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47 :: Herbst 2017

Der morbide Blick auf die Branche

Leipziger Lerche Studentenzeitschrift des Studienganges Buchhandel/Verlagswirtschaft der HTWK Leipzig

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E-Reader

Spezial: Tod, Genie und Wahnsinn Ernest Hemmingway Gonzo-Journalismus Grundlagen der Kreativität Tod und Trauer im Verlag Mythos Genie


© Susanne Bez

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Editorial Rubrik :: 3

EDITORIAL LEIPZIGER LERCHE HERBST 2017

Liebe Leserinnen, liebe Leser, mit unserer 47. Ausgabe zur Frankfurter Buchmesse ist unser Team um sieben Junglerchen gewachsen, die unsere Redaktion mit frischen Ideen bereichert haben. In diesem Heft haben wir uns dem Spezialthema Tod, Genie und Wahnsinn gewidmet. Als Grundlage hierzu haben wir versucht, herauszufinden, wie Kreativität und Psyche zusammenspielen (Seite 24 - 25) und den Mythos Genie aufzudecken (Seite 14 - 15). Als besonderes Schmankerl geht es auch um den Gonzo-Journalismus (Seite 20 - 21). Weiterhin werfen wir in der Rubrik Buchmarktforschung einen Blick auf die Buchbranche in Indien (Seite 6 - 7), die sich doch sehr von der hiesigen unterscheidet. Zum 25-jährigen HTWK-Jubiläum freuen wir uns, eine neue Rubrik zu aktuellen Themen einführen zu können: die HTWK-News (Seite 26). Wir wünschen euch viel Spaß beim Schmökern! Eure Leipziger Lerchen

Leipziger Lerche 47 | Herbst 2017


4 :: Inhalt

Inhaltsverzeichnis

Editorial .........................................................................................................................................................................3

Branchenanekdoten ...............................................................................................................................................5

Besucht uns auf unserem Blog leipzigerlerche. com und auf

für Hintergrundberichte zum aktuellen Heft, monatliche Spezialthemen und alles rund ums Buch.

Buchmarktforschung Indien ...........................................................................................................................................................................6

Branche Tod und Trauer im Verlag .......................................................................................................................................8 Dinge, die es nicht mehr gibt ............................................................................................................................10 Sayonara Buchhandel ..........................................................................................................................................11 „Was macht eigentlich...?“ ....................................................................................................................................12

SPEZIAL Mythos Genie ..........................................................................................................................................................14 He did it Hemingway ............................................................................................................................................16 Gonzo Journalismus .............................................................................................................................................20 Der „Werther-Effekt“ ...............................................................................................................................................22 Grundlagen der Kreativität .................................................................................................................................24

Lokales What´s up? HTWK-News ......................................................................................................................................26 Best of Lerche-Blog: HTWK auf dem Bachfest ..............................................................................................27 Die Toten sind unter uns .....................................................................................................................................28

Rezensionen – Aufgeschlagen LSD - mein Sorgenkind ........................................................................................................................................30 Alice im Spiegelland .............................................................................................................................................30 Selbstmord ...............................................................................................................................................................31 This is where it ends .............................................................................................................................................31 Horrorstory ...............................................................................................................................................................32 Ausmalen ..................................................................................................................................................................34 Impressum ...............................................................................................................................................................34

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Anekdoten :: 5

Branchenanekdoten Geschichten aus dem Bücher-Alltag

Goethes Boxhandschuh Einmal kamen so ein richtiger Checker und seine deutlich überschminkte Freundin in meine Buchhandlung. Er sprach mich von der Seite an: „Ja, also meine Freundin braucht dieses Buch für die Schule. Das mit dem Boxer.“ Ich: „Okay, von welchem Autor denn?“ Er: „Ja, keine Ahnung, weißt du nicht, dieser bekannte!“ Ich: „Wie sieht das Buch denn aus?“ Er: „Das ist halt so klein.“ Ich: „Also ein Reclam?“ Er: „Ne ne, so hieß das nicht. Das hatte was mit ´ner Hand zu tun!“ Ich: „Meinst du Faust?“ Er: „Ja, sag ich doch!“

Verfallsdatum Ein Rentner betritt den Buchladen: „Guten Tag, ich hatte vor einem halben Jahr ein Buch bestellt und wollte mal fragen, ob das inzwischen angekommen ist.“ Buchhändler: „Warten Sie, ich schaue kurz in den Computer... Oh, das Erscheinen wurde auf Mai nächsten Jahres verschoben.“ Rentner: „Oh. Na wer weiß, ob ich da noch lebe...“

Engelsgleich Eine alternativ gekleidete Frau betritt die juristische Fachbuchhandlung und ruft völlig ohne Kontext: „Im Abholfach liegt ein Engel für mich!“ Nach anfänglicher Verwirrung konnten wir die Dame dann aber zur Esoterik-Buchhandlung, ein paar Häuser weiter, lotsen.

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6 :: Buchmarktforschung

Indien - Buchmarkt im Aufschwung Wie bitte? Was heißt hier Buchmarkt im Aufschwung?

© Pixabay

Indien Hauptstadt: Neu Delhi Fläche: 3,29 Mio. km² Einwohner: 1,2 Mrd. Umsatz Buchmarkt: ca. 3,37 Mrd. € Jährliche Novitäten: ca. 90 000 Alphabetisierungsrate: 74,04 %

Wer kennt nicht Schlagzeilen wie: „Der Printmarkt ist tot!“ Seit Jahren verzeichnet der hiesige Presse- und Büchermarkt sinkende Umsatzzahlen. Doch wer mit den Markttrends aus unseren Breitengraden bestens vertraut ist, muss für den indischen Buchmarkt komplett umdenken. Der allgemeine Markt Indiens liegt mit sechs Prozent Wachstum, gegenüber der Wachstzmsrate des globalen Marktes von ein Prozent, auf Platz zwei der attraktivsten Investitionsstandorte weltweit. Sein Potenzial liegt in den bestens ausgebildeten Fachkräften, der jungen Bevölkerung sowie überdurchschnittlichen Profitmargen für ausländische Unternehmen. Eine landesweite Umfrage, welche von der Regierungsstelle für Bücherförderung (National Book Trust) durchgeführt wurde, ergab zudem, dass sich eine gewaltige Zahl von 83 Millionen der jugendlichen Bevölkerung als Bücherleser bezeichnet. Demnach wächst auch die Verlagsbranche mit beeindruckender Geschwindigkeit. International agierende Verlage wie Harper Collins, Penguin Random House, Simon & Schuster sowie Hachette haben diese Chance erkannt und sich dort bereits etabliert. Einheimische Verlage sind meist familiäre Unternehmen und werden von Generation zu Generation weitergegeben. Noch 2012, um eine erste wirtschaftliche Zahl zu nennen, erreichte der Wert der Verlagsbranche in Indien geschätzte zwei Milliarden US Dollar, mit einer Gesamtwachstumsrate von rund 15 Prozent. Von der Produktion entfallen davon rund 30 Prozent auf Literaturund Sachbücher. Die restlichen 70 Prozent der veröffentlichten Bücher entfallen auf den Ausbildungsbereich. Indien ist einer der wenigen Hauptmärkte, welche zugleich ein Wachstum in den Bereichen Print und Digital verzeichnen. Was den Markt noch unkalkulierbarer macht, ist die Tatsache, dass der Buchmarkt

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von der Regierung in Indien nicht als Branche angesehen wird. Ebenso wie in der Baumwollindustrie ist eine finanzielle Berichterstattung aus diesem Grund nicht vorgesehen. Nettowert-Schätzungen stellen hier also die realistischen Werte dar. Der Verband indischer Verleger (Federation of Indian Publishers) gibt an, dass in Indien ungefähr 19 000 Verlage existieren, 12 400 davon verwenden das ISBN System und veröffentlichen etwa 90 000 Novitäten jährlich. 50 Prozent davon erscheinen in den Sprachen Hindi und Englisch. Der Rest wird in den restlichen 24 offiziell anerkannten Sprachen abgedruckt. Englisch ist nach der Landessprache Hindi, als zweite untergeordnete Amtssprache dabei die wichtigste Sprache zur landesweiten, politischen und kommerziellen Kommunikation. Wie verhält es sich mit der Preisbindung und Mehrwertsteuer? Die Preisbindung ist gesetzlich geregelt. Sie existiert jedoch mit vielen möglichen Ausnahmen. In Indien legt ebenfalls der Verleger die Buchpreise fest. Laut dem Gesetz des maximalen Einzelhandelspreises ist es vorgeschrieben, dass ein Höchstpreis auf jedes Buch gedruckt sein muss. Im Gegensatz zum europäischen Buchmarkt werden auf Bücher keinerlei Steuern erhoben. Ebenfalls fallen keine Zollkosten für den Import von Büchern an. Andere Länder, andere Markttrends Wie auch im europäischen Markt wird der Verdrängungswettbewerb der Printmedien durch den des digitalen Marktes als entscheidende Herausforderung für die Branche angesehen. Dennoch ist der E-Book-Bereich mit seinen zwei bis fünf Prozent Marktanteil am Gesamtumsatz in Indien noch sehr klein und längst nicht im Mainstream angekommen, da E-Reader für einen Großteil der in-


Buchmarktforschung :: 7

dischen Konsumenten noch sehr teuer sind. Aber auch hier prophezeien steigende Verkaufszahlen von Geräten wie Smartphones sowie Tablets, welche E-Books unterstützen, goldene Zeiten. In den künftigen Jahren soll das E-Book-Segment um das drei- bis fünffache steigen. Die Einführung des Onlinehandels war für den Hochschulsektor ungemein wichtig, um unzuverlässige Lieferketten zu umgehen sowie den Zugang für Kunden zu vereinfachen. Im Zuge dieser Entfaltung des digitalen Marktes wird Indien zunehmend mit dem Problem der Piraterie konfrontiert. Mit Ausnahme des Schul- und Fachbuchsektors wird schätzungsweise bereits ein Viertel des indischen Buchmarktes von Raubkopien beherrscht. Ungeachtet der Tatsache, dass Indien als Entwicklungsland den Kunden etwas niedrigere Preise im Vergleich zu anderen Ländern bietet, tragen die Bestseller mit 50 bis 60 Prozent die Hauptlast des Problems. Und was macht der Riese Amazon? Der Kindle hatte bereits im August 2012 seinen Markteintritt. Dennoch hat die indische Gesetzgebung hinsichtlich der Auslandsdirektinvestitionen, welche ausländische Unternehmen davon abhält, eine Übermacht im E-Commerce in Indien darzustellen, Amazon in Schach gehalten. Daran scheint sich jedoch seit einigen Jahren etwas zu ändern. Da die Wirtschaft des Subkontinents anhaltend boomt, entschließen sich die Gesetzgeber immer mehr Sektoren für ausländische Direktinvestitionen zu öffnen, um das Potenzial der indischen Wirtschaft zu heben. Indien ist für Amazon mittlerweile die am schnellsten wachsende Region. In der Metropole Hyderabad soll Jeff Bezos zufolge das größte Software-Entwicklungszentrum Amazons außerhalb der USA entstehen. Fünf Milliarden US Dollar an Investitionen seien bereits geplant. Wenn Amazon den Verkauf von Fußmatten mit der Flagge Indiens sowie den von Bade-

latschen – bedruckt mit der Friedens-Ikone Mahatma Gandhi – in Zukunft sperrt, sollte einer Entwicklung des Buchgiganten auch in diesem Land nichts mehr im Wege stehen. Indien bietet deutlich mehr als Bollywood und Curry! In der indischen Literatur spielen oftmals die politischen Probleme, welche das Land früher wie auch heute beschäftigen, eine tragende Rolle. Es besteht eine große Nachfrage an indischer Gegenwartsliteratur auf Englisch sowie in anderen Sprachen. 90 Prozent internationaler Publisher registrieren ein großes Wachstum im Bereich des regionalen Verlagsprogramms. Der Durchbruch zum internationalen Buchmarkt fällt Indien dennoch aufgrund der zahlreichen Sprachen schwer. Leser können sich trotz aller Bemühungen nur einen geringen Überblick über die englischsprachige Literatur des Subkontinents verschaffen. Es mangelt an Übersetzungen zwischen den 24 anerkannten Sprachen und selbst die etabliertesten Intellektuellen des Landes kennen den Reichtum der indischen Literatur kaum. Neuerscheinungen, welche für den englischsprachigen Raum aufwendig aus Sprachen wie Kashmiri oder Urdu übersetzt werden, sind für Fans der indischen Literatur umso mehr als wertvolle Rarität anzusehen. David Barthelmann

