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NR. 03 2017

Junge Kammer

AUSBILDUNGSREFORM – WIE KANN EINE UMSETZUNG AUSSEHEN Praxis & Beruf

FACHTAG GEWALTPRÄVENTION

Schwerpunktthema

ARBEITSMARKT PFLEGE WIE HÄTTEN SIE ES GERN?


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Editorial

„Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Cicely Saunders

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Editorial

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Können wir die Chance in der Misere nutzen? Liebe Leserin, lieber Leser,

Sandra Postel

Vizepräsidentin der Landes­ pflegekammer Rheinland-Pfalz

Laura Serra

s liegt quasi in der Luft und ist schon fast mit den Händen greifbar, und doch wird es nicht klar ausgesprochen: Arbeitgeber brauchen die Unterstützung der pflegenden Arbeitnehmerschaft, um attraktive Arbeitsplätze schaffen zu können. Die Situation könnte schlimmer nicht sein: Noch nie waren die Arbeitsbedingungen so schlecht wie zurzeit, noch nie so wenig Pflegende in Kliniken und Altenheimen, bezogen auf die Aufgaben und die Zahl der zu Pflegenden pro Pflegefachperson. Und noch nie war die Not der ArbeitgeAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Editorial

ber so groß, gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für den Pflegeberuf zu finden. Gute Ideen zur Arbeitsgestaltung werden also händeringend gesucht und auch honoriert, die Bereitschaft für flexible Dienstpläne und neue Führungsstrukturen ist hoch. Denn wer kann in Zeiten des Fachkräftemangels besser für ein Pflegeunternehmen werben als eine Pflegefachperson, die mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden ist? Wenn Sie nun auf der einen Seite Ihr direktes Arbeitsumfeld mitgestalten, welche Rolle nimmt auf der anderen Seite dann die Pflegekammer Rheinland-Pfalz zur Verbesserung der Arbeitswelt ein? Dank der übertragenen Verantwortung in die Selbstverwaltung und die damit verbundene Stimmgewalt von gut 40.000 profesAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

sionell Pflegenden fordern wir unter anderem, die finanziellen Mittel per Gesetz eindeutig an Personalinvestitionen zu binden. Und das tun wir nicht nur auf der Ebene der Landesregierung, nein, auch auf der Ebene der Bundesregierung. Und dort, wo die Gesetze noch fehlen, macht die Pflegekammer ihre Position gegenüber Kostenträgern und Leistungserbringern deutlich: Das Geld muss auch in das Personal investiert werden!

Ihre Sandra Postel


Editorial

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Ihre Meinung ist uns wichtig

Folgen Sie uns uns gerne auch auf Facebook oder Twitter und bleiben Sie so mit branchenrelevanten Informationen, Stellungnahmen und Einschätzungen für die Pflegefachpersonen auf dem Laufenden. Sie haben Fragen oder Anregungen? Nutzen Sie die Kontaktmöglichkeiten unserer Social-Media-Präsenzen oder schreiben Sie uns direkt unter leserfrage@pflegekammer-rlp.de

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Inhaltsverzeichnis

INHALT 11 Aktuelles & Politik

NR. 03 2017

12 Neu im Amt: Ingrid Fischbach neue Patientenbeauftragte 14 Newsticker: Die wichtigsten Meldungen in aller Kürze

„DIE STARKE STIMME FÜR DEN PFLEGE­ BERUF“ pflegekammer-rlp.de

Coverbild: helena melikov melikov.de

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16 Nachweis Pflegeschlüssel: Pflegerische Versorgung in der Neonatologie 18 Pflegezuschlag erhöht Der erhöhte Zuschlag entlastet Pflegefachpersonen womöglich kaum 20 Auszeichnung Fraunhofer-Preis: Bessere Versorgung für Senioren durch „Technik für den Menschen“ 22 Kammergeflüster: Status quo der Pflegeselbstverwaltungen in den Ländern 30 Gewerkschaft Eine starke Pflegegewerkschaft fehlt


Inhaltsverzeichnis

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32 Schwerpunktthema: Arbeitsmarkt Pflege im Wandel ... Veränderungen der Arbeitswelt

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34 Arbeitnehmer in der Pflege: Das neue Selbstbewusstsein

Amt des Patientenbeauftragten neu besetzt Ingrid Fischbach ist die Nachfolgerin von Karl-Josef Laumann

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44 Gehälter: Kliniken locken mit Boni und Gehaltserhöhungen 52 Streiten für die Pflege: Aus dem Herzen gesprochen – was die Pflege bewegt! 60 Dem Berufsausstieg entgegenwirken: Was hilft, Pflegende im Beruf zu halten 70 Arbeitszufriedenheit erhöhen: Durch Kompetenzentwicklung werden Gestaltungsfreiräume erkannt 76 Eindrücke aus der Arbeitswelt: Vier Stimmen berichten, wie sie den Wandel des Arbeitsmarktes erleben 86 Profession Pflege: Das Entwicklungspotenzial ist unerschöpflich

ARBEITSMARKT PFLEGE Wie sich die Arbeitswelt für Pflegefachpersonen unter dem Wandel des Arbeitsmarktes verändert und welche Chancen sich für Arbeitnehmer daraus ergeben können

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Inhaltsverzeichnis

94 Wissen & Lernen 96 Leitlinien und Standards auf einen Blick: Das Zentrum für Qualität in der Pflege hat seine Datenbank aktualisiert 98 Studienreise Demenz Wie läuft die Versorgung von Menschen mit Demenz in Norwegen

Foto: BonNontawat_shutterstock

108 4 Fragen & 4 Antworten

120 Beruf & Praxis

128 Der Gewalt vorbeugen Pflegekammer RLP ruft Fachtagung „Gewaltprävention“ ins Leben 132 Snoezelen Ein Konzept, das nicht nur auf die Gesundheit und das Wohbefinden des Patienten Einfluss nimmt

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122 Migration nach Deutschland: Ausländische Pflegefachpersonen als Teillösung des Fachkräftemangels

146

Rat & Recht 146 Whistleblowing Welche Möglichkeiten gibt es, Missstände aufzudecken 154 Neues Mutterschutzgesetz: Überblick über die Gesetzesänderungen Whistleblowing – Der Mut des Einzelnen

Was weiße, schwarze und graue Schafe mit dem Öffentlichmachen von Missständen zu tun haben und an wen man sich wenden kann, ohne selbst in Misskredit zu fallen.

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Inhaltsverzeichnis

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Junge Kammer meldet sich zu Wort Der Kommentar von Felix Müller zum Bundestagsbeschluss zum neuen Pflegeberufegesetz und die damit getroffene Entscheidung über die generalistische Ausbildung

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LESERFRAGE

Junge Kammer 162 Ein Blick auf die neue Ausbildungsreform Über Lob und Tadel, verpasste Chancen, optimistische Stimmen und ein Beispiel, das zeigt, wie eine Umsetzung aussehen kann

184 Zum guten Schluss 186 Kolumne: Cicely Saunders 194 Tipps & Termine 200 Gelesen von ... 204 Unsere Kontributoren 206 Impressum

186

Kolumne: Diesmal mit Cicely Saunders zum Thema: Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der Pflegenden

MITMACHEN MITGESTALTEN MITWIRKEN? Sie haben Rückfragen zu einzelnen Artikeln im Heft? Oder Sie würden gerne bestimmte Themen im Kammermagazin näher beleuchtet haben? Dann schreiben Sie uns an untenstehende E-MailAdresse. Wir nehmen Ihre Themenwünsche jederzeit gerne mit auf. Nutzen Sie die Möglichkeit, die Inhalte lesen zu können, die Sie besonders interessieren. Wir freuen uns auf Ihre Anregungen. Bei Fragen oder wenn Sie uns ein Feedback geben möchten, schreiben Sie uns gerne eine E-Mail: hallo@pflegekammer-magazin.de

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Rubrik

Dana Lungmuss

AKTUELLES & POLITIK

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Aktuelles & Politik

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18 PFLEGEZUSCHLAG ERHÖHT Entlastung bei den Pflegefachpersonen nicht zu erkennen

22 KAMMERGEFLÜSTER Was tut sich in Sachen Selbstverwaltung der Pflege in den Bundesländern?

31 GEWERKSCHAFT Eine starke Pflegegewerkschaft fehlt und viele spannende Themen mehr

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Aktuelles & Politik

PATIENTENBEAUFTRAGTE NEU IM AMT: INGRID FISCHBACH

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Ingrid Fischbach

Die Parlamentarische Staats­sekretärin Ingrid Fischbach ist neue Patientenbeauftragte und Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung.

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Neue Patientenbeauftragte

Die neue Patientenbeauftragte und Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Ingrid Fischbach (CDU), will sich für mehr Transparenz in der ärztlichen und pflegerischen Versorgung starkmachen. Jeder Mensch müsse in der Lage sein, seinen Anspruch auf Reha oder andere Gesundheitsleistungen ohne fremde Hilfe durchsetzen zu können – unabhängig von Bildung oder individueller Gesundheitskompetenz. „Deshalb möchte ich in einer Studie die Tätigkeit von Lotsen untersuchen lassen, die bestimmte Patienten durch unser kompliziertes Gesundheitssystem begleiten“, erklärt die Nachfolgerin von Karl-Josef Laumann (CDU), der als Arbeits-, Gesundheits- und Sozialminister nach Nordrhein-Westfalen wechselt.

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Auch das Thema Heilmittelversorgung wird die 60-jährige Parlamentarische Staatssekretärin, die dem Deutschen Bundestag bereits seit 1998 angehört, in den Blick nehmen. Denn vielerorts würden in Deutschland nicht nur Fachärzte und Pflegekräfte knapp, sondern auch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden. „In meinem Heimatland NRW kommen auf einen Physiotherapeuten schon rund zweieinhalb Stellenangebote. Und die Schülerzahlen für einige Heilmittelberufe gehen deutlich zurück. Damit Patienten auch künftig gut versorgt sind, sollten wir die Gesundheitsfachberufe dringend attraktiver machen und aufwerten“, sagt sie. (kw)

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Foto: Ana Martin / unsplash.com

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Aktuelles & Politik

NEWST +++ Aktualisierter ­Experten­standard

Das Deutsche Netzwerk für Qua­ litätsentwicklung in der Pflege (DNQP) hat den Expertenstandard „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ zum zweiten Mal aktualisiert und veröffentlicht. Die Maßnahmen seien nun klarer beschrieben und zugeordnet. Die aktualisierte Version kann über die Webseite des DNQP bestellt werden. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

+++ Altenpflegefachpersonen oft krank Die Betriebskrankenkassen schlagen Alarm: Wer im Alten- oder Pflegeheim arbeitet, ist durchschnittlich 24 Tage im Jahr krank, Beschäftigte anderer Branchen dagegen nur 16 Tage. Als möglicher Grund für die hohe Krankheitsquote nennt der BKK Dachverband in seinem Gesundheits­atlas 2017 die Arbeitsbedingungen.


Newsticker

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TICKER +++ Preis für Auszubildende Auszubildende in der Pflege können sich ab sofort unter www.deutscher-pflegepreis.de um den BGW Nachwuchspreis 2018 bewerben. Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege stiftet diesen Preis im Rahmen des Deutschen Pflegepreises.

+++ Expertenstandard ambulante ­Kinderkrankenpflege

Der Bundesverband Häusliche Kinderkrankenpflege (BHK) stellt ab sofort für die ambulante Kinderkrankenpflege den aktualisierten Pflegestandard „Ernährungsmanagement in der ambulanten Kinderkrankenpflege“ zur Verfügung. Informationen und Bestellungen per E-Mail: info@bhkev.de AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Aktuelles & Politik

Dokumentation

Personalschlüssel auf Frühchenstation Um die pflegerische Versorgung auf neonatologischen Intensivstationen besser sicherstellen zu können, hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ein Musterformular zur schichtbezogenen Dokumentation beschlossen, das zum Nachweis der geforderten Pflegepersonalschlüssel dienen wird. Als Nachweis der Erfüllung der Anforderungen an den Pflegepersonalschlüssel gilt künftig eine dokumentierte Erfüllungsquote von mindestens 95 Prozent aller Schichten des vergangenen Kalenderjahres. Dabei dürfen nicht mehr als zwei Schichten, in denen die in der Richtlinie vorgegebenen Personalschlüssel nicht erfüllt werden, direkt aufeinanderfolgen. Bei der Versorgung von Frühgeborenen sowie Reifgeborenen mit besonderen Risiken werden in der Qualitätssicherungs-Richtlinie des G-BA vier Versorgungsstufen unterschieden: Perinatalzentren Level  1 und 2, Perinataler Schwerpunkt und ­Geburtsklinik. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

DABEI DÜRFEN NICHT MEHR ALS ZWEI SCHICHTEN, IN DENEN DIE IN DER RICHTLINIE VORGEGEBENEN PERSONALSCHLÜSSEL NICHT ERFÜLLT WERDEN, DIREKT AUFEINANDERFOLGEN. Die Anlage 2 der Qualitätssicherungs-Richtlinie legt unter anderem die Anforderungen an die pflegerische Versorgung von Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 1.500  Gramm fest. So muss auf der neonatologischen Intensivstation eines Perinatalzentrums jederzeit mindestens eine Kinderpflegefachperson je intensivpflichtigem Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von unter 1.500  Gramm verfügbar sein. Bei intensivüberwa-


Personalschlüssel Neointensiv

„Mit der schichtbezogenen Dokumentation wird erstmals eine valide Datengrundlage über den tatsächlichen Umsetzungsstand der geforderten Pflegepersonalschlüssel geschaffen. Dies ist insbesondere auch Voraussetzung für eine gegebenenfalls notwendige Weiterentwicklung der Mindestanforderungen. Zudem muss vermieden werden, dass sich

die geforderte Mindestquote zulasten der Kinder mit einem Geburtsgewicht über 1.500 Gramm auswirkt“, erläuterte Dr. Regina Klakow-Franck, unparteiisches Mitglied des G-BA und Vorsitzende des Unterausschusses Qualitätssicherung. Perinatalzentren, die die Anforderungen an die pflegerische Versorgung auf ihrer Intensivstation ab dem 1.  Januar 2017 nicht erfüllen, sind verpflichtet, dies unter Angabe der konkreten Gründe dem G-BA unverzüglich mitzuteilen. In diesem Fall werden mit dem Krankenhaus auf Landesebene konkrete Schritte und Maßnahmen zur schnellstmöglichen Erfüllung der Personalvorgaben vereinbart. (kw)

Foto: Aditya Romansa / unsplash.com

chungspflichtigen Frühgeborenen gilt ein Schlüssel von eins zu zwei. Zudem müssen 40 Prozent der Pflegefachpersonen auf neonatologischen Intensivstationen (Level-1-Zentren) die Fachweiterbildung „pädiatrische Intensivpflege“ absolviert haben. In sogenannten Level-2-Zentren ist ein Anteil von 30 Prozent vorgesehen.

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Aktuelles & Politik

Höherer Pflegezuschlag für Krankenhäuser

NEUES GESETZ EINE MOGEL­ PACKUNG? Der erhöhte Pflegezuschlag für Krankenhäuser entlastet Pflegefachpersonen ab 2019 womöglich kaum. Findige Kliniken könnten damit ihre Finanzlöcher stopfen, statt Pflegepersonal in patientensensiblen Bereichen einzustellen. Uwe Lötzerich

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Personaluntergrenze

Für den neuen „Pflegezuschlag“ für Krankenhäuser hat nach dem Bundestag am 1. Juni auch der Bundesrat am 7. Juli grünes Licht gegeben: Ab 2019 erhalten sie 830 statt 500 Millionen Euro jährlich, um zusätzlich nötiges Pflegepersonal bei künftigen Mindestpersonalbesetzungen in patientensensiblen Klinikbereichen (Intensivstationen, Nachtdienste) einstellen zu können.

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der Pflege vorbei.“ Eine solche „Mogelpackung“ würde den Pflegenden mehr schaden als nutzen. Ein Info-Papier der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) an Klinikträger bestätigt seine Befürchtung: „Eine Zweckbindung ist für die zusätzlichen Mittel aus dem Pflegezuschlag nicht vorgegeben“, kommentiert die DKG bereits den Pflegezuschlag 2017 hier .

DER ERHÖHTE PFLEGE­ Doch das Gesetz halZUSCHLAG IST ZWAR Für problematisch ten Kritiker für so ungenau formuliert, dass EIN RICHTIGES SIGNAL, hält Dr. Markus Mai Krankenhausmanager die MindestpersonalGEHT ABER AUFGRUND es zum Stopfen von besetzungen in sogeDER FEHLENDEN Haushaltslöchern nutnannten „pflegesensizen könnten: Der ertiven“ Klinikbereichen ZWECKBINDUNG IN höhte Pflegezuschlag ab 2019, da im GrunVIELEN FÄLLEN AN DER sei nicht zweckgebunde alle Bereiche eines PFLEGE VORBEI. den und müsse nicht Krankenhauses, wo zur Finanzierung weiPflegefachpersonen terer Pflegepersonen in patienten- arbeiten, „pflegesensitiv“ sind und sensiblen Klinikbereichen verwendet nicht nur einzelne Abteilungen. Auwerden, meint etwa der Präsident ßerdem würden allein Kassen und der Pflegekammer Rheinland-Pfalz, Krankenhausträger diese Bereiche Dr. Markus Mai: „Der erhöhte Pfle- festgelegen. Professionell Pflegengezuschlag ist zwar ein richtiges Si- de und ihre Verbände blieben außen gnal, geht aber aufgrund der fehlen- vor. Nur bei Bedarf soll der Deutsche den Zweckbindung in vielen Fällen an Pflegerat mitberaten. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Aktuelles & Politik

FRAUNHOFERPREIS: BERATUNG UND SENSOREN FÜR SENIOREN DAS PRÄMIERTE PROJEKT WILL ES SENIOREN ERMÖGLICHEN, LÄNGER IN DEN EIGENEN VIER WÄNDEN ZU LEBEN. Michael Handwerk AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Die Pflegewissenschaftlerin Anne Gebert hat den renommierten Preis „Technik für den Menschen“ der Fraunhofer-Gesellschaft erhalten. Die Expertin vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP) in Köln hat zusammen mit ihren Projektpartnern vom FraunhoferInstitut IESE in Kaiserslautern und der CIBEK GmbH federführend am Feldversuch „Sicherheit und Unterstützung für Senioren durch Integration von Technik und Dienstleistung“ (SUSI TD) in Trier gearbeitet. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert, die unter den Projektpartnern aufgeteilt werden. Während der Laufzeit von 2011 bis 2014 zielte SUSI TD darauf ab, es älteren Menschen zu ermög-


Foto: Creditname / shutterstock.com

Fraunhofer-Preis

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Anne Gebert, Pflegewissenschaftlerin

lichen, länger selbstbestimmt in der eigenen Wohnung zu leben. Umgesetzt wurde das Projekt von 2011 bis 2014 in insgesamt 24 Seniorenhaushalten in der Stadt Trier und dem Landkreis Trier-Saarburg. Mehrere Pflegestützpunkte in Trier und in Konz waren in die Begleitung der Senioren eingebunden. „Das Besondere an diesem Projekt ist die Verbindung von Technik und Beratung“, erklärt Prof. Dr. Frank Weidner, Direktor des DIP. „Einerseits haben Sensoren in den Wohnungen Bewegungsprofile der Senioren erstellt, andererseits haben wir vom DIP die Berater im Pflegestützpunkt Trier geschult.“ Weidner konstatiert, dass die Senioren das Projekt sehr gut aufgenommen haben. Sie fühlten sich durch die moderne Technik in ihrer Wohnung aufgewer-

tet und schätzten insbesondere die Möglichkeit einer direkten Kommunikation mit dem Pflegestützpunkt per Laptop. „Unser nächstes Ziel ist es, SUSI TD weiterzuentwickeln und in eine umfassendere SmarthomePlattform zu integrieren“, so Prof. Dr. Weidner im Gespräch mit „Pflegekammer Interaktiv“.

DAS BESONDERE AN DIESEM PROJEKT IST DIE VERBINDUNG VON TECHNIK UND BERATUNG. Prof. Dr. Frank Weidner, Direktor des DIP

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Aktuelles & Politik

KAMMER­ GEFLÜSTER

Helena Melikov

Wie ist der Stand der Pflegekammern in den Bundesländern? Was tut sich zum Thema Selbstverwaltung der Pflege aktuell?

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Kammergeflüster

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Aktuelles & Politik

Berlin Die Gesundheits- und Pflegesenatorin Dilek Kolat (SPD) hält eine Pflegekammer weiter für nicht notwendig. Vielmehr wünscht sie sich einen „Dialogprozess Pflege“ zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege. Nichtsdestotrotz hatte die CDU-Opposition als Kammerbefürworter im Berliner Abgeordnetenhaus bereits im März einen Entwurf für ein „Gesetz über die Errichtung einer Pflegekammer Berlin“ (Drs. 18/0213) in das Berliner Landesparlament eingebracht. Der Entwurf wird seither in den entsprechenden Ausschüssen beraten.

NACH DER LANDTAGSWAHL UND DEM POLITISCHEN WECHSEL STEHEN IN NORDRHEIN-WESTFALEN DIE ZEICHEN FÜR DIE ERRICHTUNG EINER PFLEGEKAMMER AUF GRÜN.

Brandenburg

Nordrhein-Westfalen

Das brandenburgische Sozialministerium will in der zweiten Jahreshälfte eine Informationskampagne zum Für und Wider einer Berufskammer bei den rund 35.000 Beschäftigten in den rund 1.200 ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern starten. Dem soll sich eine Befragung der Pflegefachpersonen anschließen.

