen muss. Nicht alle Frauen stehen dem ehelichen Zustand positiv gegenüber. Eine Patientin, die unerfüllte Wünsche nach einer beruflichen Laufbahn hatte, die sie zugunsten einer sehr schwierigen und kurzlebigen Ehe aufgeben musste, träumte, sie kniete einem ebenfalls knienden Mann gegenüber. Er wollte ihr einen Ring an den Finger stecken,

aber sie streckte ihren Ringfinger ganz steif von sich - offenbar in Ablehnung dieses ehelichen Vereinigungsritus. Sie hatte fälschlich angenommen, sie müsse ihre ganze bewusste Identität in den Dienst des Mannes stellen. In Wirklichkeit erforderte die Ehe von ihr nur, ihre unbewusste, natürliche Seite mit ihm zu teilen, in welcher das Prinzip eine symbolische, keine buchstäbliche oder absolute Bedeutung haben würde. Ihre Angst war die einer Frau, die befürchtet, ihre Identität in einer stark patriarchalischen Ehe zu verlieren - was ihr ja tatsächlich passiert war. Trotzdem hat die heilige Ehe als archetypische Form eine wichtige Bedeutung für die Psychologie der Frauen, eine Bedeutung, auf die sie während des Heranwachsens durch viele Ereignisse initiatorischen Charakters vorbereitet werden. Die archetypische heilige Hochzeit (die Vereinigimg der Gegensätze, des männlichen und des weiblichen Prinzips) wird hier dargestellt durch die Gottheiten Siva und Parvati; indische Skulptur aus dem 19. Jahrhundert.


Das schöne Mädchen und das Tier

In unserer Gesellschaft haben auch Mädchen an den männlichen Heldenmythen teil, weil sie, wie die Jungen, ebenfalls eine verlässliche Ich-Identität entwickeln und sich eine gewisse Bildung aneignen müssen. Aber in ihren Gefühlen scheint eine ältere Geistesschicht an die Oberfläche zu kommen mit dem Bestreben, sie zu Mädchen und nicht zu imitierten Männern werden zu'lassen. Wenn dieser psychische Inhalt in Erscheinung tritt, wird die moderne junge Frau ihn möglicherweise unterdrücken, weil er sie ihrer emanzipierten Stellung zu enthebfen droht. Diese Unterdrückung kann so erfolgreich sein, dass die Frau für eine gewisse Zeit die gleichen" männlichen intellektuellen Zielsetzungen beibehält, die sie in Schule und Universität gelernt hat. Selbst wenn sie heiratet, wird sie eine Illusion der Freiheit bewahren, trotz ihrer scheinbaren Unterwerfung unter den Archetyp der Ehe - mit dessen stillschweigend mit einbegriffenem Gebot, Mutter zu werden. Und so kann es, wie wir es heute oft erleben, zu jenem Konflikt kommen, der die Frau schliesslich zwingt, in einem schmerzhaften (aber letztlich lohnenden) Prozess ihre vergrabene Weiblichkeit wiederzuentdecken. Hierfür sah ich ein Beispiel bei einer jungen verheirateten Frau, die noch keine Kinder hatte, aber eins, oder zwei haben wollte, weil man es von ihr erwartete. Die ganze Zeit war ihre sexuelle Reaktion unbefriedigend. Das bedrückte sie und ihren Mann, obwohl beide keine Erklärung dafür hatten. Die junge Frau hatte an einer guten Hochschule ausgezeichnete Examina abgelegt und unterhielt gemeinsam mit ihrem Mann intellektuelle Freundschaften mit anderen Männern. Während diese Seite ihres Lebens grösstenteils positiv verlief, hatte sie heftige Tempera-

mentsausbrüche und führte aggressive Reden, was die Männer befremdete und sie selbst unzufrieden machte. In dieserZeit hatte sie einen Traum, der ihr so wichtig schien, dass sie einen fachmännischen Rat suchte, um ihn verstehen zu können. Sie träumte, sie stände mit anderen jungen Frauen in einer Reihe, und als sie nach vorn blickte, um zu sehen, wohin die Reihe führte, musste sie feststellen, dass allen nacheinander der Kopf abgeschlagen wurde. Völlig furchtlos blieb die Träumerin in der Reihe und war offenbar bereit, sich derselben Prozedur zu unterziehen. Ich erklärte ihr, dies bedeute, dass sie offenbar ihre Gewohnheit aufgeben wolle, alles nur verstandesmässig zu sehen; sie müsse lernen, ihren Körper zu befreien, damit sie seine natürliche sexuelle Reaktion und die Erfüllung seiner biologischen Funktion in der Mutterschaft entdecken könne. Der Traum drückte dies als ein Bedürfnis nach drastischer Veränderung aus; sie musste die «männliche» Heldenrolle opfern. Wie zu erwarten war, hatte diese gebildete junge Frau keine Mühe, diese Interpretation auf intellektueller Ebene anzunehmen, und sie versuchte, sich ihrem Mann unterzuordnen. Ihr Liebesleben wurde befriedigender, und sie bekam zwei gesunde Kinder. Als sie sich allmählich besser kennenlernte, begann sie einzusehen, dass für einen Mann (oder den männlich ausgebildeten Verstand einer Frau) das Leben etwas ist, was im Sturm genommen werden muss, in einem heroischen Willensakt; bei einer Frau dagegen wird das Leben am besten durch einen Prozess des allmählichen Erwachens realisiert. Ein bekannter Mythos, in dem diese Art des Erwachens ihren Ausdruck findet, ist das Märchen von dem schönen Mädchen und dem Tier. Darin wird berichtet, wie ein schönes Mädchen, die jüngste von vier Töchtern und der Liebling ihres Vaters, diesen nur um eine weisse Rose bittet, während die anderen sich kostspieligere Geschenke wünschen. Das Mädchen ahnt nicht, dass ihr Wunsch das Leben ihres Vaters und ihre gute Beziehung zu ihm in ernste Gefahr bringen wird. Denn der Vater stiehlt die weisse Rose aus dem verzauberten Garten des wilden Tieres, das über diesen Diebstahl sehr zornig wird und dem

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Mann befiehlt, nach drei Monaten wiederzukommen, um seine Strafe, wahrscheinlich den Tod, zu empfangen. (Indem das Tier dem Vater diese Frist gewährt, verhält es sich seiner Natur zuwider, besonders als es dem Vater anbietet, ihm bei seiner Heimkehr eine Kiste Gold nachzuschicken. Wie der Mann seiner Tochter erzählt, scheint das Tier gleichzeitig grausam und freundlich zu sein.) Das Mädchen besteht darauf, die Strafe für den Vater auf sich zu nehmen, und nach drei Monaten geht sie zu dem verzauberten Schloss. Dort bekommt sie ein schönes Zimmer und hat ein angenehmes Leben; nur gelegentlich besucht das Tier sie, um sie zu fragen, ob sie es eines Tages heiraten würde. Aber sie weigert sich immer wieder. Als sie einmal in einem Zauberspiegel sieht, dass ihr Vater krank ist, bittet sie das Tier, für eine Woche nach Hause zu dürfen, um den Vater zu pflegen. Das Tier sagt, es würde sterben, wenn sie es verliesse, aber für eine Woche könnte sie gehen. Ihr Vater zu Hause freut sich sehr über die Heimkehr der Tochter; die Schwestern aber beneiden sie und planen, sie zurückzuhalten, damit sie ihr Versprechen gegenüber dem Tier bricht. Aber eines Tages träumt sie, das Tier liege vor Verzweiflung im Sterben. Daran erkennt sie, dass sie ihre Zeit überschritten hat, und kehrt zu ihm zurück, um es am Leben zu erhalten. Das Mädchen dient dem sterbenden Tier und vergisst dabei ganz dessen Hässlichkeit. Das Tier er-

zählt ihr, es hätte nicht ohne sie leben können und würde jetzt, da sie zurückgekommen sei, glücklich sterben. Aber das Mädchen erkennt, dass sie das Tier liebt, nicht ohne es leben kann. Sie sagt ihm das und verspricht ihm, seine Frau zu werden, wenn es nur nicht sterben würde. Als sie das gesagt hat, wird das Schloss plötzlich von strahlendem Licht und Musik erfüllt, und das Tier verschwindet. An seiner Stelle steht da ein. schöner Prinz, der dem Mädchen erzählt, er sei von einer Hexe in ein wildes Tier verzaubert worden. Der Zauber sollte solange dauern, bis ein schönes Mädchen das wilde Tier nur um seiner Güte willen lieben würde. Wenn wir die Symbolik dieser Geschichte enträtseln, werden wir feststellen können, dass das schöne Mädchen irgendein Mädchen oder eine junge Frau sein kann, die gefühlsmässig stark mit ihrem Vater verbunden ist. Ihr guter Charakter wird durch ihren Wunsch nach einer weissen Rose versinnbildlicht, aber ihre unbewusste Absicht bringt durch eine bedeutsame Sinnverdrehung ihren Vater und sie selbst in den Machtbereich eines Prinzips, das nicht nur Güte, sondern Grausamkeit und Freundlichkeit zusammen ausdrückt. Es ist, als wollte sie von einer Liebe befreit werden, die sie in einer äusserst tugendhaften und unwirklichen Haltung belässt. Indem sie lernt, das Tier zu lieben, erwacht in ihr die Kraft der menschlichen Liebe in ihrer tierhaften (und daher unvollkommenen), aber echt erotischen Form. Vermutlich stellt dies ein

Drei Szenen aus dem Film «La Belle et la Bete» (1946, unter der Regie von Jean Cocteau): Links: Der Vater des Mädchens wird beim Diebstahl der weissen Rose ertappt; rechts: das Tier stirbt; ganz rechts: das Tier hat sich in einen Prinzen verwandelt, der das Mädchen an der Handführt. Die Geschichte kann als die Initiation eines jungen Mädchens betrachtet werden, das heisst, sie befreit sich von der Bindung zu ihrem Vater, um mit der erotischen, tierhaften Seite ihres Charakters zu leben. Bis dies erreicht ist, kann sie keine wirkliche Beziehung zu einem Mann bekommen.


Erwachen ihrer eigentlichen Beziehungsfunktion dar und- ermöglicht ihr, die erotische Komponente ihres ursprünglichen Wunsches zu akzeptieren, den sie aus Furcht vor Inzest hatte unterdrücken müssen. Um ihren Vater zu verlassen, musste sie gleichsam die Inzestfurcht annehmen und sich selbst erlauben, mit dieser in ihrer Phantasie zu leben, bis sie den Tiermenschen kennenlernen und ihre wahre frauliche Reaktion darauf entdecken würde. Auf diese Weise erlöst sie sich selbst und ihr Bild vom Männlichen aus den Kräften der Unterdrückung und lernt ihrer Liebe vertrauen, die Geist und Natur vereinigt. Ein Traum einer emanzipierten Patientin zeigte dieses Bedürfnis nach Befreiung von Inzestfurcht, die in den Gedanken dieser Frau sehr real war, da ihr Vater sich nach dem Tode seiner Frau übermässig stark an sie gebunden hatte. Im Traum sah sie sich von einem wütenden Stier gejagt. Zuerst lief sie weg, sah aber bald ein, dass es keinen Zweck hatte. Sie fiel hin, und der Stier stürzte sich auf sie. Sie wusste, ihre einzige Hoffnung war, dem Stier etwas vorzusingen, und als sie das tat, wenn auch mit zitternder Stimme, wurde der Stier ruhig und begann ihre Hand zu lecken. Die Interpretation machte deutlich, dass sie jetzt auf eine weibliche Weise vertrauensvoll zu Männern in Beziehung treten konnte - nicht nur sexuell, sondern erotisch im weiteren Sinne einer Bezogenheit auf der Ebene ihrer bewussten Identität.

Bei älteren Frauen zeigt das Tiermotiv allerdings nicht unbedingt das Bedürfnis an, auf eine Vaterfixierung eine Antwort zu finden, eine sexuelle Hemmung zu lösen oder sonst irgend etwas anderes, was der psychoanalytisch denkende Rationalist in dem Mythos sehen könnte. Es kann auch der Ausdruck einer bestimmten Art weiblicher Initiation sein, gleichermassen bedeutsam bei Einsetzen der Menopause wie im Jugendalter; das Motiv kann in jedem Alter vorkommen, wenn die Einheit von Geist und Natur gestört ist. Eine etwa fünfzigjährige Frau berichtete den folgenden Traum: Ich gehe zusammen mit mehreren mir unbekannten Frauen in einem fremden Haus eine Treppe hinunter. Plötzlich stehen wir etlichen grotesken «Affenmenschen» mit bösen Gesichtern gegenüber. Wir sind ganz in ihrer Gewalt, aber ich spüre auf einmal, dass der einzige Ausweg nicht panische Flucht oder Kampf ist. Wir müssen diese Kreaturen menschlich behandeln, um sie auf ihre bessere Seite aufmerksam zu machen. Ein Affe kommt also zu mir, ich begrüsse ihn wie einen Tanzpartner, und wir tanzen zusammen. Später bekomme ich übernatürliche Heilkräfte, und irgendein Mann ist dem Tode nahe. Ich habe eine Art Feder oder auch einen Vogelschnabel, durch den ich Luft in seine Nasenlöcher blase; er beginnt wieder zu atmen.

Als Ehefrau und Mutter hatte diese Frau ihre schriftstellerische Begabung vernachlässigen müssen. Zur Zeit ihres Traumes versuchte sie, sich wieder zur Arbeit zu zwingen, kritisierte sich aber gleichzeitig dafür, keine bessere Ehe-


frau, Freundin und Mutter zu sein. Bei dem Abstieg von einer zu bewussten Ebene in tiefere Regionen eines seltsamen Hauses handelt es sich vermutlich um den Zugang zu einem bedeutsamen Aspekt des kollektiven Unbewussten mit seiner Herausforderung, das männliche Prinzip des Tiermenschen zu akzeptieren, dieselbe heldenhaft-clownähnliche Trickster-Figur, die wir am Anfang der primitiven Heldenzyklen angetroffen haben. Die Verbindung mit diesem Affenmenschen hiess für sie zunächst, ein unvorhergesehenes, natürliches Element ihres schöpferischen Geistes anzuerkennen; dadurch würde sie auf eine neue, ihrem Alter angemessene Art schreiben lernen. Die zweite Szene zeigt dann eine Wiederbelebung des Geistigen durch eine pneumatische Prozedur. Der rituelle Akt gibt der neuen Unternehmung den schöpferischen Lebensatem: eine auf der ganzen Welt bekannte Symbolik. Der Traum einer anderen Frau betont den «naturhaften» Aspekt vom schönen Mädchen und dem Tier:

Diese Frau musste also ihr naives Selbstbild überwinden; sie 'musste bereit sein, die ganze Gegensätzlichkeit ihrer Gefühle zu umarmen ebenso wie das schöne Mädchen ihr unschuldiges Vertrauen zum Vater aufgeben musste, der ihr nicht die reine weisse Rose seines Gefühls geben konnte, ohne die wohltätige Wut des Tieres zu wecken.

Ein insektenähnliches Tier fliegt zum Fenster herein, verwandelt sich dann in ein Wesen mit gelb-schwarzem Tigerfell, bärengleichen Pfoten und einem Wolfgesicht. Es könnte einem Kind etwas antun. Es ist Sonntagnachmittag, und ich sehe ein kleines Mädchen, ganz in Weiss, auf dem Weg zur Sonntagsschule. Ich muss die Polizei um Hilfe rufen. Aber dann sehe ich, dass das Tier halb zu einer Frau geworden ist. Es kriecht schmeichelnd um mich herum und will liebkost werden. Ich spüre, nur Freundlichkeit kann es verwandeln. Ich versuche es zu umarmen, aber nicht lange, dann stosse ich es von mir. Aber ich habe das Gefühl, ich müsste es in meiner Nähe behalten; vielleicht werde ich es eines Tages küssen können.

Hier haben wir eine von der vorhergehenden verschiedene Situation. Diese Frau war zu intensiv von ihrer männlichen, schöpferischen Funktion fortgetragen worden; dadurch konnte sie ihre weibliche, ehefrauliche Aufgabe nicht befriedigend erfüllen. Ihr Traum verwandelt ihren böse gewordenen Geist in die Frau, die sie in sich selber akzeptieren und kultivieren muss; auf diese Weise kann sie ihre schöpferischen, intellektuellen Interessen mit den Instinkten, die ihr herzliche Beziehungen zu anderen ermöglichen, harmonisch verbinden. 140

Oben: Der griechische Gott Dionysos spielt ekstatisch die Laute (Vasenmalerei). Die orgiastischen Riten des DianysosKultes symbolisierten die Initiation in die Naturgeheimnisse. Rechts: Mänaden verehren Dionysos; ganz rechts: Satyrn in gleicher wilder Verehrung.


Orpheus und der Menschensohn

«Das schöne Mädchen und das Tier» ist ein Märchen wie eine wilde Blume, die so unerwartet auftaucht und in uns ein so natürliches Gefühl für das Wunderbare hervorruft, dass wir einen Moment lang völlig ihre Zugehörigkeit zu einer ganz bestimmten Pflanzengattung vergessen. Nicht nur in grösseren historischen Mythen, sondern auch in den Riten, durch die der Mythos ausgedrückt ist oder von denen er abgeleitet werden kann, findet sich diese Art Geheimnis. Der Typ des Rituals und Mythos, der diese Art psychologischer Erfahrung treffend ausdrückt, ist im griechisch-römischen Dionysos-Kult und in dessen Nachfolger, der Orpheus-Religion, beispielhaft vorhanden. Beide Religionen enthielten eine bedeutsame Initiation vom Typ der «Mysterien». Sie brachten Symbole hervor, die

mit einem Gottmenschen androgynen Charakters assoziiert waren, von dem man glaubte, er habe eine intime Kenntnis der Tier- oder Pflanzenwelt. Der Dionysos-Kult enthielt orgiastische Riten, bei denen sich ein Initiand ganz seiner tierhaften Seite überlassen und dadurch die Fruchtbarkeitsmacht der Mutter Erde erfahren sollte. Die Einführung in diesen Ritus geschah durch den Genuss von Wein. Von diesem erwartete man, er würde die symbolische Schwächung des Bewusstseins erzeugen, die notwendig war, um den Novizen in die streng gehüteten Geheimnisse einzuweihen, deren Wesen mit einem Symbol erotischer Erfüllung ausgedrückt wurde: Der Gott Dionysos beging mit seiner Gemahlin Ariadne eine heilige Ehezeremonie. Im Laufe der Zeit verloren die dionysischen Riten ihre gefühlserregende religiöse Kraft. Man sehnte sich nach Befreiung von der ausschliesslich naturhaften Lebens- und Liebessymbolik. Die dionysische Religion, die sich ständig zwischen dem Geistigen und Körperlichen hin- und herbewegte, erwies sich vielleicht als zu wild und ungezügelt für asketische Seelen. Diese erfuhren ihre religiösen Ekstasen innerlich, in der Verehrung des Orpheus.

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Orpheus war möglicherweise ein wirklicher Mensch, ein Sänger, Prophet und Lehrer, der einen Märtyrertod starb und dessen Grab zu einem Reliquienschrein gemacht wurde. Die frühchristliche Kirche sah in Orpheus das Urbild Christi. Beide Religionen brachten der späthellenistischen Welt das Versprechen eines zukünftigen Lebens. Es gab jedoch einen wichtigen Unterschied zwischen dem Orpheus-Kult und der christlichen Religion. Die orphischen Mysterien hielten, wenn auch in sublimierter Form, die alte dionysische Religion am Leben. Der geistige Antrieb kam von einem Halbgott, der der Kunst des Ackerbaus verbunden war, wie die alten Fruchtbarkeitsgötter, die nur in bestimmten Jahreszeiten erschienen - es war, mit andern Worten, der ewig wiederkehrende Kreislauf von Geburt, Wachstum, Reife und Verfall. Das Christentum dagegen zerstreute die Mysterien. Christus war Produkt und Reformer einer patriarchalischen, nomadischen Hirtenreligion, deren Propheten ihren Messias als ein Wesen rein göttlichen Ursprungs darstellten. Der Menschensohn, obgleich von einer menschlichen Jungfrau geboren, kam durch einen göttlichen Inkarnationsakt vom Himmel. Nach seinem Tode kehrte er in den Himmel zurück, und zwar

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ein für allemal, um zur Rechten Gottes zu regieren bis zu seiner Wiederkehr «bei der Auferstehung der Toten». Natürlich dauerte die Askese des frühen Christentums nicht an. Die Erinnerung an die zyklischen Mysterien plagte deren Anhänger so sehr, dass die Kirche schliesslich viele Praktiken aus der heidnischen Vergangenheit in ihre Riten übernehmen musste. Die wichtigsten unter diesen findet man in den alten Berichten über die Geschehnisse am Karsamstag und Ostersonntag bei der Feier der Auferstehung Christi - dabei wurde nämlich der Taufgottesdienst begangen, den die mittelalterliche Kirche zu einem höchst bedeutsamen Initiationsritus gemacht hat. Dieser Ritus hat jedoch kaum bis heute überlebt, und in der protestantischen Kirche fehlt er völlig. Ein Ritus, der auch heute noch für den Gläubigen die Bedeutung eines zentralen Initiationsmysteriums hat, ist die Erhebung des Kelches im Gottesdienst der katholischen Kirche. Jung hat das in einer Arbeit über Wandlungssymbolik in der Messe so beschrieben: «Das Emporheben des Kelches in die Luft bereitet die Spiritualisierung... des Weines vor. Dies wird bestätigt durch die unmittelbar folgende Anrufung des Heiligen Geistes... Die Anrufung dient dazu, den Wein


mit heiligem Geist zu durchtränken, denn es ist der Heilige Geist, der erzeugt, erfüllt und verwandelt... Nach der Elevation wurde früher der Kelch zur Rechten der Hostie niedergestellt, entsprechend dem Blut, das aus der rechten Seite Christi floss.» Der Ritus der Kommunion ist überall der gleiche, ob man aus dem Gefäss des Dionysos oder aus dem heiligen christlichen Kelch trinkt; was aber der einzelne damit verbindet, ist in beiden Religionen verschieden. Der Teilnehmer am dionysischen Kult blickt zurück auf den Ursprung der Dinge, auf die «Sturmgeburt» des Gottes, der aus dem widerstrebenden Schoss der Erdmutter ausgestossen wird. Auf den Fresken der Villa dei Misteri in Pompeji wird im dargestellten Ritus der Gott als eine Schreckensmaske im Gefäss des Dionysos widergespiegelt, welches ein Priester dem Initianden anbietet. Später sehen wir den schwingenden Korb mit seinen köstlichen Früchten der Erde und den Phallus als schöpferische Symbole der Erscheinung des Gottes als dem Prinzip der Zeugung und des Wachstums. Im Gegensatz zu diesem Rückblick, dessen Brennpunkt der ewige Geburts- und Todeszyklus der Natur ist, weist das christliche Mysterium vorwärts, zur Hoffnung des Initianden auf die Vereinigung mit einem transzendenten Gott. Die

Oben: Ein Dionysos-Ritual, dargestellt auf dem grossen Fresko in der Villa dei Misteri in Pompeji. In der Mitte wird einem Initianden das zeremonielle Gefäss des Dionysos gereicht, in dem er die Spiegelung der Gottmaske sieht, die hinter ihm hochgehalten wird. Auf diese Weise wird der Geist des Gottes symbolisch mit dem Trank vermischt - eine Parallele zu der römisch-katholischen Zeremonie der Erhebung des Kelches während der Messe (unten).


Orpheus bezaubert die Tiere mit seinem Gesang (links, auf einem römischen Mosaik); oben: Orpheus wird von thrakischen Frauen ermordet (auf einer griechischen Vase). Unten links: Christus als der Gute Hirte (Mosaik aus dem 6. Jahrhundert). Orpheus und Christus sind Parallelen zum Archetyp des Naturmenschen - was sich auch in dem Gemälde von Cranach (unten) von der Unschuld der «Naturmenschen» spiegelt. Gegenüberliegende Seite, links: Der französische Philosoph Rousseau, 18. Jahrhundert, der die Idee des «edlen Wilden» entwickelte - des einfachen Naturkindes, das frei von Sünde ist. Ganz rechts: Die Titelseite von «Waiden», einem Buch des amerikanischen Schriftstellers Thoreau, 19. Jahrhundert, der ein ganz naturverbundenes Leben, fast völlig unabhängig von der Zivilisation, führte.


Mutter Natur mit all ihren schönen jahreszeitlichen Veränderungen hat man hinter sich gelassen, und die zentrale Gestalt des Christentums bietet geistige Gewissheit, denn sie ist der Sohn Gottes im Himmel. Aber beide verschmelzen miteinander in der Figur des Orpheus, des Gottes, der sich an Dionysos erinnert, aber Christus freudig erwartet. Der psychologische Sinn dieser Mittlerfigur ist von der schweizerischen Autorin Linda FierzDavid in ihrer Interpretation des orphischen Ritus, der in der Villa dei Misteri bildlich dargestellt ist, beschrieben worden: «Orpheus lehrte, als er sang und die Leier spielte, und sein Gesang war so machtvoll, dass er die ganze Natur bezwang; während er zur Leier sang, flogen die Vögel um ihn herum, die Fische verliessen das Wasser und kamen zu ihm. Wind und Meer wurden still, die Flüsse strömten zu ihm herauf. Es schneite nicht und hagelte nicht. Bäume und sogar die Steine folgten Orpheus; Tiger und Löwe legten sich zu ihm, nahe den Schafen, und die Wölfe neben Hirsch und Reh. Was bedeutet dies nun? Es bedeutet sicher, dass durch göttliche Einsicht in den Sinn der Naturereignisse... die Vorgänge in der Natur harmonisch von innen geordnet werden. Alles wird Licht, und alle Geschöpfe sind versöhnt, wenn der Mittler, im Akt der Anbetung, das Licht der Natur darstellt. Orpheus ist eine Verkörperung der Andacht und Frömmigkeit; er versinnbildlicht die religiöse Haltung, die alle Konflikte löst, weil durch sie die ganze Seele zu dem gewendet wird, was jenseits aller Konflikte liegt... Und da er das tut, ist er wahrhaft Orpheus; das heisst, ein guter Hirte, seine primitive Verkörperung...» Sowohl als guter Hirte wie auch als Mittler bildet Orpheus einen Ausgleich zwischen dem dionysischen Kult und der christlichen Religion, da Dionysos und Christus beide ähnliche Rollen spielen, wenn auch, wie gesagt, in Zeit und Raum verschieden orientiert - eine zyklische Religion der niederen Wrelt gegenüber einer himmlischen, eschatologischen oder endzeitlichen. Diese Serie von initiatorischen Ereignissen, der Religionsgeschichte entnommen, wiederholt sich endlos und mit allen erdenklichen Sinnverschiebungen in den

Träumen und Phantasien moderner Menschen. In einem stark ermüdeten und depressiven Zustand hatte eine Analysandin folgende Phantasie: Ich sitze an einem langen, schmalen Tisch, in einem hohen gewölbten Raum ohne Fenster. Mein Körper ist gekrümmt und abgemagert. Ein langes weisses Lcinentuch hängt von meinen Schultern bis zum Fussboden hinab. Etwas Entscheidendes ist mir passiert. Ich habe nicht mehr viel Leben in mir. Rote Kreuze auf goldenen Scheiben erscheinen vor meinen Augen. Ich entsinne mich, vor langer Zeit eine Verpflichtung auf mich genommen zu haben, von der ich nun ein Teil bin, wo auch immer ich mich befinde. Ich sitze dort sehr lange. Nun öffne ich langsam die Augen und sehe einen Mann neben mir sitzen, der mich heilen soll. Er macht einen freundlichen Eindruck und spricht zu mir, obgleich ich ihn nicht hören kann. Er scheint genau zu wissen, wo ich gewesen bin. Ich merke, dass ich sehr hässlich aussehe und dass um mich herum ein Hauch von Tod sein muss. Ich möchte wissen, ob er davon abgestossen wird. Ich sehe ihn sehr lange an. Er wendet sich nicht ab. Ich atme leichter. Dann fühle ich einen kühlen Windhauch oder kaltes Wasser über meinen Körper fliessen. Ich wickle mich jetzt in das weisse Leinentuch ein und will schlafen. Die heilenden Hände des Mannes liegen auf meinen Schultern. Ich erinnere mich dunkel, dass es eine Zeit gegeben hat, als da Wunden waren; aber der Druck seiner Hände scheint mir Kraft zu geben und mich zu heilen.

Diese Frau hatte vorher starke religiöse Zweifel gehabt. Sie war streng katholisch erzogen wor-

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den, hatte sich aber seit ihrer Jugend von den formellen religiösen Konventionen ihrer Familie zu befreien versucht. Doch die symbolischen Ereignisse des Kirchenjahres und ihr tiefer Einblick in deren Bedeutung begleiteten sie durch den psychischen Veränderungsprozess; und in ihrer Analyse fand ich diese profunde Kenntnis der religiösen Symbolik sehr hilfreich. Die bedeutsamen Elemente, die sie aus ihrer Phantasie auswählte, waren das Weisse Tuch, das sie als ein Opfertuch auffasste; der gewölbte Raum, den sie für ein Grab hielt; und ihre Verpflichtung, die sie mit dem Erlebnis einer Unterwerfung assoziierte. Diese Verpflichtung, wie sie es nannte, war so etwas wie ein Initiationsritus mit einem gefährlichen Abstieg in die Gruft des Todes, wodurch dargestellt wurde, wie sie Kirche und Familie verlassen hatte, um Gott auf ihre eigene Weise zu erfahren. Sie hatte im eigentlichen, symbolischen Sinne eine «Nachfolge Christi» unternommen, und wie Christus hatte sie die Wunden erlitten, die diesem Tod vorausgingen. Das Opfertuch lässt an das Laken oder Leichentuch denken, in welches der gekreuzigte Christus bei seiner Grablegung eingewickelt wurde. Das Ende der Phantasie führt die heilende Gestalt eines Mannes ein, der mit mir als ihrem Analytiker lose verbunden war, aber auch als Freund erschien, der über ihr Erlebnis genau Bescheid wusste. Er redet zu ihr in Worten, die sie noch nicht verstehen kann, aber seine Hände beruhigen sie und scheinen heilende Kraft zu haben. Man empfindet in dieser Figur die Berührung und das Wort des guten Hirten, Orpheus oder Christus, als Mittler und natürlich auch als Heilender. Er steht auf der Seite des Lebens und muss sie überzeugen, dass sie jetzt aus der Gruft des Todes zurückkehren kann. Sollen wir dies Wiedergeburt oder Auferstehung nennen? Vielleicht beides oder auch keins von beiden. Der wesentliche Ritus steht am Ende: Die kühle Brise oder das Wasser, das über ihren Körper fliesst, ist der uranfängliche Akt der Reinigung von der Todsünde, das Wesen der wahren Taufe. Dieselbe Frau hatte noch eine andere Phantasie, in der sie der Meinung war, ihr Geburtstag

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fiele mit Christi Auferstehung zusammen. Das hiess aber nicht, dass sie sich mit Christus identifizierte. Trotz all seiner Macht und Herrlichkeit fehlte etwas; und als sie versuchte, ihn durch Gebet zu erreichen, wurden er und sein Kreuz zum Himmel erhoben, ausserhalb ihrer menschlichen Reichweite. In dieser zweiten Phantasie kam sie zurück auf das Symbol der Wiedergeburt als aufgehende Sonne, und ein neues weibliches Symbol tauchte auf. Zuerst erschien es als «Embryo in einem wässrigen Sack». Danach trug sie einen achtjährigen Jungen durch das Wasser, wobei sie an «einem gefährlichen Punkt» vorbeikam. Dann hatte sie das Gefühl, nicht mehr vom Tode bedroht zu sein. Sie befand sich «in einem Wald, an einem kleinen Wasserfall... ringsherum wachsen grüne Reben. In der Hand halte ich eine Steinschale mit Quellwasser, etwas grünem Moos und Veilchen. Ich bade unter dem Wasserfall. Er ist golden und <seidig>, und ich fühle mich wie ein Kind.» Der Sinn dieser Begebenheiten ist klar, obwohl man die innere Bedeutung in der geheimnisvollen Beschreibung so vieler wechselnder Bilder verfehlen könnte. Wir haben hier anscheinend einen Wiedergeburtsprozess, in dem ein grösseres geistiges Selbst geboren und als Kind in der Natur getauft wird. Zwischendurch hat die Frau ein anderes Kind gerettet, das ihr eigenes Ich in einer traumatischen Periode ihrer Kindheit war. Sie trug es dann durchs Wasser an der GefahOben links: Der persische Gott M ithras opfert einen Stier. Das Opfer (das auch ein Teil des Dionysos-Ritus ist) kann als symbolischer Sieg des menschlichen Geistes über seine Tierhaftigkeit angesehen werden. (Dies erklärt vielleicht die Popularität des Stierkampfes in einigen Ländern; links.) Rechts: Eine Radierung von Picasso (1935) zeigt ein Mädchen, das von einem Minotaurus bedroht wird - der hier, wie im Mythos von Theseus, ein Symbolfür die unkontrollierbaren instinktiven Kräfte des Menschen ist.

renstelle vorbei, was ihre Furcht vor einem zersetzenden Schuldgefühl zeigte, falls sie sich zu weit von der konventionellen Religion ihrer Eltern entfernte. Aber religiöse Symbolik ist bedeutsam durch ihre Abwesenheit. Alles ist in den Händen der Natur; wir sind eher im Reiche des Hirten Orpheus als in dem des auferstandenen Christus. Dieser Folge schloss sich ein Traum an, der die Patientin zu einer Kirche brachte, die der Kirche des heiligen Franz von Assisi mit den Fresken Giottos ähnelte. Sie fühlte sich hier mehr zu Hause als in anderen Kirchen, weil der heilige Franziskus wie Orpheus von Natur aus ein religiöser Mann war. Die Traumserie endete mit einem fernen Echo des Dionysos-Kultes. Die Frau träumte, sie führe ein blondes Mädchen an der Hand. «Wir nehmen fröhlich an einem Fest teil, zusammen mit der Sonne, den Wäldern und Blumen. Das Kind hat eine weisse Blume in der Hand und legt sie einem schwarzen Stier auf den Kopf. Der Stier gehört zum Fest und wird festlich geschmückt.» Diese Anspielung erinnert an die alten Riten, mit denen man den in einen Stier verkleideten Dionysos feierte. Aber der Traum war hier noch nicht zu Ende. Die Frau fuhr fort: «Einige Zeit später wird der Stier von einem goldenen Pfeil durchbohrt.» Nun gibt es neben dem dionysischen noch einen anderen vorchristlichen Ritus, in dem der Stier eine symbolische Rolle spielt. Der persische Sonnen-

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gott Mithras opfert einen Stier. Wie Orpheus verkörpert Mithras die Sehnsucht nach einem Leben des Geistes, der über die primitiven animalischen Leidenschaften des Menschen triumphieren und ihm, nach einer Initiationszeremonie, Frieden geben soll. Diese Serie von Bildern bestätigt eine Vermutung, die in vielen Traum- oder Phantasiefolgen dieses Typs angedeutet ist: dass es keinen endgültigen Frieden, keinen Ruhepunkt gibt. Auf ihrer religiösen Suche befinden sich die Menschen - besonders solche, die in modernen christianisierten Gesellschaften leben - immer noch in der Gewalt jener frühen Traditionen, die in ihnen nach der Oberherrschaft streben. Es ist ein Konflikt zwischen heidnischem und christlichem Glauben. In der ersten Phantasie der Patientin findet sich ein merkwürdiges Symbol, das man leicht übersehen könnte, das aber vielleicht zur Lösung dieses Problems beiträgt. Die Frau hat in der Totengruft rote Kreuze auf goldenen Scheiben gesehen. Wie sich später bei der Analyse herausstellte, erfuhr sie gerade eine tiefgreifende psychische Veränderung und war dabei, aus diesem «Tod» in eine neue Art von Leben aufzutauchen. Man kann sich daher vorstellen, dass dieses Bild in gewisser Weise ihre zukünftige religiöse Haltung ankündigte. In ihrer weiteren Arbeit erwies sich tatsächlich, dass die roten Kreuze ihre Ergebenheit der christlichen Einstellung gegenüber repräsentierten, die goldenen Scheiben dagegen ihre Verehrung der vorchristlichen Mysterienreligionen ausdrückten. Ihre Vision hatte sie angewiesen, christliche und heidnische Elemente in dem vor ihr liegenden Leben miteinander zu versöhnen. Eine letzte, aber wichtige Beobachtung betrifft die alten Initiationsriten und ihre Beziehung zum Christentum. Der Initiationsritus, der in den Eleusinischen Mysterien begangen wurde (die Anbetungsriten für die Fruchtbarkeitsgöttinnen Demeter und Persephone), galt nicht nur für diejenigen, die ein üppigeres Leben führen wollten ; er war auch eine Vorbereitung auf den Tod, als ob dieser ebenfalls einen initiatorischen Übergangsritus erforderte. Auf einer Urne, die in einem römischen Grab

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gefunden wurde, ist der letzte Teil einer Initiation dargestellt, die den Novizen im Umgang mit den Göttinnen zeigt. Ausserdem sind darauf zwei einleitende Reinigungszeremonien zu sehen - die Opferung des «mystischen Schweins» und eine sinnbildliche Version der heiligen Hochzeit. All dies deutet auf eine Initiation zum Tode hin, aber in einer Form, die nicht die Endgültigkeit der Trauer hat. Der Tod enthält vielmehr - besonders im orphischen Kult - das Versprechen der Unsterblichkeit. Das Christentum ging sogar noch weiter, indem es nicht nur Unsterblichkeit versprach (was im Sinne der zyklischen Mysterien nur Reinkarnation bedeutet hätte), sondern ein ewiges Leben im Himmel. Wir sehen also im modernen Leben immer wieder die Tendenz, alte Muster zu wiederholen. Wer dem Tod ins Auge sieht, muss die alte Botschaft wieder lernen, dass der Tod ein Geheimnis ist, auf das wir uns in dem gleichen Geist der Unterwerfung und Demut vorbereiten müssen, wie wir einst gelernt haben, uns auf das Leben vorzubereiten.


Symbole der Transzendenz

Die Symbole, die den Menschen beeinflussen, können verschiedene Zwecke erfüllen. Einige Menschen müssen geweckt werden und ihre Initiation mit der Heftigkeit eines dionysischen «Donnerritus» erfahren. Andere werden im Tempelbezirk oder in der heiligen Höhle zur Unterwerfung veranlasst. Eine vollkommene Initiation umfasst beides, wie wir aus alten Texten, aber auch bei lebenden Menschen sehen können. Ganz sicher ist, dass das grundlegende Ziel der Initiation darin besteht, die ursprüngliche Tricksterhaftigkeit der jugendlichen Natur zu zähmen. Trotz der Gewaltsamkeit der hierfür notwendigen Riten hat die Initiation daher einen zivilisierenden oder vergeistigenden Zweck.

Es gibt jedoch eine andere Symbolik, die zu den frühesten bekannten heiligen Traditionen gehört und auch mit den Übergängsperioden im Leben eines Menschen verbunden ist. Diese Symbole versuchen allerdings nicht, den Initianden irgendeiner religiösen Lehre oder einem weltlichen Gruppenbewusstsein einzuordnen. Sie weisen im Gegenteil auf das Bedürfnis des Menschen hin, von jedem unreifen, festgelegten oder endgültigen Zustand befreit zu werden. Ein Kind hat, wie ich schon gesagt habe, eine gewisse Vollkommenheit, aber nur vor dem Auftauchen seines Ich-Bewusstseins. Ein Erwachsener erreicht ein Gefühl der Vollständigkeit durch die Vereinigung des Bewusstseins mit den unbewussten Geistesinhalten. Aus dieser Vereinigung erwächst das, was Jung die «transzendente Funktion der Psyche» genannt hat, durch die ein Mensch sein höchstes Ziel erreichen kann: die volle Verwirklichung seines individuellen Selbst. Das, was wir als «Symbole der Transzendenz» bezeichnen, sind also diejenigen Symbole, die das Streben des Menschen nach diesem Ziel repräsentieren. Sie stellen die Mittel bereit, mit deren

Schamanen und Vögel sind Symbole der Transzendenz und werden oft miteinander verbunden. Links: Eine prähistorische Höhlenmalerei in Lascaux zeigt einen Schamanen mit einer Vogelmaske. Unten: SchamanenpriesLerin eines sibirischen Stammes in Vogelkostüm. Rechts: Sarg eines Schamanen (ebenfalls in Sibirien) mit Vogelfiguren auf den Pfählen.

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Hilfe die Inhalte des Unbewussten in das Bewusstsein gelangen können, und sie sind selbst ein aktiver Ausdruck dieser Inhalte. Diese Symbole sind vielgestaltig und von grösster Wichtigkeit. Auf der archaischen Stufe dieser Symbolik treffen wir wieder auf das Motiv des Tricksters. Aber diesmal erscheint er nicht mehr als gesetzloser Möchtegern-Held. Er ist der Schamane - der Medizinmann - geworden, dessen magische Praktiken und intuitive Einsichten ihn zum primitiven Meister der Initiation machen. Seine Macht beruht darauf, dass er angeblich seinen Körper verlassen und als Vogel im Universum umherfliegen kann. In diesem Fall ist der Vogel das geeignetste Symbol der Transzendenz. Er steht für die eigenartige Natur der Intuition, die durch ein «Medium» tätig ist, das heisst durch einen Menschen, der Kenntnis von weit entfernten Ereignissen erhält, indem er sich in einen tranceartigen Zustand begibt. Beweise für solche Kräfte sind bis zurück in die paläolithische Periode zu finden, wie der amerikanische Gelehrte Joseph Campbell in seinem Kommentar zu einer der in Frankreich entdeckten Höhlenzeichnungen dargelegt hat. In Lascaux, schreibt er, «befindet sich die Abbildung

In Mythen oder Träumen symbolisiert eine einsame Reise einen befreienden Übergang. Oben: Eine Darstellung des italienischen Dichters Dante, der sein Buch, die «Göttliche Komödie», in der Hand hält, das seinen Traum von einer Fahrt zur Hölle (unten links im Bild), zum Fegefeuer und in den Himmel schildert. Ganz links: Die Reise, die der Pilger im «Pilgrim's Progress» des englischen Schriftstellers John Bunyan 1678) machte. (Die Reise ist eine Kreisbewegung in Richtung auf eine innere Mitte.) Auch dieses Buch ist in Traumform geschrieben; links: der träumende Pilger. Viele Menschen wünschen sich eine Veränderung ihres gewohnten Lebens; aber die Freiheit, die man durch Reisen erreicht, ist kein Ersatz für wirkliche innere Befreiung (rechts: ein Plakat, das eine «Flucht zum Meer» empfiehlt).

eines Schamanen mit einer Vogelmaske, der in Trance liegt. Die Schamanen in Sibirien tragen noch heute solche Vogelkostüme, und von vielen glaubt man, ihre Mütter hätten sie von einem Vogel empfangen... Der Schamane ist demnach nicht nur der einheimische Bewohner, sondern sogar der begünstigte Nachkomme jener mächtigen Reiche, die für unser normäles waches Bewusstsein unsichtbar sind, die man höchstens einmal in einer Vision zu sehen bekommt.» Auf der höchsten Stufe dieses Typs initiatorischer Aktivität, weit entfernt von den kleinen Tricks, wodurch Magie so oft die wahre geistige Einsicht verdrängt, finden wir die hinduistischen Meisteryogis. In ihren Trancezuständen kommen sie weit über die normalen gedanklichen Kategorien hinaus. Eins der bekanntesten Traumsymbole für diesen Typ von Befreiung durch Transzendenz ist das Motiv der einsamen Reise oder Pilgerfahrt, auf der der Initiand mit der Natur des Todes bekannt gemacht wird. Aber es ist nicht der Tod als Jüngstes Gericht oder eine andere initiatorische Kraftprobe; es ist eine Reise des Verzichts, der Entsagung und Busse, die von einem Geist des Mitleids geleitet wird. Dieser Geist wird häufiger durch eine «Herrin» als durch einen


«Herrn» der Initiation dargestellt, durch eine höchste weibliche (das heisst Anima-)Figur wie etwa Kwanyin im chinesischen Buddhismus, Sophia in der christlich-gnostischen Lehre oder die griechische Göttin der Weisheit, Pallas Athene. Im ersten Teil des Lebens, wenn man noch mit seiner Familie und seiner sozialen Gruppe engzusammenhängt, kann man diese Symbolik, die durch den Flug der Vögel oder die Reise in die Wildnis eine Art Befreiung ausdrückt, als den Augenblick der Initiation erfahren, in dem man lernen muss, die entscheidenden Schritte im Leben allein zu tun. In einem späteren Lebensabschnitt braucht man vielleicht nicht alle Bindungen zu bedeutsamen Symbolen abzubrechen. Aber trotzdem kann man von jenem Geist göttlicher Unzufriedenheit erfüllt sein, der alle freien Menschen zwingt, neue Entdeckungen zu machen oder ihr Leben neu einzurichten. Diese Veränderung kann besonders wichtig werden in der Zeit zwischen dem mittleren und dem fortgeschrittenen Alter, wenn sich viele Menschen überlegen, was sie im Ruhestand machen sollen - arbeiten oder spielen, zu Hause bleiben oder reisen. Wenn ihr Leben abenteuerlich, unsicher oder wechselvoll gewesen ist, sehnen sie sich vielleicht nach einem ruhigen Lebensabend und den Tröstungen religiöser Gewissheit. Haben sie aber

meistens innerhalb des sozialen Gefüges gelebt, in welchem sie geboren wurden, so mögen sie den dringenden Wunsch nach einer befreienden Veränderung verspüren. Dieses Bedürfnis kann wohl vorläufig mit einer Reise um die Welt oder einfach durch den Umzug in ein kleineres Haus befriedigt werden. Aber keine dieser Veränderungen wird genügen, wenn nicht auch die inneren alten Werte durch ein neues Lebensmuster ersetzt werden. Ein Fall dieser letzteren Art war eine Frau, die ein angenehmes, kulturell vielseitiges, gesichertes Leben geführt hatte. Sie brachte mir folgenden Traum: Ich fand einige seltsame Holzstücke, die nicht geschnitzt, sondern von Natur aus schön geformt waren. Jemand sagte: «Neandertaler haben sie hergebracht.» Dann sah ich in einiger Entfernung diese Neandertaler, die wie eine dunkle Masse wirkten; ich konnte keinen von ihnen genau erkennen. Ich dachte, ich wollte eins ihrer Holzstücke von hier mitnehmen. Danach ging ich weiter, als ob ich mich allein auf einer Reise befände, und ich blickte in einen enormen Abgrund hinab, der wie ein erloschener Vulkan aussah. Er war zum Teil mit Wasser gefüllt, und ich erwartete dort mehr Neandertaler zu sehen. Statt dessen sah ich schwarze Wasserschweine, die aus dem Wasser gekommen waren und zwischen dem schwarzen Vulkangestein hin- und herliefen.

Im Gegensatz zu den familiären Bindungen und dem sehr kultivierten Lebensstil dieser Frau führt der Traum sie in eine prähistorische Zeit. Links: Der englische Forscher R. F. Scott und seine Gefährten. 1911 in der Antarktis photographier t. Forscher, die sich in das Unbekannte wagen, bieten ein geeignetes Bild einer Befreiung aus dem Gewohnten.

Das Symbol der Schlange wird gewöhnlich mit Transzendenz verbunden, weil sie der Überlieferung nach ein Geschöpf der Unterwelt ist und dadurch ein «Vermittler» zwischen zwei Welten. Rechts: Das Symbol der Schlange mit dem Stab des griechisch-römischen Gottes der Medizin, Äskulap, auf einer Karte, die im heutigen Frankreich als Kennzeichen für ein Arztauto benutzt wird.

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Sie kann bei den primitiven Menschen Jceine soziale Gruppierung feststellen: Sie sieht sie als eine unbewusste, kollektive, «dunkle Masse» in der Ferne. Doch sie leben, und die Frau kann eines ihrer Holzstücke mitnehmen. Der Traum betont, das Holz sei natürlich, nicht geschnitzt; es kommt also von einer uranfanglichen, nicht kulturell beeinflussten Ebene des Unbewussten. Das Holzstück, bemerkenswert wegen seines hohen Alters, verbindet die zeitgenössischen Erfahrungen dieser Frau mit den fernen Ursprüngen des menschlichen Lebens. Wir wissen aus vielen Beispielen, dass ein alter Baum oder eine Pflanze das Wachstum und die Entwicklung des psychischen Lebens versinnbildlichen (im Unterschied zum instinktiven Leben, das gewöhnlich durch Tiere symbolisiert wird). Mit diesem Holzstück hatte die Frau daher das Symbol ihrer Verbindung mit den tiefsten Schichten des kollektiven Unbewussten in der Hand. Sie setzt dann ihre Reise allein fort. Dies Motiv zeigt, wie schon gesagt, das Bedürfnis nach Befreiung; wir haben hier also noch ein Symbol der Transzendenz. Danach sieht sie im Traum den gewaltigen Krater eines erloschenen Vulkans, der der Kanal für einen heftigen Feuerausbruch aus den tiefsten Schichten der Erde gewesen ist. Wir dürfen ver-

muten, dass sich dies auf eine bedeutsame Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis bezieht. Sie hatte im späten Jugendalter plötzlich das Bedürfnis gehabt, sich von der extrem konventionellen Einstellung ihrer Familie loszureissen. Diesen Bruch hatte sie ohne ernsthafte Schwierigkeiten vollzogen und später sogar ihren Frieden mit der Familie gemacht. Aber sie fühlte den starken Wunsch, sich noch weiter von dem sozialen Hintergrund ihrer Verwandtschaft zu entfernen und auf ihre eigene Weise ihre Freiheit zu finden. Dieser Traum erinnert an einen anderen, den ein junger Mann träumte, der zwar ein völlig anderes Problem hatte, aber doch eine ähnliche Art von Einsicht zu brauchen schien. Auch er spürte einen Drang zur Differenzierung. Er träumte von einem Vulkan, aus dessen Krater er zwei Vögel fliegen sah, die offenbar Angst hatten, der Vulkan würde ausbrechen. Er befand sich an einem fremden, einsamen Ort. In diesem Fall stellte der Traum eine individuelle Initiationsreise dar. Der Traum des jungen Mannes kam zu Beginn seines Lebens und wies auf zukünftige Unabhängigkeit als Mann hin. Die Frau, von der ich gesprochen habe, näherte sich dem Ende ihres Lebens. Sie erlebte eine ähnliche Reise und schien eine ähnliche Unabhängigkeit erreichen zu müssen. Aber solche Unabhängigkeit endet nicht in einem Zustand yogigleicher Abgesondertheit, die eine Absage an die Welt mit ihren Unreinheiten bedeutet. In der sonst toten und verdorrten Landschaft ihres Traumes bemerkte die Frau Anzeichen tierischen Lebens. Das waren die «Wasserschweine», eine Spezies, die der Patientin unbekannt war; offenbar hatten sie die Bedeutung von besonderen Tieren, die sowohl im Wasser als auch auf dem Land leben können. Dies ist die gemeinsame Eigenschaft der Tiere als Transzendenzsymbole. Diese Geschöpfe, die bildhaft aus den Tiefen der Mutter Erde kommen, sind symbolische Bewohner des kollektiven Unbewussten. Sie bringen eine spezielle Bedeutung ins Bewusstsein hinauf, die sich von den geistigen Aspirationen unterscheidet, welche durch die Vögel im Traum des jungen Mannes versinnbildlicht wurden.

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Andere Transzendenzsymbole sind Nagetiere, Eidechsen, Schlangen und manchmal Fische. Dies sind vermittelnde Tiere, die Unterwassertätigkeit und Vogelflug (bei Wildente und Schwan) mit dem Erdenleben verbinden. Vielleicht das bekannteste Traumsymbol der Transzendenz ist die Schlange, wie sie als das therapeutische Symbol des römischen Gottes der Medizin, Äskulap, dargestellt ist, das als Zeichen des Medizinerberufes bis heute überlebt hat. Dies war ursprünglich eine harmlose Baumschlange; wie wir sie kennen, um den Stab des heilenden Gottes herumgerollt, scheint sie eine Art Vermittlung zwischen Himmel und Erde zu sein. Ein noch wichtigeres, weitverbreitetes Symbol der Transzendenz ist das Motiv der beiden miteinander verflochtenen Schlangen. Als die berühmten Naga-Schlangen kommen sie im alten Indien vor; wir finden sie auch in Griechenland als die verflochtenen Schlangen am Ende des Stabes, der dem Gott Hermes gehört. Eine frühgriechische Herme ist ein Steinpfeiler, auf dem eine Büste des Gottes steht. Auf der einen Seite sind die verflochtenen Schlangen, auf der anderen ist ein aufgerichteter Phallus zu sehen. Da die Schlangen im Akt der geschlechtlichen Vereinigung dargestellt sind und der aufgerichtete Phallus unzweifelhaft sexuelle Bedeutung hat,

können wir daraus auf die Bedeutung des Hermes als Fruchtbarkeitssymbol schliessen. Aber wir täuschen uns, wenn wir annehmen, dies beziehe sich nur auf biologische Fruchtbarkeit. Hermes ist Trickster in der Rolle eines Boten, eines Gottes der Kreuzwege und schliesslich des Führers der Seelen zu und aus der Unterwelt. Sein Phallus dringt also von der bekannten in die unbekannte Welt auf der Suche nach einer geistigen Botschaft der Befreiung und Heilung. In Ägypten war Hermes ursprünglich als der ibisköpfige Gott bekannt und wurde deshalb als die Vogelgestalt des transzendenten Prinzips verstanden. In der olympischen Zeit der griechischen Mythologie erhielt Hermes Attribute des Vogellebens zusätzlich zu seiner Schlangennatur. Sein Stab bekam Flügel über den Schlangen und wurde der caduceus oder geflügelte Stab des Merkur; der Gott selbst wurde der «fliegende Mann» mit Flügelhelm und -sandalen. Hier sehen wir seine ganze Transzendenzkraft, einen Aufstieg vom unterirdischen Schlangenbewusstsein über das Medium der irdischen Realität bis zur übermenschlichen oder transpersonalen Wirklichkeit, die in seiner Flugfähigkeit ausgedrückt ist. Ein solches zusammengesetztes Symbol findet


Links: Ein französisches Gemälde aus dem 17. Jahrhundert zeigt die Vermittlerrolle der Schlange. Orpheus spielt die Leier ; er und seine Zuhörer bemerken nicht, dass Eurydike (Bildmitte) von einer Schlange gebissen wird - die tödliche Wunde symbolisiert ihren Abstieg in die Unterwelt. Von Nicolas Poussin.

Oben: Der ägyptische Gott Thot mit einem Ibiskopf auf einem Relief (etwa 350 v. Chr.). Thot ist eine «Unterwelt»-Figur, die mit der Transzendenz assoziiert wird; er war es, der die Seelen der Toten richtete. Der griechische Gott Hermes, den man «Psychopompos» (Seelenführer) nannte, hatte die Aufgabe, die Toten in die Unterwelt zu führen. Links: Eine Herme aus Stein, die an Kreuzwegen aufgestellt wurde und die Rolle des Gottes als Vermittler zwischen zwei Welten symbolisierte. An der Seite der Herme windet sich eine Schlange um einen Stab; dieses Symbol (der caduceusj wurde auf den römischen Gott Merkurius (rechts) übertragen, der ebenfalls Flügel erhielt und dadurch an den Vogel als Symbol geistiger Transzendenz erinnerte.

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man auch in Darstellungen wie dem geflügelten Pferd oder dem geflügelten Drachen, die oft in den künstlerischen Ausdrucksformen der Alchimie vorkommen, wie es Jung in seinem klassischen Werk über dieses Thema so anschaulich beschrieben hat. Wir verfolgen die unzähligen Abwandlungen dieser Symbole in unserer Arbeit mit Patienten. Sie zeigen, was unsere Therapie zu erreichen hoffen kann, wenn sie die tieferliegenden psychischen Inhalte freimacht, so dass diese Bestandteil unseres bewussten Rüstzeugs werden, womit wir das Leben besser verstehen. Es ist für den modernen Menschen nicht leicht, die Bedeutsamkeit von Symbolen zu erfassen, die aus der Vergangenheit stammen oder in unseren Träumen erscheinen. Es wird einfacher, wenn wir uns klarmachen, dass nur die spezifischen Formen dieser archetypischen Muster sich verändern, nicht ihre psychische Bedeutung. Wir haben über wilde Vögel als Symbole der Befreiung gesprochen. Aber heute könnten wir ebensogut von Düsenflugzeugen und Raketen re-

Geflügelte Drachen (oben; aus einem Manuskript des 15. Jahrhunderts) kombinieren die Tränszendenzsymbolik von Schlange und Vogel. Rechts: Eine Darstellung geistiger Transzendenz: Mohammed fliegt auf der geflügelten Stute Ruraq durch die himmlischen Sphären.

den, denn sie sind die Verkörperung desselben Prinzips, indem sie uns wenigstens zeitweise von der Schwerkraft befreien. Auf ähnliche Weiss erscheinen andere alte Symbole, die einst Stabilität und Schutz versprachen, heute in der Sucht des modernen Menschen nach wirtschaftliche: Sicherheit und sozialem Wohlergehen. Natürlich wird jeder von uns feststellen können dass es in unserem Leben einen Konflikt gi'r: zwischen Abenteuer und Disziplin, Laster um Tugend, Freiheit und Sicherheit. Aber dies sinn nur Bezeichnungen für eine Ambivalenz, die uns beunruhigt und auf die wir wohl niemals eine Antwort finden werden. Es gibt eine Antwort. Es gibt einen Punkt, wo sich Bewahrung und Befreiung treffen, und wir finden ihn in den besprochenen Initiationsriten Sie ermöglichen es dem einzelnen oder auch ganzen Gruppen, gegensätzliche Kräfte in sich zu vereinen und in ihrem Leben einen Gleichgewichtszustand herzustellen. Aber die Riten bieten diese Möglichkeit nicht


ohne weiteres oder automatisch. Sie beziehen sich auf besondere Phasen im Leben eines einzelnen oder einer Gruppe, und wenn sie nicht richtig verstanden und in eine neue Lebensweise übertragen werden, verpasst man möglicherweise den richtigen Augenblick. Initiation ist im wesentlichen ein Prozess, der mit einem Ritus der Unterwerfung beginnt, gefolgt von einer Periode des Bewahrens, der sich ein Ritus der Befreiung anschliesst. Auf diese Weise kann jeder Mensch die widerstreitenden Elemente seiner Persönlichkeit miteinander versöhnen: Er kann ein Gleichgewicht herstellen, das ihn wahrhaft menschlich und wahrhaft Herr seiner selbst werden lässt.

In den Träumen und Phantasien vieler moderner Menschen erscheint oft der Flug grosser Weltraumraketen als symbolische Verkörperung des Befreiungsdranges, der Transzendenz genannt wird.


M.-L. von Franz Der Individuationsprozess Fensterrose aus der Notre Dame-Kathedrale, Paris


Die Struktur des seelischen Reifungsprozesses

Zu Beginn dieses Werkes hat C. G. Jung den Begriff des Unbewussten, seine persönlichen und kollektiven Strukturen und seine symbolische Manifestationsweise dargelegt. Wenn man einmal die tiefe Bedeutung der Symbole des Unbewussten erkannt hat, bleibt noch das schwierige Problem ihrer Deutung bestehen. Jung hat nämlich gezeigt, dass sehr viel davon abhängt, ob eine Traumdeutung dem Menschen einleuchtet oder nicht, denn nur im Zusammenhang mit den bewussten Reaktionen können die Träumeihre sinnvolle Funktion wirklich ausüben. Dadurch ergab sich aber in Jungs Betrachtung des Unbewussten auch noch die weitere Frage, welchen Sinn das gesamte Traumleben eines Menschen haben könnte, das heisst, was die Träume nicht nur für die unmittelbare Regulierung des seelischen Gleichgewichts bedeuten, sondern für unser Leben als Ganzes. Indem er die Träume zahlreicher Menschen beobachtete (er hat schätzungsweise mindestens 80 OOOTräume selber verarbeitet), entdeckte Jung, dass Träume nicht nur für das Leben des einzelnen von Bedeutung sind, sondern dass sie auch, als Ganzes genommen, Teile eines grossen «Schicksalsgewebes» darstellen, welches eine allgemeinmenschliche, dynamische Struktur aufzuweisen scheint. Das Wrerden dieses «Lebensmusters» hat Jung als den Individuationsprozess bezeichnet. Da unsere Träume Nacht für Nacht andere Szenen und Bilder erzeugen, werden viele Träumende diesen grösseren Zusammenhang übersehen; doch wenn man seine Träume längere Zeit deutet, so kann man sehen, wie manche Themen immer wieder auftauchen, verschwinden und wiederkommen. Viele Leute träumen sogar öfters von den gleichen Figuren, Landschaften und

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Unten: ein «Mäander» (Verzierung in einem Manuskript aus dem 7. Jahrhundert), Individuelle Träume wirken ebenso fremdartig und bruchstückha ft wie das Detail (oben) aus der Buchdekoration; aber in den Träumen eines ganzen Lebens erscheint ein Mäandermuster, das den Prozess des psychischen Wachstums offenbart.


Situationen, die sich allmählich abwandeln. Zudem kann diese Wandlung durch wirksame Deutung der Träume wesentlich beschleunigt werden. So gleicht unser Traumleben eigentlich einem Bandmuster, in welchem die einzelnen Fäden bald sichtbar werden, bald verschwinden und unerwartet wieder auftauchen. Dabei wird allmählich deutlich, dass eine verborgene Zielrichtung darin wirksam ist, welche ein langsames seelisches Wachstum bewirkt - einen Prozess der Selbstwerdung. Eine umfangreichere, reifere Persönlichkeit wird sichtbar und auch für andere fühlbar. Da nun dieser seelische Wachstumsprozess nicht absichtlich «gemacht» werden kann, sondern etwas Naturgegebenes ist, wird er vom Unbewussten oft durch das Bild des Baumes symbolisiert, dessen langsames Wachstum einem individuellen Muster folgt. Das seelische Zentrum, von dem aus dieses Wachstum organisiert wird, scheint eine Art von «Kernatom» der Seele zu sein. Man könnte es auch den Erfinder und Anordner unserer Träume nennen. Jung hat dieses Zentrum als das Selbst bezeichnet. Es stellt die Ganzheit unserer Psyche dar, im Gegensatz zum Ich, das nur einen kleinen Teil unserej seelischen Lebensbereiches ausmacht. Seit Urzeiten hatte die Menschheit eine Ahnung von der Existenz dieses Seelenkernes: die Griechen nannten ihn den inneren Daimon, die Ägypter die stern- oder vogelgestaltige Ba-Seele; die Römer verehrten ihn als den «Genius» des einzelnen Menschen. Viele primitive Völker dachten sich ihn als einen Schutzgeist in Tiergestalt oder als einen in einem Fetisch wohnenden Helfer. Besonders unverfälscht findet sich dieses Symbol in der Vorstellungswelt gewisser Eingeborener der Labradorhalbinsel, bei den sogenannten Naskapi-Indianern. Diese Waldjäger leben so einsam in kleinen Familiengruppen, dass sie keine Stammesbräuche und religiöse Anschauungen oder Riten entwickeln konnten. Daher verlassen sich die Naskapi-Jäger nur auf ihre inneren unbewussten Eingebungen und Träume. Sie lehren, dass die Seele des Menschen nichts anderes sei als ein innerer Gefährte, den sie als «mein Freund» oder als «Mista'peo» = «Gros-

Die Psyche ist mit einer Kugel zu vergleichen, die auf ihrer Oberfläche ein helles Feld (A) hat, welches das Bewusstsein darstellt. Das Ego ist das Zentrum des Feldes (bewusst ist etwas nur dann, wenn «ich» es weiss). Das Selbst ist der Kern und gleichzeitig die ganze Kugel (B); seine Regulationsvorgänge erzeugen die Träume.

ser Mann» bezeichnen. Er wohnt im Herzen des einzelnen und ist unsterblich. Diejenigen Naskapi, welche auf ihre Träume eingehen und ihren verborgenen Sinn zu deuten versuchen und dessen Wahrheit ausprobieren, können in eine tiefere Verbindung mit dem «Grossen Mann» treten. Er begünstigt solche Leute und schickt ihnen mehr und bessere Träume. Neben dieser Hauptverpflichtung des Individuums, den Anweisungen seiner Träume zu folgen, besteht eine weitere Pflicht: die Träume auch durch Kunstdarstellung zu verewigen. Lüge und Betrug verscheuchen den «Grossen Mann» im Innern, während Grosszügigkeit, Nächstenliebe und Tierliebe ihn anziehen. Die Träume geben somit den Naskapi eine vollständige Orientierung, auch in Beziehung zur äusseren Natur, das heisst zu Jagdmöglichkeiten, Wetter und anderen Umständen, von denen sie abhängen. Ich erwähne diese ursprünglichen, einfachen Menschen hier deshalb, weil sie unbeeinflusst von unserer Zivilisation sind und dadurch noch eine eigene unverdorbene, natürliche Kenntnis von dem Seelenkern zu besitzen scheinen, den Jung als das Selbst bezeichnet hat. -Man kann das Selbst als ein inneres, wegleiten-

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des Zentrum definieren, das nicht mit dem Bewusstsein in eins fällt und nur durch die Träume, erforscht werden kann, welche anzeigen, dass es eine dauernde Ausweitung und Reifung der Persönlichkeit anstrebt. Zunächst ist aber dieses grössere Zentrum in uns nur eine angeborene Möglichkeit; es kann sich im Laufe des Lebens mehr oder weniger verwirklichen, je nachdem, ob das Ich bereit ist oder nicht, seinen Winken Gehör zu schenken. Auch die Naskapi haben schon gemerkt, dass, wer die Winke des «Grossen Mannes» beachtet, zahlreichere und bessere Träume erhält, und wir könnten sagen: In einem solchen Menschen ist der «Grosse Mann» deutlicher verwirklicht als in Menschen, die ihn vernachlässigen. Es scheint demnach, als ob das Ich von der Natur nicht dazu geschaffen wurde, unbeschränkt seiner eigenen Willkür zu folgen, sondern um der inneren Ganzheit zu ihrer Verwirklichung zu verhelfen, indem es ihr sein Bewusstseinslicht leiht. Wenn ich zum Beispiel ein künstlerisches Talent besitze, von dem ich nichts weiss, so ist es sogut wie nicht vorhanden; nur wenn mein Ich es wahrnimmt, kann es verwirklicht werden. Darum ist die angeborene Möglichkeit der Individuation nicht dasselbe wie die bewusst erfasste und gelebte seelische Ganzwerdung. Man könnte es sich etwa so vorstellen: In jeder Bergföhre ist das Bild eben der Bergföhre mit all ihren Möglichkeiten gleichsam schon im Samen angelegt, aber jeder wirkliche Föhrensamen fällt zu bestimmter Zeit an einen bestimmten Ort, und da sind viele spezielle Umständevorhanden, wie Erdbeschaffenheit, Steine, Neigung und Windlage des Hanges und Zeit der Sonnenbestrahlung. Das ganzheitliche Wesen der Föhre reagiert auf diese Umstände zum Beispiel durch krummes Wachstum, Ausweichen vom Stein, Hinneigen zur Sonne, und so kommt dann jene einmalige, nicht wiederholbare einzelne Föhre allmählich zustande, welche die einzig wirkliche ist, denn die «Föhre an sich» ist ja nur eine Möglichkeit oder eine Idee. Dieses Wachstum des Einzelnen, Einmaligen ist das, was Jung beim Menschen als den Individuationsprozess bezeichnet, wobei man allerdings an zwei Aspekte denken muss. Zunächst ist es ein

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unbewusst verlaufender Wachstumsprozess, der im Menschen wie in jedem anderen Lebewesen stattfindet und durch den der Mensch sein Menschsein lebt; aber im eigentlicheren Sinn wird dieser Prozess erst eine Wirklichkeit, wenn der Mensch sich dessen bewusst wird. Wir wissen nicht, ob die Föhre weiss, leidet, sich freut usw., wenn ihr ihre verschiedenen formenden Schicksale zustossen, aber der Mensch kann dieses Geschehen bewusst mitmachen und erlebt dabei gefiihlsmässig sogar, dass er in Einzelheiten durch freie Willensentscheidungen mitwirken kann. Das ist der Individuationsprozess im eigentlicheren Sinne. Auch kommt - zum mindesten beim Menschen - etwas hinzu, was im Föhrengleichnis nicht enthalten ist: der Individuationsprozess ist mehr als nur das Zusammenwirken des Ganzheitskeimes und der Schicksalsumstände; erlebnismässig ist es so, als ob beim einzelnen etwas Göttliches, Schöpferisches eingreifen und mitwirken würde, und zwar in persönlich-individueller Art. Man hat das Gefühl, als ob etwas einen anschaue, etwas, das ich nicht sehe - vielleicht jener «Grosse Mann» im Herzen, der mir durch die Träume seine Absichten mitteilt. Allerdings kann sich dieser schöpferische Aspekt nur entfalten, wenn das Ich sich von jedem Nützlichkeits- und Zweckdenken befreit, um diesem eigentlicheren und vertierteren Sein näherzukommen; es muss sich zwecklos diesem inneren Wachstumsdrang hingeben. Eigentlich strebt die existentialistische Philosophie einen solchen Zustand an, bleibt aber beim blossen Negieren der Bewusstseinsillusionen stehen. Die Existentialisten gehen tapfer bis vor die Türe des Unbewussten und machen sie dann nicht auf! Menschen, welche in weniger entwurzelten Verhältnissen als wir leben, verstehen oft besser als wir, dass sie alles bewusste Zweckdenken aufgeben müssen, um dem innern Wachstumsprozess der Seele Raum zu geben. Ich traf einmal eine ältere Frau, welche klagte, dass sie in ihrem «äusseren» Leben nicht viel erreicht hatte; sie hatte aber eine schwierige Ehesituation gemeistert und war an ihr zu einem reifen Menschen geworden. Ich erzählte ihr die folgende Geschichte des chinesischen Weisen


Tschuang-Tze, und sie fühlte sich von ihr sehr getröstet. Ein wandernder Zimmermann namens «Stein» sah auf seiner Wanderung einen riesigen alten Eichbaum, der beim Erdaltar im Felde stand. Der Zimmermann sagte zu dem ihn bewundernden Gesellen: «Das ist ein unnützer Baum; wolltest du ein Schiff daraus machen, es würde bald verfaulen; wolltest du Geräte daraus machen, sie würden bald zerbrechen... Aus dem Baum lässt sich nichts machen, man kann ihn zu nichts gebrauchen, darum hat er es auf ein so hohes Alter bringen können.» Als aber der Zimmermann an diesem selben Abend einkehrte und übernachtete, erschien ihm der Eichbaum im Traum und sprach: «Willst du mich vergleichen mit euren Kulturbäumcn, wie Weissdorn, Birnen, Orangen. Apfelsinen und was sonst noch Obst und Beeren trägt? Sie bringen kaum ihre Früchte zur Reife, so misshandelt und schändet man sie. Die Äste werden abgebrochen, die Zweige werden geschlitzt. So bringen sie durch ihre eigenen Gaben ihr eigenes Leben in Gefahr und vollenden nicht ihrer Jahre Zahl... So geht es überall zu. Darum habe ich mir schon lange Mühe gegeben, ganz nutzlos zu werden. Sterblicher!... Nimm an, ich wäre zu irgend etwas nütze; hätte ich dann wohl diese Grösse erreicht? Und ausserdem du und ich, Wir sind gleichermassen Geschöpfe. Wie

Ein Erdaltar unter einem Baum (auf einem indischen Gemälde aus dem 19. Jahrhundert). Derartige runde oder viereckige Strukturen symbolisieren gewöhnlich das Selbst, dem das Ego sich unterordnen muss, um den Individuationsprozess zu vollziehen.

soll ein Geschöpf dazu kommen, das andere von oben her beurteilen zu wollen? Du, ein sterblicher und unnützer Mensch, was weisst du von den unnützen Bäumen!» Der Zimmermann erwachte und überlegte dann den Traum, und als sein Geselle ihn fragte, wieso gerade dieser Baum dazukam, dem Erdaltar zu dienen, antwortete er ihm: «Halt den Mund, kein Wort mehr darüber; er wuchs absichtlich da, weil sonst die. die ihn nicht kannten, ihn misshandelt hätten. Wäre er nicht Baum am Erdaltar, so wäre er wohl in Gefahr gekommen, abgehauen zu werden.»

