Peatland Forensics - Full Documentation

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Peatland Forensics

Gestalterische Perspektiven auf „Ecological Grief“ am Beispiel des Roten Moores in der Rhön.

Leonie Fischer



Impressum „Ich fühle mich wie jemand der mit Seifenblasen gegen einen Panzer kämpft, mit der Gewissheit, dass dieser rosten wird.“ ~Alexander Leschinez

Bachelorarbeit Leonie Fischer Matrikelnr. 115977 Bauhaus Universität Weimar Fakultät Kunst und Gestaltung Produkt Design Weimar, 6.2.2020

Betreut durch: Prof. Dr. Jan Willmann Dipl. Hannes Waldschütz MA. Michael Braun


Abstract Unsere Gegenwart ist geprägt von außergewöhnlichen ökologischen Verlusten. Phänomene wie die rapide Schmelze gigantischer Gletscher sind dabei wortwörtlich nur die Spitze des Eisbergs. Die Gewohnheiten und Bedürfnisse einer Gesellschaft, die noch immer dem Glauben an endloses Wachstum Gefolgschaft leistet, haben die Erde in ein neues geologisches Zeitalter geführt: Das Anthropozän. Damit sind wir der prägendste geologische Faktor des Planeten. Zerstörerische Fluten und wütende Brände die für Viele verheerende Verluste bedeuten sind damit nicht länger „schicksalshaft“ und unerklärlich, sie sind menschengemacht. Das Gefühl von Schuld und Hilflosigkeit, das sich bei der Reflexion dieser Machtverhältnisse einstellt und die direkten Anzeichen eines sich verändernden Lebensraumes bringen zwangsläufig Folgen für unsere psychische Gesundheit mit sich. Diese werden in der Forschung unter dem Begriff „Ecological Grief“ zusammengefasst. Der Begriff deutet die Zeichen des Klimawandels als eine sich abzeichnende Krise der öffentlichen Gesundheit. Trauer nimmt viele Formen an und unterscheidet sich stark zwischen Individuen und Kulturen. „Trauern“ wird allerdings selten mit dem Verlust von Landschaft oder Tier- und Planzenarten in Verbindung gebracht. Doch immer mehr Menschen, die von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind, kämpfen emotional mit wachsenden Verlusten und der Aussicht auf eine ungewisse Zukunft. Das Phänomen „Ecological Grief“ erinnert uns also daran, dass der Klimawandel nicht nur ein abstraktes wissenschaftliches Konzept ist. Vielmehr lenkt es unsere Aufmerksamkeit auf die persönlich erlebten emotionalen Verluste, die durch Veränderungen der Natur bevorstehen oder bereits existieren.

Obwohl diese Art der Trauer bereits erlebt wird, fehlt es an Möglichkeiten des Ausdrucks. Daher kann die Trauer um Verluste in der Natur, „irrational, unangemessen, anthropomorph“ (1) wirken. Wie können wir ständige und kontinuierlich steigende ökologische Verluste emotional bewältigen? Welche Artefakte, Rituale und Praktiken können uns dabei helfen? Die Herstellung von Produkten ist seit jeher auf vielfache und komplexe Weise mit Landschaft und Natur verwoben. Ziel dieser Arbeit ist es daher anhand einer Reihe von Objekten die menschengemachte Zerrüttung einer jahrtausende alten Landschaft zu verarbeiten: Dem Moor. Durch einen an Trauerprozesse angelehnten Rechercheprozess sollen alle Ressourcen für den Entwurf zusammentragen werden. Dieser Prozess bildet eine Art Ritual, welches durch die Gestaltung der Trauerobjekte vollendet wird. Die Objekte sind Mahnmal und Reminiszenz für die Auswirkungen des Klimawandels auf die Moorlandschaften und sollen als Kommunikationsobjekte das Thema „Ecological Grief“ in den öffentlichen Diskurs einbringen. Die geschaffenen Objekte sollen zudem konkret zwischen Betrachter:in und bedrohter Landschaft vermitteln und ein Anstoß sein, sich die eigenen Ängste und Gefühle gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels einzugestehen und diese zu reflektieren. Ich glaube, das könnte Solidarität schaffen und uns ermutigen gemeinsam aktiv zu werden.

1 Windle, 1992


Schönwettermaschine für das Jahr 2000

Ice Watch, Paris Argyroglo, 2014, Olafur Eliasson,

Liebe Interessierte, in dieser Arbeit wird versucht, wenn möglich genderneutrale Ausdrücke zu verwenden (Zum Beispiel Lesende statt Leser). Ansonsten wird mit Doppelpunkt gegendert, damit sich alle Leser:innen gleichsam angesprochen fühlen und beim Lesen gleichwertig mitgedacht werden. Ich bin mir darüber bewusst, dass diese Form den Lesefluss etwas erschweren kann, möchte aber an dieser Stelle auf die Macht der Gewohnheit und die Kraft zur Umgewöhnung hinweisen.


Inhalt

Seite

1/Kap.

Einleitung

Der Anfang vom Ende (Produkt)Deisgner:innen in der Krise

Klein

Das Thema

„Ecological Grief Neue Trauerkulturen im Anthropozän“

08

2

Ecological Grief* Begriffsklärung

Ecological Grief - Neue Trauerkulturen Im Anthropozän. Psychologische Perspektiven

10

3

Recherchemethode

Problemstellung - Expert:innen Interviews Erste Fragestellungen Betroffeneninterviews Auslöser, Indikatoren,Resilienz, Folgen?

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Kleiner

Die Fragestellung

„Ecological Grief am Beispiel einer bedrohten Landschaft “

19

4

Der Mensch zeigt die Natur

Earth Art Environmental Art

36

5

State of the Art Drei Arbeitsweisen

1. Symbolische Intervention 2. Anordnung 3. Schöpferische Kollaboration

38

Fokus

Die Zielsetzung

6

Die Entwurfsmethode

1. Wähle (d)einen Ort 2. Geh hin und schau 3. Sammle Beweise 4. Verwandle

42

7

Exkursion

Fernweh gegen Ferndiagnosen

44

40

Moore in Deutschland Das Rote Moor in der Rhön Moorzonen und ihre Bewohner Kulturlandschaft Moor Die Moorjungfrauen Moore sind Klimaschützer Landschaftswandel im Roten Moor


Seite 8/Kap.

Experiment Reihe 1

Am Kleinsten

Spuren bedrohter Arten Moorschalen

65

Der Entwurfsansatz

9

Die Verwandlung

Landschaftswandel durch Design kommunizieren?

72

10

Experiment Reihe 2

Frage 1 Frage 2 Frage 3

76

11

Die Form

Kugeltopf

82

Variante 1

Implementierung der Testreihen am Gefäß

84

Variante 2

Überarbeitung Variante 1 Herausforderungen im Prozess

88

Umsetzung

1. Guss 2. Glattbrand

91

12

Ende

Struktur Verarbeitung Glasur

Peatland Forensics

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Ergebnis

1. 8 Gefäße - Eine Installation 2. Faltplan (Rotes) Moor 3. Conversations on Ecological Grief

103

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Das Ende

Kontext? Rückblick, Ausblick Support your local planet Klimabilanz?

106

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Appendix

Quellen Interviews

110

Anhang


Der Anfang vom Ende „If a way to the better there be, it lies in taking a full look at the worst.“ ~Thomas Hardy Auf den Titelseiten der Zeitungen schreien uns dieser Tage sich ständig übertrumpfende Schlagzeilen den fatalen Krankheitsstand der Welt entgegen. Immer drastischere, wissenschaftlich fundierte Szenarien von akuten oder bevorstehenden, oft unvermeidlichen Folgen der Klimakrise reihen sich neben Bilder von energischen Aktivist:innen die bei Demonstrationen von Fridays for Future weltweit „There is no Planet B“ und bei Extinction Rebellion „Aufstand oder Aussterben!“ skandieren. Die Globalität und Dringlichkeit mit der das Thema Klimakrise medial besprochen wird ist mehr als angemessen. Dennoch werden Stimmen laut welche die Art der Diskursführung in Frage stellen. Wie müssten diese traurigen Nachrichten über den Zustand der Welt, die Gefährdungen und Aufgaben, die auf meine eigene und nächste Generationen zukommen, richtig kommuniziert werden?

Der Begriff „Ecological Grief“, welcher den Ausgangspunkt dieser Arbeit bildet, beschreibt negative Emotionen wie Angst, Nervosität, Depression und Hilflosigkeit die durch das Erleben indirekter oder direkter Folgen des Klimawandels hervorgerufen werden. Meine Motivation zu dieser Arbeit liegt im Versuch, eine persönliche Haltung und gestalterische Position zum komplexen Themenfeld „Klimakrise“ zu entwickeln. Ziel meiner Recherche muss daher sein, individuelle Perspektiven auf den Klimawandel zusammenzutragen um das Thema so möglicherweise vom gobal Abstrakten in unsere Lebensrealität hineinzuholen.

Der redaktionelle Streit darüber lässt sich pauschal in zwei Lager unterteilen. Während Viele der Meinung sind, nur die Angst könne die träge Masse zum Handeln bewegen, fordert zugleich die andere Seite einen Umgang mit den Fakten der Klimakrise, der die psychische Gesundheit und somit Handlungsfähigkeit der Gesellschaft als solche weiterhin gewährleistet. Brandenburg 2100? Bild: Extinction Rebellion

1/Kap

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Produktdesigner:innen in der Krise

In der komplexen globalisierten Welt in der wir heute leben kommen (Produkt)Designer:innen zentrale Aufgaben zu. Designer:innen hinterfragen die Art wie wir konsumieren und produzieren, schaffen nachhaltige Konsumgüter und optimierte Wertschöpfungsketten. Als Impulsgeber:innen schaffen sie transformative Interventionen, die den gesellschaftlichen Diskurs anstoßen oder kommentieren. Doch es ist auch an der Zeit den konkreten Einfluss der Designdisziplin auf die heute realen Umweltproblematiken kritisch zu hinterfragen und zu reflektieren. Denn als Disziplin, die ihren Ursprung in der Industrialisierung des 18. Jahrhunderts findet bildet das Produktdesign einen inhärenten Teil der wirtschaftlichen und technologischen Mechanismen, die mit einer nachhaltigen oder gar (über)lebbaren Vision von Zukunft oft unvereinbar scheinen. Neue Bildungsprogramme wie der kürzlich ins Leben gerufene Masterstudiengang Geodesign an der Design Academy Eindhoven oder das Master Programm Transformationsdesign an der HBK Hamburg, wo zu „mehr Nachhaltigkeit, globaler Gerechtigkeit und einem „guten Leben“ (1) geforscht wird, zeugen von einem sich wandelnden Designbegriff. Diese Entwicklung zeigt, dass Design nicht an einen wirtschaftlichen Wachstumsgedanken geknüpft sein muss sondern auch in einer Postwachstumsgesellschaft nicht an Relevanz verlieren würde.

Auch im Bereich der Freien Kunst erfreut sich das Thema Klimakrise momentan einer großen Sichtbarkeit wie beispielsweise im Zuge der diesjährigen Biennale di Venezia, die unter dem Titel „ May you live in interesting times“ zum 85. Mal stattfindet. Im Zusammenspiel der Disziplinen können sich Designer:innen Statistiken und Forschungsberichten auf eine gestalterische Art annähern und im Spannungsfeld von künstlerischem Kommentar und Informationsgestaltung Geschichten erzählen, welche die Erkenntnisse der Wissenschaft in unserer Lebensrealität verorten. Es gilt also den bestehenden Verhältnissen auf den Zahn zu fühlen, sich an komplexe Systeme heranzutasten und der Möglichkeit einer besseren Zukunft nachzuspüren. Als Produktdesigner:innen sind wir dazu befähigt die Fragen, die heute gestellt werden müssen zu umreißen, aufs Papier zu bringen und neue Visionen zu formen. Im Idealfall gelingt es uns dabei globale Zusammenhänge sensuell begreifbar zu machen.

1 Heyl, 2019

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2006 2013

„Environmental Grief“ geht auf Phyllis Windle zurück, die den Begriff 1992 einführte. 1996 veröffentlichte Read eine Serie von acht Geschichten über den Verlust von Umwelt und schloss daraus, dass „Ecological Grief“ bedeutsamer sei als es sich die Gesellschaft bis Dato eingestanden hatte. Seither gab es mehrere Studien, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen, so eine Studie Kervokians über den Rückgang der Killerwalpopulation (2004), oder Amy E. Sparks Dissertation zu Formen von „Ecological Grief“ im Ghost Valley, Kanada (2016).

Grief 1 Phyllis Windle „Environmental Grief“

Loss of Place Glenn Albrecht „Solastalgia“ „Es ist der Schmerz, dass der Ort, an dem man wohnt und den man liebt, unmittelbar bedroht ist” (2)

Loss of Relationships Robin W. Kimmerer „Species Loneliness“ „Tiefe Traurigkeit, hervorgerufen durch die Entfremdung vom Rest der Natur“ (2)

2018

Dass zwischen psychischer Gesundheit und der Interaktion mit unserer natürlichen Umgebung Verbindungen bestehen wird kaum Einer bestreiten (etwa bei Kuren, Wanderungen o.ä) Ebenso anerkannt sind die verschiedenen, mit der Lebensweise des 21. Jahrhunderts verbundenen, Umweltprobleme wie Wasserverschmutzung und Artensterben. Welche Auswirkungen hat eine sich verändernde Landschaft und das Wahrnehmen des Verlustes einer bekannten Umgebung durch Ereignisse wie Waldsterben auf die psychische Gesundheit? Diese Frage bildet den Kern des Begriffs „Ecological Grief“.

1992

Ecological Grief

Grief 2 Ellis/Cunsolo „Ecological Grief“ “Trauer im Bezug auf erlebte oder erwartete ökologische Verluste, inklusive des Verlusts von Arten, Ökosystemen und identitätsstiftenden Landschaften aufgrund akuter oder chronischer Umweltveränderungen“ (3)

2/Kap

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Ecological? Das Selbstverständnis des Menschen gegenüber der Natur hat sich historisch oft gewandelt. In vielen Kulturen findet sich die Idee von einer Einheit von Mensch und Natur, so zum Beispiel bei nordamerikanischen Indianerstämmen die glauben, dass Tiere Menschen und Pflanzen eine gleichberechtigte Einheit bilden, die nur als Ganzes bestehen kann. (4) Dieses Verhältnis ist an eine zyklische Zeitvorstellung gekoppelt, die auch in der Kultur der Griechen und Römer zu finden ist und mit einem geozentrischen Weltbild zusammenfällt. In der Antike kam dem Menschen zeitgleich die zentrale Rolle als „höchstes Wesen“ der Natur zu, dessen Aufgabe es war durch Zähmung eine Abkehr von der bedrohlichen, wilden Natur zu schaffen. Einen Wendepunkt im Wandel der Mensch-Natur Beziehung bildet das Aufkommen des linearen Zeitverständnis im Judentum und später im Christentum. Dieser Vorstellung folgend erneuert sich die Natur nicht mehr selbst; dem Mensch kommt damit erstmals die Aufgabe zu einzugreifen, um die Natur zu schützen und zu pflegen. Während der Zeit des Hochmittelalters wurden die Umwelt belastende Gewerbe aufgrund eines rapiden Bevölkerungsanstieg ins Umland verlegt. So entstand erstmals das heute übliche Verhältnis von Stadt und Peripherie. Die ab dem Beginn der Industrialisierung fortschreitende Entfremdung des Menschen von der Natur führte zu einem enormen, bis heute anhaltenden Raubbau, dessen Folgen uns zunehmend bedrohen und deren Ausmaß schwer einschätzbar bleiben. (5)

Laut Duden beschreibt „Ökologie“ die „Wechselbeziehungen zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt“ (6) Dieser Definition folgend soll der Mensch entgegen eines anthropozentrischen Weltbilds als gleichberechtigter Teil der Natur gelten. Denn die Trauer der Menschen um die Natur kann nicht im romantischen Sinne allein ihrem Symbolwert gelten. Als Menschen haben wir nicht aus einer moralischen Verantwortung heraus gewählt Hüter und Beschützer der Natur zu sein; vielmehr müssen wir uns der wechselseitigen Abhängigkeitsbeziehungen von Mensch und Natur bewusst sein. Ökologisches Handeln ist keine moralische Wahlmöglichkeit. Wenn wir um die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt trauern, betrauern wir folglich die Bedrohung unserer eigenen Existenz. Daher wird im Folgenden alles Sein auf der Welt als Natur bezeichnet.

1 Dudenredaktion, aufgerufen 26.10.2019 2 Spark, 2016 3 Cunsolo, 2017 4 Heckl, aufgerufen 27.10.19 5 Pietz, 2014 6 Dudenredaktion, aufgerufen 26.10.2019

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Grief - Theorien der Trauer Emotionen sind Grundpfeiler unseres menschlichen Wesenss. In der Wissenschaft gibt es jedoch bislang keine einheitliche Definition für sie, denn sie sind ein zutiefst individuelles Phänomen. (1) Doch was verstehen wir unter Trauer und welche Theorien stützen unser Verständnis von ihr? Das Gefühl der Trauer wird oft vom Begriff der Traurigkeit unterschieden, da Trauer als Verlustreaktion einen prozesshaften Charakter hat. (2) Dieses Konzept der Trauer als Prozess ist besonders durch Siegmund Freuds Theorie der Trauer (3) geprägt, in welcher er die Trauer als zu überwindenden Zustand definiert. Dabei ist es Ziel des Trauerprozesses, die Beziehung zum betrauerten Objekt durch bewusstes Erinnern schrittweise zu lösen und sich so zu verabschieden. Die moderne Verhaltenspsychologie hat diesen Ansatz adaptiert mit der Folgerung, dass eine ausbleibende Bewältigung von Trauer zu Krankheit führt. (4) Der Begriff der Trauerarbeit wurde seither stetig erweitert und schließt heute fast alle kulturellen Tätigkeiten ein, die sich mit dem Tod befassen. Dieses Feld umspannt sowohl Bestattungsriten als auch die Repräsentation des Todes in den Medien oder der Kunst. Trauerarbeit ist so die „kulturelle Verständigung über Zeit, Erinnerung und die Beziehung zwischen selbst und anderen“. (5) Doch wie genau läuft dieser Prozess des Trauerns ab? Zu dieser Frage gibt es einige Modelle, von denen das vierstufige Modell der Psychologin Verena Kast (6) wohl das einflussreichste ist.

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Die Phase des „Nicht-Wahrhaben-Wollens“ beschreibt den Schockzustand nach der Nachricht des Todes. Dieser Phase folgt ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle. Es treten wechselhaft Emotionen wie Ohnmacht, Schuld, Angst oder Zorn auf. Später fangen Trauernde an, sich in der tiefen Auseinandersetzung mit dem Verlorenen zu erinnern und zu verabschieden. Sie fangen an den Verlust zu akzeptieren. In der letzten Phase wird dem betrauerten Objekt ein neuer Platz im Leben der Trauernden zugewiesen und so eine neue Beziehung aufgebaut. Es wird wieder möglich nach vorne zu schauen. Das Modell der Trauerarbeit Freuds ist im Bezug auf diese Arbeit besonders interessant, da der Begriff der Trauer hier nicht nur Menschen als zu betrauernde Objekte nennt, sondern auch andere zu betrauernde Objekte mit einbezieht. „Trauer ist die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer Abstraktion wie (...) Freiheit, ein Ideal usw.“ (vgl.1) Kann dieses „und so weiter“ also auf weitere Bereiche des Lebens wie den Verlust von Landschaften und andere Spezies ausgeweitet werden? Diese Annahme bildet die Legitimation für „Ecological Grief“ im Kontext der Trauertheorie.

1 Wengel, 2019 2 Barrzisowitz, 2000 3 Freud, 1973 4 Warwick, Middelton, 1993 5 Koch, 2012 6 Kast, 1990


Phase 1

Nicht wahrhaben wollen

2

Gefühl von Isolation & Hilflosigkeit Ausbrechende Gefühle Wut, Schmerz, Zorn

3

Dass jeder Trauerprozess individuell verläuft und es so kein perfektes Schema geben kann ist die wichtigste Erkenntnis der qualitativen Trauerforschung. Im Bezug auf diese Arbeit liegt jedoch die Frage nahe, ob bei „Ecological Grief“, also beim Trauern um die Umwelt, ebenso ein Trauerprozess durchlaufen wird und wie ein solcher Prozess aufgebaut sein könnte. Dieser Aspekt wird später hinsichtlich der verwendeten Methoden nochmals aufgegriffen.

„Vielleicht ist Trauer die Emotion, die im Leben des erschütterten Menschen eine neue Ordnung, ein neues Selbstund Welterleben schaffen kann.“ (Kast 1982)

Suchen und sich Trennen Orte der Erinnerung besuchen, Auseinandersetzen mit dem Verlust, bewusstes sich Verabschieden

4

In der Vergangenheit wurde oft Kritik an Freuds Theorie der Trauerarbeit geübt. Zum Beispiel hilft es nicht allen Menschen, die Beziehung zum verlorenen Objekt aufzulösen. Für sie ist es besser das Verhältnis zu transformieren und in neuer Form aufrecht zu erhalten. Auch am „Vier Phasen Modell“ Kasts kann man kritisieren, dass das Modell nur anhand von anekdotischen Beobachten aufgestellt wurde und so keinen Anspruch auf Vollständigkeit haben kann. Zudem laufen die Phasen der Trauer oft nicht linear ab sondern lassen sich eher mit Wellenbewegungen beschreiben, bei denen auch Misch und Übergangsformen auftreten. Ein nicht lineares, alternatives Modell bietet das dreiphasige zirkuläre Modell nach C.A. Corr, C.M. Nabe & D.M. Corr (1997).

Neuer Selbst-Weltbezug Akzeptanz, Weiterleben bei dem Erinnerung ein inhärenter Teil bleibt

1 Bodea, 2013

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Das Zän Im aktuellen Diskurs taucht seit einiger Zeit immer öfter ein Begriff auf, dessen Anziehungskraft sich kaum ein Museum, kaum eine Universität und kaum eine Zeitung mehr entziehen kann. Es ist ein Schlüsselbegriff geworden, dessen reflexartiges Kopfkino uns Bilder zeigt von gerodeten Wäldern, tiefe Minen, rasenden Metropolen, Technofossilien und der intrinsischen Selbstzerstörungslust des Menschen. Damit begreifen wir das Anthropozän als Narrativ, „das erstens die Menschheit als geophysikalische Kraft begreift, zweitens eine tiefenzeitliche Zeitdimension aufweist, drittens eine planetarische Perspektive auf die globale Umweltkrise wirft, viertens eine Nicht-Trennbarkeit von Natur und Kultur annimmt und fünftens daraus eine ethische Verantwortung des Menschen für das Erdsystem ableitet.“ (1) Doch so sehr der Begriff in Kunst und Kultur gefeiert wird, in einigen Bereichen der Wissenschaft steht das Anthropozän scharf in der Kritik. In der Sozialforschung gilt der Begriff sogar als überholt, da er den Menschen als intrinsisch schlecht und zerstörerisch begreift und so die Zerstörung der Welt durch den Menschen als determiniert ansieht. Dabei liegt der Ursprung dieser Entwicklung eigentlich nur in der menschlichen Organisation, dem kapitalistischen System, welches Wachstum als obersten Wert verkörpert und so der Erde schadet. Der Begriff pauschalisiert zudem insofern, als dass er die Menschheit als Ganzes zum einflussreichsten geologischen Faktor erklärt und damit Unterschiede zwischen Gewinner:innen und Verlierer:innen der Globalisierung und dadurch deren variierenden Einfluss auf die Erde negiert.

Doch die Ausbeutung von Ressourcen ist eng mit der Kolonialgeschichte verknüpft und hängt auch immer mit der Ausbeutung von Menschen und menschlicher Arbeitskraft zusammen. Die Machtposition des „Extractors“ hat im Anthropozän, polemisch gesagt, der alte weiße Mann inne. Wenn wir über das Anthropozän sprechen müssen wir diesen Aspekt daher immer auch mitdenken. (2) Im Streit um die richtige Benennung unseres geologischen Erdzeitalters fallen oft die Begriffe Kapitalozän und Holozän. Das Holozän beschreibt die seit mehr als 11 000 Jahren andauernde warmzeitliche Epoche des Eiszeitalters, der die letzte Kaltzeit voranging. Es umfasst damit auch die Klimaänderungen der letzten 1000 Jahre und das Klima im 21. Jahrhundert. (3) Das Kapitalozän ist weitaus spezifischerer Natur. Es erklärt die Zerstörung unserer natürlichen Lebensbedingungen nicht einfach durch das Werk des Menschen im Allgemeinen sondern ganz spezifisch durch die kapitalistische Produktionsweise. Der Begriff wurde 2018 vom Astrophysiker Harald Lesch formuliert.

Fossilie einer Kasette, Das Erste Mediathek 1 Dürbeck,2018 2 Yusoff, 2018

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3 Schneider, 2003


Letztlich liegt der Fokus dieser Arbeit nicht auf der (dringend notwendigen und berechtigten) Kritik am Kaptalismus sondern auf der Diskrepanz von anhaltender anthropogener Ausbeutung der Natur und auf dem emotionalen/kulturellen Band das den Mensch seit jeher mit seinem Lebensraum verbindet.

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Holozän Kapitalozän

Gegen den Begriff des Holozäns spricht im Rahmen dieser Arbeit seine unvorstellbare Dauer. Es umspannt einen so großen Zeitraum, dass seine Anfänge beinahe mit dem Entstehen der Moorlandschaft zusammenfallen, deren Niedergang durch menschliche Einflüsse Thema dieser Arbeit sein wird. Die Zerstörung der Moore setzte jedoch erst um 1800 mit der Industrialisierung ein, also viele tausend Jahre nach dem Beginn des Holozäns. Um jedoch den drastischen Anstieg des menschlichen Einflusses auf diese Landschaften, der zu ihrem Verschwinden führen wird, verdeutlichen zu können bedarf es eines engeren zeitlichen Rahmens.

Antropozän

Im Zuge meiner Arbeit möchte ich dennoch den Begriff des Anthropozäns verwenden. Einer der Gründe dafür ist seine Schlüsselfunktion. Wie bereits oben beschrieben, ruft der Begriff des Anthropozän eine Reihe von Assoziationen hervor. Design erzählt Geschichten, die durch Bilder in unseren Köpfen entstehen. Diese Geschichten schaffen neue Verknüpfungen, regen uns an uns einen eigenen Eindruck zu machen und das gesehene, haptisch erlebte in uns selbst reflektieren zu lassen. Meiner Meinung nach braucht diese Kettenreaktion etwas Bekanntes als Auslöser. Durch seine mediale Prominenz kann das Anthropozän so als Implikator funktionieren.

Begriffsentstehung: 1867 vom Zoologen P. Gervais benannt Zeitraum: 9000 v. Chr. - Heute (in 5 Intervallen) (1)

Der Kapitalismus als grösster Einflussfaktor

Entstehung: 2016 vom Soziologen Jason Moore benannt (2) Zeitraum: Ca. 1400 - heute

Der Mensch als grösster Einflussfaktor Entstehung: 2002 von Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen benannt (3) Zeitraum: ca. 1800 - heute 1 Netzwerk WEBGEO, 2009 2 Moore, Patel, 2017 3 Kasang, 2016


Psychologische Perspektiven Um den Begriff „Ecological Grief“ aus psychologischer Perspektive zu beleuchten habe ich exemplarisch für den Diskurs im angelsächsischen Raum einen Bericht der American Psychological Association herangezogen. (1) Darin widmen sich die Autor:innen den Auslösern und Auswirkungen von „Ecological Grief“ und versuchen Möglichkeiten zum psychologischen bzw. therapeutischen Umgang damit aufzuzeigen. Aus dem Bericht lassen sich drei Gruppen von Betroffenen ableiten, deren Trauerimplikationen und Auswirkungen sich stark voneinander unterscheiden. Diese sind nebenstehend in einer Tabelle aufgeführt. In Deutschland ist der Begriff „Ecological Grief“ bzw. der Umwelttrauer weit weniger geläufig. Laut einem Artikel von Klimaretter. info hält es die Umweltpsychologin E.Matthies von der Universität Magdeburg sogar für eine „Sackgasse“, sich mit Umwelttrauer zu befassen. Deutsche Umweltpsycholog:innen seien auf Problemlösung orientiert. Sie verweist auf Untersuchungen der Psychologin Tania Singer die nachgewiesen hat, dass viele Menschen eher ein negatives Mitgefühl empfinden: So kann das Hineinfühlen in schmerzvolle Erfahrungen zu Erschöpfungssymptomen und Hilflosigkeit führen und zu sogenanntem empathischen Stress werden. Diese Erfahrung führe zu Passivität und vorrangig negativen Gefühlen. (2) Diese sehr verschiedene Auffassung des Begriffs durch nordamerikanische und Deutsche Psycholog:innen regt zum Nachdenken an. Dass diese Diskrepanz auf kulturellen Unterschieden hinsichtlich der Trauerkultur beruht liegt nahe. In Deutschland ist der Tod noch immer stark tabuisiert (3).

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Margarete und Alexander Mitscherlich stellen in ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ die These auf, die Tabuisierung von Tod in Deutschland sei auf das kollektive Trauma des zweiten Weltkrieges zurückzuführen, welches bis heute weitergegeben werde.(4) In den USA weist auch eine bedeutend emotionalere Ausdrucksweise im wissenschaftlichen Kontext auf einen offeneren Umgang mit Trauer hin. Diese These lässt sich beispielsweise an Phyllis Windles Paper, „The Ecology of grief“ aufzeigen, welches 1992 am American Institute of Biological Sciences veröffentlicht wurde. Darin beschreibt Windle dezidiert ihre persönliche Verbundenheit mit der Natur und die daraus entstehende Trauer über den Rückgang einzelner Arten. (5) Doch auch in Deutschland forscht die Psychologie zum Zusammenspiel von Psyche und Umwelt. Aus der Geopsychologie heraus entwickelte sich daher zu Anfang des 20. Jahrhunderts ein neues heterogenes Forschungsfeld: Die Ökopsychologie und später die Umweltpsychologie. (6) Es kann also abschließend festgehalten werden, dass sowohl im deutschen als auch im angelsächsischen Raum ein Interesse an der Verbindung von Psychologie und Ökologie besteht, der Begriff der Umwelttrauer jedoch bislang im Vergleich zu „Ecological Grief“ wenig verbreitet ist.

1 Clayton, Manning, Krygsman, Speiser, 2017 2 Götze, 2018 3 Fischer, B, 2018 4 Mitscherlich, 1967 5 Windle, 1992 6 Lauströer, Hofinger, Globisch, 2001


Betroffene? Ländliche Kommunen

Aktivist:innen/ Forscher:innen

Individuen in Städten

Anzeichen?

Stress, Depression, Nervosität (führt teils zu Aggression, Fatalimus, Angst, Hilflosigkeit, Resignation, Wut

Depression, Nervosität, Fatalismus

Depression, Schuldgefühle, Nervosität, Fatalismus, Ohnmacht, Resignation,Gefühl von Kontrollverlust, Gefühl von Isolation

Gründe?

Identitätsstiftender Ort unmittelbar bedroht

Konfrontation mit Artensterben und Klimakrise

Verunsicherung durch drastische Medienberichte

Wenig Ressourcen/Macht

Gefühl nicht gehört zu werden (Kassandra)

Entfremdung vom Rest der Natur

Existenzgrundlage direkt bedroht

Existenz indirekt bedroht

Ich habe mich dazu entschieden, im Rahmen dieser Arbeit einen Fokus auf die Gruppen der „ländlichen Kommunen“ und „Individuen in Städten“ zu legen. Diese Eingrenzung fußt auf zwei Aspekten der gewählten Methode (ab Seite 40): Zum Einen soll ein Ortsbezug herstellt werden. Ich bewege mich daher aus der Stadt heraus in den ländlichen Raum und versuche so die Brücke zwischen den beiden Gruppen zu schlagen. Auf die Gruppe der Aktivist:innen und Forscher:innen kann in diesem Rahmen nurschwer eingegangen werden.

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Existenz indirekt bedroht

Sie versammelt im Vergleich zu den beiden anderen Gruppen eine relativ geringe Zahl von Menschen in sich und ist zudem durch sehr spezifische Implikationen geprägt. Diese ergeben sich aus der beruflichen Fachtätigkeit, welche bei dieser Gruppe maßgeblich das Erleben von „Ecological Grief“ prägt. Das Erleben der beiden anderen Gruppen ist im Gegensatz dazu jedoch eher durch subjektives Empfinden von Veränderungen der eigenen Umgebung und den medialen Diskurs geprägt.


Expert:innen Interviews Um mich einer Fragestellung zu nähern habe ich drei Expert:innen Interviews (1) durchgeführt. Dabei habe ich Repräsentant:innen dreier Disziplinen ausgewählt, die für mich das theoretische Spannungsfeld der Arbeit abbilden: Psychologie, Zukunftsforschung und Gestaltung/Kunst. Diese Methode soll mir helfen, die eigene Fragestellung weiter zu entwickeln. Ich habe die Methode der Expert:inneninterviews gewählt, da sie sich für Fälle eignet, in denen noch wenig Literatur zum Thema vorhanden ist. (1) Als Vorbereitung für die Interviews habe ich jeweils einen Leitfaden im Sinne des Semistrukturierten Interviews erarbeitet. (3)

Da ich zwar bereits klare Fragen an meine Gegenüber hatte, ich jedoch so viel wie möglich zusätzlich von ihnen erfahren wollte habe ich das Semistrukturierte Interview als Methode gewählt. Dabei müssen Fragen nicht in fester Reihenfolge durchgegangen werden, zudem besteht während des Gesprächs die Möglichkeit nachzuhaken. Ich habe die Interviews persönlich durchgeführt und mit einem Voicerecorder aufgezeichnet. Zudem habe ich währenddessen Notizen gemacht. Später wurden die Interviews transkribiert, non-verbale Äußerungen wurden dabei nicht berücksichtigt.

Input

Output

Futurologie / Philosophie

Jonas Korn

Statt die Apokalypse heraufzubeschwören, sollten wir uns für die Dinge wieder im Kleinen interessieren. Wir brauchen Geschichten, die erzählen wie die Problematik mit uns als Individuum zusammenhängt.

Anthropologie/ Freie Kunst

Sophia Schultz-Rocha

We need to reconnect with nature and to admit that it‘s another living being. We need to learn about the landscapes that are important to us.

Psychologie / Psychotherapie

Laura Warneke

Depression deutet oft indirekt auf ein Problem in der Gesellschaft hin. Statt „Ecological Grief“ zu heilen, müssen wir einen Umgang mit der Ursache finden.

