Conversations on Ecological Grief

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> Conversations on Ecological Grief*

* Ecological Grief Ellis/Cunsolo, 2017 “Trauer im Bezug auf erlebte oder erwartete ökologische Verluste, inklusive des Verlusts von Arten, Ökosystemen und identitätsstiftenden Landschaften aufgrund akuter oder chronischer Umweltveränderungen“


Die folgenden Interviews sind Teil meiner Recherche zum Begriff „Ecological Grief“ im Rahmen meiner Bachelorarbeit an der Bauhaus Universität Weimar (2020). Sie erlauben einen Einblick in mögliches Vorkommen und Erscheinungsformen des psychologischen Phänomens in meinem erweiterten Umfeld. Bezug nehmend auf einen Bericht der American Psychological Association* wollte ich herausfinden, ob bei den Befragten ähnliche Implikationen auftreten würden. Alle Teilnehmenden haben einen individuellen Bezug zum Thema Klimakrise, sei es durch ihr Berufsfeld, ihr politisches Engagement oder ihren Wohnort.

* American Psychological Association

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Manning, Krygsman,Speiser, 2007, Mental Health and our Changing Climate: Impacts, Implications, and Guidance. American Psychological Association, and ecoAmerica, Washington, D.C


Inhalt

S.

Alexander Aruna

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Carla Christoph Charlotte Eva Federica

16 22 33 38 44

Jakob Julia Maud Pauline

50 58 72 78

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Ecological Grief Map

> Cloud Forest, Costa Rica 10°18‘00“N 84°49‘00“W

> Barataria Bay, Louisiana 29°42‘54“N 90°6‘58“W

> Rhonegletscher, Alpen

46° 36‘ 12“ N , 8° 22‘ 57“ O

> Erzgebirge

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50° 35‘ N , 13° 0‘ O


> Asee, Münster

51° 56‘ 58“N , 7° 36‘ 13“ O

> Elba, Mittelmeer Küste 42° 47‘ N , 10° 17‘ O

> Spree

52° 32‘ 10“ N 13° 12‘ 32“ O

> La Maddalena, Italien 41° 13‘ 20.8056‘‘N 9° 24‘ 34.8732‘‘ O

> Hinteres Raubschloss,

Sächsische Schweiz 50° 54‘ 38“ N , 14° 16‘ 48“O

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Alexander Leschinez*

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Beschreibe kurz deinen beruflichen Hintergrund und deine politische Arbeit. > 27, Student der Freien Kunst im elften Semester an der Akademie der bildenden Künste Nürnberg und seit sechs Wochen aktiv bei Extinction Rebellion Nürnberg. Nenne eine Sache, einen Ort, eine Landschaft, eine Spezies, eine Aktivität, die dir persönlich sehr am Herzen liegt – und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. > Mir liegt Biodiversität wirklich sehr am Herzen. So wie die Erderhitzung hat das Artensterben auch einige Kipp-Punkte. Die Versauerung der Weltmeere zum Beispiel gefährdet nicht nur Korallen sondern auch alle Kalkschalen bildende Organismen wie beispielsweise Plankton, auf dem die ozeanische Nahrungskette basiert. Flussfische sterben in Massen an Sauerstoffmangel bei mittlerweile allsommerlichen Hitzewellen und den Insekten geht es noch schlimmer. Als ob es nicht schlimm genug ist das es durch Verlust an Lebensraum sowie Pestiziden in der


Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten zu einer massiven Abnahme der Biomasse und der Artenvielfalt der Insekten kam, haben Forscher eine klimawandelbedingte, um mindestens 50 Prozent verminderte Fruchtbarkeit der Männchen entdeckt. So wird der Restbestand unter Umständen nochmals Halbiert. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? Gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? > Als Kleinkind habe ich auf dem Bauernhof meiner Großeltern Insekten in ein Glas gesammelt. Ich habe mich sehr an deren Farben, Muster und Formen erfreut und habe sie lange beobachtet. Bevor meine Eltern mich wieder in ihre Wohnung in die Stadt mitnahmen vergrub ich das Glas mit den Insekten, etwas Gras und Erde darin. Da ich dachte, ich hätte ihnen ein intaktes Ökosystem gebastelt, war meine Enttäuschung groß, als ich es einige Wochen später wieder ausgrub. Du warst zuletzt bei Aktionen von Extinction Rebellion dabei. Welche Gründe haben dich

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bewogen aktiv zu werden? > Seitdem ich über mich selber bestimme versuchte ich durch ökologisches Vorleben andere mitzuziehen. Vielleicht war ich nicht cool genug. Damals war ich überzeugt davon, die Nachfrage würde den Markt bestimmen und diese würde durch zunehmende Aufklärung sich vom Turbokapitalismus abwenden. In Zeiten eines gnadenlosen Wettrennens der Selbstoptimierung ging diese Rechnung leider nicht auf. Bei Diskussionen wurde die Verantwortung immer an die Regierung weiter geschoben. Als ich von XR erfuhr, wollte ich mitmachen. Wie erlebst du die Aktionen, an denen du teilnimmst? > Ich fühle mich wie jemand, der mit Seifenblasen gegen Panzer kämpft, mit der Gewissheit das dieser rosten wird. Viele Künstler wie z.Bsp. Olafur Eliasson, versuchen mit ihrer Arbeit mehr gesellschaftliches Bewusstsein für die Klimakrise zu schaffen. Kann und sollte Kunst deiner Meinung nach ein Mittel sein, Menschen das Ausmaß und die Folgen der Klimakrise aufzuzeigen?


> Es sollte der Kunst nicht verwehrt sein

dürfen, Menschen für den Klimawandel zu sensibilisieren. Hingegen: Sollte das wirklich das Ziel sein in einer künstlerischen Praxis? Persönlich entscheide ich mich dagegen. Abgesehen davon, dass die für den Klimakampf instrumentalisierte Kunst in den angewandten Bereich einzuordnen ist, mutmaße ich, dass nicht genug, beziehungsweise nicht die richtigen Menschen dadurch erreicht werden, wie schön Olafur Eliassons Gletscher auch singen mögen. Umfragen zufolge sind sieben Millionen Menschen in Deutschland mehr oder weniger kunstinteressiert. Das ist ca. jeder zwölfte. Ich unterstelle diesem, mehr als den anderen elf, sich über das Ausmaß und die Folgen der Klimakrise zu informieren. Ein denkbarer, positiver Effekt wäre es natürlich, wenn Entscheidungsträger durch solche Kunstwerke in ihrem Handeln beeinflusst werden. Doch das ist ein zu romantischer Gedanke als dass ich ihm nachjagen möchte. Vielleicht würde es mehr bringen, wenn Kim Kardashian sich als klimabesorgt outen oder Olafur Eliasson sich für Klimaschutz an den

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Eingang des Bundestags festkleben würde. Dabei spreche ich bestimmt nicht für die Gesamtheit der Künstler. L‘art pour l‘art. Wie gehst du persönlich mit den oft drastischen Informationen um, die dich durch Zeitungen, das Radio oder wissenschaftliche Publikationen erreichen? > Mittlerweile nehme ich diese Informationen ganz selbstverständlich auf. Oder bin ich unterdrückt wütend? Ich kann das nicht mit Bestimmtheit beantworten. Ab und zu spreche ich mit Menschen in meinem Umkreis darüber, um meine Verärgerung legitimieren zu lassen. Kann und sollte die Kunst ein Mittel sein, die Klimakrise und ihre Folgen individuell zu reflektieren und zu verarbeiten? > Kann, möglich. Sollte, nicht unbedingt. Wie schon erwähnt halte ich Kunst nicht für das richtige Medium dafür. Auch sehe ich sie gefährdet wenn sie sich biegen würde um es zu werden. Dafür gibt es bessere Instrumente. Mit XR im Vergleich erreichten wir innerhalb von einem Tag der Berlinblockaden sämtliche Titelblätter. Nicht nur die Tagesschau, taz, SZ, FAZ und wie sie alle heißen berichteten über


uns sondern auch die Bild-Leser bekamen einen schönen zweiseitigen Zweizeiler über uns. Mehr als einen Schubs in diese Richtung schafft das allerdings auch nicht. Das Internet bietet alle Möglichkeiten sich zu informieren. Die Club of Rome Berichte, der IPCC und sogar die Website des Umwelt Bundesamtes liefern alles nötige um den Ernst der Lage zu verstehen. Alles jederzeit von jedem abrufbar. Manchmal reicht vielleicht genau dieser Schubs aus, etwas zu verändern. XR erfreut sich jedenfalls an einem erstaunlich hohen Zulauf. Gibt es KünstlerInnen, die sich mit dem Thema Landschaft auseinandergesetzt haben, die dich interessieren, die du spannend findest? Wenn ja, warum? > Da muss ich jetzt einen Dinosaurier auskramen. Max Ernst malte Jahrzehnte lang surrealistische Landschaften. Orangebraune löchrige Felsenmonster und sowas. Nach seiner Flucht in die USA erkannte er sie 1943 in Sedona, Arizona wieder. „Da fand ich die Landschaft wieder, die mir immer vorgeschwebt hatte und die auch schon

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in meinen frühen Bildern immer wieder zu finden ist.“ resümierte er in einem ARD-Alpha Interview. Zwischen 1946 und 1953 lebt er dort mit seiner Frau Dorothea Tanning. Das sagt mir: die Welt ist ein wunderbares, wunderschönes und unbegreifliches Etwas, wir sollten sie lieben und nicht das Klo runter spülen.

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* Alexander ist Künstler und lebt in Nürnberg.