Nach der Landtagswahl und dem politischen Wechsel stehen in Nordrhein-Westfalen die Zeichen für die Errichtung einer Pflegekammer auf Grün. Jetzt sollen die Pflegefachpersonen befragt werden, ob sie eine von Pflegeverbänden und der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz kritisierte Interessenvertretung nach bayerischem Modell oder lieber eine

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Kammergeflüster

Pflegekammer wünschen. Für eine Landespflegekammer in NRW wird sich vermutlich Karl-Josef Laumann (CDU) aussprechen, denn der bisherige Staatssekretär des Bundesministeriums für Gesundheit und Bevollmächtigter der Bundesregierung für Patienten und Pflege ist seit dem 30. Juni 2017 Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen. Beim Deutschen Pflegetag 2017 in Berlin kündigte Laumann an, die Landespflegekammer NRW auf den Weg bringen zu wollen.

Schleswig-Holstein Nach den Landtagswahlen herrschte große Aufregung in Schleswig-Holstein, denn mit dem Regierungswechsel stand plötzlich die Errichtung einer Pflegeberufekammer wieder infrage. Die CDU Schleswig-Holstein wollte die 2016 von der Vorgängerregierung aus SPD, Grünen und SSW auf den Weg gebrachte Pflegeberufekammer wieder abschaffen. Statt

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einer Pflegekammer mit Pflichtmitgliedschaft sollte ein freiwilliger Pflegering nach dem bayerischen Vorbild eingeführt werden. Im Koalitionsvertrag der in Kiel gemeinsam regierenden Parteien aus CDU, FDP und Grünen war davon dann aber keine Rede mehr. Inzwischen sind laut Geschäftsstelle der Pflegeberufekammer bereits mehr als 6.600 Pflegefachpersonen registriert.

INZWISCHEN SIND LAUT GESCHÄFTSSTELLE DER PFLEGEBERUFEKAMMER BEREITS MEHR ALS 6.600 PFLEGEFACHPERSONEN REGISTRIERT.

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Aktuelles & Politik

Frank Stricker Pflegeratschef

Uwe Lötzerich AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

PFLEGEKAMMER HESSEN 2019 – DAS IST UNSER ZIEL! Der Landespflegerat sammelt noch bis zum 17. August 2017 online Unterschriften von Pflegefachpersonen zum Aufbau einer Pflegekammer in Hessen, mit der sich der Wiesbadener Landtag dann beschäftigen wird. Warum und woran es noch fehlt, erklärt der Pflegeratschef und Vize geschäftsführer des DBfK Südwest, Frank Stricker.


Kammergeflüster

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Welche Ziele verfolgen der Landespflegerat und der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) Südwest mit diesem Aufruf für eine Petition an den Hessischen Landtag? Wir möchten 2019 eine Pflegekammer in Hessen etabliert sehen, und zwar auf Grundlage des hessischen Heilberufsgesetzes. Beruflich Pflegende sollen auch dort eine selbstverwaltete Interessenvertretung erhalten, die ihnen mehr Rechte in ihrer Berufsausübung und mehr Einfluss im Gesundheitswesen garantiert. Hat das schwarz-grüne Regierungsbündnis in Hessen aus Ihrer Sicht bisher zu wenig getan, um den Bedarf für eine Pflegekammer im Land zu ermitteln und Ihr Anliegen voranzutreiben? Definitiv. In ihrem Koalitionsvertrag 2014 bis 2019 haben CDU und Grüne versprochen, die Einführung einer Pflegekammer unter Beteiligung der Betroffenen prüfen zu wollen. Hier ist bislang noch nichts geschehen.

Warum wird der Landespflegerat gerade jetzt aktiv? Die Gesundheits- und Sozialministerien in den Ländern beobachten die Entwicklung der Pflegekammer in Rheinland-Pfalz sehr aufmerksam, das ist doch klar. Dort ist die geballte Fachexpertise einer Pflegekammer mittlerweile bundesweit zu erleben und wahrzunehmen. In Rheinland-Pfalz ist schon vieles bewegt worden. Ich bin mir sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Gesundheitsministerien in den Ländern nachziehen und von sich aus eine Pflegekammer fordern. Keiner möchte hier das Schlusslicht sein. Hessen war in der anfänglichen Debatte um eine eigenständige Berufsvertretung für Pflegende sogar Vorreiter mit seinem Positionspapier des Fachbeirats zur Pflegekammer. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Aktuelles & Politik

Wie viele Unterstützer bräuchte der Pflegerat für seine Petition, damit sich der Landtag damit beschäftigen muss? So viele wie möglich. Wir haben uns selbst eine recht hohe Hürde von 15.000 Unterschriften gesetzt. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten der Petition ein? Der CDU und ihrem Sozialminister Stefan Grüttner scheint das Anliegen nicht sonderlich wichtig zu sein. Bei den Grünen finden sich mehr Unterstützer. Die Stimmung in Hessen hat sich von mehr oder weniger offener Ablehnung hin zu Interesse gewandelt. Das ist gut so! Wir werden als Landespflegerat noch in diesem Jahr einen parlamentarischen Abend ausrichten, um uns mit der Landespolitik auszutauschen und über die bisherigen Erfahrungen mit der Pflegekammer in Rheinland-Pfalz zu informieren. Den Aufruf finden Sie auf folgendem Onlineportal

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Das Thema Pflege geht uns alle an. Eine starke Profession ist das Fundament für eine bessere Pflege und die Voraussetzung für die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen einer älter werdenden Bevölkerung, zur Bekämpfung des Fachkräftemangels und zur Gewährleistung einer optimalen Gesundheitsversorgung. Deshalb begrüßen und unterstützen wir die Landes­pflegekammer Rheinland-Pfalz und ihre über 40.000 Mitglieder.

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„Freunde der Pflege“ ist eine Initiative für alle die Unternehmen, die sich ihrer gesellschaftlichen Aufgabe bewusst sind, die zukunftsrelevante Aufgabe der Pflegefachpersonen wertschätzen und sichtbar Flagge für die Pflegeprofession zeigen. Sie möchten sich ebenfalls mit der Pflegeprofession solidarisch zeigen? So melden Sie sich bei uns unter hallo@freunde-der-pflege. de

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Aktuelles & Politik

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Pflegegewerkschaft

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ES FEHLT EINE STARKE PFLEGEGE­­WERKSCHAFT Die Pflege brauche eine starke Gewerkschaft, der die Pflege vertraut, stellte Kammerpräsident Dr. Markus Mai bei mehreren öffentlichen Veranstaltungen fest. Vertrauen drücke sich seiner Meinung nach in Mitgliederquoten aus. Derzeit gebe es aber keine starke Gewerkschaft in der Pflege. Eine starke Interessenvertretung für Pflegefachpersonen könne nur ein Dreiklang von Kammern, Gewerkschaften und Berufsverbänden garantieren. Möglicherweise sei eine bundesweit agierende Pflegegewerkschaft eine Alternative. In ähnlicher Weise hatten sich bereits Andreas Westerfellhaus, Vorsitzender des Deutschen Pflegerates, und Rudolf Henke, Vor-

sitzender des Marburger Bunds, einer Interessenvertretung für Ärzte, geäußert. Der Verein „Pflege in Bewegung“ mit Sitz im hessischen Eschborn begrüßte die aktuellen Äußerungen. „Dies kann ein Weg sein, den schlechten Organisationsgrad der Pflegeberufe in gewerkschaftlicher Hinsicht zu verbessern“, so Roger Konrad, Vorsitzender des Vereins. In einer Pressemitteilung ergänzt Stellvertreter Marcus Jogerst-Ratzka: „Wir sollten die bislang verstärkte Krankenhaus­ orientierung bei einer neuen Gewerkschaft aber ausschließen und die Altenpflege von Anfang an aktiv miteinbeziehen.“

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Rubrik Dana Lungmuss

SCHWERPUNKTTHEMA:

ARBEITSMARKT PFLEGE

Wie hat sich die Arbeitswelt der professionell Pflegenden verändert?

Noch vor 20 Jahren waren Ausbildungsplätze schwer zu bekommen, und es waren mehrere Bewerbungsgespräche nötig, um eine Anstellung im Pflegeberuf zu bekommen. Kaum vorstellbar aus heutiger Sicht! Heute sind Ausbildungsinteressierte mehr als gefragt, und die Nachfrage nach ausgebildeten Pflegefachpersonen ist so groß wie nie. Doch spiegelt sich dies (noch) nicht in der Gestaltung der Arbeitssituation wider, die noch

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immer kaum erträglich für diejenigen ist, die täglich ihren Beitrag bei der pflegerischen Versorgung der anvertrauten Menschen leisten. Die Arbeitswelt und den Arbeitsmarkt Pflege betrachten wir nachfolgend aus verschiedenen Blickwinkeln und Positionen.


Arbeitsmarkt Pflege

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34 Illustration als Wallpaper downloaden

ARBEITNEHMER IN DER PFLEGE Das neue Selbstbewusstsein

44 GEHÄLTER IN DER PFLEGE Kliniken locken mit Boni – Heime hinken beim Thema Arbeitsanreize hinterher

52 STREITEN FÜR DIE PFLEGE Aus dem Herzen gesproche: Was die Pflege bewegt

und viele spannende Themen mehr

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Arbeitsmarkt Pflege

Helena Melikov

ARBEITNEHMER IN DER PFLEGE Das neue Selbstbewusstsein

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Arbeitnehmer in der Pflege

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Der Fachkräftemangel beflügelt die Profession Pflege: Bewerber werden immer selbstbewusster und fordern in Bewerbungsgesprächen anspruchsvolle Arbeitsplätze.

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Arbeitsmarkt Pflege

DER ARBEITSMARKT HAT SICH ZUGUNSTEN DER PFLEGE GEWANDELT.

Im Prosper-Hospital in Recklinghausen (NRW) brachte vor wenigen Wochen eine Pflegefachperson ihren eigenen Headhunter mit zum Vorstellungsgespräch. Die Kandidatin hatte sich auf eine Position in der mittleren Führungsebene beworben, er sollte die Vertragsregularien festlegen. Eine „merkwürdige Situation“, wie Pflegedirektor Frank Huisman meint. Doch sie zeigt deutlich: Der Arbeitsmarkt hat sich zugunsten der Pflege gewandelt. In Regionen mit ausgeprägtem Fachkräftemangel werben Einrichtungen sich inzwischen gegenseitig Pflegefachpersonen ab. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Auch in Rheinland-Pfalz spitzt sich der Fachkräftemangel allmählich zu: 2010 gab es etwa für akademische Pflegefachpersonen noch einen Überhang von 109 Personen, nur fünf Jahre später, 2015, waren es 122 zu wenig (siehe Grafik rechts). Für einige Fachweiterbildungen, so heißt es im „Branchenmonitoring Gesundheitsfachberufe Rheinland-Pfalz“ von März 2017, habe sich das Defizit von 2010 bis 2015 verdoppelt, die Weiterbildung mit dem größten Engpass ist die Intensivpflege. 2015 fehlten insgesamt 2.250 Pflegefachpersonen. Gründe sind unter anderem die höhere Nachfrage in der Altenhilfe und die niedrigeren Absolventenzahlen.

Primary Nursing kommt gut an Diese Entwicklung ist unangenehm für die Träger, aber die Pflegefachpersonen und die Profession Pflege insgesamt profitieren davon. So setzt


-117 -370

-200

-95

-44

PFLEGEFACHKRÄFTE MIT ABGESCHL. STUDIUM

-135

PFLEGEFACHKRÄFTE FÜR INTENSIVPFLEGE

PFLEGEFACHKRÄFTE FÜR PÄDIATRISCHE INTENSIVPFLEGE

PFLEGEFACHKRÄFTE FÜR OPERATIVE FUNKTIONSBEREICHE

PFLEGEFACHKRÄFTE FÜR KRANKENHAUSHYGIENE

PFLEGEFACHKRÄFTE FÜR PSYCHIATRISCHE PFLEGE

PFLEGEFACHKRÄFTE FÜR AMBULANTE PFLEGE

LEITER/INNEN EINER PFLEGE- ODER FUNKTIONSEINHEIT

PRAXISANLEITER/INNEN

PFLEGEDIENSTLEITER/INNEN

Arbeitnehmer in der Pflege 37

-688

-122

-19 -26

Quelle: Branchenmonitoring Gesundheitsfachberufe 2016

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Arbeitsmarkt Pflege

SEIT HUISMAN MIT SEINEM PRIMARY-NURSING-ANSATZ WIRBT, KANN ER ALLE OFFENEN STELLEN BESETZEN. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


Arbeitnehmer in der Pflege

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Bewerber wollen Karriere machen Pflegedirektor Huisman jetzt auf mehr Fachlichkeit: Auf allen Stationen hat er Primary Nursing eingeführt, um Mitarbeiter für das Prosper-Hospital zu gewinnen. Pflegefachpersonen sind seit der Umstellung nur noch für patientennahe Tätigkeiten zuständig. „Die Pflege kümmert sich um Dinge wie Mobilisation, Ernährungsberatung, Verbandwechsel, die Primary Nurse erstellt zusammen mit dem Oberarzt den Aufenthaltsplan für den Patienten und ist die ganze Zeit im Patientenzimmer und dokumentiert dort auch“, sagt Huisman. Es gibt Servicekräfte auf den Stationen, Pharmazeutisch-technische Assistenten, die Medikamente stellen, und einen Dienst, der, geschult im Umgang mit High-Risk-Patienten, die Transporte in den OP und zu den Untersuchungen übernimmt.

Im Ruhrgebiet, wo das Prosper-Hospital liegt, ist der Wettbewerb um Fachkräfte besonders hart. Doch seit Huisman mit seinem Primary-Nursing-Ansatz wirbt, kann er alle offenen Stellen besetzen. „Dieses Jahr haben wir 50 Pflegekräfte eingestellt und wir könnten noch einmal so viele einstellen – so viele Bewerbungen haben wir bekommen.“ Der umtriebige Pflegedirektor hat mit seinem Ansatz offenbar einen Nerv getroffen: Immer mehr Pflegefachpersonen wünschen sich einen inhaltlich anspruchsvollen Arbeitsplatz. Das bestätigt auch Maren Lach, Pflegedienstleitung in der Klinik Preetz in Schleswig-Holstein: „Die Bewerber fragen gezielt nach Karrieremöglichkeiten und nach Fort- und Weiterbildungsangeboten. Intensivpflege, Praxisanleitung, Palliativpflege, Wundmanagement – diese Bereiche AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

DER FACHKRÄFTEMANGEL STÄRKT IHRE POSITION, ER FÖRDERT DEN KRITISCHEN GEIST, AUCH IN DER ALTENPFLEGE. Unter 25-Jährige sehr anspruchsvoll sind besonders gefragt. Unikliniken sind da natürlich im Vorteil, weil ihnen große Krankenpflegeschulen und Weiterbildungsinstitute angegliedert sind.“ Um im Wettbewerb zu den Großen bestehen zu können, hat das 172-Betten-Haus ein Trainee-Programm etabliert, das den Pflegefachpersonen jeweils einen mehrmonatigen Einsatz in verschiedenen Abteilungen wie OP, Anästhesie, Intensivmedizin und der Notaufnahme ermöglicht. „Gerade die Jüngeren nehmen diese Poolstellen, wie wir sie nennen, gern an: So können sie sich in relativ kurzer Zeit viel Fachwissen aneignen und für sich herausfinden, in welchem Bereich sie langfristig arbeiten möchten.“ AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Die jungen Pflegefachpersonen sind anspruchsvoll und wissen, wie wertvoll sie sind. Sie möchten mitgestalten, an Projekten teilnehmen, eigenständig arbeiten und Rückmeldung von ihrem Vorgesetzten – und zwar mehr als das jährliche Mitarbeitergespräch. Im Bewerbungsverfahren fragen sie auch immer häufiger nach einer Hospitation. „Sie wollen herausfinden, wie das Arbeitsklima und die Belastung sind“, sagt Maren Lach. Der Fachkräftemangel stärkt ihre Position, er fördert den kritischen Geist, auch in der Altenpflege. Das bestätigt das Landesprojekt „Attraktive Arbeitsbedingungen in der Altenpflege RLP“ im Auftrag des Sozialministeriums Rheinland-Pfalz:


Arbeitnehmer in der Pflege

Eine Befragung, durchgeführt vom Unternehmen „Great Place to Work“ und dem Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK), zeigt, dass die unter 25-Jährigen ihren Arbeitsplatz im Vergleich mit anderen Altersgruppen am kritischsten bewerten, vor allem die Weiterbildungsangebote und die Möglichkeiten der beruflichen Entwicklung. „Darüber hinaus sind die jüngeren Arbeitnehmer relativ unzufrieden mit der Möglichkeit, ihre Fähigkeiten in die Einrichtung einzubringen.“ Die Kritik der unter 25-Jährigen in der Altenpflege ist keine Nörgelei, sondern eine klare Ansage. Klinik- und Heimträger sollten sie ernst nehmen. Nur so können sie die Profession Pflege attraktiv machen und den Fachkräftemangel lindern. Das neue Selbstbewusstsein ist ein Segen, meint Frank Huisman. „Wir wollen und wir brauchen dieses Selbstbewusstsein, um zukunftsfähig zu bleiben.“ (kig)

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WIR WOLLEN UND WIR BRAUCHEN DIESES SELBSTBEWUSSTSEIN, UM ZUKUNFTSFÄHIG ZU BLEIBEN.

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Arbeitsmarkt Pflege

ERGREIFEN SIE DIE CHANCE! Sie sind unzufrieden mit Ihrer Arbeitsplatzsituation? Sie würden sich gern mehr einbringen? Weniger, mehr oder nur noch an bestimmten Tagen arbeiten? Das Fachgebiet wechseln? Nie standen die Chancen für Ihre Wünsche so gut wie heute. Sprechen Sie mit Ihrem unmittelbaren Vorgesetzten, vereinbaren Sie einen verbindlichen Termin. Wenn er auf Ihren Wunsch nicht eingeht: Wenden Sie sich an die nächsthöhere Managementebene. Viele Pflegedirektoren, Pflegedienst- und Heimleitungen erfahren gar nichts von den Wünschen ihrer zahlreichen Mitarbeiter, wären aber oft bereit, nach einer Lösung zu suchen. Schließlich möchten sie erfahrene Pflegefachpersonen nicht verlieren und aufwendige Bewerbungsverfahren anstoßen müssen. Einige Pflegemanager führen, wenn Mitarbeiter gekündigt haben, mit diesen inzwischen ein abschließendes Gespräch (Exit-Gespräch), um zu erfahren, wo genau es gehakt hat. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


Arbeitnehmer in der Pflege

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Arbeitsmarkt Pflege

GEHÄLTER

Kliniken locken mit Boni und Gehalts­ erhöhung Der Fachkräftemangel lässt die Gehälter rasant steigen – zumindest in den Krankenhäusern. Die Altenpflege wird jedoch nach wie vor stiefmütterlich vergütet.

Kirsten Gaede

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Gehälter in der Pflege Selten hat sich eine Prognose so präzise bestätigt wie die von Prof. Dr. Boris Augurzky: Die Gehälter der Pflegefachpersonen würden in den nächsten fünf Jahren deutlich steigen, meinte der Autor des Krankenhaus-Rating- und PflegeheimRating-Reports Ende 2012 in einem Interview. „Bedingt durch den Fachkräftemangel werden einige Krankenhäuser anfangen, gut qualifizierte Pflegekräfte – etwa Intensiv- und OP-Fachkräfte – von anderen Häusern abzuwerben. Und dies wird, wie in anderen Branchen auch, unter anderem über das Gehalt laufen.“

Bis zu 300 Euro mehr im Monat Und tatsächlich: Seit 2013 sind die Gehälter jedes Jahr um 2,35 bis 3 % gestiegen – für Pflegefachpersonen, die im Krankenhaus arbeiten und nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes (TVöD) vergütet werden. Die Jahre zuvor, zwischen 2002 und 2012, gaben die Krankenhäuser dagegen für eine Vollzeitkraft von Jahr zu Jahr jeweils nur durchschnittlich 1,7 % mehr aus. Dieses Jahr gibt es in den kommunalen Kliniken, die den TVöD anwenden, außerdem eine neue Entgeltordnung, die eine deut-

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SEIT 2013 SIND DIE GEHÄLTER JEDES JAHR UM 2,35 BIS 3 % GESTIEGEN. liche Höhergruppierung vor allem für Pflegefachpersonen mit Weiterbildung vorsieht. Dies kann brutto bis zu 300 Euro mehr im Monat bedeuten. Auch die Mitarbeiter in den großen privaten Klinikunternehmen Sana, Helios, SRH-Kliniken und Paracelsus profitieren indirekt von diesen Verbesserungen: Sie haben Konzerntarifverträge, die sich grundsätzlich am TVöD orientieren.

Flexi-Zuschläge weit verbreitet Neben diesen tariflichen Gehaltserhöhungen gibt es an einigen Kliniken inzwischen inoffizielle Zulagen über Boni-Programme oder Gutscheine. Relativ verbreitet ist etwa der FlexiZuschlag für das kurzfristige Einspringen. So lassen sich man­cherorts pro Monat 200 bis 300 Euro dazuverdienen, wenn man die oft genannte AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

MONATLICHE MEDIAN-BRUTTOENTGELTE von Vollzeit-Beschäftigten in den Pflegeberufen in Deutschland (in Euro, 2013)

3.500 3.000

2.995

2.738

2.500

1.945

2.000

1.854

0

AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

OST

SPEZIALIST FACHKRANKENPFLEGE

HELFER KRANKENPFLEGE

FACHKRAFT ALTENPFLEGE

500

FACHKRAFT KRANKENPFLEGE

1.000

HELFER ALTENPFLEGE

1.495

1.500


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Gehälter in der Pflege

3.519 3.139

3.094 2.568 2.470

2.317

WEST

WESTDEUTSCHLAND

OSTDEUTSCHLAND

SPEZIALIST FACHKRANKENPFLEGE

HELFER ALTENPFLEGE

HELFER KRANKENPFLEGE

FACHKRAFT ALTENPFLEGE

FACHKRAFT KRANKENPFLEGE

1.855

ALLE SVB*

Anm.: Daten vor der Revision der Beschäftigungsstatistik; * Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ohne Auszubildende Quelle: Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit; eigene Berechnungen. 2013

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Arbeitsmarkt Pflege

Summe von 64 Euro pro Einsatz zugrunde legt. Andere Krankenhäuser wie die Klinik Preetz honorieren besondere Leistungen ihrer Mitarbeiter mit Gutscheinen etwa von H&M oder Amazon. Diese gibt es auch, wenn jemand für Kollegen eine Schulung veranstaltet, sich etwa als Dokumentations- oder Hygienebeauftragter verpflichtet, an Qualitätszirkeln teilnimmt oder Mitarbeiter wirbt. Um Kollegen zu gewinnen oder zu halten, zieht Pflegedienstleitung Maren Lach gelegentlich auch einen frühzeitigen Stufenaufstieg – unabhängig von den Berufsjahren – in Erwägung.