3/Kap

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Fragestellungen Nachdem ich alle Expert:innen Interviews ausgewertet hatte, habe ich aus den herausgefilterten Kernaussagen Fragestellungen entwickelt. Dabei haben sich drei Cluster ergeben. Erstens ergibt sich die Frage nach einem Ort, Forum, Plattform für „Ecological Grief“. Damit würde dem Thema Landschaftswandel durch Klimawandel seine globale Unüberschaubarkeit genommen. Zweitens steht die Frage nach einem Ritual. Durch die Verortung im Themenbereich der Trauerkultur spielen hier nicht nur „nicht-materielle Rituale“ eine Rolle sondern auch Trauerobjekte, Gedenkobjekte, Mahnmale oder Produkten wie Urnen, Grabkerzen etc. Zuletzt steht der Bedarf nach einem Verbindungselement oder Kommunikationsform die das, was betrauert wird unmittelbar erfahrbar und verständlich macht.

Wie gestaltet man einen Rahmen für Ecological Grief? Wie können Objekte den Verlust von Natur verkörpern? Welche Rituale braucht Ecological Grief? Wie gelingt die Transformation von individueller zu geteilter Trauer? Wie entsteht eine Beziehung zu einem bedrohten Ort? Wie kann Gestaltung Ecological Grief „nahbar“ machen?

Fokus

Neue Leitfrage

Um das Forschungsfeld der Arbeit zu schärfen, habe ich nach Auswertung der aus den Interviews generierten Fragestellungen, eine örtliche Variable hinzugefügt. Daraus ergibt sich die neue Themenstellung: „Ecological Grief - am Beispiel einer bedrohten Landschaft“ Anhand der Betrachtung einer spezifischen bedrohten Landschaft möchte ich Aspekte, wie die anthropogenen Einflüsse und langfristigen klimatische Einflüsse auf die Landschaft aufzeigen und an ihrem Beispiel überprüfen, inwiefern die tiefere Auseinandersetzung mit einer bedrohten Landschaft zur Überwindung der Trauer über deren Zerstörung beitragen, und so vielleicht in Handlungsfähigkeit verwandelt werden kann.

Wie kann die Beschäftigung mit einer bedrohten Landschaft helfen, mit Ecological Grief umzugehen?

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1 Pfeiffer, 2019 2 Pfeiffer, 2019 3 Holland, 2013


„Ich finde die Biene für die Biene toll aber eben auch die Biene für den Menschen. Interessant wird es dann bei einem Schneeleopard.Dazu kann ich mir keine Geschichte erzählen.“ ~ Jonas Korn, Philosoph & Zukunftsforscher, Berlin Jonas Korn ist studierter Philosoph und Zukunftswissenschaftler. Wir sprechen über mögliche Zukünfte, Schneeleoparden und einen öffentlichen Diskurs, in dem das „und“ über das „entweder-oder“ siegen müsste. Ich spreche ihn auf die aktuelle Klimadebatte an. Besonders auffällig sei das endzeitliche Vokabular, mit welchem der Diskurs derzeit geführt werde, findet Jonas und weist auf den Publizisten Harald Welzer hin, der im Rahmen seiner Stiftung „Futur 2“ zeigt, wo bereits an den Lösungen für morgen gearbeitet werde. Viele gute Ansätze gebe es schon, man müsse sie nur umsetzen. Generell komme die Zukunft ja immer mal wieder in Mode. Neu am aktuellen Diskurs sei aber, dass zum ersten Mal Nachhaltigkeit und Apokalypse zusammen gedacht würden. Die Nachhaltigkeitsdebatte gebe es schon seit den 70ern und sei erst jetzt richtig im Mainstream angekommen. Die Dramatik mit welcher der Diskurs geführt werde sei aber neu dazu gekommen. Durch die vielen Berichte zu Themen wie dem Bienensterben in denen aufgezeigt werde, dass das Verschwinden solcher Arten auch für uns selbst existenzielle Folgen haben könnte , finde momentan auch eine Entromantisierung der Natur statt. Es brauche aber immer Geschichten, die solche Zusammenhänge erklärten. Jonas ist genervt vom ständigen „entweder-oder“ der Debatten. „Sollen wir den Klimawandel auf individueller oder gesellschaftlicher Ebene angehen? Wir sollten beides tun“ findet er. Oft würden Dinge gegenübergestellt die gar kein Widerspruch sein müssten, sondern wunderbar Hand in Hand gehen könnten. 20

Als nächstes Sprechen wir über Methoden, die Zukunft „vorherzusagen“. Wichtig dabei sei vor allem die Zeitlichkeit. Es gebe gegenwärtige Zukünfte und vergangene Zukünfte, sogar die zukünftige Vergangenheit, denn die Zukunft sei nie das, was am Ende wirklich eintrete sondern immer Spekulation. Es sei zudem wichtig einzugrenzen von welchem Teil der Zukunft man gerade spreche. Als Methoden führt er die Szenarien-Methode, bei der verschiedene mögliche Zukünfte in Abhängigkeit gesetzt werden, die Delphi-Methode, eine Art der Expert:innenbefragung, und die Zukunftswerkstatt, ein Workshopformat, an. Jonas sagt, er könne sich vorstellen, dass ein Format wie die Zukunftswerkstatt die Ängste und Trauer der Menschen in Aktion verwandeln könne. Letztlich ist er sich aber nicht sicher, ob Trauer eine Quelle für Energie sein könne. Im letzten Jahr sei er auch im Hambacher Forst bei Demonstrationen dabei gewesen, für ihn habe das dort Erlebte aber nichts mit Trauer sondern mit Radikalität zu tun gehabt. Im Wald hätte eine positive Atmosphäre geherrscht, man wollte nichts verhindern sondern etwas schaffen. Einen bedrohten Sehnsuchtsort habe er nicht aber es gebe schon Dinge die in ihm arbeiteten. Zum Beispiel, dass sich gerade Viele überlegten ob es noch Sinn mache Kinder in die Welt zu setzen. Der Gedanke der Apokalypse sei als isolierter Gedanke aber einfach fehl am Platz. Seinen Fokus legt er lieber auf Themen wie soziale Gerechtigkeit. Denn „wenn die Lebensbedingungen schwieriger werden, überleben eben die Reichen und diejenigen, die es jetzt schon schwer haben trifft es dann besonders hart“


„I think sitting within nature isn’t necessarily going to solve the climate disaster but I think just to reconnect with nature can be a first step. To acknowledge nature as a living being.“ ~ Sophia Schultz Rocha, Filmmaker, Oakland CA, USA Sophia Schultz Rocha ist Filmemacherin und Fotografin. Sie lebt und arbeitet in Oakland, CA. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich mit der Beziehung des Menschen zur Natur und arbeitet mit dem Körper als Archiv und Reaktor im Wechselspiel mit der Umwelt. Sophia glaubt an die heilende Wirkung der Natur auf die Psyche. Mehrmals die Woche geht sie darum wandern und versucht, die Pflanzen die in ihrem direkten Umfeld wachsen, zu benennen. Sie schätze die Gewächse einfach mehr, wenn sie deren Namen kenne. Trotzdem fällt es ihr manchmal schwer abzuschalten und die Natur auf sich wirken zu lassen. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeitsweise sei es, während des Drehs im Grünen Beziehungen mit den Schauspieler:innen aufzubauen. Diese Erfahrungen wären manchmal besser als das Produkt am Ende. In ihrem letzten Film ging es um eine menschengemachte Apokalypse, diesmal wollte sie lieber einen hoffnungsvolleren Ausblick geben. Es gebe ja schon so viel Traurigkeit in Verbindung mit dem Thema Klimawandel. Während den Dreharbeiten zu ihrem ersten Film habe es große Waldbrände in Nordkalifornien gegeben. Die in der Nähe liegende Stadt namens „Paradise“ sei dabei komplett abgebrannt, die Giftwolke der verkohlten Kunststoffe habe sie dazu gezwungen tagelang zuhause zu bleiben. Da könne man schon verzweifeln. Der letzte Film sei dann der Versuch gewesen, doch eine bessere Zukunft, im Einklang mit der Natur, zu entwerfen. Das Filmemachen habe ihr geholfen, die Traurigkeit über den Verlust in Aktivismus und den Glauben an eine bessere Zukunft zu verwandeln. 21

Sie liest gerade „Braiding Sweetgrass“ von R. Kimmerer. Darin prägt Kimmerer den Begriff „Species Loneliness“, der die Entfremdung des Menschen von der Natur beschreibt. Das habe all dem, was sie schon länger gefühlt und gedacht habe einen Namen gegeben. Vor ein paar Wochen war sie zu Besuch in ihrer Heimatstadt Sarasota am Golf von Mexiko. Vor einem Jahr waren viele Meerestiere und Pflanzen dort der „Roten Flut“ zum Opfer gefallen, einem natürlichen Phänomen bei dem es zu einer erhöhten Konzentration von Mikroalgen im Wasser kommt. Später fand man heraus, dass chemische Abwässer einer Farm das Massensterben ausgelöst hatten. Seit kurzem kommen die Fische wieder zurück in den Golf. „Als wir dort entlang gingen, sagte meine Mutter zu mir, dass all meine Erinnerungen in diesem Wasser gespeichert seien.“ erzählt sie. Landschaft bedeute so viele Erinnerungen für den Einzelnen und die Kommunen. Sie sei ein Speicher so vieler Geschichten“.

Ride Tide, Foto: Ben Depp für National Geographic


„Es ist ja auch interessant, dass gerade jetzt ein kollektives Gefühl von Trauer entsteht. Durch eine kollektive Trauer um eine Welt die untergehen könnte, könnte die Gesellschaft wieder mehr zusammenwachsen.“ ~ Laura Warneke, Psychologin & Systemtherapeuthin in Ausbildung, Berlin

Laura Warneke hat Psychologie studiert und macht derzeit eine Ausbildung zur Systemischen Psychotherapeutin. Ich spreche mit ihr über Symptomträger:innen gesellschaftlicher Missstände und darüber wie wichtig es ist, Ängste auszusprechen. Als möglichen Auslöser für „Ecological Grief“ sieht sie vor Allem die massive ökologische Ausnutzung der Natur durch den Kapitalismus. Wenn Menschen Naturkatastrophen direkt erleben müssten, könnte das zudem zu einem Gefühl von Kontrolllosigkeit und Depressionen führen. Meistens zeigten psychologische Modelle multi-faktionelle Zusammenhänge auf, also dass viele Faktoren sich gegenseitig begünstigen. Man könne dadurch also nie sicher sagen ob die erwartete Reaktion auch wirklich eintritt. Als Sytemikerin geht sie von „Symptomträgern“ aus, also Menschen, die durch ihre Emotionen auf ein Problem hinweisen, die oft gesellschaftlichen Missständen entspringen. Gefühle hätten dadurch auch immer eine kollektive Komponente. Im Gegensatz zur Verhaltenstherapie gehe es bei der Systemik nicht darum, das „Problem wegzubekommen“ sondern einen besseren Umgang damit zu finden. Ziel sei es, einen anderen Umgang mit der Ursache zu lernen, dann sei die eigene Reaktion darauf auch eine Andere. Prinzipiell gebe es keine illegitimen Gefühle, wichtig sei aber, dass ein Gefühl nicht destruktiv werde.

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Wenn Menschen nicht die Möglichkeit gegeben würde ihre Gefühle zu kommunizieren führe das oft zu Aggressionen gegen sich selbst. Um bei Klient:innen einen Perspektivenwechsel herbeizuführen nutzt sie Fragetechniken wie die Verschlimmerungsfrage. „Was würde das Alles noch verschlimmern?“ Im Bezug auf die Klimakrise könne das vielleicht ein Weg sein die eigene Machtlosigkeit zu überwinden indem man anerkennt, dass es noch deutlich schlimmer kommen könnte. Gerade bei Ängsten befürchte man ja immer etwas sehr diffuses. Die Ängste in ihrer ganzen Tragweite auszusprechen könne helfen wieder aktiv zu werden. Natürlich sei in Zukunft große Flexibilität von uns gefordert. Daraus könne aber nicht nur kollektive Depression sondern auch Innovation und ein gesellschaftlicher Wandel folgen. Laura glaubt, dass „Ecological Grief“ auch eine Sinnfrage ist. Weil Wachstum in unserer Gesellschaft sinnstiftend sei und Religion immer seltener werde, sei es eben das Wachstum das dem Leben Sinn gebe. Wenn wir jedoch bemerkten, dass diese Wachstumslogik unseren Lebensraum zerstört, führe das zu einer Sinnkrise. Durch kollektive Bewältigung könne die Gesellschaft aber auch wieder mehr zusammenwachsen. Das habe ja in Krisenzeiten auch eine größere Dringlichkeit.


Betroffenen Interviews

Im zweiten Schritt meiner Recherche habe ich mich dazu entschieden eine Reihe von Betroffenen-Interviews durchzuführen um einen Einblick über das Vorkommen und das Erscheinungsbild von „Ecological Grief“ in meinem erweiterten Umfeld zu bekommen und so das Thema kontextuell zu verorten. Bezug nehmend auf den Bericht der American Psychological Association wollte ich herausfinden, ob bei meinen Befragten ähnliche Anzeichen und Folgeerscheinungen auftreten, die im Bericht im Zusammenhang mit „Ecological Grief“ beschrieben werden. (siehe Tabelle Seite 15). Die Teilnehmenden habe ich so ausgewählt, dass ein möglichst breites Spektrum entsteht und dabei gleichzeitig einen direkten Bezug zu den Kernfeldern des Themas ( Psychologie/ Aktivismus/ Ökologie und Nachhaltigkeit/ Kunst und Design) herzustellen. Das sich hieraus ergebende Feld war für mich die Basis zur Auswahl der Teilnehmenden. Die Meisten der Beteiligten kenne ich persönlich oder es besteht eine Verbindung über eine zweite Person. Die große Bereitschaft zur Teilnahme und die teils sehr persönliche und ehrliche Beantwortung der Fragen kann daher bestimmt teilweise auf die bereits vorhandene Vertrauensbasis zurückgeführt werden.

Die Interviews wurden allesamt per Fragebogen (siehe Appendix ab Seite: 66) durchgeführt, den ich an jeden Teilnehmenden einzeln, zusammen mit einem kurzen Abstract zu meinem Thema per Mail verschickt habe. Der Fragebogen besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil finden sich immer wiederkehrende Fragen zu (professionellem) Hintergrund und zu persönlichen Bezügen zu, durch die Klimakrise direkt bedrohten, Objekten (Landschaft/Ort/Art/Aktivität...). Ziel war es dabei, reale Lebensbezüge und Auswirkungen der Klimakrise auf der Mikroebene zu beleuchten. Einige der Fragen entstammen dabei der Rubrik „6 Fragen an“ auf Klimafakten.de (1) Im zweiten Teil habe ich Fragen gestellt, die auf den persönlichen oder professionellen Bezug der Person zum Thema zugeschnitten sind. Er bezieht sich damit auf den praktischen Teil der Arbeit. Hier werden Fragen zu gestalterischen Haltungen und Strategien oder anderem Fachwissen gestellt.

1 Egenter, Graichen, Hochfeld, 2019 2 Clayton,Manning, Krygsman, Speiser, 2017 3 Scheibler, Datum unbekannt

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„Ich fühle mich wie jemand der mit Seifenblasen gegen einen Panzer kämpft, mit der Gewissheit, dass dieser rosten wird.“ ~Alexander Leschinez, Künstler & XR Aktivist, Nürnberg

Den Künstler Alexander Leschinez bewegt besonders das aktuelle Artensterben und der Verlust von Biodiversität. Schon als Kind war er von den Farben, Formen und Mustern der Insekten fasziniert. Wir sprechen über Klimakunst und Max Ernst in Amerika.

Als positives Beispiel für die künstlerische Auseinandersetzung mit der Natur nennt er Max Ernst, der erst nach der Flucht in die USA in Arizona die Landschaft fand die er schon Jahre davor aus der Fantasie heraus gemalt hatte.

Alexander versucht im Alltag eine ökologische Lebensart „vorzuleben“ um so auch Andere zu motivieren. Er findet, dass die Verantwortung für die Klimaproblematiken nicht nur an die Politik abgeschoben werden können und dass ein Umdenken nicht durch das Modell von Angebot und Nachfrage erreicht werden kann. Aufgrund dessen entschied er sich kürzlich bei der Bewegung Extinction Rebellion (XR) aktiv zu werden., wo er zuletzt bei Aktionen in Berlin dabei war. Manchmal tauscht er sich mit Gleichgesinnten aus um seine Verärgerung über die Klimakrise „legitimieren zu lassen“. Im Vergleich mit politischen Bewegungen wie XR hält er die Kunst als ungeeigneten Rahmen, Klimaprobleme zu thematisieren. Besonders die Reichweite von Kunst se dafür viel zu gering. Er argumentiert zudem, dass Kunst generell zu keinem Zweck instrumentalisiert werden sollte. Das bewusste Kommunizieren von Umweltproblematiken verortet er daher eher im angewandten Bereich. Doch natürlich gebe es etliche Künstler:innen, die sich mit der Natur aus den verschiedensten Blickwinkeln beschäftigt hätten. Max Ernst, Europe after the Rain, 1940

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„Der Wind der unser Boot in rasantem Tempo über das Meer trieb lag bei 40 km/h. Der Tornado der zeitgleich auf Japan zusteuerte hatte eine Kerngeschwindigkeit von ca. 250 km/h. Das war der Moment in dem ich den Ansatz eines Gefühls für das Ausmaß der japanischen Katastrophe bekommen habe. ~Julia Otte, Urbanistin & Produktdesign Studentin, Weimar Julia arbeitet als Produktdesignerin und Urbanistin konkret an nachhaltigen Lösungen. Der Begriff werde zwar heute zu inflationär gebraucht, die Aufgabe dahinter sei aber aktueller denn je. Als begeisterte Seglerin liebt sie das Meer und ist oft auf dem Mittelmeer unterwegs gewesen. Doch dieser Ort ist seit einigen Jahren nicht nur ökologisch, durch Verschmutzung und daraus resultierendem Artensterben, sondern auch politisch ein trauriges Paradebeispiel menschlichen Versagens und so Spielort einer humanitären sowie ökologischen Krise. Die Naturgewalt von Wind und Wasser auf dem Segelboot zu erleben hilft Julia globale Zusammenhänge nachzuvollziehen. Denn wenn sich das Boot schon bei 40 km/h rasend schnell anfühlt werden die 250 km/h Geschwindigkeit eines Tornados erst real vorstellbar, viel eher als durch Bilder und Zahlen. Julia führt gerne offene Gespräche über den Klimawandel, dabei ist es ihr besonders wichtig, dass niemand versucht den anderen zu bekehren. Nur so könne ein konstruktiver Dialog stattfinden. Designer:innen sieht sie in Klimafragen als Mediator:innen, die komlexe Zusammenhänge erfahrbar gestalten. Dass diese Arbeit weiterhin dringend notwendig ist, sehe man daran, dass Klimaproblematiken zwar schon seit Jahrzehnten besprochen, das Verhalten der Menschen sich aber kaum geändert habe. Design habe daher gerade jetzt die Verantwortung an den Grundfesten der Disziplin zu rütteln.

Das bedeute Wachstumszwänge zu hinterfragen und das eigene Wertesystem in die Gestaltung einfließen zu lassen. Sie sieht ihre Aufgabe darin, „Einladungen für neue Lebensweisen“ auszusprechen, anstatt Forderungen zu stellen. Die Art wie die Klimakrise medial kommuniziert wird findet Julia problematisch, da sie ihrer Meinung nach eher überfordernd und erdrückend wirkt, statt eine Veränderung in der eigenen Verhaltensweise zu beflügeln. Die bedrückenden Bilder der Nachrichten vermitteln Julia das Gefühl „in die Welt geworfen“ zu sein und lähmen, anstatt einzuladen „Weltgestalterin“ zu werden. Sie informiert sich daher gezielt und versucht so eine Balance zwischen „kraftspendender Information und unbequemen Wahrheiten“ zu schaffen. Neben einem großen Maß an Optimismus hilft ihr auch der Glaube an ein metaphysisches „höheres Ganzes“ und der Austausch mit vertrauten Menschen, nicht in Angst und Panik zu verfallen.

Julia Otte, Mittelmeerküste

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„Vor einigen Jahren stand ich allein im Cloud Forest in Costa Rica. Um mich herum war nichts künstlich Verändertes, bis auf den Trampelpfad, auf dem ich stand. Das diesige Licht fiel zwischen die fetten, feuchten Blätter und ich war mir sicher, dass ich auf der Stelle sterben könnte, ohne an etwas festhalten zu müssen. ~ Aruna, Öffentlichkeitsarbeit Ökolandbau, Weimar

Auch wenn 5 Jahre und 10.000 Kilometer zwischen Aruna und dem Cloud Forest liegen, bangt sie angesichts des Klimawandels am meisten um diesen Ort. Es ist die Unberührtheit, die seine Kraft und damit seinen besonderen Wert ausmacht – als würde man den Herzschlag der Natur dort deutlicher spüren können. Ihrer Meinung nach ist die Kommunikation der Klimakrise eine so große Herausforderung, weil sie vom Abstrakten ins Persönliche gebracht werden muss, um die Menschen innehalten zu lassen. Hinzu kommt der Balance-Akt zwischen moralischen Vorgaben und Überforderung, bei dem man in Gefahr läuft, einen Teil der Gesellschaft an die Hoffnungslosigkeit oder an den Trotz zu verlieren. Zusätzlich hält sie das Thema für so komplex, dass sie sich in Diskussionen zurückhält, weil sie sich nicht zu pauschalen Aussagen hinreißen lassen will. Den positiven Wert der klimaschützenden Taten stellt sie hingegen nicht in Frage: Sie setzt sich beruflich für den regionalen Ökolandbau ein und fühlt sich durch die wachsende Popularität des Themas in ihren Handlungen bestärkt.

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Aruna Reddig, Cloud Forest


„Nach dem Borkenkäferbefall war der Wald um das Raubschloss jetzt plötzlich weg, die Sonne schien hell und freundlich. Da wars dann vorbei mit der schaurigschönen Erinnerung.“ ~ Eva Weissmann, Holzbildhauerin & Architekturstudentin, Weimar

Eva hat schon länger Naturschutzorganisationen mit Spenden unterstützt, wurde aber erst kürzlich selbst, bei Extinction Rebellion (XR), aktiv. Sie fühlt sich der Natur und der Umgebung ihrer Heimat Dresden sehr verbunden, daher bedrückt sie manchmal der niedrige Wasserstand der Elbe und der Borkenkäferbefall des Waldes in der Sächsischen Schweiz. Den Landschaftswandel, der durch den Borkenkäferbefall stattfindet deutet sie als positiv, da so ein notwendiger Wechsel, weg von der Monokultur, automatisch stattfindet. Trotzdem trauert sie um den Verlust des dem Ort bisher eigenen Charakters durch den Landschaftswandel mit dem auch ein Stück Kindheitserinnerung verloren geht. Die Ineffizienz im Umgang mit bereits vorhandenem Wissen zu Nachhaltigkeitsproblemen macht sie wütend, sie möchte daher die Zukunft mitgestalten. Demonstrationen in ihrem Wohnort Weimar empfindet Eva aufgrund ihrer geringen Reichweite manchmal als überflüssig. Solche Aktionen sollten ihrer Meinung nach eher schockieren und so Unwissende erreichen. Die Aktionen von XR in Berlin empfindet sie durch die Friedfertigkeit und Freundlichkeit der Aktionen als sehr angenehme Erfahrungen. Auch dass das Klimacamp im vergangenen Monat direkt neben dem Bundestag stattfinden durfte hält sie für ein gutes Zeichen für die Demokratie.

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Gesprächsbedarf sieht Eva vor Allem mit älteren Generationen, sie hat jedoch Angst dadurch zu resignieren oder zu aufbrausend auf andere Meinungen zu reagieren. Auch in ihrem eigenen Fachbereich, der Architektur, sieht sie unausgeschöpftes Potential. Am Besten lassen sich Klimaproblematiken ihrer Meinung nach durch wissenschaftliche Fakten kommunizieren, da diese als „nicht anzweifelbar“ gelten und mit dem Appell an die Verantwortung für die eigenen Nachkommen. Schlechte Nachrichten versucht sie teilweise zu ignorieren und versucht Mut aus Vorträgen zu schöpfen, die einen Wandel für möglich halten. Resignation ist für Eva keine Lösung. Sie plädiert dafür aktiv zu werden, auch wenn der Ausgang ungewiss ist.

Eva Weissmann, Reitsteig


„ I used to go to La Maddalena every summer since i was 3. Every year i see that the lines of the sea level on the cliff are different.“ ~ Federica Mandelli, Designer & Communication Milano, IT

Federica Mandelli studierte Geisteswissenschaften und Set Design in Mailand bevor sie für den Master in Narrative Environments nach London zog. Für das Projekt „Viaggi Paradiso“ des Studios Dotdotdot hat sie zuletzt mit ihren Kollegg:innen eine interaktive Installation und Online Datenbank rund um das kontroverse Thema Fliegen und Klimakrise entwickelt. Seit diesem Jahr lehrt sie Circular Economy an der Nuova Accademia di Belle Arti in Mailand. Ich spreche mit ihr über ihre persönlichen Do‘s und Dont‘s der Klimakommunikation. Für Federica ist der Archipelago de la Maddalena ein wichtiger Ort den sie, seit sie drei Jahre alt ist, jedes Jahr besucht. Dadurch kann sie genau beobachten wie sich die Klima- und Umweltverhältnisse dort verändern. Als Kommunikationsspezialistin hält sie besonders „Billige“, nostalgische Ansätze für nicht zielführend sondern plädiert bei der Kommunikation für einen empathischen Ansatz, der die Lebensrealität der Betrachter betrifft und diese aus der Komfortzone herausholt. Was fehlt ist ihrer Meinung nach ein echtes Verständnis dafür wie sich die Klimakrise auf unser alltägliches Leben auswirkt. In diesem Bereich sieht sie ein großes Potential für neue Arten der Kommunikation. Auf Medienberichte reagiert sie mit einem Gefühl von Machtlosigkeit, und versucht bewusste Kaufentscheidungen zu treffen um das Gefühl zu haben etwas zur Verbesserung beizutragen. 28

Federica Mandelli, Archipelago de la Maddalena


„Ich erinnere mich an den bestialischen Gestank von 20 Tonnen totem Fisch, der als bedrückendes Memento über der Stadt lag, die Betroffenheit und Trauer der Münsteraner und die vom einen auf den anderen Moment stille, leergefegte Natur. ~ Pauline Temme, Produktdesignerin, Berlin

Die gebürtige Münsteranerin Pauline erinnert sich gut an den Sommer 2018, als der städtische Aasee als Folge eines besonders heißen Sommers kippte. Dabei starben etliche Fische, bald brachen die Vögel dann wegen mangelnder Nahrung zu neuen Ufern auf. Dieses Ereignis war für Pauline bedrückend, war der Aasee für sie doch Schauplatz so vieler schöner Erinnerungen aus Kindheit und Jugend. Als Gestalterin sieht sie das Design in Klimafragen in einer vermittelnden Rolle. Anstatt „Green washing“ zu betreiben sollten Designer:innen viel mehr über bessere Zukünfte spekulieren und Diskursräume schaffen. Generell ist sie der Meinung: Der Designbegriff befindet sich derzeit im Wandel. Vom Probleme lösen zum Fragen stellen! Schlechte Nachrichten zur Klimakrise hinterlassen bei ihr ein Gefühl von Hilflosigkeit. Obwohl auch sie immer wieder ihr eigenes Handeln hinterfragt glaubt sie nicht an „Personal Greening“ sondern findet, dass sich auf politischer Ebene etwas tun muss. Das Umstellen der eigenen Lebensweise sei für sie eher von symbolischem Wert. Seit Neustem geht sie daher demonstrieren, zuletzt mit Extinction Rebellion in Berlin, wo sie mit Anderen eine Nacht lang die Siegessäule blockierte.

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Die Bewegung steht für sie für niedrigschwellige Teilhabe, gewaltfreie Provokation und medienwirksame Aktions- und Demonstrationsformate. Es sei ein gutes Gefühl gewesen zu sehen, dass sich die unterschiedlichsten Menschen überzeugt Seite an Seite stellten, um die Thematik in der „Phantasie der Öffentlichkeit“ groß werden zu lassen und die Politik zum Handeln zu bewegen.


„Ich liebe das knacken von Eis, das so einen etwas gruseligen und tiefen Ton von sich gibt. Außerdem sind die eingefrorenen Luftblasen wunderschön. Falls ich kommenden Winter nochmal die Möglichkeit bekomme das zu erleben werde ich es genau dokumentieren, wie einen seltenen Schmetterling oder Käfer.“ ~ Jakob Kukula, Designer, Berlin Der studierte Designer und leidenschaftliche Künstler Jakob Kukula kommt über seine Arbeit im Studio Olafur Eliasson täglich mit dem Thema Klimakrise in Berührung. Als geborener Berliner vermisst er manchmal die eisig kalten Winter seiner Kindheit. Bei der Arbeit ist Jakob ständig umgeben mit Recherchen zum Klimawandel, die im Studio Olafur Eliasson Grundlage für neue Werke sind, zum Beispiel über das Schmelzen Isländischer Gletscher. Persönlich bewegt Jakob das Sterben der Wälder, die Berlin direkt umgeben. Dass man den Wäldern ihre Zerstörung schon ansieht macht ihm Angst vor einem in Zukunft gänzlich veränderten Landschaftsbild. Außerdem spürt er, dass die Berliner Winter immer wärmer werden. An seinem Geburtstag im Februar wäre Schnee früher der Normalfall gewesen, in den letzten Jahren habe sich das geändert. Dass diese Entwicklung unumkehrbar ist stimmt ihn traurig. Über den Klimawandel spricht Jakob deshalb täglich im Freundeskreis und mit der Familie. Die größte Herausforderung sieht er darin, einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen, ohne Ängste zu schüren. Dafür seien kleine Schritte in die richtige Richtung von Nöten. Designer:innen könnten in diesem Prozess vermitteln und die verschiedenen Disziplinen an einen Tisch bringen.

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Den Einfluss der eigenen Handlungen einzuschätzen findet er jedoch extrem schwierig und ist oft zwischen moralischen Entscheidungen hin und hergerissen. Um für sich selbst einen Weg zu finden wie er etwas beitragen kann, hört er Podcasts und liest Bücher. Im letzten Semester hat er im Rahmen seines Masterstudiums an der Weißensee Kunsthochschule Berlin eine Roboterflotte entworfen, die durch das Aufmalen von Fahrradwegen, Berlin in Windeseile zur Fahrradstadt machen könnte. Trotz aller Schwierigkeiten ist er froh in dieser spannenden Zeit zu leben und findet: „Design spielt hier eine große Rolle und darf viel Wollen! Es macht Spaß und es ist unglaublich aufregend...!“


„Als Kinder sind wir über die Gletscher gewandert und in den Rhonegletscher hineingegangen. Viele Gletscher der Schweizer Alpen sind schon verschwunden,wann werden die letzten verschwunden sein?“ ~ Christoph Weichert, Pastor Christoph Weichert ist Pastor einer Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Freiburg. Im Zuge seiner Tätigkeit nimmt er an verschiedenen Gremien teil und engagiert sich im konziliaren Prozess „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, der seit Jahrzehnten ein wichtiger Teil der ökumenischen Arbeit der Kirchen darstellt. Christoph hat 15 Jahre in der Schweiz gelebt. Noch heute macht er dort öfters Alpenwanderungen. Er ist alarmiert vom drastischen Rückgang der Gletscher und davon, dass viele von ihnen bereits ganz verschwunden sind. Ich frage ihn nach den 10 Plagen über Ägypten und der Verantwortung der Christen für die Schöpfung. Für Christoph entspringt diese Verantwortung klar dem Gebot der Nächstenliebe. Daraus resultiere die Verantwortung, die Schöpfung auch für spätere Generationen zu erhalten. Das sei zwingenderweise auch mit Frieden und (ökonomischer, sozialer) Gerechtigkeit verbunden. Denn ohne Frieden könne die Schöpfung nicht bewahrt werden. Man müsse wieder mehr Staunen über die Schöpfung Gottes, so wie es im Sonnengesang des Hl. Franz von Assisi zum Ausdruck komme, der Sonne, Wasser, Feuer und Erde seine Gechwister nenne. Es sei alles „so weise geordnet“, mancher nenne das dann Zufall und Evolution, er nennt es eben Schöpfung und Weisheit Gottes. Christoph sagt, der Mensch habe sich zu lange über die Tier- und Pflanzenwelt gestellt. Das müsse spätestens seit dem 6. großen Artensterben ein Ende finden. 31

Der persönliche Glaube gebe dem individuellen Staunen über die Schöpfung eine tiefere Dimension. Der christliche Glaube stelle sich gegen ein anthropozentrisches Weltbild, indem er Gott als höhere Instanz anerkenne. Der Glaube an Christus könne daher helfen, das Doppelgebot ( „Du sollst deinen Gott von ganzem Herzen lieben“ und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“) zu erkennen und umzusetzen. Der Nächste sei dabei nicht nur der Mensch, sondern auch das Tier und die Natur. Christoph sieht seine Aufgabe darin, den Menschen zu vermitteln, dass die Liebe Gottes Selbsthingabe ist. Wenn man das verstanden habe könne man auch selbst verzichten, hingeben, teilen, schützen und bewahren, sich für Andere und die Schöpfung einsetzen. Nachrichten zum Klimawandel ließen ihn zuerst einmal die Notwendigkeit zum Handeln erkennen. Zuletzt habe ihm „FFF“ diese Dringlichkeit vor Augen geführt. Er glaubt, dass es eine ausdauernde friedliche Protestkultur braucht um langfristig etwas zu verändern. Als Vorbilder sieht er hier die Arbeit Martin Luther Kings oder der Freitagsgebete, die zum Fall der Mauer beigetragen hätten. Wichtige Personen des öffentlichen Lebens seien in der Pflicht ihre Stellung weise zu nutzen und keine „faulen Kompromisse“ einzugehen. Auch hier sieht er die Kirche in beratender Rolle. Außerdem brauche es große Glaubenspersönlichkeiten, die bereit seien Opfer für ihre Überzeugungen zu bringen. Die Botschaft sei brutal: „Wir haben einen freien Willen. Und das Resultat des sich nicht an Gott zu halten ist der Verlust des Paradieses.“


„True New Orleanians will stay and return I believe until there is no land remaining. But as much as we love the city and its rich cultural heritage, we are hoping to move away in about 6 years or rent a smaller property we can walk away from if there is a major storm or flood. “ ~ Carla Waterfield, Musician, New Orleans LA, USA Carla Waterfield lebt seit vielen Jahren in New Orleans, USA. Seither hat sie viele Wirbelstürme und Überflutungen erlebt. Sie macht sich Sorgen um die Zukunft ihrer Stadt, die in den letzten Jahren häufiger von zerstörerischen Unwettern heimgesucht wird und deren natürlicher Schutzwall, die Sümpfe Louisianas, in den letzten Jahren immer mehr zurückgehen. Begeistert erzählt Carla von den Insekten, Vögeln und Pflanzen in Barataria Bay, einer Sumpflandschaft wenige Kilometer außerhalb der Stadt. New Orleans sieht sie vor allem durch seine geographisch Lage unterhalb des Meeresspiegels bedroht. Da seit einigen Jahren immer öfter schwere Unwetter die Stadt bedrohen, überlegt sie in ein paar Jahren mit ihrer Familie umzuziehen. Nach Hurrican Katrina habe kaum jemand noch Vertrauen in die Abwehrsysteme der Stadt, man bete eben, dass nichts passiert. Die meisten Menschen, die Katrina überlebt hätten, litten unter „posttraumatischen Belastungsstörungen“. Dazu kommt die Gewissheit, dass sich eine solche Katastrophe jederzeit wiederholen könne. Als Reaktion darauf würden Viele ihre Häuser anheben und bezahlten teure Autoversicherungen. Die Angst vor der Zerstörung sei sehr von finanziellen Ängsten bestimmt.

