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Das Kino Razzia Ein Abspann Im Brennpunkt der ZĂźrcher Kulturgeschichte 1922 bis 2014

Scheidegger & Spiess


Das Kino Razzia Ein Abspann Im Brennpunkt der ZĂźrcher Kulturgeschichte 1922 bis 2014


Das Kino Razzia Ein Abspann Im Brennpunkt der ZĂźrcher Kulturgeschichte 1922 bis 2014 Herausgegeben von Urs Steiner

Scheidegger & Spiess


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Kultur, Kino, Kooperation Corine Mauch

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Profil durch Pomp Ein Kino im ehemaligen Garten einer Seefeld-Villa wird zum Brennpunkt der Zürcher Kulturgeschichte

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Alles drängt zum See Das Seefeld zwischen Verwahrlosung und Gentrifizierung

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Urs Steiner

Brigit Wehrli-Schindler

Pulp Fiction im Seefeld Erinnerungen von Jürg Judin, dem Gründer des Kinos Razzia in Zürich Jürg Judin

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Reinigen, Retuschieren, Rekonstruieren Restaurierung und Konservierung des Kinos Seefeld

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Artemis – Schutzgöttin des Kinos Ikonografie der Wand- und Decken­malereien im Kino Seefeld

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Urs Steiner

Carolina Morgan-Grap

Gerettet – was nun? Umnutzungen historischer Bauten im Seefeld Arthur Rüegg

Der Mut zur Lücke Happy Ending einer langen Leidensgeschichte: wie aus einer Problemliegenschaft eine Perle wurde Urs Steiner

Zarafa, die Liebliche Wie Hemmi Fayet Architekten das Razzia-Projekt vollendeten und das Atelier Zürich die Giraffe ins ehemalige Kino brachte Urs Steiner

Die Location entscheidet mit Ausblick auf die Zukunft der Filmstadt Zürich Michel Bodmer

Wellen im Seefeld Eine Annäherung in vier Bildern Nina Toepfer

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Chronik

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Epilog

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Bildnachweis


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Vorwort

Kultur, Kino, Kooperation Corine Mauch Stadtpräsidentin

Lange Jahre stach Tramfahrenden durchs Zürcher Seefeld Richtung Tiefenbrunnen auf der Höhe Feld­eggstrasse rechter Hand ein bunter Fleck ins Auge. Er schien so gar nicht zur gepflegten Umgebung zu passen. Wie ein Relikt aus einer vergangenen Epoche, eine Reminiszenz aus bewegten Momenten des Aufstands der Jugend gegen die bürgerliche Gesellschaft stand da ein aufgelassenes Gebäude. Der Eingang war mit Holzbrettern vernagelt, die von allerlei Schriftzügen und Tags zugesprayt waren. Seltsam mutete an, dass das Haus Jahr um Jahr unverrückbar dort stand, nicht wie so viele andere rundum vom mächtigen Sog der Erneuerung erfasst wurde. Vom «Schandfleck» fürs Quartier sprachen die einen, je länger der wundersam dem (Bagger-) Zahn der Zeit entzogene Zustand andauerte, andere erzählten mit Wehmut von besseren Tagen, die der lang gestreckte Bau mit den Rundbogenfenstern erlebt hatte. Ein solches Bild aus dieser besseren Zeit ist mir vom Seefeld-Kino Razzia in Erinnerung geblieben: Es datiert wohl um die Zeit der Eröffnung des Kinos unter diesem Namen, unter dem es bis heute bekannt ist, aus den späten Achtzigerjahren. Auf der Strasse drängen sich Kinogängerinnen und ­Kinogänger zu einer sommerlich locker gekleideten Schar – in weissen Shorts, weitem Hemd und barfuss die einen, in dunklem ­Sakko und mit Krawatte die anderen. Es ist ein Bild fröhlicher Gelassenheit: Hoch über der Gästeschar leuchtet ein Plakat der West Side Story im Fensterbogen, die Portale ­stehen weit offen und versprechen in der Dunkelheit dahinter Fantasiewelten, Reisen in andere Länder, Geschichten, Lebensentwürfe. All das ist Kino, ist Film. Nichts transportiert die Sehnsucht nach anderen, fernen Realitäten leichtfüssiger als bewegte Bilder. Jeder Film erzählt eine Geschichte – und nimmt die Zuschauerinnen und Zuschauer mit in eine andere Realität. Deshalb – so hat es der amtierende Schweizer Kultur­


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minister Alain Berset in seiner Eröffnungsrede zum Inter­ nationalen Filmfestival Fribourg 2014 umschrieben – sei die Botschaft jedes Films am Ende politisch. «Kino ist politisch», so Berset: «Mehr noch: Kino macht eigentlich fast ausschliesslich Politik.» Damit stehen wir wieder im Zürcher Seefeld, vor den Toren des Kinos Razzia, das 60 Jahre lang ein Kino war, um heute dank einer geglückten Kooperation von Pri­vaten mit der Politik eine andere Form des Kulturlebens zu beherbergen. Im Razzia machte nicht nur das Kino Politik, sondern auch die Politik Kino – oder vielmehr: Sie trug zum Überleben des Kinos entscheidend bei. Im Herbst 2006 hatte die heutige Besitzerin, die Leder­ mann Immobilien AG, die Liegenschaft des ehemaligen Kinos­ Razzia an der Seefeldstrasse 82 erworben. Im Kaufpaket war auch das benachbarte Eckgebäude, die Villa Mainau, enthalten. Beide Bauten befanden sich in desolatem Zustand, beide waren aber Mitte der Neunzigerjahre formell unter Denkmalschutz gestellt worden – was die Stadt damals eine ansehn­ liche Entschädigungssumme gekostet hatte. Die neue Eigentümerin jedoch erkannte rasch, dass sie bei einer Renovation den vollen denkmalpflegerischen Schutzumfang nicht würde einhalten können, ohne dass das Unterfangen, das seit 20 Jahren geschlossene Kino wieder für eine breite ­Öffentlichkeit herzurichten, wirtschaftlich fallieren musste. Private und öffentliche Interessen standen sich gegenüber – wie so oft im politischen Alltag. Sollte der denk­ mal­pflegerische Schutzumfang im hehren Bestreben, einen bau­li­chen Zeugen seiner Zeit zu erhalten, aufrechterhalten werden?­ Oder liess er sich zugunsten einer fachgerechten Wieder­her­ stellung des ehemaligen Kinosaals und seiner Öffnung für die Bevölkerung teilweise aufweichen? Es siegte der gesun-

de Pragmatismus – im besten Verständnis der Partnerschaft zwischen Privaten und der Politik. Die Villa Mainau wurde aus dem Denkmalschutz entlassen, damit sie abgebrochen und durch einen städtebaulich in die Nachbarschaft passenden Wohnneubau ersetzt werden konnte. Das Kinogebäude dagegen wurde saniert, die wertvollen Malereien des Innenraums restauriert und das ganze Ensemble wieder einer ­öffentlichen Nutzung zugeführt. Davon profitieren heute die Eigentümerin ebenso wie die Stadt und am meisten die Quartierbewohnerinnen und -bewohner. Das Seefeld hat wieder ein Razzia – und dass es nicht mehr ein Lichtspieltheater, sondern ein Gourmettreffpunkt ist, entspricht wohl dem Zeitgeist. Das Risiko, das die Stadt ebenso wie die Kinobesitzerin mit dem Umbau eingegangen sind, hat sich am Ende für beide Parteien ausgezahlt. Die Geschichte gibt dem Zürcher Literaturprofessor Peter von Matt recht, der in seinem Referat «Die Künstler und das Geld» (2008) die Forderung nach staatlichem Risikokapital für die Kultur und für die Wissenschaft aufgestellt hat. «Der Mäzen oder die mäzenatischen Stiftungen ermöglichen das Unbekannte, das Irritierende, das Ungewohnte», sagte von Matt. «So muss es auch der Staat halten. Vielleicht ist das Geld in den Sand gesetzt, vielleicht entsteht dadurch der ­Erfolg von übermorgen.» Im Fall des Razzia hat die Stadt mit ihrem risikofreudigen Entgegenkommen be­wiesen, dass Zürich eine Kulturstadt ist. In Sachen Baukultur genauso wie in den Angelegenheiten der Filmkultur.

Grossandrang vor dem neuen Off-Kino Razzia im Spätsommer 1986.


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um 1925


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1986


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Blindtext Der Sonnengott Helios zieht miWagen 1992


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Profil durch Pomp Ein Kino im ehemaligen Garten einer Seefeld-Villa wird zum Brennpunkt der Zürcher Kulturgeschichte Urs Steiner

Only in rare instances, if ever, does a Greek temple meet our modern requirements. On the other hand, a radical and conscious ­departure from tradition would not lead to the goal sought. An attempt to produce illusions is cont­rary to the spirit of architectural design in its serious aspect.1 Armand D. Carroll über Kinoarchitektur, 1930

Nicht einmal die britischen Royals erlassen ähnlich strenge Kleidervorschriften wie die Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Kameraleute, Fotografen und Journalisten haben sich in Smoking und Abendkleid zu werfen, um hinter der Abschrankung zum roten Teppich am Hollywood Boulevard den Aufmarsch der Stars mitverfolgen zu dürfen. Die Schönen und Berühmten selbst entsteigen grotesk langen Limousinen, bevor sie in Roben von Armani, Gucci, Dior oder Prada gehüllt zur Oscarverleihung schreiten. Der mit Platin, Gold, Diamanten bekrönte Anlass in Los Angeles soll nichts weniger als über die niedere Herkunft der siebten Kunst hinwegtäuschen. Nichts darf an die erbärmliche Kinderstube der Kinematografen erinnern – an die schummrigen Varietés, in denen Fakire, Feuerschlucker, zersägte Jungfrauen, Zwerge und tanzende Negerinnen das Volk belustigten. Das Kino sucht sein Profil im Pomp – selbst, nachdem die Unterscheidung von High und Low in der Kultur als ideologisches Vorurteil längst entlarvt ist.2 Als 1922 im Zürcher Quartier Riesbach das Kino Seefeld eröffnet wurde, gab es weder den spektakulären Glanz der Movie Industry noch den künstlerisch-intellektuellen Anspruch späterer Autorenfilmer. Lehrer und Pfarrer hatten ­wenige Jahre zuvor noch vor dem verderblichen «Kinofieber» der Schuljugend gewarnt und erreicht, dass Kinder ab 1909 in


Zürich das Kino nur noch in Begleitung Erwachsener und ab 1912 überhaupt nicht mehr besuchen durften.3 Ausserdem verboten die Stadtzürcher Polizeivorschriften vom 15. April 1909 «im Interesse der öffentlichen Sittlichkeit und der Jugenderziehung» das Abspielen «unsittlicher oder anstössiger Bilder».4 Doch weder moralische Bedenken noch technische Unzulänglichkeiten konnten den Aufschwung des Films aufhalten. Ein Lichtspieltheater ums andere wurde in Zürich eröffnet, das Kino Seefeld war bereits das zweiundzwanzigste.5

Kinoboom ab 1907 Die Geschichte des Kinos in Zürich hatte ein Vierteljahr­ hundert zuvor begonnen. 1897 ersuchte der Schausteller Philipp Leilich den Polizeivorstand, einen Kinematografen aufstellen zu dürfen. Weil gleichzeitig der Zirkus Schumann in der Stadt gastierte, wurde das Ansinnen abgelehnt. Erfolgreich war jedoch ein zweites Gesuch für die Einrichtung eines Lumière-Kinematografen auf der Rotwandwiese für die Zeit vom 29. Juni bis 4. Juli 1897. Eine weitere Eingabe für ein Gastspiel zwischen dem 27. August und dem 5. September bewil-

Cate Blanchett auf dem roten Teppich vor dem Dolby Theatre in Los Angeles anlässlich der ­Oscarverleihung am 2. März 2014. Im Hintergrund eine Kolonnade aus ionischen Säulen wie beim Zürcher Kino R ­ azzia.


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ligte die Polizei unter der Auflage, dass die Projektionen von Regel eine kurze Wochenkeinerlei Musik begleitet würden, nur an Wochentagen stattschau, gelegentlich zusamfänden und spätestens um 21 Uhr beendet wären. In der Folge men mit anderen dokumenta6 gastierten bis 1906 verschiedene Wanderkinos in Zürich. rischen Aufnahmen. Mit der Zur Jahrhundertwende wurde das Varietétheater ­Corso Zeit gruppierten sich die küreröffnet, wo praktisch von Beginn weg auch Filmvorführunzeren Nummern zusehends 7 gen mit einem American-Bioscope-Projektor liefen. Das erste um einen immer länger werfest eingerichtete, ausschliesslich Filmprojektionen vorbe­ denden Spielfilm. Beliebt wahaltene Schweizer Kino entstand allerdings nicht in Zürich, ren Western, Kriminal­filme, sondern 1906 in Genf. Ab 1907 setzte dann im ganzen Land ein Liebes-, Sitten- oder soziale eigentlicher Kinoboom ein: Von St. Gallen über ­Chiasso bis Dramen, historische Stoffe nach Zürich hagelte es nur so Eröffnungen.8 Am 28. März 1907 und Kriegsfilme.14 erhielt Jean Speck eine Bewilligung für ständige ­Kinovorführungen im Parterre des Hauses Waisenhausstrasse 10 in Zürich, wo später das Kino Die ersten Kinos in Zürich 13 ABC Einzug hielt. Sein Konkurrent Karl Anton 1900 Corso (Theaterstr. 10) ­Fischer trickste Speck jedoch aus und eröffnete 1907 Kinematographen-Theater (Löwenstr. 67) ­bereits am 16. März im Erdgeschoss des Hauses Speck’s Kinematographen-­Theater (Waisenhausstr. 10) ­Löwenstrasse 67 einen ständigen Kinematografen. Radium (Mühlegasse 5) Odeon (Limmatquai 82) Er übertrumpfte damit Speck, der sein Haus erst 9 am 12. April in Betrieb nahm. Im gleichen Jahr Elektrische Lichtbühne Central (später Capitol, Weinbergstr. 9) noch baute Fischer einen ehemaligen Pferdestall 1908 Kinematograph Zürcherhof (Sonnenquai 10, heute Limmatquai) Löwen Kinematograph (Rennweg 13, ab 1915 Eden) an der Mühlegasse in der Zürcher Altstadt zum Kino Radium um. Es war das dritte – das Corso ein1909 Kinematograph Wunderland (Militärstr. 111) 10 gerechnet sogar das vierte – Kino der Stadt. ­Sihlbrücke (Badenerstr. 9) 1910 Edison (Krummgasse) Lichtspieltheater galten im zeitgenössischen Verständnis als «demokratische Instituti1911 Apollo (Langstr. 6, bis 1914) 11 on» , zu der auch ärmere Schichten und das Volk Olympia (Pelikanstr. 1) vom Lande Zugang hatten. So war es nur folgerichElektrische Lichtbühne (Badenerstr. 18) tig, dass nach rund einem Dutzend Eröffnungen 1912 Colosseum (Welchogasse 6) im Stadtzentrum die zweite Welle von KinogrünPalast-Lichtspiele (später Palace, Neumühlequai 8) 12 dungen die Vorstädte erfasste. 1913 Orient (Waisenhausstr. 2) Waren die ersten Filmvorführungen reine Roland (Langstr. 111) Nummernprogram­me, so etablierten sich ab den Volkstheater (später Modern, heute Riffraff, ­Neugasse 57) 1910er-Jahren filmästhetische Konzepte und er1920 Bellevue (Limmatquai 1) 1922 Walche (Neumühlequai 26) zähltechnische Konventionen, die teilweise noch heute von Bedeutung sind. Gezeigt wurde in der Seefeld (Seefeldstr. 82)

Oben links und unten rechts: Programmzettel aus dem Kinematografen Radium um 1910.


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Vermutlich fand 1914 im Corso die erste Vorführung ­eines Tonfilms in der Schweiz statt, und zwar mit einem Edison-­Kinetophon.15 Im Juli 1914 beendete dann aber der Ausbruch des Ersten Weltkriegs den Kinoboom – vorläufig wenigstens, und nur auf den ersten Blick.

Propagandawerkzeug im Krieg Wie sich herausstellen sollte, behinderte der Krieg die Weiterentwicklung des Films und die Bedeutung des Mediums keineswegs – im Gegenteil: Parallel zum wachsenden Interesse des Publikums an bewegten Bildern

wurde der Film als Propagandainstrument entdeckt. So bemühte sich das Auswärtige Amt in Berlin erfolgreich darum, Einfluss auf das Zürcher Kinoprogramm zu nehmen. Der deutsche Adelige und Kunstkenner Harry Graf Kessler etablierte während des Kriegs eine Arbeitsstelle für Kulturpropaganda in der Schweiz, die der Kaiserlich Deutschen Gesandtschaft unterstand. Bis 1917 war Kessler durch Strohmänner und Tarnfirmen in den Besitz eines Zürcher Film­ verleihs und von elf Deutsch-

Oben: Das Kino Radium, eröffnet 1907 in ­einem ehe­maligen Pferdestall an der ­Mühlegasse in Zürich.


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schweizer Kinos gelangt, darunter das Roland, das Central, das Eden sowie das Radium in Zürich.16 Am 9. Mai 1917, mitten im Krieg, fand im Kino Orient die schweizerische Erstaufführung des deutschen Films Graf Dohna und seine Möwe statt – nur eine Woche nach der Uraufführung ­dieser gut einstündigen Propaganda­ doku­menta­tion am 2. Mai 1917 im Deutschen Opernhaus in Berlin.17 Der Film erzählte die Geschichte des deutschen Hilfskreuzers Möwe, der unter dem Kommando von Nikolaus Graf zu Dohna-Schlodien zahlreiche gegnerische Schiffe versenkte. Von heroischen Seeschlachten konnte dabei allerdings kaum die Rede sein, handelte es sich bei den «besiegten» Dampfern doch meist um britische Frachter.18 Die Geschehnisse wurden zwischen November 1916 und März 1917 auf der zweiten Feindfahrt des Kriegsschiffes vom Ersten Offizier, Kapitänleutnant Friedrich Wolf, in Bildern festgehalten. Trotz grossen Publikumserfolgs – schätzungsweise 13 000 Personen sahen den Film in der Schweiz19 – verfehlte das Machwerk seine propagandistische Wirkung. In einem Rundschreiben der Nachrichtenstelle Hamburg des Admiralsstabs der Marine vom 7. Juni 1917 20 beklagte sich Agent H 35 darüber, dass der «Möwe-Film» beim Schweizer Publikum und selbst in deutschfreundlichen Kreisen «nicht fördernd für Deutschland, sondern eher abstossend» wirke. – Eines aber zeigt die Episode: Das cineastische Wettrüsten hatte seinen Anfang genommen. Die Kinobesitzer hatten ihre Reihen schon kurz vorher geschlossen. Am 15. Februar 1915 fand die Gründungsversammlung des Verbands der Kinematographischen Interessenten der Schweiz (ab 1917 Schweizer Lichtspieltheater-Ver-

band) im Zürcher Restaurant Du Pont statt. Es ging darum, gegen «repressive Massnahmen ignoranter Amtsstellen» vorzugehen, die den Kinobesitzern «das Leben sauer» machten. Im September 1923 dann folgte die Gründung des Zürcher Lichtspieltheater-Verbands, dem zu Beginn die Kinos Bellevue, Orient, Palace, Speck, Lichtbühne, Central, Eden, Roland, Olympia, Sihlbrücke, Volkstheater und Radium angehörten. Die Verbandsmitglieder gaben bekannt, dass sie «künftighin nur noch von denjenigen Verleihern Programme abschliessen (sic!) werden, die dem Schweizerischen Verleiheverband (sic!) angehören»21. Das Filmkartell in der Schweiz war geboren – allerdings noch ohne das Cinema Seefeld, das ein knappes Jahr zuvor am damaligen Stadtrand in Riesbach eröffnet worden war.

Boom in Zürich-Süd Als eigene Gemeinde hatte sich Riesbach erst spät konstituiert, nämlich um 1830.22 Nach der Schleifung der Stadtmauern und Bollwerke wurde das Seefeld zwischen 1837 und 1840

Oben: Das Foyer des Kinos Orient an der Waisenhaus­strasse 2, erbaut 1913. Rechts: Eckhaus an der Seefeldstrasse 86, erbaut 1909. Anschliessend stadteinwärts das ebenfalls 1909 erstellte Wohnhaus mit der Hausnummer 84, ­dahinter das Kino Seefeld in einer Aufnahme aus dem Jahr 1927.


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durch ein Raster, gebildet aus der schnurgeraden, parallel zum Seeufer verlaufenden Seefeldstrasse und rechtwinklig abgehender Querstrassen, erschlossen.23 Seit 1893 gehört Riesbach mit seinen Quartieren Seefeld, Mühlebach und Weinegg zur Stadt. Zwischen 1880 und 1900 waren längs der Ausfallstrassen die bis heute typischen drei-, später fünfstöckigen Blockrandgebäude mit ihren Ladenlokalen im Parterre erstellt worden. In den Hinterhöfen befanden sich die Werkstätten von Gewerbetreibenden, die

mit ihren Familien in den Neubauten wohnten. Neben Hafnern und Schreinern hatten sich insbesondere Wagner und Karosseriebauer hier angesiedelt, was bis heute an verschiedenen grösseren Garagebetrieben ablesbar geblieben ist. Kurz vor der Eingemeindung durch die Stadt Zürich hatte in Riesbach ein Boom eingesetzt, der mit dem Aufschwung von Zürich-West und Zürich-Nord im 21. Jahrhundert vergleichbar ist. War Riesbach um 1800 mit rund 900 Personen praktisch unbewohnt, zählte es 1836 schon 2000 und im Jahr 1860 bereits 4575 Einwohner. 1892 lebten hier rund 14 000 Personen – knapp so viele wie heute. 1960 lag die Wohnbevölkerung zwischenzeitlich einmal bei über 25 000 Einwohnern, sie reduzierte sich aufgrund des gestiegenen Raumbedarfs dann aber auf die seit gut 20 Jahren stabile Zahl von rund 15 000. Im Jahr 2013 waren es laut Stadtentwicklung Zürich 15 444 Personen. In den besseren Lagen entlang des Seeufers und auf den Hügeln richtete sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Grossbürgertum in prachtvollen Villen mit grossem Umschwung ein.24 Gutbetuchte Zürcher entdeckten mit der Zeit aber auch urbanere Wohnformen in repräsentativen ­Palästen: Zwischen 1898 und 1900 bauten die Architekten Pfleghard & Haefeli an der Seefront das Utoschloss mit Marmortreppen, grossen Empfangsräumen, einem Aufzug und Wohnungen, die bis zu 700 Quadratmeter Grundfläche umfassten.25

Unter einem ungünstigen Stern 1892 übernahm der Bauunternehmer Anton Zadra die Villa Mainau an der Seefeldstrasse 80. Das Haus war 1847 von Conrad Brunner als frei stehendes ­Gebäude an der Kreuzung zur heutigen Mainau­ stras­se erstellt worden. Die Liegenschaft stand jedoch von Anfang an unter einem ungünstigen Stern: ­Bereits in den ersten 50 Jahren wechselte sie


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sechs Mal den Besitzer. Der Niedergang setzte sich 1878 fort, als der Wirt Caspar Honegger das Anwesen erwarb und im Erdgeschoss die Wirtschaft Zur Mainau eröffnete. Honegger fügte dem Haus ­einen Saalbau an und richtete eine Gartenwirtschaft ein. Seeseitig liess er eine Kegelbahn sowie einen­Stall mit Remise erstellen. Zadra stockte die bereits mehrfach umgebaute Immobilie um ein zusätzliches Vollgeschoss inklusive Balkon auf und quetschte eine weitere Etage­unter ein steiles Dach. Damit verwandelte er die ehemalige Villa in ein vorstädtisches Mehrfamilienhaus, wie sie in der mittelständisch geprägten Nachbarschaft inzwischen überall aus dem Boden schossen. Weil 1895 die Seefeldstrasse verbreitert wurde, ersetzte man den vorgelagerten Treppenaufgang durch eine doppelläufige Frei­ treppe.26 Gemäss Denkmalpflege der Stadt Zürich wurde 1948 die Baulinie um vier Meter versetzt, seither springen die Fassadenfluchten ab der Mainau­ strasse stadteinwärts zurück. Im Bereich des Kinos verengt sich der Strassenraum, sodass das Gebäude vor allem aus der Perspektive zur Wirkung kommt. – Die Baulinie sollte das Schicksal der Liegenschaft bis ins 21. Jahrhundert hinein bestimmen. 1914 gehörte die Mainau der Genossenschaft für Bauwerte, die den Architekten Wilhelm Pfister-Picault (1875–1948) mit einem Neuprojekt beauftragte. Er entwarf einen grandiosen Gebäudekomplex im neobarocken Stil, der drei Mehr­

familienhäuser, ein Restaurant sowie einen Kinematografen umfasste.27 Doch der Erste Weltkrieg bereitete den Plänen ein jähes Ende. Nach dem Krieg nahm Pfister-Picault das Projekt zwar wieder auf – aber in einer stark redimensionierten Version. Die Villa beziehungsweise die inzwischen zum Mehrfamilien-

Oben: Café Restaurant zur Mainau in einer Aufnah­ me zwischen 1878 und 1892, vor der Aufstockung um ein zusätzliches Vollgeschoss. Unten: Die aufgestockte Villa Mainau nach 1892. An der Stelle des späteren Kinematografen See­ feld befindet sich noch ein kleiner Anbau sowie eine Gartenwirtschaft.


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haus aufgestockte Mainau blieb dabei erhalten, abgerissen wurde nur der Saalbau. Aus heutiger Sicht bemerkenswert ist, dass am Kinematografen festgehalten wurde, für den PfisterPicault im ehemaligen Wirtschaftsgarten einen neuen Anbau realisierte. Das Lichtspieltheater schien dem Bauherrn lukrativer zu sein als Wohnungen oder ein Restaurant – es war ihm gar so wichtig, dass er zugunsten der Kinofassade den Balkon im ersten Obergeschoss des Wohnhauses geopfert hatte.

Ein weiterer Kompromiss Der Anbau des Cinemas Seefeld bedeutete einen weiteren Kompromiss in der wechselvollen Geschichte der Mainau. Schon an der Eröffnung am 18. Oktober 1922 war nämlich Wilhelm Pfister-Picaults griechisches Dekor, in das er die Kinokiste gekleidet hatte, reichlich démodé – ganz zu schweigen von der Innengestaltung, die der Dekorationsmaler Otto Ha-

Oben: Die Mainau mit Kino Seefeld, aufgenommen im Jahr 1927. Rechts: Wandbild von Paul Bodmer aus dem Jahr 1913 im Neubau der Universität Zürich des ­Architekten Karl Moser.

berer-Sinner (1866–1941) realisierte. Zwar hatte Pfister-Picault mit Haberer einen Star unter den Szenografen verpflichtet, ­einen Meister seines Fachs. Haberer machte sich seine Auf­ gabe auch nicht einfach, wie eine Analyse der ausgeklügelten Ikonografie seines Werks zeigt (siehe Kap. «Artemis – Schutzgöttin des Kinos»). Er versuchte, das junge Medium Film fugen­los in den 2000-jährigen Kulturkanon einzupassen, indem er Artemis, die griechische Göttin der Jagd, implizit zur Schutzpatronin des Kinos erhob. Damit vermied er es allerdings auch, das Publikum mit seinen Raumdekorationen auf eine Art zu verschrecken, wie das 1913 Paul Bodmer und andere Zürcher Künstler bei der Ausgestaltung des Universitätsgebäudes getan hatten.28 Sie widersetzten sich dem weitverbreiteten Konsens, wonach sich Dekorationsmalerei in den Dienst der Architektur zu stellen habe, und provozierten kurz vor Weihnachten 1913 – noch vor der Eröffnung des Universitätsgebäudes im Frühjahr 1914 – einen ausgewachsenen Kunstskandal. Zu viel Nuda Veritas, notabene nicht an die griechische Antike angelehnt, war da an den Wänden der Alma Mater zu sehen. Nicht allein das Nackte aber wurde als Provokation empfunden, sondern vor allem die Art und Weise, in der es gemalt war. Mit seinem flächigen Stil verweigerte sich Paul Bodmer der akademischen Aktdarstellung, der Zentralperspektive und dem Illusionismus. Und obwohl seine Stilisierung die Figuren entsexualisierte, hatte er wohl ein androgynes Ideal vor Augen, das von manchen Zeitgenossen als latente Homoerotik wahrgenommen wurde. Damit wies die Malerei bei all ihrer Zartheit und Introvertiertheit etwas Subversives auf. Das in der Eidgenossenschaft verbreitete Ideal eines harten, athletischen und wehrhaften Mannes wurde so unterwandert.29


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Der medial und politisch gehässig ausgetragene Streit mündete darin, dass zahlreiche Darstellungen im neuen Repräsentationsbau des damaligen Stararchitekten und ETHProfessors Karl Moser (1860–1936) übermalt werden mussten. Der Skandal fand vor dem Hintergrund eines seit der Jahrhundertwende schwelenden Konflikts zwischen Traditionalisten und den Modernisten der «Hodler-Schule» statt. Die Stimmung war so aufgeheizt, dass 1913 im Zürcher Kunsthaus sogar Brandanschläge auf Bilder von Max Buri (1868–1915) und Cuno Amiet (1868–1961) verübt wurden. Als Otto Haberer-Sinner knapp zehn Jahre später das Cinema Seefeld ausgestaltete, fiel er weit hinter diese bereits fast vergessene Kunstdebatte zurück – es lag ja auch ein Weltkrieg dazwischen. Haberers gegenständlich-figurative, nur leicht stilisierte Szenen waren nicht nur formal und stilistisch, sondern durch die Wahl klassischer Motive aus der griechischen Mythologie auch inhaltlich mehrheitsfähig. Im Kontext der damaligen zeitgenössischen Kunst jedoch mussten die Gemälde als überholt gegolten haben – Gebrauchskunst eben, die sich gerade noch für Hotelhallen oder Kinosäle eigne­te. Die künstlerische Avantgarde beschäftigte sich mittlerweile mit Abstraktion, Konstruktivismus, Kubismus sowie Expressionismus – und dies auch in Zürich: Otto van Rees (1884–1957) und Hans Arp (1886–1966), die beiden Mitbegründer der Dada-Bewegung, hatten schon 1915/16 für den Eingangsportikus einer Privatschule in Zürich Hottingen zwei grosse, abstrakte Wandbilder geschaffen. Auftraggeber war der Mäzen, Galerist und Publizist Han Coray (1880–1974)30, der Vater des später mit seinem Freilandstuhl für die Landesausstellung von 1939 bekannt gewordenen Designers Hans Coray. Ab 1916 sorgten die Dadaisten für so viel Getrommel in Zürich, dass deren Werke an einem wachen Kulturschaffenden wie Otto Haberer-Sinner kaum unbemerkt vorübergegangen sein konnten.31 Den künstlerischen Mainstream der Zeit vertraten indessen weniger die Avantgardisten der Dada-Bewegung als etwa ein Maler wie Karl Walser (1877–1943), der Bruder des

Karl Mosers Fassade des Kunsthauses Zürich von 1910 mit stilisierten griechischen Dekorations­ elementen.


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Dichters Robert Walser. Im zwischen 1917 und 1919 erbauten Amtshaus IV des Architekten Gustav Gull (1858–1942) schuf Walser ein Fresko mit dem Titel Öffentliche Kunst. Bei diesem Bild ging es letztlich wie im Kino Seefeld darum, das Zeitalter der Moderne in einen historischen Kontext einzubetten.32 Walser stellte zwei stark stilisierte Figuren dar, die sich in einer auf schlichte Kuben reduzierten, beinahe abstrakten Szenerie befinden. Damit hoben sie sich deutlich ab von den mimetischen Alle­go­ rien, die Haberer später im Cinema Seefeld, ins­ besondere im Deckenfresko, ausführte. Dass die Malereien Haberers trotzdem schüt­zenswert sind, hat mit seiner herausragenden­ Stellung als Dekorationsmaler der Belle Époque­ tun. Neben Kirchenräumen (Pauluskirche Bern, Kollegiumskirche Schwyz, Notre-Dame in Vevey) gestaltete er zahlreiche Schweizer Grand­­ho­tels, etwa in Bern die Hotels Bellevue und Schweizerhof, in Lausanne das Hotel Beau-Rivage, in Pontresina den Kronenhof und in Interlaken das VictoriaJungfrau. Im Urteil des Bundesgerichtes, das den Schutz des Kinos Seefeld 1992 letztinstanzlich verfügte, wurde festgehalten, dass das Haus als ­eines der gesamtschweizerisch letzten Zeugen aus der Zeit der Stummfilmzeit zu werten sei.

Die ignorierte Moderne Einen übertriebenen Vergangenheitsbezug und eine konservative Formensprache könnte man auch Pfister-Picaults historisierender Architektur vorhalten. Zwar waren die heute berühmten Ikonen des Neuen Bauens in Zürich wie die Werkbundsiedlung Neubühl (1929–1932) in Wollishofen, das ZettHaus mit dem Kino Roxy (1930–1932, heute Metropol) am Stauffacher oder die Doldertal-Häuser (1935/36) am Zürichberg noch nicht gebaut. Aber bereits 1910 hatte Karl Moser


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Anklän­ge an die griechische Baukunst an der Fassade seines Kunsthaus-Gebäudes puristisch-modern interpretiert. Wie Sta­nislaus von Moos gezeigt hat33, vergrösserte ­Moser beispielsweise stilisierte Met­open und Triglyphen am Kunsthaus ins Monumentale und entkoppelte so die skulpturale Zierform von ihrem architektonischen Zusammenhang. Reminiszenzen der dorischen Ordnung setzte er in miniaturisierter oder in frei nachempfundener Form als Versatzstücke in die Fassade ein. Pfister-Picault hingegen verliess sich noch zwölf Jahre später Das Bernhard-Theater typo­logisch voll und ganz auf den Die Esplanade war 1925 innert weniger Monate von Wilhelm Pfister-Picault, dem bewährten Historismus – obschon ­Architekten des Kinos Seefeld, zwischen dem Stadttheater (heute Opernhaus) und dem er mit dem frei stehenden Kinobau Utoquai errichtet worden. Das Gebäude umfasste neben einem grossen Saal ein die Chance gehabt hätte, für das ­Restaurant, einen Tearoom sowie eine Bar. 1941 eröffnete der 1901 in Basel geborene neue Medium Film eine eigenstänRudolf Bernhard in der Esplanade seine eigene Bühne. Im Laufe der folgenden Jahrzehndige Archi­tektursprache zu suchen. te machte sich das Bernhard-Theater einen national bekannten Namen als Haus für Stattdessen beschränkte er sich ­populäre Bühnenkunst. Hier trat regelmässig die erste Garde der Schweizer Volksschau­darauf, seinem Gebäude eine Kospieler auf. Nach Rudolf Bernhards Tod 1962 übernahmen die Brüder Grabowsky die lonnade aus ionischen Säulen vorSpielstätte, die sie nach dem Abriss der Esplanade 1983 im Neubau der Opernhaus-­ zublenden und den Wandflächen Erweiterung weiterführten. 1999 ging die Bernhard-Theater AG Konkurs, was zu einer dazwischen Blendarkaden einzujahrelangen Suche nach einer neuen tragfähigen Lösung führte. Heute vermietet schreiben, die abwechslungsweise das Opernhaus Zürich das Bernhard-Theater fallweise an verschiedene Veranstalter. drei Portale und zwei Vitrinen umrahmten. Pfister-­Picaults Hauptwerk, die 1925 erbaute (und 1983 abgebrochene) Esplanade nehmend verdichteten. So war am 17. Mai 1913 im Kunstgebeim Sechseläutenplatz wies mit seinem stilisierten Klassiziswerbemuseum Zürich der Schweizerische Werkbund (SWB) mus und grossen Fensterflächen bereits eine deutlich moderauf Initiative des Gestalters und Leiters der Kunstgewerbenere Formensprache auf. schule, Alfred Altherr (1875–1945), gegründet worden. In ­seiner Das Kino im Seefeld wurde in einer Ära erbaut, als sich Zeit als Dozent in Deutschland war Altherr dem 1907 gegründie Signale zum Aufbruch in Architektur und Gestaltung zudeten Deutschen Werkbund beigetreten und dessen Protago-

Oben: Die Esplanade, 1925 von Wilhelm PfisterPicault neben dem Stadttheater Zürich (heute Opernhaus) erbaut, in einer Aufnahme von Jakob Tuggener aus dem Jahr 1937.


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nisten Hermann Muthesius (1861–1927) und Peter Behrens (1868–1940) begegnet. Der SWB trug massgeblich dazu bei, die Öffentlichkeit von den Vorteilen maschineller Serienproduktion und der damit verbundenen neuen Formensprache zu überzeugen.34 1918 kuratierte Altherr die erste Schweizerische Werkbundausstellung auf dem Sechseläutenplatz in Zürich, in der u. a. Fragen des zeitgenössischen Wohnbaus erörtert wurden. Zu sehen waren 44 vollständig eingerichtete Räume und Gärten sowie eine grosse Plan- und Fotografieausstellung bestehender Bauten.35 Beinahe alles, was es zwischen Architektur und Zierstickerei zu entwerfen gab, war ausgestellt: schlichte Interieurs, aber auch ein inzwischen weltberühmtes Marionettentheater von Sophie Taeuber, der späteren Ehefrau von Hans Arp und Wegbereiterin der konstruktiven Kunst und modernen Textilgestaltung.36 Von solchen modernen Einflüssen ist im Werk des Duos Pfister-Picault und Haberer kaum etwas zu spüren – was vermutlich auch ihrem Auftrag entsprach. Vielmehr versuchten sie, ihr Schachtelkino in einer gewohnten, mehrheits­ fähigen Formensprache zu erden – als siebte Kunst nach

Oben: Die Esplanade am Utoquai Zürich im Jahr ihrer Erbauung 1925. Rechts: Erste Schweizerische Werkbundausstel­ lung auf dem Sechseläutenplatz in Zürich 1918.


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­ rchitektur, Skulptur, Malerei, Musik, Tanz und Lyrik. EntA sprechend orientierten sie sich am neobarocken Bau des ­Zürcher Stadttheaters, das die Wiener Architekten Fellner & Helmer 30 Jahre zuvor in Rekordzeit beim Bellevue-Platz hochgezogen hatten. Die Österreicher legten dem 1891 er­öffneten Gebäude den Entwurf für einen nicht realisierten Theaterneubau in Krakau zugrunde und recycelten dessen Pläne ­anschliessend in weitgehend identischer Form für das Hoftheater in Wiesbaden (1894) und für das Königlich Kroatische Landes- und Nationaltheater Zagreb (1895).37 Neben diesem monumentalen Kulturtempel «von der Stange» dienten Pfister-Picault und Haberer aber auch die klassizistischen Villen auf den Hügeln und an den Gestaden

Das 1912 eröffnete Kino Colosseum an der ­Welchogasse 6, heute Zürich Oerlikon.


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des Sees als Referenz. Das Kino sollte sich in seiner architektonischen Gestaltung einerseits den Sehgewohnheiten seines mittelständischen Publikums anpassen, anderseits die Sympathie der gehobenen Gesellschaft für die Kinematografie gewinnen.

Fehlende Vorbilder Referenzen für eine spezifische Kinoarchitektur waren 1922 kaum in Sicht. Ausser das 1912 erbaute Colosseum in Zürich Oerlikon, das in einem Hinterhof lag und somit über keine ­repräsentative Strassenfassade verfügte, waren Zürcher Kinosäle wie das Corso oder das Radium 1922 allesamt in Geschäfts- und Wohnhäuser integriert. Es sollte noch bis in die

Das Kino und Varietétheater Scala in La Chaux-deFonds aus dem Jahr 1916. Die Rückfassade (links) stammt von Le Corbusier, die Frontfassade (rechts) wird dem Architekten René Chapallaz ­zugeschrieben.

1990er-Jahre dauern, bis sich mit den Multiplexanlagen eine eigenständige Kinoarchitektur entwickelte. – Dass ausgerechnet Jürg Judin, zwischen 1986 und 1989 Hausherr des Cinema Seefeld und Razzia-Gründer, später den Durchbruch der ­Multiplexe beförderte, kann man als Augenzwinkern der Geschichte sehen. Eine bemerkenswerte Ausnahme ausserhalb Zürichs ist ein Kinobau von Charles-Édouard Jeanneret – später ­bekannt unter dem Pseudonym Le Corbusier. 1916 wurde der Architekt René Chapallaz mit der Projektierung des Kinos und Variététheaters Scala in La Chaux-de-Fonds beauftragt. Es gelang Jeanneret, Chapallaz den Auftrag abspenstig zu ­machen – doch damit nicht genug: Jeanneret soll bei seinem


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­ onkurrenten den grössten Teil seines K bereits ausgearbeiteten Entwurfs abgekupfert haben.38 Wie dem auch sei – im Zusammenhang mit dem Kino Seefeld ist vor allem von Bedeutung, dass mit dem Scala sechs Jahre zuvor ein vergleich­ barer Gebäudetypus errichtet wurde, dessen Konstruktion und formale Ausgestaltung weit fortschrittlicher waren als der Zürcher Neubau von 1922. Jeanneret liess den sieben Meter tiefen Zuschauerbalkon in Stahlbeton giessen und legte das Giebeldach auf eine Gewölbekonstruktion aus fünf laminierten Holz­bögen, mit denen er den ganzen Saal überspannte. Vom Innern des Kinos sind keine Fotografien erhalten, Jeannerets Aufrisspläne lassen jedoch auf eine schlichte Ausgestaltung schlies­sen. Zu seiner Zeit wurde das Gebäude jedenfalls als radikal bewundert: Die ­lokale Presse bezeichnete es wegen seiner abstrakten Formensprache sogar als «kubistisch».39 Von den beiden streng symmetrischen Stirnfassaden wird nur die Gestaltung der Rückseite zur Rue du Parc Jeanneret zugeschrieben. Auffällig an der Frontseite ist ein grosser, leicht eingeschnittener Halbkreisbogen unter dem Giebeldach, flankiert von je zwei Pilastern auf beiden Seiten. Die auf den Plänen eingezeichneten korinthischen Kapitelle wurden nicht ausgeführt. Nach unten sich verjüngende Säulen tragen die Giebel zweier seitlich angeordneter Portale. Dazwischen ist ein flaches Vordach aufgespannt, unter dem die Schaukästen mit den Kinoplakaten hängen. Die symmetrische Rückfassade wird dominiert von einer doppelläufigen

Projekt von Le Corbusier für ein Wohngebäude an der Kreuzung Dufour-/Hornbachstrasse im Zürcher Seefeld aus dem Jahr 1932. Die Ansichten und Grundrisse zeigen das angebaute Studiokino auf der rechten Seite.

Freitreppe, in deren Zentrum wie ein Teleskop die Projektionskabine herausragt. Neben diesen expressiv inszenierten Elementen wird die Fassade durch schlichte Pilaster ohne ­Kapitelle und zwei Portale (von denen dasjenige rechts blind ist) strukturiert. Sechzehn Jahre später projektierte Le Corbusier wenige hundert Meter vom Cinema Seefeld entfernt in Zürich ein weiteres Théâtre-Studio mit 370 Plätzen. Vorgesehen war es als ­Annex eines 100 Meter langen Mehrfamilienhauses an der

Das Roxy Theatre in New York, mit 5920 Sitz­ plätzen im Jahr 1925 grösstes Kino der Welt, ­erbaut vom Architekten Walter W. Ahlschlager.


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Kreuzung Dufour-/Hornbachstrasse. Das nicht realisierte Projekt von 1932 hätte neben 80 Appartements ein Restaurant, einen Sportraum sowie einen Swimmingpool auf dem Dach umfasst.40 Einzelne herausragende Beispiele für eine langsam sich entwickelnde Kino-Bautypologie findet man in europäischen Grossstädten, etwa das Gambetta von Henri Sauvage (1873–1932) in Paris aus dem Jahr 1920 oder das Universum von Erich Mendelsohn (1887– 1953) in Berlin, das allerdings erst 1928 erbaut wurde.41 Einzig in den USA ist bereits in den 1920er-Jahren eine eigentliche Kinoarchitektur entstanden, die allerdings stark vom Guckkastentheater des 19. Jahrhunderts geprägt war.42 Das Problem fehlender Vorbilder­ beschäftigte noch 1957 den Winterthurer Architekten und Künstler Max Bill, als er mit dem Cinévox in Neuhausen bei Schaffhausen ein Wohn- und Ge­ schäftshaus mit einem angegliederten Kinosaal realisierte – ein bis dato seltenes Beispiel für einen frei stehenden Kinosaal in der Schweiz. Bill löste die Aufgabe durch radikale Architektur«verweigerung» bei seinem Kinoanbau: Er dockte dem fünfgeschossigen Wohn- und Geschäftsgebäude im Hof eine rundum geschlossene, eternitverkleidete Box an, die er durch einen Sockelbau mit dem Foyer im kleinen Hochhaus verband.43 Mit dieser unprätentiösen, pragmatischen Haltung setzte der Künstlerarchitekt den Standard für eine minimalistische Architektur, die sich Jahre später in der gehobenen Schweizer Baukultur breit durchsetzen sollte.44 Mit dem Cinévox traf Bill den Zeitgeist der 1950er-Jahre auf den Punkt: So unterkühlt musste dannzumal ein Kino

sein! En vogue waren jetzt die Gute Form und der Nierentisch, bestimmt aber nicht mehr die klassizistische Szeno­grafie des Kinos im Seefeld, das noch für Stummfilmprojektionen mit Orchesterbegleitung gebaut worden war.

«Birth of the Cool» Und so wurde der Saal des Kinos Seefeld 1952 entschieden und radikal modernisiert. Die prachtvolle Belle-Époque-Dekoration schonte man dabei nicht – warum auch? Die Kapitelle aus Stuck wurden heruntergeschlagen, und man trieb bedenkenlos Löcher durch die gemalte Bühnendekoration, um Wandpaneele aus Gips sowie eine abgehängte, schwarzgrau gestreifte Decke zu befestigen. Die Innenausstattung von Otto


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Haberer-Sinner wurde als Kulisse ohne jeden künst­lerischen Wert behandelt. Ihre Ikonografie war aus Sicht der Zeitgenossen lächerlich geworden – sofern man sie überhaupt noch verstand. Längst musste sich der Film nicht mehr als Ausdrucksmittel der Kunst beweisen – Artemis und Helios hatten ausgedient. Das Medium stand in konkurrenzloser Blüte, auch vom Fernsehen ging noch keinerlei Bedrohung aus. Die erste öffentliche Demonstration von Fernsehsendungen hatte in der Schweiz zwar bereits 1939 anlässlich der Landesausstellung in Zürich stattgefunden, es dauerte aber noch bis 1953, dass die Schweizerische­ Rundfunkgesellschaft (SRG) einen Versuchsbetrieb an fünf Abenden pro Woche aufnahm – notabene vom Studio Bellerive im Zürcher Seefeld-

Das purifizierte Kino Seefeld von 1954.

Quartier aus, einen Steinwurf vom Cinema Seefeld entfernt. Neben dem Theater und der Literatur entwickelte sich der Film zur dominierenden künstlerischen Ausdrucksform der Nachkriegsgeneration in Europa. Filmschaffende wie François­ Truffaut, Claude Chabrol oder Jean-Luc Godard sassen in den Startlöchern, um das bereits ein halbes Jahrhundert alte Medium von Grund auf zu erneuern. Nicht nur der Soundtrack zur Nouvelle Vague, wie das aufstrebende europäische Autorenkino genannt wurde, stammte von Musikern wie Charlie Parker, Dizzy Gillespie oder Miles Davis45, sondern die ganze Epoche klang nach Hardbop und Cool Jazz. Nüchtern zeigte sich auch die bald als International Style bekannt gewordene Architektur: Das Farnsworth House von Ludwig Mies van der Rohe entstand zwischen 1945 und 1951, gleichzeitig wurden die Lake Shore Drive Apartments in Chicago hochgezogen. Und 1951/52 baute Gordon Bunshaft vom Architekturbüro Skidmore, Owings & Merrill (SOM) an der Park Avenue in New York mit dem Lever House einen stilbildenden Wolkenkratzer. Der neue Zeitgeist ging an der Limmatstadt nicht spurlos vorbei: In Zürich wurde – um nur ein paar wenige bekannte­ Beispiele zu nennen – zwischen 1951 und 1953 die Wohnüberbauung Hohenbühl von Max Ernst Hae­ feli und Werner Max Moser rea­ lisiert, Ernst Gisel schuf zwischen 1952 und 1954 das Atelier- und Wohnhaus Wuhrstrasse. Und ­Roman Clemens hatte bereits 1948/49 das Studio 4 gebaut – ein Kino, das auf Jahre hinaus eine gestalterische Referenz bleiben sollte.46


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Die Abwärtsspirale dreht w ­ eiter Mit dem Cinema Seefeld und der Mainau ging es jedoch trotz des Umbaus weiter bergab: Die Zimmer in der Villa Mainau waren in den unteren Etagen an leichte Mädchen vermietet. Um 1968 richtete sich eine Handsetzerei in einem Zwischenbau an der Mainaustrasse ein, der dafür um ein Geschoss aufgestockt wurde. 1973 gab sich das Kino ­einen zeitgemässeren Namen – es nannte sich in Anlehnung an den Standort im Stadtkreis 8 (und möglicherweise an das Studio 4) nun Kino 8. Schon 1975 ging die Handsetzerei Gloor in Konkurs, im Jahr

darauf übernahm ein Betrieb mit dem skurrilen Namen Schmatzkönig dessen Räumlichkeiten. Das Geschäft für «hochstehende Zwischenverpflegung» verkaufte Sandwiches, Kuchen und Säfte und entwickelte sich für kurze Zeit zu einem lebendigen Quartiertreffpunkt. Als auch dieser Laden 1980 geschlossen werden musste, übernahm das alternative Lokal­ radio (LoRa) die Räume – man könnte von der ­ersten in einer langen Reihe noch folgender Zwischennutzungen sprechen. Denn die Eigentümerin der Liegenschaft trug sich mit Plänen für einen Neubau und verzichtete auf weitere Investitionen in den bereits ziemlich heruntergekommenen Gebäudekomplex. In den Stock­ werken­ über dem LoRa richteten sich Nichtregierungsorga­ nisationen wie Greenpeace und WWF ein, die restlichen Räume wurden als billige Wohnungen oder Ate­liers genutzt.47 1982 wurde das ehe-

Oben links: 1968 aufgestockter Zwischenbau an der Mainaustrasse in einer Aufnahme von 1984.

Oben rechts: Die Mainau mit dem heruntergekom­ menen Kino 8 im Jahr 1984.

Unten links: Blick in die Räume der Handsetzerei Gloor 1968.

Unten rechts: Neues Logo für das Kino 8.


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malige Kino 8 in Eroskino 8 umgetauft – ein glatter Eu­ phemismus und ein weiteres Signal für den schleichenden Niedergang. Denn mit Erotik hatten die hier gezeigten Pornos herzlich wenig zu tun. Die Liegenschaft an der Seefeldstrasse 80/82 verlotterte zusehends, während draussen auf der Strasse die Drogenprostitution zu florieren begann. Ein Baugesuch für einen fünfstöckigen Neubau und eine Aushöhlung der Villa wurde 1983 abgelehnt, da ein Neubau um vier Meter auf die inzwischen zurückgeschobene Baulinie hätte versetzt werden müssen. Die Stadt Zürich bot jedoch Hand für einen Kompromiss: Das Bauprojekt wurde unter der Auflage bewilligt, dass die Fas­ sade des Kinos erhalten blieb. Gegen diese Baubewilligung wiederum rekurrierte u. a. die Zürcherische Vereinigung für Heimatschutz, was den Baubeginn weiter verzögerte. Die Perspektiven für die Besitzer der Immobilie verdüsterten sich weiter, als die neu gewählte Stadträtin Ursula Koch 1986 das

Verwaiste Kinokasse 18 Jahre nach der ­Schliessung des Razzia im Jahr 2007.

Bauamt II übernahm und das Kino Seefeld samt der Villa Mainau ins städtische Inventar der Denkmalschutzobjekte aufgenommen wurde.

Geschützt, aber noch nicht gerettet Nachdem das Eroskino nicht zuletzt wegen anhaltender ­Proteste im Quartier ausgezogen war, vor allem aber, weil inzwischen nur noch Softpornos gezeigt werden durften, übernahm die damals mächtige Jean-Frey AG das Kino 8 – allerdings ohne den Saal substanziell zu renovieren. Nachdem auch dieses Kinounternehmen keine Renaissance zustande brachte, versuchte ein branchenfremder Betreiber, den Saal unter dem Namen Hollywood als Spielstätte für Reprisen und Kinderfilme zu etablieren. Als auch dieser nach kurzer Zeit mit seinem Projekt erwartungsgemäss scheiterte, übernahm mit Jürg Judin 1986 ein weiterer Aussenseiter das marode Lichtspieltheater – und nannte es Razzia (siehe


1989 traten die reichen Dekorationen hinter den Wandpaneelen und unter der abgehängten Decke zum Vorschein.