Weniger Stress in der Altenpflege? Doch während die Gehälter in der Krankenpflege anziehen, hinkt die Altenpflege hinterher. 2013 verdienten Pflegefachpersonen in der Alten­ pflege im Westen 18,2 % weniger, im Osten sogar 28,9 % weniger als in der Krankenpflege. Dies liegt vor allem daran, dass sich die Altenpflege vor allem im Osten zum größten Teil in den Händen privater Träger befindet. Diese haben selten Tarifverträge; nur wenige Träger – etwa einige Wohlfahrtsverbände, die SoAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

zialholding Mönchengladbach und die Bremer Heimstiftung – sind nach Aussagen von ver.di tarifgebunden. Auch Arbeitgeberattraktivität ist bisher nur selten Thema. So gibt es in 79 % der Einrichtungen kein betriebliches Gesundheitsmanagement, wie aus dem gerade veröffentlichten Gesundheits­atlas 2017 der Betriebskrankenkassen (BKK) hervorgeht. Allerdings scheinen sich Pflegefachpersonen in der Altenpflege weniger gestresst zu fühlen als in der Krankenpflege. Dies legt zumindest das aggregierte Ergebnis der Befragungen des Instituts „Great Place to Work“ aus den Jahren 2012 bis 2016 nahe: Der Aussage „Ich kann mir Zeit freinehmen, wenn ich es für nötig halte“ stimmten 44 % der Mitarbeiter in Pflegeeinrichtungen zu und nur 36 % der Kollegen aus den Kliniken. Noch deutlicher fiel der Unterschied aus bei der Aussage „Die Mitarbeiter werden ermutigt, einen guten Ausgleich zwischen Berufsund Privatleben zu finden“. Hier war die Zustimmung mit 33 % bereits in der Altenpflege recht gering, in der Krankenpflege aber mit 22 % extrem niedrig.


Gehälter in der Pflege

Höhergruppierung jetzt beantragen!

3.139 Euro

Für 2017 gibt es nicht nur eine Tariferhöhung: Eine Lohnsteigerung ist auch durch die neue Entgeltordnung im TVöD möglich. Vor allem Pflegefachpersonen mit Weiterbildung und Spezialisierung profitieren davon. Allerdings müssen Mitarbeiter die Höhergruppierung bis Ende des Jahres schriftlich bei der Personalabteilung beantragen, 2018 ist die Frist unwiderruflich abgelaufen. Wer Fragen zu Tarifen und zur Höhergruppierung hat, wendet sich am besten an Mitarbeitervertretungen, Betriebsräte, Gewerkschaften, Berufsverbände oder Arbeitsrechtler.

hat eine Pflegefachperson der Krankenpflege in Westdeutschland 2013 im mittleren Wert (Median) brutto verdient, in Ostdeutschland waren es 2.738 Euro. In Rheinland-Pfalz betrug der Verdienst 3.151 Euro in der Krankenpflege und 2.525 Euro in der Altenpflege. Am meisten erhalten die Kollegen in der Krankenpflege im Saarland (3.293 Euro), in der Altenpflege liegt Baden-Württemberg mit 2.725 Euro an der Spitze. Die Werte stammen von der Bundesagentur für Arbeit; sie dürften inzwischen höher liegen. Doch aktuellere Auswertungen gibt es bisher nicht.

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Arbeitsmarkt Pflege

KOMMENTAR

„Ein Tropfen auf den heißen Stein“ Hans-Josef Börsch

Vorstandsmitglied der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz

Die monetären Anreize mancher Arbeitgeber, um Personal zu finden, sind vielfältig: So werben sie mit Lohnsteigerungen, Boni oder Sonderzahlungen. Doch all diese Maßnahmen können nur kurzfristig Erfolge bringen, denn das eigentliche Problem wird hierdurch nicht gelöst. Vielmehr verschärfen diese Aktivitäten die Situation auf dem Arbeitsmarkt und sorgen für eine Verdrängung von kleineren und nicht so finanzstarken Anbietern. Auch könnte der Eindruck entstehen, dass nun in der Pflege gut verdient wird. Dies ist bei Weitem nicht der Fall. Denn eine Tarifsteigerung, sei es für die Beschäftigten im öffentlichen oder im kirchlichen Dienst, ist ohnehin längst überfällig und nicht üppig. Hier müsste noch mehr möglich sein, da es sich bei den Lohnsteigerungen lediglich um kleine Anhebungen handelt, die kaum die jährliche Inflation ausgleichen. Doch egal welche finanziellen Anreize auch geschaffen werden, keiner kann den eklatanten Mangel an AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


Kommentar zu Gehälter in der Pflege

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ES KÖNNTE DER EINDRUCK ENTSTEHEN, DASS NUN IN DER PFLEGE GUT VERDIENT WIRD. DIES IST BEI WEITEM NICHT DER FALL! Fachkräften auffangen. Durch einen jahrelangen Stellenabbau auf Kosten der Pflegenden wurde möglichst viel Personal eingespart und vor allem zu wenig fachlich ausgebildet. Die ohnehin gestiegene Arbeitsbelastung in der Pflege durch immer höhere Zahlen an multimorbiden Patienten wird dadurch enorm verschärft und kann kaum mehr geschultert werden. Da helfen auch keine Sonderzahlungen oder Boni. Um einen bestmöglichen Überblick über die tariflichen Vergütungen in Rheinland-Pfalz zu haben, plant die Landespflegekammer zukünftig ein Schema aufzubauen, aus dem Mitglieder erfahren können, welche Vergütungen und welche Entlohnungsmodelle der Träger zu erwarten sind. Hier werden, neben dem reinen Arbeitslohn, auch weitere Lohnbestandteile erfasst, wie beispielsweise eine arbeitgeberfinanzierte Altersversorgung. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

Bleiben Sie dabei und streiten Sie für die Pflege!

AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


Streiten für die Pflege

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Mathilde Schliebe Markus Lauter Pflege ist eine wunderschöne Arbeit – nah am und mit dem Menschen. Und so unterschiedlich die Menschen sind, so bunt ist auch die Arbeit in der Pflege. Das Berufsfeld bietet zahlreiche horizontale und vertikale Entwicklungsmöglichkeiten. Und trotzdem entstehen seit einigen Jahren immer mehr Berufe, die originär pflegerische Aufgaben übernehmen. Der Differenzierungsgrad nimmt in demselben Maße zu wie die Spezialisierung der einzelnen Berufe. Der Kerngedanke des ursprünglichen Pflegeberufereformgesetzes war, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen. Es sollte eine einzige Pflegeprofession geschaffen werden, die uns Pflegende dazu befähigen sollte, die mannigfaltigen Handlungsfelder der Pflege abzudecken. Das sollte unsere Mobilität zwischen den Pflegesektoren erhöhen und die Attraktivität der Pflegearbeit steigern. Die Intention dieser bildungspolitischen AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

Initiative war es, arbeitspolitische Perspektiven zu bilden. In ähnlicher Weise wirksam kann die Pflegekammer sein, wenn sie unsere Berufe entwickelt und so im Gefüge der Gesundheitsberufe stärkt.

Pflege boomt! In gewisser Weise boomt die Pflege schon jetzt: Sie wächst und wächst und wächst. Dadurch, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen permanent zunimmt, steigt auch die Nachfrage nach Pflegeleistungen. Diese Entwicklung schafft Arbeitsplätze für zehntausende Menschen. Als Pflegefachperson kann ich vormittags auf die Straße gehen und nachmittags die erste Schicht besetzen – die oftmals in Stellenanzeigen wohlfeil formulierte Flexibilität natürlich vorausgesetzt. Wer heute Arbeit sucht, der findet sie in der Pflegebranche im Grunde schon gestern. Offizielle Statistiken unterstreichen diese Entwicklung und deuten ein immenses Wachstum unserer Berufsgruppe an. Aufgrund von gesetzlichen Neuerungen der jüngeren Gesundheitspolitik, z. B. den Pflegestärkungsgesetzen, verzeichnen insAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

WER HEUTE ARBEIT SUCHT, DER FINDET SIE IN DER PFLEGEBRANCHE IM GRUNDE SCHON GESTERN. besondere die stationäre Altenpflege und die ambulante Pflege ein starkes Wachstum der Beschäftigtenzahlen.

Wir verlieren Zeit, Talent und Gesundheit! Und dennoch kann der Bedarf an formeller Pflege nicht erst zukünftig, sondern schon heute schwerlich gedeckt werden. Zu schnell wächst der Pflegebedarf, als dass die Personalrekrutierungsabteilungen dem Trend nachkämen. Ein „relativer“ Stellenabbau findet statt. Zu langsam verändern sich wohl Gesundheitsunternehmen, um den Ansprüchen


Streiten für die Pflege

der nachrückenden Generationen gerecht zu werden und den „War for Talents“ auch als Kampf für die Pflege verstanden zu haben. Sogenannte Experten prophezeien deshalb, der Pflegepersonalmangel könnte zukünftig einen Pflegenotstand nach sich ziehen. Viele von uns Pflegenden klagen jedoch schon heute über Zeitmangel und Unterbesetzung, was dazu führt, dass wir schon heute keine angemessene Pflegeversorgung mehr gewährleisten können – und wenn, dann teilweise nur unter enormem Einsatz bis über die persönliche Leistungsfähigkeit hinaus.

EIN „RELATIVER“ STELLENABBAU FINDET STATT. Pflexit? – Gesundheit! Als professionelle Pflegende übernehmen wir tagtäglich Verantwor-

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EINIGE FÜHLEN SICH IN DER FRAGE NACH EINER PERSONALMINDEST­ BEMESSUNG IM STICH GELASSEN. tung für die Gesundheit vieler Menschen. Wer mag es einigen von uns verübeln, dass sie Verantwortung für ihre eigene Gesundheit übernehmen – und die Berufspraxis aufgeben? Viele hinterfragen, wie sich ihre Arbeit entwickelt, die traditionell bereits von Schichtarbeit und nun zusätzlich auch noch von zunehmender Arbeitsverdichtung geprägt ist. Nicht wenige von uns tun ihren Unmut darüber kund. Einige fühlen sich in der Frage nach einer Personalmindestbemessung im Stich gelassen. So ist vor rund zwei Jahren auf Twitter der Terminus „Pflexit“ entstanden, der sich seitdem seinen Weg quer durch die sozialen Medien bahnt. Als sogenannter Hashtag ist er zum „BleiAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

OFTMALS KLAFFT DESHALB EINE LÜCKE IN DER MITTLEREN ALTERSGRUPPE. DIE LÜCKEN STOPFEN DIE EIFRIGEN ÜBRIGGEBLIEBENEN. ben Sie dabei und streiten Sie für die Pflege!“-Sammelbegriff für „Raus aus der Pflege“-Geschichten geworden. Und so entfaltet er gehöriges Potenzial zur kritischen Masse. Denn unter dem #Pflexit-Banner verkünden Pflegende online ihren Rückzug aus dem pflegerischen Arbeitsalltag. Sie machen nicht leise Feierabend, sondern lautstark Schluss mit der Pflege. Und sie werden dafür gefeiert und beglückwünscht – teilweise hundert- bis tausendfach.

Sind wir zu stark, um aufzugeben, aber zu schwach, um uns zu organisieren? AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Verfolgt man den #Pflexit-Hashtag, kann man den Eindruck gewinnen, es handele sich um ein Massenphänomen. Fraglich erscheint, ob es sich tatsächlich um eine Bewegung handelt, die spürbare Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat. Feststehen dürfte allerdings: Es geht nur, wer gehen kann. So lassen insbesondere junge, gut ausgebildete und studierte Menschen die Arbeit am Bett hinter sich, die ihr Berufsleben in die eigene Hand nehmen und sich weiterentwickeln wollen. Dies sind überproportional viele Männer, die die Arbeit im direkten Kontakt mit den pflegebedürftigen Menschen aufgeben und Führungsaufgaben im Pflegesektor übernehmen. Zum anderen sind es vor allem Frauen im mittleren bis gehobenen Lebensalter, die die Pfle-


Streiten für die Pflege

gearbeit nicht mit ihrem Familienleben in Einklang bringen können oder wollen. Oftmals klafft deshalb eine Lücke in der mittleren Altersgruppe. Die Lücken stopfen die eifrigen Übriggebliebenen. Sie sind offenkundig zu stark, um aufzugeben, aber zu schwach, um sich zu organisieren und das Wort und sich selbst gegen die Arbeitsverdichtung und den relativen Stellenabbau im Pflegesektor zu erheben.

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DEMGEGENÜBER DÜRFTE DIE ÖFFNUNG FÜR PFLEGEÄHNLICHE BERUFE, THERAPIE- UND MEDIZINISCHE ASSISTENZBERUFE HILFREICH SEIN, UM EINE PFLEGEGE­WERKSCHAFT ZU UNSERER TARIF­ POLITISCHEN STIMME ZU ENTWICKELN.

Bleiben Sie dabei und streiten Sie mit für die Pflege! Eine Pflegegewerkschaft gäbe uns insofern die Möglichkeit, mit anderen Pflegenden in den Austausch zu komAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

ES ERSCHEINT FAST ÜBERFLÜSSIG, UNS DARAN ZU ERINNERN, DASS EINE PFLEGERISCHE GEWERKSCHAFT UMSO MEHR DURCHSCHLAGSKRAFT AUFBAUEN KANN, JE MEHR PFLEGENDE SICH IN IHR ORGANISIEREN UND JE WENIGER VON UNS SICH VON DER PFLEGEARBEIT ABWENDEN.

AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

men, gemeinsame Forderungen zu formulieren und diese auf Grundlage des Tarifrechts mit dem Tarifpartner zu verhandeln. Eine geeignete Ergänzung der Arbeit der Pflegekammer – für bessere Arbeitsbedingungen und ein höheres Gehaltsniveau! Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 11. Juli 2017 zum Tarifeinheitsgesetz gilt zunächst jener Tarifvertrag mit der mitgliederstärksten Gewerkschaft im jeweiligen Unternehmen. Als stark wachsende Berufsgruppe sollten wir deshalb die rasche Gründung einer Pflegegewerkschaft vorantreiben. Eine überstürzte Eingliederung in ärztlich dominierte Gewerkschaftsstrukturen würde unserem Bestreben nach Eigenständigkeit als Pflegende und der Wahrnehmung unserer berufseigenen Interessen insofern eher zuwiderlaufen. Demgegenüber dürfte eine Öffnung für pflegeähnliche Berufe, Therapie- und medizinische Assistenzberufe hilfreich sein. Im Frühjahr 2017 ist mit dem Bochumer Bund eine spannen-


Streiten für die Pflege

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de Initiative gegründet worden, die es nicht nur zu beobachten, sondern auch zu unterstützen lohnt. Denn es ist auch als zunächst kleinere Gewerkschaft möglich, beispielsweise mittels Streiks Einfluss im Tarifstreit zu entfalten und eine Pflegegewerkschaft zu unserer tarifpolitischen Stimme zu entwickeln. Es erscheint fast überflüssig, uns daran zu erinnern, dass eine pflegerische Gewerkschaft umso mehr Durchschlagskraft aufbauen kann, je mehr Pflegende sich in ihr organisieren und je weniger von uns sich von der Pflegearbeit abwenden. Angesichts der immer angespannteren Situation in der Pflegeversorgung wäre es im Sinne aller Beteiligten, Pflege als eine wunderschöne Arbeit – nah am und mit dem Menschen – zu erhalten.

Markus Lauter ist Pflegejournalist, LiveBlogger, Ghostwriter und Kolumnist. Er wohnt in Berlin und ist freiwilliges Mitglied der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz.

Bleiben Sie dabei und streiten Sie für die Pflege!

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Arbeitsmarkt Pflege

Annemarie Fajardo

WAS HILFT, PFLEGENDE IM BERUF ZU HALTEN? AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


Dem Ausstieg entgegenwirken

Es gibt einige Gründe für professionell Pflegende in Deutschland, aus ihrem einst erlernten Beruf auszusteigen, wobei nicht nur psychische und körperliche Belastungen eine sehr große Rolle spielen. Laut einer Umfrage des BKK Dachverbandes in diesem Jahr zweifeln „Pflegekräfte stark an ihrer beruf­ lichen Zukunft“. Aufgrund ihres aktuellen Gesundheitszustandes können sich 35,8% der befragten Altenpflege­ fachpersonen nicht vorstellen, in den nächsten zwei Jahren ihre Tätigkeit weiter auszuüben. Demgegenüber äußerten 26,2% der Krankenpflegefachpersonen ihre Sorge über ihre berufliche Zukunft in dieser Hinsicht. Betrachtet man den Personalschlüssel in Deutschland von 1:10 (Pflegestudie RN4Cast – Registered Nurse Fore­casting), erklärt sich die erhebliche Mehrbelastung beim Pflege-

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35,8% der Altenpflegefach­ personen können sich nicht vorstellen, in den nächsten zwei Jahren ihre Tätigkeit weiter auszuüben.

26,2% der Krankenpflege­ fachpersonen äußern ihre Sorge über ihre berufliche Zukunft in dieser Hinsicht. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

ZU DEN PSYCHISCHEN UND PHYSISCHEN BELASTUNGEN KOMMEN NOCH WEITERE WICHTIGE FAKTOREN HINZU, DIE ZUR KRITISCHEN BETRACHTUNG DES EIGENEN BERUFSFELDES FÜHREN. personal. Nur als Vergleich: In Norwegen versorgt eine Pflegefachperson durchschnittlich vier Patienten.

ternehmen und damit auch die Identifikation mit der Pflegeprofession zu stärken.

Zu den psychischen und physischen Belastungen kommen noch weitere wichtige Faktoren hinzu, die zur kritischen Betrachtung des eigenen Berufsfeldes führen, wie die ausbleibende leistungsgerechte Vergütung, die fehlende Zeit für Patienten, fehlende Kollegen und die geringe Wertschätzung des Arbeitgebers (vgl. Scharfenberg 20161). Diesen Faktoren können aber Arbeitgeber und Führungskräfte verstärkt entgegenwirken, um die Bindung der Pflegenden an das Un-

Maßnahmen für Gesetzgeber, Arbeitgeber und Führungskräfte

AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Sinnvoll für eine leistungsgerechte Vergütung sind nicht nur höhere Grundeinkommen und höhere haus­ interne Zuschläge, sondern auch die Einführung von flächendeckenden Tariflöhnen und deutlich höheren Mindestlöhnen durch gesetzgeberische Maßnahmen. Seit Einführung


Dem Ausstieg entgegenwirken

des Mindestlohns von 8,50 € im Jahr 2015 liegt der Mindestlohn in der Pflege nach zwei Jahren gerade mal bei 9,50 € in den neuen und bei 10,20 € in den alten Bundesländern2. Der festgelegte Mindestlohn gilt dabei nur für Pflegeassistenten und Betreuungskräfte. Für Pflegefachpersonen hingegen gibt es gar keinen festgelegten Mindestlohn, sodass bei tarifungebundener Vergütung eine seitens des Arbeitgebers willkürliche Bezahlung erfolgt. Die aktuellen Tariflöhne bilden außerdem die Qualifikationen und die dazugehörige Leistung von Pflegefachpersonen in keiner Weise ab. Pflegefachpersonen mit Zusatzqualifikationen oder gar einem Studium verdienen aufgrund der unklaren Tarifstrukturen nicht mehr als ihre Kollegen ohne Zusatzqualifikation. Das bedeutet, dass Leistung, Qualifikation und Qualität der Tätigkeit nicht in eine wesentliche Gehaltsveränderung münden.

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9,50 Euro beträgt der Mindestlohn in der Pflege in den neuen Bundesländern.

10,20 Euro beträgt der Mindestlohn in der Pflege in den alten Bundesländern. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

SO KANN BEISPIELSWEISE DIE AUFTEILUNG EINER FRÜHDIENSTBESETZUNG IN FESTEN BEZUGSPFLEGEGRUPPEN MIT FESTEN UHRZEITEN DIE EFFIZIENZ STEIGERN, DA PFLEGEFACHPERSONEN ROUTINE IN IHREN ABLÄUFEN ENTWICKELN KÖNNEN. Greift man den Faktor der fehlenden Zeit für Patienten auf, so ist die Reduzierung von administrativem Aufwand mithilfe von digitalen Systemen ein bewährtes Mittel. Die digitale Erstellung von Pflegeplanungen inklusive der Problem-, Ziel- und Maßnahmenbeschreibung erfordert einen geringeren Zeitaufwand als bei analoger Ausführung. Führungskräfte können aber auch die Zeitgewinnung für die Versorgung von Patienten stärker fokussieren, indem sie laufend die Optimierung und damit verbundene Effizienzsteigerung von AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Arbeitsabläufen vorantreiben. So kann beispielsweise die Aufteilung einer Frühdienstbesetzung in festen Bezugspflegegruppen mit festen Uhrzeiten die Effizienz steigern, da Pflegefachpersonen Routine in ihren Abläufen entwickeln können. Pflegefachpersonen wiederum können durch ein verbessertes Selbstmanagement in der Früh- und Spätversorgung mithilfe von entsprechend ausgestatteten Pflegewagen und kürzeren Wegen zwischen den Patienten- bzw. Bewohnerzimmern ebenfalls zur Effizienzsteigerung


Dem Ausstieg entgegenwirken

1:4/1:7 Gesetzliche Vorgaben von Personalschlüsseln, so wie beispielsweise in Norwegen oder Belgien, können dazu beitragen, die physischen Belastungen zu reduzieren.