Aruna Redding* Beschreibe kurz deinen beruflichen Hintergrund und deine Arbeit. > Ich habe Ökolandbau und Vermarktung studiert und arbeite in der Öffentlichkeitsarbeit eines Verbandes zur Stärkung des regionalen biologischen Landbaus und kleinbäuerlicher Betriebe. Nebenbei schreibe ich Lyrik, Prosa; Essayistisches, Satirisches. Nenne eine Sache, einen Ort, eine Landschaft, eine Art, eine Aktivität, die dir persönlich sehr am Herzen liegt - und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. > Der Regenwald – obwohl er so weit entfernt ist. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? > Vor einigen Jahren stand ich allein im Cloud Forest in Costa Rica. Um mich herum war nichts künstlich Verändertes, bis auf den Trampelpfad, auf dem ich stand. Das diesige Licht fiel zwischen die fetten, feuchten Blätter und ich war mir sicher, dass ich auf der Stelle sterben könnte, ohne an

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etwas festhalten zu müssen. Wann und mit wem hast du zuletzt jenseits deines Jobs oder deines Studiums über den Klimawandel gesprochen? > Ich glaube mit dir, am Küchentisch. Ich spreche generell nicht gern darüber, weil mir das nötige Wissen fehlt, um etwas Wertvolles beizutragen. Und mit wem würdest du dich gern einmal darüber unterhalten? > Mit Gott vielleicht – oder sonst jemanden, der die Dinge in ihre wirkliche Beziehung setzen kann. Wenn du versuchst, Menschen mit dem Thema Klimaschutz beziehungsweise Ökologische Landwirtschaft zu erreichen - hattest du da schon einmal einen Aha-Effekt in der Frage, wie das am besten gelingt? > Konkrete Beispiele mit emotionaler Verknüpfung – am besten etwas, was die Menschen aus eigener Erfahrung kennen. Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zum Klimawandel durch Zeitungen, das Radio, wissenschaftiche Publikationen erreichen?


Wie gehst du damit um? > Je nach Verfassung. Entweder ich weise dieses Thema von mir, weil es mir zu nah geht und das Gefühl der Machtlosigkeit in Trauer umschlagen könnte. Oder es bestätigt mich in meiner Entscheidung, mich für den Ökologischen Landbau einzusetzen und erdet und stärkt mich damit auf gewisse Weise. In manchen Momenten bin ich auch skeptisch, weil ich mich nicht gern zu Aussagen und Standpunkten über Themen hinreißen lasse, von denen ich zu wenig weiß, als dass meine Ansichten wirklich authentisch wären. Ich sehe den Klimawandel als höchstkomplexes Thema an, dass wir als Menschen eventuell nicht in seiner Ganzheit begreifen können. Das ändert nichts am positiven Wert der klimaschützenden Maßnahmen, hinter denen ich wiederum guten Gewissens stehen kann.

* Aruna ist der Öffentlchkeitsarbeit tätig und lebt in Weimar.

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Carla Waterfield*

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Briefly describe your professional background and your work. > I am the owner of a music school teaching children and their families from age six months through twelve years. Name a thing, place, landscape or type of activity that is very important to you - and that you see endangered by climate change. > I love the wetlands here in Louisiana and they are unfortunately disappearing rapidly. I worry about the wild life including birds, fish, crustaceans, insects and the people who make their livelihood from these creatures. What memories do you associate with this issue? Is there a specific moment that you remembered? > I have visited Barataria Bay several times. They have a visitor center where they discuss the problems regarding losing wetlands everyday. In addition to this every time there is a hurricane in the gulf we are aware that our natural „Speed Bump“, the wetlands, is disappearing. This makes the City of New


Orleans even more vulnerable to hurricanes. This could result in the complete loss of our city. We know too well after experiencing Katrina. You are living in New Orleans, an area with the most beautiful natural landscape, great community and rich culture. Sadly due to its geographical position the city is quite vulnerable to the effects of climate change like increased floodings and storms in recent years. How has this development, in your opinion, changed the city and its residents? > True New Orleanians will stay and return, I believe until there is no land remaining. We however not being from here do not have the same family ties. As much as we love the city and its rich cultural heritage we are hoping to move away in about 6 years or rent a smaller property we can walk away from if there is a major storm or flood. The people of Lousiana and New Orleans have lived with flooding and hurricanes throughout the centuries. It is however getting worse, even a bad rain storm currently is flooding the city.

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People love to blame this on our Sewer and Water Department but unfortunately I believe this is what will continue to happen into the future due to water levels rising. How does the community tackle these immense threats? > We have levees, canals, pumping stations, raised houses and flood walls. Basically when a storm comes we have a huge levee, wall system surrounding the City of New Orleans. It is really like we are inside a bowl. After Katrina no one really has faith in these systems, we just pray they will hold up to each storm. We really are more of an island surrounded by marsh and swamps. Do you remember any acts of collective grief or activism which occurred after floodings and storms? > The people who lived here during Katrina definitely go through post traumatic disorder every time a storm is headed our way. 80% of our city flooded and people had their entire lives uplifted. We all know it can happen again and just pray that it won‘t. Most people I believe will evacuate if a big storm is coming.


However our city floods from rain so many people have to try and protect their cars and property even for a rain event. This brings on a lot of anxiety and financial fear for people. Our car and home insurance are some of the highest in the nation. We pay for this risk everyday and definitely have fear of flooding. How do you think New Orleans will change in the future and how do you feel about it? > I think more people will raise their houses, I think the government will continue to try and use levees and flood walls to protect us. I think a lot of people will ignore the risks and just pray nothing happens. I unfortunately do believe the City of New Orleans is at great risk and unfortunately as time passes people will start to move if they flood too many times or can no longer afford the high insurance rates. When and with whom did you last talk about climate change? > This morning I spoke with my husband about cutting our own emissions in half. This is what they are asking governments to do but I really think we too as individuals must start to make changes. We have discussed better insulating

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the house, putting up more drapes. I am considering giving up one car and riding my bike everywhere I can. We have also stopped eating animals with four hooves at home. We are trying to eat lower on the food chain. We also live very close to our jobs so we do not have to drive far away. I‘m hoping we can reuse more things verses buying new and would love to quit buying so many things with plastic in them! Seems almost impossible. Plan to buy more local food and composting our waste is another idea. Unfortunately we just moved into a large house so this isn‘t so good. It will take a lot to cut our own energy use in half but we have started to talk about this and make changes. Of course we are completely out of the norm, in our community people drive big cars and run their AC all day. How do you deal with the often drastic information on climate crisis that reaches you through the media? > It totally stresses me out and I feel like everyone is waiting on everyone else to make a change. I think we all need to make changes and start with ourselves. With that said there


is going to have to be government intervention for sure. Our country is so lame and has the worst, most idiotic President! I am completely dumbfounded that half of my country have their heads in the sand! What conclusions do you draw from it for your personal life? > I think we are going to need to move in a few years and prepare ourselves to live with weather extremes and food crises. I would love to move into a sustainable home similar to the Earth Ship we stayed in in Taos, NM. I would however want to live where there were underground water sources. I would personally like to make changes to use less energy myself.

* Carla is the founder of „Carlas Musikgarten“ and lives in New Orleans

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Christoph Weichert*

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Beschreibe kurz deinen fachlichen Hintergrund und deine auch ehrenamtliche Arbeit. > Ich bin Pastor einer EvangelischFreikirchlichen Gemeinde seit 30 Jahren. Zuvor Assistent am Institut für Schweizerische Reformationsgeschichte der Universität Zürich, Langjährig engagiert in der Ökumene, Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Freiburg, zuvor Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Schleswig-Holstein, früher Mitglied des Verwaltungsrates des Internationalen Baptistischen Hochschule Prag, engagiert im Konziliaren Prozess „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, der ein wichtiger Teil der ökumenischen Arbeit der Kirchen über Jahrzehnte war. Nenne einen Ort oder eine Landschaft, die dir persönlich sehr am Herzen liegt - und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. > Ich habe 15 Jahre in der Schweiz gelebt und liebe die Berge und bin dort des Öfteren. Der sichtbare und erschreckende Rückgang


der Gletscher in den Schweizer Alpen alarmiert mich zutiefst und ist für mich ein Alarmsignal für den Klimawandel. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? > Als Kind schon, also vor 55 Jahren, stand ich am Fuße des Rhonegletschers oder auf dem Aletschgletscher. Ich erinnere mich, wie wir über die Gletscher gewandert und in den Rhonegletscher hineingegangen sind. Heute sind die Gletscher sehr dezimiert. Viele Gletscher der Schweizer Alpen sind schon verschwunden. Wann werden die letzten Gletscher verschwunden sein? In der Bibel steht, Gott schickte zehn Plagen über Ägypten um den Pharao dazu zu bewegen, das Volk Israel ziehen zu lassen. Der Klimawandel heute mit seinen katastrophalen Folgen ist menschgemacht. Welche Verantwortung haben die Christen gegenüber der biblischen Schöpfung? > Die Schöpfung ist dem Menschen anvertraut, sie ist Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen. Sie ist uns nicht gegeben