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Kap. «Pulp Fiction im Seefeld»). Nach anfänglichen Schwierigkeiten verwandelte Judin das Kino mit Glück und Chuzpe innerhalb von wenigen Monaten in ein szeniges, lukratives Off-Kino. Er zeigte neben Dokumentarfilmen ein Programm, das sich durch eine kreative Auswahl von Werken profilierte, die man in Zürich sonst nirgends zu sehen bekam. Das Razzia spielte in seinen besten Tagen fast so viel ein wie das Nord-Süd und konnte mehr Eintritte ver­ buchen als das Ritz oder das Astoria. Publikum und Presse waren elektrisiert, das Lokal lag plötzlich im Trend – was den Besitzern der Liegenschaft offensichtlich zunehmend unangenehm wurde. Obwohl drei Jahre nach Eröffnung des Razzia nach wie vor keine Baufrei­gabe vorlag, zwangen sie Judin im April 1989, das Kino zu schliessen. Die Immobilienfirma rechnete jedoch nicht mit dem Witz und dem Kampfgeist des vertriebenen Kinobetreibers: Bevor er den Schlüssel abgab, lüftete Judin das Geheimnis um die verborgenen, längst vergessenen Dekorationen unter der Wand- und Deckenverkleidung. In der Folge wurde der Kinosaal teilweise freigelegt und das Razzia integral unter Denkmalschutz gestellt. Die Eigentümer bekämpften die Unterschutzstellung erfolglos durch alle Instanzen: Nachdem nicht weniger als fünf Bundesrichter das Kino Seefeld, das inzwischen unter dem ­Namen Razzia stadtbekannt war, in Augenschein genommen hatten, wurde es schliesslich 1992 letzt­ instanzlich unter Denkmalschutz gestellt. Was geschützt ist, ist jedoch längst nicht gerettet. 1994 ist das Razzia bereits seit fünf Jahren

Oben: Flyer für die erste illegale Party 1994 im stillgelegten Razzia. Rechts: Spuren jahrelanger wilder Zwischen­ nutzungen durch die Besetzer- und Partyszene.

leer gestanden und entwickelte sich zunehmend zu einem eigentlichen Schandfleck im Quartier. Die sozialdemokratische Gemeinderätin Johanna­Tremp regte deshalb in einer Petition an den Stadtpräsidenten Josef Estermann an, «dafür besorgt zu sein, das ehemalige Kino Razzia an der Seefeldstrasse 82 auf kostengünstige Art so instand zu setzen, dass der Saal wieder möglichst bald für kulturelle oder quartierbezogene Anlässe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann»48. Der Hilfeschrei aus dem Quartier verhallte im Stadthaus jedoch ungehört. Stattdessen entdeckte die Hausbesetzerszene den Charme des pittoresk vergammelten Kinos: Im Spätherbst 1994 fand in den Räumen eine erste illegale Party mit Konzert statt.49


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Versuche eines ­Neuanfangs Die Kinoruine faszinierte auch den ehemaligen Filmjournalisten Johannes Bösiger, der es sich zum Ziel setzte, das Razzia wiederzubeleben. 1996 lancierte er gemeinsam mit der Firma Zschokke ein erstes Vorprojekt für eine neue Nutzung. Als Zschokke jedoch nach kurzer Zeit wieder ausstieg, wurde das Projekt vorläufig nicht weiterverfolgt.50 Erst 2001 formierte Bösiger eine neue Initiantengruppe unter dem Namen Otto e mezzo – in Anspielung an Federico Fellinis gleichnamigen Film sowie den Zürcher Stadtkreis 8. Um sein Vorhaben des Um- und Ausbaus des Razzia in die schwarzen Zahlen zu bringen, wären allerdings sub­ stanzielle Investitionen in zweistelliger Millionenhöhe nötig gewesen. Das Projekt sah zwei Kino­säle, zwei Restaurants, ­einen Buchladen sowie Apartmentzimmer für Langzeitgäste vor.51 Zunächst schien es, als stünden die Chancen für Otto e mezzo nicht schlecht: Die Stadt war erfreut über die private Initiative, einzelne Investoren und kulturinteressierte Kreise zeigten sich ebenfalls interessiert, sodass im Juli 2003 eine Baubewilligung für das Projekt von Otto e mezzo erteilt wurde (siehe Kap. «Der Mut zur Lücke»).52

Im Jahr 2004 bröckelte die Fassade des Razzia so stark, dass die Passanten mit einer Abschrankung geschützt werden mussten.

Die Finanzierung des Vorhabens zog sich jedoch in die Länge – so sehr, dass 2004 die Fassade des Gebäudes zu bröckeln begann, weshalb notfallmässig eine Abschrankung angebracht werden musste.53 Derweil wurde das Otto-e-mezzoKonzept ständig modifiziert, um es tragbar zu machen: In ­einem ersten Schritt sollte das Kino für Zwischennutzungen offenstehen, beispielsweise für Bankette, Vorträge oder Konzerte. Im Februar 2005 versprach Johannes Bösiger, die Finanzierung bis im April zu sichern, Baubeginn sollte im Sommer desselben Jahres sein.54 Aber bereits an der Generalversammlung des Quartiervereins Riesbach im April 2005 musste Bösiger die Anwohner ein weiteres Mal vertrösten: Die Bauarbeiten würden in der zweiten Hälfte des Jahres beginnen, beteuerte er. Die Zeit drängte, denn das Kaufrecht der Otto e mezzo AG bei den Besitzern der Liegenschaft lief im Juli aus. Bis zu diesem Zeitpunkt gelang es Bösiger nicht, die benötigten 35 Millionen Franken für sein Immobilienprojekt aufzutreiben. In der Folge weigerte sich die Verkäuferin, den Kaufrechtsvertrag zu erneuern – für Otto e mezzo bedeutete der Entscheid das Aus. Die Erbengemeinschaft Gablinger als Besitzerin nahm das Heft anschliessend selbst in die Hand und gab in Zusammenarbeit mit dem Amt für Städtebau Zürich eine Studie beim Architekturbüro Zach + Zünd in Auftrag. Daraus gingen fünf Varianten hervor, von denen zwei vorsahen, die Villa ­Mainau abzubrechen.55 Als am 6. September 2006 über Otto e mezzo der Konkurs eröffnet wurde56, waren die hochfliegenden Kinoträume längst gestorben und die Eigentümerin entschlossen, ihre Liegenschaft anderweitig zu veräussern. Im Spätherbst schliesslich wurde bekannt, dass der Immobilien­ entwickler Urs Ledermann die Mainau und das Razzia übernommen hatte. Geschlagene 23 Jahre ist das Razzia praktisch ungenutzt leer gestanden, aber unsichtbar war es während dieser langen Zeit natürlich nicht gewesen. Die griechischen Säulen erzählten von den goldenen Zeiten der Belle Époque, die mit Graffiti versprayte und mit wilden Plakaten beklebte Wand


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e­ rinnerte an den traurigen Niedergang in den 1970er- und 1980er-Jahren und das Elend des Drogenstrichs im Quartier (siehe Kap. «Alles drängt zum See»). Nicht vergessen war aber auch die Hoffnung des Aufbruchs mit dem Razzia, dessen Name noch immer auf dem erloschenen Leuchtschild prangte. Und so steht das Kino Seefeld schliesslich als Fanal für den Aufbruch in der Vorstadt, den langsamen Niedergang sowie eine gelungene Wende zum begehrten Trendviertel: An der Geschichte des Razzia lässt sich ein knappes Jahrhundert Stadtentwicklung in Riesbach wie durch ein Vergrösserungsglas betrachten. Im Auftrag der neuen Besitzerin Ledermann Immobilien AG analysierte das Architekturbüro Moser Wegenstein die Baugeschichte und schlug im Jahr 2008 vor, den denkmalpflegerischen Schutz auf das Kinogebäude zu konzentrieren und die Mainau mit einem eigenständigen Neubau in die bestehende Hofrandbebauung einzugliedern. Die Stadt Zürich stimmte dem Kompromiss zu, die Mainau aus dem Inventar der schützenswerten Bauten zu entlassen – unter der Bedingung, dass der Kinosaal integral renoviert und anschliessend einer öffentlichen Nutzung zugeführt werde.57 So konnte einer der letzten noch erhaltenen Kinozweckbauten aus der Zeit des Stummfilms erhalten werden – mit all seinen konstruktiven und architektonischen Elementen wie der Projektionskabine mit separatem Zugang, der Leinwandnische und der Dachkonstruktion. Der gordische Knoten war endlich durchschlagen. Bis das schliesslich zu realisierende Projekt erarbeitet war, stellte der neue Hausherr Urs Ledermann die Liegenschaft für verschiedene temporäre Anlässe zur Verfügung: Während der Fussballeuropameisterschaft 2008 beispiels­ weise richtete die Firma eventagentur.ch im Saal ein Public Viewing des sportlichen Grossanlasses ein. In einem provisorischen Barbetrieb mit Lounge konnten jeweils rund 200 Personen die Spiele bei freiem Eintritt auf einer 15 Quadratmeter grossen Leinwand verfolgen. Ab Oktober 2008 mietete die Eventagentur das Razzia fest drei Jahre und nutzte es als

­ ultur- und Veranstaltungslokal (siehe Kap. «Der Mut zur K ­Lücke»). Die stimmungsvolle Location passte auch gut zum Zurich Film Festival, das seit 2005 unweit des Razzia rund um den Sechseläutenplatz stattfindet. In den Jahren 2009 und 2010 präsentierte das Festival im alten Kino jeweils an mehreren Abenden kurze Digitalfilme von jungen Schweizer Künstlern im Rahmen der Veranstaltungsreihe Onedotzero. Gezeigt wurden Beiträge von Motion Design über Kurzfilm und Musikvideos bis hin zu Werbespots. Das Cinema Seefeld, einst ein Ort für Stummfilme mit Orchesterbegleitung, wurde so schliesslich Schauplatz des elektronischen Avantgarde-Films. – Daneben diente das Kino während des Filmfestivals als Party-Location für die Glamourbranche. Stretchlimos aus Hollywood sah man zwar keine, wohl aber einige Prominenz aus der nationalen und internationalen Filmszene. Jungfrauen allerdings wurden dem Vernehmen nach keine zersägt.

1 Carroll, Armand D. The Design Of The Modern Theatre. In: American Theatre of Today, Vol. 2, edited by Randolph Williams Sexton, New York 1930, Reprint 1977. 2 Vgl. dazu: Von Moos, Stanislaus. Nicht Disneyland. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2004. 3 Vgl. Präsidialdepartement der Stadt Zürich. Kinofieber: 100 Jahre Zürcher Kinogeschichte – Stadt Zürich. Beitrag zum Schweizerischen ­Archivtag, 17.11.2007. www.stadt-zuerich.ch. 4 Uhlmann, Matthias. In: NZZ, 29.1.2013. 5 Vgl. Bignens, Christoph. Kinos – Architektur als Marketing. Kino als massenkulturelle Institution, Themen der Kinoarchitektur, Zürcher Kinos 1900–1963. Verlag Hans Rohr, Zürich 1988, S. 113. 6 Vgl. Willner, Hans. Vom Kino in Zürich. Festschrift. 50 Jahre Zürcher Lichtspieltheaterverband ZLV, Zürich 1974, S. 4. 7 Vgl. Bignens, Christoph (1988), S. 103. 8 Vgl. Gerber, Adrian. Das Kino während des Ersten Weltkriegs und die Ambivalenzen der Filmpropaganda. In: Erika Hebeisen, Peter Niederhäuser, Regula Schmid (Hrsg.). Kriegs- und Krisenzeit. Zürich während des ­Ersten Weltkriegs. Chronos Verlag, Zürich 2014, S. 147. 9 Vgl. Willner, Hans (1974), S. 6. 10 Vgl. ebd., S. 6; vgl. Bignens, Christoph (1988), S. 107. 11 Sexton, Randolph Williams: American Theatres of Today. Architectural Book Publishing Co., Inc., New York 1927, Reprint 1977. 12 Vgl. Bignens, Christoph (1988), S. 103ff. 13 Vgl. ebd., S. 102ff.


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14 Vgl. Gerber, Adrian (2014), S. 147f. 15 Vgl. Bignens, Christoph (1988), S. 103. 16 Vgl. Gerber, Adrian (2014), S. 151. 17 Vgl. Jung, Uli; Mühl-Benninghaus, Wolfgang. Grenzen deutscher Filmpropaganda im In- und Ausland. In: Uli Jung, Martin Loiperdinger (Hrsg.). Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland, Bd. 1: Kaiserreich 1895–1918, Stuttgart 2005, S. 454–467. Zit. nach: Gerber, Adrian (2014), S. 150, 157. 18 Vgl. Halpern, Paul G. A Naval History of World War I, 3. Aufl., London 2010, S. 291ff. Zit. nach: Gerber, Adrian (2014), S. 150, 157. 19 Vgl. Gerber, Adrian (2014), S. 151. 20 Rundschreiben der Nachrichtenstelle Hamburg des Admiralsstabs der Marine, Hamburg 7.6.1917; BAR, R 901, 71948. Zit. nach: Gerber, Adrian (2014), S. 152, 157. 21 Willner, Hans (1974), S. 11. 22 Vgl. Hochbaudepartement der Stadt Zürich, Amt für Städtebau (Hrsg.). Baukultur in Zürich. Hirslanden Riesbach. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2009, S. 57f. 23 Vgl. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hrsg.). Inventar der neueren Schweizer Architektur (INSA) 1850–1920, Winterthur, Zürich, Zug, Bd. 10, Bern 1992, S. 282. 24 Brunner, Stephan. Kino Seefeld und Villa zur Mainau. Diplomwahlfacharbeit Departement Architektur, Institut für Denkmalpflege. ETH Zürich, Zürich 2003, S. 11. 25 Vgl. Hochbaudepartement der Stadt Zürich (2009), S. 66. 26 Vgl. Brunner, Stephan (2003), S. 15ff. 27 Vgl. Jung, Andreas. Stadt und Land, Novationen und Novations­austausch am Zürichsee, Jahrbuch für Hausforschung, Bd. 45, Jonas Verlag. Zit. nach: Brunner, Stephan (2003), S. 15, 55. 28 Vgl. Vogel, Matthias. Idylliker als Skandalkünstler. Die Wand­bilder von Paul Bodmer und Hermann Huber für das neue Universitätsgebäude. In: Kunst – Bau – Zeit 1914–2014. Das Zürcher Universitätsgebäude von Karl ­Moser. Stanislaus von Moos, Sonja Hildebrand (Hrsg.). Verlag ­Scheidegger & Spiess, ­Zürich 2014. 29 Vgl. Meier, Philipp. In: NZZ, 16.4.2014. 30 Vgl. Koella, Rudolf. In: NZZ, 11.1.1999. Siehe auch: Dada in ­Zürich. Hans Bolliger, Guido Magnaguagno, Raymund Meyer. Kunsthaus Zürich. ­Arche Verlag AG, ­Raabe + Vitali, Zürich 1985, S. 37ff. 31 Vgl. Bolliger, Hans et al. (1985). 32 Vgl. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (Hrsg.). ­Inventar der neueren Schweizer ­Architektur (INSA) 1850–1920, W ­ interthur, Zürich, Zug, Bd. 10, Bern 1992, S. 271. 33 Vgl. NZZ, 17.4.2010.

34 Vgl. Bignens, Christoph. Befreites Wohnen. 100 Jahre Schweizerischer Werkbund. In: NZZ, 17.5.2013. 35 Vgl. Gnägi, Thomas; Nicolai, Bernd; Wohlwend Piai, Jasmine (Hrsg.). ­Gestaltung Werk Gesellschaft. 100 Jahre Schweizerischer Werkbund SWB. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2013, S. 128ff. 36 Vgl. Inventar der neueren Schweizer Architektur (INSA) 1850–1920, ­Winterthur, Zürich, Zug, Bd. 10, S. 208. 37 Vgl. Fellner & Helmer. Sammelwerk der ausgeführten Bauten und Projekte in den Jahren 1870/1914, Wien 1914. 38 Brooks, H. Allen. Le Corbusier’s Formative Years. Charles-Edouard ­Jeanneret at La Chaux-de-Fonds. The University of Chicago Press, Chicago and London 1997, S. 414ff. 39 Vgl. Gans, Deborah. The Le Corbusier Guide. Princeton Architectural Press, New York 2000, S. 150f. 40 Vgl. Boesiger, Willy: Le Corbusier et Pierre Jeanneret, Œuvre complete de 1929–1934, Indroduction et textes par Le Corbusier. Editions H. Girs­ berger, Zurich 1935. 41 Vgl. Bignens, Christoph (1988), S. 28. 42 Vgl. Sexton, Randolph Williams (1977). 43 Vgl. Frei, Hans. Konkrete Architektur? Über Max Bill als Architekt. Verlag Lars Müller, Baden 1991. S. 240ff. 44 Vgl. Frei, Hans. In: Minimal Tradition. Max Bill und die «einfache» Architektur 1942–1996. Bundesamt für Kultur (Hrsg.). Verlag Lars Müller, Baden 1996, S. 77f. 45 Z. B. Ascenseur pour l’échafaud (1958) von Louis Malle (Regie)­mit Jeanne Moreau in der Hauptrolle. 46 Vgl. Hochbaudepartement der Stadt Zürich, Amt für Hochbauten, Silvio Schmed, Arthur Rüegg (Hrsg.). Kino Studio 4 – Filmpodium. Erneuerung und Erweiterung. Die Erneuerung des ein­maligen Kinoraums von 1948. gta Verlag, ETH Zürich, Zürich 2004. 47 Vgl. Brunner, Stephan (2003), S. 16. 48 Petition der Sozialdemokratischen ­Partei Zürich 8 vom 18.1.1994. Siehe auch Beitrag «Pulp Fiction im Seefeld» in diesem Buch. 49 Vgl. Brunner, Stephan (2003), S. 17; NZZ, 25.11.1994. 50 Vgl. Brunner, Stephan (2003), S. 17. 51 Vgl. NZZ, 10.4.2002. 52 Vgl. NZZ, 15.2.2003. 53 Vgl. NZZ, 4.3.2004. 54 Vgl. NZZ, 5.2.2005. 55 Vgl. NZZ, 6.4.2005. 56 Vgl. NZZ, 11.10.2006. 57 Vgl. NZZ, 21.11.2008.

Die Filmszene entdeckt das alte Kino als Location mit Charme: Flyer für ein Spezialprogramm des ­Zurich Film Festivals im Razzia.


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Alles drängt zum See Das Seefeld zwischen Verwahrlosung und Gentrifizierung Brigit Wehrli-Schindler

Das Seefeld – oder Riesbach, wie der Stadtkreis 8 mit seinen ­Quartieren Seefeld, Mühlebach und Weinegg auch genannt wird – hat zwar kein eigenes Kino mehr, gilt aber heute als eines der hippsten und nach­gefragtesten Stadtviertel von Zürich.

Das Quartier heute

In Befragungen nach den Wohnstandortpräferenzen in der Stadt Zürich steht der Kreis 8 stets an der Spitze. Dies führte in den letzten Jahren zu einem Nachfrageüberhang, der die Preise steigen liess. Auf den Markt kommen heute nur noch einzelne wenige Objekte, meist zu einem übersteigerten Preis. Günstigere Wohnungen werden innerhalb kürzester Zeit unter der Hand vergeben. Der Wohnraum im Trendquartier lässt sich kaum mehr vermehren. Das Quartier umfasst heute wie schon vor zehn Jahren knapp 10 000 Wohnungen. Zwischen 1990 und 2001 gab es immerhin einen Zuwachs von rund 1500 Wohneinheiten. Dennoch leben gegenwärtig – als Folge des gestiegenen Wohnraumverbrauchs­ – fast gleich viele Personen im Seefeld. Auch wenn mittlerweile weitere Innenstadtquartiere in Zürich einen ähnlichen Trendstatus erreicht haben, die Knappheit bleibt bestehen. Bestimmt ist es die Nähe zum See, welche die Wohnungen noch begehrter macht als jene etwa im Kreis 5. Als Folge davon ist es im Quartier zu einem Gentrifizierungsprozess, einem zunehmenden Zuzug einer wohlhabenderen Wohnbevölkerung, gekommen. Diese Entwicklung macht es für die Vermieter interessant, ihre Altbauten zu sanie­ren oder zu ersetzen. Bei einer Sanierung kann den Mietern gekündigt werden, und die sanierten Wohnungen lassen sich anschliessend teurer vermieten. Zwar werden Erneuerungen oft lange hinaus­geschoben, bis es schliesslich zur ­Totalsanierung kommen muss. Gibt es in einem Quartier gleichzeitig zu viele solche Sanierungen, sind die Folgen spür-

Das Zürcher Seefeld im Jahr 1978: 1960 lebten hier mehr als 25 000 Menschen, 1980 nur noch 17 700.


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bar, indem die ansässige Bewohnerschaft durch eine neue, jüngere und finanzkräftigere ­Bevölkerung ersetzt wird. Diese Art von Quartierentwicklung hat in Zürich einen Namen bekommen: «Seefeldisierung». Sie ist die zürcherische Ausprägung der Gentrifizierung, welche in vielen beliebten Quartieren von Kernstädten zu beobachten ist. Besonders markant sind Gentrifizierungsprozesse in amerikanischen Städten wie New York, wo sie im Gegensatz zur Schweiz weniger durch das Mietrecht gebremst werden. 2011 tauchte der Begriff der Seefeldisierung erstmals auf. Er wurde durch den Quartierverein (QV) Riesbach geprägt, der sich seit Jahren für preisgünstiges Wohnen im Quartier engagiert. Das Seefeld wurde damit zum Ort der Begehrlichkeit und zum Symbol der Immobilienspekulation schlechthin. Der QV Riesbach ist einer der aktivsten in Zürich und engagiert sich bereits seit den 1970er-Jahren für ein wohnliches Quartier. Nur die Probleme, die es zu bekämpfen gilt, haben sich mit der Zeit verändert.

«Entdichtung» Im Kreis 8 leben heute in rund 10 000 Wohnungen 15 800 Personen. 1960 waren es mehr als 25 000, 1980 aber bereits nur noch 17 700, und bis 1990 reduzierte sich die Zahl auf 16 400 Einwohnerinnen und Einwohner (Zahlen gerundet). In 30 Jahren verkleinerte sich die Quartierbevölkerung also um über einen Drittel. Obwohl die Stadt als Ganzes in den letzten Jahren gewachsen ist und bereits wieder eine Wohnbevölkerung von 400 000 Personen aufweist, und obwohl zusätzliche Wohnungen im Quartier entstanden sind, schrumpfte sie im Kreis 8 leicht und verharrt heute auf diesem Niveau. Statistik Stadt Zürich prognos­tiziert auch für die nächsten Jahre weiterhin eine Stagna­tion.

Was sagen uns diese Zahlen? – Sie zeigen, dass sich das Seefeldquartier nicht erst in den letzten Jahren verändert hat, sondern sich bereits seit den 1970er-Jahren in einem Transformationsprozess befindet. Trotz Citydruck und der damit verbundenen Umwandlung von Wohnraum zu Büros wurden immer wieder neue Wohnungen gebaut. Gleichzeitig verringerte sich die Haushaltgrösse, und der Wohlstand der Bevölkerung nahm zu. Dies führte zu einer eigentlichen «Entdichtung» der Wohnbevölkerung. Lebten im Jahr 1995 in Zürich noch durchschnittlich 1,8 Personen in einer Wohnung, so sind es 2012 nur mehr 1,5. Man würde denken, dass im Kreis 8, vor allem in den Quartieren Seefeld und Mühlebach, heute vor allem Kleinhaushalte ohne Kinder, sogenannte Dinks (Double Income, no Kids), in typisch urbanen Haushalten lebten. Dieser Annahme widerspricht die Zunahme der Schülerzahlen. Die Zahl der Pri­marschülerinnen und -schüler in Riesbach hat erstaunlicherweise ge­genüber den 1990er-Jahren deutlich zugenommen. Wohnungsmarkt Kreis 8, eine von Stadtentwicklung ­Zürich 2011 in Auftrag gegebene Studie, weist zudem anhand einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung nach, dass die Renovationen und Sa­nierungen oft zu neuem familientaug­ lichen Wohnraum geführt haben, in den viele Familien eingezogen sind.

Oben: Anschluss des Seefeldquartiers an die Agglomeration: Baustelle des neuen S-Bahnhofs Stadelhofen im Januar 1985.

Rechts: In den 1970er-Jahren dominierte die Angst vor zu schneller Entwicklung: Anzeige für die ­später ­abgelehnte U-Bahn-Vorlage in der NZZ vom 18. Mai 1973.


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Im Seefeldquartier wohnen gegenüber den 1990er-Jahren heute vermehrt jüngere Singles und Familien, mit einem etwa gleichbleibend hohen Anteil an Ausländern. Nur die Her­kunftsländer der Zugezogenen haben sich verschoben. Waren es früher Migrantinnen und Migranten aus Süd- und Südosteuropa, sind es heute vorwiegend Menschen aus Deutschland und angelsäch­sischen Ländern. Insofern widerspiegelt das Seefeld die ­generelle Entwicklung der Stadt Zürich in den letzten 20 Jahren.

Die neue Liebe zur Stadt Die Ursachen der starken Nachfrage nach Wohnraum im Seefeld und in anderen Cityrandquartieren sind im Zusammenhang mit der gesamten Stadt zu sehen. Die in den 1990er-Jahren als Antwort auf die damalige Krise der Kernstädte lancierten schweizweiten Aufwertungsmassnahmen­ zur Stärkung der ­Lebensqualität haben ihre (durchaus ­erwünschte) Wir-

kung entfaltet. Allgemein, aber insbesondere in Zürich: Aus der hochverschuldeten sogenannten ­A-Stadt der 1990er-Jahre, von der man sagte, es lebten in ihr nur noch Alte, Arme, Arbeitslose, Ausländer und Abhängige, ist bereits 2002 gemäss internationalem Städte­ranking von Mercer die Stadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität geworden. Zürich präsentiert sich heute neben vielem anderen auch als attraktive Wohnstadt: Der Verkehr ist weitgehend beruhigt, die ÖV-­ Verbindungen exzellent, der öffentliche Raum aufgewertet, die kulturellen und gastronomischen Angebote riesig, die Versorgung mit Dienstleistungen wie Kinderbetreuungsstätten weit besser als im Umland. Es ist Zürich­gelungen, eine neue, wohnverträg­liche Urbanität entstehen zu lassen, die gerade in den in­ner­städtischen Altbauquartieren wie dem Seefeld mit seiner ­hohen Interaktionsdichte und den kurzen Wegen besonders attraktiv erscheint. Dies führte zu einer neuen Begeisterung für einen urbanen Lebensstil. Seit der Jahrtausend-


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wende etwa hat sich die Ablehnung der Stadt und die Stadtflucht bei vielen in eine neue Liebe zur Metropole gewandelt. Quartiere im Stil der europäischen Stadt des 19. Jahrhunderts, wie das Seefeld eines ist, sind zum gesuchten Wohnumfeld für eine jüngere, gut ausgebildete und relativ zahlungskräftige Bevölkerungsschicht geworden. Als ein Hauptgrund für den Nachfrageüberhang beziehungsweise die Wohnungsknappheit in der Stadt wird die Zuwanderung aus dem Ausland angeführt. Doch die Migration in den Grossraum Zürich gibt es schon länger. Sie führte nicht erst in den letzten Jahren, sondern seit den 1980er-Jahren zu einem stetigen Bevölkerungswachstum im Kanton Zürich. Diesem Wachstum stand aber bis Mitte der 1990er-Jahre ein Bevölkerungsverlust der Kernstadt gegenüber. In den 1980erund frühen 1990er-Jahren hiessen die Stichworte «Stadtflucht» und «Suburbanisierung». In den boomenden 1980er-Jahren verliess der Mittelstand, vor allem jener mit Kindern, die Stadt oder zog ins Umland. In der Folge schrumpfte die Bevölkerung­ bis auf rund 356 000 Einwohner (1989), bei einem wachsenden Anteil von bildungsfernen Ausländerinnen und Ausländern. Auch das Seefeld blieb von diesem Prozess nicht verschont. Eine Rückblende in die Geschichte des Seefeldquartiers seit den 1970er-Jahren zeigt beispielhaft, was die Gründe dafür waren.

Es begann in den 1970er-Jahren Um die Entwicklung bis heute zu verstehen, hilft ein Blick zurück. Er zeigt, dass die Transformation des Seefeldquartiers in den 1970er-Jahren ihren Anfang genommen hat. «Das Seefeld ist wirklich kein ruhiges Wohnquartier mehr». So lautete der Titel eines Berichts in der NZZ über die Generalversammlung 1973 des QV Riesbach. Im Text heisst es: «Die ­Bewohner dort draussen sind nachgerade aufgescheucht von Abbruchdrohungen, Umbauvorhaben und Umwandlungen von Wohnraum in Büroflächen. Niemand – so scheint es vielen – ist mehr sicher vor Kündigungen.» Der letzte Satz könnte auch aus der heutigen Zeit stammen. Nur waren es

a­ ndere Gründe, die zur Unsicherheit führten. Thema war damals die sogenannte Citybildung, die Verdrängung von Wohnraum durch Büro­nutzung. Doch es gab bereits damals Leute, die in der Stadt wohnen wollten und die sich für ihr Quartier engagierten. In einer Art ersten Gentrifizierungsphase zogen ab Mitte der 1970erJahre neue Bewohnerinnen und Bewohner ins Seefeld. Sie beerbten die Wohnungen jener, die ins Umland gezogen waren. Das Quartier hatte günstige Altbauwohnungen zu bieten und war für die damalige Zeit urban-progressiv. Es kamen junge, gut ausgebildete Paare, eher Linke, aktive Zuzüger. Sie wollten die Veränderungen durch den Citydruck nicht einfach hin-

Links: Opernhauskrawalle am 8. September 1980 beim Bellevue, ausgelöst durch einen 60-Millionen-­ Franken-Kredit zur Sanierung des Opernhauses. Rechts: Ein Auto mit zerstörter Windschutzscheibe dient als Barrikade am Bellevue.


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nehmen, sondern mitreden und sich für ihr Quartier einsetzen. Auch wir kamen zu dieser Zeit ins Seefeld. Als junge Familie mit Kleinkind konnten wir eine Sechs-ZimmerAltbau­wohnung für 1600 Franken beziehen. Wir strichen die Wohnung selbst und ergänzten, was nötig war. Mein Mann arbeitete vorwiegend zu Hause an seiner Dissertation, ich an der ETH als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Bald kam unser zweiter Sohn zur Welt. Beide Kinder besuchten die ­Primarschule im Schulhaus Mühlebach. Bis Mitte der 1980er-Jahre erlebten wir das Quartier und seine Bevölkerung aus der Optik einer jungen ­Familie. Der Zeitgeist der 1970er-Jahre war auf die «Grenzen des Wachstums» eingestellt. 1974 war das Jahr der Ölkrise, Verzicht war angesagt, Wachstum suspekt. So lehnte die Bevölkerung der Stadt Zürich 1973 das Zürcher U-Bahn-Projekt ab, weil sie den vermeintlich damit verbundenen Druck auf die Stadtentwicklung verhindern wollte. Hingegen befürwortete sie 1977 die Initiative der Sozialdemokraten für ein Kultur­ zentrum in der Roten Fabrik, 1979 fand das erste Theaterspektakel am See statt.

In Riesbach gab es – schon seit 1922 – das Kino Seefeld. Es mutierte 1973 zum Kino 8 und zeigte anfänglich Studiofilme und hie und da auch Filme für Kinder. In der angebauten Villa Mainau entstand 1976 etwas Neues für Zürich: Der «Schmatzkönig», eine Mischung aus Quartierladen und Restaurant, eine Art Vorläufer der späteren Take-aways. Man konnte sich ein Sandwich nach Wahl machen lassen. Viele Kunden blieben und nutzten den Laden als Café und Quartiertreffpunkt. Der «Schmatzkönig»­ war beliebt und für die Quartierbewohner Ausdruck ­eines neuen städtischen Lebens. Leider war seine Lebenszeit nur kurz, 1980 musste er wieder schliessen. Die Villa Mainau aber blieb ein Treffpunkt, zumindest für die alternative Szene: Nachfolgemieter im Haus waren Radio LoRa, WWF und Greenpeace.

Der Kampf gegen den Citydruck Das Quartier hatte zu dieser Zeit mit einigem zu kämpfen: mit dem Citydruck, der vor allem an der Seefeld- und der Dufour­ strasse zu spüren war und immer mehr Wohnraum verdrängte. Zudem mit dem Verkehr, der das Wohnen zu vertreiben drohte und zum Wegzug vieler Familien führte. Doch im Seefeld setzte man sich ein für mehr Lebensqualität und für den Erhalt beziehungsweise den Bau von neuen Wohnungen. 1976 wurde die Initiative der SP für eine Wohnüberbauung auf dem Areal des alten VBZ-Tramdepots an der Seefeldstrasse angenommen. Schliesslich wurden auch politisch einige Weichen so gestellt, wie sie sich das Seefeldquartier wünschte: 1978 läutete die Wahl von Ruedi Aesch­ bacher in den Stadtrat eine neue Ära der Verkehrsberuhigung ein, und im selben Jahr unterbreitete der Stadtrat dem Gemeinderat eine Vorlage für einen Wohnanteilplan (WAP). ­Dieser wurde nach zweijähriger parlamentarischer Beratung


Oben links: Der Lila Bus an der D ­ ufour­strasse im Jahr 1989. In diesem improvisierten Rückzugsort konnten die Prostituierten s­ aubere Spritzen und Verhütungsmittel beziehen. Oben rechts: Die Stadtpolizei montiert am 29. August 1986 eine erste Barriere gegen den Freierverkehr an der Dufourstrasse auf der Höhe Hornbachstrasse. Unten: Ein Mädchen wartet auf Freier auf dem Drogenstrich im Seefeld.


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schliesslich 1980 in Kraft gesetzt. Dadurch konnte das Wohnen in den innerstädtischen Quartieren weitgehend geschützt werden. Für Riesbach war das ein wichtiger Entscheid. Es ist dieser Schutzregelung zu verdanken, dass im inneren Seefeld heute noch gewohnt wird. Obwohl damals stark umstritten und als «linke Idee» apostrophiert, wurde ein Wohnanteil in den Innenstädten durchaus auch aus der Sicht von Juristen als öffentliches Interesse angesehen: «Der WAP will der Entleerung der Stadtkerne von Wohn­bevölkerung entgegenwirken und die erwünschte Durch­mischung von Arbeits- und Wohnplätzen sicherstellen. Damit ­sollen möglichst auch preisgünstige Wohnungen erhalten bleiben und der Verkehrsstrom der Pendler reduziert werden. Das Bundesgericht hatte schon verschiedene Male, vorab im Zusammenhang mit Wohnerhaltungsgesetzen, entschieden, dass einem solchen An­ liegen ein überwiegendes öffentliches Interesse zukommt.» (Peter Boesch in DISP 83/1986) Im Mai 1980 wurde Zürich durch die Opernhauskrawalle erschüttert, die sich gegen einen 60-Millionen-Franken-Kredit zur Sanierung des Opernhauses richteten. Die Jugend for­ derte statt­dessen mehr Geld für Alternativkultur und für ein ­autonomes Jugendzentrum. Die «Bewegung» hielt Zürich bis 1982 mit ihren öffentlichen Stör- und Kampfaktionen ums Autonome Jugend­ zentrum (AJZ) in Atem. In der Ära von Stadtpräsident Thomas Wagner (FDP) wurde das Budget für alternative Kultur zwischen 1982 und 1990 von 1 Million auf gut 11 Millionen Franken erhöht.

Das Quartier organisiert sich für mehr Wohnlichkeit Auch im Seefeld rumorte es. 1979 hatte es einen Wechsel im Präsidium des bisher noch recht traditionell geführten QV Riesbach gegeben. Mit Werner Stein, einem liberalen FDPMitglied, übernahm ein integrativer und sehr offener Mann das Präsidium. Ein Jahr später hat – wie die NZZ schreibt –

Oben: Freierverkehr an der Ecke Seefeldstrasse/ Höschgasse.


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Oben: Das Tramdepot Tiefenbrunnen vor dem ­Abbruch 1986. Unten: Abbruch des Tramdepots Tiefenbrunnen 1989 zugunsten einer städtischen Überbauung mit 101 Wohnungen.


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eine «neue Generation aktiver, eher als ‹links› oder ‹alternativ› zu bezeichnender Neumitglieder» mit Stein zusammen das Heft in die Hand genommen (NZZ, 4. 4. 1980). Die Zeitung ­titelte ihren Bericht über die Generalversammlung des Jahres 1980: «Der Quartier­verein Riesbach auf seltsamen Wegen». Tatsächlich gab es heftige Diskussionen zum Stil und zur politischen Ausrichtung des Vereins, die auch zu Rücktritten führten. Doch schliesslich liessen sich die «jungen Aktiven» durch ihren liberalen Präsidenten kooperativ einbinden und konnten neue Zeichen in der Arbeit des QV setzen. So wurden diver­se Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit dem Quartier­ leben (u. a. Quartierzmorge, Riesbacher Märt), aber auch mit der Quartierentwicklung (Arbeitsgruppe Planung,­ Arbeitsgruppe Verkehr, Offene Planung Tramdepot) beschäftigten. Es war Ehrensache, Teil der einen oder anderen Arbeitsgruppe zu sein. Angesichts der spürbaren Abwanderung von jungen Familien engagierte man sich aktiv für die Verbesserung der Wohnqualität. Eine wichtige Publikation war damals das in Zusammenarbeit mit der Stadt erarbeitete Handbuch für Quartierverbesserer von Peter Lanz, das aufzeigte, wie man mit einfachen Mitteln unwirtliche Innenhöfe und andere halb­ öffentliche Räume umgestalten konnte, um so die Wohnlichkeit zu fördern. So hatten letztlich die in den 1970er-Jahren ins Quartier Gezogenen das Seefeld neu aufgemischt, das Quartier­ leben gefördert und bei der Stadt gewisse Mitwirkungsmöglichkeiten an der Entwicklung erreicht.

Ein doppeltes Verkehrsproblem Ein ewiges Thema war die Forderung nach Massnahmen zur Verkehrsberuhigung. Das Verkehrsproblem intensivierte sich zusätzlich, weil sich eine neue Form des Betriebs im Quartier breitmachte: der Freierverkehr. Die Strassenprostitution wurde zu einem Dauerproblem, das bis Ende der 1980er-Jahre nicht gelöst werden konnte. 1981 organisierte der QV eine gros­se Veranstaltung mit Vertretern des Stadtrats und der Ver­waltung zum Thema «Nachts im Seefeld», auf der aller-

dings keine wirklichen Lösungsansätze gefunden wurden. Das Quartier war aufgebracht und forderte gar ein weitgehendes Nachtfahrverbot. Die NZZ zeigte in ihrer Berichterstattung vom 25. September 1981 zwar durchaus Verständnis für die geplagten Quartierbewohner und kritisierte die mutlose Verwaltung, meinte aber auch: «Man konnte den Eindruck nicht loswerden, dass prinzipielle Automobilgegner nun das ganze Problem des Verkehrslärms auf die Prostitution projizieren, in der Hoffnung, damit endlich ein vom Verkehr befreites Quartier zu erhalten.» So bekam das Seefeld – zumindest­ bei der NZZ – mit der Zeit ein eigentlich aufmüpfiges Image. Trotz der nächtlichen Verkehrsprobleme entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre in Riesbach eine neue Aufbruchstimmung, die mit einigen Ereignissen einherging. 1986 war ein wichtiges Jahr: Nicht nur wurde ein neuer Stadtrat, nochmals mit dem bürgerlichen Stadtpräsidenten Thomas Wagner, gewählt, sondern auch im Quartier tat sich einiges. Die Mühle Tiefenbrunnen, die erste Umnutzung eines Fabrikareals in Zürich, wurde mit ihren Kultureinrichtungen, dem damaligen In-Restaurant Blaue Ente sowie mit Büros und Wohnungen eröffnet, und Jürg Judin machte aus dem inzwischen nur noch Sexfilme zeigenden Kino 8 etwas Neues: das Studiokino Razzia. Das Seefeldquartier mauserte sich – trotz anhaltenden Freierverkehrs und wachsender Drogenprobleme – zu einem trendigen In-Quartier, in dem sich u. a. die hippe Werber- und Verlagsszene etablierte. Durch die 80er-Unruhen war die Stimmung in ­Zürich «bewegt», man war sehr kulturaffin und offen für Neues. Zudem war die Konjunkturlage gut und in der Wirtschaft wie bei der öffentlichen Hand Geld vorhanden, um Projekte zu unterstützen. 1987 konnte die Rote Fabrik, vom Souverän abgesegnet, ihren definitiven Betrieb aufnehmen, 1988 befürwortete das Volk auch das Projekt für die Wohnüberbauung im ehemaligen Tramdepot Tiefenbrunnen – ein Meilenstein für das Quartier, das neue, attraktive und bezahlbare Wohnungen versprach.


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Aber nachts war die Prostitution immer noch präsent. Wie auch Razzia-Gründer und -Betreiber Jürg Judin in seinem Beitrag in diesem Buch berichtet, litt das innere und mittlere Seefeld, vor allem die Dufourstrasse und damit das Umfeld seines Kinos, stark unter der Strassenprostitution. Für junge Frauen war es zu dieser Zeit abends recht ungemütlich auf der Strasse, da man ständig von Freiern angesprochen wurde, die durchs Quartier kurvten. Zum Schutz der Prostituierten wurde 1989 an der Dufourstrasse der sogenannte Lila Bus sta­ tioniert, ein ausrangierter, lila gestrichener VBZ-Bus, in den sich die Frauen zurückziehen konnten und wo saubere Spritzen und Verhütungsmittel abgegeben wurden. Aus dem Mi­ lieu­rund um das inzwischen wieder geschlossene Autonome Jugendzentrum AJZ hatte sich eine breite offene Drogenszene gebildet, die stark mit Prostitution verbunden war. Der Bus blieb zwei Jahre als Symbol für die Probleme im Quartier an der Dufour­strasse stehen. 1991 wurde er aufgrund der Verla­ gerung der Strassenprostitution in die Kreise 4 und 5 wieder abgezogen.

Offene Planungen und Mitwirkung der Quartiere, Laissez-faire im Drogenbereich In den 1980er-Jahren war die Stimmung stark auf Demokratisierung und Partizipation ausgerichtet: Die Stadt übte sich in ersten Mitwirkungsverfahren. Offene Planungen in der Ver-

kehrspolitik wurden ausprobiert, und vonseiten fortschritt­ licher Quartierorganisationen wurde eine politische Stärkung der Quartiere nach dem damals als zukunftsweisend ein­ geschätzten Bologna-Modell gefordert. 1989 hatte die Stadtverwaltung gar eine Studie zur «Stärkung der Quartiere» durchführen lassen, deren Bericht und Massnahmenvorschläge dann allerdings von der Konferenz der QV, die in ihrer grossen Mehrheit wesentlich konservativer waren als der QV Riesbach, abgelehnt wurden. Somit blieb alles beim Alten. Einen Rückschlag erlitt auch die in Riesbach und in anderen Cityrandquartieren geforderte Verkehrsberuhigung. Der von Stadtrat Aeschbacher und seinen Leuten ausgear­ beitete 42-Millionen-Franken-Kredit zur Verkehrsberuhigung wurde 1988 vom Volk abgelehnt. Auch aus dem Seefeld kamen keine guten Nachrichten. 1989 musste das beliebte Kino Razzia schliessen, da die Villa Mainau und das Kinogebäude abgebrochen werden sollten. Die Gebäude blieben aber vorderhand erhalten, da u. a. auch dank dem Protest aus dem Quartier der Abbruch verhindert werden konnte. Die in Zürich zu dieser Zeit vorherrschende tolerante «Laissez-faire-Haltung» führte dazu, dass sich die offene Drogenszene ausweitete und die Stadt zum überregionalen Zentrum für Drogenkonsumenten wurde. Obwohl das Seefeld nach wie vor betroffen war, verschob sich die Szene immer stärker in den Limmatraum und fand am Letten ihren traurigen Höhepunkt. Die offene Drogenszene am Letten voller Elend, Dreck und Gewalt wurde erst 1994 aufgelöst. Es ist wohl auch kein Zufall, dass Zürich in den Jahren 1989/90 durch die Abwanderung einen Bevölkerungstiefpunkt von nur noch 356 000 Einwohnern aufwies.

Die schwierigen 1990er-Jahre Die 1990er-Jahre waren für Zürich eine Ära der Krisen. Die Stadt litt unter dem zu lange ungelösten Drogenproblem und den Auseinandersetzungen zwischen der rot-grünen Stadtregierung und der Wirtschaft. Die von Stadträtin Ursula Koch

Oben: Abbruch des Autonomen Jugendzentrums AJZ am 24. März 1982. Rechte Seite: Das Drogenelend hat sich an den Letten verlagert. Bild aus dem Jahr 1993.


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1992 vorgelegte neue Bau- und Zonenordnung (BZO) nahm zwar die Wünsche der geplagten Wohnquartiere wie dem Seefeld und den anderen Innenstadtquartieren auf und wollte zu einer wohnlichen Stadt beitragen. Mit der BZO sollte die Wohnstadt gesichert und ebenso die Industrie erhalten werden. Doch damit stiess der Stadtrat auf Widerstand bei Wirtschaft und Grundeigentümern. Die Auseinandersetzungen führten dazu, dass nicht nur die Bevölkerung, sondern auch viele potente Firmen wegzogen. Die Abwanderung des Mittelstandes und vieler Arbeitsplätze führte finanziell zu einem Einbruch der Steuereinnahmen. Die Stadt Zürich wurde wie andere Kernstädte wirklich zur «A-Stadt». Im Seefeld hingegen gab es in dieser schwierigen Dekade­ auch Positives zu vermelden: 1992 wurde die Siedlung Tramdepot Tiefenbrunnen mit 101 Wohnungen eingeweiht und bezogen, wodurch sich die äussere Seefeldstrasse deutlich belebte. 1993 wurde in der Geschichte des Razzia-Gebäudes ein weiterer Meilenstein gesetzt: Das Kino be­ ziehungsweise der Saal, der seit der Schliessung des Kinos fünf Jahre leer stand und lediglich hie und da für Partys genutzt wurde, wurde vom Stadtrat unter Denkmalschutz gestellt. In der Quartierzeitung «Kontacht» rief die damalige SP-Gemeinderätin Johanna Tremp im Herbst 1993 mit einem Postulat an den Stadtpräsidenten Josef Estermann dazu auf, das ehemalige Kino «nicht mehr weiter verkommen zu lassen, sondern dafür besorgt zu sein, dass der Saal wieder möglichst bald für kul-

turelle oder quartierbezogene Anlässe der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann». Wie sich zeigte, wollte die Stadt diese Aufgabe nicht übernehmen. Die 1990er-Jahre waren auch Geburtszeit der ersten ­urbanen Events, die aus der Sicht der Veranstalter mit Vor­ liebe am See stattfinden sollten. Der QV Riesbach wehrte sich von Anbeginn gegen fast alle geplanten Grossevents – nicht


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Die neue Wohnüberbauung auf dem G ­ elände des ehemaligen Tramdepots Tiefen­brunnen im Jahr der Einweihung 1992.


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immer mit Erfolg. Das Kino am See konnte sich bis heute halten. Und der Chinagarten wurde gebaut. Der QV erreichte aber zumindest Regelungen zum Schutz der Quartierbevölkerung. Im Laufe der 1990er-Jahre begann sich das Interesse der «Zürcher Szene» – trendorientiert und stets mit der Suche nach Neuem beschäftigt – weg vom Seefeldquartier in Richtung Westen der Stadt zu verlagern. Während die Mietpreise im Seefeld bereits hoch waren und kaum freie Räume zur Verfügung standen, boten die Industriebrachen in Zürich-West, die aufgrund der BZO nicht überbaut werden durften, der alter­nativen, jungen Kulturszene günstige und attraktive Räume für Zwischennutzungen. So zog z. B. die Kunsthalle aus der Mühle Tiefenbrunnen ins Schoeller-Areal in Zürichs ­Westen. Um die Jahrtausendwende fand die Stadt Zürich unerwartet schnell wieder aus der Krise. Einen Ausbruch aus dem verfeindeten Blockdenken und einen Aufbruch hin zum gemein­samen Planen brachte das 1996 vom damaligen Stadtpräsidenten Josef Estermann initiierte Stadtforum, in dem die teilweise zerstrittenen Akteursgruppen wieder miteinander ins Gespräch kamen. Die Ergebnisse des Stadtforums bildeten die Basis für ein neues Vertrauen zwischen Stadt und Privaten, auf dem die kooperativen Planungen auf den Industriebrachen in Zürich-West aufbauen konnten. Ab 1998 startete der neue Stadtrat erste «Massnahmen zur Aufwertung von Stadtquartieren». Er reagierte damit auf die Abwanderung und auf die immer wieder – nicht zuletzt aus Riesbach – formulierten Forderungen nach mehr Wohnlichkeit in der Stadt. Im selben Jahr wurden die Wirtschaftsför­ derung und die Fachstelle für Stadtentwicklung geschaffen, welche die departementsübergreifend ausgerichtete Umsetzung der Aufwertungsmassnahmen unter Mitwirkung der Bevölkerung in den Quartieren in die Hand nahmen. Allerdings waren diese Interventionen nicht auf das Seefeld ausgerichtet, andere Stadtkreise mit weit grösseren Defiziten, etwa das

Langstrassenquartier, die Grünau oder Auzelg, standen im ­Fokus der Aufmerksamkeit. Wohl zu Recht liess man das Seefeld in Ruhe, denn – angestossen von den Aktivitäten in den 1980er-Jahren – war das Quartier bereits in den 90ern, nach der Auflösung der Prostitutionsszene, zwar trendmässig etwas in den Hintergrund gerückt, aber als Wohn- und Arbeitsort sehr beliebt geworden. Dank den Anstrengungen des QV waren etliche Verkehrsbe­ ruhigungsprojekte umgesetzt und die Qualität des öffentlichen Raums gestärkt worden. Das Quartier entwickelte sich baulich in allen Teilen, so auch im Raum Tiefenbrunnen, wo durch Um- und Neubauten bis an die Grenze von Zollikon neue Wohn- und Arbeitsräume entstanden sind.

Neue Attraktionen im Seefeld, die in den 1990erJahren kontrovers diskutiert wurden: der China­ garten, ein Geschenk der Partnerstadt Kunming (Bild oben aus dem Jahr 1996), und das anfänglich bescheidene Kino am See.