Der Zimmermann hat offenbar seinen Traum verstanden, nämlich dass der Baum, der nur seine gottgewollte Bestimmung verwirklichte, der grösste ist und vor ihm das menschliche Zweckdenken zu verstummen hat. In psychologische Sprache übersetzt symbolisiert er den Individuationsprozess, der dem kurzsichtigen Ich seine Lehre erteilt. Untei dem Baum, der nur sich selber ist, steht in Tschuang-Tzes Erzählung ein Erdaltar. Das war ein roher Stein, auf dem man dem Gott, der jenes Stück Erde besitzt und schützt, zu opfern pflegte. In diesem Symbol des Erdaltars ist angedeutet, dass es für die Realisation des Individuationsprozesses eine Hingabe an die überpersönlichen Mächte des Unbewussten braucht; das heisst, dass man nicht denken darf: «Was man sollte» oder «Was im allgemeinen richtig wäre» oder «Was einzutreffen pflegt», sondern nur hinhorchen sollte, was die innere Ganzheit, das Selbst, jetzt hier in dieser Lage von mir oder durch mich erwirken will. Um beim Bild des Baumes zu bleiben, als ob er, wenn er bei seinem Wachstum an einen Stein stiesse, nicht Ärger empfände oder Pläne entwürfe, um das Hindernis zu überwinden, sondern nur erfühlen würde, ob es nun mit ihm mehr nach links oder rechts gehen soll, und als ob er dann diesem leisesten und doch stärksten Wink nachgäbe - eben jenem Drang zu schöpferischer Einmaligkeit, wobei man herausfinden muss, was noch nie gewusst wurde. Die wegleitenden Impulse stammen nicht aus dem Ich, sondern aus der seelischen Ganzheit, dem Selbst. In dieser Hinsicht hilft es nicht, irgendwelche andere Leute nachzuahmen, denn jeder hat seinen einzigartigen Auftrag zu erfüllen; wenn auch alle menschlichen Probleme sich immer ähnlich bleiben, so sind sie doch nie

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gleich. Alle Föhren gleichen einander, sonst könnten wir sie ja als solche nicht erkennen, und doch ist keine genau wie die andere beschaffen. Infolge dieser individuellen Unterschiede ist es schwer, die unendlich vielen Möglichkeiten der Individuation zu beschreiben. Den Auffassungen Jungs ist deshalb oft sogar der Vorwurf gemacht worden, dass sie nicht klar seien. Aber es handelt sich hier eben oft nur um gefühlsmässig fassbare, lebendige Erfahrungen, die sich nicht theoretisch abstrahieren lassen. Hier stösst die Psychologie des Unbewussten an dieselben Grenzen an wie die moderne Atomphysik: soweit wir es mit statistisch fassbaren Durchschnittstatsachen zu tun haben, können wir sie exakt beschreiben, aber das einzelne Ereignis können wir nicht exakt fassen, sondern nur so ehrlich wie möglich beschreiben. Wie die Physiker nicht sagen können, was das Licht «an sich» ist, sondern es nur, von zwei Experimenten ausgehend, als Teilchen oder Welle beschreiben können, so begegnet auch die Psychologie ähnlichen Schwierigkeiten; wir können nicht sagen, was das Unbewusste und der Individuationsprozess an sich sind, aber wir können einige ihrer relativ typischen Manifestationen zu beschreiben versuchen.


Die erste Begegnung mit dem Unbewussten

Die Jugendzeit des Menschen ist meistens charakterisiert durch ein allmähliches Erwachen zur Welt und zum eigenen Wesen hin - in einem Zustand grosser emotionaler Intensität. Die meisten Kindheitsträume und auch oft die ersten eindrücklichen Erinnerungen veranschaulichen in symbolischer Form schon wesentlichste Schicksalsanlagen - manchmal sind es aber auch Erinnerungen an reale Ereignisse, welche, symbolisch betrachtet, wie eine Prophezeiung wirken. So träumte zum Beispiel eine jüngere Frau, die sich in pathologischen Angstzuständen mit zirka sechsundzwanzig Jahren das Leben nahm, schon als ganz kleines Kind, sie liege in ihrem Bettchen. Da trete «Jack Frost» (= König Winter) in das Zimmer und kneife sie in den Bauch. Als sie erwacht, merkt sie, dass sie sich

selber gekniffen hat. Die seltsame Reaktionslosigkeit, mit welcher dieses Kind dem Dämon der Kälte und des erstarrten Lebens begegnet, verheisst nichts Gutes, und am Ende hat sie ja selber «mit kalter Hand» ihr Leben beendet - so dass in diesem Kindheitstraum schon ihr ganzes tragisches Schicksal vorweggenommen ist. Manchmal ist es nicht nur Traum, sondern die unauslöschliche Erinnerung an ein wirkliches Erlebnis, welche in symbolischer Form bereits gewisse Schicksalskomponenten verdeutlicht. Man kann sie wie einen Traum ansehen, obwohl sie wirklich im Aussen geschahen, denn sie blieben nur um ihrer symbolischen Bedeutung willen im Gedächtnis haften. Mit dem Beginn der Schulzeit folgt bei den meisten eine Phase von zunehmender Ichbildung und Weltanpassung - eine Zeit, die selten ohne einige schmerzliche Schockerlebnisse abläuft. Bei vielen verbindet sich damit auch gleichzeitig ein zunehmendes Gefühl von Anderssein und von Einzigartigsein, das oft zur Einsamkeit junger Menschen gehört. Das Unvollkommene und Böse in der Welt und im eigenen Innern wird bewusst, und die drängenden inneren Entfaltungsmöglichkeiten, die noch nicht verwirklicht sind, liegen wie eine Last auf den Schultern vieler

Bei seiner Anpassung an die Aussenwelt erlebt ein Kind psychische Schocks. Ganz links: Der furchterregende erste Schul tag. Zentrum: Überraschung und Schrecken, ausgelöst durch den Angriff eines anderen Kindes. Links: Verwirrung und Kummer bei der ersten Begegnung mit dem Tod. Als Schutz vor solchen Schocks träumt das Kind von einem kreisförmigen, viereckigen Motiv (oben) - oder es malt ein solches -, welches das entscheidend wichtige Zentrum der Psyche symbolisiert.


junger Menschen, die sich gegen diese und gegen die Umwelt durchsetzen müssen. Wenn der natürliche Aufbau des Bewusstseins in dieser Zeit gestört wird, zieht sich das Kind oft in einen «inneren Bannbezirk» zurück, der in seinen Träumen und symbolischen Zeichnungen besonders häufig jenes Kreis-, Viereck- und Kernmotiv aufweist, von dem später noch die Rede sein wird. Solche Bilder beziehen sich auf das erwähnte Lebenszentrum der Seele, das den ganzen Aufbau der Persönlichkeit organisiert. Darum liegt es nahe, dass dieses Bild besonders in Phasen vitaler Bedrohung erscheint. Von diesem Zentrum geht auch, soweit wir heute erkennen können, der Antrieb zum Aufbau des bewussten Ich im Menschen aus, welches dieselbe Struktur wie das ursprüngliche Zentrum, das heisst das Selbst, aufweist. Schon in dieser frühen Lebensphase geht es vielen so, dass sie intensiv nach einem «Sinn ihres Lebens» suchen, der allein das Chaos im eigenen Innern wie im Aussen tragbar machen könnte. Andere hingegen werden in dieser Zeit noch von ihren instinktiven «patterns» (Verhaltensmustern) und deren Dynamik getragen und fragen deshalb nicht bewusst nach dem Sinn ihres Lebens, weil sie dessen Einzelphasen, wie Liebe,

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Naturerleben, Sport, Arbeit, selber als unmittelbar sinnbefriedigend erleben. Sie sind nicht notwendigerweise oberflächlicher als die ersteren, sondern werden nur ohne Reibungen vom Lebensstrom getragen - wie in einem geschlossenen Eisenbahnwagen, in dem man erst wenn er anhält oder plötzlich anfährt, merkt, dass er sich überhaupt bewegt. Der eigentliche Individuationsprozess - die bewusste Auseinandersetzung mit dem grösseren inneren Menschen oder dem eigenen Seelenzentrum - beginnt meistens mit einer Verwundung oder einem Leidenszustand, der eine Art von Berufung darstellt, aber oft nicht als solche erkannt wird. Das Ich fühlt sich vielmehr in seinem Willen oder Begehren behindert, oder man projiziert das Hindernde nach aussen und macht Gott, die Weltlage, den Chef, den Ehepartner und andere für alles verantwortlich, was einem nicht passt. Oder es scheint auch aussen alles soweit in Ordnung zu sein, aber man wird von tödlicher Langeweile geplagt: alles hat keinen rechten Sinn mehr. Diesen Anfangszustand schildern viele Mythen und Märchen in der Form, dass der regierende König alt und krank ist, das Königspaar keine Kinder bekommt, dass ein Ungetüm alle Frauen, Kinder, Pferde oder


Schätze des Reiches stiehlt, dass der Teufel des Königs Heer oder Schiff festbannt oder Finsternis über die Erde ausbreitet, die Quellen versiegen, Fluten, Dürre oder Kälte das Land heimsuchen. Es ist, wie wenn das Herannahen des «grossen inneren Menschen» einen Schatten vorauswürfe oder als ob er wie ein Jäger käme und sich das hilflos zappelnde Ich in seinem Netz gefangen fühlte. Immer ist es dann in den Mythen etwas ganz Bestimmtes, was für die Heilung der Not gebraucht wird. Der kranke König braucht zu seiner Genesung eine «weisse Amsel» oder einen Fisch, «der einen goldenen Ring am Maul trägt», oder er verlangt nach Lebenswasser. nach drei goldenen Haaren, die auf dem Kopf des Teufels wachsen, nach einem goldenen Frauenzopf, der auf einem Baum hängt, und nachher natürlich auch nach dessen Besitzerin. Es ist also immer etwas ganz Spezielles und Schwerauffindbares, was die Not wenden könnte, und so ist es auch in der beschriebenen Lebenskrise des einzelnen: man sucht etwas, das man nicht erlangen kann oder von dem man sogar nicht einmal weiss, was es ist. In solchen Momenten versagen alle guten Ratschläge des sogenannten gesunden Menschenverstandes: Vernünftigsein, Ferien machen, mehr oder weniger mensch-

Ganz links: Ein Holzschnitt aus einem alchemistischen Manuskript des 17. Jahrhunderts zeigt einen kranken König-ein gebräuchliches symbolisches Bildfür die Leere und Langeweile (im Bewusstsein), wodurch die Initialstufe des Individuationsprozesses oft gekennzeichnet ist. Links: Ein anderes Bild für diesen psychischen Zustand (aus dem italienischen Film «La Dolce Vita», 1960): Gäste durchforschen das verfallene Innere des Schlosses eines dekadenten Aristokraten.

Rechts: Ein Bild des Schweizer Malers Paul Klee, das «Märchen» betitelt ist. Es illustriert die Geschichte eines jungen Mannes, der den «blauen Glücksvogel» suchte und fand und deshalb eine Prinzessin heiraten durfte. In vielen Märchen wird ein solcher Talisman benötigt, um Krankheiten zu heilen oder ein Unglück abzuwenden.

lichen Kontakt pflegen, mehr oder weniger arbeiten, ein Hobby suchen - das alles nützt kaum je einmal; nur eines scheint im allgemeinen fast immer wieder hilfreich: dass man sich dem her-, annahenden Dunkel zukehrt und dessen verborgene Zielrichtung vorurteilslos und möglichst naiv zu erforschen versucht. Diese Zielgerichtetheit im Dunkeln ist meistens so seltsam und immer wieder so einmalig, dass sich eigentlich nur mit Hilfe der Träume und unbewussten Phantasien herausfinden lässt, wohin der schöpferische Lebensstrom nun gerade fliessen möchte. Wenn man sich in dieser Art vorurteilslos dem Unbewussten zukehrt, quillt es oft in einer Fülle von hilfreichen Bildern und Symbolen empor, manchmal aber bietet es einem zunächst auch eine ganze Reihe von bitteren Medizinen an, die geschluckt werden müssen, nämlich schmerzliche Einsichten in das, was man bei sich nicht wahrhaben will - lieber nur bei den anderen: Dinge wie Egoismus, Denkfaulheit, Phantasterei, Unexaktheit, Feigheit, Geldgier und alle jene kleinen Sünden, von denen man im Moment denkt: «Ach, das macht nichts, es merkt es ja niemand» oder: «Die andern tun es ja auch.»


Die Einsicht in den Schatten

Falls man eine fast unüberwindliche Gereiztheit in sich aufsteigen fühlt, wenn ein anderer einem gewisse Fehler vorwirft, dann kann man mit Wahrscheinlichkeit annehmen, dass gerade dort «der Hase im Pfeffer» liegt. Wenn andere Leute einem den Schatten vorhalten, wird man begreiflicherweise trotzig, «denn die andern sind ja auch nicht besser»; aber wenn einem die eigenen Träume, also ein eigener innerer Richter, etwas vorwerfen - was kann man dann schon sagen? Dann ist das Ich im Netz des Jägers gefangen; das Ergebnis ist meistens ein begossenes Stillwerden, und nachher fängt jene mühsame Selbsterziehungsarbeit an, welche die Herkules-Sage so gut beschreibt: Bekanntlich musste Herkules den Augiasstall, in welchem Hunderte von Kühen über Jahrzehnte ihren Dung hinterlassen hatten, an einem Tage ausmisten. Eine lähmende Faulheit befällt den gewöhnlichen Menschen jedesmal, wenn er auch nur hinschaut!

Der Schatten besteht aber nicht nur aus Nichtgetanem, er erscheint ebensooft in dem, was sehr schnell draufloshandelt. Bevor man sich besinnen konnte, ist das böse Wort schon heraus, die Intrige, der falsche Entschluss schon verwirklicht. Besonders ist der Schatten auch allen kollektiven Ansteckungen ausgesetzt. Allein fühlt man sich soweit in Ordnung, doch wenn «die anderen» das Dunkle, Primitive tun, dann bekommt man Angst, man käme zu kurz und sei der Dumme, wenn man nicht mitmacht, und so verfällt man plötzlichen Impulsen, die eigentlich gar nicht wirklich zu einem gehören. Es ist hauptsächlich im Verkehr mit Menschen des gleichen Geschlechts, dass man über den eigenen Schatten und den der andern stolpert, während man ihn beim andern Geschlecht zwar auch sieht, aber meistens eine gewisse Nachsicht empfindet. In Träumen und Mythen erscheint der Schatten darum als gleichgeschlechtliche Gestalt. Als Beispiel möge der folgende Traum dienen. Er wurde von einem achtundvierzigjährigen Mann geträumt, der sehr zurückgezogen für sich zu leben versuchte und allzu ernst und diszipliniert seiner Arbeit nachging, hingegen Lebensfreude und Spontaneität im Verhältnis zu seiner Anlage zu stark unterdrückte: Ich besass und bewohnte ein sehr grosses Haus in der Stadt, so gross, dass ich es noch gar nicht in allen seinen Teilen

Drei Beispiele für eine «kollektive Infektion», die Menschen in einen unberechenbaren Pöbel verwandeln kann und der gegenüber der Schalten (die dunkle Seite der Ego-Persönlichkeit) verwundbar ist. Links: Szene aus einem polnischen Film (1961), der von französischen Nonnen des 17. Jahrhunderts handelt, die « vom Teufel besessen» sind. Rechts: Eine Zeichnung von Brueghel schildert den (weitgehend psychosomatisch bedingten) «Veitstanz», der im Mittelalter verbreitet war. Ganz rechts: Das Feuerkreuz-Emblem des Ku-KluxKlans, des nationalistischen weissen Geheimbundes in den amerikanischen Südstauten, dessen rassische Intoleranz oft zu Gewaltakten geführt hat.


kannte. Deshalb durchwanderte ich es und entdeckte, besonders im Keller, manche Kammer, von der ich gar nichts gewusst, und Ausgänge, die in fremde Keller führten (oder auch unterirdische Strassen?). Zu meinem Unbehagen fand ich verschiedene solcher Ausgänge unverschlossen, andere besässen nicht einmal ein Schloss. Dabei waren Arbeiter in der Nachbarschaft am Werk, von denen sich einer völlig unbemerkt hätte einschleichen können... Nachdem ich wieder zum Erdgeschoss hinaufgestiegen war, durchquerte ich einen Hof, wo ich wieder Ausgänge ins Freie und in andere Häuser entdeckte. Eben wollte ich sie näher besichtigen, als ein Mann laut lachend durch den Hof auf mich zuschritt und rief, dass wir ja alte Bekannte seien (von der Primarschule her?). Nun fiel es mir auch wieder ein. Während er mir von seinem Leben erzählte, begleitete ich ihn hinaus und bummelte mit ihm durch die Strassen. Es herrschte ein seltsames Helldunkel-, als wir durch eine riesige Ringstrasse schritten; wie wir eben auf einer Grünfläche angelangt waren, galoppierten drei Pferde an uns vorbei; wunderschöne, kraftvolle wilde Tiere, die jedoch sehr gepflegt aussahen. Kein Reiter oder Führer war dabei. (Waren sie durchgebrannt? Vom Militär?)

Das Gewirr unbekannter Gänge und unverschlossener Kammern im Keller erinnert an die Unterweltsdarstellungen der alten Ägypter - ein Bild des Unbewussten und seine unbekannten Möglichkeiten. Es zeigt auch, wie man im Schattenbereich «offen» ist für fremde Einflüsse, welche heimlich eindringen können. Im Hinterhof einem noch unbekannten Seelenraum des Träumers - taucht der alte Schulfreund auf: offenbar eine Seite des Träumers selbst, die er als

Kind noch kannte und seither vergass. Oft können Eigenschaften, welche jemand als Kind noch hatte (wie Lebensfreunde, Jähzorn oder auch Naivität), im Laufe der Entwicklung verschwinden, und es ist wohl eine solche verlorene Seite des Träumers, die hier wieder auftaucht und sich anschliessen möchte - vermutlich in diesem Fall seine extravertierte Lebensfreude. Man entdeckt auch bald, warum er vor einer so harmlosen Figur Angst empfindet: wenn er mit jenem Schulfreund bummelt, «gehen die Pferde durch» - vielleicht vom Militär? - das heisst von der Bewusstseinsdisziplin. Da die Pferde keinen Reiter haben, zeigt sich, dass diese Instinkte vom Ich nicht beherrscht sind. Und doch bedeutet dieser alte Freund, der die Gefahr bringt, gerade das im Bewusstsein fehlende Leben. Ein solches Problem stellt sich häufig bei der Begegnung mit der «anderen Seite» : der Schatten enthält oft Werte, welche dem Bewusstsein fehlen, aber in einer Form, in der sie sich nicht ohne weiteres in den bewussten Lebensbe.reich einbauen lassen. Die vielen Gänge und das grosse Haus im Traum zeigen auch, dass der Träumer seinen eigenen Persönlichkeitsumfang noch nicht kennt. Der Schatten in diesem Traumbeispiel ist typisch für einen Introvertierten, das heisst einen Menschen, welcher sich von dem äusseren Leben zuviel zurückzuziehen neigt; bei einem mehr der Aussenwelt zugekehrten, extra-


vertierten Menschen sähe der Schatten ganz anders aus. Ein jüngerer Mann, der sich infolge seines lebhaften Temperamentes immer wieder zuviel in äussere Beschäftigungen und Berufserfolgsarbeit hinreissen liess, obwohl seine Träume auf der Vollendung einer schöpferischen Privatarbeit beharrten, hatte zum Beispiel folgenden Traum: Ein Mann liegt auf einer Couch und hat die Decke über sich gezogen: er ist Franzose, ein Desperado, der sich zu allem hergibt. Ich werde aus einem Büro von einem Beamten die Treppe hinabgeleitet. Ein Komplott war gegen mich geschmiedet worden. Der Franzose soll mich - wie zufällig umbringen. Tatsächlich nähert er sich hinter uns dem Ausgang. Ich passe auf. Ein grosser stattlicher Mann (eher vornehm, reich, einflussreich) sinkt dicht neben mir gegen die rechte Wand. Es ist ihm schlecht geworden. Ich benutze die Gelegenheit, um den Beamten blitzschnell durch einen Stich ins Herz umzubringen. Man spürt nur eine kleine Feuchte, heisst es wie in einem Kommentar. Jetzt bin ich frei. Denn der Franzose macht natürlich nichts mehr, da sein Auftraggeber beseitigt ist. (Wahrscheinlich sind der Beamte und der grosse Mann eine Figur, das heisst der letztere tritt an die Stelle des ersteren.)

Der Desperado stellt die «andere Seite» des Träumers, den Introvertierten in ihm, dar, der «nichts mehr zu verlieren hat». Dass er auf einer Couch unter einer Decke liegt, zeigt, dass er Passivität, Einsamkeit und Introversion sucht. Der Beamte und der mit ihm geheim identische «erfolgreiche Mann» symbolisieren jene erwähnten äusseren Erfolgstätigkeiten und äusseren «Pflichten». Der Zusammenbruch des Erfolgreichen spielt auf die Tatsache an, dass der Träumer schon öfters krank geworden war, wenn er allzu dynamisch nach aussen lebte. Dieser Erfolgreiche hat nämlich offenbar kein Blut, nur etwas Wasser in den Adern, was anzeigt, dass die äusserlichen Erfolgsunternehmungen kein echtes Leben mehr enthalten. Darum wäre es nicht schade um ihn, wenn man ihn absticht. Der Desperado ist am Schluss zufrieden, er ist nämlich eigentlich ein positiver Schatten, der nur negativ wurde, weil ihn die falsche Bewusstseinshaltung des Träumers reizte. Der Traum zeigt, dass der Schatten aus verschie-


Links: «Angstvolle Reise», von Jen: italienischen Muler de Chirico. Die düsteren Gänge schildern den ersten Kontakt mit dem Unbewussten, das oft durch Labyrinthe symbolisiert wird. Rechts: Auf einem Papyrus (ca. 1400 v. Chr.) die Tore der ¿¡zyprischen Unterwelt. Unten: Zeichnungen von Irrgärten; von links nach rechts: finnischer Steinirrgarten ( Bronzezeit); englischer Torf-Irrgarten (19. Jahrhundert) und ein Irrgarten auf dem Boden der Kathedrale von Chartres.

densten Eigenschaften bestehen k a n n - z u m Beispiel unbewusstem Ehrgeiz (der blutlose Erfolgreiche) oder aus Introversion (der Franzose). Der Träumer assoziierte im besonderen zu den Franzosen, dass sie sich auf Liebessachen verstehen; deshalb stellen die zwei Figuren im Traum auch zwei wohlbekannte Instinkte dar: Machttrieb und Sexualität. Der Machttrieb erscheint hier verdoppelt als eine offizielle Figur und als Erfolgreicher. Der Offizielle, das heisst der Beamte, verkörpert mehr die kollektive Anpassung, während der Erfolgreiche mehr den Ehrgeiz darstellt; beide aber dienen der Macht. Sobald der Träumer diese gefährlichen inneren Eigenschaften beseitigt, wird der Franzose wohlwollend, das heisst der gefährliche Aspekt des sexuellen Impulses ordnet sich ebenfalls ein. Es ist klar, dass das Schattenproblem in politischen Parteiungen eine grosse Rolle spielt. Wenn der Träumer des letzterwähnten Traumes nicht psychologisch einsichtig gewesen wäre, hätte er leicht den Desperado.in sich selbst mit den «bösen Kommunisten» identifizieren können oder

den Beamten beziehungsweise den erfolgreichen Mann mit den «bösen Kapitalisten». Dann brauchte er nicht mehr den Fehler bei sich selber zu suchen! Wenn man eigene unbewusste Tendenzen den andern «ansieht», nennt man das eine Projektion. Die politische Hetzpropaganda aller Länder wie das Hintertreppengeschwätz der einzelnen wimmelt von solchen Projektionen, welche die objektive Sicht auf den andern Menschen verdunkeln und die Möglichkeit echter menschlicher Beziehung verhindern. Ob der Schatten zum Freund oder Feind wird, hängt von uns selber ab. Wie nämlich die Träume vom unbekannten Keller und vom Franzosen zeigen, ist der Schatten nicht immer ein innerer Feind. Er ist vielmehr, genau wie jeder äussere Mitmensch, ein Wesen, mit dem durch Zugeständnisse, Abwehr oder Liebe - je nachdem man auskommen muss. Er wird nur feindlich, wenn man ihn ganz verständnislos behandelt oder links liegenlässt. Manchmal, wenn auch nicht oft, fühlt sich ein Mensch gedrängt, seine schlimmste Seite bewusst

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zu leben und sein besseres Ich zu verdrängen. Dann erscheint der Schatten in Träumen als positive Figur. Das kann man an den Träumen von Verbrechern beobachten, welche ungewöhnlich häufig von «lichten» Wohltätern der Menschheit und sogar Heilandfiguren träumen. In solchen Fällen ist gleichsam der positive Aspekt der Persönlichkeit verdrängt. Diese Tatsache findet man aber auch in Einzelheiten bei gewöhnlichen Menschen wieder; sie verdrängen irgendeine an sich positive Charaktereigenschaft deshalb, weil sie ihnen nicht in das Bild, das sie von sich selbst haben, passt oder weil diese Eigenschaft sich schwer mit anderen Neigungen vereinigen lässt. Der Mensch kommt ja als eine unglaubliche Mischung von Erbfaktoren zur Welt, und darunter finden sich oft sehr schwer zu versöhnende gegensätzliche Anlagen. Bei einem Menschen, der seine natürlichen Affekte und Emotionen zu stark auslebt, kann der Schatten auch als kalter Intellektueller erscheinen; er verkörpert dann giftige Urteile und böse Gedanken, die zurückgedrängt wurden mit einem Wort: der Schatten stellt immer die «andere Seite» des Ich dar und verkörpert meistens gerade diejenigen Eigenschaften, die man an anderen Leuten am meisten hasst. Es wäre verhältnismässig einfach, wenn der Schatten durch ehrliche Bemühung zur Einsicht bewusst gemacht und in das bisherige Leben eingebaut werden könnte - oft aber «nützt» der Versuch zur Einsicht nichts, das heisst, es ist eine so starke Leidenschaft und Getriebenheit mit dem Schatten verbunden, dass die Vernunft nicht damit fertig wird. Bisweilen hilft dann nur eine bittere Erfahrung von aussen, das heisst, es muss einem zuerst ein Ziegelstein auf den Kopf fallen, bis man eine Schattengetriebenheit «abstellt», oder es braucht einen heroischen Entschluss, der einem durch den «grösseren Menschen» ermöglicht wird. Nicht immer darf man die intensive Getriebenheit im Schatten so auffassen, dass sie heroisch geopfert werden sollte. Denn manchmal ist der Schatten nur deshalb übermächtig, weil hinter ihm in gleicher Richtung der «Grosse Mann» im Innern, das Selbst, drängt. Man weiss dann nicht, ob das Selbst oder der Schatten den inneren

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«Seit mehr als fünf Jahren jagt dieser Mann wie ein Verrückter in Europa umher, auf der Suche nach etwas, das er in Brand setzen könnte. Leider findet er immer wieder Mietlinge, die diesem internationalen Brandstifter die ./Tore ihres Landes öffnen.»

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Druck ausüben. Unglücklicherweise ist das Unbewusste wie eine Landschaft im Mondschein, alle Inhalte sind verwischt und gehen ineinander über, und man kann nie sicher wissen, wo etwas beginnt und wo es aufhört. Man nennt dies die Kontamination (Verwobenheit) der Inhalte des Unbewussten. Wenn Jung einen bestimmten Aspekt des unbewussten Persönlichkeitsanteils als Schatten bezeichnet hat, so bezieht sich das auf einen nur relativ klar umschriebenen Teil; denn oft ist alles, was das Ich nicht von sich weiss, damit vermischt, sogar höchst wertvolle Elemente. Wer zum Beispiel könnte von vornherein sagen, ob der Franzose im oben erwähnten Traum nichtsnutzig oder ein wertvolles Stück Introversion ist ? Und die durchgebrannten Pferde des vorhergehenden Traumes: soll man sie laufen lassen oder nicht? Wenn immer der Traum selber dies nicht klar sagt, wird das Ichbewusstsein die Entscheidung treffen müssen. Wenn der Schatten wertvolle Lebenselemente enthält, sollten sie ins Leben eingebaut und nicht bekämpft werden. Dann muss das Ich vielleicht ein Stück moralischen Hochmuts opfern und etwas ausleben, was ihm zwar dunkel erscheint, aber doch nicht ist. Dies kann ein ebenso heroisches Opfer bedeuten wie die Überwindung der Triebe. Die moralischen Probleme, welche durch die Begegnung mit dem Schatten entstehen können, sind sehr schön im 18. Kapitel des Korans beschrieben: In dieser Geschichte begegnet Moses in der Wüste Chidr, «dem Grünen», dem «ersten Engel Gottes», und sie wandern zusammen weiter; aber Chidr warnt Moses, er werde seine Taten nicht ohne Empörung mitansehen

Statt unsere Mängel anzunehmen, wie sie der Schatten enthüllt, projizieren wir sie auf andere - zum Beispiel auf unsere politischen Gegner. Oben links: Ein Plakat für eine Parade im kommunistischen China zeigt Amerika als eine böse Schlange (mit Nazi-Hakenkreuzen), die von einer chinesischen Hand getötet wird. Links: Hitler während einer Rede; das Zitat ist seine Beschreibung Churchills. Projektionen blühen auch in bösartigem Klatsch (rechts, aus der englischen Fernsehserie «Coronation Street»).

können, und wenn er es nicht könne, müsse ihn Chidr verlassen. Tatsächlich versenkt Chidr die Boote armer Fischersleute, erschlägt grundlos vor Moses' Augen einen hübschen Jüngling und bringt eine Stadtmauer «sinnlos» zum Einfallen. Moses empört sich moralisch immer wieder, und Chidr muss ihn verlassen, erklärt ihm aber im Weggehen, wie der wirkliche Sachverhalt war: die Boote der Fischer wurden durch sein Tun vor nahenden Räubern gerettet, weil sie die Fischer nach deren Abzug wieder heben können; der Jüngling war auf dem Weg, seine Eltern zu ermorden, und so wurde seine Seele gerettet; und durch den Einfall der Stadtmauer wurde der vergrabene Schatz zweier frommer junger Leute freigelegt. Nun sah Moses zu spät ein, dass sein moralisches Urteil übereilt gewesen war. Naiv besehen wirkt Chidr wie ein gesetzloser, böser, launischer Schatten des gesetzestreuen, frommen Moses, aber er ist es nicht, er verkörpert geheimnisvolle schöpferische Wege Gottes. Ein ähnliches Problem kann man auch in der berühmten indischen Erzählung «Vom König und dem Leichnam» finden, die Heinrich Zimmer gedeutet hat. Ein Bettelmönch bringt durch Gaben einen edlen König dazu, dass er sich verpflichtet fühlt, für ihn nachts eine Leiche von einem Hinrichtungsplatz zu holen. In der Leiche sitzt ein Teufel (Vetäla), der dem König verwirrende Geschichten erzählt und Fragen stellt und immer wieder die Leiche wegzaubert und an den Baum, wo sie hing, zurückbringt. Unermüdlich, aber vergeblich müht sich der König gegen den Teufel, bis ihm dieser ganz zum Schluss offenbart, dass der Bettelmönch ein arroganter, machthungriger Übeltäter ist, der ihn


Oben: Der wilde weisse Hengst aus dem französischen Film «Crin Blanc» (1953). Wilde Pferde symbolisieren häufig die unkontrollierbaren Triebe, die aus dem Unbewussten hervorbrechen. In dem Film bilden das Pferd und der Junge eine enge Gemeinschaft. Aber einige Reiter aus der Gegend machen sich auf, um die wilden Pferde einzufangen. Der Hengst und sein Reiter werden verfolgt und in die Enge getrieben. Um sich nicht fangen zu lassen, stürzen sich beide ins Meer und werden fortgetragen. Das Ende der Geschichte scheint symbolisch eine Flucht ins Unbewusste darzustellen.


ermorden will, und er, der Teufel, ihn rettete. Der Bettelmönch ist der typische Schatten eines frommen Menschen: nämlich der geheime Hochmut, der durch Guttun in einem entsteht, und der Teufel ist nur scheinbar ein Widersacher, der jedoch das Leben will und dem König sogar später den Weg zu einem echten Gotteserlebnis weiterweist. Es ist kein Zufall, dass ich zur Illustrierung dieses subtilen Problems nicht einen Traum erwähne: es handelt sich hier um Probleme, welche oft die Erfahrung eines ganzen Lebens zusammenfassen, was sich durch eine mythische Geschichte besser als durch einen einzelnen Traum verdeutlichen lässt. Wenn dunkle Figuren in unseren Träumen erscheinen und etwas von uns fordern, können wir nicht von vornherein sicher sein, ob sie einen schattenhaften Teil von uns oder das Selbst oder sogar beides verkörpern. Zu ahnen, ob dieser dunkle Andere einen Fehler, den man überwinden sollte, darstellt oder ein Stück Leben, das wir annehmen sollten, ist eines der schwierigsten Probleme, dem wir auf dem Weg zur Individuation begegnen. Es wirkt wie ein Gnadenakt Gottes, wenn es einem ein Traum klar sagt, oft aber sind auch die Traumsymbole so kompliziert, dass man sich in der Deutung verwickelt. In solcher Lage bleibt nichts anderes übrig als die Qual der moralischen Unsicherheit aushalten, möglichst keine definitiven Entschlüsse fassen und mit Hingabe die Träume weiter beobachten. Es ist dies gleichsam die Lage Aschenputtels, welches von der bösen Stiefmutter den

Haufen gute und schlechte Körner hingeworfen bekam und nun, obwohl es hoffnungslos scheint, sie geduldig zu verlesen beginnt, wobei ihr die Tauben und (in anderen Märchenfassungen) die Ameisen unerwartet zu Hilfe kommen. Letztere symbolisieren hilfreiche, einer liebenden Einstellung entspringende Einfälle und tief unbewusste, fast nur körperlich fühlbare Regungen, welche den richtigen Weg zeigen können. Irgendwo weiss man ja zuunterst in der Seele meistens schon, wohin es geht, aber sehr oft macht der Hanswurst, den wir Ich nennen, einen solchen Lärm, dass die innere Stimme nicht hörbar ist. Wenn man trotz aller Versuche, die inneren Hinweise zu erforschen, doch nicht weiter sieht, bleibt manchmal nichts anderes übrig, als in «Gottes Namen» den Mut zu einem verantwortlichen Entschluss aufzubringen - allerdings verbunden mit der inneren Bereitschaft, umzukehren, falls die Winke des Unbewussten nun doch noch in andere Richtung weisen sollten. Es mag allerdings auch - selten aber doch - vorkommen, dass es besser ist, dem Willen der unbewussten Psyche absolut zu widerstehen und die unheilvollen Folgen davon eher zu tragen, als vom Ethos der Menschlichkeit abzuweichen. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn jemand eine verbrecherische Anlage leben müsste, um sich ganz zu verwirklichen. Die Kraft und innere Sicherheit für das Ich, solches zu leisten, stammt dann meistens letztlich vom «grossen inneren Menschen», der sich aber nicht allzu deutlich zeigen

Der Schalten hat zwei Aspekte, einen gefährlichen und einen wertvollen. Das Bild des Hindugottes Vishnu stellt eine solche Dualität dar: Vishnu, ein wohlwollender Gott, erscheint hier in seinem dämonischen Aspekt. Links: Eine Buddha-Statue in einem japanischen Tempel (759 n. Chr.): Die zahlreichen Hände halten Symbole des Guten und des Bösen. Rechts: Der von Zweifeln geplagte Martin Luther (dargestellt von Albert Finney in dem Stück «Luther», 1961, des englischen Autors Osborne). Luther war nie sicher, ob sein Bruch mit der Kirche von Gott inspiriert war oder ob ihn sein eigener Starrsinn verursacht hatte.


will. Es sieht manchmal so aus, als ob das Selbst wolle, dass das Ich eine freie Wahl treffe - oder vielleicht hängt auch das Selbst für seine Verwirklichung vom menschlichen Bewusstsein und seinen Entscheidungen ab. Jung hat in seinen Werken aufzeigen können, dass in der menschlichen Psyche oft zwei «moralische» Mächte wirken: der kollektive Moralkodex (das Freudsche Über-Ich) einerseits und eine direkt sprechende individuelle «ethische» Stimme des Gewissens andererseits. Letztere stammt vom Selbst, dem «grossen inneren Menschen», her und wird oft als «göttlicher» Auftrag erlebt. Die grosse Schwierigkeit für uns liegt aber darin, zu erfühlen, um welche der beiden Instanzen es sich in den jeweiligen Situationen handelt, da einem das gar nicht immer von vornherein klar ist und die eigenen Wünsche oft die innere Sicht trüben. Der ethische Konflikt gehört deshalb ganz eigentlich zum Individuationsprozess und kann nicht ohne ein Annehmen des Gefühls bewältigt werden.

Die Anima (das weibliche Element in der männlichen Psyche) wird oft als Hexe oder Priesterin dargestellt - als eine Frau also, die Verbindung zu den «Mächten der Finsternis» und der «Geisterwelt» (das heisst dem Unbewussten) hat. Rechts: Eine Zauberin mit Kobolden und Dämonen (Stich aus dem 17. Jahrhundert).

Wenn solch schwierige moralische Probleme auftauchen, kann niemand den anderen beurteilen. Jeder muss sein eigenes Problem lösen und selber herausfinden, was für ihn richtig ist. Darum sagt ein alter zen-buddhistischer Meister, wir sollten es tun wie der Kuhhirt, «der mit seinem Stock darüber wacht, dass er nicht in des Nachbarn Wiese weide». Dass diese Erkenntnisse der Tiefenpsychologie die offiziell vorherrschenden Moralregeln relativieren und uns zu viel verfeinerteren, individuelleren Urteilen in allen Gebieten der Rechtspflege, Erziehung und Moraltheologie zwingen werden, liegt vor aller Augen. Die Entdeckung des Unbewussten ist vielleicht die revolutionierendste Tatsache, die in den letzten Jahrhunderten geleistet worden ist, aber sie ist so neu und umwälzend, dass weite Kreise es vorziehen, nicht dergleichen zu tun, als ob etwas geschehen wäre. Es braucht innere Sauberkeit und Mut, um an diese neuentdeckte Macht heranzugehen und sie ernst zu nehmen und damit eine Umwertung bisheriger Werte zu riskieren.


Die Anima als Frau im Manne

Die erwähnten «letzten» Fragen stellen sich nicht immer bei der Begegnung mit dem Schatten, viel häufiger treten hinter ihm je eine weitere innere Figur als Personifikation des Unbewussten auf. nämlich eine Frauenfigur im Manne und eine Männergestalt in der Frau. Oft sind sie es dann, welche hinter dem Schatten wirken und neue Probleme aufwerfen C.G.Jung hat sie als Anima und Animus bezeichnet. Die Anima verkörpert alle weiblichen Seeleneigenschaften im Manne, Stimmungen, Gefühle, Ahnungen, Empfänglichkeit für das Irrationale, persönliche Liebesfähigkeit, Natursinn und als Wichtigstes die Beziehung zum Unbewussten.

Nicht zufällig verwendeten früher viele Völker Priesterinnen (man denke an die griechischen Sibyllen), um sich mit dem Willen der Götter in Verbindung zu setzen. Die individuelle Erscheinungsweise der Anima im Manne ist zunächst meistens vom Charakter seiner Mutter her geprägt. Erlebte er sie als negativ, dann wirkt sich die Anima oft als depressive Laune, Reizbarkeit, ewige Unzufriedenheit und Empfindlichkeit aus. Wenn der Mann diese überwinden kann, können sie aber auch gerade seine Männlichkeit verstärken helfen. Eine solche negative Mutter-Animafigur wird einem Manne im Innern endlos zuflüstern : «Ich bin nichts» - «Es hat doch keinen Sinn» «Bei den andern ist es eben etwas anderes...» «Nichts macht mir Freude» usw. Ständige Angst vor Krankheiten, Impotenz oder Unfällen werden von ihr erzeugt und überhaupt ein düsterer Aspekt des Lebens konstelliert. Solche trüben Stimmungen können sich bis zu Selbstmordverlockungen verstärken, so dass dann die Anima zur Todesdämonin wird. In dieser Rolle erscheint sie in Cocteaus Film «Orphée».

Unten: Schunume eines sibirischen Stammes, der als Frau verkleidet ist, weil man glaubt, dass Frauen leichter mit Geistern in Berührung kommen können.

Oben: Geisterseherin oder Medium (aus dem Film «The Medium», 1951, nach einer Oper von Gian Carlo Menotti). Die meisten heutigen Medien sind Frauen; der Glaube, dass Frauen dem Irrationalen gegenüber empfänglicher sind als Männer, ist weit verbreitet.

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Die Franzosen nennen eine solche Animafigur «une femme fatale». Die Sirenen der Griechen und die Lorelei der Deutschen verkörpern solche gefährlichen Seiten der Anima, nämlich zerstörerische Illusionen. Die folgende sibirische Erzählung illustriert eine solche destruktive Anima besonders schön: Ein einsamer Jäger erlebt einmal, wie ihm eine schöne Frau am andern Ufer eines Flusses erscheint, ihm zuwinkt und singt: «Komm, komm, einsamer Jäger, in der Dämmrung Stille; komm, komm, ich habe vermisst dich, vermisst dich; nun will ich umarmen dich, umarmen dich. Komm, komm, nahe ist mein Nest, mein Nest; komm, komm, einsamer Jäger, gerade jetzt in der Dämmrungsstille.» Als er seine Kleider abwirft und zu ihr hinüberschwimmen will, fliegt sie plötzlich hohnlachend als Eule davon, und bei seiner Rückkehr ertrinkt er im eiskalten Fluss. - Hier symbolisiert die Anima einen unrealen Traum von Liebe und Glück, von mütterlicher Liebe und Geborgenheit (Nest), eine Illusion, die den Mann vom Leben abhält. Der Jäger erfriert, weil er einer erotischen Wunschphantasie nachläuft.

Der Mann mit dem positiven Mutterkomplex stellt sich oft dem Leben gegenüber ein wie ein Bub, der mit der Mutter in die Konditorei geht, nämlich: «Ich möchte dies, ich hätte gern das» ganz ohne eigene Bemühungen -; das Leben sollte es einem wie eine warme liebende Mutter schenken, und wenn es nicht geschieht, reagiert man mit Wehgeschrei oder Trotz. Bei einer solchen Vernachlässigung der Gefühlsseite und des Innenlebens erzwingt das Gefühl sich dann eben Achtung, aber auf einem relativ niederen Niveau, was dann gewisse Frauen ihrerseits zu ihren Gunsten auszunützen verstehen. Wenn die vernachlässigte Anima solche zwanghaften Zustände erzeugt, nennt man dies Animabesessenheit; sie bewirkt eine unangepasste Verweiblichung des Mannes, welcher entweder in weiblicher Rolle homosexuell wird oder an harte männliche kalte Frauen gerät. Eine andere Art, wie sich die negative Anima oft äussert, ist durch wespenstichartige, «weiblich»-giftige Bemerkungen gekennzeichnet, wobei immer ein Stück Lüge mit hineinkommt. Darum gibt es auf der ganzen Welt mythologische Die Anima hat, wie der Schatten. einen positiven und einen negativen Aspekt. Links: Eine Szene aus «Orphee» ( Film von Cocteau). Die Frau ist eine todbringende Anima. sie hat Orpheus (der von dunklen «Unterwelt»-Gestalten getragen wird) ins Verderben geführt. Böswillig ist auch die Lorelei aus dem germanischen Mythos (unten; Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert), deren Gesang Männer in den Tod lockt. Unten rechts: Eine Parallele aus dem slawischen Mythos: die Rusalka, das heisst Geister ertrunkener Mädchen, die vorübergehende Männer verhexen und ertränken.


Erzählungen von sogenannten Giftmädchen, wie diese Figur im Orient heisst, das heisst von einer schönen Frau, welche Gift oder Waffen in ihrem Leibe enthält," mit denen sie ihre Liebhaber in der Hochzeitsnacht tötet. In dieser Form verkörpert die Anima ein Stück kalter, ruchloser Natur im Manne, die ihn zu plötzlichen unbezogenen Handlungen veranlassen kann. Von einer solchen Anima betört, kann ein Mann verantwortungslos seine Familie verlassen oder andere Grausamkeiten begehen, in denen die Minderwertigkeit seines Eros offenbar wird. Im Mittelalter erklärte man sich dies durch Einwirkungen von Hexen, und in vielen Mythen und Märchen geht es deshalb darum, dass sich der Mann von einer hexenhaften «falschen Braut» freimachen muss, um seine «richtige Braut», das heisst eine echte Liebesfähigkeit, zu finden. In Heinrich von Kleists «Käthchen von Heilbronn» ist dieses Märchenmotiv auch in die Literatur eingeführt worden. Wenn andrerseits die erste Erfahrung eines Mannes von seiner Mutter positiv verlief, so beeinflusst dies das Wesen seiner Anima in anderer

Art. Sie kann ihn dann weibisch und zu einem Opfer der Frauen machen, unfähig, mit den Härten des Lebens fertig zu werden. Eine solche Anima lässt den Mann oft sentimental reagieren, wie eine alte Jungfer oder wie jene Märchenprinzessin, welche eine Erbse durch dreissig Matratzen hindurch fühlen konnte. Eine besonders raffinierte Form einer solchen Animafigur erscheint im Märchen als Prinzessin, welche ihren Liebhabern Rätsel zu lösen gibt oder ihnen sich vor ihr zu verstecken befiehlt. Wenn sie die Aufgabe nicht erfüllen, müssen sie sterben. Diese Art von Anima verwickelt den Mann in intellektuelle Spielereien. Man kann den Trick dieser Art von Anima in allen jenen neurotischen pseudointellektuellen Gesprächen beobachten, vvfeiche den Mann von der Berührung mit der Wirklichkeit abhalten. Er denkt dann soviel über das Leben nach, dass er selber nicht mehr leben kann, da alle Spontaneität und alles echte Gefühl verlorengegangen ist. Diese Form der Anima ist in der griechischen Sphinx dargestellt, welche dem Helden Ödipus ein Rätsel aufgibt. Als er es scheinbar richtig beantwortet, simuliert die

Oben: Vier Szenen aus dem deutschen Film «Der blaue Engel», 1930, der die Verliebtheit eines redlichen Professors in eine Kabarettsängerin, offensichtlich eine negative Animafigur, zum Thema hat. Das Mädchen benutzt seinen Charme dazu, den Professor zu erniedrigen; in ihrem Kabarett stück macht sie ihn sogar zu einem Possenreisser. Rechts: Eine Zeichnung von Salome mit dem Haupt Johannes' des Täufers, den sie getötet hat, um ihre Macht über König Her ödes zu erproben.


Oben: Gemälde des italienischen Malers Stefano di Giovanni, 15. Jahrhundert, das den heiligen Antonius darstellt, der sich einem attraktiven jungen Mädchen gegenübersieht. Aber ihre fledermausähnlichen Flügel verraten, dass sie in Wirklichkeit ein Dämon ist, eine der vielen Versuchungen des heiligen Antonius - eine Verkörperung der tödlichen Animafigur. Oben rechts: Ein englisches Kinoplakat, das den französischen Film «Eve» ankündigt: 1962. Der Film behandelt die Abenteuer einer «femme fatale» (dargestellt von der französischen

Filmschauspielerin Jeanne Moreau) - eine gebräuchliche Bezeichnung fiir die «gefährliche» Frau, deren Beziehungen zu Männern deutlich den Charakter der negativen Anima zeigen. Das Folgende ist eine (dem obigen Plakat entnommene) Beschreibung des Hauptcharakters in dem Film (eine melodramatische Beschreibung, aber eine, die auf viele Verkörperungen der negativen Anima zutrifft): «Geheimnisvoll - quälend verführerisch - liederlich - aber tief in ihr brennen die heftigen Feuer, die einen Mann vernichten.»

Sphinx einen Selbstmord. Dadurch meint Ödipus, sie überwunden zu haben, und läuft geradewegs in die Schlinge der Mutter-Anima-Verwicklung, die er meiden wollte. Diese griechische Sage steht wie ein Warnzeichen auch heute noch vor uns, denn im damaligen Griechenland begann die Entwicklung des europäischen wissenschaftlichen Intellekts. Die Sage zeigt uns aber, dass wenn wir glauben, wir könnten mit diesem allein die Probleme der unbewussten Psyche und des Eros lösen, wir einer unheilvollen Illusion verfallen. Besonders häufig tritt die Anima als erotische Phantasie auf, sei es, dass viele Männer fast zwanghaft die schönen Kurven der Damen betrachten müssen oder dass man ihnen in Kinos, Journalen und Strip-tease-shows oder auch allein in Tagträumereien nachhängt. Dieser primitivästhetische und rein naturhafte Aspekt der Anima drängt sich meistens dann besonders zwanghaft, wenn ein Mann im Bereich des Eros noch infantil geblieben ist. Alle diese Aspekte der Anima besitzen die gleiche Neigung wie der Schatten, sich auf einen Menschen zu projizieren, so dass sie dem Manne

als Eigenschaften einer wirklichen Frau erscheinen. Es ist auch dieser Projektionsvorgang, welcher bewirkt, dass ein Mann sich plötzlich «Hals über Kopf» verliebt und beim ersten Treffen fühlt: «Das ist sie!», als ob er diese Frau zuinnerst schon immer gekannt hätte. Er verfällt ihr dann oft so hilflos, dass es dem Aussenstehenden als reiner Wahnsinn erscheint. Besonders Frauen von einem gewissen unbestimmten «elfischen» Wesen ziehen solche Animaprojektionen an sich, weil der Mann ihnen infolge ihrer Unbestimmtheit alle möglichen Werte andichten kann: Solche plötzlichen leidenschaftlichen, durch die Anima bewirkten Anziehungen stören viele Ehen und führen oft zu jenen bekannten «Dreiecksituationen» mit ihren Nöten. Eine erträgliche Lösung lässt sich in solchen Fällen nur dann finden, wenn die Anima als innere Macht erkannt wird. Es scheint sogar einer geheimen Absicht des Unbewussten zu entsprechen, solche Wirrnisse zu stiften, um die Persönlichkeit des Mannes zu reifen und ihn zu zwingen, mehr von seiner inneren unbewussten Persönlichkeit zu integrieren.

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Doch genug von dem negativen Aspekt der


Die Betonung des Intellekts kann von einer negativen Anima herrühren - die; oft in Mythen von der Gestalt verkörpert wird, die Rätsel aufgibt, welche von Männern gelöst werden müssen, wenn diese nicht sterben wollen. Oben: Ein französisches Gemälde zeigt Odipus, der das Rätsel der Sphinx beantwortet. Links: Eine Ansicht der dämonischen Anima als Hexe-aufeinem Holzschnitt des 16. Jahrhunderts, mit dem Titel «Der verhexte Pferdeknecht». Die Anima erscheint in unreifer Gestalt in den Phantasien von Männern, in verschiedenen Formen von Pornographie. Unten: Teil einer Show in einem englischen Strip-tease-Nachtklub.

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In dem japanischen Film «Ugetsu Monogatari» (1953) gerät ein Mann in den Bann einer Geisterprinzessin, die ihn vernichtet. In «Madame Bovary» beschreibt Gustave Flaubert eine «Liebestollheit», die von einer Animaprojektion herrührt: «Durch ihre ständig wechselnden Launen - manchmal geheimnisvoll, manchmal heiter, jetzt gesprächig, dann wieder schweigsam, manchmal hingebungsvoll, manchmal überlegen - wusste sie tausend Begierden in ihm zu erwecken, tausend Instinkte und Erinnerungen. Sie war die Geliebte in allen Romanen, die Heldin aller Theaterstücke, die <Sie> alier Gedichte. Auf ihren Schultern entdeckte er das <bernsteinfarbene Leuchten> der badenden Odaliske: sie hatte den hohen Wuchs der Damen aus der Zeit des Rittertums; auch sah sie aus wie die <bleiche Dame aus Barcelona}; aber sie war immer ein Engel.» Links: Emma Bovary (in dem Film, 1949).

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Anima - hat sie doch auch ebenso viele positive Seiten. Sie bewirkt, dass der Mann die «richtige» Frau finden kann und, darüber hinaus, dass er überall im Halbdunkel des Unbewussten, wo sein Verstand weniger klar sieht, die richtigen Werte und Unwerte unterscheiden kann. Noch lebenswichtiger ist aber, dass ihm diese Gestimmtheit auf die richtigen Werte den Weg in die eigene Tiefe freigibt, als ob ein innerer Empfangsapparat auf eine bestimmte Wellenlänge eingestellt würde, auf welcher nicht mehr der oben erwähnte Unsinn, sondern die Stimme jenes «grösseren Menschen» zu ihm durchkommen könnte. Dann erreicht die Anima die Bedeutung einer Führerin nach innen. In dieser Rolle erscheint sie zum Beispiel in der Einweihung der Schamanen, wie ich sie beschrieben habe; dies ist auch die Funktion von Beatrice in Dantes Paradies oder auch der Göttin Isis, wie sie sich Apuleius, dem Verfasser des «Goldenen Esels», im Traum offenbart, um ihn in eine höhere geistige Lebensweise einzuweihen. Der nachfolgende Traum eines fünfundvierzigjährigen Psychotherapeuten mag diese Rolle der Anima als innerer Wegweiserin beleuchten: Als dieser Mann am Vortag schlafen ging, bemitleidete er sich selber dafür, dass er so allein in der Welt stehen müsse, ohne Unterstützung einer Organisation oder «Kirche»; er beneidete alle diejenigen, die im Schosse einer solchen Organisation geborgen waren. Darauf träumte er folgendes : Ich bin in einer grossen, alten, dichtgefüllten Hallenkirche. Mit meiner Frau und meiner Mutter sitze ich am Ende des Längsschiffes in einem Behelfsgestühl. Ich soll die Messe als Priester zelebrieren und habe ein dickes Messbuch - eigentlich mehr ein Gesangbuch oder eine Gedichtanthologie - in der Hand. Da mir das Buch nicht vertraut ist, habe ich den Text verschlagen. Das ist sehr aufregend, weil ich gleich hervortreten muss. Dazu kommt, dass meine Mutter und meine Frau sich über ganz unwichtige Dinge unterhalten. Jetzt ist bereits die Orgel still, und alles wartet auf mich. Da stehe ich entschlossen auf und bitte eine der knienden Nonnen hinter mir, sie möge mir ihr Messbuch geben und zeigen, wo wir im Ablauf der Messe sind. Sie tut es sehr bereitwillig. Nun schreitet sie als Ministrantin vor mir her zum Altar, der hinten links steht, als ob wir aus einem Seitenschiff daraufzukämen. Das Messbuch ist nun eine Art von Bilderfries wie eine zirka ein Meter lange, dreissig Zentimeter breite Latte, auf der Texte und altertümliche Bilder in Kolonnen

Männer projizieren die Anima sowohl auf Dinge als auch auf Frauen. Ein Schiff beispielsweise wird immer als «sie» bezeichnet; oben: die weibliche Galionsfigur am Bug des alten englischen Klippers «Cutty Saik». Der Kapitän eines Schiffes ist symbolisch «ihr» Ehemann, weshalb er wohl auch mit untergehen muss, wenn «sie» sinkt.

Ein Auto ist ein weiteres Stück Besitz, der gewöhnlich als weiblich betrachtet wird - das heisst. es kann der Brennpunkt von Animaprojektionen vieler Männer werden. Wie Schiffe, so werden auch Autos häufig «sie» genannt, und ihre Besitzer streicheln und verwöhnen sie wie eine anspruchsvolle Geliebte (unten).

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nebeneinander angeordnet sind. Zunächst kommt noch die Nonne mit einem liturgischen Teil vor mir dran, indessen ich noch nicht die richtige Stelle gefunden habe. Zwar hatte sie mir «Nummer 15» gesagt; aber die Zahlen waren verwaschen, und ich fand es nicht. Da drehe ich mich entschlossen zur Gemeinde um. Doch wiewohl ich nun das Täfelchen Nummer 15 erkannt habe - es ist das vorletzte auf der Latte weiss ich noch nicht, ob ich den Text werde entziffern und lesen können. Auf alle Fälle wollte ich es versuchen - da erwachte ich.

Dieser Traum stellt eine Reaktion auf die Überlegungen des Abends dar und sagt dem Träumer in symbolischer Form: «Du musst selber Priester in deiner eigenen inneren <Kirche> sein, nämlich in der Kirche deiner Seele.» Die vielen Leute (all seine Seelenkomponenten) verlangen, dass er als Priester die Messe zelebriere, doch kann hier nicht die wirkliche Messe gemeint sein, denn das Messbuch ist vom wirklichen sehr verschieden. Das Bild der Messe ist vielmehr als ein Symbol zu verstehen: für eine heilige Opferhandlung, in welcher die Gottheit anwesend ist, so dass der Mensch mit ihr kommunizieren kann.

Zwei Stufen in der Entwicklung der Anima: Erstens primitive (oben, aus einem Bild von Gauguin), zweitens romantisierte Schönheit - wie auf dem idealisierten Porträt (links) eines italienischen Mädchens der Renaissance, die als Cleopatra dargestellt ist. Die zweite Stufe wurde klassisch verkörpert durch die schöne Helena (unten, mit Paris).

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Diese Art von Lösung ist natürlich nicht allgemein gültig, sondern ist eine Antwort des Unbewussten für diesen individuellen Träumer, sie ist eine typische Antwort auf das religiöse Problem eines Protestanten; denn ein Mensch, der gläubig in der katholischen Kirche enthalten ist, erfährt seine Anima im Bild der Kirche selber und ihrer Bildsymbole, die für ihn die Bilder des Unbewussten enthalten. Unser Träumer entbehrt diese kirchlichen Symbole und muss deshalb einen rein innerlichen Weg gehen. Der Traum gibt noch weitere Hinweise, indem er sagt: « Deine Mutterbindung und Extraversion (durch seine extravertierte Frau dargestellt) zerstreut dich und hält dich durch bedeutungsloses Geschwätz davon ab, die innere Seelenmesse zu feiern. Du solltest der Nonne folgen, das heisst der introvertierten Anima, die dich als Messdienerin und Priesterin führen kann. Sie hat eine seltsames Messbuch aus sechzehn (vier mal vier) alten Bildern. Deine Messe besteht in der Betrachtung der seelischen Bilder, welche die religiöse Anima dir zeigen wird.» Wenn der Träumer seine durch den Mutterkomplex erzeugte Unsicherheit überwinden könnte, würde er seine Lebensaufgabe in einem religiösen Dienst an den inneren Bildern seiner Seele finden. In diesem Traum tritt die Anima als Mittlerin zwischen dem Ich und dem Selbst auf. Die Zahl der vier mal vier Bilder weist darauf hin, dass die innere Messe im Dienste der Ganzheit steht. Wie nämlich Jung erwiesen hat, verbildlicht sich der innerste Kern der Psyche (das Selbst) meistens in vierfältigen Strukturen. Doch ist die Vierzahl auch mit der Anima verknüpft, weil es - wie Jung aufwies - vier Stufen ihrer Realisation gibt: die erste Stufe ist mythologisch am klarsten im Bild der Eva symbolisiert, als einem Bild rein biologischer Bezogenheit. Die zweite Stufe ist zum Beispiel in Fausts Helena veranschaulicht. Sie symbolisiert eine romantische und ästhetische Form des Eros, vermischt mit sexuellen Elementen. Die dritte Stufe wäre zum Beispiel in der Jungfrau Maria verkörpert als Symbol des vergeistigten Eros. Die vierte Stufe erscheint in der Gestalt, welche die Liebe oft als Sapientia (Weisheit) personifiziert, da

Oben: Die dritte Stufe der Anima ist personifiziert durch die Jungfrau Maria (auf einem Gemälde von van Eyck). Das Rot ihrer Robe ist die symbolische Farbe des Gefühls (oder ErosJ; aber auf dieser Stufe ist der Eros spiritualisiert. Unten: Zwei Beispiele für die vierte Stufe: die griechische Göttin der Weisheit, Athena (links), und die Mona Lisa.


Weisheit offenbar als ein Wenigeres gegenüber dem Höchsten noch weiter reicht. Ein anderes Bild für diese letzte Stufe wäre auch die Sulamit des Hohenliedes - sie verkörpert eine Entwicklungsstufe, die der moderne Mann nur selten erreicht. Die Mona Lisa reicht wohl am ehesten an sie heran. Doch was bedeutet die Rolle der Anima als einer Führerin nach innen praktisch? Ihre positive Funktion entwickelt sich dann, wenn ein Mann seine Gefühle, Launen, unbewussten Erwartungen und Phantasien ernst nimmt und in irgendeiner Form festhält, zum Beispiel durch Aufschreiben, Malen, Modellieren, in Musik oder Tanz. Wenn er dann geduldig über sie nachsinnt, steigen mehr und mehr Inhalte aus der Tiefe auf. Das Nachsinnen muss jedoch ein intellektuelles und moralisches sein, das heisst unter Beiziehung des Gefühls geschehen, und die Phantasie muss als unbedingt wirklich genommen werden, ohne geheime Nebengedanken, es handle sich ja doch «nur um eine Phantasie». Wenn man eine solche Hingabe an das Unbewusste lange übt, wird der Individuationsprozess

allmählich zur einzigen Wirklichkeit schlechthin und entfaltet sich in all seinen Aspekten. Die Rolle der Anima als Führerin nach innen wird auch in zahlreichen literarischen Werken dargestellt, in Francesco Colonnas «Hypnerotomachia», Rider Haggards «She», in «dem Ewigweiblichen» in Goethes Faust. Ein mittelalterlicher Text lässt diese Gestalt von sich sagen: «Ich bin die Blume des Feldes und die Lilie in den Tälern; ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Erkenntnis und heiligen Hoffnung... Ganz schön bin ich und ohne Makel... Ich bin die Mittlerin zwischen den Elementen, die eines mit dem andern versöhnt; was warm ist, kühle ich ab; was trocken ist, mache ich feucht; was hart ist, weiche ich auf und umgekehrt... Ich bin das Gesetz im Priester und das Wort im Propheten und der Rat im Weisen. Ich kann töten und lebendig machen, und da ist niemand, der aus meiner Hand errette.» Zur Zeit, als dieser Text verfasst wurde, erlebten Religion, Poesie und seelische Kultur einen grossen Aufschwung, und die Welt der Phantasie wurde mehr anerkannt als zuvor. Es ist die Zeit

Links: Ein Stich aus dem 17. Jahrhundert, beherrscht von der symbolischen Figur der Anima als Vermittlerin zwischen dieser Welt (dem A ffen, der wahrscheinlich die instinkthafte Natur des Menschen verkörpert) und der arideren (der Hand Gottes, die sich aus den Wolken streckt). Die Animaßgur ist scheinbar eine Parallele zu der Frau aus der Apokalypse, die ebenfalls eine Krone aus zwölf Sternen trug, zu den Mond-, göttinnen der Antike, zur Sapientia des Alten Testaments und zu der ägyptischen Göttin Isis (die ebenfalls wallende Haare hatte und einen Halbmond auf ihrem Schoss. Rechts: Die Anima als Führerin auf einem Bild von William Blake; eine Szene aus dem «Purgatorio» in Dantes «Göttlicher Komödie», die zeigt, wie Beatrice Dante einen symbolisch verschlungenen Bergpfad hinaufführt. Ganz rechts: In einer Szene des Films nach Rider Haggards Roman «Sie» führt eine geheimnisvolle Frau einige Forscher durch die Berge.


des Rittertums und seines Frauendienstes, durch welchen der damalige Mann seine weibliche Seite sowohl in seiner Beziehung zur wirklichen Frau wie zur Innenwelt zu entwickeln versuchte. Die Dame, welcher der Ritter seine Dienste weihte, bedeutete ihm eine Personifikation der Anima. Die Trägerin des heiligen Grals in Wolfram von Eschenbachs Gralepos trägt einen sehr bedeutsamen Namen: Conduiramour - Führerin in Liebesdingen. Sie war es, die den Helden lehrte, sein Gefühl und sein Benehmen gegenüber der Frau zu differenzieren. Später wurde jedoch diese individuelle Bemühung der Männer um eine Beziehung zur Anima aufgegeben und dafür der geistige Aspekt dieser Gestalt mit der Jungfrau Maria identifiziert. Da aber die Anima in Maria nur ihre

Eine Beziehung zwischen dem Motiv der Vier und der Anima erscheint, rechts, auf einem Bild des Schweizer Malers Peter Birkhäuser. Eine vierciugige Anima zeigt sich als erschreckende Vision. Die vier Augen haben symbolische Bedeutung: Sie deuten an, dass die Anima die Möglichkeit zum Erreichen der Ganzheit enthält.

Auf dem Bild des Malers Slavko (rechts) ist das Selbst von der Anima getrennt, aber noch mit der Natur verschmolzen. Man könnte das Bild eine «Seelenlandschaft» nennen: Links sitzt eine dunkelhäutige Frau - die Anima. Rechts steht ein Bär, die tierische Seele oder der Instinkt. In der Nähe der Anima wächst ein Baum - er symbolisiert den Individuationsprozess. Im Hintergrund sieht man zunächst einen Gletscher; aber bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es auch ein Gesicht ist. Dieses vierciugige Gesicht, von dem der Lebensstrom ausgeht, ist das Selbst. (Das Bild ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein unbewusstes Symbol versehentlich seinen Weg in eine Phantasielandschaft finden kann.)


positive Seite verkörpert fand, verfielen ihre negativen Aspekte dem ebenfalls damals aufblühenden Hexenglauben. In China stellt Kuan-Yin die Parallelfigur zu Maria dar oder die mehr volkstümliche Figur der «Mondfee», welche ihren Lieblingen die Gabe der Musik und Unsterblichkeit verleiht. In Indien ist derselbe Archetypus durch Schakti, Parvati, Rati und viele andere Göttinnen dargestellt, bei den Moslems meistens durch Fatima, die Tochter Mohammeds. Wenn die Anima in solcher Art als offiziell religiös anerkannte Gestalt verehrt wird, verliert sie zu ihrem Nachteil ihre individuellen Aspekte; wenn sie hingegen als nur persönliche Angelegenheit erlebt wird, so besteht die Gefahr, dass sie ganz in die äusseren Liebesbeziehungen projiziert bleibt. Nur der schmerzliche, aber letztlich einfache Entschluss, die eigenen Phantasien und Gefühlslaunen ernst zu nehmen, können auf dieser Stufe ein Stehenbleiben in der inneren Entwicklung des Mannes verhindern; denn nur so kann er entdecken, was dieses Frauenbild als innere Wirklichkeit meint. Dann wird die Anima wieder das, was sie ursprünglich war: die «innere Frau», welche die lebenswichtigen Botschaften des Selbst dem Ich übermittelt.

Die Idee der «höfischen Liebe» in Europa war beeinflusst durch die Marienverehrung: Die Damen, denen Ritter ihre Liebe gelobten, wurden für so rein wie Maria gehalten (von der die puppenähnliche Schnitzerei, oben, ein Bild war; ca. 1400). Auf einem Schild aus dem 15. Jahrhundert (ganz links) kniet ein Ritter vor seiner Dame. Diese idealisierte Sicht von der Frau erzeugte eine entgegengesetzte: den Hexenglauben. Links: Hexensabbat, Gemälde aus dem 19. Jahrhundert. Wenn die Anima auf eine «offizielle» Personifikation projiziert wird, zerfällt sie gewöhnlich in einen Doppelaspekt, wie etwa Maria und Hexe. Links: Ein anderes Gegensatzpaar (aus einer Handschrift des 15. Jahrhunderts): Verkörperung der Kirche durch Maria (auf der rechten Seite) und der Synagoge (mit der sündigen Eva identifiziert).


Der Animus, der innere Mann in der Frau

Auch die gegengeschlechtliche Verkörperung des Unbewussten in der Frau - der Animus trägt positive und negative Züge. Der Animus äussert sich aber bei den Frauen nicht so häufig als erotische Phantasie oder Stimmung, sondern eher als «heilige» Überzeugung. Wenn letztere laut und männlich energisch geäussert wird, ist diese männliche Seite in der Frau leicht erkennbar ; sie kann aber auch in einer äusserlich sehr weiblich wirkenden Frau als stille, aber eisernunerbittliche Macht auftreten. Plötzlich stösst man dann bei ihr auf etwas, das kalt, nicht mehr diskutierbar und eigensinnig wirkt. Die Lieblingsthemen, die der Animus der Frau in ihrem Inneren aufdrängt, lauten etwa: «Ich suche doch nichts als Liebe, doch <er> liebt mich nicht.» Oder: «Es gibt nur zwei Möglichkeiten

Johanna von Orleans (im Film, 1948, gespielt von Ingrid Bergman), deren Animus die Gestalt einer «heiligen Überzeugung» annahm. Rechts: Darstellungen des negativen Animus: Bild einer Frau, die mit dem Tod tanzt, 16. Jahrhundert, und (aus einem Manuskript um 1500) Hades mit Persephone, die er in die Unterwelt entfiihrt hat.

in dieser Situation», welche natürlich beide unerfreulich sind (der negative Animus glaubt nie an Ausnahmen). Man kann dem Animus selten widersprechen, denn er hat sowieso immer recht, nur fusst seine Meinung gerade nicht auf der aktuellen Lage. Er äussert meistens scheinbar vernünftige Ansichten, die jedoch leicht «daneben» treffen. Wie auf die Anima des Mannes die Mutter prägend einwirkte, so der Vater auf den Animus der Tochter. Der Vater gibt dem Geist der Tochter die spezifische Färbung jener erwähnten undiskutierbaren Ansichten, die so oft die Wirklichkeit der Tochter verfehlen. Darum ist auch der Animus manchmal als ein Todesdämon dargestellt. Ein Zigeunermärchen zum Beispiel erzählt, wie eine einsam lebende Frau einen unbekannten schönen Wanderer bei sich aufnimmt und mit ihm zusammen lebt, obwohl ein Angsttraum sie vor ihm warnt, er sei der König der Verstorbenen. Sie dringt immer wieder in ihn, er solle ihr sagen, wer er sei. Zuerst weigert er sich, es ihr zu sagen, weil er weiss, dass sie dann sterben würde; aber sie beharrt auf ihrer Bitte. Da sagt er ihr plötzlich, dass er der Tod sei. Da erschrickt die junge Frau so sehr, dass sie stirbt. Vom Standpunkt der Mythologie besehen, ist der schöne


Heathcliff, die dämonische Hauptfigur des Romans «Wuthering Heights» (Sturmhöhe), 1847, der englischen Schriftstellerin Emily Bronte ist teilweise eine negative Animusfigur. Auf der Montage, oben, steht Heathcliff (im Film, 1939, dargestellt von Laurence Olivier) Emily gegenüber; im Hintergrund Wuthering Heights, wie es heute aussieht.

Beispiele für gefährliche Animusfigur en: Links: Illustration (von dem französischen Maler des 19. Jahrhunderts, Gustave Doré) zu der Sage vom Blaubart. Er warnt seine Frau davor, eine bestimmte Tür zu öffnen. (Sie öffnet diese doch - und findet die Leichen von Blaubarts früheren Frauen. Sie wird ertappt, entgeht aber dem Tod.) Rechts: Gemälde aus dem 19. Jahrhundert, das den Strassenräuber Claude Duvalzeigt, der eine reisende Dame überfiel, sie aber unter der Bedingung freigab, dass sie mit ihm tanzte.


unbekannte Wanderer hier wohl eine heidnische Vater- und Göttergestalt, die als Anführer der Toten auftritt (wie Hades, der Entführer von Persephone). Er verkörpert eine Form des Animus, in welcher er die Frau von allen menschlichen Beziehungen weglockt und besonders von der Liebe zu einem wirklichen Manne abhält. Ein träumerisches, lebensfernes Gedankengespinst voller Wünsche und Urteile, wie die Dinge sein «sollten», verhindert jeden Kontakt mit dem Leben. Nicht nur als Tod, auch als Räuber und Mörder tritt der Animus in vielen Mythen auf, zum Beispiel als Ritter Blaubart, der alle seine Frauen ermordet. Der Animus verkörpert dann jene halbbewussten kalten, ruchlosen Überlegungen, welche sich manche Frauen in «stillen Stunden» gestatten, besonders dann, wenn von ihnen irgendwelche Gefühlsverpflichtungen vernachlässigt wurden, Gedanken über die Verteilung des Erbes in der Familie, intrigante Pläne, wobei anderen Menschen sogar der Tod «angewünscht» wird. «Wenn einer von uns stirbt, ziehe ich an die Riviera», sagt zum Beispiel die Gattin zu ihrem Mann beim Anblick der schönen Mittelmeerlandschaft.

Durch vernichtende, heimliche Urteile kann zum Beispiel auch eine Mutter im verborgenen ihre Kinder in Krankheit und Tod treiben, oder sie kann sie am Heiraten hindern, ohne dass dieses heimliche Böse je an die Oberfläche ihres Bewusstseins käme. Eine naive alte Frau zeigte mir einmal die Totenbettphotographie ihres ertrunkenen Sohnes und sagte: «Mir ist es lieber so, als dass ich ihn an eine andere Frau verloren hätte!» Auch eine seltsame Gefühlslahmheit, eine tiefe Selbstunsicherheit, ist oft das Werk eines nicht erkannten Animusurteils im eigenen Innern der Frau. In der Tiefe flüstert dann der Animus der Frau zu: «Du bist ein hoffnungsloser Fall, wozu versuchen? Es nützt doch alles nichts. Dein Leben kann und wird nie anders werden.» Wenn diese Figuren des Unbewussten in unser Bewusstsein eindringen, meint man unseligerweise, dass man selber diese Gedanken oder Gefühle habe, und das Ich fühlt sich mit ihnen sogar oft so weit identisch, dass es sich nicht mehr objektiv mit ihnen auseinandersetzen kann. Man wird von diesen Gestalten wirklich «besessen», und erst wenn ein solcher Zustand von einem abfällt, entdeckt man mit Entsetzen nachträglich,

Der Animus wird oft durch eine Gruppe von Männern verkörpert. Eine negative Animusgruppe kann als eine gefährliche Verbrecherbande auftreten, wie etwa die Strandräuber (oben, auf einem italienischen Gemälde des 18. Jahrhunderts), die früher mit Lichtern die Schiffe auf Felsen lockten und die Wracks plünderten.

dass man Dinge gesagt oder getan hat, die man gar nicht wirklich fühlte oder wollte. Wie die Anima, so besteht aber auch der Animus nicht nur aus negativen Eigenschaften. Er besitzt ebenfalls eine ungemein positive und wertvolle Seite, wo auch er, wie die Anima, eine Brücke 191


Eine häufige Verkörperung des negativen Gruppenanimus in den Träumen von Frauen war die Bande romantischer, aber gefährlicher Geächteter. Oben: Eine ominöse Gruppe von Banditen aus dem brasilianischen Film «Der Bandit» (1953), der von einer abenteuerlustigen Lehrerin handelt, die sich in einen Räuberhauptmann verliebt.

Unten: Eine Illustration von Füssli zu Shakespeares «Sommernachtstraum». Die Feenkönigin ist durch Zauber verleitet worden, sich in einen Bauern zu verlieben, der, ebenfalls durch Zauber, einen Eselskopf bekommen hat. Dies ist eine Verdrehung solcher Geschichten, in denen die Liebe eines Mädchens einen Mann von einem Zauber erlöst.

enfnez-vous do Psyché l'extase et le délire, . 1 tjui savez tout ce qu'amour inspire.


zum Erleben des Selbst schlagen und schöpferisch wirken kann. Der nachfolgende Traum einer fünfundvierzigjährigen Frau zeigt dies deutlich. Sie träumte: Über den Balkon kletterten zwei in graue Kapuzenmäntel vermummte Gestalten ins Zimmer herein inder Absicht, mich und meine Schwester zu quälen. Die Schwester verbirgt sich unter dem Bett, aber sie holen sie mit einem Besen hervor und plagen sie. Dann komme ich an die Reihe. Der Anführer der beiden drängt mich gegen die Wand. Plötzlich aber entwirft und zeichnet der zweite ein Bild an die Wand. Da sage ich, als ich es sehe: «Oh, das ist aber gut gezeichnet.» Da lassen beide besänftigt von mir ab und werden ganz freundlich.