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zur Ausbeutung und zum egoistischen Nutzen. Sie ist uns und unseren Kindern und Kindeskindern anvertraut, damit wir leben können, Gott ehren und Gutes tun können. Gottes Wort sagt uns, dass wir Gott lieben sollen und unseren Nächsten wie uns selbst. Unseren Nächsten lieben wie uns selbst bedeutet selbstredend, dass wir den kommenden Generationen die Schöpfung so gut wie möglich erhalten und bewahren müssen. Bewahrung der Schöpfung ist allerdings zwingenderweise verbunden mit den Themen Frieden und Gerechtigkeit. Ohne Gerechtigkeit - ökonomische, gesellschaftliche und soziale - wird es keine Bewahrung der Schöpfung geben. Ohne Gerechtigkeit keinen Frieden. Ohne Frieden keine Bewahrung der Schöpfung. Maßgeblich, wegweisend und theologisch zentral ist die Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus über die Sorge für das gemeinsame Haus. Sie sollte von allen Christen gelesen, erarbeitet, verstanden und umgesetzt werden auf persönlicher, lokaler, regionaler, ländermäßigen und weltweiter Ebene. Sie ist ein exzellenter Impuls und ein gutes Werkzeug


für Kirchen, Städte, Länder, Regierungen, selbst für die UNO. „Staunenswert sind deine Werke“, Psalm 139,14. Als Werk Gottes, ist die Schöpfung Wunder, Geschenk und damit Lebensraum, den wir bewahren sollten. Müssen wir wieder lernen über die Natur zu staunen und demütiger werden? > Psalm 104 ist ein Lobgesang der Schöpfung auf Gott. Die ganze Schöpfung lobt und preist Gott, sagt der Psalmist. Auf diesem Hintergrund ist auch der sogenannte Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi entstanden. Der bessere Titel ist „Cantico delle Creature“, Loblied der Geschöpfe. Ja, wir sollten wieder lernen, über die Natur zu staunen, die Schönheit und Majestät der Berge, die Kraft und Gewalt der Wellen des Meeres und des Windes, den Gesang der Vögel, das Zirpen der Grillen, die Schönheit und die Naturgesetze des Kosmos, die Photosynthese, die Weisheit und den Ablauf von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, die Weisheit der Natur von Biene, Bestäubung, Fruchtbildung. Und so weiter, und so weiter.

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Ja, wir müssen wieder demütiger werden. Alles ist so weise geordnet. Manche nennen es Zufall oder Evolution. Ich nenne es Schöpfung und Weisheit Gottes. Unser kleines Gehirn versteht so wenig. Ja, „Staunenswert sind deine Werke“, Psalm 139,14. Mensch, Tier, Pflanzen und Erde, alles ist miteinander verwoben und so wunderbar geordnet. Der heilige Franziskus nennt Sonne, Wasser, Feuer und Erde seien Bruder und seine Schwester, selbst der Tod ist für ihn Schwester. Der Mensch hat sich zu lange über die Tiere und die Pflanzenwelt gestellt. Doch was ist der Mensch ohne Tiere und Pflanzen? Welche Rolle kann der persönliche Glaube dabei spielen? > Ohne einen persönlichen Gott kann man sehr wohl staunen über die Natur. Aber der persönliche Glaube öffnet eine tiefere Dimension. In unserem modernen Denken und Weltbild steht der Mensch im Mittelpunkt. Der Mensch ist Zentrum und Mittelpunkt und Kriterium des Seins und des Handeln des Menschen. Was mir gut tut oder mir nützt ist gut und richtig. Doch der christliche Glaube


an Gott sagt mir, dass ich nicht Kriterium und Maßstab bin. Sondern: Es gibt noch eine Instanz über mir. Ich selbst bin nur Bruder und Schwester zu meinen Mitmenschen, ja Bruder und Schwester der Natur, so Franz von Assisi. Des Weiteren: Jesus Christus wurde einmal gefragt, was das Wichtigste sei; Matthäus 22, 35ff: 35 „Und einer von ihnen, ein Lehrer des Gesetzes, versuchte ihn und fragte: »Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?« Jesus aber sprach zu ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ Der persönliche Glaube an Christus kann uns helfen, diese Doppelgebot zu lieben zu erkennen und umzusetzen. Und der Nächste ist nicht nur der Mensch, den wir lieben sollen wie Gott. Der Nächste wird auch immer mehr das Tier und die Natur, die es zu lieben gilt. Wie siehst du im Bezug darauf deine Rolle als

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Pastor und Seelsorger? > Als Pastor und Seelsorger habe ich die Aufgabe, die Menschen an das Herz Gottes zu führen. Das bedeutet, den Menschen das Denken Gottes nahe zu bringen und sie zur Liebe zum Nächsten und zur Liebe zur Schöpfung und somit zur Verantwortung für die Schöpfung zu führen. Das Evangelium lautet: Gott hat mich angenommen, obwohl ich unmöglich, egoistisch und zerstörerisch bin. Wenn ich verstehe und erlebt habe, dass Gott mich angenommen hat, also die Barmherzigkeit Gottes erlebt habe, dann kann ich auch barmherzig sein mit meinen Mitmenschen und der Schöpfung und muss oder will nicht immer „das Beste“ für mich raushauen. Das ist eine meiner Aufgaben als Pastor und Seelsorger, das zu vermitteln und das Denken Jesu Christi unter die Menschen zu bringen. Wenn ich verstehe, dass die Liebe Gottes Selbsthingabe ist, dann kann ich selbst verzichten, hingeben und teilen, schützen und bewahren, mich für andere einsetzen, auch mich für die Schöpfung einsetzen. Meine Aufgabe ist, dies zu vermitteln, aber auch die Menschen zu dieser


Erfahrung zu führen. Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zum Klimawandel durch Zeitungen, das Radio, wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um und welche Schlüsse ziehst du daraus für dein eigenes Handeln? > Zuerst einmal führen die oft drastischen Informationen zur Erkenntnis der Notwenigkeit und Dringlichkeit unseres Handelns. Es gibt einen Punkt, an dem wir das Rad nicht mehr zurück drehen können, oder an dem ein markanter Mehraufwand nötig ist, den wir dann nicht mehr leisten können oder wollen. Fridays for Future hat uns die Dringlichkeit drastisch vor Augen geführt wie niemand mehr seit Jahrzehnten. Doch diese Dringlichkeit kann auf diesem hohen Niveau nicht über längere Zeit so hoch gehalten und weitergefahren werden. Es braucht also andere Formen des Vorantreibens des Anliegens Bewahrung der Schöpfung.Ich denke an Menschen wie Martin Luther King, die ihr Anliegen - damals die Aufhebung der Rassentrennung und Diskriminierung der

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Schwarzen - in einer unkonventionellen und massiven und gewaltlosen Art und Weise vorangetrieben haben. Oder an die Freitagsgebete, die zum Fall der Mauergeführt haben. Doch wenn diese massive Art von politischem Druck nicht aufgebaut wird, wird sich nichts verändern. Aber ich denke auch an leitende Persönlichkeiten in Staat, Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft. Sie haben diese hohe Verantwortung, in die Zukunft zu führen, die Zeichen der Zeit zu erkennen und nicht faule Kompromisse einzugehen. Ich habe immer wieder Kontakt zu diesen leitenden Persönlichkeiten. Ich kann sie ermutigen tapfere und mutige Schritte zu gehen zum Wohl der Menschen und keine faulen Kompromisse einzugehen. Welche Schlüsse ziehe ich daraus? Es braucht große Persönlichkeiten des Glaubens, die bereit sind für ihre Werte und Überzeugungen zu kämpfen, den Kampf - die Bewegung anzuführen und bereit zu sein, für ihre Werte einzustehen und sich selbst hinzugeben, für ihre Überzeugungen zu sterben. Angenommen, wir zerstören die Welt bevor sie


uns zerstört. Ist ein solches Szenario theologisch überhaupt denkbar? > Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben, Ja oder Nein zu sagen. Schon die Geschichte vom Sündenfall in dritten Kapitel der Bibel, 1. Mose 3, zeigt auf, dass wir einen freien Willen haben. Das Resultat des sich nicht an Gott zuhalten ist der Verlust des Paradieses. Theologisch gesprochen, wir haben die Möglichkeit uns an Gottes Wilen zu halten oder unsere eigenen Wege zu gehen. Die Botschaft ist brutal: Gott zwingt uns nicht zu unserem Glück. Wir entscheiden selbst. Doch Gott sei Dank greift Gott auch immer wieder ein, bewahrt und hilft und korrigiert. Doch das ist nicht garantiert. Der Mensch produziert auch sein eigenes Unheil, wo er Gottes Wort mit Füßen tritt. Ein Paradebeispiel ist für mich das Verhalten des Dritten Reiches. Die Folge ist der Massenmord an sechs Millionen Juden, der Tod von 50 Millionen Menschen, das Gericht über Deutschland inklusive der Teilung Deutschlands. Gott lässt uns machen. Aber er lässt sich auch nicht spotten. Der Mensch erntet, was er sät. Siehe Deuteronomium 30.

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* Christoph ist Pastor einer freikirchlichen Gemeinde in Freiburg.


Charlotte Weissmann* Beschreibe kurz deinen beruflichen Hintergrund und deine Arbeit. > Ich habe nach einem Jahr Arbeit im Ökolandbau Naturschutz studiert und arbeite jetzt im Biosphärenreservat Spreewald, wo ich für den Bereich Vertragsnaturschutz zuständig bin. Vor dem Hintergrund der Entwicklungsziele, die sich das Biosphärenreservat als Modellregion für nachhaltige Entwicklung gesetzt hat, bespreche ich mit Landwirten Möglichkeiten zur Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen auf ihren Flächen und erstelle nach Abstimmung geeigneter Maßnahmen Vertragsnaturschutzverträge, auf deren Grundlage die Landwirte für den Mehraufwand der sich aus der Umsetzung der Maßnahmen ergibt beziehungsweise für die Ertragsverluste entschädigt werden. Nenne eine Sache, einen Ort, eine Landschaft, eine Art, eine Aktivität die dir persönlich sehr am Herzen liegt – und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst.