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Die neue Attraktivität hat Anziehungskraft Seit der Jahrtausendwende hat die Stadt viel Geld und Energie in die Steigerung ihrer Attraktivität investiert. Es hat sich gelohnt. Gegenüber den 1970er- und 1980er-Jahren ist die Wohnqualität in der ganzen Innenstadt wesentlich höher geworden. Verkehrsberuhigung sowie mehr Platz für Fussgänger und Velofahrer haben auch im Seefeld dazu geführt, dass an früher unattraktiven Einfallsachsen wie der Seefeld- und der Dufourstrasse viele neue Läden und Gastroangebote entstanden sind. Ein solches Umfeld weckt die Investitionslust der Privaten, die ihre Gebäude besser unterhalten oder früher sanieren. Die Stadtbehörden sind mit der Förderung der Wohnqualität den alten Postulaten der Bevölkerung nachgekommen, da man die Abwanderung stoppen und die Steuereinnahmen verbessern wollte. Es wurde alles dafür getan, dass «man» wieder in der Stadt wohnen wollte. Ohne zu übertreiben, kann man sagen, dass dies gelungen ist. Die Stadt Zürich bekommt seit dem Jahr 2002 höchste Bewertungen in Sachen Lebensqualität, nicht nur von der Firma Mercer, die für das weltweite Städteranking verantwortlich zeichnet, sondern auch von den Menschen, die hier leben. Nach kurzer Zeit uneingeschränkter Freude über die hohe Wohn- und Lebensqualität der Stadt und von Riesbach im Speziellen trat die Kehrseite des Erfolgs in Erscheinung: steigende Mietpreise. Was in den 1970er- und 1980er-Jahren nur ­Unentwegte wollten, nämlich in der Stadt, in einem innerstädtischen Quartier wie dem Seefeld, zu wohnen, das wollen jetzt viele. Logischerweise hat das seinen Preis. – Und wieder kämpft der QV, nun gegen die heutigen Bedrohungen, gegen die Gentrifizierung und für günstigen Wohnraum. Die Stadt hat die Anliegen der Pioniere von damals – nach Verkehrs­ beruhigung und mehr Wohnlichkeit – übernommen, sie zu den ihrigen gemacht. Nun ist die Situation in Riesbach so, wie sie eigentlich schon lange hätte sein

sollen, und jetzt hat der Markt reagiert. Entsprechend wurden Versuche unternommen, auch den Markt zu ­beeinflussen, was sich als nicht ganz einfach erwies. 2011 diskutierte ein durch die Stadtentwicklung Zürich und den QV Riesbach initiiertes, breit abgestütztes Forum zum Thema «Wohnen in Innenstadtquartieren» die mögliche Entwicklung des Seefelds und anderer Innenstadtgebiete. In erstaunlicher Einigkeit sprach sich das Forum, an dem auch private Investoren und Grundeigentümer beteiligt waren, für die Beibehaltung der heutigen sozialen und demografischen Durchmischung der Bevölkerung in Riesbach aus. So einig man sich bei den Zielen war, so unterschiedlich waren die Meinungen über den Weg dahin. Alle teilten aber die Ansicht, dass die Stadt ihr weniges Land im Quartier für den Bau von günstigen Wohnungen verwenden sollte, wie sie es damals auf dem Areal des Tramdepots Tiefenbrunnen getan hatte. Seit dem Forum ist einiges geschehen. Neben der Realisation von 28 Alterswohnungen im inneren Seefeld wird mit ­einer neuen Wohnsiedlung an der Wildbachstrasse, nahe beim See, mit 186 günstigen Wohnungen ein «Gegengewicht zur Seefeldisierung» erstellt. Dies die Worte von Stadtrat Oder-


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matt 2012 an der Medienorientierung zum Projektwett­bewerb. Wer weiss, vielleicht findet der eine oder die andere der Quartieraktivisten aus den 1980er-Jahren dort eine Wohnung? Die grosse Mehrheit der Wohnungseigentümer im Seefeld aber sind Private, oft keine Profis im Immobilienbusiness. Statt selbst das Abenteuer einer Sanierung zu wagen, entscheiden sie sich für einen Verkauf. Einer der Käufer solcher alter Liegenschaften ist der Investor Urs Ledermann. Er hat dadurch einen wesentlichen Anteil an der Veränderung des Quartiers – mit allen Licht- und Schattenseiten, die damit verbunden sind. Nach vielen Sanierungen und einigen Ersatzneubauten im Quartier erwarb er schliesslich auch die Villa Mainau und das daran angebaute Kino. Etliche Versuche, im Razzia eine kulturelle Nutzung zu realisieren, waren zuvor ­gescheitert. Ledermann Immobilien hatte die Mittel, die es braucht, ein solches Projekt umzusetzen. Ein Ersatzneubau anstelle der Villa Mainau ermöglicht es, den geschützten ­Kinosaal zu erhalten und als Restaurant zu nutzen. Damit wird der Petition von Johanna Tremp aus dem Jahr 1993 doch noch teilweise Rechnung getragen. Der Saal ist als Restaurant und Kulturraum für die Öffentlichkeit zugänglich, und vielleicht wird auch einmal ein Quartieranlass dort

Petition für eine erneute Nutzung des ehemaligen Kinos Razzia, eingereicht von Johanna Tremp, ­Gemeinderätin der Sozialdemokratischen Partei, am 2. März 1994.

stattfinden. Das neue Razzia ist ein Puzzleteil mehr in einem bunten, lebendigen und durchmischten Quartier, das eine gute Zukunft vor sich hat. An der grossen Nachfrage nach Wohnraum im Seefeld aber wird sich wenig ändern, es sei denn, die Attraktivität würde wieder abnehmen. Und das will doch wohl niemand.

Im Mai 2005 wurden am äussersten Ende des Seefelds die Seewürfel fertiggestellt, acht neue Apartment- und Geschäftshäuser von Camenzind Evolution.


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Pulp Fiction im Seefeld

Als ich 1986 das Kino Razzia eröffnete, besass die Immobilienfirma Hanuver AG bereits eine Bewilligung zur Über­ bauung der Kinoliegenschaft an der Seefeldstrasse. Unter Denkmalschutz stand einzig die Fassade – eine schlecht gebaute Backsteinwand mit vorgesetz­ ten, nicht tragenden Säulen aus Mörtel. Trotzdem hatte der Zahntechniker Rolf Pfenninger, der gegenüber wohnte, ge­ Es war eine Mischung aus Idealismus und Leichtsinn, die den gen die Baubewilligung Rekurs einge­ ­damals 23-jährigen Jürg Judin 1986 dazu verleitete, in Zürich auf legt. Die Hanuver AG rechnete jedoch eigene Faust ein Studiokino zu eröffnen. Dass er mit dem ehe­ mit einer raschen Abweisung der Ein­ maligen Sexkino 8 die Kinoszene aufmischen würde, konnte er sprache. noch nicht ahnen. Doch nach den bleiernen Jahren, in denen Das ehemalige Quartierkino war ­Kultur in Zürich mit Kultur in grossen Institutionen gleichgesetzt während Jahren ein Sexkino gewesen, wurde, kam er zur richtigen Zeit. Die Jugend der 1980er-Jahre bevor es der Betreiber vor dem geplan­ drängte im Theater, in der Kunst, der Musik, der Literatur und im ten Abriss aufgegeben hatte. In der Film an die Öffentlichkeit, die Überwindung der Segregation Übergangsphase übernahm das Haus ­zwischen arriviertem und alternativem Kulturbetrieb zeichnete sich für kurze Zeit ein Gemüseverkäufer ab. Mit viel Beharrlichkeit und Kreativität trug Judin substanziell ­namens Sommer aus dem Aargau. Er dazu bei, die verkrusteten Strukturen aufzubrechen. Zweieinhalb benannte das Sexkino 8 in Kino Holly­ Jahre nach Eröffnung seines Kinos Razzia war die Kulturszene wood um und zeigte Kinderfilme, weil ­Zürichs eine andere. Das ist nicht nur, aber auch sein Verdienst. er offenbar der Ansicht war, die Stadt Zürich brauche neben dem Bellevue ein Von Jürg Judin, zweites Kinderkino. Allerdings verzich­ aufgezeichnet von Urs Steiner tete Sommer darauf, am Gebäude oder an der Einrichtung auch nur das Ge­ ringste zu verändern. Es roch noch immer nach Desinfek­ tionsmitteln, und das Foyer war nach wie vor mit Plüsch aus­ geschlagen – es war furchtbar. Natürlich hat Sommer kaum Verleiher gefunden, die ihm Filme zur Verfügung stellten – ein Problem, mit dem ich später auch zu kämpfen haben ­sollte. Ich war zu jener Zeit Chefkassierer bei den Scotoni-­ Kinos, war also zuständig für Häuser wie das Apollo oder das Piccadilly. Schon während meiner Zeit als Kantonsschüler

Erinnerungen von Jürg Judin, dem Gründer des Kinos Razzia in Zürich


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die Miet­verhältnisse des Kinos zu besorgen. Durch diese ­kleine «Betriebsspionage» fand ich heraus, dass die Hanuver AG dem Hollywood-Betreiber den Vertrag bereits ultimativ ge­ kündigt hatte, weil die Miete nicht bezahlt wurde. Sie betrug immerhin 4000 Franken pro Monat – eine stattliche Summe für eine Abbruchliegen­schaft, mit der man sonst absolut nichts anfangen konnte.

Der grosse Irrtum

hatte ich bei Scotoni angefangen – ganz klassisch als Platzan­ weiser im Apollo, für sechs Franken die Stunde. Das Kinobusi­ ness hatte mich immer schon fasziniert, das Drum und Dran mehr noch als die Filme. Eine «meiner» Kassiererinnen arbeitete aushilfsweise im Kinderkino Hollywood und tratschte jeweils über die ­Zustände, die da herrschten. Sie erzählte mir, wie sie am Ende des Tages ihren Lohn aus der Kasse nehmen musste, um überhaupt zu etwas zu kommen. Und dass auch die Verlei­ her abends ihren Anteil in bar abholten. Ich habe sie dann ge­beten, mir Unterlagen über

Der Teufel muss mich geritten haben, denn ich war über­ zeugt, dass ich dieses Kino längst so gut betreiben konnte wie der Gemüseverkäufer. Nach den fünf oder sechs Jahren bei der Scotoni-Gruppe glaubte ich zu wissen, wie das Geschäft läuft – was sich später als grosser Irrtum herausstellen sollte. Als 23-jähriger Student habe ich also an die Hanuver AG mit grossem Ernst einen Brief geschrieben und mich ihr als neuen Mieter anerboten. Die Immobilienfirma war nicht begeistert von der Idee, sich ein zweites Mal auf ein Experi­ ment mit ihrem Kino im Seefeld einzulassen. Aber die 4000 Franken Monatsmiete schien sie dann doch zu locken – das war meine Chance. Hätte das Unternehmen angesichts des geplanten Millionenprojekts auf die bescheidenen Mietein­ nahmen verzichtet, wäre das Razzia vor mehr als 20 Jahren abgebrochen worden und ei­ nem Neubau gewichen.

Oben links: Jürg Judin, ein Vierteljahrhundert nach der Schliessung des Razzia vor dem renovierten Gebäude. Oben rechts: Das Kino Apollo 1988, kurz vor ­dessen Abriss im gleichen Jahr.

Unten: Bevor das Razzia zum erfolgreichen ­Off-­Kino wurde, erlebte es einen Niedergang als ­Spielstätte für Pornofilme.


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Der Mietvertrag war angesichts des laufenden Einspracheverfahrens kurzfristig kündbar, meine Planungs­ sicherheit also minimal. Und trotz­ dem musste und wollte ich investie­ ren: Wir brauchten Projektoren, die Bestuhlung war uralt, und vor allem hatte die traurige, graue Fassade drin­ gend eine Auffrischung nötig. Ich unterzeichnete zwar den Knüppelvertrag, der vorsah, dass ich das Kino innerhalb von zwei Monaten nach Erteilung der Baufreigabe räumen müsste – allerdings nicht ohne mich vorher mit dem Rekurrenten Rolf Pfenninger und seinem Anwalt abgesprochen zu haben, um darauf spe­ kulieren zu können, dass es bis zur Baufreigabe noch ein Weil­ chen dauern dürfte. Pfenninger war nicht einfach ein Querulant, der das Projekt verhindern wollte. Man muss seine Einsprache im Zu­ sammenhang mit der damaligen Situation im Seefeld beurtei­ len: Es herrschten die schlimmen Jahre des Drogenstrichs an der Seefeld- und an der Dufourstrasse. Reihenweise standen hier erbarmenswerte Frauen und Mädchen, während die Frei­ er abends und nachts in ihren Autos durch das Innere Seefeld cruisten. Das Quartier war eine No-go-Area, und die wenigen Restaurants, die es gab, liefen schlecht. Der Verein Pro Inne­ res Seefeld versuchte, die Bedingungen etwas zu verbessern, und unterstützte mich, weil er der Ansicht war, ein lebendiges Kino sei allemal besser für das Quartier als eine Ruine – oder der geplante Büroneubau. Ich habe mich also ans Renovieren gemacht. Das fand alles unterhalb des Radars der Zürcher Kinoszene statt. Meine Chefs bei der Scotoni-Gruppe hatte ich ebenso wenig einge­ weiht wie This Brunner, zu jener Zeit der unangefochtene ­Studiokino-König. Mit zwei, drei Verleihern aber nahm ich Kontakt auf, um herauszufinden, von wem ich allenfalls Fil­ me erhalten würde.

Widerstand der Kinobarone Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass diejenigen Filmverleiher, von denen ich Interesse und Unterstützung erwartet hatte, sofort abblockten – die Filmcoopi allen voran. Der alternative Verleiher verhielt sich konser­ vativer als alle anderen und hat sich auf die enge Zusammenarbeit mit This Brunner von der Commercio-Movie-Gruppe berufen. Die Columbus Film wie­derum, die zahlreiche Klas­ siker im Programm hatte, wartete zu. Der erste Verleiher, der unter gewissen Bedingungen zu­ sagte, war zu meiner Überraschung der grösste der US-Ver­ leiher, die United International Pictures (UIP). Hans-Ulrich Daet­w yler, der Chef von UIP, verlangte vor allem, dass es nicht mehr nach Sexkino röche – womit er bei mir ja offene Türen einrannte. Er war der Erste, der das Projekt unterstützte, aber gleichzeitig holte er mich mit der Frage, ob ich denn bereits Mitglied des Lichtspieltheater-Verbands sei, auf den Boden der Realität zurück. Als ich erwiderte, es handle sich bei unse­ rem Kino ja um so etwas wie ein Provisorium, zeigte sich Daet­w yler unnachgiebig: Hier gehe es um nichts weniger als um die «Filmmarktordnung», die FMO! Davon hatte ich bei Scotoni natürlich nie etwas mitbekommen. Und so fand ich wenige Wochen vor der geplanten Eröffnung heraus, dass es hinter den Kulissen niet- und nagelfeste Absprachen gab – ein eigentliches Kartell. Als zentrales Element gehörte zu dieser Filmmarktordnung dazu, dass alle Verleiher in der Schweiz Mitglied des Filmverleiher-Verbands sein mussten, und alle Kinobetreiber Mitglieder des Schweizer Lichtspieltheater-­ Verbands. Diese beiden Verbände wiederum garantierten sich gegenseitig die exklusive Belieferung beziehungsweise Ab­ nahme der Filme. Ein Ausscheren gab es nicht, und die Aufnahme in ­einen der Verbände war an zahlreiche Bedingungen geknüpft. Ermöglicht wurde das Kartell durch das Eidgenössische Film­ gesetz – ein Relikt aus den 1930er-Jahren, als der Bund ver­

Kinosessel aus der Razzia-Ära, ein Objekt der Sammlung Jérôme Weber.


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suchte, die Aufführung von Propagandafilmen der Nazis in der Schweiz zu verhindern. Im Wesentlichen stellte diese Ver­ ordnung mit seinem komplizierten Bewilligungsverfahren ­einen Eingriff in die Gewerbefreiheit dar. Während wir also sonst fleissig am Renovieren waren – und unser bescheidenes Budget war fast aufgebraucht! –, musste ich im Eilverfahren ein Mitgliedsgesuch beim Zürcher Lichtspieltheater-Verband stellen. Als ich im Büro an der Theaterstrasse anrief, wies man mich erwartungsgemäss ab, wie zuvor schon meinen Vorgän­ ger Sommer. Bereits auf der Ebene des Verbandssekretärs ge­ scheitert, wandte ich mich mit der Bitte um Unterstützung an zwei Kinobesitzer. Daniela Frey, Betreiberin des Kinos Corso, von den Medien als «Zürcher Kinoprinzessin» tituliert – und meinen ehemaligen Boss Scotoni musste ich gar nicht erst ­anfragen. Ich versuchte es also bei Erwin C. Dietrich, in der ­Szene ECD genannt, und This Brunner. Dietrich, der auch Ver­ leiher war und in den 1960er- und 1970er-Jahren mit grossem ­Erfolg Sexfilmchen (nicht Pornos!) produziert hatte, war eine illustre und etwas verrufene Figur. Er hatte das grosse, presti­ geträchtige Kino Capitol am Central in ein «Schachtelkino» mit sechs Sälen umgebaut und galt deshalb in der noblen Zür­ cher Kinobranche als Underdog. This Brunner wiederum dominierte mit seinen viel ­gerühmten Commercio-Kinos Movie und Nord-Süd die Zür­ cher Studiofilmkultur – und sein Beziehungsnetz reichte weit über die Landesgrenzen hinaus. Zu meiner grossen Überra­ schung kam wohlwollende Unterstützung von ECD und sei­ ner Frau Ines, während mich This vom ersten Moment an als potenziellen Konkurrenten einstufte – und mich nicht im Ver­ band wollte. Er stemmte sich gegen mein harmloses Projekt und forderte die Verleiher auf, mich nicht zu beliefern – selbst nicht mit Filmen, die er in seinen Sälen gar nicht zu spielen beabsichtigte. Das entbehrt insofern nicht einer gewissen ­Ironie, als wir heute sehr gute Freunde sind und ich 2013 seine­ wunderbare Film-Installation Magnificent Obsession in mei­ ner Berliner Galerie zeigte.

Von der Schwierigkeit, an Filme zu gelangen: Brief von Jürg Judin (unten) und seiner RazziaGeschäfts­partnerin Sonja Fricker an den ­Filmverleih Rialto.


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Dietrich hingegen fand, man solle die­ sen Jungen, der etwas auf die Beine stellen wol­ le, doch gewähren lassen. Ein Abbruchkino im Seefeld werde ja wohl die grossen Kinobarone kaum schmerzen. So habe ich dank ihm die Mitgliedschaft im Lichtspieltheater-Verband, gerade noch rechtzeitig, erhalten. Trotzdem fand ich bei den Verleihern keinerlei Bereitschaft, mir Filme zur Verfügung zu stellen. Sie wollten es sich mit den Platzhirschen nicht ver­ scherzen.

Überraschungshits Das erste Razzia-Programm bestand aus «unbekannten» Fil­ men von Martin Scorsese: Mean Streets und King of Comedy, die beide bei der Erstaufführung gefloppt waren. Wir zeigten ein De-Niro-Scorsese-double-Bill-Programm. Leider wollte das niemand sehen, und die Besucherzahlen der ersten paar Wo­ chen waren mehr als nur ernüchternd – sie waren schlicht schauderhaft. Das Reprisengeschäft war also keine Option! Ich musste dringend an Erstaufführungen kommen und nahm Kontakt mit Donat Keusch auf, dem Chef der Cactus Film, ebenfalls eine illustre Figur der Zürcher Szene. Er hatte grosse Mühe, seine als «schwierig» geltenden Filme in den Zür­cher Kinos unterzubringen, denn für die von This Brunner programmierten waren sie in der Regel zu wenig kommerziell – und eine andere Abspielstätte für Studiofilme gab es damals nicht. Mit den Betreibern des alternativen Programmkinos Xenix verstand sich der streitbare Keusch nicht und die Kinos Riffraff und Morgental wurden erst später gegründet. Unter der Bedingung, dass ich seine Filme spielte, durfte ich also über die Cactus-Infrastruktur selbst Rechte an Filmen erwer­ ben – unter den gegebenen Voraussetzungen war dieser Schritt zum «Selbstversorger» der zukunftsträchtigste. Und so bin ich im Februar 1987 zum ersten Mal an einen Filmmarkt gereist, zur Berlinale, und habe mit einem Ausweis von Cactus­ Film meine ersten Filmrechte für die Schweiz gekauft. Inner­ halb weniger Monate wurde ich quasi gezwungenermassen

Oben: Eine mehrfarbige Anzeige hätte das neue Kino in der Zeitung auffällig bewerben sollen – doch zum Entsetzen der Razzia-Betreiber erschien das teure Inserat als knallgelber Fehldruck. Mitte: Erfolgloses Eröffnungsprogramm mit ­«un­bekannten» Filmen von Martin Scorsese: Mean Streets und King of Comedy, die beide schon bei der Erstaufführung gefloppt waren. Unten: Einladung zur Eröffnung des Kinos Razzia am 7. August 1986.


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vom Kinobesitzer auch noch zum Verleiher. Wenig später stieg ich bei der Cactus Film als Partner ein. Mit dem Einkauf von Filmrechten hatte ich auf Anhieb ausserordentliches Glück. Es ist mir gelungen, die Rechte für einige Sleepers zu erwerben – Filme ohne Stars und ohne gros­ ses Budget, die leicht übersehen werden, sich an den Kinokas­ sen dann aber zu Überraschungshits entwickeln. Das beste Beispiel ist Out of Rosenheim. Der legendäre deutsche Film­ verlag der Autoren war für den Weltvertrieb zuständig und konnte nicht verstehen, weshalb niemand in der Schweiz die­ sen Film wollte. Anlässlich der ersten Vorführung an der Film­ messe in Mailand hatte This Brunner nicht gerade begeistert auf den Film reagiert. Und die angereisten Verleihchefs aus der Schweiz – fast alles Herren, die bereits Anspruch auf die AHV hatten – befanden die schräge Liebesgeschichte zwi­ schen einer dicken, schwitzenden Frau aus Oberbayern (die gross­artige Marianne Sägebrecht) und einem alternden Wes­ ternhelden (Jack Palance) als untauglich für das vornehmlich ­jugendliche Kinopublikum. Sie alle verliessen den Saal kopf­ schüttelnd – wenn sie sich den Film überhaupt bis zum Schluss angesehen hatten.

Oben: Andrang vor dem neuen Kino R ­ azzia 1986. Mitte: Der junge Kinobetreiber Jürg Judin und ­seine Geschäftspartnerin Sonja Fricker bei der Razzia-Eröffnung. Unten: Buchhaltungsblatt des Razzia mit Ein­trägen von Besucherzahlen und Einnahmen, die in den ersten Monaten mehr als ernüchternd ausfielen.


Ein Hit zum Schnäppchenpreis

mein Vater lieh mir weitere 10 000 Franken, damit ich die Schweizer Rechte von Out of Rosenheim kau­ fen konnte. – The rest is history. Der Film machte rund 2,5 Millionen Franken am Box Office, und es war der erste deutsche Film seit Fassbinder, der so­ gar in der Westschweiz lief. Es folgten Schlag auf Schlag weitere Überra­ schungshits. Und als 1989 Rob Reiners When Harry Met Sally, den ich noch im Drehbuchstadium für fast nichts eingekauft hatte, zu einem Riesenerfolg wurde, war das der damals grössten Schweizer Ta­ geszeitung «Blick» einen Bericht auf Seite drei wert. (Folgerichtig hat der «Blick» dann viele Jahre später auch über das Ende des «Filmwunderkindes» berichtet …)

Ich fand den Film berührend und wunderbar schräg zu­ gleich – ein Urteil, das mich vorerst darin bestätigte, nichts von der Sache zu verstehen. Als einziger Filmeinkäufer aus der Schweiz meldete ich also beim von den Schweizern zu­ tiefst enttäuschten Filmverlag mein Interesse an. Ursprüng­ lich sei die Minimumgarantie bei 100 000 Franken gelegen, sagte man mir, aber da es ganz offensichtlich keine Konkur­ renz gäbe … ob ich 20 000 Franken bezahlen könne? 10 000 Franken standen mir von der Cactus Film zur Verfügung, und

Dabei bin ich eher zufällig in der Filmbranche gelandet. Ich hatte zu jener Zeit, also 1986, gerade ein Studium an der Hoch­ schule St. Gallen angefangen. Das Razzia-Projekt war eigent­ lich eine eher spontane Idee, die wir zu dritt ausgeheckt ­hatten. Die eine Kollegin war Sonja Fricker, ehemalige Marke­ ting-Verantwortliche von Scotoni, die gerade ihren Job ver­ loren hatte, weil die Jean-Frey-Gruppe die Scotoni-Kinos über­ nommen hatte (und Daniela Frey, die «Kinoprinzessin», nun

Oben links: Jürg Judin auf Seite drei im «Blick». Oben: Mit When Harry Met Sally landete Jürg ­Judin als Verleiher einen Hit an den Kino­kassen, was ihn für das Boulevardblatt «Blick» prompt zum «Goldfinger» machte. Unten: Out of Rosenheim und When Harry Met Sally – zwei frühe Box-Office-Erfolge des ­jungen Filmverleihers Jürg Judin.


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zur Fast-Monopolistin machte). Der Dritte im Bunde war der Künstler Sergio Galli. Er hatte damals für Kinos wie das Asto­ ria und das Apollo die grossen Filmplakate an den Aussen­ wänden gemalt. Sein Atelier befand sich im Dachgeschoss des Apollo-Gebäudes. Sonja Fricker und Sergio Galli waren also meine Mitverschwörer beim Razzia-Projekt.

Vom Sexkino 8 zum Razzia Da wir drei kaum Geld hatten, mussten wir unsere Ressour­ cen klug einsetzen. Ich war von Anfang an der Meinung, dass ein Facelifting der Fassade das Wich­ tigste war. Das neue Kinokonzept muss­ te von aussen deutlich sichtbar sein. Wenn wir ein neues Publikum anspre­ chen wollten, durfte nichts mehr an das alte Sexkino erinnern. Wir entfernten also die vorgehängten Schaufenster aus den 1970er-Jahren, welche die Säulen und die filigrane Struktur der Architek­ tur zerstörten. Stattdessen holte ich zwei Messingkästen aus dem Keller des Kinos Forum, das gerade den Betrieb eingestellt hatte. Da stand auch ein rie­ siger Konzertflügel, ein Bösendorfer Im­ perial, den ich gerne mitgenommen hätte – um im Razzia Stummfilme mit Live-Pianobegleitung zeigen zu können. Er erwies sich aber als ziemlich unbe­ wegbar, und die Restauration des Inst­ ruments hätte unser gesamtes Budget verschlungen. Ich habe also vom wenigen Geld viel in die Fassadenauffrischung investiert, was manche nicht verstanden haben. «Du spinnst, lass doch die Fassade in Ruhe, du hast ja nur einen zweimonati­

Oben: Das Kino Hollywood markierte den Endpunkt auf dem langen Weg nach unten. Unten: Neues Konzept hinter einer aufgefrischten Fassade: das Razzia kurz vor seiner Eröffnung 1986.

gen Mietvertrag», kriegte ich zu hören. Doch letztlich ist mein Konzept aufgegangen: Sergio Galli hat für die blinden Fenster in den Rundbogen zwischen den Säulen vier tolle Collagen auf Plexiglas geklebt – zeitgemässe Hinterglasbilder, sozusa­ gen. Dafür habe ich meine geliebte Sammlung von histori­ schen Filmplakaten geopfert. Sergio war es auch, der das Raz­ zia-Logo gezeichnet hat. Bei der Diskussion des passenden Namens haben wir kurz überlegt, ob wir das Haus «Aasgeier» nennen sollten. Mit dem Doppel-A wäre es unschlagbar zuvor­ derst auf der Liste der Zürcher Kinos erschienen. – Damals


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glaubte man noch, die Leute würden die Suche am Anfang der Liste beginnen. Der Name Razzia widerspiegelt eigentlich die urbane Stimmung im Zürich der 1980er-Jahre. 1986 waren erst vier Jahre seit den Jugendunruhen vergangen – wir gehörten natürlich alle dieser ­Generation an. Ich war zu Zeiten des Autonomen Jugendhauses Zürich (AJZ) 17 Jahre alt und Semi­ narist an der Kantonsschule Stadelhofen – poli­ tisch links orientiert wie alle damals, die denken konnten. Sonja, Sergio und ich sassen also zusam­ men in meiner kleinen Wohnung und tranken viel Wein. Irgendwann am Morgen früh war der Name Razzia beschlossene Sache. Ich habe Sergio ge­ fragt, ob er ein Logo zeichnen könne, das aussieht wie ein Paintbrush-Bild von Roy Lichtenstein. Zwei Tage später kam er mit einer Reinzeichnung in ­Tusche an. Dieses Logo hat er dann auch für den Leuchtkasten in Hochformat umgesetzt. So sind wir also mit dem Namen Razzia angetreten – was natürlich schon mal ein Statement war. Mein ver­ ehrter Deutschlehrer aus der Kantonsschule, mit dem ich noch immer Kontakt hatte, fragte leicht verzweifelt, ob das Kino denn wirklich ausgerech­ net Razzia heissen und ich schon wieder unbe­ dingt provozieren müsse. Meine Antwort war kurz und knapp: Ja, das musste jetzt sein.

Eis von Mövenpick Wir haben den widerlich riechenden Teppich im Foyer durch trendiges Riffelblech ersetzt und die Wände in heller Lachs­ farbe gestrichen. Und weil wir alles etwas anders machen wollten als die traditionellen Kinos, kamen wir auf die Idee, nicht die üblichen, konfektionierten Cornets zu verkaufen, sondern frisches Mövenpick-Eis – wie in einer Gelateria. ­Dafür hatten wir irgendwo in Uster eine Occasions-Vitrine aufgetrie­ ben. Aber einmal mehr hatten wir die Situation allzu opti­

mistisch eingeschätzt: Mövenpick wollte nicht an Private verkaufen. Es nützte auch nichts, dass ich erklärte, wir betrieben ja ein Kino. Ich musste also einen Bekannten in der Adliswiler Mövenpick-­ Verwaltung bitten, für mich ein gutes Wort einzu­ legen, damit wir «versuchsweise» beliefert wurden. Wir stachen grosszügige Mövenpick-Glacékugeln aus Vier-Liter-­Bidons – was selbstverständlich ­sofort die Lebensmittelpolizei auf den Plan rief, die von uns verlangte, eine kleine Kiosklizenz zu lösen. Damit konnten wir dann auch frische Sand­ wiches verkaufen, was ein grosser Erfolg war. Wäh­ rend in der Anfangsphase des Razzia manchmal nur drei bis vier Leute im Saal sassen, waren die Glacé und die Sandwiches sofort ein Renner und das kleine Foyer oft rammelvoll. Der gastronomi­ sche Erfolg erwies sich jedoch bald als Bumerang, weil unser Angebot vor allem bei den Prostituier­ ten Anklang fand. Damals gab es im Seefeld ja kaum Läden oder Restaurants. Das Quartier zwi­ schen Stadelhofen und Tiefenbrunnen war eine einzige Ödnis. So wurde das Razzia zur Anlaufstel­ le der Prostituierten – nicht zuletzt, weil wir ja bis Mitternacht geöffnet hatten. Sonja Frickers nahr­ hafte Sandwiches mit viel Fleischkäse, Spargel, Gurken, Ei und Mayonnaise waren bei den Mäd­ chen ebenso beliebt wie die Heizkörper im Foyer. Das war na­ türlich nicht die Art von Erfolg, die wir uns wünschten. Wir hatten uns mühsam vom Sexkino-Image befreit, nun wollten wir nicht zum Aufenthaltsraum für die Prostituierten werden. Wir waren hin- und hergerissen, denn einerseits taten uns die Mädchen leid. Die meisten von ihnen waren drogen­ abhängig und in sichtlich schlechter Verfassung. Wir haben auch ihre Freier gesehen – widerliche Typen aus der Inner­ schweiz, die in ihren Luxuskarossen hier vorgefahren kamen. Anderseits konnten wir die Mädchen auch nicht in unserem

Der Razzia-Schriftzug des Zürcher Künstlers Sergio Galli – hier in der hochformatigen Version für den Leuchtkasten über dem Kinoeingang.


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winzigen Foyer dulden. Also stellten wir die Regelung auf, dass sie hereinkommen konnten, um etwas zu kaufen, aber sie durften es sich nicht bei uns bequem machen. Das war et­ was hartherzig und verstiess eigentlich gegen meine Einstel­ lung, aber es blieb uns nichts anderes übrig, wollten wir als Kino überleben. In unserem Foyer hatten wir vier Stühle, hin­ ten die Glacé-Vitrine, vorne das alte Kassenhäuschen, das wir selten brauchten. Insgesamt bot das Foyer nicht einmal 20 Leuten Platz. Das wurde bald zum Problem – dann nämlich, als das Kino plötzlich den Durchbruch schaffte. Ausgerechnet mit Dokumentarfilmen, dem klassischen Fernsehformat.

Die Cannes-Rolle Sinnbildlich für diesen Erfolg steht die Cannes-Rolle, die uns am besten Tag über 1000 Zuschauer ins Haus brachte. Als wir das Kino eröffnet hatten, meldete sich sofort die Central Film AG (Cefi) – jene Firma, die damals in Zürich ein Monopol auf Kinowerbung besass – und bot mir einen Vertrag an. Da wir

Das enge Foyer im Kino Seefeld, hier in einer ­Aufnahme aus den 1950er-Jahren.

uns als Alternative zur klassischen Kinoszene zu etablieren versuchten, wollten wir eigent­ lich ein werbefreies Programm zeigen. Ander­ seits waren wir auf jede Einnahme angewiesen, und so erkundigte ich mich nach den Konditi­ onen. Es stellte sich heraus, dass uns die Cefi 150 Franken bezahlen wollte, um ihre Werbefil­ me bei uns im Vorprogramm zeigen zu können – im Monat! Für 150 Franken wollte ich natür­ lich mein Vorprogramm nicht mit dieser öden Werbung ruinieren, also lehnte ich dankend ab. Trotzdem war ich grundsätzlich an Wer­ befilmen interessiert. Denn aus meiner Zeit als Angestellter im Kino Apollo wusste ich: Das grösste Ereignis war jedes Jahr die Vorführung der Cannes-Rolle für die Werbebranche. Diese Rolle war nichts anderes als ein Zusammen­ schnitt der alljährlich am Festival in Cannes prämierten Werbefilme – eigentlich eine reine Insiderge­ schichte. Die Rolle enthielt die Beiträge geordnet nach Kate­ gorien wie «Lebensmittel», «Tabak», «Autos», «Versicherungen» und so weiter, und innerhalb dieser Kategorien nach der Be­ wertung der Jury für Gold, Silber und Bronze. Auch wenn das Ganze recht lieblos präsentiert wurde, bestaunte man doch Spots aus aller Welt – und merkte dabei, wie bieder doch un­ sere eigenen waren. Jedes Jahr war der riesige Apollo-Saal bis zum letzten Platz besetzt, wenn sich die Zürcher Werbebranche an einem Vormittag zum Screening der Spots traf. Als Angestellter habe ich jeweils den Unterricht geschwänzt, um bei diesem Spekta­ kel dabei zu sein. Daran erinnerte ich mich nun, als die Cefi mich bat, die Absage nochmals zu überdenken. Vielleicht gab es ja einen eleganten Weg, mit Kinowerbung Geld zu verdie­ nen – ohne das Publikum zu langweilen. Mein Vorschlag an die Cefi lautete: Wenn ihr uns für eine Woche die Cannes-­ Rolle überlasst, dann mache ich mit euch einen Vertrag.


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Doch die Cefi hatte gar keine Rechte auf die Werberol­ le. Sie werde vom Werbefilmfestival in Cannes und vom Welt­ dachverband der Werber für Schulungszwecke zusammen­ geschnitten, wurde mir beschieden. Auf der ganzen Welt zir­ kulierten gerade einmal 100 Rollen, die nach den Screenings zerstört werden mussten. Entsprechend gab es keine Auswer­ tungsrechte für diese Filme – es waren ja schliesslich auch nur Werbespots! Offenbar war es bisher noch niemandem einge­ fallen, diese Filme kommerziell auszuwerten. Ich bat die Cefi, sich beim Werbedachverband zu er­ kundigen, ob man die Rolle im Kino zeigen dürfe. Die Ant­ wort war zumindest kein striktes Nein, und so lieh uns die ­Firma die Rolle schliesslich für genau eine Woche aus. In was wir die Cefi nicht einweihten, war mein Plan, die vielen kur­ zen Filmchen in einer langen Nachtaktion umzuschneiden – um der Rolle eine interessantere Dramaturgie zu geben. Das geschah auf dem alten Umspuler in unserer Vorführkabine. Unsere Rolle begann mit einem Paukenschlag, vor der Pause

fügten wir einen Höhepunkt ein und gegen Schluss steigerten wir die Frequenz der Highlights. Mein Operateur Lukas Jörg, der noch heute in meiner Berliner Galerie arbeitet, hat gedul­ dig geschnitten und geklebt. Anschliessend haben wir für die Cannes-Rolle ein Pla­ kat gestaltet und informierten die Filmkritiker. Die Cefi selbst fand das alles völlig absurd. Ihr Geschäft bestand ja schliess­ lich darin, dafür zu zahlen, dass den Leuten die Werbung auf­ gezwungen wurde. Und ich hatte nun vor, dafür Eintritt zu verlangen. Aber sie waren glücklich, dass ich mich verpflich­ tet hatte, für lausige 150 Franken im Monat im Vorprogramm ihre Werbung zu zeigen. Womit ihr Monopol gerettet war. Der Erfolg der Cannes-Rolle hat sämtliche Erwartun­ gen übertroffen. Schliesslich kam sogar die Polizei, weil das Tram wegen der vielen Menschen vor dem Kino nicht mehr vorbeifahren konnte. Wir hatten die Vorführungen sehr knapp terminiert – mit nur sechs Minuten Unterbruch –, damit wir täglich fünf


Vorstellungen reinzwängen konnten. Dadurch mussten die Zu­schauer draussen auf Einlass warten. Und weil der Geh­ steig so schmal war und die Leute fürchteten, kein Ticket mehr zu erhalten, standen sie auf die Geleise und gingen selbst dann nicht weg, wenn das Tram passieren wollte. So kam es, dass die Leitstelle der Verkehrsbetriebe Zürich die ­Polizei alarmieren musste. Am ersten Tag zählten wir ungefähr 800 Leute – mehr als je zuvor in einem ganzen Monat! Als ich am Montag die Cefi anrief und ihnen mitteilte, wir hätten am Wochenende 25 000 Franken eingenommen mit ihrer Werberolle, wurden sie hellhörig. Sie forderten eine zweite Rolle an – und wir spielten das Programm mehrere Wochen. Das war unser ers­ ter grosser kommerzieller Erfolg, und der Branche dämmerte es: Aha, die sind clever, da draussen im Seefeld – und vor al­ lem: Man kann da offenbar gute Zahlen schreiben. Plötzlich wurden uns auch andere Filme angeboten.

Linke Seite: Andrang vor dem Razzia in einer ­Amateuraufnahme aus dem Nachbarhaus.

Was jedoch die gesamte Razzia-Zeit prägte, waren die Doku­ mentarfilme. Die Doku-Schiene zogen wir die ganzen zweiein­ halb Jahre durch. Sogar während die Cannes-Rolle lief, zeig­ ten wir in der Sechs-Uhr-Vorstellung den sehr geruhsamen Film über das Leben in einem tibetischen Kloster, Das alte ­Ladakh von Clemens Kuby.

Geschlossen wegen zu grossen Erfolgs Nach einer kurzen Durststrecke am Anfang hat sich das Raz­ zia rasch zu einer Erfolgsstory entwickelt. In den Jahren 1987 und 1988 zählten wir jeweils an die 100 000 Besucher. Und den­ noch: Obwohl die Hanuver AG im März 1989 nach wie vor über keine Baufreigabe verfügte, musste ich das Kino – unter lau­ tem medialem Schwanengesang – schliessen. Denn die Hanuver AG hatte mir bereits zwei Jahre zu­ vor – ohne einen Grund anzugeben – wieder gekündigt. Die begeisterte Berichterstattung der Presse über das «Kinowun­

Oben: Werbefilme als Kassenschlager in einem Alternativ­kino: Mit der Cannes-Rolle stellte Jürg Judin auch in der Kinowerbung alle Klischees auf den Kopf.


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der im Seefeld» war ihr unheimlich geworden. Doch obwohl ich den zweitmonatlich kündbaren Mietvertrag unterschrie­ ben hatte, akzeptierte ich diese Vertragsauflösung nicht. Ich stellte mich auf den Standpunkt, der Mietvertrag habe sti­ puliert, dass die kurzfristige Kündigungsfrist im Fall einer Baufreigabe gelte. Aufgrund dieser Risikoeinschätzung hätte ich investiert, und wie es sich zeige, lasse ja tatsächlich die Baufreigabe noch auf sich warten. Das wiederum habe aber weder mit mir noch mit dem Erfolg des Razzia zu tun, son­ dern sei auf baujuristische Gründe zurückzuführen. Folglich handle es sich um eine «Kündigung zur Unzeit». Ich bin also vor Gericht gegangen und habe mir dafür nicht einmal einen Anwalt geleistet – so sicher war ich meiner Sache. Nach dem ersten Verhandlungstag formulierte die Hanuver AG einen Vergleichsvorschlag: Sie offerierte mir weitere zwei Jahre fix unter der Bedingung, dass ich danach unwiderruflich schlies­ se – egal, ob sie dann würde bauen können oder nicht. Zwei Jahre Planungssicherheit war der Spatz in der Hand, den ich akzeptieren konnte. Aber dafür musste ich nach Ablauf dieser Frist ausziehen. Wahrscheinlich war es schon der Vorbote der Ära von Ursula Koch, der neuen Vorsteherin des Bauamtes II der Stadt Zü­ rich, dass Rolf Pfenninger mit seiner Einsprache während so langer Zeit den Umbau verhindern konnte. Auf jeden Fall hat man das Neubauprojekt etwas näher angeschaut. Gleichzeitig

ging im Razzia die Post ab, das Alternativkino wurde in den Medien gefeiert. Nachbarschaft und Quartierverein waren be­ geistert vom neuen Leben, das im Seefeld Einzug gehalten hatte. Das Verfahren zog sich in die Länge, aber trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – bestand die Hanuver AG auf die vereinbarte Schliessung: Zu grell war das Spotlight, das auf ihre Abbruchliegenschaft gerichtet war, und sie musste gespürt haben, dass die Geschichte für sie nicht gut enden würde. Wie richtig sie mit dieser Einschätzung lag, ahnte sie damals noch nicht.

Die Sache mit den Malereien Und so lief also im April 1989, nach knapp drei Jahren, der letzte Film im Razzia. Zur Abschiedsvorstellung fanden sich neben viel Prominenz aus der Filmbranche auch Vertreter der Stadt ein. Wir zeigten – notabene als Weltpremiere – Ettore Scolas Splendor, einen melancholischen Film über die Schlies­ sung eines italienischen Dorfkinos. Meine kämpferische Stimmung in den letzten Tagen des Razzia war stärker als die Melancholie – und so habe ich mich vor dem Auszug aus dem Gebäude bei meinem Vermieter wohl auf eine etwas un­ freundliche Art verabschiedet: Als ich drei Jahre zuvor das Kino übernommen hatte, stellte ich Recherchen zu diesem faszinierenden Bau des Architekten Wilhelm Pfister-Picault an. Ich war im Bauarchiv, um die ursprünglichen Pläne zu ho­ len, und ich habe die Eröffnungsbesprechungen des Kinos

Abschied mit Stil: In seiner letzten Vorstellung ­zeigte das Razzia als Weltpremiere Ettore Scolas Film Splendor mit Marcello Mastroianni und ­Massimo Troisi.


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Seefeld im «Tagblatt» und in der «Neuen Zürcher Zeitung» von 1922 gelesen, in denen der Saal beschrieben worden war. In allen Berichten war von elabo­ rierten Decken- und Wandgemälden die Rede, also bin ich in mein Kino ge­ standen, habe Wände und Decke ange­ schaut und festgestellt: keine Stuckatu­ ren, nichts. Klopfte ich allerdings die Wand ab, wurde mir klar, dass die sicht­ bare Oberfläche eine Verschalung war. Und ich wusste auch, weshalb, denn selbst mit dieser Verkleidung war die Akustik im Raum noch so schlecht, dass man jedes vorbeifahrende Tram hörte. Ich vermutete, dass man beim Umbau in den 1950er-Jahren als Schall­ schutz vergipste Ständerwände vor die Malereien montierte. Für uns war diese Innenwand akustisch sehr wichtig, und sie war ja auch intakt. Aus blosser Neu­ gierde schlugen wir trotzdem ein Loch in die Verschalung und leuchteten mit einer ­Taschenlampe dahinter. Eine zweite kleine Öffnung bohrten wir vom Dachboden in die Decke. Mit einem Spiegel schauten wir hinunter, ob allen­ falls noch die alten Alabasterlampen vorhanden seien – doch sie waren alle weg. Tatsächlich befanden sich dort aber die inzwischen bekannten Grisail­ len, in Schwarz, Grau und Weiss gehal­ tene Malereien mythologischer Figuren – beschädigt zwar, aber sie waren zu se­ hen. Weil wir keine Probleme mit der Denkmalpflege haben wollten, unter­ nahmen wir nichts weiter. Wir hatten

Oben: Das purifizierte Kino Seefeld in den 1950erJahren, so wie es sich noch zu Razzia-Zeiten ­präsentierte: mit Gipsplatten verkleidete Wände und eine ­abgehängte Decke. Unten: Projektoren in der Razzia-Vorführkabine.


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kein Interesse daran, dass nun alles freigelegt und das Kino womöglich geschlossen würde. Für das Freilegen der Malerei­ en war es noch früh genug, als ich das Kino verlassen musste. Ich wusste, dass die Malereien dort waren, und wenn wir hät­ ten bleiben können, wäre es ja auch schön gewesen, alles zu restaurieren. Doch ganz so einfach wäre das nicht gewesen, weil es für einen Kinobetrieb eine Isolation braucht – entwe­ der aussen oder innen. Die Fassade war ungedämmt, das konnte man in den Zwanzigerjahren noch machen, aber heu­ te ist das weder akustisch noch energetisch vertretbar. Wollte man also die Gemälde erhalten, hätte man eine Aussendäm­ mung anbringen müssen, und die Denkmalpflege wäre dann vor dem Konflikt gestanden, entweder die Fassade zu erhal­ ten oder auf die Gemälde im Innern zu verzichten. Natürlich war ich auch etwas sauer auf die Hanuver AG, weil sie mich nach Ablauf des Mietvertrags tatsächlich

Überraschung nach der Schliessung des Razzia: Unter den Wänden und der Decke kommt die ­Dekoration aus dem Jahr 1922 zum Vorschein.


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rausgeschmissen hat. Und dies, obwohl das Kino doch so gut gelaufen ist. Es war völlig klar, dass es noch lange keinen Ent­ scheid über die künftige Nutzung geben würde, man hätte also das Razzia in Ruhe weiterbetreiben können. Deshalb hat­ te ich keine moralischen Bedenken der Hanuver AG gegen­ über und bot am letzten Tag einen Vertreter des Vereins Pro Inneres Seefeld und je einen Vertreter des Zürcher Heimat­ schutzes und des Schweizerischen Instituts für Kunstwissen­ schaft (SIK) auf. Nachdem wir die Projektoren abmontiert hatten, sägte Lukas mehrere Löcher in die Gipsverschalung und legte die Malereien darunter frei. Die Experten haben erwartungsge­ mäss sofort reagiert: Sie verfügten, dass am Gebäude nichts weiter verändert werden dürfe, bis die denkmalpflegerischen Untersuchungen abgeschlossen seien. Bisher hatte es nur die Auflage gegeben, die Fassade zu erhalten. Nun folgte die Un­

terschutzstellung, was faktisch einer Enteignung der Hanuver AG gleichkam. Ab sofort gab es keine kommerzielle Nutzungs­ möglichkeit mehr für dieses Baudenkmal. Die ursprüngliche Idee, im Erdgeschoss hinter verglasten Rundbögen einen Showroom für Autos und in den oberen Stockwerken Büros einzurichten, war endgültig gestorben.

Vom Razzia zum Multiplex Ironischerweise hat die Schliessung des kleinen Off-Kinos Razzia im April 1989 über Umwege zum Bau des Multiplex­ kinos Cinemax geführt, das heute Abaton heisst. In den Zei­ tungsberichten zur Schliessung des Razzia wurde stets er­ wähnt, dass Judin geeignete Räumlichkeiten suche, um das Razzia weiterleben zu lassen. Tatsächlich rief mich ein paar Wochen nach dem Ende des Razzia Peter Vonlanthen an, der damalige Geschäftsfüh­ rer des Kaufmännischen Verbands Zürich (KVZ). Der Verband hatte gerade die leere Seifenfabrik-Halle am Escher-WyssPlatz von der Familie Steinfels übernommen, um sie als Er­ weiterung für die Berufsschule zu nutzen. Die bestehende Schule platzte aus allen Nähten, und so hätten in der ehema­ ligen Fabrik neue Klassenräume entstehen sollen. Doch mit diesen Plänen bissen die Verantwortlichen bei der Zürcher Hochbauvorsteherin Ursula Koch auf Granit. Für diese Art der Umnutzung erteilte die Stadt keine Bewilligung, vermutlich, weil man in die zehn Meter hohen Hallen Böden hätte ein­ ziehen müssen. Vonlanthen rief mich also an und sagte, er könne mir Räumlichkeiten anbieten, in die sich ein Kino wohl einbauen liesse. Kurz darauf stand ich in diesen riesigen Hal­ len und sagte, hier könne man ja zehn Razzias realisieren! – «Umso besser, dann machen Sie’s doch», antwortete Vonlan­ then ungerührt. Mit dieser Idee klopfte ich bei George Reinhart an, dem Volkart-Erben und Kulturmäzen, der schon bei Cactus Film eingestiegen war, als der Verleih dank dem Razzia auf Er­ folgskurs war. In einem mutigen Moment sagte Reinhart zu: Gut, das machen wir! Noch während der Bauzeit allerdings

Nun ist es amtlich: Das Kino Seefeld wird 1993 endgültig unter Denkmalschutz gestellt.


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verlor Reinhart leider die Nerven, das Projekt wurde teurer als budgetiert und es kam zu technischen Komplikationen. Ob­ wohl ich am Projekt beteiligt war, verkaufte es Reinhart über meinen Kopf hinweg an Erwin C. Dietrich. Lange Zeit glaubte niemand daran, dass ein Kino am Escher-Wyss-Platz erfolg­ reich sein könnte – kein Zürcher würde in diese trostlose Ge­ gend ausgehen wollen. Dietrich aber zog schliesslich Jahr für Jahr mehrere Millionen Franken Gewinn aus dem Kinokom­ plex – das Cinemax wurde zum profitabelsten Kino in Zürich und veränderte die Machtverhältnisse im Kinomarkt. Man muss sich vergegenwärtigen, dass es damals das Löwenbräukunst-Zentrum in der ehemaligen Brauerei noch

nicht gab, auch nicht die Toni-Molkerei und die vielen Clubs, die später in der Umgebung eröffneten, vom Schiffbau des Schauspielhauses ganz zu schweigen. Im Maag-Areal wurde noch industriell produziert, und unter der Hardbrücke war es nachts stockdunkel. Kurz nach dem zu frühen Ausstieg aus dem CinemaxProjekt hat mich Reinhart auch aus der Rialto-Gruppe ge­ drängt, mit der ich inzwischen Kinos in Luzern, Bern und Ba­ sel eröffnet hatte. Unverdrossen gründete ich einen neuen Verleih: die Focus Film. Mit wenig Geld und etwas Glück ge­ langen mir dort einige Anfangserfolge – Pulp Fiction von Quentin Tarantino gehört dazu.

Oben links: Platz für zehn Razzias: Jürg Judin ­richtet im Steinfels-Areal das erste Multiplexkino in Zürich ein. Ansicht der Cinemax-Baustelle aus dem Jahr 1993. Oben rechts: Das Cinemax (heute Abaton) zur Zeit der Eröffnung 1993. Oben: Jürg Judin (links) erhält Gratulationen zur gelungenen Eröffnung des Cinemax.


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Adieu Cannes

«Züri-Blues»

Parallel zu meinen Kino- und Verleihaktivitäten hatte ich zu Beginn der 1990er-Jahre in London beim Aufbau eines Ver­ leihs mitgewirkt, Reprisenkinos programmiert und für den Aufbau eines der allerersten Arthouse-Videolabels internatio­ nal die Rechte an Filmklassikern aufgekauft. Später bin ich in die Produktion eingestiegen und habe ein paar Filme kopro­ duziert – es war die Blütezeit der Independents. Aber irgend­ wann begannen mich die Oberflächlichkeit und das Repetitive­ der Filmbranche zu langweilen. Nach dem 15. oder 16. Besuch am Filmmarkt in Cannes hatte ich genug, die Szene ekelte mich geradezu an. Ich sah, was aus den alten Verleihern ge­ worden war, die keine Ahnung mehr hatten, was die Leute ­sehen wollten, weil das Publikum mehrheitlich aus der Gene­ ration ihrer Enkel bestand. Mein einstiger Plan, spätestens mit 40 aus dem Film­ geschäft auszusteigen, verfestigte sich, auch wenn ich mir in­ zwischen nicht mehr vorstellen konnte, mein Jura-Studium wiederaufzunehmen – wie ich das meinen Eltern versprochen hatte, als ich zugunsten des Razzia mein Studium sausen liess. Verschiedene Aktivitäten hatten mich mittlerweile von der eigentlichen Filmbranche weg­ geführt. Mit Hans-Joachim Flebbe entwickelte ich das deutsche Cine­ maxx-Label in der Schweiz, wir bau­ ten zusammen im luzernischen Em­ menbrücke, in Genf und in Dietlikon Multiplexe auf: Dabei ging es aber mehr um Immobilienentwicklung im grossen Stil als um Film. Die Fo­ cus Film lief zwar nach wie vor ganz gut, befriedigte mich aber auch nicht mehr. Ich hatte in knapp zwölf Jah­ ren die Rechte an über 300 Filmen ge­ kauft und die meisten davon ins Kino gebracht. Es war höchste Zeit, etwas Neues anzufangen.