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beitragen. Somit stellen hausinterne Verbesserungen auf der Ebene der Arbeitsabläufe, eine entsprechend ausreichende personelle Besetzung für die Früh- und Spätversorgung sowie eine leistungsgerechte Vergütung das Fundament für bessere Arbeitsbedingungen der professionell Pflegenden dar. Dabei sollte allerdings die personelle Ausstattung stärker von gesetzlichen Rahmenbedingungen abhängen. Gesetzliche Vorgaben von Personalschlüsseln, so wie beispielsweise in Norwegen oder Belgien mit Dienstbesetzungen von 1:4 bzw. 1:7, können dazu beitragen, die physischen Belastungen zu reduzieren. Es ist zu beobachten, dass das Pflegepersonal einer eher willkürlichen Dienstbesetzung ausgeliefert ist, da es bisher keine verbindlichen Vorgaben gibt. Hier besteht eine deutliche Heterogenität. Führungskräfte selbst können für kontinuierliche Dienstbesetzungen im eigenen Hause sorgen, wenn sie eine hausinAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

terne Mindestbesetzung als Maßstab definieren. Dadurch wird der Mehrbelastung entgegengewirkt, was eine Reduktion der krankheitsbedingten Ausfälle zur Folge haben kann. Dadurch wird wiederum eine Planungssicherheit der Dienste sichergestellt. Sind trotz verschiedener Maßnahmen nicht ausreichend Mitarbeiter vorhanden, helfen sogenannte Springerpools oder der Einsatz von Zeitarbeitnehmern zumindest, die direkte Arbeitsverdichtung aufzulockern. Dies hat aber den entscheidenden Nachteil, die Kontinuität in der pflegerischen Versorgung sicherzustellen. Arbeitgeber- und Berufsverbände sind in der Pflicht, für ausreichend Personal zu sorgen. Gespräche mit Gewerkschaften, Kranken- und Pflegekassen, Ausbildungsstätten und zu guter Letzt Gesetzgebern müssen zugunsten der professionell Pflegenden geführt werden. Diese erforderlichen Maßnahmen sind offensichtlich ausgeblieben. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

DIE VERANTWORTUNG LIEGT GRUNDSÄTZLICH BEI DENEN, DIE DIE RAHMENBEDINGUNGEN FÜR DIESE HANDLUNGSFELDER SCHAFFEN: GESETZGEBER, ARBEITGEBER, FÜHRUNGSKRÄFTE.

Ein System ohne Verantwortliche? Die Verantwortung liegt grundsätzlich bei denen, die die Rahmenbedingungen für diese Handlungsfelder schaffen: Gesetzgeber, Arbeitgeber, Führungskräfte. Die professionell Pflegenden sind das ausführende Element, das sich dem vorgegebenen System angepasst hat. Krankhaf-


Dem Ausstieg entgegenwirken

te Symptome dieses Systems melden die professionell Pflegenden allerdings unüberhörbar zurück. Die Arbeitsbedingungen führen zu einem immer größer werdenden Druck, insbesondere auch bei Nachwuchskräften. Diesen Druck zu artikulieren, ist die unbedingte Voraussetzung, damit der Dialog gemeinsam mit Arbeitgebern geführt werden kann. Auch Führungskräfte können Gesprächsplattformen in ihren Häusern an-

MITARBEITER, DIE SICH MIT KOMPETENTEN UND DURCHSETZUNGSFÄHIGEN FÜHRUNGSKRÄFTEN IDENTIFIZIEREN, BLEIBEN.

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bieten, wo Mitarbeitende Verbesserungsvorschläge äußern können und sollen. Mitarbeitende sollten derartige Plattformen auch bei ihren Vorgesetzten einfordern, sofern sie noch nicht vorhanden sind. Die Verantwortlichen müssen sich dieser Rückmeldungen annehmen und in ihre Handlungsebene einfließen lassen. Um diesen Anforderungen gerecht werden zu können, sollten sich Führungskräfte ihre Rolle und die damit verbundene Verantwortung bewusster machen. Dazu benötigen sie entsprechende Qualifikationen und Kompetenzen, um selbst handlungsfä­hig zu sein. Stellen Führungskräfte dennoch Handlungsunfähigkeiten fest, sind notwendige Qualifizierungsmaßnahmen beim Arbeitgeber einzufordern. Die Begleitung und Unterstützung derartiger Maßnahmen sind verpflichtende Aufgaben des Arbeitgebers. Dazu gehört auch die Schaffung von Rahmenbedingungen zur freien Gestaltung von Strukturen AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

Die Autorin und Arbeitsabläufen. Arbeitgeber, die Rückmeldungen ihrer Führungskräfte aufgreifen und ernsthaft darauf eingehen, binden langfristig ihre Führungskräfte an ihr Unternehmen, sodass sie gemeinsam mit ihnen die notwendige Zusammenarbeit in ihrem Unternehmen für angemessene Strukturen herstellen können. Mitarbeiter, die sich schließlich mit kompetenten und durchsetzungsfähigen Führungskräften identifizieren, bleiben. Diese Mitarbeiter können gewiss sein, dass Veränderungen bzw. Verbesserungen im Gange sind. Die langfristige Bindung von Pflegekräften an das Unternehmen sollte dabei stets das oberste Ziel der Führungskräfte sein, um Pflegefachpersonen länger als die in der „Forschungsstudie zur Verweildauer in Pflegeberufen in Rheinland-Pfalz“ angegebenen zehn Jahre nach Abschluss ihrer Ausbildung im Beruf zu halten (vgl. Behrens et al. 20083). 1 S charfenberg, E. (2016): Online-Umfrage 2016. Was beschäftigt Pflegekräfte?, in Internet 2 K abinettsbeschluss vom 18. Juli 2017: Stufenweise Erhöhung der Mindestlöhne bis 2020 auf 11,35 € im Westen und 10,85 € im Osten (Anm. der Redaktion) 3 Behrens, J., Horbach, A., Müller, R. (2008): Forschungsstudie zur Verweildauer in Pflegeberufen in Rheinland-Pfalz (ViPb). In: Berichte aus der Pflege, Nr. 12 – Mai 2009, in Internet

AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Annemarie Fajardo Altenpflegerin, DiplomPflegewirtin (FH), Vorstandsmitglied Bundesverband Pflegemanagement, Regionalleiterin und Personalentwicklerin bei der CMS Unternehmensgruppe in Köln www.annemarie-fajardo.de

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Arbeitsmarkt Pflege

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Gestaltungskompetenz durch „reflective practice” im Umgang mit belastenden Doppelwirklichkeiten im Pflegealltag Im hochverdichteten, komplexen Arbeitsumfeld der Pflegeprofession wird von Führungskräften wie auch Mitarbeitern zusätzlich erwartet, dass Innovationen angenommen und umgesetzt werden. Diese Neuerungen treten praktisch stetig auf und müssen in die sowieso schon komplexen Anforderungen integriert werden. Wie sich Änderungen in den Arbeitsalltag integrieren lassen, kön-

WIR MÜSSTEN UNS IM VORFELD VIEL MEHR GEDANKEN MACHEN, WIE WIR IMMER NEUE ANFORDERUNGEN SINNVOLL UMSETZEN KÖNNEN.

nen nur die entscheiden, die es direkt betrifft. Daher wurde das Projekt AKiP (Arbeitsprozessintegrierte Kom­petenzentwicklung in der Pflege), u.a. gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, ins Leben gerufen, um die vorhandenen Kompetenzen innerhalb der Gestaltungsspielräume zu identifizieren und zu fördern. Nach Anwendung des Konzepts verfügen Pflegefachpersonen über Kompetenzen, die es ihnen ermöglichen, komplexe Anforderungen aktiv zu gestalten und damit Frustrationen und Burnout entgegenzuwirken. Dadurch wird auch ein Beitrag zur Berufsbindung und damit zur Fachkräftesicherung geleistet.

Projektziel: „Arbeitsprozessintegrierte Kompetenzentwicklung in der Pflege“ (AKiP) AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

WIEDERHOLTE STRUKTURIERTE REFLEXIONS­ PROZESSE HELFEN DABEI, DIE JEWEILS ZU BEWÄLTIGENDEN ANFORDERUNGEN UND DIE ZUR BEWÄLTIGUNG NOTWENDIGEN RESSOURCEN ZU IDENTIFIZIEREN. „Wir müssten uns im Vorfeld viel mehr Gedanken machen, wie wir immer neue Anforderungen sinnvoll umsetzen können.“ Solche Äußerungen fanden wir sinngemäß in vielen Interviews mit Pflegefachpersonen im Rahmen des Projekts. Denn zu häufig stoßen oft als selbstverständlich in den Pflegealltag importierte betriebswirtschaftliche Logiken und berufsfachliche bzw. berufsethische Vorstellungen von einer guten Pflegepraxis aufeinander. In der Folge sehen sich sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter in ihrem Arbeitsalltag mit belastenden Diskrepanzerfahrungen konfrontiert. Besonders bei der Einführung häufig schnelllebiger Innovationen ist die Gefahr für die Beschäftigten groß, unter Druck zu geraten und vor diesem Hintergrund vorschnell vermeintliche „Sachzwänge“ unhinterfragt zu akzeptieren und so AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

den eigenen Gestaltungsspielraum aus dem Blick zu verlieren. Dabei haben insbesondere Führungskräfte bei der Einführung von Innovationen eine Schlüsselposition inne, in der sie grundsätzlich die Möglichkeit haben, Passungen zwischen von außen geforderten Innovationen, dem eigenen Arbeitsbereich und der eigenen Pflegephilosophie herzustellen. Allerdings benötigen sie dazu spezifische Gestaltungskompetenzen, um den Handlungsspielraum ihrer Mitarbeiter durch neue Regeln oder Arbeitsabläufe nicht unnötig einzuengen. Aber auch Mitarbeiter benötigen bei der Umsetzung von Innovationen hohe Gestaltungskompetenzen, um Neuerungen mit ihren täglichen Arbeitsabläufen sinnvoll abzustimmen und so integrieren zu können, dass die eigenen Vorstellungen von guter


Foto: Uni Witten Herdecke

Kompetenzentwicklung

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Prof. Dr. Ulrike Höhmann

„Reflective practice“ im Arbeitsprozess zur Stärkung von Gestaltungskompetenzen Im Rahmen des AKiP-Projektes erarbeiten zwei Wissenschafts- 1 und drei Praxispartner 2 wissenschaftlich fundierte Konzepte und Instrumente

Foto: Laura Schwarz

Pflegearbeit nicht verletzt werden. Denn fortwährende Verletzungen der eigenen berufsethischen Orientierung begünstigen jene belastenden Diskrepanzerfahrungen, die trotz der grundsätzlich hohen Berufsmotivation in den Pflegeberufen mittelfristig Unzufriedenheit, Dienst nach Vorschrift, Rückzug, Krankheit, Fluktuation und Verlassen des Berufes nach sich ziehen. Solchen Entwicklungen gilt es entgegenzuwirken.

Lehrstuhl für „Multiprofessionelle Versorgung chronisch kranker Menschen“, Studiengangsleitung: Master studiengang „Multiprofessionelle Versorgung von Menschen mit Demenz und chronischen Einschränkungen (M.A.)“ an der Universität Witten/ Herdecke, Fakultät für Gesundheit 

Dipl.-Päd, M.A. Laura Schwarz

Diplom-Pädagogin/Wissenschaft­liche Mitarbeiterin sowie Mitarbeiterin am Lehrstuhl für „Multiprofessionelle Versorgung chronisch kranker Menschen“ an der Universität Witten/Herdecke, Fakultät für Gesundheit (Department für Pflegewissenschaft)

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Arbeitsmarkt Pflege

(zur angeleiteten Reflexion und zur Selbstreflexion) sowie Kommunikations- und Lernformate, um Führungskräfte und Mitarbeiter in ihren jeweiligen Arbeits- und Verantwortungsbereichen dabei zu unterstützen, erstens belastende Diskrepanz erfahrungen benennen zu können,

te strukturierte Reflexionsprozesse helfen dabei, die jeweils zu bewältigenden Anforderungen und die zur Bewältigung notwendigen Ressourcen zu identifizieren. Erste Projekt ergebnisse in den beteiligten Einrichtungen zeigen, dass ein solcher strukturierter Anforderungen-Ressourcen-Abgleich helfen kann, sich neue Handlungsmöglichkeiten zur Reduktion von belastenden Diskrepanzerfahrungen im Arbeitsalltag zu erschließen.

EINE SOLCHE BETRIEBS­KULTUR DES „SOZIALEN DÜRFENS“ Voraussetzung: eine (V. ROSENSTIEL) KÖNNEN Betriebskultur des „sozialen Dürfens“ ALLE BESCHÄFTIGTEN ÜBER IHRE AKTIVIERTEN UND Gezielte Reflexionen und daraus abERWEITERTEN KOMPETENZEN geleitete Passungsaktivitäten werden unmittelbar im Arbeitsalltag BEFÖRDERN. zweitens mögliche Gestaltungsspielräume zu deren Minderung erkennen zu können und drittens aktiv zu werden und Passungshandlungen zu ergreifen, um eben diese Widersprüche und Doppelwirklichkeiten in ihrem Arbeitsalltag abzubauen. WiederholAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

eingeübt – nicht in separaten Fortbildungsmaßnahmen oder Schulungen. Ziel ist es, so für Führungskräfte und Mitarbeiter „reflective practice“ als Alltagsnormalität zu etablieren, die langfristig zur Routine wird. Gelingen kann dies jedoch nur, wenn die aktive Förderung eines reflexiven


Kompetenzentwicklung

Vorgehens als roter Faden die Praxis und das Klima einer Einrichtung prägt. Eine solche Betriebskultur des „sozialen Dürfens“ (v. Rosenstiel) können alle Beschäftigten über ihre aktivierten und erweiterten Kompetenzen befördern. Wirklich gedeihen kann diese Bottom-up-Maßnahme der Personalentwicklung aber nur, wenn Führungskräfte dies systematisch top-down durch wirkmächtige organisationskulturelle Normen und Handlungen widerspruchsfrei stützen und einfordern. Die Ergebnisse des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten AKiP-Projektes werden am 27. September bei der Projektabschlussveranstaltung in Frankfurt am Main präsentiert.

1 IWAK an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt sowie der Lehrstuhl „Multiprofessionelle Versorgung chronisch kranker Menschen“ der Universität Witten/Herdecke 2 Gfde, Darmstadt; Häusliche Kranken- und Seniorenpflege Thomas Rehbein, Wiesbaden; Hochtaunus Kliniken Bad Homburg vor der Höhe

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Ausgewählte Literatur zum Projekt: Höhmann, Ulrike; Lautenschläger, Manuela; Schwarz, Laura (2016): Belastungen im Pflegeberuf: Bedingungsfaktoren, Folgen und Desiderate. AOK Pflegereport 2016. Stuttgart: Schattauer Verlag, 2016, S. 73–89. Höhmann, Ulrike; Schwarz, Laura; Larsen, Christa; Lauxen, Oliver (2016): Ein theoretischer Begründungsrahmen zur Identifikation übergeordneter Kompetenzanforderungen an pflegerische Führungskräfte in Innovationsprozessen, in: Pflege & Gesellschaft, Jg. 21, Nr. 3, S. 214–228. Adami-Burke, Jennyfer; Hagmann, Kerstin; Schug, Elke (2016): Vom dynamischen Wechselspiel in Innovationsprozessen. Ergebnisse einer explorativen Bestandsaufnahme zu erforderlichen Gestaltungskompetenzen von Führungskräften, in: Pflege & Gesellschaft, Jg. 21, Nr. 3, S. 229–243.

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Arbeitsmarkt Pflege

M I T K R A M S T I E B R A L E D WAN g a t l l a s t i e b r A n e d f u a n

e g n u k r i Ausw

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ikov l e M a n e l e H Foto:


Erfahrungen aus der Arbeitswelt

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Welche spürbaren Veränderungen gibt es in der heutigen Arbeitswelt? Gabriele Korz-Beizig, Denise Dahlmanns, Martina Averdung und Julian Roeschen berichten darüber, wie sie die Veränderungen der Arbeitswelt in ihrer täglichen Arbeit wahrnehmen. Sie schildern uns, was sich in der Pflegewelt bereits verändert hat, aber auch das, was noch verändert werden sollte, damit die Arbeit im Pflegeberuf wieder attraktiver wird.

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Arbeitsmarkt Pflege

GENERATION Y TRIFFT AUF BABYBOOMER AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Gabriele Korz-Beizig Gesundheits- und Krankenpflegerin/Pain Nurse Westpfalz Klinikum GmbH Standort I Kaiserslautern


Erfahrungen aus der Arbeitswelt

»Ich freue mich über die jungen rührigen neuen Kolleginnen und Kollegen, die zu uns kommen und voller Enthusiasmus in unsere Arbeitswelt starten. Eine neue Generation, die besser als wir Berufs- und Privatleben voneinander trennen können – ihr Privatleben auch leben wollen. Traurig macht mich, dass uns viele der neu Eingestellten nach kurzer Zeit wieder verlassen, wissend, dass sie jederzeit woanders genommen werden. Wir als Berufserfahrene mit unserer Disziplin und Pflichterfüllung sind auch eher ein abschreckendes Beispiel für die jungen Mitarbeiter, denn so stellen sie sich das Arbeiten im Alter nicht vor. Der fehlende altersmäßige „Mittelbau“ in den Teams und das wilde, wechselnde Zusammenwürfeln von Jung und Alt machen das gemeinsame Arbeiten schwieriger, das gegenseitige Verständnis fehlt leider häufig. Alle Fortbildungen und Weiterqualifizierungen werden meines Erachtens nicht ausreichen, neue Mitarbeiter zu halten, wenn wir es nicht schaffen, das Wie zu ändern.

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Auch werden nie so viele Pflegekräfte „nachwachsen“ können, wie in den nächsten Jahren in Rente gehen. Umso mehr ärgert es mich, dass offenbar die Chancen, die in meiner Generation liegen, nicht erkannt oder genutzt werden. Es wird kaum in uns investiert, sei es durch Weiterqualifizierungsangebote oder durch Rahmenbedingungen, die es uns erlauben würden, auch nur darüber nachzudenken, das Renteneintrittsalter nach hinten zu verlegen. Würden wir nämlich die Rente nur ein halbes Jahr später antreten, wären die Auswirkungen auf den sich verschärfenden Pflegenotstand enorm. Solange sich aber keiner Gedanken über attraktive Arbeitssituationen für ältere Arbeitnehmer in der Pflege macht, wundert es mich nicht, dass viele meiner bejahrten Kolleginnen und Kollegen in schallendes Gelächter ausbrechen, wenn ihnen eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit zu den gegebenen Bedingungen angeboten wird. So wie erfreulicherweise in die Förderung des Nachwuchses investiert wird, so wünsche ich mir das auch für unsere Generation.«

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Arbeitsmarkt Pflege

ICH LIEBE MEINEN BERUF – DAS SELBSTVERSTÄNDNIS DER PFLEGENDEN! AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Denise Dahlmanns Examinierte Krankenschwester; in leitender Funktion Fachwirtin im Gesundheits- und Sozialwesen; Pflegeexpertin für außerklinische Intensivpflege In Weiterbildung zum Betriebswirt im Gesundheitswesen


Erfahrungen aus der Arbeitswelt

»Vor nicht ganz 20 Jahren war es kaum möglich, überhaupt einen Ausbildungsplatz in der Gesundheits- und Krankenpflege zu bekommen, und heute ist es kaum möglich, Bewerber für eine Vielzahl von Ausbildungsplätzen zu finden. Der Nachwuchs bleibt aus, weil die Arbeitsbedingungen abschrecken, aber offenbar auch das Image des Pflegeberufes. Ich wundere mich nicht, dass der Grad der Arbeitsbelastung in der Pflege auch in die Gesellschaft getragen wurde, da wir ja auf diese Missstände öffentlich hinweisen. Aber ich wundere mich sehr, dass das Image des Berufs dermaßen schlecht ist, dass es sogar Interessenten davon abhält, den Beruf zu ergreifen. Denn das Selbstverständnis der Pflegenden zu ihrem Beruf ist mehrheitlich gut und positiv. Sobald man zur Gemeinde der Pflegenden gehört, weiß man, wie

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besonders dieser Beruf ist. Vielleicht liegt es an uns, dieses Selbstverständnis mehr nach außen zu tragen. Aber ganz sicher steht es niemandem zu, ein Urteil über den Pflegeberuf zu fällen, der nicht gepflegt hat. Und das betrifft Politiker gleichermaßen wie andere fachfremde Personen. Das Ansehen des Pflegeberufs wäre sicherlich höher, wenn es ein akademischer Ausbildungsberuf wäre. Das sind meine Erfahrungen aus Schweden. Dort begegnet man mir mit Bewunderung und Anerkennung, wenn ich sage, dass ich Krankenschwester bin. Das ist in Deutschland wahrlich nicht immer der Fall. Seitdem ich allerdings den Fachwirt im Gesundheits- und Sozial­ wesen habe, erfahre ich auch hierzulande eine andere Form der Wertschätzung. Das finde ich sehr schade und daher wünsche ich mir mehr Res­ pekt für den Pflegeberuf!«

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Arbeitsmarkt Pflege

ICH TRAGE DIE MIR ÜBERGEBENE VERANTWORTUNG MIT STOLZ! AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Martina Averdung Gesundheits- und Krankenschwester Prosper-Hospital gGmbH Recklinghausen


Erfahrungen aus der Arbeitswelt

»Ich kenne andere Pflegesysteme aus anderen Einrichtungen, zum Beispiel die Bereichs- und Gruppenpflege. Selten gibt es dort einen konkreten Ansprechpartner bei pflegerischen Maßnahmen, oder es wurde sogar nur noch davon gesprochen, Station xy hätte dies und jenes pflegerisch getan oder eben nicht. Ein Effekt, der erklärbar ist, wenn viele pflegerisch tätig sind, aber keiner alleine die pflegerische Verantwortung trägt. In meiner heutigen Arbeitswelt trage ich die Verantwortung als Primary Nurse für die pflegerische Versorgung der Patienten alleine, und das bereichert meine Arbeit sehr. Ich bin der Meinung, dass wir eine sehr fundierte Ausbildung erhalten und die Patienten davon profitieren, wenn dieses Wissen auch vollumfänglich angewendet werden kann, indem ausschließlich eine Pflegefachperson die Verantwortung für den gesamten Pflegeprozess von der Aufnahme des

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Patienten über die Pflegeplanung bis hin zur Entlassung(splanung) trägt, wie es beim Konzept „Primary Nursing“ der Fall ist. Damit wir uns auf das pflegerische Kerngebiet fokussieren können, erhalten wir beispielsweise durch PTAs oder professionelle Transportdienste Entlastung bei den nicht-pflegerischen Zusatzaufgaben, die oft bei meiner Profession angesiedelt werden. Nicht nur, dass ich damit Verantwortung für einzelne Patienten direkt trage und mein Wissen viel aktiver einsetzen kann, nein, ich werde auch von anderen Personen, die in die Versorgung der Patienten involviert sind, als verantwortliche Pflegefachperson wahrgenommen, sodass mich Ärzte oder Physiotherapeuten direkt ansprechen, wenn es die Situation erfordert. Ich habe den Eindruck, dass dadurch unsere Pflegeprofession auch den wichtigen Stellenwert erhält, den sie verdient.« AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

ICH GESTALTE MEIN ARBEITSUMFELD MIT! AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Julian Roeschen Gesundheits- und Krankenpfleger Fachpfleger Intensiv und Anästhesie; Bereichsleiter Anästhesie, Klinik Rotes Kreuz der Frankfurter Rotkreuz-Kliniken e. V.