Der quälende Aspekt der zwei Gestalten war der Träumerin wohlbekannt, da sie immer wieder unter schlimmen Angstanfällen litt, in denen sie sich vorstellen musste, dass ihr liebe Menschen in Todesgefahr schwebten oder gestorben seien. Die Zweiheit der Figuren aber zeigt an, dass es sich bei diesen Einbrechern um etwas von doppelter Auswirkungsmöglichkeit handelt und dass diese Animusfiguren auch noch etwas anderes als nur qualvolle Gedanken bewirken könnten. Die Schwester der Träumerin, welche vor ihnen flüchtet, wird gequält - sie ist in Wirklichkeit relativ früh an Krebs gestorben. Sie war künstlerisch begabt, unternahm aber nichts mit ihren Gaben. Im Traume enthüllt sich nun, dass die Einbrecher verkappte Künstler sind und dass, wenn die Träumerin durch sie ihre eigene Gabe anerkennt, sie von der Absicht, sie zu martern, ablassen. Das aber zeigt den Sinn des Traumes: Hinter den Angstanfällen steht einerseits eine ernste Todesgefahr, andererseits aber eine schöp-

Oben links: Der Sänger Franz Grass in der Titelrolle der Wagner-Oper «Der Fliegende Holländer», die auf der Erzählung von einem Schiffskapitän basiert, der dazu verdammt ist, auf einem Geisterschiff zu segeln, bis die Liebe einer Frau ihn von diesem Fluch erlöst. In vielen Mythen ist der Geliebte einer Frau eine geheimnisvolle Gestalt, die sie nie zu sehen versuchen darf. Links: Ein Beispiel aus dem griechischen Mythos (Stich aus dem 18. Jahrhundert): Das von Eros geliebte Mädchen Psyche, das den Geliebten nicht ansehen darf. Schliesslich tut sie es doch, und er verlässt sie; erst nach langer Suche und vielen Leiden kann sie seine Liebe wiedergewinnen.

ferische Möglichkeit. Die Träumerin war in Zeichnen und Malen ausgesprochen begabt, zweifelte aber immer wieder am Sinn dieserTätigkeit. Der Traum gibt ihr in ernster Sprache zu verstehen, dass sie dieser Begabung leben sollte und muss. Dann könnte sich der zerstörerische Animus in eine schöpferische Kraft wandeln. Wie in obigem Traum, so erscheint der Animus auch sonst oft als eine Gruppe von Männern, als etwas Kollektives. Deshalb beginnen auch die Aussagen der animusbesessenen Frau meistens mit: «Mansollte...», «Jedermann weiss, dass...», «Es ist immer...» usw. Viele Mythen und Märchen erzählen uns, wie ein Prinz, der durch Zauberei in ein Tier oder Monstrum verwandelt wurde, von einer Frau erlöst wird. Das ist eine symbolische Darstellung der Bewusstwerdung des Animus. (Dr. Henderson hat die Bedeutung dieses «Amor- und Psychemotivs» im vorhergehenden Abschnitt erläutert.) Oft darf die Heldin keine Fragen an ihren geheimnisumwobenen Liebhaber stellen, oder sie darf sich mit ihm nur in der Dunkelheit treffen. Sie sollte ihn durch blindes Vertrauen und Liebe erlösen, doch gelingt es nie in dieser Form. Immer bricht sie ihr Versprechen und kann ihren Geliebten erst nach einer langen Suchwanderung wiederfinden. Wie die Anima, so erzeugt auch der Animus in der Frau Besessenheitszustände. In Mythen und Märchen ist dies dadurch veranschaulicht, dass oft der Teufel oder ein «Alter im Berge», das heisst ein heidnischer Gott, ein Troll oder Oger die Heldin gefangenhält und sie dazu zwingt, alle Männer, die sich ihr nahen, zu töten oder an den Dämon auszuliefern, oder der Vater der Heldin sperrt sie in einen Turm, ein Grab oder setzt sie auf einen Glasberg, so dass niemand sich ihr nahen kann. In solchen Fällen kann die Heldin oft nichts anderes tun als geduldig auf einen Erlöser warten, der sie aus ihrer Lage befreit. Durch ihr Leiden kann sich der Animus (denn der Dämon und der Befreier sind beide zwei Aspekte der gleichen inneren Macht) allmählich in eine positive innere Kraft verwandeln. Auch im wirklichen Leben verlangt die Bewusstmachung des Animus von der Frau viel Zeit und das Ertragen grosser Leiden. Doch wenn es ihr

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gelingt, sich von der Besessenheit durch ihn zu befreien, verwandelt er sich in einen «inneren Gefährten» von höchstem Wert, der ihr positive männliche Eigenschaften, wie Initiative, Mut, Objektivität und geistige Klarheit, verleiht. Wie die Anima im Manne, so erscheint auch der Animus meistens in vier Entwicklungsstufen: Zuerst als Symbol physischer Kraft, zum Beispiel als Sportheld. Auf der nächsten Stufe besitzt er dann auch Initiative und gerichtete Tatkraft, und auf der dritten Stufe wird er zum «Wort» und projiziert sich deshalb oft auf geistige Grössen, den Arzt, den Pfarrer, den Professor. Auf der vierten Stufe verkörpert er dann den «Sinn» und wird zum Vermittler schöpferischer und religiöser innerer Erfahrungen, durch die das Leben einen individuellen Sinn findet. Er gibt dann der Frau eine geistige Festigkeit, die ihr an sich weiches Wesen kompensiert. Er kann sie dann auch mit dem geistigen Zeitgeschehen verbinden, wobei Frauen oft neuen schöpferischen Ideen gegenüber aufgeschlossener sein können als die Männer, weshalb sie von jeher als zukunfts-

Verkörperungen der vier Stufen des Animus • Erstens, der ganz körperliche Mann - der fiktive Dschungelheld Tarzan (ganz oben; gespielt von Johnny Weismüller). Zweitens, der «romantische» Mann - der englische Dichter Shelley (Mitte links), 19. Jahrhundert; oder der «Mann der Tat» - der amerikanische Schriftsteller, Kriegsheld, Jäger usw. Drittens, der Träger des « Wortes» - Lloyd George, der grosse politische Redner. Viertens, der weise Führer zu geistiger Wahrheit - oft auf Gandhi projiziert (links). Oben rechts: Indische Miniatur eines Mädchens, das liebevoll das Porträt eines Mannes betrachtet. Eine Frau, die sich in ein Bild verliebt (oder in einen Filmstar), projiziert ganz offensichtlich ihren Animus auf den Mann. Der Schauspieler Rudolph Valentino (rechts, in einem Film aus dem Jahre 1922) wurde Brennpunkt der Animusprojektion Tausender von Frauen, schon zu Lebzeiten - und sogar nach seinem Tode. Ganz rechts: Ein Teil der zahllosen Blumenspenden, die von Frauen in der ganzen Welt zur Beerdigung Valentinos (1926) geschickt wurden.

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wissende Mittlerinnen zur Welt des Geistes verwendet wurden. Der schöpferische Mut zur Wahrheit ihres Animus wagt es, neue Ideen auszusprechen, welche den Mann zu neuen Unternehmungen anzuregen vermögen. Oft haben in der Geschichte Frauen neue geistige Inhalte früher in ihrem Wert erkannt als die gefühlsmässig konservativeren Männer. Dem Wesen der Frau liegt das Irrationale näher, so dass sie sich neuen Inspirationen des Unbewussten besser öffnen können, und gerade die Tatsache, dass Frauen primär weniger am öffentlichen Leben teilnehmen, macht es ihnen möglich, dass ihr Animus als «verborgener Prinz» im Dunkel des privaten Lebens Gutes erwirken kann. Der «innere Mann» in der Seele der Frau kann, wenn er sich projiziert, zu ähnlichen Schwierigkeiten in der Ehe führen wie die Anima. Und was die Situation dann jeweils noch erschwert, ist die Tatsache, dass Animus und Anima sich gegenseitig reizen, so dass jede Auseinandersetzung automatisch auf ein niederes, emotionales Niveau absinkt, wie die Stereotypie aller Liebesstreite zeigt. Wie erwähnt kann der Animus der Frau zu Mut, Unternehmungsgeist, Wahrhaftigkeit und in seiner höchsten Form zu geistiger Tiefe und Verinnerlichung führen; dies jedoch nur, wenn sie zuvor die Objektivität aufbringt, ihre eigenen «heiligen» Überzeugungen in Frage zu stellen und die wegleitenden Winke ihrer Träume anzunehmen, auch dann, wenn sie ihren Überzeugungen widersprechen. Dann kann das Selbst als eine innerseelische Erfahrung des Göttlichen zu ihr durchdringen und ihrem Leben einen Sinn verleihen.


Das Selbst

Wenn sich ein Mensch lange genug mit seiner Anima, beziehungsweise seinem Animus innerlich herumgeschlagen hat, bis er nicht mehr mit ihnen unbewussterweise identisch ist, nimmt das Unbewusste von neuem eine andere symbolische Form dem Ich gegenüber an und erscheint dann in der Gestalt des Seelenkernes, d.h. des Selbst. In den Träumen der Frau tritt das Selbst, wenn es sich personifiziert, als überlegene weibliche Gestalt auf, zum Beispiel als Priesterin, Zauberin, Erdmutter, Natur- oder Liebesgöttin, während es beim Mann eher als ein Einweihender (als indischer Guru), als alter Weiser, als Naturgeist, Held usw. auftritt. Als Beispiel mögen hier zwei Märchen angeführt werden. Ein österreichisches Märchen erzählt folgendes: Ein König kommandiert einen Soldaten ab, damit er am Sarge einer verwünschten schwarzen Prinzessin wache, von der man aber weiss, dass sie jede Nacht aufsteht und die Wache zerreisst. Verzweifelt läuft der Soldat in den Wald weg, da er nicht sterben will. Da begegnet er «einem alten Zitherschlager, der war aber unser Herrgott selber», und dieser alte Musikant rät ihm, sich an bestimmten Orten in der Kirche jeweils zu verstecken und sich so zu benehmen, dass die schwarze Prinzessin ihn nicht finden kann. Mit Hilfe dieses wunderbaren Alten gelingt es dem Soldaten, dem Anschlag der Prinzessin zu entgehen und sie dadurch zu erlösen. Er heiratet sie und wird König.

Der alte Zitherschläger, der eigentlich Gott selber ist, ist in psychologischer Sprache ausgedrückt ein Symbol des Selbst. Es hilft dem Soldaten, das heisst dem Ich, die zerstörerische Animafigur zu überwinden und sogar zu erlösen. In der Frau hat das Selbst, wie erwähnt, einen weiblichen Aspekt. Als Beispiel möge ein Eskimomärchen dienen: Ein einsam lebendes, in Liebessachen enttäuschtes Mädchen wird von einem Zauberer, der in einem Kupferboot einher-

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fährt, in den Himmel entführt. Er ist eigentlich der Mondgeist, zu dem die Menschen für guten Jagderfolg zu beten pflegen. Als der Mondgeist einmal ausgeht, besucht das Mädchen ein kleines Haus, das neben demjenigen des Mondzauberers steht, und findet darin eine «kleine Frau». Diese trägt merkwürdige Kleider aus «zusammengenähten Därmen des bärtigen Seehundes». Diese kleine Frau, die auch noch eine kleine Tochter bei sich hat, warnt die Heldin der Geschichte vor dem Mondgeist, er hege eigentlich die Absicht, sie zu töten. Er sei eine Art von Blaubart, ein Frauenmörder. Um sie zu retten, flicht die kleine Frau ein langes Seil, an welchem das Mädchen vom Himmel zur Erde zurückklettern kann, und zwar bei Neumond, weil das die Zeit ist, in welcher die kleine Frau den Mondgeist bewusstlos machen kann. Das Mädchen lässt sich am Seil herab, öffnet aber bei der Ankunft auf Erden nicht schnell genug wieder die Augen, obwohl ihr die kleine Frau dies ausdrücklich so befohlen hatte. Dadurch wird sie in eine Spinne verwandelt und kann nie wieder ein Mensch werden.

Der «alte Zitherschlager», der unser Herrgott ist, stellte im ersten Märchen eine typische Erscheinung des Selbst als des «alten Weisen» dar, wie er in der Seele des Mannes erscheint. Ähnlich tritt auch der Zauberer Merlin in alten Geschichten auf, oder der Gott Hermes bei den Griechen. Die «kleine Frau» mit den Darmfellkleidern ist hier etwas ähnliches, eine Figur des Selbst bei einer Frau. Der alte Musikant rettete den Helden vor seiner zerstörerischen Anima, und die kleine Frau rettet hier die Heldin vor einem eskimoischen Blaubart-Animus in Gestalt des Mondgeistes. Allerdings geht es nachher durch Schuld des Mädchens doch noch schief, doch davon soll später die Rede sein. Eine Figur des Selbst kann in Träumen nicht nur als «alter Weiser» oder als «weise Frau» erscheinen, sondern ebenso häufig als junge, ja sogar kindliche Gestalt, denn das Selbst ist gleichsam etwas relativ Zeitloses, das jung und alt zugleich ist. Folgender Traum eines Mannes beschreibt zum Beispiel das Selbst als Jünglingsfigur: Über die Strasse hinaustretend, ritt ein Knabe in unseren Garten herab. (Kein Zaun und keine Büsche standen dort, wie in Wirklichkeit. Die Grenze lag offen.) Ich wusste nicht recht, ob er absichtlich kam oder ob das Pferd ihn gegen seinen Willen hereintrug. Am Weg zur Werkstatt stehend, betrachtete ich voller Vergnügen die Ankommenden und weidete mich am Anblick des Knaben auf seinem schönen Tier. Dies war ein sehr kleines, aber äusserst kraftvolles, wildes Pferd, ein Ausbund von


Da.s Selbst - das innere Zentrum der gesamten Psyche - wird in Träumen oft als überlegene menschliche Figur verkörpert. Bei Frauen kann das Selbst als weise und mächtige Göttin erscheinen - wie etwa die griechische Muttergottheit Demeter (rechts, mit ihrem Sohn Trip to lern us und ihrer Tochter Kore, auf einem Relief des 5. Jahrhunderts v.Chr.). Die «Patenfee» vieler Märchen ist ebenfalls eine Verkörperung des weiblichen Selbst; oben: Aschenputtels Patin (auf einer Illustration von Gustave Dore). Unten: Eine hilfreiche alte Fruit, auf einer Illustration zu einem Märchen von Hans Christian Andersen.

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In Träumen von Männern wird das Selbst oft durch die Figur des «weisen alten Mannes» verkörpert. Ganz links: Der Zauberer Merlin aus den ArthurLegenden (in einem englischen Manuskript des 14. Jahrhunderts). Mitte: Ein Guru (weiser Mann) auf einem indischen Gemälde des 18. Jahrhunderts. Links: Ein von Jung gemaltes Bild, das eine Verkörperung des Selbst darstellt, die ihm einmal im Traum erschien: Ein geflügelter alter Mann, der Schlüssel in der Hand hielt und der, wie Jung sagt, «höhere Einsicht» repräsentierte.

Das Selbst erscheint in Träumen gewöhnlich zu kritischen Zeiten im Leben des Träumers, bei Wendepunkten, wenn seine Grundhaltung und sein ganzer Lebensstil sich verändern. Die Veränderung selbst wird oft mit dem Durchqueren von Wasser symbolisiert. Oben: Eine wirkliche Flussüberschreitung, die eine wichtige Umwälzung mit sich führte: George Washington überquert den Delaware-Fluss während der amerikanischen Revolution (auf einem amerikanischen Bild aus dem 19. Jahrhundert). Links: Ein anderes wichtiges Ereignis, zu dem das Durchqueren von Wasser gehörte: Der erste Angriff in der Normandie am «D-Day», im Juni 1944.

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Das Selbst wird nicht immer durch eine überlegene alte Person verkörpert. Links: Gemälde (eines Traums) von Peter Birkhäuser; hier erscheint das Selbst als Jüngling. Während der Maler an dem Bild arbeitete, tauchten andere Ideen aus seinem Unbewussten auf. Das runde Objekt hinter dem Jüngling, das wie eine Sonne aussieht, ist ein Symbol der Ganzheit, und die vier Arme des Jünglings erinnern an andere «vierfache» Symbole, die die psychische Ganzheit charakterisieren. Vor dem Knaben schwebt eine Blume - so ali ob er nur die Hände zu heben brauche, um sie erscheinen zu lassen. Er ist schwarz, wegen seiner nächtlichen (das heisst unbewussten) Abstammung.

Energie (es glich einem Eber). Es hatte einen dicken, silbergrauen, langhaarigen, borstigen Pelz. Der Knabe ritt an mir vorbei, zwischen Haus und Studio durch und stieg dann ab, um sein Tier sorgfältig über die neue Blumenrabatte hiriwegzuführen und zu verhindern, dass es eine der in herrlicher Fülle und Menge rot und gelb blühenden Tulpen zertrete. Dieses Beet war im Traum von meiner Frau kürzlich neu angelegt worden.

Dieser Jüngling bedeutet das Selbst und die Möglichkeit der Lebenserneuerung, einen schöpferischen Schwung und geistige Neuorientierung, die sein Erscheinen erzeugt, wo alles wieder voller Leben und Unternehmungsgeist wird. Die Zuwendung zum Unbewussten kann dies nämlich tatsächlich dem Menschen geben: plötzlich wird das vorher so langweilige unfreie Leben ein reiches, nicht endenwollendes Abenteuer voller Gestaltungsmöglichkeiten. Bei einer Frau tritt dieselbe Figur oft als ein wunderbares Mädchen auf; ein Beispiel ist der folgende Traum einer achtundvierzigj ährigen Frau: Ich stand vor einer Kirche und reinigte davor mit einem Besen das Pflaster. Dann musste ich plötzlich über einen Fluss gehen, über den ein Balken gelegt war. Ein Student war da, und ich wollte, dass er mir helfe; aber da merkte ich, dass er mich nur hindern wollte, indem er den Balken zum Schwanken brachte. Da war plötzlich am andern Ufer ein kleines Mädchen, das mir die Hand entgegenstreckte. Ich glaubte, es hätte niemals die Kraft, mich zu halten, aber als ich seine Hand ergriff, zog es mich mühelos mit übernatürlicher Kraft lächelnd ans andere Ufer hinauf.

Diese Träumerin ist ein religiös veranlagter

Mensch. Im Traum kann sie aber offenbar nicht mehr in der protestantischen Kirche bleiben. Sie hat den Zugang verloren, aber sie müht sich doch noch immer, den Weg zur Kirche sauberzuhalten. Sie muss aber, so heisst es nun, statt dessen einen Fluss überqueren. Dies ist ein häufiges Symbol für eine grundlegende Einstellungsänderung. Das Motiv des Studenten bezog die Träumerin selber darauf, dass sie am Vorabend daran gedacht hatte, sie könnte ihr inneres geistiges Suchen eventuell durch ein Studium befriedigen, wovon aber der Traum offensichtlich abrät. Da wagt sie es, allein über den Fluss zu gehen, und eine Gestalt des Selbst, das kleine Mädchen, kommt ihr wunderbarerweise zu Hilfe - klein, aber doch übernatürlich stark. Die Erscheinungsweise als alter oder junger Mensch ist aber nur eine der vielen Möglichkeiten, wie das Selbst in Träumen und Visionen auftreten kann. Die verschiedenen Altersstufen zeigen nicht nur, dass es uns in allen Lebenslagen begleitet, sondern auch, dass es in ein Jenseits unseres bewussten Zeitgefühls reicht. Das Selbst ist eben nicht völlig in unserem Bewusstseinsbereich und seinem Zeitraum enthalten, es hat einen Aspekt von Zeitlosigkeit und Allgegenwart. Darum wird es oft durch einen «grossen Menschen» symbolisiert, der den ganzen Kosmos umfängt. Wenn ein solches Symbol im Traum eines einzelnen auftaucht, darf man meistens auf eine schöpferische Lösung seiner Konflikte hoffen, denn dann ist der Seelenkern

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Heute wird in den Träumen vieler Menschen das Selbst durch berühmte Gestalten verkörpert. Psychologen beobachteten, dass bei Männern oft Albert Schweitzer (ganz links) und Churchill, bei Frauen Eleanor Roosevelt (rechts) und Königin Elisabeth auftreten (Bild an einem afrikanischen Haus).

aktiviert und eine Einheit des inneren Wesens geschaffen, welche auch grosse Schwierigkeiten überwinden kann. Kein Wunder, dass deshalb die Gestalt eines kosmischen Menschen in vielen Mythen und Religionen auftaucht und meistens eine sehr positive Rolle spielt. Sie erscheint bei uns zum Beispiel als Adam, in Persien als Gayomart oder in Indien als Purusha und wird oft als das Grundprinzip des Universums bezeichnet. Die Chinesen nahmen zum Beispiel an, dass zuerst vor aller Welt ein göttlicher Mensch P'an Ku lebte, der Himmel und Erde ihre Gestalt gab. Wenn er weinte, entstanden der Gelbe Fluss und der Yangtsekiang; wenn er atmete, wehte der Wind; wenn er sprach, rollte der Donner; wenn er um sich blickte, entstanden die Blitze. War er guter Laune, so wurde das Wetter gut; wenn er verstimmt war, wurde es bedeckt. Als er starb, fiel er auseinander, und aus seinem Körper entstanden die fünf heiligen Berge Chinas: sein Kopf wurde der T'ai-Berg im Osten, sein Rumpf der SungBerg im Zentrum, sein rechter Arm der HengBerg im Norden und sein linker Arm der HengBerg im Süden, und seine beiden Füsse bildeten den Hua-Berg im Westen, seine Augen wurden Sonne und Mond. Wie wir früher bereits sahen, zeigen die symbolischen Bilder, welche sich auf den Individuationsprozess beziehen, eine Neigung, in Vierheitsstrukturen aufzutreten - wie zum Beispiel als die vier Bewusstseinsfunktionen oder als die vier Stufen der Anima- und Animusentwicklung. Die Vierheit erscheint deshalb auch hier wieder bei P'an Ku. Nur unter speziellen Umständen zeigt sich das Selbstsymbol in anderen Zahlenstrukturen, natürlicherweise sind es immer 4 oder weitere Zahlen der Viererreihe: 8, 16, 32 usw. 200

Besonders 16 ist auch sehr wichtig als Motiv von 4 mal 4. In unserer westlichen Zivilisation haben sich ähnliche Ideen des «kosmischen Menschen» um die Gestalt Adams, als des Urmenschen, entwickelt. Eine jüdische Legende erzählt zum Beispiel, dass Gott zur Erschaffung Adams roten, schwarzen, weissen und gelben Staub von den vier Weltecken sammelte und dass dadurch Adam «von einem Ende der Welt zum andern» reichte. Wenn er sich neigte, berührten sein Kopf den Osten und seine Füsse den Westen. Nach einer anderen jüdischen Legende waren die Seelen der ganzen Menschheit in Adam von jeher enthalten, seine Seele war «wie der Docht einer Lampe aus unzähligen Fäden gewoben»; darin ist die Idee einer Einheit von allen menschlichen Existenzen jenseits aller Einzelteile klar enthalten. In diesem Bild ist auch der «soziale» Aspekt des Selbst angedeutet, von dem später die Rede sein wird. Diekosmische Natur dieses «grossen Menschen» scheint ferner darauf hinzuweisen, dass der innerste Kern der menschlichen Seele, das heisst das Selbst, von einer das individuelle Ich weit überragenden Ausdehnung ist, und tatsächlich entdeckt man bei der Beobachtung des Unbewussten und seiner Manifestationen, dass es eine nicht absteckbare Ausdehnung besitzt. Im alten Persien wurde der gleiche Urmensch, Gayomart, als eine riesige leuchtende Gestalt beschrieben. Als er starb, flössen die Metalle aus seinem Leib, und aus seiner Seele entsprang das Gold; sein Same fiel zur Erde und erzeugte das erste Menschenpaar in Gestalt zweier Rhabarberstauden. Merkwürdigerweise wird auch der chinesische P'an Ku mit Blättern bedeckt wie eine Pflanze dargestellt. Er ist eine lebendig gewachsene Einheit, die ohne tierische Bewegung,


De/- Kosmische Mensch - die allumfassende Gestalt, die das Universum verkörpert und enthält - ist eine bekannte Darstellung des Selbst in Mythen und Träumen. Links: Die Titelseite von «Leviathan», dem Buch des englischen Philosophen Thomas Hobbes, 17. Jahrhundert. Die gewallige Gestalt des Leviathan setzt sich zusammen aus allen Menschen des «Commonwealth», Hobbes' idealer Gesellschaft, in der die Menschen sich ihre eigene zentrale Autorität wählen. Oben: Die kosmische Figur des P'an Ku im alten China - mit Blättern bedeckt, als Zeichen dafür, dass der Kosmische Mensch einfach existierte, wie eine Pflanze, in der Natur gewachsen. Unten: Auf einem Blatt aus einem indischen Manuskript des 18. Jahrhunderts trägt die Kosmische Löwengöttin die Sonne in der Hand (ihr Löwe ist aus vielen Menschen und Tieren zusammengesetzt).

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das heisst ohne Manifestation irgendeines Eigenwillens, einfach existiert. Bei einer noch heute an den Ufern des Tigris lebenden Gruppe von Eingeborenen wird Adam als die geheime «Überseele» oder als «Schutzgeist» der ganzen Menschheit verehrt; er ist nach ihrer Sage aus einer Dattelpalme hervorgesprossen (wieder das Pflanzenmotiv!). Im ersten Kapitel sahen wir, dass der Individuationsprozess vom Unbewussten oft als Baum symbolisiert wird, und hier sehen wir, wie der «KosmischeMensch» andeutungsweise auch als Pflanze erscheint. Die Pflanze stellt ein gesetzmässiges Wachsen nach festgelegten Mustern dar und etwas, das sein Leben direkt aus der anorganischen Materie aufbaut. In ähnlicher Art erscheint auch das Selbst als etwas jenseits aller Impulse und Triebe objektiv in der menschlichen Seele Wachsendes, als das psychische Element in uns, welches Stetigkeit und reines Da-Sein bedeutet. Die Pflanze hat immer einen verborgenen Teil ihrer selbst in der Erde, und ihr Bild deutet deshalb auch in der menschlichen

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Psyche darauf hin, dass wir ebenfalls einen solchen uns verborgenen Anteil am allgemeinen Leben der Natur besitzen. In manchen gnostischen Kreisen im Osten wurde der «grosse Mensch» sogar schon als ein innerseelisches Bild erkannt und nicht als eine konkrete Realität beschrieben. Nach Ansicht der Hindu ist der Purusha nämlich etwas, das in jedem einzelnen menschlichen Individuum lebt und als einziges an ihm unsterblich ist. Dieser «innere grosse Mensch» kann auch den einzelnen erlösen, indem er ihn aus der Schöpfung und ihren Leiden zum ewigen Ursprung zurückführt; doch kann er das nur tun, wenn man ihn erkennt und innerlich aufwacht, um sich von ihm führen zu lassen. In der Symbolwelt der Inder heisst diese Gestalt Purusha, das heisst «Mensch», «Person». Es lebt aussen im Kosmos und auch zugleich als etwas Inneres, Unsichtbares in jedem einzelnen Menschen. Nach der Aussage vieler Mythen ist dieser «grosse Mensch» nicht nur der Anfang, sondern auch das Endziel der Welt und ihres Lebens. «Alles Kornes innerste Natur meinet Wreizen und alles Metall Gold und alle Geburt den Menschen» sagt in diesem Sinn ein mittelalterlicher Weiser, Meister Eckhart. Psychologisch betrachtet ist .dies tatsächlich der Fall: die innerseelische Wirklichkeit in jedem Menschen hat letztlich eine geheime Zielstrebigkeit, das Selbst zu verwirklichen. Das bedeutet praktisch, dass man die Existenz des einzelnen Individuums niemals nur aus irgendwelchen Zweckmechanismen heraus, wie Überleben, Fortsetzung den Spezies (Rasse), Sexualität, Hunger, Todestrieb usw., wird erklären können, sondern dass es darüber hinaus der Eigendarstellung von etwas Menschlichem an sich dient, welches nur durch

Oben links: Eine rhodesische Felsmalerei stellt einen Schöpfungsmythos dar. in dem der Erste Mensch (der Mond) sich mit dem Morgen- und Abendstern paart, um die Geschöpfe der Erde zu zeugen. Der Kosmische Mensch erscheint oft als adamähnlicher, ursprünglicher Mensch - und auch Christus ist mit dieser Verkörperung des Selbst identifiziert worden; oben rechts: Gemälde des deutschen Malers Grünewald, 15. Jahrhundert. Es zeigt die Gestalt Christi in der ganzen Majestät des Kosmischen Menschen.


ein Symbol ausgedrückt werden kann, eben durch das Bild des kosmischen Menschen. Im Westen ist der kosmische Mensch weitgehend mit Christus identifiziert und im Osten mit Krischna und Buddha. Im Alten Testament taucht dieselbe Gestalt als «Menschensohn» auf und in der späteren jüdischen Mystik als Adam K'admön. Gewisse religiöse Bewegungen der Antike nannten ihn einfach Anthropos (das griechische Wort für Mensch). All diese symbolischen Gestalten weisen auf ein gleiches Geheimnis hin: den uns unbekannten Sinn der menschlichen Existenz. Gewisse Überlieferungen behaupten, dieser «grosse Mensch» sei das Ziel der Schöpfung; dies ist wohl nicht in einem äusseren Sinn zu verstehen, wohl aber als innerliches Ziel. Der Hinduismus zum Beispiel versichert, dass zwar nicht die wirkliche Schöpfung sich einst in den Urmenschen auflösen wird, wohl aber wird

Beispiele für das «königliche Paar» (ein symbolisches Bild für psychische Ganzheit und das Selbst). Links: eine indische Skulptur von Schiva und Parvati, die hermaphroditisch vereinigt sind; unten: die Hindugottheiten Krishna und Radha in einem Hain. Der griechische Kopf, unten links, wurde von Jung als - auf subtile Art - zweiseitig, das heisst hermaphroditisch, erkannt. In einem Brief an den Eigentümer fügte Jung hinzu, dass der Kopf, «wie seine Entsprechungen Adonis, Tammuz und... Baidur, alle Anmut und allen Liebreiz beider Geschlechter» habe.


Rechts: Eine prärömische Skulptur der keltischen Bärengöttin Artio, die in Bern (was «Bär» bedeutet) gefunden wurde. Wahrscheinlich war es eine Mutlergöttin, welche der Bärin ähnelt, die in dem auf dieser Seite zitierten Traum vorkommt. Weitere Entsprechungen zu symbolischen Bildern in diesem Traum: Mitte: Australische Eingeborene mit ihren «heiligen Steinen», von denen sie glauben, sie enthielten die Geister der Toten. Unten: Aus einer alchimistischen Handschrift des 17. Jahrhunderts: das symbolische Königspaar, als Löwenpaar dargestellt.

einmal unsere eigene Wahrnehmung der Wirklichkeit sich zugunsten dieses «Menschen» auflösen. «Wie die Ströme, die zum Meer fliessen, wenn sie es erreichen, darin versinken und ihr eigener Name und Gestalt verlorengehn und man nur noch vom Meer spricht, so versinken die Teile des Zuschauers (= das Ich), wenn sie zum Purusha gehen, in ihm, und ihr Name und Gestalt verschwindet; und die Menschen sprechen nur noch vom Purusha, und er (der Mensch) wird unteilbar und unsterblich.» Die Aussenweltorientierung des Ich und seine von Thema zu Thema eilenden Vorstellungen und von Objekt zu Objekt strebenden Wünsche entschwinden in der Realisation des «grossen Menschen». Diese aus verschiedenen Zivilisationen und Zeiten entnommenen Beispiele zeigen, wie allgemein verbreitet das Symbol des kosmischen Menschen ist als ein Bild für das Geheimnis der Ganzheit des Menschen. Weil das Symbol etwas Vollständiges und Ganzes meint, ist der «grosse Mensch» auch oft zwiegeschlechtlich dargestellt. In dieser Form vereint er in sich die wichtigsten seelischen Gegensätze, Männliches und Weibliches. Diese Einheit wird oft auch durch ein göttliches, königliches oder sonstwie ausgezeichnetes Paar symbolisiert. Der nachfolgende Traum eines siebenundvierzigjährigen Mannes zeigt diesen Aspekt des Selbst besonders deutlich: Ich stehe oben und sehe unten eine prächtige schwarze Bärin mit zottigem, aber gepflegtem Pelz. Sie steht auf den Hinterbeinen und schlcift auf einer Platte einen ovalen, flachen schwarzen Stein, der immer mehr Glanz bekommt. Nicht weit von ihr tun eine Löwin und ein kleiner Löwe dasselbe, nur sind die Steine, die sie schleifen, etwas grösser und mehr


von runder Gestalt. Nach einer Weile verwandelt sich die Bärin in eine weisse nackte Frau von korpulentem Körperbau mit langem schwarzem Haar und dunklen, feurigen Augen. Ich benehme mich ihr gegenüber erotisch aufreizend, worauf sie sich auf mich stürzt, um mich einzufangen, doch da bekomme ich Angst und flüchte auf das Gebäude (oder Gerüst) zurück, wo ich vorher stand. Später befinde ich mich inmitten vieler Frauen, von denen etwa die Hälfte primitive Frauen mit üppigem schwarzem Haar sind (gleichsam aus Tieren entstanden), und die andere Hälfte sind unsere (des Träumers Nation) Frauen, mit blondem oder kastanienbraunem Haar. Die primitiven Frauen (eher junge Mädchen) singen sehr sentimental und wehmütig mit hohen Sopranstiminen ein Lied. Dann erscheint auf einer hohen Equipage in voller Pracht ein junger blonder Mann, der eine goldene, mit leuchtenden Rubinen verzierte Königskrone auf dem Haupt trägt. Neben ihm sitzt eine junge blonde Frau, wohl seine Gemahlin, jedoch ungekrönt. Es scheint, als ob dieses Paar durch Verwandlung aus der Löwin und dem kleinen Löwen entstanden war; sie gehören zu den Primitiven. Nun stimmen alle Frauen (die primitiven und die anderen) ein feierliches Lied an, und die königliche Equipage entfernt sich allmählich.

Hier erscheint das Selbst, der Seelenkern des Träumers, erst als eine vorübergehende Vision eines königlichen Paares, das aus der Tiefe der Tiernatur und der primitiven Seelenschicht des Unbewussten auftaucht und wieder entschwindet. Die Bärin stellt den Tieraspekt einer Muttergöttin dar (Artemis wurde zum Beispiel von den Griechen als Bärin verehrt). Und der dunkle, eiförmige Stein, den sie reibt, symbolisiert wohl die eigentliche Persönlichkeit des Träumers. Schleifen und Reiben von Steinen ist nämlich eine bekannte, ausserordentlich urtümliche Tätigkeit des Menschen. In Europa hat man vielerorts «heilige», in Rinde gewickelte Steine in Höhlen gefunden, welche offenbar von den Menschen der Steinzeit als Behälter göttlicher Kräfte aufbewahrt wurden. In Australien gibt es noch heute Eingeborene, welche glauben, dass ihre verstorbenen Vorfahren als gute göttliche Mächte in Steinen wohnen. Wenn man diese Steine reibt, erhöht man wieder ihre und die eigene Kraft, als ob man sie elektrisch aufladen würde. Der Träumer unseres Traumes hat in seinem Leben bisher nicht gerne die erdhafte Frau annehmen wollen, er wollte sich nicht in einer Ehe binden. Er hat Angst, von dieser Seite des Lebens «gefangen» zu werden, und flüchtet sich auch

Im Traum kann ein Spiegel die Fähigkeit des Unbewussten symbolisieren, das Individuum objektiv zu «spiegeln», dem einzelnen damit eine Einsicht in sich selbst zu geben, die er vielleicht nie zuvor gehabt hat. Nur durch das Unbewusste kann eine solche Einsicht (die das Bewusstsein oft verwirrt und schockiert) erlangt werden - ebenso wie im griechischen Mythos die Gorgone Medusa, deren Blick Männer in Steine verwandelte, nur in einem Spiegel betrachtet werden konnte. Rechts: Medusa, die sich in einem Schild spiegelt (Gemälde von Caravaggio, 17. Jahrhundert).

im Traum zurück in eine passive Zuschauerrolle. Indem die Bärin den Stein reibt, wird ihm gezeigt, dass er sich in diese Seite des Lebens verwickeln lassen sollte, weil gerade durch die so entstehenden «Reibungen» (der Ehe!) sein eigenes Wesen geschliffen würde. Wenn der Stein glänzt, dann wird er wie ein Spiegel, worin sich die Bärenfrau sehen kann. Nur durch das Annehmen irdischer Leiden wird die menschliche Seele zu einem Spiegel göttlicher Mächte zurechtgeschliffen. Der Träumer flüchtet sich aber in die Höhe, das heisst in allerhand Überlegungen, mit denen er sich der Lebensaufgabe entziehen möchte. Der Traum zeigt ihm

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aber, dass dadurch seine Seele, seine Anima undifferenziert bleibt, was in den vielen unpersönlichen Frauen dargestellt ist, die ausserdem in eine primitive und eine höherstehende Partei gespalten bleiben. Die Löwin und ihr Sohn, die nun auftreten, verkörpern das Geheimnis der Individuation, denn sie bemühen sich, runde Steine (!) zu formen, die ein Bild des Selbst sind, und eigentlich sind sie selber auch ein königliches Paar und als solches ein Bild der inneren Ganzheit. In der mittelalterlichen Symbolik wird zum Beispiel der Stein des Weisen - ein berühmtes Bild der inneren Ganzheit - oft durch ein Löwenpaar oder ein auf Löwen reitendes Menschenpaar dargestellt. Zunächst erscheint nämlich der innere Individuationsdrang oft verborgen in der Liebesleidenschaft, die man zu einem andern Menschen empfindet. Was dabei über die natürliche Zuneigung zum anderen Geschlecht hinausgeht, zielt letzten Endes auf das Geheimnis der eigenen Ganzwerdung. Darum fühlt man auch, wenn man leidenschaftlich verliebt ist, dass das Einswerden mit dem oder der Geliebten das einzig begehrenswerte Ziel des Lebens sei. Solange die innere Ganzheit als Löwenpaar auftritt, bedeutet das, dass das Selbst noch in einer übermächtigen Leidenschaft verborgen steckt. Erst wenn die Löwen zu einem König und seiner Mutter geworden sind, hat der Individuationsdrang menschliche Bewusstseinsstufe erreicht

Oft wird das Selbst als hilfreiches Tier dargestellt (ein Symbol für die instinktive Grundlage der Psyche). Oben links: Der Zauberfuchs aus dem Grimmschen Märchen «Der goldene Vogel». Mitte: Der liinduistische Affengott Hanuman, der die Götter Schiva und Parvati im Herzen trägt. Unten: Rin Tin Tin, der heldenhafte Hund aus Film und Fernsehen. Steine sind häufig Bilder für das Selbst, weil sie vollständig das heisst unwandelbar und beständig - sind. Viele Menschen suchen heute nach Steinen von besonderer Schönheit, wie etwa am Strand (oben rechts). Einige Hindus geben Steine (Mitte), denen sie magische Kräfte zuschreiben, vom Vater an den Sohn weiter. «Kostbare» Steine, wie die Juwelen von Königin Elisabeth I. (1558-1603), sind ein äusseres Zeichen für Wohlstand und Rang.


und erscheint dann als das ferne Lebensziel des Träumers. Bevor die Löwen verwandelt waren, sangen nur die primitiven Frauen in sentimentaler Art; das heisst, das Gefühl des Träumers ist noch primitiv und sentimental zugleich. Zu Ehren der menschgewordenen Löwen hingegen vereinigen sich die zivilisierteren und die primitiveren Frauen zu einem gemeinsamen Loblied. Im Gefühlsbekenntnis zu diesem Paar singen alle Frauen zusammen ein Lied: das heisst, der innere Zwiespalt verwandelt sich in Harmonie. Eine noch andere Erscheinungsform des Selbst findet sich in einer sogenannten aktiven Imagination einer Frau illustriert, die ich erzählen will. Unter «aktiver Imagination» versteht man eine bestimmte Art von Phantasiemeditation, in welcher man sich mit dem Unbewussten wie mit einem realen Partner auseinandersetzt. Man kann diese Meditationsform in mancher Hinsicht mit gewissen östlichen Meditationstechniken, wie derjenigen des Zen-Buddhismus oder Tantra-Yoga, vergleichen oder mit der westlichen Technik der Exerzitien der Jesuiten, doch mit dem grundlegenden Unterschied, dass der Meditierende keinerlei bewusstes Ziel oder Programm hat. Die aktive Imagination bleibt dadurch das einsame Experiment eines freien Individuums mit sich selbst ohne jede Tendenz, das Unbewusste zu lenken. Doch soll hier nicht weiter auf dies eingegangen werden, sondern es sei dafür auf C. G. Jungs Aufsatz über die «Transzendente Funktion» verwiesen. In der Meditation dieser Frau erschien nun ein Reh, welches zu ihrem Ich sprach und sagte: «Ich bin dein Kind und deine Mutter zugleich und heisse das < Ver bindungstier >; denn ich stelle eine Verbindung zwischen anderen Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen her, wenn ich in sie hineintrete. Ich bin dein Schicksal oder das <objektive Ich>», fuhr es fort, «mein Erscheinen erlöst dich von der sinnlosen Zufälligkeit des Lebens. Ich verbinde den Geist mit dem Körper und das Leben mit dem Tod; das Feuer, das in meinem Innern brennt, brennt in der ganzen Natur; wenn der Mensch es verliert, wird er einsam, ichhaft, richtungslos und kraftlos.» Das Selbst wird oft durch ein Tier symbolisiert,

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welches unsere Instinktnatur und deren Verbindung zur Naturumgebung darstellt. (Darum gibt es auch in Mythen und Märchen so viele «hilfreiche Tiere».) Diese Beziehung des Selbstsymbols zur umgebenden Natur und sogar zum All zeigt, dass dieses «Kernatom der Seele» irgendwie mit der ganzen inneren und äusseren Welt verwoben ist. Alle uns bekannten höheren Organismen sind ja auf eine bestimmte Umwelt in Raum und Zeit genau abgestimmt. Die Tiere zum Beispiel haben ihre Territorien, ihre Baumaterialien, ihre Nahrungstypen, auf welche ihre Instinkte genau abgestimmt sind. Man muss nur an die Tatsache denken, dass die meisten Grasfresser genau zur Zeit des höchsten Grasstandes ihre Jungen werfen. Ein bekannter Zoologe sagte deshalb, dass die Innerlichkeit des Tieres weit in die Welt hinausgreife und sich Raum und Zeit «verseele». Auch das Unbewusste des Menschen ist in ungeahnt tiefer Weise auf seine Umgebung, Sozialgruppe und weiterhin auf Raum und Zeit und die ganze Natur um sich abgestimmt. Der erwähnte «Grosse Mann», der das Seelenzentrum der Naskapi-Indianer darstellt, zeigt nämlich durch die Träume nicht nur innere Vorgänge an, sondern rät auch dem Jäger, wie und

wo er jagen soll. Aus Traummotiven leiten die Naskapi daher auch ihre Zauberlieder ab, mit denen sie die Fangtiere anlocken. Das scheint nun aber nicht nur für den noch in der Natur lebenden Menschenzu gelten, sondern, wie C. G. Jung entdeckt hat, auch für den zivilisiertenMenschen: die Träume geben auch uns eine totale Innenwelt- und Aussenweltorientierung. Durch das Beachten der Träume wird nämlich auch oft die Umwelt symbolisch für uns bedeutsam, so dass man in einem kleinen «Kosmos» zu leben beginnt, weil auch die kleinen Umweltdinge in einem inneren Sinnzusammenhang mit uns Bedeutung erlangen. Ein Baum vor dem Fenster, ein Auto oder ein auf dem Spaziergang aufgehobener Stein kann durch die Träume symbolische Bedeutung erlangen. Wenn wir unsere Träume beachten, verliert daher die kalte unpersönliche Welt um uns herum ihren sinnlosen Zufallsaspekt und wird zu einem Reich voller individuell bedeutender, geheim angeordneter Ereignisse. Doch sind unsere Träume weniger als beim Primitiven auf Anpassung nach aussen bezogen, sondern drehen sich meistens mehr um die

Die «Ewigkeits»-Qualität von Steinen kann man an Kieseln oder an Bergen sehen. Links: Felsen unter Mt. Williamson, Kalifornien. So ist der Stein immer für Denkmäler verwendet worden; oben: die Köpfe von vier amerikanischen Präsidenten, die in das Klipperigesicht von Mt. Rushmore, Süddakota, eingekerbt sind.


«richtige» Einstellung des Ich zum Selbst, da diese Beziehung durch unsere moderne Denkart viel mehr gestört ist als beim Primitiven. Letztere leben noch von der inneren Mitte her, während wir oft so sehr in äussere Dinge verwickelt sind, dass die Botschaften des Selbst nicht mehr zu uns durchdringen. Wir leben in der Illusion einer klar gestalteten Aussenwelt, die uns die inneren Wahrnehmungen verdunkelt. Und doch sind wir gerade durch unser Unbewusstes auf seltsame Art mit unserer seelischen und materiellen Umgebung verwoben. Besonders häufig tritt, wie bereits erwähnt, für das Selbst das Bild eines Steines, Edelsteines oder Kristalles auf. Wir sahen dies schon im Traum, worin die Löwen runde Steine polierten. In vielen Träumen ist der Stein auch als Kristall geformt. Die mathematisch exakte Anordnung des Kristalls erweckt nämlich vielleicht am stärksten das Gefühl, dass sogar in der «toten» Materie ein Ordnungsprinzip als lebendiger Geist wohnt, und dadurch ist der Kristall ein Symbol der Vereinigung äusserster Gegensätze. Vielleicht ist der Stein für ein Symbol des Selbst auch deshalb besonders geeignet, weil sich sein Wesen am meisten im reinen Sosein äussert. Wie

viele Leute können es auch nicht lassen, auffällige Steine mit nach Hause zu schleppen und dort zu behalten, ohne zu wissen, warum sie das tun. Es ist, als ob diese Steine ein belebendes Geheimnis für sie enthielten. Schon in der ältesten Zeit scheinen die Menschen dies getan und in gewissen Steinen ihre Lebenskraft und ihr Geheimnis gesehen zu haben. Die alten Germanen zum Beispiel glaubten, dass die Seelen der Toten in den Grabsteinen weiterlebten, und unsere Sitte, Steine auf Gräbern zu errichten, stammt teilweise auch von der symbolischen Vorstellung her, dass etwas Ewiges von den Verstorbenen übrig sei, welches sich am besten in einem Stein symbolisieren lässt. So wie das menschliche Wesen einerseits vom Stein vielleicht am allerverschiedensten ist, so scheint umgekehrt der unbewusste Kern des Menschen dem Stein am nächsten verwandt. In ihm symbolisiert sich eine Bewusstseinsform, die Steine wurden oft auch dazu benutzt, um Stätten der Andacht zu kennzeichnen - zum Beispiel der heilige Stein im Tempel von Jerusalem (ganz rechts). Er bildete das Zentrum der Stadt, und die Stadt wurde, wie die mittelalterliche Landkarte, rechts, zeigt, als das Zentrum der Welt angesehen.


eben ein reines Sein ist, jenseits der Emotionen, Phantasien, Gefühle und dem Gedankenstrom des Ichbewusstseins - eine Einheit, die einfach existiert und unveränderlich immer da war und ist. In diesem Sinn symbolisiert der Stein vielleicht das einfachste und zugleich tiefste Erlebnis von etwas Ewigem und Unwandelbarem, das ein Mensch haben kann. Fast in allen Zivilisationen können wir eine Tendenz sehen, berühmten Menschen und Ereignissen ein steinernes Mal zu errichten. Der Stein, den Jakob dort, wo er seinen berühmten Traum hatte, errichtete, wie die Steine, welche das Volk auf die Gräber lokaler Heiliger und Helden legt, zeigen alle diese Neigung im Menschen, eine «ewige» Erfahrung durch einen Stein zu symbolisieren. Kein Wunder, dass in vielen Religionen das Gottesbild oder wenigstens der Ort seiner irdischen Verehrung durch einen Stein markiert ist. Das grösste Heiligtum der Muselmanen ist in Mekka ein schwarzer Stein, die Kaaba, zu dem jeder Mann einmal wallfahrten geht. Christus gilt in der Symbolik der Kirche als «Stein, der von den Bauleuten verworfen wurde»

(Lk. 20, 17), oder als «Fels,"dem das Lebenswasser entquillt» (1 Kor. 10, 4). Die mittelalterlichen Alchimisten, welche noch in vorwissenschaftlicher Art das «Geheimnis der Materie» suchten und darin Gott oder Gottes Wirken zu finden hofften, sahen dieses Geheimnis im sogenannten «Stein der Weisen» verkörpert. Sie ahnten aber bereits, dass dieser gesuchte Stein ein Symbol für etwas sei, das eigentlich nur im Innern des Menschen zu finden ist. Ein arabischer Alchimist, Morienus, schreibt deshalb: «Dieses Ding (der Stein der Weisen) wird aus dir extrahiert, du bist sein Mineral, und du kannst es in dir finden, oder, um es noch klarer zu sagen: sie (die Alchimisten) nehmen es aus dir. Wenn du dies erkennst, wird deine Liebe und Verehrung des Steins noch in dir zunehmen. Wisse, das ist ohne Zweifel wahr.» Der Stein der Alchimie (der Lapis) symbolisiert das in uns, was sich nicht mehr verlieren lässt oder auflösen kann, etwas Ewiges, das darum von vielen mit dem Erlebnis von «Gott im eigenen Seeleninnern» gleichgestellt wird. Meistens braucht es Zeiten von grossem Leiden, bis alles Unwesentliche, den

Links: Der schwarze Stein von Mekka, den Mohammed segnete (arabische HandschrifteniUustration), um ihn in die islamische Religion einzuheziehen. Er wird von vier Stammeshäuptlingen (an den vier Ecken eines Teppichs) in die Kaaba getragen, das Heiligtum, zu dem jährlich Tausende von Moslems eine Pilgerfahrt machen (unten links). Rechts: Ein anderer Symbolstein ist der Stein von Scone (oder Stein des Schick sals), auf dem die schottischen Könige früher gekrönt wurden. Er wurde im 13. Jahrhundert nach England in die Westminsterabtei gebracht, verlor aber nie seine Bedeutung für Schottland. Am Weihnachtsiag 1050 stahl eine Gruppe schottischer Nationalisten den Stein aus der Abtei und brachte ihn nach Schottland zurück. (Im April 1951 wurde er der Abtei wiedergegeben.) Rechts: Eine Touristin küsst den berühmten «Blarney Stone» der irischen Legende. Man glaubt, er übertrage denen, die ihn küssen, die Gabe der Beredsamkeit.


innern Stein Überlagernde, weggeräumt ist; aber es gibt wohl kein Menschenleben, in welches nicht wenigstens einmal ein Erlebnis des Selbst durchgebrochen wäre. Eine religiöse Lebenseinstellung aber wäre eine solche, durch die man dieses Erlebnis wieder zu finden und allmählich festzuhalten versucht (der Stein ist ja eben etwas Dauerndes), so dass es allmählich zum Gegenüber der täglichen Aufmerksamkeit wird. Die Tatsache, dass das höchstwertige und häufigste Symbol des Selbst ein Ding aus anorganischer Materie ist, weist aber noch auf ein weiteres Problem hin, das der Erforschung wartet, nämlich auf die noch ungeklärte Beziehung der unbewussten Psyche zur Materie - ein Problem, mit dem sich besonders die psychosomatische Medizin herumschlägt. Es könnte aber gut sein, dass das, was wir Psyche und Materie nennen, dieselbe unbekannte Wirklichkeit, von innen und aussen gesehen, darstellt. Jung hat in dieses Problemgebiet einen neuen Begriff eingeführt, den er Synchronizität nennt. Dies bezeichnet ein «sinnvolles zeitliches Zusammentreffen» eines inneren mit einem äusseren Ereignis, ohne dass diese zwei Ereignisse kausal voneinander abhängig wären. Die Betonung liegt auf dem Wort «sinnvoll», denn es gibt natürlich viele sinnlose Zufälle. Wenn ein Flugzeug vor mir abstürzt, wenn ich gerade die Nase putze, so ist das eine Koinzidenz ohne jeden Sinn; wenn ich aber in einem Laden ein blaues Kleid bestelle und man mir irrtümlich ein schwarzes schickt, gerade an dem Tage, an dem ein naher Verwandter stirbt, so berührt mich das als «sinnvoller» Zufall. Die zwei Vorfälle sind nicht kausal aufeinander bezogen, sondern nur durch den «Sinn» verbunden, den die schwarze Farbe für unsere Gesellschaft besitzt. Wenn immer Jung solche sinnvollen Koinzidenzen im Leben eines Menschen beobachten k o n n te?- sah er an den Träumen, dass gerade dann auch ein Archetypus im Unbewussten aktiviert war. Im obigen Beispiel wäre es das Thema des Todes, das sich zugleich in den zwei Ereignissen äussert; der gemeinsame Nenner ist das Symbol einer Todesbotschaft.

Wenn wir zu beachten anfangen, dass gewisse Ereignisarten sich gerne zu gewissen Zeiten häufen, so beginnen wir die alten Chinesen zu verstehen, welche ihre ganze Medizin, Philosophie und sogar Architektur und Staatslehre auf einer Wissenschaft der «Koinzidenz» aufgebaut hatten. Die alten chinesischen Texte fragen nicht, wie wir es tun, nach Ursache und Wirkung, sondern was womit zusammenzutreffen beliebt. Dieselbe Idee trifft man in der Astrologie an und in den Orakeltechniken der verschiedensten Kulturen. Indem Jung den Begriff der Synchronizität einführte, bahnte er eine neue Möglichkeit an, die Beziehung von Psyche und Materie zu verstehen, und auf diese Beziehung scheint besonders das Symbol des Steins hinzudeuten. Doch ist dies noch ein Stück völlig unerforsöhter Wirklichkeit, das der Untersuchung zukünftiger Generationen von Physikern und Psychologen harrt. Die Erwähnung der Synchronizität hat uns scheinbar vom Thema abgelenkt, doch musste sie kurz erwähnt werden, weil hier ein Begriff voller schöpferischer Zukunftsmöglichkeiten vorliegt. Zudem kommen synchronistische Ereignisse fast immer während der wichtigsten Phasen des Individuationsprozesses vor. Sie werden nur oft nicht beachtet, weil der einzelne heute noch nicht darauf eingestellt ist, seine Träume und die Aussenweltsereignisse in ihrer Sinngleichheit zu beachten.

Ein Bild des Malers Hans Haffenrichter ähnelt der Struktur eines Kristalls - das, wie ein gewöhnlicher Stein, ein Symbol der Ganzheit ist.

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Die Beziehung zum Selbst

Heute leiden mehr und mehr Menschen, besonders diejenigen, welche durch ihre Arbeit in die Städte gebannt sind, unter einer gelangweilten Leere. Es ist, als ob man immer auf etwas warten würde, das nicht kommt. Kino, Sportanlässe und politische Aufregungen lenken uns zwar eine Weile ab, aber immer wieder kehrt man doch von ihnen wieder müde und enttäuscht in die Öde der eigenen Wohnung zurück. Das einzig lebenswerte Abenteuer kann für den modernen Menschen nur noch innen zu finden sein. In der Ahnung, dass das so ist, wenden sich heute viele dem Yoga und anderen östlichen Lehren zu; aber das ist eigentlich kein Abenteuer, denn da übernimmt man ja nur das schon gewusste Wissen der Inder und Chinesen, aber man begegnet nicht direkt dem eigenen inneren Zentrum. Die Konzentration nach innen ist zwar die gleiche, aber mit dem Unterschied, dass Jung einen Weg zeigt, wie man ohne Vorschriften, allein und frei zu seinem eigenen inneren Wesen gelangen kann. Wenn man der Wirklichkeit des Selbst tägliche Beachtung schenkt, so ist es, als ob man auf zwei Ebenen leben müsste, indem man zwar wie zu-

vor seine Aufmerksamkeit den Aussenweltsaufgaben widmet, zugleich aber auf alle Winke und Zeichen in Träumen und Ereignissen achtet, durch die das Selbst seine Absicht und die Richtung, wohin der Lebensstrom tendiert, kundtut. Alte chinesische Texte, die diese Art von Einstellung schildern, benützen das Bild einer Katze, die vor einem Mauseloch wartet. Die Aufmerksamkeit, so heisst es, soll nicht zu gespannt und nicht zu lau sein. «Wenn man sich in dieser Art übt... so wird es mit der Zeit Frucht tragen, und wenn der rechte Zeitpunkt kommt, so ist es, wie wenn eine reife Melone abfällt - irgend etwas geschieht, welches das geistige innere Erwachen des Individuums auslöst. Dann \vird der Meditierende sein wie einer, der Wasser trinkt, und nur er weiss, ob es kalt oder warm ist. Alle Zweifel schwinden, und er wird sich glücklich fühlen wie einer, der seinen eigenen Vater an der Wegkreuzung antrifft.» So wird man mitten im gewöhnlichen Leben plötzlich in ein erregendes inneres Abenteuer verwickelt, und weil es für jeden einzigartig ist, kann es auch nicht nachgeahmt oder gestohlen werden. Wenn der Mensch den Kontakt mit dem ordnenden Zentrum seiner Seele verliert, so hat dies meistens folgende Gründe: es kann ihn ein einzelner Instinktantrieb oder eine Emotion in eine einseitige Haltung wegschwemmen. Das kann auch bei Tieren vorkommen: ein sexuell erregter Rehbock vergisst oft alle Sicherungstendenzen und sogar den Hunger. Ein solches Weggeschwemmtwerden ist bei primitiven Völkern sehr gefürchtet und wird von ihnen «Seelenverlust» genannt. Eine weitere Form dieser Art


von Störung besteht in übermässigen Tagträumen, welches im geheimen um gewisse Komplexe kreist; dies bedroht die Konzentrationsfähigkeit des Bewusstseins. Ein weiterer Grund ist entgegengesetzter Natur: er besteht in einer übermässigen Verfestigung des Ichbewusstseins. Obwohl nämlich ein diszipliniertes Bewusstsein für fast alle Kulturleistungen erforderlich ist (jeder weiss, was geschieht, wenn ein Bahnschrankenwärter träumt), so hat dies doch auch den Nachteil, dass es die Impulse und Winke des Selbst verdrängen hilft. Darum kreisen die Träume sehr vieler zivilisierter Menschen um das Thema der Wiederherstellung des Kontaktes mit dem Unbewussten und seinem Kern, dem Selbst. Unter den mythologischen Darstellungen des Selbst fällt immer wieder die Betonung der vier Himmelsrichtungen auf, und in vielen Bildern ist der «grosse Mensch» im Zentrum eines viergeteilten Kreises abgebildet - eine Struktur, welche Jung mit dem indischen Ausdruck Mandala (Zauberkreis) bezeichnet hat. Dieses symbolisiert das «Kernatom» der Psyche - über dessen Struktur und Bedeutung wir letztlich nichts wissen. Interessanterweise stellen die Naskapi ihren «Grossen Mann» oft nicht als Menschen, sondern in Mandalagestalt dar. In den östlichen Kulturen werden Mandalabilder hauptsächlich meditativ verwendet, um das innere Gleichgewicht wiederherzustellen. Dem Schüler wird ein künstlerisch und traditionell ausgebautes Mandala vorgelegt, über das er sich besinnen muss. Wie bei allen vorgeschriebenen religiösen Handlungen kann dies jedoch dazu führen, dass es zu einer rein äusserlichen

Das Gefühl der Langeweile, unter dem Stadtbewohner oft leiden, wird nur zeitweilig zerstreut durch Ablenkungen wie Abenteuerfilme (ganz links) und « Vergnügungen» (links). Jung betonte, dass das einzige Abenteuer für den einzelnen die Erforschung des Unbewussten sei. Das Ziel ist die Bildung einer Beziehung zum Selbst. Das Mandala versinnbildlicht die Ganzheit - verkörpert in der Struktur der Kathedrale (rechts) von Brasilia.

Geste wird. Zu seinem Erstaunen entdeckte nun aber Jung, dass solche Mandalabilder auch spontan aus dem Unbewussten auftauchen können bei Menschen, die von solchen Meditationsiibungen keine Ahnung haben, und zwar geschieht dies besonders häufig in Situationen, wo sich der Mensch verwirrt, unglücklich und «in Unordnung» fühlt. Das Auftauchen dieses Symbols bringt meistens ein überwältigendes Erlebnis von innerem Frieden, «Sinn des Lebens» und inneres «In-Ordnung-Kommen» mit sich, auch wenn es spontan in den Träumen moderner Menschen auftaucht, welche von den oben erwähnten religiösen Traditionen nichts wissen ja vielleicht wirkt es dann sogar stärker, weil Tradition und Wissen das Urerleben nicht blokkieren oder abschwächen können. Ein Beispiel bildet der folgende Traum einer sechzigjährigen Frau, der bei ihr als Auftakt zu einer neuen Lebensphase geistiger Produktivität auftrat: Ich sehe eine Landschaft in gedämpftem Licht, im Hintergrund ein sanft ansteigender und auf gleicher Ebene sich fortsetzender Hügelkamm. Auf der steigenden (Horizont-) Linie bewegt sich eine goldglänzende quadratische Scheibe. Im Vordergrund ist dunkle, ungepflügte Erde, welche zu spriessen beginnt. Dann sehe ich auf einmal einen runden Tisch mit einer grauen Steinplatte. Darauf steht im Augenblick, wo ich des Tisches gewahr werde, die goldglänzende Quadratscheibe; auf dem Hügel ist sie verschwunden. Wieso und wie sie (plötzlich) den Platz gewechselt hat, weiss ich nicht.

Landschaften symbolisieren im Traum (wie auch oft in der Kunst) unaussprechliche unbewusste «Stimmungen». Hier weist das gedämpfte Licht dieser Traumlandschaft darauf hin, dass die


Sundmalerei im Heillingsritual der Navaho. Oben: Ein Plan des Mandalas, das der Patient umkreisen muss. Links: Winterlandschaft von C. D. Friedrich. Landschaftsbilder schildern gewöhnlich seelische «Stimmungen».


Helligkeit der Sonne, das heisst des Tagesbewusstseins, des «Ich» abgeblendet ist und dass nun die innere Natur in ihrem eigenen Widerschein aufzuleuchten beginnt. Bisher war das Symbol des Selbst so etwas wie eine ersehnte Ahnung am geistigen Horizont der Träumerin gewesen - doch nun verschiebt es sich und wird zum Zentrum der Seelenlandschaft. Eine einst gesäte Saat fängt gleichzeitig zu spriessen an denn die Träumerin hatte sich schon lange bemüht, ihren Träumen zu folgen -, was nun Frucht zu bringen beginnt. (Man denke auch an die Beziehung des kosmischen Menschen zur Pflanze!) Nun steht die Goldscheibe plötzlich rechts, das heisst am Ort, wo man die Dinge bewusst erkennt. Rechts symbolisiert nämlich meistens: geschickt, bewusst; links: ungeschickt, unbewusst, «sinister». Die goldene Scheibe steht nun auf einem runden Steintisch und wandert nicht mehr herum, das heisst, sie hat eine dauernde Grundlage gefunden. Wie Aniela Jaffe später in diesem Buch ausführt, stellt das Motiv des Runden (das Mandala) im allgemeinen eine natürliche Ganzheit dar, das Viereck hingegen dessen bewusste Realisierung. In diesem Traum kommen die viereckige Scheibe und der runde Tisch zusammen, so dass eine bewusste Einsicht in das Wesen des Selbst stattfindet. Der runde Steintisch spielt eine grosse Rolle in den Mythen, zum Beispiel als Tafelrunde König Arthurs, welche dem Abendmahlstisch nachgebildet war.

Wenn immer ein Mensch sich ehrlich seiner unbewussten Seele und ihrer Erkenntnis zuwendet (nicht aber, wenn man subjektiven Gedanken und Gefühlen nachhängt), indem man ihre objektiven Äusserungen, wie Träume und Spontanphantasien, erwägt, wird früher oder später das Bild des Selbst auftauchen und dem Ich seine Möglichkeiten der Lebenserneuerung schenken. Das schwierigste Problem, das sich in diesem Zusammenhang stellt, ist nun aber die Tatsache, dass alle die genannten Erscheinungsweisen des Unbewussten, das heisst Schatten, Animus, Anima und das Selbst, eine helle und eine dunkle Seite besitzen. Wie wir sahen, kann der Schatten etwas Minderwertiges, zum Beispiel eine verwerfliche oder zu besiegende Triebhaftigkeit, darstellen oder aber ein Stück Leben, das zur Verwirklichung drängt; ebenso haben Animus und Anima die gleiche doppelte Auswirkung: sie können lebendige Weiterentwicklung und Schöpferischkeit oder Erstarrung und Tod mit sich bringen. Und sogar das Selbst, dieses umfassendste Symbol des Unbewussten beziehungsweise der Ganzheit, hat auch einen solchen doppelten Aspekt. Das zeigt zum Beispiel das oben erwähnte Eskimomärchen, in welchem die «kleine Frau» auf dem Mond der Heldin zwar helfen will, sie dabei aber tatsächlich in eine Spinne verzaubert. Ja, man könnte sagen, dass die gefährliche Seite beim Selbst fast am grössten ist, weil es auch die grösste innere Macht darstellt. Die Gefahr

In den Bildern (links) des auf dieser Seite besprochenen Traumes (die die Träumerin selbst gemalt hat) erscheint das Mandalamotiv als Viereck, nicht als Kreis. Gewöhnlich sind viereckige Formen ein Symbol für die bewusste Verwirklichung innerer Ganzheit; die Ganzheit selbst ist meist durch Kreisfiguren dargestellt, wie etwa den runden Tisch, der auch im Traum auftaucht. Rechts: Der legendäre Runde Tisch des Königs Arthur (aus einer Handschrift des 15. Jahrhunderts), an dem der heilige Gral in einer Vision erschien und die Ritter zu der berühmten Suche veranlasste. Der Gral selbst symbolisiert die innere Ganzheit.


besteht wörtlich darin, dass man zur Spinne wird, das heisst, dass man zu «spinnen» anfängt, zum Beispiel von Grössenwahn besessen wird. Voller Erregung glaubt dann ein solcher Mensch, die tiefsten Welträtsel erfasst zu haben, und verliert darüber jede menschliche Anpassung. Ein sicheres Anzeichen hierfür ist der Verlust des Humors und der menschlichen Gemütlichkeit. Grössenwahn, Cäsarenwahn und Heilandswahn entstehen durch eine Identifikation mit dem Selbst, doch kann auch das Umgekehrte geschehen, dass man den Kontakt mit dem Selbst nicht finden kann, weil es von allzu vielen unbewussten Impulsen oder konventionellen Vorurteilen überlagert und verhüllt ist. Darum erscheint das Bild des Selbst in den Mythen oft als eine «schwererreichbare Kostbarkeit». Das Heraufkommen des Selbst kann eben das bewusste Ich des Menschen in ernste Gefahr bringen. Dieser Doppelaspekt des Selbst ist besonders schön in der folgenden Erzählung aus dem alten Iran «Das Geheimnis des Bades Bädgerd» geschildert: Der edle Prinz Hätim Tai erhält von seinem König den Befehl, das Geheimnis des Bades Bädgerd (das ist Burg des Nichtseienden) zu erforschen. Auf seiner Suchwanderung muss er viele gefährliche Abenteuer bestehen, aus denen niemand zuvor je heil davongekommen ist. Endlich gelangt er zu einem Rundbau, in den ihn ein Barbier mit einem Spiegel in der Hand einlässt. Doch sobald er in das Wasser im

Innern steigt, ertönt ein Donnerschlag, Finsternis umhüllt alles, der Barbier ist verschwunden, und das Wasser beginnt unaufhaltsam zu steigen. Hätim schwimmt verzweifelt im Kreise - das Wasser steigt immer weiter und erreicht die Decke, und er glaubt sich verloren. Da betet er zu Gott und greift nach dem runden Stein, der die Kuppel abschliesst-wieder ertönt ein Donnerschlag, alles ist verwandelt, und Hätim steht plötzlich allein in der Wüste. Nach einer neuen mühseligen Wanderung gelangt er zu einem herrlichen Garten, in dessen Mitte ein Kreis von steinernen Statuen steht. Im Zentrum erblickt er in einem Käfig einen Papagei, und eine göttliche Stimme spricht zu ihm: «O Held, du wirst kaum lebend diesem Bad entrinnen. Einst fand Gayomart (der Urmensch) einen riesigen Diamanten, der heller schien als Sonne und Mond. Er beschloss, ihn unauffindbar zu verbergen, und baute deshalb dieses Zauberbad, um ihn zu schützen. Der Papagei hier ist ein Teil des Zaubers. Zu seinen Füssen liegen ein goldener Bogen und Pfeile; dreimal magst du versuchen, den Vogel damit zu treffen; wenn du ihn triffst, ist der Zauberbann behoben, wenn nicht, wirst du versteinert werden wie diese andern hier.» Hätim versucht es zum erstenmal und verpasst das Ziel. Seine Beine werden zu Stein; ein zweites Mal, und er ist versteinert bis zur Brust. Da schliesst er die Augen und ruft: «Gott ist gross!» Er schiesst blind und trifft! Donnerschlag und Staubwolken - als diese weichen, liegt anstelle des Papageis ein riesiger leuchtender Diamant da, und alle Statuen verwandeln sich in lebende Menschen, die ihm für ihre Erlösung danken.

Die Symbole des Selbst sind hier leicht zu erkennen - der Urmensch Gayomart, das runde, mandalaförmige Bad, der Stein in der Dach-

v n f w u & v u t a i n r l M M i u y t i c n w f H H i t t ü n m w


mitte und der Diamant. Doch letzterer ist von Gefahr umwittert; der teuflische Papagei verkörpert einen bösen Geist der Nachahmung, der die Menschen ihr Ziel verfehlen lässt und sie seelisch versteinert; denn, wie zuvor betont, schliesst der Individuationsprozess alles Nachäffen anderer Menschen aus. Immer wieder versuchen die Menschen überall in «äusserer» technischer Nachahmung die innere Erfahrung ihres grossen religiösen Führers, Christus', Buddhas und anderer, nachzuahmen und erstarren seelisch in Formelkram. Die Nachahmung sollte vielmehr darin bestehen, dass man mit gleichem Mut und Aufrichtigkeit den eigenen inneren Weg gehe, wie jene es taten. Der Barbier mit dem Spiegel, der verschwindet, symbolisiert die Gabe der Reüektion, die Hätim verliert, als er ihrer am meisten bedarf - das steigende Wasser die Gefahr, im Unbewussten zu versinken und sich in den eigenen Emotionen zu verlieren. Denn um die Winke des Unbewussten zu verstehen, darf man nicht «ausser sich» geraten; das Ich muss seine Besonnenheit bewahren, denn nur wenn ich ein bewusster Mensch bleibe, kann ich die bedeutungsvollen Inhalte und Winke des Unbewussten realisieren. Doch wie kann ein Mensch diese höchste Erfahrung eines Einsseins mit dem Universum erleben und sich zugleich bewusst bleiben, dass er

Ganz links: Die reissenden Wasser des Flusses- Heraclitos überschwemmen einen griechischen Tempel (auf einem Bild des französischen Malers André Masson). Das Bild kann als Allegorie für die Folgen der Unausgewogenheit betrachtet werden: Die griechische Uberbetonung von Logik und Vernunft (der Tempel) führt zu einem zerstörerischen Ausbruch instinktiver Kräfte. Links: Eine direktere Allegorie (aus einer Illustration zu dem französischen allegorischen Gedicht des 15. Jahrhunderts «Roman de la Rose»): Die Gestalt der Logik (rechts) wird bei der Gegenüberstellung mit der Natur in Verwirrung gebracht.

nur ein kleines Ich ist? Wenn ich mich als statistische Nummer verachte, hat mein Leben keinen Sinn mehr, und wenn ich mich als Teil des Weltganzen erfahre, wie kann ich da meinen irdischen Standpunkt behalten? Diese inneren Gegensätze in sich zusammenzuhalten ist eine der schwierigsten Aufgaben der Individuation.

Unten: Die reuige heilige Maria Magdalena blickt in einen Spiegel (auf einem Gemälde des französischen Malers Georges de la Tour, 17. Jahrhundert). Hier wie in der Erzählung vom Bad Bädgerd symbolisiert der Spiegel die Notwendigkeit aufrichtiger, einsichtiger «Reflektion».