Kunst hatte mich schon immer interessiert, ich habe mit Be­ geisterung gesammelt und alles Geld, das ich mit Film ver­ dient habe – wenn ich nicht gerade mal wieder mit Film viel verloren hatte –, in Kunst investiert. Fünf Wochen vor meinem 40. Geburtstag eröffnete ich an der Lessingstrasse in Zürich Enge die Galerie Judin. Mein Einbrechen als Quereinsteiger in die recht verschlossene ­Zürcher Galeristenszene erinnerte mich sehr an meine ersten naiven Schritte in der Kinobranche. Ähnlich wie im Filmbusi­ ness existierte auch eine «Kunstmafia». Und obwohl die Kunst­ szene mich im Grunde freundlich aufnahm und meine Gale­ rie recht erfolgreich war, verspürte ich bald einen «Züri-Blues». Jahrelang war ich zwischen London und Zürich hin- und her­ gependelt und bin auf der Suche nach guten Filmen um die Welt geflogen. Plötzlich fühlte ich mich mit der Galerie in Zü­ rich irgendwie gegroundet. Nach nur vier Jahren zog ich des­ halb ins aufregende Berlin, wo ich eine stillgelegte Tankstelle aus den 1950er-Jahren zu einem ungewöhnlichen Wohnhaus umbauen konnte. Meine Galerie befindet sich in der ehemali­ gen Druckerei des «Tagesspiegel»: wunderbare, neun Meter hohe Hallen mit Tageslicht, wie man sie in Zürich niemals fin­ den würde. In Berlin ist Raum immer noch günstig zu haben. Auf das Razzia werde ich auch heute noch gelegentlich angesprochen. Wenn mir die Kassiererin nicht von den Schwierigkeiten dieses ominö­ sen Herrn Sommer beim abend­ lichen Bier im Apollo erzählt hätte, ich wäre wohl Anwalt ge­ worden.

Mit Pulp Fiction und anderen Filmen wurde Jürg Judin nach dem Razzia-Abenteuer ein international erfolgreicher Verleiher.


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Reinigen, Retuschieren, Rekonstruieren

Wie weit soll man gehen? – Diese Frage stellt sich bei vielen Restaurierungs­ arbeiten von Kunstdenkmälern, deren ursprüngliche Form nur noch teilweise bekannt ist. Wollte man den originalen Zustand mit all seinen Details wieder­ herstellen, käme man nicht ohne Ver­ mutungen, Hypothesen und Interpreta­ tionen aus. Denn oft ist das Objekt im Laufe der Zeit gleich mehrfach über­ formt worden, wie das Kino Seefeld. Welcher Zustand also wäre zu konser­ vieren? Im Fall des 1922 von Wilhelm Pfister-Picault (1875–1948) erstellten und von Otto Haberer-Sinner (1866– 1941) ausgestatteten Gebäudes haben sich die Architekten Hemmi Fayet mit der Denkmalpflege der Stadt Zürich da­ rauf geeinigt, die räumliche Wirkung des originalen Kino­ saals ohne eine komplette Rekonstruktion wieder erlebbar zu machen.1 Dies bedeutet, dass man auch beim Kino Seefeld nicht um Kompromisse herumkam. So stiess die mit der Restaurie­ rung beauftragte Firma IGA Archäologie Konservierung und IGA Stuckatur GmbH im Verlauf der Arbeiten auf immer neue He­rausforderungen. Kleinere Entscheidungen wurden in Eigen­verantwortung ad hoc gefällt, grundsätzliche Fragen mussten diskutiert und gelöst werden – sei es, um das Einver­ ständnis der Denkmalpflege zu erhalten, sei es, weil mit Mehr­ kosten zu rechnen war, oder im Hinblick auf die später vorge­ sehene Nutzung als Restaurant. Auf der Basis des Konzeptes von Hemmi Fayet haben deshalb auch die Innenarchitektinnen­ des Ateliers Zürich massgeblich zum endgültigen Raumein­ druck beigetragen – etwa durch das Fischgrat-Eichenparkett, die Rampen entlang der Wände, die abgetreppten Podeste oder­ durch die originalgetreue Auslegung des Eingangs­be­ reichs mit schachbrettartig verlegten Keramikplatten.

Restaurierung und Konservierung des Kinos Seefeld Urs Steiner

Der Razzia-Saal steht bereit für die Restauration.


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Oben: Nach Entfernung der Hülle von 1952: Reste der Entlüftungsanlage, eingelassene Holzdübel, Reste der ehemaligen Wandbespannung.

Unten: Hervorstehende Elemente wie hier die ­Basen von Pilastern und Säulen wurden 1952 ­weitestgehend zerstört.


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Wachsende Wertschätzung 1983 waren es vor allem städtebauliche und baujuristische Gründe gewesen, die zu einer ersten Unterschutzstellung des Gebäudes geführt hatten. Betroffen war damals allerdings erst die Kinofassade. Die Eigentümerfamilie Gablinger beab­ sichtigte, das Kino durch einen fünfstöckigen Neubau zu er­ setzen und die Villa Mainau auszuhöhlen. Da ein Neubau ­jedoch wegen der inzwischen um vier Meter zurückversetzten Baulinie nicht bewilligungsfähig war, einigte man sich mit der Behörde auf ein Umbauprojekt, bei dem die Kinofassade erhalten geblieben wäre.2 Nachdem jedoch 1989 die Dekorati­ onsmalereien und die Stuckaturen im Innern entdeckt wor­ den waren, verfügte der Zürcher Stadtrat 1990 einen integra­ len Schutz, der 1992 vom Bundesgericht bestätigt wurde.3 Dass mit dem Kino Razzia ein profaner Zweckbau geschützt wurde, hatte aber auch mit den sich in­ 14 Der Architekt Wilhelm Pfister-Picault (1875–1948) zwischen gewandelten Schutzkriterien Wilhelm Pfister-Picault wurde 1875 in Müllheim TG geboren. Er zu tun. Spätestens im Denkmalschutz­ jahr 1975 wurde «der traditionelle Be­ ­absolvierte eine Ausbildung am Technikum Winterthur und in griff des Kunstdenkmals in Frage ge­ ­München, von wo er 1898 nach Zürich zurückkehrte. Die Jahre 1904 bis 1909 verbrachte Pfister-Picault in Karlsruhe, Solothurn, stellt und die Grenze zwischen hoher Zürich, Bern und Erlenbach. Von 1909 bis zu seinem Tod 1948 Kunst und Alltagskunst, zwischen Herr­ schaftskunst und bürgerlicher Kultur, ­lebte er als Architekt in Zürich. Zwischen 1911 und 1932 baute er in ­Zürich verschiedene Geschäfts- und Wohngebäude, darunter zwischen Hütte und Palast, zwischen zahlreiche ­Genossenschaftssiedlungen sowie das Bürohaus Kirche und Fabrik aufgehoben».4 Es ging fortan um die Enthierarchisierung ­Walche (Walchestr. 31/33). Als sein Hauptwerk gilt das 1925 gebaute und 1983 abgebrochene Esplanade-Gebäude beim Opernder zu schützenden Objekte, um eine sozial- und wirtschaftsgeschichtlich ori­ haus, das später als Bernhard-Theater bekannt wurde. entierte «Spurensicherung». Neu galten auch Fabrikanlagen und andere Profanbauten als potenziell erhaltenswert. Von dieser eher neuen denkmalpflegerischen Haltung profitierte letztlich auch das Kino Seefeld, dieser Decorated Shed 5 avant la lettre. Immerhin handelte es sich bei dem Kino um eine einfache «Kiste», die nicht einmal architektonischformal auf der Höhe der Zeit war. Man muss nicht den Ver­ gleich mit Karl Mosers Zürcher Kunsthaus-Neubau von 1910


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oder gar mit Le Corbusiers praktisch zeitgleich in Paris errich­ teter Villa La Roche-Jeanneret bemühen, um die Rückwärts­ orientierung des Kinogebäudes im Seefeld anschaulich zu machen. Das Duo Pfister-Haberer hatte im Stil eines in der Bildwelt des Empire6 verankerten Art déco ein Filmpaläst­ chen errichtet, welches das bürgerliche Publikum nicht ver­ schrecken – sondern es im Gegenteil bei seinen ästhetischen Gewohnheiten abholen sollte. Und so berichtete die «Neue Zürcher Zeitung» in ihrer Eröffnungsbesprechung denn auch lapidar von einem «gemütlichen Raum ohne aufdringliche Zieraten», der «schlicht und vornehm» sowie «diskret in den Farben»7 sei. Unter diesen Prämissen ist es nicht verwunderlich, dass das Kino bereits 30 Jahre nach seiner Eröffnung arg ver­ schmockt und angestaubt gewirkt haben muss. Nach ­einem Hand­wechsel im Jahr 1950 von der Genossenschaft für Bau­ werte zur Familie Gablinger8 entschieden sich die neuen Be­ sitzer der Liegenschaft 1952 für eine Totalerneuerung. Das modern renovierte Kino sollte vermutlich eine ähnliche Aus­ strahlung haben wie das damals brandneue, 1948/49 erbaute Kino Studio 4 von Roman Clemens, in dem heute das Film­ podium Zürich untergebracht ist.9 Ausserdem musste den Kinobetreibern auch die Akustik Probleme bereitet haben – war das Kino Seefeld doch noch zur Stummfilmzeit erbaut worden. Inzwischen beeinträchtigte der Lärm von Trams und Autos auf der Seefeldstrasse die Tonfilm-Vorstellungen nach­ haltig. Also liess man 1952 das Vorkriegsdekor unter einer ele­ ganten, neuen Innenausstattung verschwinden. Der Orches­ tergraben wurde geschlossen, die Leinwand vergrössert, die

Links: Bodensondierung für die Tiefgarage, ­Wände und Decken sind mit Folien geschützt.


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Oben: Der Vorzustand des Kinos nach Einzug des neuen Betonbodens. Rechts hinten das ­einzige ­erhaltene Kapitell.


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Oben: Mit fertig restaurierter Decke. Am Architrav werden gerade kleine Fehlstellen geschlossen. Die neu gegossenen Kapitelle sind bereits eingesetzt. Mitte: Zerstörtes Zahnfries, partiell zerstörte ­Lüftungseinlässe, grosse Ausbrüche am Architrav. Unten: Lüftungseinlässe in der Grundform ergänzt, Zahnfries ergänzt und bereits teilweise neu ­gefasst. Fehlstellen im Architrav geschlossen, teils retuschiert. Pilasterkapitell ergänzt und neu ­gefasst. Das Säulenkapitell fehlt noch.


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Bestuhlung ersetzt und im Foyer wurde ein kubisches Kassa­ häuschen eingebaut.10 Der Kinosaal erhielt eine abgehängte Decke mit schwarz-grauem Streifenmuster. Befestigt wurde sie, indem Löcher durch die bestehende Decke geschlagen und Eisenkrampen um die darüberliegenden Stahlträger ge­ schlauft wurden. Die rund 30 Alabasterlampen, die den Zei­ tungsreportern in den Eröffnungsberichten noch besondere Erwähnung wert gewesen waren11, gingen dabei verloren. Zur Befestigung der Wandpaneele aus Gips wurden ohne Rück­ sicht auf die bestehenden Malereien oder die Stucka­turen in einem gleichmässigen Raster Vertiefungen in die Wände ge­ schlagen und darin Holzdübel von 5 x 5 Zentimetern Durch­ messer eingegipst. Für Elektroleitungen und andere Unter­ verputzrohre schnitt man Schlitze in die Wand – auch mitten durch Malereien und Stuckaturen. An die Seitenwände häng­ te man linsenförmige Wandleuchten, die an einem konstruk­ tivistisch-expressiven Metallgestänge befestigt waren. Die Projektionskabine schliesslich – bis dahin geschmückt durch einen bildhaften Reliefstuck mit zwei Sphinxen, flankiert von

Oben: Erste Fassung der neu versetzten Pilasterkapitelle unter der fertigen Decke.

zwei Fackeln – verschwand hinter einem senkrecht gestreif­ ten, kubischen Umbau. Wo Säulen- oder Pilasterkapitelle zu weit hervortraten und den Einbau des neuen Raum-Innenfutters störten, wur­ den sie kurzerhand heruntergeschlagen, ebenso Stuckaturen wie Eierstäbe, Zahn- oder Blattfriese, Teile des Architravs oder des Bogenrandstucks der Fenster. Es ist offensichtlich, dass die Handwerker nicht im Traum daran gedacht haben, das alte Kino könnte jemals wieder hervorgeholt werden.

Den ursprünglichen Raumeindruck wiederbeleben Das Fragmentarische, alle diese Verletzungen in Wand und Decke, sollte nach der Restaurierung von 2013/14 als Teil der Baugeschichte wahrnehmbar bleiben. Um dennoch den ur­ sprünglichen Raumeindruck wiederzubeleben, wurden die eingegipsten Holzdübel und Eisenverankerungen entfernt, die Löcher bis auf Grundverputzniveau geschlossen und farb­ lich angeglichen. In den Flächen liegt dieses Niveau etwa drei


Herstellung eines neuen Säulenkapitells in ­zahlreichen Arbeitsschritten.


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Millimeter unter dem Deckverputz, der in den Fehlstellen nicht aufgetragen wurde. Wegen diesen Vertiefungen, aber auch, weil der Grund­ verputz rauer ist als der Deckverputz, sind die Verletzungen in den Wandstrukturen je nach Beleuchtung besser oder weni­ ger gut erkennbar. Unzählige kleine Verletzungen wie Ham­ merschläge, Nagellöcher, teilweise auch grosse Risse wurden bis auf Deckverputzniveau gekittet und möglichst perfekt in die Umgebung einretuschiert. Vollständig ergänzt, reprofiliert und einretuschiert wurden hingegen die raumstrukturierenden Elemente wie Kapitelle und Basen, der Wandverputzsockel sowie der Zahn­ schnitt. Durch diese Teilrekonstruktion sollte der an die klas­ sische Antike angelehnte räumliche Eindruck wieder ablesbar werden. Zu Hilfe kam den Restauratoren dabei die Tatsache,

Eingerüsteter Saal, unten die beleuchtete ­Stuckwerkstatt.

dass in Blickrichtung Leinwand im hinteren linken Wand­ bereich je ein Pilasterkapitell sowohl als Eck- wie auch als Standardvariante erhalten geblieben war. Von ihnen konnten Abgüsse angefertigt werden, anschliessend wurden diese Re­ konstruktionen an den entsprechenden Positionen einge­ fügt. Verloren waren allerdings die beiden Kapitelle auf den Rundsäulen im Bühnenbereich. Ursprünglich sah man des­ halb vor, sie durch zwei Rohlinge zu ersetzen. Im Verlauf der Restaurierungsarbeiten entschied man sich jedoch zuguns­ ten eines harmonischen Raumeindrucks dazu, alle zentralen Elemente der Statik zu rekonstruieren – also auch die beiden Rundkapitelle. Dies liess sich umso besser rechtfertigen, als die Profile der verlorenen Kapitelle als Farbgrenze an der an­ grenzenden Wand präzise ablesbar geblieben waren.


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Weniger weit als bei den Kapitellen ist man bei der ­Restaurierung der Flächenprofile gegangen. Denn während ein über einer Säule ohne Kapitell schwebender Fries optisch stört, beeinträchtigen lückenhafte Pilasterschäfte, Decken­ friese und Fenstereinfassungen das Gesamtbild weniger. ­Diese flächenstrukturierenden Elemente wurden nur bis auf Grundverputzniveau ausgeglichen und leicht einretuschiert. Ebenso lückenhaft, da ebenfalls nicht ergänzt, erscheint der Architrav. Voll nachgebildet wurden sowohl der Zahnfries als auch der Eierstab beim Übergang von der Decke zur Wand – auch hier, um die tektonische Logik nicht zu beeinträchtigen. Von erhaltenen Fragmenten des Eierstabes wurden Abfor­ mungen mit Silikon als Grundlage für Gipsgüsse gemacht, welche anschliessend in die Fehlstellen eingepasst wurden. Endgültig verloren sind Teile des durchbrochenen floralen Lüftungsgitters über der Leinwand. Da dessen Form mangels Vorlage nicht vollständig zu eruieren war, liess man die Lü­ cken im Gitter bestehen.

Nach Abschluss der Stuckergänzungen erfolgten in mehreren Arbeitsgängen eine aufwendige Reinigung von der russhaltigen Verschmutzung sowie die Retusche von Fehl­ stellen und Kittungen. Generell wurden die originalen Ober­ flächen erhalten. In manchen Bereichen jedoch, z. B. an Tei­ len der Decke oder bei der Bühne hinter der Leinwand, waren im Laufe der Jahre Wasserschäden entstanden; dort und auch im vorgelagerten, schwarz überstrichenen Kassenraum wur­ de die Fläche neu überfasst.

Voll retuschierte und figurativ e ­ rgänzte Malereien Im Fall der Malereien ging die Konservierung und Restaurie­ rung einen Schritt weiter – wobei man beim Deckenmedaillon eine andere Strategie wählte als bei den Wandbildern. In ei­ nem ersten Schritt reinigte man vorsichtig sämtliche Malerei­ en mit speziellen Radierschwämmen. Anschliessend wurden die Löcher im Verputz ergänzt, hier allerdings bis auf das ­Niveau des Deckverputzes unter der Malschicht. Die Bilder

Vorbereiten der Fehlstellen im Deckenbild für die Kittung.


Das Deckenbild mit den Fehlstellen, die durch die Befestigung der abgehängten Decke entstanden sind. Als Referenzen der vorgefundenen ­Verschmutzung wurden kleine Stellen unbehandelt gelassen.


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Linke Reihe, von oben: Entfernung von Gips­ resten der Dübel von 1952 auf dem Original mit Skalpell und Schwamm. Der neu ersetzte Abguss eines Lüftungsgitters wird farbig gefasst.

Rechte Reihe, von oben: Vom Original abgeformte Güsse von Eierstäben. Ergänzung fehlender Elemente der Sockelzone bzw. der Lambris. Nacharbeiten am frisch versetzten Stuckband.

Retuschierfarben, in Reihen geordnet nach ­Zugehörigkeit.

Retusche an einer Sopraporte.


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zeigen deshalb keine Vertiefungen wie die monochromen im Segment Herbst: Es wurde ­versuchsweise figurativ voll re­ Wandflächen, und auch die Oberflächenstruktur wurde ange­ tuschiert und anschliessend so belassen, auch nachdem der glichen. Entscheid, auf eine vollständige Rekonstruktion des Decken­ Bei der Restaurierung der Malereien ist man teilweise bildes zu verzichten, endgültig ­getroffen war. Im Rundmedail­ vom ursprünglichen Konzept leicht abgewichen, welches vor­ lon beschränkten sich die Restauratoren darauf, den Deck­ gesehen hatte, bei den Wandbildern nur die Umrisslinien an­ verputz aufzutragen und die hellen Flecken farblich leicht satzweise zu ergänzen und die Fehlstellen ebenfalls sichtbar ­anzugleichen, damit die Fehlstellen nicht allzu störend in Er­ zu lassen. Eine Besonderheit bei den Wandbildern besteht da­ scheinung treten. Anders als am Eierstab der Wände wurde rin, dass Haberer zuerst die allegori­ schen Szenen hell gemalt haben muss und die schwarze Ausfassung erst am Der Dekorationsmaler Otto Haberer-Sinner (1866–1941) Schluss hinzufügte. Daraus ergaben Otto Haberer-Sinner, aus Ludwigsburg stammend, gelangte nach einem Studium an sich scharfe Kanten bei den Figuren, den Kunstgewerbeschulen Stuttgart und München 1891 als Malermeister nach was den Gemälden etwas Grafisches ­Zürich. 1894 siedelte er nach Bern über, wo er zusammen mit E. Bognar ein Maler­ verleiht. Grössere Lücken in diesen klei­ geschäft führte. Auf Studienreisen kopierte er alte Meister, 1896 in Italien, 1908 in nen, fein gearbeiteten Bildern hätten München, 1915 erneut in Italien. Haberer schuf sich vor allem als gefragter «Hotel­ eine unbefriedigende Wirkung gezeigt, maler» der Belle Époque einen Namen. 1914 erhielt er an der Schweizerischen weshalb man sich schliesslich dafür Landes­ausstellung in Bern eine Gold­medaille. Im Nachlass, der im Staatsarchiv des entschied, sie voll zu retuschieren und Kantons Bern aufbewahrt wird, finden sich Restaurantskizzen für das Hotel Victoriafigurativ zu ergänzen. Jungfrau sowie Wandbemalungen für das Hotel Schweizerhof in Interlaken (beide Dies gilt jedoch nicht für das 1897), ein Wand- und ­Deckenaufriss für den ­Kronenhof in Pontresina (1898), Decken­medaillon mit seinen rund ­verschiedene Wand- und ­Deckenaufrisse für das Hotel du Lac, St. Moritz (1898/99), sechs Metern Durchmesser. Ursprüng­ Wand- und Deckenaufrisse für den Speisesaal im Hotel Steffani, St. Moritz (1902), lich als Fresko begonnen, arbeitete Otto und das Grand Hotel des S ­ alines, Bex (1903), sowie Skizzen für die Hotelhalle des ­Haberer in den folgenden Malschritten Grand Hotel Territet bei Montreux. 1896 war Haberer als ­Restaurator am Hauptportal mit Temperafarben hinein – ein gängi­ des Berner Münsters t­ ätig gewesen und gestaltete in der Folge auch verschiedene ges Vorgehen in der Dekorationsmale­ Kirchenräume, darunter die Kollegiumskirche Schwyz, Notre-Dame in Vevey und die rei. Auch das Deckenbild wurde zuerst reformierte Kirche W ­ ipkingen. In Zürich hat Haberer ausser dem Kino Seefeld die mit Radierschwämmchen gereinigt und Ausstattungen der K ­ inos Roland, Apollo und Uto realisiert, die alle nicht erhalten kleine Farbverluste von Stauchungen, ­geblieben sind. Ausserdem liegt in Haberers Nachlass ein Fotoalbum des von die sich im Verputz durch das Herein­ ­Wilhelm Pfister-Picault er­bauten Restaurants Esplanade in Zürich – das später als schlagen der Löcher ergeben hatten, re­ ­Bernhard-Theater bekannte Gebäude, das 1981 abgebrochen wurde.13 tuschiert. Die Eingriffsraster von 1952 wurden jedoch sichtbar gelassen, d. h., man verzichtete auf eine Voll­retusche bei den figürlichen Malereien. Einzige Ausnahme ist das linke Bein ­eines Rehs

Restauriertes Flachrelief an der Projektionskabine. Keine Stuckergänzungen, Retuschen des ­schwarzen Hintergrundes stellen die Umrisse ­wieder her.


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am zentralen Deckenspiegel, der das Medaillon einfasst, auch der bekränzende Blattfries nur auf Grundverputzniveau er­ gänzt – dies, weil die Raumarchitek­tur ohne diese Einfassung problemlos funktioniert. Ergänzt wurden lediglich kleinere Lücken im Eierstab, der den Rahmen des Medaillons selbst bildet. Das Stuckrelief an der Projektionskabine mit den bei­ den Sphinxen nimmt eine Sonderstellung ein. Hier hat man versucht, die Lesbarkeit – trotz grosser Verluste am Original – wiederherzustellen, indem nicht der fehlende Stuck ergänzt, sondern der dunkle Hintergrund wieder bis an die Grenzlini­ en der Relieffiguren herangeführt wurde.

Nach der Reinigung der verschiedenen Wand- und De­ ckenfelder zeigte sich, dass die Ausgestaltung des Raums in weit mehr Farben gefasst war als ursprünglich angenommen. War man zuerst von drei bis vier verwendeten Flächenfarben ausgegangen, fanden die Restauratoren schliesslich mindes­ tens 14 bis 15 verschiedene Töne – Haberer erzielte damit wohl mehr räumliche Tiefe. Verstärkt wurde die edle Anmutung des 1922 in kurzer Zeit hochgezogenen Zweckbaus schliess­ lich durch Bespannungen mit Seide von Poucet in den Feldern­ der Rückwand. Betritt man nach Abschluss der Restaurierungsarbei­ ten den Raum, ist es möglich, wie auf einer Zeitreise die ver­

Oben: Deckenstern im ehemaligen Kassaraum: Der Stuck wurde ergänzt, die Risse saniert. Rechte Seite: Nachkontrolle vom Rollgerüst aus.


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schiedenen Stadien des Kinos zu erleben: Je nach Einstellung der Optik fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit der Belle Époque, nur schon mit einer leichten Fokusverschiebung ist es aber auch möglich, die Optik auf die fast 25 Jahre dauernde Ära des Gebäudes als pittoreske Bauruine einzustellen. Wer­ den aus der Projektionskabine wieder Bilder auf die Leinwand­ geworfen, kann man sich trotz fehlender Kinobestuhlung und begradigtem Fussboden sogar die Lichtspielatmosphäre mit zuckelnden Bildern und dem schmetternden Hausorches­ ter von Giovanni Aversano12 herbeifantasieren. Verschwun­ den ist einzig der Razzia-Chic der 1980er-Jahre, als Jürg Judin aus dem heruntergekommenen Kino ein Trendlokal für Stu­ diofilme gemacht hatte. Der Name Razzia und die Genug­ tuung, dass ohne diese kurze, aber bewegte Ära hier ein Büro­ gebäude stünde, tröstet jedoch über diesen Verlust hinweg.

1 Quellen, sofern nicht anders ausgewiesen: IGA Archäologie Konservie­ rung, Christof Thur und IGA Stuckatur GmbH Fredi Bosshard, Zürich. 2 Vgl. Brunner, Stephan. Kino Seefeld und Villa zur Mainau. Diplomwahl­ facharbeit Departement Architektur, Institut für Denkmalpflege, ETH ­Zürich. Zürich 2003, S. 16. 3 Vgl. u. a. ebd., S. 40. 4 Bundesamt für Kultur, Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege (Hrsg.). Patrimonium. Denkmalpflege und archäologische Bauforschung in der Schweiz. gta Verlag, ETH Zürich, Bern und Zürich 2010, S. 251ff. 5 Vgl. Venturi, Robert; Scott Brown, Denise; Izenour, Steven. Learning from Las Vegas. MIT Press, Cambridge, MA, 1972. 6 Vgl. NZZ, 19.10.1922. 7 NZZ, 19.10.1922. 8 Vgl. Brunner, Stephan (2003), S. 63. 9 Vgl. Hochbaudepartement der Stadt Zürich, Amt für Hochbauten, Silvio Schmed, Arthur Rüegg (Hrsg.). Kino Studio 4 – Filmpodium. Erneuerung und Erweiterung. Die Erneuerung des ein­maligen Kinoraums von 1948. gta Verlag, ETH Zürich, Zürich 2004. 10 Vgl. Brunner, Stephan (2003), S. 34. 11 Vgl. Tages-Anzeiger, 19.10.1922; NZZ, 19.10.1922. 12 Vgl. NZZ, 21.10.1922. 13 http://www.query.sta.be.ch/detail.aspx?ID=79429. 14 Vgl. Brunner, Stephan (2003), S. 12, 58.


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Artemis – Schutz­göttin des Kinos

Erst 1989, als das Kino Razzia geschlossen wurde, hat man unter der Täfelung des Innenraums die 14 friesartig den Wänden entlanglaufenden Wandmalereien und das Deckenmedaillon wiederentdeckt. Das bis dahin in Vergessenheit geratene Dekor entstand wie der Bau des ehemali­ gen Kinos Seefeld in den Jahren 1921/22, also noch zur Zeit des Stummfilms. Je 1,50 x 0,40 beziehungsweise 0,50 Meter gross, er­wecken die Werke den Ein­ druck einer in Art déco stilisierten alt­ griechischen Vasenmalerei. Technik und Farbe der Darstellungen – sie sind in hel­ len Grau- und Grüntönen bis hin zu Schwarz gehalten – sowie ihre Thematik verweisen auf die klassische Antike. Das Schönheitsideal der Figuren, vor allem der Frauen, entspricht allerdings dem der 1920er-­Jahre. Dem Stil der Gebäudefassade folgend, die an einen griechischen Tempel erinnert, stellte der Schweizer Dekorationsmaler Otto Haberer (1866–1941) die 14 Szenen ähnlich wie auf einer grie­ chischen Vase dar: die Figuren fast durchwegs nebeneinander angeordnet, ohne perspektivisch erzeugte Räumlichkeit. Die­ se doch recht aufwendige, an die griechische Antike ange­ lehnte Innengestaltung wirft die Frage auf: Wie stehen die Malereien in Bezug zu Kino und Film?

Ikonografie der Wand- und Decken­malereien im Kino Seefeld Carolina Morgan-Grap

Tag und Nacht Blickt man in Richtung Bühnensockel, so ist rechts Selene dargestellt, wie sie ihren von drei Ochsen gezogenen Wagen zur Leinwand hin lenkt (Abb. 2). Von links fährt Helios mit sei­nem Pferdewagen auf die Projektionswand zu (Abb. 1). Über diese beiden Gottheiten aus der griechischen Mytholo­ gie wird der Raum definiert. Selene, die Mondgöttin, bezeich­ net den rechten Halbraum als Nacht-, der Sonnengott Helios den linken als Taghälfte. Betrachtet man nun die vier ­Bilder an der Seitenwand der rechten Hälfte hinter Selene, erkennt

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Der Sonnengott Helios zieht mit seinem Wagen laut der griechischen Sage seine Bahn am H ­ immel ­während des Tages. Im Kino Seefeld findet sich eine Darstellung von ihm links neben der ­Leinwand.

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Die Mondgöttin Selene löst ihren Bruder Helios mit ­ihrem Ochsenwagen des Nachts ab. Ihre Darstellung befindet sich rechts neben der Leinwand.


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man, dass sich die Bewegungsrichtung an ihr orientiert. Die Figuren auf den Darstellungen sind in einer Bewegung nach vorne begriffen und bilden so quasi einen Prozessionszug in Richtung Leinwand, wobei die Mondgöttin Selene den Kopf bildet. Dasselbe ist der Fall im Fries der linken Seitenwand, wo Helios das Haupt darstellt. Die Nacht und der Mond werden in der griechischen Mythologie durch weibliche Allegorien beziehungsweise Gott­ heiten verkörpert, der Tag und die Sonne durch männliche. Die Hauptfiguren in den Darstellungen an der rechten Seiten­ wand sind denn auch weiblich und jene an der linken männ­ lich. Sieht man davon ab, stellt sich doch die Frage, woran sich genau zeigen lässt, dass der Raum imaginär in eine Nacht- und eine Tageshälfte unterteilt ist. Vergleicht man die beiden Seitenwände miteinander, ergeben sich erstaunliche Korrespondenzen zwischen den

Darstellungen, und zwar jeweils in diagonaler Verknüpfung. So weist die hinterste Szene des linken Wandfrieses eine auf­ fallend ähnliche Figurenkonstellation auf wie die vorderste des rechten Frieses, die zweithinterste links wiederum ent­ spricht der zweitvordersten rechts und so weiter. Als Beispiel sei hier das Bilderpaar Herakles–Athene beziehungsweise die hinterste Szene links (Abb. 12) und die vorderste Szene rechts (Abb. 3) beschrieben. Es sind je zwei kämpfende Figuren dar­ gestellt, die eine bereits in den Knien, die andere stehend mit erho­bener Waffe, hier Herakles, dort Athene in fast identischer­ Kämpferpose. In beiden Darstellungen bilden Schlan­gen­ köpfe die Mittelachse des Bildes: einmal die der Lernäischen Hydra,­ einer vielköpfigen Schlange mit Hundekörper, gegen die gemäss der Sage Herakles und sein Neffe Iolaos kämpften; das andere Mal gehören die Schlangenköpfe zum Wagen von Athene, die gegen einen Krieger kämpft. Herakles, die stehen­


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de Hauptfigur links, ist also männlich, Athene rechts weiblich.­ Dieses Bilderpaar wie auch die weiteren ist in seinen Entspre­ chungen spiegelverkehrt. Das heisst, der Raummittelpunkt ist zugleich Spiegelungspunkt, woran die Darstellungen der einen Wand seitenverkehrt an die andere Wand gespiegelt werden. Auch die Darstellungen der Selene und des Helios an der Frontwand unterliegen diesem Prinzip der Spiegelung. Die vier Malereien an der Projektorwand allerdings brechen mit dieser Regel: Zwar folgt die Bildkomposition der Darstel­ lungen, die ­direkt links und rechts neben dem Projektor ange­ bracht sind, ebenfalls dem Spiegelungsprinzip, nicht aber die beiden äus­se­ren Bilder, eine Darstellung der Artemis und eine Opferungsszene mit einem Stier. Auf dieses Rätsel werden wir noch zurück­kommen. Dieses Anordnungskonzept, das über die Prinzipien «Halbierung des Raums» und «Spiegelungsbeziehung der Sei­ tenwände am Raummittelpunkt» funktioniert, spielt auf die Funktionsweise der Camera obscura an. Diese Vorform des 1895 erfundenen Kinematografen wurde von Leonardo da Vinci (1452–1519) erstmals beschrieben: «Wenn die Fassade ­eines Gebäudes, ein Platz oder eine Landschaft von der Sonne beleuchtet werden, und man bringt auf der gegenüberliegen­ den Seite an der Wand einer nicht von der Sonne getroffenen Wohnung ein kleines Löchlein an, so werden alle erleuchte­ ten Gegenstände ihr Bild durch diese Öffnung senden und werden umgekehrt erscheinen. Wenn diese Bilder von einem durch die Sonne erleuchteten Ort entstehen und man sie in der Wohnung auf einem Papier auffängt, so werden sie wie ei­ gens auf dem Papier gemalt erscheinen. Das Papier muss sehr dünn sein und von der Rückseite betrachtet werden.»1 Zöge man entsprechend entlang der Halbierungslinie im Kinosaal eine imaginäre Wand empor, so wäre der Spiege­ lungspunkt, der Raummittelpunkt also, das von da Vinci ­beschriebene Löchlein, durch das Son­ nenstrahlen gebündelt werden. Bildlich 1 gesprochen strahlt also der Sonnengott 9 Helios alle Gegenstände beziehungsweise

Bilder der linken Saalwand an, die das Licht reflektieren und ihr Bild wiederum durch das Löchlein in der imaginären Wand senden. Die Gemälde erscheinen seitenverkehrt – und eigentlich auf dem Kopf stehend – an der gegenüberliegen­ den, rechten Saalwand. Otto Haberers Gestaltungskonzept des Kino­raums orientiert sich demnach am Phänomen und an der Funktionsweise einer ­Camera obscura – abgesehen da­ von, dass er die an die rechte Saalwand projizierten Bilder nicht auf dem Kopf stehend gemalt hat. Das wäre wohl doch ­etwas zu gewagt gewesen, und dieser Entscheid kann als Zu­ geständnis an Wahrnehmungskonventionen verstanden wer­ den. Die bereits erwähnten ­Begriffspaare Sonne – Mond, Tag – Nacht, hell – dunkel münden im Gestaltungs­zusam­men­hang mit einem­ frühen Belichtungsapparat schliesslich in Licht– Belichtung, das wohl wichtigste Phänomen für die Entste­ hung eines Films.

Artemis und Apollon Bleibt uns das Rätsel des Konzeptbruchs an der Projektor­ wand zu lösen, wo die Darstellungen der Artemis und die ­Opferungsszene keinerlei kompositorische Gemeinsamkei­ ten aufweisen. Dazu lohnt es sich, den eisernen Vorhang des Opernhauses ­Zürich zu betrachten, das in kurzer Distanz zum Kino Seefeld liegt. Dieser Gemäldevorhang erfuhr ein ähnli­ ches Schicksal wie die Malereien des Kinos Seefeld: Er wurde 1890 ­angefertigt, irgendwann gefiel er nicht mehr, verschwand im Estrich des Opernhauses und wurde erst 1982 bei dessen Renovation wiederentdeckt, ­allerdings war er stark beschä­ digt. Nach einer umfassenden Renovation wird er nun jeweils nach der letz­ten Vorstellung heruntergelassen. Auch auf dem Opernhausvorhang sind Figuren aus der griechischen Mythologie dargestellt: in der Mitte die Sieges­ göttin Nike, rechts neben ihr Athene, die das Opernhaus – be­ ziehungsweise das Stadttheater, wie es 1890 noch hiess – beschützen soll. Beid­ 2 seits sind die neun Musen abgebildet, die 3 je eine der Künste verkörpern. Solche Dar­

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stellungskonzepte waren Ende des 19. Jahrhunderts recht po­ pulär, und das Publikum liebte es, vor Vorstellungsbeginn und in den Pausen die mythologischen Figuren und deren Botschaft zu erkennen und zu benennen.2 Bei genauerer Betrachtung des Opernhausvorhangs ­erkennt man, dass einige Figuren fast identisch sind mit ­solchen in Otto Haberers Kinomalereien. Man darf also durch­ aus annehmen, dass sich Haberer an diesem Gemäldevor­ hang orientiert hat. Doch nun zum Rätsel der Artemis: Der Patron der neun Musen ist der Gott der Künste, nämlich Apollon. Im Opern­ haus ist auch er dargestellt in einem Deckenmedaillon. Das ist kein zufälliger Zusammenhang, ganz im Gegenteil, denn der Gemäldevorhang gehörte zur ursprüng­lichen Innenaus­ stattung des heutigen Opernhauses.­ Apollon wiederum ist laut griechischer Sage der Zwillingsbruder der Artemis. Wenn sich Otto Haberer also in einzelnen Gestaltungselementen an den eisernen Vorhang des Opernhauses angelehnt hat, ist es möglich, dass er Artemis, die Schwester des Gottes der Küns­ te, zur Schutzgöttin des Kinos und des Films erkoren hat. Das erklärte den Bruch in Haberers Spiegelungskonzept im Kino­ dekor und die damit herausragende Stellung der Artemis im Kino Seefeld. Tatsächlich wurde der Film zur Entstehungszeit des Kinos gegängelt als reine Unterhaltung und sogar als mo­

Linke Seite: Schema der Bildpositionen im Kino Seefeld. Die Verbindungslinien geben an, welche Darstellungen sich in der Komposition entspre­ chen, wobei d ­ iesem Prinzip auch die Bilder 1 und 2 sowie 14 und 8 unterliegen. Oben: Der eiserne Gemäldevorhang des Opern­ hauses Zürich von 1891 zeigt die neun Musen, die Schutzgöttinnen der Künste, in ihrer Mitte die Sieges­göttin Nike, im Bild links von ihr Athene, die das ehemalige Stadttheater beschützen soll.

ralisch verwerflich abgestempelt. Den Film als Kunstform zu bezeichnen, kam kaum jemandem in den Sinn. ­Indem nun das ehemalige Kino Seefeld eine kunstvolle Innenausstattung erhielt, die derjenigen des Opernhauses in nichts nachstand, wurde ein Anschluss des Films an die höheren Künste ge­ sucht – und dem Kinopublikum wurden ebensolche Bilder­ rätsel aufgegeben, wie sie das Opernhauspublikum bereits kannte. Otto Haberer verlieh der jungfräulichen Jagdgöttin Ar­ temis denn auch die strahlendste und erhabenste Schönheit der Göttinnen im Kinodekor und einen langen Schwanenhals ganz nach dem Vorbild der Stummfilmdivas der 1920er-Jahre. In seiner Darstellung treibt Artemis, stehend mit der Peitsche, zwei Rehe an, die ihren Wagen ziehen – in grosser Ähnlichkeit zur Mondgöttin Selene, die an der gegenüberliegenden Wand von ihrem Ochsenwagen gezogen wird. In der griechischen Mythologie wurden diese beiden Göt­tinnen bisweilen einander gleichgesetzt, wobei Selene ­zugunsten der Artemis nach und nach an Bedeutung verlor. Auch dies unterstützt die herausragende Stellung der Artemis.­ Die Verbindungslinie zwischen den Darstellungen der Artemis­ und der Selene lässt eine stärkere Gewich­tung der beschriebe­ nen imaginären dunklen Hälfte im Kino vermuten, dem be­ lichteten Teil also – eine Gewichtung, die entsprechend­ dem


Tageshälfte 9

Der sitzende Mann mit Diadem und einem Baum­ szepter in der Hand, der einem Satyrknaben an seinen Knien zu trinken gibt, stellt vermutlich den Weingott Dionysos dar. Eine Dienerin hält ihm ­einen Krug entgegen, eine weitere Frauenfigur mit einem Thyrsosstab in der einen und einem ­Häschen in der anderen Hand steht hinter ihm. Die Komposition entspricht jener in Abb. 6.

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Ein Kentaur, der von einem Eroten geritten und an­ getrieben wird, wird vorne von einer Mänade an den Haaren gezogen und hinten von einer weite­ ren am Schweif gezerrt. Bildthematisch steht diese Darstellung in Bezug zu Abb. 5, da in beiden die Bändigung der nach der griechischen Sage unge­ hobelten, lüsternen Kentauren zentral ist.

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Das geflügelte Pferd Pegasos wird geführt vom Jüngling Perseus, der das Pferd aus dem Kopf der Medusa befreite. Ein Kitara-Spieler – der Apollo sein könnte, da die Kitara sein Attribut war – führt den Zug an, eine Flötenbläserin bildet das Schluss­ licht. Die kompositorische Entsprechung findet die­ se Darstellung in Abb. 4, der Entführung Europas.

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Die zweite von insgesamt zwölf Aufgaben, die ­Herakles aufgetragen wurde, war, die Lernäische Hydra, eine vielköpfige Schlange, zu erlegen. Sein Neffe Iolaos stand ihm dabei zur Seite. Komposito­ risch entspricht die Darstellung derjenigen in Abb. 3.

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Eine Frau fesselt einen Stier und zwingt ihn in die Knie, um ihn zu schlachten; ein Mann mit Thyrsos­ stab assistiert. Diese Opfervorbereitungsszene an der Projektorwand scheint in einer Handlungs­ abfolge mit der folgenden Malerei in Abb. 14 zu stehen.

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Opferszene: Ein geflügelter Genius und der Mee­ resgott Poseidon, erkennbar am Dreizack in seiner Hand, halten einen Palmwedel über etwas, das auf dem Altar in ihrer Mitte liegt. Hinter Poseidon folgt eine Flötenbläserin. Die Komposition entspricht weitgehend jener in Abb. 8, wobei dort Paris drei Göttinnen gegenübersteht und hier der Genius ­einem Altar und zwei Figuren gegenübersteht.


Nachthälfte 3

Athene auf dem Schlangenwagen kämpft mit einer Lanze und einem um den Arm gelegten Schild ­gegen einen Krieger. Die Schlangen scheinen tat­ sächlich die Zugtiere zu sein, wobei sie den ­Krieger ebenfalls züngelnd bedrohen. Das Bild ent­ spricht Abb. 12 an der Wand diagonal gegenüber.

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Die junge Frau und der Stier – die Szene spielt auf die griechische Sage von der Entführung der Kö­ nigstochter Europa an; der verliebte Zeus entführte sie in der Gestalt eines Stiers. Eine Tänzerin mit Tamburin führt den Zug an, ein Satyr mit Thyrsos­ stab treibt ihn an. Die Darstellung entspricht der Komposition in Abb. 11.

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Die Frau mit dem Pfauenfederschmuck an der Schleppe ihres Kleides ist vermutlich Hera, die Gattin Zeus’, denn der Pfau ist ihr Attribut als ­Zeichen ihres Stolzes. Die Federn könnten auch auf das Pfauentheater verweisen, das heutige Schauspielhaus, da diese Darstellung in dieser Richtung angebracht ist. Hera gegenüber sinkt ein von einem Pfeil getroffener Kentaur in die Knie. Die Szene hat keine kompositorische Entspre­ chung, jedoch einen bildthematischen Bezug zu ­jener in Abb. 10.

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Die sitzende Frau in der Mitte ist vermutlich die ­Liebesgöttin Aphrodite, die sich im Spiegel be­ trachtet. Von hinten bewirtet die Götterdienerin Hebe sie mit Krug und Tablett, eine weitere Frau­ engestalt tritt von vorne auf sie zu. Die Darstellung entspricht Abb. 9.

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Die Jagdgöttin Artemis auf ihrem von zwei Hirsch­ kühen gezogenen Wagen: Artemis als Zwillings­ schwester Apollons, des Gottes der Künste, ­eignete sich hervorragend als Schutzgöttin für die neue Kunstform Film. Die Darstellung entspricht derjenigen der Selene in Abb. 2 an der Wand visà-vis ­neben dem Bühnensockel.

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Das Urteil des Paris: Der Königssohn Paris muss urteilen, welche der Göttinnen Hera, Aphrodite und Athene die schönste ist, und ihr den Apfel ge­ ben. Die Wahl fällt auf Aphrodite. Die Darstellung entspricht in der Komposition Abb. 14.


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Film als belichtetem ­Material zukommen mag. Dieser weib­ liche Halbraum ist die dämonischere und – ­betrachtet man die eher gebrechlich dargestellten Götter Poseidon und Dio­ nysos an der Sonnenwand gegenüber – auch die dynamische­ re Hälfte. Man kann sogar noch weiter gehen: Betrachtet man die Fassade des ehemaligen Kinos Seefeld, im Speziellen die Kapitelle der Blendsäulen, so wird man auf den bekanntesten Artemistempel der Antike verwiesen, denjenigen in Ephesos (erbaut um 550 v. Chr.). Er zählte in der griechischen Antike zu den sieben Weltwundern. Die Kino­kapitelle besitzen die gleiche­ Form wie jene des Artemistempels in Ephesos. Wo­ möglich zog man beim Gesamtkonzept des Kinobaus einen

griechischen Tempel als ­Widmung an die Göttin Artemis von Anfang an in Betracht.

Deckenmedaillon und Lebensrad Das Kinodekor von Otto Haberer umfasst wie erwähnt nicht nur die Wände, sondern auch die Decke mit einem fast flä­ chendeckenden, kreisrunden Medaillon. In Stil, Technik und Gestaltung bildet es eine Einheit mit dem Wandfries. Doch wie passt es in das bisher beschriebene Gestaltungskonzept des Dekors? Das Deckenmedaillon zeigt zwölf ­Figuren, Allegorien auf die zwölf Monate, die radial angeordnet und der Kreislinie entlangmarschierend dargestellt sind, abwechslungsweise


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eine Frau und ein Mann. Die Sommermo­ nate liegen zur Leinwand hin, die Winter­ monate gegen die Projektorwand, wobei die Jahreszeiten durch den Bodengrund deut­ lich gemacht werden – Blumen und Wiese im Frühling und Sommer, fallende Blätter und Schnee im Winter. Der Jahreskreis be­ ginnt mit «Frau Januar», die zum Jahres­ wechsel die abgelaufene Sanduhr dreht, dem Gegenuhrzeigersinn folgend «Herr Feb­ruar», «Frau März» und so weiter. Sie sind je mit monats­typischen Attributen ver­ sehen, eine Narrenkappe ziert beispiels­ weise den Feb­ruar, Weiden­zweige umspie­ len den März. Die angedeutete Gehbewegung dieser Monats­ personifikationen folgt hingegen dem Uhrzeigersinn. Den Mittelpunkt des Medaillons bildet ein Kopf in strahlender Helligkeit, als Lichtquelle der Monats­figuren. Der Kreisrand des Medaillons wird gefasst und geziert durch eine Eier­stabstuckatur. Wie bereits bei der Ausmalung der Wände hat Otto Ha­ berer sich für das Deckenmedaillon von der Kinoarchäologie inspirieren lassen. Die Gestaltung weist frappierende Ähn­ lichkeit auf mit dem sogenannten Lebensrad, eine neben der Camera obscura wichtige Erfindung und Vorstufe des späte­ ren Kinematografen. Während die Camera obscura auf den Gesetzmässigkeiten in der Fortpflanzung des Lichts basiert, ist für das Lebens­rad eine Eigenschaft der visuellen Wahrneh­ mung entscheidend – die stroboskopische Täuschung, der das menschliche Auge bei einem­schnellen Bewegungsablauf unterliegt: Schnell auf­einanderfolgende Bilder können nicht mehr einzeln wahrgenommen werden, sondern nur als zu­ sammenhängende Abfolge – als Film eben. Beim Lebensrad nun, das 1832 entwickelt wurde, handelt es sich um eine Scheibe mit radialer Unterteilung in Kreissekto­ ren gleicher Grösse, wie bei einer geschnittenen Torte. In die­ se Sektoren wurde eine Bilderreihe gezeichnet, die eine Bewe­

gung beschreibt, im abgebildeten Beispiel ist dies ein Tänzer, der sich um die eigene Achse dreht. Auf den radialen Untertei­ lungslinien wurden kurze Sehspalten ein­ geschnitten. Betrachter blickten nun durch diesen Schlitz, hielten einen Spiegel vor die be­malte Scheibe und konnten darin die Be­ wegung des Tänzers sehen, wenn sie das Rad drehten.3 Die radiale Unterteilung des Decken­ medaillons und die fortlaufende Bewegung der Monatsallegorien sowie die Gestaltung überhaupt sind offensichtlich von einem solchen Lebensrad inspiriert. Auch den Be­ griff Lebensrad scheint Haberer gar in seinem Konzept be­ rücksichtigt zu haben, malte er doch einen­Zyklus der vier Jah­ reszeiten. Die Frage, was Otto Haberers Dekorationsmalereien im ehemaligen Kino Seefeld überhaupt mit Kino zu tun ha­ ben, lässt sich nun vielfältig beantworten: In Szenen aus der griechischen Mythologie und im Stil orientierte sich der Künstler an der Innenausstattung des Zürcher Stadttheaters, des heutigen Opernhauses. Er suchte damit das Kino und den Film an die etablierten Künste wie die Oper oder das Theater anzulehnen. Im Gestaltungskonzept orientierte er sich mit der Camera obscura und dem Lebensrad an Vorläuferappara­ ten des Kinematografen. Und mit der Artemis erkor er zudem eine eigene Schutzgöttin für die damals noch ganz junge Kunstform Film, wohl aber auch für den Kinobau selbst – Letzteres eine Funktion, die man der Artemis nach der wech­ selvollen Geschichte des Kinos, das einmal fast vor dem Ab­ bruch stand, gerne zugestehen möchte. 1 Aus: Zglinicki, Friedrich von. Der Weg des Films. Die Geschichte der Kine­matographie und ihrer Vorläufer. Berlin 1956, Seite 46. 2 Vgl. hierzu: Weber, Gabi. Der Gemäldevorhang von Franz Angel Rotto­ nara im Züricher Opernhaus. In: Jahrbuch 1993/94 des Opernhauses Zürich, Zürich 1993, Seite 116–128. 3 Vgl. hierzu wiederum: Zglinicki, Friedrich von (1956), Seite 113–128.


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Gerettet – was nun?

Offenbar gehört Zürich, wie André Bideau geschrieben hat, «ganz vorn mit zu den Städten, deren Ränder unendlich interessanter sind als die saturierte Innenstadt»1. Zweifellos ist der Prozess der Identitätsfindung, verbunden mit dem Willen zu einer «gut vermarkteten und trendig gelebten Urbanität» besonders aufregend. Allerdings sind es auch an der Peripherie nicht bloss selbst­verliebte Neubauten, die zu faszinieren vermögen. Gerade die vielfach durch Schutzmassnahmen ausgelöste Auseinandersetzung mit den in früherer Zeit abgelagerten Zuständen ist das Merkmal vieler Entwürfe, die für die viel gelobte neue Urbanität stehen.

Umnutzungen historischer Bauten im Seefeld Arthur Rüegg

Bauliche Zeugen des Maschinenzeitalters … Seit dem plötzlichen Wegzug der verarbeitenden Industrie aus Zürich-Nord und Zürich-West werden die einst verbotenen­ Städte, in denen Lokomotiven, Schiffsmotoren und Kraftwerksturbinen gebaut wurden, mit einer ungeahnten Dynamik von Kunstgalerien, Theatern, Schulen, Märkten, Eventhallen, Labors sowie zahllosen Büros und Wohnungen der Sonderklasse besiedelt. Nachdem die Option einer flächen­ deckenden Tabula rasa längst begraben wurde, können – oder müssen – viele der imposanten Backsteingebäude und Fabrikhallen in das gigantische Umnutzungsprojekt einbezogen werden. Die Ausmasse sind für Zürcher Verhältnisse enorm. Das neue Domizil der Hochschule der Künste, eine ehemalige Joghurtfabrik, übertrifft – wie André Bideau errechnet hat – in seiner Grundfläche das Centre Pompidou.2 Besonders in Zürich-West besticht einerseits der vielfältige Nutzungsmix, der sich anstatt der ursprünglich avisierten Dienstleistungsmonokultur etabliert, und anderseits die aufregende Mischung aus alten und neuen Bauten oder Bauteilen. Im Maag-Areal verbindet sich der Prime Tower von Gigon/Guyer Architekten (2011) auf einer städtebaulichen Ebene mit niedrigen Bürostrukturen und mit von Galerien, Restaurants, Läden und Ver-

Oben: Der 2013 unter der Federführung von ­Gigon/Guyer und Atelier WW umgebaute Löwenbräu-Komplex. Unten: Das älteste noch bestehende Tramdepot der Stadt Zürich aus dem Jahr 1893. Die Architekten Silvio Schmed und Arthur Rüegg haben den Bau am Burgwies 2006 zum Tram­ museum mit integrierter Migros-Filiale umgebaut.