Sie selbst hat zusammen mit ihrem Mann Tim beschlossen die Emissionen, die ihr Haushalt verursacht um die Hälfte zu reduzieren. Sie wollen mehr Fahrrad fahren, weniger Fleisch essen und möglichst viel recyclen. Es ärgert sie jedoch, dass die Meisten in ihrem Umfeld ihr klimaschädliches Verhalten überhaupt nicht hinterfragten. Berichte über die Klimakrise bereiten Carla Stress, sie fühlt sich dann als würde jeder nur darauf warten, dass andere etwas unternähmen. Regulierungen durch den Staat hält sie für dringend notwendig, bezweifelt aber unter der momentanen Regierung, dass es einen Fortschritt geben wird.

Leoni Fischer, Barataria Bay

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„Ich stelle mir öfters die Frage, wo ich in Zukunft leben will. Wirklich im tendenziell immer trockeneren und heißeren Brandenburg? Oder wäre ein Leben weiter nördlich nicht doch angenehmer?“ ~ Charlotte Weissmann, Naturschutz Biosphärenreservat Spreewald

Charlotte Weißmann arbeitet im Biosphärenreservat Spreewald, wo sie im Bereich Vertragsnaturschutz konkrete Maßnahmen zum Naturschutz mit Landwirt:innen erarbeitet. In ihrer Kindheit war sie oft mit ihrer Familie zum Skifahren im Erzgebirge und findet es schade, dass die weissen Schneelandschaften in den letzten Wintern „eher Matschpisten glichen“. Gespräche über das Klima sind bei ihr an der Tagesordnung, sowohl bei der Arbeit als auch zuhause. Gerne würde sie allerdings gerne mal mit liberalen Politikern wie Christian Lindner sprechen um zu erfahren, weshalb so wenige konkrete Maßnahmen im Klimaschutz umgesetzt werden. Sie glaubt, dass man Menschen mit Argumenten erreichen kann, die die eigene Lebensrealität berühren. So zum Beispiel die heißen und trockenen Sommer der letzten Jahre. Zusammen mit schlüssigen Fakten könne man dann schon Viele überzeugen. Nachrichten zum Klimawandel sind für Charlotte immer wieder Anstoß für die Beteiligung an Aktionen, zum Beispiel bei Fridays for Future oder Greenpeace, oder zum Überdenken der eigenen Gewohnheiten. Außerdem stellt sie sich öfters die Frage, wo sie in Zukunft leben will... Wirklich im immer trockneren Brandenburg? Oder wäre ein Leben weiter nördlich nicht vielleicht angenehmer?

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Auswertung Emotionale Anzeichen Bei der Auswertung der Betroffenen-Interviews habe ich zwei Teilmethoden der Qualitativen Inhaltsanalyse (2) angewendet. Zuerst habe ich aus den einzelnen Interviews in einer zusammenfassenden Inhaltsanalyse kurze Fließtexte erstellt. Zudem habe ich aus allen Interviews die Aussagen extrahiert, die einer meiner vier Kategorien zugeordnet werden können. Die ersten drei Kategorien: Emotionale Anzeichen, Resilienz Methoden und Individuelle Konsequenzen habe ich in Anlehnung an die Struktur des Reports „ Mental Health and our Chaging Climate“ der American Psychological Association (3) zum Thema erstellt. Die vierte Kategorie: Aktivierende Faktoren versucht als Teil meiner Fragestellung zu beantworten, wie eine Verwandlung von den lähmenden Auswirkungen von „Ecological Grief“ in aktive Partizipation stattfinden könnte. Es ist wichtig herauszustellen, dass die Kategorien bereits zu Anfang meiner Recherche feststanden und die in jedem Interview wiederkehrenden Fragen anhand dieser erarbeitet wurden.

Verärgerung/Wut Trauer/Schmerz Panik Machtlosigkeit Gefühl von Kontrolverlust Hoffnungslosigkeit Überforderung Verunsicherung durch Komplexität Verweigerung / Abweisung Abgestumpftheit Zynismus

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Resilienz Methoden

Individuelle Konsequenzen

Aktivierende Faktoren

Austausch

Austausch

Bildung

Zuspruch bei Gleichgesinnten suchen

Führen von toleranten Gespächen

(Studien) Angebote zum Klimawandel

Trauer mit Vertrauenspersonen teilen

Zusammen Lösungen erarbeiten

Bewegungen

Abschottung

Aktivismus

Protestbewegungen wie XR und FFF

Sich Nachrichten verweigern oder sich gezielt informieren

Aktivismus bei XR/FFF

Alarmierung durch bereits aktive Freund:innen

Finanzielle Unterstützung von Naturschutzorganisationen

Überzeugungen

Bildung Besuch von Vorträgen die einen Wandel für möglich halten Andere

Umstellen des Konsumverhaltens, teils als als symbolischer Akt Privatleben

Aufenthalt in der Natur zur Reflektion

Ortswechsel wegen klimatischenVeränderungen

Kleine Umstellungen im Konsumverhalten gegen das Gefühl der Untätigkeit Glaube an ein „Großes Ganzes“ (Metaphysik)

„Vorleben“ einer ökologischen Lebensweise um Andere zu motivieren Berufliche Thema am Arbeitsplatz ansprechen Beruflichen Schwerpunktsetzen/ eigene Berufswahl daran orientieren

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Wunsch die Zukunft mitzugestalten Emotionen Verdruß über tatenloses gegenseitiges Schuldzuweisen Wut über Untätigkeit der Menschen, die Vorgeben sich dafür zu interessieren Wut über ineffizienten Umgang mit bereits vorhandenem Wissen


Der Mensch zeigt die Natur Natur und Landschaft sind eines der fundamentalsten Motive der Kunst. Schon die ersten Höhlenmalereien zeigten die Natur. Im Europa des 15. und 16. Jahrhundert feierten die Maler der Hochrenaissance die Harmonie der Natur und versuchten ihre Balance ins Gemälde zu übersetzen. Im 19. Jahrhundert malte William Turner realistische Darstellungen von Landschaft und im Impressionismus schaffte Claude Monet atmosphärische Landschaftsbilder. Mit dem Aufkommen der Conceptual Art brachten Kunstschaffende wie Joseph Beuys und Sol Lewitt die Kunst von der Leinwand auf die Straße und brachen so mit dem Kunstmarkt der 60er Jahre.

Ab den 2000er Jahren fingen Vertreter:innen der „Environmental Art“ an zu erforschen, wie Kunst die Aufmerksamkeit auf bestimmte Probleme lenken könne, die an anderen nicht sichtbaren oder nicht aufgezeichneten Orten auftreten. Daraus entstand der Begriff der „Ecovention“, der die Kunst als ökologische Intervention proklamiert. (3) Inspiriert von den Akteuren der Environmental Art schufen Künstler:innen wie Olafur Eliasson später mit „The Weather Project“ künstlich herbeigeführte Naturerlebnisse, die im Ausstellungsraum bestaunt werden konnten. (4)

Schon bald fing eine neue Generation an, Kunstwerke in der Natur selbst anzusiedeln. Beeindruckt von Naturdenkmälern wie Stone Henge schufen sie gigantische Werke die sich jeglicher Verkäuflichkeit und teilweise auch Konsumierbarkeit entzogen. Sie nutzten die Materialien der Orte, an denen das Werk entstand, auch um die Besonderheit des Ortes herauszustellen. „Site Specificy“ wurde dadurch eine der großen Erfindungen der Earth Art. (1, vgl. The Art Stoy Foundation) Ein besonders interessantes Beispiel ist Walter de Marias „Lightning Field“ (2). Die Arbeit besteht aus langen Stäben die, im Raster angeordnet, auf einer Freien Fläche stehen um bei Gewitter Blitze auf sich zu ziehen. Die Erfahrung des Betrachter hängt so von verschiedenen Umweltfaktoren ab, die außerhalb der Kontrolle des Künstlers liegen. De Maria Kombiniert so flüchtige Momente der Natur mit den Materialien der künstlichen menschengemachten Industrie.

1 The Art Story Foundation, 2019 2 Mansion, 2014 3 Spaid, 2004 4 Eliasson, 2003

4/Kap

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State of the Art Beim Zusammenstellen eines State of the Art habe ich auf verschiedene Aspekte geachtet, die für meine Arbeit relevant sind. Ich habe dabei explizit Beispiele ausgewählt, die sich nicht klar in die Kategorien „Kunst“ oder „Design“ einordnen lassen, sondern sich durch ähnliche (Arbeits-)Prozesse auszeichnen. Die gewählten Beispiele sind daher in drei Arbeitsweisen unterteilt welche Mel Goodings Einleitung in „Erde Wasser Licht“ (3) entnommen sind. Die im Buch beschriebenen künstlerische Arbeitsweisen setzen sich alle auf verschiedene Art mit Landschaft und Natur auseinander. Folglich können diese Kategorien nicht rigide im Sinne einer angestrebten Komplettheit verstanden werden, sondern dienen lediglich als Rahmen und Anhaltspunkt.

Eliasson, 2003

Obwohl es unendlich viele spannende Beispiele für Arbeiten gibt, die sich in die Kategorien einordnen lassen würden, habe ich im zweiten Schritt diejenigen ausgewählt, die sich mit natürlichen Prozessen, Vergänglichkeit und/oder Klimathematiken beschäftigen. Alle Arbeiten vereint der Wille, die in der Natur erlebten Prozesse festzuhalten und neu zu verkörpern. Die drei gezeigten Arbeiten dienen mir daher als Referenz und Inspiration und stehen dabei beispielhaft für ihre Kategorie.

1 Gooding, 2003

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1. Symbolische Intervention

2. Die Anordnung

Die Symbolische Intervention arbeitet in und mit der Landschaft und wählt aus der gesamten Masse von Informationen diejenigen aus die sich so umgestalten lassen, dass sie eine (neue) Bedeutung gewinnen. Sie greift oft in natürliche Prozesse ein und erstattet später über die eigenen Erlebnisse Bericht. Diese Erlebnisse werden anhand von Objekten, wie etwa Fundstücken, dokumentiert. Die Symbolische Intervention ist strikt ortsgebunden und wird entweder vor Ort oder dokumentarisch realisiert.

Bei der Anordnung werden zusammengetragene Naturmaterialien/Objekte so angeordnet, dass sie einer wissenschaftlichen oder rituellen Anordnung entsprechen. So sind zum Beispiel Raster, Kreis, Anhäufung etc. mit rleigiöen oder wissenschaftlichen Kontexten konnotiert. Durch diese Methode werden oft „unscheinbaren“ Gegenständen und Materialien sowie kleinen Fundstücken durch die Anordnung zur archaischen Masse.

Retreat

Colors of Van Gogh Village

Xandra van der Eijk

Atelier NL

Xandra van der Ejiks Projekt ist in der Kategorie der Symbolischen Intervention zu verorten. Das Projekt will die kulturellen Verflechtungen der Landschaft mit unserer kulturellen Identität am Beispiel eines schmelzenden Alpengletschers zeigen. Durch das 3D-Scannen des Gletschers vor Ort will die Designerin den Rückgang dieser Formation in einem Objekt/Abdruck festhalten. Der Feldzugang dient dabei als Trauerritual. Die 3D Drucke der Gletscher-Scans sollen eine visuelle Mahnung vor den Auswirkungen des Klimawandels auf die Gletscher darstellen und für das Thema „Ecological Grief“ sensibilisieren. (1)

„Colors of Van Gogh Village“ ist sowohl in der Kategorie „Symbolische Intervention“ als auch der „Anordnung“ anzusiedeln. Für ihr Projekt nahmen die niederländischen Designer:innen Erdproben an verschiedenen Stellen in Nuenen, dem Ort in dem der berühmte Maler Van Gogh lebte und arbeitete. Diese wurden zu Pigmenten verarbeitet, und so zum Produkt. Die Pigmente sind in beschrifteten Kanülen abgefüllt die, fein säuberlich aufgereiht, wissenschaftlich anmuten. Diese Arbeitsweise findet sich in mehreren Projekten des Studios. So auch im Projekt „The world in a grain of sand“ für das das Duo öffentlich dazu aufgerufen hatte, ihnen Sandproben von den Stränden der Welt zuzuschicken. Diese wurden inventarisiert und zu Glas verarbeitet. Die daraus resultierenden Glasgefäße erhalten durch den persönlichen Ortsbezug der Versender eine symbolische Bedeutung, die über die reine Funktion des Gegenstands hinausgeht. (1)

5/Kap

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3. Schöpferische Kooperation Die schöpferische Kooperation versteht die Kunst als natürliche Begleiterscheinung des Daseins. Sie macht Naturphänomene unmittelbar körperlich erfahrbar oder macht nicht Wahrnehmbares in der Natur durch Intervention erfahrbar. Sie fängt damit Prozesse und Vergänglichkeit ein. Oft werden der Wissenschaft entlehnte Arbeitsweisen und Präsentationsformen genutzt, um in der Natur verborgene Informationen über Bestimmbarkeit, Prozess und Veränderung zutage zu fördern.

1

2

Notte di San Lorenzo Renato Leotta Renato Leotta kooperiert in seinen Arbeiten mit der Landschaft. Für seine Arbeit „Notte di San Lorenzo“ legte er ungebrannte Terracotta Fließen unter Zitronenbäumen aus. Über Nacht fielen die überreifen Früchte auf die Ziegel und schufen einen Abdruck im Material. Sie sind Zeugen der zeitliche Prozesse, die sich im Garten abspielen. Auch in anderen Arbeiten beschäftigt sich Leotta mit der Landschaft als Zeuge von natürlichen Prozessen. Für „Mais ou menos“ hängte er fünf dunkelblaue Stoffstreifen ins Meer. Getrocknet ergab sie eine Art Diagramm der Wasserstände, das durch die vom Salz gebleichten Streifen angezeigt wird.

3

1 Van der Eijk, Xandra 2 Atelier NL 3 Leotta, Renato

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Zielsetzung Da sich die Auswirkungen des sich beschleunigenden Klimawandels langsam zeigen, sind wir plötzlich mit der Einsicht konfrontiert, wie sehr unsere kulturellen Identitäten doch mit den Landschaften die uns umgeben verflochten sind. Konkret Ziel der Arbeit soll deshalb sein, diese Verflechtungen ortsspezifisch zu erforschen und in einem Entwurfsprozess zu reflektieren. Dabei sollen Objekte entstehen, welche die gewählte Landschaft und das komplexe Kräftegeflecht das sich durch sie spannt, verkörpern. Um diese formenden Kräfte auch im Objekt selbst wirken zu lassen wird im ersten Schritt ein Feldzugang durchgeführt, der das „Material“ für den weiteren Entwurfsprozess liefern soll. So entsteht eine Art Werkzeugkasten oder Materialpalette, die es mir als Gestalterin ermöglicht, den Ort in seiner Vielfältigkeit aus natürlichen und kulturellen Implikation zu greifen und in einem Diskursobjekt zu verkörpern. Das Objekt selbst soll „Memento Mori“ Erinnerungsobjekt und Mahnmal sein und eine Sensibilisierung sowohl für die bedrohte Landschaft an sich als auch für das Thema „Ecological Grief“ funktionieren. Die Wahl soll auf eine Landschaft fallen, zu der ein persönlicher Bezug besteht, der mich vielleicht geprägt hat oder ein persönlicher Sehnsuchtsort sein. Der Entwurf spiegelt daher später einen individuellen Blick auf das Thema und den ganz persönlichen Ausdruck von „Ecological Grief“ wieder. 40


Aimé, 1773 - 1858

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1. Ein Ort

2. Eine Reise

Um einen Ort für meine weitere Auseinandersetzung zu wählen, stellte ich mir konkret die Frage nach einer Landschaft, die für mich einen hohen persönlichen Stellenwert einnimmt. Kurz nach dem Abitur stieß ich als begeisterte Rilke Leserin auf dessen Buch „Worpswede“ (1), in welchem er seine Zeit als Teil der Norddeutschen Künstlerkolonie beschreibt. Dort hatte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts zuerst der Landschaftsmaler Fritz Mackensen niedergelassen, später folgten heute bekannte Akteur:innen wie Paula Modersohn-Becker und Heinrich Vogeler. Rilke schrieb 1900 in einem Brief an Paula Modersohn-Becker, auf seinen Streifzügen durch das Moor gebe es „nur Gespräche, an denen die Landschaft teilnimmt, von allen Seiten und mit hundert Stimmen.“ (2) Obwohl ich mich zuvor nie mit Landschaftsmalerei beschäftigt hatte zogen mich die Gemälde des Teufelsmoores, das sich rund um Worpswede erstreckt, gänzlich in ihren Bann. Das Teufelsmoor mit eigenen Augen gesehen habe ich bis heute nicht.

Im zweiten Schritt erfolgt die intensive Auseinandersetzung mit dem Ort. An dieser Stelle soll ein Feldzugang durchgeführt werden. Grund für diesen Schritt ist die Annahme, dass es für ein tieferes Verständnis unerlässlich ist mit dem Ort körperlich in den Dialog zu treten und sich selbst mit dem Ort maßstäblich in Relation zu setzen. Während dieser Begegnung soll es darum gehen, den Ort wirken zu lassen und so unvoreingenommen wie möglich zu sehen, zu riechen, zu schmecken und zu fühlen was den Ort in seiner Einzigartigkeit ausmacht.

Wenig später fand ich mich in den Sümpfen Louisianas wieder, die New Orleans wie einen Schutzwall umgeben, und spürte hier wieder dieses Gefühl absoluter Erhabenheit und Heimat. Vielleicht hatte dieses Empfinden ein bisschen davon, was Max Ernst gefühlt haben muss, der nach seiner Flucht in die USA in Arizona die Landschaft erblickte, die er schon so oft davor (aus)gemalt hatte. Ernst nahm wohin er auch ging, seine Welt mit. „Genauso wie er die Landschaft von Arizona in seinen Bildern schon antizipiert hatte, bevor er sie überhaupt kannte.“ (3) Modersohn Becker, Bildnis einer Bäuerin, Artnet

6/Kap

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3. Ein Material

4. (Re)embody

Der zweite Teil der Exkursion beruht auf der Theorie der „Material Witness“ von Susan Schuppli. Dabei geht es um die „Erforschung der Beweisrolle von Materie als Speicher externer Ereignisse sowie als Zeuge der Praktiken und Verfahren, die es der Materie erst ermöglichen, Zeugnis abzulegen. “ (4)

Der Entwurfsprozess bildet als vierter und finaler Schritt im Prozess den Kernteil der Arbeit. Im Gestaltungsprozess sollen die Wechselwirkungen zwischen Landschaft und Gestalterin in einem Entwurf analysiert werden. Als Gestalterin sehe ich meine Funktion dabei als eine Art Katalysator. Die Eindrücke der Exkursion sollen reflektiert werden und durch meinen individuellen künstlerischen Blickwinkel aufgearbeitet werden. Dabei soll eine Annäherung an ein Artefakt entstehen, dessen Erscheinung die individuelle Reflexion und den Dialog mit dem Ort verkörpert. In diesem Schritt kann keine reine Übersetzung stattfinden, vielmehr wird dem Ort ein weiterer Bedeutungs- und Wirkungsrahmen geschaffen, der seine Prozesse, zeitlichen Ebenen und Charakteristika auf eine abstrakte Art und Weise kommuniziert und in einem anderen Kontext erfahrbar macht.

Das Sammeln und Auswählen von charakteristischen Materialien vor Ort bildet die Auseinandersetzung mit der Landschaft auf der Mikro-Ebene. Die Kriterien die der Auswahl dieser „Materialzeugen“ zugrunde liegen werden daher passend zum Ort gewählt. Moore sind Lebensraum vieler hochspezialisierter Arten, von denen die Meisten durch den fortschreitenden Landschaftswandel vom Aussterben bedroht sind. Beim Sammeln von „Beweisen“ soll daher versucht werden einige davon anhand eines zuvor angelegten „Index bedrohter Arten“ wiederzuerkennen um sie im zweiten Schritt mit den Moorzonen, in denen sie vorkommen, zu verknüpfen. Zudem sollen Proben der Rohstoffe angefertigt werden, die der Landschaft seit jeher vom Menschen entnommen wurden. Diese sind im Moor hauptsächlich Torf, in seinen unterschiedlichen Zersetzungsstadien, und Tonerde. Auch die einzigartige Atmosphäre des Moores soll durch Fotografien, Zeichnungen und Tonaufnahmen dokumentiert werden. Zuletzt ist es mir wichtig, spontanen Impulsen folgen zu können, in der dritten Kategorie findet sich daher all das wieder, was vor Ort unerwarteter Weise meine Aufmerksamkeit erregt.

1 Rilke, 1902 2 Branken, Dressler, 2003 3 Ludorff, 2019 4 Schuppli, 2020

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Fernweh gegen Ferndiagnosen

Den Anfang meiner physischen Annäherung an das Thema „Ecologiacal Grief“ bildet die Wahl eines bestimmten Ortes, Gebiet oder Landschaft. Dieser Schritt folgt zu allererst der Motivation, die Problematik für mich selbst greifbar zu machen, mich quasi selbst zu überzeugen. Dazu muss ich hinfahren, die Zeichnung der Landschaft durch den Menschen mit eigenen Augen sehen, und mir selbst ein Bild über den Stand der Dinge machen.

„Gespräche, an denen die Landschaft teilnimmt, von allen Seiten und mit hundert Stimmen.“ ~ Rainer Maria Rilke, 1900

Die Wahl des konkreten Ortes habe ich anhand dieser drei Kriterien getroffen: 1 Der Ort wird durch anthropogene Einflüsse bedroht oder ist zuvor durch Landwirtschaft oder Rohstoffabbau geschädigt worden. 2 Der Ort wird akut oder langfristig durch die Folgen des Klimawandels bedroht. 3 Der Ort besitzt für mich einen persönlichen Bezug oder Faszination. Anhand dieser drei Kriterien soll untersucht werden, welche Faktoren einen Ort zu einem „betrauerbaren Objekt“ machen.

7/Kap

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Moorbirken im roten Moor


Die Moorjungfrauen

Auf dem Rücken der hohen Rhön, da, wo jetzt das rote und das schwarze Moor ihre weiten und grundlosen Sumpfstrecken breiten, standen vor alten Zeiten zwei Dörfer; das auf dem roten Moor hieß Poppenrode und versank infolge lasterhaften Lebens seiner Bewohner oder eines über diese ausgesprochenen Fluches. Das auf dem schwarzen Moor hieß Moor, ging auf ähnliche Weise unter, und nichts ist mehr davon übrig als eine Art basaltischen Pflasters, das die Rhönbewohner unter dem Namen der steinernen Brücke kennen, und die altersmorsche Moorlinde, die man als die Dorflinde des versunkenen Dorfes betrachtet. Früher häufiger als jetzt zeigten sich auf beiden Mooren die Moorjungfrauen des Nachts in Gestalt glänzender Lichterscheinungen; sie schweben und flattern über die Stätte ihres ehemaligen Wohnplatzes. Oft kamen auch ihrer zwei oder drei nach Wüstensachsen und mischten sich unter die Kirchweihtänze, sangen auch wohl gar lieblich, blieben aber nie über die zwölfte Stunde, sondern wenn die Zeit ihres Bleibens herum war, so kam jedesmal eine weiße Taube geflogen, der sie folgten; sie wandelten singend zum nächsten Berg hinein und entschwanden so den Augen der Nachblickenden oder neugierig Nachfolgenden.

Auch ist das rote Moor der Gegend ein Wetterprophet. Wenn in der Frühe ein kleiner Dunst darüberschwebt, so gibt es keinen schönen Tag; ist der Dunst stärker, so wird schlechtes Wetter, raucht gar das Moor, so kommen Regen, Schloßen und Gewitter; tobt es aber und werfen die schlammigen Moorwässer Wellen, dann sind Stürme, Orkane und sogar Erdbeben zu fürchten. Aus dem versunkenen Dorfe Poppenrode, so geht auch noch die Sage, waren nur zwei tugendhafte Mädchen übriggeblieben, die vom Strafgerichte Gottes verschont wurden. Einst aber gingen auch sie zum Tanze und sanken in den Arm sündiger Weltlust, da kamen sie plötzlich hinweg. Eifrig suchten nach den Schönen ihre erkornen Jünglinge, aber lange vergebens, bis ihnen ein lichtgrauer Mann erschien, der sprach: Euer Suchen ist all vergebens; nehmt aber eine Rute, schlagt mit ihr auf das rote Moor und besehet sie dann. Dieses taten die Jünglinge, und siehe, von der Rute floß Blut ab, zum Wahrzeichen, daß sie die schönen Tänzerinnen nie wiedersehen würden.

Moorjungfrauen

Ludwig Bechstein, Deutsches Sagenbuch, Leipzig 1853

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Das Rote Moor ist mit seinen 50 Hektar eines der größten Moore in der Hessischen Rhön. Es ist Teil des Naturreservats Rhön welches sich über die Landesgrenzen der drei angrenzenden Bundesländer Thüringen, Hessen und Bayern, erstreckt.

Es ist ein sagenumwobener Ort. Er erzählt Geschichten von unheilvollen Moorjungfrauen, Hungerkünstlern, einzigartigen Lebensgemeinschaften und vom harten Kampf des Menschen gegen die sumpfigen Weiten. Fast 8 Stunden verbringen wir im Moor. Währenddessen zeigt uns die Landschaft all ihre Gesichter. Nebelschwaden ziehen auf und beleben unheimliche Schemen, plötzlich breitet sich eine Lichtung vor uns aus, der feste Boden weicht einem Meer aus wogendem rot, Regen fällt und lässt das Moor erklingen, dichte Birkenwälder biegen sich schützend über unseren Köpfen und unsteter Boden erschwert das Gehen. Es scheint als stünde die Zeit still. 46

O schaurig ist‘s übers Moor zu gehn,

Ins Rote Moor


2 Moorzonen und ihre Bewohner 2.1 Karpatenbirkenwald 2.2 Moor- Randgehänge 2.3 Niedermoor 2.4 Hochmoor 3 4 4.1 5

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Moorboden Kulturlandschaft Moor Moore sind KlimaschĂźtzer Landschaftswandel im Roten Moor

Wenn es wimmelt vom Heiderauche,

1 Moore in Deutschland 1.1 Das Rote Moor


Ein Moor ist ein Moor ist ein... In Deutschland waren ursprünglich 1,5 Millionen Hektar von Mooren bedeckt, was 4,2 Prozent der Landfläche Deutschlands entspricht. Sie entstanden nach der letzten Eiszeit vor rund 12.000 Jahren. Durch anthropogene Nutzung verbleiben heute jedoch nur 5% , die restliche Flächen gelten als „tot“. 1 Das heißt, keine der charakteristischen Funktionen der Moore werden mehr erfüllt. Zu diesen Funktionen zählt maßgeblich die Torfbildung. Torf entsteht wenn sich abgestorbene Pflan- zenreste in wassergesättigten Milieus unter Sauerstoffaus- schluss befinden und daher nicht vollständig zersetzt werden können. So bildet sich langsam eine immer dickere Torfschicht. Sobald die Schicht so dick ist, dass das Moor den Kontakt zum Grundwasser verliert und sich nur noch durch Regenwasser vernässt, wird das Niedermoor zum Hochmoor. Die Torfschicht eines gesunden Hochmoores kann im Jahr bis zu einem Millimeter wachsen. 2 Die meisten Moore kommen in Deutschland in Niedersachsen vor, wovon jedoch bereits große Teile von Menschenhand zerstört sind. Früher waren Moorlandschaften für den Menschen fruchtloses Ödland, denn hier konnte weder Landwirtschaft noch Viehzucht betrieben werden. Moore galten daher als unheilvolle, wilde Orte. So entstanden etliche gespenstische Mythen und Sagen. Als später Wege gefunden wurden, die Moore trockenzulegen galt das als Sieg des Menschen über die Natur. 1

NABU Bundesverband, 2012 Schutz Entwicklung unserer Moore, Zum Nutzen von Mensch, Natur und Klima, S. 8

2

NABU Bundesverband, 2012 Schutz Entwicklung unserer Moore, Zum Nutzen von Mensch, Natur und Klima, S. 6

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Eine Reihe von Faktoren haben mich dazu bewogen, das Rote Moor als zentralen Ort meiner Untersuchungen zu auszuwählen. Das Rote Moor zeichnet sich besonders durch seine Vielfältigkeit aus. Es ist unterteilt in verschiedene Gebiete, die diverse natürliche und anthropogene Entwicklungen im Moor abbilden. So zum Beispiel Moorwiesen, Karpatenbirkenwald, Hochmoor und das ehemalige Torfabbaugebiet. Anhand dieser lassen sich die verschiedenen zeitlichen Ebenen und Abschnitte in der Geschichte des Moores gut nachvollziehen. Durch den Torfabbau ist nur eine Kernzone von ca. 5 Hektar Hochmoor erhalten geblieben, die sich als relativ kleiner Be- reich gut in Gänze erfassen lässt. Seit 1979 finden dort Rena- turierungsmaßnahmen statt. Daraus entstand auch das Haus am Roten Moor, welches zum NABU gehört und ein reiches Programm rund um das Thema „Moorschutz ist Klimaschutz“ anbietet. Diese thematische Nähe und mögliche Ressourcen für Recherche bieten einen weiteren Vorteil. Das Rote Moor bietet einer Reihe bedrohter Arten einen Lebensraum. Deren Vielfalt kann von einem Bohlenweg aus betrachtet werden, wodurch die empfindliche Landschaft geschützt wird. Zudem weist das Gebiet eine lange Besiedelungsgeschichte auf, in direkter Nähe befand sich beispielsweise einstmals eine kleine Siedlung namens „Moordorf“. Aus diesem kulturellen Kontext sind verschiedene Mythen zum Roten Moor überliefert

1

NABU Bundesverband, 2012 Schutz Entwicklung unserer Moore, Zum Nutzen von Mensch, Natur und Klima, S. 8


1:10.000.000

1 2

Weimar Rotes Moor

1 2 3 4 5 6 7

Großes Rotes Moor Kleines Rotes Moor Randsumpf Moorwiesen Route Aussichtsturm Stausee

6

3 5 1

2 4

7

100m

49

0,5 Km

Sich wie Phantome die Dünste drehn Und die Ranke häkelt am Strauche,

1 2


Der Randwald umgibt das Rote Moor an allen Seiten, besonders breit ist er jedoch an der Ostseite. Dieser Bereich besteht zum Großteil aus knorrigen Karpatenbirken, die einen hohen Wert für den Naturschutz haben und für ihren märchenhaften Wuchs bekannt sind. Das Innere des Moores muss regelmäßig „entkusselt“ werden, das bedeutet, dass Ge- hölze die sich dort ansiedeln und dem Moor viel Feuchtigkeit entziehen entfernt werden. Eine einzige Birke kann zu einer Verdunstung von bis zu 100 Litern pro Tag beitragen. 1

1

NABU Bundesverband, 2012 Schutz Entwicklung unserer Moore, Zum Nutzen von Mensch, Natur und Klima, S. 21

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Fest hält die Fibel das zitternde Kind

Karpatenbirken Wald


1

Nebelbeere / Vaccinium uliginosum

1

2

Teufelsabbiss / Succisa pratensis

In Moor- und Magerwiesen anzutreffen. Bevorzugt wechselfeuchte, basenreiche, mäßig saure und humose Böden. Der Gewöhnliche Teufelsabbiss gilt als Magerkeitszeiger und ist aufgrund von Entwässerung bereits stark zurückgegangen. Früher nahm man an er helfe gegen Pest und Hexerei. Nach der Roten Liste deutschlandweit als stark gefährdet eingestuft (3).

2

51

Und rennt, als ob man es jage;

„Uliginosum“ heißt „sumpfliebend“. Enthält ein noch unbekanntes Gift. Wächst in Waldmooren und Hochmooren mit feuchtem, torfhaltigem Boden. Sie kann ein Alter von nahezu 100 Jahren erreichen. Einzige Nahrungsquelle der Raupen des Hochmoorgelblings.


Weiter nach innen folgt das Moor-Randgehänge. Dort gedeihen kleinwüchsige Bäume und Sträucher (Moor-Birke, Kiefer, Rauschbeere, Heidelbeere, Besenheide, Schwarze Krähenbeere). Dieser Bereich ist, bedingt durch das deutliche Gefälle, im Vergleich zur nahezu ebenen Hochfläche der trockenste Bereich innerhalb des Moores.

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O schaurig ist‘s übers Moor zu gehn,

MoorRandsumpf


Grosser Wiesenkopf / Sanguisorba officinalis

1

Wird den Pfeifengraswiesen und den Sumpfdotterblumenwiesen zugeordnet. In der Volksheilkunde wurden Kraut und Wurzel aufgrund des Gerbstoffan- teils zur Wundbehandlung sowie zum Stillen von Blut verwendet.

Besenheide

2

/ Calluna vulgaris

Blume des Jahres 2019. Wächst bevorzugt auf trockenen, aber auch auf wechselfeuchten Böden, wie in entsprechenden Bereichen von Mooren. Besonders für Imkerei geeignet.

1 53

Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

2


Das Niedermoor umschließt das Hochmoor wie ein Sumpfgürtel. Dort finden sich typischerweisePflanzengesellschaften wie Kleinseggenriede ( Schmalblättriges Wollgras, Grau-Segge, Hunds-Straußgras, Sumpf-Blutauge, Sumpf-Kratzdistel), Trollblumenfeuchtwiesen und Borstgrasrasen, die vom Aussterben bedrohte Moosbeere, die Krähenbeere, das Wollgras und das Purpur-Reitgras. Ein Niedermoor hat im Unterschied zum Hchmoor Zugang zum Grundwasser, dadurch ist der boden Nährstoffreicher, weshalb dort Kleinseggenriede wachsen können.

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* Pionierpflanzen:

Arten, die neue Lebensräume als erste besiedeln und oft extremere Umweltbedingungen ertragen. Später werden sie verdrängt und siedeln zu einem neuen Habitat um.

Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,

Niedermoor


Borstige Schuppensimse 1 Wächst als Pionierpflanze* auf nas- sen, mäßig sauren Sand- oder Torf- böden, bevorzugt Ufer von Gräben in Hoch- und Zwischenmooren, aber auch niedere, nasse Streuwiesen.

Sumpf Straussgras

2

/ Agrostis Canina

Gedeiht aus sickernassen und staunassen, nährstoffarmen und kalkarmen, mäßig sauren, modrig-torfig-humosen Tonböden. Pionierpflanze in Flachmooren & abgetorften Böden. Blütezeit Juni bis August.