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> Schneelandschaften aller Art, damit verbunden

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Skifahren, Schneewanderungen. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? Gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? > Wir sind in meinen Kindheits- und Jugendjahren jedes Jahr zum Skifahren ins Erzgebirge gereist. Die Aufenthalte dort waren eine für mich wichtige, schöne und prägende Zeit, bei der Erinnerung daran wird mir jetzt noch warm ums Herz. Sich gemeinsam mit Schwester, Oma und Opa auf Skiern durch den Schneesturm zu kämpfen und sich durch den tief verschneiten Wald eine Schneise zu bahnen ist doch etwas ganz anderes, als bei grauem Februar-Matsch-Wetter durch den Wald zu wandern - das ist auch ok, aber doch deutlich weniger schön. Wann und mit wem hast du zuletzt – jenseits deines Jobs oder deines Studiums – über den Klimawandel gesprochen? > Der Klimawandel ist fast täglich Thema, zuletzt habe ich mich heute Morgen mit meinen Mitbewohnern darüber unterhalten, nachdem beim Frühstück ein Radiobeitrag zu dem


Thema lief. Und mit wem würdest du dich gern einmal darüber unterhalten? > Mit vielen derer, die an den entscheidenden Hebeln sitzen. Zum Beispiel Angela Merkel. Warum werden keine konkreten Maßnahmen umgesetzt, wo liegt das Problem? Oder mit Christian Lindner. Warum vertritt er so durch und durch wirtschaftsorientierte Ansichten, die Klimaschutzmaßnahmen zuwider laufen und was verspricht er sich davon? Und mit vielen anderen. Wenn du versuchst, Menschen mit dem Thema Klimawandel zu erreichen - hattest du schon einmal einen Aha-Effekt in der Frage, wie das am besten gelingt? > Ich denke, am besten erreicht man Leute, wenn man Dinge anspricht, die sie ganz persönlich betreffen. Also zum Beispiel die sommerliche Trockenheit und Hitze, die dem Gartengemüse zu schaffen macht und auch sonst den täglichen Alltag erschwert. Wenn man dann noch aktuelle Daten zum Klimawandel parat hat, hat man eine gewisse Erfolgswahrscheinlichkeit in puncto

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Überzeugung. Ein gutes und wichtiges Argument ist auch die zu erwartende Völkerwanderung: Wenn sich die heißen und trockenen Wüstenbereiche ausdehnen, werden sich die dort lebenden Menschen tendenziell andere Orte zum Leben suchen und vielleicht auch nach Europa kommen. Ein Argument, das besonders interessant in Gesprächen mit Menschen ist, die Flüchtlingszuzüge weniger willkommen heißen. Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich durch Zeitungen, das Radio, wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um? > Neue Infos und Berichte sind immer wieder der Anstoß für eine Beteiligung an konkreten Aktionen, FFF, Greenpeace-Aktionen, für ein Überdenken des eigenen Verhaltens regionale und saisonale, verpackungsarme Produkte kaufen - und für Diskussionen und die Weitergabe der Infos. Außerdem stelle ich mir öfters die Frage, wo ich in Zukunft leben will. Wirklich im tendenziell immer trockneren und heißeren Brandenburg? Oder wäre ein Leben weiter nördlich nicht vielleicht angenehmer?


* Charlotte arbeitet im Naturschutz im Biosphärenreservat Spreewald.

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Eva Weissmann*

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Beschreibe kurz deinen beruflichen Hintergrund und deine politische Arbeit sowie Engagements. > Ich habe eine Ausbildung zur Holzbildhauerin absolviert und studiere Architektur im Bachelor. Politisch bin ich schon immer sehr interessiert, aber bisher eher passiv gewesen - also Mitgliedschaft im Nabu und BUND Naturschutz, aber nicht aktiv, sondern mit Spenden. Und selten eine Gegendemo gegen Rechte. Erst dieses Jahr habe ich mich endlich mal bewegt und war jetzt bei den XR-Aktionen in Berlin dabei, und vorher auf FFF-Demos. Nenne eine Sache, einen Ort, eine Landschaft, eineSpezies, eine Aktivität, die dir persönlich sehr am Herzen liegt – und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. > Ich bin in Dresden aufgewachsen und habe eine sehr starke Verbindung zur Stadt, zum Elbtal und auch zur angrenzenden Sächsischen Schweiz. Seit mehreren Sommern nun ist die Elbe nur noch eine Pfütze - teilweise mit Pegelständen von 24-45 cm im Sommer!


Das nimmt mich unglaublich mit, denn der Naturraum verändert sich sehr stark. Den Wassermangel kann man auch in der Sächsischen Schweiz sehen denn der Borkenkäfer breitet sich gerade extrem aus! In den Gebieten, in denen ich als Kind jedes Jahr wandern war, ist ein Drittel der Bäume tot. Eigentlich nur ein durchs Klima erzwungener, notwendiger Waldumbau weg von der Monokultur, und deshlab auch nicht so schlimm. Aber das, was ich als Wald abgespeichert habe, verändert sich sehr. Der Raum wird einfach anders, schattige Schluchten plötzlich hell und warm. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? Gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? > Vor mehreren Jahren war ich in der Sächsschen Schweiz am Hinteren Raubschloss wandern. Das war immer ein ganz dunkler Grund, gruselig-märchenhaft, und von dort ging es auf den Felsen, das Raubschloss. Für mich war das mit Rittergeschichten und unheimlichem Märchenwald verbunden. Nach dem Borkenkäferbefall war der Wald um das

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Raubschloss jetzt plötzlich weg, die Sonne schien, hell und freundlich. Da war es dann vorbei mit der schaurigschönen Erinnerung. Du warst zuletzt in Berlin bei Aktionen von Extinction Rebellion dabei. Welche Gründe haben dich bewogen, aktiv zu werden? Wie erlebst du die Aktionen an denen du teilnimmst? > Das letzte Semester in Weimar war geprägt vom Thema Klimawandel. Einen gute Freundin war schon ab April aktiv bei XR Leipzig und hat immer mal sehr alarmiert davon erzählt, wie es um die Welt steht. Die Horizonte-Reihe hat sich mit dem Thema Ökologie befasst, und dort gab es Vorträge zum nachhaltigen Bauen. Besonders ist mir der Vortrag von Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker in Erinnerung. Er war beim Club of Rome und beschäftigt sich schon ewig mit Energiesparen, Ressourcenund Umweltschonung und auch politischen Möglichkeiten, das umzusetzen. Da hatte ich das verzweifelte, aber auch tröstende Gefühl, dass all das Wissen, wie man die Klimaerwärmung aufhalten kann, ja schon da ist! Man muss es nur anwenden! Theoretisch


kann man aus jeder Ressource fünf mal so viel rausholen und so viel Energie einsparen! Es macht wütend, dass es so viel Wissen gibt, sich aber nicht tut! Und einen Vortrag von Harald Welzer gab es auch, der ähnliches ausgelöst hat, aber auch bestärkte, an der positiven Zukunftsvison, die es dringend bracuht, mitzugestalten. Die Demos von FFF fand ich in Weimar fast überflüssig, da sie niemanden erreichen konnten. In Nürnberg war ich bei einer dabei, wo echt viele Schockierte, Unwissenden am Rand standen, das hat sich richtiger angefühlt. Die Aktionen in Berlin waren geprägt von solcher Friedfertigkeit und Freundlichkeit, total toll. Die Radfahrer und Fußgänger waren überwiegend dankbar und interessiert. Ich fand es außerdem bemerkenswert, und das spricht echt für Deutschland als Demokratie, dass das Camp direkt neben Bundentag und Kanzleramt stattfinden durfte. Wann und mit wem hast du zuletzt – jenseits deines Jobs oder deines Studiums – über die Klimakrise gesprochen? > Mit Alex natürlich, meinem Freund. Mit meiner

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bei Greenpeace engagierten Schwester, ihren Mitbewohnern. Mit meinen Eltern. Mit Freunden in Weimar. Und mit wem würdest du dich gern einmal darüber unterhalten? > Mit meinen Großeltern, generell mit einer älteren Generation, da hab ich oft Angst, zu aufbrausend und zu ungerecht zu werden. Vielleicht habe ich auch Angst vor Resignation. Und sich mit den Kulturtouristen in Weimar drüber zu unterhalten, wäre toll. Andererseits weiß ich nicht, was dabei rauskommt und ob ich den Mut hätte. Und mit Architekten! Die sind so in ihrer Arbeitsblase, könnten aber auf ihrem Gebiet so viel tun! Wenn du versuchst, Menschen mit dem Thema Klimakrise zu erreichen - hattest du schon einmal einen Aha-Effekt in der Frage, wie das am besten gelingt? > Am besten geht es, glaube ich, mit naturwissenschaftlichen Fakten. Naturwissenschaft ist ja im prinzip die moderne Religion und man kann nicht widersprechen. Und mit dem Apell, an die eigenen Kinder und Enkel zu denken.


Wie gehst du mit den oft drastischen Informationen um, die dich durch Zeitungen, das Radio oder wissenschaftiche Publikationen erreichen? > Manchmal, leider, ignoriere ich alles. Ich versuche ansonsten, Mut aus Vorträgen von Leuten zu ziehen, die einen Wandel für möglich halten. Man muss einfach machen und kämpfen und alles tun, was geht, es gibt sowieso keine Alternative, so dass Resignation einfach keine Lösung ist. Es gibt eigentlich nur einen Weg, den muss man engagiert gehen und sehen, was passiert.

* Eva studiert Architektur an der Bauhaus Universität Weimar.