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anstaltungsorten neu genutzten Altbauten. Auf dem Escher-Wyss-Areal künden nicht nur charaktervolle Relikte vom einstigen Herzen der Maschinenindustrie, in einigen Bereichen wird auch der ursprüngliche Betrieb noch weitergeführt. Während dem von Ruggero Tropeano im Büro Itten Brechbühl geplanten Technopark (1993) – seinerseits eine Art In­dustriebau – ein präzise definierter Teil der alten Strukturen weichen musste, blieb die benachbarte Schiffbauhalle mit all ihren Altersspuren erhalten. Die gewaltige Hülle nimmt seit dem Umbau durch Ortner & Ortner (2000) ein rundum verglastes Restaurant sowie verschiedene Spielstätten des Schauspielhauses

und in einem Zubau Werkstätten, Büros und Wohnungen auf. Auch der unter der Federführung von Gigon/Guyer und Atelier WW umgebaute LöwenbräuKom­plex ist mit einer weissen Aufstockung sowie einem schwarzen und ­einem roten Turm zu einem aufregenden Konglomerat von kulturellen und kommerziellen Nutzungen mit industriellem Flair verdichtet worden (2013). Auf der anderen Seite der Stadt, im Seefeld und den angrenzenden Gebieten, beeindrucken die Relikte einer vergangenen­


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helle Cafeteria im ehemaligen Stall und einen über die aufgeschuppte Holzschalung belichteten Saal im Dachgeschoss. Auf der gegenüberliegenden Seite des Wehrenbachs steht das älteste noch bestehende Tramdepot der Stadt Zürich. Dort richteten Silvio Schmed und Arthur Rüegg 2006 die grosse Wagenhalle für das neue Trammuseum her, in der kleinen Remise eröffnete die Migros eine Filiale. Wenn es dunkel wird, machen hinterleuchtete Tore aus transluzidem Kunststoff in knallig grünem Licht auf die Umnutzung aufmerksam. Weiter unten am Hornbach arbeitete ein Hammerschmied, bevor in den 1880er-Jahren eine Seidenweberei einzog und das Areal neu bebaute. Die 1994 von Rudolf und Esther Guyer sowie 2009 von Hasler Schlatter Partner sanierten und sensibel erweiterten Gebäulichkeiten bieten rund 400 Arbeits- sowie ­einige Wohnplätze für Personen mit Behinderung an.

Industriekultur weniger durch die flächendeckende Präsenz als – etwas weniger spektakulär – durch ihre siedlungsgeschichtliche Bedeutung. Hoch oben am Wehrenbach findet sich die letzte noch funktionsfähige wasserbetriebene Mühle mitsamt ihren Nebengebäuden. Der auf das 16. Jahrhundert zurückgehende Hauptbau beherbergt heute neben dem intakten Mahlwerk ein Geigenbauatelier. Im etwas jüngeren Knechtenhaus bauten die Architekten Monika Hartmann und Claude Vaucher 2005 den Quartiertreff Hirslanden ein, eine

Heute undenkbar, waren im 19. Jahrhundert die Seeufer bevorzugte Standorte für die Ansiedlung der verschiedenartigsten Infrastruktur- und Industrieanlagen. Die Grosstankstelle an der Verzweigung Rämistrasse/Stadelhoferstrasse liess sich schon vor geraumer Zeit perfekt in einen Kleiderladen mit grossen Schaufenstern verwandeln, während die untersten Geschosse des an den Sechseläutenplatz grenzenden Gebäudes der «Neuen Zürcher Zeitung» erst 2009 in den inzwischen hochkarätigen urbanen Kontext integriert wurden. Bis zur Eröffnung eines neuen Druckzentrums in Schlieren 1999 wurde hier die Zeitung gedruckt. Bevor das Medienunternehmen die Räume seiner ehemaligen Druckerei am Hauptsitz durch ­Läden und Restaurants kommerzialisierte, wurde das Hochund Tiefparterre innerbetrieblich zwischengenutzt. Besonders sympathisch wirkt die unspektakuläre Um­nutzung der im äusseren Seefeld an der Fröhlichstrasse 23 gelegenen ehemaligen Hühneraugenpflasterfabrik Lebewohl in einen – vom Jazzmusiker und Filmer Urs Wäckerli 2002 initiierten – Kulturklub. Ausser den direkt in die Sandsteingewände eingeklebten Schallschutzscheiben erinnert kaum etwas an die be-

Oben: Einst eine Tankstelle, befindet sich an der Verzweigung Rämistrasse/Stadelhoferstrasse ­inzwischen ein Kleiderladen mit besonderem Flair. Unten: 2002 initiierter Kulturklub des Jazzmusikers und Filmers Urs Wäckerli in der ehemaligen Hühneraugenpflasterfabrik Lebewohl an der Fröhlichstrasse 23.


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hördlichen Auflagen, die auch bei einem so bescheidenen Vorhaben strikte zu erfüllen sind. Schliesslich ist die repräsentative, auf den See ausgerichtete Schlossarchitektur der Mühle Tiefenbrunnen, die 1890 als Bierbrauerei den Betrieb aufgenommen hatte, unübersehbar. In diesem industriegeschichtlichen Hauptstück des Quartiers entstanden – nachdem 1983 die grosse, seit jeher elektrisch betriebene Wehrli-Mühle in den Kanton Luzern umsiedelte – nach den Plänen von Pierre Zoelly Wohnungen, Büros, Läden, das Restaurant Blaue Ente, das Theater Miller’s Studio und ein Museum, das Mühlerama. Aus einem monofunktionalen,

Oben: Vedute der Brauerei Tiefenbrunnen, die 1890 ihren Betrieb aufgenommen hat. 1913 wurde der Gebäudekomplex zu einer Mühle umgebaut. Unten: Die Mühle Tiefenbrunnen 1983 vor ihrer Umnutzung als Gewerbe-, Kultur- und Wohn­ komplex.


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Die Mühle Tiefenbrunnen vor und nach dem ­Umbau durch Pierre Zoelly 1983. In den verschiedenen Gebäuden wurden Büros, Läden, das ­Restaurant Blaue Ente, das Theater Miller’s ­Studio und das Museum Mühlerama unter­gebracht.


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für die Öffentlichkeit unzugänglichen Gebäudekomplex entwickelte sich in kurzer Zeit ein spannungsvoll durchmischtes, grossartig funktionierendes Amalgam aus alten und neuen Teilen, das die Experimente von Zürich-West um Jahre vorwegnahm.

… und einer vergangenen Wohnkultur Die bezüglich Umnutzung wirklichen Knacknüsse halten ­allerdings nicht diese gewerblichen Relikte bereit. Was im In-

dustriequartier die Fabriken, sind im Seefeld die reich de­ korierten Grossvillen. Die Zollikerstrasse erschliesst auf der ersten Geländeterrasse eine kaum unterbrochene Reihe von grossbürgerlichen Wohnhäusern, die bereits am Rand der Altstadt anfängt und über die Hohe Promenade bis zur Südgrenze der bis 1893 selbstständigen Gemeinde Riesbach reicht. Eine stark dezimierte zweite Serie von Villen befindet sich direkt­ am Seeufer. Die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandenen Bauten verkörpern die ebenso diszi­ plinierte wie differenzierte Wohnkultur des Historismus, die schon vor geraumer Zeit gänzlich aus der Mode gekommen ist. Niemand kann und will sich heute für jeden Wohnzweck ein separates ­Zimmer – und dazu die entsprechende Dienerschaft – leisten. Ausserdem wird die historistische Herrschaftsarchitektur seit bald einem Jahrhundert als Gegenbild der Moderne rezipiert und als ek­ lektizistisch, dekadent und erdrückend bekämpft; ihre allmähliche Rehabilitierung liegt wenig mehr als 40 Jahre zurück. Kein Wunder, bildet das Schicksal der Grossvillen im Seefeld auf exempla­ rische Weise den Wandel der Lebensentwürfe und – nicht zuletzt auch – der denkmalpflegerischen Prioritäten ab. Als einzige Optionen bieten sich seit jeher der Abbruch oder die Umnutzung an. Heute demonstrieren die überlebenden Villen ein einzigartiges Laborexperiment unterschiedlicher Möglichkeiten im Umgang mit historischer Substanz. Den ­Architektinnen und Architekten obliegt immer die schwierige Aufgabe, gleichzeitig die Bedürfnisse der neuen Nutzer zu befriedigen und die Identität der ursprünglichen Anlage zu klären und zu stärken.

Links: Neubauten ergänzen die L ­ iegenschaft mit attraktivem Wohnraum.


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Als die renommierten Architekten Haefeli Moser Steiger (HMS) – ausgerechnet die Schöpfer des mit der alten Ton­halle auf virtuose Weise verschmolzenen Kongresshauses – zwischen 1953 und 1959 das gesamte Gebiet zwischen Forch- und Seefeldstrasse von der Verzweigung Zolliker- und Feldegg­ strasse bis hin zur Hammerstrasse ohne Federlesens zum Abriss freigeben und mit einer grossräumigen Komposition gestaffelter Baukörper (sowie zwei Hochhäusern) neu besetzen wollten, lagen denkmalpflegerische Bedenken noch in weiter Ferne.3 Ganz im Sinne Le Corbusiers, der 1925 für die Realisierung seines Plan Voisin das gesamte Zentrum des alten Paris mit Ausnahme einiger Monumente schleifen wollte, hätte einzig die Neumünsterkirche überlebt. Alle aus dem 19. Jahrhundert stammenden grossen Wohnhäuser – inklusive der Bebauung an der Neumünsterallee und den besonders kostbaren Villen Seeburg und Bleuler – wären samt ihren Park­ anlagen auf der Strecke geblieben. Der Stadt- und der Regierungsrat beurteilten das Vorhaben wohlwollend. Auch mit den betroffenen Anwohnern konnte eine Einigung erzielt werden, doch scheiterte der Neumünsterpark schliesslich an der als negativ beurteilten Nachbarschaft zur städtebaulich domi-

nanten Neumünsterkirche von Leonhard Zeugheer aus dem Jahr 1839.

Nacht-und-Nebel-Aktion Das Vorhaben war von der Familie Bodmer ausgegangen, Besitzerin der ursprünglich bis zur Seefeldstrasse reichenden Ländereien rund um die Villa Seeburg. Anstelle der geplanten Wohnüberbauung realisierten HMS auf einem Randbereich des Bodmerguts einen in Grundriss und Schnitt geschickt gegliederten Bürokomplex für den Verband Schweizer Maschinenindustrieller.4 «Opfer des Mammons: Seeburgpark muss Bürohäusern weichen» titelte der «Tages-Anzeiger» Anfang 1964 resigniert, als die ersten Bäume auf dem Anwesen einer der schönsten Villenanlagen Zürichs geschlagen und das Nebengebäude abgebrochen wurden. Doch das war nicht alles. 1970, kaum drei Jahre nach Bezug des voluminösen Verwaltungsbaus, wurde die klassizistische Villa – das von 1843 bis 1847 neben seiner Neumünsterkirche erstellte Hauptwerk ­Leonhard Zeugheers – während den Sommerferien in einer Nacht-und-Nebel-Aktion dem Boden gleichgemacht.

Links: Visualisierung der geplanten Über­bauung des Seeburgparks der Familie Bodmer durch die Architekten Haefeli Moser Steiger. Rechts: Bebauungsplan von Haefeli Moser Steiger aus dem Jahr 1956 für den Neumünsterpark.


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Der Kunsthistoriker Peter Meyer war entsetzt: «Noch auf ­Ihrem Totenbett werden Sie sich über diesen Bubenstreich brennend schämen müssen (…). Dass Träger ehrwürdiger alter Zürcher Namen das Andenken ihrer Vorfahren dermassen geschändet und dem Grundsatz ‹noblesse oblige› ins Gesicht geschlagen haben, ist die bare Schande.»5 Bei der Denkmalpflege schrieb das Ereignis insofern Geschichte, als es einen massiven Ausbau der Rechtsmittel auslöste. Noch heute gähnt am Ort der einstigen Villa ein öder Kiesplatz, während der Verwaltungskomplex von HMS seinerseits zum Schutzobjekt

Oben: Die Villa Seeburg von 1847, ein Hauptwerk des Architekten Leonard Zeugheer, kurz ­bevor sie 1970 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen wurde. Unten: Bürokomplex von Haefeli Moser S ­ teiger aus dem Jahr 1967. Das Gebäude am ­Kirchen­weg ist inzwischen selber zum Bau­denkmal avanciert und wird von der Architektin ­Tilla Theus als Wohnbau neu interpretiert. Rechts an­geschnitten im Bild die 1970 abgerissene Villa Seeburg.


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Oben und links: Die Villa Bleuler, vor und nach dem Umbau und der Erweiterung durch die ­Architekten Ueli Marbach, Arthur Rüegg und Klaus Dolder. Mitte: Seit 1987 nutzt das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft die renovierte und erweiterte Villa Bleuler. Unter einem linsenförmigen ­Oberlicht im Rasen vor dem Eingangsportikus ­befindet sich die Bibliothek des Instituts (kleines Bild links).


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Umwandlung in ein «schmuckes Kleinhotel im Prachtbau am See»6.

wurde und – einem ökonomischen und politischen Trend folgend – bald Wohnungen für gehobene Ansprüche aufnehmen wird. Allerdings ist guter Rat oft teuer, wenn einer der sperrigen Herrschaftssitze tatsächlich unter Denkmalschutz gestellt werden kann. Für die beim Museum Bellerive – notabene ein umgenutztes Wohnhaus – prominent am Seeufer gelegene, 1898 vom Semper-Schüler Alexander Koch erbaute Villa Egli hat sich bis heute keine definitive Nutzung finden lassen. Glücklicherweise zerschlugen sich die Pläne für die Einquartierung des chinesischen Konsulats ebenso wie jüngst für die

Ganz oben: Vergleich verschiedener Erweiterungspläne der Villa Bleuler.

Auch die 1887/88 an der Zollikerstrasse 60 erbaute Villa Bleuler – ihrerseits ein Hauptwerk des Semper-Nachfolgers Alfred Friedrich Bluntschli – musste lange auf ihre neue Bestimmung warten.7 1970 hätte sie einem Hochhausprojekt der ­Architekten Schwarzenbach und Maurer weichen sollen. 1971 sprang die Stadt Zürich ein. Sie stellte die Villa nach dem Kauf «integral» unter Schutz und vermietete sie an drei Zürcher Künstler. Trotzdem entstand noch 1982 ein – nicht ausgeführtes – Bürohausprojekt im südlichen Teil des Parks, bevor 1987 mit dem Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft ein idealer Nutzer für das gesamte Anwesen gefunden werden konnte. Die mit der Restaurierung beauftragten Architekten Ueli Marbach, Arthur Rüegg und Klaus Dolder fanden indessen bald heraus, dass sich das Nutzungsprogramm mit der vorhandenen Baustruktur nur teilweise zur Deckung bringen liess. Während sie den Park nicht antasteten, füllten sie hinter den wuchtigen Stützmauern der Vorfahrt eine unter­ irdische Bibliothek ein, und auf dem ehemals terrassierten Gemüsegarten des Nebengebäudes entstanden ein hohes, dunkles Fotoatelier und davor ein niedriges, helles Restaurierungsatelier. Auch der «integrale» Schutz der historischen Innenräume – damals eine Novität – liess sich nicht konsequent aufrecht­erhalten. Er wurde im Laufe der Projektierung durch unterschiedliche, den jeweiligen Raumarten angepasste Strategien ersetzt: Restaurieren im Erdgeschoss und im Treppenhaus, Überfassen in den Obergeschossen, am Rohbau Weiterbauen im Untergeschoss. Zweifellos kann das sorgfältig austarierte Gleichgewicht zwischen dem Tradierten und dem aufregend Neuen die Attraktivität eines Altbaus durchaus steigern. So haben Martin und Elisabeth Boesch die innen vollkommen ausgeschlachtete Villa Rainhof – ein am Rand des Botanischen Gartens gelege-


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nes ehemaliges Wohnhaus aus dem Jahr 1867 – auf raffinierte Art atmosphärisch wiederaufzuladen vermocht. Die heute von den Universitätsinstituten für Systematische Botanik und Pflanzenbiologie genutzten Räume erhielten graue Brusttäfer mit eingefrästen Pflanzenmotiven, zartfarben eingetönte Wände und Decken sowie mittels Glanzlack an die Decken «projizierte» Blätter eines im Garten stehenden Tulpenbaums.

Nutzer offenbar ohne Weiteres Genüge getan werden; es gelang jedenfalls, das Dachgeschoss zu einem Atelier auszubauen und vier prachtvolle, vom Jugendstilkünstler Hans Eduard von Berlepsch-Valendas um 1900 eingebaute Repräsentationsräume für private Veranstaltungen frei zu halten. Auch das auf die 1960er-Jahre zurückgehende Kellertheater Winkelwiese besteht weiter; der Rest der spätklassizistischen Anlage wird seit 2000 von der Verwaltung des Kunsthauses Zürich genutzt.

Kein Patentrezept

Trotz der inzwischen über 20-jährigen Praxis gibt es kein ­Patentrezept für den Umgang mit diesen Hinterlassenschaften des Historismus. Pfister Schiess Tropeano restaurierten die an der Zollikerstrasse 128 gelegene Villa Patumbah so, wie wenn über die künftigen Nutzer nichts bekannt gewesen wäre: Es galt einzig und allein, die ursprüngliche Fassung der Räume so genau wie möglich wiederherzustellen.

Mehr noch als der formale Balanceakt ist jedoch das Nutzungsmass für die erfolgreiche Umwidmung eines Schutzobjekts ausschlaggebend. Bei der durch Stemmle Architekten durchgeführten Instandsetzung der am Rand der Altstadt gelegenen Villa Tobler konnte dem Raumprogramm der neuen

Chiodera und Tschudy hatten von 1883 bis 1885 mit den offenbar unerschöpflichen Mitteln des aus Südostasien heim­ gekehrten Bauherrn Karl Fürchtegott Grob eine fantastische, aus der europäischen und der südostasiatischen Kunstgeschichte gleichermassen genährte Anlage mit Villa, Verbindungsbau und Ökonomiegebäude ins Seefeld gezaubert. Nach den dreijährigen Bauarbeiten eröffnete der Schweizer Heimatschutz 2013 als Mieter der Stiftung Patumbah in der denkmalpflegerisch perfekt restaurierten Hülle das erste Heimatschutzzentrum für Baukultur der Schweiz. Das Erdgeschoss beherbergt die von einem Designerteam konzipierte öffentliche Dauerausstellung, während in den Obergeschossen die Geschäftsstelle untergebracht ist. Im ebenfalls 2013 am Seefeldquai wiedereröffneten Johann ­Jacobs Museum ist dagegen die Trennung von Hülle und Inhalt kein Thema. Hier ist alles aus einem Guss. Während der im Berner Landhausstil gehaltenen Villa äusserlich kaum ­etwas anzusehen ist, erlaubten sich Quintus Miller und Paola Maranta im Innern ein paar chirurgische Eingriffe.

Die Villa Rainhof aus dem Jahr 1867 am Rand des Botanischen Gartens (oben) wurde von den Architekten Martin und Elisabeth Boesch neu ­bespielt: Die Räume erhielten graue Brusttäfer mit ein­ gefrästen Pflanzenmotiven (ganz links), zartfarben eingetönte Wände und Decken sowie mittels Glanzlack an die Decken «projizierte» Blätter eines im Garten stehenden Tulpenbaums (links).


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Prächtiger Jugendstil in der Villa Tobler: Der von Stemmle Architekten restaurierte Bau wird seit 2000 von der Verwaltung des Kunsthauses ZuĚˆrich genutzt.


Die Architekten Pfister Schiess Tropeano stellten die an der Zollikerstrasse 128 gelegene Villa ­Patumbah in der ursprünglichen Fassung wieder her. Das Gebäude von 1885 wird vom Schweizer Heimatschutz genutzt. Im Bild Details der Fassade, der Innenraumdecke sowie vom Treppenhaus.


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Mit einer fantastisch gewendelten neuen Treppen­ anlage machten sie das Untergeschoss – wo neu die Wechselausstellungen installiert werden – zu einem integrierenden Bestandteil des räumlichen Erlebnisses. Dieser Kraftakt ermöglichte im Erdgeschoss eine typologisch korrekte Wiederherstellung von Halle, Bibliothek und Salon – Räume, die sie mithilfe selbst entworfener Einbauten, den Objekten der Dauerausstellung sowie antiken und modernsten Mobilien und Beleuchtungskörpern in ein den Dekorationsverfahren des Fin de Siècle angepasstes kongeniales Manifest alt-neuer Einrichtungskunst verwandelten.

Pluralismus der Verfahren Man mag sich über die Vielfalt der Antworten auf eine scheinbar gleichlautende Problemstellung wundern. Oder man mag mit André Bideau aus polemischer Sicht feststellen, die zunehmende Tendenz, alles und jedes zu musealisieren, was einmal einer inzwischen ausgestorbenen Nutzung diente, reflektiere «den halboffiziellen Konsens darüber, dass Architekturereignisse antithetisch zu Zürichs Identität» seien; sichtbare Eingriffe fielen «in der Regel einer Mischung von Argwohn und allgemeinem Platzmangel zum Opfer»8. Eines dürfte feststehen: Das sinnvolle Weiterbauen an der Stadt wird auch in Zukunft auf den Pluralismus der eingesetzten Verfahren und auf die individuelle Auseinandersetzung mit jedem einzelnen Fall angewiesen sein. Der Abbruch bezeichnet das eine Extrem, die Musealisierung das andere. Rezepte für den Brücken­ schlag gibt es nicht. Im Seefeld zeugen aber zahlreiche Beispiele vom architektonischen Potenzial sinnvoll umgenutzter Denkmäler in einer Stadt, die wir nicht als Museum begreifen wollen, sondern als lebendigen Ort der Erinnerung.

Zeitgenössische Interpretation einer historischen Villa: Im Johann Jacobs Museum wird die ­Sammlung als kongeniales Manifest alt-neuer ­Einrichtungskunst präsentiert (oben). Auch die ­fantastisch gewendelte Treppenanlage (unten) stammt von den Architekten Miller & Maranta.

1 Bideau, André. L’Esprit de Zurich. In: Faces Nr. 72, Infolio Editions, ­Gollion, 2013, S. 48–59. Bideau, Architekturtheoretiker, ehemaliger R ­ edaktor der Zeitschrift Werk, Bauen+Wohnen, ist Gastprofessor an europäischen und amerikanischen Hochschulen. 2 Ebd. 3 Weiss, Daniel. Bebauung Neumünsterpark. In: Sonja Hildebrand, ­Werner ­Oechslin. Haefeli Moser Steiger. Die Architekten der Schweizer Moderne. gta Verlag, Zürich 2007, S. 377f. 4 Vgl. Weiss, Daniel. Verwaltungsgebäude ASM/VSM (heute Swissmem). In: Ebd., S. 403–405. 5 Nach: Der ehemalige Villenbau Zolliker­strasse 60. Bildarchiv Dürst, www.alt-zueri.ch; vollständiger Text des Briefes bei der Denkmalpflege des Kantons Zürich. Der engagierte ­Architekt und Kunsthistoriker und -kritiker ­Peter Meyer (1894–1984) lehrte an der ETH und an der Universität Zürich. Er wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft an der Neumünsterallee 15. 6 NZZ, 3.9.2012. 7 Vgl. Schweizerisches Institut für Kunst­wissenschaft (Hrsg.). Das ­Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft in der Villa Bleuler, Z ­ ürich. SIK/Fotorotar, Zürich, 1994. 8 Bideau, André. L’Esprit de Zurich, op. cit., S. 48.


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Der Mut zur Lücke

Als im Mai 2014 im Kinosaal Razzia und in dem angrenzenden MainauNeubau ein Restaurant mit Bar eröffnet wurde, erlebte eine ganze Generation von Besuchern die Location als neu. Ein Vierteljahrhundert war es her, seit das Off-Kino Razzia in der damals verschlafenen Zürcher Kulturszene für kreative Un­ru­ he sorgte. Die Bedeutung eines winzigen Kinosaals mit unbequemer Bestuhlung während den 1980erJahren war im ausufernden Event­ angebot des 21. Jahrhunderts nur noch schwer nachvollziehbar. Welch aufregendes Dekor sich unter der banalen Innenverkleidung des Razzia befand, merkten viele der einstigen Kinobesucher erst jetzt – falls sie nicht zu den wenigen gehörten, die im Verlauf der vergangenen 25 Jahre ­irgendwann eine der Veranstaltungen besucht hatten, die im Rahmen von Zwischennutzungen das geschlossene Kino punktuell belebten. Da liess sich die versteckte Pracht hinter aufgebrochenen Wandpaneelen bereits erahnen. Seit die bis 1989 vergessenen Malereien und Stucka­ turen 1993 endgültig unter Denkmalschutz standen, stellte sich die Frage nach der künftigen Nutzung des Kinos. Das Bundesgericht hatte dem Gebäude 1992 «überragenden architektonischen und künstlerischen Wert» attestiert und höchstinstanzlich verfügt, dass einer der «gesamtschweizerisch letzten Zeugen der Kinoarchitektur aus der Zeit des Stummfilms» erhalten blieb. Dies sei geboten, selbst wenn die damit verbundene Eigentumsbeschränkung nach mehrjähriger Projektierung als besonders schwer erscheine. In der Tat verfügten die Besitzer zum Zeitpunkt der Unterschutzstellung über eine Baubewilligung aus dem Jahr 1984 für den Umbau des ganzen

Happy Ending einer langen Leidensgeschichte: wie aus einer Problemliegenschaft eine Perle wurde Urs Steiner

Das Kino Razzia hinter der Baugrube der ­abgebrochenen Villa Mainau im Dezember 2013.


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Gebäudekomplexes, die durch Einsprachen während Jahren blockiert war. Nun blieb es ihnen zwar freigestellt, wie sie das inzwischen geschützte Kinogebäude nutzen wollten – bloss: Hinter der klassizistischen Fassade einen Showroom für Autos einzurichten und darüber Büros zu erstellen, war keine Option mehr. Die Eigentümer machten Entschädigungsansprüche aufgrund materieller Enteignung geltend und erhielten in der Folge Entschädigungen in der Höhe von gesamthaft 2 117 156 Franken zuzüglich Zinsen.1 Wie es mit der Villa Mainau und dem Kino jedoch konkret weitergehen sollte, war offener denn je: Die Stadt Zürich jedenfalls hatte weder Interesse noch das Geld, die Liegenschaft zu übernehmen, wie das Bundesgericht dies vorgeschlagen hatte.2

Die Hoffnung stirbt zuletzt An eine grosse Zukunft der Kinoruine glaubte hingegen der ehemalige Filmjournalist Johannes Bösiger, der sich zum Ziel setzte, das Razzia als Kino- und Kulturzentrum wiederzubeleben. Ein Vorprojekt, das er 1996 gemeinsam mit der Firma Zschokke erarbeitet hatte, wurde jedoch schon 1998 wieder fallen gelassen. 2001 formierte Bösiger eine neue Initiantengruppe unter dem Namen Otto e mezzo – in Anspielung an ­Federico Fellinis gleichnamigen Film sowie den Zürcher Stadtkreis 8. Bösiger plante, aus dem Razzia und der Villa Mai-

Linke Seite: Rendering des Projekts Otto e mezzo aus dem Jahr 2004 vom Atelier Integral und dem Architekten Axel Steinberger. Kleine Ansichten oben: Frühe Raumstudien des Atelier Integral für das Projekt Otto e mezzo.

nau einen integrierten Kultur- und Gastronomiekomplex zu machen, die geschützten Bauten zu ergänzen und durch raffinierte Eingriffe miteinander zu verbinden. Der Architekt Axel Steinberger erarbeitete mit dem international renommierten, schweizerisch-französischen Ate­ lier Integral Ruedi Baur dafür ein umfassendes Projekt. Ziel war es, eine Bildsprache zu finden, die Architektur, Innen­ einrichtung, Möbeldesign und visuelle Kommunikation mit einschloss. Der futuristisch anmutende Entwurf von Integral baute auf zwei einander entgegenge­setzten Atmosphären auf, wie Ruedi Baur es 2001 in seiner Werkmonografie formulierte: «Die eine warm, natürlich und zeitlos, die andere moderner und ‹durchdesignt›; die eine katholisch-lateinisch, die andere protestantisch-angelsächsisch. Deutliche, sichtbare Abgrenzungen, die manchmal sogar durch ein Möbelstück oder ein grafisches Dokument hindurchgehen, zwei Stile, die ineinander passen, die sich überdecken, aber niemals vermischen.»3 Im Gegensatz zur Massivbauweise der bestehenden Gebäude sollten alle Teile des Neu- beziehungsweise des Anbaus als «leichte» Konstruktion erstellt werden, um die Eingänge und die Übergänge so offen wie möglich zu gestalten. Die Baukörper des Projekts waren so angelegt, dass die klassische Einteilung in die Architekturelemente Boden, Wand und Decke den Charakter von einfachen skulpturalen Objekten aufwiesen. Der höhere Eingangsbaukörper mit der Erschlies-


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sung sollte die Eleganz und die Vertikalität der Architektur betonen, Transparenz und Offenheit sollten im Vordergrund stehen.4 Neben zwei Kinosälen für je 350 Personen, zwei Restaurants, einer Buchhandlung und einer «Terrazza del silenzio» sah das Konzept eine Reihe von Apartmentzimmern für Langzeitgäste mit eigener Lobby und einem Frühstücksbereich vor.5 Zunächst schien es, als stünden die Chancen für Otto e mezzo nicht schlecht: Die Stadt unterstützte die private Initiative, einzelne Investoren und kulturnahe Kreise zeigten sich ebenfalls interessiert, und im Juli 2003 konnte eine Baubewilligung erteilt werden. Die Finanzierung des Projekts indes war noch ganz und gar nicht in trockenen Tüchern.6 Laut Axel Steinberger wurde das Otto-e-mezzo-Projekt bis zum Genehmigungsverfahren durch das Atelier Integral bearbeitet und begleitet, bevor es «in den Wirren der Besitzverhältnisse und der Finanzierung» stecken geblieben sei. Die Suche nach Investoren zog sich in die Länge, während Bösiger sein Konzept immer wieder modifizierte, um es finanziell tragbar zu machen. Er versuchte es u. a. mit Etap­ pierung: So sollte das Kino in einem ersten Schritt für Zwischennutzungen offenstehen, beispielsweise für Bankette, Vorträge oder Konzerte. Im Februar 2005 versprach Bösi­ger, die Finanzierung bis im April des gleichen Jahres zu sichern, Baubeginn sollte im Sommer sein.7 Aber bereits an der Generalversammlung des Quartiervereins Riesbach im April 2005 musste er die Anwohner ein weiteres Mal vertrösten: Die Bauarbeiten würden in der zweiten Jahreshälfte beginnen, be­ teuerte er. Die Zeit drängte, denn das Kaufrecht der Otto e mezzo AG bei der Besitzerin, der Erbengemeinschaft Gablinger, lief im Juli aus. Doch bis zu diesem Zeitpunkt gelang es nicht, das Geld für das ambitionierte Kulturprojekt – die Rede war von 35 Millionen Franken – aufzutreiben. Die Eigentumsübertragung konnte deshalb nicht vollzogen und das bewilligte Projekt nicht realisiert werden. Damit war die Otto e mezzo AG

Linke Seite: Grundrisse des Projekts Otto e mezzo von Integral Ruedi Baur Zürich und der Architekturund General­planerunternehmung Itten + Brechbühl: Erdgeschoss mit «Beiz» (oben), erstes Ober­ geschoss mit Restaurant (Mitte), zweites Ober­ geschoss mit Reception und Lounge (unten).

Grundriss der dritten (oben) und vierten Ebene (unten) mit Hotelzimmern.


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am Ende – und das Razzia drohte, für weitere Jahre eine Bauruine zu bleiben. Die bisherigen Eigentümer sahen sich gezwungen, selbst nach einer Lösung für die Altlasten Razzia und Mainau zu suchen. 2006 gaben sie in Zusammenarbeit mit dem Amt für Städtebau der Stadt Zürich eine Studie beim Architekturbüro Zach + Zünd in Auftrag, aus der fünf Varianten hervorgingen. Zwei davon sahen vor, die Villa Mainau abzubrechen.8

Zurück auf Feld eins Im November 2006 vermeldete die «Neue Zürcher Zeitung» den Verkauf des Baukomplexes Mainaustrasse 32/34 (vormals Seefeldstrasse 80) und Seefeldstrasse 82 an den Investor Urs Ledermann. Das Geschäft war kurz zuvor in aller Stille vollzogen worden. Das Hochbaudepartement der Stadt Zürich zeigte sich «erfreut und erleichtert» über das Engagement Ledermanns, der als Weisser Ritter auftrat. Da es sich beim Käufer um einen bekannten Investor und Immobilienprofi handle, sei man zuversichtlich, hiess es aus dem Stadthaus.9 Der neue Besitzer beauftragte das Architekturbüro Moser Wegenstein damit, auf der Basis des Projekts Otto e mezzo eine neue architektonische Vision zu entwickeln. Gleichzeitig

Längsschnitt des Projekts Otto e mezzo von ­Integral Ruedi Baur Zürich und Itten + Brechbühl: Unter dem Razzia befindet sich ein zweiter Kinosaal, in der Villa Mainau sind die beiden Gastronomiebetriebe im Erdgeschoss und im ersten Stock zu erkennen, darüber das Hotel.

wurde der Zustand des Kinosaals umfassend untersucht. Es ging darum, festzustellen, ob geschützte Bauteile – insbesondere die Wand- und Deckenmalereien – während­ der Planungszeit weiteren Schaden­ nehmen könnten. Die Untersuchung ergab, dass der Zustand des Kinos stabil war, nur bei der Strassenfassade bestand unmittelbarer Handlungsbedarf – nicht ohne Grund schützte seit 2004 ein Gerüst die Passanten vor möglicherweise herunterfallenden Bauteilen. Moser Wegensteins Analyse zeigte auf, dass mit dem Otto-e-mezzo-Projekt zwar die Fassaden der Schutzobjekte erhalten werden konnten, die Anpassungen im Innern der Villa Mainau jedoch einer Auskernung gleichkommen würden. Auch die zweigeschossige Unterkellerung des Kinosaals beurteilten die Architekten sowohl inhaltlich wie bautechnisch als problematisch. Moser Wegenstein kam zum Schluss, dass es ehrlicher wäre, die Mainau aus dem Schutzumfang zu entlassen, statt strukturelle Eingriffe zuzulassen, mit denen der geschützte Bestand ohnehin nicht garantiert werden konnte. Im Weiteren war das Architekturbüro vom städtebaulichen Ansatz mit der nochmaligen Zweiteilung an der Mainaustrasse nicht überzeugt. Die Architekten schlugen deshalb vor, den Schutz auf das Kinogebäude zu konzentrieren und damit gleichzeitig das städtebauliche Problem des Hofrands an der Strassenecke auf eine einheitliche und angemessene Art zu lösen. Mit anderen Worten: Die Mainau sollte einem Neubau weichen. Dieser Ansicht verschlossen sich in der Folge auch die Denkmalpflege und der Stadtrat von Zürich nicht länger. Weil sich einerseits die Villa in einem schlechten baulichen Zustand befinde, anderseits ein hohes öffentliches Interesse an einer fachgerechten Sanierung des Kinosaals bestehe, beschloss die Stadt­


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regierung im März 2009, in Abwägung der öffentlichen und privaten Interessen, den Schutzumfang im gegenseitigen Einverständnis zwischen der Eigentümerin und der Denkmalpflege erneut zu überarbeiten.10 Damit waren die Weichen für jene Lösung gestellt, die schliesslich realisiert wurde. Der einstöckige Razzia-Bau blieb integral bestehen, wurde renoviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, während die angrenzende Villa Mainau durch einen fünfgeschossigen Neubau ersetzt wurde.11 Allerdings gab es vorher noch zahlreiche Krisen zu bewältigen, wie sich herausstellen sollte.

Unmögliches wird denkbar Zuerst aber einmal schien sich die Begeisterung, mit der das Team um Johannes Bösiger zu Werke gegangen war, auf die neuen Besitzer übertragen zu haben. Urs Ledermann erinnerte sich später, wie er selbst, zusammen mit Franz Eberhard (1945–2014), dem damaligen Direktor des Amts für Städtebau, sowie dem Architekten Christian Wegenstein, am Tisch ge-

zeichnet und skizziert hatte. Eine unmögliche Sache sei plötzlich denkbar geworden. Das «Unmögliche» konkretisierte sich bei Moser Wegenstein Architekten in der Vision «Wolkenbügel», die zu Beginn auf gutes Echo stiess. Der Ausdruck Wolkenbügel erinnert an einen spektakulären architektonischen Entwurf des russischen Konstruktivisten El Lissitzky (1890–1941) aus dem Jahr 1924 – eine Art in die Horizontale gekipptes Hochhaus, das auf Stützen ruht. Gemäss einem ersten Entwurf von Moser Wegenstein hätte ein scheinbar über dem Kino schwebender Bau den Blockrand an der Mainau- und der Seefeldstrasse ergänzt und beinahe geschlossen. Wie eine halb herausgezogene Schublade hätte das eingeschossige Kino leicht aus dem Baukörper über die Baulinie heraus auf die Achse der Seefeldstrasse geragt. Doch so begeistert die ersten Reaktionen auf den Entwurf von allen Seiten gewesen waren, so entschieden lehnte die Denkmalpflegekommission der Stadt Zürich das Projekt schliesslich ab.

Links: Fotomontage des ersten Überbauungs­ konzeptes von Moser Wegenstein aus dem Jahr 2007. Rechts: Studie des Architekturbüros Moser Wegenstein: Die Villa Mainau wird abgebrochen und der Blockrand mit einer Art Wolkenbügel über dem Kinosaal ergänzt und abgeschlossen.


Baulinie

Baulinie

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304 430.76 M.ü.M

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427.53 M.ü.M

Baulinie 2.OBERGESCHOSS 4.OBERGESCHOSS

417.84 424.30 M.ü.M M.ü.M

2.OBERGESCHOSS 4.OBERGESCHOSS

417.84 424.30 M.ü.M M.ü.M

1.OBERGESCHOSS 3.OBERGESCHOSS

414.61 M.ü.M M.ü.M 421.07

1.OBERGESCHOSS 3.OBERGESCHOSS

414.61 M.ü.M M.ü.M 421.07

1742

1742

1956

1956 1061

417.84 M.ü.M

2.OBERGESCHOSS

417.84 M.ü.M

ERDGESCHOSS

410.87 M.ü.M

ERDGESCHOSS

410.87 M.ü.M

1.OBERGESCHOSS UNTERGESCHOSS

414.61 M.ü.M M.ü.M 407.98

1.OBERGESCHOSS UNTERGESCHOSS

414.61 M.ü.M M.ü.M 407.98

Mainaustrasse SÜDOSTFASSADE

Niveau ausgleichen

411.25 M.ü.M

Innenhof

410.87 M.ü.M

UNTERGESCHOSS

407.98 M.ü.M

UNTERGESCHOSS

407.98 M.ü.M

Baulinie

ERDGESCHOSS

500

734 RWA

734

216

122

38 313

25

Entrée Whg 5.0

38338 Bad Whg 3.2

Bad Whg 3.1

60

122

122

Bad Whg 3.1

Bad Whg 3.2

60

122

417.84 424.30 M.ü.M M.ü.M

1.OBERGESCHOSS 3.OBERGESCHOSS

414.61 421.07 M.ü.M M.ü.M

2.OBERGESCHOSS ERDGESCHOSS

417.84 M.ü.M 410.87 M.ü.M

1.OBERGESCHOSS UNTERGESCHOSS

414.61 407.98 M.ü.M M.ü.M

1766 313

38

Büro 1.0 Bad Whg 3.1

1.OBERGESCHOSS UNTERGESCHOSS

414.61 407.98 M.ü.M M.ü.M

410.83 M.ü.M

Mainaustrasse QUERSCHNITT b - b

Eingangshalle

410.87 M.ü.M

UNTERGESCHOSS

407.98 M.ü.M

ERDGESCHOSS

410.87 M.ü.M

UNTERGESCHOSS

407.98 M.ü.M

285

EI30

273

54

42

ERDGESCHOSS

410.83 M.ü.M

Keller Whg 3.1 - 5.0

Mst. 1:100

Rechte Seite: Südostfassade des Projekts von ­Moser Wegenstein aus der Baueingabe vom ­Dezember 2008 (oben) und Querschnitt durch das Kinogebäude (unten).

42 34

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

Mainaustrasse

QUERSCHNITT b - b

Mst. 1:100

Küche

285

Büro 1.0 Keller Whg 3.1 - 5.0

34

Keller Whg 3.1 - 5.0

42

Mainaustrasse

258

BüroEingangshalle 2.0

42

417.84 M.ü.M 410.87 M.ü.M

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

Mst. 1:100 410.83 M.ü.M

EI30

273 34

Parkgarage

25

414.61 421.07 M.ü.M M.ü.M

2.OBERGESCHOSS ERDGESCHOSS

294

EI60 (nbb)

294

54

Eingangshalle

LÄNGSSCHNITT a - a

Linke Seite: Nordostfassade des Projekts von ­Moser Wegenstein aus der Baueingabe vom ­Dezember 2008 (oben) und Längsschnitt durch den geplanten Gebäudekomplex (unten).

2.OBERGESCHOSS 4.OBERGESCHOSS

Whg 4.1

258

Büro 1.0 Keller Whg 3.1 - 5.0

unterfangung bestehender mauerteile

54

54 34

273

unterfangung bestehender mauerteile

Parkgarage

421.07 427.53 M.ü.M M.ü.M

34 42

EI60 (nbb)

EI30

unterfangung bestehender mauerteile

Saal

411.25 M.ü.M

273

Niveau ausgleichen Innenhof

122

EI60 (nbb)

5442

410.83 M.ü.M

34

Saal

EI60 (nbb)

LÄNGSSCHNITT a - a

411.25 M.ü.M

3.OBERGESCHOSS DACHGESCHOSS

42 42 1766

BüroEingangshalle 2.0

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

Niveau ausgleichen Innenhof Mst. 1:100

216

273 281

42 42 34 42

Parkgarage

Bad2.0 Büro

417.84 424.30 M.ü.M M.ü.M

Mainaustrasse

281 294

EI60 (nbb)

EI60 (nbb)

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

54 SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

273 281

unterfangung bestehender mauerteile

34

Parkgarage

5442

54 Vorführkabine SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

273 712

1067

Vorführkabine

424.30 430.76 M.ü.M M.ü.M

Bad Whg 3.1

421.07 427.53 M.ü.M M.ü.M

EI60 (nbb)

1766

38338

Büro 1.0

372

281 294

Saal

411.25 M.ü.M

411.25 M.ü.M

273 712

Niveau ausgleichen Innenhof

Niveau ausgleichen Innenhof

4.OBERGESCHOSS DACHRAND

38

42 42 38 313

25

34

restaurant

EI60 (nbb)

Saal

372

monoblock

restaurant

313

42 42 216

1.OBERGESCHOSS 3.OBERGESCHOSS

monoblock

25

34

Bad Whg 3.2

122

122

281 281 2.OBERGESCHOSS 4.OBERGESCHOSS

1697 SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX60

338

EI60 (nbb)

2060

216 Entrée Whg 5.0

281 281

EI60 (nbb)

42 42

372

281 281

Bad Whg 4.2

Bad2.0 Büro Whg 4.1

42 42 38

712

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

712

1067

2060

427.53 M.ü.M

1766

122

281 281

Vorführkabine

Vorführkabine

Bad Whg 4.2

1697

restaurant

372

monoblock

restaurant

DACHGESCHOSS

313

424.30 430.76 M.ü.M M.ü.M

EI60 (nbb)

60

3.OBERGESCHOSS DACHGESCHOSS

monoblock

430.76 M.ü.M

42 42

500

RWA 4.OBERGESCHOSS DACHRAND

EI60 (nbb)

Bad Whg 3.2

Bad Whg 4.1

EI30

338

427.53 M.ü.M

500

225

281 281

2060

DACHRAND

Baulinie

281

Baulinie

Entrée Whg 5.0

42 313

1697 500

734

Bad Whg 4.2

42 42 38

313

430.76 M.ü.M

281

42 281

Bad Whg 4.1

RWA

281 281

2060

Mst. 1:100

42

DACHRAND

SÜDOSTFASSADE

500

225

42 281

Entrée Whg 5.0

1697 500

225

Bad Whg 4.2

411.25 M.ü.M

410.87 M.ü.M

Baulinie 313 500

500

734 RWA

Niveau ausgleichen

ERDGESCHOSS

DACHGESCHOSS

1067

Innenhof

Mst. 1:100

Mst. 1:100

1067

100

Mainaustrasse

2.OBERGESCHOSS

100

1061

1742

Mainaustrasse

1742

1061 1061

421.07 427.53 M.ü.M M.ü.M

421.07 427.53 M.ü.M M.ü.M

Mainaustrasse

225

Mst. 1:100

3.OBERGESCHOSS DACHGESCHOSS

3.OBERGESCHOSS DACHGESCHOSS

2060

2060

NORDOSTFASSADE SEEFELDSTRASSE

Mst. 1:100

LÄNGSSCHNITT a - a

424.30 430.76 M.ü.M M.ü.M

424.30 430.76 M.ü.M M.ü.M

Mst. 1:100

NORDOSTFASSADE SEEFELDSTRASSE

Mst. 1:100

4.OBERGESCHOSS DACHRAND

4.OBERGESCHOSS DACHRAND

NORDOSTFASSADE SEEFELDSTRASSE

Mst. 1:100

LÄNGSSCHNITT a - a

427.53 M.ü.M

2060

2060

NORDOSTFASSADE SEEFELDSTRASSE

DACHGESCHOSS

304 500

912

304 500

912

430.76 M.ü.M

1216

1956

1956

1216

DACHRAND

Baulinie

DACHRAND

500

912

304 500

912

Küche


Baulinie

127

1987

200 770

200 DACHRAND

430.76 M.ü.M

DACHGESCHOSS

427.53 M.ü.M

4.OBERGESCHOSS DACHRAND

424.30 M.ü.M M.ü.M 430.76

3.OBERGESCHOSS DACHGESCHOSS

421.07 427.53 M.ü.M M.ü.M

2.OBERGESCHOSS 4.OBERGESCHOSS

417.84 424.30 M.ü.M M.ü.M

1.OBERGESCHOSS 3.OBERGESCHOSS

414.61 421.07 M.ü.M M.ü.M

Baulinie

1217

1987

200 770

200

1074

100

1217

Seefeldstrasse

300

Innenhof

Niveau ausgleichen Innenhof

411.47 M.ü.M

417.84 M.ü.M

ERDGESCHOSS

410.87 M.ü.M

1.OBERGESCHOSS UNTERGESCHOSS

414.61 M.ü.M M.ü.M 407.98

Innenhof

Mst. 1:100

Seefeldstrasse

300

SÜDOSTFASSADE

2.OBERGESCHOSS

1074

100

411.25 M.ü.M

Niveau ausgleichen Innenhof

411.47 M.ü.M

ERDGESCHOSS

410.87 M.ü.M

UNTERGESCHOSS

407.98 M.ü.M

DACHRAND

430.76 M.ü.M

DACHGESCHOSS

427.53 M.ü.M

4.OBERGESCHOSS DACHRAND

424.30 M.ü.M M.ü.M 430.76

Baulinie

411.25 M.ü.M

SÜDOSTFASSADE Mst. 1:100

1987

200 770

200

Baulinie

1217

1987

200

1217

770

Die Enttäuschung war gross, erinnerte sich Christian Wegenstein später – selbst aufseiten der Behörden. Denn auch die Stadt Zürich hatte ein vitales Interesse daran, für das Dauerärgernis Razzia endlich eine städtebaulich, architektonisch, denkmalpflegerisch, kulturpolitisch und nicht zuletzt wirtschaftlich vertretbare Lösung zu finden. Nach dem Scheitern der ersten, im eigentlichen Sinn des Wortes «hochfliegenden» Vision entwickelten die Architekten laut Christian Wegenstein «in enger und sehr proaktiver Zusammenarbeit mit den Baubehörden» eine tragfähige städtebauliche und architektonische Konzeption. Während praktisch alle früheren Projekte versucht hatten, die Lücke zu schliessen, die der einstöckige Kinobau in den Blockrand riss, basierte die letztlich einfach und logisch erscheinende Lösung gerade auf der Akzentuierung dieser Lücke.­ Moser Wegenstein passten die Höhe des Neubaus den umliegenden Gebäuden an und verdeutlichten sogar noch den vom Kinogebäude verursachten Höhensprung in der Strassenflucht. Das Razzia sollte nicht länger kaschiert, sondern im Gegenteil hervorgehoben werden. Moser Wegenstein betonten den grossen Höhenunterschied zum Kinobau mit einer klar ausformulierten Kante geradezu dramatisch. Anderseits wurde die Gebäudehöhe an der Ecke Seefeld-/Mainaustrasse durch einen über mehrere Geschosse laufenden Erker ­reduziert, was einen sanfteren Übergang zu den Nachbargebäuden an der Mainaustrasse schuf. Das vertikale Erker­element als Landmark an der Seefeldstrasse markierte den Haupteingang zum öffentlichen Teil – mit Ausnahme des Eingangs zum Kinosaal, der bestehen blieb. Die Wohnungen und Gewerberäume in den Obergeschossen ­wurden von der Mainaustrasse her erschlossen.

Ledermann AG Beteiligungen & Immobilien Seestrasse 99a, CH-8702 Zollikon

200

Zürich, den 08.12.2008 der Gesuchsteller: Herr Urs Ledermann

3.OBERGESCHOSS DACHGESCHOSS

421.07 M.ü.M M.ü.M 427.53

340

Zürich, den 08.12.2008 die Architekten:

31

Moser & Wegenstein, Architekturbüro ETH/SIA Ledermann AG Beteiligungen & Immobilien Seestrasse 99a, CH-8702 Zollikon 2.OBERGESCHOSS 4.OBERGESCHOSS

417.84 M.ü.M M.ü.M 424.30

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

Zürich, den 08.12.2008 der Gesuchsteller:

Bestehend Kino Razzia

Abbruch Kino Razzia

ERDGESCHOSS

410.87 M.ü.M

Neubau Mainaustrasse 34

1.OBERGESCHOSS UNTERGESCHOSS

414.61 407.98 M.ü.M M.ü.M

714

±

pl an

ERDGESCHOSS

410.87 M.ü.M

UNTERGESCHOSS

407.98 M.ü.M

Kino Razzia

Neubau Mainaustrasse 34

34

±

“ obje kt

Mst. 1:100

Ç

3•13-2 -06 Neu Kino Razzia Nord-Ost und Süd-Ostfassade / Schnitte

datum 08.12.2008 mst 1-100 Abbruch fo rmat 1180 x 750

bauher r

QUERSCHNITT b - b

#

Ledermann AG Bet eili gungen & Immobil ie n, Seest ra ss e 99 a, CH-8702 Zol li kon 3• 13 "Ki no Raz a", Seef el dstras se 82 / Ma in aust ra sse 34, CH-8 008 Züri ch Bestehend KinoziRazzia

obje kt

273

54

42 285 34

Sämtliche Fensterflächen sind grösser oder gleich 10 % der Bodenfläche. bauher r

Seefeldstrasse

Mst. 1:100

Parkgarage

Moser & Wegenstein, Architekturbüro ETH/SIA

Neu Kino Razzia 417.84 M.ü.M

Saal

Küche

Zürich, den 08.12.2008 die Architekten:

2.OBERGESCHOSS

34

42 34 258

QUERSCHNITT b - b

Sämtliche Fensterflächen sind grösser oder gleich 10 % der Bodenfläche.

273

285

54

42

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

Parkgarage

414.61 421.07 M.ü.M M.ü.M

Seefeldstrasse

Saal

Küche

31

258

42

340

714

Herr Urs Ledermann 1.OBERGESCHOSS 3.OBERGESCHOSS

pl an

#

Ç

a-a & b-b

Ledermann AG Bet eili gungen & Immobil ie n, Seest ra ss e 99 a, CH-8702 Zol li kon 3• 13 "Ki no Raz zi a", Seef el dstras se 82 / Ma in aust ra sse 34, CH-8 008 Züri ch

3•13-2 -06 Nord-Ost und Süd-Ostfassade / Schnitte

datum 08.12.2008 mst 1-100 fo rmat 1180 x 750

a-a & b-b


b

c

Baumelement mit Sitzrand

Warenlift

Kühlräume

EI30

BF: 15.3 m2

Brunn

en

411.25 M.ü.M

Rankgerüst

28

Küche

BF: 57.2 m2

21

Sitzelemente

Pflastersteine geschliffen

d

38

924

10

160

10

239

36

648

375

Aussenbereich für ca. 35 Gäste

411.25 M.ü.M

74

ZUFAHRT

AUTOLIFT / ANLIEFERUNG

Autolift

Lager

Innenhof

d

BF: 4.5 m2

411.25 M.ü.M

WC

WC

BF: 3.1 m2

253

30

25

21

BF: 100.4 m2

BF: 8.8 m2

Lager/Disponibel

23.5 m2

BF:

Vorraum

BF: 7.8 m2

18 122 25

mobiles Buffet

180

BF: 9.6 m2

0 EI3

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

1605

Velo PP

Saal

BF: 265.8 m2

40

260

122 18

EINGANG

BÜRO / WOHNUNGEN

410.87 M.ü.M

a

25

WC/Lager

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

BF: 4.9 m2

16 Stk.

1489

EI60 (nbb)

PP:

EI60 (nbb)

411.25 M.ü.M

Pflästerung

35.8 m2

5 Bestehende Weisse Parkplätze

BF:

WC

8.3 m2

BF: Showküche / Bühne / Bar

Mainaustrasse

Eingangshalle

Treppenhaus

a

17

186 47

23

1151

38

411.25 M.ü.M EI30

Laden

BF: FF:

Ledermann AG Beteiligungen & Imm Seestrasse 99a, CH-8702 Zollikon

712

411.25 M.ü.M

77.5 m2 19.8 m2

Entrée

BF: 16.4 m2

EI30

Zürich, den 08.12.2008 der Gesuchsteller: Herr Urs Ledermann

38

Rankgerüst

BAULINIE 30

Pflästerung

Tramhaltestelle FELDEGGSTRASSE - VBZ

Pflastersteine geschliffen

EINGANG

Zürich, den 08.12.2008 die Architekten:

EINGANG

RESTAURANT

Moser & Wegenstein, Architekturbü

LADEN

b

c

Seefeldstrasse

Sämtliche Fensterflächen sind grösser oder gleich 10 % der Bodenfläche.