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8 :: Branche

Tod und Trauer im Verlag Ein Thema über das keiner reden will, aber viele lesen wollen Was früher nur Sache der Kirche war, übernehmen seit einiger Zeit auch Verlage: Trauerhilfe. Sie erschließen damit einen neuen Teil des Buchmarktes und fungieren als Therapeuten für Autoren und Leser. Im Mittelalter war der Tod ein ständiger Begleiter der Menschen. Durch Seuchen und Hungersnöte wurde vielen das Leben genommen. Wenn jemand im Sterben lag, wurden feierliche Zeremonien organisiert. Die Fenster und Türen wurden geschlossen, Kerzen entzündet und man versammelte sich um das Bett des Sterbenden. So konnten alle Abschied nehmen und an das Leben des Verstorbenen zurückdenken. Außerdem betete der Sterbende zu Gott um die Vergebung seiner Sünden. Nach dem Tod wurden eine Reihe von Ritualen durchgeführt. Es wurde ein Fenster geöffnet, damit die Seele des Verstorbenen entweichen konnte und alle Spiegel im Haus verhängt. Die Verwandten wuschen den Toten und bahrten ihn im Haus auf, damit jeder, der zu Besuch kam, sich noch einmal von ihm verabschieden und für ihn beten konnte. Am Tag der Beerdigung wurde der Sarg gemeinsam zum Friedhof getragen. Der Tod traf die Menschen damals nicht so hart, da man glaubte, er sei nur ein Übergang in ein besseres Leben und hauptsächlich in Gemeinschaft getrauert wurde. Man hielt noch an traditionellen Trauerritualen fest. Seitdem hat sich das Verhältnis zum Tod geändert, denn heute ist es zur individuellen Angelegenheit geworden. Wer verlegt diese Bücher? Da uns das Thema Tod irgendwann beschäftigt, besitzen auch viele Verlage in ihrem Sortiment einige Bücher dieser Rubrik. Es gibt jedoch wenige Verlagshäuser, die sich ausschließlich damit befassen. Ein Beispiel ist der Thomas Verlag Leipzig. Er wurde im Mai 1990 von Theologe Paul Gerlach und Thomas Blankenburg, Ingenieur für Poly-

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grafie gegründet. Seit einigen Jahren besitzen sie ihre eigene Druckerei. Der Verlag verkauft hauptsächlich Trauerkarten und Urkunden für kirchliche Feste, wie z. B. Konfirmation und Taufe. Aber auch biblische Texte in Form von Büchern, die bei der Trauerbewältigung helfen sollen, werden verlegt. Ihm ist es ein besonderes Anliegen, hoch qualitative und anspruchsvolle Fotos auf seinen Trauerkarten zu präsentieren, da gerade in Zeiten des Verlustes und Trauerns Bilder und Zeichen mehr sagen können als Worte. Meistens bieten Verlage nebenbei auch Bücher zu religiösen und spirituellen Themen an, wie der Patmos Verlag beweist. Die Patmos Verlagsgruppe ist seit 2010 in Mannheim ansässig und gehört zum Cornelsen Verlag. Sie verkaufen sowohl Bücher für Trauernde, als auch Ratgeber für Trauerbegleiter neben Büchern über Meditation, Christentum und Depression. Es existieren auch viele Ratgeber-Verlage, die sich mit der Trauerbewältigung beschäftigen, wie z. B. der PAL Verlag. Er setzt sich auch damit auseinander wie man Menschen helfen kann, die sich die Schuld für den Tod eines Anderen geben oder ob man nach dem Verlust des Partners eine neue Beziehung eingehen sollte. Wer kauft die Bücher? Es werden natürlich vorwiegend Hinterbliebene angesprochen, die sich erhoffen, den Kummer durch die Bücher zu bewältigen. Dies sind meist Erwachsene und Senioren. Aber auch Kinderbücher zum Thema Tod kann man erwerben, wie z. B. beim Lebensweichen Verlag. Sie klären kindgerecht über den Tod und die damit verbundene Trauer auf, um Eltern in ihren Erklärungen zu unterstützen. Auch Freunde und Bekannte aus dem Umfeld des Trauernden kaufen diese Bücher, um sie entweder an das Trauerhaus zu verschenken oder sich selbst Rat zu holen, wie sie in dieser Zeit am besten helfen können. Außerdem in-


Branche :: 9

teressieren sich gelegentlich Jugendliche und Erwachsene unabhängig von einem Trauerfall für Bücher dieser Art. Die Nachfrage wird wohl deswegen zukünftig konstant bleiben. Wie nahe sind die Verlage am Thema? Im letzten Jahr erwarb Christiane zu Salm den Berliner Verlag Nicolai, einer der ältesten Buchverlage Deutschlands. Sie ist gelernte Verlagsbuchhändlerin und war zuvor sowohl im Fernsehen, als auch als ehrenamtliche Sterbebegleiterin tätig. Im Jahr 2013 veröffentlichte zu Salm den Bestseller „Dieser Mensch war ich“, in dem sie Personen auf dem Sterbebett nach ihrem persönlichen Resümee fragte. Die überraschend ehrlichen Rückblicke auf das Leben dieser Menschen, berührten viele Leser. Letztes Jahr erschien die Fortsetzung „Weiterleben. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen“. Christiane zu Salm hat selbst seit der Kindheit mit dem Tod ihres kleinen Bruders zu kämpfen und weiß daher, wie schwer das Weiterleben tatsächlich ist. Diese Bücher sind also auch eine Art an ihrer eigenen Trauer zu arbeiten. Vorwiegend möchte sie aber den Lesern Mut machen sich für ein neues Leben nach dem Verlust zu öffnen, indem sie zeigt, dass das schon Menschen vor ihnen geschafft haben. Zwischenzeitlich war zu Salm geneigt aufzuhören, da einige Schicksale sie sehr belastet haben, aber es ist ihr ein persönliches Anliegen, dass diese Geschichten erzählt werden. Am wichtigsten ist es zu akzeptieren, dass jeder anders trauert, meint sie. Therapie für Autoren und Leser Man hört nicht nur von Christiane zu Salm, sondern auch von einigen anderen Autoren, dass sie ein Buch geschrieben haben, um ihre Trauer zu verarbeiten. Man könnte also annehmen, dass sie gar nicht für die Leser schreiben, sondern nur für sich selbst. Aber dann würden sie ihre Bücher wohl kaum veröffentli-

chen. Die Autoren erhoffen sich, mit ihren niedergeschriebenen Gedanken auch anderen Menschen zu helfen. Denn meistens herrscht nach dem Trauerfall eine große Sprachlosigkeit der Betroffenen. Sie wollen lieber darüber lesen, anstatt zu reden. Natürlich beabsichtigen die Autoren nicht, dass Bücher zur dauerhaften Alternative gegenüber der Kommunikation mit anderen Menschen werden. Sie sollen lediglich dabei helfen, dass Trauernde sich Zeit für sich selbst nehmen, um sich danach leichter anderen öffnen zu können.

© Pixabay Der Tod und die Trauer scheinen immer noch Tabuthemen in der Verlagsbranche zu sein. Zwar gibt es vereinzelte Bücher, die sich in den Sortimenten der Verlage finden lassen, aber dies ist kein Vergleich zu Themen wie Vampire, Liebe, Kochen und so weiter. Es wird jedoch sichtbar, dass es durchaus lohnenswert ist, sowohl für Verlage, als auch für Autoren und Leser, sich mit Trauerbewältigung zu beschäftigen.

Janka Diettrich

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10 :: Branche

Drei Dinge... die es in der Buchbranche nicht mehr gibt

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Wenn man Jugendliche heutzutage fragen würde, was ein Tamagotchi ist, würden sie sehr wahrscheinlich mit den Achseln zucken. Dabei waren die virtuellen Küken für die Hosentasche einmal der Hit mit über 30 Millionen verkauften Exemplaren, allein in Deutschland waren es zwei Millionen. Nun sind sie in Vergessenheit geraten und wurden ersetzt durch neue Trends wie Fidget Spinner, welche hoffentlich bald auch ein jähes Ende finden. Auch in der Buchbranche kommen und gehen Dinge und Trends. Hier ist die Top Drei der Dinge, welche in Zukunft in Vergessenheit geraten könnten oder bereits sind.

1. Club Bertelsmann

Doch wer jetzt vielleicht melancholisch gestimmt an die guten alten Zeiten zurückdenkt, vor Computer und Smartphone, dem sei gesagt:

© Wikimedia Commons

„Das Leben gehört dem Lebendigen an, und wer lebt, muß auf Wechsel gefasst sein.”

Tröstliche Worte von Johann Wolfgang von Goethe.

Wir schreiben das Jahr 2015, ein Tag vor Weihnachten: Das letzte Buch wird bei Club Bertelsmann bestellt. Der Rest ist Geschichte. Der Buchclub hatte zu seinen Spitzenzeiten sieben Millionen Mitglieder in Deutschland, welche regelmäßig Bücher zu günstigeren Konditionen bestellten und zugesandt bekamen. Da die Bücher mit Zeitabstand zur Originalausgabe erschienen sind und eine andere Ausstattung besaßen, konnten sie im Schnitt 10% bis 20% günstiger angeboten werden. Voraussetzung dafür war eine Mitgliedschaft im Buchclub. Überall werden einem heutzutage Abos, Vertragsbindungen oder zahlungspflichtige Mitgliedschaften angeboten und häufig lehnt man diese kopfschüttelnd ab. Wer im Club war, der musste vier Bücher im Jahr aus dem Bertelsmann-Sortiment kaufen. Bindungen und Verpflichtungen werden heutzutage eher als ein Übel wahrgenommen und deshalb verlor in Zeiten des digitalen Wandels der Buchclub an Mitgliedern. Zuletzt sah Bertelsmann selbst ein, dass der Buchclub keine Zukunft hat und beschloss 2015 das Geschäft einzustellen.

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3. Altdeutsch - gotische Schrift 2. Die Brockhaus Enzyklopädie Auch der Brockhaus hat nach der Erfindung des Interntes und dem massenhaften Zugang zu diesem neuen Medium nicht lange überlebt. Wikipedia hat die 24 Bände mit über 17 500 Seiten und 50 Kilo schweren Brockhaus Enzyklopädien ersetzt. Besonders beliebt waren die Bände als Geschenk zur Hochzeit und Jugendweihe oder einfach, um mit diesen Büchern einen hohen gesellschaftlichen Status und seine Belesenheit zu demonstrieren. Wahrscheinlich wurde der Brockhaus aber nur zum Scrabblespielen aus dem Regal geholt, um nachzusehen ob es das gelegte Wort wirklich gibt. Bereits im Jahr 2000 schrieb N24, es sei mit den „Boomjahren“ für Brockhaus vorbei und prognostizierte einen Umsatzrückgang. Damals hieß es, dass der Verlag das Internet- und Multimediageschäft ausbauen will. Brockhaus bietet nun sein Wissen kostenpflichtig für Schulen und Bibliotheken in einem Onlinelexikon an. Wie erfolgsversprechend das neue Konzept ist, wird sich noch zeigen.

Zugegeben, in altdeutscher Schrift lässt schon seit geraumer Zeit keiner mehr sein ganzes Werk drucken. Aber diese wurde noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts verwendet und war bis dato die meistgenutzte Schrift im deutschen Sprachraum. Die Sütterlinschrift, welche zu den alten deutschen Schriften gehört, wurde in fast allen deutschen Ländern bis 1941 in den Schulen gelehrt. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurde die Fraktur und die Sütterlin durch den Normalschrifterlass von 1941 verboten. Sie geriet über die Jahre in Vergessenheit, sodass wir ein altes Schriftstück von unseren Großeltern oder Urgroßeltern nur sehr mühsam entziffern können. Heutzutage trifft man die Fraktur höchstens als Font an, welcher die Kopfzeile einer Zeitung ziert.