Erfahrungen aus der Arbeitswelt

»Ich bin überrascht über die Vielzahl der Jobangebote, die ich von Headhuntern über berufliche Netzwerke erhalte – nicht erst seit heute, sondern schon in den letzten zwei Jahren. Sicherlich ist neben meiner langen Berufserfahrung von 17 Jahren und meiner Zusatzqualifikation als Anästhesie- und Intensivpfleger auch die Fortbildung zum Pflegerischen Bereichsleiter im Krankenhaus dieser hohen Nachfrage zuträglich. Eins ist mir dadurch bewusst: Meine Profession und ich sind am Markt gefragt – und zwar sehr! Aber warum bleibe ich dort, wo ich bin, trotz der teilweise sehr attraktiven Jobangebote? Weil ich gelernt habe, dass ich meine Ideen und meine Vorstellungen für ein besseres Arbeiten in meinem Team, in meiner Abteilung und in meinem Unternehmen einbringen kann. Wie heißt es so schön? „Es ist leichter, einer Pflegefachperson betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse beizubringen als einem BWLer die Pflege!“ Richtig, und das tue ich auch!

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Auf Augenhöhe, gleichberechtigt und mit gut vorbereiteten Konzepten bespreche ich heute arbeitsrelevante Themen mit meinen Vorgesetzten und Entscheidungsträgern und sorge dafür, dass wir die Unterstützung für unsere qualitativ hohe Pflegetätigkeit erhalten. Dadurch schaffen wir uns die Rahmenbedingungen, in denen wir gute Arbeit leisten können und nicht permanent überlastet sind. Qualifizierte Arbeit leisten zu können, ist die Basis für Zufriedenheit mit der Arbeit. Über die Zeit ist in meinem Team dadurch eine Kultur der konstruktiven Vorschläge entstanden, sodass wir über Lösungen für notwendige Veränderungen diskutieren, und ich hoffe, das Management ist uns dankbar, dass wir die Bedingungen an das Arbeitsumfeld auch im Hinblick auf betriebswirtschaftliche Gewinnoptimierung gestalten. Daher bleibe ich, wo ich bin, und bewirke die Veränderung in meinem Arbeitsumfeld, wie ich es mir wünsche!«

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Arbeitsmarkt Pflege

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Pflege – das Entwicklungspotenzial

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Pflege DAS ENTWICKLUNGS­ POTENZIAL IST UNERSCHÖPFLICH! JProf. Dr. Erika Sirsch Mathilde Schliebe Aus dem reinen Ausbildungsberuf „Pflege“ ist über Jahre hinweg ein Berufsfeld mit sehr unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten geworden. Neben Zusatzqualifikationen, die für den eigenen Bereich notwendig sind, fachspezifischen Fortbildungen für hochspezialisierte Arbeitsgebiete oder Weiterbildungen für Leitungsfunktionen stehen im Jahr 2017 unterschiedlichste Optionen zur Berufsqualifizierung offen. Eine fachschulische Ausbildung ist ebenso möglich wie eine hochschulische (akademische) BerufsqualiAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

DIFFERENZIERUNG, SPEZIALISIERUNG UND WEITERENTWICKLUNG SIND IM BERUFSFELD „PFLEGE“ WEIT GEFÄCHERT UND BIETEN VIELE OPTIONEN. fizierung. Differenzierung, Spezialisierung und Weiterentwicklung sind damit im Berufsfeld „Pflege“ weit gefächert und bieten viele Optionen. Aus beruflicher Notwendigkeit oder persönlichem Interesse heraus kann zu jedem Zeitpunkt des Berufslebens eine individuelle Weiterentwicklung stattfinden. Im Fokus der pflegepolitischen Diskussion steht immer wieder die Forderung nach einer Akademisierung der Pflege. Ziel sollte eine Akademisierungsquote von 10–20 % sein. Wie aber sieht nun AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

gerade die akademische Ausbildung aus? Die Strukturen der berufsfachlichen Ausbildung in der Gesundheitsoder Krankenpflege sind vielen Pflegenden durch eigene Erfahrungen bekannt. Was ist anders in der akademischen Ausbildung? Angehende Pflegefachpersonen werden inzwischen in zahlreichen Studiengängen dual, also in einer Fachschule und in einer Hochschule gemeinsam ausgebildet. Das kann parallel, gleichzeitig in der Fachschule und der Hochschule, geschehen. Auch eine zeitlich gestaffelte Abfolge, z. B. zunächst die berufsfachliche Ausbildung und das Studium im Anschluss, ist an einigen Hochschulen möglich. In einigen Modellstudiengängen erfolgt die Ausbildung auch grundständig, das heißt, die Berufsqualifizierung findet ausschließlich im Rahmen eines Studiums an Hochschulen statt.


Pflege – das Entwicklungspotenzial

Aber was steckt hinter dem Begriff „Akademisierung“, was bedeutet akademische Ausbildung für Pflegende in der klinischen Versorgung? Oder ist es nur ein Label, hinter dem sich neuer Wein in alten Schläuchen verbirgt?

ABER WAS STECKT HINTER DEM BEGRIFF „AKADEMISIERUNG“, WAS BEDEUTET AKADEMISCHE AUSBILDUNG FÜR PFLEGENDE IN DER KLINISCHEN VERSORGUNG?

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Das soll an einem Beispiel verdeutlicht werden. Stellen wir uns beispielsweise vor, Frau Blau, eine Gesundheits- und Krankenpflegerin, betreut einen Patienten, Herrn Grün (42 Jahre), auf einer unfallchirurgischen Station im Krankenhaus nach einem Unfall und einer darauffolgenden großen Thoraxoperation. Die OP ist den Umständen entsprechend gut verlaufen, die Wundheilung ist regelgerecht, alles verläuft eigentlich wie erwartet. Aber in der pflegerischen Versorgung von Herrn Grün kommt es zu Problemen. Der von seinen Angehörigen als ruhiger Mann geschilderte Patient entpuppt sich als sehr unruhig und zeigt während der Tages- und Nachtversorgung ausgesprochen herausforderndes Verhalten. Er greift Pflegefachpersonen während der Wundverbandwechsel und bei der Körperpflege verbal und tätlich an, sodass die Situation in der pflegerischen Versorgung zu eskalieren droht. Die verantwortliche Pflegefachperson, Frau Blau, analysiert AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

die Situation während einer Teambesprechung mit Frau Gelb, einer langjährig erfahrenen Pflegefachperson. Gemeinsam suchen sie nach Optionen, wie in dieser Situation für alle Beteiligten zufriedenstellend gehandelt werden kann. Die auf der Station zur Verfügung stehenden Informationen bieten wenig Erklärung und Unterstützung für die Situation, eine Sedierung scheint unausweichlich. Frau Blau, die ein duales StuAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

dium der Pflege absolviert hat, regt eine nationale und internationale Literaturanalyse zur aktuellen Problemstellung an. Gesagt, getan – dank der Unterstützung der Klinikleitung können Literaturdatenbanken systematisch genutzt und es kann auch Literatur bestellt werden. Frau Blau wertet die Literatur aus, und gemein-


Pflege – das Entwicklungspotenzial

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SOLCHE FÜR PATIENTEN, PATIENTINNEN UND PFLEGENDE GLEICHERMASSEN SEHR BELASTENDEN SITUATIONEN SOLLTEN KÜNFTIG MÖGLICHST REDUZIERT WERDEN.

sam mit der erfahrenen Pflegenden Frau Gelb werden die Ergebnisse der Literatur auf die vorliegende pflegerische Problematik und die Situation von Herrn Grün übertragen. Hinweise aus der Literatur lassen den Schluss zu, dass Herr Grün an einem unerkannten Delir leidet, das zu diesen Verhaltensweisen führt. Zusätz-

lich wird eine aktuelle Leitlinie zum Delirmanagement herangezogen und die dort empfohlenen nicht medikamentösen Maßnahmen werden erprobt. Über den aktuellen Fall hinaus erstellt Frau Blau ein Konzept zur Delirprävention, das mit Unterstützung der pflegerischen Leitung implementiert wird. Solche für Patienten, Patientinnen und Pflegende gleichermaßen sehr belastenden Situationen sollten künftig möglichst reduziert werden. Gleichzeitig erfolgt eine temporäre Erfassung der identifizierten Patientinnen und Patienten mit Delir, damit Anhaltszahlen zur Häufigkeit des Problems und zur Steuerung nutzbar gemacht werden können. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Arbeitsmarkt Pflege

ES BLEIBT ALLERDINGS FESTZUHALTEN, DASS EINE EINZELNE AKADEMISCH AUSGEBILDETE PFLEGEFACH­ PERSON VERÄNDERUNGEN NICHT GLEICHZEITIG INITIIEREN, UMSETZEN UND SICHERN KANN. In unserem – zugegebenermaßen sehr idealtypischen – Beispiel reagiert Herr Grün auf die erprobten Maßnahmen positiv und das herausfordernde Verhalten reduziert sich. Gleichzeitig werden weitergehende konzeptuelle Arbeiten initiiert, die Auswirkungen auf das pflegerische Regelwissen einer Station, eines Bereichs oder einer Einrichtung haben. Es bleibt allerdings festzuhalten, dass eine einzelne akademisch ausgebildetet Pflegefachperson Veränderungen nicht gleichzeitig ini­tiieren, umsetzen und sichern kann. Dazu bedarf es struktureller Rahmenbedingungen, die die Mitwirkung des Managements erfordern. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Aufgaben akademisch qualifizierter Pflegender bestehen in der differenzierten Analyse und Prozesssteuerung komplexer pflegerischer Situationen. Damit bieten sie einen Beitrag zur optimierten Versorgung der Patientinnen und Patienten. Wie im Beispiel von Herrn Grün könnte auf Sedierung verzichtet und stattdessen auf nichtmedikamentöse Maßnahmen zur Delirprävention und -behandlung umgestellt werden. Zudem könnten die Erfahrungen, die bei diesem Fall gesammelt wurden, für die weitere Versorgung von Patientinnen und Patienten genutzt werden. Ein Sprichwort sagt: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“ Ebenso kann eine akademisch ausgebildete Pflegefachperson allein keine optimale Versorgung sicherstellen. Es bedarf mehrerer Einflüsse, um dies zu erreichen. Aber wie die Schwalbe macht sie Hoffnung auf das, was kommen wird.


Pflege – das Entwicklungspotenzial

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Die Autorin

JProf. Dr. Erika Sirsch Lehrstuhl für Akutpflege, Pflegewissenschaftliche Fakultät, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar Kontakt: esirsch@pthv.de

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Rubrik

Dana Lungmuss

WISSEN & LERNEN

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Wissen & Lernen

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96 AKTUALISIERTE ZQP-DATENBANK: Neue Leitlinien und Standards auf einen Blick

98 STUDIENREISE NORWEGEN Wie läuft die Versorgung der Menschen mit Demenz in anderen Ländern?

108 4 FRAGEN 4 ANTWORTEN Mitglieder fragen – die Kammer gibt Auskunft und Rat

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Wissen & Lernen

Neue Leitlinien und Standards auf einen Blick Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) hat seine kostenlose Datenbank für pflegerelevante Leitlinien und Standards aktualisiert. Die Übersicht umfasst jetzt 161 deutschund englischsprachige Schriften, die Pflegefachpersonen leichten Zugang und umfängliche Informationen bie-

NEU IN DER DATENBANK SIND DOKUMENTE ZU DEN THEMEN SCHMERZMANAGEMENT, HARNAUSSCHEIDUNG, MOBILISIERUNG UND LAGERUNG SOWIE ZUR PALLIATIVVERSORGUNG. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

ten. Neu in der Datenbank sind Dokumente zu den Themen Schmerzmanagement, Harnausscheidung, Mobilisierung und Lagerung sowie zur Palliativversorgung. Auch zum Thema Dekubitusprophylaxe und -behandlung beziehungsweise Versorgung chronischer Wunden finden sich neue Handlungsorientierungen. Bei der Vielzahl der Leitlinien und Standards – wie etwa den Experten­ standards – fällt es selbst Experten häufig schwer, den Überblick über deren Gegenstand, Aktualität und Güte zu behalten. Mit der erweiterten Übersicht will das ZQP darum auch die Entwickler von Leitlinien und Standards unterstützen, vorhandenes Wissen aufzufinden und Impulse aus anderen Entwicklungsprozessen zu nutzen. Die Datenbank ermöglicht eine einfache Recherche nach Titel, Thema, Herkunftsland oder Erscheinungsjahr der Leitlinien und Standards. Eingeschlossen sind


Aktualisierte ZQP-Datenbank

dabei nun auch Dokumente, die zwar ohne pflegerische Beteiligung erstellt wurden, die aber Themen betreffen, in denen Pflegende ohne ärztliche Anordnung Entscheidungen treffen können, oder die Maßnahmen beinhalten, die in den direkten Verantwortungsbereich der Pflegefachpersonen fallen. Zu allen Einträgen stehen weitere Informationen, etwa Angaben und Links zu ergänzenden Informationen wie Kurzfassungen

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oder Patientenversionen, zur Verfügung. Darüber hinaus ermöglicht die Datenbank die Suche nach internationalen Organisationen, die Leitlinien zur Verfügung stellen. (kw) Mehr zur ZQP-Datenbank finden Sie unter www.zqp.de/pflegeleitlinien

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Wissen & Lernen

DAS BESTE KRANKENHAUS IST: KEIN KRANKENHAUS! STUDIENREISE NACH NORWEGEN AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


Foto: Sharon Christina Rørvik / unsplash.com

Studienreise nach Norwegen

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Wie läuft die Versorgung von Menschen mit Demenz in Norwegen ab?

Kati Borngräber

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Wissen & Lernen

Foto: Kati Borngräber

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Sandra Kapinsky

Foto: Kati Borngräber

Examinierte Kinderkrankenpflegerin mit langjähriger Erfahrung in der Altenpflege, Heilpädagogin, Study Nurse im Evangelischen Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge in Berlin, Bachelorstudentin (Pflegewissenschaft) an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena

Bettina Husebø

Professorin für Alters- und Pflege­ heimmedizin an der Universität Bergen, Leiterin des Centre for Elderly and Nursing Home Medicine (SEFAS) in Bergen, Anästhesistin, Intensivmedizinerin

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Eigentlich ist Sandra Kapinsky Kinder­krankenpflegerin. Doch direkt nach der Ausbildung fing sie in der Altenpflege an – und hat es nie bereut. Heute absolviert die 44-Jährige einen Pflege-Bachelor und arbeitet an einer Studie über demenzsensible Krankenhäuser. Der Handlungs­ bedarf ist riesig: „Routinierte Abläufe und eng getaktete Zeitpläne – eine gute Begleitung von Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus scheitert oft schon an den Rahmenbedingungen“, sagt sie. Die Suche nach Lösungen führte sie nach Norwegen. Das skandinavische Königreich verfügt über einen nationalen Demenzplan und hat seit einer Gesundheitsreform im Jahr 2012 integrierte Versorgungsformen für Menschen mit Demenz eingeführt. Auf einer von der Robert Bosch Stiftung geförderten Studienreise hatten Sandra Kapinsky und 24 weitere Teilnehmer die Chance, sich vor Ort ein Bild zu machen.


Foto: Kati Borngräber

Studienreise nach Norwegen

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Zusammenarbeit auf Augen­höhe – zum Wohl der Patienten Auf dem Programm standen Besuche der Universitätskliniken von Oslo und Stavanger sowie eines diakonischen Krankenhauses in Bergen. Die Reisenden hörten Vorträge und erhielten auf geriatrischen Stationen Einblicke in die Praxis. Zudem besichtigten sie eine Memory-Klinik, die auf junge Demenzkranke und die Abklärung komplizierter Diagnosen spezialisiert ist. „Die verschiedenen Berufsgruppen begegnen einander wertschätzend – und beziehen die Angehörigen als Co-Therapeuten

Teilnehmer und norwegische Experten in Bergen: Bei der Studienreise waren neben Pflegefachpersonen auch Ärzte, Psychologen, Journalisten und weitere Berufsgruppen dabei.

ein“, beschreibt Sandra Kapinsky ihre Eindrücke. „Das ist bei uns leider nicht selbstverständlich.“ Demenz im Akutkrankenhaus scheint in Norwegen indes kein so großes Problem zu sein wie in Deutschland. Ein Grund ist sicher der Pflege-Personal-Schlüssel: Während sich laut der Pflegestudie RN4CAST in Norwegen eine Pflegefachperson pro Schicht um durchschnittlich 5,4 Krankenhaus patienten kümmert, müssen ihre KolAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Wissen & Lernen

Die Memory-Teams haben Sandra Kapinsky tief beeindruckt. Zurück in Deutschland, feilt sie derzeit an einem Konzept für aufsuchende Demenzberatung. „Ich hoffe, dass wir einen Kostenträger überzeugen und ein Modellprojekt umsetzen können“, sagt sie. Dadurch werden deutsche Krankenhäuser zwar nicht demenzsensibler – müssen aber vielleicht künftig weniger Patienten mit Demenz aufnehmen.

Memory-Teams: Begleitung im häuslichen Umfeld

Die Autorin

Einen wichtigen Beitrag zum norwegischen Versorgungskonzept leisten sogenannte Memory-Teams. Ihnen gehören unter anderem Pflegefachpersonen und Ergotherapeuten an, die eng mit dem zuständigen Hausarzt zusammenarbeiten. Sobald die Diagnose Demenz gestellt wird, werden sie aktiv, begleiten und beraten Betroffene sowie deren Angehörige im häuslichen Umfeld. Verschlechtert sich der Zustand eines Demenzkranken, bekommen sie das in der Regel frühzeitig mit und organisieren Hilfe. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Foto: Jenny Pudel

legen in deutschen Krankenhäusern 13 Patienten versorgen (siehe Tabelle rechts). Zudem ist das norwegische Gesundheitssystem darauf ausgelegt, Klinikaufenthalte zu vermeiden. „Im Idealfall nimmt man demenziell erkrankte Personen überhaupt nicht im Krankenhaus auf, sondern behandelt sie im Pflegeheim“, sagt Bettina Husebø, Professorin für Alters- und Pflegeheimmedizin an der Universität Bergen.

Kati Borngräber Altenpflege-Expertin, Redakteurin, PR-Referentin, Bloggerin www.katicares.com


Studienreise nach Norwegen

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Personalausstattung im Pflegedienst der Krankenhäuser in 12 europäischen Staaten und den USA Patienten pro Registered Nurse oder vergleichbar qualifizierte Pflegekraft

Patienten pro Pflegekraft (Pflegekräfte und Pflegehilfskräfte insgesamt)

Deutschland

13,0

10,5

Spanien

12,6

6,8

Belgien

10,7

7,9

Polen

10,5

7,1

Griechenland

10,2

6,2

England

8,6

4,8

Finnland

8,3

5,3

Schweiz

7,9

5,0

Schweden

7,7

4,2

Niederlande

7,0

5,0

Irland

6,9

5,0

Norwegen

5,4

3,3

USA

5,3

3,6

RN4CAST-Studie, aufbereitet in: Michael Simon und Sandra Mehmecke: Nurse-to-Patient Ratios. Ein internationaler Überblick über staatliche Vorgaben zu einer Mindestbesetzung im Pflegedienst der Krankenhäuser. In: Hans-Böckler-Stiftung, Working Paper Forschungsförderung Nummer 027, Februar 2017.