Der soziale Aspekt des Selbst

Wenn man heute von der grossen Übervölkerung, besonders in den Städten, beeindruckt wird, ist es fast unvermeidlich, dass man niedergedrückt denkt, man sei ein Herr oder eine Frau X, an der X-Strasse lebend, wie Tausende anderer, und es würde schon wirklich gar nichts ausmachen, wenn ein paar von dieser Sorte umkämen - es gibt dann noch mehr als genug! Und wenn man in der Zeitung den Tod unendlich vieler Menschen liest, die einem nichts bedeuten, wird dieses Gefühl der sinnlosen Unwichtigkeit des eigenen Lebens noch verstärkt. Das ist der Punkt, wo die Berücksichtigung des Unbewussten die grösste Hilfe bringt, denn die Träume nehmen den Träumer bis in jede Einzelheit seines Tuns hinein ernst und rücken sein Leben in unerwartet bedeutende grössere Zusammenhänge. Was man nur theoretisch weiss, dass es auf den einzelnen ankommt, wird hier erlebnismässig klar. Es wird oft direkt so erlebt, wie wenn der «grosse Mensch» einen ganz persönlich anfordere und bestimmte Aufgaben von einem Verlan-

ge. Das allein kann dem einzelnen die Kraft geben, gegen den Strom der Kollektivurteile zu schwimmen und seine eigene Seele ernst zu nehmen. Natürlich kann dies auch manchmal unangenehm sein, weil es unsere Ichabsichten durchkreuzt. Man will zum Beispiel mit Freunden ausgehen, da verbietet es der Traum und verlangt statt dessen eine schöpferische Arbeit. Deshalb wird die Verpflichtung zur Individuation auch oft als eine schwere Last empfunden. Für diesen Aspekt der Individuation ist die Christophoruslegende eine passende symbolische Geschichte. In seinem übermütigen Kraftgefühl wollte Christophorus nur dem Stärksten dienen. Zuerst verpflichtete er sich einem König; doch als er sah, dass dieser den Teufel fürchtete, dem letzteren. Als er dann sah, dass der Teufel Christus fürchtete, beschloss er, ihm zu dienen, und wartete bei einer Furt viele Jahre lang auf ihn. In einer Sturmnacht verlangte ein kleines Kind, über den Fluss getragen zu werden. Spielend hob er das Kindlein auf die Schultern, aber bei jedem Schritt, den er durch den Fluss tat, wurde es schwerer, bis ihm war, als ob er die ganze Welt trüge. Da merkte er, dass er sich Christus aufgeladen hatte, der ihm darauf Verzeihung seiner Sünden und das ewige Leben schenkte. Das wunderbare Kind ist ein Bild des Selbst, das den natürlichen Menschen buchstäblich «bedrückt» und den es doch auch zugleich als ein-


ziges erlösen kann. In der Kunst ist es oft mit einer Weltkugel abgebildet, was deutlich seine Bedeutung zeigt, denn Kind und Kugel sind allverbreitete Symbole der Ganzheit. Wenn ein Mensch seinem Unbewussten zu folgen versucht, so kann er nicht bloss nicht mehr nur tun, was ihm passt, sondern er kann auch nicht immer das tun, was seine Umgebung von ihm will. Dadurch muss er sich oft aus seiner ursprünglichen Gruppe absondern, um zu sich selber kommen zu können. Infolgedessen behaupten manche, die Berücksichtigung des Unbewussten mache die Menschen asozial und egoistisch. Das ist aber nicht wirklich der Fall, denn es kommt da noch ein weiterer Tatbestand ins Spiel, nämlich der kollektive oder soziale Aspekt des Selbst.

Z)ai Erreichen psychologischer Reife ist eine individuelle Aufgabe - und ist deshalb heute zunehmend schwieriger, da die Individualität des Menschen durch weitverbreitete Konformität bedroht ist. Ganz links: Ein moderner englischer Wohnkomplex mit seinen stereotypen Gebäuden. Links: Eine schweizerische Sportschau bietet ein Bild organisierter Massen. Oben: Eine Seite aus William Blakes «Songs of Innocence andExperience»; die Gedichte offenbaren Blakes Konzept des «göttlichen Kindes» - ein wohlbekanntes Symbol für das Selbst. Rechts: Gemälde aus dem 16. Jahrhundert, das den heiligen Christophorus zeigt, der Christus, das göttliche Kind, trägt (das von einer Weltkugel umgeben ist - einem Mandala und einem Symbol für das Selbst). Diese Last symbolisiert das «Gewicht» des Individuationsproblems - ebenso wie die Rolle des heiligen Christophorus als Patron der Reisenden (ganz rechts: ein ChristophorusMedaillon auf dem Zündschlüssel eines Autos) seine Beziehung zu der menschlichen Notwendigkeit widerspiegelt, den Weg zu psychischer Ganzheit zu gehen.

Wenn ein Mensch seine Träume berücksichtigt, wird er entdecken, dass diese sich oft auch mit den Beziehungen zu den Menschen seiner Umgebung beschäftigen. Die Träume können zum Beispiel davor warnen, einem Menschen zuviel zu vertrauen, oder man träumt eine beglückende Begegnung mit einem Menschen, den man vielleicht bisher aussen völlig übersehen hatte. Allerdings bestehen dann zweierlei Möglichkeiten der Deutung: entweder handelt es sich um eine Projektion, das heisst, das Traumbild jenes Menschen ist ein Symbol für einen inneren Teil des Träumers selber. (Man nennt dies die Deutung des Traums auf der Subjektstufe.) Daneben kommt es aber auch immer wieder vor,


dass Träume uns auch über einen wirklichen Mitmenschen etwas mitteilen, das heisst, der Traum hat eine Bedeutung auf der «Objektstufe». Dadurch spielt das Unbewusste eine bisher kaum in seiner ganzen Auswirkung erfasste Rolle. Der Mensch ist nämlich, wie alle höheren Tiere, unbewusst auf die Äusserungen der ihn umgebenden anderen Wesen «abgestimmt» und nimmt ihre Probleme instinktiv wahr, unabhängig von dem, was sein Bewusstsein darüber denkt. Das Traumleben erlaubt uns einen Einblick in diese unterschwelligen Vorgänge und beeinflusst uns auch. Wenn ich einen beglückenden Traum über einen Menschen meiner Umgebung gehabt habe, werde ich mich unwillkürlich, auch wenn ich den Traum gar nicht deute, für jenen bisher übersehenen Menschen mehr interessieren. Dabei kann mich das Traumbild sowohl im Sinne der Projektion verblenden als auch objektiv informieren. Um dies herauszufinden, bedarf es einer sehr vorsichtig abwägenden Bewusstseinseinstellung. Wie bei allen inneren Vorgängen ist nun aber auch hier das Selbst die letzte übergeordnete Instanz und reguliert deshalb auch die menschlichen Beziehungen. Dadurch kommt es oft dazu, dass sich geistig gleichgestimmte und gleichgesinnte Menschen zusammenfinden - eine Form der Gruppierung, welche oft völlig unabhängig von den äusseren gesellschaftlichen und organisatorischen Gruppierungen dasteht. Das vereinigende Element gründet sich nicht auf die bisher bekannten Beziehungen und Interessengemeinschaften, sondern auf eine gemeinsame Verbundenheit durch das Selbst. Eine allzu grosse soziale Verpflichtung an die ersterwähnten Gruppierungstendenzen ist sogar ausgesprochen schädlich, weil es jenes andere geheime Wirken des Unbewussten beim Zusammenführen der Menschen verhindert. Politische Bearbeitung

Die bew usste Selbstverwirklichung kann unter Menschen eine Verbindung herstellen, die offenkundigere, natürliche Gruppen wie die Familie (oben links) ignoriert. Eine geistige Verwandtschaft auf Bewusstseinsebene kann oft der Kern kultureller Entwicklung sein. Oben: Die französischen Enzyklopädisten des 18. Jahrhunderts (darunter Voltaire, mit erhobener Hand); unten: Bild von «Dadaisten» des frühen 20. Jahrhunderts, von Max Ernst; und Physiker im englischen Wills-Laborutorium.


Die psychische Einheit, die der Mensch heute benötigt, haben in vielen Träumen ihren Ausdruck gefunden durch die Vereinigung des französischen Mädchens mit dem japanischen Mann in dem Film von 1959 «Hiroshima, mon Amour», oben. Und in den gleichen Träumen ist das Gegenteil von Ganzheit (nämlich psychische Dissoziation durch ein Bild aus dem 20. Jahrhundert symbolisiert worden - eine Atombombenexplosion (rechts).

des Massenbewusstseins oder Reklame und Propaganda, welche über reine Wahrheitsmitteilung hinausgehen, sind in diesem Sinne schädlich, sogar wenn sie aus «idealer» Gesinnung betrieben werden. Hier stellt sich natürlich die Frage, ob überhaupt der unbewusste Teil der menschlichen Seele beeinflusst werden könne. Praktisch hat sich gezeigt, dass man seine Träume nicht beeinflussen kann. Es gibt zwar Leute, die behaupten, dass sie dies können, aber bei genauerem Hinsehen tun sie nur das, was ich mit meinem unfolgsamen Hund tue: ich befehle ihm das, wovon ich merke, dass er es sowieso tun will. Nur durch einen langen Auseinandersetzungsprozess lässt sich das Unbewusste stufenweise verändern, gleichzeitig mit einer Änderung des Bewusstseinsstandpunktes. Wenn von Menschen, welche die öffentliche Meinung beeinflussen wollen, Symbole verwendet werden, so sprechen natürlich diese, soweit sie noch einen echten Symbolgehalt haben, die Menschen zunächst an; ob aber das Unbewusste der Leute und ihre Emotionen wirklich anspringen, ist nicht berechenbar. Statistiken über Schlagererfolge haben erwiesen, dass kein Produzent vorauswissen kann, ob ein Produkt «a big hit» wird oder nicht. Das Unbewusste behält offenbar bei

der Masse wie beim einzelnen seine Autonomie. Dieser Punkt wird von den nicht mit dem Unbewussten Vertrauten oft deshalb angezweifelt, weil Träume so häufig Motive enthalten, welchen man gerade vorher am Tage begegnet ist. Wenn man aber genauer hinschaut, sind diese «Tagesreste», wie man sie nennt, meistens verändert oder in ganz andere Zusammenhänge eingebaut. Und ausserdem muss man sich fragen, warum greift der Traum gerade dieses und nicht tausend andere Motive auf, von denen ich auch gelesen habe? Das Unbewusste greift nur solche Bilder und Ereignisse auf, welche in seinen eigenen Bedeutungszusammenhang passen. Ein Mensch, der zum Beispiel seine eigene kindliche Spontaneität verdrängt, mag von einem überfahrenen Kind lesen und dann selber darüber in der nächsten Nacht träumen. Das äussere Ereignis wurde vom Unbewussten übernommen, um symbolisch eine innere Tatsache darzustellen. Dasselbe kann auch mit kollektiven äusseren Inhalten geschehen. Auch da entlehnt das Unbewusste oft Bilder aus der Aussenweltserfahrung, um sich auszudrücken. So habe ich in modernen Träumen oft das Bild des geteilten Berlin angetroffen, als Symbol für den «wunden Punkt» in der eigenen Psyche - für die Stelle des grössten Konfliktes, wo auch deshalb am


ehesten das Selbst auftauchen könnte. Viele Träume handelten auch von dem Film «Hiroshima - mon Amour», und sie enthielten meistens die Botschaft, dass entweder das Liebespaar (des Filmes) zusammenkommen sollte - als ein Bild des Selbst - oder eine Atomexplosion stattfinden werde, als Bild des Wahnsinns und völliger Auflösung. Es sieht dann so aus, als ob solche Filme das Unbewusste beeinflusst haben, aber dies ist nicht der Fall. Nur wenn die Fachleute, welche die öffentliche Meinung manipulieren, wirtschaftlichen Druck oder Gewalt anwenden, können sie eine Zeitlang die Psyche eines Volkes beeinflussen; es bedeutet dies aber nur eine Verdrängung des Unbewussten, die in der Menge zu denselben Folgen wie im Individuum führt: das heisst zu seelischer Krankheit; denn alle Versuche, das Unbewusste auf längere Zeit hin zu verdrängen, müssen scheitern, weil sie instinktwidrig sind. Wir wissen aus Studien über die Vergesellschaftung der höheren Tiere, dass kleinere Gruppen (von zehn bis fünfzig Stück) im allgemeinen die bestmöglichen Lebensbedingungen sowohl für das Einzeltier wie die Gruppe darstellen, und der Mensch scheint hierin keine Ausnahmestellung einzunehmen. Sowohl sein physisches Leben als auch seine geistige und seelische Gesundheit und seine kulturelle Leistung scheinen in einer solchen Schichtung am besten zu gedeihen. Soweit wir heute den Individuationsprozess kennen, neigt das «Selbst» jeweils dazu, solche Gruppenformationen herzustellen, und

Wie in dem auf Seite 223 zitierten Traum sind positive Animafiguren oft hilfreich und leiten die Menschen. Ganz oben: David wird von der Muse Melodia inspiriert (aus einem Psalter des 10. Jahrhunderts). Oben: Eine Göttin rettet einen schiffbrüchigen Seemann (Gemälde aus dem 16. Jahrhundert). Rechts: Die «Lady Luck» (Glücksdame) der Spieler, auf einer Postkarte des frühen 20. Jahrhunderts aus Monte Carlo auch eine hilfreiche Anima.

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Rechts: Die Freiheit, Anführerin der französischen Revolutionäre (auf einem Gemälde von Delacroix), versinnbildlicht die Funktion der Anima, die bei der Individuation hilft, indem sie unbewusste Inhalte freisetzt. Ganz rechts: In einer Szene aus dem Phantasiefilm «Metropolis», 1925, drängt eine Frau roboterähnliche Arbeiter dazu, geistige «Befreiung» zu suchen.


zwar einerseits eine gewisse Gefühlsverbundenheit mit allen Menschen, andererseits eine genau umrissene Gefühlsverpflichtung zu bestimmten anderen Individuen. Nur wenn der Zusammenhalt vom Selbst ausgeht, darf man hoffen, dass Ehrgeizkonflikte, Neid und negative Projektionen nicht die Gruppe sprengen. Das heisst natürlich nicht, dass keine Meinungsverschiedenheiten und Pflichtkonflikte entstehen können, doch sollte sich dann jeder einzelne jeweils affektiv davor zurückziehen und auf seine innere Stimme horchen, um den vom Selbst von ihm geforderten Standpunkt zu finden. Fanatische Parteitätigkeit (nicht die Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten) scheinen daher oft mit dem Individuationsprozess unvereinbar. Ein Mann, der politisch sehr aktiv für die Befreiung seiner Heimat von- einem fremden Regime arbeitete, hatte zum Beispiel folgenden Traum: Ich steige mit Landsleuten die Treppe hinauf auf den Estrich eines Museums, wo ein aussen schwarz bemalter kajütenartiger Saal ist. Von innen öffnet uns eine vornehme Dame mittleren Alters namens X die Türe (X ist ein historischer Freiheitsheld des Landes des Träumers, etwa wie Jeanne d'Are in Frankreich oder Wilhelm Teil in der Schweiz; X war ein Mann, der in Wirklichkeit keine Tochter hatte.) In dem Saal hängen die Porträts zweier adeliger Damen in Brokat und blumengeschmücktem Gewand. Während Frau X diese Bilder erklärt, beleben sie sich - zuerst werden die Augen lebendig, dann beginnt die Brust zu atmen. Erstaunt begeben sich die Leute in einen Vortragssaal, wo Frau X sprechen soll. Sie sagt, dass durch ihre Intuition und ihr Gefühl die Bilder lebendig geworden seien. Die Leute aber sagen empört, X sei wahnsinnig - einige verlassen sogar den Saal.

Das in unserem Zusammenhang wichtige Motiv ist, dass hier die Animafigur, Frau X, eine rein vom Traum erfundene Gestalt ist, welche aber den Namen eines grossen nationalen Freiheitshelden trägt (z. B. wie eine Wilhelmine Teil, Tochter des Teil). Damit sagt das Unbewusste mehr als deutlich aus, dass es heute für diesen Mann nicht mehr darum gehe, wie einst X es tat, seine Heimat aussen befreien zu wollen, sondern dass die Befreiung durch die Anima, die Seele, dadurch geschieht, dass sie die Bilder des Unbewussten aufleben lässt. Dass der Museumssaal wie eine schwarzbemalte Schiffskajüte aussieht, ist auch bedeutungsvoll. Die schwarze Farbe weist auf Nacht, Dunkelheit und Einkehr nach innen, und das Kajütenmotiv macht das Bildermuseum auch zu einem Schiff. Wenn die Festlande des kollektiven Bewusstseins von Unbewusstheit und Barbarei überflutet werden, könnte dieses Museumsschiff der belebten unbewussten Bilder zur rettenden Arche Noah werden, welche diejenigen, die sie-besteigen, zu einem anderen geistigen Ufer tragen könnte. Bilder in einem Museum sind «tote Reste der Vergangenheit», die aber dürch die Beachtung, die ihnen die Anima schenkt, zu neuer lebendiger Bedeutung zurückkehren. Die empörten Leute im Traum stellen eine kollektiv beeinflusste Seite im Träumer selber dar, welche diese Belebung der Seelenbilder mit Ablehnung ansehen. Sie verkörpern seinen Widerstand gegen das Unbewusste, der etwa so lautet: «Das ist ja alles gut und recht, aber wenn dann


die Atombombe fällt, nützt so etwas herzlich wenig.» Diese Seite kann sich von statistischen Vorstellungen und rationalen Vorurteilen nicht freimachen. Der Traum hingegen zeigt, dass heute die eigentliche Befreiung der Menschen nur von einer seelischen Wandlung ausgehen kann. Wozu sein Land schliesslich «befreien», wenn nachher kein seelisches Lebensziel mehr besteht, um dessentwillen die Freiheit gebraucht wird? Wenn der Mensch keinen Sinn mehr im Leben sieht, dann ist es auch gleichgültig, unter welchem Regime des Ostens oder Westens er verkümmert - nur wenn er in der Freiheit etwas Sinnvolles aufbauen kann, ist sie wichtig. Darum ist das Finden eines inneren Lebenssinnes für den einzelnen wichtiger als alle anderen Belange. Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch die bei uns heute üblichen Mittel ist auf zwei Faktoren aufgebaut: auf statistischen Erhebungen über kollektive Strömungen einerseits und auf den unbewussten Komplexen, besonders dem Machtkomplex und Projektionen der Manipulanten der öffentlichen Meinung andererseits. Die Statistik wird jedoch dem Individuum nicht gerecht: wenn die Durchschnittsgrösse von Steinen in einem Haufen fünf Kubikzentimeter beträgt, so wird man doch kaum je einen Stein dieser Grösse im ganzen Haufen antreffen! So kann auch die differenzierteste Wahrscheinlichkeitsrechnung das Einmalige nicht erfassen; denn Wahrscheinlichkeit setzt auch Unwahrscheinliches voraus, und eben im «Unwahrscheinlichen» liegt oft das individuelle Element des Menschen und seines Schicksals begründet. Nur eine Weltsicht, die das Regelmässige oder Wahrscheinliche und die Ausnahme gelten liesse, könnte diesem Tatbestand gerecht werden. Dass deshalb alle Versuche, die öffentliche Meinung zu manipulieren, nicht viel Gutes erzeugen können, ist klar. Wenn hingegen ein einzelner seinen Individuationsweg wirklich beschreitet, so hat er eine im positiven Sinn ansteckende Wirkung auf die Menschen in seiner Umgebunges ist, wie wenn ein Funke überspringt, am meisten, wenn es ohne viele Worte geschieht und wenn keine bewusste Bearbeitung beabsichtigt ist.

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Sozusagen alle Religionen der Erde enthalten Symbole, welche den Individuationsprozess oder wichtigste Phasen desselben veranschaulichen. Das Selbst ist im christlichen Bereich, wie erwähnt, in den «zweiten Adam», das heisst Christus, projiziert, im Osten ist es Krishna oder Buddha. Diese Gestalten stellen für den einzelnen das Modell der umfänglicheren Persönlichkeit dar, dem er nachzuleben versucht. Und man findet auch bei vielen Menschen Träume, in denen diese Gestalten als wegleitende Berater auftreten. Überhaupt findet bei Menschen, welche in ihrer Religion noch enthalten sind, das heisst, an ihre Inhalte und Lehren «glauben», die seelische Regulierung ihres Lebens durch die religiösen Symbole statt. Auch ihre Träume ranken sich oft um diese. So träumte zum Beispiel eine katholische Frau sofort nach der Deklaration der Himmelfahrt Mariä, sie sei eine katholische Priesterin. Ihr Unbewusstes dachte gleichsam den dogmatischen Gedanken in diesem Sinn weiter: «Nun ist Maria fast eine Göttin, also sollte sie auch Priesterinnen haben.» Eine andere Katholikin, die eine gewisse Kritik gegen kleinere Nebenaspekte ihres Glaubens hegte, träumte, dass die Kirche ihrer Heimatstadt abgerissen und neu aufgebaut war. Doch das Tabernakel mit der geweihten Hostie und die Statue der Gottesmutter sollten von der alten in die neue Kirche gebracht werden. Dieser Traum zeigt, dass die vom Menschen gemachten Aspekte ihrer Religion einer Erneuerung bedurften, dass aber die tiefsten Bilder, die Menschwerdung Gottes und die Grosse Mutter, die Wandlung ihres Glaubens überleben würden. Solche Träume zeigen die lebendige Anteilnahme des Unbewussten an den religiösen Vorstellungen des Individuums. Dies aber wirft die Frage auf, ob wir eine allgemeine Tendenz in den religiösen Träumen des modernen Menschen finden könnten. Jung hat in den Träumen unserer heutigen christlichen (protestantischen und katholischen) Kultur relativ oft eine Tendenz festgestellt, welche dahin geht, das trinitarische Gottesbild durch ein viertes Element zu ergänzen, welches in Richtung des W'eiblichen, Dunklen, der Materie oder des Bösen hinzielt. Man findet zum Beispiel Träume,


in denen es darum geht, dass der Teufel erlöst werde, oder Maria fährt in den Himmel in Gestalt eines nackten Negermädchens, oder eine Nonne träumt, man müsse das Wasser, das im Abendmahl dem Wein beigemischt werde, besser verstehen, das heisst die menschliche Natur Christi. Dieses aus der Trinität ausgeschlossene Vierte hat natürlich immer bestanden, blieb aber in unseren bewussten Vorstellungen vom Gottesbild getrennt und wurde mehr als Gegenpol angesehen (zum Beispiel als Teufel, den Herrn dieser Welt). Heute scheint aber das Unbewusste diese Spaltung des Gottesbildes wieder zusammenbringen zu wollen. Natürlich ist das zentrale Symbol jeder Religion, das Gottesbild und das Mandala, solchen unbewussten Wandlungstendenzen besonders ausgesetzt. Ein lamaistischer Abt erklärte einmal Jung, dass die eigentlichen Mandalas individuell durch Imagination (gerichtete Phantasietätigkeit) aufgebaut würden, wenn eine Störung des seelischen Gleichgewichtes in der Gruppe vorliege oder ein Gedanke nicht gefunden werden könne und deshalb gesucht werden müsse, weil er in der heiligen Lehre nicht enthalten sei. Damit sind gleichzeitig zwei grundlegende Aspekte des Mandalasymbols erwähnt: das Mandala dient einerseits einem konservativen Zweck der Wiederherstellung alter Ordnung und andererseits einem schöpferischen Zweck: der Gest alt werdung von etwas noch nicht Existierendem. Der letztere

Aspekt steht nicht im Gegensatz zum ersteren, weil in den meisten Fällen eine Wiederherstellung der alten Ordnung nicht ohne gleichzeitige Neuschöpfung erreicht werden kann. Im Neuen kehrt das Ältere gleichsam auf höherer Stufe wieder, so wie eine Spirale, immer wieder zum gleichen Punkt zurückkehrend, in bestimmter Richtung weiterwächst. Ein Bild, das eine einfache, protestantisch erzogene Frau malte, zeigt gerade ein solches spiraliges Mandala. Diese Frau hatte in einem Traum den Befehl erhalten, die Gottheit zu malen, und dann sah sie (im Traum) das Bild in einem Buch: von Gott sah sie nur den wehenden Mantel, der sich in seiner Bewegung von einer Spirale im Hintergrund abhob. Die andere Figur auf dem Fels sah die Träumerin nicht klar. Als sie erwachte, realisierte sie in einem plötzlichen Schock, dass dies «Gott selber sei». Meistens wird der Heilige Geist in der christlichen Kunst als Feuerflamme oder Taube dargestellt, doch hier ist er durch eine Spirale veranschaulicht. Dies ist zum Beispiel solch ein «neuer Gedanke, der noch nicht in der Lehre enthalten ist» und spontan aus dem Unbewussten auftauchte. Dass der Heilige Geist jeweils in Richtung neuer Entwicklungen drängt, ist keine neue Idee, wohl aber seine Darstellung als Spirale. Dieselbe Frau malte nach diesem Bild noch ein zweites, welches ebenfalls auf einen Traum zurückging. Es soll den verdunkelnden Flügel Sa-

Diese Marienstatue aus dem 15. Jahrhundert enthält Darstellungen von Gott und Christus - ein klarer Ausdruck für die Tatsache, dass die Jungfrau Maria als eine Repräsentation des Archetyps der «Grossen Mutter» verstanden werden kann.

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Eine Miniatur aus dem französischen «Stundenbuch» des 15. Jahrhunderts, die Maria mit der Heiligsten Dreifaltigkeit zeigt. Das katholische Dogma von der Himmelfahrt der Heiligen Jungfrau, in dem erklärt wurde, dass Maria als «domina rerum», als Königin der Natur, in den Himmel aufgenommen worden sei, hat die Trinität sozusagen vierfältig gemacht, was dem grundlegenden Archetyp der Vollkommenheit entspricht.

tans darstellen, der sich auf Jerusalem, die Wirkstätte Christi, herabsenkt. Der Flügel erinnert in seiner gebrochenen Form an den Mantel Gottes des vorhergehenden Bildes. Beim ersten Bild ist der Beschauer irgendwo hoch oben in der Luft, vor ihm ein unheilbarer Riss zwischen Felsklüften. Der wehende Mantel Gottes reicht nicht ganz hinüber zu Christus. Das zweite Bild ist von der Erde her gesehen: auf zwei zuschauende Menschen (die

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Frau und ihr positiver Animus) senkt sich ein Gebilde, das wie eine dunkle Variante des Gottesmantels wirkt. Von einem höheren Standpunkt besehen ist somit das, was sich flatternd ausbreitet, ein Teil der Gottheit, über dem sich im Bild die Spirale, das heisst ein Bild höherer Entwicklungsmöglickeit, aufrichtet - von der menschlichen Realität her gesehen ist dasselbe in der Luft Wehende ein dunkler, unheimlicher Teufelsflügel. Wenn wir diese Andeutung des Unbewussten zu Ende denken, so rücken die Gegensätze von Gut und Böse, Hell und Dunkel im Bild des Selbst näher zusammen, als es unser Bewusstsein sieht. Die Bilder haben aber auch einen das Persönliche überragenden Sinn; sie prophezeien das Herabsinken einer Gottesfinsternis auf die christliche Welt, eine Finsternis, hinter welcher sich jedoch die Möglichkeit einer Weiterentwicklung ankündigt. Die Achse der Spirale zielt nicht in die Höhe, sondern in die Richtung des Bildhintergrundes. Damit sagt das Bild aus, dass die Weiterentwicklung des Selbstsymboles in die Tiefe und in den Hintergrund hin tendiert. Sie führt weder in die Höhe des Geistes noch in den unteren Bereich der materiellen Wirklichkeit, sondern in eine weitere Dimension, das heisst, in das Unbewusste. Wenn aus dem Unbewussten eines einzelnen Menschen solche religiösen Symbole auftauchen, so bewirkt diese Tatsache bei manchen Menschen eine tiefe Beunruhigung; sie bekommen Angst, dass dadurch die offiziell anerkannten religiösen Symbole und Lehren auf unrechte Weise verändert oder relativiert werden könnten. Daraus entspringt sogar oft eine Ablehnung der Psychologie des Unbewussten. Vom psychologischen Standpunkt her besehen wäre demgegenüber folgendes zu sagen: Es gibt in bezug auf ihren religiösen Standpunkt heute dreierlei Menschenarten. Eine erste Gruppe besteht aus denjenigen, welche ihre eigene Religion noch wirklich glauben. Die Bilder und Lehren leuchten ihnen unmittelbar ein, und zwar so direkt und lebendig, dass sich gar keine Zweifel einschleichen können. Das ist dann der Fall, wenn eine relativ starke Übereinstimmung der bewussten Anschauungen mit dem unbewussten Hintergrund vorliegt. Solche Leute können es sich lei-


sten, psychologische Tatbestände vorurteilslos an sich herankommen zu lassen, ohne fürchten zu müssen, ihren «Glauben» zu verlieren. Wenn auch vielleicht ihr Traumleben in Einzelheiten «unorthodox» erscheint, können diese Einzelheiten doch ohne grosse Schwierigkeiten in die bestehenden Anschauungen eingebaut werden. Eine zweite Gruppe von Menschen hat ihren «Glauben» verloren und durch irgendeine rein bewusste, verstandesmässige Weltanschauung ersetzt. Für solche ist die Psychologie des Unbewussten einfach eine Einführung in völlig neuzuentdeckendes Land, und es wird einem solchen Menschen keine Schwierigkeiten bereiten, sich liuf diese Unternehmung einzulassen. Allerdings sieht man in der praktischen Wirklichkeit doch oft, dass auch diese Leute sich gegen eine Begegnung mit dem Unbewussten wehren. Ihr Rationalismus ist nämlich geheimerweise ein fanatischer «Glaube», fast wie eine religiöse Überzeugung. Solche Leute tun, als ob sie wissenschaftlich objektiv eingestellt wären, sind es aber gar nicht, sondern gehören zu der nächsten zu erwähnenden Gruppe. Daneben gibt es nämlich eine grosse Gruppe von Menschen, welche einerseits «im Kopf» ihre angestammte Religion nicht mehr glauben und andererseits in einem anderen Teil ihres Wesens doch noch halb «glauben». Ein Beispiel ist der französische Philosoph Voltaire, der zwar

aufklärerisch gegen die katholische Kirche wetterte («Ecrasez l'infâme!»), sich aber nach gewissen Berichten vor seinem Tode unter Furcht und Zittern versehen liess. Sein Kopf war glaubenslos, sein Gefühl hingegen katholisch-orthodox. Diese Leute erinnern an solche, die zwischen den automatischen Klapptüren eines Autobus steckengeblieben sind und weder in den Bus hinein noch nach aussen gelangen können. Zwar hätten auch ihre Träume etwas gerade zu diesem Problem zu sagen, doch hatten sie oft Mühe, sich dem Unbewussten zuzuwenden, weil sie in sich selber über alles, was sie wollen, uneins sind. Letzten Endes ist eben die ernsthafte Berücksichtigung des Unbewussten eine Frage des persönlichen Mutes und der Integrität des einzelnen. Die komplizierte Lage dieser im Zwischenreich Befangenen ist zum Teil dadurch bedingt, dass die kollektiven religiösen Lehren heute zum kollektiven Bewusstsein (was Freud das Über-Ich nennt) gehören, früher jedoch einmal dem Unbewussten entsprungen waren. Dies wird zwar von vielen Historikern und Theologen bestritten; sie nehmen statt dessen an, dass eine Art von «Offenbarung» stattfand. Viele Jahre lang habe ich nach einem Beweisstück für die Jungsche Auffassung gesucht, doch sind sie schwer zu finden, weil fast alle religiösen Riten so alt sind, dass man ihren Ursprung nicht mehr sieht. Das folgende Beispiel scheint mir jedoch ein rela-

Illustrationen zu den auf Seite 225/26 erörterten Träumen: links: die Spirale (eine Form des Mandala) stellt den Heiligen Geist dar; rechts: der dunkle Flügel Satans, aus dem zweiten Traum. Keines von beiden Motiven würde den meisten Menschen ein vertrautes religiöses Symbol bedeuten (auch dem Träumer nicht); beide tauchten spontan aus dem Unbewussten auf.


tiv guter Hinweis darauf zu sein, wie Riten entstehen können: Ein erst kürzlich verstorbener Medizinmann der Ogalala-(Sioux-)Indianer namens «Schwarzer Hirsch» erzählt in seiner Autobiographie, wie er mit neun Jahren schwer erkrankte und im Fieber eine ungeheuer eindrückliche Vision hatte: Er sah, wie vier Gruppen herrlicher Pferde aus den vier Weltgegenden heransprengten, und dann sah er auf Wolken thronend die sechs Grossväter der Welt, die Ahnengeister des Stammes. Sie schenkten ihm sechs heilende Symbole für sein Volk und zeigten ihm einen neuen Lebensweg. Als er sechzehn Jahre alt wurde, bekam er plötzlich eine schreckliche .Gewitterangst; immer wenn es donnerte, hörte er Stimmen, welche sagten: Beeile dich, beeile dich! Es erinnerte ihn an das Donnern der Pferdehufe in der Vision. Ein alter Medizinmann half ihm hierauf durch die Erklärung, dass diese Angst davon käme, dass er die Vision für sich behalten habe; er müsse sie seinem Volke mitteilen. Dies tat er, und der Stamm führte die Vision in Wirklichkeit mit Pferden als ein Ritual auf. Schwarzer Hirsch und viele seiner Leute versicherten, dass dies eine heilende Wirkung auf sie ausübte... «Sogar die Pferde schienen glücklicher und gesünder als zuvor.» Die Aufführung des Traumes wurde vom Stamm nur deshalb nicht wiederholt, weil er bald darauf von den Weissen vernichtet wurde. Doch bei einem Eskimostamm vom Colville-Fluss in Alaska wird der Ursprung ihres «Adlerfestes» folgendermassen erzählt: Ein junger Jäger erschoss einst einen schönen Adler, der ihn so sehr beeindruckte, dass er ihn ausstopfte und ihm Opfergaben brachte. Als er eines Tages im Schneesturm jagen ging, tauchten plötzlich zwei Tiermenschen vor ihm auf, die sich als Boten der Adlerwelt ausgaben und ihn mitschleppten. Da hörte er eine Art von Trommeln, und sie sprachen zu ihm: «Das ist ein Mutterherz, das schlägt.» Hierauf erschien eine schwarzgekleidete Frau, die Mutter des Adlers, und verlangte von ihm, er solle zu Ehren ihres toten Sohnes das Adlerfest bei seinen Leuten einführen. Nachdem sie ihm gezeigt hatte, wie das Fest gefeiert werden sollte, fand er sich plötzlich erschöpft an

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dem Ort im Schnee liegen, wo er die Boten zuerst angetroffen hatte. Da lehrte er sein Volk das Fest zu feiern, wie sie es bis heute noch tun. Diese zwei Beispiele zeigen, wie ein Ritual oder religiöser Brauch direkt aus einer Erfahrung des Unbewussten eines einzelnen entspringen und dann das Leben eines ganzen Stammes formen kann. Dabei werden solche Bräuche, wenn sie wiederholt werden, im Laufe der Zeit immer wieder neu gestaltet und verfeinert, bis sie mehr oder weniger fixiert werden. Dieser Kristallisationsprozess hat jedoch auch Nachteile, weil mehr und mehr Leute dadurch die Urerfahrung vergessen und nur noch glauben, was man ihnen davon erzählt; ja, sie betrachten dann sogar weitere Neuschöpfungen des Unbewussten als gefährliche Blasphemie. Dies ist auch heute bei uns weitgehend der Fall. Obwohl das Christentum die unsterbliche Seele des einzelnen Menschen besonders hoch zu werten scheint, darf man das gar nicht allzu praktisch verstehen, weil sonst viele schockiert reagieren. Manchmal verteidigen Theologen sogar ihre echten religiösen Symbole und symbolischen Lehren gegen die von ihnen als bedrohlich erlebte religiöse Funktion der Seele und vergessen, dass ihr verteidigtes Gut gerade eben dieser Funktion sein Dasein verdankt; denn ohne eine menschliche Psyche, welche «göttliche» Einwirkungen empfangen und gestaltet hat, ist noch kein religiöses Symbol in die für den Menschen existierende Wirklichkeit gelangt. (Man denke nur an die Propheten oder Evangelisten.) Wenn demgegenüber behauptet wird, es gäbe solche religiöse Wirklichkeiten an sich, unabhängig von einer menschlichen Seele, so kann man nur fragen: Wer behauptet das, wenn nicht eben eine menschliche Seele? Über letztere können unsere Aussagen eben nie hinwegspringen, weil sie unser einziges Organ der Wirklichkeitserfassung ist. So geht durch die moderne Entdeckung des Unbewussten irgendwo für immer eine Türe zu, gegen jene illusionäre geistige Wirklichkeit «an sich», welche sich unser Ich so gerne vorstellt. In der modernen Physik ist diese Türe gleichzeitig auch zugegangen, nämlich gegen die Illusion, dass wir die «physikalische Wirklichkeit an sich»


je einmal erfassen könnten. Dafür aber öffnet die Entdeckung des Unbewussten ein unabsehbar vielfältiges und in seinen Grenzen nicht absteckbares neues Wirklichkeitsfeld, worin sich objektive Forschung und persönliches ethisches Abenteuer in seltsamer Art kombinieren. Möglicherweise wird die Anerkennung dieser Tatsache dazu führen, eine völlig neue Art «Wissenschaft» zu treiben, denn das Gefühl, die Funktion der moralischen Wertung, kann dann nicht mehr ausgeschaltet werden wie bisher. Allerdings ist die Mitteilbarkeit dieses Weges im neuen Feld nur relativ, weil vieles davon einzigartig und darum von Mensch zu Mensch durch die Sprache nicht restlos übertragbar ist. Auch hier geht wieder eine Türe zu gegenüber der Illusion, man könne andere Menschen ganz ver-

Dieses Bild von Erhard Jacohy veranschaulicht die Tatsache, dass jeder von uns die Welt ein wenig anders sieht als der andere, da jeder sie durch seine individuelle Psyche betrachtet. Der Mann, die Frau und das Kind sehen die gleiche Szene; aber für jeden sind verschiedene Einzelheiten klar oder verdunkelt. Nur durch unsere bewusste Wahrnehmung existiert die Welt «aussen»: Wir sind umgeben von etwas vollständig Unbekanntem und Unerkennbarem (das hier durch den grauen Hintergrund des Bildes dargestellt wird).

stehen und ihnen das «Richtige» vorschreiben; doch gleichzeitig öffnet sich hier auch als Ausgleich ein neuer weiter Bereich: nämlich die Entdeckung einer in vielen einzelnen Menschen sich auswirkenden vereinigenden Funktion des Selbst. An Stelle des heute vorherrschenden Wortgeschwätzes und des Intellekts tritt dann etwas wie ein im Wesentlichen verlaufendes seelisches Geschehen, dem das Bewusstsein des einzelnen zur Verwirklichung dient. Wie sich dies im Bereich der geistigen und sozialen Entwicklung der Menschen auswirken wird, wissen wir nicht. Doch eines scheint mir sicher zu sein: Jungs Entdeckung des Individuationsprozesses wird von den zukünftigen Generationen, falls sie eine regressive Stagnation vermeiden wollen, als Tatsache beachtet werden müssen.


Aniela Jaffe Bildende Kunst als Symbol Richard Lippold: Die Sonne, Drahtplastik


Sakrale Symbole der Stein und das Tier

Der ganze Kosmos ist ein potentielles Symbol. Wie die Symbolgeschichte zeigt, kann alles eine symbolische Bedeutung annehmen: das Reich der Natur mit Stein, Pflanze, Tier und Mensch, mit Licht und Gestirnen, Berg und Tal sowie den vier Elementen; vom Menschen geschaffene Dinge, wie Gefäss, Schiff und Tisch, Turm und Haus, Ring und Schwert, und schliesslich auch geometrische Formen, wie Dreieck, Quadrat, Kreis und Punkt, sowie ihre numerischen Äquivalente, die Zahlen. Die Wahl der hier behandelten Symbole erfolgte nicht zufällig: die Motive des Tiers, des Steins und des Runden sind weit verbreitet und psychologisch von besonderer Bedeutung. In den Kapiteln über «Moderne Malerei» geht es nicht um die Deutung einzelner, vom Künstler dargestellter Symbole; vielmehr soll versucht werden, die «Moderne Malerei» als solche in ihrem Symbolcharakter zu verstehen. Seit ältesten Zeiten spielte der natürliche Stein eine Rolle als Kunstwerk. Die rohen, unbehauenen Steine, welche in primitiven Kulturen als Grabmäler und Wegweiser, als Geisterstätten und Objekte kultischer Verehrung vorkamen oder heute noch vorkommen, können als eine Urform des plastischen Kunstwerks betrachtet werden. Es sind erste Versuche, den Stein, das Naturgebilde, aus derursprünglichen Umgebung herauszulösen und ihm durch Aufrichten oder Placierung an einem besonderen Ort einen Charakter zu verleihen, der mehr ausdrückt als seine ursprüngliche und natürliche Zufallsform. Für den primitiven Menschen scheint dieser Prozess, das Herauslösen des beliebigen Steins aus der Natur und seine Erhöhung, Folge oder Ausdruck religiösen Erlebens gewesen zu sein. Die Geschichte von Jakobs Traum im 28. Kapitel der Genesis enthält ein Beispiel: 217


Jakob machte sich auf den Weg nach Haran. «Da traf es sich, dass er an die (heilige) Stätte (von Bethel) kam, und er bliebdaselbst über Nacht; denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen von den Steinen der Stätte, tat ihn unter sein Haupt und legte sich an dieser Stätte schlafen. Da träumte ihm, eine Leiter sei auf die Erde gestellt, die mit der Spitze an den Himmel rührte, und die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und siehe, der Herr stand vor ihm und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks; das Land, auf dem du ruhst, will ich dir und deinen Nachkommen geben ... Als Jakob von seinem Schlaf erwachte, sprach er: <Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.) Und er fürchtete sich und sprach: <Wie furchtbar ist diese Stätte! Hier ist die Pforte des Himmels.) Am anderen Morgen aber in der Frühe nahm Jakob den Stein, den er unter sein Haupt gelegt hatte, richtete ihn auf als Malstein und goss Öl obendrauf. Er nannte den Ort Bethel...»

Für Jakob ist der Stein an seinem Offenbarungstraum unmittelbar beteiligt. Er hat Symbolcharakter erhalten. Darum richtet er ihn auf, opfert auf ihm und macht ihn zum Heiligtum. In vielen primitiven Steinheiligtümern wurde nicht nur ein einzelner Stein aufgerichtet, sondern eine grosse Zahl von Steinen oder Felsbrocken wurde nach bestimmten Grundplänen angeordnet, zum Beispiel in Steinalleen wie in der Bretagne oder in Steinkreisen wie in Stonehenge. Auch in den japanischen Steingärten des Zen-Buddhismus, Zeugnissen einer alten Kulturtradition, handelt es sich um differenzierte künstlerische Gestaltungen. Anstelle des geometrischen Grundplanes tritt hier eine anscheinend dem Zufall abgelauschte Gruppierung, die jeLinks oben: Steinallee in Carnac, Bretagne, um 2000 v. Chr. Natursteine wurden in Reihen, wahrscheinlich zu rituellen Zwecken, aufgestellt. Links: Natursteine auf geharktem Sand (aus dem Ryoanji-Tempel, Japan). Die anscheinend zufällige Gruppierung ist A usdruck einer verfeinerten Geistigkeit. Rechts: Prähistorischer Menhir, durch eingeritzte Linien als weibliche Figur (wahrscheinlich als eine Muttergöttin) gekennzeichnet. Rechts aussen: Plastik von Max Ernst (geb. IS91). Die natürliche Gestalt des Steins blieb fast unangetastet.

doch den Eindruck von Ordnung und Harmonie vermittelt. Ein altes japanisches Geheimbuch über Steingärten enthält den Schlüssel zum Verständnis: der Mensch müsse, so heisst es, den Stein meditieren, bevor er ihn aufrichte oder an seinen Platz bringe. Einmal hingelegt oder aufgerichtet, dürfe er nicht mehr bewegt werden; denn ein solches Tun könnte den ihm einwohnenden Geist stören oder reizen1. Vom psychologischen Gesichtspunkt aus stellt der «Geist des Steins», von dem hier die Rede ist und dem der Mensch so ehrfurchtsvoll begegnen muss, den Ausdruck seiner Belebung durch den Menschen selber dar. Was ihn anscheinend belebt, ist ein in ihn projizierter Inhalt des Unbewussten, ein archetypisches Bild des Geistes. Dass solche Projektionen nicht gemacht, sondern vorgefunden werden, dass sie also unbewusst geschehen, ist psychologisches Gesetz. Die Tendenz, den Stein als solchen wirken oder es bei umrisshaften Andeutungen der figürlichen Darstellung bewenden zu lassen, findet sich auch in unserem Jahrhundert. Auch in der heutigen Kunst gibt es Beispiele dafür, dass es dem Künstler vor allem auf die «Selbstaussage» des Steins ankommt; dass ihm - in der Sprache des Mythus - daran gelegen ist, den «Geist im Stein» sprechen zu lassen. Solche Skulpturen finden sich im Werk von Hans Aeschbacher, James Rosati, Max Ernst und anderen. In einem Brief an Carola Giedion schrieb Max Ernst 1935 aus Maloja: «Alberto (Giacometti) und ich sind vom


plastischen Fieber befallen. Wir bearbeiten grosse und kleine Granitblöcke aus den Moränen des Fornogletschers. Durch Zeit, Eis und Wetter wunderbar abgeschliffen, sehen sie schon an sich phantastisch schön aus. Da kann die Menschenhand nicht mit. Warum also nicht die grosse Arbeit den Elementen überlassen und uns begnügen, runenartig unsere Geheimnisse in sie einzuritzen?...» 2 Was mit dem Geheimnis gemeint ist, wird nicht ausgesprochen. Im letzten Kapitel unseres Aufsatzes wird sich jedoch zeigen, dass die «Geheimnisse» der modernen Künstler von denen der alten Meister, welche den «Geist des Steins» meinten, gar nicht so sehr verschieden sind. Religion und Kunst sind auch in frühen Tierdarstellungen eng verbunden. Tierdarstellungen reichen bis in die Eiszeit (60000 bis 10000 v. Chr.) zurück. Als sie Ende des letzten Jahrhunderts in den Höhlen von Frankreich und Spanien entdeckt wurden, war man so überrascht und konnte sie so wenig in die damalige Anschauung der Kunstgeschichte einordnen, dass man sie kurzerhand für moderne Fälschungen erklärte. Erst in diesem Jahrhundert erkannte die Forschung ihre ausserordentliche Bedeutung und ist ihrem Sinn auf die Spur gekommen. Neue Funde wurden auch in anderen Ländern gemacht, und Ausblicke eröffneten sich auf eine unendlich weit zurückliegende prähistorische Kultur, von deren Existenz man zuvor nichts geahnt hatte. Auch heute noch scheint den Höhlen, in wel-

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chen sich die Malereien und Felszeichnungen befinden, ein eigenartiger Zauber anzuhaften. Der Kunsthistoriker Herbert Kühn berichtet 3 , er habe bei dem Besuch der Felsdarstellungen in Afrika, Spanien, Frankreich, Skandinavien immer wieder Menschen angetroffen, die nicht zu bewegen waren, sich auch nur in ihre Nähe zu begeben. Eine religiöse Scheu, die Furcht vor Geistern, die angeblich in den Höhlen wohnten, hielt sie davor zurück. Andererseits legen auch heute noch vorüberwandernde Nomaden ihre Opfergaben vor die alten Felsmalereien Nordafrikas. Unverändert werden die Höhlen und Felsen mit den Bilddarstellungen als das empfunden, was sie ursprünglich waren: als religiöse Stätten. Das Numen des Ortes hat sich durch die Jahrtausende erhalten. In vielen Höhlen ist ein langer und beschwerlicher Weg durch niedere, dunkle und feuchte Gänge zurückzulegen, bis plötzlich der Raum sich weitet und man wie in einem «Saal» den bemalten Wänden gegenübersteht. Der Weg und sein überraschendes Ziel müssen auf den primitiven Menschen einen ungeheuren Eindruck gemacht haben. Man vermutet, dass alles, was sich in dem «Saal» befand und vollzog, als ein kultisches Mysterium erlebt wurde. Dabei mögen die Mühsal des Weges und die Verborgenheit der Höhlen als ein Schutz des Geheimnisses gedacht worden sein. Die Höhlenbilder der Steinzeit stellen fast ausschliesslich Tiere dar, deren Bewegungen oder Stellungen der Natur abgelauscht und mit hoher


Links aussen: Tier dar Stellungen in der Höhle von Lascaux. Diese Bilder dienten nicht nur als Schmuck, sondern hatten auch eine magische Funktion. Links: Zeichnung eines Bisons mit Einschusslöchern, die auf einen Analogiezauber weisen: die rituelle «Tötung» des Bildes sollte das Erlegen des Jagdwildes vorwegnehmen. Noch heute wird die Zerstörung eines Denkmals als symbolische Tötung aufgefasst. Rechts: Eine im ungarischen Aufstand (1956) zerstörte Stalin-Büste. Rechts aussen: Die Aufständischen hängten die Büste des stalinistischen Premierministers Rakosi an einem Laternenpfahl auf

künstlerischer Begabung ausgeführt sind. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass es sich um noch anderes handelte als um naturalistische Abbilder der Wirklichkeit. Kühn schreibt: «Das Seltsamste ist, dass auf manche Bilder geschossen worden ist. In Montespan sieht man die Gravierung eines Pferdes, das auf einen Wildzaun zugetrieben wird; es ist von Hunderten von Einschusslöchern durchbohrt. Die Skulptur eines Bären in derselben Höhle trägt zweiundvierzig Einschusslöcher. In der Höhle von Trois Frères sind solche Löcher auf das Bild eines Bären eingezeichnet worden; der Bär senkt den Kopf zu Boden, und aus der Schnauze fliesst Blut.» Zahlreich sind die Varianten, welche den Vorgang des Tötens darstellen : man sieht das vom Bumerang getroffene Pferd und von Pfeilen getroffenes Wild. Bekannt sind auch die Darstellungen von Tieren, die von Abdrücken zahlreicher Hände umrahmt sind, so als griffen sie nach ihnen und machten sie sich auf diese Weise gefügig. Alle diese Bilder weisen auf einen Jagdzauber hin, wie er auch in unserm Jahrhundert noch von den in Afrika lebenden Jägerstämmen ausgeübt wird. Dabei kommt dem dargestellten Tier die Funktion seines «Doppels» zu: was ihm zustösst, geschieht nach primitivem Analogiedenken auch dem realen Tier. Das Bild gilt als seine lebendige Essenz, als Symbol seines innersten Wesens. Vom psychologischen Gesichtspunkt aus interessieren vor allem die menschenähnlichen Gestalten in Tierverkleidung, welche sich gelegentlich

neben den Tierdarstellungen der Höhlenbilder finden. In Trois Frères bläst ein in ein Tierfell gehüllter Mann eine einfache Flöte, so als wolle oder könne er die Tiere mit den Tönen beeinflussen oder bezaubern. In der gleichen Höhle beherrscht ein tanzender und als Tier verkleideter Mensch mit Hirschgeweih, Pferdeschwanz und Bärenpfoten eine Herde von annähernd fünfhundert Tieren. Unzweifelhaft ist er der «Herr der Tiere». Es sind Gebräuche noch überlebender Stämme Afrikas, welche eine Antwort auf die Frage nach der Bedeutung der rätselhaften, zweifellos symbolischen Gestalten geben können : bei den Initiationsriten, Geheimbünden und auch im Königstum spielen Tiere und Tierverkleidungen oft eine wesentliche Rolle. König und Häuptling sind immer auch ein Tier - meist ein Löwe oder ein Leopard -, was zum Beispiel im Ehrennamen des Kaisers Haile Selassie von Äthiopien als «Löwe von Juda» heiite noch anklingt. Je weiter man jedoch in der Zeit zurückgeht oder je primitiver und damit naturnäher die Kulturstufe ist, desto wörtlicher ist dieser «Titel» aufzufassen. Der Häuptling wird dann nicht nur als Tier bezeichnet, sondern er wird als Tier erlebt : wenn er bei den Reifezeremonien der Knaben in voller Tierverkleidung erscheint, so ist er ein Tier. Oder noch erschreckender : er ist ein Tiergeist, ein Dämon, welcher die Beschneidung vornimmt. Er verkörpert oder vertritt in diesem Augenblick den Ahnherrn des Stammes und der Sippe und damit den Urgott selber. Er repräsentiert und

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ist das Totemtier. So scheint es auch berechtigt, in der eindrücklichen Gestalt des tanzenden Tiermenschen in der Höhle von Trois Frères eine Art Häuptling zu vermuten, den seine Verkleidung in einen Tierdämon verwandelt hat. Im Laufe der Zeit ist vielerorts die volle Tierverkleidung den Tier- und Dämonenmasken gewichen, auf deren künstlerische Gestaltung ein grosses Können verwendet wurde. Oft sind sie von einer nicht zu übertreffenden Kraft und Eindringlichkeit des Ausdrucks, und nicht selten wurde ihnen die gleiche Verehrung zuteil wie der Gottheit. Es ist bekannt, dass Masken auch heute noch in der Volkskunst vieler Länder, nicht zuletzt in der Schweiz, eine Rolle spielen. Zu künstlerischer Vollendung sind sie als Schauspielmasken im Theater des klassischen Altertums gelangt wie auch in den differenzierten NöSpielen in Japan. In bezug auf den symbolischen Hintergrund unterscheidet sich die Maske nicht vom Sinn der ursprünglichen Tierverkleidung. Hinter ihr versinkt die menschliche Natur mit ihrem bewegten individuellen Ausdruck. Dafür erhält ihr Träger die Würde, die Schönheit, aber auch den schreckenerregenden Ausdruck des Dämons. Vom psychologischen Gesichtspunkt aus könnte man sagen, dass die Maske ihren Träger in eine archetypische Figur verwandle. Der Tanz, welcher ursprünglich eine Vervollständigung der ganzen oder teilweisen Verkleidung durch entsprechende Bewegungen und Ge-

sten darstellte, ist in seinen Anfängen als ein den Kult ergänzender Ritus aufzufassen. Er wurde sozusagen von Dämonen zu Ehren der Dämonen aufgeführt. In Tue d'Audubert fand Kühn im weichen Lehm Fussspuren, die die Tierskulpturen umkreisen. Sie zeigen, dass schon bei den eiszeitlichen Riten getanzt worden war. «Nur die Hacken sind in den Boden eingedrückt; die Tänzer waren im Tanzschritt gegangen wie Bisons, sie hatten einen Bisontanz getanzt, einen Tanz der Fruchtbarkeit und Vermehrung der Tiere und für ihre Tötung.» 4 Jung weist in seinem Beitrag auf die Verbundenheit, ja Identität zwischen dem Eingeborenen und seinem Totemtier hin. Besondere Zeremonien dienen dazu, diese Beziehung herzustellen. Vor allem sind es die Reifezeremonien oder Initiationsriten der Jugendlichen, bei welchen sie ihre Mannbarkeit erlangen: der Knabe erhält seine Tier- oder Totemseele und muss doch gleichzeitig das Triebhafte oder Tierhafte in der Beschneidung opfern. Durch diesen doppelten Vorgang wird er nicht nur in den Totemclan aufgenommen, nicht nur wird seine Beziehung zum Totemtier hergestellt, sondern er wird Mann und in einem noch weitern Sinn Mensch. Die Afrikaner der Ostküste bezeichneten die Unbeschnittenen als «Tiere». Sie haben keine Totemseele erhalten, sie haben aber auch die Triebhaftigkeit nicht geopfert. Man könnte sagen: Tier und Mensch haben sich nicht voneinander

Links aussen: Prähistorisches Bild aus der Höhle von Trois Freres. Am rech ten Rand eine menschliche Figur mit Hörnern und Hufen. Links: Burmesischer Büffeltanz, bei dem maskierte Tänzer vom «Büffelgeist» besessen sind. Rechts: Bolivianischer Teufelstanz. Die Tänzer tragen dämonische Tiermasken. Rechts aussen: Alter deutscher Volkstanz: die Tänzer sind als Hexen und Zauberer mit Tiermasken verkleidet.

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geschieden; so bleibt das «Tier in ihnen» übermächtig ; sie werden nicht als Menschen, sondern als Tiere angesehen. Vom psychologischen Gesichtspunkt aus ist das Tier ein Symbol der Trieb- und Instinktnatur des Menschen. Auch der zivilisierte Mensch erfährt die Macht seiner Triebhaftigkeit und seine Unterlegenheit gegenüber den aus dem Unbewussten hervorbrechenden autonomen Trieben und Affekten. Um wieviel mehr der primitive Mensch, dessen Bewusstsein schwach entwickelt ist und der sich gegen den Ansturm der Emotion noch schlechter zur Wehr setzen kann. Im ersten Kapitel des Buches erzählt Jung die tragische Geschichte des Buschmanns, der nach misslungenem Fischzug schlechtgelaunt nach Hause kam und den über alles geliebten kleinen Sohn, der ihm zur Begrüssung entgegengesprungen war, in seiner verärgerten Stimmung kurzerhand erschlug. Einmal zur Besinnung gekommen, konnte er sich nicht fassen vor Gram und Reue über seine Tat. Hier war ein negativer Affekt ausgebrochen, der über den bewussten Willen hinweg sein destruktives Werk vollzog. Eine solche Triebkraft als Tierdämon zu symbolisieren ist durchaus adäquat. Die Lebendigkeit und Anschaulichkeit des Symbols ermöglicht es dem Menschen, eine Beziehung zu der gefährlichen Macht in ihm selber herzustellen. Im Bild erkennt er, wen oder was er zu fürchten hat, und kann versuchen, es durch symbolische Hand-

lungen, durch Opfer und Riten, günstig zu stimmen. Zahlreiche Mythen berichten davon, dass ein «Urtier» geopfert werden musste und dass dieses Opfer Fruchtbarkeit bewirkt, ja sogar die gesamte Schöpfung hervorgebracht habe. So ging aus der Opferung des Stiers durch Mithras die Erde mit all ihrem Reichtum und ihren Früchten hervor. In den Religionen fast aller Völker werden die höchsten Götter mit Tierattributen bedacht oder als Tiere dargestellt, und es ist Unmöglich, sie alle zu nennen. Bei den Babyl-oniern wurden die Götter in Gestalt von Widder, Stier, Krebs, Löwe, Skorpion und Fisch in den Himmel versetzt und gelten bis heutigentags als Zeichen des Zodiakus. Auf den Mauern der Prozessionsstrasse in Babylon standen hundertzwanzig Löwen, und man nahm an, dass sie die Kraft besassen, Unglück abzuwehren. Bei den Ägyptern wird die Göttin Hathor als kuhköpfig, Ammon als widderköpfig und Thot als ibisköpfig oder als Pavian dargestellt. In Indien ist Ganesh der glückbringende Gott in Menschengestalt mit Elefantenkopf, Vishnu ist ein Eber, Hanuman der Affengott usw.; innerhalb der Reihe der Geschöpfe steht der Mensch nicht an erster Stelle: Elefant und Löwe nehmen einen höheren Rang ein. Die griechische Mythologie ist durchsetzt mit Tiersymbolik, und der Göttervater Zeus verschmäht es nicht, in Gestalt von Schwan, Stier oder Adler

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sich den von ihm geliebten Frauen und Knaben zu nähern. In der germanischen Mythologie ist die Katze der Göttin Freya geweiht, und Eber sowie Rabe und Pferd sind dem Wotan heilig. Auch im Christentum spielt die Tiersymbolik eine überraschend grosse Rolle. Drei von den vier Evangelisten werden von Tieren begleitet: Lukas vom Stier, Markus vom Löwen, Johannes vom Adler und nur einer, Matthäus, von einem Engel. Christus selber erscheint symbolisch als das Lamm Gottes, das von seinem Vater geopfert wird, oder als Fisch. Er ist aber auch die am Kreuz erhöhte Schlange; und der Löwe sowie in selteneren Fällen auch das Einhorn gelten als Allegoriae Christi. Vom psychologischen Gesichtspunkt aus weisen die Tierattribute Christi darauf hin, dass auch der Sohn Gottes, die höchste Menschengestalt, der Instinktnatur ebensowenig entraten kann wie seiner überlegenen Geistnatur. Nicht nur das Geistige, auch das Naturhafte wird als numinos erlebt. Beides transzendiert die Ichpersönlichkeit und wird darum dem Bereich des Göttlichen zugeordnet. Aber beide - Instinkt und Geistnatur - gehören zur Ganzheit des Menschen, zum Selbst, und stehen daher in einer geheimnisvollen Beziehung: das weihnachtliche Bild der Geburt Christi im Stall des Lichts bei den Tieren - ist ein Symbol dieser polaren Zusammengehörigkeit. In der Kunst hat sie den innigsten Ausdruck gefunden. Der unübersehbare Reichtum der Tiersymbolik


in Religion und Kunst aller Zeiten und Völker spricht für ihre Bedeutsamkeit. Jedes Symbol stellt einen Weg zur Bewusstmachung eines unbewussten Inhalts dar, denn es transponiert ihn ins Fassbare. Hier ist es die Trieb- und Instinktwelt - eine Gefahr für den unbewussten, aber unerlässlich im Leben des bewussten Menschen. Die Instinkt- und Tierseele drängt sich der Phantasie in immer neuen Gestalten auf, so als wolle sie sich unter allen Umständen bemerkbar machen und dem Bewusstsein einprägen, und zwar als das, was sie in Wirklichkeit ist: als eine sorgfältig und religiös zu beachtende Grundtatsache des Lebens. An und für sich ist das Tier weder gut noch böse, es ist Natur. In gewisser Beziehung steht es sogar höher als der Mensch: es erfüllt, wie Jung sagt, den Willen Gottes besser als er. Es kann nichts anderes wollen, als was ihm von der Natur vorgeschrieben ist. Es folgt, was dasselbe bedeutet, seinen Instinkten. Der Mensch ist das einzige Wesen, das den Instinkt - das «Tierwesen in ihm» - mit seinem Willen beherrschen kann; er kann ihn auch verdrängen, stören und verletzen. Aber nie ist - im Bild gesprochen - ein Tier so wild und gefährlich, wie wenn es verwundet ist! Die bekannten Träume von der Verfolgung durch ein Tier weisen fast immer darauf hin, dass der vom Bewusstsein abgespaltene Instinkt wiederaufgenommen und in das Leben integriert werden sollte oder - möchte! Je gefährlicher das Traumtier sich gebärdet, desto unbewusster ist der entsprechende Instinkt des Menschen und desto notwendiger seine Bewusstmachung, um ein vielleicht nicht wiedergutzumachendes Unheil zu verhüten. Der verdrängte und verwundete Instinkt ist die Gefahr des zivilisierten Menschen, die ungehemmte Triebhaftigkeit diejenige des primitiven. In beiden Fällen ist das «Tier» seiner eigentlichen Natur entfremdet, und für beide ist Bewusstmachen und Annehmen der Tierseele Voraussetzung zur Erlangung der Ganzheit oder Voraussetzung zu einem voll gelebten Leben. Der eine hat das Tier in seiner Seele zu heilen und sich mit ihm zu befreunden, der andere muss es zähmen, um es zum hilfreichen Gefährten zu machen.

Gottheiten dreier Religionen in Tiergestalt: Oben: Der Hindugott Ganesha (bemalte Skulptur aus dem königlichen Palast von Nepal), Gott der Weisheit und des Glücks. Mitte: Zeus in Gestalt eines Schwans mit Leda. Rechts: Zwei Seiten einer mittelalterlichen Münze mit dem Bild des Gekreuzigten: einmal als Christus, einmal als Schlange.


Das Symbol des Runden in der Kunst

M.-L. von Franz erklärt den Kreis (oder die Kugel) als Symbol der Ganzheit oder des Selbst. Wo das Motiv des Kreises auftaucht, in alten Sonnenkulten oder in modernen religiösen Darstellungen, in Mythen oder Träumen, in Meditationsbildern oder im Grundriss moderner Städte: immer weist es auf einen Aspekt des Lebens hin - auf seine ursprüngliche Ganzheit. Ein indischer Schöpfungsmythus erzählt, wie der Gott Brahma inmitten eines riesigen tausendblättrigen goldenen Lotus stand und seinen Blick in die vier Richtungen des Raums schickte. Sein vierfaches Umherschauen im Rund der Blüte warwie eine erste Orientierung, ein unerlässlicher Ordnungsversuch, bevor er das Werk der Schöpfung beginnen konnte. Ähnlich wird von Buddha berichtet: Im Augenblick seiner Geburt öffnete sich eine Lotusblüte, und Buddha trat in ihre Mitte, um in die acht Richtungen des Horizonts zu blicken. Überdies schaute er in die Höhe und in die Tiefe. Die symbolische Geste des ordnenden Schauens drückt mit sparsamsten Mitteln aus, dass von Geburt an Prinz Siddharta eine einmalige Persönlichkeit war, ein Bodhisattva, zur Erleuchtung bestimmt. Durch die zehnfach gegliederte Ordnung empfing er, so könnte man in mythischer Sprache sagen, die Signatur seiner totalen Existenz. Die räumliche Orientierung, welche sich durch das Umherblicken Brahmas oder Buddhas vollzieht, kann vom psychologischen Gesichtspunkt aus als das Bild einer umfassenden seelischen Weltorientierung aufgefasst werden. Es sind die vier Funktionen des Bewusstseins - Denken, Fühlen, Intuieren und Empfinden -, mit denen der Mensch den Eindrücken des Lebens, innen und aussen, begegnet. Mit ihnen erfasst er sie, nimmt er sie auf, und mit ihnen reagiert er. Die

in künstlerischen Darstellungen häufige Achtteilung des Kreises entspricht der Tatsache, dass in der Regel je zwei der vier Bewusstseinsfunktionen miteinander kontaminiert sind, so dass vier Zwischenformen entstehen, zum Beispiel ein durch Intuition beeinflusstes Denken oder ein zur Empfindung neigendes Gefühl usw. Ein vier- oder achtgeteilter Kreis bildet die häufigste Grundlage religiöser Bilder, die als Instrument östlicher Meditationsübungen dienen. Besonders im tibetanischen Lamaismus spielten Mandalaabbildungen mit reichem Bildinhalt eine Rolle. Meist sind es Darstellungen des Kosmos in seinem Zusammenhang mit göttlichen Mächten. Häufig besteht aber das Mandala nur aus geometrischen Figuren. Bei diesen «abstrakten» Yantras spielt neben Kreis und Quadrat auch das'Dreieck eine Rolle; es sind ineinandergeschobene Dreiecke, von denen die einen mit der Spitze nach unten, die anderen mit der Spitze nach oben zeigen. Der Überlieferung nach drükken sie die Vereinigung von Shiva und Shakti aus, des göttlichen Paares, welches auch von der bildenden Kunst in unzähligen Varianten dargestellt worden ist. Psychologisch gedeutet stellt das Paar die polare Ganzheit der Seele oder das Selbst dar, zu dem das Männliche ebenso gehört wie das Weibliche. Die Göttin vertritt die persönlich-zeitliche Welt des Irdischen und der Gott eine unpersönliche und zeitlose Welt des Geistes; jene steht für das Unbewußte, dieser für das Bewußtsein. Sowohl bei den Dreiecks-Yantras wie bei den bildhaften Darstellungen der Vereinigung von Shiva und Shakti liegt der Akzent auf einer Spannung der Gegensätze; daher die Betonung

Rechts: Yantra aus neun ineinandergeschobenen Dreiecken, ein Mandala, die Ganzheit symbolisierend. Rechts aussen: Tibetanische Darstellung der Geburt des Buddha. Am unteren Rand betritt Buddha ein Kreuz aus kreisförmigen Blüten. Rechts oben: Bei der Geburt Alexanders des Grossen erschienen mandalaförmige Gestirne (Manuskript, 16. Jahrhundert).


des erotisch-sexuellen Aspekts und die intensive Bewegtheit der Gestalten. Die Dynamik weist auf einen Prozeß, nämlich die Erschaffung oder das Werden der Ganzheit, während der vieroder achtfach geteilte Kreis die Ganzheit als solche, als vorhandene statische Grösse darstellt. Mit den Yantras verwandt sind die «abstrakten» Kreisdarstellungen des Zen-Buddhismus. Zu dem Bild «Der Kreis» des berühmten ZenPriesters Sengai (1750-1837) schreibt ein anderer Zen-Meister: «Für Zen bedeutet der Kreis Erleuchtung. .Er symbolisiert die menschliche Vollkommenheit.» Auch die christliche Kunst kennt ungegenständliche Mandalas. Die Fensterrosen der Kathedralen gehören zu ihren grossartigsten Verwirklichungen. Man kann sie als überpersönliche, ins Kosmische gesteigerte Symboldarstellungen der numinosen Ganzheit verstehen. Ein kosmisches Mandala offenbarte sich Dante in der Vision einer leuchtendweissen Rose. Als «abstrakte» Mandalas können auch die Lichtscheine aufgefasst werden, welche den Kopf Christi, seiner Jünger und der Heiligen umgeben. Es ist sinnvoll, dass meist nur der das Haupt Christi umgebende Schein viergeteilt ist ein Hinweis auf sein Leiden als Menschensohn, seinen Tod am Kreuz und zugleich Symbol seiner differenzierten Ganzheit. In frühromanischen Kirchen sieht man gelegentlich «abstrakte» Kreisdarstellungen, welche vielleicht noch auf alte heidnische Vorbilder zurückgehen. Innerhalb nichtchristlicher Kunst werden solche Kreise als «Sonnenräder» bezeichnet. Ihre Darstellung findet sich schon als Felszeichnung der megalithischen Kultur, lange vor der Erfindung des Rades. Wie Jung bemerkt, trifft die Bezeichnung «Sonnenrad» nur die äussere Seite der Darstellung. Ausschlaggebend war seit jeher die innere Erfahrung des «Runden», eines archetypischen Bildes, das der Steinzeitmensch ebenso naturgetreu in den Fels übertrug wie die berühmten Gazellen, Pferde und Rinder. Eine wichtige, wenn auch seltener beachtete Rolle spielt das Mandala in der Architektur. Es bildet den Grundriss sakraler sowie profaner Bauten in fast allen Kulturen. Die Beschrei-

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Links: Mandala in der sakralen Architektur: der buddhistische Angkor- Wat-Tempel in Kambodscha mit quadratischem Grundriss und vier Ecktürmen. Rechts: Ruinen eines Festungslagers in Dänemark (um IOOOn.Chr.) in Kreisform. Zentrum rechts: Die italienische Stadt Palmanova mit sternförmigen Befestigungen. Rechts aussen: Zehn Strassen münden in der Place de l'Etoile, Paris, die Kreisform andeutend.

bung Plutarchs (46-120 n. Chr.) von der Gründung Roms ist ein klassisches Beispiel für die Bedeutung des Mandalas im antiken Städtebau. Romulus lässt «Männer aus Etrurien kommen, die ihn, wie bei Mysterien, unterrichten und alles nach gewissen heiligen Gebräuchen und Vorschriften anordnen mussten. Es wurde nämlich auf dem jetzigen Comitium eine runde Grube gemacht, und man legte in dieselbe Erstlinge von allen Dingen, deren Gebrauch entweder das Gesetz erlaubt oder die Natur notwendig macht. Zuletzt warf jeder eine Handvoll Erde, die er aus dem Lande, aus welchem er gekommen war, mitgebracht hatte, hinein und rührte alles durcheinander. Eine solche Grube heisst bei den Römern ebenso wie das ganze Weltgebäude Mundus. Hierauf zeichnete man um sie, wie um den Mittelpunkt eines Kreises, den Umfang der Stadt. Der Erbauer befestigt an einem Pflug eine eiserne Pflugschar, spannt einen Stier und eine Kuh vor und zieht in eigener Person eine tiefe Furche um jene Grenzlinie... Durch diese Linie bestimmt man den Umfang der Mauer. Wo man ein Tor einzusetzen gedenkt, nimmt man die Pflugschar und hebt den Pflug darüber hinweg, um einen Zwischenraum zu lassen.» Die in einer so feierlichen Zeremonie gegründete Stadt Rom hat die Form eines Kreises. Dies steht jedoch im Widerspruch zu der alten und berühmten Bezeichnung Roms als «urbs quadrata», als quadratische, viereckige Stadt. Nach der einen Theorie, welche diesen Widerspruch zu erklären sucht, soll das Wort «quadrata» als «viergeteilt» verstanden werden: die runde Stadt wird durch zwei Hauptstrassen von Norden nach Süden und von Westen nach Osten geteilt. Der Kreuzungspunkt fiele mit dem Mundus 242

zusammen. Nach der anderen Theorie lässt sich der Widerspruch nur als ein Symbol verstehen, nämlich als bildliche Veranschaulichung der geometrisch unlösbaren «quadratura circuli», welche schon die alten Griechen beschäftigt hatte und später in der Alchemie eine grosse Rolle spielen sollte. Seltsamerweise spricht auch Plutarch, bevor er die Kreiszeremonie der Gründung schildert, von «Roma quadrata». Rom war also für ihn Kreis und Quadrat in einem! Aus beiden Erklärungsweisen ergibt sich die Form eines echten Mandala, und darauf beruht Plutarchs Mitteilung, dass die Städtegründung von den Etruskern «wie bei den Mysterien» als ein Geheimnis gelehrt wurde. Es ging bei der Städtegründung um mehr als um die äussere Gestalt. Die Mandalaform hebt die Stadt, und damit auch ihre Bewohner, aus dem Bereich des Profanen heraus, und das wird durch das Zentrum, den Mundus, noch betont. Er stellt die Verbindung zu einem «jenseitigen» Bezirk, zum Land der Ahnengeister, her; denn er war bedeckt von einem grossen Stein, dem «Seelenstein», der an bestimmten Festtagen abgehoben wurde, und es hiess, dass dann dem Schacht die Geister der Verstorbenen entstiegen. Auch die mittelalterliche Stadt ist für gewöhnlich auf dem Grundriss eines Mandala erbaut. Sie ist umgeben von einer annähernd kreisförmigen Mauer. Zwei Hauptstrassen teilen auch sie in Stadtviertel (Quartiere) und münden bei den vier Toren der Mauer. Am Kreuzungspunkt der Strassen, also etwa im Zentrum der Stadt, steht die Kathedrale. Das Vorbild der mittelalterlichen viergeteilten Stadt ist das «himmlische Jerusalem» der Johannes-Apokalypse mit ihrem viereckigen Grundriss und der


Mauer mit den dreimal vier Toren. In ihrem Zentrum befindet sich jedoch, wie ausdrücklich erwähnt wird, kein Tempel, denn das himmlische Jerusalem ist erfüllt von Gottes unmittelbarer Präsenz. Weder bei der mittelalterlichen noch bei der primitiven oder antiken Stadtgründung war das Mandalafundament Angelegenheit der Ästhetik oder der Ökonomie, sondern es bedeutete die symbolische Erhöhung des Orts zu einem geordneten Kosmos und seine Weihung zu einer sakralen Stätte, die im Zentrum mit der jenseitigen Welt verbunden war. Dies entsprach dem Lebensgefühl und dem Bedürfnis des religiösen Menschen. (Dass der kreisförmige Grundriss noch im modernen Städtebau, hier jedoch aus ästhetischen oder praktischen Erwägungen, eine Rolle spielt, zeigt die nebenstehende Flugaufnahme von Paris.) Vom psychologischen Gesichtspunkt aus bedeutet jeder Mandalabau - sei er profan oder sakral - die Projektion eines archetypischen Inhalts in die Aussenwelt. Die Stadt, die Burg, der Tempel wird zum Symbol der psychischen Ganzheit und übt auf diese Weise eine besondere Wirkung auf den Menschen aus, der

sich in diesen Raum begibt oder in ihm lebt. Es braucht nicht noch einmal hervorgehoben zu werden, dass es sich - wie bei allen Projektionen - auch in der Architektur um einen unbewussten Vorgang, ein unbewusstes, jedoch sinnvolles Gestalten handelt. «Solche Dinge sind nicht zu erdenken», schreibt Jung in seinem Kommentar zum chinesischen Buch «Das Geheimnis der Goldenen Blüte», «sondern müssen wiederum aus der dunkeln Tiefe der Vergessenheit heraufwachsen, um äusserste Ahnung des Bewusstseins und höchste Intuition des Geistes auszudrücken und so die Einmaligkeit des Gegenwartsbewusstseins mit der Urvergangenheit des Lebens zu verschmelzen.» In der christlichen Kunst ist das zentrale Symbol kein Mandala, sondern das Kreuz oder der ans Kreuz geheftete Christus. Während noch in Bilddarstellungen aus karolingischer Zeit das Kreuz eine gleichschenklige Form aufwies und damit indirekt die Mandalaform implizierte, verschob sich im Lauf der Zeit das Kreuzzentrum nach oben, bis es die bekannte und auch heute noch übliche Form des langgestreckten Kreuzes annahm. Diese Formwandlung ist darum bedeutsam, weil sie einer inneren

Der Grundriss mittelalterlicher sakraler Bauten war meist kreuzförmig. Links: Äthiopische Felskirche, 13. Jahrhundert. In der Renaissance setzte sich in Italien der runde Kirchenbau durch. Rechts: Plan einer Rundkirche nach den Proportionen des menschlichen Körpers (Zeichnung des italienischen Künstlers und Architekten Francesco di Giorgio, 15. Jahrhundert).