Viktoria Gamagina


Branche :: 11

Sayonara Buchhandel Eine vielleicht satirische Aufarbeitung Was haben der stationäre Buchhandel und die Digitalisierung gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel und auf den Zweiten noch viel weniger! Angesichts der massiven klimatischen Veränderung unseres Planeten, schreit die Gesellschaft geradezu nach Innovationen, die zukunftsweisende Lösungsansätze bieten. Einer dieser vielversprechenden Ansätze, mit dem sich übrigens eine riesige Menge an Ressourcen einsparen ließe, ist nach wie vor das E-Book. Man könnte das gedruckte Buch sicher weiterhin glorifizieren und seinem elektronischem Äquivalent den Rücken kehren, doch wäre dies nicht besonders klug. Der Weg vom Baum bis hin zum gedruckten und eingeschweißten Buch in den Regalen der Händler ist keineswegs ökologisch neutral. Digital First Seit einer gefühlten Ewigkeit verharrt der stationäre Buchhandel in einer Art dauerhaft praktizierten Missionarsstellung – zwar gut und gewohnt aber auf lange Sicht gesehen nur einseitig befriedigend. Vermeintlich tolle Innovationen, wie E-Books stationär zu vertreiben, lösen bei einem Großteil der jungen Generation nur ein müdes Lächeln aus, da dies völlig dem Dezentralisierungsgedanken eines E-Books widerspricht. Ebenso gleicht der Eingangsbereich der meisten großen Buchläden mehr einem Spielwarengeschäft, als einem Fachhandel für Literatur. Konisch gestapelt, türmen sich Non-Book-Artikel vor einem auf und blenden potenzielle Kunden geradezu mit grellen Neonfarben, abhängig natürlich davon, welche Produkte gerade beworben werden. Es ist also an der Zeit, etwas zu ändern. „Früher war alles besser“ Sprüche dieser Art hört man oft von älteren und meist konservativen Mitmenschen. Der Wunsch, die Zeit zurückzudrehen oder wenigstens zu stoppen, resultiert in der Regel aus einer Überforde-

rung der Alten mit den neuen Gegebenheiten unserer Gesellschaft. #Digitalisierung Die Geschichte zeigt uns, dass so gut wie jede Revolution umkehrbar ist – sei sie politischer oder gesellschaftlicher Natur. Aber technische Neuerungen sind eben nicht umkehrbar! Die Digitalisierung, also die vierte industrielle Revolution hat beziehungsweise wird die gesellschaftlichen Strukturen wesentlich verändern, genauso wie seiner Zeit die Erfindung der Dampfmaschine zu Massenarbeitslosigkeit und Protesten geführt hat. Zum Beispiel ist es heute schon möglich, sich anhand einer künstlichen Intelligenz namens „Watson“ eine detaillierte Rechtsexpertise einzuholen. Dies macht den Beruf des Juristen in weiten Teilen obsolet. Die Liste der Berufe die durch die Digitalisierung wegfallen werden, könnte man dabei beliebig weiter ausführen. Aber eines ist sicher! Wenn schon der Beruf des Juristen in Zukunft stark bedroht sein wird, dann kann sich jeder ausrechnen, was mit dem einfachen Buchhändler um die Ecke und den dazugehörigen Buchläden passieren wird – gerade da E-Books eine umweltschonendere Alternative zum haptischen Buch darstellen und der Vertrieb quasi per Mausklick geschieht. Nicht umsonst wird im Bundestag derzeit über ein bedingungsloses Grundeinkommen debattiert, denn auch der Bundestag wittert eine gigantische Umstrukturierung der Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der laut dem Philosophen Richard David Precht gut die Hälfte der Deutschen keinen Job mehr haben wird. Und damit genau diese 50 Prozent nicht anfangen zu rebellieren, wird dieses Grundeinkommen nur eine logische Konsequenz der Digitalisierung sein. Ein Zurück gibt es nicht mehr und jeder von uns täte gut daran, den Blick nach vorn zu richten und sich diesen völlig neuen Gegebenheiten, aber auch Möglichkeiten weitestgehend anzupassen oder sie zumindest zu akzeptieren. Ronny Wenzel

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12 :: Branche

Was macht eigentlich...? Lina Burghausen: Musik-PR mit Mona Lina Wieso hast du dich für Studiengang Buchhandel/Verlagswirtschaft entschieden? Eigentlich eher aus Bequemlichkeit. Mein duales Studium hatte mir vom Aufbau her nicht gefallen, die Arbeit in einem Verlag kannte ich allerdings schon und wollte nicht mehr völlig umsatteln. Die Mischung aus betriebswirtschaftlichen und medialen Inhalten fand © Sebastian Frank ich außerdem interessant. Ich hatte mich aber auch noch für andere Studiengänge in der Lina Burghausen Region beworben und mich dann aus dem Bauch heraus für BV entschieden. Geboren am 28. April 1990 in Dessau Von 2009 bis 2012 Bachelorstudium Buchhandel/ Verlagswirtschaft an der HTWK Leipzig 3 Monate Südostasienreise und Praktikum in einer Berliner PR-Agentur Von 2013 bis 2016 Masterstudium Medien und Musik an der HMTM Hannover Derzeit Geschäftsführerin der Musik-PR-Agentur Mona Lina und Projektkoordinatorin des EY Public Value Awards

Was hat dich dazu bewegt, eine PR-Agentur für Musiker zu gründen? Ich bin seit meinem 16. Lebensjahr als HobbyMusikjournalistin im HipHop unterwegs gewesen und war seit 2008 Chefredakteurin von RapSpot.de. Dort habe ich viele Kontakte geknüpft, allein durch die unzähligen Interviews. Pressearbeit kannte ich durch mein Studium, aber auch durch meine Zeit bei der PR-Agentur MACHEETE. Eines Tages rief mich einer meiner Lieblingsrapper an und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, für sein kommendes Album die PR zu übernehmen. Das war ein Sprung ins eiskalte Wasser, aber diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen. Und anschließend häuften sich die Anfragen, so dass ich irgendwann Mona Lina quasi gründen „musste“. ;-) Wie läuft die PR eines Künstlers bei Mona Lina ab? Tatsächlich gleicht kein Projekt dem Anderen. Zuerst höre ich mir die betreffende Veröffentlichung des/der Künstler*innen (Album, EP, Mixtape) an. Mir ist es sehr wichtig, dass ich hinter der Musik stehen kann, dass sie zu mir und meiner Arbeitsweise passt.

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Anschließend wird gemeinsam mit dem/den Künstlern ein PR-Plan entwickelt, unter Umständen eine Biografie und weitere Pressetexte erarbeitet. Die eigentliche „Promophase“ unterscheidet sich dann von KünstlerIn zu KünstlerIn sehr stark. Wie sieht für dich ein typischer Arbeitsalltag aus? Alltag gibt es bei mir eigentlich nicht. Dazu arbeite ich an zu vielen verschiedenen Projekten. Selbstständigkeit bedeutet natürlich, eine gewisse Disziplin an den Tag zu legen. Deshalb stehe ich trotzdem immer recht früh auf, sitze meist gegen acht Uhr am Schreibtisch – und schaue dann, was der Tag für mich bereithält. An manchen Tagen hänge ich nur am Telefon oder schreibe hunderte E-Mails, an anderen geht es eher darum, konzeptionell und kreativ oder an Texten zu arbeiten. Aber meistens kann ich mir das doch recht flexibel einteilen, was ich sehr schätze. Welchen Rat würdest du uns Studierenden rückblickend mit auf den Weg geben? Vergesst nicht, warum ihr das Studium macht – für euch! Klar ist so ein Abschluss etwas Wichtiges, aber er sollte euch eben auch persönlich etwas bringen. Um das zu erreichen gilt es, individuelle Schwerpunkte zu setzen – und ja, vielleicht auch mal das ein oder andere Fach etwas schleifen zu lassen, wenn man sich dafür tiefer in ein bestimmtes Themenfeld graben oder vielleicht sogar Kurse aus anderen Studiengängen belegen möchte. Studieren zu können ist ein ziemlicher Luxus und bedeutet Horizonterweiterung, wenn man es denn zulässt. Vor allem aber ist es eine Zeit, die euch gehört. Und schließlich: Es ist alles halb so wild, zumindest rückblickend. ;-) Das Interview führte Lina Al Ghori


Rubrik :: 15

Artikel

Tod, Genie und Wahnsinn

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16 :: SPEZIAL 14

Mythos Genie Warum es besser ist, kein Genie zu sein Die meisten Menschen haben von Genies ein sehr romantisches Bild: Nur wenige Menschen sind so begabt, dass sie besonders kreativ sein könnten. Noch heute sagen wir: Von der Muse geküsst, also auserwählt für eine kreative Leistung. Normalsterbliche hingegen sind nichts besonderes, nicht kreativ begabt – also keine Genies. Damit hält sich seit Jahrhunderten hartnäckig die Legende vom Genie. Während in der Wissenschaft dieses Konzept bereits ad acta gelegt wurde, scheint der Mythos in der Alltagskultur fest verankert zu sein. Da Vinci, Shakespeare, Goethe, Schiller, Kafka, Hemingway… Dies ist eine klassische Liste literarischer Genies. Zwei Dinge fallen dabei auf. Zum Ersten: Diese Schriftsteller haben sich mit Werken wie „Faust“ oder „Der Alte und das Meer“ in den literarischen Kanon eingeschrieben. Zum Zweiten: Es sind männliche Genies. Fast immer, wenn von einem Genie die Rede ist, ist damit ein besonders kreativer Mann gemeint. Die lange Liste an männlichen Literaten und Künstlern beweist es immer wieder. Aber was genau ist ein Genie? Und wieso wird es fast ausschließlich zur Charakterisierung von männlicher Schöpfungskraft genutzt? Das Wort Genie stammt im englischen Sprachraum vom lateinischen „Genius“ ab, ein Schutzgeist in der römischen Mythologie, der nur Männern innewohnte. In Deutschland und Frankreich geht das Genie zurück auf das lateinische „ingenium“, angeborenes Talent, ist aber seit der Renaissance ebenso männlich dominiert. Bis heute scheint sich daran kaum etwas geändert zu haben. Ein Blick auf den Literatur- und Kunstmarkt zeigt, wie stark in unserer Gesellschaft auch heute noch das Genie mit Männlichkeit verbunden ist. Aber was ist, wenn „das Genie“ nur ein Mythos ist? Eine Idee von etwas, das nicht existiert?

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Brauchen wir noch die Vorstellung eines männlichen Schöpfergeistes oder ist eine kreative Leistung nicht etwas, für das hart gearbeitet werden muss? Geniestreiche kommen nicht von ungefähr Der berühmte Heureka-Moment des Archimedes von Syrakus kann erst nach einer intensiven Auseinandersetzung mit Themen erfolgen und ist keinesfalls ein Geistesblitz. Thomas Edison formulierte es einmal sehr treffend: „Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.“ Damit funktioniert der Mythos nicht mehr, da kreative Schöpfung kognitive Arbeit voraussetzt. Denn was ist Kreativität eigentlich und was macht sie aus? Kreativ ist etwas, was zugleich neu und brauchbar ist. Doch bevor dieses Neue da ist, schwirren so viele Ideen in unserem Kopf, die zunächst geordnet und nach ihrer Brauchbarkeit abgeklopft werden müssen. Um etwas Kreatives entstehen zu lassen, ist eine Auseinandersetzung mit vorangegangenen Ideen und Konzepten notwendig. Hierfür brauchen wir eine gewisse Entspannung, bei der instinktiv verschiedene Wissensgebiete im Gehirn miteinander verbunden werden, die beim bewussten Denken zunächst voneinander getrennt sind. Dies wird in der Kreativitätsforschung auch „Spreading Activation“ genannt. Dafür braucht es Offenheit gegenüber den verschiedensten Themen und Erfahrungen sowie eine intensive Auseinandersetzung mit ihnen. Ein Genie kann das nicht leisten! Es bezieht Inspiration aus einem Vakuum, während Kreativität durch das kombinatorische Spiel funktioniert – wie Einstein es nannte. Freie Assoziationen formen neue Ideen, die dann gefiltert und geschliffen werden müssen. Dies erfordert Hartnäckigkeit und Anstrengung. Ganz anders also als die Vorstellung vom Genie, das von der Muse geküsst wird!