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Wissen & Lernen

TEILNEHMERSTIMMEN Es ging zwar viel um „Primary Care“ im Sinne von medizinischer Grund­ versorgung, aber der Eindruck hat sich mehr und mehr verfestigt, dass die enge Zusammenarbeit der Akut­ krankenhäuser mit Hausärzten und Pflegediensten essenziell ist, um eine gute Versorgung von Menschen mit Demenz zu gewährleisten. Prof. Dr. Rajan Somasundaram, Leiter der Notaufnahme, Charité Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin

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Studienreise nach Norwegen

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Demenzsensibilität ist Aufgabe und Chance zugleich. Und es ist möglich! In der Gesellschaft, im Krankenhaus und vor allem in der Begegnung zwi­ schen den Menschen. „Enthusiasts welcome!” Stefan Blumenrode, Leiter der Weiterbildungsstätte psychiatrische Pflege des Bildungszentrums im Klinikum Stuttgart

Der Stellenwert der Pflege ist in Norwe­ gen viel höher als in Deutschland und die Gesundheits- und Krankenpfleger/-innen werden stärker gefördert. Außerdem ist die Versorgung der Patienten in der Häuslichkeit besser, die Strukturen begünstigen kurze Liegezeiten im Krankenhaus, und es wird den Menschen leichter gemacht, zu Hause alt zu werden und dort gepflegt und versorgt zu werden. Svenja Ostojic, Stationsleitung und Praxisanleiterin familiale Pflege, Station DAVID des Evangelischen Krankenhauses Alsterdorf in Hamburg

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Wissen & Lernen

Gesundheit und Lebens­ qualität sind das gemeinsame Ziel der norwegischen Fach­ kräfte und werden nicht als wirtschaftliche Leistung betrachtet. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Mareike Schöning, Fachkrankenpflegerin Intensivstation, St. Ansgar Krankenhaus in Höxter

Mich haben die klaren Strukturen und die praxisnahe Umsetzung der Ideen überzeugt. Beispielhaft dafür steht die Einbeziehung der Wünsche und Bedürfnisse der Menschen mit Demenz in den nationalen Demenzplan. Gudrun Roling, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, Universität Witten/Herdecke

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Studienreise nach Norwegen

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In Norwegen wird der Grundsatz „ambulant vor stationär“ durch bessere Vernetzung der Strukturen konsequenter umgesetzt als in Deutschland. Dies ist vor allem für an Demenz erkrankte Menschen ein großer Vorteil, weil Krankenhausaufenthalte dadurch unter Um­ ständen vermieden werden können. Mir ist bei den Gesprächen sehr deutlich bewusst gewor­ den, wie wichtig es ist, mehr zugehende Bera­ tung anzubieten. Barbara Ehm, Diplom-Sozialpädagogin, Fachstelle für pflegende Angehörige des Diakonischen Werks in Fürth

Norwegen zeigt, wie Fortschritt möglich ist, wenn Praxis und Wis­ senschaft aller Professionen ver­ zahnt zusammenarbeiten. Viele Krankenhäuser kooperieren mit einer Universität, Praktiker sind gleichzeitig Forschende. Daniel Tucman, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. in Köln

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Wissen & Lernen

Helena Melikov

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4 Fragen 4 Antworten

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4 Fragen 4

Antworten

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Wissen & Lernen

1. FRAGE Ich habe das Gefühl, meine Kolleginnen und ich werden immer älter und es kommen keine jungen Kräfte nach. Was passiert denn, wenn wir alle in Kürze in Rente gehen? Oder ist das nur in unserem Haus so?

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P F L EG E K A M M E R

ANT WORTET :

Nein, das ist nicht nur bei Ihnen im Haus so! Die demografische Entwicklung macht auch vor der Pflege in Rheinland-Pfalz nicht halt. Bereits heute liegt die anteilsmäßig größte Gruppe der Pflege­fach­personen zwischen 51 und 60 Jahren. Die „Alters­pyramide“ in der rheinland-pfälzischen Pflege hat sich umgekehrt. Die beruflich aktiven Pflegefachpersonen, also die dreijährig ausgebildeten beruflich Pflegenden, werden analog zur Entwicklung in der Gesamtbevölkerung im Schnitt immer älter. Die Gruppe der 21- bis 30-Jährigen, in der auch viele Berufseinsteigerinnen und -einsteiger erfasst sind, belegt mit 19,5 % einen hinteren Platz. Die Altersklasse der 31- bis 40-Jährigen umfasst 21,4 %. Die Quote der Pflegefachpersonen, die zwischen 41 und 50 Jahre alt sind, beträgt 24,6 % der Gesamtmenge. Absoluter Spitzenreiter mit 29,2 % ist die Gruppe der 51- bis 60-Jährigen. Die unter 20-Jährigen stellen 0,4 % und die über 60-Jährigen 4,8 % der Pflegenden im Land. Diese Daten können dank der Landespflegekammer erstmals erfasst werden. Die Entscheidungsträger aus Politik und der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens sind gefordert, den Pflegenden endlich den notwendigen Rahmen zu geben, sodass die Pflegenden sich um Patientinnen und Patienten kümmern können und die Zeit für das so wichtige pflegerische Handeln, gerade auch für notwendige Prävention, haben. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Wissen & Lernen

2. FRAGE In unserer Einrichtung (stationäre Altenpflege) wurden freie Stellen nicht bzw. mit Hilfskräften besetzt. Geht denn das so einfach? Bei uns ist schon nicht mehr jeder Zweite examinierte Pflegekraft!

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P F L EG E K A M M E R

ANT WORTET :

Der Trend ist leider deutschlandweit zu sehen. Für Rheinland-Pfalz gilt hier die Durchführungsverordnung zum Landesgesetz über Wohnformen und Teilhabe (LWTGDVO). Gemäß § 14 Abs. 2 LWTGDVO ist für eine entsprechende Einrichtung eine Fachkraftquote von 50 % vorgesehen. Daneben sieht die Verordnung schon jetzt vor, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit eine ausreichende Zahl von ausgebildeten professionellen Pflegefach­ kräften anwesend sein muss. Es stellt sich dabei grundsätzlich die Frage, ob eine Fachkraftquote von 50 % nach heutigem Kenntnisstand eine adäquate Messgröße darstellt. Noch wichtiger wären pflegewissenschaftlich fundierte Personalbemessungsinstrumente und vor allem bessere Rahmenbedingungen für die Pflegenden sowie mit der generalistischen Ausbildung eine moderne Pflegeausbildung. Hieran wirken wir als Pflegekammer nun mit. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Wissen & Lernen

3. FRAGE Ich habe zwar gerade erst meine Ausbildung abgeschlossen, will mich aber weiterqualifizieren. Welche MĂśglichkeiten habe ich und wird damit mein Arbeitsplatz in der Pflege sicherer?

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4 Fragen 4 Antworten

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P F L EG E K A M M E R

ANT WORTET : Generell werden Pflegefachpersonen mit dreijähriger Ausbildung in Rheinland-Pfalz und in der ganzen Bundesrepublik gesucht. Durch eine Weiter­ bildung oder ein Studium verbessern sich Ihre Karrierechancen nochmals deutlich. Die staatlich anerkannten Weiterbildungen in Reinland-Pfalz spezialisieren sowohl für einzelne Fachgebiete (z. B. Intensiv, Hygiene, Psychiatrie) als auch für Funktionen (z. B. Leitung einer Pflege- oder Funktionseinheit). Die Landespflegekammer wird ab 1. Januar 2018 die berufliche Fort- und Weiterbildung regeln. Auch die Aufnahme eines Studiums ist möglich. Die Absolventen der Ausbildungsgänge Gesundheits- und Krankenpflege und Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und der Altenpflege in Rheinland-Pfalz erlangen mit erfolgreichem Abschluss der Ausbildung die Berechtigung, an einer Fachhochschule des Landes Rheinland-Pfalz zu studieren. Die Durchlässigkeit und Chancen des beruflichen Aufstiegs sind somit von der Ausbildung bis zur Professur gegeben. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Wissen & Lernen

4. FRAGE Ich habe gehört, dass die Pflegekammer eine neue Fortbildungs- und Weiterbildungsordnung erarbeitet, die dann für alle Pflegepersonen in Rheinland-Pfalz bindend ist. Dann sind Mitglieder zur Weiterbildung verpflichtet, auch gegen ihren Willen. Was ist dran an diesem Gerücht und was ist der Vorteil davon?

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4 Fragen 4 Antworten

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P F L EG E K A M M E R

ANT WORTET : Leider werden die beiden Begriffe Fort- und Weiter­ bildung nicht immer trennscharf verwendet. Zu dem aktuellen Stand der Weiterbildungs- und Fortbildungsordnung lässt sich Folgendes sagen: Ab dem 1. Januar 2018 erfolgen alle Weiterbildungen für die Kammermitglieder nach den Bestimmungen der Landespflegekammer. Derzeit ist die Zuständigkeit für diese staatlichen Weiterbildungen noch beim Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung (LSJV) angesiedelt. Im Weiterbildungsausschuss der Landespflegekammer wird dazu eine aktuelle Weiterbildungsordnung erarbeitet. Eine Weiterbildung ist selbstverständlich immer freiwillig und geht über einen längeren Zeitraum. Die Teilnehmenden erlangen eine Zusatzqualifikation (z. B. Pflegedienstleitung, Praxisanleiter u. v. m.). Neu ist, dass diesmal erstmals Pflegende selbst eine Weiterbildungsordnung schreiben und sich erstmals Weiterbildungsinstitute bei der Pflegekammer mit ihren jeweiligen Curricula nach noch zu erstellenden Kriterien akkreditieren müssen. Somit definiert die Berufsgruppe selbst, was die Anforderungen z. B. an die Weiterbildung zum Praxisanleiter sind. Erst danach (voraussichtlich 2019) wird sich der Ausschuss mit der Fortbildung in RLP beschäftigen und eine Fortbildungsordnung erstellen sowie daraus konkrete Rahmenbedingungen mit Blick auf AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Wissen & Lernen

Auch in Rheinland-Pfalz ist seit 2009 eine Pflicht zur Fortbildung aller im Bereich Pflege tätigen Fachpersonen im „Landesgesetz über die Gesundheitsfachberufe vom 7. Juli 2009“ in der aktuellen Fassung festgelegt. Dort heißt es in § 1 Abs. 1: „Die Angehörigen eines bundes- oder landesrechtlich geregelten Gesundheitsfachberufs (Berufsangehörige) sind verpflichtet, ihren Beruf gewissenhaft und entsprechend dem aktuellen Stand der berufsfachlichen Erkenntnisse auszuüben. Sie haben sich über die für ihre Berufsausübung geltenden Vorschriften zu unterrichten und sich regelmäßig fortzubilden.“ Eine Fortbildung ist i. d. R. eine zeitlich relativ kurze Einheit und befähigt die Teilnehmenden, sich mit einem Thema näher auseinanderzusetzen bzw. das bereits vorhandene Wissen zu aktualisieren. Fortbildungen wie bspw. Kongressbesuche, haus­ interne Veranstaltungen oder auch das Lesen von Fachliteratur werden dann zukünftig als erbrachte Fortbildung erfasst. Somit wird sich für Sie selbst erst mal nichts ändern. Nähere Informationen zum Fort- und Weiterbildungsausschuss finden Sie inklusive Ansprechpartner des Ausschusses hier . AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

P F L EG E K A M M E R

Fortbildungspunkte oder Fortbildungsintervalle erarbeiten. Laut Krankenpflegegesetz bzw. Altenpflegegesetz (angesiedelt auf der Bundesebene) haben wir Pflegepersonen schon immer eine Verpflichtung, uns „auf dem aktuellen pflegewissenschaftlichen Stand zu halten“.


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wegweisend

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… macht Pflege leichter.


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Rubrik

Dana Lungmuss

BERUF & PRAXIS

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Beruf & Praxis

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122 MIGRATION NACH DEUTSCHLAND Ausländische Pflegefachpersonen als Teillösung des Fachkräfte­ mangels

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GEWALTPRÄVENTION Landespflegekammer ruft Fachtag ins Leben. Projekte mit Beispielcharakter können eingereicht werden

132 SNOEZELEN Ein Konzept, das nicht nur auf die Gesundheit und das Wohbefinden des Patienten Einfluss nimmt

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Beruf & Praxis

MIGRATION NACH DEUTSCHLAND PFLEGEFACHPERSONEN AUS DEM AUSLAND ALS TEILLÖSUNG DES FACHKRÄFTEMANGELS Ulrike Steinecke AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


Migration nach Deutschland

Die Studienlage ist eindeutig, was den zukünftigen Bedarf an Pflegefachpersonen in Deutschland betrifft. Und klar ist auch, dass der gesamte Bedarf an Pflegefachpersonen nicht allein über deutsche Auszubildende gedeckt werden kann. Naheliegend ist daher die Idee, gezielt Interessenten im Ausland für Deutschland anzuwerben. Die Aktivitäten der letzten Jahre reichen von der Anwerbung einzelner Klinikträger über private Kooperationen zwischen Klinikverbünden mit Personalvermittlern im In- und Ausland bis hin zu strukturierten Programmen wie z. B. dem Programm „Triple Win“ in Kooperation von Agentur für Arbeit, Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, Zentrale Arbeitsvermittlung und zukünftigen Arbeitgebern.

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BIS ENDE 2016 WURDEN IM RAHMEN DES PROJEKTS „TRIPLE WIN“ 284 PFLEGEFACHPERSONEN AUS BOSNIEN UND HERZEGOWINA, 407 VON DEN PHILIPPINEN UND 371 AUS SERBIEN BUNDESWEIT IN EINRICHTUNGEN VERMITTELT. Der Ansatz des „Triple Win“-Projektes ist die faire Rekrutierung von Pflegefachpersonen in den Herkunftsländern. Die Auswahl der Partnerländer erfolgt nach dem WHO-Kodex zur Anwerbung von Gesundheitsfachpersonal. Die Pflegefachpersonen werden noch im Heimatland sprachlich und fachlich vorbereitet und im gesamten Prozess bis zur zukünftigen Arbeitsstelle begleitet. Bis Ende 2016 wurAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Beruf & Praxis

SERBIEN 371 den im Rahmen des Projekts „Triple Win“ 284 Pflegefachpersonen aus Bosnien und Herzegowina, 407 von den Philippinen und 371 aus Serbien bundesweit in Einrichtungen vermittelt. Die Vielzahl der Programme und Aktivitäten zeigt zweierlei: Das Ansehen des deutschen Gesundheitswesens ist im Ausland sehr hoch und das Berufsfeld der Pflege in Deutschland für ausländische Pflegefachpersonen aus NichtEU-Ländern sehr attraktiv, trotz der

BOSNIEN 284

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punktuell geringeren Eigenständigkeit, die deutsche Pflegefachpersonen im internationalen Vergleich haben. Die Interessenten zeigen daher ein großes Engagement, den herausfordernden Weg der beruflichen Anerkennung – Spracherwerb, Bereitschaft zum Kulturwechsel, Erlernen von ergänzendem Fachwissen – auf sich zu nehmen. Auf der anderen Seite haben alle Beteiligten mit einem hochkomplexen und nicht immer nachvollziehbar komplizierten Anerkennungsverfahren zu kämpfen. Ganz zu schweigen von der Problematik mit Visaverfahren sowie Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen. Die unterschiedlichen Zuständigkeiten von Botschaften, Ausländerbehörden,


Migration nach Deutschland

Agenturen für Arbeit oder Jobcentern und Prüfungsämtern in den einzelnen Bundesländern bringen an mancher Stelle selbst diejenigen zur Verzweiflung, die mit deutscher Bürokratie bestens vertraut sind. Um all dies zu vereinfachen, bieten manche Projekte statt eines Anerkennungsverfahrens ganze oder verkürzte Ausbildungsgänge mit Abschlussprüfungen und Teilzeitarbeit an. Bei manchen Konzepten entsteht dabei der Eindruck, Schnelligkeit ginge vor Qualität. Welcher dieser Wege wirklich zum gewünschten

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Erfolg eines qualifizierten Einsatzes am Patienten oder Bewohner und nachhaltig zur Bindung von Pflegefachpersonen führt, wird die Zukunft zeigen. Was die Feststellung der Gleichwertigkeit ausländischer Berufsabschlüsse mit der deutschen Ausbildung betrifft, gibt es jedoch einiges, was an die neuen Herausforderungen einer gestiegenen Arbeitsmigration anzupassen und zu verändern ist. Zu klären wäre zum Beispiel, welche Dokumente zur Prüfung einer Gleichwertigkeit tatsächlich unbedingt nötig sind. Die Zahl gefälschter Dokumente nimmt zu und viele geflüchtete Pflegefachpersonen haben aus nachvollziehbaren Gründen nicht alle Dokumente retten können. Muss man tatsächlich akribisch Stundenanteile eiAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Beruf & Praxis

NICHT NUR DIE AUSLÄNDISCHEN PFLEGEFACHPER­ SONEN, AUCH DAS TEAM, IN DEM SIE ZUKÜNFTIG ARBEITEN SOLLEN, SIND MIT IHREN UNTERSCHIED­ LICHEN WERTEN UND GLAUBENSSÄTZEN AUFEINANDER VORZUBEREITEN

nes Curriculums mit der deutschen Stundenzahl vergleichen, um daran anschließend individuelle Nachqualifizierungen wegen des rechnerischen Defizits von einmal 300 und einem anderen Mal 400 Stunden im Bereich „Kenntnisse der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Pflege- und Gesundheitswissenschaften“ zu fordern? Oder wäre es nicht viel zielführender und letzt­ endlich zeit- und ressourcensparender, ein Verfahren zu entwickeln, in dem Fachexperten neben der sprachlichen Eignung auch theoretisches Fachwissen und praktische Fertigkeiten in unterschiedlicher Tiefe erfassen und bewerten können? Es gilt, gemeinsam mit den Behörden einen pragmatischen Weg zu finden, damit die engagierten zukünftigen Kolleginnen und Kollegen so gut und so schnell wie möglich starten können.

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Migration nach Deutschland

Der Deutsche Bildungsrat für Pflegeberufe (DBR) plädiert für die Übertragung der Regelung und Durchführung von Anerkennungsverfahren an Pflegekammern, sobald diese errichtet sind – so wie dies beispielsweise von der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz ab 2018 bei der Anerkennung von Weiterbildung geregelt ist. Wichtig ist auch, einen strukturellen und finanziellen Rahmen zu setzen, sodass auch die motivierten Pflegefachpersonen vor Ort den Raum und den Ausgleich für eine gelungene Integration erhalten. Ein weiterer Aspekt, der in der gesamten Diskussion bisher eher nebenbei behandelt wurde, aber zunehmend in den Fokus gerät, ist der Aspekt der Kultursensibilität. Nicht nur die ausländischen Pflegefachpersonen, auch das Team, in dem sie zukünftig arbeiten sollen, sind mit ihren unterschiedlichen Werten und Glaubenssätzen aufeinander vorzubereiten, damit die Integration gelingt und alle im gemeinsamen Pflegealltag voneinander profitieren können. Darüber hinaus

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gibt es zunehmend Patientinnen und Patienten mit Migrationshintergrund, die ihre kulturellen Ansprüche wertgeschätzt haben möchten. Kursangebote dazu sind noch nicht sehr zahlreich, aber die Flüchtlingsdebatte hat dieses Thema noch einmal verstärkt in den Fokus gerückt.

Die Autorin

Ulrike Steinecke

Managerin International Affairs and Cooperation / ZAB – Zentrale Akademie für Berufe im Gesundheitswesen GmbH

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Beruf & Praxis

GEWALT­ PRÄVENTION Der Gewalt vorbeugen AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Gewaltprävention

Über Gewalt in der Pflege spricht niemand gern. Dabei kann Gewalt im pflegerischen Kontext von Pflegefachpersonen an Bewohnern/Patienten ausgeübt werden als auch umgekehrt von Bewohnern/Patienten an Pflegepersonen. Ein Fachtag zur Gewaltprävention will helfen, durch gelungene Praxisbeispiele die Sprachlosigkeit zu überwinden. Zum Ausmaß der Gewalt in der Pflegebranche gibt es nur wenige Studien. Das Thema gilt als Tabu, die Dunkelziffer ist hoch. Zwar ziehen spektakuläre Fälle wie die Mordserie um den Delmenhorster Pfleger Niels H., der mindestens 33 Patienten auf dem Gewissen haben soll, große Aufmerksamkeit auf sich. Doch Gewalt in der

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Pflege ist meist wesentlich subtiler: Verletzung des Schamgefühls, Mängel in der Ernährung, Verwahrlosung, verbale Attacken und körperliche Angriffe gehören dazu. Der Übergang zwischen ruppigem Verhalten und körperlicher oder psychischer Gewalt ist dabei oft fließend. Die Entstehung und Verhütung von Gewalt beschäftigt Pflegende überall in Deutschland. Aber wo beginnt verbale, wo körperliche Gewalt? Welche alternativen Reaktionsmöglichkeiten gibt es?

Fachtag Gewaltprävention Viele Einrichtungen und Teams der stationären Pflege in Rheinland-Pfalz haben sich, teilweise sehr intensiv, mit Fragen zur Entstehung und Verhütung von Gewalt beschäftigt, Ideen entwickelt und Konzepte umgesetzt. Die Landespflegekammer, die PflegeGesellschaft und das Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz wollen diese Praxisbeispiele aufgreifen und im Rahmen eines Fachtages „Gewaltprävention“ für stationäre Einrichtungen am 9. November 2017 in den Räumlichkeiten der Landespflegekammer in Mainz vorstellen. Diese Best-Practice-Beispiele werden anschließend publiziert. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Beruf & Praxis

Und so geht's Bitte reichen Sie uns bis DONNERSTAG, DEN 31. AUGUST 2017 unter dem Stichwort „KULTUR DER WERTSCHÄTZUNG UND DES HINSCHAUENS“ EINE PROJEKTSKIZZE (max. 5 DIN-A4Seiten) inklusive Name der teilnehmenden Einrichtung und Kontaktdaten mit direkter Ansprechperson per Mail ein. Die eingereichten Konzepte werden von einem Beirat, der unter anderem aus Mitgliedern der Vertreterversammlung der Landespflegekammer, der PflegeGesellschaft und weiteren Akteuren wie zum Beispiel der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebetroffene Menschen (BIVA e. V.) und dem Landesseniorenbeirat besteht, gesichtet und ausgewählt. Alle Einreicher bekommen bis zum 29. September 2017 eine verbindliche Rückmeldung, ob ihr Konzept ausgewählt wurde und am Fachtag vertiefend präsentiert werden kann. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


Gewaltprävention

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SAVE THE DATE: Schon heute möchten wir Sie zu unserem Fachtag „Gewaltprävention“ AM 9. NOVEMBER 2017 IN DIE RÄUMLICHKEITEN DER LANDESPFLEGEKAMMER NACH MAINZ einladen.