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Federica Mandelli*

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Briefly describe your professional background and your work. > Five years studying humanities gave me the imprinting and love for words and literature. A BA in Set Design at IED Milano introduced me in the world of design. One year working as a producer and designer of social and cultural events for a non-profit in Milan. Here is where Ireally understood that i didn‘t really want to be a designer per se, but doing something for the people.A MA Narrative Environment at CSM London, looking at design through the lens of storytelling. One year doing small freelance project, here is when i understood I am way better with storytelling and communication instead of designing spaces. Five years now Communication Manager at OpenDot, dealing with strategies, helping in writing and curating projects from a communication point of view, project manager, PR with all kind of persons that need to understand what we are doing there with simple words. Three years Storytelling and Copywriter at Dotdotdot,


curating the overall communication of the studio, defining communication strategies for our projects, writing narratives for projects. Meanwhile, since 2012, co-founder and Event and Communication manager of Spilleria. Name a thing, place, landscape that is very important to you personally - and that you see endangered by climate change. > The most important place I think is La Maddalena archipelagos, which I don‘t see it myself in danger but I know it will be. It is the paradise on earth to me, when I think of nature as a powerful yet fragile entity that needs to be respected and protected I see this place. What memories do you associate with this issue? Is there a specific moment that you remembered? > One thing that I remember - even though I might romanticise the story because it dates back a lot, I used to go to Maddalena every summer since I was three - is that every year i see the lines of the sea level on the cliff differently, and the heat of the water every year that increase one degree. This summer 26! It‘s crazy, it used to be so cold, I swear!

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As a Designer and Communication specialist, you are often communicating complex topics to a broader audience. What storytelling and communication strategies do you like to use? > It really depends on the topic, but for sure I hate and I truly think it doesn‘t work: compassion and a cheesy, nostalgic tone of voice. I rather like irony and provocation, but to be used carefully and with a clear aim. Empathic strategies work good too, with simplicity and trying to touch audience‘s lives and comfort zone at the heart so they can really get the sense of the message. In general my communication mantra is: big ideas, simple words, short sentences, powerful images. The issue of Climate Crisis is all over the media. Whats your opinion on how the topic is communicated through the media? Do you see aspects that are missing or could be improved? > Honestly, I didn‘t deep-dive into that, but my general understanding is that we have two threads: One is „we are all dying“ and sort of psycho terrorism, which is true but could paralyze people. The other one is more angry


and blaming governments, which is also true but politically I‘m more into constructive communication. Indeed what I feel is lacking is the real understanding of the effects of our actions in our daily life and a clear understanding of what to do, so to take all responsibilities - from small to big scale without necessarly feeling bad or guilty. Its not enough to go to strike on friday, we need that movement to exist but the more so we need to understand what to do in practice and doing it. When and with whom did you talk to last about climate change? > With the people at dotdotdot for three projects: one because of the NABA course, one because of a kit about circular economy we are designing for Eni and the other one was this summer when I contributed to the viaggi paradiso project. How do you deal with the often drastic information on the climate crisis that reaches you through the media? > Well, I become aware of the gravity of the problem again, not really about how to contribute to solve the problem. I recognise it

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is a great challenge because it is so connected with multiple aspects and layers that are hard to link the big and the small scale. Loads of work for communication, visual, information designers indeed! What conclusions do you draw from it for your personal life? > To be a hundred percent honest, I don‘t really feel this problem touches me so much to freak out or to take very strong decisions about my lifestyle. Although I recognise we are in a hurry and something needs to be done, but I still feel this problem is out of my hands – even though a part of me knows that it‘s not! In fact, I do believe in some of my obsessions such as buying specific food which is local, seasonal and short-chain, or being picky about brands, or recently I have decided to buy less clothes and futile stuff - no plan on the horizon with less car or less meat for me! My final personal comment is that I can‘t measure the impact of all of this, I reckon it is impossible, maybe it‘s just my own personal greenwashing to feel like I‘m contributing to something! Psychology here!


* Federica works as Designer & Communication manager in Milan, Italy.

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Jakob Kukula*

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Beschreibe kurz deinen beruflichen Hintergrund und deine Arbeit. > Ich arbeite im Studio Olafur Eliasson in der Abteilung für Produktion und Entwicklung. Als ausgebildeter Produktdesigner und leidenschaftlicher Künstler passt diese Arbeit sehr gut zu mir. Das Studio hat seit 2019 eine Nachhaltigkeitsabteilung die nach und nach den Betrieb optimiert. Die zweite Hälft meiner Woche verbringe ich in der Kunsthochschule Weißensee und studiere im Master Produktdesign. Nenne eine Sache, einen Ort, eine Landschaft, eine Art, die dir persönlich sehr am Herzen liegt - und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. > Mir persönlich liegen die Wälder sehr am Herzen, da diese so unmittelbar uns umgeben und man ihnen schon die Zerstörung ansieht. Ich habe Angst davor, dass wir durch den Klimawandel solche grundsätzlichen Bestandteile der Natur so zerstören, dass sich das Weltbild noch mal drastisch ändert. Würde


ich aber am Meer leben, wäre das ein noch intensiveres Beispiel. Die Plastikverschmutzung und Überfischung ist wirklich mehr als offensichtlich. Was sehr krass zu spüren ist sind die lauen Winter seit einigen Jahren in Berlin. Ich kann mich noch daran erinnern wie zu meinen Geburtstagen im Februar manchmal drei bis vier Wochen die Seen zufroren und es Schweinekalt war. Schnee war ganz normal. Das gab es jetzt schon lange nicht mehr. Wenn man sich überlegt, dass dies unumkehrbar ist und auch nicht mehr wiederkommt, macht einen das schon etwas traurig. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? Gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? > Ich liebe das Knacken von Eis, das so einen etwas gruseligen und tiefen Ton von sich gibt. Außerdem sind die eingefrorenen Luftblasen wunderschön, vor allem, wenn die Sonne scheint und es so einen winterlich blauen klaren Himmel hat. Falls ich die kommenden Winter nochmal die Möglichkeit bekomme, das zu erleben werde ich es genau dokumentieren, wie einen seltenen Schmetterling oder Käfer.

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Wann und mit wem hast du zuletzt jenseits deines Jobs oder deines Studiums über den Klimawandel gesprochen? > Tagtäglich mit Freunden oder der Familie. Wie siehst du deine Rolle und Haltung als Designer im Bezug auf die Thematik Klimakrise? Was können wir als Designer dabei beitragen? Wo werden wir gebraucht? > Der Übergang über das Anthropozän hinaus zu einer integrierten Weltordnung ist einer der dringendsten und wichtigsten Prozesse der Menschheit im 21. Jahrhundert. Um dies zu realisieren, sind kleine Schritte in die richtige Richtung erforderlich. Die Herausforderung liegt dabei, den grundlegenden gesellschaftlichen Wandel zu ermöglichen, ohne Ängste und Widerstände zu schüren, welche häufig mit größeren Veränderungen einhergehen. Design kann hier äußerst nützlich sein, um zum Beispiel neue Möglichkeiten zu finden, zu skizzieren und das Beste aus diesen Ideen zu realisieren. Es kann helfen, diese „kleinen Schritte“ zu gehen und sich dabei so unauffällig und angenehm anzufühlen, dass es zu keinem Widerstand kommt. Design kann


auch verschiedene Bereiche miteinander verschmelzen lassen und Integral agieren. So können viele Spezialisten an einem Tisch versammelt und gebündelt werden. Den Designer selbst sehe ich hier als Vermittler, Initiator und Kommunikator zwischen den einzelnen Disziplinen und der Gesellschaft für die etwas neues entwickelt wird. Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zum Klimawandel durch Zeitungen oder wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um und welche Schlüsse ziehst du daraus für dein eigenes Handeln? > Natürlich ist es etwas einschüchternd, diese Flut an Nachrichten, vor allem heutzutage. Das Thema genießt in Politik und Medien aber auch der Gesellschaft allgemein so viel Aufmerksamkeit wie noch nie zuvor. Und das zurecht. Grundlegend bin ich für die sehr extreme Veränderung! Weg mit allem was das Pariser Abkommen, unser globales Klimaziel behindert, hin zu der „Grünen Zukunft“ und das so schnell wie möglich. Aber natürlich geht das nicht von heute auf morgen und nicht nur, dass

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es mir extrem schwer fällt einzuschätzen, was wirklich in der Politik und in den Lobbys zu diesem Thema unternommen wird beziehungsweise unterbunden wird - nein, viel schlimmer - mich selbst einzuschätzen ist ein konstantes Wechselbad der Gefühle. Was kann ich wirklich tun und was lässt mich einfach nur als verwirrten Moralisten dastehen? Ist es gut Carsharing zu unterstützen und ist es überhaupt noch ok Fleisch zu essen? Ob ich jetzt einmal oder vielleicht zwei mal im Jahr fliegen darf? Oder ist das dann auch wurscht und gerne fünf mal oder am besten gar nicht? Aber es ist ja für die Arbeit, ja dann ist ja alles gut? Sollte ich mich noch mehr engagieren und Nächte lang mit der Extinction Rebellion Bewegung die Straßen Berlins blockieren oder polarisiert das am Ende nur noch mehr unsere Gesellschaft? Möchte ich eigentlich Kinder haben? Viele essentielle Fragen, die nicht nur mir, sondern uns allen durch die Köpfe schwirren, das weiß ich, das hoffe ich, das spüre ich. Bei manchen mehr, bei manchen weniger. Oft fühle ich mich etwas allein gelassen wenn ich mich bei meinen Freunden


oder der Familie in Rage rede: Wie es doch alles irgendwie falsch läuft, oder? Aber natürlich stimmen da nicht so viele mit ein - jeder weiß es, aber am Ende wird man dann nur zum Heuchler, wenn man doch mal wieder richtig Lust auf ein gutes Schnitzel bekommt. Oder statt dem Zug einen Flug nach Zürich bucht. Dann schauen alle betreten zu Boden und wissen nicht genau, ob sie jetzt lachen oder weinen sollen. Das ist auch keine angenehme Rolle, die man da einnimmt - wer wird schon gerne konfrontiert? Und deswegen lässt man es lieber bleiben, aber einfach weitermachen bis irgendwas passiert ist ja nicht die Lösung. Also versuche ich mich mit spannenden Podcast Reihen, guten Büchern, anregenden Gesprächen und den richtigen Projekten mit dem Thema Klimawandel, Gesellschaft, Digitalisierung sowie der Energiewende auseinanderzusetzen. Um so hoffentlich positiv zum Wandel beizutragen. Zum Beispiel habe ich für mein Masterprojekt das Thema Spree - Berlin gewählt. Ein lokales Projekt was ich auf dem grünen Baustein der Energiewende aufbauen und mehr Raum für