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Entmystifizieren wir das Genie Kreative und herausragende Leistungen bekommen wir nicht einfach so, sondern wir müssen hart dafür arbeiten. Geben wir daher die Vorstellung vom Genie auf! Ein Mythos ist niemals so gut wie die Realität, denn diese Vorstellung braucht einen Glaubenssatz, eine Erklärung, dass etwas ist, wie es ist. Der Geniemythos funktioniert als Annahme, dass nur wenige Talentierte kreativ und schöpferisch tätig sein können. Doch das ist mittlerweile wissenschaftlich widerlegt! Der aktuelle Erkenntnisstand der Forschung ist, dass Kreativität eine normale menschliche Fähigkeit ist. Diese ist bereits von Geburt an vorhanden und kann jederzeit aktiviert sowie weiterentwickelt werden. Warum wir das Genie dennoch so sehr lieben, liegt an unserer Kulturvorstellung. Deutschland, das Land der Dichter und Denker; Deutschland, das Land der Kultur und Innovation. Mit Einsetzen der Aufklärung, der Klassik und Romantik beginnen deutsche Intellektuelle einen Geniekult zu entwickeln. Dabei wird das Genie zum Schöpfer von Welten, in der Literatur wird der Dichter zum zweiten Gott. Somit wird Frauen von vornherein Schöpfungskraft versagt! Denn Gott ist ja bekanntermaßen männlich und zeugungsfähig. Da in dieser Argumentationslinie Schaffenskraft ein männlicher Part ist, sind Frauen damit niemals schöpferisch kreativ. So ist Weiblichkeit vor allem mit Tugenden wie Fleiß und Strebsamkeit verbunden, während Männlichkeit das Bild von Unabhängigkeit, Zeugungs- und Durchsetzungskraft transportiert. Das Genie muss demnach männlich sein! Doch diese Vorstellung begrenzt uns jedoch in jeder Hinsicht. So denken wir, Männer sind fähiger als Frauen und Kreativität wäre eine besondere Gabe, die nur Auserwählte

besitzen. Aber dieser Glaube ist gefährlich, denn er setzt einerseits weibliche Kreativität herab und andererseits – was vielleicht noch viel schlimmer ist – verhindert er neue Ideen. Schaffen wir doch das Genie ab, denn wir brauchen es gar nicht Damit wir kreativ in unserer modernen Gesellschaft tätig sein können, müssen wir demzufolge das Genie abschaffen! Denn der Glaube an es begrenzt und fesselt unsere Kreativität. Wir sind keine wartenden Sklaven der Muse, die erst zu uns kommen und uns küssen muss. Im Gegenteil: Die absichtliche, aktive Kreativität kann bewusst sowie systematisch gesteuert und entwickelt werden. Dabei gibt es eine Vorbereitungs-, eine Inkubations- bzw. Reifephase, dann folgt eben jener Heureka-Moment und danach eine Bewertungs- und eine Ausarbeitungsphase. Ein langer Weg, den die Kreativität da durchläuft. Dies ist dabei auch eine ganz andere Vorstellung als beim Mythos Genie, der darauf abzielt, Ideen als plötzliche Eingebung und Schöpfungsakt zu inszenieren. Schaffen wir diese Legende also endgültig ab, kehren wir dem Mythos den Rücken, wir brauchen ihn nicht mehr! Kreativität ist schließlich in jedem einzelnen Individuum vorhanden und lässt sich nicht nur auf ein „Genius“ oder „ingenium“ zurückführen. Saskia Liske

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He did it Hemingway … Aus dem Leben einer Literatur-Legende Journalist, Kriegsheld, Schriftsteller, Großwildjäger, Sportsmann, Abenteurer, Herzensbrecher, Alkoholiker, Selbstmörder – Die vielen Rollen im Leben des Ernest Hemingway verdeutlichen bereits in dieser gerafften Form das Chaos im Inneren des Mannes, welches ihn einerseits zu einem genialen Autor und einer beeindruckenden Person machte, ihn andererseits innerlich zerstörte und letztlich in den Suizid trieb. Ein kurzer Blick auf das Leben und Wirken eines der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Ernest Miller Hemingway erblickte am 21. Juli 1899 als Sohn eines Landarztes und einer Opernsängerin in einem Vorort von Chicago das Licht der Welt. Hier wuchs er als Zweitgeborener mit vier Schwestern und einem Bruder behütet und in Wohlstand auf. In der Blockhütte der Familie im nördlichen Michigan brachte sein Vater ihm das Jagen und Fischen bei und er entdeckte seine Liebe zur Natur, welche ihn zu späteren Reisen und Jagdausflügen in die ganze Welt motivieren sollte. Erste Erfahrungen mit dem Schreiben sammelte Hemingway während seiner Highschool-Laufbahn bei der Arbeit an der Schülerzeitung, für die er die Sportberichterstattung übernahm. Diese Erfahrung beeinflusste bereits früh seinen kargen Stil, der mithilfe der Kunst des Weglassens in wenigen Worten viel erzählt und die Fantasie des Lesers anregt. Neben seiner Tätigkeit als Redakteur für die Zeitung und das Schuljahrbuch war er zudem ein begeisterter Sportler. Hemingway boxte, spielte Football und Wasserball und betrieb Leichtathletik. Nebenbei fand er noch die Zeit zum Lernen und brachte hervorragende Leistungen in der Schule. Nach seinem Abschluss 1917 entschied er sich gegen eine höhere schulische Ausbildung. Stattdessen zog es ihn nach Kansas City, wo

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sein Onkel ihm eine Stelle als Lokalredakteur der ansässigen Tageszeitung verschafft hatte. Dieser Job dauerte jedoch nur sechs Monate, denn nachdem die USA im April 1917 in den Ersten Weltkrieg eingetreten waren, wollte der junge Reporter an die Front, um seinem Land zu dienen. Die Eignungsuntersuchung verlief jedoch negativ und Hemingway durfte aufgrund unzureichender Sehwerte nicht in die Armee eintreten. Dieser Rückschlag hielt ihn jedoch nicht ab, über Umwege doch an die Front zu gelangen. Der junge Ernest Hemingway meldete sich im Frühjahr 1918 freiwillig beim Roten Kreuz, um als Krankenwagenfahrer im Sanitätstransport eingesetzt zu werden. In Italien wurde er in Kampfhandlungen verwickelt und durch eine Granate schwer an beiden Beinen verletzt. Trotz der schweren Verwundung brachte er seine Kameraden in Sicherheit und wurde für diesen heroischen Akt mit der italienischen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet.

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Nach einem kurzen Aufenthalt im Feldlazarett verbrachte Hemingway drei Monate in einem Hospital in Mailand. Auf dem Krankenbett verliebte er sich in eine amerikanische Krankenschwester, die seinen Heiratsantrag erst annahm, ihn jedoch kurze


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Zeit später für einen anderen Mann verließ. Diese unglückliche Liebes-Episode und seine Erfahrungen an der Front verarbeitete er Jahre später im Roman „In einem anderen Land“, welcher erstmals 1929 erschien. Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten arbeitete er als Reporter in Toronto und Chicago und heiratete das erste Mal. Das Paar zog im Dezember 1921 nach Paris, wo Hemingway als Auslandskorrespondent für die Zeitung „Toronto Star“ tätig wurde. In der französischen Metropole lernte Hemingway schnell andere amerikanische Autoren wie F. Scott Fitzgerald oder Gertrude Stein kennen und konzentrierte sich zunehmend auf die Schriftstellerei. Die gemeinsame Zeit in Frankreich, Reisen nach Spanien und insbesondere die Teilnahme an der Stierhatz in Pamplona inspirierten ihn zum Roman „Fiesta“ mit dem er 1926 seinen Durchbruch als Autor feierte. Das Buch besticht durch einen schlichten, schnörkellosen Stil, welcher durch kurze Aussagesätze gekennzeichnet ist und gilt noch heute als eines seiner besten Werke. Eine Begründung seiner Schreibweise lieferte das von ihm entwickelte „Eisberg-Modell“: „Wenn ein Prosaschriftsteller genug davon versteht, worüber er schreibt, so soll er aussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug schreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als hätte der Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da sich nur ein Achtel von ihm über Wasser befindet.“ Ernest Hemingway – Tod am Nachmittag, Rowohlt, 1999 Noch im selben Jahr zerbrach die Ehe und Hemingway heiratete erneut. 1928 kehrte er zurück in die USA und die Familie

ließ sich in Florida nieder. Wenn er nicht schrieb, verbrachte er die 1930er Jahre mit der Suche nach dem großen Abenteuer. Hemingway ging auf Safari in Afrika, nahm an Stierkämpfen in Spanien teil und fuhr zum Tiefsee-Fischen auf das Meer hinaus.

1937 arbeitete er als Kriegsberichterstatter im Spanischen Bürgerkrieg und traf dort auf seine zukünftige dritte Ehefrau. Zudem sammelte er Material für den Roman „Wem die Stunde schlägt“, welcher für den PulitzerPreis nominiert wurde. Nach Kriegseintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg erlebte er Schlüsselmomente wie die Landung der Alliierten in der Normandie, die Ardennenoffensive und die Befreiung von Paris als Berichterstatter mit und lernte 1945 seine vierte und letzte Ehefrau kennen. 1947 wurde er mit der Bronze Star Medal für seine Taten ausgezeichnet. Die folgenden Jahre waren turbulent. Hemingway, mittlerweile auf Kuba lebend, wurde bei einem Autounfall schwer verletzt und hatte mit schweren Depressionen zu kämpfen, da viele seiner

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Schriftstellerfreunde in kurzen Abständen gestorben waren. Während dieser Zeit litt er unter ständigen Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Gewichtsproblemen und erkrankte an Diabetes. Diese Leiden waren entweder auf vorangegangene Verletzungen oder Hemingways massiven Alkoholkonsum zurückzuführen, mit welchem er versuchte, seine körperlichen und seelischen Schmerzen zu betäuben. 1951 schrieb er innerhalb von acht Wochen das Manuskript zur Novelle „Der alte Mann und das Meer“, seinem bis heute bekanntesten und erfolgreichsten Werk. Hemingway wurde nun auch von den Kritikern gewürdigt, bekam 1953 den Pulitzer-Preis und wurde im darauffolgenden Jahr mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet, was seinen internationalen Erfolg weiter ankurbelte. Während eines Aufenthalts in Uganda überlebte er zwei Flugzeugabstürze an aufeinanderfolgenden Tagen. Die schweren Verletzungen, die erst später in vollem Ausmaß festgestellt wurden, umfassten einen Schädelbruch, zwei gebrochene Wirbel, einen Riss der Leber und Niere und schwere Verbrennungen. Wieder auf Kuba angekommen, verschlimmerte sich sein Trinkverhalten weiter. Er ignorierte ärztliche Hinweise auf Leberschäden, nachdem er kurz versucht hatte aufzuhören, die Schmerzen ihn jedoch in den Wahnsinn trieben. 1957 begann Hemingway seine Arbeit an „Paris – Ein Fest fürs Leben“, einem Band mit kurzen Geschichten, die auf seinen Erinnerungen aus seiner Zeit in Paris während

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der 20er-Jahre basieren. Diese wurden jedoch erst posthum veröffentlicht. Weil sowohl die politische Lage aufgrund des Kalten Krieges als auch der Ansturm von Besuchern und Touristen auf das Anwesen den Alltag der Hemingways erschwerten, siedelten sie 1960 nach Idaho um. Hemingway begab sich auf Anraten eines Arztes in eine Klinik und wurde dort mit Medikamenten und Elektrokrampftherapie behandelt, um seine Depressionen in den Griff zu bekommen. Die Behandlung hatte jedoch zu Folge, dass sich sein geistiger Zustand weiter verschlechterte. Zwei Tage nach der Entlassung nahm sich Ernest Hemingway in den frühen Morgenstunden des 2. Juli 1961 das Leben, indem er sich mit einem Jagdgewehr in den Kopf schoss. Die Biographie von Hemingway zeigt einmal mehr, dass Genie und Wahnsinn oftmals Hand in Hand gehen und diese Kombination eventuell tödlich sein kann. Als vermeintlich „normale“ Menschen können wir nur dankbar sein, dass es immer wieder Ausnahme-Individuen gab und gibt, die Schmerz, Zwiespalt, Niederlagen und andere Schicksalsschläge so kanalisieren können, dass etwas entsteht, das für ewig lebt und anderen so viel Freude bereitet. „Das Leben jedes Mannes endet auf die gleiche Weise. Es sind nur die Details, wie jemand gelebt hat und wie er gestorben ist, die einen Mann vom anderen unterscheiden.“ Ernest Hemingway Norman Zwanzig


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Gonzo Journalismus Ein Stil ganz außerhalb der Berichterstattung Einige von euch haben es vielleicht schon einmal in dem ein oder anderen Kontext gehört. Wiederum anderen ist es vielleicht gar kein Begriff. Jedoch haben diese Anderen sicherlich schon ein paar Artikel, die an den Gonzo Journalismus angelehnt sind, gelesen. Es ist ihnen jedoch nicht wirklich bewusst gewesen. © Wikimedia Commons

Was ist aber nun eigentlich Gonzo Journalismus? Als Gonzo Journalismus kann man einen journalistischen Stil ansehen, welcher die Elemente der Literatur und des Journalismus miteinander verbindet. Als Begründer dieser besonderen Gattung gilt der US-amerikanische Journalist Hunter S. Thompson (19372005). Sein Artikel über das Kentucky Derby („Das Kentucky Derby ist dekadent und degeneriert“) aus dem Jahr 1970, wird als genreprägend angesehen. Thompson beschreibt im Artikel seine Sicht auf das Kentucky Derby und die, seiner Meinung nach, vollkommen verdorbene Oberschicht, welche jährlich dorthin strömt, satirisch. Gnadenlos subjektiv, exzentrisch und immer dagegen. Damit lässt sich wohl der Gonzo Journalismus im Groben ganz gut beschreiben, nur kann man sich darunter auch nicht so richtig etwas vorstellen. Also was macht diese besondere Form des Journalismus aus?