2

1 55

Wenn aus der Spalte es zischt und singt,

/ Isolepis setacea


Das Hochmoor liegt im Zentrum des Moores. Hier wachsen Torfmoose wie das rote Magellans Torfmoos und das SpießTorf-moos (Sphagnum cuspidatum) mit grünlicher Farbe auf nährstoffarmen und wassergesättigtem Boden. Das Hochmoor ist Lebensraum für hoch spezialisierte, mückenfangende Arten wie den „Rundblättrige Sonnentau“, und das „Fettkraut“ sowie verschiedene Heidegewächse. Des weiteren finden sich hier Heidegewächse wie die Glockenheide.

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* Bundesartenschutzverordnung

Wurde zum Schutz wildlebender Tier- und Pflanzenarten erstmals 1986 erlassen.

Hohl über die Fläche sauset der Wind -

Hochmoor


Schlangen-Bärlapp / Lycopodium annotium

1

Spiess Torfmoos / Sphagnum cuspidatum

2

Charakteristische Hochmoorart wächst an stark sauren, nassen Stel- len. Durch Lebensraumzerstörung stark gefährdet (nach Roter Liste Deutschland). Torfmoos kann unbe- grenzt wachsen. Während sich die Pflanze nach oben hin entwickelt, stirbt die Basis wegen Luftabschluss ab; aus dem sich unvollständig zer- setzenden Gewebe entsteht Torf.

1

2 57

Was raschelt drüben am Hage?

Nach der BArtSchV* besonders geschützt. Früher galt er als Hexen- pflanze, Aphrodisiakum und generell als Heilpflanze. Kommt in feuchten, bodensauren, schattigen Wäldern, insbesondere in Nadel-, Moor-Wäldern vor.


Der Moorboden ist wassergesättigt und hat eine mindestens 30cm dicke Torfschicht. Torf ist eine kohlenstoffreiche Bodenart, die hauptsächlich durch den unvollständigen Abbau von Pflanzenresten entstanden ist. Diese organischen Böden haben oft mehrere Meter dicke Humusschichten mit mindestens 30% organischer Substanz. 1 Moorböden bilden in der deutschen Bodensystematik eine eigene Abteilung, weil wie bei keinem anderen Boden mit ihrer Bildung zugleich das Ausgangsmaterial entsteht. Das Moor wächst also auf seinem eigenen abgestorbenen Körper. Im Roten Moor konnte ich in Randsumpf, Moorwiese und direkt neben der Hochmoorfläche Erdproben entnehmen. Besonders die Erde des Randsumpfes und der Hochmoorfläche unterscheiden sich stark in Farbe und Struktur. (Abb.1)

1 1

NABU Bundesverband, 2012 Schutz Entwicklung unserer Moore, Zum Nutzen von Mensch, Natur und Klima, S. 8

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Das ist der gespenstische Gräberknecht,

Moorboden


Der Moorkörper besteht aus über- einander gelagerten Schichten, die von jahrtausendelangen Wachstum zeugen. Die erste Schicht bildet eine lebende Pflanzendecke auf der einst Torfmoose, heute allerdings nur noch Besenheide und Rauschebeere wach- sen. Die Hochmoorschicht direkt darunter 1 ist stark durchwurzelt und unzersetzt. Als nächstes folgt der Weisstorf 2, der die Struktur der Pflan- zen noch deutlich erkennen lässt. Bei weiterer Zersetzung entsteht ein ho- mogener Körper, der Brauntorf. 3 Die älteste Torfschicht ist der Schwarztorf, 4 welcher, da er über einen größeren Zeitraum einem höheren Druck ausge- setzt ist in der Zersetzung am weites- ten fortgeschritten ist. Als unterste Schicht, im Falle des Roten Moores in einer Tiefe von 4,9 Metern (1) finden sich Ton und Sand. 5

1 2 3 4 5

1

Jenrich, Kiefer, 2012 Das Rote Moor, ein Juwel in der Hochrhön, Parzellers Buchverlag, Fulda

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Der dem Meister die besten Torfe verzecht;

Moor im Schnitt


Kulturlandschaft Rhön

Auf der Suche nach alternativen Brennstoffen für den Hausgebrauch sowie für Glashütten und Töpfereien in der Region fingen die Menschen an, händisch und unter schwersten Bedingungen Torf als Brennmaterial abzubauen; den tonigen Untergrund verwendete man zum Ziegelbrennen. Die gestochenen Torfsoden hatten eine Größe von ca. 10x15x36cm. Ab dem 19. Jahrhundert wurde der Torfstich im großen Roten Moor mit dem Bau von Entwässerungsgräben professionalisiert. Der Wasserhaushalt des Moores wurde dadurch maßgeblich gestört, sodass die Torfbildung zum Erliegen kam.

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1

NABU Bundesverband, 2012 Schutz Entwicklung unserer Moore, Zum Nutzen von Mensch, Natur und Klima, S. 21

Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!

Die Geschichte der Rhön als Kulturlandschaft beginnt im 8. Jhdt.mit der Klostergründung zu Fulda. Ab diesem Moment wurden dort Wälder gerodet um Ackerfläche zu gewinnen. Das Rote Moor blieb unbewirtschaftet. Ende des 18. Jahrhunderts wurde jedoch das Brennholz für die Bevölkerung knapp.


Torfabbau

Ab 1960 wurden Greifbagger zum Torfabbau eingesetzt, wodurch sich die Menge des gestochenen Torfes deutlich erhöhte. So wurde bis 1970, also in nur 10 Jahren, eine Fläche von 8,8 Hektar abgebaggert. Diesellokomotivenbrachten die Loren zum Rand des Moores von wo aus sie per Lastwagen abtransportiert wurden. Insgesamt wurden im Großen Roten Moor bis in die 80er Jahre etwa 700.000 Kubikmeter Torf abgebaut. Nach 99 Jahren Torfabbau war das Moor von 32 Hektar auf eine Fläche von 11 Hektar geschrumpft, von der Hochfläche verblieben nur 4 Hektar, die jedoch kein Torfwachstum mehr aufwiesen. Seit den 90er Jahren werden aufwändige Renaturierungsmaßnahmen betrieben wodurch in Teilen des Hochmoors eine neue Torfschicht von bis zu 10cm gebildet wurde. 1 Ab 1937 wurde Torf aus dem Roten Moor in Moorbäder in ganz Mitteldeutschland geliefert. Diese Moorbäder sollten gegen verschiedene Körperliche Leiden, wie zum Beispiel Rheuma, helfen. 61

Ansichtskarte aus dem Moorbad

Hinducket das Knäblein zage.

Torfbau im Roten Moor WilmaGutermuth, Archiv Gersfeld


Funde im Moor Archäologische Funde, die in den vergangenen Jahrzehnten im Roten Moor gemacht wurden geben Auskunft über die lange Siedlungsgeschichte der Region. In den 60er Jahren fand man im Rahmen des Torfabbaus ein Kugeltopf Gefäß (1) (Abb. 1) , eine der häufigsten Gebrauchskeramiken des Frühmittelalters. Aus der Zeit des Spätmittelalters wird einen Töpferei in direkter Nähe zum Moor vermutet, an deren Stelle man Scherben aus unterschiedlichen Tonsorten fand. Ausserdem entstammen viele mittelalterliche Tonfunde dem Gebiet des ehemaligen Dorfes „Rothenmoor“. (Abb.2 ) (2) Rund um das Rote Moor waren bis ins 19. Jahrhundert einige Tongruben angesiedelt, die den weißen Ton der Region abbauten. Diese wurden von der Bevölkerung „Weisse Erdlöcher“ genannt, der Abfluss der Grube wurde „Milchgraben“ genannt. Aus diesem Kontext stammt der Fund eines Pfeifenkopfes aus weissem Ton. (Abb.3) (3)

1

3

1

Jenrich, Kiefer, 2012 das Rote Moor, Ein Juwel in der Hochrhön, S. 46

2

Jenrich, Kiefer, 2012 das Rote Moor, Ein Juwel in der Hochrhön, S. 75/76

3

Jenrich, Kiefer, 2012 das Rote Moor, Ein Juwel in der Hochrhön, S. 132/33

2

62


Moore sind Klimaschützer Moore bieten nicht nur ein Habitat für viele bedrohte Arten, sie sind auch der effektivste Kohlenstoffspeicher aller Landlebensräume. Mit dem Ablagern organischen Materials während der Torfbildung wird auch der Kohlenstoff für Jahrtausende im Moor gespeichert. In Deutschland hat sich so über den Verlauf der letzten 11.000 Jahre ein gigantisches CO2 Lager aufgebaut. Moore binden insgesamt mehr CO2 als alle Wälder der Erde zusammengenommen! Werden Moore entwässert um zum Beispiel für die Landwirtschaft genutzt zu werden, gerät das CO2 mit Sauerstoff in berührung und wird so wieder freigesetzt. 1 Gleichzeitig wird aber auch das über 300 Mal klimaschädlichere Lachgas (N2O) in die Atmosphäre mit abgegeben. Deutschlandweit liegt die Freisetzung aller Moore bei etwa 31 Mio. Tonnen CO2-eq/Jahr 2 und liegt damit weltweit auf Platz zwei, noch hinter Russland, wo es weitaus größere Moorflächen gibt.

1

03.10.19, Der unterschätzte Klimaschützer https://www.nabu.de/ natur-und-landschaft/ moore/moore-und-klimawandel/13340.html

2

Deutsche Gesellschaft für Moor und Torfkunde e.V, 2008

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Landschaftswandel im Roten Moor

Klimatische Faktoren

Temperaturanstieg

Folgen

Niederschlagsrückgang bzw. Verschiebung Verdrängung bedrohter Arten durch Arten, die dem neuen Klima angepasst sind

Austrocknung des Moorkörpers > Brandgefahr steigt an

Anthropogene Faktoren

Lebensraum für bedrohte Arten wird zerstört

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Torfbildung kommt zum Erliegen > Co2 kann nicht mehr gespeichert werden > gespeichertes Co2 wird freigesetzt Torfentnahme Tonentnahme Landwirtschaftliche Nutzung Verdrängung bedrohter Arten


Experiment Anhand der im Moor gesammelten Proben habe ich zwei Versuchsreihen durchgeführt. Die Proben habe ich dazu in zwei Gruppen unterteilt: Pflanzensamples und (Torf) boden-Proben. Die erste Idee war mit den Proben bedrohter Pflanzenarten aus dem Roten Moor zu arbeiten, insbesondere der borstigen Schuppensimse, die als Pionierpflanze auf, sich im Renaturierungsprozess befindenden Moorböden, vorkommt. Die Spuren dieser Pflanzen durch Abformen, Abdrücken oder Eingießen „einzufangen“ und ihnen als Teil einer Gestaltung eine besondere Sichtbarkeit zukommen zu lassen war die Motivation der ersten beiden Experimente. (S. 48,49) Da mich die „Borstige Schuppensimse“ als Material nicht überzeugt hatte habe ich im zweiten Teil der ersten Experimente Reihe angefangen mit Torferde zu arbeiten und vom planaren, fast zweidimensionalen mehr ins dreidimensional objekthafte überzugehen.

8/Kap

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Frage

Material

Verfahren Abdrücken Aufgiessen

Wie können die getrockneten Pflanzensamples eine Oberfläche „informieren“?

Torfboden

Abformen

Lässt sich die Torferde abformen? Welche Effekte entstehen dabei?

Torfboden

Ausbrennen

Wie beeinflusst das Ausbrennen von Torferde aus dem Ton dessen Struktur?

Glasieren

Eignet sich die Torferde als Pigment zum Herstellen von Glasur?

Reihe 2

Reihe 1

Pflanzensamples

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Ergebnisse Die Pflanzenteile wirken im Ton zweidimensional und daher „dekorativ“. Material, Prozess und entstandener Effekt lassen sich nicht verknüpfen. Beim Abformen der Torferde entsteht eine lederartige Oberflächenstruktur, die jedoch die Ortsspezifik des Materials nicht abbildet. Durch Ausbrennen von, auf verschiedene Arten beigemischten, Torfanteilen entstehen interessante Strukturen, die „morbide“ wirken da sie das Material zu zerreissen/zerfressen scheinen. Das Pigment, welches aus der Torferde gewonnen wird erzeugt grünlich braune Verläufe unter der Glasur.

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Experiment Nr. 1

Spuren bedrohter Arten 1

Setup

Frage

Ergebnis

Die bedrohte Art der Schuppensimse wird auf verschiedene Arten in Ton und Gips abgedrückt, abgeformt etc.

Welche Spuren kann das Verwenden der Schuppensimse auf der Fläche erzeugen?

Die Pflanzenteile wirken im Ton zweidimensional und daher „dekorativ“. Material, Prozess und entstandener Effekt lassen sich nicht verknüpfen.

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Experiment Nr. 2

Spuren bedrohter Arten 2

Setup

Frage

Ergebnis

Halme der Schuppensimse werden in kliene Stücke zerschnitten und in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen der Porzellanmasse beigefügt.

Kann durch das beimischen kleinerer Partikel eine porösere, weniger kontrolliert und „oberflächlich“ wirkende Struktur entstehen?

Die Oberfläche der Keramik bleibt geschlossen. Zurück bleiben die Hülsen des verbrannten Materials im Inneren. Von Aussen ist jedoch kein Unterschied zu erkennen.

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Experiment Nr. 3

Moorschalen 1

Setup

Frage

Ergebnis

Ein Kegel aus Torferde wird in Gips abgeformt. Die entstandene Form wird gesprengt und mit weissem/roten Ton eingegossen.

Lässt sich die Torferde abformen?

Beim Abformen der Torferde entsteht eine lederartige Oberflächenstruktur, die jedoch die Ortsspezifik des Materials nicht abbildet.

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Wie verändet sich durch den Medienwechsel der Charakter des Kegels?


Experiment Nr.4

Moorschalen 2

Setup

Frage

Ergebnis

Torferde wird ungemischt zu Schalen geformt, geschr체ht und sp채ter hochgebrannt bei 1300 Grad.

Kann aus dem reinen Material der Torferde ein statisches Objekt geformt werden?

Die Schale h채t ihre Form wobei eine fast korkartige Struktur entsteht. Die Schwindung betr채gt dabei circa 50%. Glasiert ist die Schale recht stabil.

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Entwurfsansatz

1. Die Austrocknung der Moorlandschaft.

Nach Abschluss der ersten Experimente entscheide ich mich gegen die Verwendung von Pflanzen sowie gegen das Abformen und Abdrücken von den Materialien aus dem Moor in Ton und werde daher mich im Folgenden auf das Ausbrennen von Torferde aus Tonoberflächen konzentrieren. Ton und Torf, die dem Moor über Jahrzehnte von Menschenhand entnommen wurden zeugen von der langen wirtschaftlichen Nutzung des Gebietes. Der Torf wurde als Brennstoff teilweise zum Heizen der Öfen lokaler Töpfereien genutzt, in denen auch der weiße Ton der Region verarbeitet wurde. Torf und Ton bilden daher die Materialparameter meines Entwurfs.

Durch landwirtschaftliche Entwässerung und die globalen Klimaveränderungen trocknet das Moor zunehmend aus und wird so anfällig für Flächenbrände, die große Mengen des im Moorkörper gespeicherten Co2s freisetzen. Des Weiteren führt Austrocknung dazu, dass viele der hochspezialisierten Arten, die dort ihren Lebensraum haben, nicht mehr bestehen können. Dieser Prozess führt zu einer extensiven Veränderung der Flora und Fauna.

Der Entwurf eines Gefäßes soll eine Art Rahmen oder Bühne für die landschaftlichen Prozesse geben, die ich durch Ausbrennen immer größerer Mengen an Torf aus dem Ton des Gefäßes, sichtbar machen möchte. Als Gefäß habe ich den Typus eines im Roten Moor gefundenen mittelalterlichen Kugeltopfes gewählt. Dieser zeugt von der frühen Besiedelung des Ortes und steht so symbolisch für das Entstehen einer Kultur am Rande des Moores.

2. Die Wechselwirkungen und Abhängigkeitsverhältnisse die zwischen Kultur und Kulturlandschaft, Mensch und Natur entstanden sind und die Landschaft seither nachhaltig prägen.

In meinem Entwurf wird die glatte Oberfläche des Kugeltopfgefäßes durch Ausbrennen immer größerer Mengen von Torf immer mehr gebrochen. Es bilden sich Risse und Löcher an den Stellen, an welchen der beigefügte Torf herausgebrannt wurde. Der Torf wird im Verhältnis zur tatsächlichen Torfentnahme im Roten Moor und dessen Steigerung über die Jahrzehnte beigefügt. Dadurch wird der kontinuierliche Zerfall des Moorkörpers durch Entwässerung und Torfabbau ins Artefakt gebracht.

Das Gebiet des Roten Moores befindet sich seit dem Beginn seiner Besiedelung im steten Wandel. Konkrete anthropogene Faktoren wie Besiedelung, landwirtschaftliche Nutzung und Ton - und Torfabbau haben dazu geführt, dass die Torfbildungsprozesse, die diese regenerative Landschaft über Jahrtausende funktionsfähig gehalten hatten, schon bald zum erliegen kamen. Ziel meines Entwurfs ist es, die anthropogenen und klimatischen Kräfte , die zur Degeneration der Moorlandschaft geführt haben in einer Reihe von Artefakten verkörpern. Zentral stehen für mich dabei zwei Aspekte:

Zeugen dieser Wechselwirkungen sind zum Beispiel die Siedlung Moordorf, die speziell zur Bewirtschaftung der Flächen gegründet wurde, lokale Tongruben, Töpfereien und Glaswerkstätten, aber auch vom Menschen angesiedelte Tier- und Pflanzenarten und archäologische Funde, die jahrhundertelang im Moorkörper konserviert wurden. 9/Kap

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Das Ausbrennen des Torfes zersetzt das Gefäß während den beiden Brennvorgängen der Keramik strukturell wodurch das Objekt letztlich seine Funktion verliert und zerbricht. Der Entwurfsansatz bildet die dritte Eingrenzung der Fragestellung, und fügt der bisherigen Themenstellung „Ecological Grief - am Beispiel des Roten Moores“ einen weiteren Parameter hinzu. Die neue Fragestellung lautet daher: „Ecological Grief“ am Beispiel des Roten Moores: Wie kann Landschaftswandel durch eine Reihe von (Trauer-) Objekten verkörpert und kommuniziert werden?

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Herstellung von Keramik in den umliegenden Töpfereien Torfsoden* als Brennstoff

Kultur

Ökonomie

Konzeptparameter

Kugeltopf-Gefäß: Archäologischer Fund im Roten Moor aus dem 11. Jahrhundert Wurde zum Kochen und aufbewahren von Lebensmitteln verwendet Vermutlich lokal unter Verwendung der beiden Rohstoffe Ton und Torf hergestellt

* Genormte Torfblöcke

Kann durch die Entnahme der Rohstoffe kein Wasser mehr speichern. Sobald kein Wasser mehr gespeichert wird trocknet der Moorkörper aus, die Torfbildung kommt zum Erliegen.

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Artefakt

Landschaft

Eine der häufigsten Frühmittelalterlichen Gebrauchskeramiken und so eine Art „Massenprodukt“

Ermöglicht der Archäolgie Einblicke in das Leben der Menschen in der Region des Roten Moores Gefäß als Artefakt: Kann seine Funktion nur unversehrt erfüllen. Bilden sich Risse und Löcher wird der Gegenstand obsolet.


Entwurfsparameter

Als Grundparameter für den Entwurf habe ich Torf als Material in auslösender Funktion, die Struktur als „Produkt“ und das Gefäß als „Träger“ gewählt. Metaphorisch steht der Torf für die Entnahme des Rohstoffs und so für den Raubbau an der Landschaft. Die Struktur zeigt den damit einhergehenden, immer stärker sichtbaren, Zerfall. Das Gefäß als „Kulturobjekt“ fasst diesen Prozess kontextuell ein und deutet so auf den Einfluss des Menschen als formende Kraft hinter diesen Prozessen hin. In meinen weiteren Experimenten der Reihe Nr. 2 soll es darum gehen, anhand dieser Parameter eine Reihe von Gefäßen zu gestalten.

Torf

Indem ich die Parameter unterschiedlich ins Verhältnis setze soll eine Art „Verlauf“ entstehen. Dieser Beginnt mit dem unversehrten Gefäß. Im Laufe der Serie wird dem Ton immer mehr Torf beigemischt und später ausgebrannt. Dadurch entstehen rissig poröse Strukturen, deren Erscheinung assoziativ an trockenen Erdboden verweist. Dieser Prozess erstreckt sich über mehrere Gefäße, dessen Ende der Zerfall und damit die funktionale Obsoleszenz des Gefäßes markiert.

Struktur

Beigefügte Menge 1 2 3

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Ausprägung

Gefäß Funktionalität


Diese Erkenntnis führte mich zu der Frage der Bestandteile des Torfbodens, die zu den interessanten farblichen Veränderungen führen, die ich nach dem ersten und zweiten Brand fesstellen konnte. Um mehr über diese kleinsten Bestandteile des Materials herauszufinden habe ich daher eine weitere Experimente Reihe durchgeführt, in der ich aus getrocknetem Torfboden gewonnenes Pigment als Grundlage für eine Glasur verwendet habe.

10/Kap

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Frage 2

Bald stellte sich mir jedoch die Frage, auf welche Art die Torferde aufgetragen werden müsse um so eine größere Varianz in den Stukturergebnissen erzielen zu können. Dafür habe ich Torf durch Aufstreuen, Aufgießen und Beimischen dem Ton beigefügt.

Frage 3

In meiner zweiten Experimente Reihe fokssiere ich mich auf die Verwendung von Torf als Zusatz in Gießton um so die im Entwurfsansatz bereits beschriebenen Zersetzungsstrukturen im Ton zu schaffen. Da ich keinerlei Erfahrungswerte mit Ton als Werkstoff hatte waren viele Experimente nötig um einen Einblick in die Prozesse zu gewinnen, die bei der Arbeit mit Ton ablaufen. Auch die Arbeit mit der Torferde führte zu vielen überraschenden Einsichten. So war ich besonders überrascht darüber, dass der Torf auch bei 1150 °C nicht gänzlich verbrennt und sein Erscheinungsbild im Verlauf der beiden Brennvorgänge jeweils stark verändert ohne ganz zu verschwinden.

Frage 1

Experimente Reihe 2 Wie verändert sich das Erscheinungsbild und die Struktur der Torferde im Verlauf der beiden Brennvorgänge? 1

Farbliche Veränderungen

2

Strukturveränderungen

Welche Technik eigenet sich am Besten um dem Gießton die Torferde beizumengen? 1

Aufstreuen

2

Aufgießen

3

Beimischen

Kann das Torfpigment Bestandteil einer Glasur werden? Welche Effekte entstehen?


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1150°C

Aus diesem Experiment heraus habe ich angefangen mit Glasuren zu experimenteren, um so die Erdrückstände fixieren zu können und die farbigen Effekte die dabei entstehen vielleicht für den Entwurf nutzen zu können.

Ungebrannt

Zu Beginn meiner Versuchsreihe war ich davon ausgegangen, dass nach dem Brand lediglich die Struktur im Ton verbleiben würde und die Erde gänzlich verbrannt sein würde. Tatsächlich bleiben nach dem Schrühbrand bei 900 °C noch relativ viele, nun rötlich gefärbte, Rückstände die eine Korkähnliche Anmutung haben. Im zweiten Brennvorgang habe ich daher versucht, diese Rückstände durch eine transparente Glasur zu fixieren. Nach dem zweiten Brand bleiben so noch einige Klumpen erhalten, die nun wieder eine dunkelbraune Färbung angenommen haben. Um die Klumpen herum bilden sich teilweise leicht grünliche Schlieren.

900°C

Wie verändert sich das Erscheinungsbild und die Struktur der Torferde im Verlauf der beiden Brennvorgänge?

Aufstreuen

Frage 1

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Frage 2

Um Strukturen zu schaffen die nicht rein an der Oberfläche liegen sondern sich durchs ganze Objekt ziehen eignet es sich daher am Besten, dem Ton die Torferde beizumischen und zu verstreichen. So entstehen Risse und Löcher an der Aussenseite des Gefäßes, auf der Innenseite bilden sich Auswölbungen, die als Hülle der herausgebrannten Erde zurückbleiben.

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Eingießen Beimischen

Um Strukturen im Ton zu schaffen, habe ich verschiedene Techniken zum Aufbringen der Erde in den Ton ausprobiert. Zuerst habe ich die Torferde auf den nassen Ton aufgestreut. Es entstand eine „schwammartig“ wirkende Struktur, die jedoch recht zweidimensional wirkt. Beim Eingießen vorher in der Form platzierter Erde enstehen schon größere Vertiefungen, die je nach Volumen der Erdteile auch die gesamte Tonfläche aufbrechen können. Beide oben genannten Techniken eigenen sich jedoch nicht zur Anwendung im Gefäß, da durch das aufstreuen nur Strukturen an der Innenseite geschaffen werden können und das Platzieren der Erde in der Form vor dem Eingießen nur auf planaren Flächen möglich ist.

Aufstreuen

Welche Technik eigenet sich am Besten um dem Ton die Torferde beizumengen?


Frage 3 Kann das Torfpigment Bestandteil einer Glasur werden? Welche Effekte entstehen dabei?

Torfpigment

Für meine Moorglasuren habe ich getrocknete Torferde in einem Mörser zerstoßen. Das Torfigment wird mit einer Schicht transparenter Tonglasur überzogen. Ab einer Brenntemparatur von 1150 Grad Celsius zerfließen die einzelnenen Bestandteile des Pigments und es bilden sich braune und grüne Schlieren. An der Glasur finde ich spannend, dass sie das Erdpigment in seine kleinsten Teile aufschlüsselt und diese so sichtbar macht. So ist im Moorpigment wahrscheinlich ein Kupferanteil vorhanden, der für die grünen Färbungen verantwortlich sein könnten. Interessant aus gestalterischer Sicht ist auch, dass die Glasur der Farbpalette des Moores ähnelt und so die Farben des Moores im zweiten Brand wieder ans Objekt bringt.

80


Wie verhält sich die Glasur auf gekrümmten Flächen?

Im nächsten Schritt sollte die Glasur auf ihr Verhalten beim Auftrag auf einer gekrümmten Fläche überprüft werden. (siehe Kugeltopf 1, Seite 84 ) Dafür habe ich verschiedene Techniken Glasurauftrags wie pinseln, tropfen oder tauchen, sowie vollflächige und patielle Glasur ausprobiert. Dabei hat sich herausgestellt, dass die Glasur in einer recht dicken Schicht aufgetragen werden muss, damit das Pigment darunter ausreichend sichtbar wird. Dadurch entstehen jedoch „Flecken“ und Ränder auf der Innenseit des Gefäßes, die durch das Durchdrücken der Glasur durch die Tonwand entstehen.

81


Variante 2

Die Herausforderung im Entwurf des Kugeltopfes, auf dessen Körper sich meine Experimente abspielen sollten, lag für mich darin die Urtypologie des im Roten Moor gefundenen Topfes nur minimal zu verändern, und dabei trotzdem eine Abstraktion zu schaffen. Ich habe aus diesem Grund zuerst die Hauptcharakteristika herausgearbeitet: Boden, Bauchige Form, Kragen. Um einen ersten Abstraktiongrad zu schaffen, habe ich eine Kante eingezogen, die den am weitsten gewölbten Punkt des Gefäßes markiert. Im Folgenden habe ich durch das Versetzen dieser Kante verschiedene Proportionsverhältnisse ausprobiert.

Variante 3

Kugeltöpfe sind Gefäße mit bauchiger Gefäßkontur und einem runden Boden. Die Meisten weisen zudem eine teilprofilierte Randlippe (1) am oberen Gefäßrand auf. Sie sind der häufigste Gefäßtypus des Mittelalters, in manchen Regionen war er sogar fast einziger Keramiktypus seiner Zeit. Die Gefäße wurden allzweckmäßig für die Lagerung von Lebensmitteln und zum Kochen verwendet. (2) In den 60er Jahren fand man im Rahmen des Torfabbaus im Rotem Moor ein solches Kugeltopf Gefäß. (3)

Variante 1

Formfindung

Ausserdem habe ich verschiedne Kragenformen gebildet, die ich jeweils archäologischen Referenzen entnommen habe. Die drei Haupttypen (gewölbt, abgewinkelt, gerade) habe ich mit unterschiedlichen Schrägen und Längen durchgespielt.

Joachim Jenrich

11/Kap

82


°

.00

60

°

.00

70

1 Steier, 1973 2 Gross, 1991 3 Jenrich, Kiefer, 2012

Ulrich Grupen

83


114

130

130

Nach einem Gespräch mit dem Töpfermeister Rangvald Leonhardt von Atelier Stückwerk Jena wollte ich den gebildeten Varianten eine entnehmen die möglichst schlicht gehalten ist, damit die Strukturen, die sich 135 auf der Oberfläche abspielen sollen, Raum135 zum Wirken haben. Ausserdem wollte ich der Form aus Stabilitätsgründen einen minimalen Standfuß geben. Dabei ist dieser erste Entwurf entstanden. (Abb. 1)

114

Kugeltopf 1

115

115

Durch Fehler im Gießprozess bzw. beim Abdrehen der Form entstand jedoch eine deutlich gedrungenere Fom mit größerer Standfläche. (Abb.2) Ich wollte meine Strukturversuche jedoch so bald wie möglich im Objekt überprüfen und habe daher vorläufig mit dieser Form weitergearbeitet. Da die Herleitung vom Kugeltopf jedoch zu unklar schien habe ich mich dazu entscheiden noch eine Phase der Variantenbildung zu durchlaufen.

Abb.1

84

Abb.2


Test 2

Test 1

Vor dem SchrĂźhbrand

85

Nach dem SchrĂźhbrand

Nach dem Hochbrennen




Ulrich Grupen

Variante 3

Nach einigen Versuchen habe ich mich für eine Variante entschieden, die den runden Boden konsequent übernimmt und einen Kragen andeutet. Dieser weist jedoch nur im Übergang von Volumen zu Kragen den Radius des Originals auf, und läuft stattdessen nach oben hin gerade aus. Dieser Typus ist auch bei einigen Keramikfunden vertreten, unter anderem bei einem Topf aus dem spätsächsischen Gräberfeld von Rulsdorf. Der Kugelform habe ich einen tieferen Schwerpunkt gegeben, der durch eine Kante markiert wird. So kann das Gefäß trotz Rundboden frei stehen. (Abb.1)

Variante 2

Im zweiten Schritt der Variantenbildung wollte ich nun nicht mehr mit den einzelnen Merkmalen des Kugeltopfes arbeiten, sondern seine Geometrie grundsätzlich dekonstruieren. Dabei habe ich die einzelnen Geometrien des Kugeltopfes extrahiert und wieder durch das Einziehen von Kanten Varianten generiert.

Variante 1

Kugeltopf 2

Hornig, 1993

88


Abb.1

89


Herausforderungen im Prozess Im Umsetzungsprozess der zweiten Kugeltopf Form haben sich einige Herausforderungen ergeben. Allen voran stößt die Größe der Form und das damit einhergehende Gewicht an die Grenzen des händisch machbaren. Daher habe ich mich dazu entschieden, das Positiv aus PU Schaum zu fräsen statt die Form an der Drehscheibe abzudrehen. Mehr als 9 Liter Ton sind nötig um den Hohlraum in den fertigen Negativform ganz auszufüllen. Daher muss der Ton vom Tisch aus in die, auf einem Stuhl stehende, Form gegossen werden. Hat der Ton angezogen wird der Eimer vom Tisch auf den Boden gestellt und der Ton aus der Form durch abrollen über die Stuhlkante zurück in den Eimer gekippt. Beim Präparieren der Form mit Torferde muss sehr schnell gearbeitet werden, was durch die kleine Öffnung erschwert wird. Die Erde wird daher mit einem langstieligen Gummispachtel aufgetragen und die Form daraufhin so schnell wie möglich mit Ton ausgegossen. Die wohl größte Herausforderung ergab sich jedoch daraus, dass die Brennsteine der werkstatteigenen elektrischen Brennöfen durch das Verbrennen der organischen Bestandteile beim Schrühbrand beschädigt werden könnten. Für das Ausbrennen von organischem Material eignen sich Gasöfen sowie Elektro-Öfen mit Abzug. Auf Nachfrage bei der Töpferinnung Thüringen habe ich den Kontakt von Bürgel Keramik erhalten, wo ein selbstgebauter Gasofen vorhanden ist. Da dort aber nur selten gebrannt wird ergibt sich ein Zeitproblem. Ausserdem wird dort nur direkt bei 1200 Grad Celsius gebrannt, was ein Glasieren der Stücke unmöglich gemacht hätte. Eine weitere Option boten die Werkstätten von Kahla Porzellan GmbH, die sich letztendlich dazu bereit erklärten, den Schrübrand der Gefäße zu übernehmen. 90

Giessen der Form

Form mit Toneimer vor dem ersten Guss.

Zwei Gefässe, bereit zum Transport.


Umsetzung

Guss

Im Verlauf der finalen Umsetzungsphase habe ich vor Allem daran gearbeitet, die zuvor am kleineren Modell getesteten Strukturen in den zweiten Entwurf zu überführen. Durch verschiedene Mengen beigesmischter Torferde habe ich versucht unterschiedliche „Zersetzungsstufen“ zu erreichen. Die ersten vier Gefäße wiesen ein sehr ähnliches Maß an Durchbrechungen der Oberfläche auf. Das Vorkommen von Durchbrechungen lässt sich nur schwer kontrollieren. Durch eine minimale Veränderung im Torfauftrag im Inneren der Form entstanden jedoch später zwei Gefäße , deren Oberflächen deutlich Stärker von Strukturen durchzogen sind. Für den weiteren Verlauf war es im nächsten Schritt notwendig, alle Gefäße so schnell wie möglich zu schrühen um noch genügend Zeit zu haben verschiedene Möglichkeiten im Glattbrand auszuprobieren.

Ausstreichen

12/Kap

Aufgießen

91

Ausgießen


Entformen

Trocknen

92


93




Umsetzung Um Verhalten und Wirkung der Glasur auf auf einer gebogenen Fläche zu überprüfen habe ich einige Testschalen gegossen. (1) Dafür habe ich eine größere Menge Pigment in die Schale gegeben und diese dann mit Transparentglasur ausgeschwenkt. Leider reisst dabei die Glasur an den Stellen, wo sich Pigment darunter befindet. Trotzdem wollte ich das Experiment nochmal an einem der Kugeltopf Gefäße durchführen. Da eine größe Menge Glasur nötig ist um das Gefäß damit auszugießen, fällt es schwer eine dünne Schicht zu erhalten. (2) Das Ergebnis des zweiten Tests waren daher Glasurspuren an der Aussenseite des Topfes, (3) die durch Durchdrücken der Glasur durch die Wandung entstehen. Auch hier reisst die Glasur zudem durch Pigmentanhäufungen. (4) Aufgrund der dicken Schicht Glasur musste ich das Gefäß zudem auf seinem Rundboden stehend brennen, was zu einem starken Abflachen des Bodens führt.