Bestehend Kino Razzia Neu Kino Razzia Abbruch Kino Razzia Neuer Fussgängerstreifen TBA Zürich

Neubau Mainaustrasse 34

±

#

Le de rman n AG B et eili 3• 13 "Ki no R az zi a",

ba uh er r ob je kt

Ç

gu ng en & Imm ob il ie n, S ee st ra ss e 99 a Se ef el ds tras se 8 2 / Ma in au st ra sse 3

3•13-2 -02 Grun

pl an

driss Er

dgeschos

s / Umgeb

c

b

da tu m 08.12.2008 ms t 1-100 fo rm at 1180 x 750

Frischluft

23

1335 28

Dachfläche

BF: 74.0 m2 extensiv begrünt 414.25 M.ü.M

414.61 M.ü.M

400

Loggia

BF: 8.9 m2

d

185

38

1014

d

38

30

700

38

Teeküche

BF: 5.8 m2

203

15 120

60

460

25

EDV

BF: 4.4 m2

Personenlift

328

38

a

2136

BF:

1989

510

414.85 M.ü.M

26

EI60

24

EI30

150

22.8 m2

10.5 m2

Treppenhaus

BF:

EI30

Office

a

1561

414.61 M.ü.M EI30

413.73 M.ü.M

1605

Vorführkabine

BF:

40

11.5 m2

295

15

1505

121 23

16

WC / BF: 6.8 m2 23

1174

714

38

Büro BF: FF:

181.5 m2 35.5 m2

Büro 1.0 BF:

BF:

12.0 m2

204.2 m2

38

Office

30

150

BAULINIE

866

350 1216

c

b

b

c

28

23

1335

417.84 M.ü.M

Ledermann AG Beteiligungen & Imm Seestrasse 99a, CH-8702 Zollikon

Loggia

400

d

BF: 8.9 m2

185

38

1014

d

38

Zürich, den 08.12.2008 der Gesuchsteller:

700

38

BF: 5.8 m2

150

Zürich, den 08.12.2008 die Architekten:

Moser & Wegenstein, Architekturbü 203

15 120

60

460

25

EDV

Treppenhaus

Personenlift

a

38

2136

BF:

1989

510

BF: 4.4 m2

328

EI60

26

EI30

24

22.8 m2

VERKLEIDUNG IN EI30 (nbb)

EI30

Herr Urs Ledermann

Teeküche

a

1561

417.84 M.ü.M

Sämtliche Fensterflächen sind grösser oder gleich 10 % der Bodenfläche.

monoblock restaurant

WC / BF: 6.8 m2 23

Bestehend Kino Razzia 1174

Neu Kino Razzia

38

Abbruch Kino Razzia

714

23

Büro BF: FF:

Neubau Mainaustrasse 34

181.5 m2 35.5 m2

Büro 2.0 BF:

204.2 m2

± 150 866

obje kt

350 1216

c

b

“ bauher r

38

BAULINIE

pl an

#

Ç

Ledermann AG Bet eili gungen & Immobil ie n, Seest ra ss e 99 a 3• 13 "Ki no Raz zi a", Seef el dstras se 82 / Ma in aust ra sse 3

3•13-2 -03 Grun drisse

datum 08.12.2008 mst 1-100 fo rmat 1180 x 750

1. und 2. Oberge


c

b

129

28

23

23

1335

Essen/Wohnen BF: FF:

400

Loggia

BF: 8.9 m2

15 25 120 15

d

180

12

3.5 Zimmerwohnung BF: 97.7 m2

479

d

40.6 m2 10.2 m2

Wohnung 3.1

370

370

421.07 M.ü.M

Zimmer

BF: FF:

17.4 m2 5.1 m2

WT

WC/Dusche

BF:

4.1 m2 EI30

Zimmer

25 15 120

365

15

15

15 180

384

383

301

38

BF:

a

8.6 m2

EI30

WC/Dusche BF:

4.1 m2

405

15

Zimmer

WT

14.8 m2 3.2 m2

WC/Bad

2136

254

421.07 M.ü.M

15 448 Zimmer

BF: FF:

21.2 m2

9.2 m2

1561 38

Treppenhaus

BF:

16.3 m2 3.2 m2

BF:

WC/Bad

a

460

1989

30

BF: FF:

Personenlift

BF: FF:

12.3 m2 3.2 m2

Essen/Wohnen

BF: FF:

50.8 m2 21.2 m2

Wohnung 3.2

3.5 Zimmerwohnung BF: 100.9 m2

150

38

38

BAULINIE

866

350 1216

c

b

b

c

23

28

23

1335

Essen/Wohnen BF: FF:

400

Loggia

BF: 8.9 m2

40.6 m2 10.2 m2

Ledermann AG Beteiligungen & Immobilien Seestrasse 99a, CH-8702 Zollikon

Wohnung 4.1

370

370

424.30 M.ü.M

12

15 25 120 15

3.5 Zimmerwohnung 97.7 m2 BF:

479

d

d Zürich, den 08.12.2008 der Gesuchsteller:

180

Herr Urs Ledermann

Zimmer BF: FF:

17.4 m2 5.1 m2

WT

WC/Dusche BF:

Zürich, den 08.12.2008 die Architekten:

4.1 m2

Moser & Wegenstein, Architekturbüro ETH/SIA

EI30

Zimmer

25

301

38

8.6 m2

a

EI30

15 120

WC/Dusche

BF:

4.1 m2

405

15

Zimmer

WT

15 180

BF: FF:

Sämtliche Fensterflächen sind grösser oder gleich 10 % der Bodenfläche.

Bestehend Kino Razzia

12.3 m2 3.2 m2

Neu Kino Razzia Abbruch Kino Razzia Neubau Mainaustrasse 34

383

384

2136

254

15

15

14.8 m2 3.2 m2

15

BF: FF:

WC/Bad

BF:

424.30 M.ü.M

365

448 Zimmer

16.3 m2 3.2 m2

21.2 m2

Personenlift

9.2 m2

1561 38

Treppenhaus

BF:

BF:

WC/Bad

a

460

1989

30

BF: FF:

Essen/Wohnen BF: FF:

50.8 m2 21.2 m2

Wohnung 4.2

±

3.5 Zimmerwohnung BF: 100.9 m2

“ bauher r

150

38

38

BAULINIE

obje kt

866

pl an

350

#

Ç

Ledermann AG Bet eili gungen & Immobil ie n, Seest ra ss e 99 a, CH-8702 Zol li kon 3• 13 "Ki no Raz zi a", Seef el dstras se 82 / Ma in aust ra sse 34, CH-8 008 Züri ch

3•13-2 -04 Grun drisse

3. und 4. Obergeschoss

datum 08.12.2008 mst 1-100 fo rmat 1180 x 750

1216

c

b

b

c 1334 798

313

23

223

320

427.53 M.ü.M

Terrasse

BF: 27.3 m2

Zimmer BF: FF:

24.2 m2 11.7 m2

d

230

15

d

WC/Bad

185

32

25 120 15

1220

BF:

38

6.9 m2

693

38

275

38

a

2001

Personenlift

460

1985

RWA

EI30

a

90 25

427.53 M.ü.M

10

WT

613

765

427.53 M.ü.M

Essen/Wohnen BF: FF:

Terrasse

57.8 m2 17.5 m2

BF: 67.4 m2

Wohnung 5.0

38

2.5 Zimmerwohnung BF: 133.2 m2

150

BAULINIE

866

350 1216

c

b

b

c 1334 798

223

313

Ledermann AG Beteiligungen & Immobilien Seestrasse 99a, CH-8702 Zollikon

Linke Seite: Grundrisse des Projekts von Moser Wegenstein aus der Baueingabe von 2008: Grundriss Erdgeschoss (oben), erstes (Mitte) und zweites Obergeschoss (unten).

Rechte Seite: Grundrisse des Projekts von Moser Wegenstein aus der Baueingabe von 2008: Grundriss drittes (oben) und viertes (Mitte) ­Obergeschoss sowie Dachgeschoss (unten). d

1220

d

2001

1985

RWA

a 430.76 M.ü.M

a

Zürich, den 08.12.2008 der Gesuchsteller: Herr Urs Ledermann

Zürich, den 08.12.2008 die Architekten: Moser & Wegenstein, Architekturbüro ETH/SIA


130

Sämtliche Parkplätze im Innenhof wurden in eine Tiefgarage unter dem Razzia verlegt und der Hof durch ein stimmiges Grünkonzept aufgewertet. Mit dieser kohärenten und realisierbaren Lösung waren die Architekten den Auflagen und Ansprüchen an das Bauvorhaben gerecht geworden. Nachdem das Bauprojekt sämtlichen involvierten und interessierten Stellen vorgestellt worden war, wurde es im ­Dezember 2008 bei den Baubehörden eingereicht und am 28. April 2009 inklusive Schutzentlassung der Villa Mainau bewilligt. Da keine Rekurse oder Einwände eingingen, war die Bewilligung 30 Tage später rechtskräftig – und der gordische Knoten durchschlagen. An diesem architektonischen Statement veränderte sich bis zur Umsetzung durch Hemmi Fayet Architekten nur noch wenig.

Stau auf der Autoban Als Nutzung war beim bewilligten Projekt ein Restaurant im Kino Razzia sowie ein Ladengeschäft im Erdgeschoss des Neubaus vorgesehen. Im ersten und zweiten Obergeschoss des Mainau-Gebäudes waren Büros geplant, auf den Stockwerken drei und vier je eine Dreieinhalbzimmerwohnung und im fünften Stock eine grosszügige Attikawohnung. Mit Daniel Kehl und Marc Saxer von der Höschgass Gastro AG kam 2010 ein namhafter Gastronomiepartner ins Boot, der in Zürich bereits erfolgreich eine Reihe von Restaurants betrieb. Gemeinsam mit Urs Ledermann entwickelten die Unternehmer die Idee, das Restaurant mit einem Hotelbetrieb zu kombinieren. So wurde im August 2010 ein Abänderungsgesuch für ein Hotel eingereicht, das noch im November des gleichen Jahres bewilligt wurde.

Oben: Renderings des Baueingabeprojekts von Moser Wegenstein: Die städtebauliche Setzung sowie die Fassadengestaltung des später ­ge­bauten Projekts stehen weitgehend fest.

Rechte Seite: Abänderungspläne für ein Hotel von Moser Wegenstein im August 2010: Erdgeschoss (oben) und erstes Obergeschoss (unten).


131

b

Magnolie nstrasse

c

Baumelement mit Sitzrand

Warenlift Kühlräume BF: 15.3 m2

EI30

Brunne

n

411.25 M.ü.M Küche

Rüsten

Rankgerüst

BF: 62.6 m2 / 57.2 m2

411.25 M.ü.M

Vorraum

Abwasch BF: 8.5 m2

EI60 (nbb)

157

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

EI60 (nbb)

Wäscheabwurf Schacht EI 60 ausführen

EI30/TS

Brandschutzrolladen

Treppenhaus BF: 8.3 m2

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

468

natürliches Licht

410.86 M.ü.M

EI60 (nbb)

122

65

400

70

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

25

a

411.25 M.ü.M

305

25

125

1489

BF:16.0 m2 FF: 5.9 m2

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

Glaswand

EI60 (nbb)

260

Steigzone

REI 180

EI60 (nbb)

411.25 M.ü.M

1605

40

407

38

Glas EI60

25

PP: 20 / 16 Antrag auf Ersatz Veloplätze gemäss sep. Dokument

Reception / Eingangshalle

WLP

Treppenhaus BF:18.1 m2 / 22.8 m2

Showküche / Bühne / Bar

Pflästerung

EINGANG HOTEL

120

5 Bestehende Weisse Parkplätze

Glaswand

Saal

a

193

Halle / Lager BF: 30.2 m2/ 23.5 m2 FF: 7.0 m2

268

EI30/TS

BF: 265.8 m2

/ Laden

Cafeteria, Bar

REI 180

Velo PP

Glas ohne Anforderungen

Lift 137 X 140

165 Sitzplätze

536 Steigzone

RWA 2 m2 Vorraum BF: 8.3 m2 / 7.8 m2

d

2.6 m2

EI30/TS

EI60 (nbb)

mobiles Buffet

ZUFAHRT

AUTOLIFT / ANLIEFERUNG

Kofferlager BF:

Schürze an Decke

268

30

Holzkohlengrill

Autolift

375

Innenhof BF: 100.4 m2

45 49

d

9.1 m2

verschmutztes Geschirr

1057

Anrichte

153

Kochen

Pflastersteine geschliffen

Mainaustrasse

BF:

Vorbereiten

Aussenbereich für ca. 35 Gäste

EI60 (nbb)

Sitzelemente

EI30

BF:83.7 m2 / 77.5 m2 FF: 25.25 m2

27 Sitzplätze

500

411.25 M.ü.M Entrée BF: 16.4 m2

EI30 / TS

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX Feuerpolizeiliche Belegung bis 200 Personen möglich

RWA 2 m2

Pflästerung EI30

38

Rankgerüst

Sonnerie mit Verbindung zur Reception für Rollstuhlfahrer installieren Pflastersteine geschliffen

30

BAULINIE

Tramhaltestelle FELDEGGSTRASSE - VBZ

EINGANG CAFETERIA / BAR

EINGANG

RESTAURANT

b

c

Seefeldstrasse

Neuer Fussgängerstreifen TBA Zürich

±

bauhe obje pl

c

b

dat m fo rm

Frischluft

1335 nicht isolierte, verschiebbare Verglasung

DU

Zimmer

414.85 M.ü.M

400

d

BF: 14.4 m2 FF: 7 m2

Loggia

Ankleide

TV

Verbindungstür

393

30

BF: 14.4 m2 FF: 1.9 m2

15

1505

natürliches Licht

468

BF: 5.2 m2

Wohnen BF: 14.4 m2 FF: 3.2 m2

Minibar

180

125

Gard.

25

Gard. Koffer

EI60 (nbb)

25

Ankleide

Zimmer 1.3 / Büro 1

125

Steigzone

1561

400

Behinderten gerecht

DU / WC

WC

EI30/TS BF: 35.5 m2 / 204.2 m2

Zimmer 1.5 / Büro 1 414.85 M.ü.M EI30/TS BF: 34.1 m2 / 204.2 m2

121

Steig zone

SICHERHEITSBELEUCHTUNG 1 LUX

EI60 (nbb)

DU

BF: 6.2 m2

Vorhang

DU

WLP

432

a

TV

38

25

11.5 m2

295

16

1605

Vorführkabine

142

Treppenhaus BF: 24.2 m2 / 21.2 m2

DU / WC

BF:

BF: 13.3 m2 FF: 3.2 m2

Wäscheabwurf Schacht EI 60

WC

EI30

413.73 M.ü.M

Zimmer

EI30/TS

Putzschrank Schrank EI 60, Türen EI 30

Gard.

DU

BF: 5.3 m2

1989

a

TV Gard.

25 Minibar

DU / WC WC

TV

Steig zone

Lift 137 X 140

TV

Zimmer 1.1 / Büro 1 BF: 36.6 m2 / 204.2 m2 EI30/TS

414.85 M.ü.M

d Minibar

Koffer

Wohnen

Office

BF: 24.8 m2 FF: 3.2 m2

Vorhang

Zimmer 1.2 / Büro 1 BF: 32 m2 / 204.2 m2

Vorhang

BF: 10.5 m2

Zimmer

DU / WC BF: 6.6 m2 WC

BF: 8.9 m2

2136

414.25 M.ü.M

234

74.0 m2 BF: extensiv begrünt

10

28

Dachfläche

EI30/TS

Ankleide

Zimmer

BAD / DU

Vorhang

BF: 11.8 m2 FF: 3.2 m2

WC WC/Bad/Ankl.

Steigzone

Minibar

500

BF: 12.5 m2 Minibar

Gard.

Koffer

Zimmer

TV

Essen

BF: 27.3 m2 FF: 3.2 m2

BF: 8.4 m2 FF: 3.2 m2

TV

Vorhang

Zimmer 1.4 / Büro 1 BF: 44.1 m2 / 204.2 m2 bedingt Behinderten gerecht

TV

Wohnen BF: 10.4 m2 FF:11.6 m2

38

Personal / Office BF: 12 m2

30

BAULINIE 866

350

1216

c

b

b

c

d

400

Loggia

DU

Zimmer

234

418.02 M.ü.M

BF: 14.4 m2 FF: 7 m2

TV

Ankleide

Zimmer BF: 24.8 m2 FF: 3.2 m2

DU / WC WC

BF: 8.2 m2

10

28

1335 nicht isolierte, verschiebbare Verglasung

BF: 6.6 m2 Vorhang

d

Zimmer 2.2 / Büro 2 Verbindungstür

BF: 32 m2 / 204.2 m2

Minibar


132

Für die Innenarchitektur des Hotel- und Gastronomieprojekts schrieben die Initianten einen Wettbewerb aus. Eingeladen waren das Atelier Zürich von Claudia Silberschmidt, Autoban Interior Design aus Istanbul, Christophe Marchand Design aus Küsnacht sowie Kalfopoulos Architekten AG aus Zürich. Das Istanbuler Büro gewann den Wettbewerb und wurde mit der Weiterbearbeitung des Projekts beauftragt. Am 25. Januar 2011 stellten Ledermann Immobilien sowie die Gastronomen Daniel Kehl und Marc Saxer im Zürcher Segelclub ihr weiterentwickeltes Projekt Razzia den Medien vor. Das siegreiche Gestaltungskonzept von Autoban, das sich an der Architektur des historischen Alt- und des modernen Neubaus orientierte, rief in den Medien eine Art skeptische Begeisterung hervor. Unbestritten war die Eigenständigkeit des Entwurfs: Innenausbau, Möblierung und Leuchten be-

standen aus Designs, die von den türkischen Innenarchitekten spezifisch für das Razzia entwickelt worden waren. Im Kinosaal war ein Restaurant mit rund 100 Sitzplätzen und einer Bar für 30 Personen geplant. Das gastronomische Konzept sah eine Küche mit marktfrischen regionalen Speisen vor. Nebst Klassikern hätte der Schwerpunkt auf Spezialitäten vom offenen Feuer gelegen. Ausserdem wurde ein begleitendes Kulturprogramm in Aussicht gestellt. In einer Café-Lounge im Erdgeschoss des Neubaus war eine Symbiose aus Bar, Kaffeebar, Take-away, Rezeption, Bibliothek und Shop geplant. Mit einem Ganztagesbetrieb wollten die Betreiber diesen Bereich zu einer Begegnungszone für Hotelgäste, Quartierbewohner und Passanten entwickeln. Gestalterisch sollten im «urbanen und zeitgemässen Unique-Hotel» Razzia mit 23 grosszügigen Zimmern hochwer-

Oben: Innenraumentwurf für den Kinosaal des ­Istanbuler Designbüros Autoban in der ersten ­Runde von 2010. Unten: Innenraumentwurf für den Kinosaal des ­Istanbuler Designbüros Autoban in der zweiten Runde von 2010. Rechte Seite: Autoban hätte sich das Restaurant Razzia in einem kühlen, an eine Brasserie ­erinnernden Ambiente vorgestellt.


133

tige Materialien und gutes Design zum Tragen kommen. Als Termin für den Baubeginn nannten die Initianten den Dezember 2011, die Eröffnung des Hotels hätte zwei Jahre später stattfinden sollen. Doch wie so oft bei Razzia-Projekten scheiterte auch diese Idee bereits wenige Monate später am Businessplan beziehungsweise an den wenig aussichtsreichen finanziellen Perspektiven. Und so erhielten Moser Wegenstein Architekten im April den Auftrag, im Neubau wieder Wohnungen zu projektieren. Auch diese Pläne mit neuem Wohnungslayout wurden im Juni 2011 von der Stadt Zürich anstandslos bewilligt. Nachdem Moser Wegenstein die Ausführungsplanung in Angriff genommen hatten, trennten sich jedoch die Ledermann Immobilien AG und die Architekten im November 2011.

Phoenix aus der Asche Im Januar 2012 übernahmen Hemmi Fayet Architekten AG das Projekt. Über die Hintergründe für den Wechsel schwiegen sich alle Parteien aus. Vermutlich hatte Petra Hemmi recht, wenn sie sagte, die Projektgeschichte habe allen bis dahin Beteiligten viel Kraft geraubt. Als Aussenstehende konnten sie nun mehr oder weniger unbefangen an die Umsetzung gehen. Hemmi Fayet übernahmen prinzipiell die städtebauliche Setzung und die architektonische Grundkonzeption von Moser Wegenstein. Neu überarbeitet wurde vor allem die Grundrissaufteilung des Wohnbereichs, in dem jetzt pro Stockwerk drei Zweizimmerwohnungen vorgesehen waren. Sie seien in einem schwierigen Moment beigezogen worden, erklärte Serge Fayet später – dies umso mehr, als sich kurz da-

rauf die Höschgass Gastro AG zurückzog, was auch das Innenausbaukonzept von Autoban Interior Design hinfällig werden liess. Hemmi Fayet eigneten sich das Neubauprojekt an, indem sie den Bau von Grund auf neu entwarfen – sozusagen nach-entwarfen. Parallel dazu arbeiteten sie ein Denkmalpflegekonzept für den Kinosaal aus. Dabei ging es um die Frage, was und in welchem Ausmass zu restaurieren war und was man allenfalls rekonstruieren wollte. Sie seien in diesem Saal gestanden und hätten sich gefragt, wie man mit diesen x-­ tausend Schadstellen umgehen sollte, erklärte Petra Hemmi später. In enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege verfassten die Architekten ein Grundsatzpapier, in dem z. B. definiert wurde, dass die Trennung zwischen Decke und Wand ein wichtiges räumliches Element sei, das gänzlich wiederhergestellt werden sollte. Wichtig war auch die Lesbarkeit der vertikalen Elemente wie der Pilaster, welche wieder über Sockel verfügen sollten. Schliesslich wurde auch der Umgang mit den Flächen und den Malereien definiert. Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, dass nach dem Ausstieg des Gastronomiepartners lange nicht klar war, wer das Razzia schliesslich betreiben würde. Aus diesem Grund musste das architektonische Konzept so lange wie möglich offengehalten werden. Als sich der Bauherr mit der Razzia Kultur AG fand, war der Planungsprozess bereits sehr weit fortgeschritten. Das sei die riskanteste Phase im ganzen Razzia-Projekt gewesen, an diesem Punkt hätte man mit dem falschen Gastronomiepartner alles zerstören können, sagte Serge Fayet im Rückblick.


Im Kino Razzia wird im August 2010 in Koopera­ tion mit dem Magazin «Kuss» eine Ausstellung über die Geschichte des Gebäudes eingerichtet.


Neuer Glanz in den Ruinen Während die Planung also heiss lief, wurde das Razzia bereits seit einiger Zeit zwischengenutzt – und gelangte auf diese Weise allmählich wieder auf den Radar der Zürcher Kultur­ szene. Schon im Februar 2005 hatte Otto e mezzo zu einem mehrtägigen Kulturfestival mit Lesungen, Filmvorführungen,­ Podiumsdiskussionen und einer Ausstellung geladen. Während der Fussballeuropameisterschaft 2008 fand ein Public Viewing des Grossanlasses statt. In einem provisorischen Barbetrieb mit Lounge konnten jeweils rund 200 Personen die Spiele bei freiem Eintritt auf Grossleinwand verfolgen. Ab Oktober 2008 mietete die Eventagentur das Razzia fest für drei Jahre und nutzte es als Kultur- und Veranstaltungslokal unter dem Label Seefeld-Razzia. Das Spektrum der Aktivitäten im temporären Klub war breit und reichte von Kunstausstellungen bis zu Konzertveranstaltungen. Im September 2009 war sogar Hollywood zu Gast, allerdings nicht mit Filmen, sondern in Form von Bildern, die der Schauspieler Sir Anthony Hopkins gemalt hatte. Anschliessend wurde das Razzia als offizielle Location des Zurich Film Festivals genutzt. Unter anderem wurden dort im Rahmen der Veranstaltungsreihe Onedotzero kurze Digitalfilme von jungen Schweizer Künstlern gezeigt. Es fanden aber auch Konzerte und eine Burlesque-Show statt.12 Im September 2010 widmete das Magazin «Kuss» der Geschichte des Razzia eine ganze Ausgabe – und veranstaltete parallel dazu eine viel beachtete Ausstellung im Kinosaal selbst. Kurz vor dem Abriss der Villa Mainau und dem Beginn der Restaurierungsarbeiten am Razzia kulminierten die Zwi-

schennutzungen zu einem noch grösser angelegten, multikulturellen Abschlussfeuerwerk. Unter dem Titel «Das be­ gehbare Buch» lancierte die Buchhandlung Orell Füssli im September 2011 gemeinsam mit 20 Verlagen ein Spektakel, bei dem Literatur in all ihren Facetten populär in Szene gesetzt wurde. So las z. B. der britische Musiker und Schriftsteller Tony O’Neill aus seinem Thriller Sick City und trat anschliessend als DJ in Aktion.13 Die Ruinenromantik passte aber auch gut zu Gesprächen über gesunde Ernährung anlässlich einer Präsentation des Sachbuchs Anständig essen. Ein Selbstversuch der deutschen Autorin Karen Duve oder zu Irène Némirovskys Rausch, aus dem die Filmschauspielerin Iris Berben vorlas. In den kleinen Zimmern der Villa Mainau präsentierten rund 20 Verlage ihre aktuellen Titel. Manche liessen sich szenografisch fantasievolle Installationen dazu einfallen, indem sie literarische Figuren und epische Stimmungen räumlich inszenierten. Aber auch Promotoren der elektronischen Adresssuchmaschine local.ch bewiesen, dass selbst ein Daten­ friedhof attraktiv visualisiert werden kann, indem sie einen ganzen Raum mit ausgerissenen Telefonbuchseiten ausschlugen. Kreuz und quer durchs ganze Haus trafen die Besucher auf kleine Spektakel mit ausgestellten Büchern, ­Filmen oder Lesungen. Kräuter dienten zur Illustration von Kochbüchern, und auf der Toilette wurde man von Märchen ab Band literarisch umgarnt.14 Märchen gab es allerdings auch live, vorgetragen von Prominenten im Rahmen der ­Reihe «Märli für Erwachsene». Zu Besuch im Razzia waren vermeintlich literaturferne Promis wie Carla del Ponte, Bernard Thurnheer und sogar der FC Zürich (FCZ). In einem Zimmer der Mainau präsentierte der Fussballklub seine Geschichte, die soeben in einem Buch publiziert worden war. Natürlich gab es dazu auch das passende Event: FCZ-Präsident Ancillo Canepa lief persönlich im

Links: Installation Die Erinnerungsspinnerin in der Razzia-Ausstellung von 2010. Oben: Hinter der Gipswand erscheint das geflügelte Pferd Pegasos, das von Perseus aus dem Kopf der Medusa befreit worden ist.


136

Razzia ein, gefolgt von Klublegende und Nationaltrainer Köbi Kuhn sowie Michael Lütscher, dem Verfasser der gerade erschienenen schwergewichtigen FCZ-Chronik. Nach 90 Minuten wurde die Talkshow abgepfiffen, und man ging mit Fussballmusik bis Mitternacht in die Verlängerung.15 Eine Installation des Kinounternehmers This Brunner wiederum feierte das Buch mit ausgewählten Filmsequenzen: Jeanne Moreau las ihrem Hausherrn als Kammerzofe in Journal d’une femme de chambre vor, Brigitte Bardot schützte ihren Hintern in Le mépris mit einem Taschenbuch vor der Sonne, Jean-Paul Belmondo gab sich in Pierrot le fou in der Badewanne bibliophil und in Fahrenheit 451 gingen ganze Bücherberge in Flammen auf.

Zum Schluss nochmals eine illegale Party Zum Abschluss des bunten Reigens an Zwischennutzungen gab es, wie es sich für eine Abbruchliegenschaft gehört, eine illegale Party. Aktivisten aus der Hausbesetzerszene nahmen Ende Oktober 2011 das leer stehende Gebäude für eine letzte Sause in Beschlag und feierten ein lautes, aber friedliches

Pop-Prominenz im Razzia anlässlich der Veranstaltungsreihe «Das begehbare Buch»: Dieter Meier und Boris Blank alias Yello (oben).

Fest, das für zahlreiche Lärmklagen sorgte. Gefälschte Medienmitteilungen nannten die Stadt Zürich als Gastgeberin, was man im Stadthaus selbstverständlich nicht amüsant fand. Die Polizei schritt jedoch nicht ein, weil der Hausherr Urs Ledermann die Eindringlinge unter der Bedingung gewähren liess, dass sie die Wandmalereien nicht zerstörten.16 1 Vgl. Auszug aus dem Protokoll des Stadtrates von Zürich vom 25. März 2009. 2 Vgl. Brunner, Stephan. Kino Seefeld und Villa zur Mainau. Diplomwahlfacharbeit Departement Architektur, Institut für Denkmalpflege. ETH ­Zürich, Zürich 2003, S. 17. 3 Baur, Ruedi. Intégral, Ruedi Baur und Partner. Lars Müller Publishers, Baden 2001, S. 372f. 4 Vgl. Steinberger, Axel. Konzept Integral vom 22.1.2003. 5 Vgl. NZZ, 10.4.2002. 6 Vgl. NZZ, 15.2.2003. 7 Vgl. NZZ, 5.2.2005. 8 Vgl. NZZ, 6.4.2005. 9 Vgl. NZZ, 24.11.2006. 10 Vgl. Auszug aus dem Protokoll des Stadtrates von Zürich vom 25. März 2009. 11 Vgl. NZZ, 21.11.2008. 12 Vgl. Tages-Anzeiger, 10.9.2009. 13 Vgl. Züritipp, 1.9.2011. 14 Vgl. Tages-Anzeiger, 8.9.2011. 15 Vgl. Newsnetz/Der Bund, 15.9.2011. 16 Vgl. NZZ, 24.10.2011.

Rechte Seite, oben: Fussball-Nationaltrainer Köbi Kuhn im Gespräch mit Buchautor Michael Lütscher und dem FCZ-Präsidenten Ancillo Canepa ­anlässlich einer Präsentation der FCZ-Monografie Eine Stadt, ein Verein, eine Geschichte.

Rechte Seite, unten: Das Razzia wird kurz vor dem Abbruch zur ­Bühne für kulturelle Veranstaltungen.


138

Impressionen aus der Veranstaltungsreihe «Das ­begehbare Buch» in der Villa Mainau.


139


140


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Zarafa, die Liebliche

Zarafa war ein Geschenk von Muhammad Ali Pascha, Vizekönig von Ägypten, an den französischen König Karl X. und stammte aus dem heutigen Sudan. Ihr Name bedeutet im Arabischen «Die Liebliche» und – wenig überraschend: Giraffe. Sie wurde 1825 als Jungtier in der Gegend des Blauen Nils eingefangen und zunächst nach Khartum gebracht. Von dort aus reiste Zarafa auf dem Nil quer durch das damalige Ägypten, über 2500 Kilometer und ein halbes Dutzend Nilkatarakte weit bis nach Kairo. Anschliessend wurde das Tier in Alexandria nach Marseille verschifft. In das Oberdeck des Frachters hatte man – se non è vero, è ben trovato – ein grosses Loch gesägt, durch das die Giraffe ihren Hals strecken konnte. Von Marseille aus marschierte Zarafa während 41 Tagen nach Paris und wurde dort am 30. Juni 1827 ­begeistert empfangen. Nach ihrer Ankunft im Jardin des Plantes lebte die Giraffe noch fast 18 Jahre bis zu ­ihrem Tod am 12. Januar 1845. Heute ist das ausgestopfte Tier im Muséum d’Histoire Naturelle in La Rochelle ausgestellt. Die Geschichte von Zarafa ist eine von vielen Legenden, die Claudia Silberschmidt rund um das Razzia gewoben hat. Als Innenarchitektin ist es ihre Aufgabe, Räume mit Geschichten auszustatten – ihnen eine Seele zu geben. Dabei geht sie vor wie eine Erzählerin aus Tausendundeiner Nacht: Mit aufgerissenen Augen und grossen Ohren liegen ihr die Zuhörer zu Füssen, im Wissen darum, dass ihnen die ungeheuerlichsten Märchen aufgetischt werden.

Wie Hemmi Fayet Architekten das Razzia-Projekt vollendeten und das Atelier Zürich die Giraffe ins ehemalige Kino brachte Urs Steiner

Das Razzia als stimmungsvolle Kulisse für ein ­Restaurant voller Geschichten.


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Das Razzia-Maskottchen Zarafa, ein fünfeinhalb Meter hohes Stofftier mit Pied-de-Coq-Fell, hat nur bedingt etwas mit dem Kino zu tun. Oder vielleicht doch mehr, als man auf den ersten Blick meinen könnte? – Atelier Zürich interpretiert das Razzia als Zirkus voller Attraktionen. Denn in einer solch ambivalenten Halbwelt war das Kino zur Zeit seiner Erbauung 1922 ganz und gar verhaftet. Bis wenige Jahre zuvor wurden Filme noch in Wanderzirkussen und Varietés gezeigt, im gleichen Programm wie Entfesselungskünstler und leicht bekleidete Tänzerinnen. Die Stadtzürcher Behörden sahen sich 1909 veranlasst, «im Interesse der Sittlichkeit und der Jugenderziehung» das öffentliche Abspielen unsittlicher oder anstössiger Bilder zu verbieten. 1922, im Jahr der Eröffnung des Kinos Seefeld, wurde eine Vorzensur eingeführt. Sämtliche Filme mussten vor ihrer Vorführung bei der Polizeidirektion angemeldet werden.1 Zu den Stummfilmen schmetterte das Hausorchester von Giovanni Aversano dramatische Bläsersalven in den Raum, im ersten Programm wurden Margot, eine «Tragikomödie in 6 Akten», sowie ein Reisefilm aus Ägypten und Palästina mit dem Titel An der Wiege des Christentums gezeigt. – Schon wieder Ägypten! Und zum Abschluss sei mit einem Fatty-Film «dafür gesorgt, dass im Eröffnungsprogramm dieses jüngsten Kinotheaters unserer Stadt auch der Humor nicht zu kurz kommt», schrieb die NZZ in ihrer Kritik vom 21. Oktober 1922.

Oben: Das Razzia-Maskottchen Zarafa, ein fünfeinhalb Meter hohes Stofftier mit Pied-deCoq-Fell.


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Links: Programme der Zürcher Lichtspieltheater in der Eröffnungswoche des Cinemas Seefeld im Herbst 1922. Oben: Anzeige des Eröffnungsprogramms im ­Cinema Seefeld am 21. Oktober 1922 in der ­«Neuen Zürcher Zeitung». Rechts: Bericht der «­ Neuen Zürcher Zeitung» über die Neueröffnung eines Kinotheaters an der Seefeldstrasse 82 am 19. Oktober 1922.


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Leuchter, als Zeltdach über dem Garten oder in den zur Bühne hin gestaffelten Podesten. Die Toiletten sind als Boudoirs interpretiert, mit verrucht schwarzen Tapeten, auf denen sich Waschbären, Vögel, Lemuren und Koboldmakis tummeln. Die Tapeten und Stoffe stammen aus dem trendigen EastLondoner Innendekorationsgeschäft House of Hackney – als Bespannung der Wände, als Lampenschirme oder als Kissenbezüge –, alles im gleichen Palmenmuster bedruckt. Diese Palmwedel hat Atelier Zürich zum gestalterischen Leitmotiv erkoren, tauchen sie doch auch in den Metallbrüstungen der Podeste und als Dekor des Tors zum Gartenrestaurant wieder auf. Zur gleichen Zeit präsentierte Specks Lichtspielhaus und Theater Die drei Musketiere nach dem Roman von Alexandre Dumas père. Im Kino Orient lief «das phänomenalste Filmwerk der Gegenwart», Dr. Mabuse oder der Spieler, «mit Frauen in schlangenumgürteten glitzernden Schleppenkleidern, süsse Worte opferbereiter Liebe stammelnd …». Und Tom Mix, «der verwegenste aller Cow-Boys», «bemeisterte» im Cinema Theatre Palace Bellevue nicht nur das «wildeste Pferd», sondern setzte auch «mit dem hundertpferdigen Auto über die grössten Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellen».2 Das Kino der Zeit war ein zirzensisches Vergnügen, und so tauchen Zirkus- und Varieté-Motive im Dekor des Restaurants Razzia nicht zufällig auf – etwa in Form der Châpiteau-

Keine harten Brüche Claudia Silberschmidt ist Inhaberin des Atelier Zürich. Das Innenarchitekturbüro hat jedoch weit mehr geleistet, als nur die fertigen Räume zu dekorieren. Sowohl die schrägen ­Rampen entlang der Wände, die den einstigen Kinoboden nachzeichnen, als auch die Podeste, das Fischgrätenmuster des Eichen­parketts, die Sprossung der Fenster sowie die originalgetreue Kachelung des Eingangsbereichs wurden von den Gestalterinnen eingebracht. Der Gastronomiebetrieb wird von der Razzia Kultur AG geführt, an der neben der Gestalterin ihr Ehemann Peter Sil­berschmidt sowie André Bolli, Daniel Grieder, Thomas Rief­fel und der Razzia-Gastgeber, Stefan Roth, beteiligt sind. Für den Betrieb des Restaurants hat die

Oben links: Als Boudoirs interpretierte Toiletten mit Marmorwaschbecken und verrucht schwarzen ­Tapeten im neuen Restaurant Razzia. Oben rechts: Bar im Stil eines New Yorker Diners mit ­Anklängen an Edward Hoppers Gemälde Night­hawks.

Rechte Seite: Varieté-Ambiente im Restaurant ­Razzia mit Plüsch, Samt und geschupptem ­Bartresen.


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eigens zu diesem Zweck gegründete Firma Razzia Kultur mit der Ledermann Im­mobilien AG einen langjährigen Mietvertrag abgeschlossen. Die Einrichtung des Restaurants sollte nicht «designt» aussehen, sagt Claudia Silberschmidt. Harte Brüche zwischen Alt und Neu wollten sie und ihr Team nach Möglichkeit vermei­den. Ziel war es vielmehr, die historische Atmosphäre organisch gewachsen erscheinen zu lassen – so, als hätte das Restaurant bereits eine lange Geschichte hinter sich. Um diesen Eindruck zu vermitteln, kombinierten die Gestalterinnen alte und neue Einrichtung in einem bunten, oft nicht unterscheidbaren Mix: Neben neuen, fertig eingekauften Möbeln gibt es selbst entworfene Gegenstände wie die mit Lederquasten behangenen Leuchter oder den geschuppten Bartresen im Art-déco-Stil. Andere Möbel wurden speziell angepasst – etwa die Barhocker aus den USA, die vom Hersteller nur in Kunst­ leder angeboten, für das Razzia aber mit Echtleder überzogen wurden. Während im Restaurant die Golden Twenties zelebriert werden, herrscht in der Bar und im Weinshop Fifties-­ Atmosphäre vor – allerdings nicht die schweizerisch-spröde Variante der Guten Form von Max Bill. Vielmehr orientiert sich das Dekor der Bar am amerikanischen Stil der 1950er-Jahre, an der Ästhetik chromblitzender Diners und opulenter Strassenkreuzer. Zu dieser Stimmung trägt u. a. die runde Verglasung an der Ecke zum Eingang des Neubaus bei und weckt nicht ganz zufällig Assoziationen an Edward Hoppers berühmtes Gemälde Nighthawks. Diese Atmosphäre wird zusätzlich verstärkt durch einen niedrigen Betonsockel mit darüberliegender Glasfront auf der Seite Mainaustrasse, die von den Architekten Moser Wegenstein ursprünglich als geschlossene Wand vorgesehen war. Um die Einrichtung in Kino und Bar authentisch erscheinen zu lassen, brauchte es allerdings zahlreiche ergänzende Gadgets. So fuhr Claudia Silberschmidt im Sommer 2013 mit einem Kleinlastwagen quer durch Frankreich bis nach

England und klapperte unterwegs Dutzende von Brockenstuben und Antiquitätengeschäften ab. Auf ihrem Weg nach London über Land sammelte sie Gegenstände vom ­Spiegel bis zum Emailschild für die Toiletten, aber auch Plüschsessel, Etageren und andere Kleinmöbel. Diese Dekorationselemente und Trouvaillen öffnen nun genau jenen Assoziationsraum für Geschichten, der Claudia Silberschmidt vorschwebte.

Kulisse und Kostüm Mit solchen Props ausgestattet, dient das Razzia als Setting für einen täglich neu gedrehten Film, in dem die Gäste als Stars auftreten. Kulisse und Kostüm stehen im Zentrum dieser Traummaschinerie: Echt ist, was echt wirkt. Puristen könnten dieser Gestaltungsphilosophie Eklektizismus vorwerfen, das Heraufbeschwören einer Scheinwelt. Doch genau dieser charmant-durchschaubare Schwindel, diese zelebrierte Inszenierung gehört zum Razzia wie nichts anderes. Zum Kino Seefeld passt diese Haltung erst recht. Denn der Architekt Wilhelm Pfister-Picault und der Dekorationsmaler Otto Haberer-Sinner bedienten sich bereits 1922 einer ausgefeilten Kulissenstrategie: Sie bauten für ihren Kinematografen einen eklektizistischen Raum in griechischem Dekor, um die neue


Oben: Mit Lederquasten behangener ChâpiteauLeuchter, ein Eigenentwurf des Atelier Zürich. Linke Seite, unten: Schaulager für Weine unter der ­Projektionskabine des Kinos, wo einst die ­Logen placiert waren. Unten Mitte: Wandbespannung mit Palmendekors vom Londoner House of Hackney. Unten rechts: Palmwedel als gestalterisches Leitmotiv.


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Form der Volksbelustigung auf Augenhöhe mit dem klassisch aristotelischen Theater zu katapultieren. Erkauft wird das stimmige Razzia-Sequel mit der Verwedelung der Grenzen zwischen Alt und Neu. Der historische Bestand aus den 1920er-Jahren, der nach einem Konzept der Architekten Hemmi Fayet gemeinsam mit den Restauratoren und der Denkmalpflege sorgfältig wiederhergestellt wurde, ist vom kongenialen Silberschmidt-Setting kaum zu unterscheiden. Doch wie im Kapitel «Reinigen, Retuschieren, Rekonstruieren» beschrieben, ist schon beim historisch erhaltenen Bestand der Begriff «Original» stark zu relativieren: Die Architektur und die Dekorationen wurden in den 1950er-Jahren in einem Mass beschädigt und zerstört, dass auch bei der Wiederherstellung des Belle-Époque-Kinos zugunsten eines harmonischen Raumeindrucks verschiedene Kompromisse eingegangen werden mussten, die Original und Kopie ineinander verschwimmen liessen. Natürlich darf man darauf vertrauen, dass die Architekten und Restauratoren unter der schützenden Hand der Denkmalpflege den historischen Bestand hinter der neuen

Überformung sicherten und dafür sorgten, dass die Schminke jederzeit wieder entfernt werden könnte. Die Um- und ­Einbauten durften die erhaltenen Reste des Alten nicht tangieren.

Suche nach dem Leitgedanken Als Hemmi Fayet 2012 vom Besitzer der Liegenschaft mit der Realisierung des Razzia-Um- und des Mainau-Neubaus betraut wurden, hatten sie sich erst einmal gefragt, auf welche Weise man diesen Raum wiederherstellen wolle. Sie suchten einen Leitgedanken, sagt Petra Hemmi, nach dem sie sich richten konnten. Anders als viele glauben, habe das Amt für Denkmalpflege nicht etwa ein Konzept vorgeschrieben, das es umzusetzen gegolten hätte. Es sei vielmehr so gewesen, dass die Architekten ein Konzept ausarbeiten mussten, auf das die Denkmalpflege reagieren konnte. Ein Schutzgedanke allein sei ja noch kein Projekt, erklärt Serge Fayet. Obschon Hemmi Fayet Architekten über einige Erfahrung mit Umbauprojekten verfügen, war der Umgang mit dem historischen Kino für sie die ungleich grössere Heraus-

Oben: Verglaster Sockel, der den Neubau auf der Seite Mainaustrasse zur Stadt hin öffnet und dem Restaurant und der Bar südländisches Flair verleiht. Rechte Seite: Urbane Stimmung an einem ­Sommerabend vor dem Razzia.


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forderung als der Mainau-Neubau. Ungewöhnlich war, dass sie zu einem Zeitpunkt mit dem Projekt betraut wurden, als die Planung bereits weit fortgeschritten war. Ihr Neubau orien­tiert sich denn auch von der städtebaulichen Setzung über die Definition der Volumen bis hin zur Fassadengestaltung stark am Vorgängerprojekt des Architekturbüros Moser Wegenstein.

Neu ist der verglaste Sockel des Neubaus, der die Bar und den Weinshop auf der Seite Mainaustrasse zur Stadt hin öffnet und die Horizontale betont. Neu sind aber auch die Wohnungsgrundrisse: Nach verschiedenen Variantenstudien war der Bauherr zum Schluss gekommen, dass er pro Normalgeschoss drei Zweizimmerwohnungen und im Attikageschoss eine Loftwohnung erstellen wollte. Im ersten Stock wurden Büros, ein Degustationsraum sowie ein klimatisiertes Schaulager für Weine realisiert. Besonderes Augenmerk legten die Architekten auf eine edle Detaillierung: So kamen im Treppenhaus schwarze Steinplatten aus einem Konglomerat mit hellen Kieseleinschlüssen zur Anwendung. Die Brüstungen wurden mit einer strukturierten Glasfasertapete eingefasst und mit geräucherter und weiss geölter Eiche abgeschlossen. Darüber schwingen sich Handläufe aus Messing, die von einem spezialisierten Schlosser geschweisst wurden. Hyperbolisch geformte Einbaugehäuse lassen die Treppenhausbeleuchtung als organisch geschwungene Lichtaugen erscheinen. Retrochic sind auch die Wohnungen: Auf einem durchgehenden Parkett, wiederum in geräucherter und weiss geölter Eiche, stehen kubische Servicekörper, die hinter einer Oberfläche aus Stuccolustro Bäder, Schränke und Waschtürme enthalten. Die Wände der Wohnungen sind zur Decke mit Vouten abgeschlossen und zweifarbig in warmen Umbratönen­ tapeziert, im unteren Drittel in einer dunkleren Farbe, was an eine klassische Täfelung erinnert. Die Schnittstelle zwischen dem Alt- und dem Neubau befindet sich im Erdgeschoss zwischen der Bar und dem Restaurant im Kinosaal. An diesem Übergang waren ursprünglich das Kassahäuschen und der Backstage-Bereich über einem­ Fussboden aus schachbrettartig verlegten Keramikplatten. Dieser Bodenbelag wurde analog zum Original wiederhergestellt und führt nun nach hinten zu den Serviceräumen, zum Treppenhaus und in die Küche. Rechts davon, im Neubau, befinden sich die Toiletten. Hinter einer Türe am Ende des Gangs ist die Schleuse zur Küche, die in einem

Linke Seite, oben: Rundum verglaster Erker in ­einer Geschosswohnung des Mainau-Neubaus. Linke Seite, unten: Edle Materialien, grosszügiger Grundriss und nostalgischer Chic in den Neubauwohnungen.

Oben: Treppenhaus mit Bodenplatten aus ­schwarzem Stein, tapezierten Brüstungen mit ­Eichenabschluss und Handläufen aus Messing.


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KÜHLRAUM

Gemüse

Fleisch

GLACE

Projektverfasser:

KÜHLRAUM

STAURAUM RÜSTEN / WARENANN. AUSGABE

ENTREMETIER

Salamander

PRODUKTION

KALT

Index Beschreibung H Türen EG.T.16 verbreitert, Fenster EG.F.03 und EG.T.04 fallen weg, Oberlichter Küche I Wände Küche (Mauerwerk und leichtbau), Eingangstüre Razzia: 2-flügelig, Position Eingangstüre Neubau (EG.T.01), Briefkastenanlage J Glasfassade zur Mainaustr. Stütze bei Eingang Café verschoben K Rohmass Fenster Seefeldstrasse Café, Stütze mittig L Wände bei Fluchttreppe Nachbar geschoben M Wände/ Mauern und Koten Gartenrestaurant angepasst N EG.T.14 und 18 Breite angepasst, zusätzliche Sturzhöhen angeschrieben, Treppe Altbau EG.T.19 neu schleusenseitig, einflüglig, EG.T.20 neu gespiegelt, Durchgang Kinosaal/Sch O Gartenmauerabschluss hinter Baulinie gesetzt P Revisionsstand

Kante Beton

ABWÄSCH.

ROT / SAUSIER

LAGERRAUM Trockenlager

20 L

20 L

ls

ls

6 Personen

8 Personen

8 Personen

7 Personen

4 Personen

4 Personen

ls

6 Personen

ls

ls

4 Personen

4 Personen

4 Personen

Sämtliche Masse sind vor der Ausführung vom Unternehmer auf eigene Verantwortung zu kontrollieren bzw. am Bau zu nehmen. Unstim Türhöhen: ab OK fertig höherem Boden bzw. Schwelle bis UK roher Sturz GN1/9

GN1/6

Kasse

GN1/9

Grundsätzlich gilt der Schallschutz im Hochbau nach SIA 181. Spezielle Massnahmen: - In Wohnungstrennwänden sowie Treppenhauswänden zu Wohnungen dürfen keine UP-Installationenen ausgeführt werden. - Sämtliche Installationen sind gemäss den Schallschutzmassnahmen des Bauphysikers auszuführen. - Alle gemauerten Innen- und Außenwände sind mit einer 10mm starken Dämmung von Betonwänden abzusetzen.

Projektursprung: 4 Personen

0

RAKO 600/400

4 Personen

ls

4 Personen

ls

Beton GN1/9

GN1/6

6 Personen

Leichtbau

GN1/9

Kasse

Kasse

4 Personen

Isolation

8 Personen

7 Personen

Mauerwerk 8 Personen 6 Personen

1

Legende:

ls

4 Personen

B BA BR D FB NBB OK RB RH ST TS UK W

Boden Bodenablauf Brüstungshöhe Decke Fertig Boden Nicht brennbar Oberkante Roh Boden (idR. Beton) Raumhöhe Sturzhöhe Türschliesser Unterkante Wand

Seefeldstrasse 82, Mainaustrasse 34, 8008 Zürich

938.6.20.EG

Plan-Nr.

Grundriss EG Revisionsplan Gezeichnet

or/jr Datum

Projekt-Nr.

938 Dateiname

6.6.14

Format

Razzia_Grundriss_

Bauherr:

Ledermann Immobilien AG, Seefeldstrasse 60, 8008 Zürich

Bauherrschaft:

Projektverfasser:

Kante Beton

ls

Umnutzung u. Neubau Razzia

ls

Untersicht Voute

Index B C D E

Kante Beton

F G H I J

Beschreibung Anschluss Nachbargebäude / Loggia Achsen (C neu, 3 verschoben), Treppe Neubau, Fenster Erker, Fenster Loggia, Peter-Ele DU/WC, Treppe Neubau: Hanlauf an Wand gestrichen, Fenster Seefeldstrasse Wand zw. 2OG.21 und 2OG.11 verschoben Küche Wohnung 1 verlegt, Bad/WC-Körper g DU/WC 2OG.22: Türe verschoben, Dusche, Teeküche VBZ-Abspannung, Rohbaumasse Fenster u. Türleibungen Treppenhaus, Tür 2OG.T.06, B Aktualisierung Küchen u. Bäder Kote OK Brüstung Erker Fenster Loggia->Lüftungsflügel, Leichtbau zwischen Bad u. Büro eingefügt, Bemassung a Vorsatzschale bei WHG Trennung abgeh. Decken eingezeichnet, Sturzkoten angepasst Revisionsstand

Sämtliche Masse sind vor der Ausführung vom Unternehmer auf eigene Verantwortung zu kontrollieren bzw. am Bau zu nehmen. Unstim Türhöhen: ab OK fertig höherem Boden bzw. Schwelle bis UK roher Sturz Grundsätzlich gilt der Schallschutz im Hochbau nach SIA 181. Spezielle Massnahmen: - In Wohnungstrennwänden sowie Treppenhauswänden zu Wohnungen dürfen keine UP-Installationenen ausgeführt werden. - Sämtliche Installationen sind gemäss den Schallschutzmassnahmen des Bauphysikers auszuführen. - Alle gemauerten Innen- und Außenwände sind mit einer 10mm starken Dämmung von Betonwänden abzusetzen.