Wie kann man sich den Gonzo Journalismus vorstellen? Gonzo Journalismus ist weniger Journalismus als man glauben mag. Es ist viel eher die Verschmelzung zwischen Literatur und Journalismus. Denn die Berichterstattung dient nur als Stilmittel an dem man sich orientieren kann und auf weitere Kriterien, wie die der Relevanz und Aktualität, wird beim Gonzo Journalismus nicht allzu viel Wert gelegt. Im Vordergrund stehen vielmehr Unterhaltung und das pure Mitteilen von Eindrücken. Der Autor ist außerdem nicht nur bloßer Erzähler, sondern ebenso Protagonist in seiner Berichterstattung. Daher ist der Autor beim Gonzo Journalismus der Wichtigste. Denn dieser steht im Mittelpunkt der äußerst subjektiven Berichterstattung. Er sieht sich selbst als literarische Figur und ist eben nicht nur ein reiner Beobachter der Ereignisse, sondern nimmt an eben jenen Ereignissen selbst teil. Zudem ist der Wahrheitsgehalt nicht immer zu 100 Prozent gegeben, da sich die Autoren im Gonzo Journalismus auch gern einmal bei der Fiktion bedienen und diese in ihre Berichte einmischen. Thompson meinte einmal, dass „echte Wahrheit“ vielmehr eine Verschmelzung aus Fiktion und Fakten ist; William Faulkner sagte einmal: „The best fiction is far more true than any journalism.“ Alles ist sozusagen wichtig und unwichtig zugleich. Eine Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn, wenn man es so sehen möchte.

Hunter S. Thompson würde es wohl so beschreiben: „Es handelt sich weniger um Geschriebenes als um Erlebtes und deswegen sollte das Ergebnis erfahrbar sein, statt einfach nur gelesen zu werden. Am besten in einem großen Raum mit Lautsprechern und einem offenen Feuer, alternativ in einer heißen Badewanne und Vibrator.“

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Wie kommt man denn auf das Wort Gonzo Journalismus? Die Frage finde ich berechtigt, denn es gibt zwar Übersetzungen dafür, aber die kommen aus dem italienischen und portugiesischen und da steht das Wort für „Schwachkopf“ und „Scharnier“. Diese Worte haben allerdings


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wenig mit der Journalismus-Bezeichnung zu tun. Heutzutage gibt es jedoch eine englische Übersetzung aus der Umgangssprache. Somit könnte man es nun mit „exzentrisch“ oder „verrückt“ übersetzen. Im Fall des Gonzo Journalismus geht der Begriff allerdings auf Thompsons Kollegen Bill Cardoso und dessen Reaktion auf den Kentucky Derby Artikel zurück. Dieser sagte laut Thompson: „Forget all this shit you‘ve been writing, this is it; this is pure gonzo. If this is a start, keep rolling.“, jedoch meint Cardoso etwas anderes gesagt zu haben: „I don‘t know what the fuck you‘re doing, but you‘ve changed everything. It‘s totally gonzo.“ Der Begriff Gonzo Journalismus hat allerdings auch seine Brüder und Schwestern. Zwei Begriffe, welche mit dem des Gonzo eng verwandt sind und Abwandlungen dessen darstellen, sind New Journalism und literarische Publizistik. Gibt es Vertreter des Gonzo Journalismus im Deutschen Raum? Spätestens durch die Verfilmung von Thompsons Roman Fear and Loathing in Las Vegas bekam der Gonzo Journalismus einen gewaltigen Popularitätsschub und konnte sich frei auf Blogs und in den Sozialen Medien entfalten. Zwei deutsche Vertreter wären Helge Timmerberg, welcher sich selbst als Journalist, Weltreisender und Autor sieht, und Dennis Gastmann, welcher als Schriftsteller und Abenteurer angesehen werden kann. Timmerbergs Stil orientiert sich am Gonzo Journalismus und dem New Journalism. Er gibt uns in seinem Buch Die rote Olivetti eine kleine Kostprobe, wie deutscher Gonzo Journalismus aussehen kann:

„Ich saß im Londoner Stadtteil Notting Hill an einem Küchentisch und machte komische Sachen. Es war Nacht, und ich war allein, aber das härteste Halluzinogen auf Gottes Erden sorgte dafür, dass trotzdem keine Langeweile aufkam. Zunächst zeichnete ich unter dem Einfluss von LSD das Universum auf eine Streichholzschachtel, danach nahm ich mir die Plastikbecher vor.“ Der Gonzo Journalismus ist also nicht nur ein nationales, sondern schon längst ein internationales Phänomen an dem sich viele Autoren, Journalisten und Schriftsteller auf der Welt orientieren. Sie müssen sich nicht mehr verstellen, sondern können so schreiben wie sie wollen, ohne ein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen. Daher möchte ich mit den letzten Worten des Begründer Hunter S. Thompson abschließen. „Keine Spiele mehr. Keine Bomben mehr. Kein Laufen mehr. Kein Spaß mehr. Kein Schwimmen mehr. 67. Das sind 17 Jahre nach 50. 17 mehr als ich brauchte oder wollte. Langweilig. Ich bin nur noch gehässig. Kein Spaß – für niemanden. 67. Du wirst gierig. Benimm dich deinem hohen Alter entsprechend. Entspann‘ dich – es wird nicht wehtun.“

© Wikimedia Commons

Hoffentlich hat der Gonzo Journalismus nicht nur 17 Jahre mehr, sondern ein ganzes Leben.

Michael Kroschwald

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Der Werther-Effekt... ... und das Drama mit den Suizid-Dramen Im März 2017 ist auf Netflix die Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ erschienen, welche den Suizid einer High-School-Schülerin thematisiert. Nach der Veröffentlichung entstand eine Diskussion darüber, ob die Thematik und Darstellung der Serie den sogenannten Werther-Effekt hervorrufen kann.

führte, welche dann wiederum weitere Nachahmer inspirierten. Um dem ein Ende zu setzten, wurde 1987 ein Leitfaden vom Kriseninterventionszentrum veröffentlicht. Der „Leitfaden über Berichterstattung von Suizid“ zeigte die Risiken von zu detailreichen Berichten auf und nannte Möglichkeiten, wie mit verringerter Gefahr berichtet werden kann. In den letzten 30 Jahren wurde der Leitfaden stetig aktualisiert und überarbeitet.

erschienen bei: cbt Verlag Filmausgabe 9,99 € 288 Seiten, Taschenbuch ISBN: 978-3570311950

In der Show nimmt sich die 16-jährige Hannah Baker das Leben. Nach ihrem Suizid erhält ihr Mitschüler Clay ein Paket mit Kassetten, auf denen Hannah die Gründe für ihr Handeln erklärt. Die erste Staffel wurde von Kulturkritikern für die Thematisierung von Themen wie Mobbing und Suizid gelobt. Gleichzeitig wird sie, auch von Psychologen, für die Darstellung von Hannah und ihren Taten scharf kritisiert, da diese zum Werther-Effekt führen können.

erschienen am 13.03.17

Was ist der Werther-Effekt?

Der Werther-Effekt, auch Nachahmungsoder Imitationseffekt genannt, beschreibt einen Anstieg an Suiziden beziehungsweise eine bestimmte Art von Suiziden, nachdem diese in den Medien viel Aufmerksamkeit bekommen haben. Der Name Werther-Effekt geht auf das Jahr 1774 zurück, als mit dem Erscheinen von Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ eine Suizidwelle, vor allem bei jungen Männern, auftrat. Um dieser Einhalt zu gebieten, wurde das Buch damals sogar zeitweise verboten.

Tote Mädechen lügen nicht Jay Asher

Ein weiteres Beispiel für diesen Effekt sind die hohen Zahlen der Selbsttötungen in der damals neugebauten Wiener U-Bahn in den achtziger Jahren. Viele Menschen nahmen sich damals das Leben indem sie vor die Züge sprangen. Durch die vielen Suizide war das Interesse und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit sehr hoch, was zu häufigen und detailreichen Zeitungsberichten

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Auch in Deutschland gibt es Richtlinien für die Berichterstattung bei Suiziden. Das Nationale Suizidpräventionsprogramm stellt auf seiner Webseite Informationsmaterialien zur Verfügung. Inhaltlich stimmen diese Richtlinien mit den österreichischen weitgehend überein. Einige Punkte, die besonders betont werden, sind:

• • •

keine Beschreibung von Tatort und Hergang keine persönlichen Details über das Opfer nennen keine Interviews mit Angehörigen kurz nach der Tat keine Abschiedsbriefe o. ä. abdrucken keine Romantisierung oder Verurteilung der Tat

Es ist wichtig, dass suizidgefährdete Menschen sich nicht mit den Opfern identifizieren oder ein Gefühl der Verbundenheit entwickeln. Wenn z. B. der Ort und Hergang genau beschrieben wurden, könnte jemand sich auf die selbe Art das Leben nehmen, um so im Tod nicht alleine zu sein. Wenn eine Selbsttötung durch Aussagen wie „im Tod vereint“ romantisiert wird, wird der Situation die Tragik genommen. Das verlorene Menschenleben wird nicht betrauert und es wird der Eindruck vermittelt, dass im „Freitod“ etwas Heldenhaftes liegt. Um eine Wertung zu vermeiden, soll auch das Wort


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„Selbstmord“ möglichst nicht verwendet werden, da es einen negativen Beigeschmack hat. Auch ist es inkorrekt, da Suizide nicht gesetzlich verboten und damit keine kriminellen Handlungen sind. Bei der Veröffentlichung der Leitfäden kam die Kritik auf, dass diese die Pressefreiheit einschränken. Ziel ist es jedoch nicht, die Berichterstattung zu behindern, sondern Menschen zu schützen. Nach der Einführung des Leitfadens in Österreich sind die Suizide in der Wiener U-Bahn zurückgegangen und sind seitdem auf einem konstanten Level. Eine Möglichkeit der Suizidgefahr direkt entgegen zu wirken, wäre der Papageno-Effekt. Dieses Phänomen ist sozusagen das Gegenstück zum Werther-Effekt; nämlich, dass durch positive Berichte über Menschen, die Krisensituationen bewältigt haben, Suizide verhindert werden können. Auch Lösungsansätze und Verweise auf professionelle Hilfsangebote helfen. Man darf das Thema nicht totschweigen! Seitdem die Netflix-Show erschienen ist, sind bereits Fälle aufgetreten, die darauf schließen lassen, dass Hannah Bakers Geschichte die Inspiration für den Suizid war. Das hat die Diskussionen um die Serie natürlich nur verstärkt. Fans und Kritiker der Serie argumentieren, dass die angesprochenen Themen nicht tabuisiert werden dürfen. Einen ähnlichen Konflikt haben Journalisten bei Suizidmeldungen. Das Bedürfnis zu informieren, und gegebenenfalls auch die persönliche Betroffenheit, erschweren es, so distanziert und zurückhaltend zu berichten, wie es die Leitfäden vorgeben. Dennoch stehen Medienschaffende in der Verantwortung, Medien zu produzieren, die Menschen schützen und nicht weiter gefährden.

1 Grundlagen 2 Buchmarkt

3

Management

Das Buch im Medienkontext

Strukturen des Buchmarkts

Verlagsmanagement

Methoden der Buchforschung

Geschichte des Buchmarkts

Buchhandelsmanagement

Theorien der Buchforschung

Digitalisierung des Buchmarkts

Marketing in der Buchbranche

Medienrecht

Projekt- und Eventmanagement

Marktforschung

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buch & medien Studienhefte

Gestaltung und Technik

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Annekatrin Franke

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buch & medien | Studienhefte

Die Inhalte der aktuell geplanten 21 Hefte ergeben sich aus den Themen der Lehrveranstaltungen und Module der unterschiedlichen Studiengänge ›Rund ums Buch‹. buch & medien Studienhefte

Rezeption Lese(r)forschung

Typografische Grundlagen

Geschichte des Lesens

Verlagsherstellung

Digitales Lesen

Druckverfahren

Leseförderung

Geschichte der Buchgestaltung Digital Publishing

Die Studienhefte erscheinen im DIN-A4-Format und bieten in fünf Rubriken: Inhalte der buchwissenschaftlichen und buchpraktischen Studiengänge; kompakte, lernorientierte Umsetzung der Inhalte; prägnante Darstellungen; übersichtliche typografische Gestaltung; bedruckte Ordnerrücken für eine thematische Ablage.