96

Glattbrand


4

1

3

2

97


1150°C 98


99


1050°C



°C 1150 1050

Glasur

Oberfläche

Größe

Farbliche Veränderungen entstehen

Rau, Steingut ähnliche Textur, sehr stabil & fest, grau bis grünlich gefärbt, keine Torfrückstände in Struktur sichtbar

Da die Temparatur über den Brennbereich hinausgeht ist die Schwindung maximal.

Temparatur zu niedrg , Glasur nicht möglich

hellbeige, gelblich gefärbt mit roten Torfrückständen in der Struktur. Wirkt fragil leicht „kreide-ähnlicher“ Haptik.

Schwindung deutlich geringer

102


Ergebnis

Aus meiner Auseinandersetzung mit dem Roten Moor als bedrohte Landschaft entstand eine Reihe von acht Tongefäßen. Sie erzählen durch, Form, Herstellung und Material die bewegte Geschichte des Moores und zeigen seine fortwährende Bedrohung durch Austrocknung. In der Reihe angeordet bilden sie eine Installation, die den Zerfall des Moores durch Austrocknung und Rohstoffabbau aufzeigt.

Peatland Forensics, Ausstellungsansicht

13/Kap

103

Zusätzlich habe ich einen Faltplan entworfen, der ähnlich einer Karte meinen Weg durch das Moor und die wichtigsten Fakten zu Moorlandschaften im Allgemeinen vermittelt. Um die Installation in einem breiteren Kontext zu verorten habe ich ausserdem meine Interviews zu Ecological Grief in einem Booklet zusammengefassen. Sie geben so einen Einblick in das persönliche Erleben von Ecological Grief einer größeren Zahl an Einzelpersonen.


Recherche (Rotes) Moor

104

Faltplan


„Conversations on Ecological Grief“

105

Booklet


Kontext?

Rückblick

Zuletzt bleibt die Frage nach der konkreten Verortung meines Projekts. In welchem Rahmen sollte die Installation erfahren werden und welche Potenziale ergeben sich dadurch für den Betrachtenden?

Der Begriff „Ecological Grief“ war der Ausgangspunkt meines Projekts. Beginnend mit der Frage nach neuen Trauerkulturen in Zeiten drastischer Verluste von Umwelt war mir schnell klar, dass es einer Eingrenzung bedurfte um dieses große Thema überhaupt fassen zu können.

Die Folgen der Klimakrise sind derzeit zwar Thema vieler Ausstellungen, Medialer Berichterstattung oder Symposien, jedoch sind solche Beiträge meist stark in einem bestimmten Bereich des Themenkomplexes verhaftet. So können wir zum Beispiel im Naturkundemuseum über das Aussterben von Arten lernen und in Galerien künstlerische Kommentare bestaunen. In meinem Projekt habe ich versucht eine Schnittstelle zu bieten. Durch die gestalterische Aufarbeitung konkret geo-wissenschaftlicher Fakten und das Zusammentragen subjektiver Perspektiven auf das persönliche Erleben der Klimakrise versuche ich einen Bogen vom global faktischen zum emotional individuellen zu schaffen. Das Moor als Schauplatz einiger konreter Auswirkungen der Erderwärmung wird durch die Gefäße in den Ausstellungsraum getragen und haptisch erfahrbar. Gleichzeitig lenken die Gefäße als kulturelle Artefakte auch den Blick auf die Rolle des Menschen im klimabedingten Landschaftswandel. Als Teil der Ausstellung zum Beispiel eines Naturkundemuseums, könnte die Installation so die dargestellten Inhalte in einen breiteren Kontext überführen und einen Anstoß für die eigene Reflexion bieten.

14/Kap

106

Aufgrund meiner persönlichen Faszination für die Moorlandschaften und deren unterschätzte Bedeutung für den Klimaschutz fiel die Wahl auf das Rote Moor in der Rhön. Die Frage die ich mir zu diesem Zeitpunkt stellte war: Kann ich durch eine tiefere Beschäftigung mit einem bedrohten Ort das Gefühl von Hilflosigkeit und Überforderung als Ausdruck von Umwelttrauer, der durch die Globalität der Klimakrise hervorgerufen wird, kanalisieren? Vor Ort wollte ich mir ein eigenes Bild davon machen, was es bedeuten kann um eine bedrohte Landschaft zu trauern und welche Aspekte in diese Trauer hineinspielen. Einen weiteren Teilaspekt von Ecological Grief stellen Schuldgefühle ob des menschlichen, und unvermeidbar eigenen, Beitrags zur Klimakrise, dar. Diesem Aspekt wollte ich durch die Analyse der anthropogenen Faktoren nachgehen, die den Landschaftswandel im Roten Moor über die Jahrhunderte vorangetrieben haben. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind in den Gestaltungsprozess der Kugeltopf-Gefäße eingeflossen und informieren diese teils abstrakt in Material, Typologie und Anmutung. Obwohl die entstandenen Gefäße niemals die direkte Konfrontation mit dem Ort ersetzen können glaube ich, dass sie es ermöglichen das komplexe Geflecht aus Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur auf einer haptischen und visuellen, vielleicht poetischen Ebene erfahrbar zu machen und so motivieren könnten, selbst aktiv zu werden.


Rücklickend haben für mich vor Allem zwei Aspekte Charakter und Verlauf des Projekts geprägt. Über die gesamte Zeit stand das Experiment mit den Materialien aus dem Moor im Vordergrund meiner Exploration. Die Keramik war für mich ein komplett neuer Werkstoff der mir viele neue Perspektiven eröffnet hat. Ich habe nicht nur Fortschritte in meinem Entwurfsprozess gemacht sondern gleichzeitig Schritt für Schritt Fähigkeiten in Formenbau und der Arbeit mit Ton erworben. Spannend war auch das Experiment mit dem Torf, da ich hier eigene Arbeitsweisen finden musste und so einiges „absichtlich falsch“ machen musste. Darüber hinaus war es mir wichtig in einem kontinuierlichen Diskurs mit mir selbst eine Haltung zum Thema Ecological Grief zu finden und gestalterisch Position im Komplex Klimakrise zu beziehen. Gerade der ständige Wechsel von Theorie und Praxis, von Denken und Fühlen hat für mich dabei eine wichtige Rolle gespielt. Durch das prozesshafte Arbeiten in der Werkstatt konnte ich meine Thesen und Ideen immer wieder dezidiert am Objekt hinterfragen und überprüfen. Da mein Prozess bis zuletzt investigativ und offen gehalten war sind die Gefäße die entstanden sind das natürliche Resultat dieses Prozesses und kein Abbild einer ursprünglichen Idee. Diese Art sich einem Entwurf zu nähern hat sich für mich als sehr wertvoll herausgestellt. Generell habe ich durch meinen Prozess drei hauptsächliche Erkenntnisse gewonnen. Zuerst: Ecological Grief ist real. Unser Wissen um die potentiellen Folgen der Klimakrise beeinflussen auch unsere Psyche. Und da Ecological Grief eine reale Form von Trauer ist wird sie, wie jede andere Form der Trauer, von jedem Menschen unterschiedlich erfahren und durchlebt. 107

Das Ergebnis meines Projekts stellt meine eigene Auseinandersetzung mit Ecological Grief dar. Das Ergebnis ist daher keine allgemeingültige Anleitung zum Umgang mit diesem Phänomen. Für mich selbst habe ich herausgefunden, dass dem Gefühl von Machtlosigkeit, das sich im Hinblick auf die schier unlösbar komplexen Probleme der globalen Klimakrise ergeben, durch die tiefere Beschäftigung damit begegnet werden kann, was man persönlich fürchtet zu verlieren. Trauerarbeit bedeutet für mich, sich auf eine neue Art und Weise mit dem auseinanderzusetzen was verloren ist. Durch den Tod können wir die Vergangenheit des Verlorenen Subjekts oder Objekts erst in Gänze begreifen, ein vollständiges Bild kann entstehen. Dieser Prozess bietet Raum, eine neue Beziehung zum Verlorenen einzunehmen und das Vergangene und die eigene Rolle in dieser Vergangenheit zu reflektieren. So kann aus jedem Ende Neues entstehen.


Ausblick

Support your local Planet

Wie geht es nun weiter? Ausgehend vom Stand meiner Arbeit bestehen für mich weiterhin zwei Bedarfsfälle, die Potential für Weiterentwicklung bieten. Zuerst steht die Aufgabe das Thema Klima und Psychologie generell weiter im öffentlichen Diskurs zu verankern. Die Verbreitung und Rezeption des Begriff Ecological Grief ist seit Oktober letzten Jahres stark im Wandel begriffen. 2018 hielt es die Psychologin E. Matthies noch für eine „Sackgasse“, sich mit Ecological Grief auseinanderzusetzen. Die Konfrontation mit dem Leid Anderer würde eher eine negative Form des Mitgefühls auslösen, so die Argumentation. (1) Seither hat sich Einiges getan. Im November 2019 verabschiedete die Bundespsychologenkammer eine Resolution (2) in der Ecological Grief als dringend anzugehende psychologische Herausforderung deklariert wurde. Durch kürzlich erschiene Berichte in bekannten Medien wie dem Vice Magazin (3) wird dem Thema zudem eine nie dagewesene Sichtbarkeit zu Teil. Der Wandel der Sichtbarkeit führt mich zu meinem nächsten Punkt. Zu Anfang des Projekts war ich mir sehr unsicher darüber, ob so etwas wie Ecological Grief überhaup existiert. Um Landschaften zu trauern schien mit anthropomorph und vermessen. Erfahrungsberichte anderer Personen waren nicht zu finden. Erst durch den Austausch mit Anderen bakam das Thema für mich eine breitere Legitimierung. Aus diesem Grund wäre es für mich zu Beginn meiner Arbeit undenkbar gewesen konkrete Anwendungen, etwa einen „Guide“ oder eine Art „Therapietool“, zu entwickeln. Vielmehr musste ich erst meine eigne Art finden, damit umzugehen. Aufbauend auf meinem heutigen Stand würde ich es jedoch als sinnvollen nächsten Schritt betrachten meine erarbeitete Methode auf andere Fälle übertragbar zu machen und so konkrete Anwendungsszenarien zu schaffen.

Die Arbeit an meinem Bachelor Projekt hat mich im Laufe dieses Semesters zu einigen Einsichten geführt.

108

Die wichtigste davon: Mit der Trauer um unseren Planeten, irrationale Ängste vor der „Dersertification“ Brandenburgs oder der Hilflosigkeit beim Einkaufen und der Urlaubsplanung stehe ich nicht alleine da. Fast alle Personen mit denen ich im Laufe meiner Arbeit gesprochen habe teilen ähnliche Erfahrungen. Sich mit ihnen auszutauschen hat nicht nur mein Projekt vorangebracht sondern auch mir persönlich gezeigt, dass diese Gefühle legitim sind. Und dass wir sie teilen und kommunizieren müssen! Denn so werden aus irrationalen Horrorszenarien interessante Gespräche bei denen klar wird, dass Alle etwas haben, worüber sie viel mehr wissen als die Meisten, für das ihr Herz schlägt und das es gilt zu beschützen support your local planet! Dabei können wir lernen, dass es nicht immer sinnlos sein muss im Kleinen anzufangen sondern dass genau dort wo so viel kulturelles und lokales Wissen vorhanden ist, wo wir anfangen uns für die Orte einzusetzen, die uns geprägt haben und die für uns ein Stück Identität bedeuten, große Veränderung stattfinden kann.

1 Götze, 2018 2 Bühring, 2019 3 Halser, 2020


Zur Co2-Bilanz Das Moor setzt durch Torfabbau, der Torf selbst durch Verbrennung Co2 frei. Die Frage, warum ich dennoch als Teil meines Entwurfs Torferde verbrenne liegt daher nahe. Auch der Einwand ob ich die selben Effekte nicht auch durch das Beimischen klimafreundlicheren Materials hätte erreichen können liegt auf der Hand. Ich habe deshalb versucht den „Klimaschaden“, der durch die Verbrennung von Torf in meinem Projekt entsteht in Zahlen zu skizzieren. Brennstoffe: Die meisten gängigen Brennstoffe erzeugen Co2-Emissionen, das Ausmaß hängt jedoch von der Art des Brennstoffs ab. Holz ist ein potentiell nachwachsender Rohstoff. Würde nur so viel Holz verbrannt, wie auch nachwachsen kann wäre die Nutzung Kohlenstoffdioxidneutral. Der Torfkörper wächst jedoch deutlich langsamer als ein Wald und ist damit den fossilen Brennstoffen zugeordnet. Beim Verbrennen von Torf werden 0,38 kg Co2/kWh frei. Zum Vergleich: Beim Verbrennen von Holz entstehen 0,39 kg Co2/ kWh.(1) Beim Verbrennen von 10 kg Torf werden ca. 18kg Co2 frei (2), bei 10 kg Holz sind es ebenfalls ca. 18kg (3). Der Unterschied liegt daher klar im Faktor Nachhaltigkeit. Denn die Torfschicht eines gesunden Moores wächst nur ca. 1mm im Jahr, wird dem Moor Torf entnommen wird das Wachstum zudem verlangsamt oder insgesamt unterbrochen. Eine Birke wächst dagegen bis zu einem Meter pro Jahr in die Höhe. Trotz Allem lohnt es sich, die Werte ins Verhältnis zu setzen.

Die ca 200 km weite Autofahrt ins Moor hat inklusive des Rückwegs bereits 53,4kg Co2 in die Atmosphäre abgegeben, was einem halben Tank Benzin entspricht. Torf und Autofahrt zu kompensieren würde laut Atmosfair einem Betrag von 1,50Euro kosten. Mir war es wichtig mit dem Material zu arbeiten, dessen jahrhundertelanger Abbau diese nützlichen und wundeschönen Landschaften zerstörten. Durch die Verwendung entsteht so für mich eine Ehrlichkeit, die mich auch im Prozess immer wieder zu Reflexion und einer maßvollen Verwendung des Werkstoffes angeregt hat. Als Remeniszenz des Roten Moores werden durch die Verwendung des Torfes zudem kleine Mengen dieser sterbenden Landschaft in den Gefäßen aufbewahrt.

Foto: Ariana Zilliacus 1 Quaschning 2015 2 Käppeli, 2011 3 Eichberger, 2016

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Quellen B Barrzisowitz, C., 2000, Sadness - Is there such a thing? Handbook of Emotions, Lewis/Jeannetti,Havland-Jones, New York, London

E

Bodea, D. F. 2013, Trauer: Einblick in die Rituale der Trauerkultur im Christentum Herausforderungen für die Pflege“, Wien

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Jonas Korn 1. (LF) Kurz zu meiner Bachelorarbeit: Ich fange gerade erst an zu recherchieren und befasse mich aber grundsätzlich mit dem Thema Ecological Grief, einem Begriff der relativ neu ist und bisher hauptsächlich im Bereich der Psychologie besprochen wird. Prinzipiell beschreibt der Begriff psychische Belastungen, hervorgerufen durch den Klimawandel. Diesem Phänomen wurde jetzt eben vor Kurzem ein Name gegeben, damit man darüber reden kann. Andere Begriffe die Ähnliches beschreiben sind zum Beispiel „Eco Anxiety“ oder „Ecological Dispair“. Als Symptom der Klimakrise ist Ecological Grief meiner Meinung nach bisher im öffentlichen Dialog unterrepräsentiert, möglicherweise weil das Thema zu individuell scheint. Im Endeffekt ist es aber eher ein kollektives Phänomen. Trotzdem ist Ecological Grief bisher kaum gesellschaftlich anerkannt, weil es oft als emotionales Gedusel oder Esoterik abgetan wird. Ich möchte aus meiner Position als Gestalterin das Phänomen kontrovers beleuchten und die Frage stellen ob es Möglichkeiten gibt Ecological Grief als Transformator für positives Handeln oder eine tiefere kollektive Beschäftigung mit dem Thema Klimakrise zu nutzen. Im heutigen Diskurs spielen ja oft apokalyptische Szenarien eine Rolle und auch generell wird das Thema sehr zukünftig behandelt obwohl die Klimakrise ja auch schon jetzt real ist. So bin ich dann auf dich als Interview Partner gekommen. Jetzt also mal ganz unverblümt zum Anfang: Was denkst du denn zu Allem was ich dir gerade erzählt habe? (JK) Ich habe mir dazu auf jeden Fall auch schon Gedanken gemacht. Ich beobachte wie der Diskurs geführt wird und mit welchem Endzeitvokabular er geführt wird. Und natürlich wie diese Endzeit dann tatsächlich beschrieben wird. Hast du dich schon mal mit Harald Welzer beschäftigt? Als Professor und Publizist sieht er diese Endzeitstimmung sehr kritisch und hält die Art wie der Diskurs geführt wird für zu negativ und dadurch kontraproduktiv. Natürlich sieht er auch die Probleme die da sind, befasst sich aber eher mit den positiven Potentialen dazu. Zum Beispiel als Teil seiner Arbeit für die von ihm gegründete Stiftung „Futur 2“ wo versucht wird dort anzusetzen wo es schon positive Beispiele gibt.

Anstatt also immer nur zu sagen wie schlimm alles ist zeigt er lieber auf wie viele Leute es gibt die schon erfolgreich Dinge umsetzen, zum Beispiel Communities, Unternehmen etc. In diesen Bereichen gibt es schon viele Beispiele für nachhaltigeres Handeln. Seine These ist also: Wir müssen gar nicht alles neu erfinden sondern nur beobachten wer was bereits macht. Der Name der Stiftung, „Futur2“, bedeutet ja „Wir werden gemacht haben“, und in diesem Sinne ist ihre Aussage, dass es viele gute Ansätze schon gibt von denen wir lernen können. Die Stiftung gibt auch in regelmäßigen Abständen einen Zukunftsalmanach heraus also eine Art Auflistung von coolen Projekten die es schon gibt. Für ihn bedeutet nachhaltiges Handeln Strukturen zu entwickeln die eine lange Ausdauer haben. Wir müssen also jetzt nicht alle Freunde werden sondern nur so leben, dass wir das für die nächsten 1000 Jahre so machen können. 2. (LF) Gibt es denn dann keine Ideen für den Long Run die über das tägliche Klein-Klein, ob Plastiktüten nun verboten werden oder nicht, hinausgehen? (JK) Nein es geht eben viel mehr darum das KleinKlein anzuerkennen als super Impulse, gerade nicht die Lösung für Alles zu suchen und Diese vielleicht an die Politik abzutreten, sondern dass gerade die kleinen Initiativen wichtig sind. Denn gerade in den Nischen wird schon ausprobiert was im Mainstream noch gar nicht angekommen ist, was aber super dafür geeignet wäre. 3. (LF) Aber ist dieses Thema von Apokalypse dann überhaupt Teil des Diskurses in der Zukunftswissenschaft? Welche Schwerpunkte gibt es und welche Diskurse werden gegenwärtig geführt? Gerade wird in den ja mal wieder deutlich mehr über die Zukunft berichtet als es noch vor einigen Jahren der Fall war oder?


(JK) Ja ich habe auch den Eindruck, dass momentan viel über Zukunft gesprochen wird und vielleicht auch gerade ein bisschen „en vogue“ ist. Viele werben ja auch mit Zukunft, ob ihr Angebot nachhaltig ist oder nicht. Man kann ja auch mit zukünftigen Märkten oder der App der Zukunft werben. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass das was beworben wird auch mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Jan Hölscher spricht zum Beispiel davon, dass die Zukunft etwa alle 60 Jahre Konjunktur hat, das war das letzte Mal in den 60ern so und ist nun wiedergekommen. Damals ging es viel um Sci-Fi und Zukunftsbilder, mit Leuten im Rolli die in Raumschiffen leben. Das gab es zu Anfang des 20. Jahrhunderts auch nochmal, damals gab es als interessantes Beispiel „Atlantropa“, eine Idee des „Münchener Kreis“, einem Kreis von Intellektuellen die sich überlegt habe dass man um ein gewisses Gleichgewicht zwischen Amerika und Asien in der Welt herzustellen, Europa und Afrika zusammenlegen müsste um gemeinsam das 3. große Gewicht in der Welt zu bilden. Das wäre dann Atlantropa. Dafür sollte das Mittelmeer trockengelegt werden, durch den großen Damm in Gibraltar, und so würden die Kontinente verschmelzen. Afrika würde dann europäisch zivilisiert und so würde Atlantropa in deren Vorstellung also zu einem guten Kontinent. Das ist natürlich aus heutiger Sicht kritisch zu sehen. 4. (LF) Das erinnert mich an Le Corbusiers Idee, ganz Paris zu planieren. Oder Utopien von Haus Rucker Co. mit ihrer Vision vom Leben in der Bubble in den 70er, 80er Jahren. Das erinnert mich auf eine gewisse Art an die Emotionalität mit der das Thema Zukunft heute auch wieder besprochen wird. (JK) Ja da hast du recht. Ich glaube der Faktor Nachhaltigkeit ist aber heute erstmalig dazugekommen. Apokalypse und Nachhaltigkeit werden zum ersten Mal zusammen gedacht. Heute hat man den menschengemachten Klimawandel und dass der Mensch der entscheidende Faktor dafür sein kann, ob die Welt so wie wir sie kennen weiterbesteht oder nicht ist auch eine recht neue Einsicht. Das ist eine Herausforderung die es vorher noch nie gab, was auch erklärt warum das Thema vielleicht länger braucht um bei den Leuten anzukommen

Obwohl es die Nachhaltigkeitsdebatte ja auch schon seit den 70ern gibt. Das gab es zum Beispiel den „Club of Rome“, der eine bekannte Publikation nämlich „Limits to growth „ herausgegeben hat. Sie haben damals schon prognostiziert, dass es wenn wir weiter so wirtschaften wie jetzt, es mit der Welt zu Ende geht. Sie haben dann verschiedene Szenarien aufgestellt und gezeigt: „wenn wir dies und jenes tun landen wir möglicherweise da“ und haben damit eigentlich schon gut aufgezeigt was die Probleme sind. Das Thema existiert also schon seit 50 Jahren, dass es jetzt aber so ankommt im Mainstream ist relativ neu. Und die Dramatik die dem Ganzen beigefügt wird ist auch irgendwie neu. Bis ins 20. Jhdt. musste der Mensch ja noch auf irgendeine Art und Weise in der Natur bestehen, jetzt hat er sich seine Welt geschaffen, von sich selber für sich selber, nicht ganz unabhängig von der Natur aber die Natur so diszipliniert und in Form gegossen, dass wir den maximalen Nutzen daraus ziehen können. Vorher war man froh wenn die Ernte gut lief und die Wettergötter einem gut gesonnen waren. 6. (LF) Ich hatte letztens auch den Gedanken, dass man ja oft als Individuum danach strebt einen utopischen Zustand zu erreichen. Im gesamtgesellschaftlichen Rahmen wäre das dann der Glaube an Innovation und Technik, dass Alles möglich ist und dass dann irgendwann der Punkt kommt an dem das was man sich vorgestellt hatte so mehr oder minder erreicht ist. Man könnte behaupten: heute haben wir alles was wir brauchen und jetzt stellen wir uns sozusagen die Frage „warum wollte ich das Alles eigentlich, was passiert jetzt und war das eigentlich so gut?“ (JK) Jein, vieles dessen, was erreicht wurde ist ja, bei aller Kritik, ziemlich angenehm. Es ist nicht schlecht anzuerkennen, dass ich zum Beispiel in Sicherheit im Krankenhaus geboren wurde, dann in eine Wohnung gezogen bin die schon da stand, dann vom Staat BAföG bekommen habe und um zu studieren, und so weiter. Trotzdem habe ich natürlich viel am Ist-Zustand auszusetzen. Utopie ist ja der „Nicht-Ort“ daher wäre eine umgesetzte Utopie ein Paradoxon. Eine Utopie kann nie erreicht werden.


7. (LF) Jetzt aber nochmal zurück zur Mensch gemachten Natur.Da gibt es ja seit nicht all zu langer Zeit den Begriff des „Anthropozän“. (JK) Genau der Gedanke des „Anthropozän“ ist recht neu.Trotzdem glaube ich, dass es immernoch ein Nischenphänomen ist. 8.(LF) Ecological Grief hat ja auch immer damit zu tun, dass Menschen Angst haben ihren Ort, ihre Heimat, die Landschaft mit der wir uns identifizieren zu verlieren, was natürlich auch paradox ist, denn diese vermeintlich unberührte Natur mit der wir meinen aufgewachsen zu sein ist ja auch in vielen Fällen vom Menschen gemacht, wie der Schwarzwald zum Beispiel. Die Frage ist dann ob man wirklich um die Natur trauert oder ob diese Natur in der man ja meistens garnicht wirklich lebt erst in dem Moment wieder wichtig wird, in dem wir unseren Lebensstandard und unsere Existenz durch dieses abstrakte Phänomen Klimawandel bedroht sehen. Die romantische Perspektive auf die Landschaft verliert man zwangsläufig. Wenn wir plötzlich nicht mehr im Schema von „Die Biene mag ich weil die nützt mir und die Wespe find‘ ich nervig“ denken können, sondern herausfinden, dass es eben niemanden gibt der die Pflanzen bestäubt wenn die Biene nicht mehr da ist,wird das Thema nämlich schnell auch für uns existenziell. Da berührt die „Natur“ dann plötzlich direkt deine eigene Lebenswelt. Aber das ändert sich ja gerade, auch viel durch Dokumentationen. Auch dass wir mehr und mehr Zusammenhänge erkennen die zwischen größeren Konstrukten wie der Wirtschaft und unserem eigenen Privatleben bestehen. Dass eben der Borkenkäfer doch irgendwie auch mit dir zusammenhängt und du eben Teil eines großen Systems bist. Dazu braucht es aber Menschen die dir diese Geschichte erzählen und so greifbar machen. 9.(LF) In der Kunst spielt ja auch gerade die Idee von „Interspecies Relations“ eine immer größere Rolle. Dass man den Menschen als Teil eines großen Ganzen begreift und nicht mehr den Menschen gesondert von der Natur betrachtet. Es ist gewissermaßen ein Bruch mit dem anthropozentrischen Weltbild.

Auch dass der Mensch sich nicht aus bloßer romantischer Verbundenheit die Natur zu schützen entscheidet, sondern existenziell davon abhängt ob er diese schützt oder nicht, spielt da mit rein. Es ist auch eine Art neue Bescheidenheit des Menschen gegenüber der Natur. (JK) Das ist ja auch interessant wenn man sich anschaut welche Monokulturen wir aufgebaut haben, die sich weit fernab dieser Idee eines interkonnektiven Systems befinden. Wenn du aber alles was am Wegrand wächst entfernst, weil das deinen Mais gefährdet, schadest du dir damit im Endeffekt selbst. Oft wird dann auch ein bestimmtes Tier als vermeintlicher Übeltäter deklariert. In China wurden zum Beispiel unter Mao Zedong alle Spatzen ausgerottet weil diese für die Zerstörung der Felder verantwortlich gemacht wurden. Da sollten dann als eine Art Teamgeistbildenden Maßnahme alle Spatzen so lange ermüdet werden, bis sie nicht mehr können. Als dann aber alle Spatzen ausgerottet waren wurde die Ernte im nächsten Jahr von Insekten aufgefressen. Danach wurden dann in einer großen Maßnahme die Spatzen wieder angesiedelt. 10. (LF) Menschen nutzen also für gut oder schlecht ihre unbestreitbare Macht über die Natur. Interessant ist, wie wir dadurch auch auf gewisse Weise die Zukunft kuratieren. In Naturkundemuseen wird ja gewissermaßen auch nur das präpariert, was uns im Hinblick auf die Zukunft als relevant erscheint. Im Tierschutz wird eine gewisse Rangordnung aufgestellt, nach der wir entscheiden welches Tier wir zuerst vor dem Aussterben schützen. Denn neben all den niedlichen Tieren die ausgestorben sind, sind ja auch noch etliche weitere Arten ohne großes Aufsehen mitverschwunden. Dazu fällt mir das Projekt „2 Archen“ ein, da werden Pflanzensamen gesammelt aber eben auch eingefrorene Eizellen und Spermien von Tieren. Vor Kurzem habe ich ausserdem eine Doku gesehen in der berichtet wurde, dass 70 Prozent aller Nutztierrassen vom aussterben bedroht sind. Weil nur noch industriell gezüchtet wird, nur noch die Hochleistungsrassen. Alle Anderen, die es in den letzten 500 Jahren gab, sind dann überholt und sterben aus. Deshalb machen sich Menschen zur Aufgabe diese Arten für die Zukunft zu bewahren.


(JK) Hast du ausserdem mal vom Rebound Effekt gehört? Wenn dir nachhaltigere Alternativen vorgeschlagen werden, zum Beisiel „fahr doch lieber mit der Bahn statt zu fliegen“ kann das dazu führen, dass du eine Art Rechnung aufstellst und nachdem du ja nun mit der Bahn gefahren bist, dir jetzt das Grillsteak kaufst. 11. (LF) Nochmal zur Zukunft: Vor einiger Zeit hat ja der Text Deep Adaptation ziemlich viel Aufsehen erregt. In dem Text argumentiert der Autor Professor Jem Bendell, dass angesichts des rasant fortschreitenden Klimawandels weniger Energie auf das Aufhalten ebendieses verwendet werden sollte, sondern stattdessen Lösung gesucht werden sollte wie wir in Zukunft mit unserer neuen Lebensrealität umgehen sollten. Extinction Rebellion geht davon aus, dass falls wir es nicht schaffen die 1.5 Prozent Erwärmung zu halten, das als Todesurteil für die Menschheit gesehen werden kann. Kann man unter solchen drastischen Vorhersagen überhaupt noch an eine Zukunft glauben? (JK) Meiner Meinung nach müssen wir wegkommen vom „oder“ und uns mehr dem „und“ zuwenden. „Sollen wir den Klimawandel auf individueller oder gesellschaftlicher Ebene angehen?“ Ich finde wir sollten beides tun. Oft werden Dinge gegenübergestellt die gar kein Widerspruch sein müssen, sondern wunderbar Hand in Hand gehen könnten. 12. (LF) Wir sollen uns also auf die Apokalypse vorbereiten und gleichzeitig hoffnungsvoll an Lösungen für die Zukunft schmieden? (JK) Naja das sind ja zwei extreme Positionen und in Extremen findet man sich nur sehr selten wieder. 13. (LF) Welche Möglichkeiten habt ihr denn dann als Zukunftswissenschaftler dieses ganze Spektrum an möglichen Ausgängen zu beleuchten? (JK) Wichtig beim Sprechen über die Zukunft sind für uns die verschiedenen Zeiten. Wenn wir über die Zukunft sprechen, können wir versuchen über eine Zukünftige Gegenwart zu sprechen: „was wird sein in 2030?“.

Und das wird dann ganz automatisch zu einer gegenwärtigen Zukunft. Denn diese Zukunft die wir uns überlegen besprechen wir gerade in der Gegenwart.Wir beschreiben also niemals das, was in der Zukunft passieren wird, sondern unsere gegenwärtige Vorstellung davon was kommen könnte. Es gibt auch vergangene Zukünfte, zum Beispiel Utopien die es mal gab. Oder die zukünftige Vergangenheit, das ist das was wir jetzt erleben, aus den Augen eines Menschen der auf unsere Gegenwart zurückblickt, betrachtet.Wichtig ist auch immer die Zukunft so einzugrenzen dass wir nicht pauschal von der Zukunft 2050 sprechen sondern von einem spezifischen Feld, von einer Person, einem Unternehmen, einer Gesellschaft, einem Land... Zweitens können uns Methoden helfen die Zukunft „vorherzusagen“. Da gibt es zum Beispiel die „Delphi Methode“, eine Art der ExpertInnen Befragung, die mehrere Runden hat und versucht den Einfluss sozialer Interaktion auf die eigene Meinung bestmöglich auszugrenzen. Diese verschiedenen Meinungen werden dann gemittelt, in der zweiten Runde wieder allen Teilnehmern vorgelegt und gefragt, ob die Experten ihre Meinungen aufgrund dieser neuen Information nochmal anpassen wollen. Schlussendlich soll nach mehreren Runden ein möglicher Konsens entwickelt werden. Beim Erstellen der Fragen sind dabei besonders auch Zeithorizonte wichtig so zum Beispiel: „Die Welt geht unter: A2020? B:2070?“ Dann gib es die „Szenarien-Methode“ bei der verschiedene Ausgänge nebeneinandergestellt werden. Dabei wird von Anfang an angenommen, dass es nicht die eine Zukunft gibt sondern dass es auf viele Arten laufen kann. Wichtig hierbei sind sogenannte Schlüsselfaktoren, die unter einander kombiniert werden um so setzkastenartig zu interessanten Szenarien zu gelangen. Diese Szenarien sind dann Grundlage dafür zu diskutieren, welche Maßnahmen daraus resultieren sollten. Es ist ein Prozess, Zukünfte so greifbar zu machen, dass wir für unsere Gegenwart Schlüsse daraus ziehen können. Beide Methoden gehören der „Explorativen Zukunftsforschung“ an bei der die Wünschbarkeit erst nach und nach dazukommt. Dann gibt es noch die „Zukunftswerkstatt“, das ist ein Workshop Format in dem in einem mehrschrittigen Prozess versucht wird Maßnahmen zu finden die einem helfen, dem was man sich wünscht näherzukommen. In der ersten Runde dürfen Alle aufzählen was sie stört am Status Quo; für dein Thema könntest du da zum Beispiel mit der „Angstphase“ anfangen.


Diese diversen Punkte werden dann geclustert und gebündelt um zu abstrakteren Aussagen zu kommen. In der 2. Phase geht es um Utopien oder Phantasien. Dabei werden die vorher genannten Kritikpunkte einfach umgekehrt und so ideale Ausgänge produziert. In der 2. Phase kannst du dir wirklich dein eigenes Schlaraffenland malen bevor in der 3. Phase geschaut wird wie wahrscheinlich diese Utopie ist und was wir dafür tun können um Dieser näherzukommen. Um einen Bogen zu deinem Thema zu schlagen könnte man zum Beispiel schauen:“ was sagt die explorative Forschung wie es kommen soll und welche Zukunft wünscht sich die normative Forschung?“ Vielleicht kann man so diese Zukunftsangst oder Trauer in Aktion umwandeln. 14. (LF) Trauerrituale sind ja auch genau wie die Zukunftswerkstatt ein sozialer Prozess, dessen Rahmen öffentlich ist und bei denen es grundsätzlich um die Überwindung der Trauer und das Weitermachen geht. (JK) In der Psychologie gibt es auch die kognitiven Dissonanzen. Du gehst mit einem bestimmten Mindset in die Welt und wenn du dort auf Dinge triffst, die mit dem was du glaubst, nicht zusammenpassen dann musst du entweder die Information die du kriegst wieder so anpassen, dass sie in dein Bild passt oder du musst dich selbst so anpassen, dass das was du neu lernst dazu passt. Letzteres ist natürlich deutlich anstrengender. Und so kommt es dazu, dass Menschen den Klimawandel lieber leugnen als sich den Tatsachen zu stellen. Das kann sogar in den „Backfire Effekt“ ausarten, dass wenn du jemanden mit neuen Informationen konfrontierst die nicht in dessen Weltsicht passen, Dieser seine Ansichten als Resultat sogar eher noch radikalisiert. 15. (LF) Beim Thema Ecological Grief dreht es sich wohl eher um Verdrängungsmechanismen.Ich glaube nämlich, dass man um diesen Gefühlen, die in der Gesellschaft offensichtlich schon weit verbreitet sind, Raum zu geben eben auch anerkennen müsste, dass es schlechter aussieht als wir es gerne hätten. Vielleicht brauchen wir im Hinblick auf dieses Thema eine Art Raum, der es ermöglicht ein Stück weit Legitimation durch Normalität und Sichtbarkeit zu schaffen. Nehmen wir zum Beispiel den Hambacher Forst.