Entwicklungsrichtung des Christentums bis zum Hochmittelalter entspricht, nämlich einer Tendenz, das Zentrum des Menschen und des Glaubens der Erde sozusagen zu entrücken und mehr und mehr ins Geistige zu «erhöhen». Dieser Tendenz lag ein Verwirklichungsversuch der essentiellen Botschaft Christi zugrunde, die lautet: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Vom Kern dieser Botschaft her gesehen sind irdisches Leben, «diese Welt» und der Körper zu überwindende Grössen. Die Sehnsucht ist auf das Jenseits gerichtet, denn die Erfüllung winkt im Paradies. Der Höhepunkt des Jenseitsstrebens wurde im Mittelalter und seiner Mystik erreicht. Es fand seinen symbolischen Ausdruck nicht nur in der Zentrumsverschiebung des Kreuzes, sondern spricht auch aus den in die Höhe wachsenden und die Materie überwindenden gotischen Kathedralen. Ihr Grundriss ist das langgestreckte Kreuz. Eine Ausnahme bilden nur die Baptisterien, welche fast immer den Grundriss eines echten Mandala aufweisen, mit dem Taufbecken im Zentrum. Mit Beginn der Renaissance vollzog sich eine

Wandlung in der Weltauffassung des Menschen. Die «in die Höhe» strebende Bewegung hatte ihren Kulminationspunkt erreicht und war in die Gegenrichtung umgeschlagen: der Mensch wandte sich wieder der Erde zu. Er entdeckte die Schönheiten der Natur und des Körpers, er trat seine ersten Weltreisen an und bewies die Kugelgestalt der Erde. Die Gesetze der Physik Mechanik und Kausalität - wurden zur Grundlage der Wissenschaft. Hinter den Errungenschaften des logischen Denkens und der Vernunft, hinter der Eroberung der Natur trat die Welt des religiösen Gefühls, des Irrationalen und der Mystik, welche im Mittelalter eine so grosse Rolle gespielt hatte, immer mehr zurück. Der künstlerische Stil wurde - verglichen mit dem der mittelalterlichen Künstler - realistischer und sinnenhafter. Die Gegenstände der Darstellung umfassten nun die ganze sichtbare Welt. Die bildende Kunst war ergriffen von der irdischen Vielfalt, von- ihrer Herrlichkeit und Schrecklichkeit. Sie wurde - wie vor ihr die Kunst der Gotik - zum Symbol des gewandelten Zeitgeistes. So kann es kaum als Zufall


gewertet werden, dass sich auch der Baustil der Kirchen wesentlich änderte. Anstelle der hohen gotischen Kathedralen tritt nun, vor allem in Italien, der Zentralbau stärker hervor. Sein Grundriss ist nicht mehr das langgestreckte Kreuz, sondern der Kreis. Der Wandel muss aber - und dies ist für die symbolgeschichtliche Betrachtung wichtig - auf ästhetische und nicht auf religiöse Gründe zurückgeführt werden. Nur so erklärt es sich, dass das Zentrum dieser Zentralbauten, der eigentlich «heilige» Ort, leer bleibt und der Altar in der Regel exzentrisch in einer Wandnische liegt. Aus diesem Grund kann kaum von einem echten Mandala gesprochen werden. Eine Ausnahme bildet der Kirchenbau von St. Peter in Rom, der nach den Plänen von Bramante und Michelangelo ausgeführt wurde. Hier steht der Altar im Zentrum. Man ist versucht, diese Ausnahme auf das Genie der Erbauer zurückzuführen, da das Genie immer in der Zeit und zugleich über ihr steht. Keine der einschneidenden Wandlungen in Kunst, Philosophie und Wissenschaft vermochte

jedoch das zentrale christliche Bild zu berühren: nach wie vor stellten die Künstler die Gestalt Christi im Stil des Mittelalters am erhöhten Kreuz dar - ein Ausdruck dafür, dass das Zentrum des religiösen Menschen in einer «höheren», geistigeren Ebene verankert blieb als das des modernen Menschen, der sich der Erde angenähert hatte. Zwischen der wissenschaftlich gebildeten Persönlichkeit und dem frommen gläubigen Christen entstand ein Riss, und die zwei Seiten des Menschen sind seither nie mehr zur Deckung gekommen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich mit wachsender Einsicht in die Zusammenhänge der Natur der Riss noch mehr vertieft und spaltet auch heute die Seele des christlichen Abendländers. Die stichwortartig angedeutete Entwicklung umfasst aber nicht alles, was den christlichen Menschen in seinem religiösen Leben erfüllt und bestimmt hat. Es fehlt die Erwähnung von geheimen Bewegungen, welche seit dem Mittelalter auch das ins Blickfeld ihrer religiösen Betrachtungen rückten, was vom dogmatischen Christentum hintangestellt wurde, nämlich die

In der Renaissance entstand das kopernikanische heliozentrische Weltbild (links). Das künstlerische Interesse wandte sich der Natur zu. Links unten: Leonardos Studienskizze des menschlichen Herzens.

Das Interesse des Künstlers an Licht, Natur und Körper begann in der Renaissance (links aussen: Tintoretto, 16. Jahrhundert) und blieb bis zu den Impressionisten des 19. Jahrhunderts lebendig. Unten: Gemälde von Renoir ( 1841-1919).


Links aussen: Aichemistische Darstellung des Kreises, Symbol der Ganzheit und der Vereinigung der Gegensätze (hier als Mann und Frau dargestellt). Links: Moderne Durstellung von Kreis und Viereck (Ben Nicholson, geb. 1894): streng geometrische Figuren ohne symbolisierende Tendenz.

Rechts: Sonnenrad in einem Gemälde des japanischen Malers Sofu Teshigahara (geb. 1900). Er folgt der Tendenz vieler moderner Maler, Kreisformen unsymmetrisch anzuordnen.

Frage nach einem Geist, den sie im Stoff und in der Natur vermuteten, sowie die Frage nach dem Bösen. Diese «hermetischen» Bewegungen bildeten nur eine Minorität und drangen kaum je entscheidend an die Oberfläche, aber sie erfüllten die Rolle einer kontrapunktischen Begleitung christlicher Geistigkeit. Auch die Alchemie muss zu ihnen gezählt werden. Sie stellte einen «Geist der Materie» als gleichbedeutend neben den vom Christentum verkündeten «himmlischen Geist» ; sie suchte eine Ganzheit, welche Geist und Körper umfasst. Für diese Ganzheit ersann sie tausend Namen und Symbole. Eines der bekanntesten war die «quadratura circuli», das echte Mandala! Die Alchemisten beschrieben ihre Erfahrungen und Experimente nicht nur im Wort, sondern schufen eine Fülle bildlicher Darstellungen ihrer Träume und Visionen. Es sind symbolische Bilder, welche an Skurrilität und Phantastik nichts zu wünschen übriglassen. Nicht selten erreichten sie künstlerische Qualität. Den grossen flämischen Meister Hieronymus Bosch (um 1450) könnte man als bedeutenden Vertreter dieser Kunst bezeichnen. Die Symbolik seines Werkes ist in erster Linie von der Alchemie her zu verstehen. Während die Alchemisten, meist einsam und in Verborgenheit, ihre ebenso tiefsinnigen und frommen wie phantastischen Werke schufen, entstanden auf der anderen Seite, sozusagen im hellen Licht des Tages, die herrlichen und viel-

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bewunderten Werke einer sinnenhaften Kunst. Die Faszination durch die seit der Renaissance wiederentdeckten Erde und die Natur war so gross, dass sie die bildende Kunst der nächsten fünfhundert Jahre weitgehend bestimmte. Die letzten grossen Vertreter sinnlicher, an den erfüllten Augenblick, an Licht und Atmosphäre gebundener Kunst waren die Impressionisten des 19. Jahrhunderts. Damit zeigen sich zwei Darstellungsweisen, zwei Stile, die sich durch die Jahrhunderte verfolgen lassen. Der eine knüpft an die Aussenwelt, die Welt der Sinne an, der andere an die Welt der Träume, der inneren Bilder, der Phantasie. Immer wieder ist der Versuch gemacht worden, ihre typischen Merkmale herauszuarbeiten. In neuerer Zeit hat H. Kühn, den wir als Erforscher der Höhlenmalerei kennenlernten, die «imaginative», das heisst der Phantasie entsprungene, von der «sensorischen», das heisst der Natur angepassten Stilform unterschieden. Die beiden Begriffe erscheinen so einfach und prägnant, dass ich mich ihrer gern bediene. Die frühesten Zeugnisse einer imaginativen Kunst reichen weit zurück. Im Mittelmeerraum erlebte sie eine erste Blütezeit in den letzten drei vorchristlichen Jahrtausenden. Erst heute weiss man, dass es sich bei jenen alten Kunstwerken nicht um ein «Nichtkönnen» oder «Noch-nicht-Können» handelte, sondern um bestimmte Ausdrucksformen einer religiös-geistigen Ergriffenheit. Der heutige Mensch hat


wieder eine nahe Beziehung zu jenen alten Kunstwerken gefunden, denn er befindet sich nun schon seit über einem halben Jahrhundert in einer Phase, deren künstlerischer Ausdruck als «imaginativ» bezeichnet werden muss. Auch heute spielt das geometrische oder «abstrakte» Symbol des Kreises eine bemerkenswerte Rolle in der Malerei. Aber mit wenigen Ausnahmen hat sich, entsprechend der veränderten Zeitproblematik, eine charakteristische Wandlung der Darstellung vollzogen. Das Runde ist nicht mehr die eine, bedeutende Figur, welche die Welt umfasst und das Bild erfüllt, sondern der Kreis erscheint bald vervielfacht als lose zusammenhängende Gruppe, bald wie zufällig in den Raum gesetzt. Gelegentlich ist die Kreisfläche asymmetrisch strukturiert, wie zum Beispiel bei manchen der berühmten Sonnenkreise von Robert Delaunay. Auf dem «Stillleben mit Blumen und Keramik» von Henri Matisse sieht man über einer Vase mit blühender Kapuzinerkresse und auf dem Hintergrund eines schrägen, schwarzen Balkens eine grosse grüne Kugel, welche das vielfache Rund der Blätter zum einen Runden erhöht, und eine viereckige, annähernd quadratische Fläche, deren linker Rand umgeschlagen ist. Bei der Betrachtung des schönen Bildes mag man vergessen, dass die beiden Formen des Runden und Viereckigen einst zusammengehört und eine Welt von Gedanken und Gefühlen ausgedrückt haben. Wer sich jedoch erinnert und die Frage nach dem Sinn stellt, wird nachdenklich; denn die Elemente, welche seit alters ein Ganzes gebildet hatten, sind nur noch lose oder überhaupt nicht mehr verbunden. Und doch sind beide vorhanden und berühren sich! Auf einem Bild von Kandinsky erblickt man eine locker zusammenhängende Vielheit farbiger Kugeln oder Kreise, die wie Seifenblasen davonzuschweben scheinen. Auch sie sind mit dem Hintergrund eines grösseren und zweier darin enthaltener kleinerer, fast quadratischer Vierecke kaum noeh verbunden. Auf einem anderen Bild, das er «Einige Kreise» nennt, trägt Links: «Grenzen des Verstandes» (Paul Klee, Hier erhält der Kreis symbolische Bedeutung.

1879-1940).


eine dunkle Wolke - oder ist es ein herabstossender Vogel? - eine wiederum irregulär angeordnete Gruppe von bunten Kugeln oder Kreisen. Der englische Maler Paul Nash lässt das Runde oft in einem geheimnisvollen Zusammenhang erscheinen. Inmitten der urweltlichen Landschaft und Einsamkeit des Bildes «Event on the Downs» liegt rechts im Vordergrund eine Kugel. Sie wird als Tennisball bezeichnet. Aber die Zeichnung ihrer Oberfläche entspricht dem chinesischen Ewigkeitszeichen desTai-gi-t'u und eröffnet damit eine neue Dimension in der Verlorenheit der Landschaft. Ähnliches geschieht auf seinem Bild «Landscape from a Dream». Dort verlieren sich Kugeln in einer unendlich weit gespiegelten Landschaft, an deren Horizont riesig gross die Sonnenkugel sichtbar wird. Vor der etwa quadratischen Spiegelfläche liegt nochmals eine Kugel. In der Zeichnung «Grenzen des Verstandes»

Lose verteilte Kreise «Formes circulaires: soleil, lune» (oben) von Delaunay (1885-1941), «Einige Kreise» (links) von Kandinsky (1866-1944), «Landscape from a Dream» (rechts) von Paul Nash (1889-1946). Unten: «Komposition» von Piet Mondrian (1872-1944), worin Vierecksformen vorherrschen.


setzt Paul Klee über einem komplizierten Gerüst von Leitern und Linien die einfache Form einer Kugel oder eines Kreises. Damit kennzeichnet er sie als echtes Symbol; denn dieses tritt dann in Erscheinung, wenn das Unausdenkbare, nur Geahnte oder Gefühlte zum Ausdruck kommen soll. Darstellungen des Vierecks oder Gruppierungen von Vierecken - Quadraten, Rechtecken oder Rhomben - sind in der «modernen Malerei» ebenso häufig wie diejenigen des Kreises. Der Meister einer harmonischen, ja «musikalischen» Vierecksdarstellung ist Piet Mondrian. Meist fehlt seinen Bildern ein eigentliches Zentrum, jedoch bilden sie auf eine strenge, fast asketische Weise eine Art Ordnungsgefüge. Weitaus häufiger sind irreguläre Darstellungen der Vierheit oder zahllose Vierecke, die sich zu mehr oder weniger losen Gruppen zusammenschliessen. Das Runde ist ein Symbol der Seele, welcher schon von Plato Kugelgestalt zugeschrieben wurde. Das Viereck, insbesondere das Quadrat, weist auf das Erdhafte, auf Materie, Körper und Verwirklichung hin. Beide hängen in der künstlerischen Darstellung von heute meist nicht mehr oder nur noch lose und unverbindlich zusammen, was der Labilität im Grundgefüge des heutigen Menschen entspricht. Der Mensch ruht

nicht mehr in sich selbst. Eine Labilität oder Störung wird auch durch asymmetrische Kreisteilungen ausgedrückt. Andererseits kann nicht übersehen werden, mit welcher Häufigkeit die beiden Urformen im modernen Bild erscheinen, so als wirke ein Impuls, die durch sie dargestellten Lebenselemente immer wieder ins Bewusstsein zu rücken. In diesem Zusammenhang sei darän erinnert, dass noch vor kurzem das Runde auch auf einem ganz anderen Gebiet eine seltsame Rolle gespielt hat und gelegentlich noch heute spielt: In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs entstand das visionäre Gerücht von runden fliegenden Körpern, welche als «Fliegende Untertassen» bekannt wurden. Jung hat ihnen in seinem Buch «Ein Moderner Mythus von Dingen, die am Himmel gesehen werden», eine Untersuchung gewidmet. Er erklärt die visionäre Erscheinung der Fliegenden Untertassen als Projektionen eines psychischen Inhalts, nämlich der Ganzheit, welche im Runden symbolisiert ist. Die Tatsache dieses visionären Gerüchts stellt, wie Jung auch an Träumen moderner Menschen nachweist, den Versuch der unbewussten kollektiven Psyche dar, die Spaltung des Menschen in unserer apokalyptischen Zeit im Symbol des Runden zu überwinden.

Deutsches Flugblatt, 16. Jahrhundert: Seltsame runde Objekte erscheinen am Himmel-ähnlich den «Fliegenden Untertassen», die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen wurden. Jung erklärte sie als Projektionen des Archetypus der Ganzheit.

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Die «Moderne Malerei» als Symbol

Wenn in diesem Kapitel von «Moderner Malerei» oder «Moderner Kunst» die Rede ist, so werden diese Bezeichnungen im laienhaften Sinn gebraucht, und es wird abgesehen von einer Unterscheidung der zahlreichen Gruppen, wie Fauvismus, Kubismus, Expressionismus, Futurismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Orphismus usw. Nur ausnahmsweise soll auf die eine oder andere Gruppe hingewiesen werden. Die Deutungen beziehen sich auf moderne Darstellungen, die im Sinne von H. Kühn eine «imaginative» Auffassung des Künstlers zeigen. Solche Werke können «abstrakt» oder besser ungegenständlich sein, sind es aber durchaus nicht immer. Es geht auch nicht um eine ästhetische Differenzierung der modernen Bildwerke, und vor allem geht es nicht um ihre Wertung. Die «Moderne Malerei» soll als Erscheinung unserer Zeit betrachtet werden. Nur dann ist die spezifische Frage nach ihrem Symbolgehalt berechtigt und beantwortbar. (Da das Kapitel 1960 geschrieben wurde, ist die letzte Entwicklung der Kunst nicht mehr berücksichtigt.) Voraussetzung einer solchen Betrachtung ist die psychologische Tatsache, dass der Künstler seit eh und je Instrument und Sprachrohr des Zeitgeistes ist. Die Werke, die er schafft, sind nur zum Teil aus seiner persönlichen Psychologie heraus zu verstehen. Bewusst oder unbewusst gestaltet er Fragen und Wesen seiner Epoche, von denen er wiederum selbst gestaltet wird. In vielen Fällen ist die Zeitgebundenheit des Kunstwerks dem Künstler selbst bewusst. So schreibt der Maler Jean Bazaine in seinen «Notes sur lapeinture d'aujourd'hui» 5 : «Man macht nicht die Malerei, die man will, sondern es handelt sich darum, aufs äusserste die Malerei 101

zu wollen, welche die Epoche kann.» Der deutsche, im Ersten Weltkrieg gefallene Maler Franz Marc schrieb: «Die grossen Gestalter suchen ihre Formen nicht im Nebel der Vergangenheit, sondern loten nach dem wirklichen, tiefsten Schwerpunkt der Zeit.»6 Und schon 1911 formulierte der russische Maler Kandinsky in seiner berühmten Schrift «Über das Geistige in der Kunst»: «Jeder Epoche ist ein eigenes Mass künstlerischer Freiheit zugemessen, und über die Grenze dieser Freiheit vermag die genialste Kraft nicht zu springen.»7 Seit über einem halben Jahrhundert hat die «Moderne Kunst» die Gemüter erregt, und die Diskussion wird heute noch ebenso heftig geführt wie zur Zeit ihrer Anfänge. Leidenschaftliche Ablehnung und bedingungslose Befürwortung prallen aufeinander, aber die neue Ausdrucksform hat sich in einem ungeahnten Masse durchgesetzt, und wenn ihr eine Gefahr droht, so liegt sie in ihrer Degeneration oder Erstarrung zur Manier und Mode. Das breite Publikum steht heute - in Europa wenigstens - noch immer in der Auseinandersetzung des Pro und Kontra. Die Heftigkeit, mit der diskutiert wird, zeigt jedoch, dass die Vertreter beider Parteien emotional getroffen sind. Auch die Verneiner können sich dem Eindruck der Werke, die sie ablehnen, nicht entziehen. Sie sind verärgert oder abgestossen, aber sie sind - das beweist ihre Emotion - berührt. Die negative Faszination ist meist nicht minder stark als die positive. Die hohe Besucherzahl von Ausstellungen moderner Kunst spricht für mehr als blosse Neugier. Neugier wäre rascher gestillt. Die Phantasiepreise, welche für moderne Kunstwerke gezahlt werden, sind Grandmesser ihrer sozialen Bewertung und Einordnung. Faszination entsteht, wenn das Unbewusste getröffen ist. Die Wirkung, welche von den modernen, vor allem den ungegenständlichen Kunstwerken ausgeht, lässt sich nicht allein durch ihre äussere Form erklären. Für das am «klassischen» oder am «sensorischen» Kunstwerk geschulte Auge sind sie ungewohnt und fremdartig. Nichts kommt dem Betrachter entgegen, worin er seine Welt wiederfinden oder was er mit einer Erinnerung verknüpfen könnte. Keine


vertraute Landschaft, keine Objekte der täglichen Umgebung, kein Mensch und keine Kreatur, die ihn in bekannter Weise ansprächen. Es gibt keine Entsprechung zu der vom Künstler geschaffenen Welt. Und doch besteht eine Verbindung zum Menschen; vielleicht ist sie noch intensiver als bei den zum unmittelbaren Mitfühlen und Miterleben aufrufenden Werken sensorischer Kunst. Der moderne Künstler will einer inneren Schau Ausdruck geben, einen Hintergrund des Lebens sichtbar werden lassen. Auf diese Weise verlässt das Kunstwerk den Bereich des Individuellen; es wird kollektiv und unpersönlich; es geht nicht mehr nur den einzelnen an, sondern die vielen. Individuell bleibt die Art der Darstellung, bleiben Stil und Qualität. Es ist für den Laien oft schwierig, zu erkennen, ob die Intention des modernen Künstlers echt, ob der Ausdruck seines Werkes spontan und weder imitiert noch auf Effekt berechnet ist. In vielen Fällen musste der Laie sich an die neue Linienführung und Farbgestaltung erst gewöhnen. Er musste sie lernen, wie man eine fremde Sprache lernt, um dann erst ihre Schönheiten, ihre Ausdrucksfülle und ihre Qualität zu entdecken. Die Bahnbrecher der Kunst dieses Jahrhunderts mögen gespürt haben, wieviel ihre neue Darstellungsweise dem Betrachter zumutete. Noch in keiner Zeit haben die Künstler so viele «Manifeste» und Schriften über ihre Ziele herausgegeben wie die Neuerer des 20. Jahrhunderts. Es ging ihnen dabei nicht nur um theoretische Erörterungen, sondern eher um künstlerische Bekenntnisse. Oft sind es widersprüchliche, unklare, oft dichterische Versuche, die seltsamen Wege ihrer schöpferischen Arbeit zu erklären. Die Künstler suchten nicht nur den

andern, sondern sich selbst Rechenschaft abzulegen. Das Wesentliche ist und bleibt die unmittelbare Begegnung mit dem Kunstwerk; doch ist für den Psychologen, der nach dem Symbolgehalt der «Modernen Kunst» fragt, das Studium dieser Schriften sehr aufschlussreich. Aus diesem Grund sollen hier die Künstler selber sooft wie möglich zu Worte kommen. Der Beginn der «Modernen Kunst» kann etwa auf das Jahr 1910 angesetzt werden. Eine der stärksten Persönlichkeiten jener Anfangsepoche war Kandinsky, dessen Einfluss noch in der Malerei der zweiten Jahrhunderthälfte spürbar ist. In seinem Essay «Über die Formfrage» schreibt er 8 : «Die gegenwärtige Kunst verkörpert das zur Offenbarung gereifte Geistige. Die Verkörperungsformen lassen sich zwischen zwei Pole ordnen: 1. die grosse Abstraktion, 2. die grosse Realistik. Diese zwei Pole öffnen zwei Wege, die schliesslich zu einem Ziele führen. - Diese beiden Elemente waren in der Kunst immer vorhanden, das erste drückte sich im zweiten aus (also das Abstrakte im Realen). Es scheint, dass heute die beiden Elemente ihre Existenz getrennt voneinander zu führen beabsichtigen. Dem angenehmen Ergänzen des Abstrakten durch das Gegenständliche und umgekehrt hat die Kunst scheinbar ein Ende bereitet.» Zwei Beispiele mögen Kandinskys Hypothese erläutern: 1913 malte der Russe K. Malewitsch ein Bild, das nichts darstellte als ein schwarzes Quadrat auf einer weissen Fläche, wahrscheinlich das erste rein «abstrakte» Bild in unserem Jahrhundert. Er schrieb dazu 9 : «In meinem verzweifelten Bemühen, die Kunst vom Ballast der gegenständlichen Welt zu befreien,

Sensorische oder gegenständliche gegen imaginative oder «unrealistische» Kunst. Rechts: Beispiel der zur Manier erstarrten gegenständlichen Darstellung: Bild aus einer Serie, den Niedergang eines Spielers illustrierend (William Frith, England, 19. Jahrhundert). Links: Beispiel imaginativer und streng abstrahierender Kunst (Kazimir Malewitsch, 1878-1935).


•••üfti

Links und oben: Zwei Kompositionen von Kurt Schwitters (1887-1948). Seine imaginativen Darstellungen sind Transpositionen gewöhnlicher Alltagsdinge - hier: alte Billette, Papier, Metall usw. Links unten: Von Hans Arp (geb. 1887) zusammengestellte Holzstücke. Unten: Picasso (geb. 1881) ergänzt Plastik durch Zweig mit Blättern.


floh ich zur Form des Quadrats.» Ein Jahr später montierte der Maler Marcel Duchamp einen beliebigen Gegenstand, einen Flaschentrockner, auf einem Sockel und präsentierte ihn auf einer Ausstellung. Jean Bazaine erlebte ihn so: «Dieser Flaschentrockner, der einem Gebrauchszweck entrissen und ans Ufer geworfen ist, bekommt die einsame Würde der herrenlosen Sache. Verfügbar, zu nichts gut, bereit zu allem, er lebt. Er lebt am Rande ein beunruhigendes, absurdes Leben. Der beunruhigende Gegenstand: das ist der erste Schritt zur Kunst hin.» Quadrat und Flaschentrockner waren symbolische Gesten, die mit Kunst im strengen Sinn des Wortes nichts mehr zu tun hatten. Und doch bezeichnen sie einander entgegengesetzte Grenzpunkte («die grosse Abstraktion», «die grosse Realistik»), von denen aus der Kunststil der kommenden Jahrzehnte eingeordnet und vielleicht auch verstanden werden kann. Auf jeden Fall besteht zwischen ihnen ein innerer Zusammenhang: der mit Angst geladene beunruhigende Gegenstand führt zu einer Abstraktionstendenz; die Materie soll durch den Geist überwunden werden. Vom psychologischen Gesichtspunkt aus weisen die beiden polaren Gesten des nackten Gegenstands und der abstrakten Gegenstandslosigkeit auf eine psychische Spaltung im Menschen, die sich damals, vor der Katastrophe des Ersten Weltkriegs, in der Kunst einen symbolischen Ausdruck schuf. Der Ursprung dieser Spaltung ist, wie im vorangehenden Kapitel zu zeigen versucht wurde, sehr viel früher anzusetzen: sie war bereits in der Renaissance spürbar » und manifestierte sich damals als Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Religion, zwischen Wissen und Glauben. Seither hatte die Zivilisation den Menschen noch weiter von seiner naturhaften Grundlage, vom Bereich des Instinktiven, entfernt, so dass die Kluft sich mehr und mehr vertiefte. Sie wurde nun auch als Gegensätzlichkeit von Objektwelt und Geistwelt erlebt sowie als Unvereinbarkeit von Bewusstsein und Unbewusstem. Die Spannung zwischen diesen Polen charakterisiert die psychische Situation des modernen Menschen, der im Kunstwerk einen Ausdruck sucht.

Der «Geist der Dinge» und das Unbewusste

Das «grosse Konkrete» hatte seinen Ausgangspunkt in dem berühmten oder berüchtigten Flaschentrockner von Duchamp genommen. Dieser Gegenstand war zwar ausdrücklich nicht als Kunst gemeint - Duchamp selber bezeichnete sich als «anti-artiste» -, aber es war mit ihm ein Element ans Tageslicht gedrungen, das für zahlreiche Künstler eine Rolle zu spielen begann. Sie bezeichneten es als «objet trouvé» oder «ready made» ; die magische Wirkung des Gegenstandes wurde spürbar. 1912 hatten Picasso und Braque begonnen, sogenannte «Collagen» aus Abfallmaterial herzustellen10. Max Ernst schnitt aus illustrierten Zeitschriften der Gründerzeit Details heraus, stellte sie nach seiner Phantasie zusammen und verwandelte auf diese Weise die bürgerlich-spiessige Atmosphäre in eine dämonisch-traumhafte Unwirklichkeit. Kurt Schwitters sammelte die Elemente zu seinen Collagen buchstäblich aus dem Abfallkübel: Nägel, Packpapier, alte Zeitungsfetzen, Eisenbahnbillets und Stoffreste setzte er zusammen und komponierte diese verworfenen Dinge zu einem neuen und originellen Ganzen, von dessen eigenartiger Schönheit überraschende Wirkungen ausgehen. Seine «manische Dingbesessenheit»" führte aber diese Gestaltungsart zugleich auch ad absurdum: er unternahm es, aus Gerümpel einen Bau zu errichten, den er als «Kathedrale aus den Dingen für die Dinge» bezeichnete. Zehn Jahre arbeitete er daran, und drei Stockwerke seines Hauses mussten durchbrochen werden, um den Bau zu vollenden. In dieser «Kathedrale» hatte der Mensch neben allem Gerümpel keinen Platz. Vom psychologischen Gesichtspunkt aus geben die Objets trouvés, die Collagen, die absurd erhöhten Objekte und deren magische Wirkung

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einen ersten Hinweis zur geistesgeschichtlichen Einordnung der «Modernen Kunst». Sie zeigen, welch uralte Tradition hier, wenn auch nur unbewusst, weitergeführt wurde: es ist die Tradition der geheimen religiösen Bewegungen des Mittelalters, zu denen vor allem die Alchemie und ihre hermetische Philosophie zu rechnen sind. Auch die Alchemisten hatten die Materie und den Geist der Materie zum Gegenstand ihrer Meditationen erhoben. Wenn Schwitters die niederste Materie, den Abfall aus dem Kehrichteimer, zum Kunstwerk, zur «Kathedrale», erhöhte, so folgte er, ohne es zu wissen, dem alchemistischen Leitspruch, dass die gesuchte Kostbarkeit im Dreck gefunden wird. «In stercore inventur.» Die gleiche Wahrheit formulierte Kandinsky: «Alles <Tote> erzittert. Nicht nur die bedichteten Sterne, Mond, Wälder, Blumen, sondern auch ein auf der Strasse aus der Pfütze blinkender weisser Hosenknopf... Alles hat eine geheime Seele, die öfters schweigt als spricht.» (Aus «Selbstbetrachtungen».) Was den Künstlern, ebenso wie den Alchemisten, meist unbewusst blieb, war die psychologische Tatsache, dass sie in die Materie oder in die Dinge ein Stück ihrer Seele projizierten. Daher deren «geheime Beseelung», daher auch die magische Wirkung und die hohe Bewertung sogar noch des Abfalls. Aber im Unterschied zu den Alchemisten waren die modernen Künstler nicht mehr geschützt und enthalten im Geist christlicher Ordnung. Ein Œuvre wie das von Schwitters steht sogar in einem gewissen Gegensatz zur Kirche: mit fast fanatischer Einseitigkeit ist es an die Materie gebunden, während das Christentum das Reich der Materie zu überwinden sucht. Paradoxerweise beraubt aber gerade Schwitters' Stil die Materie ihrer konkreten Wirklichkeit. In seinen Bildern wird der Stoff zum abstrakten Element abstrakter Darstellungen. Er beginnt, sich selbst zu abstrahieren. Aber dies entspricht überraschend der Wahrheit des Augenblicks : gleichzeitig wurde durch die Physik die absolute « Konkretheit» der Materie in Frage gestellt. Die «geheime Seele der Dinge», der Seinshintergrund, begann damals die Maler zu beschäftigen. Carlo Carrà schrieb: «Die gewöhnlichen 101

Dinge sind es, die jene Form der Einfachheit enthüllen, die uns einen höheren und hintergründigeren Zustand des Seins erkennen lassen, die die ganze geheime Pracht der Kunst bildet.»'Paul Klee: «Der Gegenstand erweitert sich über seine Erscheinung hinaus durch unser Wissen, dass das Ding mehr ist, als seine Aussenseite zu erkennen gibt.»13 Und Jean Bazaine: «Ein Gegenstand erweckt gerade deshalb unsere Liebe, weil er uns mit Kräften beladen scheint, die ihn übersteigen.»14 Auch mit dem vielfach umschriebenen «Geist der Dinge» oder «Geist der Materie» war eine alchemistische Vorstellung wieder zum Leben erweckt: es ist das archetypische Bild eines in die Materie verbannten Geistwesens, das es zu erlösen gilt. Solche Bilder tauchen überall dort aus dem kollektiven Unbewussten auf, wo das Wissen des Bewusstseins an ein Ende kommt und das Unerfassliche beginnt. Die Alchemisten hatten das Rätsel des Stoffes und seiner Wandlungsprozesse auf ihre Art zu lösen versucht. Für den Menschen unseres Jahrhunderts war durch die Physik «Materie» zu einem irrationalen Begriff und waren somit auch die Dinge zu einem Geheimnis geworden. Die von vielen Künstlern gespürte Hintergründigkeit des Objekts tritt in den Bildern des Italieners Giorgio de Chirico eindrücklich zutage. Er war ein Mystiker und tragischer Sucher, der nie gefunden hat. Unter sein Selbstbildnis setzte er die Worte «Et quid amabo nisi quod aenigma est?» ls . Chirico war der Begründer der sogenannten «Pittura Metafísica». «Jedes Ding», so schrieb er, «hat zwei Aspekte: den gewöhnlichen Aspekt, den wir fast immer sehen und den jedermann sieht, und den geisterhaften und metaphysischen, den nur seltene Individuen sehen mögen in Momenten der Hellsichtigkeit und metaphysischen Abstraktion. Ein Kunstwerk muss etwas erzählen, was nicht in seiner äusseren Gestalt erscheint.»16 Chiricos Werke offenbaren den «geisterhaften Aspekt» der Dinge. Sie sind traumhafte Transponierungen der Wirklichkeit, die visionär aus dem Unbewussten steigen. Aber seine «metaphysische Abstraktion» drückt sich in einer angsterfüllten Starrheit aus, und die Atmosphäre der Bilder ist erfüllt von Melancholie. Die Plätze


«Les Souliers Rouges» von René Magritte (geb. 1896) als Beispiel surrealistischer Kunst. Die Zusammenstellung disparater Elemente erweckt den Eindruck des Absurden, Irrationalen und Traumhaften.

Italiens, die Türme und Objekte sind in überscharfer Perspektive wie in einen luftleeren Raum gestellt, beleuchtet vom gnadenlosen, kalten Licht einer unsichtbaren Lichtquelle. Chirico war von der Philosophie Nietzsches und Schopenhauers beeinflusst 17 : «Schopenhauer und Nietzsche lehrten als erste die tiefe Bedeutung des Nicht-Sinnes des Lebens und wie dieser Nicht-Sinn verwandelt werden könne in Kunst... Die entdeckte schreckliche Leere ist die gleiche unbeseelte und ruhige Schönheit der Materie.» Man mag darüber im Zweifel sein, ob es Chirico gelungen sei, die «schreckliche Leere» in «ruhiger Schönheit» darzustellen. Viele seiner Bilder wirken beunruhigend, manche erscheinen wie ein Alptraum. Er ist aber mit seiner Intention, der «Leere» künstlerischen Ausdruck zu verleihen, bis an den Kernpunkt der psychologischen Problematik des heutigen Menschen vorgedrungen. Nietzsche, auf den sich Chirico beruft, hatte den Grund der von ihm entdeckten «schrecklichen Leere» verkündet. Es war die Erkenntnis : «Gott ist tot.» Chiricos Zeitgenosse Kandinsky formulierte es ähnlich: «Der <Himmel> ist entleert. Gott ist gestorben.»1* Solche Behauptungen mögen unerhört klingen, sind aber nicht neu. Das Sterben des Gottes und dessen unmittelbare

Folge, die «metaphysische Leere», hatten schon die Dichter des 19. Jahrhunderts, vor allem in Deutschland und Frankreich, beunruhigt 19 . Es war eine lange Entwicklung, welche nun im 20. Jahrhundert zur offenen Diskussion gelangte und in der künstlerischen Darstellung symbolischen Ausdruck fand. Damit war die Trennung der Kunst unserer Zeit vom Christentum besiegelt. Auch Jung hat die seltsame und schwerverständliche Erscheinung des «Gottessterbens» als ein psychisches Phänomen unserer Zeit erkannt. «Ich weiss - und damit drücke ich das Wissen unendlich vieler Menschen aus dass gegenwärtig eine Zeit des Gottestodes und Gottesverschwindens ist», schrieb er 193720. Während Jahrzehnten hatte er beobachtet, dass in den Träumen, also im Unbewussten des heutigen Menschen, das christliche Gottesbild im Verblassen war, womit der höchste, lebensspendende und sinngebende Wert verlorenging. Es versteht sich von selbst, dass weder Nietzsches Aussage «Gott ist tot» noch Chiricos «metaphysische Leere» noch Jungs Folgerungen aus den Bildern des Unbewussten irgend etwas über Wirklichkeit und Existenz Gottes an sich oder über ein transzendentes Sein oder Nichtsein ausdrücken. Es handelt sich lediglich um menschliche Aussagen, die als Bild, Traum, Gedanke, Intuition usw. aus dem Unbewussten ins Bewusstsein dringen. Wie die Inhalte ursprünglich im Unbewussten entstanden sind und was die Wandlung vom lebendigen zum toten Gottesbild letztlich bewirkte, ist eine Frage, die offen gelassen werden muss. Hier liegt die Grenze des Erkennens. Chirico hat die Lösung der Problematik, vor die ihn das Unbewusste stellte, nicht gefunden. In seinem Werk zeigt sich dies am deutlichsten in der Darstellung des Menschen, dem in der heutigen Situation eine neue, wenn auch unpersönliche Würde und Verantwortung zufiele. Jung umschreibt sie als Verantwortung zur Bewusstheit. Bei Chirico wird aber der Mensch entseelt: er wird zum «manichino», zur Gliederpuppe ohne Antlitz, das heisst aber auch: ohne Bewusstheit. In den verschiedenen Versionen seines «grossen 101


Giorgio de Chirico (geb. 1888) wie Marc Chagall (geb. 1887) suchten ein «Sein hinter den Erscheinungen» auszudrükken. Chiricos Vision (unten: «Philosoph und Dichter») ist von bedrückender Melancholie, diejenige von Chagall ist warm und gefühlsbetont. Rechts: Eines seiner Glasfenster in Jerusalem (1962).

In Chiricos Gemälde «Liebeslied» (links) sind antiker Marmorkopf und Gummihandschuh disparate Elemente. Die grüne Kugel mag auf eine unbewusste Tendenz zur Einheit hinweisen.

Rechts:«Metaphysische Muse» (Carlo Carrä, geb. 1881). Das Motiv der antlitzlosen Gestalt kehrt auch bei Chirico wieder.


Metaphysikers» sitzt eine antlitzlose Figur auf hohem Podest aus nichtigen Dingen - eine bewusste oder unbewusste Ironisierung des Menschen, der versucht, die «Wahrheit» über das Metaphysische zu erforschen, und zugleich ein Symbol letzter Einsamkeit und Sinnlosigkeit. Oder sind die «manichini», welche auch in den Werken anderer Künstler der Zeit geistern, Ahnungen des antlitzlosen Massenmenschen? Chirico ist später von seiner «Pittura metafisica» abgerückt; er wich zurück zur alten Maltradition, womit jedoch sein Werk verflachte - ein Beweis dafür, dass es für den schöpferischen Menschen, dessen Unbewusstes einmal von der Zeitproblematik berührt wurde, kein Zurück in die Vergangenheit gibt. Als ein Gegenspieler zu Chirico könnte vom psychologischen Gesichtspunkt aus Marc Chagall angesehen werden. Auch in seinem Werk geht es um eine «mysteriöse und einsame Poesie» und um den «geisterhaften Aspekt der Dinge, den nur seltene Individuen sehen mögen». Aber Chagalls Bilddichtungen, sein reicher Symbolismus sind verwurzelt in der Frömmigkeit des ostjüdischen Chassidismus und in einem warmen Gefühl für das Leben. Er ist mit keiner Leere und keinem Gottestod konfrontiert. Er sagt: «Alles kann sich in unserer demoralisierten Welt wandeln, nur nicht das Herz, die Liebe des Menschen und sein Streben nach Erkenntnis des Göttlichen. Die Malerei hat wie jede Poesie am Göttlichen teil; die Menschen fühlen dies heute noch ebenso, wie sie es früher empfunden haben.»21 Herbert Read hebt hervor, dass Chagall die Schwelle zum Unbewussten nie ganz überschritten habe; vielmehr sei er mit einem Fuss immer der Erde verhaftet geblieben, aus der er seine Kräfte zog22. Gerade dies ist aber die «richtige» Einstellung zum Unbewussten, und darum scheint es um so bedeutsamer, dass Chagall «einer der am stärksten ausstrahlenden Maler unserer Zeit ist»23. Eine Gegenüberstellung von Chagall und Chirico führt zu der psychologischen Frage, welches die Rolle des Unbewussten und welches die Stellung des Menschen im Werk des modernen Künstlers sei.

Eine erste Antwort gab die Bewegung, welche sich als «Surrealismus» bezeichnete und als deren Begründer der Dichter André Breton gilt. (Auch Chirico kann zu den Surrealisten gezählt werden.) Als Medizinstudent war Breton mit den Lehren Freuds bekannt geworden; so spielte für ihn auch der Traum eine entscheidende Rolle: «Kann nicht auch der Traum zur Lösung von Grundfragen des Lebens verwendet werden? ... Ich glaube an die zukünftige Lösung des scheinbaren Widerspruchs zwischen Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Wirklichkeit, der Surrealität.» 24 Das Problem wurde von Breton durchaus richtig gesehen: er suchte eine Vereinigung der Gegensätze von Traum und Wirklichkeit. Der Weg, den er zur Erreichung dieses Ziels einschlug, musste ihn jedoch, psychologisch gesehen, in die Irre führen. Er begann mit der Methode des freien Assoziierens zu experimentieren und wandte sie an wie das automatische Schreiben, bei welchem die aus dem Unbewussten aufsteigenden Worte und Sätze ohne Kontrolle des Bewusstseins niedergeschrieben werden. Breton nannte es «ein Diktat des Denkens unter Ausschaltung jeglicher von der Vernunft ausgearbeiteter Kontrolle, ausserhalb jeglicher ästhetischer oder moralischer Bedenken» 25 . Damit war dem Strom der Bilder aus dem Unbewussten freie Bahn gegeben, und die wichtige, ja ausschlaggebende Rolle des Bewusstseins wurde ausser acht gelassen. Doch ist es das Bewusstsein, welches den Schlüssel zu den Werten des Unbewussten besitzt und welches den Ausschlag im psychischen Kräftespiel zu geben hat 26 . Das Bewusstsein allein ist imstande, die Frage nach dem Sinn der aus dem Unbewussten auftauchenden Inhalte zu beantworten und ihre Bedeutung für den Menschen hier und jetzt, in seiner konkreten Wirklichkeit, zu erkennen. Nur im Zusammenspiel mit dem Bewusstsein zeigt das Unbewusste seine schöpferischen Kräfte; nur dann könnte die Melancholie der Leere und der Sinnlosigkeit überwunden werden. Überlässt man das einmal provozierte Unbewusste sich selbst, so droht die Gefahr, dass seine Inhalte übermächtig und destruktiv werden. Im Surrealismus tritt das Bewusstsein ganz in den Hintergrund. Moralische

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sowie ästhetische Bedenken werden ausgeschaltet, was dazu führte, dass bei aller Phantastik seiner Werke, bei allem Reichtum der Einfälle nur allzu oft ein Grauen, eine Stimmung des Untergangs vorherrschen. Die Frage nach dem Standort des Bewusstseins stellt sich auch bei der Betrachtung der Rolle, welche der Zufall im Gestalten vieler Künstler zu spielen beginnt. « Die zufällige Begegnung von Nähmaschine und Regenschirm auf einem Seziertisch ist heute ein allbekanntes, fast klassisch gewordenes Beispiel für das von den Surrealisten entdeckte Phänomen, dass die Annäherung zweier (oder mehrerer) scheinbar wesensfremder Elemente auf einem ihnen wesensfremden Plan die stärkste poetische Zündung provoziert.» 27 Diese Sätze von Max Ernst sind für den Laien wahrscheinlich ebenso schwer nachzufühlen wie das aus einem ähnlichen Geist heraufbeschworene Bild André Bretons : «Wer sich ein galoppierendes Pferd nicht auf einer Tomate vorstellen kann, ist ein Idiot.» (Man denkt hier auch an die «zufällige» Zusammenstellung von grüner Kugel, antikem Marmorkopf und roten Gummihandschuhen auf Chiricos Gemälde.) Natürlich haben auch Spass, Spiel und Unsinn

Salvador Dali (geb. 1904) war einer der bekanntesten surrealistischen Maler. Oben: Sein berühmtes Gemälde «Brennende Giraffe». Unten: Frottagen aus der «Naturgeschichte» von Max Ernst.

Unten: Stich (18. Jahrhundert), in «surrealistischem» Stil, eine Komposition aus Korallen, Steinen, Skeletten,


ihre Zufallspoesie, und Bretons Tomatenpferd ist noch längst nicht so poetisch wie das «Knie, das einsam durch die Welt geht». Für die meisten Künstler handelte es sich aber um etwas ganz anderes als um Spiel und Poesie. Dies zeigt die Rolle des Zufalls im Werk des Bildhauers Hans Arp. Aus der Sehnsucht «nach einem geheimen Ur-Sinn, der tief hinter der Welt der Erscheinungen schlummert» 28 , und um einen Ausdruck äusserster Einfachheit zu schaffen, schuf Arp Holzreliefs, denen zufällig hingeworfene Blätter oder Formen zugrunde lagen. Er gab ihnen Titel wie «Nach dem Gesetz des Zufalls geordnete Blätter», «Nach dem Gesetz des Zufalls geordnete Vierecke» usw. Hier verleiht der Zufall dem Kunstwerk die Tiefe: es deutet auf eine unerkannt waltende Kraft, einen «geheimen UrSinn», der in den Anordnungen sichtbar wird. Eine «Verwesentlichung des Zufälligen» (PKlee) war auch das Motiv der künstlerischen Versuche, Wolkenformationen, MaserungeivVon Holz usw. durch Meditation gleichsam zu beleben. Max Ernst ging dabei auf Leonardo zurück, der sich seinerseits mit Botticellis Feststellung auseinandergesetzt hatte: Wenn man einen mit Farben getränkten Schwamm an eine Wand würfe, so

Mit wachsender Entfernung von Rom wandelte sich das Bild einer Münze: die Durstellung des Kopfes löste sich auf. Man vergleiche damit den Auflösungsprozess der unter Einfluss von LSD entstandenen Zeichnungen (in Deutschland, 1951). Die Abstraktionstendenz nimmt mit Schwächung des Bewusstseins zu.

könne man in dem so entstandenen Klecks Köpfe, Tiere, Landschaften und allerhand Gestalten erblicken. - Ein altes und immer wieder neu entdecktes Spiel der Phantasie. Max Ernst beschreibt (1925), wie sich seinem faszinierten Blick eine Vision aufgedrängt habe, als er Fussbodendielen mit ihren tausend Kratzern und Spuren betrachtete. «Um meine meditativen und halluzinativen Fähigkeiten zu unterstützen, machte ich von den Dielen eine Serie Zeichnungen, indem ich auf sie ganz zufällig Papierblätter legte und diese mit Graphit durchrieb. Als ich dann auf die so gewonnenen Zeichnungen starrte, war ich überrascht von der plötzlichen Verstärkung einer halluzinatorischen Folge von gegensätzlichen und übereinander geschichteten Bildern... Unter dem Namen N a turgeschichte > habe ich die ersten Resultate, die ich durch die Prozedur der Frottage gewann, zusammengetragen.» 29 Über oder hinter zahlreiche dieser «Frottagen» setzte Ernst einen Ring oder Kreis, wodurch das Bild eine eigenartige Stimmung und Tiefe erhält. Der unstrukturierten Zufälligkeit einer Naturbildersprache wird das Symbol des einen, in sich geschlossenen Ganzen gegenübergestellt; vom psychologischen


Gesichtspunkt aus wird damit mehr als nur ein Gleichgewicht geschaffen. Der Kreis oder das Runde beherrscht das Bild; das Symbol steht sinnvoll und sinngebend über der Natur. In Max Emsts Versuchen, den geheimnisvollen Zeichen in den Dingen nachzugehen, zeigt sich eine Verwandtschaft mit den Romantikern des 19. Jahrhunderts. Diese sprachen von einer «Schrift der Natur» oder von einer «grossen Chiffreschrift», die man auf Flügeln, Eierschalen, in Wolken, im Schnee, in Kristallen, auf gefrierendem Wasser und in anderen «sonderbaren Konjunktionen des Zufalls» ebenso erblicke wie im Traum oder in Visionen. Alles galt ihnen als Ausdruck einer und derselben «Naturbildersprache». So kann es als echt romantisch bezeichnet werden, wenn Max Ernst den auf Grund seiner Versuche entstandenen Bildern den Titel «Naturgeschichte» gab. Und er hatte recht damit, denn auch das Unbewusste, das ihm die Bilder in den Zufallsformationen der Objekte vorgezaubert hatte, ist Natur. Der scheinbare oder tatsächliche Rückzug des Menschen aus dem Kunstwerk, das bewusste Ausschliessen der Reflexion und das Überwiegen des Unbewussten gegenüber dem Bewusstsein dienen der Kritik als wesentliche Angriffspunkte. Man spricht von pathologischer Kunst oder vergleicht sie mit den Bildnereien Geisteskranker; denn es ist ein Symptom der Psychose, dass Bewusstsein und Ichpersönlichkeit von Inhalten aus den unbewussten Bereichen der Psyche überflutet werden und darin untergehen. Allerdings haftet einem solchen Vergleich heute nicht mehr das Odium an wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Als Jung in seinem Aufsatz über Picasso

(1932) auf die Möglichkeit eines solchen Zusammenhangs hinwies, rief sein Artikel einen Sturm der Entrüstung hervor. Heute ist im Katalog einer bekannten Zürcher Galerie von der «nahezu schizophrenen Besessenheit» eines berühmten modernen Künstlers die Rede, und kein Geringerer als Rudolf Kassner bezeichnete den Dichter Georg Trakl als einen der grössten deutschen Lyriker, um im gleichen Atemzug fortzufahren: «Er hatte etwas von einem Schizophrenen. Auch in seinem Werk spürt man es; auch da ist etwas von Schizophrenie. Ja, Trakl ist ein grosser Dichter.»™ Man weiss heute, dass der schizophrene Zustand und die künstlerische Vision einander nicht ausschliessen. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass die weithin bekanntgewordenen Experimente mit Meskalin und ähnlichen Drogen zu dieser grundlegenden Einstellungsänderung beigetragen haben. Sie bewirken einen schizophrenieähnlichen Zustand, der von intensiven und zum Teil grossartigen Färb- und Formvisionen begleitet ist.


Die Auflösung des Stofflichen

Franz Marc sagte einmal: «Die kommende Kunst wird die Formwerdung unserer wissenschaftlichen Überzeugung sein.» Das war ein prophetisches Wort: wir haben bereits gesehen, welche Rolle das Unbewusste in vielen Werken der modernen Malerei spielte und dass sich Ergebnisse der Tiefenpsychologie mit den künstlerischen Intuitionen deckten. Eine überraschende Beziehung trat auch zwischen der Kunst und den Ergebnissen der Atomphysik zutage. (Die Beziehung von Physik und Psychologie des Unbewussten wird im Anhang von M.-L. von Franz dargestellt.) Die Atomphysik hat, um es laienhaft auszudrücken, die Bausteine des Stoffes ihrer Dinglichkeit oder Konkretheit sowie ihrer unmittelbaren Erfassbarkeit beraubt und damit die Materie zu einem Geheimnis gemacht. Dies führte zu einer veränderten Auffassung der Wirklichkeit; denn hinter unserer «natürlichen» Welt, in der die klassischen physikalischen Gesetze gelten, tauchte eine neue, irrationale Wirklichkeit auf mit bisher unbekannten Gesetzmässigkeiten. Die entsprechende Wandlung vollzog sich in der Psychologie: hinter der Bewusstseinswelt wurde die Tiefenschicht des Unbewussten entdeckt

(oder vielmehr wiederentdeckt), und auch hier gelten neue und bisher unbekannte Gesetzmässigkeiten. Es ist ein Charakteristikum beider Hintergrundswelten, dass ihre Vorgänge und Inhalte unanschaulich sind. Für das Verständnis der Kunst als Ausdruck unserer Zeit ist das von Bedeutung, denn auch sie wird nun in einem gewissen Sinn unanschaulich: sie verlässt die konkrete Realität und wird «abstrakt». Die grossen Künstlerpersönlichkeiten suchten ein «Sein hinter den Dingen» festzuhalten. Zugleich sind ihre Werke Ausdruck eines Seins hinter dem Bewusstsein, ja noch hinter dem Traum, der ja nur in seltenen Fällen ungegenständlich ist. So weisen sie auf jene «Hintergrundswirklichkeit», die als ein unerkennbares Sein hinter den physikalischen und den psychischen Erscheinungen liegt. Sie sind dessen künstlerisches Äquivalent. Nur wenigen Künstlern war der Zusammenhang ihrer Ausdrucksform mit den Wissenschaften der Physik und der Psychologie bewusst. Kandinsky gehörte zu den Meistern, die ihrer Erschütterung über die damals noch in den Anfängen steckenden Entdeckungen der Physik Ausdruck gaben: «Das Zerfallen des Atoms war in meiner Seele dem Zerfall der ganzen Welt gleich. Plötzlich fielen die dicksten Mauern. Alles wurde unsicher, wackelig und weich. Ich hätDie Bilder dieser und der vprangehenden Seite (Franz Marc, 1880-1916) zeigen eine zunehmende «Abstraktion» und Entfernung vom äusseren Objekt. Links aussen: «Die blauen Pferde» (1911). Zentrum: «Rehe im Wald» (1913,114). Unten: «Spielende Formen» (1914).


Links: Versuch, die «reine Form» durch geometrische Formen darzustellen (Piet Mondrian).

Paul Klee suchte einem «geheim Erschauten», einem «Geist in der Natur» Form zu geben. Rechts: «Tod und Feuer». Rechts aussen: «Sindbadder Seefahrer».

te mich nicht gewundert, wenn ein Stein vor mir in der Luft geschmolzen und unsichtbar geworden wäre. Die Wissenschaft schien mir vernichtet.» 31 Die Folge seiner Enttäuschung war ein Abrücken vom gegenständlichen und vordergründigen «Reich der Natur». «Es trennte sich für mich das Reich der Kunst von dem Reich der Natur immer mehr ab.»' 2 Die Trennung der Kunst vom Reich der Natur vollzog sich damals für zahlreiche Künstlerpersönlichkeiten. Franz Marc: «Haben wir nicht die tausendjährige Erfahrung, dass die Dinge um so stummer werden, je deutlicher wir ihnen den optischen Spiegel ihrer Erscheinung vorhalten? Der Schein ist ewig flach.» 33 Das Ziel der Kunst war für ihn, «ein unirdisches Sein zu zeigen, das hinter allem wohnt, den Spiegel des Lebens zu zerbrechen, dass wir in das Sein schauen» 34 . Paul Klee: «Der Künstler misst der natürlichen Erscheinungsform nicht die zwingende Bedeutung bei wie viele der Kritik übenden Realisten. Er fühlt sich an diese Realität nicht so sehr gebunden, weil er an diesen FormEnden (der Natur) nicht so sehr den Schöpfungsprozess sieht. Denn ihm liegt mehr an den formenden Kräften als an den Form-Enden.» 35 Nach Mondrian ist das letzte Ziel der Abstraktion «ein Ausdruck der unveränderten, reinen Realität, die hinter den wechselnden natürlichen Formen liegt»36. Der Künstler nähert sich diesem «letzten Ziel» durch eine Gestaltung, die nicht mehr von subjektivem Fühlen und Vorstellen beeinflusst ist. Im Grunde genommen ging es den Künstlern damals um mehr und um anderes als um Form-

probleme oder um die Entscheidung zwischen «konkret» und «abstrakt», «gegenständlich» oder «ungegenständlich», «sensorisch» oder «imaginativ». Es ging ihnen um die Suche nach einem Zentrum des Labens und der Dinge, nach ihrem unwandelbaren Hintergrund und einer inneren Gewissheit. Die Kunst war zur Mystik geworden. Der Geist, in dessen Geheimnis die Künstler sich versenkten, war ein verborgener Geist, den sie in den Dingen und hinter den natürlichen Erscheinungen des Lebens suchten. Es war der gleiche Geist, den die Alchemisten in der Materie und in der Natur zu entdecken hofften. Wie die Mystik der Alchemie steht auch diejenige der Künstler, von denen hier die Rede ist, ausserhalb des Christentums, denn der «Geist der Natur» und «der Geist in den Dingen» entspricht dem «himmlischen» Geist des Christentums nicht. Es ist vielmehr sein dunkler, chthonischer Gegenspieler, der sich in der modernen Kunst Bahn bricht und ihre geistesgeschichtliche Bedeutung bestimmt. Wie die hermetischen Bewegungen des Mittelalters muss auch die Kunst heute als ein das Christentum kompensierender Ausdruck der Zeit verstanden werden. Keiner hat den mystischen Hintergrund der Kunst deutlicher gesehen und leidenschaftlicher davon gesprochen als Kandinsky. Für ihn liegt die Bedeutung der grossen Kunstwerke nicht «im Äussern, im Äusserlichen, sondern in der Wurzel aller Wurzeln - im mystischen Inhalt der Kunst» 37 . Darum soll, so sagte er, «das offene Auge des Künstlers auf sein inneres Leben gerichtet werden, und sein Ohr soll dem Munde


der inneren Notwendigkeit stets zugewandt sein. Dies ist der einzige Weg, das Mystischnotwendige zum Ausdruck zu bringen.»38 Für Kandinsky ist die Welt «ein Kosmos der geistig wirkenden Wesen» 39 , er empfand seine Bilder als geistigen Ausdruck des Kosmos, als eine Sphärenmusik der Farben und Formen. «Die Form, wenn sie auch ganz abstrakt ist und einer geometrischen gleicht, hat einen inneren Klang, ist ein geistiges Wesen mit Eigenschaften, die mit dieser Form identisch sind.»40 Die Berührung des spitzen Winkels eines Dreiecks mit einem Kreis hat in der Tat nicht weniger Wirkung als die des Fingers Gottes mit dem Finger Adams bei Michelangelo.»41 Franz Marc sagt in seinen «Aphorismen»: «Stoff ist etwas, das der Mensch höchstens noch duldet, aber nicht anerkennt. Die alte WeltAnschauung hat sich in Welt-Durchschauung verwandelt. Kein Mystiker erreichte in seinen entzücktesten Stunden, in denen er den Himmel offen sah, die vollkommene Abstraktion des modernen Denkens, sein Schauen durch und durch.»42 Für Paul Klee, den man als Dichter unter den modernen Malern bezeichnen könnte, ist in der Kunst nicht nur Gesehenes wiedergegeben, sondern «geheim Erschautes sichtbar gemacht» 43 . Sein Schaffen wurzelt in einem Urgrund der Schöpfung: «Meine Hand ist ganz Werkzeug einer ferneren Sphäre. Mein Kopf ist es auch nicht, was da funktioniert, sondern etwas anderes, ein höheres, ferneres Irgendwo.»44 In Klees Werk sind der Geist der Natur und der Geist des Unbewussten untrennbar verbunden und ha-

ben auch das Ich in ihren Zauberkreis gezogen. Sein Werk kann als vielfältige, oft poetische, oft dämonische Ahnung eines Lebenshintergrunds verstanden werden. Humor und Skurrilität bilden die Brücke zum Menschlichen hin, Und aufmerksame Beobachtung der Naturgesetze sowie Liebe zu den Geschöpfen bindet den Fernen an die Erde. «Die Zwiesprache mit der Natur bleibt für den Künstler die conditio sine qua non.» 45 Einen ganz anderen Ausdruck des «verborgenen Geistes» vermittelt das Werk von Jackson Pollock, der bereits der jüngeren Generation angehört und dessen Stil des «action painting» einen weiten Einfluss ausgeübt hat. Pollocks Malweise war nahezu unbewusst: «Wenn ich male, bin ich nicht bewusst über das, was ich tue. Nur nachträglich setzt ein Prozess des Bekanntwerdens mit dem Bilde ein.» - Er umtanzte gleichsam die am Boden liegende Leinwand und bespritzte sie mit Farbe. Die so entstandenen Werke sind unstrukturiert, «abstrakt» bis zur Auflösung Lavaströme von Farben, Strichen, Flächen und Punkten. Sie erinnern an Darstellungen der alchemistischen «prima materia», die die kostbare Ausgangsmaterie des alchemischen Wandlungsprozesses • bildete und psychologisch als Symbol des Unbewussten verstanden werden muss. Auch Pollocks Bilder scheinen ein Nichts darzustellen, das zugleich Alles ist - Landschaften des Hintergrunds vor allem Sein oder Bewusstsein, und alles könnte aus ihnen werden. Oder Trümmer nach der Zerstörung jeglichen Seins oder Bewusstseins. In der Mitte unseres Jahrhunderts wurde die ungegenständliche oder «abstrakte» Darstel-


lung zum wichtigsten und häufigsten Ausdrucksmittel der Malerei. Je tiefer die Auflösung der Form vorangetrieben wurde, desto mehr verlor das einzelne Bild an symbolischem Gehalt; denn das Symbol ist immer ein Inhalt der bekannten Welt, welcher auf ein Unbekanntes hinweist. In den gegenstandslosen Bildern hat sich aber die Welt des Bekannten aufgelöst, und nichts ist mehr da, was als Brücke zwischen dem Bekannten und dem Unbekannten dienen könnte. Doch trat etwas Unerwartetes zutage: viele Bilder, deren Abstraktion nahezu vollständig ist, offenbarten eine erstaunliche Ähnlichkeit mit mikrophotographisch aufgenommenen Strukturen organischer und anorganischer Stoffe. Es ergab sich ein seltsamer Zusammenhang mit der Natur, und die künstlerische Abstraktion enthüllte sich - ohne dass der Künstler es ahnte als eine, wenn auch ferne, Realistik. Man erinnert sich, dass Kandinskys «grosse Abstraktion» und «grosse Realistik», die zu Beginn des Jahrhunderts als zwei getrennte Pole der Kunst zu wirken begannen, schliesslich zu einem Ziel führen sollten. War das Ziel hier erreicht? Wohl kaum. Nur soviel lässt sich sagen, dass der Künstler in seinem Gestalten nicht so frei zu sein scheint, wie er wohl annehmen mag. Entsteht sein Werk mehr oder weniger unbewusst, dann setzen sich die Formgesetze der Natur durch, welche er hinter sich zu lassen meinte.

Lange bevor die geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen «abstrakten» und Naturformen erkannt worden waren, hatte Kandinsky sie erklärt: «Die abstrakte Malerei verlässt die <Haut> der Natur, aber nicht ihre Gesetze. Erlauben Sie mir das grosse Wort, die kosmischen Gesetze.»46 Es waren die Bahnbrecher der heutigen Kunst, die am deutlichsten aussprachen, worum es ihr ging und aus welcher Tiefe der Geist entsprang, in dessen Zeichen sie steht. So zeigen sie noch heute einen Weg zu ihrem Verständnis, denn die folgenden Künstlergenerationen fühlten sich nicht mehr in gleicher Weise zur Rechenschaft aufgerufen. Weder Kandinsky noch Klee noch einer von den frühen Meistern der modernen Malerei waren sich jedoch bewusst, welche Gefahr sie, vom psychologischen Gesichtspunkt aus, mit der mystischen Versenkung in Geist und Urgrund der Natur, mit der Entrückung des Ich und der Absage an das NatürlichStoffliche heraufbeschworen. Um das zu erklären, muss ein anderer Aspekt der abstrakten Kunst betrachtet werden. In seinen berühmten Werken «Abstraktion und Einfühlung» (1907) und «Formprobleme der Gotik» (1912) deutete Wilhelm Worringer die abstrahierende Kunst als Ausdruck einer metaphysischen Beunruhigung und Angst, welche er vor allem beim nordischen Menschen zu finden


glaubte. Der nordische Mensch besitzt nicht die Natürlichkeit und Erdverbundenheit des Südländers; er leidet an der Wirklichkeit und sehnt sich nach einer Welt des Geistes, des Überwirklichen, des Übersinnlichen. Als Künstler sucht er diesen Welten und seiner Sehnsucht in einem abstrahierenden Stil Ausdruck zu verleihen. In seiner «Geschichte der Modernen Malerei» weist Herbert Read ergänzend darauf hin, dass die metaphysische Angst heute nicht mehr nur die Eigenheit des nordischen Menschen bilde, dass sie vielmehr den gesamten Expressionismus unseres Jahrhunderts in der ganzen Welt charakterisiere. Read zitiert Klee, welcher Anfang 1915 in sein Tagebuch schrieb: «Je schrekkensvoller diese Welt (wie gerade heute), desto abstrakter die Kunst, während eine glückliche Welt eine diesseitige Kunst hervorbringt.» 47 Bei Franz Marc war es das Böse oder Hässliche in der Welt, vor dem er in die Abstraktion floh. «Ich empfand schon sehr früh den Menschen als <hässlich>; das Tier schien mir schöner, reiner; aber auch an ihm entdeckte ich so viel Gefühlswidriges und Hässliches, so dass meine Darstellungen instinktiv, aus einem inneren Zwang immer schematischer und abstrakter wurden.»48 Ähnlich erlebte es der italienische Bildhauer Marino Marini. Das Hauptmotiv, das er viele Jahre hindurch in zahlreichen Varianten darstellte, war die Gestalt eines nackten Jünglings auf einem Pferd. In den frühen Skulpturen - sie entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg - reitet der Jüngling mit weit geöffneten Armen, den Körper leicht nach hinten geneigt, auf dem Tier. In einem Gespräch, das Marini mit dem Schriftsteller Edouard Roditi 1958 über sein künstlerisches Werk führte 49 , bezeichnete er sie als «Symbole der Hoffnung und Dankbarkeit». Im Lauf der Jahre «abstrahierte» sich die Darstellung; die mehr oder weniger «klassische» Form des Reiters löste sich auf. Über den gefühlsmässigen Hintergrund dieser Wandlung sagte Marini in jenem Gespräch: «Wenn Sie meine Reiterstatuen aus den letzten zwölf Jahren nacheinander ansehen, so werden Sie bemerken, dass die wilde Angst des Tieres ständig zunimmt, dass es aber vor Schreck er-

starrt ist, anstatt sich aufzubäumen oder zu fliehen. All das, weil ich glaube, dass wir dem Ende einer Welt entgegengehen. In jeder Reiterfigur suchte ich eine tiefere Angst und Verzweiflung auszudrücken. Ich suche so das letzte Stadium eines vergehenden Mythus zu versinnbildlichen, des Mythus des individuellen, siegreichen Helden, des <uomo di virtu> der Humanisten.» Der «siegreiche Held» ist in Märchen und Mythen ein Symbol des Bewusstseins. Sein Untergang ist, wie auch Marini sagt, der Tod des individuellen Menschen - ein Phänomen, das sich im Bereich des Soziälen als Untergang des einzelnen in der Masse vollzieht und im Bereich der Kunst als Zurücktreten des Menschen im Bild angedeutet ist. Auf Roditis Frage, ob Marini sich in seinem Stil vom Klassischen abwenden wolle, ob er auf dem Wege sei, «abstrakt» zu werden, antwortete er: «Sobald die Kunst Angst auszudrücken versucht, entfernt sie sich auch vom klassischen Ideal.» Die Vorbilder seiner Kunst suchte Marini in den Leichen, welche die Ausgrabungen von Pompeji zutage gefördert hatten. Roditi nennt den neuen Stil Marinis eine Art «HiroshiinaStil»; er erinnere an die Vision eines Weltuntergangs. Marini gibt das zu. Er fühle sich, so sagte er, wie aus einem irdischen Paradies vertrieben. «Bis vor kurzem strebte der Bildhauer nach vollen, sinnlichen, kräftigen Formen. Aber

Links: Jackson Pollock (geb. 1912) gestaltete seine Bilder in einem tranceähnlichen Zustand. Auch der Franzose Georges Matthieu (links außen) wandte die Methode des «action painting» an. Überraschende Ähnlichkeiten zeigten sich zwischen <<abstrakten» Bildern und mikrofotographischen Aufnahmen von Naturelementen. Rechts• Aufnahme von Tonschwingungen in Glyzerin (vgl. auch S. 22)


seit etwa fünfzehn Jahren liebt die Bildhauerkunst Formen, die sich auflösen.» Das Gespräch zwischen Marino Marini und Edouard Roditi bedarf keiner Deutung. Wer je wachen Sinnes durch eine Ausstellung moderner Kunst gegangen ist, konnte sich - bei aller Bewunderung und Anerkennung der künstlerischen Leistung und bei aller Liebe zum einzelnen Werk - kaum dem Eindruck der Angst, Verzweiflung, der Aggression und des Hohnes entziehen, die ihm aus Gemälden und Plastiken entgegenschrien. Die «metaphysische Angst», die Not, welche in zahllosen Werken ausgedrückt ist, mag, wie bei Marini, aus der Verzweiflung angesichts eines drohenden Weltendes entsprungen sein. Bei anderen mag der Akzent mehr auf dem Religiösen liegen, in dem Gefühl, dass «Gott tot sei». Das eine hängt mit dem andern eng zusammen. An den Wurzeln der inneren Not steht ein Versagen, besser: ein Zurückweichen des Bewusstseins vor der Wirklichkeit der Welt und des Menschen. Der Künstler ergab sich den Intuitionen des Unbewussten. Im Überschwang des mystischen Erlebens wurde alles, was an das Leben, an die Erde, an Zeit und Raum, an den Stoff und lebendig-natürliche Erscheinung band, zurückgelassen, oder es wurde verfremdet und aufgelöst. Ohne das ausgleichende, begrenzende Gegengewicht des Irdischen und des Bewusstseins kehrt aber das Unbewusste unerbittlich seine andere, dunkle Seite hervor: auf den Reichtum des schöpferischen Klangs als «Harmonie der Sphären» oder der wundersamen Geheimnisse des Urgrunds folgen Verzweiflung und Destruktion. Auch in der Physik war die Gegensätzlichkeit der neu erforschten Hintergrundswelt zutage getreten: die Gesetze des Innersten der Natur, die geheimnisvollen Strukturen und Zusammenhänge ihres Grundelements, des Atoms, wurden zum wissenschaftlichen Fundament für Waffen von bisher nie gekannter Zerstörungskraft. Damit war der Weg zum Untergang geöffnet. Tiefste Erkenntnis und Weltzerstörung lauten hier die beiden Seiten des geoffenbarten Urgrunds der Natur. An der Wurzel steht auch hier ein Zurückweichen des Bewusstseins, nämlich vor

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der Verantwortung gegenüber unbewussten Machtimpulsen. Jung, der die gefährliche Doppelnatur des Unbewussten und seiner Inhalte ebenso erkannte wie die ausschlaggebende Rolle des überlegenen Bewusstseins, hatte dem Abgleiten in die Katastrophe nur eines entgegenzusetzen: die anscheinend so einfache und doch so anspruchsvolle Forderung nach vermehrter Bewusstheit des einzelnen. Das Bewusstsein ist nicht nur als Gegengewicht zum Unbewussten unerlässlich, ihm ist nicht nur die Möglichkeit der Sinnerfahrung gegeben, sondern Bewusstheit hat auch eine eminent soziale Bedeutung: nur der Bewusste erkennt das in der Welt, am Nächsten oder am Nachbarvolk erlebte Böse auch als Inhalt der eigenen Seele, und diese Selbsterkenntnis ist unerlässliche Voraussetzung zur toleranten Beziehung von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk. Das Unbewusste zeigt ein doppeltes Antlitz, es manifestiert sich auf zweierlei Weise: es erscheint als ein «Geist der Natur», der den Menschen, die Dinge und die Welt schöpferisch belebt. Es ist der «chthonische Geist», von dem in diesem Kapitel so viel die Rede war. Doch kann sich der gleiche Geist, das gleiche Unbewusste unversehens zu einem dunkeln Geist oder einem «Geist des Bösen» wandeln und wird als Trieb zu Macht und Destruktion erlebt. Diese Wandlung vollzieht sich vornehmlich dann, wenn das Bewusstsein versagt.