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Grundlagen der Kreativität Wie Ideen entstehen und was Innovationen fördert Der Ursprung menschlicher Kreativität ist seit jeher eines der Rätsel, die die Wissenschaft zu lösen versucht. Neben den Grundlagen der Hirnforschung und der Genetik zur Erforschung des Gesamtprozesses ergeben sich zu den neuen Erkenntnissen daraus resultierende Fragen. Wo Kreativität entsteht Kreativitätsforschung ist ein gewaltiges Feld. Bisher bewiesen wurde unter anderem, dass innerhalb des menschlichen Gehirns mehr als ein Bereich für den Entwurf von Innovationen zuständig ist. Neben dem Stirnhirn und den Scheitellappen, die fleißig Signale austauschen, sind weitere Teile des Großhirns und tief sitzende Strukturen unterhalb der Hirnrinde aktiv, um die Zusammenarbeit mehrerer Areale und die gefühlsmäßige Bewertung neuer Ideen zu unterstützen Als ein Auslöser kreativen Denkens gilt die latente Inhibition. Als Reizhemmung schränkt sie bei gesunden Menschen die Wahrnehmung ein und schützt so das Hirn vor einer Reizüberflutung. Ist dieser Schutz zu schwach ausgeprägt, ist das Hirn nicht nur für Eindrücke und Informationen offener, sondern kann für Aufgaben auch effektiver bessere Lösungen finden – ideale Grundlagen für kreatives Denken. Problematisch hingegen sind die dadurch fehlende Filterfunktion der Betroffenen und das erhöhte Risiko für psychische Erkrankungen. Im Kampf mit der Psyche Schizophrenie, Depression und Persönlichkeitsstörungen sind die wohl bekanntesten psychischen Erkrankungen der kreativen Elite. Aus Familienstudien ist bekannt, dass die Neigung zur Schizophrenie auch vom Erbgut beeinflusst wird. Verdächtig dafür macht sich das 2002 entdeckte Gen Neuregulin 1, das unter anderem die Hirnentwicklung und die

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Kommunikation der Neuronen untereinander regelt. In der Bevölkerung sind allgemein zwei Varianten des Gens verbreitet: C und T. Menschen, die zwei T-Varianten auf den Chromosomen tragen, haben nicht nur ein deutlich höheres Risiko für Psychosen, sondern sind gleichzeitig auch kreativer als Personen mit zwei C-Varianten. Dass die Auswirkungen psychischer Erkrankungen auf das kreative Schaffen nicht unerheblich sind, ist beachtenswert. Eine schwach ausgeprägte bipolare Störung kann unter Umständen die künstlerische Leistung fördern. Depressive Phasen ermöglichen tiefe Einsichten in das menschliche Dasein während gemäßigt manische Phasen die Umsetzung beim Komponieren, Malen oder Schreiben erlaubt. Was nach einer bemerkenswerten Erklärung für außergewöhnlich künstlerische Leistungen klingt, hat auch eine Schattenseite. Betroffene haben während der manischen Phasen meist hohe Konzentrationsprobleme, wo durch sie zumeist nicht zu nennenswert kreativen Leistungen fähig sind. Die Antwort auf das Rätsel um die Kreativität kann also nicht allein in psychischen Erkrankungen liegen. Innovation als Prozess Kreativitätsforscher unterscheiden das kreative Denken in fünf Phasen: Vorbereitung, Inkubation („Brüten“), Erkenntnis, Evaluation („Auswertung“) und Elaboration („Ausarbeitung“). Spätestens bei der Evaluation ist Intelligenz gefordert, um nützliche von nutzlosen Ideen zu unterscheiden und diese zu verwerfen. Um intelligente Wunderkinder und kreative Geister zu erziehen, ist ein Aufwachsen in einem stimulierenden Umfeld unabdingbar. Eine breite Palette von Angeboten ist nötig, um die frühzeitige Förderung aller fünf Dimensionen der geistigen Entwicklung (kognitiv – kommunikativ – musisch-ästhetisch


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– motorisch – sozial-emotional) zu fördern. Dabei werden im Lernprozess Fähigkeiten und Wissen aus einem Gebiet in das Andere übertragen und dadurch eine bessere Vernetzung der Hirnareale ermöglicht. Geistige Flexibilität gilt als Grundlage für kreative Höchstleistungen und herausragende Intelligenz. In Verbindung mit einem guten Arbeitsgedächtnis schützen diese Grundlagen laut Studien zusätzlich davor, dass die Psyche Schaden nimmt. Die Persönlichkeit – ein Künstlerstereotyp Die gezielte Stimulierung der Dimensionen führt zur Ausbildung einer weiteren elementaren Grundlage für Kreativität, der Persönlichkeit. Aus psychologischen Lebenslauf-Analysen erfolgreicher Künstler ergeben sich typisierte Eigenschaften wie Unabhängigkeit, Nonkonformismus, Risikobereitschaft und Flexibilität, die sich durch unkonventionelles Benehmen und eine breite Spanne an Interessen ergänzen lassen. Als Ergebnis resultiert stets eine komplexe Persönlichkeit, die in sich große Gegensätze vereinen und leicht von einem Extrem in das Andere fallen kann. Dazu gehört, dass sie paradoxer Weise höchste Disziplin mit kindlichem Spieltrieb oder auch Verantwortungsgefühl mit Ungebundenheit vereinen können, in ihrer Art und ihrem Handeln rebellisch auftreten, aber dennoch die Regeln ihres Fachgebietes lernen, bevor sie sie umstoßen.

nen unterteilen, in denen sich Menschen entfalten können. Die Indikatoren für kreative Potenziale sind dabei auch innerhalb von europäischen Städten unterschiedlich, auch wenn die Ausgaben für Forschung, Entwicklung und die Arbeitsstätten berühmter Wissenschaftler scheinbar homogen in den Kulturräumen verteilt sind. Die Unterschiede liegen im Detail der räumlichen Konzentration. Zentren der Kreativität, wie Florenz im 15. und 16. Jahrhundert oder Paris und Wien um 1900, ziehen innovative Geister fast schon magisch an. Denn Kreativität entsteht in der Interaktion mit dem Umfeld, das sowohl anregend und herausfordernd wirken, als auch in anderen Ideen aus verschiedenen Gründen auf Unverständnis und Widerstand treffen kann. Ein kreativer Kopf braucht Mitstreiter, die ihm helfen Kapitalgeber anzulocken und neue Verfahren und Prozesse zu entwickeln oder durch die Kommunikation des Wertes der Idee andere Menschen zu überzeugen, wenn er dazu selbst gerade nicht fähig ist. Liegen diese Grundlagen nicht vor, kann sich auch die beste Idee nur schwerlich entwickeln und ihre Chance nutzen, verwirklicht zu werden.

Von wegen Außenseiter Wie oft angenommen, sind kreative Leistungen also zumeist nicht das Werk einsamer, etwas irrer Genies, die das Bild des Künstlers in der Öffentlichkeit prägen. Neben verschiedenen Indikatoren spielt auch das Umfeld eine entscheidende Rolle. Die gesellschaftliche Siedlungsstruktur lässt sich weltweit viel mehr in kreative und weniger kreative Regio-

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Frances Liebau

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26 :: Lokales SPEZIAL

What´s up? HTWK - News Mit dem Newsletter „What‘s up?“ möchten wir unsere Leser über Neuigkeiten rund um die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig informieren, denn die Hochschule ist nicht nur die Kaderschmiede der Lerchen, sie macht diese Zeitschrift vielmehr erst möglich. Insofern fungiert diese neue Rubrik auch als Huldigung an die vermutlich beste Hochschule Leipzigs ;-) Herzlichen Glückwunsch, HTWK!

© Swen Reichhold

Unsere Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur ist im vergangen Sommer 25 Jahre alt geworden und wir, das Team der Leipziger Lerche, haben natürlich gebührend mitgefeiert. Zelebriert wurde das Ganze unter strahlend blauen Himmel und nicht nur viele Studenten wohnten dem Fest bei, sondern auch eine große Anzahl an Professoren, Alumni und Interessenten jeder Altersgruppe. Auf zwei Bühnen wurde den Gästen einiges geboten. Neben klassischen Podiumsdiskussionen, unter anderem mit Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung und Rektorin Professorin Dr. Gesine Grande, gab es eine Vernissage in Form einer Foto- und Architekturausstellung und Begegnungen mit den unterschiedlichsten Akteuren der Hochschule. Zu etwas späterer Stunde gab es dann noch Livemusik von Bands wie Stillbruch, Cube und Black Coffee auf die Ohren. All das wurde schließlich noch durch ein reichhaltiges Angebot an Kulinarischem, Sport und Spiel abgerundet. Alles in allem war es ein gelungener Geburtstag, bei dem wohl jeder Besucher auf seine Kosten gekommen ist. Die Leipziger Lerche wünscht auf diesem Weg noch einmal alles Gute und wir freuen uns schon jetzt auf das 50-jährige Jubiläum. #WeAreHTWK Das Gautschfest der Medianer Ebenfalls bei bestem Wetter und hochsommerlichen Temperaturen richtete die Fakultät Medien wieder einmal einen traditionellen MedienGAUtsch aus. In diesem Jahr wurde eine überwältigende Zahl von 54 Gautschlingen aus den Studiengängen Drucktechnik, Buch- und Medienproduktion und Medienmanagement in die Zunft der Drucker aufgenommen. Allerdings mussten alle Bewerber für die Zeremonie im Vorfeld ein sogenanntes Bleisatzseminar besuchen, um überhaupt zugelassen zu werden. Nach einer anfänglich äußerlichen Reinigung durch das Untertauchen in einem Büttenbottich, wurden die Gautschlinge auch von innen gereinigt. Hierfür wurde ihnen ein Trunk mit einer höchst geheimen Rezeptur verabreicht, der den Gesichtszügen zu urteilen, wohl nicht gerade der Wohlschmeckendste war. Im Anschluss wurde natürlich auch für das leibliche Wohl der Gäste, Initiatoren und Gautschlinge gesorgt. Mit vollen Mägen und guter Laune konnte man den Tag dann noch bei einer Improvisations- und Feuershow, einem Gewinnspiel und Livemusik ausklingen lassen. Abschließend bleibt nur noch zu sagen, dass die schwarze Kunst ihre Jünger herzlich in ihren Reihen willkommen heißt! Ronny Wenzel

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SPEZIAL :: 27

Best of Lerche - Blog HTWK auf dem Bachfest: Interview mit Nico Hattendorf © Lina Al Ghori

27. Juni 2017 Auch in diesem Jahr fand vom 9. bis zum 18. Juni 2017 wieder das Bachfest in und um Leipzig statt. Die Besucher reisten aus der ganzen Welt an, um zehn Tage lang Konzerte und Veranstaltungen zu besuchen. Was viele nicht wissen – auch die HTWK Leipzig ist jedes Jahr am Bachfest beteiltigt. Das betrifft vor allem unseren studentischen Fernsehsender floid und die Studierenden der technischen Medienstudiengänge. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, beim „Bach Open Air“, dem Teil des Bachfests auf dem Marktplatz, die Übertragung der Konzerte mit vier Kameras auf die Leinwände am Bühnenrand zu übernehmen. Lerche Lina und ihre Kommilitonin Julia haben mit der beteiligten Studentin Theresa Möckel und Nico Hattendorf, Dozent an der HTWK und Unterstützer beim Bachfest, Interviews für den Lerche-Blog geführt. Einen Auszug aus dem Interview mit Nico Hattendorf gibt es hier zu lesen! Welche Bedeutung hat die Kooperation mit dem Bachfest für die HTWK Leipzig? Dabei sind zwei Komponenten sehr relevant: Zum einen die Kooperation der Fakultät Medien mit dem Bacharchiv, zum anderen die Möglichkeit für Studierende der Fakultät Medien, praxisnahe Erfahrungen zu sammeln. Die Kooperation mit dem Bacharchiv ist für die Fakultät und auch die gesamte Hochschule sehr wichtig, weil wir mit einem Partner zusammen arbeiten, der in Leipzig über das gesamte Jahr ein umfangreiches Kulturprogramm im Bereich der zeitgenössischen Musik anbietet und damit die kulturelle Landschaft Leipzigs bereichert. Zum zweiten Punkt: Studierende speziell im Studiengang Medientechnik erhalten bei uns fachlich ein sehr generalistisches Studium mit Bereichen wie Audio- und Videoproduktion, Projektmanagement, Webprogrammierung und weiteren Inhalten. Studierende, die ihre Zukunft in den AV-Medien sehen, haben bei uns die