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Mensch Natur und Wasser in einer Großstadt wie Berlin fördern möchte. Alte Routinen brechen und mit klugen Lösungen ersetzen. Digitalisierung an den richtigen Punkten ansetzen und nicht einfach den Konsum fördern. So befasste ich mich auch in meinem letzten Projekt mit einer Roboter Flotte, die Fahrradwege aufmalen und Berlin so in kürzester Zeit zu einem FahrradstadtKonkurrenten von Amsterdam oder Kopenhagen etablieren kann. Tatsächlich ist mein Fleischkonsum extrem runtergegangen, nicht nur weil ich nicht mehr in Thüringen lebe, sondern wegen einer grundsätzlich veränderten Einstellung zu meiner Umwelt. Auch Reisen, vor allem das Easyjetting fällt mir heutzutage extrem schwierig. So zum Beispiel ein Wochenendausflug nach London, zu der aktuellen Ausstellung von unserem Studio - und ich bin mir nicht sicher, ob ich das machen kann. Schon verrückt, das alles, aber ich bin sehr dankbar in dieser Zeit zu leben. Design spielt hier eine große Rolle und darf viel Wollen! Es macht Spaß und es ist unglaublich aufregend.


* Jakob arbeitet als Designer in Berlin.

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Julia Otte *

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Beschreibe kurz deinen fachlichen Hintergrund und deine Arbeit. > Ich studiere im Master Produktdesign, genauer gesagt Nachhaltige Produktkulturen. Ich arbeite also explizit zum Thema der Nachhaltigkeit, wobei mir das Wort immer schwerer über die Lippen geht, da mir seine derzeitige Nutzung so oft willkürlich und kontextlos scheint. Der Begriff hat, meiner Meinung nach, durch seine Nutzungsweise an Kraft verloren. Während ich nun den Master of Arts studiere und somit gestalterisch und praktisch unterwegs bin, habe ich zuvor einen Bachelor of Science in Urbanistik abgeschlossen. Als Wissenschaftlerin kann ich nachvollziehen, warum der Prozess der „Wortabnutzung“ stattfindet. Es ist vollkommen sprach-logisch, dass wir Worte definieren, oder wie in diesem Fall aus einem anderen Fachgebiet entleihen, um ein Thema zu greifen. Der darauffolgende logische Schritt ist, dass diese Worte irgendwann ausgelutscht sind. Unpraktischerweise ist es allzu oft so, dass der


Inhalt erst ansatzweise verstanden wird, wenn das Wort bereits verbraucht ist. Ich frage mich ob es diese Abnutzung braucht, dass der Begriff also aufhören muss zu funktionieren, damit wir endlich anfangen können, tatsächlich mit dem „Etwas“, das er umfasst, zu arbeiten. Oder aber man macht es wie die Fridays For Future – Kinder und streitet sich nicht um den Begriff, sondern für die Sache. Nenne eine Sache, einen Ort, eine Art oder eine Landschaft, die dir persönlich sehr am Herzen liegt - und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. > Das Meer! Ich bin leidenschaftliche Seglerin, die Veränderungen des Klimas spüre ich auf dem Boot, im direkten Kontakt mit der Natur. Das Wasser wird dreckiger und wärmer und die Schwankungen des Wetters insgesamt extremer. Das Meer bezeugt auf eindrucksvoll traurige Weise die Folgen des Klimawandels. Durch die Veränderung eines riesigen Lebensraumes sterben seine Bewohner, also Tiere und Pflanzen aufgrund unseres Verhaltens. In den vergangenen vier Sommern war ich im Mittelmeer unterwegs und dort wird die Tragik

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noch extremer. Aufgrund unseres NichtVerhaltens sterben hier nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch Menschen. Dass der Ort, der für mich Freiheit und Urlaub bedeutet, gleichzeitig der Ort ist, an dem unzählige Geflüchtete ihr Leben verloren haben und es weiterhin tun, macht mich sehr nachdenklich. Ich denke, am Ende gehört alles zusammen. Die Klimakrise und die humanitäre Krise finden ihren Ursprung im selben System. Beide Zustände sind die Konsequenz unseres Umgangs mit der Erde und miteinander. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? > Das erfolgreiche Segelerlebnis steht und fällt mit dem gegebenen Wind. Um seinen Törn planen zu können schaut das vorfreudige Seglerauge natürlich schon auf die Wetterkarte bevor es über den Bug auf den Horizont blickt. Und auch während des Törns hat man ständig das Wetter und ganz besonders den Wind im Blick. Hierfür zoomte ich in der ersten Oktoberwoche an Bord einer Segelyacht, auf der Website des Wetterdienstes meines


Vertrauens ganz dicht in das Gebiet hinein indem ich unterwegs war.Die Aussichten waren stürmisch, aber nicht bedrohlich. Schnelle Fahrt bei angenehmer Welle machen mir Spaß und ich freute mich über eine fixe Überfahrt vom italienischen Festland Richtung Elba. Da Wind aber, wie der Klimawandel auch, eine globale Sache ist, zoomte ich am Ende meiner kleinen Wetterstudie wieder ganz weit in die Welt hinaus, und siehe da: ein bedrohlicher roter Kreisel bewegte sich auf Japan zu. „Hm. Sieht nicht gut aus“, hab ich mir gedacht und bin an Deck gegangen, um das Steuer zu übernehmen. Ich könnte jetzt ausführlich über die notwendigen Manöver berichten, die wir während der Überfahrt durchführen mussten, möchte aber keinen Leser mit nerdigem Seglertalk belasten. Zusammenfassend ist zu sagen: Der Wind war so stark, dass wir die Segel ganz klein machen mussten, damit die Yacht uns sicher nach Elba bringen konnte. Zu viel Segel hätte zu viel Angriffsfläche für den Wind bedeutet und ihn so vom Freund zum Feind unseres Bootes gemacht. Als ich am Steuer stand, das ich mit aller Kraft führen

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musste, mich die Gischt durchnässte und mir der Wind durchs Gesicht peitschte war ich sehr glücklich und auch etwas aufgeregt. So schnell bin ich vorher noch nie gesegelt. Am nächsten Morgen saß ich wieder vor der digitalen Wetterkarte, diesmal gemeinsam mit meinem Kapitän. Wir schauten uns gemeinsam das anstehende Wetter an, und resümierten das Vergangene. 40 km/h war unsere Spitzenwindgeschwindigkeit vom Vortag, die haben sich sehr intensiv angefühlt. Beim Blick auf die globale Wetterlage fällt mir direkt auf, dass der bedrohliche Kreisel größer geworden ist, tiefrot gekennzeichnet und verdammt dicht vor Japan. Ein Tornado mit einer Kerngeschwindigkeit von 250 km/h. Und da macht es Klick: Verdammt, wenn dieser Wind da, gut die fünffache Stärke von unserem Wind hier hat, dann hat Japan ein Problem! Da rast ein Tornado auf Tokio zu und die Japaner können nicht mehr tun, als abzuwarten und sich zu verriegeln und verrammeln in der Hoffnung, dass das reicht. Nur weil ich sinnlich erfahren habe, wie schnell 40 km/h Wind sind konnte ich ein echtes Mitgefühl für diese mir


fremden Menschen entwickeln. Bilder auf dem Laptop, gepaart mit Zahlen und Farben, sogar Videoaufnahmen aus dem Katastrophengebiet können diese Bewusstheit nicht erzeugen, das schafft nur das tatsächliche Erlebnis. In dem Moment war das Bewusstsein da: Diese Wetterextreme häufen sich und das wird richtig ungemütlich. Wann und mit wem hast du zuletzt jenseits deines Jobs oder deines Studiums über den Klimawandel gesprochen? > Mit meinem Kapitän Olaf auf besagtem Boot an besagtem Tag, als mir klar wurde wie schnell ein Tornado wirklich ist. Und mit wem würdest du dich gern einmal darüber unterhalten? > Mit niemand speziellem. Ich spreche mit den Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, es darf ein interessantes und zugleich tolerantes Gespräch sein. Ich versuche, niemanden zu bekehren. Ich halte das „sich gegenseitig bekehren wollen“ für eines der grundsätzlichsten Probleme unseres zwischenmenschlichen Seins. Wenn es zum Gespräch kommt, dann wünsche ich mir