Dieser Kampf um den Wald wurde ja sehr emotional geführt und um was dort getrauert wurde waren nicht die paar übrig gebliebenen Bäume sondern unsere Realität, die uns in eine falsche Richtung steuert. Warst du eigentlich mal dort? Ja ich war sogar ein paar Mal dort und meiner Meinung nach wurde dort sehr positiv an das Thema herangegangen. Die Menschen dort handeln nicht aus Trauer sondern aus Radikalität und aus zivilem Ungehorsam. Sie wollen nicht etwas verhindern, sondern etwas schaffen. Da gibt es viele verschiedene Ebenen, der Baum selbst ist nicht nur ein Stellvertreter sondern auch als Objekt selbst erhaltenswert. Natürlich spielt auch der symbolische Charakter eine Rolle. Was ich ziemlich stark fand war ein Interview mit einer Aktivistin, die dort raus gezogen wurde und weint. Sie wird gefragt ob sie glaubt, dass jetzt alles verloren ist und sie sagt, nein sie sei stolz auf sich und ihre MitstreiterInnen. Also sehr positiv. 16. (LF) Aber die Bilder die Einen dort erwarten sind ja schon eher bedrückend oder? Ich habe mich schon etwas niedergeschlagen gefühlt als ich an der Abbruchkante stand und mir das Ausmaß der Grabungsarbeiten angesehen habe. (JK) Ja stimmt allerdings weiß ich nicht ob Trauer eine geeignete Ressource für Energie sein kann. Aber natürlich fand ich es auch sehr bedrückend. Dann sitzt du da und verteidigst den Wald und die Polizei steht dir gegenüber und versucht dich wegzubekommen, damit Die weiter baggern können. Ich habe mich dann eher gefragt wie können Die das denn vor sich rechtfertigen? Aber eine Welt ohne Menschheit ist ja super denkbar und die Apokalypse ist ja auch nicht der Untergang der Welt, sondern nur der Untergang der Menschheit. Und wenn wir jetzt so große Angst davor haben dann ist das immer die Angst vor der Ausrottung der Menschheit. 17. (LF) Wenn wir jetzt die Apokalypse allerdings nochmal aus der Diskussion herausnehmen gibt es ja tatsächlich Orte oder Teile der Natur die für einen Menschen sehr identitätsstiftend sein können. Wenn ich jetzt in einem menschengemachten Wald aufgewachsen bin ist das trotzdem die Landschaft mit der ich mich identifiziere.


Wenn jetzt der Wald immer wieder vernichtet nicht, von Schädlingen oder immer extremer werdenden Wetterverhältnissen bedeutet das, dass ich langfristig meine Heimat verliere und dass damit verbunden vielleicht sogar mein Lebenentwurf nicht mehr möglich ist weil ich Förster bin. Die Trauer, die bei solchen Menschen auftritt bezeichnet man dann als „Solastalgie“, einer Art von Heimwehgefühl das auftritt, obwohl die Person sich eigentlich zuhause befindet. In diesem Fall verändert sich die eigene Umgebung so drastisch, dass wir sie nicht mehr erkennen können. (JK) Da ist man vielleicht als Zukunftsforscher manchmal ein bisschen blind für die Gegenwart. Und diese persönlichen Bezüge die jetzt gerade bestehen sind natürlich sehr interessant. Die Frage ist, hab ich sowas auch? Ich glaube eigentlich nicht. Aber eigentlich müsste dieser Wolfsdiskurs ja auch interessant sein für dich oder? 18. (LF) Ja stimmt, der Wolf ist ja ein paradoxes Beispiel. Auf der einen Seite wollen wir ihn unbedingt zur Erhöhung der Artenvielfalt wieder in den Wäldern haben, auf der anderen Seite reißt der Wolf eben unsere domestizierten Tiere wie zum Beispiel Schafe. Vielleicht als abschließende Frage, wie stehst du denn nach unserem Gespräch nun zum Thema Ecological Grief? (JK) Ich glaube ich komme immer aus der menschlichen Perspektive. Ich finde die Biene für die Biene toll aber eben auch die Biene für den Menschen. Den Wald als Wald aber gleichzeitig auch als Lieferant von Rohstoffen. Interessant wird es dann bei einem Schneeleopard, der auf den ersten Blick jetzt wenig mit mir zusammenhängt. Dazu kann ich mir keine Geschichte erzählen. Ich bin kein Freund von Verzweiflung und Trauer. Sie motivieren mich auch nicht etwas zu tun oder etwas anders zu tun.

Viel erfolgreicher bin ich glaube ich darin, positiv und Menschensozial zu denken. Aber als letzten Punkt der auch für dich interessant sein könnte: Bis in die 80er haben die Menschen immer geglaubt, dass ihre Kinder eine bessere Zukunft haben werden als sie selber. Das hat sich mittlerweile umgekehrt. Menschen denken sie können in so eine Welt doch keine Kinder setzen und das arbeitet natürlich auch in mir. Aber der Gedanke der Apokalypse ist als isolierter Gedanke einfach fehl am Platz. Oftmals wird davon ausgegangen, dass die Welt untergeht und dann ist es mit uns zu Ende aber so ist es ja auch nicht. Da spielen ja auch noch viele Aspekte hinein wie Macht, Kapital, Ressourcenverteilung etc. und wenn die Lebensbedingungen schwieriger werden überleben eben die Reichen und diejenigen die es jetzt schon schwer haben trifft es dann besonders hart. Meine Motivation ist da eher ein Gerechtigkeitsgedanke. Und dass eben die klimatischen Veränderungen die sozialen Probleme noch verschärfen sehe ich als großes Problem.


Sophia Schultz Rocha Sophia Schultz Rocha is a Colombian-American filmmaker, photographer, and artist born in Sarasota, Florida. She is currently based in Oakland, California. Through film, photography, alternative photo processes, filmmaking, and sculpture her work addresses intergenerational memory and healing as a collective tool. She is interested in the human relationship to nature within and outside of an urban setting while understanding the body as an archive and reactor to the environment. She has been an artist in residence at ZKU- Zentrum fßr Kunst und Urbanistik Berlin during Summer 2019, showing her new film during the open house in August this year. 1. (LF) Could you tell me a little bit about your background? What did you study, and what got you into art? (S S-R) I actually studied anthropology mainly focusing on cultural anthropology, and I did my thesis on herbal activism and solidarity. I worked with an activist that offered free herbal health care and free first aid to mainly homeless people in downtown Orlando, Florida. So I guess I have a very nontraditional route to art. 2. (LF) So are you all self-taught? (S S-R) Exactly, but I was always into photography and film-making. 3. (LF) You said you wrote your thesis about herbal activism.What do you mean by that? (S S-R) Herbal activists are people that offer free care using plant medicine, and their way of offeringis very much outside of the traditional medicine field so its more about sharing knowledge and consent, to actually care about someone not like in our industrialized medical system.Generally I think the approach to herbalism in Germany is much different, because here it’s much more common to buy herbal medicine at the pharmacy whereas in the US that never happens.

4. (LF) So you were always interested in natural connections in a way? Is that how you got interested in the topic of reconnecting ourselves to nature? (S S-R) Yeah, I think it was 5 years ago when I got interested in herbal medicine and was starting to teach myself and learn from others. My thesis was the more academic side of it. I have been taking photos since I was a teenager and throughout my time taking photos I always gravitated towards taking photos of people in nature, and I kind of got more serious about that a couple of years ago, with a series of photos of women and non-binary people in nature, in Florida. I was very interested in how people feel when they are in nature.How it feels like to just get out of society in a way and to reconnect with plants. 5. (LF) How do you feel about your own connection to nature then? If you’re always observing people in nature and placing people inside nature, what is your personal feeling about it? I would like to say that I try often to get connected to nature. Its definitely hard sometimes but I think I have noticed just for my own wellbeing, living in California, usually once or twice a week I need to drive to the mountains and take a long hike just by myself to slow down. But I think doing this work and research has made me notice nature even when I am walking to the U-Bahn looking at the plants around me, to pay attention to them more and appreciate them more. 6. (LF) Do you think your working process is a way for you to connect with nature? What do you want to achieve with the work that you do? Do you want the actors in the work to reconnect or do you want to raise awareness generally? (S S-R) I think its both. In a lot of my processes I really like to focus on the people that are in the work because I want them to feel comfortable and to have a good experience.


I think its important to me how their experience is and to build relationships while being in nature has been very impactful, sometimes maybe even more than how good the photo was, in the end. Showing the work, my goal is for people to connect, and to recognize some things that they already do or things that they could incorporate in their own life. But I feel at least through the art world it’s sometimes hard because the people that view your work are a very specific part of the population and maybe sometimes people get it because they are part of the art world and sometimes they don’t get it. I think you just never know what connects with people. 7. (LF) So probably its an approach to get people reflect more on the topic than to actually reconnect through watching the film right? (S S-R) Yes, the film I made just before the restoration one has a more dark and anxious outlook on society and it was sort of a Post-apocalyptic film. So I think I really start with the feeling that people associate with this event and turn that into the feeling that you get while watching the film. Watching the film made you very anxious, just seeing why this Apocalypse happened.For example through climate disaster, industrialization or natural disasters...The new film I made, the restoration one definitely had a more calm and meditative feeling to it which I really wanted, to go more into a positive outlook, because I think with climate disaster there is just so much intensity and sadness that I think it’s easy just to freak out and don’t know what to do and while I think necessarily sitting within nature isn’t going to solve the climate disaster I think just to reconnect with nature can be a first step. To acknowledge nature as a living being. 8. (LF) Does the different outlook you chose for each of the films reflect on the feelings you had before starting them? What motivated you to do it? It’s very interesting to me because my topic is very much about the sadness as well, and I am trying to give it a more positive turn in the end.

But of course personally I started from a point where I felt that I was growing a little bit anxious, questioning all of my behavior, and that I was constantly just adding to the problem.Do you think you were in a similar situation when you made the first film? And did this emotional state change over time until you made your second film? When I was researching for the first film, there were all these fires in Northern California.The fires actually burnt down an entire city which, paradoxically, was called paradise, and that toxic smoke from the burning houses and cars came down to where I was living in the bay area and it sat on top of us for two and a half weeks. And during that time the air was so toxic that everyone had to walk around with a mask. You couldn’t even walk outside.Just walking from the house to the car you would have to wear a mask, and even when you were driving. So it felt already like this could become the reality on a daily basis and it has become more frequent since then. So, dealing with that really intense time inspired me for sure. But I honestly didn’t do so much research about climate change until this summer, when I started reading more and more books. And the research that I have been doing was leading to the latest film, which is more about the intersection of climate change and activism, rather than purely science. I was more interested in artists that are working in the community. Alongside that, I got very into learning about speculative fiction, science fiction, but more intersectional, and kind of just thinking about how we could re-imagine our future. So in a way, this film is me trying to re-imagine what our relationship with plants could be like, and what the future could be like in just this tiny little way. 9. (LF) So do you think making the films was a way for you to process? (S S-R) Yes definitely because it’s easy for me to think that everything is awful. I think it’s important to see how important things are, but not if they make you give up, so I guess that was me empowering myself to say,” no this is what I want and this is how it could be for everyone”.


10. (LF) You said, that when you were picking the plots for the film you wanted to actually know the plants in those areas. How is that important to you and how does it play a role in the your work? (S S-R) I think its more that I want to know what plants there are in order to know what I am including in the film, more for the context of it. It’s more a way to make sure that I have more meaning behind it, but I think at least for this film it was very interesting filming in Berlin because of the history, and just talking to people I didn’t realize how even in the natural areas the ground is very toxic from all the bombing. Even filming in Grunewald next to Teufelsberg and to learn that this mountain was formed by all the bombed houses. So I think in this way the place is really important. I like nature areas of which you maybe can’t tell that they are in the middle of the city, but that still have some familiarity. So in all places where I filmed, people were swimming or hiking or just walking around, so those are the plants that people do see, at least in Berlin, everyday. 11. (LF) I think it was quite funny that you chose to come to a place that you didn’t know so well, and with probably way less biodiversity than in the place where you come from, to make this film. Why did you come to this huge metropolis to make a film about nature? (S S-R) I mean, there are some similarities, but I notice people here really let the plants grow wild, it kind of feels like a urban jungle at times. I think a lot of times people try to capture the presumingly „untouched“ nature which obviously can’t really exist so I thought it was quite nice that you chose these places which are still in the city, thereby admitting that the nature that we see is so influenced by us that it would be an illusion to think that we could find the „raw“ nature. I am also wondering if we would actually want that? Because I think as soon as humans arrived on the face of the earth they started to influence the natural environment quite a lot. I am reading a book right now which is called „The world without us“. I haven’t finished it yet, but every chapter is about what would happen if, all of the sudden, all the humans in New York city were gone. How long it would take to get back to what it was.

And the author keeps saying that, you know, eventually it would get back to what it was, but humans have made such an impact, that our traces will stay, and that we can’t go back completely. We can only go forward. Also I think if you put things into perspective and look at how long we actually have been around, things just got bad in the recent past. The short time that everything has taken can be shocking but also motivating, thinking that it hasn’t been that long, and that it’s still not too late. 12. (LF) Yes I think for me that is actually a calming thought. I also wanted to talk to you about the term „species loneliness“. I learned about it just recently from your work description and I wanted to ask you how you connect the term to the film and how you define it for yourself? (S S-R) I learned about the term through the book „Braiding Sweetgrass“, and I think it just put a term to something that I already felt, but couldn’t name it. So for me it comes from a frustration.Like, that I still don’t know the name of some plants that I see everyday, or feeling afraid and disconnected from the natural world around me. I know that there is a similar term about loneliness from technology which has the same idea of not knowing how a computer or a phone works.I think for me it was just about feeling disconnected and not sure of plants and everything around me. I think for a lot of my work it’s not the main topic, but its one of the underlying themes thatI want to keep working with. The scene that was connected to species loneliness was the scene of “looking” with Kate because I wanted to visualize what it feels like to be walking around and not focusing on the plants or not even acknowledging the nature around you. I wanted to make a reversal of that and look into ways that you can reconnect with nature, so I looked at “feeling” and “holding”, because I wanted it to be more of a nurturing position. Holding plants in the way of really taking care of them. So even just spending time noticing the plants around you and looking at them because they are all so different and beautiful. I talked to Jai from Perennial Institute Berlin about listening to plants. They do a lot of work with slowing down and noticing the natural world around. They invite different artists and academics to do workshops.


Jai is really interested in listening to plants and drawing them. The final part of “speaking” to plants was more me getting a little creative with it and trying to figure out a common language with plants. It was a playful way to explore how we could communicate with them. And finally through “teaching” and “following” I wanted to combine all these techniques and show that plants could actually be our teachers. Looking at how they communicate and grow as alternatives for our own systems. 15. (LF) Do you have any plant, animal, or landscape that would make you very sad if it would vanish? Is there something particular that you would like to save? (S S-R) I feel very connected to a lot of spaces, but i think it comes back to where I grew up and what was important to my family. I grew up in a small town in Florida called Sarasota, and I grew up sailing a lot. There is a little bay there which is connected to the gulf of Mexico. I think that bay is really important to me, and all the wildlife that I got the chance to sail around, like dolphins and sea turtles. It is also surrounded by mangroves so these mangroves are also very important to me, because that was my childhood. My family is from Columbia and there is this really big natural area outside the capital and there, very high up in the mountains, is where water naturally collects which is the water source for the whole city. It’s just one of the most beautiful places. It’s so calm and you can see deer and bears there. But it is a highly protected place because it’s so important for the whole ecosystem. I think it goes back to family and history in a way. I get very emotional being in natural areas. (LF) I just asked you that question because researching about ecological grief, I came to ask myself what I would be mourning for specifically, and what was so important to me. What I maybe already miss. I think for everyone there is that tiny thing they feel very connected with. (S S-R) The last time I was in Florida was just before I came to Berlin swome months ago.

I was with my Mum and we were walking along the bay, just talking about red tile which is an algae virus which kills a lot of plants but also animals and it had been really bada year ago. You could’nt go swimming and there were so many large see animals dying. They figured out, that why it was happening so bad was, that there was a chemical leak of pesticides from farms. So you couldn’t walk on the beach for six months because it was covered in dead fish. That was very heartbreaking but now the water is fine again and the fish are coming back. And when we were walking there my mum said to me that all my memories were in this water and that this is just how landscape can hold so much memories for yourself and your community. It holds so much history, which is also something I am quite interested in. 15. (LF) I even think that this could be a sort of narrative to show people who don’t feel like they are connected to nature at all that even they have memories engraved in the landscape. It would be interesting o talk to many people about this because everyone in the area might have their memories within the same bay but for everyone the relationships are different. One last question I wanted to ask you is this: Do you have plans for a new work and what you want to do in the future? ( S S-R) I want to make a guide or a booklet that leads into a series of workshops or lectures about envisioning the future, calling it visionary practice, but kind of more rooted in nature and thinking about the future, while going through this climate disaster. I am also hoping to be writing more and talk to other people, and to make something from that. Not coming from an Utopian or Dystopian standpoint but just giving people the space to think about how things could really change. I think that’s very important.


Laura Warneke Laura Warneke hat Psychologie in Potsdam und Jena studiert. Derzeit ist sie Therapeutin in Ausbildung. Sie lebt in Berlin. (LW) Du hast mir erzählt, du beschäftigst dich mit Ecological Grief. Wie definiert sich denn dieses Gefühl von Verlust, als Teil von Ecological Grief? (LF) Oft trauert man um Landschaften und Tiere mit denen man sich verbunden fühlt weil man vielleicht Erinnerungen damit verknüpft. Wenn sich diese Landschaften dann so verändern, dass sie nicht mehr wiederzuerkennen sind kann es sein, dass man depressiv wird. Als prominentes Beispiel werden oft die Inuit genannt, denen im wahrsten Sinne des Wortes das Eis unter den Füßen wegschmilzt. Damit sehen sie ihre gesamte Lebensgrundlage und Kultur bedroht. (LW) In solche Prozesse sind ja immer viele Faktoren involviert. Zum Einen ist da die massive ökologische Ausnutzung, der Kapitalismus; Depressionen kommen dann vielleicht durch ein Gefühl von Machtlosigkeit. Die ganzen Naturkatastrophen die in den letzten Jahren immer häufiger geworden sind schlagen sich auch in der Psyche der Menschen die diese Katastrophen erleben wieder. Eine Depression hat dann vielleicht aber nicht nur mit dem Klimawandel zu tun sondern auch mit Sinnlosigkeit, Kontrolllosigkeit und so weiter. Da spielen immer viele Punkte zusammen. 1. (LF) Wie würdest du als Therapeutin damit umgehen, wenn du einen Fall von Ecological Grief vor dir hättest? (LW) Ich glaube man muss ausdifferenzieren was man selbst tun kann und wo man eine gewisse Kontrolllosigkeit akzeptieren muss. Mann kann die Klimakrise ja nicht rückgängig machen, deshalb kann man nur überlegen wie es weitergehen kann. Und da könnte man dann von sich selbst ausgehen und gewisse Dinge umstrukturieren um so einen Teil dazu beizutragen, dass es besser wird.

Aber dass man als Einzelperson die Welt nicht retten kann muss man lernen zu akzeptieren. Generell gibt es in der Therapie aber nie eine Allgemeinformel. 2. (LF) Gibt es denn psychologische Modelle die das verdeutlichen können? (LW) Meistens zeigen psychologische Modelle multi-kausale Zusammenhänge auf, also dass viele Faktoren sich gegenseitig begünstigen. Eigentlich wird garnicht von einer Kausalität ausgegangen sondern angenommen, dass viele Faktoren zu einem Outcome führen können aber man kann nie sicher sagen ob dieser auch wirklich eintritt. 3. Werden Gefühle in der Psychologie bewertet? In der Verhaltenspsychologe gibt es den Ansatz, dass die Bewertung eines Gefühls eigentlich erst dazu führt, dass es als negativ wahrgenommen wird. Kognition und Emotion beeinflussen sich ja stark. Du hast einen Gedanken, den du bewertest. Das führt dazu, dass du dich so oder anders fühlst. Und das wiederum wirkt sich dann auf dein Verhalten aus. In der Therapie wird versucht diese Bewertungskomponente komplett raus zu nehmen.Deshalb ist ja auch Achtsamkeit ein großes Thema. In der Verhaltenstherapie gab es 3 große Wellen. In der ersten Welle glaubte man, dass alles Verhalten konditioniert ist. Du lernst durch Konditionierung. In der zweiten Welle wurde davon ausgegangen, dass es um die Kognition geht, die sollte dann verändert werden. In der dritten Welle ging es darum Achtsamkeit zu schaffen, dass man im Hier und Jetzt lebt und versucht die Bewertung herauszunehmen. 4. (LF) Ecological Grief wird ja momentan von immer mehr Menschen geteilt, man hat das Gefühl als würde es sich langsam unter der Oberfläche unserer Gesellschaft ausbreiten. Gibt es Theorien wie Gefühle entstehen sodass sie ganze Gesellschaften umspannen? (LW) Dadurch, dass wir Menschen ja soziale Wesen sind haben unsere Gefühle oft einen kollektiven Charakter. Selbst wenn wir den einzelnen Menschen betrachten, müssen wir den Blick auch immer auf das gesamte System ausweiten.


Als Systemikerin gehe ich von Symptomträgern aus, das sind Menschen, die durch ihre Emotionen Missstände in der Gesellschaft zum Ausdruck bringen. 5.(LF) Das heißt der Mensch der ein Gefühl in die Welt trägt ist ein Symptomträger? (LW) Jemand der zum Beispiel aufgrund der Klimakatastrophe depressiv wird ist Symptomträger und macht somit auf ein Problem aufmerksam und darauf, dass gerade Veränderung stattfindet. Wenn man das jetzt so weiterdenken würde, wenn alle Menschen depressiv würden und im bestehenden System nicht mehr funktionieren könnten, müsste sich das System selbst verändern. 6. (LF) Oft ist es doch auch so, dass Depressionen zum Beispiel dargestellt werden wie eine Krankheit, ähnlich einer Erkältung, die ohne weiteren Grund auftritt und die dann geheilt werden muss. Das heißt aber laut der Systemik ist meine Depression kein individuelles Problem sondern ein gesellschaftliches? (LW) Natürlich spielen da auch wieder verschiedene Faktoren eine Rolle. Vielleicht hast du in deiner Familie nicht so gute Ressourcen entwickelt um mit der Veränderung umzugehen. Vielleicht war es in deinem Umfeld schon immer das Wichtigste zu arbeiten und zu funktionieren und sobald du dann gekündigt wirst hast du versagt und bist nichts wert. Diese Bewertung eines Ereignisses ist aber gesellschaftlich bedingt. 7. (LF) Das heißt es gibt keine illegitimen Gefühle? (LW) Prinzipiell glaube ich nicht. Wichtig ist, dass ein Gefühl nicht destruktiv wird. Gefühle nicht zuzulassen führt oft zu einer Aggression gegen sich selbst. Wenn du Ungerechtigkeit von außen erfährst, das aber nicht kommunizieren kannst richtest du das dann auf dich selbst.

8. (LF) Ich habe den Eindruck, dass im Bezug auf den Klimawandel gerade viele negative Gefühle unterdrückt werden, weil wir uns nicht eingestehen wollen, dass wir Veränderung brauchen und dass wir tatsächlich von den Folgen der Klimakrise betroffen sind. Dass wir diese Gefühle jedoch nicht kommunizieren können führt zu Untätigkeit, oder? (LW) Ja bestimmt. Wenn ich solche Gespräche geführt habe, zur Klimakatastrophe oder zu politischen Entwicklungen wie dem Rechtsruck bin ich immer zu dem Punkt gekommen „Oh Mann, wir können ja doch nichts ändern, wo sollen wir denn ansetzen“. Dann lässt man es eben bleiben. Faktisch haben in den letzten Jahren ja immer mehr Menschen angefangen sich vegan zu ernähren, trotzdem hat sich nicht so viel verändert. 9. (LF) Meinst du das könnte gerade damit zu tun haben, dass wir die Belastung von außen eben gegen uns selbst als Individuen richten, statt die Politik und das System anzuprangern? Wenn ich mich dazu entscheide künftig vegan zu essen rührt das ja vom Gefühl her, dass ich mein eigenes Handeln nicht mehr vertreten kann und es somit ändern muss. Daran ist ja erst mal nichts verkehrt. Es wird aber ungesund wenn man bemerkt, dass sich dadurch wenig ändern lässt und alle Schuld auf sich selbst nimmt. Das ist der ewige Fehlschluss der Konsument müsse sein Verhalten ändern, nicht die Märkte. Das ist aber meiner Meinung nach falsch. Auch Politik und Wirtschaft müssen sich sich ihrer Verantwortung bewusst sein und danach handeln. Alle Last den Einzelnen tragen zu lassen ist nicht nur unrealistisch, es führt auch dazu, dass Menschen sich untereinander für ihr mehr oder weniger korrektes Verhalten verurteilen. Frei nach dem Motto „ Du lebst vielleicht vegan aber du bist trotzdem letztens geflogen, erklär‘ mir das mal“. Das stiftet Zwiespalt wo eigentlich Zusammenhalt gefragt wäre um mehr zu erreichen.


(LW) Wir haben gerade ja generell eine Art Untergangsstimmung in der Gesellschaft.Und Vereinzelung findet auf vielen Ebenen statt. Auch Technologien wie das Smartphone tragen dazu bei. Die Flucht ins Smartphone scheint mir oft ein Weg zu sein unseren Alltag zu ertragen. Wir werden immer gleichgültiger und stumpfen ab. Irgendwann müssten wir doch dann auch keine Lust mehr haben zu kaufen und zu wachsen. Das System zerstört sich also selbst. Das ist aber ein anderes Thema. 10. (LF) Ja nochmal zurück zum Thema. Vorhin hast du gesagt du bist Systemikerin. Was bedeutet das denn genau? (LW) Systemik bedeutet, dass man nicht so Problem -sondern eher Lösungsorientiert arbeitet. Das nennt man auch Ressourcenorientiert. Wir nehmen an, dass ein Problem immer für etwas steht und auf etwas aufmerksam macht. 11. (LF) Und was wäre ein anderer Ansatz abseits der Systemik? (LW) Als anderen Ansatz gibt es zum Beispiel die Verhaltenspsychologie, die insofern Problemorientiert ist als dass gesagt wird: „Du hast ein Problem, ich helfe dir das wegzubekommen“ obwohl das häufig garnicht möglich ist. Häufig ist es der Wunsch von Klienten das Problem loszuwerden. In der Therapie geht es aber darum einen Umgang mit dem Problem zu finden.Systemiker schaffen andere Perspektiven und versuchen dir zu zeigen, dass du viel mehr bist als nur dein Problem. Bei der Systemik geht es um viele Fragetechniken. Es gibt kein Krankheitsverständnis weil das Problem ja eine Funktion hat und dadurch ist in der Systemik von vorneherein etwas positives verankert. 12.(LF) Und wie werden dann Lösungen gefunden? (LW) Ich glaube es geht darum, einen anderen Umgang mit der Ursache zu lernen. Dann ist die eigene Reaktion darauf nämlich auch eine Andere.

13.(LF) Vorhin hattest du noch angesprochen, die psychische Krankheit hätte in der Systemik eine Funktion. Wie kann man sich das vorstellen? (LW) Es gibt Symptome die man mitbringt und entweder jemand ist krank, das bedeutet in der Gesellschaft funktionsunfähig, oder man geht eben davon aus dass dieser Mensch damit auf etwas hinweist, das schiefläuft. Das ist dann die Funktion. 14. (LF) Ist die Systemik dann ein relativ neuer Ansatz? (LW) Das Ganze ist in den 60ern aus der Familientherapie entstanden, man hat damals viel mit Familien mit schizophrenen Kindern gearbeitet und dabei die Familie miteinbezogen. Man hat dann gemerkt, dass es hilft sich anzuschauen wie die Familie die Sache aus ihrem Blickwinkel betrachtet. Die Haltung des Therapeuten in der Systemik ist viel wertschätzender. Allerdings ist die Systemische Therapie erst seit Ende letzten Jahres von den Krankenkassen anerkannt. Davor war sie aber auch schon ein wissenschaftlich fundierter Ansatz. Bei Systemikern sind die Sessions mit dem Klienten seltener, man braucht auch oft nicht ganz so viele Sessions. Die Verhaltenstherapie hat eben auch immer ganz gut mit der Pharmaindustrie korrespondiert. 15. (LF) Vorhin hattest du gesagt, dass ihr in der Therapie bestimmte Fragetechniken einsetzt... (LW) Ja genau, bei den Fragetechniken geht es oft darum einen Perspektivenwechsel zu schaffen. Man könnte zum Beispiel fragen: Angenommen deine Mutter würde hier im Raum sitzen, was würde sie zu deinem Problem sagen? Der Klient soll dann aus seiner eigenen Perspektive herausgehen um sein Verhalten dadurch zu reflektieren. Ein anderes Beispiel sind Verschlimmerungsfragen. „Was würde das Alles noch verschlimmern?“Das wäre auch im Bezug aufs Klima interessant. Es könnte ein Weg sein diese Machtlosigkeit, die man hat, zu überwinden indem man eben auch anerkennt, dass es noch deutlich schlimmer sein könnte. Gerade bei Ängsten befürchtet man ja immer etwas sehr diffuses.


Wenn man diese Ängste mal ausspricht in ihrer ganzen Tragweite kann das helfen wieder aktiv werden zu können. Natürlich fordert der Klimawandel eine große Flexibilität von uns und wir müssen sicher einiges aufgeben. Daraus kann aber nicht nur eine kollektive Depression sondern auch Innovation und ein gesellschaftlicher Wandel folgen. In unserer Generation, und man muss natürlich dazusagen in unserem Umfeld, sind ja auch Viele ohne Religion aufgewachsen. Früher hatten Naturkatastrophen metaphysische Erklärungen zum Beispiel, dass Gott uns bestraft. Damit war ein solches Ereignis mit einer ganz anderen Sinnhaftigkeit verbunden. Heut wissen wir, wir selbst sind die Bösen. 16. (LF) Ich glaube die Welt ist der Sklave und wir die Tyrannen. Gleichzeitig müssen wir selbst auch daraus schlussfolgern was zu tun ist, in unserem Weltbild gibt es keine höhere Instanz die uns zwingt das Richtige zu tun. (LW) Es gibt aber dann eben bei den einzelnen Menschen unterschiedliche Interessen die im Vordergrund stehen, die das Werteverständnis prägen. Ein Politiker wie Donald Trump weiß eben ganz genau wie man Geld macht, das Anhäufen von Reichtum wird so zum obersten Wert. 17. (LF) Genau so gibt es auch den Glaube an die Wirtschaft, an die Technologie oder den Fortschritt. Diese Überzeugungen sind ja nur bis zu einen gewissen Punkt rational erklärbar. (LW) Und in diesen verschiedenen Disziplinen sind auch ganz unterschiedliche Werte vorhanden. Da geht es viel um Individualismus und Effektivität. 18. (LF) Ich glaube, dass das dann dazu führt, dass wir aus den Zeichen, die der Klimawandel uns gibt, die falschen Schlüsse ziehen oder sogar zu Leugnern werden. Wachstum ist in unserer Gesellschaft zum Beispiel eine absolute Wahrheit. Wenn ich die anzweifle werden Viele richtig wütend.

(LW) Ja weil Wachstum in unserer Gesellschaft sinnstiftend ist. Da wir keine Religion mehr haben ist es das Wachstum das deinem Leben Sinn gibt. Dass du Wissen anhäufst, dass du eine immer bessere Position belegst, mehr Geld verdienst usw. Und es ist ja auch interessant, dass gerade jetzt ein kollektives Gefühl von Trauer entsteht. Trauer bringt ja die Menschen auch zusammen. Durch eine kollektive Trauer um die Welt die untergehen könnte, könnte die Gesellschaft wieder mehr zusammenwachsen. 19. (LF) Es ist ja auch eigentlich paradox dass wir so vom Individualismus überzeugt sind obwohl wir alle auf einer Erdkugel sitzen. (LW) Ja und auch, dass es ja durchaus zwei Entwicklungen gibt. Durch die Globalisierung wollen wir, dass alles sich vernetzt, wir haben multikulturelle Städte und eigentlich müsste es da logisch sein, dass wir wieder anfangen sollten kollektivistischer zu denken. 20. (LF) Bei Trauerritualen wie Beerdigungen geht es auch gerade darum, ein sehr individuelles Gefühl in einen gesellschaftlichen Rahmen zu bringen, damit wir sehen, dass wir nicht alleine damit sind. Dass wir unsere Trauer teilen können. (LW) Es kann auch eine Energie schaffen. Wenn wir zusammenkommen, um um einen Menschen zu trauern, der uns inspiriert hat, jeden auf seine Weise, kann das zum Weitermachen motivieren. Dieser Rahmen schafft auch eine Möglichkeit zum nonverbalen Austausch. 21. (LF) Interessant wäre es ja auch mal zu schauen wie Menschen nach Naturkatastrophen trauern. Es gibt ja auch Beispiele von Initiativen, die nach solchen Geschehnissen die Menschen zusammenbringen. In New Orleans hat die Stadt zum Beispiel nach Katrina angefangen, Familienrezepte von den Einwohnern zu sammeln. Viele Kochbücher sind ja in den Fluten verlorengegangen und so haben alle Bewohner die Gerichte zusammengetragen, die sie noch in Erinnerung hatten. Ein Kochbuch als eine Art kollektives Gedächtnis.


Alexander Leschinez (LW) Japan ist da vielleicht auch ein interessanter Fall, da es ein kollektivistisches Land ist, das schon viele Naturkatastrophen miterlebt hat. Vielleicht führen solche Katastrophen auch dazu, dass Gesellschaften kollektivistischer bleiben. Ein Kollektiv zu bilden bekommt im Katastrophenfall ja auch eine andere Dringlichkeit. 22. (LF) In Japan gibt es auch ein schönes künstlerisches Beispiel, wie mit kollektiver Trauer umgegangen werden kann. Nach einer Katastrophe hat ein Mann beschlossen eine alte Telefonzelle in seinem Garten aufzustellen. Dort können Menschen seither hingehen um mit den Menschen die sie verloren haben in Kontakt zu treten, sie quasi anzurufen. Es ist eine Anlaufstelle für die ganze Gegend geworden. Der Hörer in der Telefonzelle ist nicht mal angeschlossen und trotzdem führt einfach der haptisch gewohnte Reiz des Telefonhörers und der geschützte Rahmen dazu dass es den Menschen einfacher fällt sich Alles von der Seele zu reden, es ist dann so eine Art normales Gespräch, das ich zuhause nicht führen könnte ohne mir lächerlich vorzukommen. (LW) Ja und man ist zwar in einer Art öffentlichem Raum aber trotzdem ist man durch das Glas geschützt. Eine schöne Idee.

