Page 1

Umbau


Die Natur als Modelliermasse für Tourismusmanager

Seit Mitte der 70er Jahre hat sich Alpinskifahren zu einer populären Sportart für die breite Masse entwickelt. In vielen Bergregionen wurde der Skitourismus zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor. Die Gäste geben Geld für Übernachtungen, Verpflegung, Skilifte, Skiausrüstung aus und schaffen dadurch Arbeitsplätze. In den Skiorten entstanden und entstehen daher nach wie vor Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen, Lifte, Pisten und Loipen. Dafür werden Zufahrtswege und Straßen gebaut, Parkplätze, Parkhäuser und Transportanlagen errichtet, Skipisten werden mit schwerem Gerät planiert. Steilem und felsigem Gelände werden sogar unter Einsatz von Sprengstoff sanfte Abfahrten abgetrotzt. In tiefer gelegenen Skigebieten fällt oft nicht genug Schnee, um den Gästen über die gesamte Saison zuverlässig befahrbare Pisten zu bieten. Sie werden daher mit Schneekanonen künstlich beschneit. Diese verbrauchen viel Energie,

verursachen Lärm und benötigten riesige Wassermengen, weshalb in Reichweite der Pisten eigene Wasserreservoirs angelegt werden müssen. Die Alpen sind von einer Wildnis zur Modelliermasse für Tourismus-Manager mutiert. Damit ein Alpendorf im Skiund Snowboardtourismus mithalten und seinen Gästen Sicherheit sowie Komfort bieten kann, wird der Berg verrohrt und verkabelt, planiert und modelliert, er wird zur Rohmasse, die von den Touristikern industriell geformt wird.


Skigebiebte im Sommer Die Verwandlung von Naturlandschaft in Kulturlandschaft


Fotografie Analog Sebastian Eder Fotografie Digital Valentin Reiter Gestaltung Lena Lichtenegger Texte Josef Sommer Druck Teleprint Bindung Teleprint Wien, Mai 2014


Ellmau

Itter

Brixen im Thale Hopfgarten im Brixental Hochfügen

Alpbach

Königsleiten Gerlos

Westendorf

Going am wilden Kaiser Kitzbühel Jochberg


Der größte Sport ist der Liftstützentransport. 27. August 2013, 17:42, Zillertaler Höhenstraße, 1750m Aufdruck eines Sattelschleppers


Um bau Relikte Nutzung Blick


Relikte


Trostlose Szenerie im Sommer

Wenn im Winter der Schnee die Hänge bedeckt, ist von den Eingriffen in die Natur kaum etwas zu bemerken. Erst im Sommer wird das Ausmaß der Schädigungen deutlich sichtbar. In einem typischen Skigebiet trennen oft nur ein paar Meter – beispielsweise getrennt durch eine Lifttrasse – die Welt in idyllisch und banal. Während sich auf der einen Seite ein Bergbach – gesäumt von sattgrünen Almwiesen – ins Tal schlängelt, befinden sich auf der anderen Seite die Pisten, karge Berhänge ohne Vegetation, an deren Rändern Pistenraupen parken und Schuttcontainer, Röhren sowie anderes Gerät lagert. Weiter hinten klafft ein künstlicher Wasserspeicher, meist größer als ein Schwimmbecken im Freibad, und als Draufgabe überragt ein überdimensioniertes Panoramarestaurant die trostlose Szenerie.

Dazu kommen die im Sommer üblichen Um- und Ausbauten in den Skigebieten: laute Bagger und Hubschrauber vertreiben die Wanderer aus ihrem Sommerurlaub. Doch das wird von den Touristikern in Kauf genommen, denn das Wintergeschäft rechnet sich ganz einfach besser. Die simple Kalkulation lautet: zwischen Dezember und April sind die Übernachtungspreise doppelt so hoch wie im Sommer.


Nutzung


Der alpine Tourismus zerstört, was die Touristen suchen

Die Alpen sind das am dichtesten erschlossene Berggebiet der Erde. Nur ein Viertel der insgesamt 220.000 Quadratkilometer ist dauerhaft bewohnbar – und dieses ist fast komplett besiedelt. 14 Millionen Einwohner empfangen mehr als 120 Millionen Gäste im Jahr, die rund 500 Millionen Nächtigungen generieren. 430.000 Kilometer Straßen, Wege und Schienen durchschneiden die Berge. Zwei Drittel der Urlauber reisen per Auto an. Am Ziel stehen ihnen 11.000 Seilbahnen und Sessellifte für 40.000 Kilometer Skipiste zur Verfügung. Mehr als die Hälfte der Pisten wird künstlich beschneit, Schneekanonen und Infrastruktur für einen Hektar kosten 136.000 Euro und verbrauchen pro Saison im Schnitt 13.000 Kilowattstunden Strom und 40.000 Liter Wasser. Nur 14 Prozent der Alpen sind geschützt, weniger als zehn Prozent der Flüsse sind noch naturnah. 100 der 400 endemischen Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Selbst 40