Die Alchemisten personifizierten den zwielichtigen Geist der Natur in der Gestalt des «Mercurius», den sie nicht ohne Grund als «Mercurius duplex», als doppelten, zweigesichtigen Mercurius bezeichneten. In der religiösen Sprache des Christentums heisst der negative Geist der Teufel. Aber auch er besitzt, so unwahrscheinlich es scheinen mag, einen doppelten Aspekt: in einem verborgen positiven Sinn erscheint er als Lucifer, was auf deutsch «Lichtträger» heisst. Die schwierigen Zusammenhänge eines in sich gegensätzlichen oder polaren chthonischen Geistes bilden den Hintergrund der Kunst unseres Jahrhunderts und der ihr eigenen Widersprüchlichkeit : im positiven Sinn ist sie Ausdruck einer Naturmystik von geheimnisvoller Tiefe; im negativen Sinn kann man sie nicht anders denn als Ausdruck eines bösen oder destruktiven Geistes deuten. Beide Seiten gehören zusammen, weil eine solche Paradoxie zu den Grundeigenschaften der unbewussten Natur, ihrer Inhalte und ihres Geistes gehört und die Kunst unseres Jahrhunderts ihr einen Spiegel erschaffen hat. Um Missverständnissen vorzubeugen, sei jedoch noch einmal hervorgehoben, dass solche psychologischen Überlegungen nichts zu tun haben mit dem künstlerisch-ästhetischen Wert irgendeines Werkes, sondern lediglich mit dem Versuch, die moderne Kunst als Symbol der Zeit zu deuten.

Links oben und Mitte: Zwei Skulpturen von Marino Marini (geb. 1901) von 1945 beziehungsweise 1951 zeigen, wie das Thema Pferd und Reiter sich ändert, vom Ausdruck der Ruhe zu dem gequälter Angst und Verzweiflung, während die Figuren selbst immer abstrakter werden. Marinis späteres Werk wurde beeinflusst von den durch Panik gezeichneten Leichen, die in Pompeji gefunden wurden (links).

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Eine Wende

Wir sind aber noch nicht am Ende. Der Zeitgeist ist in steter Bewegung begriffen. Er gleicht einem Strom, der langsam, kaum merklich, aber unaufhaltsam weiterfliesst; und in unserem schnellebigen Jahrhundert bedeutet schon ein Jahrzehnt eine weite Spanne. Um die Jahrhundertmitte begann sich eine Wandlung in der Malerei abzuzeichnen. Nichts Revolutionäres, nichts, was die Kunst von Grund auf veränderte, wie das in den Jahren um 1900 der Fall gewesen war. Aber es bildeten sich Künstlergruppen, deren Ziele neu und anders formuliert wurden, als wir es bisher vernommen hatten. Die Wandlung spielte sich zunächst innerhalb der abstrakten Malerei ab. Die Darstellung der konkreten Wirklichkeit, welche einem Bedürfnis des Menschen entspringt, dem gelebten Augenblick Dauer zu verleihen, hatte inzwischen durch die Photographie einen gültigen Stil gefunden; hier hatte sich eine echte Kunst des Gegenständlichen entwickelt 50 . So war es nur natürlich, dass die meisten bildenden Künstler auf dem Weg einer vertieften Innerlichkeit weiterschritten, dass sie den Stil der imaginativen Kunst weiter verfolgten. Für viele junge Künstler boten jedoch die Ausdrucksformen, die nun schon seit Jahrzehnten bestanden, keine «aventure», kein Eroberungsfeld mehr. Sie suchten Neues und fanden es in dem, was am nächsten lag und doch verlorengegangen war: in der Natur und im Menschlichen. Es ging ihnen jedoch nicht um das malerische Abbild der Natur, sondern um eine gefühlsmässige Antwort auf die Natur. Der Maler Alfred Manessier formulierte das Ziel seiner Kunst in den Worten: «Wir müssen das Gewicht der verlorenen Wirklichkeit wieder erobern. Wir müssen uns im Masse des Men-

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schen noch einmal ein Herz, einen Geist, eine Seele machen. Das Wirkliche, die Wirklichkeit des Malers, liegt weder im Realismus noch in der Abstraktion, sondern in der Rückeroberung seines Gewichtes als Mensch. Das Ungegenständliche scheint mir die gegenwärtige <Chance> zu sein, durch die der Maler am besten an seine innere Wirklichkeit herankommen kann und das Bewusstsein seines Seins erhaschen kann. Nur von diesem wieder eroberten Punkt aus, glaube ich, wird der Maler in der Zukunft langsam zu sich selbst gelangen können, sein Gewicht wiederfinden und es bis zur äusseren Wirklichkeit der Welt heraufkräftigen.» 51 Ähnlich formuliert es Jean Bazaine: «Die Versuchung ist gross für den Maler von heute, den reinen Rhythmus seiner Empfindungen zu malen, den geheimsten Herzschlag, statt ihn zu inkarnieren in einer konkreten Form. Man gelangt dabei schliesslich zu vertrockneter Mathematik oder zu einer Art von abstraktem Expressionismus, der in Monotonie und wachsender Armut der Zeichen endet. - Bei einer Form aber, die den Menschen mit seiner Welt wieder versöhnt, handelt es sich... um eine cKunst der Kommunion), Wo der Mensch jeden Augenblick in der Welt sein ungeformtes Antlitz wiedererkennt.» Es ging den Künstlern um die Vereinigung der eigenen inneren Wirklichkeit mit der Wirklichkeit der Welt oder der Natur; auf diese Weise glaubten sie den Weg zur «Rückeroberung des Gewichtes als Mensch» zu finden. Noch einmal scheinen hier die zwei getrennten Wege der Kunst zusammenzufliessen, welche Kandinsky zu Beginn des Jahrhunderts als «grosse Abstraktion» und «grosse Realistik» bezeichnet hatte. Diesmal aber - und das ist entscheidend - vollzieht sich die Vereinigung nicht unbewusst wie bei den zufällig entdeckten Ähnlichkeiten abstrakter Malereien und mikro-

Natur und Mensch waren einst-die künstlerischen Themen. In diesem Jahrhundert wurden sie von der photographischen Darstellungskunst übernommen. Die moderne Photographie bildet nicht nur ab, sondern gestaltet auch Stimmung und gefühlsmässiges Erleben. Rechts: Photographie einer japanischen Winterlandschaft (Werner Bischof, 1916-1954).


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photographischer Naturaufnahmen, sondern in einer bewussten Wandlung künstlerischen Gestaltens. Dem Betrachter fällt zunächst nur eine veränderte Atmosphäre in den Werken dieser Künstler auf. Von den Bildern eines Alfred Manessier, eines Gustave Singier, eines Oscar Dalvit und anderer geht bei aller Abstraktion eine Daseinsbejahung und bei aller Gefühlsintensität eine fast heitere Harmonie der Formen und Farben aus. In Jean Lur^ats berühmten Tapisserien lebt die Natur. Sie könnten als geglückte Verbindung imaginativer und sensorischer Kunst gelten. Schon Klee hatte Ähnliches angestrebt. Aber Klee wohnte «nahe bei den Toten und den Ungeborenen», in einer fast kosmischen Ferne, während die jüngere Künstlergeneration, von der hier die Rede ist, fester in der Erde wurzelt. Ihr ging es um eine neue Einbeziehung diesseitiger Wirklichkeit in Gestaltung und Werk. Es scheint bedeutsam, dass die moderne Malerei in dem Augenblick, da sie zur Sicht einer Vereinigung von Innen und Aussen vorgedrungen ist, wieder zum Thema des Religiösen greift. Die «metaphysische Leere» scheint überwunden. Es geschieht das völlig Unerwartete, dass die Kirche zum Auftraggeber moderner Kunst wird. Der Einzug der Kunst unseres Jahrhunderts in die Kirche ist mehr als nur das Zeichen einer

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künstlerischen Aufgeschlossenheit der Auftraggeber. Er symbolisiert vielmehr die Tatsache, dass die Rolle der «Modernen Kunst» als Kompensation zum Christentum (im Sinn der alten hermetischen Bewegungen) sich wandelt: aus der Kompensation bahnt sich die Möglichkeit eines Zusammenwirkens an. Bei der Betrachtung der Tiersymbole Christi war auf Spannung und Zusammengehörigkeit des «himmlischen» und des «naturhaften» Geistes hingewiesen worden. Anscheinend ist heute der Augenblick gekommen, wo eine neue Stufe auf dem Weg zur Lösung dieses jahrtausendealten Menschheitsproblems erreicht werden könnte. Was sich für die Zukunft ergibt, ist nicht vorauszusagen. Ob sich positive Folgen einer Überbrückung der Gegensätze einstellen werden oder ob der Weg durch unabsehbare Katastrophen führen wird, ist eine nicht zu beantwortende Frage. Allzuviel Angst und allzuviel Bedrohliches ist noch am Werk und bildet das Übergewicht im sozialen Leben wie im künstlerischen Ausdruck. Vor allem ist der Widerstand des einzelnen noch zu stark, für sich und sein Leben die Folgerungen aus dem zu ziehen, was er als Kunst und in der Kunst zu akzeptieren bereit ist. Der Künstler kann unangefochten, oft allerdings unbewusst, sehr viel ausdrücken, was dem Psychologen zu sagen verübelt wird. Durch die Aussage des Psychologen fühlt sich der einzelne unmittelba-


rer getroffen und aufgerufen. Was der Künstler gestaltet, bleibt - besonders für den Menschen unserer Zeit - in einer ferneren, unpersönlichen Sphäre. Der Psychologe wendet sich an das Bewusstsein, das Kunstwerk berührt das Unbewusste. Aber das echte Kunstwerk weist über seine Zeit hinaus ins Zeitlose, und das erklärt die Faszination, die es ausübt und seit jeher ausgeübt hat: es schafft auch im Betrachter eine Brücke zur Zeitlosigkeit.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts entsteht in der Malerei eine Tendenz von grösserer Lebensbejahung. Links oben: Jean Lurçat stellte seine Werke auf freiem Felde aus. Oben: «Dédicace à Sainte Marie-Madeleine» von Alfred Manessier (geb. 1911). Rechts oben: «Pour la Naissance du Surhomme» (Pierre-Yves Trémois, geb. 1921). Rechts: Gemälde von Pierre Soulages (geb. 1919). Das Gelb scheint ein Licht hinter dunkeln Elementen anzudeuten.


Jolande Jacobi Symbole auf dem Weg der Reifung


Zur Einführung

Es ist eine allgemein verbreitete Ansicht, dass die Jungsche Psychologie nur auf Individuen in der zweiten Lebenshälfte anwendbar sei. Das ist jedoch ein Irrtum. Denn der Individuationsprozess, der seelische Entwicklungsweg des Menschen, dauert von der Geburt bis zum Tod und umschliesst auch die erste Lebenshälfte. In diese Periode gehört die Bearbeitung und Bewusstmachung der Probleme des sogenannten «Schattens» und damit die Stärkung des Ich. Angst vor dem Leben und den Forderungen nach Anpassung an die Umwelt, die Tendenz, sich in seine Phantasien zurückzuziehen und ein Kind zu bleiben, haben - besonders bei den jungen Introvertierten - schon so manchen Individuationsprozess aufgehalten. Gelingt es jedoch, die Tiefen der unbewussten Bereiche anzuregen und ihre Schätze, zum Beispiel die in den Träumen verborgene reiche Symbolik, zu heben, so kann dadurch die seelische Entwicklung mächtig gefördert werden. Welch grosse Bedeutung den Symbolen im Verlaufe des Individuationsprozesses, auch in seiner ersten Hälfte, zukommt, möchte ich Ihnen am Beispiel eines fünfundzwanzigjährigen Ingenieurs zeigen, den ich Henry nennen will. Henry war in einer ländlichen Gegend in der Ostschweiz beheimatet, wo sein Vater, der aus einer Bauernfamilie stammte, den Beruf eines praktischen Arztes ausübte. Der Vater war ein verschlossener, eher kontaktarmer Mann mit strengen moralischen Grundsätzen, vor allem «Vater seiner Patienten und weniger der seiner Kinder». Zu Hause hatte die Mutter in jeder Hinsicht die Führung inne. «Erzogen wurden wir durch die starke Hand der Mutter», erzählt Henry von ihr. Ihre Vorfahren waren Akademiker mit besonderer Vorliebe für Kunst jeder Art. Trotz ihrer

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Strenge hatte sie einen weiten geistigen Horizont; sie war impulsiv, romantisch veranlagt und schwärmte für Italien. Obwohl sie Katholikin war, folgten ihre Kinder der protestantischen Religion des Vaters. Henry besass auch eine um drei Jahre ältere Schwester, mit der er sich gut verstand. Er selber war ein introvertierter, blonder, schüchterner, feingliedriger Jüngling von hoher Statur, mitdunkelbeschattetenhellen Augen. Waseigentlich eine Analyse ist, wie sie vor sich geht, davon hatte er keinerlei Vorstellung. Er griff nicht, wie die meisten Menschen - so betonte er zumindest in dem Brief, mit dem er mich um eine Aussprache bat -, wegen einer Neurose zur Psychologie, sondern weil er sich zur Arbeit an seiner Seele «innerlich genötigt» fühlte. Eine starke Mutterbindung, eine allgemeine Angst vor dem Leben und den Verpflichtungen und Risiken, die es mit sich bringt, verbargen sich hinter dieser «Nötigung». Henry hatte gerade sein Studium abgeschlossen und eine Stelle in einer grossen Industriefirma angetreten. Er stand vor den schwierigen Problemen, die jeder junge Mann an der Schwelle des Erwachsenseins zu bewältigen hat. «Es scheint mir», so schrieb er, «dass diese Phase meines Lebens von besonderer Bedeutung ist. Ich muss mich entscheiden, ob ich ein einsamer, schwankender, behüteter, wirklichkeitsferner Jüngling bleiben oder zu einem gefestigten Mann werden will, der alle Sicherungen von sich zu werfen und alle Anforderungen der Wirklichkeit auf sich zu nehmen bereit ist.» Auf unsere gemeinsame «Reise» setzte er grosse Hoffnungen; sie sollte entscheiden, ob es ihm gelingen könne, den Sinn seines Lebens zu finden. Von sich berichtete Henry, dass er sich unter Menschen gehemmt fühle und Bücher allen Geselligkeiten vorziehe. Er war selbstkritisch und oft von Zweifeln geplagt. Für sein Alter war er sehr belesen und neigte sogar zu einem ästhetischen Intellektualismus. Im Religiösen wechselte er von einem anfänglichen Atheismus zu einem rigorosen Protestantismus über, um in einem völligen Neutralismus zu landen. Früh schon entschloss er sich zu einem Beruf, in dem er seine mathematische und technische Begabung am besten verwenden könnte. Sein logisches, natur-


wissenschaftlich geschultes Denken stellte für ihn eine feste Stütze dar. Daneben hatte er allerdings auch einen Hang zum Irrationalen und Mystischen, den er aber nicht einmal sich selber eingestehen wollte, obwohl gerade diese Seite später besonders bedeutsam für ihn werden sollte. Etwa zwei Jahre zuvor hatte sich Henry mit einer jungen Französischschweizerin verlobt. Er beschreibt sie als charmant, handfertig und initiativ. Trotzdem war er unsicher, ob er die Verantwortungen einer Ehe auf sich nehmen solle. Da er kaum Kontakt mit Mädchen hatte, wäre es doch besser, noch zu warten, dachte er, oder sogar Junggeselle zu bleiben und sich allein der Wissenschaft zu widmen. Die vielen Wenn und Aber verhinderten jede Entscheidung, und es zeigte sich bald, dass es noch einer weiteren Stufe des Reifens bedurfte, um zu einem Entschluss zu kommen. Obwohl sich väterliches und mütterliches Erbgut in Henry in einer eigentümlichen Mischung vorfanden, war er doch ausgesprochen muttergebunden. In seinem Bewusstsein mit der realen, das heisst «hellen» Mutter, ihren Idealen und ihrem Ehrgeiz identifiziert, war er in seinem unbewussten Bereich um so tiefer und unerbittlicher der «dunklen» Mutter ausgeliefert. Sein Unbewusstes hielt sein Ich noch in seinen Fangarmen, und all sein Scharfsinn, alle Bemühung, sich im rein Rationalen einen festen Boden zu sichern, blieb doch nur kunstvoll errichteter Überbau. Diesem «Gefangensein» durch feindselige Reaktionen gegen die wirkliche Mutter und durch Ablehnung der «inneren, seelischen Mutter», dem Symbol seiner verborgenen weib-

lichen Seite, zu entfliehen, war eine oft zwangshafte Verlockung. Eine ihm unerklärliche Gewalt wollte ihn im Zustand des Kindseins festhalten und zwang ihn, allem zu widerstehen, was ihn in die äussere Welt zu verwickeln drohte. Nicht einmal die Faszination, die seine Braut auf ihn ausübte, vermochte ihn von seiner Mutterbindung zu befreien und damit seine Selbstfindung zu bewirken. Er war sich gar nicht bewusst, dass sich hinter seinem Drang nach seelischem Wachstum zugleich die Notwendigkeit einer Loslösung von der Mutter verbarg. Meine analytische Arbeit mit Henry dauerte genau neun Monate. Sie umfasste 35 Sitzungen, in denen er rund 50 Träume vorlegte. So kurze Analysen kommen nicht häufig vor. Sie sind nur möglich, wenn Träume von so starker Geladenheit wie jene von Henry den Entwicklungsprozess beschleunigen. Vom Jungschen Gesichtspunkt aus gibt es natürlich keine Regel für die Zeit, die für eine erfolgreiche Analyse benötigt wird. Alles hängt von der Bereitschaft des Individuums ab, das innere Geschehen zu realisieren, sowie vom Material, das von den unbewussten seelischen Bereichen geliefert wird. Wie die meisten Introvertierten führte Henry ein relativ monotones äusseres Leben. Während des Tages war er ganz von seinem Beruf in Anspruch genommen. An den Abenden ging er manchmal mit seiner Braut oder mit Freunden aus, die, wie er, Freude an literarischen Diskussionen hatten. Oft sass er aber auch allein in seiner Bude, vertieft in ein Buch oder in seine Gedanken. Obwohl wir seine Tageserlebnisse regelmässig besprachen und auch jene seiner Kindheit und Jugend durchleuchteten, sind wir zumeist schnell zur Unter-

Links: Palast und Kloster des Escor ial, Spanien, die 1563 von Philipp II. erbaut wurden. Vielleicht auch Symbolfür den Introvertierten, der sich in seine «inneren Mauern» zurückzieht. - Unten rechts: Henrys Zeichnung der Scheune mit ihrem burgähnlichen Zinnengeländer, die er als Kind baute.

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suchung seiner Träume und der Probleme seiner Innenwelt übergegangen. Freilich konnte nicht alles, was ich hier vorlege, Henry mitgeteilt werden. In einer Analyse muss man sichja ständig bewusst sein, wie explosiv die Symbolwelt der Träume auf den Träumenden einwirken kann. Wirft man ein zu grelles Licht auf die verschlüsselte Sprache der Träume, so kann der Träumer von Ängsten überfallen werden und aus Abwehr zu Rationalisierungen greifen. Er kann auch von den inneren Bildern derartig überschwemmt werden, dass er in eine schwere psychische Krise fällt. Einige der wichtigsten Träume von Henry mögen das hier illustrieren. Zu Beginn unserer Arbeit brachte Henry Kindheitserinnerungen von tiefer symbolischer Bedeutung. Die älteste stammte aus seinem vierten Lebensjahr. Er erzählte, dass er eines Morgens seine Mutter in die Bäckerei begleiten durfte und dort von der Bäckersfrau einen «Gipfel» erhielt. Anstatt ihn zu verzehren, behielt er ihn stolz in der Hand. «Es waren nur meine Mutter und die Bäckersfrau anwesend», sagte er, «und somit war ich der einzige Mann.» Von solchen Gipfeln heisst es im Volksmund, sie seien «Mondzähne», und vom Mond, er sei Symbol des Weiblichen, wodurch dessen Macht, der sich der kleine Junge ausgeliefert fühlte, unterstrichen wird. Eine weitere Erinnerung aus seinem fünften Jahr bezog sich auf ein Ereignis mit seiner Schwester, die, gerade aus der Schule heimkommend, ihn an seinem Spieltisch mit dem Bau einer Scheune beschäftigt fand. Er umgibt dabei die aus Holzklötzchen errichtete, quadratisch angelegte Scheune mit einer Hecke, die dem Zinnengeländer einer Burg gleicht. Henry scheint mit seiner Leistung sehr zufrieden gewesen zu sein, denn er sagte neckend zu seiner Schwester: «Kaum gehst du in die Schule, hast du wieder Ferien.» Ihre Antwort, er habe das ganze Jahr Ferien, macht ihn entsetzlich böse. Es verletzt ihn tief, dass seine Leistung nicht ernst genommen wird. Heute noch ist ihm der bittere Schmerz gegenwärtig, den er wegen dieser Ungerechtigkeit damals empfand. Das Problem der Behauptung seiner Männlichkeit und der Konflikt zwischen rationalen und Phantasiewerten tritt in diesen frühen Erlebnissen schon klar zutage.


Der Initialtraum

Sie fanden bereits in seinem Traum, den er gleich nach seinem ersten Besuch bei mir hatte, ihren bildhaften Ausdruck. Er lautet: Ich mache mit einer mir unbekannten Gesellschaft einen Ausflug auf das Zinalrothorn. Ausgangspunkt der Fusswanderung ist Samedan. Man ging aber nur zirka eine Stunde weit, um sich niederzulassen, weil Theater gespielt werden soll. Mir selbst fällt keine aktive Rolle zu. Ich erinnere mich speziell an eine Darstellerin: eine junge Frau in pathetischer Rolle mit langem, fallendem, hellem Gewand. - Es wird Mittag, und ich will weiter, gegen den Pass. Da alle anderen bleiben wollen, steige ich allein, meine Ausrüstung zurücklassend. Aber in Wirklichkeit gelange ich wieder ins Tal zurück, wo ich die Orientierung ganz verliere. Ich möchte zurück zur Reisegesellschaft, weiss aber nicht, welcher Berghang zu besteigen ist. Geniere mich zu fragen. Schliesslich zeigt mir eine alte Frau den Weg, den ich gehen muss. Steige nun von einem anderen Ausgangspunkt aus empor als mit der Gesellschaft am Morgen. Es handelt sich darum, in der richtigen Höhe abzuschwenken, um so längs dem Berghang zur Gesellschaft zurückzugelangen. - Steige entlang einer doppelspurigen Bergbahnlinie empor, auf der rechten Seite. Links kommen ständig kleine Wagen herunter mit je einem in ihnen verborgenen aufgedunsenen Mann in blauem Anzug. Man sagt, sie seien tot. Befürchte, dass auch von hinten auf meinem Geleise solche auftauchen würden, und kehre mich deshalb häufig um, damit ich nicht überfahren werde. Doch ist meine Befürchtung grundlos. An der Stelle, wo ich nach rechts abschwenken muss, erwarten mich Menschen. Sie führen mich in einen Gasthof. Ein Platzregen stellt sich ein. Bedauere, dass meine Ausrüstung, Rucksack und Motorvelo, nicht da ist. Man rät mir aber, sie erst am nächsten Morgen zu holen. Ich füge mich diesem Rat.

Jung misst dem ersten Traum in der Analyse eine besondere Bedeutung zu, da er nach ihm oft eine antizipatorische Bedeutung hat. Die Entscheidung, sich einer Analyse zu unterziehen, geht Kindheitseritmerung von Henry, ein «Gipfel», den er auch zeichnete (links oben). In der Mitte dieselbe Form auf einem modernen Schweizer Gebäckmodel. - Die Sichel wurde stets mit dem Mond verknüpft und auch mit dem weiblichen Prinzip, wie das auf der Krone der babylonischen Göttin Ischtar (unten) aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. abgebildet ist.

nämlich nie ohne ein starkes emotionales Bewegtsein der Psyche vor sich und rührt damit jene Tiefen auf, aus denen archetypische Bilder und Symbole aufsteigen. Sie weisen daher auf kollektiv gültige Verhaltensformen und Lösungen hin, gemäss denen der «Weg der Analyse» möglicherweise verlaufen wird, was auch für den Therapeuten von grossem diagnostischem Wert zu sein vermag. Was sagt uns nun der obige Traum über Henrys spätere Entwicklung? Dazu müssen wir zuerst die Assoziationen anschauen, die er selber beigebracht hat. Von Samedan wusste er, dass es dieHeimatdesSchweizerFreiheitsheldenausdem 17. Jahrhundert, Jürg Jenatschs, war. Zum Theater fiel ihm Goethes «Wilhelm Meisters Lehrjahre» ein, ein Buch, das er besonders gern hatte. Die Frau erinnerte ihn an die weisse Gestalt auf Arnold Böcklins Bild «Die Toteninsel», und die «alte Weise Frau», wie er sie nennt, mag einerseits die Analytikerin darstellen oder auch die Putzfrau in J. B. Priestleys Drama «Ein Tor tat sich auf». Die Zahnradbahn lässt ihn an die Scheune aus seiner Kindheit mit ihren Zinnen denken. Der Traum beschreibt einen Ausflug, eine Art «Wanderung», was gut zu seinem Vorhaben, eine Analyse zu unternehmen, passt. Der Individuationsprozess wird ja oft durch eine Entdeckungsreise in unbekannte Länder symbolisiert. Zu einer solchen « Reise» gibt es zahlreiche Parallelen in der Literatur; so findet zum Beispiel auch eine in Dantes «Divina Commedia» statt, in der der «Reisende», einen Weg suchend, zu einem Berg kommt, den er zu besteigen beschliesst. Doch hindern ihn drei seltsame Tiere (ein Motiv, das auch in einem späteren Traum von Henry vorkommt) daran, so dass er in das Tal, ja bis in die Hölle hinabzusteigen hat. In der Folge steigt er allerdings zum Purgatorium hinauf, um endlich im Paradies zu landen. Diese Parallele zeigt, dass möglicherweise auch auf Henry eine Zeit der Desorientierung und des einsamen Suchens wartet. Die erste Hälfte seiner Lebensreise ist somitsymbolisiert als Bergbesteigung, als Aufstieg aus den unbewussten Bereichen zu einem erhöhten Standpunkt des Ich, dasiieisst zu einer vermehrten Bewusstheit, was eine für die Analyse versprechende Aussicht ist.

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Der Beginn des Individuationsprozesses kann oft eine Periode der Desorientiertheit sein. Links zeigt der erste Holzschnitt aus dem Buch «Der Traum des Poliphilo», 15. Jahr hundert, die Hauptfigur, wiesieängstlichdendunklen Wald, Symbol eines unbewussten Bereiches, betritt. Assoziationen, die Henry zu seinem Initiait räum brachte: rechts die «Toteninsel», Ölbild von A. Böcklin (1827 bis 1901) ; weiter rechts eine Szene aus dem 1944 in London aufgeführten Stück von J. B. Priestley: «Ein Tor tut sich auf» («They came to a City»), das Menschen behandelt, die nach «langen Lebensmärschen» endlich eine «ideale Stadt» erreichen. Eine zentrale Figur darin ist ein Scheuerweib (links im Bild).

Samedan ist im Traum als der Ausgangsort des Unternehmens genannt. Von dort zieht Jenatsch, der für den nach Freiheit drängenden Teil von Henry steht, zur Befreiung des Veltlins aus und zwingt die Franzosen zum Rückzug. Jenatsch hat aber noch andere Gemeinsamkeiten mit Henry. Auch er war Protestant, der ein katholisches Mädchen freite; auch er kämpfte für Befreiung wie Henry, der sich in der Analyse von seiner Mutterbindung und von seiner Lebensangst zu befreien hatte. Die Parallele konnte als ein günstiges Vorzeichen für den Erfolg von Henrys «Freiheitskampf» gedeutet werden. Das Ziel des Ausflugs im Traum ist das Zinalrothorn, ein Berg in der Westschweiz, den er nicht kannte. Das Wort «rot», das darin vorkommt, weist auf das emotionale Problem von Henry hin. Rot symbolisiert im allgemeinen Gefühl, Leidenschaft und betont den Wert der Gefühlsfunktion, die bei ihm ungenügend entwickelt war. Und «Horn» erinnert an den «Gipfel» aus der Bäckerei in Henrys Kindheitserlebnis. Nach einem kurzen Marsch wird haltgemacht, heisst es im Traum. Henry kann sich nun seiner wesenseigentümlichen Passivität hingeben. Zuschauer zu sein im Theater, ist eine beliebte Gelegenheit, sich der aktiven Teilnahme am Leben zu entziehen. Der Zuschauer kann sich mit dem Schauspiel identifizieren und seinen Phantasien trotzdem weiter frönen. Eine solche Identifikation erlaubte es schon den Griechen, eine

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Katharsis zu erleben, ähnlich wie bei dem vom amerikanischen Psychiater J. L. Moreno als therapeutisches Mittel eingeführten «Psychodrama». So mag auch Henry, indem seine Gedanken ihn mit Goethes «Wilhelm Meister» der Geschichte der Reifung eines jungen Mannes verbanden, ein Stück innerer Entwicklung erfahren haben. Dass ihm dabei eine romantisch-pathetische Figur Eindruck machte, ist nicht erstaunlich, denn diese erinnerte ihn an seine eigene Mutter und personifiziert zugleich seine eigene unbewusste weibliche Seite. Die Beziehung, die er zwischen ihr und Böcklins «Toteninsel» herstellt, zeugt von Henrys depressiver Stimmung, die auch das Bild charakterisiert, auf dem eine weissgekleidete priesterartige Gestalt ein sargtragendes Boot einer Insel zusteuert. Bezeichnenderweise haben wir es hier mit einer doppelten Paradoxie zu tun: einerseits, indem das Boot mit seinem Kiel von der Insel weg zu führen scheint, anderseits in Form der Ungesichertheit des Geschlechtes der Priestergestalt, die laut Henrys Überlegung vermutlich hermaphroditisch ist. Dieser Doppelaspekt kennzeichnet gut Henrys Ambivalenz: die Gegensätze in seiner Seele sind noch zu undifferenziert, um eindeutig getrennt zu sein. Plötzlich fällt Henry ein, dass es inzwischen Mittag, «Lebensmittag», geworden ist und dass er weiterzugehen hat. Er macht sich auf den Weg zur Passhöhe. Ein Bergpass ist ein wohlbekanntes Symbol für eine

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«Übergangssituation», die von einer Einstellung hinüber in eine andere, neue führt. Diese Situation muss er allein bewältigen; es ist von entscheidender Bedeutung für sein Ich, dass er den «Übergang» ohne äussere Hilfe besteht. Er lässt daher auch seine Ausrüstung- das heisst sein bisheriges Wissensmaterial, das ihm dabei zur Last werden könnte - zurück und damit auch seine bisherige Weise, mit den Dingen umzugehen. Trotzdem schafft er es nicht. Sein Ich verliert die Orientierung, und er gelangt wieder ins Tal, aus dem er ausgezogen war. Dieses Misslingen zeigt, dass Henrys bewusstes Ich sich zwar zum Handeln entscheidet, dass aber seine übrigen seelischen Eigenschaften (personifiziert durch die anderen Mitglieder der Gesellschaft) in der alten Passivität verharren und nicht gewillt sind, das Ich zu begleiten. (Wenn nämlich der Träumer selber in einem Traum erscheint, dann steht er darin meistens nur für seine bewusste Seite, für sein Ich; dagegen repräsentieren die weiteren Figuren die mehr oder weniger unbewussten Züge des Träumers.) Nun befindet sich Henry hilflos in einer ausweglosen Situation, doch schämt er sich, sie zuzugeben. Da begegnet er einer «alten Frau», die ihm den richtigen Weg weist. Er kann nicht umhin, ihren Rat anzunehmen. Die «hilfreiche alte Frau» ist ein aus Märchen und Mythen bekanntes Symbol für die Weisheit der ewigen weiblichen Natur. Henry, der Rationalist, zögert, ihr zu

folgen, denn das würde von ihm ein sacrificium intellectus verlangen, ein Opfer, eine Ablehnung seiner gewohnten rationalen Denkart. Doch geht es nicht ohne dieses Opfer ab. Das gilt sowohl für Henrys Beziehung zur Analytikerin als auch zur Analyse selbst und zum Leben überhaupt. Eine Forderung, die in den späteren Träumen Henrys noch oft wiederholt wird. Immerhin, indem Henry zur «Alten Frau» Priestleys Stück einfiel, in welchem es um eine «neue Stadt» - vielleicht in Analogie zum «Neuen Jerusalem» der Apokalypse - geht, in die endgültig einzukehren eine Art «Initiation» darstellt, wird es offenkundig, dass Henry diese Begegnung intuitiv als etwas für ihn Entscheidendes erkannte. Sagt doch das Scheuerweib in jenem Stück, an das Henry dabei dachte, «dort haben sie mir ein eigenes Zimmer versprochen», dort wird sie, kann sie unabhängig und selbständig sein, wie es Henry werden möchte. Für einen so rational denkenden jungen Mann wie Henry, bewusst den Weg der Individuation zu gehen, verlangt eine vollkommene Umkehrung seines bisherigen Standortes. Dementsprechend muss er, auf Anraten der «Alten Frau», von einem anderen Ort aus emporsteigen. Erst dann wird es ihm einzuschätzen möglich sein, auf welcher Ebene er abschwenken muss, um wieder zur verlassenen Gesellschaft zu stossen, zu jenen Eigenschaften seiner Seele, die er zurückgelassen hat. Vorerst folgt er - vielleicht seinem technischen


Studiengang entsprechend - einer doppelspurigen Bergbahnlinie, deren rechter, das heisst bewussten Seite entlang er aufwärtssteigt. (In der allgemeinen Symbolgeschichte wurde Rechts stets mit der bewussten, Links mit der unbewussten Seite parallelgesetzt.) Von links kommen kleine Wagenbehälter abwärts, in denen sich je ein kleiner Mann verborgen hält. Anscheinend handelt es sich um einen Pendelverkehr. Henry hat Angst, dass einer der aufwärtsfahrenden Wagen ihn, von «hinten kommend», überfahren könnte. Seine Befürchtung erweist sich jedoch als grundlos, sie zeigt aber, dass Henry sich vor dem, was sozusagen «von hinten» auf ihn zukommt, fürchtet.

Was sollen aber die aufgedunsenen, blau gekleideten Männer bedeuten? Sind es tote, sterile, intellektuelle Gedanken, die da mechanisch heruntergebracht werden? Ist Henry zu «hoch» gestiegen? Blau steht oft für die Funktion des Denkens. So gesehen könnten diese Männer Formeln und Theorien symbolisieren, die auf intellektuellen Höhen, wo die Luft zu dünn wird, gestorben sind. Es heisst im Traum: «Man sagt, sie seien tot.» Henry ist ja allein, wer macht denn diese Feststellung? Es ist eine Stimme - und wenn sich eine Stimme im Traume meldet, dann geht es stets um ein höchst bedeutsames Ereignis. Jung hat von ihr gesagt, sie komme, wenn sie sich im Traume hörbar macht, vom Selbst und vermittle ein Wissen, das seine Wurzeln in den kollektiven Urgründen der Seele hat. Was die Stimme sagt, kann nicht bestritten werden. Die Einsicht, die Henry bezüglich der «toten Formeln» gewann, in die er sich verstiegen hat, stellt im Traum einen Wendepunkt dar. Jetzt ist er endlich an der «richtigen» Stelle, um eine neue bewusste Richtung einzuschlagen, nämlich eine, die zur Aussenwelt hinführt. Dort erwarten ihn die. vorher verlassenen Leute, dort kann er sich ihnen, das heisst den bisher unbekannten Zügen seiner Psyche, bewusst zuwenden. Er kann sich dem Kollektiv anschliessen und mit den übrigen Dach und Nahrung finden. Dann fällt Regen, der die Spannung löst und die Erde befruchtet. In der Mythologie heisst es, dass Regen eine Art Versöhnung und Liebesbund zwischen Himmel und Erde herstellt. So rief man zum Beispiel in den Eleusinischen Mysterien, nachdem alles durch das Element Wasser gereinigt worden war, zum Himmel empor: «Lasse Regen fallen!», und zur Erde: «Sei fruchtbar!», und meinte, damit eine heilige Ehe unter den

Links: Die griechische Danae;die Zeus für eine Liebesnacht in Form von Goldregen besuchte (flämisches Ölbild von Jan Gossaert, 16. Jahrhundert). Wie in Henrys Traum spiegelt dieser Mythos die Symbolik des Regengusses als heilige Hochzeit zwischen Himmel und Erde wider. Rechts: In einem arideren Traum von Henry erscheint ein Reh, das Bild einer scheuen Weiblichkeit (von Edwin Landseer, 19. Jahrhundert).


Göttern und eine «Lösung» bewirkt zu haben. Henry muss nun die Werte, die er zurückliess, seinen Rucksack und sein Fahrrad, wieder zu sich nehmen. Nach der Erweiterung seines Bewusstseins und der dadurch erfolgten Stärkung seines Ich muss er wieder einen sozialen Kontakt suchen. Er hat, allein auf sich gestellt, sein Vorhaben bewältigt; jetzt aber findet er sich mit dem Rat seiner Kameraden ab, die finden, er möge jetzt warten und erst am nächsten Morgen seine Sachen holen. Damit hat er sich von neuem einer fremden Anweisung unterworfen; das erstemal dem Rat der alten Frau, einer individuellen Macht, einer archetypischen Gestalt; das zweitemal einem kollektiven Rat, dem einer Menschengruppe. Damit hat Henry einen Meilenstein auf seinem Entwicklungsweg erreicht. Nehmen wir diesen Traum als eine Vorausschau dessen, was für Henry die Analyse erbringen kann, so ist er entschieden vielversprechend. Die konflikthaften Gegensätze, die Henrys Seele in Spannung hielten, sind in ihm eindrücklich symbolisiert , einerseits durch seinen bewussten Drang zum «Aufstieg» und anderseits durch seine Tendenz zu passiver Kontemplation. Auch die pathetische Figur der jungen Frau in ihrem weissen Gewand, die seine empfindsame und romantische Gefühlswelt darstellt, steht in einem scharfen Gegensatz zu den aufgedunsenen toten Männern in blauen Kitteln, den Vertretern seiner sterilen intellektuellen Gedankenwelt. Allerdings wird es, um alle diese Probleme zu überwinden und zwischen ihnen in Henrys Seele einen Ausgleich herzustellen, nicht ohne weitere schwere Erprobungen abgehen.

Die Angst vor dem Unbewussten

Die bereits im vorangehenden Initialtraum aufgeworfene Problematik zeigte sich während Henrys Analyse in zahlreichen weiteren Träumen, in denen sein Schwanken zwischen männlich-aktiver und weiblich-passiver Seinsform deutlich wurde. Seine Angst vor der Welt und sein gleichzeitiges Angezogensein zu ihr liefen parallel mit seiner Angst vor einer ehelichen Bindung mit all ihren Verpflichtungen und Verantwortungen. Im Grunde hatte er Angst vor der Sinnlichkeit überhaupt und vor den Gefahren, die den männlichen Logos durch sie bedrohen. Eine solche Ambivalenz ist bei jungen Männern an der Schwelle des Erwachsenseins nicht ungewohnt. Henry hatte jedoch diese Lebensphase altersmässig bereits überschritten, in bezug auf seine seelische Reife war er hingegen im Rückstand. Wir begegnen diesem Problem des öfteren bei Introvertierten mit ihrer Angst vor der Wirklichkeit und dem Leben in der Aussen weit. Der vierte Traum, den Henry vorlegte, illustrierte deutlich seine Seelenlage : Es scheint mir, folgendes schon unzählige Male geträumt zu haben: Militärdienst, Langstreckenlauf. Allein gehe ich meinen Weg. Nie komme ich ans Ziel. Werde ich der Letzte sein ? Die Strecke ist mir ganz vertraut: alles «déjà vu». Der Start ist in einem kleinen Laubwäldchen mit dürren Blättern am Boden, das Terrain leicht abfallend; es führt zu einem idyllischen Bächlein, das zum Bleiben einladen würde. Später kommt eine staubige Landstrasse. Sie führt gegen Hombrechtikon, ein kleines Dorf am oberen Zürichsee. Man muss aber vorher nach links abschwenken, Richtung Zürich. Von Weiden umsäumter Bach, ähnlich einem Bilde Böcklins, wo eine hohe Frauengestalt träumend dem Wasser folgt. Die Nacht bricht herein. In einem Dorfe frage ich nach dem Weg. Er führt noch sieben Stunden weit über einen Pass. Gefasst mache ich mich auf, ihn zu gehen. Diesmal aber fällt der Schluss des Traumes anders aus. Nach dem von Weiden umstandenen Bach gelange ich in einen Laubwald. Dort entdecke ich ein Reh, das entflieht. Bin stolz

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auf diese Beobachtung. Während das Reh auf der linken (also weiblichen) Seite erschienen war, drehe ich mich nach rechts ; hier sehe ich drei seltsame Gestalten: halb Schwein, halb Hund, Beine wie ein Känguruh, Gesicht ganz undifferenziert, zum Teil grosse, hängende Hundeohren. Wahrscheinlich sind es aber verkleidete Menschen. Ich habe mich als Knabe einmal mit Zirkuskostüm als Esel verkleidet.

Der Anfang dieses Traumes ist seinem Initialtraum auffallend ähnlich. Wieder erscheint in ihm eine träumerische Frauengestalt, und auch die ganze Stimmung des Traumes sowie die dürren Blätter am Boden erinnern an ein anderes Bild Böcklins, an die «Herbstgedanken». Die herbstliche, romantische Atmosphäre ist anscheinend Henry als « innere Landschaft » seit langem vertraut. Er ist hier ebenfalls in einem Menschenkollektiv, diesmal von Militärkameraden ; sie sind auf einem Langstreckenlauf. Die Situation ist die eines jeden Durchschnittsmannes. Henry selber sagt: «Sie ist ein Sinnbild des Lebens.» Er aber will sich ihr nicht anpassen. Er geht allein seinen Weg. Und das war vermutlich immer so. Daher der Eindruck des «déjà-vu». Der Gedanke «Nie komme ich ans Ziel» verrät Minderwertigkeitsgefühle, die ihn erfüllen ; Henry glaubt, in diesem Wettlauf nie gewinnen zu können. Seine Wanderung führt ihn nach Hombrechtikon, ein Name, der ihn an seine geheimen Knabenpläne erinnert, von zu Hause auszubrechen (home und brechen). Doch das «Ausbrechen» bleibt Phantasie, und Henry verliert wie schon im Initialtraum - die Orientierung und muss sich nach dem richtigen Weg erkundigen.

Jeder Traum kompensiert mehr oder minder eindeutig die bewusste Einstellung des Träumers, daher tauchen hier als Gegensatz zur bewusst allzu jungfräulich und romantisch gesehenen Frau merkwürdige, als weiblich charakterisierte Tiere auf. Die unbewusste Seite des Mannes wird durch eine weibliche Instinktwelt symbolisiert. Der Wald selber ist Symbol eines unbewussten Bereiches, einer dunklen Schicht, in der das Animalische lebt. Zuerst erscheint kurz ein Reh, Symbol scheuer, fugitiver, unschuldiger Fraulichkeit. Gleich danach erblickt Henry drei sonderbare und abschreckende «Mischtiere», die seine undifferenzierte Triebhaftigkeit, eine Art «massa confusa» seiner Instinkte, das heisst den eigentlichen Rohstoff ihrer späteren Entwicklung, darzustellen scheinen. Das Eindrücklichste an ihnen ist, dass sie keine Gesichter haben, ihnen also auch das spärlichste Bewusstseinslicht fehlt. In der Vorstellung der meisten Menschen ist das Schwein mit schmutziger Sinnlichkeit verbunden (zum Beispiel hat Kirke die Männer, die sie begehrten, in Schweine verwandelt). Der Hund ist zwar ein Symbol der Treue, aber auch der Promiskuität, denn er ist, wenn brünstig, wahllos im Aussuchen seines Partners. Das Känguruh hingegen ist Sinnbild von Mütterlichkeit und sorgender Tragfähigkeit. Alle Tiere haben jedoch nur einzelne dieser Züge an sich, und sogar diese sind sinnentleert vermischt. Jung berichtet, dass in der Alchimie monströse Fabelwesen öfters zur Symbolisierung der «materia prima», des An-

Links: Henrys Bild von den seltsamen Tieren. Sie sind stumm und blind, unfähig, sich zu verständigen. Sie stehen für seinen unbewussten seelischen Zustand. Das unterste Tier ist grün, es trägt die Farbe der Natur und Vegetation, im Volksmund die der Hoffnung. Es weist aufHenrys Möglichkeiten zu Wachs tum und seelischer Differenzierung hin.


fangsstoffes, der anfänglichen totalen Unbewusstheit, dienen, der sich der einzelne auf seinem Reifungsweg entwindet. Welche Angst Henry gepackt hat, als er sie vor sich sah, wird offenbar durch seinen Versuch, sie zu verharmlosen, sich selber weiszumachen, sie seien nur «verkleidete Menschen», wie er einer als Junge war, als er in einem Zirkus mitspielte. Seine Angst ist wohlbegründet; denn wer solche menschenferne Monstren in sich birgt, wessen unbewusste Eigenschaften durch Tierhaftigkeit symbolisiert werden, der hat allen Grund, sich zu fürchten. Ein weiterer Traum zeugt ebenfalls von Henrys Angst vor den Tiefen des Unbewussten. Ich bin als Schiffsjunge auf einem Segelschiff. Paradoxerweise sind die Segel gerafft, obwohl absolute Windstille herrscht. Meine Aufgabe besteht darin, die ganze Zeit ein Tau zu halten, das zur Befestigung eines hart an der Pveling stehenden Mastes dient. Seltsamerweise besteht die Reling aus einer Mauer, belegt mit Steinplatten. - Das ganze Gebilde liegt gerade an der Grenze zwischen Wasser und dem einsam darauf schwimmenden Segelschiff. Ich halte mich fest an dem einen Tau - also nicht am Mast -, und man verbietet mir, in. den See zu blicken.

In diesem Traum befindet sich Henry in einer seelischen «Randsituation». Das Geländer schützt ihn, zugleich aber hindert es seine Sicht. Er darf nicht ins Wasser schauen, in dessen Spiegel er sein «Gegenbild», seinen «Schatten», erblicken könnte. Alles ist mit Angst und Zweifel verbunden. Ein Mann wie Henry, der den 'Kontakt mit seinen unbewussten Tiefen fürchtet, ist ebenso vom Weiblichen in seinem Inneren erschrocken wie von der lebenden Frau. Bald ist Das schweinartige Tier des Traumes bedeutet Roheit und Sinnlichkeit - wie im Mythos der Kirke, die ihre Freier in Schweine verwandelte. Links, auf einer griechischen Vase, Odysseus als Schweinmann mit Kirke. - Unten rechts: Eine der Karikaturen von George Grosz, auf der er eine Vorkriegsgesellschaft persifliert, wo eine Dirne mit einem Mann sitzt, der einen Schweinskopf hat, womit seine gemeine Art gekennzeichnet werden soll.

er von ihr fasziniert, bald flieht er sie, um nicht zu ihrer «Beute» zu werden. Er wagt nicht, seine noch tierische Instinkthaftigkeit an eine geliebte und daher idealisierte Partnerin heranzutragen. Als Folge seiner Mutterbindung hat er Mühe, Gefühl und Sexualität derselben Frau zu schenken . Immer wieder bringen seine Träume Beweise für seine Sehnsucht, sich von diesem Dilemma zu befreien. Bald erscheint er im Traum als «Mönch gekleidet, in geheimer Mission», bald verlockt ihn die niedrige Begierde in ein Bordell. Zusammen mit einem Dienstkameraden, der bereits allerhand erotische Abenteuer hinter sich hatte, befinde ich mich wartend vor einem Haus in einer dunklen Strasse einer mir unbekannten Stadt. Der Eintritt ist nur Frauen erlaubt. Im Hausflur setzt mein Freund deshalb eine kleine Faschingsmaske auf und steigt die Treppe empor. Möglicherweise handelte ich selbst gleich wie er, ich erinnere mich jedoch nicht mehr deutlich daran.

Der Vorschlag, den dieser Traum enthält, würde zwar Henrys Neugierde befriedigen, aber nur auf Kosten eines «Betruges». Als Mann wagt er sich nicht in ein so zweifellos «öffentliches Haus». Wenn er jedoch seine Männlichkeit abstreift und sich als Frau ausgibt, darf er einen Blick in diese von seinem Bewusstsein her bestimmt verbotene Welt werfen. Es bleibt offen, ob sich Henry zum Eintreten entschliesst; seine Hemmungen sind daher noch nicht überwunden, die der Besuch eines Bordells nach sich ziehen könnte, was angesichtsderFolgenverständlichist.Vielleichtverrät diese Geschichte auch einen homoerotischen Zug in Henry, da er ja in seiner Verkleidung als Frau von Männern umworben wäre. Dass diese


Hypothese nicht ganz abwegig ist, beweist der folgende Traum: Sehe mich zurückversetzt ins fünfte oder sechste Lebensjahr. Mein damaliger Spielkamerad erzählt mir, wie er selbst einem «Fabrikdirektor» bei einer obszönen Handlung zu Diensten war. Mein Freund legte seine rechte Hand auf den Geschlechtsteil des Mannes, um ihn warm zu halten beziehungsweise seine eigene Hand zu wärmen. - Dieser Fabrikdirektor war ein intimer Freund meines Vaters, den ich wegen seines weitgespannten Interessenkreiseshochschätzte.Erwurdeaber bei uns immer als «ewiger Jüngling», als Puer aeternus, verspottet, fügt Henry hinzu.

Bei Kindern im erwähnten Alter sind solche Spiele nichts Ungewöhnliches. Dass Henry noch jetzt auf sie zurückkommt, zeigt, dass sie mit Schuldgefühlen beladen und daher stark verdrängt wurden. Sie nähren auch die Furcht vor einer endgültigen Bindung an die Frau als Ehegattin. Ein weiterer Traum und Henrys Einfälle zu ihm illustrieren diesen Konflikt. Ich nehme teil an einer Hochzeit eines mir unbekannten Paares. Morgens um ein Uhr kommt die kleine Hochzeitsgesellschaft zurück von den Festlichkeiten, nämlich das Brautpaar, der Brautführerund die Brautführerin. Sie treten in einen grossen Hof, wo ich sie erwarte. Es scheint, dass die Neuvermählten sich bereits gezankt haben, ebenso das Brautführerpaar. Schliesslich finden sie die Lösung der Konflikte darin, dass die beiden Männer sich getrennt von den zwei Frauen zurückziehen.

Henry sagte dazu: «Sie sehen hier den Krieg der Geschlechter, wie Giraudoux ihn beschreibt.» Und dann noch: «Der Palast in Bayern, wo ich diesen <Traumhof> gesehen habe, war noch vor kurzem durch Notwohnungen für arme Leute verunstaltet. Als ich dort war, fragte ich mich, ob es nicht vorzuziehen wäre, ein armseliges Leben in Ruinen von klassischer Schönheit zu fristen als ein aktives Leben inmitten der Hässlichkeiten einer Grossstadt zu führen. Ich fragte mich auch, als ich kürzlich Trauzeuge bei der Hochzeit eines Kameraden war, ob wohl seine Ehe nicht bald in die Brüche gehen werde, denn seine Braut machte keinen guten Eindruck auf mich.» Die Sehnsucht, sich in Passivität und Introversion zurückzuziehen, die Angst vor dem Misslingen einer Ehe, die im Traum dargestellte Trennung der Geschlechter waren unmissverständliche Symptome für die geheimen Zweifel, die unter der Decke von Henrys Ichbewusstsein hausten.

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Der Heilige und die Dirne

Henrys momentane, ihm jedoch noch kaum bewusste Seelenlage wird im folgenden Traum sehr eindrücklich geschildert. Seine Angst vor der primitiven sinnlichen Triebhaftigkeit und seine Tendenz, in eine Art Askese zu fliehen, werden darin treffend aufgezeigt. Man sieht, in welche Richtung ihn sein Weg zu führen hat. Ich befinde mich auf einer schmalen Bergstrasse: links (beim Hinuntergehen) befindet sich ein Abgrund, rechts eine Felswand. Längs der Strasse sind einzelne höhlenartige Unterstände (gegen die Witterung als Zufluchtsort einsamer Wanderer) in den Fels gehauen. In einer dieser Höhlen, halb verborgen, hat eine Dirne Zuflucht gefunden. Seltsamerweise erblicke ich sie von hinten, von der Felsseite her: unförmige, schwammige Gestalt. Ich betrachte sie mit Neugierde und berühre sie am Hintern. Vielleicht, so scheint mir, ist es gar keine Frau, sondern eine Art «männliche Dirne». Dieses selbe Wesen tritt plötzlich als Heiliger (mit einem karminroten, übergeworfenen kurzen Mantel auf den Schultern) hervor: er schreitet die Strasse abwärts und begibt sich in eine andere, weiträumige, mit Stühlen und rohen Bänken versehene Höhle. Mit einem herrischen Blick verscheucht er die bereits Anwesenden, so auch mich, worauf er sich zusammen mit seinem Gefolge hier niederlässt - so berichtet der Träumer.

Henry assoziierte zur Dirne die Figur der Venus von Willendorf, einer Fruchtbarkeitsgöttin aus


dem Paläolithikum. Er erzählte, dass er von der Berührung des Hintern als von einem Fruchtbarkeitsritus zum erstenmal bei einer Ferientour im Wallis hörte, wo er alte keltische Gräberfunde besichtigte. Dort sagte man ihm auch, dass seinerzeit eine der glatten Steinfliesen mit allerlei Substanzen bestrichen wurde, worauf die unfruchtbar gebliebenen Frauen mit nacktem Gesäss die Fliesen hinunterrutschen mussten, um ihre Sterilität zu verlieren. Der Mantel des Heiligen erinnerte ihn an die Jacke seiner Braut, die jedoch weiss war. Sie trug sie beim Tanzen am Vorabend dieses Traumes. Dahingegen hatte ihre Freundin, die mit dabei War, eine karminrote Jaquette an, die ihm besser gefiel. Um die Botschaft des Traumes richtig verstehen zu können, müssen diese persönlichen Einfälle Henrys durch Analogien aus dem Bereiche der Kultur- und Symbolgeschichte ergänzt werden. Das Bild des «einsamen Wanderers» auf einem schmalen Pfad, der links, auf der Seite des Unbewussten, von einem schaurig tiefen Abgrund gesäumt wird und rechts, auf der Seite des Bewusstseins, von der harten Felswand seiner Anschauungen verstellt ist, kommt bereits im vierten Zeichen des über dreitausend Jahre alten chinesischen Orakelbuches I-Ging (Zeichen 4. Meng) vor. Auch Henry ist, wie der «Wanderer» dort, ein «jugendlicher Tor». Vielleicht ist er aber jetzt dank der Analyse bereits beim Abstieg von unwirtlichen Höhen. Die «Höhlen», die durch gezielte menschliche Arbeit, also «künstlich», in die Felswand gehauen sind, symbolisieren unbewusste Lücken in Henrvs Bewusstseinsfeld.

Sie stehen für den Ort, wo man Zuflucht finden kann, wenn die Spannungen in der Aussenwelt bedrohlich werden, wenn es zu «Gewittern» kommt. Dann lässt die Konzentration nach, und die Phantasiewelt dringt ungehindert in die Hohlräume ein. Da mag sich Unerwartetes enthüllen und einen tiefen Einblick in den Hintergrund der Seele gewähren, wo die Vorstellungen ein freies Spiel haben. Felshöhlen sind zudem Symbole eines «steinernen Mutterschosses», von geheimnisvollen Kavernen, in denen Verwandlung und Wiedergeburt geschehen. Auch Henry, der Introvertierte, wird sich wohl - wenn es ihm draussen zu bunt wird - in eine Höhle seines bewussten Ich zurückziehen, um sich seinen «Imaginationen» hinzugeben. Damit wäre auch erklärt, warum er eine Frauengestalt - eine Art Abbild seiner innerseelischen weiblichen Züge - vor sich sieht. Es ist eine unförmige, schwammige Dirne, das in sein Unbewusstes verdrängte Bild einer Weiblichkeit, der er sich in seinem bewussten Leben niemals auch nur genähert hätte. Sie wäre immer streng tabu für ihn gewesen, obwohl sie - wie wir wissen - als Gegenpol der heilig verehrten Mutter auf jeden Sohn mit einem Mutterkomplex eine geheime Faszination ausübt. Die Möglichkeit, sich in der Beziehung zur Frau auf das rein Animalisch-Sexuelle zu beschränken, das jedes Gefühl ausschliesst, hat für einen solchen jungen Mann etwas besonders Verlockendes. Bei einer solchen Vereinigung kann er seine Gefühle abspalten und letztlich der Mutter dennoch treu bleiben. Sonst ist die Tabuierung eines jeden weiblichen Wesens durch

Links: Eine der Zeichnungen Henrys vom Boot seines Traumes, mit einer steinernen Mauer als Geländer.

Rechts: Die prähistorische Figur, genannt « Venus von Willendorf», die Henry zur Dirne assoziiert hat. Weiter rechts, im selben Traum: Katakombenähnliche Höhle, in die der Heilige einkehrt. 101


die Mutter trotz allem in der Seele des Sohnes unnachgiebig wirksam. Henry, der sich ganz in den Hintergrund seiner Vorstellungshöhle zurückgezogen hat, sieht die Dirne nur «von hinten». Er wagt nicht, in ihr Gesicht zu schauen. Doch «von hinten» heisst auch von ihrer am wenigsten menschlichen Seite her, wo sich ihr Gesäss befindet, das heisst jener Körperteil, der die Sinnlichkeit des Mannes am meisten zu reizen vermag. Indem Henry den Hintern der Dirne berührt, führt er unbewusst eine Art Fruchtbarkeitsritus aus, ähnlich jenem, der in vielen primitiven Stämmen geübt wird. Betasten, Handauflegen und Heilen gehen oft zusammen, ebenso Abwehren oder Verfluchen durch Berühren mit der Hand. Unvermittelt folgt der Einfall: Vielleicht ist es gar keine weibliche, sondern eine «männliche Dirne». So erscheint sie plötzlich als eine hermaphroditische Figur, wie sie in der Mythologie oft vorkam. Auch der Priester im Initialtraum hatte den gleichen Aspekt. Unsicherheit in bezug auf das eigene Geschlecht ist bei Pubertierenden

keine seltene Erscheinung, weshalb auch die Homoerotik in diesem Alter nichts Ungewöhnliches ist. Sie liegt einem jungen Mann von Henrys Seelenstruktur nicht ferne, wie wir das bereits in einigen früheren Träumen gesehen haben. Vielleicht war bei dem Unsicherwerden bezüglich des Geschlechts der Dirne ein Verdrängungsmechanismus am Werk, der die weibliche Gestalt, die den Träumer ebenso anzog wie abstiess, zuerst in einen Mann und dann in einen Heiligen verwandelte. Dieser zweite Verwandlungsschub nimmt der Figur die sexuellen Züge und weist auf die Führung eines heilig-asketischen Lebens, das alles Fleischliche ablehnt, als einzige Rettung vor der Wirklichkeit des Sexuellen hin. In Träumen ist das Umschlagen eines Extrems in sein Gegenteil - hier die Dirne in den Heiligen - nicht selten. Aus dem Niedrigsten kann, wie in der Alchimie, durch Verwandlung und Veredelung das Höchste hervorgehen. Henry fiel auch der Mantel des Heiligen auf. Ein Mantel symbolisiert oft eine schützende Hülle oder auch eine Art Maske (von Jung Persona

Ein Mantel kann oft für die «Maske» oder die «Persona» stehen, die der Mensch der Umwelt zukehrt. Der Mantel des Propheten Elias hatte eine ähnliche Bedeutung: Als er zum Himmel emporstieg (siehe links auf einer schwedischen Bauernmalerei), liess eisernen Mantelzurück für seinen Nachfolger Elisa, damit dieser seine Rolle übernehme. Auch dieser Mantel ist rot wie der des Heiligen in Henrys Traum.


genannt), die der Mensch der Umwelt gegenüber trägt. Einerseits steht die «Persona» für die Erscheinungsweise des Individuums nach aussen, anderseits verdeckt sie sein inneres Sosein vor der Neugier der Mitmenschen. Die Persona des Heiligen im Traum verrät uns etwas über Henrys Beziehung zu seiner Braut und deren Freundin, denn der Mantel des Heiligen hat Eigenschaften von der Umhüllung beider an sich. Daraus können wir folgern, dass das Unbewusste von Henry beiden Frauen die Eigenschaft der Heiligkeit verleihen möchte, um sich vor ihrer Anziehungskraft zu schützen. Der Mantel ist ja rot, trägt also die traditionelle Farbe von Leidenschaft und Gefühl. Dadurch gibt er dem Heiligen einen Aspekt erotisierter Geistigkeit- eine Eigenschaft, die sich bei Männern finden lässt, die ihre Sexualität verdrängen und sich einzig auf ihren Geist beziehungsweise ihre Vernunft stützen. Dass dies für einen jungen Menschen nur natürlich ist, darauf scheint eben der Traum hinzuweisen. Der Heilige, der, aus der Höhle heraustretend, die Strasse abwärts, also von den Höhen hinab,

Die Berührung der Dirne durch Henry mag dem Glauben gleichgestellt werden, gemciss welchem Berührung einen «magischen Ejfek t» haben kann. Links: Bild des berühmten Iren Valentine Greatstrakes (17. Jahrhundert), der seine Heilungen durch «Handauflegen» vollbrachte.

Rechts ein weiteres Beispiel für die Persona: die Kleidung, die von den englischen «Beatniks» getragen wird, weist auf die Werte und die Lebensweise hin, die sie der Umwelt gegenüber zur Schau stellen wollen.

zum Tal schreitet, tritt in eine zweite Höhle ein, die durch die rohen Bänke und Tische an die Zufluchtsorte erinnert, in denen die ersten Christen zur Zeit ihrer Verfolgung ihre Gottesdienste abhielten. Es scheint ein heiliger, heilender Ort zu sein, ein Ort der Besinnung und des Mysteriums der Wandlung von etwas Irdischem zum Himmlischen, von etwas Fleischlichem zum Geistigen. Doch ist es Henry nicht erlaubt, dem Heiligen dorthin zu folgen: Er wird aus der Höhle gewiesen, zusammen mit allen übrigen Anwesenden, das heisst mit seinen unbewussten Teilpersönlichkeiten. Er muss zuerst in der Welt draussen Fuss fassen und sich bewähren, bevor er in der Welt «innen», in der Welt des Geistigen und Religiösen verweilen darf. Denn der Heilige symbolisiert - wenn auch vorläufig in einer undifferenzierten, aber antizipatorischen Form auch das Selbst, das schicksalsbestimmende Gottesbild in der Seele. Henry jedoch ist noch nicht reif genug, um sich in dessen unmittelbarer Nähe aufhalten zu dürfen.


Der Weg der Analyse

Trotz Zweifel und Widerstand begann Henry sehr lebhaft am inneren Geschehen seiner Seele Anteil zu nehmen. Er war sichtlich beeindruckt von seinen Träumen. Sie schienen sein bewusstes Leben sinnvoll zu kompensieren und ihm wertvolle Einsichten in seine Ambivalenz, sein Schwanken und seine Passivität zu vermitteln. Mit der Zeit kamen Träume, die eindeutig zeigten, dass Henry sich auf seiner «Seelenreise» schon in voller Fahrt befand. Zwei Monate nach Beginn der Analyse brachte er folgenden Traum: Im Hafen eines kleinen Ortes unweit meiner Heimat am Ufer eines benachbarten Sees hebt man Lokomotiven und Güterwagen aus dem Seegrund, wo sie im letzten Krieg versenkt worden sind. Zunächst wird ein grosser zylinderförmiger

Lokomotivkessel gehoben. Hierauf ein riesiger verrosteter Güterwagen. Das Ganze bietet einen schaurig-romantischen Anblick. Die gehobenen Teile müssen unter den Fahrleitungen des nahen Bahnhofes weitertransportiert werden. Der Seegrund verwandelt sich in eine grüne Au.

Wenn wir den Traum als Selbstdarstellung dessen verstehen, was im Unbewussten geschieht, dann wird hier ein beachtenswerter Fortschritt sichtbar, der sich dann auch im bewussten Leben bemerkbar macht. Ins Wasser (ins Unbewusste) versenkte (verdrängte) Lokomotiven - Symbole von Energie und Dynamik - werden im Traum zusammen mit Güterwagen, in denen man allerlei «Werte» transportieren kann, ans Tageslicht gehoben. Mit ihnen ist, vermutlich in Henrys Kindheit, ein bedeutendes Stück seines Aktivitätsdranges untergegangen. Nun können sie ihm aber wieder zur Verfügung stehen. Die Verwandlung des dunklen Seegrundes in eine grünende Wiese weist auf die neuerwachten Kräfte Henrys hin. Aber auch seine weibliche Seite steht Henry auf seiner «einsamen Wanderung» hilfreich bei. In seinem sechzehnten Traum begegnet sie ihm als buckliges Mädchen.


Befinde mich auf dem Weg zu einer Schule zusammen mit einer jungen unbekannten Dame von zierlichem Äusseren, verunstaltet durch einen Höcker. Noch viele junge Leute gingen ebenfalls ins Schulhaus. Während sie sich aber zum Gesangsunterricht auf die einzelnen Zimmer verteilten, setzten das Mädchen und ich uns an einen kleinen quadratischen Tisch. Es erteilte mir Privatgesangsunterricht. Ich empfand eine Regung von Mitleid mit ihr und küsste sie deshalb auf den Mund. Hierbei war mir bewusst, dass ich eine, wenn auch entschuldbare Treulosigkeit gegenüber meiner Braut begehe.

zukommt, wird durch einen weiteren Traum illustriert:

Gesang ist Ausdruck von Gefühlen; vor diesen hat jedoch Henry noch immer Angst. Er kennt sie nur in einer pubertäthaften, romantischen Form. Sie werden ihm hier an einem quadratischen Tisch - der mit seinen vier gleichen Seiten symbolisch ein Ganzheitsmotiv darstellt - beigebracht. Diese Situation ist wahrlich geeignet, seine Gefühle in Bewegung zu setzen. Er kann daher nicht anders, als das Mädchen auf den Mund zu küssen, wodurch er sich gleichsam mit der Buckligen «vermählt», andernfalls würde ihm der angstvolle Gedanke der « Untreue» nicht einfallen. In der Tat hat Henry hier zu seiner inneren weiblichen Seite eine Beziehung gefunden. Die wichtige Rolle, die diesem kleinen buckligen Mädchen in Henrys seelischer Entwicklung

Beide Male trifft Henry das Mädchen in einem Schulhaus. Beide Male muss er etwas lernen, was seine Entwicklung fördert. Allerdings möchte er das unbemerkt tun und dabei passiv bleiben. So ein «hässliches Mädchen mit einem Höcker» kommt in zahllosen Märchen vor. Dabei heisst es im Volksmund, dass die Hässlichkeit des Bukkels höchste Schönheit in sich birgt, die wieder aufleuchten kann, wenn der richtige Mann kommt und das Mädchen durch einen Kuss aus ihrer Verwünschung erlöst. Das Mädchen mag hier ein Symbol für Henrys Seele sein, die ebenfalls aus ihrem Bann, durch den sie hässlich wurde, erlöst werden müsste. Indem es Henrys Gefühle durch Singen zu erwecken sucht, beziehungsweise ihn aus dem dunklen Versteck holt, damit er mit dem erhellenden Tageslicht konfrontiert wird, erweist es sich als hilfreiche Führerin. Darum muss Henry gleichzeitig sowohl seiner Braut als auch dem buckligen Mädchen gehören; der ersten als Vertreterin der Frau in der Aussenwelt, der zweiten als Verkörperung seiner innerseelischen weiblichen Züge.

Wie auf dem Bild links (gemalt von William Turner), «Rain, Steam and Speed» genannt, die Lokomotive eindeutig Dynamik, Energie und Antrieb symbolisiert, so versinnbildlicht auch die Lokomotive (unten), die in Henrys Traum aus dem See gehoben wird, ein Potential für eine wertvolle Aktivität, die vorher in sein Unbewusstes verdrängt war.

Ich bin in einem mir unbekannten Knabeninstitut. Zur Unterrichtszeit dringe ich heimlich in das Haus. Weiss nicht, wozu. Verberge mich im Zimmer hinter einem kleinen viereckigen Kasten. Die Türe zum Korridor steht halb offen. Ich fürchte, entdeckt zu werden. Jemand Erwachsener geht vorbei, ohne mich zu sehen. Aber ein kleines buckliges Mädchen tritt ein und entdeckt mich sofort. Es zieht mich aus meinem Versteck hervor.

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Der Orakeltraum

Menschen, die sich ausschliesslich auf ihr rationales Denken stützen und ihre Gemütswelt unterdrücken, geringschätzen oder verdrängen, haben eine oft unerklärliche Neigung zu allerlei Aberglauben. Sie horchen auf Orakel, auf Voraussagen, sie können sich leicht durch Zauberer und Gaukler hinters Licht führen lassen. Dem Gesetz der Kompensation entsprechend wird das grosse Gewicht, das sie auf ihren Logos legen, durch Träume ergänzt und aufgehoben, in denen sie mit dem Irrationalen unentrinnbar konfrontiert werden. Das musste auch Henry während seiner Analyse in eindrücklichster Weise erfahren. Vier aussergewöhnliche Träume befassten sich mit der Bedeutung des Irrationalen und bildeten die entscheidenden Meilensteine auf seinem seelischen Entwicklungsweg. Den ersten von ihnen hatte er etwa zehn Wochen nach Beginn der Analyse. Er lautete: Allein auf einer abenteuerlichen Fahrt quer durch Südamerika. Ich empfinde den Wunsch, endlich heimzukehren. In einer fremden, auf einem Berg gelegenen Stadt strebe ich dem Bahnhof zu, den ich instinktiv im Zentrum der Stadt, an ihrem höchstgelegenen Punkt vermute. Schon glaube ich, zu spät zu kommen. D o c h glücklicherweise durchbricht ein gewölbter Durchgang die zu meiner Rechten gelegene Häuserzeile, die in gleichsam mittelalterlicher Bauweise, eng aneinander gedrängt, einen undurchdringlichen Wall bildet, hinter dem offenbar der Bahnhof zu suchen ist. Das Ganze bietet einen überaus malerischen Anblick: die sonnenbeschienenen, bemalten Hausfassaden, der dunkle Torbogen, in dessen Schatten sich vier zerlumpte Gestalten auf dem Pflaster niedergelassen haben. Aufatmend eile ich auf den Durchgang zu, doch kommt mir ein plötzlich aufgetauchter Fremder, ein Trappertyp, zuvor, der vom gleichen Wunsch beseelt zu sein scheint, den Zug noch zu erreichen. Bei unserem Herannahen springen die vier Chinesen, als welche sich die Torwächter entpuppen, auf, um uns den Durchtritt zu verwehren. In dem sich entspannenden Kampf wird mein linkes Bein durch die langgewachsenen Nägel am linken Fuss eines der Chinesen verletzt. Ein Orakel soll nun entscheiden, ob der Weg uns

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freizugeben sei oder andernfalls unser Leben verwirkt ist. Ich komme zuerst an die Reihe. Mit elfenbeinernen Stäbchen befragen die vier Chinesen das Orakel. Das Urteil lautet negativ, doch wird mir eine zweite Chance gegeben. Wie vorher mein Begleiter, so werde jetzt ich gefesselt beiseite geführt, während er meinen Platz einnimmt. In seiner alleinigen Gegenwart soll das Orakel ein zweites Mal über mich entscheiden. Diesmal ist es mir günstig. Ich bin gerettet.