1. (LF) Beschreibe kurz deinen (beruflichen) Hintergrund und deine (politische) Arbeit/ Engagements. 27, Student der Freien Kunst im 11. Semester an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg und seit 6 Wochen aktiv bei Extinction Rebellion Nürnberg. 2. (LF) Nenne eine Sache/einen Ort/eine Landschaft/ eine Spezies/ eine Aktivität die dir persönlich wirklich sehr, sehr am Herzen liegt – und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. Mir liegt Biodiversität wirklich sehr am Herzen. So wie die Erderhitzung hat das Artensterben auch einige Kipp-Punkte. Die Versauerung der Weltmeere (zum Beispiel) gefährdet nicht nur Korallen sondern auch alle Kalkschalen bildende Organismen wie beispielsweise Plankton, auf dem die ozeanische Nahrungskette basiert. Flussfische sterben in Massen an Sauerstoffmangel bei mittlerweile all-sommerlichen Hitzewellen und den Insekten geht es noch schlimmer. Als ob es nicht schlimm genug ist das es durch Verlust an Lebensraum sowie Pestiziden in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten zu einer massiven Abnahme der Biomasse und der Artenvielfalt der Insekten kam, haben Forscher eine klimawandelbedingte, um min. 50 % verminderte Fruchtbarkeit der Männchen entdeckt. So wird der Restbestand unter Umständen nochmals Halbiert. 3. (LF) Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? Gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? Als Kleinkind habe ich auf dem Bauernhof meiner Großeltern Insekten in ein Glas gesammelt. Ich habe mich sehr an deren Farben, Muster und Formen erfreut und habe sie lange beobachtet. Bevor meine Eltern mich wieder in ihre Wohnung in die Stadt mitnahmen vergrub ich das Glas mit den Insekten, etwas Gras und Erde darin. Da ich dachte, ich hätte ihnen ein intaktes Ökosystem gebastelt, war meine Enttäuschung groß, als ich es einige Wochen später wieder ausgrub.


4. (LF) Du warst zuletzt bei Aktionen von Extinction Rebellion dabei. Welche Gründe haben dich bewogen aktiv zu werden? Seitdem ich über mich selber bestimme versuchte ich durch ökologisches Vorleben andere mitzuziehen. Vielleicht war ich nicht cool genug. Damals war ich überzeugt davon die Nachfrage würde den Markt bestimmen und diese würde durch zunehmende Aufklärung sich vom Turbokapitalismus abwenden. In Zeiten eines gnadenlosen Wettrennens der Selbstoptimierung ging diese Rechnung leider nicht auf. Bei Diskussionen wurde die Verantwortung immer an die Regierung weiter geschoben. Als ich von XR erfuhr, wollte ich mitmachen. 5. (LF) Wie erlebst du die Aktionen an denen du teilnimmst? Ich fühle mich wie jemand der mit Seifenblasen gegen Panzer kämpft, mit der Gewissheit das dieser rosten wird. Viele Künstler wie z.Bsp. Olafur Eliasson, versuchen mit ihrer Arbeit mehr gesellschaftliches Bewusstsein für die Klimakrise zu schaffen. Kann und sollte Kunst deiner Meinung nach ein Mittel sein, Menschen das Ausmaß und die Folgen der Klimakrise aufzuzeigen? Welche Rolle kann der Künstler in diesem Kontext einnehmen? Es sollte der Kunst nicht verwehrt sein dürfen, Menschen für den Klimawandel zu sensibilisieren. Hingegen: Sollte das wirklich das Ziel sein in einer künstlerischen Praxis? Persönlich entscheide ich mich dagegen. Abgesehen davon das die für den Klimakampf instrumentalisierte Kunst in den angewandten Bereich einzuordnen ist, mutmaße ich, dass nicht genug, bzw. nicht die richtigen Menschen dadurch erreicht werden, wie schön Olafur Eliassons Gletscher auch singen mögen. Umfragen zu folge sind 7 Millionen Menschen in Deutschland mehr oder weniger kunstinteressiert. Das ist ca. jeder 12. Ich unterstelle diesem, mehr als den anderen 11 sich über das Ausmaß und die Folgen der Klimakrise zu informieren. Ein denkbarer, positiver Effekt wäre es natürlich wenn Entscheidungsträger durch solche Kunstwerke in ihrem Handeln beeinflusst werden. Doch das ist ein zu romantischer Gedanke als das ich ihn nachjagen möchte.

Vielleicht würde es mehr bringen wenn Kim Kardashian sich als klimabesorgt outen oder Olafur Eliasson sich für Klimaschutz an den Eingang des Bundestags festkleben würde. Dabei spreche ich bestimmt nicht für die Gesamtheit der Künstler. L‘art pour l‘art. 6. (LF) Wie gehst du persönlich mit den oft drastischen Informationen um, die dich durch Zeitungen/das Radio/Wissenschaftliche Publikationen erreichen? Mittlerweile nehme ich diese Informationen ganz selbstverständlich auf. Oder bin ich unterdrückt wütend? Ich kann das nicht mit Bestimmtheit beantworten. Ab und zu spreche ich mit Menschen in meinem Umkreis darüber um meine Verärgerung legitimieren zu lassen. 7.(LF) Kann und sollte die Kunst ein Mittel sein, die Klimakrise und ihre Folgen individuell zu reflektieren und zu verarbeiten? Kann, möglich. Sollte, nicht unbedingt. Wie schon erwähnt halte ich Kunst nicht für das richtige Medium dafür. Auch sehe ich sie gefährdet wenn sie sich biegen würde um es zu werden. Dafür gibt es bessere Instrumente. Mit XR im Vergleich erreichten wir innerhalb von einem Tag der Berlinblokaden sämtliche Titelblätter. Nicht nur die Tagesschau, taz, SZ, FAZ und wie sie alle heißen berichteten über uns sondern auch die Bild-Leser bekamen einen schönen zweiseitigen Zweizeiler über uns. Mehr als einen Schubs in diese Richtung schafft das allerdings auch nicht. Das Internet bietet alle Möglichkeiten sich zu Informieren. Die Club of Rome Berichte, der IPCC und sogar die Website des Umwelt Bundesamtes liefern alles nötige um den Ernst der Lage zu verstehen. Alles jederzeit von jedem abrufbar. Manchmal reicht vielleicht genau dieser Schubs aus etwas zu verändern. XR erfreut sich jedenfalls an einem erstaunlich hohen Zulauf. 8.(LF) Gibt es KünstlerInnen die sich mit dem Thema Landschaft auseinandergesetzt haben, die dich interessieren, die du spannend findest? Wenn ja, warum?


Charlotte Weissmann

Da muss ich jetzt einen Dinosaurier auskramen. Max Ernst (1891) malte Jahrzehnte lang surrealistische Landschaften. Orangebraune löchrige Felsenmonster und sowas. Nach seiner Flucht in die USA erkannte er sie 1943 in Sedona/Arizona wieder. „Da fand ich die Landschaft wieder, die mir immer vorgeschwebt hatte und die auch schon in meinen frühen Bildern immer wieder zu finden ist.“ resümierte er in einem ARD-Alpha Interview. Zwischen 1946 und 1953 lebt er dort mit seiner Frau Dorothea Tanning. Das sagt mir: die Welt ist ein wunderbares, wunderschönes und unbegreifliches Etwas, wir sollten sie lieben und nicht das Klo runter spülen.

1. (LF) Beschreibe kurz deinen beruflichen Hintergrund und deine Arbeit. Ich habe nach einem Jahr Arbeit im Ökolandbau Naturschutz studiert und arbeite jetzt im Biosphärenreservat Spreewald, wo ich für den Bereich Vertragsnaturschutz zuständig bin. Vor dem Hintergrund der Entwicklungsziele, die sich das Biosphärenreservat als Modellregion für nachhaltige Entwicklung gesetzt hat, bespreche ich mit Landwirten Möglichkeiten zur Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen auf ihren Flächen und erstelle nach Abstimmung geeigneter Maßnahmen Vertragsnaturschutzverträge, auf deren Grundlage die Landwirte für den Mehraufwand der sich aus der Umsetzung der Maßnahmen ergibt bzw. für die Ertragsverluste entschädigt werden. 2. (LF) Nenne eine Sache/einen Ort/eine Landschaft/ eine Art/ eine Aktivität die dir persönlich wirklich sehr, sehr am Herzen liegt – und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. Schneelandschaften aller Art, damit verbunden Skifahren, Schneewanderungen... 3. (LF) Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? Wir sind in meinen Kindheits-/ Jugendjahren jedes Jahr zum Skifahren ins Erzgebirge gereist. Die Aufenthalte dort waren eine für mich wichtige, schöne und prägende Zeit, bei der Erinnerung daran wird mir jetzt noch „warm ums Herz“. Sich gemeinsam mit Schwester, Oma und Opa auf Skiern durch den Schneesturm zu kämpfen und sich durch den tief verschneiten Wald eine Schneise zu bahnen ist doch etwas ganz anderes, als bei grauem Februar-Matsch-Wetter durch den Wald zu wandern (das ist auch ok, aber doch deutlich weniger schön)


4. (LF) Wann und mit wem hast du zuletzt – jenseits deines Jobs/deines Studiums – über den Klimawandel gesprochen? Der Klimawandel ist fast täglich Thema, zuletzt habe ich mich heute Morgen mit meinen Mitbewohnern darüber unterhalten, nachdem beim Frühstück ein Radiobeitrag zu dem Thema lief. 5. (LF) ... und mit wem würdest du dich gern einmal darüber unterhalten? Mit vielen derer, die an den entscheidenden Hebeln sitzen. Zum Beispiel Angela Merkel. Warum werden keine konkreten Maßnahmen umgesetzt, wo liegt das Problem? Oder mit Christian Lindner. Warum vertritt er so durch und durch wirtschaftsorientierte Ansichten, die Klimaschutzmaßnahmen zuwider laufen und was verspricht er sich davon? Und mit vielen anderen... 6. (LF) Wenn du versuchst, Menschen mit dem Thema Klimawandel zu erreichen - hattest du schon einmal einen Aha-Effekt in der Frage, wie das am besten gelingt? Ich denke am besten erreicht man Leute, wenn man Dinge anspricht, die sie ganz persönlich betreffen. Also zum Beispiel die sommerliche Trockenheit und Hitze, die dem Gartengemüse zu schaffen macht und auch sonst den täglichen Alltag erschwert. Wenn man dann noch aktuelle Daten zum Klimawandel parat hat, hat man eine gewisse Erfolgswahrscheinlichkeit in puncto Überzeugung. Ein gutes und wichtiges Argument ist auch die zu erwartende Völkerwanderung: Wenn sich sie heißen und trockenen Wüstenbereiche ausdehnen, werden sich die dort lebenden Menschen tendenziell andere Orte zum Leben suchen und vielleicht auch nach Europa kommen. (Ein Argument, das besonders interessant in Gesprächen mit Menschen ist, die Flüchtlingszuzüge weniger willkommen heißen). 7. (LF) Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich durch Zeitungen/das Radio/ Wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um?

Neue Infos und Berichte sind immer wieder der Anstoß für eine Beteiligung an konkreten Aktionen (FFF, Greenpeace-Aktionen), für ein Überdenken des eigenen Verhaltens (regionale und saisonale, verpackungsarme Produkte kaufen) und für Diskussionen und die Weitergabe der Infos. Außerdem stelle ich mir öfters die Frage, wo ich in Zukunft leben will... Wirklich im tendenziell immer trockneren und heißeren Brandenburg? Oder wäre ein Leben weiter nördlich nicht vielleicht angenehmer?


Eva Weissmann 1. (LF) Beschreibe kurz deinen (beruflichen) Hintergrund und deine (politische) Arbeit/ Engagements. Ich habe eine Ausbildung zur Holzbildhauerin absolviert und studiere Architektur im Bachelor. Politisch bin ich schon immer sehr interessiert, aber bisher eher passiv gewesen - also Mitgliedschaft im Nabu und BUND Naturschutz, aber nicht aktiv, sondern mit Spenden. Und selten eine Gegendemo gegen Rechte.Erst dieses Jahr habe ich mich ENDLICH mal bewegt und war jetzt bei den XR-Aktionen in Berlin dabei, und vorher auf FFF-Demos. 2. (LF) Nenne eine Sache/einen Ort/eine Landschaft/ eine Spezies/ eine Aktivität die dir persönlich wirklich sehr, sehr am Herzen liegt – und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. Ich bin in Dresden aufgewachsen und habe eine sehr starke Verbindung zur Stadt, zum Elbtal und auch zur angrenzenden Sächsischen Schweiz. Seit mehreren Sommern nun ist die Elbe nur noch eine Pfütze - teilweise mit Pegelständen von 24-45 cm im Sommer!!! Das nimmt mich unglaublich mit, denn der Naturraum verändert sich sehr stark. Den Wassermangel kann man auch in der Sächsischen Schweiz sehen - denn der Borkenkäfer breitet sich gerade extrem aus! In den Gebieten, in denen ich als Kind jedes Jahr wandern war, ist ein Drittel der Bäume tot. Eigentlich nur ein durchs Klima erzwungener, notwendiger Waldumbau weg von der Monokultur, und deshlab auch nicht soo schlimm. Aber das, was ich als Wald abgespeichert habe, verändert sich sehr. Der Raum wird einfach anders, schattige Schluchten plötzlich hell und warm etc. 3. (LF) Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? Gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? Vor mehreren Jahren war ich in der Sächsschen Schweiz am Hinteren Raubschloss wandern. Das war immer ein ganz dunkler Grund, gruselig-märchenhaf, und von dort ging es auf den Felsen, das Raubschloss.

Für mich war das mit Rittergeschichten und unheimlichem Märchenwald verbunden. Nach dem Borkenkäferbefall war der Wald um das Raubschloss jetzt plötzlich weg, die Sonne schien, hell und freundlich. Da wars dann vorbei mit der schaurigschönen Erinnerung. 4.(LF) Du warst zuletzt in Berlin bei Aktionen von Extinction Rebellion dabei. Welche Gründe haben dich bewogen aktiv zu werden? Wie erlebst du die Aktionen an denen du teilnimmst? Das letzte Semester in Weimar war geprägt vom Thema Klimawandel u. s. w. Einen gute Freundin war schon ab April aktiv bei XR Leipzig und hat immer mal sehr alarmiert davon erzählt, wies um die Welt steht. Die Horizonte-Reihe hat sich mit dem Thema Ökologie befasst, und dort gabs Vorträge zum nachhaltigen Bauen. Besonders ist mir der Vortrag von Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker in Erinnerung. Er war beim Club of Rome und beschäftigt sich schon ewig mit Energiesparen, Ressourcen- und Umweltschonung und auch politischen Möglichkeiten, das umzusetzen. Da hatte ich das verzweifelte, aber auh tröstende Gefühl, dass all das Wissen, wie man die Klimaerwärmung aufhalten kann, ja schon da ist! Man muss es nur anwenden! Theoretisch kann man aus jeder Ressource 5mal so viel rausholen und soo viel Energie einsparen! Es macht wütend, dass es so viel Wissen gibt, sich aber nix tut! Und nen Vortrag von Harald Welzer gab es auch, der ähnliches ausgelöst hat, aber auch bestärkte, an der positiven Zukunftsvison, die es dringend braucht, mitzugestalten. Die Demos von FFF fand ich in Weimar fast überflüssig, da sie niemanden erreichen konnten. In Nürnberg war ich bei einer dabei, wo echt viele schockierte, unwissenden am Rand standen, das hat sich richtiger angefühlt. Die Aktionen in Berlin waren geprägt von solcher Friedfertigkeit und Freundlichkeit, total toll. Die Radfahrer und Fußgänger waren überwiegend dankbar und interessiert. Ich fand es außerdem bemerkenswert, und das spricht echt für Deutschland als Demokratie, dass das Camp direkt neben Bundentag und Kanzleramt stattfinden durfte.


5. (LF) Wann und mit wem hast du zuletzt – jenseits deines Jobs/deines Studiums – über die Klimakrise gesprochen? Mit Alex natürlich, meinem Freund. Mit meiner bei Greenpeace engagierten Schwester, ihrem Mitbewohnern. Mit meinen Eltern. Mit Freunden in Weimar. 6.(LF) ... und mit wem würdest du dich gern einmal darüber unterhalten? Mit meinen Großeltern, generell mit einer älteren Generation, da hab ich oft „Angst“, zu aufbrausend und zu ungerecht zu werden. Vielleicht habe ich auch Angst vor Resignation. Und sich mit den Kulturtouristen in Weimar drüber zu unterhalten, wäre toll. Andererseits weiß ich nicht, was dabei rauskommt und ob ich den Mut hätte. Und mit Architekten! Die sind so in ihrer Arbeitsblase, könnten aber auf ihre Gebiet so viel tun! 7. (LF) Wenn du versuchst, Menschen mit dem Thema Klimakrise zu erreichen - hattest du schon einmal einen Aha-Effekt in der Frage, wie das am besten gelingt? Am besten geht es, glaube ich, mit naturwissenschaftlichen Fakten. Naturwissenschaft ist ja im prinzip die moderne Religion und man kann nicht widersprechen. Und mit dem Apell, an die eigenen Kinder und Enkel zu denken. 8. (LF) Wie gehst du mit den oft drastischen Informationen um, die dich durch Zeitungen/das Radio/ Wissenschaftiche Publikationen erreichen? Manchmal, leider, ignoriere ich alles. Ich versuche ansonsten, Mut aus Vorträgen von Leuten zu ziehen, die einen Wandel für möglich halten. Man muss einfach machen und kämpfen und alles tun, was geht, es gibt sowieso keine Alternative, sodass Resignation einfach keine Lösung ist. Es gibt eigentlich nur einen Weg, den muss man engagiert gehen und sehen, was passiert.


Federica Mandelli 1. (LF) Describe briefly your (professional) background and your work. – 5 years studying humanities gave me the imprinting and love for words and literature – BA in Set Design at IED Milano > that introduced me in the world of design – 1 year working as producer and designer of social and cultural events for a non-profit in Milan > here is where i really understood that i didn‘t really want to be a designer per se, but doing something for the people – MA Narrative Environment at CSM London > looking at design through the lens of storytelling – 1 year doing small freelance project > here is when i understood I am way better with storytelling and communication instead of designing spaces – 5 years now Communication Manager at OpenDot > dealing with strategies, helping in writing and curating projects from a communication point of view, project manager, PR with all kind of persons that need to understand what we are doing there with simple words ;) – 3 years Storytelling and Copywriter at Dotdotdot > curating the overall communication of the studio, defining communication strategies for our projects, writing narratives for clients‘ projects, PR – meanwhile, since 2012, co-founder and Event and Communication manager of Spilleria :) 2. (LF) Name a thing / place / landscape that is really very, very important to you personally - and that you see endangered by climate change. The most important place I think is La Maddalena archipelagos, which i don‘t see it myself in danger but i know it will be. It is the paradise on earth to me, when i think of nature as a strong, powerful yet fragile entity that need to be respected and protected i see this place. 3. (LF) What memories do you associate with this issue? Is there a specific moment that has been remembered?

One thing that i remember (even though i might romance the story cause is dated back a lot – i used to go to Maddalena every summer since i was 3), is that every year i see the lines of the sea level on the cliff differently, and the heat of the water every year that increase one degree. this summer 26! it‘s crazy, it used to be soo cold, i swear! 4. (LF) As a Designer and Communication specialist, you are often communicating complex topics to a broader audience. What storytelling and communication strategies do you like to use? It really depends on the topic, but for sure i hate, and i truly think it doesn‘t work, compassion and cheesy/nostalgic tone of voice. I rather like irony and provocation, but to be used carefully and with a clear aim. Empathic strategies works good too, with simplicity and trying to touch audience‘s life and comfort zone at the heart so they can really get the sense of the message. In general my communication mantra is: big ideas, simple words, short sentences, powerful images. 5. (LF) The issue of Climate Crisis is all over the media. Whats your opinion on how the topic is communicated through (social) media? Do you see aspects that are missing or could be improved? Honestly i didn‘t deep-dive into that, but my general understanding is that we have two thread: one is „we are all dying“ and sort of psycho terrorism, which is true but could paralyze people. The other one is more angry and blaming governments etc, which is also true but politically im more into „constructivism communication“. Indeed what i feel is lacking is the real understanding of the effects of our actions in our daily life and a clear understanding of what to do, so to take all, from small to big scale, responsabilities (without necessarly feeling bad or guilty. not enough to go strike on friday, we need that movement(s) to exist but the more so we need to understand what to do in practice and doing it.


Christoph Weichert 6. (LF) When and whom did you talk to last about climate change?

1. (LF) Beschreibe kurz deinen fachlichen Hintergrund und deine (auch:ehrenamtliche) Arbeit.

With the dots for 3 projects: one because of the NABA course, one because of a kit about circular economy we are designing for Eni and the other one was this summer when i contributed to the viaggi paradiso project.

Ich bin Pastor/Pfarrer einer Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptistengemeinde) seit 30 Jahren Zuvor Assistent am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Universität Zürich, Langjährig engagiert in der Ökumene,Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Freiburg, zuvor Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Schleswig-Holstein, früher Mitglied des Verwaltungsrates des Internationalen Baptistischen Hochschule Prag,engagiert im Konziliaren Prozess „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, der ein wichtiger Teil der ökumenischen Arbeit der Kirchen über Jahrzehnte war

7. (LF) How do you deal with the often drastic information on climate crisis that reaches you through the media? Well, i become aware about the gravity of the problem again, not really about how to contribute to solve the problem. I recognise it is a great challenge because it is sooo connected with multiple aspects and layers that is hard to link the big and the small scale.... loads of work for communication / visual / information designer indeed! 8. (LF) What conclusions do you draw from it for your personal life? To be 100% honest i dont really feel this problem touches me sooo much to freak out or to take very strong decisions about my lifestyle.... although i recognise we are in hurry and something needs to be done, but i still feel this problem as out of my hands – even though a part of me knows that is not! In fact, i do believe in some of my „obsessions“ such as buying specific food which is local, seasonal and from short-chain, or being picky about brands, or recently i have decided to buy less clothes and futile stuff... (no plan on the horizon with less car or less meat for me!) My final personal comment is that i cant measure the impact of all this, i reckon it is impossible, maybe is just my own personal greenwashing to feel im contributing to something! ...psychology here!

2. (LF) Nenne einen Ort/eine Landschaft die dir persönlich wirklich sehr, sehr am Herzen liegt - und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. Ich habe 15 Jahre in der Schweiz gelebt und liebe die Berge und bin dort des Öfteren. Der sichtbare und erschreckende Rückgang der Gletscher in den Schweizer Alpen alarmiert mich zutiefst und ist für mich ein Alarmsignal für den Klimawandel. 3. (LF) Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? Als Kind schon, also vor 55 Jahren, stand ich am Fuße des Rhonegletschers oder auf dem Aletschgletscher. Ich erinnere mich, wie wir über die Gletscher gewandert und in den Rhonegletscher hineingegangen sind. Heute sind die Gletscher sehr dezimiert. Viele Gletscher der Schweizer Alpen sind schon verschwunden. Wann werden die letzten Gletscher verschwunden sein? 4. (LF) Gott schickte 10 Plagen über Ägypten um den Pharao dazu zu bewegen, das Volk Israel ziehen zu lassen. Der Klimawandel heute mit seinen katastrophalen Folgen ist menschgemacht.


Welche Verantwortung haben die Christen gegenüber der Schöpfung? Die Schöpfung ist dem Menschen anvertraut, sie ist Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen. Sie ist uns nicht gegeben zur Ausbeutung und zum egoistischen Nutzen. Sie ist uns und unseren Kindern und Kindeskindern anvertraut, damit wir leben können, Gott ehren und Gutes tun können. Gottes Wort sagt uns, dass wir Gott lieben sollen und unseren Nächsten wie uns selbst. Unseren Nächsten lieben wie uns selbst bedeutet selbstredend, dass wir den kommenden Generationen die Schöpfung so gut wie möglich erhalten und bewahren müssen. Bewahrung der Schöpfung ist allerdings zwingenderweise verbunden mit den Themen Frieden und Gerechtigkeit. Ohne Gerechtigkeit (ökonomisch, gesellschaftlich, sozial, etc.) wird es keine Bewahrung der Schöpfung geben. Ohne Gerechtigkeit keinen Frieden. Ohne Frieden keine Bewahrung der Schöpfung.Maßgeblich, wegweisend und theologisch zentral ist die „Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus“ (2015). Sie sollte von allen Christen gelesen, erarbeitet, verstanden und umgesetzt werden auf persönlicher, lokaler, regionaler, ländermäßigen und weltweiter Ebene. Sie ist ein exzellenter Impuls und ein gutes Werkzeug für Kirchen, Städte, Länder, Regierungen, selbst für die UNO. 5. (LF) „Staunenswert sind deine Werke“ Psalmen (139,14) Als Werk Gottes, ist die Schöpfung Wunder, Geschenk und damit Lebensraum, den wir bewahren sollten.Müssen wir wieder lernen über die Natur zu staunen und demütiger werden? Psalm 104 ist ein Lobgesang der Schöpfung auf Gott. Die ganze Schöpfung lobt und preist Gott, sagt der Psalmist. Auf diesem Hintergrund ist auch der sogenannte Sonnengesang des Hl. Franz von Assisi entstanden.https://franziskaner.net/der-sonnengesang/ Der bessere Titel ist „Cantico delle Creature (Loblied der Geschöpfe)“Ja, wir sollten wieder lernen über die Natur zu staunen, die Schönheit und Majestät der Berge, die Kraft und Gewalt der Wellen des Meeres und des Windes, den Gesang der Vögel, das Zirpen der Grillen, die Schönheit und die Naturgesetze des Kosmos, die Photosynthese, die Weisheit und den Ablauf von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, die Weisheit der Natur von Biene, Bestäubung, Fruchtbildung.

Und so weiter. Und so weiter... Ja, wir müssen wieder demütiger werden. Alles ist so weise geordnet. Manche nennen es Zufall oder Evolution. Ich nenne es Schöpfung und Weisheit Gottes. Unser kleines Gehirn verstehet so wenig. Ja, „Staunenswert sind deine Werke“ (Ps. 139,14)Mensch, Tier, Pflanzen und Erde, allesist mit einander verwoben und so wunderbar geordnet. Der Hl. Franziskus nennt Sonne, Wasser, Feuer und Erde seien Bruder und seine Schwester, selbst der Tod ist für ihn Schwester. Der Mensch hat sich zu lange über die Tiere und die Pflanzenwelt gestellt. Doch was ist der Mensch ohne Tiere und Pflanzen (Artensterben) 6. (LF) Welche Rolle kann der persönliche Glaube dabei spielen? Ohne einen persönlichen Gott kann man sehr wohl staunen über die Natur. Aber der persönliche Glaube öffnet eine tiefere Dimension. In unserem modernen Denken und Weltbild steht der Mensch im Mittelpunkt. Der Mensch ist Zentrum und Mittelpunkt und Kriterium des Seins und des Handeln des Menschen. Was mir gut tut oder mir nützt ist gut und richtig.Doch der christliche Glaube an Gott sagt mir, dass ich nicht Kriterium und Maßstab bin. Sondern: Es gibt noch eine Instanz über mir. Ich selbst bin nur Bruder und Schwester zu meinen Mitmenschen, ja Bruder und Schwester der Natur. (so Franz von Assisi) Des Weiteren: Jesus Christus wurde einmal gefragt, was das Wichtigste sei;Matthäus 22, 35ff: 35 Und einer von ihnen, ein Lehrer des Gesetzes, versuchte ihn und fragte: 36 Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz? 37 Jesus aber sprach zu ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). 38 Dies ist das höchste und erste Gebot. 39 Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). 40 In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. Der persönliche Glaube an Christus kann uns helfen, diese Doppelgebot zu lieben zu erkennen und umzusetzen. Und der Nächste ist nicht nur der Mensch, den wir lieben sollen wie Gott. Der Nächste wird auch immer mehr das Tier und die Natur, die es zu lieben gilt. 7. (LF) Wie siehst du im Bezug darauf deine Rolle als Pastor und Seelsorger?


Als Pastor und Seelsorger habe ich die Aufgabe, die Menschen an das Herz Gottes zu führen. Das bedeutet, den Menschen das Denken Gottes nahe zu bringen und sie zur Liebe zum Nächsten und zur Liebe zur Schöpfung und somit zur Verantwortung für die Schöpfung zu führen. Das Evangelium lautet: Gott hat mich angenommen, obwohl ich unmöglich, egoistisch und zerstörerisch bin. Wenn ich verstehe und erlebt habe, dass Gott mich angenommen hat, also die Barmherzigkeit Gottes erlebt habe, dann kann ich auch barmherzig sein mit meinen Mitmenschen und der Schöpfung und muss oder will nicht immer „das Beste“ für mich raushauen. Das ist eine meiner Aufgaben als Pastor und Seelsorger, das zu vermitteln und das Denken (die Botschaft) Jesu Christi unter die Menschen zu bringen.Wenn ich verstehe, dass die Liebe Gottes Selbsthingabe ist, dann kann ich selbst verzichten, hingeben und teilen, schützen und bewahren, mich für andere einsetzen, auch mich für die Schöpfung einsetzen. Meine Aufgabe ist, dies zu vermitteln (predigen), aber auch die Menschen zu dieser Erfahrung zu führen. 8. (LF) Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zum Klimawandel durch Zeitungen/Wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um und welche Schlüsse ziehst du daraus für dein eigenes Handeln? Zuerst einmal führen die oft drastischen Informationen zur Erkenntnis der Notwenigkeit und Dringlichkeit unseres Handelns. Es gibt einen Punkt, an dem wir das Rad nicht mehr zurück drehen können, oder an dem ein markanter Mehraufwand nötig ist, den wir dann nicht mehr leisten können oder wollen. Fridays for Future hat uns die Dringlichkeit drastisch vor Augen geführt wie niemand mehr seit Jahrzehnten.Doch diese Dringlichkeit kann auf diesem hohen Niveau nicht über längere Zeit so hoch gehalten und weitergefahren werden.Es braucht also andere Formen des Vorantreibens des Anliegens Bewahrung der Schöpfung.Ich denke an Menschen wie Martin Luther King, die ihr Anliegen (damals die Aufhebung der Rassentrennung und Diskriminierung der Schwarzen) in einer unkonventionellen und massiven und gewaltlosen Art und Weise vorangetrieben haben. Oder an die Freitagsgebete, die zum Fall der Mauer geführt haben.

Doch wenn diese massive Art von politischem Druck nicht aufgebaut wird, wird sich nichts verändern.Aber ich denke auch an leitende Persönlichkeiten in Staat, Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft. Sie haben diese hohe Verantwortung in die Zukunft zu führen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und nicht faule Kompromisse einzugehen. Ich habe immer wieder Kontakt zu diesen leitenden Persönlichkeiten. Ich kann sie ermutigen tapfere und mutige Schritte zu gehen zum Wohl der Menschen und keine faulen Kompromisse einzugehen.Welche Schlüsse ziehe ich daraus?Es braucht große Persönlichkeiten des Glaubens, die bereit sind für ihre Werte und Überzeugungen zu kämpfen, den Kampf/die Bewegung anzuführen und bereit zu sein für ihre Werte einzustehen und ggf. sich selbst hinzugeben/für ihre Überzeugungen zu sterben. 8. (LF) Nochmal ganz ins Blaue hinein eine nicht ganz so ernst gemeinte Frage: Angenommen, wir zerstören die Welt bevor sie uns zerstört.Ist ein solches Szenario theologisch überhaupt denkbar? Lässt Gott uns das machen? Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, Ja oder Nein zu sagen. Schon die Geschichte vom Sündenfall in dritten Kapitel der Bibel (1. Mose 3) zeigt auf, dass wir einen freien Willen haben. Das Resultat des sich nicht an Gott zuhalten ist der Verlust des Paradieses. Theologisch gesprochen, wir haben die Möglichkeit uns an Gottes Wilen zu halten oder unsere eigenen Wege zu gehen. Die Botschaft ist brutal: Gott zwingt uns nicht zu unserem Glück. Wir entscheiden selbst. Doch Gott sei Dank (!) greift Gott auch immer wieder ein, bewahrt und hilft und korrigiert. Doch das ist nicht garantiert. Der Mensch produziert auch sein eigenes Unheil, wo er Gottes Wort mit Füßen tritt. Ein Paradebeispiel ist für mich das Verhalten des Dritten Reiches. Die Folge ist der Massenmord an 6 Millionen Juden, der Tod von 50 Millionen Menschen, das Gericht über Deutschland inklusive der Teilung Deutschlands. Gott lässt uns machen. Aber er lässt sich auch nicht spotten. Der Mensch erntest, was er sät. Siehe Deuteronomium 30 (5. Mose 30).


Carla Waterfield 1. (LF) Describe briefly your (professional) background and your work. I am the owner of a music school teaching children and their families from age 6 months through 12 years. 2. (LF) Name a thing / place / landscape / type of activity that is really very, very important to you personally - and that you see endangered by climate change. I love the wetlands here in Louisiana and they are unfortunately disappearing rapidly. I worry about the wild life including birds, fish, crustaceans, insects and the people who make their livelihood from these creatures. 3. (LF) What memories do you associate with this issue? Is there a specific moment that you remember? I have visited Barataria Bay several times. They have a visitor center where they discuss the problems regarding losing wetlands everyday. In addition to this every time there is a hurricane in the gulf we are aware that our natural „Speed Bump“, the wetlands, is disappearing. This makes the City of New Orleans even more vulnerable to hurricanes. This could result in the complete loss of our city. We know too well after experiencing Katrina. 3.1 (LF) You are living in New Orleans, an area with the most beautiful natural landscape, great community and rich culture. Sadly due to its geographical position the city is quite vulnerable to the effects of climate change like increased floodings and storms in recent years. How has this development, in your opinion, changed the city and its residents? True New Orleanians will stay and return I believe until there is no land remaining. We however not being from here do not have the same family ties. As much as we love the city and its rich cultural heritage we are hoping to move away in about 6 years or rent a smaller property we can walk away from if there is a major storm/flood.