Dort werden die vom Beirat ausgewählten Konzepte einer breiten Fachöffentlichkeit vorgestellt. Frau Ministerin Bätzing-Lichtenthäler wird den Fachtag eröffnen. Darüber hinaus möchten wir ausgewählte Praxisbeispiele auch für eine breitere Öffentlichkeit nutzbar machen. Im Anschluss an den Fachtag wird daher eine Publika tion erstellt. (kw)

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WIE PFLEGE DIE GESUNDHEIT FÖRDERN KANN – EIN BLICK VON NELE NISSEN DARAUF, WIE GANZHEITLICHE KONZEPTE DEN BLICK AUF DIE PFLEGE VERÄNDERN Immer wieder bekommt man im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen der Pflege den Eindruck, dass sich der Gedanke breitmacht, als Fachkraft in der Pflege könne man doch nicht viel „reißen“. Man wäre ja nur der „Handlanger“, die Person, die nur „zuarbeitet“, und die eigene Arbeit sei nur wenig wertvoll im Vergleich zu den Tätigkeiten, die „wirklich heilen und helfen“. So fällt auf, wie beispielsweise erfahrene Intensivpflegefachpersonen häufig berichten, dass sie die Beatmungsparameter besonders gut einschätzen AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Mathilde Schliebe

Beruf & Praxis

Nele Nissen

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SNO ZELEN


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Snoezelen

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Beruf & Praxis

können oder den Umgang mit den technischen Geräten im Schlaf beherrschen. Mir selbst geht es auch oftmals so. Und das sicher auch zu Recht, bei all dem, was wir täglich im „ganz normalen Wahnsinn“ immer wieder leisten. Trotzdem ist dies doch nur die eine Seite der Medaille – eine sehr wichtige, lebensrettende, aber es bleibt ein Teilaspekt des Ganzen.

Was ist eigentlich Gesundheit? Schaut man sich an, was der Begriff „Gesundheit“ genau bedeutet, so beschreibt ihn die WHO mit folgenden Worten: „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Damit die Patienten wieder gesunden, benötigt es demnach viel mehr als nur die Behandlung der Krankheit allein, viel mehr als nur das Bedienen technischer Geräte und den von Weitem abscannenden Blick auf die defekte MaschiAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

GESUNDHEIT IST EIN ZUSTAND VOLLKOMMENEN KÖRPERLICHEN, GEISTIGEN UND SOZIALEN WOHLBEFINDENS UND NICHT ALLEIN DAS FEHLEN VON KRANKHEIT UND GEBRECHEN. ne Mensch, sondern die Förderung des Wohlbefindens. Das Wohlbefinden des Patienten beeinflusst durch eine Reihe von Mechanismen, wie die Funktionsweise des Immunsystems oder Stressreaktionen, sogar signifikant die Gesundheit. Demnach sind Unwohlsein und Stress bewiesenermaßen ungünstige Faktoren und machen nur noch kranker! Das wiederum bedeutet, dass eine Genesung mit dem Ziel der vollständigen Gesundheit ohne den Faktor des körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens gar nicht möglich ist.


Snoezelen

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Das eine geht nicht ohne das andere!

Wer kann auf das Wohlbefinden des Patienten am besten Einfluss nehmen? Sind wir uns als Pflegefachpersonen eigentlich über diesen Part der „Heilung“ bewusst? Uns, die wir am meisten Zeit mit den Patienten verbringen, obliegt es doch, trotz all der überlebenswichtigen, wertvollen Technik und der fortschrittlichen Medizin, den Patienten nicht als ganzheitliches Wesen – als Menschen – aus den Augen zu verlieren! Zweifellos steht der Blick auf das Körperliche, ganz besonders in der Akutphase der Krankheit mit der dringenden Stabilisierung der Vitalfunktionen, an erster Stelle. Jedoch gewinnt im weiteren Verlauf auch der Blick auf das Ganzheitliche zunehmend an Bedeutung. Hier ist es Teil unserer Verantwortung, den Patienten neben unseren Pflegeinterventionen auch durch menschliche Zuwendung auf dem Weg seiner Genesung zu stärken, seine subjektiven Bedürfnisse situationsgerecht zu erkennen und ihn auf diese Wei-

Nele Nissen

Bachelor of Science in Pflegewissenschaft / Schwerpunkt Pädagogik Fachgesundheits- und Krankenpflegerin für Intensivpflege, Praxisanleiterin

Nele.Nissen@web.de

SEI DU SELBST DIE VERÄNDERUNG, DIE DU DIR WÜNSCHST FÜR DIESE WELT! Mahatma Gandhi

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Beruf & Praxis

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Snoezelen

se bei der Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung der physischen und psychischen Gesundheit zu unterstützen. Wir Pflegenden sind die, die in dieser Phase dem Patienten in seiner existenziellen Krise den Halt geben, ihm Sicherheit und Wärme vermitteln. Dadurch, dass wir für ihn da sind, ihm Ängste nehmen und Mut geben und somit die benötigte Kraft, weiterzumachen und nicht aufzugeben.

Eine Methode, die das Wohlbefinden deutlich verbessert! Ganz besonders wurde mir diese „heilsame Wirkung“ der Pflege wieder ins Bewusstsein gerufen, als ein neues ganzheitliches Konzept auf unserer Intensivstation eingeführt wurde. Es nennt sich „Snoezelen“. Hier wird mit Lichtern, Düften, Musik oder den verschiedensten Materialien, die die Sinne anregen, eine entspannende Atmosphäre im Patientenzimmer geschaffen, in der sich die Menschen wohlfühlen. Verwendet werden nur die Materialien, die der Patient sich selbst wünscht oder die er mitbringt: Alles kann, nichts muss!

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Sei es ein Hörbuch zum Einschlafen, der Duft von Lavendel zum Beruhigen oder die Lieblingsmusik zur morgendlichen Mobilisation. Dabei sind die Möglichkeiten breit gefächert. Zu Beginn war es nicht einfach, dieses Konzept auf unserer Station einzuführen. „Wir haben keine Zeit für so was, als hätten wir nicht genug zu tun!“, waren die ersten Reaktionen von vielen Kollegen – verständlicherweise. Doch nachdem einige Materialien besorgt waren und wir im Rahmen eines kleinen Projekts begannen, mit den Patienten zu snoezelen, fand es mehr und mehr Anklang. Immer mehr Mitarbeiter wurden neugierig, fanden toll, was da im Zimmer vor sich ging, und wollten mitmachen und sich beteiligen. So wurde das Snoezelen nach kurzer Zeit zum „Jahresziel“ ernannt. Es fanden Fortbildungen zu dem Thema statt, weitere Materialien wurden vom Krankenhaus mit geringem finanziellen Aufwand organisiert, und Stück für Stück integrierte sich das Snoezelen in unseren Stationsalltag. Plötzlich wurde gesungen bei der Waschung, ein Tänzchen gemacht statt der Mobilisation, aus den AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Beruf & Praxis

Zimmern strömte ein angenehmer Duft ätherischer Öle, und Sternenhimmel-Lampen zierten als Einschlafhilfe im Nachtdienst die sonst so sterilen Zimmerdecken. Auch die Angehörigen, die bis dahin so lange fast bewegungslos neben dem Bett saßen, binden wir mit ein. So massieren sie zur Lieblingsmusik ihres Partners die Hände oder genießen gemeinsam die Zeit, bei beruhigendem Licht, mit einem Massagekissen im Rücken.

Die Veränderungen durch das Snoezelen Nicht allein die Patienten und Angehörigen profitieren vom Snoezelen, sondern auch wir Pflegenden, weil wir z.B. dadurch auch Zeit gewinnen, wenn sich auch die Angehörigen um ihre Liebsten kümmern. Die zu beobachtenden Erfolge, die sich in den fast vier Jahren des Snoezelens auf unserer Intensivstation zeigen, sprechen für sich: Die Rückmeldungen aller Beteiligten sind wunderbar! Einige Angehörige spendeten für diese „gute Sache“ und Patienten bedankten sich für die wertvolle Geste in dieAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

ser Lebenssituation, in der sich der Mensch genau nach Fürsorge, Geborgenheit und Entspannung sehnt. Einige Patienten, die zuvor wenig Compliance zeigten oder sogar den Mut verloren hatten „weiterzumachen“, gewannen neue Lebensfreude, entschieden sich wieder für eine Therapie oder schöpften neue Energie durch diese Form der Entspannung von der ständigen psychischen Anspannung. Die Patienten fühlen sich wertgeschätzt und wahrgenommen, nach ihrem Befinden gefragt und umsorgt. Verschlossene Patien-


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ten werden offener und berichten von ihren Sorgen und Ängsten, und aggressive oder ängstliche Patienten werden ruhiger. Sie alle sind dankbar, einfach wieder Mensch sein zu dürfen, nicht nur „der Herzinfarkt auf Bettplatz 3“. Auf diese Weise fördert dieses Konzept nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Beziehung zwischen dem Patienten und der Pflegefachperson. Zudem besteht die Hoffnung, infolge des Snoezelen langfristig weniger Antidepressiva, Schlaf- und Schmerzmittel zu benötigen. Und was macht es mit mir selbst? Es hilft auch mir, im oft so hektischen „ganz normalen Wahnsinn“ auf eine gewisse Weise „mitsnoezelen“ zu können. So wundert es mich nicht, dass es auch als Burnout-Prophylaxe für Mitarbeiter selbst gilt.

Der entscheidende Faktor Pflege im Genesungs­prozess

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eine Art Zaubermittel alles einfacher und überwindbarer macht, denn es ist nur eine Methode, eine Möglichkeit. Die Veränderung erfolgt durch uns selbst, die Pflegefachpersonen, die zweifellos viel mehr tun, als nett lächelnd bei medizinischen Maßnahmen zu assistieren. Wir haben die Fähigkeit und sind in der Lage, durch unser fachlich breites Wissen und unsere hohe Kompetenz wie auch durch die einzigartige Beziehung, die wir zu den Patienten aufbauen, mehr Sicherheit, emotionale Stabilität, Lebensfreude und Menschlichkeit auf die oft so kalt erscheinenden Stationen zu bringen. Damit sind wir nicht allein ein unverzichtbarer Bestandteil des interdisziplinären, lebensrettenden Behandlungsteams zur Bewältigung der Erkrankung, sondern gleichzeitig diejenigen, die positiven Einfluss auf die heilende Wirkung des Wohlbefindens nehmen können und die Gesundheit fördern – dadurch, dass wir den grauen Alltag wieder etwas „bunter“ erscheinen lassen, für unsere Patienten – und für uns!

Abschließend kann ich nur sagen, dass das Snoezelen nicht per se wie AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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WAS IST EIGENTLICH SNOEZELEN? Die Geburtsstunde des Snoezelens war in den 1970er -Jahren, als zwei Zivildienstleistende aus den Niederlanden in einer Einrichtung für Schwerstund Mehrfachbehinderte arbeiteten eine wohltuende Alternative zu den üblichen Freizeitangeboten für jene Menschen schaffen wollten, die daran nicht teilnehmen konnten. Dabei entstand die Idee, durch Stimulierung aller fünf Sinne eine angenehme und entspannende Atmosphäre zu schaffen. Unterschiedliche Lichtelemente, Düfte, Musik und Massagebälle oder -kissen u.v.m. können zu dieser multisensorischen Aktivierung genutzt werden. Wichtig dabei ist, nur das zu nutzen, womit ein Patient einverstanden ist und was bei ihm Wohlbefinden auslöst. Daraus entwickelte sich ein Konzept, das sich schnell nicht nur über Landesgrenzen hinweg verbreitete, sondern auch in anderen Bereichen wie in der Altenpflege, bei Demenzkranken oder auch in pädagogischen Heileinrichtungen Verbreitung fand. Übrigens: Snoezelen ist eine Wortschöpfung aus den beiden holländischen Wörtern „snuffelen“ (schnüffeln, schnuppern) und „doezelen“ (dösen, schlummern). Dabei meint „snuffelen“ das Prinzip der freien Entscheidung und „doezelen“ das der Zuwendung und Geborgenheit.

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Beruf & Praxis

WER MIT DEM SNOEZELEN BEGINNEN MÖCHTE ... Im ersten Schritt sollte, wie bei allen neuen Projekten, mit dem eigenen Team, mit der Stationsleitung und der Pflegedirektion besprochen werden, ob alle Beteiligten die Umsetzung des Konzepts befürworten. Sind von diesen Seiten aus keinerlei Einwände vorhanden, wird dazu geraten, sich in jedem Fall in entsprechenden Fort- und Weiterbildungskursen zum Thema Snoezelen zu schulen und nicht einfach blind loszulegen. Dort erhält man unter anderem weitere Ideen zur Umsetzung im eigenen Arbeitsbereich, erfährt einiges über die Wirkungsweisen, aber auch über Grenzen des Snoezelens. Des Weiteren sollte geklärt werden, AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

ob Finanzierungsmöglichkeiten vorhanden sind. Daraufhin werden verschiedenste Materialien organisiert, wobei der Fantasie kaum Grenzen gesetzt sind. Wichtig ist jedoch, auf folgende Dinge zu achten: Elektrische Gegenstände müssen erst von der Technik auf Sicherheit geprüft und abgesegnet werden. Aus hygienischen Gründen muss eine Reinigung der Materialien mit Desinfektionsmitteln möglich sein, und selbstverständlich darf es sich nicht um Gegenstände handeln, an denen sich der Patient verletzen könnte. Wer möchte, kann die Materialien in einem mobilen Snoezelen-Wagen unterbringen (dazu kann auch ein ausrangierter Pflegewagen dienen) oder sich passende Aufbewahrungsboxen zulegen. Wir haben zu unserem Snoezelen-Wagen zusätzlich kleine Körbe besorgt, in denen kleine Gegenstände, die auch mal länger beim Patienten verbleiben, ihren Platz finden und nicht verloren gehen. Der Kostenaufwand bleibt dabei in der Regel eher gering. Es ist sinnvoll, das Snoezelen zu dokumentieren. Ratsam ist beispielsweise das Anlegen eines Bogens, in


Snoezelen

dem man Besonderheiten (z.B. Panik im etwas abgedunkelten Raum), die verwendeten Materialien, die der Patient besonders mag oder gerade nicht, und/oder auch die eigentliche Durchführung dokumentieren kann. Dies erleichtert zudem die Planung. Außerdem hat es sich als hilfreich gezeigt, „Paten“ im Team festzulegen, die im Verlauf Ansprechpartner für Fragen zur Durchführung oder Dokumentation sind oder sich um die Materialien kümmern, um eine defekte Glühbirne in der Snoezelen-Lampe schnell ersetzen zu können oder damit die Gegenstände wieder zurück an ihren Platz finden. Ist alles geklärt und vorbereitet, kann es losgehen! Natürlich nur, und das ist die wichtigste Voraussetzung, wenn auch der Patient es möchte! Im Verlauf ist vor allem in der Anfangszeit eine regelmäßige kurze Besprechung, z.B. im Rahmen der Stationssitzung, nützlich, in der Feedback zu den Erfahrungen gegeben werden kann.

Viel Spaß beim Snoezelen!

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Da das Snoezelen mittlerweile in unterschiedlichsten Bereichen angewendet wird, gibt es hier allgemeine Weiterbildungsmöglichkeiten: » Snoezelen-Zeit » I SNA-MSE (International SNoezelen Association Multi Sensory Environment) Speziell für Krankenhäuser oder Intensivstationen veranstaltet die Autorin selbst Fortbildungen, und zwar als freiberufliche Dozentin. Kontakt: Nele.Nissen@web.de

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Rubrik

Dana Lungmuss

RAT & RECHT

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Rat & Recht

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146 WHISTLEBLOWING IN DER PFLEGE Missstände öffentlich zu machen, erfordert viel Mut des Einzelnen

154 NEUES MUTTERSCHUTZGESETZ Änderungen kompakt zusammengefasst

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Rat & Recht

DER MUT DES EINZELNEN WHISTLEBLOWING Fot o

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Martin Pieck AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


Whisteblowing

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Erfährt man von Missständen in der eigenen Firma, sitzt man in der Zwickmühle. Geht man dagegen vor, riskiert man seinen Job – zumindest manchmal.

90.000 Euro. Eine Menge Geld, die das Jahresgehalt einer Pflegefachperson in Deutschland um ein Vielfaches übersteigt. Für Brigitte Heinisch steht die Summe aber nicht für plötzlichen Reichtum, in erster Linie bedeuten 90.000 Euro für sie einen späten Sieg. Einen Sieg gegen ein System, das sie dafür bestrafte, Missstände aufgedeckt zu haben. Vor 15 Jahren begann für die Berliner Altenpflegerin das Arbeitsverhältnis in einer Einrichtung, das noch Jahre nach ihrer Entlassung 2005 bundesweit für Aufsehen sorgen sollte. Heinisch berichtete unter anderem von Überforderung und Abrechnungsbetrug. Vor deutschen Gerichten blitzte sie ab, erst der Weg vor das Europäische Gericht für Menschenrechte brachte den späten Erfolg.

Es war ein Fall von Whistleblowing, lange bevor die NSA-Enthüllungen den Begriff deutschlandweit etablierten. Trotzdem sieht beispielsweise Transparency International noch keine großen Fortschritte, die dieser Art von Informanten das Leben in Deutschland erleichtern würden. Der systematische Schutz dieser Hinweisgeber sei öffentliche Aufgabe und notwendige Voraussetzung für mehr Transparenz, da durch Whistleblower immer schon Straftaten aufgedeckt worden seien, die sonst nie das Tageslicht erblickt hätten.

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Rat & Recht

HINWEISGEBER MÜSSEN WISSEN, UNTER WELCHEN UMSTÄNDEN SIE MISSSTÄNDE AN WEN BERICHTEN DÜRFEN, OHNE SICH SELBST IN JURISTISCHE GEFAHR ZU BEGEBEN. Rainer Frank, Leiter der Arbeitsgruppe Hinweisgeber von Transparency International Deutschland

Mit diesem Schutz sei es aber nicht weit hin, nach Angaben der Organisation liegt Deutschland damit sogar noch hinter China. „Hinweisgeber müssen wissen, unter welchen Umständen sie Missstände an wen berichten dürfen, ohne sich selbst in juristische Gefahr zu begeben“, fordert etwa Rainer Frank, Leiter der Arbeitsgruppe Hinweisgeber von Transparency International Deutschland. Über Transparency International Deutschland – Gesundheitswesen finden Sie mehr hier . AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Deutschland hinkt hinterher Auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) zeichnet noch im Jahr 2017 ein verstörendes Bild der Situation. „Deutschland hat schon vor Jahren – wie viele andere Staaten auch – eine Verpflichtung unterzeichnet, durch gesetzliche Regelungen den Whistleblowerschutz zu verbessern, bisher aber rein gar nichts diesbezüglich getan“, sagt Pressereferentin Johanna Knüppel. Dabei gäbe es zahlreiche Möglichkeiten, sich in der Branche ungerechtfertigt zu bereichern. Mögliche Beispiele seien das Betrauen ungelernter Helfer mit Pflegeaufgaben, die dann aus Verschleierungsgründen zu falscher Dokumentation angehalten würden. Personalbemessungen würden im Kontrollfall durch gefälschte Dienstpläne beschönigt. Beteiligte schweigen häufig aus Angst oder auch Unwissenheit. Mangels gesetzlicher Regelungen werden Whistleblowerfälle nämlich von Arbeitsgerichten entschieden – und


Whisteblowing

zwar höchst unterschiedlich. Es besteht also ein hohes Risiko für Arbeitnehmer, die ihrem Arbeitgeber durch Bekanntmachen von Interna schaden. Völlig hilflos sind sie aber nicht. Dabei gilt es, gewisse Eskalationsstufen einzuhalten. Der erste Weg muss laut DBfK immer über den direkten Vorgesetzten gehen. Erst wenn dieser nachweislich nicht handelt und Probleme nicht zeitnah angeht, sei der nächste Schritt ratsam. Unabhängig davon ist der Betriebsrat gleichwohl immer ein sinnvoller Ansprechpartner. In letzter Konsequenz ist es sinnvoll, Unregelmäßigkeiten zu melden; auf den Arbeitgeber, der diese ja abstellen müsste, könne man dabei nicht ver-

BETEILIGTE SCHWEIGEN HÄUFIG AUS ANGST ODER AUCH UNWISSENHEIT.

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trauen. Nicht hilfreich ist es dabei sicherlich, wenn deutsche Gerichte, wie im Fall Heinisch, zu erkennen geben, dass sie Whistleblowern nicht ausreichend den Rücken decken.