Auf den ersten Blick fällt schon die Eigenart und die ungewöhnliche Bedeutung sowie der Reichtum an Symbolen und die Geschlossenheit dieses Traumes auf. Trotzdem schien es, als ob Henrys Bewusstsein ihn ignorieren wollte. Im Hinblick auf seine Skepsis in bezug auf die Schöpfungen seines Unbewussten war es wichtig, den Traum der Gefahr der Rationalisierung zu entziehen und ihn in Henrys Seele weiter wirken zu lassen, ohne, mich einzuschalten. Ich enthielt mich daher jeder Deutung. Statt dessen beschränkte ich mich auf einen einzigen Vorschlag. Ich riet ihm, das berühmte chinesische Orakelbuch I-Ging (Das Buch der Wandlungen) zu lesen und zu befragen, wie es auch die vier Gestalten im Traum taten. Das I-Ging ist ein uraltes Weisheitsbuch, dessen Anfänge in mythische Zeiten zurückreichen. In seiner jetzigen Fassung stammt es aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. Laut Richard Wilhelm, von dem die beste deutsche Übersetzung stammt und der einen grossartigen Kommentar dazu geschrieben hat, wurzeln die zwei wichtigsten Zweige der chinesischen Philosophie - der Taoismus und der Konfuzianismus - in diesem Werk. Es gründet auf der Hypothese des Einsseins von Mikro- und Makrokosmos und der sich ergänzenden Gegensatzpaare Yang und Yin, der weiblichen und der männlichen Prinzipien. Das I-Ging besteht aus 64 «Zeichen»; jedes ist zusammengesetzt aus sechs Strichen, die alle möglichen Kombinationen von Yang und Yin enthalten. Die geraden Striche werden als «männlich» beziehungsweise stark, die gebrochenen als «weiblich» beziehungsweise schwach bezeichnet. Jedes Zeichen wird von einem in einer Bildersprache abgefassten Text begleitet und gibt Aufklärung über das, was der jeweiligen menschlichen und kosmischen Lage entsprechend zu tun ist. Das I-Ging wurde stets als Orakelbuch benützt, das heisst in Lebenssituationen herangezogen, die


nach einer aufklärenden Wegweisung riefen. Die Chinesen befragten es mit Hilfe von fünfzig Schafgarbenstengeln, doch werden heute allgemein drei Münzen dazu verwendet, wobei jeder gleichzeitige Wurf aller drei je eine Linie ergibt. «Schrift» gilt als Yin und zählt zwei, «Kopf» als Yang und zählt drei. Es wird sechsmal geworfen, und das erhaltene Bild stellt das «Zeichen» dar, das die «Antwort» umfasst. Henry erwähnte einmal, dass er von einem seltsamen Spiel gelesen habe - vermutlich in Jungs Kommentar zum Buch «Das Geheimnis der goldenen Blüte» -, das die Chinesen zur Erforschung der Zukunft benützt hätten. Jung hat nachgewiesen, dass dies aber keineswegs als Unsinn anzusehen ist. Denn solche «divinatorische» Techniken beruhen auf dem Prinzip der «Synchronizität», das heisst der akausalen, sinnvollen Gleichzeitigkeit eines äusseren Geschehens mit einem inneren seelischen. Er hat darüber ausführlich in seiner Schrift «Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge» (Ges. Werke, Bd. 8) geschrieben. Auch die bisher als «Zufall», Telepathie, Hellsehen usw. bezeichneten Ereignisse und andere mehr lassen sich mit diesem Prinzip erklären. Träume können ebenfalls gelegentlich einen solchen Charakter aufweisen. Nachdem Henry das I-Ging gründlich studiert hatte, entschloss er sich, wenn auch mit einer entsprechenden Dosis Skepsis, meinen Vorschlag zu befolgen und mit den Münzen das Orakel zu

konsultieren. Das Ergebnis war verblüffend. Das Zeichen, das er erhielt, hiess nämlich Meng, das heisst «Die Jugendtorheit», was eine bemerkenswert «sinnvolle Koinzidenz» zu seiner Lebenslage darstellte und eine treffsichere «Diagnose» erlaubte. Dem Text nach symbolisieren die drei oberen Linien dieses Zeichens einen Berg und dessen Eigenschaft, «das Stillehalten»; durch ihre Form legen sie symbolisch auch das Bild eines «Tores» nahe. Die drei unteren Linien symbolisieren das «Abgründige», daneben bedeuten sie unter anderem «die am Herzen Kranken». Eine auffallende Beziehung zu Henrys Situation war unverkennbar. Erinnern wir uns nur zum Beispiel an seinen «Weg» im Traum vom «Heiligen und der Dirne», der in einer gleichen Landschaft, wie im Zeichen Meng beschrieben ist, vor sich ging. Unter den vielen Mitteilungen, die sich auf Henry anwenden liessen, hiess es im Kommentar zu Meng: «Für die Jugendtorheit ist es das Hoffnungsloseste, sich in leere Einbildungen zu verstricken. Je eigensinniger sie auf solchen wirklichkeitsfernen Einbildungen beharrt, desto gewisser zieht sie sich Beschämungen zu.» In solchen und anderen Sätzen schien das Orakel unmittelbar für Henrys Probleme bedeutsam zu sein. Das versetzte ihn in höchste Bestürzung. Zuerst versuchte er, den Schock mit Gewalt zu unterdrücken, doch konnte er seiner Wirkung nicht entfliehen. Die Botschaft des I-Ging schien ihn zutiefst zu berühren trotz der Links: Zwei Seiten des I-Ging mit dem Hexagramm Meng, das «Die Jugendtorheit» genannt wird. Die oberen drei Linien des Hexagramms stehen für einen «Berg» und stellen ein Tor dar; die unteren drei Linien stehen für Wasser und für das «Abgründige».

Rechts, von Henry gemalt, der Helm und das Schwert, die er in seiner Nachtvision sah und die im I-Ging zum Zeichen Li, «das Haftende, das Feuer», gehören.


oft ungewöhnlichen symbolgeladenen Sprache, in der sie ausgedrückt war. Er fühlte sich nun erschüttert und übermannt vom Irrationalen, dessen Existenz er so lange zu leugnen versucht hatte. Bald schweigsam, bald irritiert, erklärte er mir: «Ich muss das alles noch genau überlegen», und verliess vorzeitig unsere Sitzung. Die nächste Stunde sagte er wegen Grippe telephonisch ab und erschien nicht wieder. Ich wartete im Sinne des «Stillehaltens» geduldig zu, da ich annahm, er habe das Orakel noch nicht verdaut. So verging ein Monat. Endlich erschien Henry wieder und berichtete mir erregt und verwirrt, was inzwischen geschehen war. Sein anfänglicher intellektuellerVersuch, vom Orakel keine Kenntnis zu nehmen, war misslungen. Er musste bald zugeben, dass dessen Mitteilungen ihn unentwegt verfolgten. Er beabsichtige, das I-Ging nochmals zu konsultieren, so wie es in seinem Traum geschehen war. Doch verbot der Text des Zeichens «Die Jugendtorheit» ausdrücklich eine zweite Befragung. Zwei Nächte lang hatte er sich schon schlaflos im Bett herumgewälzt, als er in der dritten plötzlich eine Vision von grosser Einprägsamkeit vor sich sah: Ein Helm und ein Schwert schwebten leuchtend im leeren Raum. Sofort nahm Henry den I-Ging vor und stiess unerwartet zu seiner Verwunderung auf folgende Stelle: «Das Haftende bedeutet Panzer und Helme, Lanzen und Waffen...» Nun wusste er: die Vision, die er hatte, war das Bild des Zeichens Li, und verstand, warum es verboten war, bewusst ein zweitesmal das Orakelbuch zu befragen. Das hätte nämlich der Traumsituation widersprochen, indem auch in ihr die zweite Befragung unter Ausschluss des Träumers, das heisst nur in Anwesenheit des Trapperbegleiters (seiner Schattenfigur) stattgefunden hatte. Jetzt, wo Henrys Seele tief aufgewühlt war, schien es an der Zeit, eine Deutung des vorangehenden «Grossen Traumes» zu versuchen. Seit er ihn hatte, waren vier lange Monate vergangen. Es war klar, dass die einzelnen Elemente des Traumes als Inhalte von Henrys innerer Persönlichkeit und die darin vorkommenden sechs Gestalten als Personifikationen seiner seelischen Züge verstanden werden mussten. Solche bildgewaltige Träume sind relativ selten, doch ist

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ihre Nachwirkung desto gewaltiger. Deshalb lassen sie sich mit Recht als «Wandlungsträume» bezeichnen. Zu Träumen, die so reich an symbolischem Material sind, hat der Träumer nur selten persönliche Einfälle. Dass er sich vor kurzem vergeblich um eine Stelle in Chile bemühte, weil man dort keine Junggesellen anstellen wollte, dass die Chinesen die Nägel ihrer linken Hand wachsen Hessen zum Zeichen, dass sie, statt zu arbeiten, sich der Meditation hingeben dürfen, war alles, was Henry zu diesem Traum einfiel. Was ihm nicht gelang: eine Anstellung in Südamerika zu finden, dazu verhalf ihm jetzt seine Phantasie im Traum. In ihm ist er in eine Welt versetzt, die im Gegensatz zu seiner europäischen Heimat als primitiv, erdhaft und triebhaft bezeichnet werden kann. Psychologisch verstanden stellt er ein treffliches Bild für das Reich des kollektiven Unbewussten dar. Er ist gleichsam die komplementäre Seite des kultivierten Intellektes und des schweizerischen Puritanismus, von dem Henrys Bewusstsein bestimmt war. In der Tat ist er hier in sein natürliches «Schattenland» versetzt, nach dem er sich zwar gesehnt hat, in dem er sich aber bald nicht mehr zu Hause fühlt. Vom dunklen, chthonischen Mutterland, symbolisiert durch Südamerika, zieht es ihn zurück zur hellen, geistigen, persönlichen Mutter und Braut. Es wird ihm plötzlich bewusst, wie weit er sich von ihnen entfernt hat; er ist allein, in einer «fremden Stadt». Diese Bewusstwerdung drückt sich im Traum als ein erhöhter Standort aus, denn die Stadt befindet sich auf einem Berg. Henry hat also im «Schattenland» ein Stück Bewusstsein erklommen, von dem er nun «heimzufinden» hofft. Das Problem der Bergbesteigung war ihm ja schon in seinem Initialtraum gestellt. Wie im Traum über den Heiligen und die Dirne, oder auch in zahlreichen Mythologemen, gelten Berge als Ort der Offenbarung, wo Wandlung und Wende erfolgen.

Rechts: Eine Parallele zu den Torwächtern in Henrys «Traum vom Orakel»; eine der Skulpturen aus dem 10. bis 13. Jahrhundert, die den Eingang zu Chinas «Mai-Chi-San»-Höhlen hüten.


Die «Stadt auf dem Berg» ist ebenfalls ein wohlbekanntes Symbol, das in der Kulturgeschichte in zahlreichen Abwandlungen vorkommt. Als Muttersymbol, als Sinnbild des Empfangenden, in dessen Schoss die Gottheit thront, oder als Lotus, in dem der Buddha sitzt, stellt sie psychologisch jenen «Ort» dar, in dessen Mittelpunkt das Selbst wohnt, jenes Zentrum der Seele, in dem das Göttliche erfahren wird. Insofern es das Enthaltende und Umfangende ist, dessen Mitte einen höchsten Wert birgt, entspricht der Grundriss einer Stadt, symbolisch betrachtet, dem Mandala, das heisst der Urordnung der Seele, ihrer Ganzheit. Erstaunlicherweise ist der Sitz des Selbst in Henrys Traum als ein Verkehrszentrum der menschlichen Gesellschaft, als ein Bahnhof dargestellt. Es ist hier, angesichts der noch relativ unentwickelten Persönlichkeitsstufe des Träumenden, vorerst durch ein Objekt aus seinem persönlichen Erlebnisbereich versinnbildlicht. Nur in einer ausgereiften Person eines mit den Bildern ihrer Seele Vertrauten erhält das Selbst

seine volle, seinem einzigartigen Werte entsprechende Verwirklichung. Obwohl Henry nicht weiss, wo der Bahnhof ist, nimmt er instinktiv an, dass er sich im Zentrum der Stadt, auf deren höchstem Punkt, befindet. Sein Bewusstsein ist mit seinem Ingenieurberuf identifiziert, so möchte er auch seine innerseelischen Bezüge mit einem rationalen Produkt unserer Zivilisation, dem Bahnhof, herstellen. Der Traum jedoch lehnt diese Einstellung eindeutig ab und weist einen völlig anderen Weg. Dieser «Weg» führt «unten durch», durch einen dunklen Torbogen hindurch, nämlich durch das Land der unbewussten Tiefen. Das Tor ist auch Symbol für Schwelle, für eine von Gefahren umlauerte Stelle, die zugleich trennt und verbindet. Statt des ersehnten Bahnhofs, der das unzivilisierte Sudamerika mit dem kultivierten Europa verbinden sollte,~ steht Henry vor einem dunklen Tor, dessen Durchgang von vier am Boden hingelagerten zerlumpten Chinesen blockiert wird. Der Traum gibt nicht an, was sie voneinander unterscheidet; sie können daher als die vier noch undifferenzierten Aspekte einer männlichen Ganzheit angesehen werden. Die Vierheit als Symbol der Ganzheit und Vollständigkeit ist ein Archetypus, den Jung in seinen Werken ausführlich beschrieben hat. Somit wären die Chinesen unbewusste männliche psychische Anteile von Henry, an denen er nicht unbemerkt vorbeigehen kann, denn sie verstellen den «Weg zum Selbst», der noch freigegeben werden muss. Die Auseinandersetzung mit dem männlichen Prinzip und dessen Differenzierung haben voranzugehen. Von ihrem Ausgang hängt es ab, ob er seine Suche überhaupt fortsetzen kann oder nicht. Der drohenden Gefahr noch ganz unbewusst, eilt Henry zuversichtlich auf den Torbogen zu, um endlich den Bahnhof zu erreichen. Da begegnet er seinem «Schatten», das heisst seiner ungelebten, primitiven Seite, die hier personifiziert als naturnaher, rauher Trapper erscheint. Dem introvertierten Ich von Henry gesellt sich damit seine extravertierte Ergänzungsseite hinzu, die das bei ihm verdrängte Emotionale und Irrationale vertritt. Diese Schattenseite drängt sich dem bewussten Ich gegenüber in den Vordergrund, denn sie verkörpert ja das Aktive und Auto-

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nome unbewusster Eigenschaften. Deshalb ist sie auch der eigentliche Schicksalsträger, .«durch den es geschieht». Der Traum eilt seinem Höhepunkt zu. Während des Kampfes zwischen Henry, dem Trapper und den vier zerlumpten Torwächtern wird Henrys linkes Bein durch den langgewachsenen Nagel am linken Fuss eines der Chinesen verletzt. Das europäisch geprägte Ich von Henry stösst hier mit den Vertretern uralter östlicher Weisheit, also mit seinem Gegenpol, zusammen. Die Chinesen kommen von einem ganz anderen psychischen Kontinent, von einer «anderen Seite» her, die ihm noch unbekannt und daher als höchst gefährlich erscheint. China steht auch, für die «gelbe Erde», es ist auf die Erde bezogen wie selten ein Volk. Dieses Erdhafte. C'hthonische muss Henry annehmen; denn seiner intellektuellen Bewusstseinsseite fehlen gerade diese Züge. Indem er aus unmittelbarer Nähe die zerlumpten Gestalten als Chinesen erkennt, ist bereits eine Differenzierung seiner Einsicht in bezug auf seine «Gegenspieler» eingetreten, woraus geschlossen werden kann, dass in ihm eine Bewusstseinserweiterung vor sich geht. Dass die langen Nägel an der linken Hand der Chinesen, von denen Henry bereits gehört zu haben meint, sich im Traum am linken Fuss befinden - sie sind gleichsam wie Klauen -, weist darauf hin, dass es hier nicht um ein Problem des Handelns, sondern des «Standpunktes» geht, das so stark von jenem Henrys abweicht, dass er ihn verletzt. Henrys bewusste Einstellung zum Chthonischen und

Weiblichen, zu den stofflichen Tiefen seiner Natur, war stets unsicher und ambivalent gewesen. Es ist diese Einstellung - symbolisiert durch den «Standpunkt» seiner weiblichen, unbewussten Seite, die er noch immer fürchtet -, die durch den Chinesen verletzt wird. Diese «Verletzung» genügt allerdings nicht, um in Henry die nötige Umstellung hervorzurufen. Denn Vorbedingung jeder Wandlung ist ein «Weltuntergang», nämlichjenerdej bisherigen Weltanschauung. Beiden Initiationsriten, die den Jüngling in die Mannbarkeit einweihen, muss dieser einen symbolischen Tod erleiden, bevor er wiedergeboren und als vollwertiger Stammesgenosse in den Bund der Männer aufgenommen werden kann. Die naturwissenschaftlich geprägte, auf Logik aufgebaute Einstellung des Ingenieurs musste daher zuerst einmal zusammenbrechen, um einer neuen Haltung Raum geben zu können. In der Seele zm Unten: Malerei eines Analysanden, auf welcher auf der roten «Gefühlsseite» ein schwarzes Monstrum und auf der blauen, geistigen Seite eine madonna'artige Frau stehen. Das war auch Henrys Seelenlage: Uberbetonung von Reinheit, Keuschheit usw. auf der einen und Angst vor unbewusster Triebha ftigkeit auf der anderen Seite. Immerhin, eine kleine grüne, mandalaartige Pflanze steht als «vereinigendes Symbol» zwischen den beiden gegensätzlichen Seiten. Unten links: Malereieines anderen Analysanden,die er «Schlaflosigkeit» nannte. Man sieht, wie er seine allzu leidenschaftlichen roten Triebe durch die schwarze « Wand» seiner Angst zurückdrängt .weil sie sonst sein Bewusstsein überfluten könnten.


eines modernen Ingenieurs ist alles Irrationale verdrängt und offenbart sich daher oft nur im dramatisch-paradoxen Geschehen der Traumwelt. So erschien auch in Henrys Traum das Irrationale als «Orakelspiel» von fremder Herkunft, unerforschbar und angsterregendin seiner schicksalsentscheidenden Macht. Daher blieb Henry nichts anderes mehr übrig, als sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben und ein echtes sacrificium intellectus zu bringen. Das Bewusstsein eines so unerfahrenen und unreifen Menschen, wie Henry es war, ist jedoch nur ungenügend für ein solches Opfer vorbereitet. Er verliert seine Chance, und sein Leben ist verwirkt. Zugleich wird er unfähig, den bisherigen Weg fortzusetzen beziehungsweise heimzukehren und dadurch den Verantwortungen des Erwachsenseins auszuweichen. Vermutlich musste Henry durch seinen «Grossen Traum» gerade hierauf vorbereitet werden. Nun wird sein bewusstes, zivilisiertes Ich gefesselt und beiseite geschoben, während der primitive Trapper an seine Stelle treten darf, um das Orakel zu werfen, von dem nun Henrys Leben abhängt. Wenn es jedoch für das in seiner Isolierung gefangene Ich keinen Ausweg mehr zu geben scheint - wie in Henrys Fall -, vermögen jene Inhalte des Unbewussten, die in der Schattenfigur personifiziert sind, Hilfe und Lösung zu bringen. Das wird möglich, wenn sie vom Bewusstsein erkannt und als ständige Begleiter angenommen werden. So ist auch Henry gerettet, weil sein Schatten, der Trapper, an seiner Stelle das Orakelspiel gewinnt.

Im Angesicht des Irrationalen

Henrys Verhalten liess keinen Zweifel aufkommen, dass der Traum vom Orakel eine tiefgreifende Wirkung auf ihn hatte. Von nun an lauschte er begierig auf die Mitteilungen seines Unbewussten, und die Analyse bekam einen immer aufgewühlteren Charakter. Die Spannung, die bis dahin die Tiefen seiner Seele fast zu zerreissen gedroht hatte, kam nun an die Oberfläche. Trotzdem hielt er tapfer durch und bewahrte seine wachsende Hoffnung auf ein glückliches Ende seiner Unternehmung. Kaum zwei Wochen später - also noch bevor wir den Orakeltraum besprochen hatten - kam Henry mit einem weiteren Traum, in dem er erneut mit dem irritierenden Problem des Irrationalen konfrontiert wurde. Allein in meinem Zimmer. Aus einem Loch krabbeln eine Menge schwarze, eklige Käfer, die sich über meinen Zeichentisch verbreiten. Ich versuche sie mit irgendeinem Zauber in ihr Loch zurückzutreiben. Dies gelingt mir auch, bis auf drei oder vier Käfer, die schliesslich meinen Tisch wieder verlassen und sich im ganzen Zimmer verstreuen. Auf ihre weitere Verfolgung verzichte ich: sie sind mir nämlich nicht mehr so ekelhaft... Ich lege in ihrem Schlupfwinkel Feuer an. Eine hohe Flammensäule steigt auf. Ich befürchte, dass mein Zimmer in Brand geraten könnte, doch ist meine Furcht unbegründet.

Da Henry inzwischen mit der Deutung seiner Träume vertrauter geworden war, versuchte er diesmal selber eine Interpretation zu geben. Er sagte: «Die Käfer stellen meine <dunklen> Eigenschaften dar. Sie wurden durch die Analyse erweckt und werden nun sichtbar. Es besteht die Gefahr, dass sie auch meinen Beruf, symbolisiert durch meinen Zeichentisch, <überschwemmen>. Trotzdem wage ich nicht, die Käfer, die mich an eine Art schwarzer Skarabäen erinnern - wie ich zuerst wollte -, mit der Hand zu zerdrücken, sondern fühle mich gezwungen, <Zauber> anzuwenden. Indem ich an ihre Schlupfwinkel Feuer an-

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lege, appelliere ich sozusagen an die Mitwirkung von etwas <Göttlichem>. Denn die aufschiessende Flammensäule lässt mich an das Feuer der Bundeslade denken.» Auffallend ist, dass die Käfer schwarz sind, womit sie Depression, Trauer, Tod ausdrücken. Im Traum ist Henry «allein» im Zimmer; das verführt leicht zu Introversion und entsprechender Gemütsverfinsterung. In der Mythologie kennt man «golden»-farbene Skarabäen, zuni Beispiel in Ägypten, wo sie als Symbole der Sonne heiliggehalten wurden. Ist jedoch ihr Rücken schwarz, so symbolisieren sie Gegenteiliges - nämlich Teuflisches. Henrys Instinkt ist daher richtig, wenn er sie mit Zauberei bekämpfen will. Immerhin, vier oder fünf der Käfer bleiben am Leben. Die Verminderung ihrer Zahl genügt aber, um Henrys Angst und Ekel vor ihnen zu nehmen. Er versucht nun, ihren Schlupfwinkel durch Feuer zu vernichten. Damit tut er jedoch nicht nur Negatives, sondern ebenso Positives, denn Feuer vermag auch zu Verwandlung und Wiedergeburt zu führen. (Siehe die Symbolik des Phönix.) Dabei folgt er bestimmt nicht seinem logischen Verstände, .sondern einer unbewussten, irrationalen Eingebung. Wir sehen, dass Henry bereits voller Wägemut ist, doch anscheinend nicht in der richtigen Form. Darum soll ein weiterer Traum sein Problem noch klarer beleuchten. In ihm wird Henrys Angst vor einer verbindlichen Beziehung zur Frau und seine Tendenz, der Gefühlsseite des Lebens auszuweichen, in einer eindrucksvollen Symbolsprache aufgezeigt. Ein alter Mann liegt im Sterben. Er ist umgeben von seinen Verwandten. Unter ihnen auch ich. Immer mehr Leute versammeln sich im grossen Saal. Jeder charakterisiert sich durch einen prägnanten Ausspruch. Es sind etwa vierzig Personen anwesend. - Der alte Mann stöhnt und murmelt von einem «ungelebten Leben». Seine Tochter, die ihm seine Beichte erleichtern will, fragt ihn, in welchem Sinn «ungelebt» zu verstehen sei, ob «kulturell» oder «moralisch» (was wohl heissen soll, dass er seinen Trieben kein Ausleben gestattete). Der Alte will nicht antworten. Die Tochter schickt mich in ein kleines Nebenzimmer, wo ich durch Kartenschlagen die Antwort finden soll. Die Neun, die ich zuerst aufschlage, wird die Antwort geben, je nach Farbe. Ich erwarte gleich zu Beginn eine Neun abzuheben, doch decke ich zunächst nur verschiedene Könige und Damen auf. Ich bin enttäuscht. Nun finde ich lauter Zettel, die gar nicht zum Spiel gehören, hauptsächlich Briefe und Kuverts. Schliesslich entdecke ich, dass in meinem «Kartenpaket» überhaupt keine Karten mehr vorhanden

Oben: Ein ägyptisches Relief um 1300 v. Chr. mit dem Skarabäuskäfer und dem Gott Ammon im Sonnenkreis. In Ägypten war der Skarabcius zugleich Symbol der Sonne. Unten: Andere Insekten, die eher den «teuflischen» Käfern in Henrys Traum ähnlich sehen. Stich von James Ensor, 19. Jahrhundert, der Menschen mit dunklen, ahstossenden Insektenkörpern darstellt.


sind, sondern nur noch allerlei Papiere. Zusammen mit meiner Schwester, die ebenfalls anwesend ist, suche ich überall nach Karten. Schliesslich entdecke ich eine unter einem Heft beziehungsweise Buch: es ist eine Neun, die Pique-Neun. Das kann nur heissen, so scheint es mir, dass es moralische Fesseln waren, die dem alten Mann nicht erlaubten, «sein Leben zu leben».

Die bedeutsame Botschaft dieses Traumes ist, Henry in einer Zukunftsvision vor Augen zu führen, was ihn erwartet, wenn er sein Leben zu leben versäumt. Der «alte Mann» ist vermutlich das das Bewusstsein Henrys beherrschende Prinzip, dessen Natur ihm jedoch unbewusst ist, und die vierzig Anwesenden symbolisieren die Ganzheit seiner psychischen Eigenschaften, da vierzig eineTotalitätszahl ist, eine «Erhöhung» der Vierheit. Dass der alte Mann im Sterben liegt, könnte ein Zeichen dafür sein, dass Henrys männlicher Persönlichkeitsanteil daran ist, eine endgültige Veränderung zu erfahren. Dabei ist die Frage der Tochter nach der möglichen Sterbensursache das unentrinnbare, entscheidende Anliegen. Es scheint, als ob es die «Moral» des alten Mannes gewesen wäre, die ihn vom Ausleben seiner natürlichen Gefühle und Triebe zurückhielt. Der Sterbende jedoch schweigt sich darüber aus. Darum muss seine Tochter, die Personifikation des vermittelnden weiblichen Prinzips, der Anima, aktiv werden. Sie schickt Henry ins Nebenzimmer, damit er die Antwort durch Kartenschlagen herausfindet, wobei die Farbe der ersten Neun, die er aufdeckt, diese Antwort ergibt. Henry hofft, sofort eine Neun zu erhalten, und ist schwer enttäuscht, dass er nur Könige und Damen aufdeckt, das heisst Kollektivbilder seiner jugendlichen Verehrung von Macht und Reichtum. Seine Enttäuschung vertieft sich, sobald die Bilderkarten versiegen und sich die Symbolwelt seines Inneren damit als erschöpft erweist. Nun sind es nur mehr «lauter Zettel», Papiere und Kuverts, die zurückbleiben. Henry muss, wohl oder übel, die Hilfe seiner weiblichen-Seite, diesmal durch seine Schwester symbolisiert, annehmen. Mit ihr zusammen findet er endlich eine Spielkarte: es ist die Pique-Neun. Sie war unter seinem Notizheft beziehungsweise einem Buch, also unter Gedankenmaterial, verborgen. Die Neun galt seit alters als «magische Zahl».

Sie symbolisiert laut der traditionellen Zahlensymbolik, neben vielen anderen Bedeutungen, die perfekte Form der perfekten Trinität in dreifacher Erhöhung. Die Farbe der Pique-Neun ist die des Todes, des Mangels an Leben. Obwohl auf den Spielkarten das Bild von Pique in seiner Form an ein Blatt erinnert, wirkt es durch seine Schwärze wie tot, anstatt naturhaft, vital und grün. Drehen wir jedoch die Pique um, dann stellt sie ein Herz dar, das hier allerdings leblos, das heisst gefühllos geworden ist, womit auch hier der innere Zwiespalt zwischen Kopf und Herz offenbar wird, der Henrys Zustand charakterisiert. Aus dem Traum geht also klar hervor, dass es «moralische Fesseln» waren und nicht kulturelle, die dem alten Mann nicht erlaubten, sein Leben zu leben, worunter im Fall von Henry die Angst, sich dem Leben voll und ganz hinzugeben, sich einer Frau verpflichtend zu überantworten und damit der Mutter «untreu» zu werden, zu verstehen ist. Der Traum verkündet eindeutig, dass ein «ungelebtes Leben» eine Krankheit ist, an der man sterben kann. Diese Mitteilungen konnte Henry nicht mehr überhören. Endlich schien er zu realisieren, dass es mehr als nur Vernunft braucht, um einen hilfreichen Kompass im Irrgarten des Lebens zu haben, dass es nötig ist, der Führung durch die unbewusste Psyche teilhaftig zu werden, aus der die erleuchtenden Symbole emporsteigen. Mit dieser Erkenntnis war für Henry die Aufgabe dieses Stückes seiner Analyse erfüllt. Endlich wusste er, dass er endgültig aus dem Paradies eines unverbindlichen Lebens vertrieben war und dass er nie wieder dorthin zurückkehren könne.

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Der Schlusstraum

Ein letzter Traum kam, um Henrys Einsichten nun endgültig zu bestätigen. Nach einigen kleinen, unwichtigen Nachtgebilden erschien er als fünfzigster in der Serie und brachte den ganzen Reichtum an Symbolen mit sich, die einen sogenannten «Grossen Traum» kennzeichnen.

Oben: Ein Phönix, der aus den Flammen neu ersteht (arabisches Manuskript aus dem Mittelalter). Ein bekanntes Motiv für Tod und Wiedergeburt aus dem Feuer. - Unten: Holzschnitt von Grandville, 19. Jahrhundert. Die Spielkarten erscheinen darauf in ihrer symbolischen Bedeutung, so zum Beispiel die Pique, die durch ihre Schwärze mit dem Intellekt und dem Tod verbunden ist.

Zu viert bilden wir einen Freundeskreis, wobei uns die folgenden Erlebnisse widerfahren : Abend: Wir sitzen an einem langen rohen Holztisch und trinken aus je drei verschiedenen Gefässen : aus einem Likörglas einen hellen, gelben, süssen Likör, aus einem Weinglas dunkelroten Campari, aus einem grossen, klassisch geformten Gefäss Tee. Zu uns vier Freunden gehört auch ein Mädchen (zurückhaltend, zierliche Konstitution); sie schüttet ihren Likör in den Tee. Nacht: Wir sind von einem grossen Gelage zurückgekehrt. Einer der Unseren ist der Président de la République Française. Wir befinden uns in dessen Palast. Auf einen Balkon hinaustretend, gewahren wir ihn unter uns in der verschneiten Strasse, wie er in betrunkenem Zustand gegen einen Schneehaufen uriniert. Sein Blaseninhalt scheint unversiegbar. Nun jagt er gar einer alten Jungfer nach, die ein Kind, eingehüllt in eine braune Wolldecke, in den Armen trägt. Er bespritzt das Kind mit seinem Urin. Die Jungfer fühlt die Nässe, doch schreibt sie sie dem Kinde zu. Mit langen Schritten eilt sie davon. Morgen: Durch die in der Wintersonne glänzende Strasse geht ein Neger : prachtvolle Gestalt, völlig nackt. Er geht gegen Osten, gegen Bern, also dem Zentrum zu. Wir sind nämlich in der welschen Schweiz. Wir beschliessen, ihn aufzusuchen. Mittag: Nach einer langen Autofahrt durch verlassene, verschneite Gegenden gelangen wir in eine Stadt, in ein dunkles Haus, wo der Neger eingekehrt sein soll. Wir fürchten sehr, dass er erfroren sein könnte. Doch empfängt uns sein ebenfalls schwarzer Diener. Neger und Diener sind stumm. Wir suchen in unsern mitgebrachten Rucksäcken, was jeder dem Neger als Geschenk darbringen könnte. Es muss irgendein Gegenstand der Zivilisation sein. Ich entschliesse mich zuerst und ergreife eine Schachtel Zündhölzer und überbringe sie ehrfurchtsvoll dem Schwarzen. Nachdem alle ihre Geschenke dargebracht haben, vereinen wir uns mit dem Neger in einem fröhlichen Gelage.

Schon auf den ersten Blick macht dieser Traum


mit seinen vier Abschnitten einen ungewöhnlichen Eindruck. Er umfasst einen ganzen Tag und bewegt sich nach rechts, also nach der Richtung einer wachsenden Bewusstwerdung. Die Bewegung setzt mit dem Abend ein, geht über in die Nacht und endet zu Mittag, wenn die Sonne am höchsten steht. In diesem Traum stehen die vier Freunde für die sich entfaltende Männlichkeit von Henrys Seele, und ihr Fortschreiten durch die vier «Akte» des Traumes stellt ein Muster dar, das einen an den Grundriss eines Mandalas erinnert. Indem sie zuerst vom Osten kommen, dann vom Westen, und sich auf die Hauptstadt der Schweiz, das Zentrum, hin bewegen, scheinen die Freunde einen Weg zu verfolgen, der die Gegensätze zu einer Einheit verbindet. Der Traum beginnt am Abend, zu einer Zeit, wo die Bewusstseinsschwelle sinkt und die Bilder aus dem Unbewussten ungehindert emporsteigen können. Zu den vier Freunden gesellt sich in einem solchen Zustand, der sich zur Belebung der Animaseite besonders eignet, selbstverständlich auch ein weibliches Wesen. Es ist die Animafigur, die zu allen gehört, die sie alle miteinander vereint, zurückhaltend und von zierlicher Konstitution, wie Henrys Schwester. Auf dem Tisch stehen drei Gefässe verschiedenen Charakters; durch ihre konkave Form unterstreichen sie das Empfangende, das Symbol der Weiblichkeit. Der Umstand, dass die Gefässe gemeinsam benützt werden, weist auf eine gegenseitige enge Beziehung zwischen den Anwesenden hin. Die Gefässe unterscheiden sich durch ihre Form - Likörglas, Weinglas, klassisch geformter Behälter - und durch die Farbe ihres Inhaltes. Das Gegensätzliche der Getränke, Süss und Bitter, Rot und Gelb, Berauschend und Erweckend, ist vermischt, und indem die anwesenden fünf Personen sie alle in sich aufnehmen, versinken sie in eine unbewusste Gemeinsamkeit. Das geheime Agens dieses Geschehens scheint das Mädchen zu sein, denn es ist die Aufgabe der Anima, den Mann in Unbewusstheit fallen zu lassen und ihn damit zur Bewusstwerdung zu zwingen. Es ist, als ob durch das Vermischen von Likör und Tee das Fest seinem Höhepunkt zueilen würde. Darüber, was in der «Nacht» geschieht, berich-

tet der zweite Teil des Traumes. Die vier Freunde sind plötzlich in Paris, das für den Schweizer die Stadt der Sinnlichkeit, der Lust und der Liebe darstellt. Hier findet eine gewisse Differenzierung der vier statt, vor allem zwischen dem Ich als dem Träger der Hauptfunktion, dem Denken, und der minderwertigen unbewussten Funktion, dem Gefühl, die durch den «Président de la République» repräsentiert wird. Das Ich, das heisst Henry und seine Freunde, die man als seine Hilfsfunktionen bezeichnen könnte, schauen von einem Balkon hinunter auf den Präsidenten, dessen Benehmen mit den Eigenschaften der undifferenzierten Seite einer Psyche genau übereinstimmt. Er ist unstabil, er hat sich seinen Instinkten ausgeliefert. In betrunkenem Zustand uriniert er unaufhörlich auf die Strasse. Wie ein Mensch, der ausserhalb der Zivilisation steht, merkt er kaum, was er tut, indem er sich seinen tierischen Bedürfnissen überlässt. Er symbolisiert hier wohl den grössten Gegensatz zum bewussten Lebensraum eines gutbürgerlichen Schweizer Akademikers. Nur in der dunkelsten Nacht seines Unbewusstseins kann diese Seite von Henry existieren und offenbar werden. Immerhin hat diese Präsidentenfigur auch einen positiven Aspekt. Sein Urin, der auch Symbol für den psychischen Energiestrom sein könnte, scheint unversiegbar zu sein. Er zeugt von einem Überfluss an schöpferischen und vitalen Kräften. Die Primitiven zum Beispiel geben allem, was vom Körper stammt, schöpferische, magischeBedeutung, seien es Haare, Exkremente, Urin oder Speichel. Der Präsident könnte also auch ein Zeichen für die Macht und die Fülle sein, die den Schattenseiten des Ich häufig anhaftet. Aber nicht nur dass er seinen Blaseninhalt ungeniert entleert, erjagt auch einer alten Jungfer nach, die ein Kind in den Armen hält. Sie ist gleichsam «die andere Seite» der scheuen, zierlichen Anima des ersten Traumabschnittes. Sie ist noch Jungfrau, obwohl alt und anscheinend doch Mutter. Henry assoziiert sie mit dem archetypischen Bild der Maria mit dem Jesuskind. Dass dieses jedoch in eine braune, erdfarbene Wolldecke gehüllt ist, lässt es eher als chthonisches, der Erde verbundenes Spiegelbild des Erlöserkindes denn als ein himmlisches Wesen erscheinen. Indem nämlich der

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Präsident das Kind mit seinem Urin bespritzt, vollzieht er gleichsam die Travestie einer Taufe. Nehmen wir nun das Kind als eine schöpferische Möglichkeit in Henry, als Symbol von etwas Werdendem, das noch im Kindeszustand ist, so könnten ihm durch dieses Ritual grosse Kräfte zugeführt werden. DarübersagtjedochderTraum nichts aus; und die Jungfer eilt mit dem Kind davon. Diese Szene bringt die Umkehr. Die Nacht ist zu Ende, der Morgen ist da. Alles Schwarze, Primitive und Kraftvolle hat sich jetzt in einer einzigen Gestalt zusammengeballt, in einem Neger, der nackt ist, also echt und «wahr». So wie Finsternis und heller Morgen, wie vorher heisser Urin und kalter Schnee, bilden jetzt die weisse Winterlandschaft und der schwarze Neger ein scharfes Gegensatzpaar, innerhalb dessen sich die vier Freunde zurechtfinden müssen. Ihr Standort hat gewechselt: Der Weg, der durch Paris führte, brachte sie unvermutet in die Westschweiz, wo Henrys Braut beheimatet "ist. Jetzt zum erstenmal vermag er - wenn auch nur im Traum seinen weiteren Weg vom Standort seiner Braut aus zu nehmen, womit er sich, psychologisch verstanden, nach ihr orientiert. Ging er vorher von der Ostschweiz nach Paris, das heisst

Ein antikes peruanisches Gefäss in Form einer Frau. Auch in Henrys Traum symbolisieren die Behälter das WeiblichEmpfangende.

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von Osten nach Westen, wo die Sonne niedergeht, also Unbewusstheit herannaht, so hat er jetzt eine Drehung von hundertachtzig Grad gemacht und sich der aufsteigenden Sonne, der wachsenden Klarheit des Bewusstseins, zugewendet. Dieser Weg zielt auf die Mitte der Schweiz, auf deren Hauptstadt, Bern, und symbolisiert Henrys Streben nach dem alle Gegensätze zusammenfassenden Zentrum in seiner Seele, dem Selbst. Ein Neger ist für viele das archetypische Bild der «dunklen Kreatur» und daher eine Personifikation von Zügen, die dem kollektiven Unbewussten entstammen. Vielleicht ist das der Grund, warum er von Menschen weisser Rasse so oft abgelehnt und gefürchtet wird. In ihm meint dieser sein Gegenbild, seine verborgene, dunkle Seite vor Augen geführt zu erhalten, der er jedoch am liebsten ausweichen und es verdrängen möchte. Der Neger ist ein geeigneter Projektionsträger für primitive Triebe, archaische Kräfte, unkontrollierte Instinkte, die der Weisse in sich nicht wahrhaben will, deren er unbewusst ist und daher als Eigenschaften eines entsprechendenäusserenObjektesbezeichnet,womitermeint, sie nicht zu besitzen. Für einen jungen Mann stellt der Neger einerseits die Summe aller ins Unbewusste verdrängten dunklen Eigenschaften dar, anderseits aber auch die Summe seiner primitiven, männlich-starken Fähigkeiten, seiner emotionellen und physischen Kräfte. Die Tatsache, dass Henry und seine Freunde sich bewusst dem Neger stellen wollen, symbolisiert daher einen entscheidenden Schritt auf seinem Weg zur Mannwerdung. Inzwischen ist es Mittag geworden, wo die Sonne am höchsten steht und das Bewusstsein seine grösste Klarheit erreicht hat. Im Traum, der ein Vorbild der Wirklichkeit ist, hat sich Henrys Ich immer mehr gefestigt, er nimmt bewusst Stellung und entscheidet. Es ist zwar noch gefühlloser, kalter Winter in Henrys Seelenlandschaft, und die vier Freunde haben Angst, dass der nackte Neger, der an Wärme gewöhnt ist, erfrieren könnte. Ihre Angst erweist sich jedoch als unberechtigt, denn nach einer langen Fahrt durch das schneebedeckte einsame Land kehren sie in einer ihnen fremden Stadt in ein dunkles Haus ein, wo der


Neger mit seinem Diener wohnt. Die «lange Fahrt» und die verlassene Gegend versinnbildlichen das langwierige und mühsame Suchen, das zu jeder psychologischen Entwicklung gehört. Hier erwartet die vier Freunde eine weitere Schwierigkeit. Der Neger und sein Diener sind stumm. Es ist daher nicht möglich,mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Andere Mittel müssen gesucht werden, um mit ihm eine Beziehung aufnehmen zu können. Die Freunde müssen statt mit Worten, also auf intellektuellem Wege, mit Gefühl und Herz an ihn herantreten. So bringen sie ihm ein Geschenk dar, wie man es den Göttern darbrachte, um ihr Interesse und ihre Zuneigung zu gewinnen. Und es muss ein Wertgegenstand der Zivilisation des weissen Menschen sein, mit dem sie ihn beschenken. Wieder einmal wird ein sacrificium intellectus verlangt, diesmal um die Gunst des Negers, des Symbols der Natur- und Instinktwelt, zu gewinnen. Henry als Träger des Ich, des stolzen Bewusstseins, das sich zu beugen hat, entschliesst sich als erster, etwas zu tun. Er greift nach einer Zündholzschachtel, die auf dem Boden liegt, und überreicht sie ehrfurchtsvoll dem Neger. Auf den ersten Blick mag es unsinnig erscheinen, dass Henry ein kleines, auf dem Boden liegendes, vermutlich weggeworfenes Objekt als die richtige Gabe empfindet; doch erweist sich seine Wahl als die bestmögliche. Zündhölzer sind gleichsam gestautes, kontrollierbares Feuer; ihre Flamme kann jederzeit entfacht oder ausgelöscht werden. Feuer und Flamme symbolisieren Wärme, Gefühl und Leidenschaft; sie sind Eigenschaften des Herzens, die man überall, wo es Menschen gibt, vorfindet. Indem Henry dem Neger ein solches Geschenk darbringt, verbindet er wortlos und doch sinnvoll, weil symbolhaft, das hochentwickelte zivilisierte Ergebnis seines bewussten Ich mit dem Zentrum seiner eigenen Primitivität und männlichen Kraft, symbolisiert durch den Neger. Diese Verbindung vermag Henry in den vollen Besitz seiner männlichen Ganzheit zu versetzen, mit der er von nun an in ständiger Beziehung bleiben muss. Das Ergebnis bleibt nicht aus. Die sechs männlichen Personen - die vier Freunde, der Neger und sein Diener - sind nun fröhlich bei einem gemeinsamen Mahl vereint. Es ist eindeutig, dass

hier Henrys männliche Totalität zu ihrer Abrundung gekommen ist. Sein Ich scheint nun im Traüm jene Sicherheit gefunden zu haben, die nötig ist, damit es sich bewusst und frei der archetypischen, grösseren Persönlichkeit, dem Neger, als dem dunklen Repräsentanten des Selbst, unterordnen kann. Was in denTräumen geschah, hatte seine Parallele und seine Folgen in Henrys Wachleben. Jetzt war er endlich seiner selbst sicher. Kurz entschlossen machte er mit seiner Verlobung ernst. Genau neun Monate nachdem die Analyse begann, heiratete er in einer kleinen Kirche in der Westschweiz und fuhr am Tag darauf mit seiner jungen Frau nach Kanada, wohin er, ebenfalls in jenen Entscheidungswochen der letzten Träume, eine Berufung erhalten hatte. Seither lebt er ein aktives, schöpferisches Leben als Haupt einer kleinen Familie und hat einen führenden Posten in einer grossen Industriefirma inne. Bei Henry handelte es sich um eine durch eine analytische Arbeit beschleunigte Reifung zu einem selbständigen und verantwortungsvollen Mannsein, um eine «Initiation in die Wirklichkeit des äusseren Lebens» und damit um die Vollendung der ersten Hälfte des Individuationsweges. Die zweite Hälfte, die in der Herstellung einer dauerhaften, lebendigen Beziehung zwischen dem Ich und dem Selbst besteht, hat Henry noch vor sich. Nicht jeder Fall läuft so bewegt und so erfolgreich ab. Nicht jeder kann auch in derselben Weise gehandhabt werden, denn jeder ist vom anderen verschieden. Daher verlangen der junge und der alte Mensch, der Mann und die Frau eine jeweilsverschiedeneBehandlung.Sogardieselben Symbole rufen nach einer unterschiedlichen Deutung in jedem einzelnen Fall. Ich habe diesen als ein besonders eindrückliches Beispiel für die Autonomie der unbewussten Prozesse gewählt, weil er mit seiner Bilderfülle von der unermüdlichen symbolschaffenden Kraft des psychischen Hintergrundes Zeugnis ablegt. Er beweist, dass die sich selbst regulierende Tätigkeit der Psyche, wenn sie nicht durch zuviel rationalistisches Erklären und Zerlegen gestört wird, durch die Wirkung ihrer Symbole dem seelischen Entwicklungsprozess hilfreich beizustehen vermag.

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In Psychologie und Alchemie bespricht Jung eine Folge von über 1000 Träumen eines einzigen Mannes. Die Traumserie zeigt eine auffallend grosse Zahl und Vielfalt von Darstellungen des Mandalamotivs - das sehr häufig mit der Verwirklichung des Selbst zusammenhängt (vgl. S. 213ff.). Auf diesen Seiten werden einige Beispiele für Mandaladarstellungen gegeben, um die ganz verschiedenen Formen zu zeigen, in denen dieser Archetyp sich im Unbewussten eines einzelnen Menschen manifestieren kann. Die Erklärungen dürfen allerdings nur als Hinweise auf mögliche Bedeutungen aufgefasst werden.

Links: Im Traum beschuldigt die Anima den Mann, er sei ihr gegenüber unaufmerksam. Eine Uhr zeigt fünf Minuten vor der vollen Stunde an. Der Mann wird von seinem Unbewussten «belästigt» ; die dadurch entstehende Spannung wird noch erhöht durch die Uhr, durch das Warten auf etwas, das in fünf Minuten passieren wird.

Unten: Ein Totenschädel (den der Mann vergebens wegzustossen versucht) wird zu einem roten Ball, dann zu einem Frauenkopf Hier versucht der Mann wahrscheinlich, das Unbewusste zu unterdrücken (durch Wegstossen des Schädels); es behauptet sich aber durch den Ball (vielleicht eine Anspielung auf die Sonne) und die Animafigur.


Links: In einem Diamantring an Ring deutet an, nis» abgegeben

Traum steckt ein Prinz dem Träumer einen den vierten Finger der linken Hand. Der dass der Träumer dem Selbst ein «Gelöbhat.

Unten links: Eine Frau entschleiert ihr Gesichtr das wie die Sonne glänzt. Das Bild deutet auf eine Beleuchtung des Unbewussten (unter Einschluss der Anima), die von bewusster Aufklärung völlig verschieden ist. Unten: Aus einer durchsichtigen Kugel, die wiederum kleine Kugeln enthält, wächst eine grüne Pflanze heraus. Die Kugelsymbolisiert Einheit, die Pflanze Leben und Wachstum.

Unten: Truppen, die sich nicht mehr auf den Krieg vorbereiten, bilden einen achtstrahligen Stern und marschieren linksläufig. Dieses Bild zeigt wohl, dass irgendein innerer Konflikt sich harmonisch gelöst hat.


M.L. von Franz Zum Abschluss: Das Unbewusste und die Wissenschaften


M.-L. von Franz Zum Abschluss: Das Unbewusste und die Wissenschaften

In den vorhergehenden Kapiteln haben C. G. Jung und einige seiner Mitarbeiter versucht, die symbolschaffende Funktion des Unbewussten darzustellen und einige Lebensbereiche zu zeigen, wo dieser neuentdeckte Faktor zu berücksichtigen wäre. Wir stehen hier erst an einem Anfang, das Unbewusste und seine archetypischen dynamischen Nuklei zu verstehen, doch können wir bereits ermessen, dass sie einen entscheidenden Einfluss auf den einzelnen ausüben, da sie seine Emotionen, seine moralischen und geistigen Anschauungen und seine sozialen Beziehungen lenken und dadurch sein ganzes Schicksal weitgehend gestalten. Wir sehen auch bereits, dass das Spiel der Archetypen und der Ablauf seiner Symbolformationen einem ganzheitlichen Muster folgen und dass dessen Verständnis eine heilende Wirkung in seelischen Notlagen ausübt. Wir können beobachten, wie diese archetypischen Mächte unser Bewusstsein schöpferisch inspirieren oder zerstören k ö n n e n schöpferisch, wenn sie neue Ideen und Verhaltensweisen aufbringen, zerstörerisch, wenn diese Ideen zu Vorurteilen erstarren und ein weiteres Fortschreiten verhindern. In seiner Darlegung des Unbewussten hat Jung gezeigt, wie subtil und differenziert die Deutung der unbewussten Symbole sein muss, um die kulturellen und individuellen Ausgestaltungen der archetypischen Inhalte nicht zu nivellieren. Jung selber hat sein ganzes Leben dieser Deutungsarbeit gewidmet, und doch gibt es unendlich viele weitere Gebiete der Anwendung, welche noch der Bearbeitung harren. Jung war ein Pionier und blieb sich zeitlebens bewusst, dass noch viele Fragen in diesem neuen Gebiet erweiterter Untersuchung bedürfen. Aus diesem Grunde hat er seine Begriffe und Hypothesen

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möglichst weit und zugleich vorsichtig gestaltet (ohne sie allzu unbestimmt zu formulieren), und deshalb stellen auch seine Ansichten ein «offenes» System dar, das die Tore für neue mögliche Entdeckungen weit offen hält. Für Jung waren nämlich Begriffe nur Instrumente, die dazu dienen sollen, dieses weite neuentdeckte seelische Gebiet des Unbewussten zu erforschen. Tatsächlich hat die Entdeckung des Unbewussten nichts weniger als eine Verdoppelung unserer Weltsicht bewirkt; denn von nun an müssen wir bei allem fragen, ob ein psychologisches Phänomen bewusst oder unbewusst anzusehen sei und sogar ob und wieweit jede «äussere» Tatsache von uns bewusst oder unbewusst wahrgenommen wird. Kein Wunder, dass diese archetypischen Mächte nicht nur in den Erzeugnissen, die in einer seelischen Behandlung auftauchen, sichtbar werden, sondern auch in den sonstigen kulturellen Tätigkeiten der Menschheit aufweisbar sind. Da alle Menschen solche gemeinsam ererbten seelischen Verhaltensweisen besitzen, ist es nicht zu verwundern, dass ihre Erzeugnisse, das heisst ihre symbolischen Gedanken, Phantasien und Tätigkeiten, in allen Gebieten aufweisbar sind. Die wissenschaftliche Untersuchung vieler dieser Gebiete ist daher bereits von Jungs Entdekkungen und Ideen beeinflusst worden. In der Literaturgeschichte finden wir sie zum Beispiel in J.B.Priestleys «Literature and Western Man», in Gottfried Dieners «Fausts Weg zu Helena» oder in James Kirschs «Shakespeares Hamlet». Auch Herbert Reads und Aniela Jaffes Kunstbetrachtung beruht auf Jungs Ideen, ebenso Erich Neumanns Studie von Henri Moore und Michael Tippetts Untersuchungen der Musik. Arnold Toynbees Geschichtsauffassung und Paul Radins anthropologische Studien berücksichtigen die Archetypen im Sinne Jungs, und auch die Erforschung der chinesischen Kultur wurde besonders von Jungs Idee der Synchronizität befruchtet, wie die Arbeiten von Richard

Schallwellen einer vibrierenden Stahlscheibe (sichtbar gemacht durch aufgestreuten Sand) zeigen ein auffallend mandalaartiges Muster.


Wilhelm, Erwin Rousselle, Carl Hentze und Manfred Porkert zeigen, und Hans Marti hat das Wirken der Archetypen sogar im staatsrechtlichen Bereich aufgezeigt. Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass man die Kunst oder Literatur und ihre Bedeutung nur von ihrer archetypischen Grundlage her verstehen kann ; diese Kulturbereiche besitzen alle ihre geistige Eigengesetzlichkeit, doch kann man die Archetypen als inspirierende Hintergrundsmächte in ihnen erkennen und oft durch eine psychologische Deutung, wie in Träumen, eine zielstrebige Wirkung und prophetische Botschaft des Unbewussten sehen, die dem Künstler selber nicht immer bewusst war. Dass Jungs Ideen im Bereich der Erforschung der geistigen Tätigkeiten der Menschheit bedeutsam sind, ist verständlich. Doch haben die Entdeckungen Jungs unerwarteterweise auch ein neues Licht auf die naturwissenschaftliche Forschung verbreitet, zum Beispiel auf die Biologie, Der Physiker Wolfgang Pauli hat nämlich hervorgehoben, dass die Theorie der Evolution des Lebens nach einer Berücksichtigung von C. G. Jungs Synchronizitätsbegriff ruft. Bisher meinte man, dass die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten zufällige Erbmutationen aufwiesen, die nachher nach dem Prinzip der Erhaltung der am besten Angepassten weiterlebten. Doch moderne Berechnungen haben gezeigt, dass die Zeit der Evolution auf Erden zu kurz war, um eine solche Entwicklung allein zu ermöglichen. Die Idee Jungs, dass die synchronistischen Phänomen seltene, aber sinnvoll gerichtete Zufälle sind, könnte abklären helfen, wie vielleicht «sinnvolle» Zufallsmutationen immer wieder stattfanden, welche natürlich eine schnellere Entwicklung ermöglichten als zahllose sinnlose Zufälle, aus denen dann das Leben nachträglich die sinnvollen aussortierte. Heute jedenfalls können wir aufweisen, wie Archetypen, wenn sie aktiviert sind, solche sinngerichteten Zufälle konstellieren. Auch die Geschichte unserer eigenen Wissenschaften weist Beispiele solcher sinnvollen gleichzeitigen Zufallsfortschritte auf. Ein bekanntes Beispiel ist Darwins Theorie der Entwicklung 101

der Arten. Er hatte diese zuerst in einem längeren Aufsatz dargelegt und arbeitete im Jahr 1844 daran, diesen in ein grösseres Werk umzuarbeiten. Zu dieser Zeit erhielt er das Manuskript des unbekannten jüngeren Biologen A. R. Wallace zugesandt, das genau dieselbe Theorie wie diejenige Darwins darlegte. Wallace arbeitete damals auf den Molukken im Malaiischen Archipel und wusste, dass Darwin ein Naturforscher war, hatte aber keine Ahnung, was er damals dachte. So waren zwei schöpferische Naturforscher gleichzeitig zu derselben Auffassung gelangt, und beide hatten diese neue Idee durch einen momentanen «Ein-fall» aus dem Unbewussten empfangen. In einem solchen Fall erscheint der Archetypus gleichsam wie das Wirkende in einer Creatio continua, einer fortdauernden schöpferischen Naturentwicklung (Jung nennt daher die synchronistischen Phänomene auch: in der Zeit stattfindende Schöpfungsakte). Ähnliche «sinnvolle Zufälle» ereignen sich oft, wenn ein Mensch in einer vitalen Notlage ist und von Dingen wissen sollte, die er nicht weiss, wie den Tod eines Angehörigen, den Verlust eines lebenswichtigen Dinges usw. Sehr oft empfängt er dann die Information durch aussersinnliche Wahrnehmung, das heisst durch Träume oder Einfälle. Dies legt nahe, dass solche synchronistischen Phänomene besonders in vitalen Notlagen auftauchen, und deshalb wäre es möglich, anzunehmen, dass wenn eine Tierart einst in eine solche Drucksituation geriet, sinnvolle (aber nicht kausal bedingte) Mutationen, das heisst Strukturänderungen, stattfanden. Das Gebiet, welches unerwarteterweise die grösste Begegnungsmöglichkeit mit der Psychologie des Unbewussten besitzt, ist die Atomphysik. Dies erscheint auf den ersten Blick als höchst unwahrscheinlich und bedarf daher einiger Erläuterungen. Der in die Augen springende Bezug der beiden Gebiete liegt zunächst darin, dass die Grundbegriffe der Physik, zum Beispiel Raum, Zeit, Materie, Energie, Kontinuum oder Feld, Teilchen usw., alles ursprünglich halbintuitive und halbmythologische archetypische Ideen der alten


griechischen Philosophen waren - Ideen, die nur langsam zu ihrer modernen Form weiterentwikkelt wurden. Der Begriff des Elementarteilchens zum Beispiel stammt von dem Philosophen Leukippus (4. Jahrhundert v.Chr.) und seinem Schüler Demokrit, der es das «Atom», die unteilbare Grundeinheit, nannte. Obwohl wir seither das Atom doch zerlegen können, sehen wir auch heute noch die Materie letztlich als Wellen und Partikeln (oder genauer: diskontinuierliche Quanten) an. Auch die Idee der Energie und ihrer Beziehung zu Kraft und Bewegungsgrösse stammt von den alten Stoikern. Letztere dachten sie sich als eine lebensspendende «Spannung» (tonos), die alle Dinge im Kosmos trägt. Dies ist deutlich der halbmythologische Keim des modernen Energiebegriffes. Sogar noch relativ moderne Denker haben sich auf archetypische Bilder gestützt, um ihre Begriffe aufzubauen. Noch im 17. Jahrhundert begründete René Descartes das Gesetz der Kausalität darauf, «dass Gott in seinen Beschlüssen und Handlungen unwandelbar ist». Und der grosse Astronom Johannes Kepler war überzeugt, dass der Raum deshalb drei Dimensionen habe, weil er die Trinität abbilde. Dies sind nur einige Beispiele, welche zeigen sollen, wie sehr sich unsere modernen wissenschaftlichen Grundbegriffe aus archetypischen Bildhypothesen entwickelt haben. Sie drücken primär nicht «objektive» äussere Tatsachen aus, sondern entstammen eingeborenen geistigen Grundtendenzen der menschlichen Seele. Tendenzen, welche uns dazu anspornen, «befriedigende» Erklärungen für die verschiedensten Lebensphänomene, mit denen wir umgehen müs-

sen, zu finden. Wenn der Mensch die Natur erforscht, findet er letztlich keine objektive Wirklichkeit vor, sondern er begegnet sich selber, wie der Physiker Heisenberg einmal sagte. Auf Grund solcher Einsichten haben Wolfgang Pauli und andere begonnen, den Einfluss archetypischer Symbole auf die wissenschaftliche Begriffsbildung zu untersuchen. Pauli war sogar überzeugt, dass wir immer unsere Untersuchung äusserer Objekte gleichzeitig mit der Beobachtung des inneren Entstehens unserer wissenschaftlichen Erklärungen vorantreiben sollten. Dies könnte Licht auf eine neue Weltauffassung werfen, die wir später besprechen werden, auf die Idee einer Einheitswirklichkeit, in welcher physikalische und psychische, quantitative und qualitative Aspekte der Welt in einem gesehen wären. Neben dieser eher offensichtlichen Verbindung zwischen der Psychologie des Unbewussten und der Physik besteht aber noch eine weitere Brücke. Jung entdeckte nämlich in Mitarbeit von Pauli, dass die moderne Psychologie veranlässt wurde;* Begriffe zu entwickeln, welche erstaunlich parallel zu denen der Atomphysik zu sein scheinen. Einer der wichtigsten dieser Begriffe ist derjenige der Komplementarität, wie ihn Niels Bohr entwickelt hat. Die moderne Physik hat entdeckt, dass wi'r zum Beispiel das Licht nur adäquat durch zwei logisch sich widersprechende, aber eigentlich komplementäre Begriffe beschreiben können: durch die Idee von Teilchen und Welle. Sehr vereinfacht könnte man sagen, dass sich das Licht je nach dem Experiment, das man mit ihm anstellt, bald wie Teilchen und bald wie Wellen zu benehmen scheint. Ebenso können wir

Die amerikanische Physikerin Maria Mayer, die mit D. Jensen 1963 den Nobelpreis erhielt. Ihre Entdeckung der Zahlenverhältnisse im A tom stammt aus einer unbewussten Eingebung, welche durch die Bemerkung eines Kollegen aktiviert wurde. Nach ihrer Auffassung besteht der Atomkern aus konzentrischen Schalen; die innerste enthält 2 Protonen oder 2 Neutronen, die nächste 8 usw. durch die Reihe der «magischen» Zahlen, wie sie sie nannte: 20, 28, 50, 82, 126.

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bei jedem sonstigen Elementarteilchen entweder seine Lage oder seine Bewegungsgrösse festlegen, aber nicht beide zugleich. Der Beobachter muss sein Experiment wählen, und dabei schliesst er durch einen «Schnitt» oder ein «Opfer» die andere Beobachtungsmöglichkeit aus. Pauli sagt deshalb, dass die moderne Physik «infolge der als Komplementarität bezeichneten prinzipiellen Situation der Unmöglichkeit gegenübersteht, die Wirkungen des Beobachters durch determinierbare Korrekturen zu eliminieren, und deshalb auf die objektive Erfassung aller physikalischen Phänomene im Prinzip verzichten musste». Wo die klassische Physik noch kausal determinierte Naturgesetze erforschte, suchen wir heute statistisch fassbare «primäre Wahrscheinlichkeiten». Mit anderen Worten gesagt stört der Beobachter durch sein Experiment die Zusammenhänge in einer Art, welche selber nicht gemessen und dadurch ausgeklammert werden kann; daher können nur noch Wahrscheinlichkeiten erfasst werden. Dies bedeutet eine ungeheure Wendung in der Naturwissenschaft von heute. Die geistigen Hypothesen des Experimentators können nicht mehr ausgeklammert bleiben, und damit muss der Forscher endgültig darauf verzichten, äussere Ereignisse völlig «objektiv» beschreiben zu können Viele moderne Physiker haben es akzeptiert, dass die bewussten Vorstellungen des Beobachters in mikrophysikalischen Experimenten eine Rolle spielen, aber sie haben noch nicht gesehen, dass dahinter auch noch unbewusste Motivationen ins Spiel treten und daher die gesamte psychische Situation des Beobachters eine Rolle spielt. Doch besteht, wie Pauli betont, kein Grund dafür, diese Tatsachen zu verwerfen. Niels Bohrs Idee der Komplementarität ist für die Psychologie insofern wichtig, als Jung erkannte, dass auch zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten ein komplementäres Verhältnis besteht; denn jeder unbewusste Inhalt, der vom Unbewussten an die Schwelle des Bewusstseins heraufkommt, wird durch die Einwirkung des letzteren teilweise verändert, und dies wirkt dann auch wieder auf das Bewusstsein zurück. Traumbilder sind sogar in diesem Sinn

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bereits halbbewusste Inhalte, und jede Bewusstseinserweiterung, die der Träumer durch ein Verstehen des Traumes erlebt, hat eine unmessbare Rückwirkung auf sein Unbewusstes. Darum kann auch das Unbewusste (wie die Materie in der Physik) nur annähernd durch paradoxe Begriffe umschrieben werden; was es «in sich selbst» ist, werden wir nie erfahren, sowenig wie bei der Materie auch. Eine weitere Parallele zur Situation der Physik findet sich auch in folgendem: was Jung als die Archetypen bezeichnet, könnte man ebensogut mit Paulis Worten als «primäre Wahrscheinlichkeiten» seelischer Reaktionen bezeichnen, denn es gibt auch hier keine Gesetze, wie ein Archetypus sich manifestieren wird, sondern nur «Tendenzen», welche es uns ermöglichen, wahrscheinliche seelische Reaktionen vorauszusagen. Der amerikanische Psychologe William James hat bereits vor längerer Zeit betont, dass der Begriff des Unbewussten mit dem Begriff des «Feldes» in der Physik vergleichbar sei. Wie ein Teilchen, das in ein elektromagnetisches Feld gerät, in bestimmter Art angeordnet wird, so scheinen auch Vorstellungen im Bereich des Unbewussten autonom angeordnet zu werden. Ja, was wir nachträglich in unserem Bewusstsein als «vernünftig» oder «einleuchtend» bezeichnen, dürfte nur deshalb auf uns so wirken, weil unsere bewusste Überlegung mit gewissen vorbewusst angeordneten Inhalten übereinstimmt. Unsere bewussten Vorstellungen sind mit anderen Worten des öfteren schon angeordnet, bevor sie uns bewusst werden. Der Mathematiker Karl Friedrich Gauss (18. Jahrhundert) erzählt uns hierfür ein Beispiel: Er berichtet nämlich, wie er ein Gesetz der Zahlentheorie fand; es gelang «aber nicht meinem mühsamen Suchen, sondern bloss durch die Gnade Gottes, möchte ich sagen. Wie der Blitz einschlägt, hat sich das Rätsel gelöst; ich selber wäre nicht imstande, den leitenden Faden zwischen dem, was ich vorher wusste, dem, womit ich die letzten Versuche gemacht hatte, und dem, wodurch es gelang, nachzuweisen.» Der französische Mathematiker Henri Poincare berichtet noch ausführlicher über ein ähnliches Erlebnis; er beschreibt, wie er in einer schlaflosen Nacht direkt beobachten konn-


te, wie mathematische Kombinationen in seinem Innern herumwirbelnd zusammenstiessen, bis sie «eine stabile Verbindung eingingen. Es kommt einem in solchen Fällen vor, als ob man bei seiner eigenen unbewussten Arbeit anwesend wäre. Die unbewusste Arbeit macht sich dem übererregten Bewusstsein teilweise bemerkbar, ohne jedoch ihren Charakter zu verlieren. Bei solchen Gelegenheiten ahnt man den Unterschied in den Arbeitsweisen der beiden Subjekte» (des Ich und des Unbewussten). Als letzte Parallele zwischen Physik und Psychologie sei noch Jungs Begriff des «Sinnes» erwähnt. Wo wir früher nach kausalen, rational erklärbaren Gesetzen suchten, hat Jung vorgeschlagen, auch nach dem Zweck und Sinn zu suchen, das heisst, nicht nur zu fragen, warum etwas geschieht, sondern auch wozu? Dieselbe Tendenz taucht auch in der Physik auf, nämlich mehr nach allgemeinen Zusammenhängen als nach mechanischen Gesetzen zu suchen. Wolfgang Pauli hat die Erwartung ausgesprochen, dass die Entdeckung des Unbewussten sich über den engen Rahmen psychotherapeutischer Anwendung hinaus ausbreiten und alle Naturwissenschaften und viele andere Lebensbereiche beeinflussen werde. Seither ist diese Erwartung insofern bestätigt worden, dass gewisse Physiker, die sich mit Kybernetik befassen (der Wissenschaft der Kontrollsysteme des Hirns und Nervensystems und seiner technischen Imitation, der Computer), sich für die Psychologie des Unbewussten zu interessieren beginnen. Der französische Physiker Olivier Costa de Beauregard fordert zum Beispiel, dass Psychologie und Physik «endlich in einen aktiven Dialog eintreten sollten». Der Parallelismus der Denkmodelle von Psychologie und Physik legt - wie Jung hervorgehoben hat - ein letztliches Einssein beider Forschungsbereiche nahe. Jung war überzeugt, dass das Unbewusste mit der anorganischen Materie irgendwie verbunden ist, eine Tatsache, auf die ja auch alle psychosomatischen Krankheiten hinzuweisen scheinen. Diese geahnte Einheitswirklichkeit hat Jung mit dem Wort «unus mundus» bezeichnet, als die eine Welt, in der Seele und Materie nicht unterschieden sind. Jung bahnte

einen Weg, diese Einheit zu entdecken, dadurch, dass er nachwies, dass die Archetypen einen «psychoiden» (das heisst nicht nur seelischen, sondern auch teilweise materiellen) Aspekt besitzen, welcher im Synchronizitätsereignis zutage tritt; denn in ihm kann man die sinnvolle Anordnung innerseelischer und materieller Tatsachen vereint sehen. Die Archetypen helfen uns mit andern Worten nicht nur, uns an die Aussenwelt anzupassen, sondern sie manifestieren sich selbst als eine synchronistische Anordnung, welche Psyche und Materie einbeschliesst. Dies möge jedoch nur als Hinweis dienen, in welcher Richtung weitere Forschungen getrieben werden könnten. Jung selber betonte, dass wir die Beziehung dieser zwei Bereiche noch lange tiefer erforschen sollten, bevor wir uns auf vorschnelle Spekulationen über ihre Einheit einlassen. Dasjenige Gebiet, wo Jung die fruchtbarsten weiteren Forschungsresultate erwartete, wäre das Studium der mathematischen Grundlagen, das heisst jener Axiome, welche Pauli auch «primäre mathematische Intuitionen» nannte, worunter er speziell die Idee der unendlichen Reihe ganzer Zahlen in der Arithmetik und des Kontinuums in der Geometrie erwähnt. Hannah Arendt, welche die Grundlagen der Wissenschaften untersucht hat, betont etwas ähnliches, indem sie sagt: mit dem Anbruch der Neuzeit hat die Mathematik nicht nur ihren Bereich auf das «Unendliche» hin erweitert, um es für die Anwendung auf ein als unendlich gedachtes Universum anzuwenden, sondern sie hat sogar aufgehört, sich überhaupt mit dem Realitätsbezug zu befassen. Mathematik ist heute nicht mehr der Beginn der Philosophie oder der Wissenschaft des Seins, sondern sie ist heute die Wissenschaft von der Struktur des menschlichen Geistes geworden. (Ein Jungianer würde hier fragen: Welches Geistes, des bewussten oder des unbewussten?) Wie die Selbstzeugnisse von Gauss und Poincare zeigen, haben auch die Mathematiker entdeckt, dass manchmal unsere Gedanken schon «angeordnet» sind, bevor wir ihrer bewusst werden. B. L. van der Waerden schliesst sogar, dass das Unbewusste nicht nur assoziieren und kombinieren kann, sondern sogar wählen und beurteilen.

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Sein Urteil ist zwar intuitiv, aber unter günstigen Umständen völlig zuverlässig. Unter den verschiedenen mathematischen Urintuitionen sind die natürlichen Zahlen psychologisch die interessantesten. Sie dienen nämlich nicht etwa nur unserem täglichen Rechnen und Messen, sondern sie wurden auch seit ältester Zeit überall als Mittel verwendet, den «Sinn» von Zeitmomenten abzulesen - zum Beispiel in der Astronomie, Numerologie, Geomantie und anderen Divinationsteehniken. Sie alle sind Zahlenverfahren, welche das näher zu bestimmen dienen sollten, was Jung als Synchronizitätsereignisse bezeichnet hat. Die natürlichen Zahlen sind, von einem psychologischen Gesichtswinkel gesehen-zweifellosarchetypischeVorstellungen, da sie uns in bestimmten Formen zu denken nötigen. Niemand kann zum Beispiel leugnen, dass Zwei in unserem Zehnersystem die einzig existente gerade Primzahl sei, auch wenn er es sich nie vorher bewusst überlegt hat. So sind die Zahlen nicht etwa nur bewusst erfunden, sie sind ebensosehr spontane, autonome Erzeugnisse des Unbewussten und als solche archetypische Symbole. Doch sind diese selben Zahlen auch eine Eigenschaft der äusseren Objekte: sogar wenn wir letztere all ihrer Qualitäten, wie Farbe, Temperatur, Grösse usw., berauben, bleibt immer noch ihre «Anzahl» übrig. Und zugleich sind diese Zahlen auch Inhalt unseres Geistes, die wir ohne Beziehung zu äusseren Objekten studieren können. Daher scheinen die Zahlen die unmittelbarste Beziehung zwischen der Sphäre der Psyche und der Materie zu sein. Nach den Hinweisen von Jung liegt hier ein fruchtbares zukünftiges Forschungsgebiet. Ich streife hier diese Probleme nur deshalb, um zu zeigen, wie sehr Jungs Ideen nicht ein geschlossenes Lehrsystem bilden, sondern eher den Beginn einer neuen Weltsicht, die sich noch weiter entfalten kann. Ich hoffe damit dem Leser eine Ahnung vermittelt zu haben von dem, was mir besonders typisch für Jungs wissenschaftliche Haltung zu sein scheint. Immer suchte er weiter die Lebenserscheinungen zu verstehen, ungewöhnlich frei von konventionellen Vorurteilen und zugleich voll Bescheidenheit und Exakt-

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heit. Die obigen angedeuteten Ideen hat er deshalb nicht weiter ausgebaut, weil er fühlte, noch nicht genug Tatsachen gesammelt zu haben, um Entscheidendes zu sagen - so wie er überhaupt meistens mehrere Jahre wartete, bevor er eine neue Idee publizierte, um sie vorher immer wieder nachzuprüfen und selber von allen Seiten anzuzweifeln. Was der Leser daher zuerst als eine gewisse Unbestimmtheit seiner Begriffe ansehen könnte, ist eher gerade in Jungs geistiger Bescheidenheit begründet - einer Einstellung, welche nicht durch vorschnelle oberflächliche Urteile und Vereinfachungen die Möglichkeit neuer Entdeckungen ausschliessen wollte und die grosse Vielgestaltigkeit des Lebensphänomens respektierte. Denn das Leben der Seele blieb für Jung immer ein erregendes Geheimnis und wurde nie für ihn, wie es bei beschränkteren Geistern der Fall ist, ein Etwas, über das wir schon alles zu wissen meinen. Nach meiner Ansicht zeigt sich der Wert von schöpferischen Ideen darin, dass sie wie Schlüssel bisherunverstandeneTatsachenzusammenhänge erschliessen und uns dadurch tiefer in das Geheimnis des Lebens eindringen lassen. Darum bin ich überzeugt, dass Jungs Ideen in dieser Art dienen werden, in vielen Wissenschaftsgebieten (und im Alltagsleben) Neues zu entdecken und dabei zugleich dem einzelnen zu einer ausgewogeneren, ethischeren und bewussteren Haltung zu verhelfen. Falls der Leser sich hierdurch angeregt fühlen sollte, selber an der Betrachtung und Integration des Unbewussten zu arbeiten - was immer mit der Arbeit an sich selbst beginnt -, so wäre der Zweck dieses einleitenden Buches erreicht.