Möglichkeit in den studentischen Projekten wie floid (Hochschulfernsehen) oder Campus Records (Musiklabel an der HTWK) praktische Erfahrungen in eigenverantwortlicher Organisation zu erhalten. Beim Bachfest haben eben jene Studierende die Möglichkeit, auch mit einem großen Auftraggeber zu arbeiten und somit zu erfahren, wie es in der Wirtschaft in der Medienproduktion abläuft und welche Aufgaben dabei zu bewältigen sind. Schlussendlich ist es für alle drei Seiten eine Win-Win-Situation und jedes Jahr aufs Neue eine spannende Herausforderung, den Besuchern der Stadt Leipzig ein tolles Konzerterlebnis zu bereiten. Wie empfinden Sie das Bach Open Air als Veranstaltung? Leipzig ist nicht nur eine Musikstadt, Leipzig ist eine Bach-Stadt. Der Geist seiner Musik ist hier, gerade im Stadtzentrum, immer präsent und spürbar. Das Bach Open Air im Rahmen des Bachfests ist dabei das Highlight rund um den Mythos Bach. Veranstalter und Ausrichter sind jedes Jahr darum bemüht, nicht nur den klassischen Bach zu bedienen, sondern auch genreübergreifend zu inszenieren. An einem Wochenende finden sich zum Bach Open Air bis zu sieben oder acht Künstler und Ensembles in Leipzig ein. Dazu ist die Veranstaltung auf dem Leipziger Marktplatz kostenlos – ein Punkt, der für einige eventuell selbstverständlich erscheint. Dies ist es aber keineswegs. Es gibt viele Städte in Deutschland, wo man solch ein Angebot vergeblich suchen würde. Dazu ist es eine Veranstaltung ohne Altersgrenzen. Jung und alt mischen sich, Kinder und Familien nehmen teil. Es ist ein großes Fest im Zeichen der Musik von Bach, bei dem im Vordergrund steht, was viele heutzutage kaum noch bewusst tun: Musik hören und vor allem Musik erleben. Auf welche Highlights der letzten Jahre Bachfest Nico Hattendorf zurückblickt und das ganze Interview mit Theresa lest ihr auf dem Blog unter www.leipzigerlerche.com

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28 :: Lokales

Die Toten sind unter uns Ein Blick ins Zwielicht der Schwarzen Szene Leipzigs

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Die Nächte werden länger, der Tageshimmel bleibt bedeckt – und mit dem melancholischen Herbst hält Vergänglichkeit Einzug. Die natürliche Jahreszeit aller Mitglieder der sogenannten „Schwarzen Szene“ also, doch deren Höhepunkt findet jedes Jahr bei strahlendem Sonnenschein zu Pfingsten statt. In sengender Sommerhitze ziehen sie in Aufsehen erregender Gewandung durch Leipzig und stehen für ein Wochenende im Rampenlicht. Das Wave Gotik Treffen jährte sich nun bereits zum 26. Mal. Doch wie sieht es im Düsteren Volk abseits dieses Großevents aus? Wo finden sich Leipzigs lichtscheue Gestalten, was macht sie eigentlich aus? Und wieso steht ihre Hochburg ausgerechnet in Ostdeutschland? Satanisten und Todesanbeter zählen ja gemeinhin nicht zum bevorzugten Kindergartenpersonal. Dennoch können sich Außenstehende nie einer gewissen Faszination erwehren, wie die allgegenwärtigen Kameras zu jedem WGT zeigen. Trotz teils furchterregender Outfits – Angst muss man vor den auf Zurückgezogenheit bedachten Dunkelschönen nämlich nicht haben. Nur alle über den klischeehaften Kamm des Grabschänders geschert zu werden, das mögen sie gar nicht. Zwischen Romantik und Weltschmerz Die Szene ist so individualistisch wie ihre Mitglieder: pagane Wikinger, New Romantics, Cyber- und Steampunker finden alle ihre Heimstatt unter dem schwarzgefärbten Dach. Geistig gespeist aus den Lyrikern der Romantik, verbindet sie die Weltflucht. Ob schaurig-schön oder untermalt von derben Folk-Tänzen – Traurigkeit ist dabei kein Muss. Tiefsinnigkeit und Bierlaune wechseln einander ab und feiern das Leben – ein anderes, dem gleichförmigen Alltag entrückt.

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Goths, die Mystiker der Moderne Der Tod bildet vor allem bei den Goths den Dreh- und Angelpunkt. Nicht Angst, sondern Sehnsucht als Erlösung aus einem unbefriedigenden Dasein auf Erden bestimmen das Verständnis vom Sensenmann. Er wird begrüßt, teils körperlich durch Selbstverletzung. Damit sind auch extravagante Piercings an ebenso außergewöhnlichen Körperstellen gemeint – Schmerz, Ekstase, Lust als Grenzerfahrung. Ihre Musik vibriert in düsterer Trance. Der Sinn des Lebens ist für sie nur ein Trugbild im nihilistischen Chaos eines gleichgültigen Universums. „Memento Mori“ als Lebenseinstellung Daraus erwächst jedoch auch etwas anderes, positives: Wenn nichts Bedeutung hat, ist alles erlaubt. Nur der Moment zählt, gesellschaftliche Normen sind bloß ein papierner Anstrich der kümmerlichen Realität. So entsteht in der schwarzen Kultur viel Freiraum. Persönlicher Entfaltung, geschlechtlicher Orientierung und sexuellen Vorlieben sind kaum Grenzen gesetzt. Individuelle Ausschweifungen werden geduldet und bewundert. Erotik und Schönheit sind enge Verwandte – daher ist die Mode der Schwarzen Szene alles andere als traurig. Traditionell viel nackte Haut wird kombiniert mit einem Mix aus viktorianischer Klasse und bewusster Abschreckung. Über allem regiert das Gebot maximaler Ästhetik. Egal wie zerstört das Outfit, es muss gut aussehen. Vor allem zum WGT werden viel Fantasie und auch Geld in die Selbstinszenierung investiert, zur Freude der Passanten. Auferstanden aus dunkler Zeit: Die Anfänge Leipzigs Einwohner waren schon immer ein Häuflein Querulanten. Als Keimzelle der


Lokales :: 29

friedlichen Revolution bot die Stadt in der DDR Subkulturen ein offeneres Refugium, um sich zu entfalten. Die Schwarze Szene konnte gar nicht unpolitisch sein. Auch simples Desinteresse am real existierenden Sozialismus war bereits Regimekritik, und in der aufgekratzten Miefigkeit der Achtziger wurden alle langhaarigen Liebhaber lauter Musik in einen Topf geworfen – in den sie auch bereitwillig hineinsprangen. Aus der Not eine Tugend machend, bildete sich ein bunter Mix aus Punkern, Wavern, Drags und überhaupt allen, die keinen Bedarf an einem staatlich verordneten Lebensweg hatten.

tik Treffen. Anfangs ein kleiner Szenetreff im Conne Island, wuchs der Strom der schwarzen Pilger beständig. Vom improvisierten Disco-Wochenende wurde das WGT innerhalb eines Jahrzehnts zum Schaulauf der schwarzen Szene und eine internationale Institution. Nicht nur Musik steht im Vordergrund, sondern ebenso das Flanieren und Beschautwerden in den zahlreichen schattenspendenden Parks. Lesungen, Ausstellungen und jedwede Art von Kultur laden ein zu einem Fest der Fantasie. Natürlich bleibt solch eine rasante Entwicklung subkultur-typisch nie frei von Vorwürfen der Kommerzialisierung. Doch abgesehen von einem kurzen Rückschlag mit dem Bankrott der ursprünglichen Veranstalter im Jahr 2000, erfreut sich das WGT bis heute wachsender Beliebtheit. Stadt und Händler heißen die kaufkräftigen Besucher jedes Jahr mit angemessenem Schwarz willkommen. Treffpunkte und Geheimverstecke

© Thomas Janowski/Nerdzig

Von der Kellerkneipe zum Kommerz Jene noch recht undifferenzierte Szene veranstaltete nach der Wende Anfang der Neunziger regelmäßig kleine UndergroundParties. Die heruntergekommene Stadt bot ideale Kulissen. Ungestört und ungehemmt donnerten harte Riffs durch Leipzigs Industrie-Ruinen. Ein einzigartiges Ambiente aus Regelfreiheit, Experimentierfreude und echter Morbidität, das sich in der ganzen Republik herumsprach und die Alternative Szene in die Messestadt zog. Aus kleinen Parties wurden größere Konzerte und schließlich 1992 ein Festival: Das Wave Go-

Wo treffen sich nun nach dem WGT die düsteren Ureinwohner Leipzigs? Ihre Lieblingszeit ist natürlich nicht das Tageslicht. Sie beherrschen die Nacht, vorzugsweise zusammenkommend in der Absintheria Sixtina. Erster Anlaufpunkt für Tanz und Musik ist das DarkFlower, ein kleiner Kellerclub in der Nähe des Marktplatzes. Doch auch in anderen Clubs und Diskotheken wird bei passendem Musikangebot dem Exzess gehuldigt. Ansonsten kann man dem farbentsättigten Völkchen bei Lesungen oder Ausstellungen über den Weg laufen, besonders wenn diese mit fantastischen oder geschichtsbezogenen Themen locken. Abseits der lichtlosen Stunden ist die Schwarze Szene nämlich der Hochkultur nicht abgeneigt und geht im Alltag dann meist doch einer ganz normalen Arbeit nach. Niklas Gaube

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30 :: Rezensionen

Aufgeschlagen © Klett-Cotta Verlag

„LSD - mein Sorgenkind“ von Albert Hofmann

Klett-Cotta 19,95 € 224 Seiten, Gebunden ISBN 978-3608946185

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei.“ – Paracelsus

zur Folge. So entwickelte sich die Innovation zum persönlichen Sorgenkind von Albert Hofmann.

Heute wird die Entdeckung von LSD fälschlicherweise für einen Zufall gehalten. Stattdessen stieß der Schweizer Chemiker Albert Hofmann während einer geplanten Forschungsarbeit auf dem Gebiet des „Mutterkorns“ im April 1943 auf die Wirkung des Lysergsäurediethylamid (LSD). Nach diesem ersten Kontakt boomte die Forschung auf diesem Gebiet. LSD war für den medizinischen Gebrauch in der Psychotherapie äußerst vielversprechend und wurde nicht nur in Fachzeitschriften, sondern auch in der allgemeinen Presse hoch gelobt und angepriesen. Diese verharmlosenden Darstellungen hatten gefährliche Selbstexperimente

Hofmann erzählt in seinem Buch die Geschichte eines Wirkstoffes der sich von einem therapeutisch wertvollen Arzneimittel zu einer „Wunderdroge“ entwickelte. Auch man selbst findet sich während des Lesens im Zwiespalt von Faszination und Entsetzen wieder. Albert Hofmann malt mit dieser Veröffentlichung weder Schwarz noch Weiß. Er klärt auf, warnt vor Missbrauch und zeigt zugleich verlorene Chancen auf, das eigene Bewusstsein zu erweitern. Mit dem Genie eines Wissenschaftlers schafft er den Wahnsinn der Gesellschaft und findet seinen Frieden im Tod. Melody Schieck

© Jacoby Stuart

„Alice im Spiegelland“ von Lewis Carroll

Jacoby Stuart 39,95 € 260 Seiten, Gebunden, Halbleinen ISBN 978-3-946593-22-5

Alice im Wunderland ist wohl eines der bekanntesten Kinderbücher der Welt. Aber wusstest du, dass es davon auch eine Fortsetzung gibt? Sechs Jahre hat es gedauert, bis Lewis Carroll, dessen richtiger Name Charles Lutwidge Dodgson war, Alice wieder ins Wunderland gehen ließ. Im Unterschied zu ihrer ersten Reise gelangt Alice, wie der Titel schon sagt, durch einen Spiegel im eigenen Haus zurück ins Wunderland und findet sich diesmal im Garten der roten Schach-Königin wieder, die sie direkt in ein überdimensioniertes Schachspiel einbezieht, an dessen Ende sie eine Königin werden soll. Während des „Spiels“ trifft sie auf sprechende Blumen und allerhand andere seltsame, verrückte Gestalten, darunter Dideldum und Dideldei, Humpty Dumpty und Tigerlilie, die sie vor verschiedene Herausforderungen stellen. In der hochwertig aufgearbeiteten Neuauflage wird die Geschichte

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um Alice im Spiegelland liebevoll illustriert von Benjamin Lacombe dargestellt, der auch schon am ersten Band Alice im Wunderland mitgewirkt hat. Mit diesen passenden Illustrationen, wird der Leser direkt in die Welt des Spiegellandes hineingezogen. Zusätzlich finden sich in dem Buch aber neben der Geschichte auch weitere Nebeninformationen. So gibt es ein Vorwort von Lacombe, in dem er besonders das Schachspiel und seine Illustration erläutert und so dem Leser ein Verständnis für die Sprache und Spielzüge ermöglicht. Außerdem werden im Anhang die besten mathematischen Knoten von Charles Dodgson aufgezeigt und erläutert, denn im Spiegelland erhält auch die abstrakte Logik Einzug. Ein wunderschönes Buch, nicht nur für Kinder, sondern auch für Junggebliebene. Maxi Herzog


Rezensionen :: 31

Du sitzt in der Aula deiner Schule und lässt die alljährliche Begrüßungsrede zum Semesterauftakt über dich ergehen. Insgeheim zählst du schon die Minuten, bis zu dem Punkt an dem du nicht mehr so tun musst als würde dich auch nur ein Wort deiner Direktorin über den Zusammenhalt der Schule interessieren.