Prozent der Wälder, die als Lawinenschutz dienen, werden forstlich genutzt. Die Klimaerwärmung erledigt den Rest: die 1300 Alpen-Gletscher haben bereits 60 Prozent ihres Volumens verloren und schrumpfen jedes Jahr um zehn Meter. Permafrostböden tauen auf – die Ursache aller großen Erdrutsche der letzten Jahre. Die Hochwassergefahr im Frühjahr steigt. Bis 2050, sagt die UNO voraus, werden die Temperaturen um bis zu drei Grad steigen, die Schneegrenze 300 Meter höher liegen – das Aus für viele Skigebiete. Der Tourismus zerstört, was die Touristen suchen.


Blick


Mit enormem Energieeinsatz den Winter zurückkaufen

Die Errichtung der Infrastruktur für den Skitourismus beeinträchtigt nicht allein das Landschaftsbild sondern ist vor allem eine Bedrohung für viele Pflanzen- und Tierarten. Die Zerstörung der Boden- und Vegetationsdecke sowie die Beeinträchtigung der Schutzwaldfunktion durch Rohdungen stellen direkte Eingriffe in das Gebirgsökosystem dar. Funktionale Folgen sind unter anderem die Auslösung von Erosionen, die Veränderung von Bächen, intensivierte Lawinentätigkeit und Wildverbiss. Aber auch der Einsatz von Beschneiungsanlagen wirkt sich aufgrund des massiven Wassereinsatzes auf die Vegetation aus – weg von den angepassten Hochlagenarten, hin zur Allerweltsvegetation. Durch die Planierung der Pisten läuft das Wasser im Sommer viel schneller ab, die Gefahr von Murenabgängen und Bodenerosion steigt. Damit eine Schneekanone nicht einfriert, hat sie eine elektrische

Heizung, gleichzeitig ist das Wasser in den Speicherseen oft zu warm um Schnee daraus zu machen und muss daher aufwendig gekühlt werden. Im gesamten Alpenraum wird aufgrund der immer milder werdenden Winter bereits eine Fläche beschneit, die der Wasserfläche des Bodensees entspricht. Dabei kommt eine Wassermenge zum Einsatz, die höher ist als die Stadt München pro Jahr verbraucht, der Stromverbrauch liegt etwas über dem Jahresverbrauch der Stadt Nürnberg. Das alleine bringe zwar das Klima noch nicht um, versichern Umweltexperten: „Aber es ist schon sehr energierelevant und darüber hinaus ein fatales Signal, wenn man glaubt, mit einem solch großen Energieeinsatz den Winter zurückkaufen zu können.“


Die erkundeten Skiorte Alpbach, Ellmau, Gerlos, Hochfügen, Hopfgarten im Brixental, Westendorf, Kitzbühel, Itter, Brixen im Thale, Going am wilden Kaiser, Jochberg und Königsleiten, welche sich nahezu alle in Tirol befinden, leben fast ausschließlich vom Tourismus. Der überwiegende Teil des Umsatzes wird im Winter (Anfang Dezember bis Mitte April) erzielt. Im Sommer sind die Betriebe von Juni bis September geöffnet.


Skigebiete im Sommer Die Verwandlung von Naturlandschaft in Kulturlandschaft Diplomarbeit von Sebastian Eder, Lena Lichtenegger und Valentin Reiter

Š Valentin Reiter I Westendorf


Skigebiete im Sommer Die Verwandlung von Naturlandschaft in Kulturlandschaft Diplomarbeit von Sebastian Eder, Lena Lichtenegger und Valentin Reiter

Š Sebastian Eder I Westendorf


Skigebiete im Sommer Die Verwandlung von Naturlandschaft in Kulturlandschaft Diplomarbeit von Sebastian Eder, Lena Lichtenegger und Valentin Reiter

Š Valentin Reiter I Westendorf


Skigebiete im Sommer Die Verwandlung von Naturlandschaft in Kulturlandschaft Diplomarbeit von Sebastian Eder, Lena Lichtenegger und Valentin Reiter

© Sebastian Eder I Ellmau

Wir danken Josef Sommer, Richard Ferkl, Ulrich Eigner und Bettina Letz für die Unterstützung und Zusammenarbeit.


Layout Kern  
Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you