Anmerkungen

C. G. Jung

Zugang zum Unbewussten

Seite 37 Nietzsches Kryptomnesie wird besprochen in Jungs Zur Psychologie sogenannter okkulter Phänomene, Ges. Werke Bd. I. Der betreffende Abschnitt aus dem Logbuch und die entsprechende Stelle bei Nietzsche lauten folgendermasscn: Aus J. Kerner, Blätter aus Prevorst, Bd. IV, S. 57, unter der Überschrift «Ein Extrakt von furchteinflössender Bedeutung...» (1831-1837): «Die vier Kapitäne und ein Kaufmann, Mr. Bell, gingen auf der Insel des Berges Stromboli an Land, um Kaninchen zu schiessen. Um drei Uhr sammelten sie die Mannschaft, um an Bord zu gehen, als sie, zu ihrem unaussprechlichen Erstaunen, zwei Männer durch die Luft rasch auf sich zu fliegen sahen. Der eine war schwarz, der andere grau gekleidet. Sie kamen sehr dicht an ihnen vorbei, in grösster Eile, und zu ihrer äussersten Bestürzung gingen sie im Krater des furchtbaren Vulkans Stromboli nieder. Sie erkannten das Paar als Bekannte aus London.» Aus F. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Kap. XI, «Von grossen Ereignissen» (1883): «Um jene Zeit nun, als Zarathustra auf den glückseligen Inseln weilt?, geschah es, dass ein Schiff an der Insel Anker warf, auf welcher der rauchende Berg steht; und seine Mannschaft ging an Land, um Kaninchen zu schiessen. Gegen die Stunde des Mittags aber, da der Kapitän und seine Leute wieder beisammen waren, sahen sie plötzlich durch die Luft einen Mann auf sich zukommen, und eine Stimme sagte deutlich: <Es ist Zeit! Es ist die höchste Zeit !> Wie die Gestalt ihnen aber am nächsten war - sie flog aber schnell gleich einem Schatten vorbei, in der Richtung, wo der Feuerberg lag -, da erkannten sie mit grösster Bestürzung, dass es Zarathustra sei... <Seht mir an!> sagte der alte Steuermann, <da fährt Zarathustra zur Hölle!>» 38 Robert Louis Stevenson behandelt seinen Traum von Jekyll und Hyde in «Ein Kapitel über Träume» in seinem Buch Across the Plains. 56 Ausführlicher behandelt wird Jungs Traum in Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G.Jung, herausgegeben von Aniela Jaffe, Zürich. 63 Beispiele für unterschwellige Ideen und Bilder finden sich in den Werken von Pierre Janet. 93 Weitere Beispiele für kulturelle Symbole erscheinen in Mircea Eliades Der Schamanismus. Zürich 1947. Siehe auch Ges. Werke von C.G.Jung, Bd. I-XVIII (in Vorbereitung). Joseph L. Henderson

Der moderne Mensch und die Mythen

108 Zur Endgültigkeit der Auferstehung Christi: Das Christentum ist eine eschatologische Religion, d.h. es hat ein Endziel vor Augen, das mit dem Jüngsten Gericht sinnverwandt wird. Andere Religionen, in denen matriarchale Elemente einer Stammeskultur bewahrt wurden (z. B. der Orphismus), sind zyklisch, wie Eliade

in: Der Mythus der ewigen Wiederkehr, Düsseldorf 1953, zeigt. 112 Siehe Paul Radin, Hero Cycles of the Winnebago (Heldenzyklen der Winnebago), Indiana University Publications, 1948. 113 Zur Figur des Hasen bemerkt Radin: «Der Hase ist der typische Held, wie wir ihn auf der ganzen zivilisierten und voralphabetischen Welt und seit den frühesten Zeiten der Weltgeschichte kennen.» 114 Die beiden Kriegsgottheiten der Navaho werden behandelt von Maud Oakes in: Where the Two Came to their Father, A Navaho War Ceremonial, Bollingen/New York 1943. 117 Jung behandelt den Trickster in: Zur Psychologie der Trickster-Figur, Ges. Werke Bd. IX. 118 Der Konflikt zwischen Ego und Schatten wird erörtert in Jungs: Der Kampf um die Befreiung von der Mutter, Ges. Werke Bd. V. 125 Für eine Deutung des Minotaurus-Mythos vgl. Mary Renaults Roman The King Must Die (Der König muss sterben), Pantheon, 1958. 125 Die Symbolik des Labyrinths wird behandelt von Erich Neumann in: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins. 128 Zu dem Auftauchen des Ich vgl. Erich Neumann, op.cit.; Michael Fordham, New Developments in Analytical Psychology. London, Routledge & Kegan Paul, 1957; und Esther M. Harding, The Restoration of the Injured Archetypal Image (privat in Umlauf), New York 1960. 129 Jungs Studie über Initiation erscheint in: Analytische Psychologie und Weltanschauung, Ges. Werke Bd. VIII. Siehe auch Arnold van Gennep, The Rites of Passage, Chicago 1961. 132 Kraftproben bei Frauen werden erörtert von Erich Neumann in: Amor und Psyche, Zürich 1952. 137 Die Erzählung Beauty and the Beast (Das schöne Mädchen und das Tier) erscheint in Mme Leprince de Beaumonts The Fairy Tale Book, New York, Simon & Schuster, 1958. 141 Der Mythos von Orpheus findet sich in Jane E. Harrisons Prolegomena to the Study of Greek Religion, Cambridge University Press, 1922. Siehe auch W. K.C.Guthrie, Orpheus and Greek Religion, Cambridge 1935. 142 Jungs Erörterung des katholischen Kelchritus steht in: Das Wandlungssymbol in der Messe, Ges. Werke Bd. XI. Siehe auch Alan Watts' Myth and Ritual in Christianity, Vanguard Press, 1953 (Mythus und Ritus des Christentums, München-Planegg 1956). 145 Linda Fierz-Davids Interpretation des orphischen Ritus erscheint in: Psychologische Betrachtungen zu der Freskenfolge der Villa dei Misteri in Pompeji. Ein Versuch von Linda Fierz-David, Zürich 1957. 148 Die römische Graburne vom Esquilin-Hügel wird besprochen von Jane Harrison, op.cit. 149 Siehe Jung: Die transzendente Funktion, herausgegeben von der Studentenvereinigung am C.G. Jung-Institut, Zürich. 151 Joseph Campbell behandelt den Schamanen als Vogel in: Das Symbol ohne Bedeutung, Zürich, Rhein-Verlag, 1958.

M . - L . von Franz

Der Individuationsprozess

160 Eine ausführliche Behandlung des Mäander-Musters bei Träumen erscheint in Jungs Ges. Werken Bd. VIII. Siehe auch Jungs Ges. Werke Bd. XII, Teil 1; und Gerhard Adler, Studies in Analytical Psychology, London 1948. 161 Zu Jungs Erörterung des Selbst siehe Ges. Werke Bd. IX, Teil 2, sowie Bd. XII. 161 Die Naskapi werden beschrieben von Frank G.Speck in: Naskapi: The Savage Hunter of the Labrador Peninsula, University of Oklahoma Press, 1935.

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162 Der Begriff der psychischen Ganzheit wird besprochen in Jungs.Ges. Werken Bd.XIV; Bd.IX, Teil 1 und 2. 163 Die Geschichte von der Eiche stammt aus Richard Wilhelm: Dschuang-Dsi; Das wahre Buch vom südlichen Blütenland; Jena 1923, S. 33/34. 163 Jung behandelt den Baum als Symbol für den Individuationsprozess in: Der philosophische Baum, Von den Wurzeln des Bewusstseins, Zürich 1954. 163 Die «Lokalgottheit», der auf dem steinernen Erdaltar Opfer gebracht werden, entspricht in vieler Hinsicht dem antiken genius loci. Vgl. Henri Maspero, La Chine antique, Paris 1955, S. 140f. (Diese Information verdanke ich Frl. Ariane Rumpj. 164 Jung betont in den Ges. Werken, Bd. XVII, S. 179, die Schwierigkeit, den Individuationsprozess zu beschreiben. 165 Diese kurze Beschreibung der Wichtigkeit von Kinderträumen stammt hauptsächlich aus Jung: Psychologische Interpretation von Kinderträumen (Anmerkungen und Vorlesungen), ETH Zürich, 1938/39 (nur privat in Umlauf). Das spezielle Beispiel kommt von einem Seminarbericht mit dem gleichen Titel, aus den Jahren 1939/40, S. 76ff. Vgl. auch Jung: Die Entwicklung der Persönlichkeit, Ges. Werke, Bd. XVII; Michael Fordham, The Life ofChildhood, London 1944 (bes. S. 104); Erich Neumann, Ursprungsgeschichte des Bewusstseins; Frances Wiekes, The Inner World of Consciousness, New York/London 1927; und Eleanor Bertine, Human Relationships, London 1958. 166 Jung erörtert den psychischen Kern in: Die Entwicklung der Persönlichkeit. Ges. Werke, Bd. XVII, S. 175, und Bd. XIV, S. 9ff. 167 Zu Märchenmodellen, die dem Motiv des kranken Königs entsprechen, vgl. Joh.Bolte und G.Polivka, Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, Bd. I, 1913-1932, S. 503ff. - d.h. alle Variationen zu Grimms Märchen Der Goldene Vogel. 168 Eine weitere Behandlung des Schattens findet sich in Jungs Ges. Werken, Bd.IX, Teil 2, Kap.2, und Bd.XII, S.29f„ und: The Undiscovered Seif London 1958, S.8-9. Vgl. auch Frances Wiekes, The Inner World of Man, New York/Toronto 1938. Ein gutes Beispiel für die Realisierung des Schattens gibt G.Schmalz, Komplexe Psychologie und Körperliches Symptom, Stuttgart 1955. 171 Beispiele für den ägyptischen Begriff der Unterwelt erscheinen in The Tomb of Ramses VI. Bollingen Series XL, Teil 1 und 2, Pantheon Books, 1954. 171 Mit dem Wesen der Projektion beschäftigt sich Jung in Ges. Werke, Bd.VI, Definitionen S.582; und ^Bd.VIII, S.272ff. 173 Der Koran (Qur'an) wurde übersetzt von E.H.Palmer, Oxford University Press, 1949. Vgl. auch Jungs Interpretation der Erzählung von Moses und Khidr, in Ges. Werke. Bd. IX, S. 135ff. 173 Die indische Erzählung Somadeva: Vetalapunchavimsuti wurde ins Englische übersetzt von C.H.Tawney, Jaico-book, Bombay 1956. Vgl. auch Heinrich Zimmers ausgezeichnete psychologische Interpretation The King and tlie Corpse, Bollingen series XI, New York, Pantheon, 1948. (Deutsch bei Rascher-Verlag, Der König mit dem Leichnam, und Rütten & Locning, Vetalapantschavinsati; zusammen herausgegeben von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt, 1966; d. Übs.) 176 Die Anspielung auf den Zcn-Meister stammt aus Der Ochs und sein Hirte (übersetzt von Koichi Tsujimura), Pfullingen 1958, S. 95. 177 Zu weiterer Besprechung der Anima vgl. Jungs Gesammelte Werke, Bd. IX, Teil 2, S. 11-12, und Kap. 3; Bd. XVII. S. 198 f., Bd. VII, S.345; Bd. XI, S.29-31, 41 f., 476 usw.; Bd.XII, Teil 1. Siehe auch Emma Jung, Animus und Anima. Zwei Essays, The Analytical Club of New York, 1957; Eleanor Bertine, Human Relationships, Teil 2; Esther Harding, Psycliic Energy, New York 1948, u.a.

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178 Die sibirische Jägererzählung stammt von Knud Rasmussen, Die Gahe des Adlers, Frankfurt a. M. 1926, S. 172. 179 Eine Behandlung des «Giftmädchens» erscheint in W. Hertz, Die Sage vom Giftmädchen, Abh. der k. bayr. Akad. der Wiss., 1 Cl.XX Bd. 1, Abt. München, 1893. 179 Die mörderische Prinzessin wird behandelt von Chr. Hahn in: Griechische und Albanesisclie Märchen, Bd. 1, München/Berlin 1918, S. 301: Der Jäger und der Spiegel, der alles sieht. 180 Die von einer Animaprojektion hervorgerufene «Liebestollheit» wird untersucht in Eleanor Bertines Human Relationships S. 113 f. Siehe auch den ausgezeichneten Aufsatz von Dr. H. Strauss, Die Anima als Projektionserlebnis, unveröffentlichtes Manuskript, Heidelberg 1959. 180 Jung diskutiert die Möglichkeit psychischer Integration durch eine negative Anima in Ges. Werke, Bd. XI, S. 164ff.; Bd. IX, S. 224f.; Bd. XII, S. 25f., 110f., 128. 185 Zu den vier Stufen der Anima vgl. Jungs Ges. Werke, Bd. XVI, S. 174. 186 Francesco Colonnas Hypnerotomachia ist interpretiert worden von Linda Fierz-David in: Der Liebestraum des Poliphilo, Zürich 1947. 186 Das Zitat, das die Rolle der Anima beschreibt, stammt aus Aurora Consurgensl, übersetztvon E. A.Glover. Deutsche Ausgabe von M.-L. von Franz in Jungs Mysterium Coniunctionis, Bd. 3,1958. 187 Jung hat den ritterlichen Kult der Dame untersucht in Ges. Werke, Bd. VI, S.274 und 290 f. Vgl. auch Emma Jung und M.-L. von Franz, Die Grualslegende in psychologischer Sicht, Zürich 1960. 189 Zum Auftreten des Animus als «heilige Überzeugung» vgl. Jungs Two Essays in AnalyticalPsychology, London 1928, S. 127 ff.; Ges. Werke Bd. IX, Kap. 3. Siehe auch Emma Jung, Animus und Anima, passim; Esther Harding, Woman's Mysteries, New York 1955; EleanorBertine, Human Relationships, S. 128ff.; Toni Wolff, Studien zu C.G.Jungs Psychologie, Zürich 1959. S.257ff.; Erich Neumann, Zur Psychologie des Weiblichen, Zürich 1953. 189 Das Zigeunermärchen findet sich in: Der Tod als Geliebter, Zigeunermärchen. Die Märchen der Weltliteratur, herausgegeben von F.von der Leven und P.Zaunert, Jena 1926, S. U 7 f . 194 Mit dem Animus als Lieferanten wertvoller männlicher Qualitäten befasst sich Jung in Ges. Werke. Bd. IX, S. 182f., und Zwei Essays, Kap. 4. 196 Zu dem österreichischen Märchen von der schwarzen Prinzessin siehe «Die schwarze Königstochter», Märchen aus dem Donaulande, Die Märchen der Weltliteratur, Jena 1926, S. 150 f. 196 Das Eskimomärchen vom Mondgeist stammtaus «Von einer Frau, die zur Spinne wurde», übersetzt von K. Rasmussen. Die Gabe des Adlers, S. 121 f. 196 Eine Erörterung der Jung-Alt-Personifikationen des Selbst erscheint in Jungs Ges. Werke, Bd. IX, S. 151 f. 200 Der Mythos von P'an Ku findet sich in Donald A. MacKenzies Mythen aus China und Japan. London, S. 260, und in H. Masperos Le Taoisme. Paris 1950, S. 109. Siehe auch J. J. M. de Groot, Universismus, Berlin 1918, S.J30-131; H.Koestler, Symbolik des chinesischen Universismus, Stuttgart 1958, S.40; und Jungs Mysterium Coniunctionis, Bd. 2, S. 160-161. 200 Zur Diskussion über Adam als Kosmischen Menschen siehe August Wünsche, SchöpJ'ung und Sündenfall des ersten Menschen, Leipzig 1906, S.8-9 und 13; Hans Leisegang, Die Gnosis, Leipzig, Krönersehe Taschenausgabe. Zur psychologischen Interpretation siehe Jungs Mysterium Coniunctionis, Bd. 2, Kap. 5. S. 140 199; und Ges. Werke, Bd. XII, S.346f. Möglicherweise bestehen auch historische Verbindungen zwischen dem chinesischen P'an Ku, dem persischen Gayomart und den Legenden von Adam; siehe Sven S. Hartmann. Gayomart, Uppsala 1953, S.46, 115.


202 Mit dem Begriff des Adam als «Über-Seele», die aus einer Dattelpalme kommt, beschäftigt sich E.S.Drower in dem Werk: The Secret Adam, A Study of Nasorean Gnosis, Oxford 1960, S.23, 26, 27, 37. 202 Das Zitat von Meister Eckhardt stammt aus F.Pfeiffers Meister Eckhart (ins Englische übersetzt von C. de B. Evans, London 1924, Bd. II, S. 80). 202 Zu Jungs Erörterungen des Kosmischen Menschen siehe Ges. Werke, Bd. IX, Teil 2, S.36f.; «Antwort auf Hiob», Ges. Werke, Bd. XI, und Mysterium Coniunctionis, Bd. 2, S. 215f. Siehe auch Esther Harding, Journey inio Seif, London 1956, passim. 203 Adam Kadmon wird besprochen in Gershom Sholems Major Trends in Jewish Mysticism, 1941; und in Jungs Mysteriuni Coniunctionis, Bd. 2, S. 182 f. 204 Das Symbol des Königspaars wird untersucht in Jungs Ges. Werken, Bd. XVI, S.313, und in Mysterium Coniunctionis, Bd. 1, S. 143, 179; Bd.2, S.86, 90, 140, 285. Siehe auch Piatos Symposium und den gnostischen Gottmcnschen. die Anthroposfigur. 205 Zum Stein als einem Symbol für das Selbst siehe Jung: Von den Wurzeln des Bewusstseins, Zürich 1954, S. 200f., 415f. und 449 f. 206 Der Punkt, an dem der Drang zur Individuation bewusst erkannt ist, wird besprochen in Jungs Ges. Werken, Bd. XII, passim; Von den Wurzeln des Bewusstseins, S. 200f.; Ges.Werke, Bd. IX, Teil 2, S. 139f„ 236, 247f., 268: Bd. XVI, S. 164f. Siehe auch Ges. Werke, Bd. VIII, S.253f.; und Toni Wolff Studien zu C.G.Jungs Psychologie, S.43. Siehe auch besonders Jungs Mysterium Coniunctionis, Bd. 2, S. 318f. 207 Für eine ausführliche Besprechung der «aktiven Imagination» vgl. Jungs «Die Transzendente Funktion», in Ges. Werke. Bd. VIII. 208 Der Zoologe Adolf Portmann beschreibt die «Innerlichkeit'» von Tieren in: Das Tier als soziales Wesen, Zürich 1953, S. 366. 209 Altgermanischcr Glaube, der Grabsteine betrifft, wird behandelt von Paul Herrmann: Das altgermanische Priesterwesen, Jena 1929, S. 52; und von Jung: Von den Wurzeln des Bewusstseins, S. 198 f. 210 Morienus* Beschreibung des Steins der Weisen wird zitiert in Jungs Ges. Werken, Bd. XII, S. 300, Anm. 45. 210 Dass Leiden notwendig ist, um den Stein zu finden, ist ein alchimistischer Spruch; vgl. Jungs Ges. Werke, Bd. XII, S. 280f. 211 Jung erörtert die Beziehung zwischen Psyche und Materie in: Zwei Essays über Analytische Psychologie, S. 142-146. 211 Für eine vollständige Erklärung der Synchronizität vgl. Jungs Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge, in Ges. Werke, Bd. VIII, S.419f. 212 Zu Jungs Ansichten über die Hinwendung zur östlichen Religion, um mit dem Unbewussten Verbindung aufzunehmen, siehe «Über Mandala-Symbolik», Ges. Werke, Bd. IX, Teil 1, S.335f., und Bd. XII, S. 212 f. (beim letztgenannten sieheauch S. 19,42,91 f., 101, 119 f., 159, 162). 212 Der Auszug aus dem chinesischen Text stammt aus Lit K'uan Yii, Charles Luk, Ch'an and Zen Teaching, London. S. 27. 216 Die Erzählung vom Bad Bädgerd stammt aus: Märchen aus Iran. Die Märchen der Weltliteratur, Jena 1959, S. 150f. 217 Jung untersucht das heutige Gefühl, eine «statistische Nummer» zu sein, in: Das unentdeckte Seihst, S. 14, 109. 219 Trauminterpretation auf der Subjektstufe wird besprochen in Jungs.Ges. Werken, Bd. XVI, S. 243, und Bd. VIII, S. 266. 220 Dass der Mensch instinktiv mit seiner Umwelt «übereinstimmt», wird erörtert von A.Portmann in: Das Tier als soziales Wesen, S.65f. und passim. Siehe auch N.Tinbergen, A Study of Instinct, Oxford 1955, S. 151 f. und 207f.

221 El.E.E.Hartley behandelt das Unbewusste der Masse in: Fundamentals of Social Psychology, New York 1952. Siehe auch Th. Janwitz und R. Schulze, Neue Richtungen in der Massenkommunikationsforschung, Rundfunk und Fernsehen, 1960, S. 7, 8 und passim. Ausserdem ibid., S. 1-20, und Unterschwellige Kommunikation, ibid., 1960, Heft 3/4, S.283 und 306. (Diese Information verdanke ich Herrn René Malamoud.) 224 Der Wert der Freiheit (etwas Nützliches zu schaffen) wird von Jung betont in: Das Unentdeckte Selbst, S. 9. 224 Zu religiösen Gestalten, die den Individuationsprozess symbolisieren, vgl. Jungs Ges. Werke, Bd. XI, S. 273 und passim, und ibid., Teil 2 und S. 164f. 224 Jung behandelt religiöse Symbolik in modernen Träumen in Ges. Werke, Bd. XII, S. 92. Siehe auch ibid., S. 28,169f., 207 u.a. 225 Die Hinzufiigung eines vierten Elementes zur Trinität wird untersucht von Jung in: Mysterium Coniunctionis, Bd.2, S. 112f., I17f„ 123f., und Ges. Werke, Bd. VIII, S.136f. und 160-162. 228 Die Vision von Black Elk stammt aus Black Elk Speaks, herausgegeben von John G.Neihardt, New York 1932. Deutsche Ausgabe: Schwarzer Hirsch, Ich rufe mein Volk, Ölten 1955. 228 Die Geschichte vom Adlerfest der Eskimos ist von Knud Rasmussen, Die Gabe des Adlers, S. 23 f., 29 f. 228 Jung behandelt die Neugestaltung originalen mythologischen Materials in Ges. Werke, Bd. XI, S.20f., und Bd. XII, Einleitung. 229 Der Physiker W. Pauli hat die Wirkungen moderner naturwissenschaftlicher Entdeckungen, wie jene Heisenbergs, beschrieben in : Die philosophische Bedeutung der Idee der Komplementarität, «Experientia», Bd. VI/2, S.72f.; und in: Wahrscheinlichkeit und Physik, «Dialectica», Bd. VIII/2, 1954, S. 117.

Aniela .Jaffe

Bildende Kunst als Symbol

233 ' Vgl. Nancy Wilson Ross, The World of Zen, New York, 1960, S. 149. 234 2 Aus: Carola Giedion-Welcker, Plastik des XX. Jahrhunderts, Stuttgart 1955, S. 107. 234 3 H. Kühn, Die Felsbilder Europas, Stuttgart 1952. 236 4 h . K ü h n , a.a.O. S. 15. 250 5 Paris 1953. Zit. nach W. Hess, Dokumente zum Verständnis der Modernen Malerei, Hamburg 1958 (Rowohlt), S. 122. Ich entnehme zahlreiche Zitate dieser ausserordentlich verdienstvollen Darstellung, die im folgenden als Dokumente bezeichnet wird. 250 6 Aus: Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen, Berlin 1920, Dokumente, S. 80. 250 Vgl. dazu den Aufsatz des deutschen Kunsthistorikers Werner Haftmann, «Glanz und Gelährdung der Abstrakten Malerei», in: Skizzenbuch zur Kultur der Gegenwart, München 1960, S. 111. Als Grundlage der kunsthistorischen Zusammenhänge benutzte ich vor allem das Werk von Haftmann, Die Malerei im 20. Jahrhundert, 2. Aufl., München 1957, und Herbert Read, Geschichte der Modernen Malerei, München 1959, sowie zahlreiche Einzelwerke. 251 8 Erschienen in: Der Blaue Reiter, München 1912. Zit. nach Dokumente, S. 87. 253 9 In: Notes sur la peintured'aujourd'hui, Paris 1953, a. ä. O. 253 10 Collagen sind Bilder, die aus einzelnen Elementen geklebt sind. 253 11 W. Haftmann, Die Malerei im 20. Jahrhundert, München 1957, S.254. 254 12 Zit. nach W. Haftmann, Paul Klee. Wege bildnerischen Denkens. 3. Aufl., München 1957, S.71. 254 13 Aus: Wege des Naturstudiums, Wcimar/München 1923. Dokumente, S. 85.

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254 14 Aus: Notes sur la peinture d'aujourd'hui, Paris 1953. Dokumente, S. 125. 254 15 «Was werde ich lieben, wenn nicht das Rätsel?» 254 16 Sulla Arte Metafisica, Rom 1919. Dokumente, S. 112. 255 17 Dokumente. S. 112. - Vgl. auch "W. Haftmann, a.a.O. S. 241 tf. 255 18 Dokumente, S. 36. 255 19 Es sei vor allem auf Heinrich Heine, Jean Paul, Arthur Rimbaud und Stéphane Mallarmé verwiesen. 25 5 20 Vgl. Psychologie und Religion, Zürich, Raschcr-Verlag. 257 -1 Zit. nach H. Read, Geschichte der Modernen Malerei, München/Zürich 1959, S. 128. 257 22 H.Read, a.a.O. S. 124. 25 7 23 Ebd., S. 124. 257 24 Aus: Les Manifestes du Surréalisme, 1924/42, Paris 1946.' Dokumente, S. 117. 257 25 Aus: Les Manifestes. Dokumente. S. 118. 25 7 26 Vgl. dazu C.G. Jungs Anfangskapitel. 258 27 New York 1948; Dokumente, S. 119. M. Ernst bezieht sich auf den Schriftsteller Lautréamont. 259 28 Carola Giedion-Welcker, 1947, Hans Arp, S.XVI. 259 29 Dokumente, S. 121. 260 30 Aus: Ahnanach de la Librairie Flinker, Paris 1961. 262 31 Aus: Rückblicke. Zit. aus Einleitung von M. Bill zu: Kandinsky, Über das Geistige in der Kunst, a.a.O. S. 11. 262 32 Aus: Selbstdarstellung, Berlin 1912. Dokumente, S. 86. 262 33 Aus: Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Berlin 1920. Dokumente, S. 79 f. 262 34 zit. nach W. Haftmann, a. a. O. S. 478. 262 35 Aus: Über die Moderne Kunst, Vortrag 1924. Dokumente, S. 84. 262 36 Aus: Neue Gestaltung, München 1925. Dokumente, S. 100. 262 37 über das Geistige in der Kunst, a. a. O. S. 83. 263 38 Aus: Über dieFormfrage, München 1912. Dokumente, S. 88. 263 39 Ebd. 263 40 Aus: Über das Geistige in der Kunst. Dokumente, S. 88. 263 41 Aus: Aufsätze von 1923-1943. Dokumente, S.91. 26 3 42 Zit. nach G.Schmidt, Vom Sinn der Parallele «Kunst und Naturform», in: Kunst und Naturform, Basel 1960. 263 43 Aus: Über die Moderne Kunst, Vortrag 1924. Dokumente, S.84. 263 44 Aus: Tagebüchern, Berlin 1953. Dokumente, S.86. 26 3 45 Zit. nach W. Haftmann, a.a.O. S. 89. 26 4 46 Essays über Kunst und Künstler, hrsg. von Max Bill, Stuttgart 1955. Dokumente, S.87. 26 5 47 A.a.O. S. 178. 265 4S Aus: Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Berlin 1920. Dokumente, S. 79. 265 4y Aus: Edouard Roditi, Dialoge über Kunst, Insel-Verlag 1960. 268 50 Man denke an Künstler wie Henri Cartier-Bresson, Werner Bischof, Lucien Clergue und andere. 268 51 Zit. nach W. Haftmann, a.a.O. S.474. 268 52 Aus: Notes sur la peinture d'aujourd'hui. Paris 1953. Dokumente, S. 126.

Jolande Jacobi

Symbole auf dem Weg zur Reifung

272 Der Palast der Träume. Eine Illustration aus dem 16. Jahrhundert zum XIX. Buch der Odyssee von Homer. In der mittleren Nische sehen wir die Göttin des Schlafes; sie hält einen Strauss von Mohnköpfen in ihrer Hand. Rechts von ihr ist das «Tor aus Horn» (darüber ein Rind mit Hörnern), hinter dem sich die guten, wahren Träume befinden. Links ist das «Tor aus Elfenbein» (mit

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einem Elefantenkopf darüber), hinter dem die falschen, die bösen Trijume hausen. Links oben auf der Balustrade steht Diana, die Göttin des Mondes, und rechts oben die Göttin der Nacht mit ihren Kindern, dem Schlaf und dem Tod. in den Armen. 277 Die Wichtigkeit des ersten Traumes in der Analyse hat Jung in seinem Buch Seelenproblcme der Gegenwart, 5.. Aufl.. Zürich 1950, S. 92, hervorgehoben. 290 Zum Abschnitt «Der Orakeltraum» vgl. Das Buch der Wandlungen oder /-Ging; aus dem Chinesischen übersetzt und erläutert von Richard Wilhelm, Jena 1924. (Neuste Auflage Düsseldorf Köln 1956.) 291 Das Zitat, das sich im Kommentar von Wilhelm zum Zeichen Meng befindet, steht im Bd. I des /-Ging, S. 16. 292 Zur Symbolik der drei oberen Linien des Zeichens Nr.4: Meng - eine Art «Tor» - siehe /-Ging, Bd. II, S.213. Später,- im Zeichen Nr. 52: Gen. der Berg, heisst es zudem, das «Stillehalten» sei auch ein «Nebenweg», wobei auch von «kleinen Steinen, Türen und Öffnungen... Eunuchen und Wächtern... Zehen und Beinen» die Rede ist, was genau auf das Traumbild von Henry passt. Kür das Zeichen Meng siehe auch /-Ging. Bd. 1. S. 14. 292 Bezüglich einer zweiten Befragung des I-Ging schreibt Jung in seinem Vorwort zu dessen englischer Ausgabe: «Eine Wiederholung des Experimentes wäre schon aus dem einfachen Grunde unmöglich, weil die Ausgangssituation nicht mehr hergestellt werden könnte. Es gibt darum jeweils nur eine erste und einmalige Antwort.» 292 Weiteres über das Zeichen Nr. 30, Li. das Haftende, das Feuer, siehe I-Ging. Bd. I, S.87, und Bd. II. S. 126. 292 Das Motiv der Stadt auf dem Berg hat Prof. K.Kerényi in seinem Aufsatz «Das Geheimnis der hohen Städte» ausführlich besprochen und gedeutet: Europäische Revue. 1942. Heft 8/9, und in: Einführung in das Wesen der Mythologie. Zürich 1951, Abschn. I, s. i9 fr. 293 Über das Motiv der «Vier» hat sich Jung ausführlich geäussert in Bd. IX. XI, XII und XIV seiner Ges. Werke. Das Problem der Vierheit zieht sich wie ein roter Faden durch alle seine Bücher. 296 Über die Symbolik, die den Spielkarten zugeschrieben wurde, siehe mehr im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. IV, S. 1015. und Bd.V. S. 1110. 297 Zur Symbolik der Zahl « Neun» siehe, unter anderen Werken vor allem E.V. Hopper, Medieval Number Symbolist», London 1938. S.138. 299 Über das «Grundmuster» dieses Traumes der Nachtmeerfahrt-siehe mehr in J.Jacobis Buch Der Weg zur Individual ion. Zürich 1965, S.84ff 299 Über den Glauben der Primitiven an die magische Kraft, die allen Ausscheidungen des menschlichen Körpers innewohnt, siehe mehr in E. Neumanns Buch Ursprungsgeschichte des Bewusstseins. Zürich 1949.

M.-L. von Franz

Das Unbewusste und die Wissenschaften

304 Über die Archetypen als nuclei der Psyche vgl. W.Pauli. Aufsätze und Vorträge über Physik und Erkenntnistheorie. Verlag Vieweg, Braunschweig 1961. 304 Über die sowohl inspirierende als auch erkenntnishemmende Wirkung der Archclypen vgl. C. G. Jung und W. Pauli. Naturerklärung und Psyche, Zürich 1952, S. 163 und passim. 306 .Paulis Vorschlag für die biologische Erkenntnis steht in Aufsätze und Vorträge, op.cit., S. 123. 306 Weiteres über die Zeit in der Evolution vgl. Pauli. a.a.O. S. 123-125.


306 Für die Geschichte von Darwin und Wallace vgl. H. Henshaw Ward, Charles Darwin, 1927. 307 Weiteres über Descartes findet sich in: M.-L. von Franz, Der Traum des Descartes. Studien des C. G.Jung-Instituts im Band : Zeitlose Dokumente der Seele. 307 Keplers Auffassung ist dargelegt in : Jung und Pauli, Naturerklärung und Psyche, a. a. O. S. 117. 307 Über Heisenberg vgl. Hannah Arendt, The Human Condition. Chicago 1958, S.26. 307 Für Paulis Ideen vom psychophysischen Parallelismus vgl. Naturerklärung. a.a.O. S. 163. 307 Zur Komplementarität vgl. Niels Bohr, Atomphysik und menschliche Erkenntnis, Braunschweig. S.26 ff. 308 Diese Idee Paulis ist dargclegtin: C.G. Jung, Von den Wurzeln des Bewusstseins. Zürich 1964, S.604. 308 Über diese «Erwartungskataloge» vgl. Pauli, Vorträge, .a.a.O. S. 125. 308 Für den Begriffsparallelismus von Physik und Psychologie vgl. Pauli, Vorträge,a.a.O. S. 115-116. ebenda über die Beziehung des Unbewussten zum Feldbegriff. 308 Gauss' Äusserung findet sich in einem Brief an Olbers, Bd. X, S.25, zitiert nach B.L. van der Waerdcn, Einfall und Überlegung. Drei kleine Beiträge zur Psychologie des mathematischen Denkens. Basel 1954. 309 Poincares Ausspruch steht bei B.L. van der Waerden, ebenda, S. 2. 309 Für Paulis Überzeugung, dass die Idee des Unbewussten die Naturwissenschaften umgestalten werde, vgl. Vorträge, a.a.O. S. 125. 309 Über die Idee einer psychophysischen Einheitswirklichkeit vgl. Pauli, ebenda,-S. 118. 309 Über Jungs Idee der Synchronizität vgl. Jung-Pauli. Naturerklärung und Psyche, passim. 309 Jungs Begriff des Unus mundus stammt aus der scholastischen Naturphilosophie z. B. John Scotus Erigenä. Der Unus mundus galt dort als der Gesamtplan der Welt im Geiste Gottes. 309 Hannah Arendts Ausspruch stammt aus : The Human Condition. a.a.O. S.266. 310 Weiteres über archetypischc mathematische Urintuitionen vgl. Pauli, Vorträge, a.a.O. S. 122 und Ferd. Conseth, Les mathématiques et la réalité, 1948. 309 Pauli glaubt mit Jung, dass oft unsere Vorstellungen schon «angeordnet» sind, bevor sie ins Bewusstsein treten. 309 B. L. van der Waerdens Ausspruch stammt aus Einfall und Überlegung, a.a.O. S. 9.

315


Register

Kursiv gedruckte Seitenzahlen beziehen sich auf Bildtexte Aberglaube, 82, 94-96, 290 Adam, 71, 82, 200 Aeschbacher, Hans, 234 afrikanische'Mythen und Riten, 24, 43, 45, 82, 235, 236, 237 aktive Imagination. 207 Alchemie, 30, 54,68,156,204,210,246,246, 254, 262,263,282 Anima, 30, 31, 98, 124ff., 152, 177ff., 206, 215, 282, 289, 302; Erotik und, 179-180, 181; vier Stufen der, 185-186, 185; als Führerin, 182-188,186,187; und Mutter, 125ff., 178-179; negative, 178-179, 178, 179,180,181; Personifikationen der, 178, 180, 183, 185-188; positive, 183ff.; Projektion der, 180,183,188; Verehrung der, 185-188 Animus, 98, 136ff., 177, 189-195, 215; und Vater, 189; vier Stufen des, 194-195,194; als Gruppe, 191, 192, 193; negativer,'189. 191; positiver, 193 ff. Antonius, heiliger, 49, 180 Anzeige, 36, 51 Archetypen, 47, 66, 67ff., 68, 79, 90, 96, 99, 304; Definition der, 67-68; siehe auch Symbole Arendt, Hannah, 309 Ariadne, 125, 141 Arp, Jean (oder Hans), 252, 259 Artemidorus, 78 Arthur König, 110, 111, 196, 198, 215, 215 Asklepios (Äskulap), 76, 154 Athena, 112,135 Atombombe, 101, 221 Atome, 22, 307 Atomphysik, 261, 307 ff. Baumsymbol, 43, 45, 76, 80, 81, 90, 153, 161-164, 187 Bazaine, Jean, 250, 254, 268 Beatrice, 183, ¡86 Beschneidungsriten, 131, 132, 236 Besessenheit, 47 Bewusstsein, Entwicklung des, 23-25, 76, 98; vier Funktionen des, 60, 61; Grenzen des, 21, 229; Trennung vom Instinkt, 83; unbewusste Aspekte des, 39-43; und Un-

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bewusstes, 32-38, 39-53, 64, 83-85;siehe auch Ego Bibel, die, 72, 74 Birkhäuser, Peter, 187, 199 Bischof, Werner, 268 Blake, William, 54, 72, 186, 219 Blaubart, 190, 191 Böcklin, Arnold, 277, 278, 278, 281, 282 Bohr, Niels, 307, 308 Braque, Georges, 253 Brasilia, 213 Breton, André, 257, 258 Breuer, Josef, 25 Bronte, Emily, 190 Brueghel, Pieter, 86, 168 Buddha und Buddhismus, 87, 101, 115, 152,175, 224, 233,240, 242; Zen, 75, 207, 233, 233, 241 Caravaggio, Michelangelo da, 47 Carrà, Carlo, 254, 256 Chagall, Marc, 41, 127, 256, 257 Cheiron, 111, 112 Chirico, Giorgio de, 171, 254-257 passim Christentum, 27,64,72-74,75,87,101-102, 142 ff., 185, 187, 238, 241, 245, 270 Christophorus, 218, 219 Christus, 20, 71, 72, 80, 81, 82, 83, 89, 108, 142, 145-147, 224, 238, 239, 241; Symbole, 76, 238-239, 270 Churchill, Sir Winston, 173 Cleopatra, 184 Cocteau, Jean, 177, 178 Cranach, Lukas, 29, 86 Dali, Salvador, 258 Dal vit, Oscar, 270 Danae, 280 Dante Alighieri, 183, 186 Darwin, Charles, 33, 57, 306 David, 222 Delacroix, Eugène, 120, 222 Delaunay, Robert, 247, 248 Demeter, 197 Demokrit, 307 Denkfunktion, 60, 60-61 Descartes, 38, 307 Diamant, als Symbol, 217 Dionysos, 141 ff. Dissoziation, 24, 24, 52, 83-85, 212-213, 221, 222, 249 Drachen, 41, 74, 120-121, 123. 126, 156 Drogen, 259, 260 Duchamp, Marcel, 253 Eckhart, Meister, 202 Eden, Garten, 86 Ego: und Anima, 185; und Animus, 193; und Heldenmythos, 112, 118-121, 123, 126-129, 132; und Individuation, 165167; und Schatten, 118-121, 168ff.; und Selbst, 128ff., 149, 161, 161-164, 196ff., 208, 213f., 240 Eingeborene, australische, 95,131, 204, 205

Eleusinische Mysterien, 79, 148, 280 Elias, 286 Elizabeth I., Königin, 200 Elizabeth II., Königin, 71 Empfindungsfunktion, 60-61, 60, 240 Ensor, James, 296 Epona, 98 Epstein, Jacob, 47 Erdaltar, 163, 163 Ernst, Max, 220, 233, 233, 253, 258, 258, 260 Eros (Amor) und Psyche, 193 Erster Mensch, 200-202, 202 Eschenbach, Wolfram von, 187 Escorial (Spanien), 275 l'Etoile, Place de, 242 Eva, 185, 188 Existenzialismus, 162 Extraversion und Introversion, 58, 59-60, 171, 173 Ezechiel, Vision des, 20, 45, 74 Faust (Goethe), 81, 121 Feiffer, Jules, 58 Feuer, als Symbol, 78 Fierz-David, Linda, 145 Flaubert, Gustave, 182 Flussüberschreitung, Motiv der, 198, 199 Frauen: als Animafiguren, 177ff.; und der Animus, 189ff.; und das Irrationale, 177, 177, 195; siehe auch weise alte Frau, Grosse Mutter freie Assoziation, 26-29, 27, 28 Freud, Sigmund, 25, 26, 47, 56, 63, 67, 99, 102,227; und Traumanalyse, 56-57; freie Assoziation, Theorie der, 26-31 ; und Jung, 57 Friedrich, Caspar David, 214 Friedrich der Grosse, 55, 55 Fruchtbarkeitsriten, 108-109,107, 142,148, 154, 236, 237, 285-286 Füssli, Heinrich, 63, 192 Gandhi, Mahatma, 58, 194 Ganzheit, Kreissymbole der, 240-249; andere Symbole, 196-211 passim Gauguin, Paul, 184 Gauss, Karl, 308 Gayomart, 200, 216 Gefühl, 61, 91, 99 Gefühlsfunktion, 61, 99, 185, 278, 285, 286 Geist in Materie, 205, 209, 253 ff. Goethe, Johann Wolfgang von, 81,121,124, 185,186,277 Gossaert, Jan, 280 Gott, 72, 82, 175, 186; «Gott ist tot», 255, 266; Träume und, 102 Göya, Francesco, 41, 65, 74 Grandville, Jean Gérard, 298 Greatrakes, Valentine, 287 Grössenwahn, 62-64, 89 Grosse Mutter, 81, 95, 98, 125ff„ 141, 153, 205, 224, 225 Grosz, George, 283


Grünewald, Matthias, 49

passim; und Freud, 26-28, 56-58

Hades und Persephone, 189 Haffenrichter, Hans, 211 Haggard, H. Rider, 186, 186 Handauflegen, 286, 287 Hase, Mythos vom, 112fT. Heiliger Geist, 142-143 Heisenberg, Werner, 307 Heldenmythos, 72, 73, 79, 110 ff., 128, 131 ff., 265 Helena, die schöne, 184 Hemingway, Ernest, 194 Herkules (Herakles), 110, 168 Hermaphrodit, 30, 203, 278 Hermes, 154, 155 hermetische Philosophie, 74, 154 Hexen, 178, 181, 188 Hinduismus, 43, 90, 91, 136, 151.175, 203, 206, 237, 239 Hiob, 72 Hitler, Adolf, 79, I I I , 173 Hobbes, Thomas, 201 Hochzeit, 134, 137; heilige, 134-136 Horus, 20, 21, 79 Hybris, 110, 113, 114, 121 Hypnerotomachia (Traum des Poliphilo), 41, 186, 278 Hysterie, 33, 34, 35; kollektive Infektion, 168

Kandinsky, Wassily, 247, 248, 250, 251, 255, 261,262, 263, 264, 268 Kant, Immanuel, 57 Kekulé, Friedrich, 38, 38 Kepler, Johannes, 307 Kindheitsträume, 165, 165; Ego, 165-166; -erinnerung, 99, 165 Kirke (Circe), 283 Klee, Paul, 167, 247, 249, 254, 262, 262, 263-264, 270 Komplementarität, 307, 308 Komplexe, 28, 29, 79 Koran, der, 173 Kosmischer Mensch, 200-202, 201, 202 Kreis, Symbol des, 240-249,259 ; siehe auch Mandala Kreuz, Symbol des, 20, 80, 90, 91, 96, 243245 Krieg, Motiv des, 107, 108 Krishna, 224 Kristall, als Symbol, 209, 211 Kryptomnesie, 37-38 Kühn, Herbert, 234-236 passim, 246, 250 Ku-Klux-Klan, 168 Kunst, «abstrakte», 251, 251 ff., 261 ff.; Höhlenmalerei, 149, 234-236; «imaginative», 246, 250ff., 261 ff.; religiöse, 232, 237-239, 243, 243-245, 270, 271 Kwanyin (Kuan-Yin), 97, 187

I Ching (Buch der Wandlungen), 291-292. 291 Ikarus, 122 «imaginative» Kunst, 246, 250ff. Indien, 43, 240; siehe auch Hinduismus, Buddhismus Individuation, 160ff.; Anfänge der, 164167; Definition der, 160-161; Schwierigkeiten bei der, 166, 175-176; Mäandermuster der, 160, 160; Prozess der, 160ff.; und Religion, 224-229; und Gesellschaft, 218-224' Initiationsriten, 74, 129ff., 132, 134, 143, 146, 148, 153, 157 Inspiration, 38, 306, 307; Drogen und, 260 Instinkt, 52, 68, 69, 75-76, 83, 94, 239 Introversion, siehe Extraversion Intuitionsfunktion, 60, 61, 92 Inzestfurcht. 139 Ischtar. 277 Isis, 186 Jacobs Traum, 210, 233 Jacoby, Erhard, 39, 229 James, William, 308 Jerusalem, 209 Johanna von Orleans, 189 Jonas, 118, 121 Jung, G.G., 11 ff., 26, 53, 56, 106, 107, 118,128,129,142,149,156.160,161,162, 173, 177, 185, 198, 203, 207, 208, 211, 213,^29,236, 241,243,249, 255,260,267. 277, 280. 286, 291, 293, 302, 304-310

Landschaften in Träumen, 213, 214 Landsccr, Edwin, 280 Leda und der Schwan, 239 Leonardo da Vinci, 27, 245 Leukippus, 307 Leviathan, 201 Levy-Brühl, Lucien, 23 Lippold, Richard, 230 Lloyd George, David, 194 Lull, Ramön, 76 Lurçat, Jean, 270, 271 Luther. Martin, 175 Luzifcr, 72. 267 Märchen, 166, 167, 193, 196, 197, 206, 208, 279, 289; Bad Bädgerd, 216; Aschenputtel, 175,197; «Das schöne Mädchen und das Tier», 137-140, 193 Magritte, René, 255 Malewitsch, Kasimir, 251, 251-253 Mandala, 21, 158, 165, 166. 199, 213-217, 213,214,215,216,225,227,289,299,302; in der Architektur, 242-245 ; in der Kunst, 240ff., 240, 242, 243, 246, 248 Manessier, Alfred, 268, 270, 271 Marc, Franz, 261, 262, 263 Maria, die Jungfrau, 118,185,185, 187,188 Maria Magdalena, heilige, 217 Marini, Marino, 265-266. 267 Markus, St., 21, 89 Masken, 24. 45, 104, 127, 236, 238 Masson, André, 217

Mathieu, Georges, 265 Matisse. Henri, 247 Medien, 151, 177 Medusa, 205 Menhire, 233 Menstruation, 132 Mephistophelcs", 121 Merkur, 154 Messe, katholische, 142-143 Mikrophysik, 306-309 Minderwertigkeit, 62-64 «Misoneismus», 23, 31. 33 Mithras, 147, 237 Mohammed, 156, 188, 210 Mona Lisa, 185, 186 Mond, 97, 276, 277 Mondrian, Piet, 248, 249, 262, 262 Morien us, 210 Moses, 45, 173 mungu, 81 Mysterien, 131, 141, 142; siehe auch Eleusinische Mythen und Mythologie: babylonische, 111, 237; keltische, 98, 204; chinesische, 97, 187, 200, 201; ägyptische, 20, 21. 53. 55, 79, 89, 132, 154, 155, 237, 296; Eskimo-, 196,215,228; griechische, 51, 76,78, 79, 90, 106, 107, 110, I I I , 113, 114, 124-125,125,140,141, 142,143,144,147, 154,155,177,184,185,189,193,197,205, 237,239. 280,282,283; Haidu-Indianer-, 72; Helden-, 72,73,110 ff. ; und Individuation, 166; Maya-, 42; Naskapi-Indianer-, 161,208, 213; Navaho-, 71, 74. 114. 114, 214; nordische, 113, 12-3, 238; persische, 108, I I I , 147, 200,216-217,237; PuebloIndianer-, 89; römische, 110, 115, 141, 144, 154, 242; skandinavische, 111 ; slawische, 178; teutonische, 178 Nash, Paul, 248, 248 Navaho-Indianer, 71. 74, 114, 114. 214 Neumann, Erich, 304 Nicholson, Ben, 246 No-Theater, 236, 238 Nietzsche, Friedrich, 37, 255 Numinosität, 79, 93, 94-99, 101, 234 Nut, 118. 132 Ödipus, 181 Opfer, des Helden, 120, 120-123, 130ff.; Tier-, 47, 147, 147-148, 237 Orakel und Omen, 51, 211, 290-293 Orpheus, 141 ff. Osiris, 79 Ostern, Symbolik, 108, 142 Palmanov^ (Italien), 242 Pauli, Wolfgang, 306-309 passim Paulus, heiliger, 47,- 89 Penn, William, 86 Perseus, 112, 125, 125 persona, 287, 287 Pferd, als Symbol, 98, 169, 174; geflügeltes, 156

317


Phallus, 91, 143, 154 Phönix, 296, 298 Picasso, Pabio, 147, 252. 253, 260 Plutarch, 242 Poincarc, Henri, 38, 308, 309 Pollock, Jackson, 263, 265 Pompeji, 267 Priestley, J. B„ 277, 278, 279, 304 Primitive, 23, 45. 52, 53, 67, 74, 76, 81, 89, 89, 93, 94, 98, 99, 106-109, 110, 127, 129, 129, 140, 149. 151, 153, 177, 206', 208, 233-237,233,235.236,239,243,246,285. 300; «Buschseele», 23, 24. 24, 45; Initiation, 130 ff., 131, 134; Besessenheit, 34, 35, 47 Propaganda, 79, 86, 221 Psyche: Tier-, 75-76; «Kompass» der, 60; Entwicklung der, 66, 67, 75-76, 99; Kern der, 161-167 passim, 196ff. passim; Struktur der, 161, 161. 166; Totalität der, 161-167 passim, 196ff. passim psychische Assoziationen, 27 31, 39- 54 psychische Manifestationen, 55, 306 Psychoanalyse: und Freud, 25-28, 56-58; individuelle Behandlung, 57-58, 65- 66, 92 ; Typen in der, 58 ff. psychologische Typen, 58 ff. Pythagoräer, 40, 42 Quaternität, siehe Vier Rabe, 72 Radin. Paul. 112 Read, Sir Herbert, 257, 265, 304 Religion: und Kunst, 235, 240ff., 270; Versagen der, 94,101 ; und Individuation, 224-229; im modernen Leben, 85-89, 101 102: Symbolik in der, 21, 21, 55, 55, 75-76, 80, 81,82, 89, 90-92, 96, 108, 142-143, 145 ff., 225-226, 237-239, 239; siehe auch Buddha, Christentum, Hinduismus, Mohammed Rembrandt, 103 Renaissance, 244-245 Renoir, Auguste, 245 Roditi, Edouard, 265-267 Rom, Gründung, 242 Roosevelt. Eleanor, 200 Rorschach, Hermann. 27 Rosati, James, 233 Rose, weisse, 137, 141; Fenster-, 159 Russland, 28, 49, 86, 250 Salome, 179 Sapientia, 185, 186 Satan, 72, 225-226, 227 Schamanen, 149, 151, 177 S c h a t t e n d , 118, 168ff., 293 Scheibe, Symbol der, 215 Schizophrenie, 65, 260 Schlangen, 35. 38, 69, 74, 76, 152. 154, 155, 239 Schopenhauer, Arthur, 57, 255 Schwein, als Symbol, 148, 153, 282, 283

101

Schweitzer, Albert, 200 Schweiz, 204, 219, 236, 276, 285, 298 f. Schwittcrs, Kurt, 252, 253-254 Selbst, 128-130, 161 ff.; Definition des, 161, 161-162; und Ego, 120ff., 162, 215-217; undIndividuatiön, 163-164; Personifikationen des, 196ff.; Verwirklichung des, 212fr.; und Schatten, 173-176; soziale Aspekte des, 218ff.; Symbole des, 187, 207ff., 212ff., 240ff., 302 Sexualsymbolik, 29. 28-29, 30, 91 Shakespeare, William, 107, 192 Shelley, Percy Bysshe, 194 Skarabäus, 295, 296, 296 Sonnensymbole, 22, 241, 246, 296, 303 Soulages, Pierre, 271 Spirale, Motiv der, 225-226, 227 Stalin, J. V., 235 Stein, als Symbol, 43. 204, 205, 206, 208. 208-211, 210, 211, 217. 232-235; der Weisen, 206, 210 Stevenson, Robert Louis, 24, 38 Stier, als Symbol, 139. 147-148, 147 Surrealismus, 257-258, 258 Symbole und Symbolik. 23, 29, 43, 52. 54. 55, 64, 66, 90, 90-99, 102, 103, 106-109, 118, 123, 127, 129, 132, 138, 142, 147, 149-157, 160-229 passim; Definition, 21-23, 54; in der Kunst, 232ff.; religiöse, 21, 21, 22, 55, 72-73, 75, 76, 79, 80, 81. 82,89,89-91,90,96,108,142-143,145 ff, 185-187, 200-203. 224-229, 237-239; sexuelle, 29, 29, 30, 91; Ganzheits-, 196, 211 Synchronizität, 55, 211, 291, 306, 310 Tanz, 34, 35, 98, 236, 236 Tarzan, 194 Theseus, 110, 125, 125 Thurber, James, 64, 78 Tibet, Gebetsmühle, 28; Mandalas, 240 Tiére: in der Kunst, 234-239; in Märchen, 137-139, 206; in religiöser Symbolik, 21, 237-239,239; als Symbol des Selbst, 207; und Transzendenz, 14911'.; siehe auch Totem Tintoretto, 245 Tod, 74, 75, 148, 189-191 Totems, 129, 129, 236 Tour, Georges de la\ 217 Träume, 2 0 f f , 38, 41. 63. 64. 72, 74, 76, 78; Analogien in, 64, 78; Analyse, 32, 43, 55-58, 96, 99; Traumbücher, 53; kompensatorische, 31, 50-53, 62-63, 67, 74, 95; Beschreibungen und Umschreibungen, 43, 49, 50, 53-54, 56, 57, 66, 69IT., 116,132,135-140,145, 152 153,163,165, 168-170, 183-185, 193, 277ff. passim; Orientierung durch, 208; Individuationsprozess und, 161-162; Natur der, 39; primitive Vorstellungen von, 52.161-162; wiederkehrende, 32-34, 62, 160; Ablehnung der, 29, 31, 39, 50, 52; Sexualität in, 28-29, 91; Schlaf und, 63; das Un-

bewusste und, 27ff., 63-64, 78, 98; Warnungen durch, 50-51. 74-75, 78 Trakl, Georg, 260 Transzendenz, 149ff. Trémois, Pierre-Yves, 271 Trickster, 112ff., 113, 140, 149, 151, 154 Trinität, 224, 307 Trois-Frères-Hôhlcn, 235-236, 236 Tuc-d'Audubert-Höhle, 236 Turner, William, 289 Unbewusste, das, 20ff. ; kollektive, 55, 67, 107; und Bewusstsein, 32-38, 63-64; und Ego, 118, 217; Angst vor dem, 93, 98; Ablehnung des, 102; Ideen aus dem, 37 -38, 76-78, 76; Neurose und, 34; und Religion, 55, 225-229; siehe auch Psyche unbekannte Flugobjekte (UFOs), 249, 249 Unsterblichkeit, 87, 148 utopische Vorstellungen, 85, 86 Valentino, Rudolph, 194 Vier, Motiv der, 21, 69, 71, 73, 112, 199, 200, 213, 225, 226, 240-242, 249, 289, 293, 299; und die Anima, 185, 187; und der Animus, 194, 194; und das Selbst, 213; Viereck, Symbol des, 242, 246, 247, 248-249, 248 Villa dei Misteri, 143, 143 Visionen, 20, 45 Vogel, als Symbol, 151-157 Voltaire, François-Marie, 220, 227 Waerden, B. L. van der, 309 Wagner, Richard, 193 Wahrsagcrei, 28 Washington. George, 198 Weihnachten, 80, 81, 108 weise alte Frau, 196, 197, 277, 279 weiser alter Mann, 98, 196, 198 Weltkrieg, 1., 72/ Weltkrieg, 2., 95, 108, I I I , 198 Wiedergeburt, 72, 74. 75, 108-109, 123, 130, 132, 145 ff., 296, 298 Worringer, Wilhelm, 264 Wort-Assoziations-Test, 28 Yang und Yin, 290 Yantra, 240, 240 Zahlen, mythologische Aspekte der, 40, 42, 297, 307, 309-310; siehe auch Vier Zauberer, 45, 82; siehe auch Schamanen Zeichen, 20, 55, 55 Zivilisation, 45-47, 52, 93-96, 101 Zodiakus, 237 Zwillings-Mythos, 112ff„ 7/5. 125, 130, 132


Bildernachweis

Der Bildernachweis wurde unverändert aus der Originalausgabe des englischen Verlages übernommen, der für die gesamten Bildrechte zuständig ist.

B C L M R T

(Bottom) (Center) (Left) (Middle) (Right) (Top)

= = = = = =

unten Zentrum (zwischen links und rechts) links Mitle (zwischen oben und unten) rechts oben

Kombinationen: BR (Bottom Right) = unten rechts TL (Top Left) = oben links Academia de San Fernando, Madrid, 65(BR); © A.D.A.G.P., Paris, 216(BL), 271(ML)(BR); courtesy Administrationskanzlei des Naturhistorischen Museums, Wien, 285(BC); Aerofilms and Aero Pictorial,218(BL), 243(TL); Signor Agnelli,251(BR); Albertina, Vienna, 169(BL) ; Alte Pinakothek, Munich, 87(BR), 115(BR), 280; American Museum of Natural History, 68(BL); courtesy the Archbishop of Canterbury and the Trustees of Lambeth PalaceLibrary, 156(BL);ArchivesPhotographiqucs,Paris204(TR); The Art Institute of Chicago, Potter Palmer Collection, 245(BR); Arts Council of Great Britain, 147; Ruth Berenson & Norbert Mühlen, George Grosz 1961, Arts Inc., New York, 283; Associated Press, 79(BL). Courtesy Miss Ruth Bailey, 52. 57, 198(TC); Collection Frau Dr. Lydia Bau, 220(MR); Bayreuther Festspiele. 192(MR); Berlin Staatl. Museen, Antikenabteilung, 5KBL); Bibliothèque de la Bourgeoisie, Berne, 188(BC); Bibliothèque Nationale, Paris,99,110(MR), 140.145(BC), 189(BR),215(BR).222(TL), 298(TL); Peter Birkhäuser, 187(TR), 199; Black Star. 35(BL), 59(BR), 117(BL), 201(TL), 235(TR); The Blue Angel (director: Joseph von Sternberg), Germany, 1930,179(M); Bodleian Library, Oxford, 176(B); The Bollingen Foundation, New York, 38(BC), 72(L), 107(BC); British Crown Copyright, 71(R), 120(TR); courtesy the Trustees of the British Museum, 21, 38(BL), 42(T), 53(BR), 54(M), 55(BL), (Natural History) 66, 105, 107(BL), 110(BL), l l l ( M L X M C ) , 115(T), 124(BL), 125(BR)(BL). 133, 144(TR), 145(BR), 150(BR), 155(T), 156(BR), 160, 165(BR), 171(TR), 186(BL), 1S8(BL), 190(BL), 192(BR), 195(TL), 197(TL), 198(TL). 209(BL). 216(BR), 259(MR). 273,281,298(BL) ; Shirley Burroughs, 80(T). Cabinet des Médailles, Paris, 14I(BL)(BR); Cairo Museum, 22(T); Camera Press, 47(TL), 97(B), 111(BR), 194(BL); Jonathan Cape Limited, London, from Angkor Wat, Malcolm MacDonald, 91(BR); Central Press, 50(TR); W. & R. Chambers Limited, from Twentieth Century Dictionary, 45: Church of England Information Office, 30(R) ; Cl BA Archives, Basle, 239(MR) ; courtcsy Jean Cocteau, 138, 139, 178(BL); Compagnie Aérienne Française,

242(TL); Contemporary Films Ltd., Ugetsu Monogatari (director: Kenji Mizoguchi), Japan, 1953, 182(T) and Zéro de Conduite (director: Jean Vigo), Franfilmdis Production, France, 1933. 116; Conzctt & Huber, Zürich, 26, I66(BL), 188(MC), 258(TL), 265, 293; Cornell University Press, Ithaca, New York, 68(BR); Crin Blanc (director: Albert Lamorisse), France, 1953, 174(T)(BL). Daiei Motion Picture Company Ltd.. 182(T); courtesy Madame Delaunay, 248(TR); Maya Deren, The Living Gods of Haiti, 35(TL)(TC)(TR); by courtcsy of Walt Disney Productions, 110(BR); La Dolce Vita (director: Federico Fellini), Italy/France, 1959, 166(BR); courtesy Madame Trix Diirst-Haass, 263(TR); Collection Dutuit, 241(TL). Edinburgh University Library, 119(BR), 210(ML); Editions Albert Guillot, Paris, 209(BR); Editions d'Art, Paris, 271(TR); Editions Hoe-Qui, Paris, 44; Editions Houvet, 20; Education and Tealvision Films Ltd., 112(BL); Esquire Magazine © 1963 by Esquire, Inc., 51(TR). Faber & Fabcr Ltd., London, Dance and Drama in Bali, by Beryl dc Zoete and Walter Spies, 126; Jules Feiffer, permission of the artist's agent, 58; Find Your Man, Warner Bros., 1924,206(BL) ; W. Foulsham & Co. Ltd., London, 53(BL); courtesy M.-L. von Franz, 215(ML)(BL), 227 ; French Government Tourist Office, London, 127(BR), 232(T), 243(TR) artist Henrard ; Frobenius-Institut an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M., 202. Gala Film Distributors Ltd., 192(T): Galerie de France, 271(ML); Galeric Stangl, Munich, 260(BR), 261(B); Germanisches National-Museum, Nuremberg, 181(TL); German Tourist Information Bureau, London, 237(BR); Giraudon, 85(MR), 99, 103(L), 112(BR), 154, 181(TR), 184(BL)(BR), 185(BR), 215(BR), 217, 223(BL), 225, 234(TL), 252(TL); Godzilla (directors: Jerry Moore & Ishiro Honda), Japan/U.S.A., 1955, 93(BR); Goethehaus, Frankfurt a. M„ 63; courtesy Samuel Goldwyn Pictures Ltd., 65(BL); Göteborgs Konstmuseum, 266(TR) ; Granada TV, 173 ; Graphis Press, Zürich, 9S(TL), 247(T); Solomon R. Guggenheim Museum, New York, 248(BL). George G. Harrap, London, Fairy Tales, Hans Christian Andersen, 1932, 197(BL); by permission of the President and Fellows of Harvard College, 109(M); William Heincmann Ltd., London, The Twilight of the Gods by Ernest Gann, 178(BR); reproduced by gracious permission of Her Majesty The Queen, 245(BL); from Conze, Heroen und Göttergestalten, 155(BL); Hiroshima mon Amour (director: Alain Resnais), France/Japan, 1958-9, 221 (TL); Horniman Museum, 126. Ides et Calendes. Neuchâtel, Faces of Bronze, photo Pierre Allard & Phillipe Luzuy, 88, 237(BL); Imperial War Museum, London, 121(BL); Inter Nationes, 54(B); Irish Tourist Board, 210(BR). Erhard Jacoby, 39, 229; Japan Council against Atomic and Hydrogen Bombs, 100(B); Dr. Emilio Jesi, Milan, 256(BR); The Jewish Institute of History, Warsaw, 94(BL); courtesy the family of C.G.Jung, 56. Karsh of Ottawa, frontispiece; Keystone, 108(BR), 157, 172(B), •210(MR), 235(TL); Christopher Kitson, 90; Kunsthaus. Zürich, I88(MC); Kunsthistorisches Museum, Vienna, 29, I88(TL), 244; Kunstmuseum, Basle, 219(BC), 248(BR), 258(TL), 279(TL); Kunstmuseum, Berne, 263(TL); Kunstmuseum, Winterthur, 192(BL). Larousse, Editeurs, Paris, from La Mythologie by Félix Guirand, 119(T), 179(BL). drawing by I. Bilibin; Lascaux chapelle de la préhistoire, F. Windeis, 148; Leyden University Library, 31(T); Libreria dello Stato, Roma, La Villa dei Misteri. Prof. Maiuri, 142-3(T); Longmans, Green & Co. Ltd., London, 1922, Mazes and Labyrinths, W. H. Matthews, 171(ML)(MC)(MR). Macmillan & Co. Ltd., London, Alice's Adventures in Wonderland (Sir John Tenniel drawing), 54(T); Magnum, 22(BL), 34, 146(BR), 172(T), 194(TMR), 198(B), 208(BL), 238(TR)(BR), 269; Mansell Collection, 46, 150(BL), 190(BR), 191, 197(R), 201(BL), 205,209(BL), 220(TR), 239(MC); Marlborough Fine Art Gallery Ltd., London, 2 5 2 ( T R ) ; © T h e Medici Society Ltd..

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150(T); The Medium (director: Gian-Carlo Menotti), Italy/U.S. A., 1951, 177(BR); Metro-Goldwyn-Mayer Inc., 24, 182(BL); Metropolis (director: Fritz Lang). Germany, 1926, 223(BR); courtesy The Metropolitan Museum of Art, New York, 30(L) (The Cloisters Collections Purchase), 40(T) (gift of M. Knoedler & Co., 1918), 119(BL), 184(TR) (gift of William Church Osborn, 1949), 231 (Fletcher Fund, 1956); Modern Times, Charles Chaplin, United Artists Corporation Ltd., 113(BR); The Pierpont Morgan Library, New York, 73, 2()1(BR); Mother Joan of the Angels, Film Polski, 1960, © Contemporary Films Ltd., Itf8; Mt. Wilson and Palomar Observatories, 23, 103(R); Prof. Erwin W. Müller, Pennsylvania State University, 22(BR); Musée de Cluny, Paris, 225; Musée Condé, Chantilly, 111(MR), 184(BL), 226; Musée Ensor, Ostend, 296(B); Musée Etrusque de Vatican, 114(BR); Musée Fenaille à Rodez, Aveyron, 233(BC) ; Musée Guimet, Paris, 97(T), 241(BL) ; Musée Gustave Moreau, Paris, 179(BR); Musée de l'Homme, Paris, 234(TC),236(BL); Musée du Louvre, Paris, 103(L), 111(TL), 112(BR), 146(TR), 154, 184(BR). 185(BR), 223(BL), 276(B); Musée du Petit Palais, Paris, 241 (TL); Musées de Bordeaux, 120(BR); Museo Nazionale, Napoli, 124(BR); Museo del Prado, Madrid, 75; The Museum of Navaho Ceremonial Art Inc., New Mexico, 71 (TL), 114(BL), 214(BR); Museum für Völkerkunde, Basle, 127(L); Museum für Völkerkunde, Berlin, 177(BC), 300. Nasjonalgalleriet, Oslo, 87(BL); The National Gallery of Canada, 47(TR); National Gallery, London, 83, 122, 288; National Museum, Athens, 76 ; The National Museum, Copenhagen, 242(TR) ; National Periodical Publications Inc., New York, l l l ( B C ) ; National Portrait Gallery, London, 190(T), 207(BL); Dr. Necl & Univ. of Chicago Press, Human Heredity, Neel & Schull, © 1954, 31(B); Max Niehans Verlag, Zürich, 108(BL); Newsweek, 307; The New York Times, 134(BL); Nigeria Magazine, 43; The Nun's Story (director: Fred Zinneman), U.S.A., 1957-9,134(TL); Ny Carlsberg Glyptotek, Copenhagen, 113(BC). Olympic Museum, Athens, 185(BC); On the Bowery (director: Lionel Rogosin), U.S.A., 1955, 62; Open Air Museum for Sculpture, Middelheim, Antwerp, 266(MR) ; Count Don Alfonso Orombelli, Milan,256(ML); © Daniel O'Shea, 189(BL). Palermo Museum, 144(TL); Paris Match, 270; Passion de Jeanne d'Arc (director: Carl Dreyer), France, 1928, 91(BL); Paul Popper, 25(BL), 28(BL). 42(BR), lll(BL), I34(ML), 152, 200(TL), 210(BL), 236(BC), 285(BR); Pepsi-Cola Company. 50(TL); Planet News, 32, 169(BR); Le Point Cardinal, Paris, 233(BR); P & O Orient Lines, 151; courtesy H. M. Postmaster-General,25(BR); Private Collection. London, 203(BL); Private Collection, New York, 256(BL); Punch, 33(L); Putnam & Co. Ltd., London, 1927, by permission, from The Mind and Face of Bolshevism by René Fulopp-M ulier, 107(BR) ; G. P. Putnam's Sons, New York, 1953, & Spring Books Ltd., London, from A Pictorial History of the Silent Screen by Daniel Blum, 123. Radio Times Hulton Picture Library, 194(BML), 195(BR), 220(BR), 222(BC); Rapho, 153, (Izis) 165(BL); Rathbone Books Ltd., 194(TML); Réalités, 212(BL); Ringier-Bilderdienst AG., 218(BR); Routledge & Kegan Paul Ltd., London, 1951, The Bollingen Series XIX, 2nd edn., New York, 1961, & Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf, 1951, the I Ching or Book of Changes. 291(BL); courtesy Miss Ariane Rump, 201(TR). Salvat Editores S.A., 275(BL); Sandoz Ltd., Basle, 259(B); Scala, 77, 118, 144(BL), 155(BR); Slavko, 187(BR); The Son of the Sheik (director: George Fitzmaurice), U.S.A., 1926, 195(BL); Soprintendenza aile Antichità delle Province di Napoli, 266(BR): © S.P.A.D.E.M., Paris, 1964, 147, 167. 247(B), 252(BR). 263(TL); Staatliche Museen, BerlinDahlem, 144(BR); Staat Luzcrn, 189(BC); Staatsgemäldesammlungen, München, 111(TR); Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt, 185(TR); Swedish National Travel Association, 80(BR), 111(TC), 286(BL). Tarzan and Iiis Mate (director: Cedric Gibbons). U.S.A.,

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1934, 194(TL); Tate Gallery, London, 72(R), 187(BL), 249(BL), 264(BR), 271(BR); They Came to a City, J. B. Priestley (director : Basil Deardon), Gt. Britain, 1944, 279(TR): <R 1935 James Thurber © 1963 Helen Thurber, from Thurber's Carnival (origs publ. in The New Yorker), 78(BR); © James Thurber, 1933, 33(R); Titanic (director: Herbert Selpin), Germany, 1943, 121(BR); Topix, London, 59(BL), 200(TR); Toshodaiji Temple, Japan, 175(BL); Trianon Press, Jura, France, from the Blake Trust Facsimile of Songs of Innocence and of Experience, 219(TL). Uni-Dia-Verlag, 19; U S A F Academy, 129(BC); U.S. Coast and Geodetic Survey, 100(T). Vatican Museum, 127(TR); Verlag Hans Huber, 27; Verlag Kurt Desch, München, 79(BR); Victoria and Albert Museum, London, 48(B), 109(T)(BL), 115(BL), 136, 163, 174(BR), 198(TR), 203(ML)(BR), 206(ML); Volkswagen Ltd., 36. Collection of Walker Art Center, Minneapolis, 260(BL); Weiner Library. © Auschwitz Museum, Poland, 94(BR); courtesy the Wellcome Trust, 69, 246(TL), 286(BR); Wide World, 117(BR); Gahan Wilson. 49(BL); Worcester Art Museum, Mass., U.S.A., 85(TL); Wutliering Heights (director: William Wyler), U.S.A., 1939, 190(T). Yale University Art Gallery, James Jackson Jarves Collection, 180(TL). Zentralbibliothek, Zürich, 249(BR): © M r s . Hans Zinsser, from Cr. F. Kunz, The Magic of Jewels and Charms, 207(ML): Zentralbibliothek, Zürich, 248(TR).

Photographen: Ansel Adams, 208(BL); Alinari, 46; David G. Allen, Bird Photographs Inc., 68(T); Douglas Allen, 222(ML). Werner Bischof, 22(BL), 238(TR)(BR), 269; Joachim Blauel, 261(B); Leonardo Bonzi. 135(BL); Edouard Boubat, 212(BL); Mike Busselle, 28(BR), 93(BL), collages 121(BL)(BR), 135(BR), 180(TR), 181(B), 183(TR) (BR), montages 190(T), 207(TL), 212(BR), 219(BR); Francis Brunei, 239(TR). Robert Capa, 194(TMR), 198(B): Cartier-Bresson, 34, 172(T); Chuzeville, 276(B); Franco Cianetti, 264(BL); Prof. E. J. Cole, 258(BR); J. B. Collins, 35(ML)(MC); Ralph Crane, 117(BL). N. Elswing, 242(TR). John Freeman, 105, 107(BL), 171 (TR>. 195(TL), 197(TL), 259(MR), 281,298(BL). Ewing Galloway, 82(BL); Marcel Gautherot, 213; Georg Gerster, 109(BR); Roger Guillemot, 89. Ernst Haas, 146(BR); Leon Herschtritt, 84; Hinz, Basle, 127(L), 219(BC), 255. Isaac, 35(BL). William Klein, 85(BL). Lavaud, 97(T), 159, 241(BL); Louise Leiris, 261(BL); Dr. Ivar Lissner, 149(BR); Sandra Lousada at Whitecross Studio, 175(BR); Kurt & Margot Lubinsky, 149(BL). Roger Mayne, 164(BR); Don McCullin. 287; St. Anthony Messenger, 143(B); Meyer, 29; John Moore, 72(R), 238(BL), 252(BL). Jack Nisberg, 256(TR). Michael Peto. 164(BL); Axel Poignant, 95, 128, 130. 131, 204(MR). Allen C. Reed, 74, 214(T). Sabat, 65(BR); Prof. Roger Sauter, 243(BL); Kees Scherer, 35(BR); Einil Schulthess, 201(TC); Carroll Seghers, 98(TR); Brian Shuel, 55(BR). 129(BR); David Swann, 21, 48(B), 53(BL), 54(M). 66. 109(T)(BL), 110(BL), 115(T)(BL), 133, 136, 155(T), 163. 174(BR), 187(BL), 188(BL), 190(BL), 198(TR), 203(BR)(ML), 206(ML), 264(BR), 302, 303. Felix Trombe, 234(TC). Villani & Figli Frl., 80(BL). Yoshio Watanabe. 232(B) ; Hans Peter Widmer, 305.

Wenn die Originalverleger bei einer Abbildung das Copyright unwissentlich verletzt haben sollten, werden sie dem Rechtsanspruch des Inhabers gern nachkommen.

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C.G. Jung Der Mensch Und Seine Symbole  

CG Jungs geniales Werk ueber den Aufbau der Seele und die Transzendenz, die die Welt zusammenhaelt

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