The people of Lousiana and New Orleans have lived with flooding and hurricanes through out the centuries. It is however getting worse, even a bad rain storm currently is flooding the city. People love to blame this on our Sewer and Water Department but unfortunately I believe this is what will continue to happen into the future due to water levels rising. 3.2 (LF) How does the community tackle this immense threats? We have levees, canals, pumping stations, raised houses and flood walls. Basically when a storm comes we have a huge levee, wall system surrounding the City of New Orleans. It is really like we are inside a bowl. After Katrina no one really has faith in these systems, we just pray they will hold up to each storm. We really are more of an island surrounded by marsh and swamps. 3.3 (LF) Do you remember any acts of collective grief or activism which occurred after floodings and storms? The people who lived here during Katrina definitely go through post traumatic disorder every time a storm is headed our way. 80% of our city flooded and people had their entire lives uplifted. We all know it can happen again and just pray that it won‘t. Most people I believe will evacuate if a big storm is coming. However our city floods from rain so many people have to try and protect their cars and property even for a rain event. This brings on a lot of anxiety and financial fear for people. Our car and home insurance are some of the highest in the nation. We pay for this risk everyday and definitely have fear of flooding. 3.4 (LF) How do you think New Orleans will change in the future and how do you feel about it? I think more people will raise their houses, I think the government will continue to try and use levees and flood walls to protect us. I think a lot of people will ignore the risks and just pray nothing happens.


I unfortunately do believe the City of New Orleans is at great risk and unfortunately as time passes people will start to move if they flood too many times or can no longer afford the high insurance rates. 4. (LF) When and with whom did you last talk about climate change? This morning I spoke with my husband about cutting our own admissions in half. This is what they are asking governments to do but I really think we too as individuals must start to make changes. We have discussed better insulating the house, putting up more drapes. I am considering giving up one car and riding my bike every where I can. We have also stopped eating animals with 4 hooves at home. We are trying to eat lower on the food chain. We also live very close to our jobs so we do not have to drive far away. I‘m hoping we can reuse more things verses buying new and would love to quit buying so many things with plastic in them! Seems almost impossible. Plan to buy more local food and composting our waste is another idea. Unfortunately we just moved into a large house so this isn‘t so good. It will take a lot to cut our own energy use in half but we have started to talk about this and make changes. Of course we are completely out of the norm, in our community people drive big cars, run their AC all day, etc. 5. (LF) How do you deal with the often drastic information on climate crisis that reaches you through the media? It totally stresses me out and I feel like everyone is waiting on everyone else to make a change. I think we all need to make changes and start with ourselves. With that said there is going to have to be government intervention for sure. Our country is so lame and has the worst, most idiotic President! I am completely dumbfounded that half of my country have their heads in the sand! 7. (LF) What conclusions do you draw from it for your personal life?

I think we are going to need to move in a few years and prepare ourselves to live with weather extremes, food crisis, etc. I would love to move into a sustainable home similar to the Earth Ship we stayed in in Taos, NM. I would however want to live where there were underground water sources. I would personally like to make changes to use less energy myself.


Pauline Temme 1. (LF) Beschreibe kurz deinen fachlichen Hintergrund und deine Arbeit.

6. (LF) Was ist deine Haltung als Designerin im Bezug auf die Thematik Klimakrise?

Ich habe in Weimar Produktdesign studiert und lebe und studiere jetzt in Berlin.

Ich sehe die Gestaltung in vermittelnder Position. Statt Produkte zu gestalten, die versuchen unter der tarnenden Wortwolke der Nachhaltigkeit unserem jetzigen System einen grünen, erneuerbaren Anstrich zu geben, können wir als Designer viel mehr leisten als das: über wünschenswertere Zukünfte spekulieren, Diskursräume gestalten und alternative Wirklichkeiten durchdenken. Dementsprechend bin ich der Meinung, dass die Konzeption des Gestalters sich im Umbruch befindet: vom Problemlöser zum Fragesteller.

2. (LF) Nenne eine Sache/einen Ort/eine Landschaft die dir persönlich wirklich sehr, sehr am Herzen liegt - und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. Ich bin in Münster groß geworden. Der Aasee liegt quasi mitten in der Stadt und war einer der Dreh- und Angelpunkte meiner Jugend. Dieser gar nicht mal so spektakuläre Ort beherbergt viele lose Erinnerungen - mein erstes Date auf Schlittschuhen, Spaziergänge mit meinen Großeltern, langweilige Tretbootfahrten und lange, laute Sommernächte.Als Folge des besonders heißen Sommers 2018 gab es an diesem Ort ein massenhaftes Fischsterben - etwa 20 Tonnen Fisch verendeten hier aufgrund akuten Sauerstoffmangels. Infolgedessen brachen schließlich auch die Vögel zu neuen Ufern auf. 3. (LF) Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? Der bestialische Gestank von 20 Tonnen totem Fisch, der als bedrückendes Memento über der Stadt lag, die Betroffenheit und Trauer der Münsteraner und die vom einen auf den anderen Moment stille, leergefegte Natur. Eine Landschaft, die ihrer Bewohner beraubt wurde, hat etwas gruseliges, bedrohliches. 4. (LF) Wann und mit wem hast du zuletzt - jenseits deines deines Studiums - über den Klimawandel gesprochen? Mit meinem Nachbarn. 5. (LF) ... und mit wem würdest du dich gern einmal darüber unterhalten? Mit meinem Nachbarn. Ich habe das Gefühl, dass wir noch nicht zu Ende diskutiert haben.

7. (LF) Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zum Klimawandeldurch Zeitungen/das Radio/Wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um und welche Schlüsse ziehst du daraus für dein eigenes Handeln? Die Informationen hinterlassen bei mir ein Gefühl der Hilflosigkeit. Ich glaube nicht an Personal Greening/ die Umstellung des individuellen Konsumverhaltens als wirksamen Hebel im Klimaschutz und sehe mich der Politik daher gewissermaßen ausgeliefert. Obwohl ich mein eigenes Handeln umstelle, bin ich der Meinung dass die Veränderung meines individuellen Lebensstils mehr symbolische als tatsächliche Wirkung hat. Statt den Klimawandel auf den Schultern der Bevölkerung abzuwälzen, brauchen wir ein Umdenken in Politik und Wirtschaft. Deswegen gehe ich (seit neuestem) demonstrieren. 8. (LF) Du warst letztens bei Aktionen von Extinction Rebellion in Berlin dabei. Was hat dich dazu bewogen aktiv zu werden und wie hast du diese Aktionen erlebt? Die öffentliche Meinung bildet sich gerade erst und ich glaube, dass es wichtig ist zu diesem Diskurs beizutragen. Durch das „auf die Strasse gehen“ möchte ich zu einem Diskussionsraum beitragen.XR steht für mich vorallem für Zugänglichkeit, gewaltfreie Provokation und medienwirksame Aktions- und Demonstrationsformate.


Julia Otte Bis Obtober diesen Jahres war mir XR in dieser Hinsicht zwar ein Begriff, ich aber nie selbst aktiv geworden. Mehr oder weniger spontan beschloss ich einen Freund zu einer Aktion zu begleiten. Mit einer kleinen Gruppe an Leuten besetzten wir nachts um 3:00 den Kreisverkehr rund um die Siegessäule. Die Nacht war eisig kalt, ich war aufgeregt. Im Laufe des Morgens füllte sich die Demonstration mit immer mehr Menschen. Es war ein gutes Gefühl zu sehen, dass sich die unterschiedlichsten Menschen überzeugt Seite an Seite stellen, um die Thematik in der Phantasie der Öffentlichkeit groß werden zu lassen und die Politik zum Handeln zu bewegen.

1. (LF) Beschreibe kurz deinen fachlichen Hintergrund und deine Arbeit. Ich studiere im Master Produktdesign, genauer gesagt Nachhaltige Produktkulturen. Ich arbeite also explizit zum Thema der Nachhaltigkeit, wobei mir das Wort immer schwerer über die Lippen geht, da mir seine derzeitige Nutzung so oft willkürlich und kontextlos scheint. Der Begriff hat, meiner Meinung nach, durch seine Nutzungsweise an Kraft verloren. Während ich nun den Master of Arts studiere und somit gestalterisch und praktisch unterwegs bin, habe ich zuvor einen Bachelor of Science in Urbanistik abgeschlossen. Als Wissenschaftlerin kann ich nachvollziehen warum der Prozess der „Wortabnutzung“ stattfindet. Es ist vollkommen sprach-logisch, dass wir Worte definieren, oder wie in diesem Fall aus einem anderen Fachgebiet entleihen, um ein Thema zu greifen. Der darauffolgende logische Schritt ist, dass diese Worte irgendwann ausgelutscht sind. Unpraktischerweise ist es allzu oft so, dass der Inhalt erst ansatzweise verstanden wird, wenn das Wort bereits verbraucht ist. Ich frage mich ob es diese Abnutzung braucht, dass der Begriff also aufhören muss zu funktionieren, damit wir endlich anfangen können tatsächlich mit dem „Etwas“, das er umfasst zu arbeiten. Oder aber man macht es wie die Fridays For Future – Kinder und streitet sich nicht um den Begriff, sondern für die Sache. 2.(LF) Nenne eine Sache/einen Ort/eine Landschaft die dir persönlich wirklich sehr, sehr am Herzen liegt - und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. Das Meer! Ich bin leidenschaftliche Seglerin, die Veränderungen des Klimas spüre ich auf dem Boot, im direkten Kontakt mit der Natur. Das Wasser wird dreckiger und wärmer und die Schwankungen des Wetters insgesamt extremer. Das Meer bezeugt auf eindrucksvoll traurige Weise die Folgen des Klimawandels. Durch die Veränderung eines riesigen Lebensraumes, sterben seine Bewohner, also Tiere und Pflanzen, auf Grund unseres Verhaltens.


In den vergangenen vier Sommern war ich im Mittelmeer unterwegs und dort wird die Tragik noch extremer. Auf Grund unseres Nicht-Verhaltens, sterben hier nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch Menschen. Dass der Ort, der für mich Freiheit und Urlaub bedeutet gleichzeitig der Ort ist, an dem unzählige Geflüchtete ihr Leben verloren haben und es weiterhin tun, macht mich sehr nachdenklich. Ich denke am Ende gehört alles zusammen. Die Klimakrise und die humanitäre Krise finden ihren Ursprung im selben System. Beide Zustände sind die Konsequenz unseres Umgangs mit der Erde und miteinander. 3. (LF) Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? Das erfolgreiche Segelerlebnis steht und fällt mit dem gegebenen Wind. Um seinen Törn planen zu können schaut das vorfreudige Seglerauge natürlich schon auf die Wetterkarte bevor es über den Bug auf den Horizont blickt. Und auch während des Törns hat man ständig das Wetter und ganz besonders den Wind im Blick. Hierfür zoomte ich in der ersten Oktoberwoche an Bord einer Segelyacht, auf der Website des Wetterdienstes meines Vertrauens ganz dicht in das Gebiet hinein indem ich unterwegs war.Die Aussichten waren stürmisch, aber nicht bedrohlich. Schnelle Fahrt bei angenehmer Welle machen mir Spaß und ich freute mich über eine fixe Überfahrt vom italienischen Festland Richtung Elba. Da Wind aber, wie der Klimawandel auch, eine globale Sache ist, zoomte ich am Ende meiner kleinen Wetterstudie wieder ganz weit in die Welt hinaus, und siehe da: ein bedrohlicher roter Kreisel bewegte sich auf Japan zu. „Hm. Sieht nicht gut aus“, hab ich mir gedacht und bin an Deck gegangen, um das Steuer zu übernehmen. Ich könnte jetzt ausführlich über die notwendigen Manöver berichten, die wir während der Überfahrt durchführen mussten, möchte aber keinen Leser mit nerdigem Seglertalk belasten. Zusammenfassend ist zu sagen: Der Wind war so stark, dass wir die Segel ganz klein machen mussten, damit die Yacht uns sicher nach Elba bringen konnte. Zu viel Segel hätte zu viel Angriffsfläche für den Wind bedeutet und ihn so vom Freund zum Feind unseres Bootes gemacht.

Als ich am Steuer stand, das ich mit aller Kraft führen musste, mich die Gischt durchnässte und mir der Wind durchs Gesicht peitschte war ich sehr glücklich und auch etwas aufgeregt. So schnell bin ich vorher noch nie gesegelt. Am nächsten Morgen saß ich wieder vor der digitalen Wetterkarte, diesmal gemeinsam mit meinem Kapitän. Wir schauten uns gemeinsam das anstehende Wetter an, und resümierten das vergangene. 40 km/h war unsere Spitzenwindgeschwindigkeit vom Vortag, die haben sich sehr intensiv angefühlt. Beim Blick auf die globale Wetterlage fällt mir direkt auf, dass der bedrohliche Kreisel größer geworden ist, tiefrot gekennzeichnet und verdammt dicht vor Japan. Ein Tornado mit einer Kerngeschwindigkeit von 250 km/h. Und da macht es Klick: Verdammt, wenn dieser Wind da, gut die fünffache Stärke von unserem Wind hier hat, dann Japan hat ein Problem! Da rast ein Tornado auf Tokio zu und die Japaner können wenig tun, als abzuwarten und sich zu verriegeln und verrammeln in der Hoffnung, dass das reicht. Nur weil ich sinnlich erfahren habe, wie schnell 40 km/h Wind sind konnte ich ein echtes Mitgefühl für diese mir fremden Menschen entwickeln. Bilder auf dem Laptop, gepaart mit Zahlen und Farben, sogar Videoaufnahmen aus dem Katastrophengebiet können diese Bewusstheit nicht erzeugen, das schafft nur das tatsächliche Erlebnis. In dem Moment war das Bewusstsein da: Diese Wetterextreme häufen sich und das wird richtig ungemütlich. 4. (LF) Wann und mit wem hast du zuletzt - jenseits deines deines Studiums - über den Klimawandel gesprochen? Mit meinem Kapitän Olaf auf besagtem Boot an besagtem Tag, als mir klar wurde wie schnell ein Tornado wirklich ist. 5. (LF) … und mit wem würdest du dich gern einmal darüber unterhalten? Mit niemand speziellem. Ich spreche mit den Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, es darf ein interessantes und zugleich tolerantes Gespräch sein. Ich versuche niemanden zu bekehren. Ich halte das „sich gegenseitig bekehren wollen“ für eines der grundsätzlichsten Probleme unseres zwischenmenschlichen Seins. Wenn es zum Gespräch kommt, dann wünsche ich mir Dialoge und ein konstruktives Miteinander. Soweit die in sich ruhende Variante meiner Selbst.


Natürlich setzt es manchmal aus und ich bin gefühlsgesteuert wenig tolerant und einfühlsam, wenn mir Ignoranz begegnet. Da springt der Bekehrungs-Motor dann schon mal an und monologisiert in, für mein Gegenüber, unangenehmer Lautstärke vor sich hin. 6. (LF) Wie siehst du deine Rolle und Haltung als Designer im Bezug auf die Thematik Klimakrise? Was können wir als dabei Designer beitragen? Wo werden wir gebraucht? Ich sehe den Designer als Mediator und sogar als Übersetzer. Gegenwartsgesellschaftliche und politische Themen in eine sinnlich erfahr- und nutzbare Form zu bringen, ist eine wunderschöne aber auch fordernde Arbeit, die ich für sehr notwendig halte. Gestaltung kann, meiner Meinung nach, viel mehr sein als „die gute Form“ „das schöne Produkt“ oder gar Dienstleistung. Ich schreibe deshalb von sinnlich Erfahrbarem, weil ich die Sinnlichkeit für einen besonders bedeutsamen, vielleicht sogar den bedeutsamsten, Schlüssel halte, der eine Veränderung im menschlichen Verhalten ermöglicht. Ich bin davon überzeugt, dass Wissen und Bildung, also Information allein nicht ausreichen, damit der Mensch die Klimakrise als Bedrohung ernst nimmt. Diese Krise ist keine neue oder gar überraschende. Spätestens in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts lagen die Informationen auf dem Tisch, die verdeutlichten, dass wir anders wirtschaften müssen, wollen wir nicht unseren eigenen Lebensraum zerstören. Ich denke also nicht, dass ausschließlich das böse System Kapitalismus in den vergangenen 50 Jahren die Klimakrise weiter vorangetrieben hat, es waren vielmehr die Menschen, die sich in ihm Verhalten haben. Und das ist keine Schuldzuweisung, sondern ein demütiges Eingeständnis menschlichen Versagens. Wir tun seit mehreren Jahrhunderten so, als seien wir rationale Wesen die wohlüberlegt Entscheidungen treffen würden: Dem scheint nicht so zu sein. Die neurowissenschaftliche, soziologische und psychologische Forschung versorgt uns mit immer mehr Ergebnissen, die besagen: Wir sind extrem emotionale Wesen die vor allem erstmal liebgehabt und wahrgenommen werden wollen, um sich dann individuell entfalten zu dürfen. (Dies ist eine zweckdienliche Vereinfachung, die keinen Anspruch auch Vollständigkeit erhebt.)

Dieses Urmenschliche, sollte, so finde ich, als Gestaltungsparameter sehr ernst genommen werden. Vielleicht bedeutet das für die gestalterische Praxis weniger große, oder gar allgemeingültige Lösungen zu formulieren, sondern vielmehr spezifische Entwicklungsprozesse zu begleiten. Was wir zum wünschenswerten Wandel beitragen können liegt sicher im individuellen Vermögen jedes Gestaltenden, doch die Disziplin Design hat jetzt eine konkrete Aufgabe, bei der es nicht um Vermögen, sondern um Verantwortung geht. Design verfügt über Methoden, die dazu beigetragen haben, die Abkehr vom kapitalistischen Wirtschaftssystem zu verhindern. Hart ausgedrückt könnte ich es wie folgt formulieren: Designer machen das Dinge gut aussehen. Wir erzeugten und erzeugen Bedürfnisse wo vorher keine waren, um Dinge zu verkaufen die niemand braucht. Da unser Ressourcenverbrauch die Ursache für die Klimakrise ist, gilt es also damit aufzuhören diesen weiterhin als legitim oder gar notwendig erscheinen zu lassen. Ich denke, dass es für die Disziplin Design also auch darum geht, etwas zu unterlassen was ihr bisher viel Anerkennung eingebracht hat. Und das ist kein leichter Job, denn etwas gewohntes aufzuhören ist so viel schwieriger, als etwas ungewohntes anzufangen. Die junge Disziplin „Design“ hat eine spannende und äußerst ambivalente Geschichte, in einem äußerst ambivalenten 20. Jahrhundert. Ihre Entstehung und Entwicklung lassen sich nur begreifen, wenn sie kontextualisiert werden. Eine ausführliche tiefenpsychologische Aufarbeitung und eine anschließende Verhaltenstherapie würden der Disziplin wohl ermöglichen sich aus ihrem derzeitigen Zustand heraus zu emanzipieren. Da es leider nicht möglich ist eine Disziplin therapeutisch zu behandeln, ist das wohl die Aufgabe der Lebewesen, die diese Disziplin ausführen. Für meine Gegenwart und meine Arbeitsweise bedeutet das aufs kürzeste heruntergebrochen folgendes: Ich versuche mein Wissen und meine Fähigkeiten für das einzusetzen was meinem Wertesystem entspricht. Und dabei vertraue ich auf mein Gefühl. Meine Emotion ist immer der erste Indikator für Gestaltung, auf das Gefühl folgt die intellektuelle Arbeit. Ich übersetze meinen individuellen, theoretischen Anspruch in die praktische Gestaltung, indem ich versuche mit Raum- oder Produktgestaltung Einladungen für andere Lebensweisen auszusprechen, anstatt Forderungen zu stellen.


7. (LF) Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zum Klimawandel durch Zeitungen/Wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um und welche Schlüsse ziehst du daraus für dein eigenes Handeln? Ich schaue keine Nachrichten, sondern generiere meine Information willkürlich und gezielt, so schütze ich mich vor vielen Bildern die eher schmerzverzehrt und manipulierend, als informativ sind. Ich will nichts per se ignorieren, aber ich werde mich auch nicht auf eine Weise überfordern, die mich handlungsunfähig, weil depressiv und panisch macht. Ich bin der Meinung, dass unser gegenwärtiges, mediales Futter allzu oft eher vergiftend als beflügelnd wirkt. Ich will aber beflügelt bleiben! So versuche ich die Balance zu wahren, zwischen dem Konsum kraftspendender Informationen und der persönlichen Zumutung unbequemer Wahrheiten. Mein eigenes Handeln ist zunächst aber vor allem geprägt von meiner inneren Persönlichkeit und nicht von äußerer Information. – Ich bin ein hoffnungsvoller Mensch! Ein Optimist nach der Definition von Giovanni di Maio: „Ein Optimist ist der, der sich seines potenziellen Scheiterns bewusst ist und es trotzdem versucht.“ Ich bin nicht naiv genug, um zu glauben: das wird schon. Aber ich bin hoffnungsvoll genug, um zu glauben: Das wird schon! Hierfür ist es sehr nützlich, dass ich neben meinem Hang zu wissenschaftlicher Korrektness und dem gestalterischen Pragmatismus mit Spiritualität ausgestattet bin. Ich glaube, dass wir alle Teil von etwas Größerem sind, dass in sich seine tiefe Richtigkeit hat. Dieser Glaube gibt mir so viel Halt, dass ich an den wenigstens Tagen zu fatalistischen „es-bringt-eh-allesnichts“ Dystopien neige, obwohl die Medien mir unermüdlich Bilder von menschlichem Versagen und Katastrophen vielschichtiger Art zeigen. – Ich habe natürlich auch hier so meine kleineren und größeren Aussetzer und Angstmomente, aber das geht dann auch wieder vorbei. Meist, wenn ich meinen Weltschmerz und die Sorgen mit meinen Lieben teile. Denn das ist mein persönlicher Schlüssel: Resonanz! Ich versuche ein resonanzfähiges Wesen zu bleiben. Jemand der die Verantwortung für sein Verhalten übernimmt und dabei nicht den Spaß am Leben verliert.

Denn Spaß und die Liebe zu dem was ich tue, beflügeln mich den Wandel zu gestalten, vom dem ich glaube das er jetzt gestaltet werden muss. Vorwürfe und Forderungen und die düsteren Bilder der täglichen 20:00 Uhr Nachrichten, oder von Online Medien lähmen mich eher, als dass sie mich antreiben. Sie geben mir das Gefühl in die Welt geworfen zu sein; ich will jedoch nicht Geworfene, sondern demütige und doch mutige Entwerfende sein.


Aruna Reddig 1. (LF) Beschreibe kurz deinen beruflichen Hintergrund und deine Arbeit.

5. (LF) ... und mit wem würdest du dich gern einmal darüber unterhalten?

Ich habe Ökolandbau und Vermarktung studiert und arbeite in der Öffentlichkeitsarbeit eines Verbandes zur Stärkung des regionalen biologischen Landbaus und kleinbäuerlicher Betriebe. Nebenbei schreibe ich Lyrik, Prosa; Essayistisches, Satirisches, etc..

Mit Gott vielleicht – oder sonst jemanden, der die Dinge in ihre wirkliche Beziehung setzen kann.

2. (LF) Nenne eine Sache/einen Ort/eine Landschaft/ eine Art/ eine Aktivität die dir persönlich wirklich sehr, sehr am Herzen liegt - und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst.

6. (LF) Wenn du versuchst, Menschen mit dem Thema Klimaschutz bzw. (Ökologische Landwirtschaft) zu erreichen- hattest du schon einmal einen Aha-Effekt in der Frage, wie das am besten gelingt? Konkrete Beispiele mit emotionaler Verknüpfung – am besten etwas, was die Menschen aus eigener Erfahrung kennen.

Der Regenwald – obwohl er so weit entfernt ist. 3. (LF) Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? Vor einigen Jahren stand ich allein im Cloud Forest in Costa Rica. Um mich herum war nichts künstlich Verändertes, bis auf den Trampelpfad, auf dem ich stand. Das diesige Licht fiel zwischen die fetten, feuchten Blätter und ich war mir sicher, dass ich auf der Stelle sterben könnte, ohne an etwas festhalten zu müssen. 4. (LF) Wann und mit wem hast du zuletzt - jenseits deines Jobs/deines Studiums - über den Klimawandel gesprochen? Ich glaube mit dir, am Küchentisch. Ich spreche generell nicht gern darüber, weil mir das nötige Wissen fehlt, um etwas Wertvolles beizutragen.

7. (LF) Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zum Klimawandeldurch Zeitungen/das Radio/Wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um? Je nach Verfassung. Entweder ich weise dieses Thema von mir, weil es mir zu nah geht und das Gefühl der Machtlosigkeit in Trauer umschlagen könnte. Oder es bestätigt mich in meiner Entscheidung, mich für den Ökologischen Landbau einzusetzen und erdet und stärkt mich damit auf gewisse Weise. In manchen Momenten bin ich auch skeptisch, weil ich mich nicht gern zu Aussagen und Standpunkten über Themen hinreißen lasse, von denen ich zu wenig weiß, als dass meine Ansichten wirklich authentisch wären. Ich sehe den Klimawandel als höchstkomplexes Thema an, dass wir als Menschen eventuell nicht in seiner Ganzheit begreifen können. Das ändert nichts am positiven Wert der klimaschützenden Maßnahmen, hinter denen ich wiederum guten Gewissens stehen kann.


Jakob Kukula 1. (LF) Beschreibe kurz deinen beruflichen Hintergrund und deine Arbeit. Ich arbeite im Studio Olafur Eliasson in der Abteilung für Produktion und Entwicklung. Als ausgebildeter Produktdesigner und leidenschaftlicher Künstler passt diese Arbeit sehr gut zu mir. Das Studio hat seit 2019 eine Nachhaltigkeitsabteilung die nach und nach unseren Betrieb optimiert. Die zweite Hälft meiner Woche verbringe ich in der Kunsthochschule Weißensee und studiere im Master Produktdesign. 2. (LF) Nenne eine Sache/einen Ort/eine Landschaft/ eine Art die dir persönlich wirklich sehr, sehr am Herzen liegt - und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. Mir persönlich liegen die Wälder sehr am Herzen da diese so unmittelbar uns umgeben und man ihnen schon die Zerstörung ansieht. Ich habe Angst davor das wir durch den Klimawandel solche Grundsätzlichen Bestandteile der Natur so zerstören dass sich das Weltbild noch mal drastisch ändert. Würde ich aber am Meer leben wäre das ein noch intensiveres Beispiel. Die Plastikverschmutzung und Überfischung ist wirklich mehr als offensichtlich. Was sehr krass zu spüren ist, sind die lauen Winter seit einigen Jahren in Berlin. Ich kann mich noch daran erinnern wie zu meinen Geburtstagen im Februar manchmal 3 - 4 Wochen die Seen zugefroren und es Schweinekalt war. Schnee war ganz normal. Das gab es jetzt schon lange nicht mehr. Wenn man sich überlegt dass dies unumkehrbar ist und auch nicht mehr wieder kommt, macht einen das schon etwas traurig. 3. (LF) Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? Ich liebe das knacken von Eis das so einen etwas gruseligen und tiefen Ton von sich gibt. Außerdem sind die eingefrorenen Luftblasen wunderschön vor allem wenn die Sonne scheint und es so einen winterlich blauen klaren Himmel hat.

Falls ich die kommenden Winter nochmal die Möglichkeit bekomme das zu erlebe werde ich es genau Dokumentieren, wie einen seltenen Schmetterling oder Käfer. 4. (LF) Wann und mit wem hast du zuletzt - jenseits deines Jobs/deines Studiums - über den Klimawandel gesprochen? Tagtäglich mit meinen Freunden oder der Familie 6. (LF) Wie siehst du deine Rolle und Haltung als Designer im Bezug auf die Thematik Klimakrise? Was können wir als dabei Designer beitragen? Wo werden wir gebraucht? Der Übergang über das Anthropozän hinaus zu einer „integrierten Weltordnung“ ist einer der dringendsten und wichtigsten Prozesse der Menschheit im 21. Jahrhundert. Um dies zu realisieren, sind kleine Schritte in die richtige Richtung erforderlich. Die Herausforderung liegt dabei den grundlegenden gesellschaftlichen Wandel zu ermöglichen, ohne Ängste und Widerständezu schüren, welche häufig mit größeren Veränderungen einhergehen. Design kann hier äußerst nützlich sein, um z.B. neue Möglichkeiten zu finden, zu skizzieren und das Beste aus diesen Ideen zu realisieren. Es kann helfen diese „kleinen Schritte“ zu gehen und dabei sich so unauffällig und angenehm anzufühlen, dass es zu keinem Widerstand kommt. Design kann auch verschiedene Bereiche miteinander verschmelzen lassen und Integral agieren. So können viele spezialisten an einem Tisch versammelt und gebündelt werden.Den Designer selbst sehe ich hier als Vermittler, Initiator und Kommunikator zwischen den einzelnen Disziplinen und der Gesellschaft für die etwas neues entwickelt wird. 6. (LF) Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zum Klimawandel durch Zeitungen/ Wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um und welche Schlüsse ziehst du daraus für dein eigenes Handeln?


Natürlich ist es etwas einschüchternd, diese Flut an Nachrichten... vor allem heutzutage. Das Thema genießt in Politik und Medien aber auch der Gesellschaft allgemein so viel Aufmerksamkeit wie noch nie zuvor. Und das zurecht...Grundlegend bin ich für die sehr extreme Veränderung! Weg mit allem was das Pariser Abkommen,unser globales Klima Ziel behindert, hin zu der „Grünen Zukunft“ und das so schnell wie möglich. Aber natürlich geht das nicht von heute auf morgen und nicht nur ,dass es mir extrem schwer fällt einzuschätzen was wirklich in der Politik und in den Lobbys zu diesem Thema unternommen wird bzw. unterbunden wird,nein viel schlimmer mich selbst einzuschätzen ist ein konstantes Wechselbad der Gefühle. Was kann ich wirklich tun und was lässt mich einfach nur als verwirrten Moralisten darstehen? Ist es gut Carsharing zu unterstützen und ist es überhaupt noch ok Fleisch zu essen? Ob ich jetzt einmal oder vielleicht zwei mal im Jahr fliegen darf? Oder ist das dann auch wurscht und gerne fünf mal oder am besten gar nicht? Aber es ist ja für die Arbeit, ja dann ist ja alles gut?! Sollte ich mich noch mehr engagieren und Nächte lang mit der Extinction Rebellion Bewegung die Straßen Berlins blockieren oder polarisiert das am Ende nur noch mehr unsere Gesellschaft? Möchte ich eigentlich Kinder haben? Viele essentielle Fragen, die nicht nur mir, sondern uns allen durch die Köpfe schwirren, dasweiß ich, das hoffe ich, das spüre ich. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Oft fühle ich mich etwas allein gelassen wenn ich mich bei meinen Freunden oder der Familie in Rage rede: Wie es doch alles irgendwie falsch läuft oder? Aber natürlich stimmen da nicht so viele mit ein, jeder weiß es aber am Ende wird man dann nur zum Heuchler wenn man doch mal wieder richtig Lust auf ein gutes Schnitzel bekommt. Oder statt dem Zug ein Flug nach Zürich bucht. Dann schauen alle betreten zu Boden und wissen nicht genau, ob sie jetzt lachen oder weinen sollen. Das ist auch keine angenehme Rolle die man da einnimmt, wer wird schon gerne konfrontiert und deswegen lässt man es lieber bleiben aber einfach weitermachen bis irgendwas passiert ist ja nicht die Lösung...

Also versuche ich mich mit spannenden Podcast Reihen, guten Büchern, anregenden Gesprächen und den richtigen Projekten mit dem Thema Klimawandel, Gesellschaft, Digitalisierung sowie der Energiewende auseinanderzusetzen... um so, hoffentlich, positiv zum Wandel beizutragen. Zum Beispiel habe ich für mein Masterprojekt das Thema Spree - Berlin gewählt. Ein lokales Projekt was ich auf dem grünen Baustein der Energiewende aufbauen und mehr Raum für Mensch Natur und Wasser in einer Großstadt wie Berlin fördern möchte. Alte Routinen brechen und mit klugen Lösungen ersetzen. Digitalisierung an den richtigen Punkten ansetzen und nicht einfach den Konsum fördern. So befasste ich mich auch in meinem letzten Projekt mit einer Roboter Flotte, die Fahrradwege aufmalen und Berlin so in kürzester Zeit zu einem Fahrradstadt-Konkurrenten von Amsterdam oder Kopenhagen etablieren kann. Tatsächlich ist mein Fleischkonsum extrem runtergegangen, nicht nur weil ich nicht mehr in Thüringen lebe, sondern wegen einer grundsätzlich veränderten Einstellung zu meiner Umwelt. Auch Reisen vor allem das Easyjetting fällt mir heutzutage extrem schwierig. So z.B. ein Wochenendausflug nach London, zu der aktuellen Ausstellung von unserem Studio, extrem schwierig und ich bin mir nicht sicher ob ich das machen kann. Schon verrückt das alles aber ich bin sehr dankbar in dieser Zeit zu leben. Design spielt hier eine große Rolle und darf viel Wollen! Es macht Spaß und es ist unglaublich aufregend...


Anhang Eidesstattliche Erklärung Hiermit erkläre ich an Eides statt, dass ich die vorliegende Bachelorarbeit selbstständig und nur unter Zuhilfenahme der ausgewiesenen Hilfsmittel angefertigt habe. Alle Stellen der vorliegenden Arbeit, die im Wortlaut oder dem Sinn nach anderen Werken (Printmedien, digitale Medien wie Internet etc.) entnommen wurden, habe ich durch explizite Quellenangaben kenntlich gemacht. Weimar, 16.12.2019

Einverständniserklärung Datennutzung Die Bauhaus-Universität Weimar erhält das Recht, die vorliegende Bachelorarbeit in Teilen oder vollständig für nichtkommerzielle Zwecke, insbesondere für Lehre und Forschung, zu nutzen und unter Nennung des Namens der Verfasserin zu veröffentlichen. Dies gilt sowohl für den Text als auch für die Bilder. Die urheberrechtlichen Ansprüche der Verfasserin bleiben selbstverständlich unberührt. Weimar, 16.12.2019

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Danksagung Ich möchte meinen Betreuern Prof. Dr. J. Willmann, Dipl. H. Waldschütz und M.A. M. Braun für die ausführliche Betreuung über den gesamten Zeitraum meiner Arbeit danken. Ein großes Dankeschön geht ausserdem an Elias Wachholz und Sabine Eichholz, die mir durch all ihr Know-How einen Einblick in die Keramik und damit ein völlig neues Feld der Möglichkeiten eröffnet haben. Zuletzt danke ich Ariana Zilliacus, die mich auf beide Exkursionen ins Rote Moor begleitet, meine Faszination geteilt, und einiges dokumentarisches Material beigesteuert hat. Danke an meine Interview-Partner:innen Jonas Korn, Sophia Schultz Rocha, Laura Warneke, Pauline Temme, Charlotte Weißmann, Alexander Leschinez, Jakob Kukula, Carla Waterfield, Federica Mandelli, Aruna Reddig, Julia Otte, Eva Weißmann, Christoph Weichert, Antonia Ney, Maud Canisius, Adriana Perske, Lars Blank, Rabea Welte und Alyssa Gerasimoff. Für das Schrühbrennen meiner Werkstücke danke ich : Kahla Thüringen Porzellan GmbH Danke an das Team von Studio Olafur Eliasson für alle Gespräche und Ratschläge während der Zeit der Themenfindung.

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