Projektursprung: 0

1

Legende: Beton Leichtbau Isolation Mauerwerk

B BA BR D FB NBB OK RB RH ST TS UK W

Boden Bodenablauf Brüstungshöhe Decke Fertig Boden Nicht brennbar Oberkante Roh Boden (idR. Beton) Raumhöhe Sturzhöhe Türschliesser Unterkante Wand

Umnutzung u. Neubau Razzia Seefeldstrasse 82, Mainaustrasse 34, 8008 Zürich Draufsicht Dachtraufe

938.6.20.2O

Plan-Nr.

Grundriss 2.OG Revisionsplan Gezeichnet

or/jr Datum

Projekt-Nr.

938 Dateiname

6.6.14

Format

Razzia_Grundriss

Bauherr:

Ledermann Immobilien AG, Seefeldstrasse 60, 8008 Zürich

Bauherrschaft:

Projektverfasser:

Index A B C D E F G

Beschreibung Schränke Schlafzimmer & Masterbad-Bereich, Mainaustr. Nachbargebäude Achsen ( C neu, 3 verschoben), Treppe Neubau, Peter- Elemente, Dusche/WC Masterba Treppe Neubau: Handlauf an Wand gestrichen, Fenster Seefeldstr. Wand Treppenhaus Richtung Mainaustr. um 25mm verschoben Fenster Richtung Mainaustr. abgeändert (verschoben u. 1 Fenster entfernt) Grundrissänderungen: Arbeitszimmer (neu), Gast-WC, Bad/WC, Schlafzimmer, Position Rohbaumasse Fenster u. Türleibungen Treppenhaus Bemassung angepasst, Dachrand angepasst auf Terrassen, abgehängte Decke eingeze KS Wand zu Nachbarliegenschaft eingezeichnet, Vorsatzschale gegen Treppenhaus Revisionsstand

Sämtliche Masse sind vor der Ausführung vom Unternehmer auf eigene Verantwortung zu kontrollieren bzw. am Bau zu nehmen. Unstim Türhöhen: ab OK fertig höherem Boden bzw. Schwelle bis UK roher Sturz Grundsätzlich gilt der Schallschutz im Hochbau nach SIA 181. Spezielle Massnahmen: - In Wohnungstrennwänden sowie Treppenhauswänden zu Wohnungen dürfen keine UP-Installationenen ausgeführt werden. - Sämtliche Installationen sind gemäss den Schallschutzmassnahmen des Bauphysikers auszuführen. - Alle gemauerten Innen- und Außenwände sind mit einer 10mm starken Dämmung von Betonwänden abzusetzen.

Projektursprung: 0

1

Legende: Beton Leichtbau Isolation Mauerwerk

B BA BR D FB NBB OK RB RH ST TS UK W

Boden Bodenablauf Brüstungshöhe Decke Fertig Boden Nicht brennbar Oberkante Roh Boden (idR. Beton) Raumhöhe Sturzhöhe Türschliesser Unterkante Wand

Umnutzung u. Neubau Razzia Seefeldstrasse 82, Mainaustrasse 34, 8008 Zürich

938.6.20.D

Plan-Nr.

Grundriss DG Revisionsplan Gezeichnet Projekt-Nr.

or Datum 938 Dateiname

6.6.14

Format

Razzia_Grundriss


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e­ ingeschossigen Hofanbau untergebracht ist. Eine horizontal verlaufende Holzverschalung fasst Küche und Lärmschutzwände zu einer Einheit zusammen.

Erker als Ausrufezeichen Mit einer betonierten Gartenlandschaft aus Trögen, Beeten und Mauern haben es die Architekten geschafft, den beschränkten Raum im Hof stimmig zu inszenieren und die Nachbarn vor übermässigen akustischen Immissionen zu schützen. Neben einem Holzpodest, auf dem sich ein Teil der Tische befindet, erstreckt sich der Grünraum entlang eines ­sickerfähigen Bodens aus kunststoffgebundenem Kies bis zum Gartentor an der Seefeldstrasse.

Linke Seite: Grundrisse des realisierten RazziaProjekts von Hemmi Fayet Architekten: Erd­ geschoss (oben), Obergeschoss (Mitte) und Dachgeschoss (unten).

Das auffälligste Merkmal der Strassenfassade dürfte der dreiseitig verglaste, über mehrere Stockwerke laufende Erker sein, der die «Laterne» des Eingangs zur Bar und zum Weinshop wie ein Ausrufezeichen markiert. Die Betonung der Vertikale durch dieses Element erinnert an viele historische Kinobauten des Art déco, deren Eingänge oft mit einem signalhaften, die Höhe betonenden Bauelement von weit her sichtbar gekennzeichnet wurden. Die drei Fassaden des Neubaukörpers sind formal in hierarchisch unterschiedliche Ansichten gegliedert. Verbunden werden die drei Seiten durch ein Raster aus gleich grossen­ Öffnungen von Fenstern und Loggien sowie einen Grundverputz in hellem Umbra. Auf der Hofseite zum Razzia scheinen

Oben: Hierarchisch organisierte Varianten der ­Mainau-Fassaden: Strassenfront mit weiss ­gerahmten Fenstern und dem vorspringenden, rundum verglasten Erker.


Oben: Auf der Hofseite scheinen die rahmenlosen Öffnungen wie in die Mauer gestanzt und betonen den schroffen Schnitt im Blockrand. Rechte Seite: Betonung des horizontalen Zugs in die Tiefe der Mainaustrasse durch ein helles ­Fassadenband über dem Fensterraster.


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die rahmenlosen Öffnungen wie in eine flächige Brandmauer gestanzt und betonen so den schroffen Schnitt im Blockrand, in dessen Lücke der niedrige Kinobau eingeschoben ist. Auf der Frontseite zur Seefeldstrasse wurden die identisch dimensionierten Fenster dagegen mit weissen Betonprofilen gefasst. Die gerahm­ ten Öffnungen verleihen der zurückversetzten Wand eine statische Ruhe und lassen das vorspringende vertikale Element des gläsernen Erkers um­ so dramatischer erscheinen. Auf der Seite der Mainaustrasse schliesslich betonten die Architekten den horizontalen Zug in die Tiefe, indem sie ein helles Fassadenband zwischen längs eingesetzte, weisse Betonprofile über den Fensterraster legten. Diese subtile Inszenierung eines im Grunde schlichten kubischen Neubaus betont je nach Betrachtungswinkel einmal die Tiefe, einmal die Höhe und einmal den Schnitt. Die Verwandtschaft der Disziplinen Film und Architektur wird dadurch trefflich vor Augen geführt: Nichts ist so, wie wir es zu sehen glauben – das gilt seit der Renaissance ebenso für die Architektur wie in der Neuzeit für den Film. Entscheidend ist der Blickwinkel. Je nach Kameraposition erscheint das Gebäude einmal als schlankes Hochhaus, ein anderes Mal als eleganter Ozeandampfer. Und sollte auf dem Oberdeck der Mainau irgendwo eine Giraffe ihren Kopf herausstrecken – man würde sich nicht wundern. 1 Vgl. Uhlmann, Matthias. Ungesundes Beiwerk. In: NZZ, 29.1.2013. 2 NZZ, Anzeigen, 21.10.1922.


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Die Location entscheidet mit

2011 musste Zürichs ältestes ArthouseKino, das Nord-Süd beim Bellevue, infolge nicht refinanzierbarer Mietpreise schliessen. Das Haus beherbergt nun einen Shop von Sunrise. Orange wie­ derum, ein Konkurrenzunternehmen, spon­sert Zürichs grösstes Open-Air-­ Kino. Gleichzeitig befördern die beiden Kommunikationsfirmen den digitalen Download von Filmen aus dem Internet. Solche Widersprüche sind durchaus sinnbildlich für die Umwälzungen, welche die Kino- und Filmstadt Zürich in den letzten 30 Jahren erlebt hat. Das Razzia zeigte Mitte der 1980er-Jahre, dass es grundsätzlich möglich ist, ohne den Rückhalt einer Kinokette mit einem einzelnen Saal Erfolg zu haben, solange man eine gute Hand bei der Filmauswahl hat und sein Zielpublikum gut bedient. Etwas unter dem Radar hatten allerdings schon vorher zwei unabhängige Kinoprojekte begonnen, die aus der Jugendbewegung hervorgingen: Das Autonome Jugendhaus ­Zürich (AJZ) fing 1980 an, Filme vorzuführen, und schuf ein mobiles Kino, das – nach zweijährigem Gastaufenthalt in Edi Stöcklis Sexkino Walche unter dem Namen Houdini – sich 1984 schliesslich auf dem Kanzleiareal niederlassen durfte und zum Filmclub Xenix mutierte. Dessen «Sofakino» hat sich im Stadtkreis 4 als kultureller Fixpunkt etabliert und zeigt ­regelmässig Retro­spektiven wie auch Erstaufführungen. Das Programmprofil ist nicht mehr so aufmüpfig wie einst und hat sich demje­nigen des städtischen Programmkinos Film­ podium ange­nähert; beide versuchen einen Ausgleich zum dynamisch programmierenden, kommerziell ausgerichteten Premierenkino zu bieten, indem sie in einem langfristig fixierten Programm «ewige Werte» des Kinos zeigen, aber auch einzelne Vorführungen neuer Filme, die im regulären Verleih keine Chance hätten. Mit je über 300 verschiedenen Titeln pro

Ausblick auf die Zukunft der Filmstadt Zürich Michel Bodmer

Das Studio 4 von Roman Clemens, in dem sich heute das Filmpodium der Stadt Zürich befindet. Das 2004 von Silvio Schmed und Arthur Rüegg renovierte Kino war für Jahrzehnte stilbildend und gilt bis in die Gegenwart als eines der schönsten Lichtspielhäuser der Stadt.


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Jahr verdreifachen sie das ohnehin schon üppige Filmangebot in Zürich. Das Filmpodium, 1983 gegründet, ist ein Kulturan­ gebot des Präsidialdepartements der Stadt und muss sich nur zum Teil aus Eintritten refinanzieren; das Kino Xenix, das nur ein kleines Stammpublikum aufweist, ist auf die Unterstützung der Stadt sowie auf Erträge aus dem Barbetrieb ange­ wiesen. Der gleichnamige Filmverleih Xenix Filmdistribution GmbH, 1996 gegründet, hat sich inzwischen vom Filmclub abgenabelt und bringt erfolgreich Arthouse-Filme aus aller Welt in Schweizer Kinos.

Grosse Leinwände Ebenfalls aus der 1980er-Bewegung heraus entstanden ist das Freiluftkino Film am See: Seit 1984 wird dieses erste Open-AirKino der Stadt von der Roten Fabrik veranstaltet. 1989 dann lancierte Cinerent-Unternehmer Peter Hürlimann am Zürichhorn das erste grosse kommerzielle Open-Air-Kino am See, heute als Orange Cinema bekannt. Wie Jürg Judin rang auch Hürlimann zuerst mit dem Kinoverband, der ihn als Konkurrenten empfand und erst gegen Beteiligung an den Einnahmen gewähren liess. Vielleicht wurde das Kino am See nicht zuletzt des­halb zum Erfolg, weil es mit seiner 336 Quadratmeter grossen Leinwand einen Ersatz für das bis dahin gigantischste Kino­­­ erlebnis der Stadt darstellte: 1988 war das Kino Apollo mit seiner riesigen Cinerama-Leinwand geschlossen worden, da die Hauseigentümerin SBG (heute UBS), die Zürichs grösstes Licht­spieltheater (1700 Plätze) von A. Eric Scotoni erworben hatte, die Liegenschaft anderweitig nutzen wollte. Erwin C. Dietrich, der schon ins Gebäude des Kinos Capitol total sechs Säle gepfercht hatte, richtete Anfang der 1990er-Jahre als einer der Pioniere in Zürich-West mit der grossen Kelle an: Beim Escher-Wyss-Platz entstand das Cinemax, das mit seinen zehn Sälen zwar nach US-Vorbildern konzipiert war, aber immerhin über ein paar stattliche Leinwände verfügte. Damit schuf er in der Kinolandschaft ein Gegen­ gewicht zur erstarkenden Kino-Theater AG (Kitag), die ab 1992

unter der Ägide von Philippe Täschler und mit einigem finanziellen Rückhalt von Leo Kirch die Kinos der Jean Frey AG zum Mainstream-Marktführer getrimmt hatte. 2004 trat mit der Pathé, die nach dem Vorbild des ­Genfer Balexert in Dietlikon ein Multiplex mit zehn Sälen und total 2300 Plätzen eröffnete, ein weiterer Player auf den Plan; 2005 jedoch übernahm die Kitag Dietrichs Kinozentren und damit kurzfristig die Herrschaft über das Mainstream-Kinogeschäft, zumindest auf städtischem Boden, auch wenn sie 2006 die Säle des Kinderkinos Bellevue sowie das Academy (ehemals Wellenberg) im Niederdorf schliessen musste. 2007 allerdings eröffnete mit dem Arena Sihlcity ein weiteres Multi­ plexkino mit zehn Sälen und 2100 Plätzen, unter der Leitung von Edi Stöckli.

Oben: Abbruch des Apollo 1988 mit der grössten Kino­leinwand der Stadt. Rechte Seite: Das Multiplexkino Arena Sihlcity im Gründungsjahr 2007.


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Dieweil sich in Zürich solche Ausbau- und Konzentra­ tionsprozesse abspielten, veränderte sich die globale Medienlandschaft: Das Internet, ursprünglich nur für den Austausch von Text- und Bilddateien gerüstet, wurde in den Nullerjahren dank steigender Bandbreiten zum Vertriebskanal für audio­ visuelle Inhalte. Dem Fernsehen, der DVD, aber auch dem Kino erwuchs ein unkontrollierbarer Konkurrent, der Filme blitzschnell weltweit verschicken konnte und die globale Verleihstruktur aushebelte: Wurde in den USA ein Film lanciert oder eine TV-Serie erstausgestrahlt, konnten kundige Nutzer am anderen Ende der Welt schon Stunden später denselben Inhalt sehen.

Weltweite Synchronisierung der Premieren Um dieser Piraterie zumindest teilweise das Wasser abzugraben, verlegten sich Hollywood-Studios zunehmend auf Dayand-Date-Starts: Ein grosser neuer Film kam weltweit gleichzeitig ins Kino, damit nach der Lancierung möglichst wenig Zeit blieb, um ihn illegal zu verbreiten. Die sprachliche ­Be­arbeitung der Filme fand fortan unter noch grösserem Zeitdruck statt als zuvor (was zu qualitativen Einbussen bei Synchronfassungen und Untertitelungen führte). Zudem mussten die Filme möglichst breit gestartet werden, und weil die

Multiplexsäle generell kleiner waren als die früheren Gross­ kinos, belegte derselbe Film gleich mehrere Säle. Das schmälerte die Angebotsvielfalt, die durch die Multiplexe zunächst gewachsen war. Neue Filme gerieten auch in der Schweiz zunehmend unter jenen Erfolgsdruck, den man aus den USA kannte: Was nicht am Startwochenende einschlug wie eine Bombe, verschwand bald aus den Sälen, um dem nächsten Hoffnungsträger Platz zu machen; im Mainstream-Bereich bekam kaum noch ein Film die Chance, sich als Sleeper langsam zum Erfolg zu entwickeln. Für die Kinobesitzer bedeutete die kürzere Laufzeit auch, dass sie den Verleihern einen grösseren Anteil der Einnahmen abgeben mussten, denn mit der Laufzeit eines Films sinkt die Leihmiete. Während das Internet den Videotheken graduell den Garaus machte, reagierte das Hollywood-Kino wie einst beim Aufkommen des Fernsehens: Das Kinoerlebnis musste wieder ein Spektakel werden, um Menschen vom heimischen Bildschirm loszueisen; actiongeladene Blockbuster, vorzugsweise in Cinemascope und im wiederentdeckten 3-D-Verfahren, schienen die Antwort zu sein. Das war zum einen für die bescheideneren Säle in den Multiplexen nicht eben ideal und führte anderseits zu einer inhaltlichen Verflachung des Mainstreams: Das Kinopublikum bestand zunehmend aus Teen-


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agern, denen es nicht laut genug krachen konnte, während reifere Filmfreunde fernblieben. Der Marktanteil des Arthouse-Kinos, der in den von This Brunner mitinitiierten Glanz­zeiten der 1980er-Jahre bei einem stolzen Drittel lag, schwand auf heute gut 20 Prozent. Ausserdem bestanden die Kids mehrheitlich auf Synchronfassungen und lehnten die in Zürich traditionell etablierten Originalfassungen mit Untertiteln infolge Lesefaulheit und/oder migrationsbedingter Sprachschwächen ab. Schauten sich 2003 noch 55 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer die Originalversion an und 45 Prozent die Synchronfassung, hatte sich das Verhältnis zehn Jahre später umgekehrt. Manche Verleiher beschlossen, Filme für Kinder oder ein mehrheitlich jugendliches Publikum nur noch in deutscher Fassung vorzuführen; wer die ­Originalfassung vorzog, musste sich bis zur DVD- oder Blu-­ray-Auswertung gedulden oder den Film aus dem Internet herunterladen – vornehmlich illegal, denn der kleine Schweizer Markt bot kaum legale Download-Angebote wie sie i­Tunes, Netflix und andere fast weltweit durchgesetzt hatten.

Erzwungene Digitalisierung Auch die Digitalisierung der Kinos ­wurde von Hollywood lanciert und erzwungen; die Studios weigerten sich zusehends, 35-mm-Kopien zu liefern. So mussten die Kinos auf digitale Projek­ tion umstellen, was enorme Anfangs­ investitionen erforderte (z. T. immerhin von der Filmförderung des Bundes subventioniert), mittelfristig jedoch auch Einsparungen erlaubte (billigeres, mehrsprachiges Vorführmaterial und

tiefe Versandspesen etc.). Allerdings hatten die Studios nun den Vertrieb endgültig in der Hand, indem sie z. B. die neuen Träger, die Digital Cinema Packages (DCP), verschlüsselten und ihre Verwendung nur befristet möglich machten. Seit der flächendeckenden Digitalisierung 2013 ­können Filme, die nicht digital lieferbar sind, bloss noch in ein paar ­Arthouseund Programmkinos gespielt werden, die über entsprechende Projektoren und vielseitige Vorführer verfügen. Nur wenige Filme schafften es unter diesen Bedingungen noch, zum «Crossover-Erfolg» zu werden, der mehrere ­Altersschichten ansprach: Der Kitschdampfer Titanic stieg im Binnenland Schweiz zum einsamen Spitzenreiter der Kino­ hitparade auf; die jüngsten Abenteuer des generationenübergreifenden Geheimagenten James Bond, Herzerwärmer wie ­Intouchables und rentnertaugliche Komödien wie Die Herbstzeitlosen und Bienvenue chez les Ch’tis sowie ­Familienfilme von Harry Potter und Disneys Piratenepen mit Johnny Depp bis zu Animationshits wie Finding Nemo, Ratatouille und Ice Age wuchsen auch in Zürich über den Teenie-Markt hinaus. Ganz allgemein jedoch­ hat die Vervielfachung der Vektoren, auf denen Filme im digitalen Zeitalter verwertet werden können, dazu geführt, dass das Kino von den Studios oft nur noch als prestigeträchtige Anschubhilfe für das Hauptgeschäft in den anderen Medien betrachtet und bedient wird. Auf die Konkurrenz des Internets, welches das Film­publikum ato­ misiert und anonymisiert, reagiert die Branche zunehmend auch mit der Ausgestaltung des Kinoerlebnisses zum Event: Bequeme Logen mit Luxusser-

James Bond, Ice Age, Intouchables oder Die Herbstzeitlosen: Nur wenige Filme sprechen verschiedene Alterskategorien gleichzeitig an.


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vice, Open-Air-Kino mit kulinarischer Begleitung, Übertragun­ gen von Opern und anderen Live-Events sollten die Couch-­ Potatoes aus der Stube locken. Gerade grosse­Kinos, die heutzutage Auslastungsprobleme haben, machen sich so allerdings zum austauschbaren Veranstaltungslokal, das nur noch bedingt als Kino wahrgenommen wird.

Das Spriessen der Festivals Zur Eventkultur gehörte auch das Spriessen der Festivals: Neben einer wachsenden Zahl von Open-Airs (Filmfluss, Xenix, Röntgenplatz, Röschibachplatz usw.) wurde 2005 das Zurich Film Festival (ZFF) gegründet. Zunächst wurde dieses Unterfangen von der Branche belächelt; Karl Spoerri, Antoine Monot, Jr. und Nadja Schildknecht galten nicht als Insider, denen man das notwendige, nachhaltige Know-how zutraute. Mit

Aushängeschild für die Filmstadt: Das Zurich Film Festival mit Zentrum auf dem Sechseläutenplatz bringt Hollywoodstars wie Peter Fonda (oben links) oder Harrison Ford (oben rechts) nach ­Zürich.

e­ iner Mischung aus Chuzpe, Charme, Networking und Feingefühl für Filme vermochte das Trio sein Festival jedoch recht schnell zu etablieren und schuf einen jährlichen Anlass, der jene Stars nach Zürich brachte, um die sich das etablierte ­Locarno lange umsonst bemüht hatte. Während das klassische Arthouse-Publikum sich die ersten Jahre noch zierte, strömten schicke junge Cüpli-Trinker ans Zurich Film Festival und sahen dort gelungene und oft sperrige Arthouse-Filme, die sie sich im Kinoalltag nie zugemutet hätten. Flankierende Angebote wie Master Classes für angehende Filmschaffende aus der Region sowie ein Film Finance Forum für arriviertere Cineasten sorgten selbst bei Skeptikern allmählich für zähneknirschende Zustimmung. Das ZFF, vom Bund lange ignoriert, aber von Zürichs Präsidialdepartement und vielen Sponsoren subventioniert, trug auch zur Standortförderung der selbst ernannten Filmstadt Zürich bei. 2004 hatte man bereits die Zürcher Filmstiftung gegründet, welche die regionale Filmförderung übernahm und damit auch landesweit für das Filmschaffen eine entscheidende Rolle spielte. Der von der Stadt verliehene Zürcher Filmpreis ist nach dem Quartz, der durch das Bundesamt für Kultur ausgerichtet wird, die wohl wichtigste Auszeichnung für einheimische ­Filme. 2011 wurde von der Dienstabteilung Stadtentwicklung, von Zürich Tourismus und dem Verein Zürich für den Film das Zürich Film Office eröffnet, um Dreharbeiten in der Stadt zu erleichtern. Dutzende von hiesigen Filmschaffenden, aber auch ausländische TV-Crews profitieren von der Vermittlung


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dieser Instanz bei Behörden. Der Ansturm Hollywoods lässt allerdings noch auf sich warten. Tatsächlich hat Zürich in den letzten Jahren kaum in einer internationalen Produktion eine Rolle gespielt; allzu oft wird das teure Pflaster der Limmatstadt von einem günstigeren Dreh­ ort wie Prag gedoubelt. Abseits der Mainstream-Multiplexe tat sich in Zürichs Kinoszene auch einiges: Frank Braun hatte mit dem Filme­macher Christoph Schaub und anderen Enthusiasten 1992 das abgehalfterte Quartierkino Morgental im Stadtteil Wollishofen übernommen und zum Insider-Treff für Freunde des Independentfilms aufgebaut. 1998 doppelte Braun nach: Mit Unterstützung der kulturfördernden Brüder Marcel, Daniel und Martin Meili gestaltete er an der Neugasse im Kreis 5 die Liegenschaft, die einst das Kino Modern beherbergt hatte und in den 1970erJahren zum Spielsalon geworden war, wieder zum Kino um. Das Riffraff (dessen Name an Ken Loachs Film Riff-Raff von 1991 erinnerte) hatte nicht nur zwei unterschiedlich grosse Säle für Arthouse-Filme; es bot auch eine ansprechende Bar, die im Langstrassenquartier einen zusätzlichen Anziehungspunkt darstellte, ohne deswegen zur Quersubventionierung des Kinos zu dienen. Das Konzept ging auf und trug zur kulturellen Stärkung des wegen Drogenproblemen in Verruf geratenen Viertels bei. 2002 expandierte Braun und schuf in derselben Häuserzeile zwei weitere Säle samt Bistrobetrieb. Das Morgental, als Einzelsaal zu wenig flexibel programmierbar, schloss jedoch seine Tore; immerhin kam seine Leinwand als Projektionsfläche des Xenix Open-Air-Kinos auf dem Kanzleiareal zu neuen Ehren.

Kino in den Aussenquartieren Weniger erfolgreich verlief der Umbau des Plaza (ehemals Kino Kosmos) an der Badenerstrasse: Die unabhängigen Unternehmer, die 2001 neben dem Kinosaal einen Barbetrieb in-

stallierten und den Balkon des grossen Saals zu zwei Schachtelkinos umfunktionierten, übernahmen sich finanziell und mussten alsbald an die Kitag verkaufen; diese wurde mit dem Kino im «Chreis Cheib» auch nicht glücklich und schloss es 2010, woraufhin das Haus als Klub genutzt wurde. Grundsätzlich aber setzt sich der Trend, Kinos aus dem teuren Stadtzentrum weg in die Aussenquartiere zu verlagern, fort. Die vier Säle des ABC beim Hauptbahnhof (ehemals Orient) konnten von der Kitag nicht gehalten werden, weil der Pachtvertrag von den Eigentümern des Hauses Du Pont nicht verlängert wurde. Nach dem Verlust des Nord-Süd hat Beat Käslin – seit 2008 als Nachfolger von This Brunner Chef der Arthouse-Kinogruppe – von Zürichs letztem Kinoalleinbesitzer­ George Derungs das charmante, aber marode Studio Uto gemietet und es 2013 in neuem Glanz eröffnet. Gleich gegenüber wagt sich Frank Braun mit Partnern an ein weiteres Kino­ projekt, das den Kreis 4 ähnlich beleben soll wie das Riff­raff es im Kreis 5 geschafft hat: Das einstige Houdini ist neu in einer Überbauung an der Kalkbreite als verwinkeltes «Miniplex» mit kleinen Sälen auferstanden. Diese gestatten es, In­de­pen­ dent- und Arthouse-Filme länger zu spielen, damit sie mehr Zeit haben, sich ein Publikum zu erobern. Das ist auch dringend nötig, denn heute gilt ein solcher Film schon als Erfolg,

Der Kameramann Pio Corradi bei den Dreh­arbeiten des Films Jetzt oder nie von Fredi M. Murer.


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wenn er über 10 000 Zuschauer erreicht; früher lag dieser Grenz­wert bei 20 000 Eintritten. Die Zahl der Kinostarts wächst, doch die Eintrittszahlen halten nicht Schritt. Im Arthouse-Sektor ist die Bespielung mehrerer Säle mit demselben Film kaum sinnvoll. Diese Sorte Film profitiert in aller Regel nicht von einem flächendeckenden Start, denn dafür fehlt sowohl das Werbebudget als auch die Medienpräsenz; sie braucht viel mehr Zeit und Mundpropaganda, um ihr Publikums­potenzial auszureizen. Dieses Prinzip verfolgt dem Vernehmen nach allerdings auch Edi Stöckli, der das Arena Sihlcity zu einem eigentlichen Megaplexkino ausbaut und in acht neuen Sälen seine Mainstream-Filme länger und/oder auch in Originalversion anbieten will. Wie sich sein anderes Projekt entwickeln wird, das ehemalige Sexkino Stüssihof zu einem familientauglichen Lokal mit Swissness umzugestalten, wird sich noch weisen. Ehrgeizig ist auch das Vorhaben des Filmemachers Samir und des Verlegers und Begründers des Sphères Bar Buch & Bühne, Bruno Deckert: Sie wollen an der Ecke Langstrasse/ Europaallee ein «Warenhaus der Kultur» für Veranstaltungen aller Art mit einer Buchhandlung, einem Café und sechs stattlichen Arthouse-Sälen unter dem Namen Kosmos schaffen. Das Kino ist somit nicht mehr die Hauptsache, sondern bloss Teil einer Angebotspalette für ein Publikum, das ins Kosmos kommen soll, um etwas zu erleben, und das spontan entscheidet, ob es essen, ein Konzert hören, ein Buch kaufen oder ­einen Film sehen will. Wie Frank Braun gehen auch Samir und Deckert davon aus, dass das heutige Pub­likum, das Filme ja grundsätzlich in ­guter Qualität im Heimkino auf DVD oder Blu-ray, übers Internet oder auch via Fernsehen konsumieren kann, vor

allem um des gemeinschaftlichen Erlebnisses willen ins Kino geht. Das macht das Kino als Lokal, das mit seinem individuellen Charak­ter ein bestimmtes Zielpublikum anspricht, (fast) wichtiger als das Filmangebot selbst: Spielen mehrere Kinos denselben Film, entscheidet der Kunde, an welchem Ort er ihn sehen will. Auch Beat Käslin zählt darauf, dass sein Publikum nicht nur die Kuratierung des Programms in seinen ­Sälen schätzt, sondern auch, dass diese sich durch Charme, Atmosphäre und Glaubwürdigkeit von anonymen Mainstream-Popcorntempeln unterscheiden. Diese Konzeption trägt den heutigen Mediennutzungsgewohnheiten durchaus Rechnung. Dennoch muss man sich fragen, ob angesichts des stagnierenden bis sinkenden Publikumszuspruchs ein massiver Zuwachs an Kinos und Filmstarts sinnvoll ist. 2013 lagen die Eintrittszahlen in der Schweiz, nach einigen­ Schwankungen, etwa gleich hoch wie 1995, trotz stark gestiegener Bevölkerungszahl; der Durchschnittskonsument, der 2004 noch 2,3-mal jährlich ins Kino ging, tat dies 2013 nur noch 1,8-mal. 2016 wird Zürich – sofern alle aktuellen Projekte verwirklicht werden – über 69 (2014: 47) Leinwände verfügen. Das sind mehr als zweimal so viele, wie die doppelt so grosse Stadt Florenz zu bieten hat. Es wird also immer mehr Orte geben, an denen man Film erleben kann. Ob das Publikum ausreichen wird, um diese zu füllen, wird sich weisen; womöglich folgt auf die Expansion eine Gesundschrumpfung. Vorerst jedoch gilt für das Verhältnis der Zürcher Kinobetreiber zum Zuschauer offenbar die optimistische Devise aus Phil Alden ­Robinsons Märchenfilm Field of Dreams: «If you build it, he will come.»

Seit 1998 bereichert das Riffraff in den Räumen des einstigen Kinos Modern im Stadtkreis 5 das Filmangebot mit einem eigenständigen Programm.


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Wellen im Seefeld Eine Annäherung in vier Bildern Nina Toepfer

Bild 1:

Schiller, Goethe, Keller Vom Stadtzentrum aus gesehen hat das Seefeld beim Opernhaus einen Anfang. Der nahe Bahnhof Stadelhofen schluckt und entlässt hier aus seinen offenen Klapptoren auf dem Perron an Werk­ tagen fast 80 000 Zugreisende. Bis zu vierzig Züge pro Stunde verkehren dann hier, auf nur drei Geleisen. Am Morgen verteilt sich der Fussgängerstrom auf die Trams vor dem Bahnhof, am nahen Bellevue und verflüchtigt sich im Fuss­ gängerverkehr am Sechseläutenplatz.

Das geht zielstrebig, diszipliniert, Taschen über den Schul­ tern, Mappen im Arm, Kaffee im Becher, Kopfhörer auf. Manchmal treffen sich Blicke, jemand lächelt, ein Mann führt vier Hunde an der Leine, ein Dog Walker in Zürich. Züge lösen mit ihrer Ankunft fast im Minutentakt die Wellen aus, wer auffallen will, muss nur in die Gegenrichtung schlendern, ein Irrläufer, der auch rhythmisch aus der Reihe tanzt. Unberührt und doch mittendrin steht die Fontäne auf dem Stadelhoferplatz, gusseisern und elegant, als habe sich der Brunnenbauer in Paris gewähnt, und wenn ja, herzlichen Dank für die Verwechslung und die imaginäre Reise in die Weltstadt – zum Klang der Ruhe, die sich vom Stadtlärm umso klarer abhebt: zum Knirschen von Absätzen im Kies, zu ver­ träumten Nachmittagen, Kinderspielen am Wasser und einer Brise, die alle Ermahnungen in den Wind schlägt, damit sie niemand mehr hört, ihr werdet ja ganz nass.

Zentraler Platz, urbaner Raum, Sonnendeck: Die Menschen haben den Sechseläutenplatz für sich eingenommen.


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Weltstadt ist Zürich bekanntlich längst, mitsamt der allzu knapp bemessenen Zeit. Im Vorbeigehen, bei der Fontäne, de­ ren zwei Becken den Wasserstrahl auffangen, lassen sich aber auch Zeichen der Stadt lesen: Am Stadelhoferplatz reiht sich altes an neues Zürich, McDonald’s an Fogal, Sprüngli an Star­ bucks und ­Orell Füssli. Das Eingangstor zur Stadt ist literarisch gewichtig besetzt. Schiller, Goethe, Gottfried Keller, nach ihnen wurde eine Stras­se benannt – eine interessante, wenn auch historisch nicht ganz denkbare Zusammenkunft. Hier Goethe, der Schweiz-Reisende, die lebende Legende. Gegenüber Keller, der Zürcher und «unansehnlicher armer Bursche», wie er ein­ mal in grosser Verliebtheit schrieb, in «einer solchen Verwir­ rung, dass ich unmöglich einen wohlgesetzten Brief machen kann». So wollte er schreiben, wie er sprechen würde. Was ihn zu Sätzen von grossartiger Ergebenheit gebracht hat: «Aber geniren Sie sich ja nicht mir ein recht rundes, grobes Nein in den Briefeinwurf zu thun, wenn Sie nichts für mich sein kön­ nen, denn ich will mir nachher schon aus der Patsche helfen.» Die Dame lehnte ab, aber Zürich und der Literatur ist Gott­ fried Keller auf immer geblieben. Etwas weiter und versteckter, zwischen Opernhaus und NZZGebäude, liegt die Schillerstrasse. Schiller und sein Wilhelm Tell, der ja unserer wurde – gute Gesellschaft für die beiden traditionsreichen Zürcher Institutionen mit Renommee und mehrheitsfähigem Werbeslogan: «Oper für alle» behauptet die eine, mit «Lesen macht keinen Lärm» empfahl sich einmal die andere. Zur Seeseite hin öffnet sich der Sechseläutenplatz. Einst Acker, dann Wiese, wenn er auch immer schon Repräsenta­ tionsplatz war, so ist er jetzt, mit schmalen Quarzitblöcken aus Vals besetzt, ein urbaner Raum. Stolz der Stadt, Sonnen­ deck für Passanten und Mittagstreff, die Menschen haben den Platz für sich eingenommen. Er soll auch unverstellt blei­

ben an über hundert Tagen im Jahr, das ist festgeschrieben wie eine Regieanweisung zum Umgang mit freien Flächen. Nur das wohl schönste Café, das gleichzeitig Zugang zu einer Parkgarage bietet, steht da. Collana Bar e Caffè, die Halskette, trägt ihren Namen zu Recht. Kleine Formen des ­Zürichsees sind zu Rosetten gruppiert und ergeben ein zier­liches Muster im Fassadengitter, wie ein Schleier, der vor Blicken schützt und doch Licht durchlässt. Im Frühling errichtet der Circus Knie auf dem Platz sein tem­ poräres Grossunterfangen. Hierhin kommt nachmittags, wer Zeit und Musse hat und mit kleinen Kindern unterwegs ist. Eine Stadtwanderin, die Schuhe mit Plastik überklebt, trans­ portiert ihr Gepäck und hält einen Augenblick inne. Arbeiter stellen Hecken bereit, wuchten Strohballen an ihren Ort. Im Val­ser Stein ist eine Infrastruktur zur Befestigung des Zirkus­ zeltes eingelassen, der Platz hält nicht nur Elefantendung und Hitze aus, sondern bietet gar ein funktionales Innenleben. Auch wenn der Abend anbricht, das Tempo und der Betrieb um den Bahnhof wieder anziehen, sprudelt der Brunnen am Stadelhoferplatz unbeirrt. Das Bistro im Park hat auf Aperitifs umgestellt, es riecht nach kühler Luft und feuchtem Sand. An einem der Tische sitzt eine junge Frau mit goldenen Schuhen und fährt sich mit den Händen durch die langen Haare, den Blick auf der spiegelnden Oberfläche ihres iPads, sie wartet. Es ist Zeit, auszugehen: Kino, Oper, auch das Theater etwas weiter – am Pfauen – sind in Schrittdistanz. Pendlerweg, der Platz der Stadt schlechthin, an diesem Hot­ spot zeigt sich Zürich entgegen dem Businessklischee und historisch verbrieft auch bereit zum Vergnügen. 1834 wird die Theater AG, die heutige Oper, mit Mozarts Zauberflöte eröff­ net, aber die neue Bühne kommt erst nicht überall gut an, es gibt «Enttäuschungen und Bitternisse aller Art». Erst im neu­ en, heute bestehenden Bau, der nach einem Feuer 1890 am Ort des alten Theaters erstellt wurde, gelingen auch interna­


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tionale Erfolge. Ein anderer Brand, die Unruhen der 1980erJahre, entzünden sich bei der Oper, an ihren hohen Subventi­ onen und an der Forderung nach alternativen Kulturräumen. Im Kino mit der Grossleinwand, im Corso, gibt man um 1900 Varieté mit Akrobatik, Tanz, Musik, und das mit Erfolg. Ring­ kämpfe, oft ausverkauft, sind Highlights im Programm. Eine Chronik der Stadt Zürich berichtet von Verboten dieser «besti­ alischen, ekelerregenden Vorstellungen» und von den Schwie­ rigkeiten der Behörden, sie durchzusetzen. Ein paar Jahre später hält das Kino Einzug in die Stadt. In nächster Umge­ bung spielen damals gleich drei Lichtspieltheater, das Belle­ vue, das Urban an der St. Urbangasse, das Corso. Die Klapptore des Bahnhofs stehen noch sehr lange offen. Ein Mann setzt sich zur Frau mit den goldenen Schuhen. Auf den Bänken unter den Bäumen am Stadelhoferplatz machen Velo­ fahrer Rast, jemand liest Zeitung, ein Mann mit Springerstie­ feln und tätowiertem Nacken fällt auf, Einkäufer bahnen sich den Weg zur Migros. Andere lassen den Verkehr einfach einen Moment lang ziehen oder warten, als müsste das Leben jetzt aufkreuzen mit einer Erfüllung.

Bild 2:

Der Ungeduldige Erinnerung muss man mit entschiedenen Schritten durchwan­ dern. Nur so schafft man es einigermassen gesichert durch die Zeit. Ausserdem ist Eile angebracht, nicht nur wegen des kal­ten Wintervormittags. Das Gedächtnis führt einen be­ kanntlich auf falsche Fährten, erlaubt ist, wegen lockenden Abwegen, nur ein knapper Blick­ darauf, bevor man weiter­ zieht mit der gebotenen Ungeduld. «Erinnerung, das weiss man, ist ein falscher Hund», sagt Christoph Braendle, Schweizer Schriftsteller, der längst in

Wien lebt. Nach seiner weit zurückliegenden Vorwiener Zeit befragt, besucht er nun im Seefeld die ehemaligen Räumlich­ keiten des alternativen Lokalradios, zu dessen Pionieren er in den 1970ern gehörte. Als Radio LoRa hat sich das alternative Medienexperiment von damals behauptet und sendet heute noch, im Herbst 2013 feierte es sein 30-Jahre-Jubiläum. Zum ersten Studio des Radios sollen drei, vier Treppenstufen geführt haben, so viel Erinnerung ist gesichert. Vielleicht gibt es eine Tür zu dieser Geschichte, sicher finden wir nur ein paar Stufen zu einer Anwaltskanzlei, bei der Kreuzung um die Ecke, die aussieht, als könnte es hier gewesen sein. Der Re­ chercheur tritt ein, Zögern wäre Zeitverschwendung. Guten Tag, wissen Sie, ob hier früher ein Radio gesendet hat? Wo war’s? Im stillen Seefeld, so die LoRa-Dokumentation über die Anfänge des unabhängigen, linken, werbefreien Ra­ dios, und zeigt die Villa Mainau in Schwarz-Weiss. Braendle, der Zuger Jurastudent, war 1974 nach Zürich und zur «Telefon­ ziitig» gekommen, aus der später die «WoZ», die linksalterna­ tive Wochenzeitung, hervorgehen sollte: «Wir waren 20 Leute, wir wollten unsere eigenen Nachrichten produzieren. Die SRG fanden wir zu konservativ und verknöchert.» Bei der «Telefon­ ziitig» rief man an und hörte Nachrichten ab Band, «linke Nachrichten». Und über Monate besprach man dort, dass die Linke ein eigenes Radio brauche. Das dauerte ­Braendle zu lang. In der «Leserzeitung» lancierte er einen Aufruf, wofür er einerseits Kritik aus den ­eigenen Reihen kassierte, wegen un­ solidarischen Verhaltens – anderseits kamen die Dinge nun in Gang. «Schliesslich waren wir zu fünft, wir brauchten eine Konzession­ und also eine Struktur.» Die Fünf gründeten eine Stiftung mit angegliederten Vereinen, das erste Konzessionsgesuch von 1977 wurde abgelehnt, und bis das «Alternative Lokal­radio» schliesslich 1983 die Sendeerlaubnis erhielt, passierte noch vieles. Gesuche, Positionierungen, Selbstfindung. Anderes


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und anders sollte gesendet werden, gegen die Berieselung, frei von Verpflichtungen. Das «Alternative Lokalradio» war noch ein Pro­ jekt, als Christoph Braendle 1979 nach New York zog und drei Jahre blieb. Wie das kam? «Keine Ahnung, ich wollte wohl die Welt sehen, ein Mann werden, irgend so etwas.» Die verlo­ rene Zeit hat eine Melodie, ironisch, doch wohl­ wollend. Danach, zurück­in Zürich, pleite, aber endlich auf Sendung, erfand Braendle zwei Ge­ fässe: ein Diskussionsforum für Religion und Philosophie und «LoRa obszön»: «Am Sonntag, zur Zeit des Hochamtes, lasen wir pornografi­ sche, wohlgemerkt literarisch anerkannte Tex­ te: Georges Bataille, Anaïs Nin, Charles Bukow­ ski. Etwa nach der fünften Sendung war Schluss. Respektive hatten wir die Drohung im Haus: Noch so eine Obszönität über den Äther, und ihr seid den Sendemast los.» Die Debatten an der Mainaustrasse waren lang, und bei dieser Radiorevolution frassen die Kin­ der ihre Vorkämpfer. «Zwar hatte ich linke Flau­ sen im Kopf, aber ich habe mich immer als li­ beralen Demokraten verstanden. Was mich interessierte, war die Meinungsfreiheit, nicht die dogmatische Linke.» Braendle stieg aus. Er schreibt und reist. Er ist nach Wien umgezogen, immer wieder hat es ihn nach Afrika gezogen, seit ein paar Jahren be­ sitzt er ein Haus in Marokko. Debatten und Doktrinen hinter sich, setzt er auf das literarische Spiel: Das Sinnliche, Eroti­ sche, die Sehnsucht treiben viele seiner Figuren um. Das Spiel ist frei und fiktiv, derweil das handfeste Leben und die boden­ ständige Recherche das Gegengewicht dazu liefern. Für den Band «Die Wiener» durchstreifte er die Kanalisation, porträ­

tierte das Burgtheater, liess selbstverständlich seinen Erzäh­ ler in Bars die Nächte in Drinks wiegen und in «zufriedener Hoffnungslosigkeit». In seinem Wiener Dekameron erzählt eine Handvoll älte­re Da­ men und Herren erotische Geschichten. In Onans Kirchen, sei­ nem jüngsten Roman, verstrickt sich ein nach Südafrika ge­ reister Manager in eine so fantastische wie obsessive – «drasti­ sche», wie ein Kritiker meinte – Affäre zu einer Unbekannten in Wien. Braendles Vollmondserenaden, wie romantisch kann man wiederum sein, sind eine Erfindung aus der frühen Wie­ ner Zeit und bleiben im Programm. Im Wiener Salon Theater tingeln nicht nur, aber auch Braendle-Stücke, etwa Manhattan Blues, das Gespräch einer Schauspielerin mit einem Toten. Die Publikationsliste des Journalisten und Reporters, des Er­ zählers, Theaterautors und Radiomannes ist lang. Die drei, vier Stufen zur Villa Mainau haben wir an diesem Wintertag nicht mehr gefunden. Keine Zeichen vom improvi­ sierten Aufbruch zu einer neuen Radio-Ära also, von der Chris­ toph Braendle erzählt wie von einem Kapitel chaotisch kreati­ ver und unbeschwerter Mediengeschichte. Erinnerung kann mehr als Beweismittel finden. Der falsche Hund hat Zähne, an den Wörtern, das wissen wir, wird er sie sich ausbeissen.

Bild 3:

Vier Hauptrollen und der See Seefeld? «Of course the major attraction here is the lake» lehrt Zurich In Your Pocket, als Reiseführer für Eindeutigkeiten zu­ ständig. Die prominente Promenade führt auf der Strecke Bellevue–Tiefenbrunnen an sonnigen Tagen das Publikum mitunter in engem Flaneursverkehr. Unter dem Schatten der Bäume zu den Badeanstalten, den Wiesen entlang zu langen

Oben: Bewegte Geschichten, fliegendes Dach am See: Heidi Webers Le-Corbusier-Haus, im Hintergrund das Atelier Haller. Unten: Verschobene Mechanik, freundliche Welterklärungsversuche: Jean Tinguelys Heureka.


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Nachmittagen in der Sonne. Abends gehören die Sterne über dem See jedem, der nach ihnen greift. Aber wenn der Hochnebel tief hängt und der Horizont in den Wolken verschwindet, ziehen sich die Wellen zurück ins offe­ ne Meer. Dann schwebt etwas von einem alten Namen über diesem Ort. Da, wo heute das Museum Bellerive steht, an der Höschgasse, die zum See führt, liess Statthalter Mathias Lan­ dolt vermutlich 1672 die Sommerresidenz Solitude bauen. In Ida Bindschedlers Kinderbuchklassiker Die Turnachkinder heisst sie Zur Seeweid, ein ländliches Sommerhaus am See, wo es «plötzlich frei und weit und sonnig» wird. Das Museum strahlt Ruhe aus. Sandsteinbau, französischer Barock, selbstbewusst und zurückhaltend, wie eine Gegenbe­ hauptung zur betriebsamen Zürcher Meile. Auf der Wiese zwi­ schen ihr und dem schönen Bau sieht man eher Tai-Chi und Yoga, Frisbee und Fussball spielt man auf der Blatterwiese weiter vorne. In nächster Nachbarschaft der Villa stehen drei andere Kulturhäuser an exklusiver Adresse: Heidi Webers ­Le-Corbusier-Haus, das Atelier Hermann Haller und die Villa Egli. Jeder Name spricht für sich, jeder einzeln auch als ein Teil Zürcher Kultur mit internationaler Ausstrahlung. Kommt der Zürichsee als fünfte Hauptrolle hinzu. Das Bellerive, 1931 erbaut als Villa des Seidenfabrikanten ­Julius Bloch-Sulzberger, dient später als Residenz des ameri­ kanischen Konsulats und eines britischen Bankiers, es kommt 1958 in städtische Hand, ist Sitz einer Bank. 1968 zieht die Kunstgewerbesammlung des Museums für Gestaltung ein. Ausstellungen zu Kunst, Kunstgewerbe und Design sind hier zu sehen. Die Villa war ein Wohnhaus, das macht das musea­ le Erlebnis auf seine Weise lebensnah: Man flaniert darin in aller Ruhe durch einst bewohnte Räume. Derweil draussen die Major Attraction glänzt: ein Blick über den See zu den Bergen wie im Bild. Betrieb, Jogger, Velos,

Strassenkünstler, Eis am Stiel. Pedalos und Beizen, vom Kiosk über die Wurst, vom Grill bis zum weiss gedeckten Restau­ rant, das aufs Wasser baut. Die Kulturhäuser am See erzählen von mitunter bewegten ­Geschichten und Projekten. Ein Konsulat interessierte sich etwa für die Villa Egli, ein Hotel war geplant, die Pläne blieben eine Idee. Im stattlichen Landhaus im englischen Stil, mit Giebeln, Fachwerk und Backsteinkaminen, lehrt eine Bal­ lettschule, Studenten und Kulturschaffende mieten hier Räu­ me. Das Heidi-Weber-Haus von Le Corbusier ist das letzte nach den Plänen des weltberühmten französisch-schweizerischen Architekten gebaute Haus, das einzige in der Deutschschweiz. Mit fliegendem Dach über Würfelform und farbigen Elemen­ ten ist es Mitte der 1960er-Jahre von Galeristin Heidi Weber ini­tiiert worden, ein Museum und Gesamtkunstwerk. Dabei war die Beziehung Le Corbusiers zur Schweiz schwierig. Als Heidi Weber ihm vorschlug, hier ein Museum zu errichten, soll er zunächst abgelehnt haben. Gleich daneben steht das Atelier Hermann Haller von 1932, schlicht und hell, mit grosser Laube. Der Bildhauer, Schöpfer der Hans-Waldmann-Reiterfigur beim Stadthaus, der Mit­ schüler Paul Klees und Plastiker von berühmten Frauenfigu­ ren, arbeitete hier, wo heute viele seiner Werke zu sehen sind. Während Sommerresidenzen soll sein Schaffen mit demjeni­ gen zeitgenössischer Bildhauer in einen Dialog treten. Von da gelangt man zur Blatterwiese, mit Spielplatz und dem Chinagarten, dem Geschenk der chinesischen Partnerstadt Kunming an die Zürcher – in der Hierarchie der Gärten ein Tempelgarten, einer der ranghöchsten ausserhalb Chinas. Da herrscht abgemessene Ordnung, auf der Wiese gilt das freie Spiel. Oder, wie es bei der Stadt Zürich eher technisch über die Wiese heisst: «An schönen Abenden und am Wochenende ist


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der Nutzungsdruck durch Besucherinnen aus der ganzen Stadt und der Region so gross, dass für eine normale Quartier­ erholung kein Platz bleibt.» Grosse Gegensätze, gemischtes Publikum, das Zürichhorn ist auch Park und Oase und Spiegel, hoch besetzt und für alle zu­ gänglich. Die freundliche und verschrobene Mechanik einer Welterkennungsmaschine hat hier mehr Kredit als strenge Abstraktion. Sol LeWitts Cube kam, nicht akzeptiert, doch nicht am Zürichhorn zu stehen, immerhin rattert Jean Tin­ guelys Heureka vor der imposanten Kulisse. Aber das ist ja nur eine Geschichte von vielen, von der die Kunst erzählt.

Bild 4:

Der Duft des Südens Geriebene Orangenschale, warmer Ziegenkäse, Olivenöl und etwas Knoblauch müssten in der Luft liegen. Gitzi aus den Bergen und Rehschnitzel vom Üetliberg, Röschti und Cordon bleu könnten zu riechen sein. Dann wieder Ingwer, Seetang, Frühlingszwiebeln, Kardamon. Und Fisch: Egli aus dem See und Seeteufel aus dem Meer, das hier nicht zu haben ist, aber das man trotzdem schmecken kann. Wolfsbarsch, Seezunge, Thunfisch, Crevetten und im Winter Austern. Die Düfte, wä­ ren sie aus den vielen Küchen im Seefeld befreit, würden uns die Sinne betören. Zürichs Südgrenze führt nach Zollikon und an die Goldküste. Die Stadt ist bekanntlich kein Pflaster für ausladende und ver­ schwenderische Gesten. Opulente Aromen, rauschende Stof­ fe? Parallel zur Seefeldstrasse gleitet die S-Bahn unterirdisch Richtung Rapperswil. Bahnhof Tiefenbrunnen, Autowasch­ anlage, die Hochstrasse nach Zollikon, dann ist die Stadt ­hinter ihr, rechts liegt der See. Wäre Zürich eine Schönheit, die da geht, sie wäre dezent, schmal, zurückhaltend, vielleicht blass.