Wenn sich die lang geplante Rache eines Schülers in ein ultimatives Spiel von wer hat Angst vorm schwarzen Mann verwandelt, ist die Angst quasi greifbar. Die Autorin berichtet aus der Sicht von vier Schülern über das Gefangen sein inmitten eines Amoklaufs, welcher sich über 54 Minuten abspielt.

Das tust du so lange bis zu dem Moment an dem das Geräusch von Schüssen und der Anblick einer Mündung; die dich als Ziel auserkoren hat, deine Langeweile in Panik verwandeln. Über einen Zeitraum von 54 Minuten ist es nun nicht mehr dein Wunsch die grauen Mauern des Schulgebäudes hinter dir lassen zu können, sondern deine einzige Chance dem Terror zu entkommen.

„This is where it ends“ ist ein Buch für alle, die nicht davor zurückschrecken einem herzzerreißenden Phänomen gegenüber zu treten und bereit dafür sind sich mit dem Thema Amoklauf an Schulen auseinander zu setzen. Eine fesselnde Geschichte über Verrat, Courage und Zusammenhalt.

© Sourcebooks

„This is where it ends“ von Marieke Nijkamp

Sourcebooks 15,99 € 288 Seiten, Gebunden ISBN 978-1492622468

Lara Beck

© Matthes & Seitz Berlin

„Selbstmord“ von Édouard Levé „Diejenigen, die alt sterben, sind ein Brocken Vergangenheit. Man denkt an sie und sieht, was sie waren. Man denkt an dich und sieht, was du hättest sein können. Du warst und bleibst ein Brocken Möglichkeiten.“ [aus „Selbstmord“, S. 11] In dem Werk von Levé begleiten wir einen Mann, der sehr in sich gekehrt ist und vieles auf andere Art und Weise betrachtet. Er versucht immer alles unter Kontrolle zu behalten und ins kleinste Detail zu planen. Mit seiner Frau lebt er zusammen in einem einfachen Haus, Kinder haben sie keine und sein Job erfüllt ihn nicht. Von Anfang an, wirkt der Mann depressiv, nachdenklich und wie ein Mensch, der nicht über seine Gedanken redet, sondern alles mit sich selbst ausmacht. Er hat mit Mitte zwanzig schon mit einigen Problemen zu kämpfen gehabt und wählte letztlich den Selbstmord. Seine drastische Entscheidung ließ Familie und Freunde schockiert zurück,

denn es gab nach außen hin keine offensichtlichen Anzeichen, die auf sein Vorhaben hindeuteten. Erinnerungen des Autors über den Verstorbenen, bieten einen Einblick auf dessen Leben. Levé hat das Buch aus der Du-Sicht geschrieben und versucht mit diesem Werk den Freitod eines Freundes zu verarbeiten und Antworten auf die vielen offenen Fragen zu bekommen. Es ist kein langes Werk, dafür aber eines das lange nachklingt und zum Denken anregt. Nachdem der Autor das Manuskript seinem Verleger zukommen ließ, erhängte er sich. Spekulationen wurden laut, ob Levé seinen Freitod geplant und was sein Roman damit zu tun hatte. Eines ist sicher – selten gab es ein Werk, das einen Selbstmord so frei heraus behandelt und dessen Titel keinen Raum für Spekulationen lässt.

Matthes & Seitz Berlin 17,90 € 128 Seiten, Gebunden ISBN 978-3882215915

Jana Menke

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32 :: Horrorstory

Mord in der Lerche Wer hat Lerche Lara umgebracht? „Einen Menschen erkennt man daran, wie er sich rächt“ Ihre Augen starrten ins Leere. Laras Blick hing im Nirgendwo, während ihr kalter Körper zusammengesunken auf dem Schreibtisch lehnte. Die Gerichtsmedizin verkündet noch am Tatort: „Stumpfer Gegenstand, der Angriff erfolgte hinterrücks, mit hoher Wahrscheinlichkeit gehen wir hier von einem Buch als Mordwaffe aus. Aber das muss ein richtig dicker Wälzer gewesen sein, bei der Delle im Kopf.“ Neben dem Manuskript für ihren letzten Artikel fand die Spurensicherung auf dem Schreibtisch nur einige kurze Haare, die auf einen männlichen Täter schließen lassen. Als Motiv wird derzeit ein Zusammenhang mit Laras Vorhaben vermutet, den Studiengang zu wechseln und damit die Redaktion der Lerche zu verlassen.

© Frances Liebau

Die Zeugenbefragung erbrachte folgende Hinweise: Norman: „Immer diese Rezensionen zu dra-

matischen Büchern! Da liegt es doch nahe, dass irgendwas passieren musste! Und dann einfach die Lerche verlassen, also was sie sich dabei nur gedacht hat. Wir stecken hier alle unser Herzblut in die Zeitschrift und sie lässt uns eiskalt im Stich! Als ich das erfahren habe, bin ich innerlich ausgerastet. Ich könnte ihr natürlich nie etwas antun. Aber schade, dass ihr Artikel fertig ist, sonst hätte ich meinen noch weiter ausbauen können und wir hätten das Spezialthema einfach geändert.“ Rudolf, 65, Nachbar: „Ach, die Lara, ja ja, ist schon tragisch sowas. Dabei hatte das Mädel doch noch so viel vor. Aber wenigstens ist dann abends endlich mal Ruhe im Haus, ständig hat sie ihre Freundinnen mitgebracht und laut Musik gehört! Da kann kein Mensch schlafen, fragen Sie nur die Anderen! Meine Beschwerde hatte der Vermieter zumindest schon!“ Niklas: „So sind sie, die neuen Redakteure. Erst motiviert und dann hauen sie ab, weil sie doch lieber Psychologie oder Raumfahrt studieren wollen. Totaler Unsinn, verschwendetes Talent! Und jetzt wo die Zeitschrift schon im Druck ist, können wir nicht mal eine fette Story daraus machen. „Mord in der Lerche – Der Täter in den eigenen Reihen?“, klingt doch gut, oder? Das hätten wir ordentlich aufgezogen. Ich habe schon am Anfang gesagt, dass das irgendwann schief gehen wird, aber auf mich wollte ja keiner hören! Das haben sie jetzt davon!“ Norman, Rudolf und Niklas gelten als besonders verdächtig, doch wer ist für den heimtückischen Mord an Lara verantwortlich? Lösung: Norman war der Mörder! Wer genau hinsieht erkennt auf dem Schreibtisch ein Hemmingway-Buch und damit den Hinweis auf unseren natürlich nur fiktiven Täter!

Leipziger Lerche 47 | Herbst 2017


Elliot Paul Das letzte Mal in Paris Paul führt uns ins kulturell-künstlerische Pariser Zentrum zwischen Montmartre und Montparnasse in den Goldenen Zwanzigerjahren, genau genommen in die Rue de la Huchette. Diese Gasse ist ab 1923 sein Lebensmittelpunkt: »Dort fand ich Paris – fand ich Frankreich.« Einfühlsam erzählt er von den Bewohnern seiner Straße in einzelnen Episoden, die er zu einem spannenden Roman verwebt. Als Kulisse dienen der Bürgersteig, die belebte Straße und die Hotelbars, in denen wir deren Besitzer, sowie andere Ladeninhaber aus der Straße antreffen, kennenlernen und ins Herz schließen. Kapitel für Kapitel erfahren wir mehr über die Freund- und Feindschaften der Charaktere, über ihre Überlebenskünste in den Jahren zwischen den Weltkriegen. Ein fesselnder Roman, ein liebevolles Portrait einer Stadt und ihrer Bewohner und zugleich ein spannendes zeitgeschichtliches Dokument!

978-3-87512-477-4 400 Seiten | Hardcover 20 € (D) | 20,60 € (A) aus dem Amerikanischen von Ludovica Hainisch-Marchet MaroVerlag In 2. Auflage lieferbar

Frühlingstage in Paris Es ist Frühlingsanfang als Elliot Paul nach zehn Jahren wieder nach Paris kommt. Sein Ziel ist erneut die Rue de la Huchette, eine kurze, überfüllte Seitenstraße, die parallel zur Seine verläuft. »Frühlingstage in Paris« ist die Fortsetzung von seinem Bestseller »Das letzte Mal in Paris«. Es ist ein wortgewandter, zärtlicher und unterhaltsamer Bericht, in dem Paul aus der gleichen liebevollen Perspektive, mit seinem bekannten Humor und geistreicher Kühnheit berichtet. Der Zauber seines zweiten Paris-Buches entfaltet sich erneut in den lebhaften Porträts der Einwohner seiner Straße. Er lebt unter den Menschen in der kleinen Gasse, teilt ihre Nöte und Triumphe, streitet über Politik, nimmt an ihrem Alltag teil und beobachtet ihre Liebesabenteuer. Eine faszinierende Kombination von Roman, Essayband und literarischem Stadtführer, der einen ins Zentrum von Paris verführt.

www.maroverlag.de

978-3-87512-478-1 ca. 400 Seiten | Hardcover ca. 22,00 € (D) | 22,70 (A) aus dem Amerikanischen von Jürgen Schneider MaroVerlag Erscheint im Herbst 2017


34 :: Ausmalbild & Impressum

© Maxi Herzog

Impressum „Leipziger Lerche“ ISSN: 1430-0737

Anzeigen: David Barthelmann, Janka Diettrich, Annekatrin Franke,

Auflage:

3 000 Exemplare

Michael Kroschwald, Melody Schieck, Ronny Wenzel,

Herausgeber:

Hochschule für Technik, Wirtschaft und

Norman Zwanzig

Kultur Leipzig, Fakultät Medien,

Layout-Chefin: Lina Al Ghori

Studiengang Buchhandel/Verlagswirtschaft,

Layout: Janka Diettrich, Viktoria Gamagina, Niklas Gaube,

Karl-Liebknecht-Str. 145, 04277 Leipzig

Maxi Herzog, Jana Menke

Internet: www.fbm.htwk-leipzig.de

Fotograf Titelbild: © Florian Görner

www.leipzigerlerche.com

Model Titelbild:

Johanna Dunzendorfer

E-Mail:

lerche-online@htwk-leipzig.de

Make-Up Titelbild:

© Lou-Amelie Groth

V. i. S. d. P.:

Prof. Gunter Janssen

Editorial:

© Maxi Herzog, Frances Liebau

Chefredakteurin: Maxi Herzog

Titelbild Spezial:

© Anne Geßner

Redaktion:

David Barthelmann, Lara Beck, Janka Diettrich, Annekatrin Franke,

Reproduktion/Druck:

Anke Schlegel, Roger Troks,

Viktoria Gamagina, Niklas Gaube, Lina Al Ghori, Michael Kroschwald,

Hausdruckerei der HTWK,

Frances Liebau, Saskia Liske, Jana Menke, Melody Schieck,

Gustav-Freytag-Str. 40, 04277 Leipzig

Ronny Wenzel, Norman Zwanzig

Weiterverarbeitung:

IGT Colordruck GmbH,

Vertrieb:

David Barthelmann, Annekatrin Franke, Frances Liebau,

Mommsenstraße 2, 04329 Leipzig

Melody Schieck, Ronny Wenzel, Norman Zwanzig

Leipziger Lerche 47 | Herbst 2017


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Rubrik :: 1

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Leipziger Lerche 42 | Herbst 2013

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Leipziger Lerche 47  

Jetzt erhältlich: die neue LEIPZIGER LERCHE! Die 47. Ausgabe wirft einen morbiden Blick auf die Buchbranche & widmet sich "Genie, Tod und W...

Leipziger Lerche 47  

Jetzt erhältlich: die neue LEIPZIGER LERCHE! Die 47. Ausgabe wirft einen morbiden Blick auf die Buchbranche & widmet sich "Genie, Tod und W...

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