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Dialoge und ein konstruktives Miteinander. Soweit die in sich ruhende Variante meiner Selbst. Natürlich setzt es manchmal aus und ich bin gefühlsgesteuert wenig tolerant und einfühlsam, wenn mir Ignoranz begegnet. Da springt der Bekehrungs-Motor dann schon mal an und monologisiert in, für mein Gegenüber, unangenehmer Lautstärke vor sich hin. Wie siehst du deine Rolle und Haltung als Designer im Bezug auf die Thematik Klimakrise? Was können wir als dabei Designer beitragen? Wo werden wir gebraucht? > Ich sehe den Designer als Mediator und sogar als Übersetzer. Gegenwartsgesellschaftliche und politische Themen in eine sinnlich erfahrund nutzbare Form zu bringen, ist eine wunderschöne aber auch fordernde Arbeit, die ich für sehr notwendig halte. Gestaltung kann, meiner Meinung nach, viel mehr sein als „die gute Form“, „das schöne Produkt“ oder gar Dienstleistung. Ich schreibe deshalb von sinnlich Erfahrbarem, weil ich die Sinnlichkeit für einen besonders bedeutsamen, vielleicht sogar den bedeutsamsten Schlüssel halte, der eine Veränderung im menschlichen Verhalten


ermöglicht. Ich bin davon überzeugt, dass Wissen und Bildung, also Information allein, nicht ausreicht, damit der Mensch die Klimakrise als Bedrohung ernst nimmt. Diese Krise ist keine neue oder gar überraschende. Spätestens in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts lagen die Informationen auf dem Tisch, die verdeutlichten, dass wir anders wirtschaften müssen, wollen wir nicht unseren eigenen Lebensraum zerstören. Ich denke also nicht, dass ausschließlich das böse System Kapitalismus in den vergangenen 50 Jahren die Klimakrise weiter vorangetrieben hat, es waren vielmehr die Menschen, die sich in ihm verhalten haben. Und das ist keine Schuldzuweisung, sondern ein demütiges Eingeständnis menschlichen Versagens. Wir tun seit mehreren Jahrhunderten so, als seien wir rationale Wesen, die wohlüberlegt Entscheidungen treffen würden: Dem scheint nicht so zu sein. Die neurowissenschaftliche, soziologische und psychologische Forschung versorgt uns mit immer mehr Ergebnissen, die besagen: Wir sind extrem emotionale Wesen,

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die vor allem erstmal liebgehabt und wahrgenommen werden wollen, um sich dann individuell entfalten zu dürfen. Dies ist eine zweckdienliche Vereinfachung, die keinen Anspruch auch Vollständigkeit erhebt.Dieses Urmenschliche sollte, so finde ich, als Gestaltungsparameter sehr ernst genommen werden. Vielleicht bedeutet das für die gestalterische Praxis weniger, große oder gar allgemeingültige Lösungen zu formulieren, sondern vielmehr spezifische Entwicklungsprozesse zu begleiten.Was wir zum wünschenswerten Wandel beitra- gen können liegt sicher im individuellen Vermögen jedes Gestaltenden, doch die Disziplin Design hat jetzt eine konkrete Aufgabe, bei der es nicht um Vermögen, sondern um Verantwortung geht. Design verfügt über Methoden, die dazu beigetragen haben, die Abkehr vom kapitalistischen Wirtschaftssystem zu verhindern. Hart ausgedrückt könnte ich es wie folgt formulieren: Designer machen, dass Dinge gut aussehen. Wir erzeugten und erzeugen Bedürfnisse wo vorher keine waren, um Dinge zu verkaufen, die niemand braucht.


Da unser Ressourcenverbrauch die Ursache für die Klimakrise ist, gilt es also damit aufzuhören diesen weiterhin als legitim oder gar notwendig erscheinen zu lassen. Ich denke, dass es für die Disziplin Design also auch darum geht, etwas zu unterlassen was ihr bisher viel Anerkennung eingebracht hat. Und das ist kein leichter Job, denn mit etwas gewohntem aufzuhören ist so viel schwieriger als etwas ungewohntes anzufangen. Die junge Disziplin „Design“ hat eine spannende und äußerst ambivalente Geschichte in einem äußerst ambivalenten 20. Jahrhundert. Ihre Entstehung und Entwicklung lässt sich nur begreifen, wenn sie kontextualisiert wird. Für meine Gegenwart und meine Arbeitsweise bedeutet das aufs kürzeste heruntergebrochen folgendes: Ich versuche mein Wissen und meine Fähigkeiten für das einzusetzen, was meinem Wertesystem entspricht. Und dabei vertraue ich auf mein Gefühl. Meine Emotion ist immer der erste Indikator für Gestaltung, auf das Gefühl folgt die intellektuelle Arbeit. Ich übersetze meinen individuellen, theoretischen Anspruch in die praktische Gestaltung, indem ich versuche mit

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Raum- oder Produktgestaltung Einladungen für andere Lebensweisen auszusprechen, anstatt Forderungen zu stellen. Ausführliche tiefenpsychologische Aufarbeitung und eine anschließende Verhaltenstherapie würden der Disziplin wohl ermöglichen, sich aus ihrem derzeitigen Zustand heraus zu emanzipieren. Da es leider nicht möglich ist, eine Disziplin therapeutisch zu behandeln ist das wohl die Aufgabe der Lebewesen, die diese Disziplin ausführen. Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zum Klimawandel durch Zeitungen, das Radio, wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um und welche Schlüsse ziehst du daraus für dein eigenes Handeln? > Ich schaue keine Nachrichten, sondern generiere meine Information willkürlich und gezielt, so schütze ich mich vor vielen Bildern, die eher schmerzverzehrt und manipulierend als informativ sind. Ich will nichts per se ignorieren, aber ich werde mich auch nicht auf eine Weise überfordern, die mich handlungsunfähig, weil depressiv und panisch macht. Ich bin der


Meinung, dass unser gegenwärtiges, mediales Futter allzu oft eher vergiftend als beflügelnd wirkt. Ich will aber beflügelt bleiben! So versuche ich die Balance zu wahren, zwischen dem Konsum kraftspendender Informationen und der persönlichen Zumutung unbequemer Wahrheiten. Mein eigenes Handeln ist zunächst aber vor allem geprägt von meiner inneren Persönlichkeit und nicht von äußerer Information. Ich bin ein hoffnungsvoller Mensch! Ein Optimist nach der Definition von Giovanni di Maio: „Ein Optimist ist der, der sich seines potenziellen Scheiterns bewusst ist und es trotzdem versucht.“ Ich bin nicht naiv genug, um zu glauben: das wird schon. Aber ich bin hoffnungsvoll genug, um zu glauben: Das wird schon! Hierfür ist es sehr nützlich, dass ich neben meinem Hang zu wissenschaftlicher Korrektheit und dem gestalterischen Pragmatismus mit Spiritualität ausgestattet bin. Ich glaube, dass wir alle Teil von etwas Größerem sind, dass in sich seine tiefe Richtigkeit hat. Dieser Glaube gibt mir so viel Halt, dass ich an den wenigsten Tagen zu fatalistischen „es-bringt-eh-alles-nichts“ -

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Dystopien neige, obwohl die Medien mir unermüdlich Bilder von menschlichem Versagen und Katastrophen vielschichtiger Art zeigen. Ich habe natürlich auch hier so meine kleineren und größeren Aussetzer und Angstmomente, aber das geht dann auch wieder vorbei. Meist, wenn ich meinen Weltschmerz und die Sorgen mit meinen Lieben teile. Denn das ist mein persönlicher Schlüssel: Resonanz! Ich versuche ein resonanzfähiges Wesen zu bleiben. Jemand, der die Verantwortung für sein Verhalten übernimmt und dabei nicht den Spaß am Leben verliert. Denn Spaß und die Liebe zu dem was ich tue beflügeln mich, den Wandel zu gestalten, vom dem ich glaube dass er jetzt gestaltet werden muss. Vorwürfe und Forderungen und die düsteren Bilder der täglichen 20 Uhr Nachrichten, oder von Online Medien lähmen mich eher, als dass sie mich antreiben. Sie geben mir das Gefühl, in die Welt geworfen zu sein; ich will jedoch nicht Geworfene, sondern demütige und doch mutige Entwerfende sein.


* Julia ist Urbanistin und studiert im Master Produktdesign an der Bauhaus Universität Weimar.

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Maud Canisius*

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Beschreibe kurz deinen fachlichen Hintergrund und deine Arbeit. > Ich habe Landschaftsarchitektur studiert an der Wageningen Universiteit in den Niederlanden. Sie ist bekannt für ihre Landwirtschaft und Nachhaltige Forschungsfelder. Als Master habe ich Medienkunst an der Bauhaus Universität studiert und bin gerade eingestiegen beim PhD Programm. In meinen Arbeiten beschäftige ich mich mit gesellschaftlichen Perspektiven auf Landschaften und wie diese sich ändern, wenn unsere Gesellschaft, Technologie oder Einstellung sich ändert. So habe ich mich in meiner Masterarbeit „I could have been at the beach right now“ mit Landschaften beschäftigt, die in der Zukunft klimatologischen Veränderungen ausgesetzt sind. Nenne eine Sache, einen Ort, eine Art oder eine Landschaft, die dir persönlich sehr am Herzen liegt und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. > Das ist nicht nur eine, sondern mehrere. Aber


allgemein mag ich die Polder sehr gerne. Wenn ich das Flachland sehe, die ausgestreckte Leere, den Höhepunkt der menschlichen Intervention, fühle ich mich zuhause. Ich mag die Entstehungsgeschichte, die auch direkt damit verbunden ist, dass sie jetzt bedroht werden von Klimawandel. Die Landschaften sind das Symbol für mich für Menschliche Dominanz - aus Wasser Land machen aber auch dass die Natur zurückschlägt - Versalzung, Überflutungen. Die ganze Geometrie, sehr gerade und flach, ist komplett das Gegenteil vom Natürlichen, und das finde ich ist das Spannende. Übrigens auch witzig; wo ich aufgewachsen bin, ist der niedrigste Punkt Amsterdams - fünf Meter unter dem Meeresspiegel! Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser Sache? Gibt es einen spezifischen Moment, der besonders im Gedächtnis geblieben ist? > Der letzten Tag von meiner Wanderung durch Holland tobte ein extrem schwerer Sturm für die Jahreszeit und führte durch neu angewachsenes Land ganz im Norden von der Niederlanden. Was heißt, dass es überhaupt