Was man an diesem South End weniger sieht als weiss: Hier hat Zürcher Kreativität ein paar wichtige Adressen für interna­ tional renommiertes Design, für prägende Architektur, für eine Kabarettbühne, für den Sitz des in der Welt tourenden Zürcher Kammerorchesters und für ein Indianer-Museum. In der Mühle Tiefenbrunnen, der einstigen Brauerei und Mühle und später ersten umgenutzten Industriebrache der Stadt, macht das Miller’s Studio eine Art Auftakt dazu. An ­Zürichs erster Adresse für Kabarett leitet die Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin Franca Basoli die künstlerischen Geschicke: «Wir bezeichnen uns intern als das ‹Kompetenz­ zentrum für Humor›, wir decken also ein weites Spektrum ab. Wie jeder weiss, kann Humor durchaus Tiefgang haben, und genau das ist unser Anliegen. Wir haben ein treues Publikum, das sich für gesellschaftlich relevante Themen interessiert. Die Künstler, die bei uns auftreten, behandeln diese Themen mit Witz, Satire und Ironie.» Am Weg stadtauswärts auf der Seefeldstrasse liegt das Studio Alfredo Häberli, Designer von Möbeln, Tischgeschirr und Glä­ sern, Spielsachen und Küchenkomponenten. Häberli hat das Interieur des Ginger bestritten, des japanischen Restaurants weiter stadteinwärts im Seefeld, wofür er auch den Barhocker neu interpretiert hat. Camper Shops in Paris und San Sebasti­ an tragen seine Signatur. In der Zürcher Giesserei Oerli­kon hat Häberli viel Industrie aus der einstigen Stahlverarbeitung für Armaturen belassen und sie mit neuen Akzenten versetzt in Bar und Lounge. Da erzählt die schöne Form, wie sich die Zeit und ihre Zeichen überlagern. Gleich daneben führen Stephan Hürlemann und Simon Huss­ lein das Designstudio Hannes Wettstein. Die Liste der Aus­ zeichnungen ist lang, Hannes Wettstein (1958–2008) und heu­ te sein Studio haben für Möbel, Uhren, für ein Velo prägende Formen geschaffen. Innenräume wie die des Berliner Grand Hyatt, des Frankfurter Flughafens und des Zürcher Prime


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Tower­tragen den Namen. Und die Wettstein-Sets für Fernseh­ sendungen wie Club, Meteo, Rundschau, Tagesschau und 10 vor 10 führen selbst einen der schwierigsten Beweise: wie Design und Mehrheitsfähigkeit zusammenfinden. Weiter stadtauswärts arbeiten Stemmle-Architekten, die unter­ anderem Renovation und Umbau der Villa Tobler in Zürich und der Winterthurer Villa Zum Sulzberg sowie die Innenar­ chitektur der Cafeteria am Konservatorium Zürich ausgeführt haben. An fast derselben Adresse findet sich das Haus des Zürcher Kammerorchesters (ZKO). Kleines Ensemble, grosser Ruf, tourt das ZKO unter Chefdirigent Sir Roger Norrington und spielt in Zürich auf. Der Saal im einstigen Starkstromlabor strahlt hell und weiss, die Dimensionen sind beeindruckend, die Akustik gelobt, Schönheit braucht zuzeiten eine Umgebung, die sich so weit zurückhält wie möglich. Das Nordamerika Native Museum (Nonam) schliesslich, sozusagen um die Ecke, setzt so etwas wie einen Schlusspunkt. Aus einer priva­ ten Sammlung entstanden, heute ein städti­ sches Museum, war es auf dem Weg hierhin zeitweilig in einem­ Schulhaus provisorisch ­untergebracht. In den Ausstellungen, in der Sammlung treffen die Kultur der Native Ameri­ cans und der Inuit auf Ethnologie und Winne­ tou, Karl May und Inspirationsquelle Karl ­Bodmer, dessen Aquarelle im Band Reise in das innere Nord-America in den Jahren 1832 bis 1834 den Wilden Westen darstellen, wie Bodmer ihn sah – noch vor der hollywoodesken Version da­ von. «Indianer waren meine Freunde» verkün­ det heute noch eine Tafel an seinem Geburts­ haus in Zürich.

Auf dem Weg Richtung Museum, und doch fast als Abschieds­ gruss verspricht das Restaurant La Zagra schon im Namen die Zitrusblüte und klingt nach stiller Sommerhitze, Pinien und Salz in der Luft. Chef Antonio Sturiale, ehemals Conti da Bian­ ca und Da Angela hat hier dem Klang seiner Heimat ­Sizilien und dem allgegenwärtigen Namen «Zagra» im Kopf, ein Haus und eine Speisekarte gegeben. Für Zürich adaptiert Sturiale die im Original schweren Klassi­ ker des Südens in einer leichten Variation. Zagra, die Essenz der Agrumen, kommt bei ihm in die Involtini pesce spada, in die Caponata, das sizilianische Gemüsegericht, und ins Des­ sert zu den gemischten Beeren. Als Spezialität bietet er einen ganzen Wolfsbarsch für zwei Personen an. Zürich liebt seinen See und hat es mit dem Meer. Wie denn nicht, es ist nun mal um Jahre und Länder viel zu weit weg. Weit weg wie Fellinis Dolce Vita und der Trevi-Brunnen. Mo­ dels spielen uns derweil das leichte und sehr gut gekleidete Leben aus dem Süden vor, auf dem Laufsteg. Rosmarin, Salbei und Zitronen, nicht zu fassender Duft und Erfrischung, kün­ digen es bei uns schon mal an.

Oben: Werkstatt der Kreativen: Einblick in das ­Designstudio Hannes Wettstein. Unten: Ethnologie trifft auf Winnetou, Karl May und Karl Bodmer: Das Nordamerika Native ­Museum (Nonam).


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Chronik

um 1800 — In der Gegend der späteren Zürcher Gemeinde Riesbach leben rund 900 Personen. 1836 — Riesbach zählt inzwischen 2000 Einwohner. 1837–1839 — Die Seefeldstrasse wird als Ausfallachse und Geschäftsverbindung Richtung Zollikon gebaut. 1839 — Der Architekt Leonhard Zeugheer errichtet die Kirche Neumünster. 1843–1847 — Leonhard Zeugheer baut die Villa Seeburg. 1847 — Die frei stehende Villa Zur Mainau an der Kreuzung Seefeldstrasse und Badergasse, der späteren 1853

1854 — 1858–1865 — 1860 1861 1862 1866 1875 1878

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1883–1885 — 1887 1887/88 1889

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Mainaustrasse, wird von Conrad Brunner erbaut. Im Auftrag des Bankdirektors Jakob Emil Tobler-Finsler und dessen Sohn Gustav Adolf Tobler-Blumer erbaut der Architekt Gustav Wegmann die herrschaftliche Villa Tobler an der Winkelwiese im spätklassizistischen Stil. Die Mainau-Liegenschaft gehört H. Meier-Orelli. Bau des Eidgenössischen Polytechnikums Zürich (heute ETH Zentrum) durch den Architekten Gottfried Semper. Riesbach zählt 4575 Einwohner. Heinrich Schinz hat die Villa Zur Mainau übernommen. Die Mainau gehört dem Arzt Heinrich Fierz. Geburt von Otto Haberer, Ludwigsburg, dem späteren Dekorationsmaler des Kinos Seefeld. Wilhelm Pfister, der spätere Architekt des Kinos Seefeld, wird in Müllheim TG geboren. Der Wirt Caspar Honegger eröffnet die Wirtschaft Zur Mainau. Südseitig, an der Stelle des späteren Kinogebäudes, befindet sich eine Gartenwirtschaft. Bau der Villa Patumbah durch die Architekten Chiodera und Tschudy für den aus Südostasien heimgekehrten Auftraggeber Karl Fürchtegott Grob. Die Mainau ist im Besitz von Johann Enz. Der Semper-Nachfolger Alfred Friedrich Bluntschli erstellt an der Zollikerstrasse 60 die Villa Bleuler. Neuer Besitzer der Mainau ist A. Rüttimann.


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1890 1891 1892

— Die Bierbrauerei Tiefenbrunnen, die spätere Mühle Tiefenbrunnen, nimmt ihren Betrieb auf. — Eröffnung des Zürcher Stadttheaters (heute Opernhaus) der Wiener Architekten Fellner & Helmer. — Der Bauunternehmer Anton Zadra erwirbt die Mainau-Liegenschaft. Er fügt dem Haus südlich einen einstöckigen Saalbau an. Gleichzeitig erfolgt eine Aufstockung um ein Geschoss mit einem gekappten Steildach. Verschiedene provisorische Bauten im Hinterhof entstehen: ein länglicher, einstöckiger Giebelbau mit Kegelbahn entlang der Westseite sowie ein Stall- und Remisengebäude in der Südecke. Verfasser der Hofbauten ist der Architekt S. R. Müller-Kauer (für die Aufstockung des Wohnhauses nicht nachgewiesen). — In der Gemeinde Riesbach leben rund 14 000 Personen. 1893 — Riesbach mit seinen Quartieren Seefeld, Mühlebach und Weinegg wird von der Stadt Zürich eingemeindet. — Anton Zadra plant den Bau eines weiteren Wohnhauses auf dem freien Grundstückteil südöstlich der Mainau. Das Vorhaben wird nicht realisiert. 1895 — Einer Verbreiterung der Seefeldstrasse fallen der Treppenaufgang und der Säulenvorbau der Villa Mainau zum Opfer. Die Balkone werden mit Konsolen abgefangen und eine doppelläufige Freitreppe führt neu zum Eingang im Hochparterre. 1896 — Verkauf der Mainau an Alfred Schlatter-Zollinger. 1897 — Es gehen bei der Polizei erste Gesuche von Schaustellern ein, mobile Kinematografen in der Stadt betreiben zu dürfen. — Die Mainau gehört inzwischen dem Gastwirt Friedrich Adolf Britt, der in der Südecke des Grundstücks einen provisorischen Musikpavillon errichten lässt. 1898 — Alfred Schlatter-Zollinger erscheint wieder als Eigentümer der Mainau. 1898–1906 — Verschiedene Wanderkinos gastieren in Zürich. 1899 — Die Mainau gehört Cornelius Burget. 1900 — Hans Heinrich Conrad von Muralt unterzieht die Villa Tobler einem umfassenden Umbau. Für den Innenausbau im Jugendstil zeichnet Hans Eduard von Berlepsch-Valendas verantwortlich. — Eröffnung des Varietétheaters Corso, wo sporadisch Filmvorführungen stattfinden. 1902 — Die Mainau-Liegenschaft befindet sich für kurze Zeit im Besitz der Weinhändler Bosshard & Bachmann. 1903 — Die Mainau gehört dem Hotelier Jakob Franta. 1907 — Karl Anton Fischer richtet im Erdgeschoss des Hauses Löwenstrasse 67 einen ständigen Kinematografen ein. Eröffnung am 16. März. — Am 28. März erhält Jean Speck die Bewilligung für ständige Kinovorführungen im Parterre des Hauses Waisenhausstrasse (später Kino ABC). Eröffnung am 12. April. — In einem ehemaligen Pferdestall an der Mühlegasse in der Zürcher Altstadt eröffnet Karl Anton Fischer mit dem Radium das dritte Kino der Stadt. — Im Varieté Central, das 1926 dem Neubau des Kinos Capitol weichen muss, finden Filmvorführungen statt.


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1908–1914 — Eröffnung von Kinematografen an diversen Standorten in der Stadt Zürich. 1910 — Der Neubau des Kunsthauses Zürich von Karl Moser wird eingeweiht. 1912 — Eröffnung des Kinos Colosseum in Oerlikon am 6. Januar im ersten Gebäude in Zürich, das von Grund auf als frei stehendes Kino geplant wurde. — Der Kaufmann Oskar Strub erwirbt die Mainau. 1913 — Am 17. Mai wird im Kunstgewerbemuseum Zürich der Schweizerische Werkbund (SWB) auf Initiative des Gestalters und Leiters der Kunstgewerbeschule, Alfred Altherr, gegründet. — In einem fünfgeschossigen Wohnhaus an der Neugasse 57 wird das Volkstheater (später Kino Modern, ab 1998 Riffraff) eröffnet. — Kurz vor Eröffnung des Universitätsneubaus von Karl Moser provozieren Paul Bodmer und andere Zürcher Künstler einen Kunstskandal, der dazu führt, dass zahlreiche Wandmalereien im Gebäude von den Künstlern eigenhändig übermalt werden müssen. — Die Genossenschaft für Bauwerte übernimmt die Mainau. 1914 — Eröffnung des Universitätsneubaus von Karl Moser. — Vermutlich erste Vorführung eines Tonfilmes in der Schweiz mit einem Edison-Kinetophon im Corso. — Das Architekturbüro Wilhelm Pfister-Picault plant auf dem Mainau-Areal für die Genossenschaft für Bauwerte einen Neubau im Stil des Neubarocks. Das Projekt umfasst drei Mehrfamilienhäuser, einen Kinematografen sowie ein Restaurant, scheitert jedoch am Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli. 1915 — Gründungsversammlung des Verbands der Kinematographischen Interessenten der Schweiz (ab 1917 Schweizer Lichtspieltheater-Verband) in Zürich. 1915/16 — Otto van Rees (1884–1957) und Hans Arp (1886–1966), Mitbegründer der Dada-Bewegung, schaffen in Zürich Hottingen zwei abstrakte Wandbilder. 1916 — An der Spiegelgasse 1 in Zürich wird am 5. Februar von Hugo Ball und Emmy Hennings das Cabaret Voltaire eröffnet. Innerhalb von wenigen Wochen stossen Kunstschaffende verschiedener Sparten zur Dada-Gruppe, unter ihnen Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Hans Arp. — Le Corbusier baut in La Chaux-de-Fonds ein frei stehendes Gebäude für das Cinéma Scala. — Die Genossenschaft Schweizerischer Filmverleiher schliesst mit den Kinobesitzern einen Vertrag auf Gegenseitigkeit ab. Aus der Interessengemeinschaft entwickelt sich im Laufe der Jahre ein Kartell. 1917–1919 — Der Architekt Gustav Gull erbaut die Amtshäuser in Zürich, für die der Künstler Karl Walser Innendekorationen schafft. 1918 — Erste Schweizerische Werkbundausstellung auf dem Sechseläutenplatz in Zürich. — Ende des Ersten Weltkriegs im November. 1920 — Eröffnung des Kinos Bellevue am 10. Dezember. 1921/22 — Ein redimensioniertes Projekt von Wilhelm Pfister-Picault für die Genossenschaft für Bauwerte beschränkt sich auf einen Saalanbau an die Mainau. Der alte Saal und der bestehende Wirtschaftsgarten werden abgebrochen. 1922 — Am Neumühlequai 26 wird am 22. August das Kino Walche eröffnet.


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— Das Kinematographische Theater Seefeld, das spätere Kino 8 und nachmalige Razzia, wird am 18. Oktober 1922 als 22. Zürcher Kino eröffnet. 1923 — Gründung des Zürcher Lichtspieltheater-Verbands (ZLV). 1924 — Die Baulücke an der Mainaustrasse wird von Pfister-Picault mit einem eingeschossigen Anbau an die Villa Mainau geschlossen. Der Hauseingang wird von der Seefeld- an die Mainaustrasse verlegt, sodass das Gebäude fortan unter der Adresse Mainaustrasse 34 figuriert. 1925 — Wilhelm Pfister-Picault erstellt zwischen dem Opernhaus und dem Utoquai das Grand Café Esplanade, das spätere Bernhard-Theater (abgebrochen 1983). 1928 — Eröffnung des Kinos Apollo beim Stauffacher (ab 1964 Apollo Cinerama). 1929–1932 — Mit der Werkbundsiedlung Neubühl entsteht in Zürich Wollishofen ein Manifest des Neuen Bauens. Die Architekten sind Max Ernst Haefeli, Carl Hubacher, Rudolf Steiger, Werner Max Moser, Emil Roth, Paul Artaria und Hans Schmidt. 1939 — Schweizerische Landesausstellung in Zürich (6. Mai bis 29. Oktober) mit ersten Versuchssendungen des Schweizer Fernsehens. — Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September. 1941 — Das Corso wird in Corso-Palais umbenannt und in ein Dancing mit Bar verwandelt. Programmschwer­ punkt bleibt das Varieté. — Rudolf Bernhard (1901–1962) eröffnet im Esplanade sein eigenes Theater. — Tod von Otto Haberer-Sinner. 1945 — Ende des Zweiten Weltkriegs im Frühjahr. 1947 — Das Corso wird zum Kino umgebaut. Sporadisch finden auf der Bühne Theatervorstellungen statt. 1948 — Tod des Architekten Wilhelm Pfister-Picault. 1948/49 — Roman Clemens baut das stilbildende Kino Studio 4 (heute Filmpodium). 1950 — Verkauf der Villa Mainau und des Kinoanbaus an die Gebrüder Oskar und Heinrich Gablinger. 1951 — Die neuen Besitzer der Mainau-Liegenschaft planen eine Aufstockung des südwestlichen Anbaus für die Einrichtung eines Apartmenthauses mit 15 Zimmern. Das von den Architekten Simmler & Huber geplante Bauvorhaben wird bewilligt, aber nicht realisiert. 1952 — Der Saal des Kinos Seefeld wird radikal purifiziert. Die Wände werden verkleidet, eine abgehängte Decke eingezogen und die Einbuchtung für die Kinoleinwand geschlossen. Auch die Bestuhlung wird erneuert. 1953 — Die Architekten Haefeli Moser Steiger (HMS) planen, zwischen 1953 und 1959 das gesamte Gebiet zwischen Forch- und Seefeldstrasse von der Verzweigung Zolliker- und Feldeggstrasse bis hin zur Hammerstrasse abzureissen und mit einer grossräumigen Komposition gestaffelter Baukörper inklusive zwei Hochhäusern neu zu besetzen. — Erste Fernsehsendungen der Schweizerischen Rundfunkgesellschaft (SRG) an fünf Abenden pro Woche aus dem Studio Bellerive im Zürcher Seefeldquartier. 1957 — Max Bill realisiert in Neuhausen ein Wohn- und Geschäftshaus mit Kinoanbau. 1967 — Ein Erweiterungsprojekt der Mainau wird nicht bewilligt.


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— Der eingeschossige Zwischenbau an der Mainaustrasse wird um ein Geschoss aufgestockt. Die Handsetzerei Gloor richtet im Erdgeschoss der Villa Mainau und im Zwischenbau ihren Betrieb ein. — Die Villa Seeburg wird in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgerissen. — Mit dem Apollo-Studio eröffnet am 18. November das erste Duplexkino der Schweiz. — Das Kino Seefeld heisst nach erneuter Renovation Kino 8. — Die Handsetzerei Gloor geht in Konkurs. — In der Villa Mainau wird der Schmatzkönig eröffnet, ein Lokal für «hochstehende Zwischenverpflegung». Das Umbauprojekt dafür stammt von den Architekten H. R. Steiner, A. Stamm und P. Frei. Der Unterhalt der übrigen Liegenschaft wird von den Eigentümern auf ein Minimum reduziert. — Der Schmatzkönig schliesst. In der Villa Mainau werden Wohnungen und Ateliers eingerichtet. Mit den Mietern LoRa, Greenpeace und WWF wird die Liegenschaft zum Treffpunkt der alternativen Szene. — Ab Mai 1980 wird Zürich von Jugendunruhen erschüttert, die sich gegen einen 60-Millionen-FrankenKredit zur Sanierung des Opernhauses richten. Gefordert wird mehr Geld für Alternativkultur und für ein autonomes Jugendzentrum. — Das Kino 8 heisst neu Eroskino 8 und zeigt Sexfilme. — Die Familie Gablinger, Eigentümerin der Mainau-Liegenschaft, reicht ein Baugesuch für einen fünfgeschossigen Neubau anstelle des Kinos ein. Im Wohnhaus soll das Erdgeschoss in eine Cafeteria umgewandelt werden, in den Obergeschossen ist die Einrichtung von Büros vorgesehen. Die Bausektion stimmt dem Abbruch des Kinos und dem Neubau eines mehrgeschossigen Wohn- und Geschäftshauses teilweise zu: Geknüpft an die Baubewilligung ist die Bedingung, dass die Bauherrschaft einen Vertrag über die Unterschutzstellung des Gebäudes Mainaustrasse 34 sowie über die vor der Baulinie liegenden Teile des Kinogebäudes (Fassade) abschliesst. — Das seit den frühen 1970er-Jahren bestehende Filmpodium, ein Kulturangebot des Präsidialdepartements der Stadt Zürich, erhält dauerhaftes Gastrecht im Studio 4. — Das Kino 8 wird von der Jean Frey AG übernommen. — Abbruch des Bernhard-Theaters beziehungsweise des Esplanade-Gebäudes, dem Hauptwerk des Architekten Wilhelm Pfister-Picault, zugunsten eines Annexbaus für das Opernhaus, der später im Volksmund «Fleischkäse» genannt wird. — Es werden Einsprachen gegen das modifizierte und inzwischen bewilligte Mainau-Projekt erhoben. — Auf dem Kanzleiareal wird der Filmclub Xenix eröffnet. — Film am See, das erste Open-Air-Kino der Stadt Zürich, wird von der Roten Fabrik veranstaltet. — Die Jean Frey AG schliesst das Kino 8, nachdem auch sie keine Renaissance des Saals zustande gebracht hat. — Ein branchenfremder Betreiber übernimmt das Kino 8. Unter dem Namen Hollywood zeigt er Reprisen sowie Kinderfilme. — Das Kino Hollywood wird im Frühjahr geschlossen. — Ursula Koch wird Vorsteherin des Hochbauamtes der Stadt Zürich (Bauamt II).


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— Die Mühle Tiefenbrunnen wird als erstes Fabrikareal in der Stadt Zürich umgenutzt. Es entstehen neben Wohnbauten Gewerberäume, ein Restaurant und ein Kleintheater. — Jürg Judin eröffnet im August das Kino Razzia. — Das Razzia und die Villa Mainau werden ins städtische Inventar der schützenswerten Bauten aufgenommen. Jürg Judin entdeckt die Wandmalereien, verzichtet jedoch vorläufig darauf, die Behörden zu informieren, um den Kinobetrieb nicht zu gefährden. — Nach Startschwierigkeiten hat sich das Kino Razzia mit Filmen wie Das alte Ladakh, der Cannes-Rolle und dem Dokumentarfilm Matter of Heart über den Psychoanalytiker Carl Gustav Jung als Treffpunkt der Zürcher Kinoszene etabliert. — Die Erbengemeinschaft Gablinger möchte mit dem Bauprojekt beginnen und kündigt die Verträge mit den Mietern des Kinos Razzia und der Villa Mainau. Eine aussergerichtliche Einigung sieht eine Vertragsverlängerung bis Frühling 1989 vor. — Aufnahme des definitiven Betriebs des alternativen Kulturzentrums Rote Fabrik. — Abbruch des Apollo, des grössten Kinos der Stadt mit riesiger Cinerama-Leinwand und 1700 Plätzen. — Jürg Judin erhält die endgültige Kündigung für sein Kino und muss das Razzia schliessen. Am 27. April findet mit der Weltpremiere von Ettore Scolas Film Splendor die letzte Vorführung statt. Anschliessend macht Judin auf die hinter den Wand- und Deckenverkleidungen verborgenen Malereien und Stuckaturen aufmerksam. Das Bauamt II veranlasst eine Freilegung der Dekorationen, das baugeschichtliche Archiv untersucht die Schutzwürdigkeit des Kinobaus. — Der Cinerent-Unternehmer Peter Hürlimann lanciert am Zürichhorn das erste kommerzielle Open-AirKino am See, später als Philipp Morris Open Air Kino und heute als Orange Cinema bekannt. — Der Stadtrat beschliesst, das Kino Razzia integral unter Schutz zu stellen. Die Eigentümer fechten den Beschluss an und der Fall geht in die letzte Instanz. — Das Bundesgericht bestätigt die Schutzwürdigkeit des Kinos Razzia und verpflichtet die Stadt Zürich schliesslich, eine Entschädigung an die Grundeigentümer zu bezahlen. — Einweihung und Bezug der Siedlung Tramdepot Tiefenbrunnen mit 101 Wohnungen, wodurch sich die äussere Seefeldstrasse deutlich belebt. — Mit jeweils einer einzelnen Verfügung stellt der Stadtrat das Kinogebäude und die Villa Mainau unter Schutz. Die Eigentümerin erhält rund zweieinhalb Millionen Franken Entschädigung für die «Eigentumsbeschränkung in grösserem Ausmass». — Am Escher-Wyss-Platz wird das Multiplexkino Cinemax (später Abaton) eröffnet. — In einer Petition an den Stadtpräsidenten Josef Estermann verlangt die SP-Gemeinderätin Johanna Tremp, unterstützt durch den Quartierverein Riesbach und den Verein Inneres Seefeld, den geschlossenen Kinosaal des Razzia öffentlich zugänglich zu machen. — Sympathisanten der Hausbesetzerszene veranstalten im Razzia eine Party mit Konzert. — Gemeinsam mit der Firma Zschokke initiiert Johannes Bösiger ein Vorprojekt für eine Neunutzung des Razzia. Nach dem Ausstieg von Zschokke wird das Projekt nicht weiterverfolgt.


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1998 2001 2003 2004 2005

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— Eröffnung des Kinos Riffraff an der Neugasse im Kreis 5 in den Räumen des ehemaligen Kinos Modern, das bis in die 1940er-Jahre existiert hatte. — Eine neu formierte Initiantengruppe um Johannes Bösiger ruft das Projekt Otto e mezzo ins Leben. Es sieht zwei Kinosäle, zwei Restaurants, einen Buchladen und Apartmentzimmer für Langzeitgäste vor. — Im Juli wird die Baubewilligung für das Projekt Otto e mezzo erteilt. — Die Fassade des Razzia bröckelt, weshalb eine Abschrankung angebracht werden muss. — Die Initianten von Otto e mezzo stellen ihr Konzept für eine Neunutzung vor. Bösiger erklärt, Baubeginn sei im Sommer, die Finanzierung soll Ende April feststehen. — Johannes Bösiger erklärt an der Generalversammlung des Quartiervereins Riesbach im April, die Bauarbeiten würden noch in der zweiten Jahreshälfte beginnen. Die Otto e mezzo AG hat bis im Juli ein Kaufrecht bei der Besitzerfamilie Gablinger. Bis zu diesem Zeitpunkt gelingt es jedoch nicht, das Geld für das Kinoprojekt (35 Mio. Fr.) aufzutreiben. Anschliessend weigert sich die Erbengemeinschaft, den Kaufrechtsvertrag zu erneuern. — Die Eigentümerin der Liegenschaft gibt in Zusammenarbeit mit dem Amt für Städtebau eine Studie beim Architekturbüro Zach + Zünd in Auftrag, aus der fünf Varianten hervorgehen. Zwei sehen vor, die Villa Mainau abzubrechen. — Am 6. September wird über die Firma Otto e mezzo AG der Konkurs eröffnet. — Nach einer Risikoüberprüfung entschliesst sich die Eigentümerschaft, die Liegenschaft zu verkaufen. — Urs Ledermann erwirbt die Mainau und das Razzia im Herbst von der Erbengemeinschaft Gablinger. — Eröffnung des Multiplexkinos Arena Sihlcity mit zehn Sälen und 2100 Plätzen. — Das Architekturbüro Moser Wegenstein analysiert die Razzia-Vorgeschichte und schlägt vor, den denkmalpflegerischen Schutz auf das Kinogebäude zu reduzieren und die Villa Mainau mit einem eigenständigen Neubau in die Hofrandbebauung einzugliedern. — Während der Fussballeuropameisterschaft nutzt die Veranstalterin eventagentur.ch den Kinosaal unter dem Namen Seefeld-Razzia für die Übertragung der Euro 08. In einem provisorischen Barbetrieb mit Lounge können jeweils rund 200 Personen die Spiele bei freiem Eintritt auf Grossleinwand verfolgen. — Die Stadt Zürich und die Ledermann Immobilien AG, neue Besitzerin der Liegenschaft, schliessen einen Kompromiss. Der denkmalgeschützte Saal wird integral renoviert und anschliessend einer öffentlichen Nutzung zugeführt. Die angrenzende Villa Mainau wird aus dem Inventar der schützenswerten Bauten gestrichen und weicht einem neuen Wohn- und Büroneubau. — Die Firma eventagentur.ch pachtet das Razzia ab Oktober für drei Jahre, um es als Kultur- und Veranstaltungsort zu nutzen. 2009 und 2010 finden Veranstaltungen des Zurich Film Festivals statt. — Die Baubewilligung für die Sanierung des Kinos Razzia sowie den Ersatzneubau für die Villa Mainau ist rechtskräftig. — Die Höschgass Gastro AG, die zur Two Spice AG gehört, soll nach dem Umbau der Liegenschaft Pächterin des Razzia werden. Geplant ist die Einrichtung eines Restaurants im mittleren Preissegment mit hundert Sitzplätzen und Fokus auf Grillspezialitäten sowie ein italienisches Café, eine Lounge und eine Bar.


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2011

2012

2014

— Das Magazin «Kuss» lässt in Zusammenarbeit mit der eventagentur.ch von Daniela Hediger und Elmar Schäfer im Razzia dessen Geschichte in einer Ausstellung wiederaufleben. Es wird ein Magazin in Zeitungsform abgegeben. — Im Januar gibt der Investor Urs Ledermann bekannt, dass in der Villa Mainau anstelle von drei Wohnund zwei Bürogeschossen ein Hotel mit 23 Zimmern entstehen soll. Mit der Projektierung ist das Architekturbüro Moser Wegenstein betraut, für den Innenausbau ist auf Initiative der Höschgass Gastro AG, der Pächterin des Gesamtkomplexes, das Istanbuler Büro Autoban Interior Design verpflichtet worden. — Das Kino Nord-Süd beim Bellevue schliesst. — Im August gibt Ledermann Immobilien bekannt, dass die Pläne für ein Hotel im Neubau der Villa Mainau fallen gelassen wurden. Geplant ist wiederum eine Nutzung mit Büros und Kleinwohnungen. — Im September findet mit dem Projekt «Das begehbare Buch» eine literarische Zwischennutzung der Villa Mainau statt: Während eines Monats bespielen rund 20 Verlage auf Einladung von Orell Füssli die Räume des Hauses. Ergänzt wird die Ausstellung mit einem kleinen Buchladen und einem Café. Der Kinosaal wird als Bar und für Abendveranstaltungen genutzt. — Im Oktober findet im Razzia eine illegale Party der Hausbesetzerszene statt. Der Hausbesitzer Urs Ledermann lässt die Besetzer unter der Bedingung gewähren, dass die Wandmalereien nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Besetzer halten sich an die Vorgabe. — Die Sanierungs- und Umbauarbeiten im Kino Razzia beginnen. Im ehemaligen Kino soll ein Restaurant entstehen, die Villa Mainau wird abgebrochen und durch einen Neubau mit Büros und Wohnungen ersetzt. Das Architekturbüro Moser Wegenstein wird von Hemmi Fayet Architekten abgelöst. Mit der Ausführung der Bauarbeiten ist die Generalunternehmung Allreal AG betraut. Die Baukosten werden mit 13,8 Millionen Franken beziffert. — Ledermann Immobilien gibt die neuen Pächter des geplanten Restaurants bekannt. Nach dem Ausstieg der Höschgass Gastro AG sind dies der Gastronom Stefan Roth, der seit 2008 das Hotel und das Restaurant Helvetia führt, sowie die Innenarchitektin Claudia Silberschmidt, die sich mit weiteren Partnern zur Razzia Kultur AG formiert haben. — Bezug der Wohnungen im Neubau Mainau 34, einem Projekt des Architekturbüros Hemmi Fayet. — Eröffnung des restaurierten Kinosaals als Restaurant Razzia im Mai. Verantwortlich für die Gestaltung zeichnet das Innenarchitekturbüro Atelier Zürich GmbH von Claudia Silberschmidt. Die Inhaberin des Ateliers ist mit ihrem Mann Peter Silberschmidt Teil einer sechsköpfigen Gruppe, die für den Aufbau und Betrieb des Lokals die Razzia Kultur AG gegründet hat. Geschäftsführer ist Stefan Roth.

Basis der Chronik sind die Beiträge im vorliegenden Buch sowie ein Gutachten des Büros für Denkmalpflege der Stadt Zürich.


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Epilog

Am 28. Dezember 2012, einem grauen Wintertag, traf ich den Gründer und Betreiber des Razzia vormittags um 11 Uhr in der Lobby des Hotels Seefeld. Das Restaurant war geschlossen, kein Mensch war unterwegs. Eine Angestellte erklärte sich trotzdem bereit, uns ein Mineralwasser zu servieren. Den Termin vor dem Silvesterwochenende hatten wir gewählt, weil der in Berlin lebende Jürg Judin an diesem Tag nach Zürich reiste, um seine Familie zu besuchen. Nach einem gut zwei Stunden dauernden Gespräch war ich im Besitz eines filmreifen Plots – der Geschichte des Kinos Razzia aus erster Hand. Michael Müller, der CEO der Ledermann Immobilien AG, war begeistert von der Idee, das Razzia als Kondensationspunkt der Zürcher Kultur- und Quartiergeschichte in einem Buch darzustellen. Er stellte mir finanzielle Unterstützung in Aussicht, sofern sich das Projekt konkretisiere. Nach der Zusage von Thomas Kramer, dem Verleger von Scheidegger & Spiess, kontaktierte ich mögliche Autorinnen und Autoren für die geplanten Fachbeiträge. Brigit Wehrli-Schindler, die ehemalige Direktorin Stadtentwicklung Zürich, liess sich nicht zweimal bitten, als ich sie für einen Essay zur Quartierentwicklung anfragte. Arthur Rüegg, emeritierter Architekturprofessor der ETH Zürich und Publizist, sagte zu, einen Text zur Umnutzung historischer Gebäude beizutragen. Keine einzige meiner Anfragen, die noch folgten, wurde abschlägig beantwortet: Carolina Morgan-Grap, die sich bereits vor über zehn Jahren mit der Ikonografie der Dekorationsmalerei im Razzia beschäftigt hatte, machte sich an die Arbeit, und bald auch Michel Bodmer, der Filmpublizist und Co-Leiter des Filmpodiums Zürich. Nina Toepfer spürte den kulturellen Hotspots des Seefelds nach, und sogar meine Anfrage an die Stadtpräsidentin Corine Mauch für das Vorwort wurde umgehend positiv beantwortet. Allen diesen Autorinnen und Autoren bin ich zu grossem Dank verpflichtet. Das Razzia-Buch sollte die Kulturgeschichte des Seefelds auch visuell spiegeln. Als Redaktor der NZZ lag es für mich nahe, bisher unveröffentlichte Bilder des langjährigen

NZZ-Fotografen Karl Hofer zu verwenden. Seine Tochter Karin Hofer, heute aktive NZZ-Fotografin, wies mich darauf hin, dass die Negative ihres Vaters in Archivschachteln auf mehreren Paletten im Keller des Druckzentrums in Schlieren lagerten und kaum zugänglich seien. Trotzdem bat ich meinen Kollegen und NZZDokumentalisten Ernst Baumeler, mit mir die Paletten mit den Negativen freizulegen. Die Expedition in die Unterwelt der Zeitung, auf die er mich mitnahm, war ebenso abenteuerlich wie ergiebig. Nachdem wir von Edith Hofer säuberlich beschriftete Archivschachteln sortiert und die Bestände gesichtet hatten, kamen wir mit schwarzen Händen und ein paar Kartons voller Negative zurück, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie vergrössert worden waren. Ich danke der «Neuen Zürcher Zeitung» und Karl Hofer, dass ich die Bilder publizieren darf. Dank schulde ich auch Arsène Saheurs, von dem die Fotografien zur Drogen­ prostitution im Seefeld stammen, die er 1990 für eine Reportage meiner heutigen Redaktionskollegin Brigitte Hürlimann in der Zeitschrift «Das Magazin» gemacht hat. Christoph Ruck­stuhl und seine Mitarbeiter vom NZZFotografenteam haben mit ihren Bildern aus der jüngeren Vergangenheit dieses Buch substanziell bereichert. Meinen besonderen Dank verdient hat aber der Fotograf Beat Bühler, der sämtliche Neuaufnahmen gemacht hat. Er ist dafür auf Gerüste geklettert und in Baugruben gestiegen, hat wochenlang auf richtiges Wetter oder Porträttermine gewartet. Christian Güntlisberger und Gilles Steinmann von der NZZ-Bildredaktion haben mir für die Beschaffung von Agenturbildern wertvolle Hinweise gegeben. Der Fotograf Niklaus Stauss und das Baugeschichtliche Archiv der Stadt Zürich, sein Leiter Thomas Meyer und Esther Fuchs, haben mich eben­so unterstützt wie Bruno Maurer, der Leiter des gta-­ Archivs am Departement Architektur der ETH Zürich. Und auch Barbara Stolba und Ernst Baumeler vom NZZ-Archiv bin ich zu Dank verpflichtet. Zusammen mit ihrer Chefin Ruth Haener boten sie mir Hilfe, wenn ich mich im ­Archivdschungel verlor. Eine Fundgrube waren die Archive von Jürg Judin und Jérôme Weber. Letzterer hat nach der Schliessung des Razzia zahlreiche Objekte und Dokumente gerettet, die er mir zur Verfügung stellte. Ausserdem war mir seine fundierte Kenntnis der Zürcher Kinogeschichte eine willkommene Unterstützung. Ohne Jürg Judin allerdings, den Gründer und Betreiber des Kinos Razzia, wäre das Buchprojekt in dieser Form nie-


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mals zustande gekommen. Er hat nicht nur seine Erinnerungen mit mir geteilt, sondern auch viel Zeit und Energie darauf verwendet, mir mit Material und Informationen zur Seite zu stehen. Zahlreiche Ideen für eine Neunutzung des Razzia hatten sich im Laufe der Jahre als undurchführbar erwiesen. Trotzdem sind die Promotoren gescheiterter Projekte diesem Buch mit Sympathie begegnet, was alles andere als selbstverständlich ist. So hat mich Axel Steinberger vom Büro Integral Ruedi Baur unkompliziert mit Informationen und Bildmaterial zum Projekt Otto e mezzo von Johannes Bösiger versorgt. Ebenfalls wertvolle Unterstützung boten mir Christian We­ gen­stein und Nicolas Vedolin vom Architekturbüro Moser Wegenstein. Von ihnen erhielt ich nicht nur Pläne und Render­ ings, sondern auch wichtige Informationen über die Projektgeschichte. Dank schulde ich aber auch Johanna Tremp, der ehe­maligen Seefelderin, Gemeinderätin, Kantonsrätin und In­teg­rationsbeauftragten der Stadt Zürich, die sich in den 1990er-Jahren für das Razzia eingesetzt hatte. Wenige Tage vor der Wieder­eröffnung des Gebäudes erlag sie unerwartet einem Herzversagen. Möge die vorliegende Publikation dazu beitragen, ihr Engagement für die Stadt in ehrendem Andenken zu behalten. An der Suche nach einer tragfähigen Lösung für das Razzia waren viele Köpfe beteiligt. Entsprechend komplex ­waren die Vorgaben für Hemmi Fayet Architekten, die das endgültige Projekt realisierten. Petra Hemmi, Serge Fayet und ihr Mitarbeiter Johannes Ryhner haben mir ihre Arbeit geduldig bis ins Detail erklärt. Dafür und für den namhaften Betrag,­ mit dem sie dieses Buch unterstützt haben, schulde ich ihnen grossen Dank. Danken möchte ich auch den Restauratoren Chris­tof Thur und Fredi Bosshard von der Firma IGA Archäologie Konservierung und IGA Stuckatur GmbH. Sie haben mir vor Ort ihre Strategien und Techniken der Restaurierung verständlich nähergebracht. Christiane Thomas wiederum, die Projektleiterin der Denkmalpflege im Amt für Städtebau, erläuterte mir anschaulich die Rolle der Behörde im Restaurierungsprozess, wofür auch ihr mein Dank gewiss ist. Claudia Silberschmidt, Inhaberin des Atelier Zürich und federführende Innenarchitektin, ist mit ihrem Mann ­Peter Silberschmidt sowie den Partnern André Bolli, Daniel Grieder, Thomas Rieffel und dem Razzia-Gastgeber Stefan Roth beteiligt an der Razzia Kultur AG. Sowohl die Atelier ­Zürich GmbH als auch die Razzia Kultur AG haben mit Rat und Tat sowie finanziell substanziell dazu beigetragen, dieses Buch zu realisieren. Dank schulde ich aber auch allen weite-

ren Firmen, die durch ihre grosszügige finanzielle Unterstützung das Projekt ermöglichten: Es sind dies die Generalunternehmung Allreal AG, die Rolf Schlagenhauf AG, die Forster & Linsi AG, die Bauunternehmung Jäggi + Hafter AG, die FloorDecor GmbH, die Sada AG, die Terratech AG, die Meier-Kopp AG sowie die ­Albert Marty AG. Danken möchte ich auch Peter Haerle, Direktor Kultur im Präsidialdepartement der Stadt Zürich, für das Patronat dieses Buches. Besondere Dankbarkeit schulde ich indes der Ledermann Immobilien AG. CEO Michael Müller schenkte mir sein uneingeschränktes Vertrauen ebenso wie der Patron Urs Ledermann. Sie beide nahmen während des ganzen Produktionsprozesses in keiner Art und Weise Einfluss auf die inhaltliche oder formale Ausrichtung und boten mir über ihr grosses finanzielles Engagement hinaus jedwelche Unterstützung. Emil Brunold, der Assistent des CEO und des Verwaltungsratspräsidenten, fungierte dabei als gute Seele im Hintergrund, die mir so manche Türe öffnete. Herzlichen Dank! Die eigentliche Produktion des Buches war als Work in progress angelegt. Umso glücklicher war ich über die gedul­ dige Unterstützung des Verlages Scheidegger & Spiess. Die Projektleiterin Cornelia Mechler und der Verleger Thomas Kramer stärkten mir in jeder Beziehung den Rücken und zupften nur ganz sanft an der langen Leine, wenn Kosten aus dem Ruder zu laufen oder Termine nicht eingehalten zu werden drohten. Professionelle Gelassenheit legten auch die Lektorin Rachel Camina und der Lithograf Adrian Gabathuler an den Tag, wenn das Material ihren hohen Ansprüchen nicht immer ganz zu genügen vermochte. Ich danke allen für ihren zuverlässigen und unaufgeregten Support. Mein zentraler Sparringspartner während der Produktionszeit war jedoch die Gestalterin Angelika Wey. Ich habe sie während rund eines Jahres mit Bildern, Texten, Ideen und ­einem steten Fluss von Änderungsvorschlägen traktiert, die sie stets kritisch aufnahm und kreativ umsetzte. Es war sowohl professionell als auch persönlich eine ausserordentliche Bereicherung, mit ihr zusammenarbeiten zu dürfen, und ich danke ihr an dieser Stelle herzlichst. Von unschätzbarer Bedeutung war für mich die Unterstützung des Projekts durch meine Familie. Meine Buben Jonathan, Leon und Lorenz mussten manche Stunde auf meine Aufmerksamkeit und Anteilnahme verzichten, wofür ich mich bei ihnen ebenso entschuldigen wie bedanken möchte. Den allergrössten Anteil am Gelingen des Buches hat jedoch meine Ehefrau Anna Schindler. Ohne Dich wäre alles nichts.  Urs Steiner, im Juli 2014.


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Bildnachweis Auflistung pro Seite jeweils von oben links nach unten rechts

Abkürzungen: Baugeschichtliches Archiv Zürich (BAZ), Institut für Geschichte und Theorie der ­Architektur der ETH Zürich (gta), «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ). Umschlagbild Angelika Wey, unter Verwendung eines Ausschnitts aus dem Razzia-Logo von Sergio Galli, 1986, Archiv Jürg Judin. Vorwort S. 7: Niklaus Stauss, 1986. Bildstrecke 1 S. 8/9: o.Z., um 1925, Archiv Jérôme Weber. S. 10/11: Karl Hofer, NZZ, 1986. S. 12/13: Karl Hofer, NZZ, 1992. Profil durch Pomp S. 15: Matt Sayles/Invision/AP, 2014, Keystone. S. 16/17: Faksimiles, o.Z. (um 1910), Archiv ­Jérôme Weber (2x). S. 17: BAZ, o.Z. (um 1910). S. 18: BAZ, o.Z. (um 1913). S. 19: BAZ, 1927. S. 20: BAZ, o.Z. (um 1880); BAZ, o.Z. (um 1900). S. 21: BAZ, 1927; N.N., 1915, Fotoarchiv Kantonale Denkmalpflege Zürich. S. 22/23: Adrian Baer, NZZ, 2010. S. 24: Jakob Tuggener, BAZ, 1937. S. 25: BAZ, 1925; BAZ, 1918 (2x). S. 26: BAZ, o.Z. (2x). S. 27 aus: Brooks, H. Allen: Le Corbusier’s ­Formative Years. Chicago and London 1997 (4x). S. 28 aus: Boesiger, Willy: Le Corbusier et Pierre Jeanneret, Œuvre complete de 1929–1934. Zürich 1935 (4x). S. 29 aus: Sexton, Randolph Williams: American Theatres of Today. New York 1927, Reprint 1977. S. 30: Wolf-Bender, BAZ, 1954. S. 31: BAZ, 1989. S. 32: BAZ, 1984 (2x); BAZ, dat. 1967 (wohl 1968); Reproduktion Jérôme Weber, o.Z. S. 33: Peter Schälchli, 2007, Ledermann Immo­ bilien AG. S. 34: BAZ, 1989 (4x). S. 35: 1994, Archiv Jérôme Weber; Peter ­Schälchli, 2007, Ledermann Immobilien AG (2x). S. 36/37: Christian Mathis, NZZ, 2006. S. 39: 2009/2010, Archiv Jérôme Weber.

Alles drängt zum See S. 40/41: Comet, 1978, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv. S. 42: Karl Hofer, NZZ, 1985. S. 43: NZZ, 1973. S. 44/45: Karl Hofer, NZZ, 1980 (2x). S. 46: Arsène Saheurs, 1990; Karl Hofer, NZZ, 1986; Arsène Saheurs, 1990. S. 47: Arsène Saheurs, 1990 (2x). S. 48: Karl Hofer, NZZ, 1986; Karl Hofer, NZZ, 1989. S. 50: Karl Hofer, NZZ, 1982. S. 51: Karl Hofer, NZZ, 1993. S. 52: Karl Hofer, NZZ, 1992 (4x). S. 53: Heinrich Schinz, Wasserversorgung Zürich (pd), 1996; Karl Hofer, NZZ, 1990. S. 54: 1994, Archiv Jérôme Weber. S. 55: Camenzind Evolution (pd), um 2005 (2x). Pulp Fiction im Seefeld S. 57: Beat Bühler, 1994; Karl Hofer, NZZ, 1988; o.Z, Archiv Jérôme Weber; NZZ, o.Z. (2x). S. 58: Urs Steiner, 2013, Archiv Jérôme ­Weber. S. 59: 1986, Archiv Jérôme Weber. S. 60: «Züri-Woche», 1986, Archiv Jürg Judin (2x); 1986, Archiv Jürg Judin. S. 61: Niklaus Stauss, 1986 (2x); 1986, Archiv Jürg Judin. S. 62: «Blick», 1989, Archiv Jürg Judin; «Outnow», o.Z. (2x). S. 63: N.N., um 1985, Archiv Jürg Judin; Karl Hofer, NZZ, 1986. S. 64: Sergio Galli, 1986, Archiv Jürg Judin. S. 65: Wolf-Bender, BAZ, 1954. S. 66: N.N., um 1987, Archiv Jürg Judin. S. 67: 1986/87, Archiv Jürg Judin. S. 68: 1989, Archiv Jürg Judin. S. 69: Wolf-Bender, BAZ, 1954; N.N., o.Z., Archiv Jürg Judin. S. 70: BAZ, 1989 (2x). S. 71: «Tagblatt der Stadt Zürich», 1993. S. 72: Karl Hofer, NZZ, 1993 (2x); Niklaus Stauss, 1993. S. 73: o.Z., Archiv Jürg Judin. Bildstrecke 2 S. 74–79: Beat Bühler, 2011/12. Reinigen, Retuschieren, Rekonstruieren S. 80–95: Beat Bühler, 2013. Artemis – Schutzgöttin des Kinos S. 97: Beat Bühler, 2014 (2x). S. 98: Angelika Wey, 2013. S. 99: Suzanne Schwiertz, o.Z. S. 100–102: Beat Bühler, 2014 (13x). S. 103 aus: Friedrich von Zglinicki: Der Weg des Films. Berlin 1956.

Gerettet – Was nun? S. 105: Thies Wachter, 2013; Alexander Troehler, 2006, Archiv Silvio Schmed. S. 106: Beat Bühler, 2014 (2x). S. 107: o.Z., Archiv Wehrli; Karl Hofer, NZZ, 1983. S. 108: Karl Hofer, NZZ, 1983; Beat Bühler, 2014; Karl Hofer, NZZ, 1983. S. 109: Beat Bühler, 2014 (2x). S. 110: Haefeli Moser Steiger (HMS), 1957, Archiv gta; HMS, 1956, Archiv gta. S. 111: Karl Hofer, NZZ, um 1970; Fritz Maurer, o.Z., Archiv gta. S. 112: Karl Hofer, NZZ, 1989; Beat Bühler, 2014; Karl Hofer, NZZ, 1989; Martin Gasser, o.Z., Archiv Arthur Rüegg. S. 113 aus: Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft in der Villa Bleuler. Zürich 1994; ­Martin Gasser, o.Z., Archiv Arthur Rüegg. S. 114: Nils Krämer, 2009; Martin Boesch, 2009 (2x). S. 115: Elivra Angstmann, o.Z., Fotoarchiv Kantonale Denkmalpflege Zürich (3x). S. 116: Adrian Baer, NZZ, 2013 (3x); Schweizer Heimatschutz (pd), o.Z. S. 117: Ruedi Walti, o.Z. (2x). Der Mut zur Lücke S. 118: Beat Bühler, 2013. S. 120/121: Otto e mezzo, Integral Ruedi Baur, Axel Steinberger, 2000–2004. S. 122–124: Otto e mezzo, Integral Ruedi Baur, Axel Steinberger/Itten + Brechbühl, 2004. S. 125–131: Moser Wegenstein Architekten, 2007–2011. S. 132/133: Autoban, 2010/11, Archiv Moser Wegenstein Architekten. S. 134/135: Andreas Bodmer, NZZ, 2010 (3x). S. 136–139: Beat Bühler, 2011 (22x). Zarafa, die Liebliche S. 140–155: Beat Bühler, 2014 (17x, ohne 142/143 und 152). S. 142/143: NZZ, 1922 (3x). S. 152: Hemmi Fayet Architekten (3x). Bildstrecke 3 S. 156–161: Beat Bühler, 2014 (3x). Die Location entscheidet mit S. 162: Heinrich Helfenstein, 2004. S. 164: Karl Hofer, NZZ, 1988. S. 165: Christian Mathis, NZZ, 2007. S. 166: «Outnow», o.Z. (4x). S. 167: Christoph Ruckstuhl, NZZ, 2008; Beat Bühler, 2013, Stadtentwicklung Zürich (2x). S. 168: Beat Bühler, 2013, Stadtentwicklung ­Zürich. S. 169: Karin Hofer, NZZ, o.Z. Wellen im Seefeld S. 170–179: Beat Bühler, 2014 (5x). In einigen Fällen konnten die Urheber- und ­Abdruckrechte trotz umfangreicher Recherche nicht ermittelt werden. Berechtigte Ansprüche werden bei entsprechendem Nachweis im Rahmen der ­üblichen Honorarvereinbarungen abgegolten.


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Impressum Redaktion Urs Steiner, Zürich BODENBELÄGE - PARKETT - LAMINAT

Gestaltung Angelika Wey-Bomhard, Zürich

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Lektorat Rachel Camina, Zürich Korrektorat Maike Kleihauer, Berlin Lithografie (historische Aufnahmen) Adrian Gabathuler, Züberwangen Lithografie, Druck und Bindung Graphicom Srl, Vicenza © 2014 Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich Copyright © der Texte bei den Autoren Copyright © der Fotografien siehe Bildnachweis

Alle Rechte vorbehalten; kein Teil dieses Werks darf in irgendeiner Form ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter V ­ erwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. ISBN 978-3-85881-435-7 Verlag Scheidegger & Spiess Zürich Niederdorfstrasse 54 8001 Zürich Schweiz www.scheidegger-spiess.ch

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Es war eine Mischung aus Idealismus und Leichtsinn, die den 23-jährigen Studenten Jürg Judin 1986 dazu verleitete, im Zürcher Seefeld auf eigene Faust das Studiokino Razzia zu eröffnen. Nach den Jahren jugendlichen Aufruhrs, in denen der Begriff Kultur in Zürich mit Theater, Tonhalle und Kunsthaus gleichgesetzt wurde, kam Judin zur richtigen Zeit. In diesem neuen Buch zeichnen Kenner der Zürcher Kultur die Geschichte des K ­ inosaals nach und beleuchten das ­Wagnis Razzia.

ISBN 978-3-85881-435-7 Printed in Italy ISBN 978-3-85881-735-7

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783858 814357

Razzia band 1  
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