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keine Bäume oder andere Anpflanzung gab. Nach zwei Stunden kämpfen gegen den harten Wind und Regen musste ich meine Wanderung abbrechen. Trotz totaler Erschöpfung und dem abrupten Ende meines Projektes war ich sehr gerührt. Hier, am Ende der Niederlanden war ich gerührt wegen der viele schöne Landschaften und Erfahrungen, die ich gesammelt habe, aber auch traurig, weil es alle Landschaften, die ich in den fünf Wochen durchwandert war, vielleicht in der Zukunft nicht mehr geben wird. In deiner Abschlussarbeit hast du dich mit dem Wandel der niederländischen Landschaft auseinandergesetzt. Was hat dich zu dieser Arbeit motiviert? > Alle reden immer von abstrakten Fakten und auf Papier beschriebenen Prognosen. Aber wie sehen die Landschaften aus, wie fühlen die sich an? Ich war interessiert daran, die Prognosen direkt im Feld zu erfahren und zu projektieren. Und weil ich schon so oft in meiner Heimat unterwegs war fand ich es interessant herauszufinden, ob ich das Land auch anders betrachten könnte. Nicht so, wie es jetzt


aussieht, aber wie es in der Zukunft sein könnte. Wie hast du dich dieser komplexen Fragestellung genähert? > Ich habe mit ehemaligen Professoren von mir aus Wageningen geredet. Mit Künstlern und viel mit Freunden und Familie. Aber letztendlich war es am allerbesten, einfach loszuwandern. Am Ort registrieren, was man fühlt, sieht und hört. Ich habe nach allen Erzählungen von denen, die mitgewandert sind, oder wo ich übernachtet habe, meine ganze Arbeit nochmal neu ausgearbeitet, weil da so viel Interessantes herauskam, was ich im Voraus niemals gedacht hätte. Du hast viel im Austausch mit den Menschen vor Ort gearbeitet. Welche Resonanz hast du zu deinem Thema bekommen? Gab es ein persönliches Erlebnis, das dich besonders beeindruckt, interessiert oder verwundert hat? > Dass es relevant ist und dass viele ein anderes Wissen vom Thema haben. Auch die Leute, die gut gebildet sind, können sich keine Vorstellung machen vom Ausmaß des Problems. Und was es für die Zukunft

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bedeutet. An einem der ersten Abende durfte ich bei zwei Männern übernachten. Einer war ein in Rente gegangener Flussschifffahrtskapitän. Manchmal aber navigierte er noch seine geliebten Flüsse. Seit einigen Jahren gab es immer häufiger die Situation, dass es keine Arbeit mehr gab, weil die Flüsse zu niedrig waren. Ich habee vorher nicht gewusst, dass Klimawandel auch im Sommer schon solche direkten Folgen hat. Was übrigens auch interessant war; er hat an dem Abend Essen für mich gekocht mit lokalen Zutaten. Wir befanden uns direkt am Meer, wo Versalzung viele Probleme bei den Bauern verursacht. Er hat aber zeekraal zubereitet. Gemüse, das salzigen Boden benötigt und deswegen eine Lösung für landwirtschaftliche Umstellungen bieten kann. Es war beeindruckend zu sehen, dass der Mann nicht traurig war wegen des Schwierigerwerdens seiner Arbeit, sondern auch die Umstellung feierte, Möglichkeiten sah. Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zur Klimakrise durch Zeitungen, das Radio oder wissenschaftiche


Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um und welche Schlüsse ziehst du daraus für dein eigenes Handeln? > Ich bin irgendwie nicht mehr ganz überrascht oder beeindruckt von dem, was die Medien berichten. Vieles weiss ich schon oder war zu erwarten. Was ich gerne lese, sind Texte, Dokus, Medien, die über Umstellungen berichten. Die über Leute oder Völker berichten, die sich angepasst haben, umgezogen sind, sich resilient gemacht haben. Bis jetzt habe ich nicht viel davon gelernt. Ich hoffe aber, in der Zukunft Methoden zu finden wie ich positiver über die Themen berichten kann, Lösungen bieten kann, statt nur über Fakten zu berichten.

* Maud Canisius ist Promoviert im Fach Medienkunst an der Bauhaus Universität Weimar.

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Pauline Temme*

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Beschreibe kurz deinen fachlichen Hintergrund und deine Arbeit. > Ich habe in Weimar Produktdesign studiert und lebe und studiere jetzt in Berlin. Nenne eine Sache, einen Ort, eine Art oder eine Landschaft die dir persönlich sehr am Herzen liegt - und die du durch den Klimawandel gefährdet siehst. > Ich bin in Münster groß geworden. Der Aasee liegt quasi mitten in der Stadt und war einer der Dreh- und Angelpunkte meiner Jugend. Dieser gar nicht mal so spektakuläre Ort beherbergt viele lose Erinnerungen - mein erstes Date auf Schlittschuhen, Spaziergänge mit meinen Großeltern, langweilige Tretbootfahrten und lange, laute Sommernächte. Als Folge des besonders heißen Sommers 2018 gab es an diesem Ort ein massenhaftes Fischsterben - etwa 20 Tonnen Fisch verendeten hier aufgrund akuten Sauerstoffmangels. Infolgedessen brachen schließlich auch die Vögel zu neuen Ufern auf. Welche Erinnerungen verbindest du mit dieser


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Sache? gibt es einen spezifischen Moment der besonders im Gedächtnis geblieben ist? Der bestialische Gestank von 20 Tonnen totem Fisch, der als bedrückendes Memento über der Stadt lag, die Betroffenheit und Trauer der Münsteraner und die vom einen auf den anderen Moment stille, leergefegte Natur. Eine Landschaft, die ihrer Bewohner beraubt wurde, hat etwas Gruseliges, Bedrohliches. Wann und mit wem hast du zuletzt jenseits deines Jobs oder deines Studiums über den Klimawandel gesprochen? Mit meinem Nachbarn. Und mit wem würdest du dich gern einmal darüber unterhalten? Mit meinem Nachbarn. Ich habe das Gefühl, dass wir noch nicht zu Ende diskutiert haben. Was ist deine Haltung als Designerin im Bezug auf die Thematik Klimakrise? Ich sehe die Gestaltung in vermittelnder Position. Statt Produkte zu gestalten, die versuchen, unter der tarnenden Wortwolke der Nachhaltigkeit unserem jetzigen System einen grünen, erneuerbaren Anstrich zu geben, können wir als Designer viel mehr leisten

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als das: über wünschenswertere Zukünfte spekulieren, Diskursräume gestalten und alternative Wirklichkeiten durchdenken. Dementsprechend bin ich der Meinung, dass die Konzeption des Gestalters sich im Umbruch befindet: vom Problemlöser zum Fragesteller. Wie reagierst du auf die oft drastischen Informationen, die dich zum Klimawandel durch Zeitungen, das Radio oder wissenschaftiche Publikationen erreichen? Wie gehst du damit um und welche Schlüsse ziehst du daraus für dein eigenes Handeln? > Die Informationen hinterlassen bei mir ein Gefühl der Hilflosigkeit. Ich glaube nicht an Personal Greening, die Umstellung des individuellen Konsumverhaltens als wirksamen Hebel im Klimaschutz und sehe mich der Politik daher gewissermaßen ausgeliefert. Obwohl ich mein eigenes Handeln umstelle, bin ich der Meinung dass die Veränderung meines individuellen Lebensstils mehr symbolische als tatsächliche Wirkung hat. Statt den Klimawandel auf den Schultern der Bevölkerung abzuwälzen, brauchen wir ein Umdenken in Politik und Wirtschaft. Deswegen


gehe ich - seit neuestem - demonstrieren. Du warst letztens bei Aktionen von Extinction Rebellion in Berlin dabei. Was hat dich dazu bewogen aktiv zu werden und wie hast du diese Aktionen erlebt? > Die öffentliche Meinung bildet sich gerade erst und ich glaube, dass es wichtig ist zu diesem Diskurs beizutragen. Durch das „auf die Strasse gehen“ möchte ich zu einem Diskussionsraum beitragen. XR steht für mich vorallem für Zugänglichkeit, gewaltfreie Provokation und medienwirksame Aktions- und Demonstrationsformate. Bis Obtober diesen Jahres war mir XR in dieser Hinsicht zwar ein Begriff, ich bin aber nie selbst aktiv geworden. Mehr oder weniger spontan beschloss ich, einen Freund zu einer Aktion zu begleiten. Mit einer kleinen Gruppe an Leuten besetzten wir nachts um drei den Kreisverkehr rund um die Siegessäule. Die Nacht war eisig kalt, ich war aufgeregt. Im Laufe des Morgens füllte sich die Demonstration mit immer mehr Menschen. Es war ein gutes Gefühl zu sehen, dass sich die unterschiedlichsten Menschen überzeugt Seite an Seite stellen, um die Thematik

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in der Phantasie der Öffentlichkeit groß werden zu lassen und die Politik zum Handeln zu bewegen.

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* Pauline Temme studiert im Master Produktdesign ann der Universität der Künste, Berlin


* Danke an alle Interview- PartnerInnen fĂźr den Beitrag zu dieser Arbeit.

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* Leoni Fischer Peatland Forensics BA. Produkt Design, 2020 Bauhaus Universität Weimar Betreut durch: Prof. Dr. Jan Willmann Dipl. Hannes Waldschßtz MA. Michael Braun