Schwierig, aber nicht unmöglich Dennoch gibt es auch Hoffnungsschimmer. So haben mittlerweile etwa Kommunen und Unternehmen Stellen eingerichtet, die Hinweisgebern als Anlaufpunkt dienen sollen. Damit setzen sie nach außen immerhin schon mal ein Zeichen, am Aufdecken von Missständen interessiert zu sein. So hat etwa das Deutsche Rote Kreuz schon 2008 einen Ombudsmann abgestellt, der als unabhängige Instanz auf Verdachtsfälle von „Korruption, Vorteilnahme und andere schädigende Handlungen“ reagiert, sagt Pressesprecher Dr. Dieter Schütz. Informationen, wie erfolgreich diese Einrichtung ist, AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Rat & Recht

will die Organisation nicht öffentlich machen, es gingen aber jährlich „mehrere Hinweise“ ein. Auch die Caritas ermutigt ihre Mitarbeiter, Verdachtsfälle aktiv an Vorgesetzte oder Ombudspersonen zu melden. Erste Schritte, die aber freiwillig entstehen und längst nicht für die ganze Branche stehen. So hat etwa die Diakonie keine vergleichbare Stelle. Die AWO hingegen nutzt seit sechs Jahren ein bundesweites System, das auch anonyme Meldungen von Missständen ermöglicht. P re s s e s p re c h e rin Mona Finder erläutert: „Die Anzahl der jährlich beim AWO Bundesverband eingehenden Beschwerden liegt im Durchschnitt AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

bei rund 100. Davon war in der Vergangenheit ein einstelliger Prozentanteil als schwerwiegend einzustufen.“ Den Erfolg der Maßnahme könne man daran erkennen, dass gemeldete Fälle nach Bearbeitung immer seltener neue Beschwerden nach sich ziehen. Aber auch wenn der eigene Arbeit-


Foto: Jonas Nilsson Lee / magdeleine.co

Whisteblowing

EINE GESETZLICHE REGELUNG KÄME NICHT NUR DEM ARBEITNEHMER­SCHUTZ ZUGUTE, SONDERN, WIE ZAHLREICHE FÄLLE DER VERGANGENHEIT GEZEIGT HABEN, AUCH DEM ALLGEMEINWOHL.

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geber keine explizite Möglichkeit einer folgenlosen Meldung vorsieht, gibt es mitunter Alternativen. Zumindest in stationären Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe gibt es in Rheinland-Pfalz die Möglichkeit, die Beratungs- und Prüfbehörde der Landesregierung anzusprechen. Das Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung hat ein Qualitäts- und Beschwerdetelefon eingerichtet. Unter der kostenfreien Rufnummer 0800 575 81 00 können Anregungen und Hinweise gegeben oder Fragen gestellt werden. Für Krankenhäuser und ambulante Pflegedienste gilt das nicht. Sollten Sie in einem Krankenhaus oder in einem ambulanten Dienst tätig sein und hier Missstände erkennen, sollten Sie den MDK RLP informieren oder direkt mit den Pflegekassen in Kontakt treten. Selbstverständlich können sich Mitglieder der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz auch an die Geschäftsstelle wenden, um sich beraten zu lassen. Kontakt: info@pflegekammer-rlp.de

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Es ist also einiges in Bewegung Dennoch: Eine gesetzliche Regelung käme nicht nur dem Arbeitnehmerschutz zugute, sondern, wie zahlreiche Fälle der Vergangenheit gezeigt haben, auch dem Allgemeinwohl. Im Bundestag hat man das Problem schon lange erkannt, jedoch war man für einen besseren Hinweisgeberschutz bislang nicht mehrheitsfähig. Selbstverständlich gibt es auch für diese Haltung Argumente. So sei mit einem starken Hinweisgeberschutz Denunziantentum Tür und Tor geöffnet. Ein Argument, das Befürworter aufgrund mangelnder Verhältnismäßigkeit nicht gelten lassen wollen. Und trotzdem, an eine gesetzliche Umsetzung ist derzeit kaum zu denken.

Leitfaden online So liegt es immer deutlicher bei den Organisationen selbst, Informanten zu schützen. Ein Ausrufezeichen, wenn auch nicht aus der PflegebranAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

che, setzte im selben Jahr wie das Rote Kreuz auch die Deutsche Bahn, indem auch sie ein System der ano nymen Meldemöglichkeit für ihre weltweit 300.000 Mitarbeiter eingerichtet hat.

SO LIEGT ES IMMER DEUTLICHER BEI DEN ORGANISATIONEN SELBST, INFORMANTEN ZU SCHÜTZEN. Wie so eine Meldung in anderen Bereichen aussehen kann, hat Transperency International Deutschland in einem Leitfaden zusammengefasst, in dem auch nach dem je­ weiligen Bundesland aufgelistet ist, ob es über die Institutionen hinweg die Möglichkeit anonymer Meldungen gibt.


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Über den Autor Doch wird auch der Leitfaden dem komplexen Thema nicht umfassend gerecht. Daher überlegt der DBfK, bald eine eigene Broschüre zu dem Thema zu veröffentlichen. Vielleicht ein nötiger Baustein, um einem heiß diskutierten und oft unterschätzten Problem eine geeignete Bühne zu bieten.

Martin Pieck ist freier Journalist

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Rat & Recht

Isabel Bierther

Helena Melikov

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NEUES FÜR MÜTTER IN KÜRZE!

Neues Mutterschutzgesetz

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Das Gesetz zum Schutz von Müttern bei der Arbeit, in der Ausbildung und im Studium (Mutterschutzgesetz – MuSchG) schützt die Gesundheit der Frau und ihres Kindes während der Schwangerschaft, nach der Entbindung und in der Stillzeit. Jetzt gibt es Änderungen. Die Neuregelung des Mutterschutzgesetzes modernisiert das alte Mutterschutzrecht aus dem Jahr 1952. Ziel war ein zeitgemäßer Ausgleich zwischen Gesundheitsschutz für Mutter und Kind sowie einer selbstbestimmten Teilhabe der Frau am Arbeitsleben. Die wesentlichen Änderungen in Kürze: Zunächst wurde der Anwendungsbereich des Gesetzes erweitert. Ab dem 1. Januar 2018 werden viel mehr Frauen unter den Geltungsbereich dieses Gesetzes fallen. Für die Pflege sind folgende Gruppen besonders wichtig: unsere Schülerinnen, die sich in betrieblicher Berufsausbildung befinden, Frauen, die als Mitglied einer geistlichen Genossenschaft, als Diakonissen oder als Angehörige einer ähnlichen Gemeinschaft auf einer Planstelle oder aufgrund AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Rat & Recht

eines Gestellungsvertrages für diese Institution tätig sind, auch während der Zeit ihrer dortigen außerschulischen Ausbildung, und Frauen, die als Freiwillige nach dem Jugendfreiwilligendienstegesetz oder nach dem Bundes­freiwilligendienstgesetz in den Pflegeeinrichtungen beschäftigt sind.

FÜR WEIBLICHE PFLEGEFACHPERSONEN IST WICHTIG ZU WISSEN, DASS SIE NICHT GLEICH MIT DER ANZEIGE IHRER SCHWANGERSCHAFT EINEM BESCHÄFTIGUNGSVERBOT UNTERLIEGEN. Für alle Frauen gelten bereits jetzt folgende Mutterschutzfristen: sechs Wochen vor der Geburt und acht Wochen nach der Geburt; letztere verlängert sich jedoch auf zwölf Wochen bei einer Früh- oder MehrAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

lingsgeburt oder wenn vor Ablauf von acht Wochen nach der Entbindung ein Arzt eine Behinderung beim Kind festgestellt hat. Während der Schwangerschaft bis zum Ablauf von vier Monaten nach der Geburt sind Kündigungen des Arbeitsvertrages unzulässig. Diese Regelung wird ausgeweitet auf Frauen, die nach der zwölften Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt erleiden; auch diese Frauen genießen den Kündigungsschutz bis vier Monate nach der Fehlgeburt. Wichtig zu wissen ist, dass der Arbeitgeber während dieser Zeit auch Vorbereitungshandlungen für eine Kündigung zu unterlassen hat. Er darf also keine Betriebsratsanhörung zur Kündigung durchführen oder einen Antrag beim Integrationsamt auf Zustimmung zur Kündigung stellen.

Nachtarbeit nur mit Zustimmung des Arztes Hinsichtlich der Modernisierung der Arbeitswelt wurden Änderungen beim Nacht- und Mehrarbeitsverbot vorgenommen. Das Nachtarbeitsverbot gilt zwar immer absolut zwischen 22 Uhr und 6 Uhr, aber zwi-


Neues Mutterschutzgesetz

schen 20 Uhr und 22 Uhr kann die Aufsichtsbehörde die Nachtarbeit der Frau genehmigen, jedoch nur mit ihrer Zustimmung und ärztlicher Unbedenklichkeitsbescheinigung. Auch Mehrarbeit soll in Grenzen zulässig sein. Künftig darf die Frau die vertraglich vereinbarte Wochenarbeitszeit überschreiten, jedoch nur dann, wenn sie die monatliche Arbeitszeit einhält.

Arbeitgeber muss die Gefährdung beurteilen Für weibliche Pflegefachpersonen ist wichtig zu wissen, dass sie nicht gleich mit der Anzeige ihrer Schwangerschaft einem Beschäftigungsverbot unterliegen. Das neue Mutterschutzgesetz, das auch die Regelungen der Verordnung zum Schutz der Mütter am Arbeitsplatz aufnimmt, gibt dem Arbeitgeber folgende Prüfung vor: Der Arbeitgeber hat eine Gefährdungsbeurteilung mit arbeitsschutzrechtlicher Beurteilung der Arbeitsbedingungen zu erstellen. Liegt danach eine nicht zu verantwortende Gefährdung vor, muss der Arbeitgeber zunächst den Arbeitsplatz der

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DER ARBEITGEBER HAT EINE GEFÄHRDUNGS­ BEURTEILUNG MIT ARBEITS­ SCHUTZRECHTLICHER BEURTEILUNG DER ARBEITS­BEDINGUNGEN ZU ERSTELLEN. Pflegefachperson umgestalten, um die Gefährdung auszuschließen. Ist das nicht möglich oder die Umgestaltung nicht zumutbar, muss er die Pflegefachperson an einem anderen Arbeitsplatz beschäftigen. Erst wenn eine Beschäftigung an einem anderen Arbeitsplatz nicht möglich ist, kann der Arbeitgeber als letztes Mittel ein Beschäftigungsverbot aussprechen. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Rat & Recht

Urlaubsanspruch Auch während der Ausfallzeiten wegen mutterschutzrechtlicher Beschäftigungsverbote (somit auch während der Mutterschutzfristen) entstehen Urlaubsansprüche. Eine Kürzung des Erholungsurlaubs ist nicht zulässig.

Kündigungsschutz Vom Beginn der Schwangerschaft an bis zum Ablauf von vier Monaten nach der Entbindung ist die Kündigung des Arbeitsverhältnisses vonseiten des Unternehmens unzulässig. Das gilt seit dem 30. Mai 2017 entsprechend für Frauen, die nach der zwölften Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt erleiden.

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Neues Mutterschutzgesetz

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Die Autorin

Den Leitfaden zum Mutterschutz des Bundesministeriums für Familie, Frauen, Senioren und Jugend finden Sie hier

Isabel Romy Bierther Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) informiert hier

Rechtsanwältin und Fachanwältin für Arbeits- und Medizinrecht, Essen

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Rubrik

Dana Lungmuss

JUNGE KAMMER

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Junge Kammer

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162 NEUE AUSBILDUNGSREFORM Über Lob und Tadel, verpasste Chancen, optimistische Stimmen und ein Beispiel, das zeigt, wie eine Umsetzung aussehen kann

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Junge Kammer

Ausbildungsreform

LOB UND TADEL

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Generalistik

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Dana Lungmuss

Verpasste Chance oder Aufwertung der Pflege? Beides trifft zu, so der Tenor bei Pflegekammer und Verbänden zum neuen Pflegeberufegesetz. Größter Wermutstropfen der Reform bleibe die Schlechterstellung der Altenpflege wie der Kinderkrankenpflege, meint Dr. Markus Mai. „Die generalistische Pflegeausbildung erleichtert einen Wechsel zwischen den Pflegebereichen. Diese Chance zur Attraktivitätssteigerung hätten wir uns für alle Auszubildenden in der Pflege gewünscht. Die künftigen Kolleginnen und Kollegen aus diesen Bereichen muss man leider als Verlierer des Kompromisses ansehen“, so der Präsident der Pflegekammer Rheinland-Pfalz. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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AUCH WENN DIE PFLEGEKAMMER UND DIE MEISTEN VERBÄNDE DEN KOMPROMISS ZUR GENERALISTIK KRITISIEREN: ES GIBT ANDERE ASPEKTE, DIE DURCHAUS OPTIMISTISCH STIMMEN. Altenpflege begrüßt Durchlässigkeit Trotzdem finden sich in der Altenpflege optimistische Stimmen über die Reform, die am 7. Juli den Bundesrat passierte: Alexander Künzel, Vorstand der Bremer Heimstiftung und Befürworter von Generalistik und Pflegekammern, sieht den Vorteil in der grundsätzlich größeren Durchlässigkeit der Ausbildung. Das AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

neue Gesetz betrachtet er als Etappensieg: „Mit dem Grundsatzbeschluss zur Generalistik ist es natürlich nicht getan – wie so oft liegt jetzt der Teufel im Detail. Und da müssen wir jetzt als Altenpflege aktiv mitmischen, um den besten Weg zwischen Spezialisierung und Generalistik zu finden.“ Auch wenn die Pflegekammer und die meisten Verbände den Kompromiss zur Generalistik kritisieren: Es gibt andere Aspekte, die durchaus optimistisch stimmen. „Die Ausgestaltung im Hinblick auf die Akademisierung bewerte ich eindeutig positiv“, sagt Felix Müller, Mitglied der Vertreterversammlung der Pflegekammer Rheinland-Pfalz und Vorsitzender der AG Junge Kammer. „Dies ist ein wesentlicher Baustein zur Aufwertung des Berufes. Hier geht es darum, dass die akademisierte Pflegefachperson fachlich recherchiert, steuert, sich um Umsetzung von Ex-


Generalistik

perten- und Qualitätsstandards kümmert und interprofessionelle Qualitätszirkel besetzt, um dort anderen Berufsgruppen auf Augenhöhe zu begegnen.“

Endlich möglich: grundständiges Pflegestudium Karrierepfade in der Pflege verlaufen sehr unterschiedlich. Pflegefachpersonen entscheiden sich für vertikale oder horizontale Karriereverläufe, bilden sich weiter oder studieren, um sich weiterzuentwickeln. Im Studienbereich gibt es die klassischen Möglichkeiten der Pflegewissenschaft, des Pflegemanagements oder der Pflegepädagogik. Darüber hinaus können seit einigen Jahren auch Pflegeexperten studieren, die direkt in der Patientenversorgung arbeiten möchten. Neu ist, dass bereits während der Ausbildung die Möglichkeit besteht, ein Studium zu

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beginnen. „Das hebt das Ansehen des Berufes und erhöht – zusammen mit den im Gesetz klar definierten vorbehaltenen Tätigkeiten – außerdem die Versorgungsqualität“, so Felix Müller. Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) hebt außerdem hervor, dass das Gesetz (unter Ausbildungsziel) „die Selbstständigkeit für professionelles pflegerisches Handeln“ betont.

NEU IST, DASS BEREITS WÄHREND DER AUSBILDUNG DIE MÖGLICHKEIT BESTEHT, EIN STUDIUM ZU BEGINNEN. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Junge Kammer

!

Die wichtigsten Punkte Ab  2020 werden alle Schüler der bisherigen Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege die ersten zwei Jahre gemeinsam ausgebildet.

Im  dritten Jahr können sie den neuen, europaweit anerkannten generalistischen Berufsabschluss wählen. Sie haben aber auch die Möglichkeit, sich auf Alten- oder Gesundheits- und Kinderkrankenpflege zu spezialisieren. Diese beiden Abschlüsse finden allerdings keine europaweite Anerkennung.  er die generalistische AusbilW dung fortsetzt, schließt nach drei Jahren als „Pflegefachfrau“ oder „Pflegefachmann“ ab, wer sich im dritten Jahr spezialisiert, mit „Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/-in“ beziehungsweise „Altenpfleger/-in“. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Nach zwei Jahren gibt es eine Prü fung. Die Bundesländer haben in weiterführenden Verordnungen die Möglichkeit, diese Zwischenprüfung als Pflegeassistenzausbildung anzuerkennen. Die Ausbildung wird aus einem  Fonds finanziert; in diesen zahlen die Krankenhäuser, die stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen sowie die Länder und die Pflegekassen ein. Erstmals sind der Pflege vorbe­  haltene Tätigkeiten festgelegt. Das  grundständige Pflegestudium wird optional zur Ausbildung zur Pflegefachfrau oder zum Pflegefachmann gesetzlich verankert. Außerdem werden für die Hochschulabsolventen spezielle Aufgaben definiert, etwa das Steuern und Gestalten von hochkomplexen Pflegeprozessen.


Generalistik

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STIMMEN ZUR GENERALISTIK Wir hätten uns wesentlich mutigere Schritte gewünscht. Die generalistische Pflegeausbildung kommt scheibchenweise. Andreas Westerfellhaus, Deutscher Pflegerat (DPR)

In letzter Minute sei ein Kompromiss gefunden worden, der den Eigeninteressen einer kleinen, aber militanten Minderheit Rechnung trägt. (...) Wir werden sorgfältig prüfen – dies gilt insbesondere für die Bildungsstandards der beruflichen Ausbildung –, wo das jetzt verabschiedete Gesetz nicht praxistauglich ist, und in der nächsten Legislaturperiode entsprechende Nachbesserungen einfordern. Christel Bienstein, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)

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Junge Kammer Wir erwarten Desorientierung bei den Ausbildungsinteressierten sowie massiven organisatorischen Mehraufwand an den Schulen, die dieses fachlich und pädagogisch sinnlose Konzept umsetzen müssen. Carsten Drude und Christine Vogler, Berufsverband Lehrende Gesundheits- und Sozialberufe (BLGS)

Die generalistische Pflegeausbildung erleichtert einen Wechsel zwischen den Pflegebereichen. Diese Chance zur Attraktivitätssteigerung hätten wir uns für alle Auszubildenden in der Pflege gewünscht. Die künftigen Kolleginnen und Kollegen aus diesen Bereichen muss man leider als Verlierer des Kompromisses ansehen. Dr. Markus Mai, Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz

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Generalistik Mit dem Grundsatzbeschluss zur Generalistik ist es natürlich nicht getan – wie so oft liegt jetzt der Teufel im Detail. Und da müssen wir als Altenpflege aktiv mitmischen, um den besten Weg zwischen Spezialisierung und Generalistik zu finden. Alexander Künzel, Heimstiftung Bremen

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Mit einer modernen Pflegeausbildung stärken wir unsere Pflegekräfte durch mehr Berufs- und Aufstiegschancen. Außerdem sorgen wir dafür, dass das Schulgeld in der Altenpflege endlich überall abgeschafft wird. Staatssekretär Lutz Stroppe, Bundesgesundheitsministerium

Ich erwarte, dass die berufsständische Vertretung der Pflegenden bei der Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Pflegeberufegesetzes aktiv einbezogen wird. Nur so kann sichergestellt werden, dass ein Ergebnis nicht von politischen Kompromissen, sondern vom tatsächlichen Bedarf und wissenschaftlich fundierten sowie international anschlussfähigen Positionen geprägt ist. Hierfür ist unter anderem die Etablierung einer Bundespflegekammer unerlässlich. Felix Müller, AG Junge Kammer

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KOMMENTAR

Ein erster Schritt zur ,,echten‘‘ Generalistik Felix Müller

Mitglied der Vertreterversammlung der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz und Vorsitzender der AG Junge Kammer

Der Beschluss des Bundestages zum neuen Pflegeberufegesetz vom 22. Juni 2017 ist kein großer Schritt, jedoch ein ausbaufähiger Anfang, um die Professionalisierung der Pflege voranzutreiben. Die Verabschiedung im Bundestag war wichtig, das Gesetz kann nun nach der Zustimmung des Bundesrates in Kraft treten. Ein Scheitern wäre für den Berufsstand der Pflege fatal gewesen. Ziel des Gesetzes ist, den Beruf Pflege zukunftsfähig zu machen sowie ein einheitliches Berufsbild zu schaffen. Leider ist dies nur teilweise gelungen. Durch die erneute Aufteilung der Abschlüsse nach den zwei gemeinsamen Jahren der generalistischen Ausbildung in die Berufsabschlüsse Pflegefachfrau/ Pflegefachmann sowie Altenpfleger/-in und Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/-in wird man den beiden letzteren Abschlüssen wieder einmal nicht gerecht. Vor allem sind abermals die AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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ES WÄRE WICHTIG GEWESEN, EINE GEMEINSAME GENERALISTISCHE AUSBILDUNG ZU VERABSCHIEDEN, UM ENDGÜLTIG EINER GRENZZIEHUNG ZWISCHEN DEN DREI BERUFSFELDERN ENTGEGENZUWIRKEN. Altenpflege und auch die Gesundheits- und Kinderkrankenpflege klar benachteiligt. Eine Durchlässigkeit und ein Wechsel zwischen den einzelnen Pflegebereichen bleibt damit schwierig. Besonders im Hinblick auf den Berufsstatus, die Beschäftigungssituation und die Vergütung ist die Altenpflege weiterhin hintenangestellt. Denn nur ein gemeinsamer generalistischer Ausbildungsabschluss erzeugt ein gemeinsames pflegerisches Selbstverständnis und verhindert eine Staffelung nach den jeweiligen Berufsabschlüssen. Es wäre wichtig gewesen, eine gemeinsame generalistische Ausbildung zu verabschieden, um endgültig einer Grenzziehung zwischen den drei Berufsfeldern entgegenzuwirken. Obwohl die Ansprüche eines einheitlichen Berufsbildes stets politisch befürwortet wurden, handelt es sich hier klar um eine Scheinlösung. Man hat die Berufsfelder der Gesundheits- und Krankenpflege, der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und der Altenpflege nur unter dem Schleier der GeneraAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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listik versteckt. Die Aufteilung der Berufsgruppen besteht weiter und wird auf dem Rücken der Auszubildenden ausgetragen. Die in Deutschland ausgebildeten Pflegefachpersonen werden auf dem europäischen Arbeitsmarkt benachteiligt, vor allem jene, die sich nach den zwei gemeinsamen Jahren für die Altenpflege oder Kinderkrankenpflege entscheiden. Denn diese Aufteilung existiert so auf dem europäischen Markt nicht, weshalb den Pflegefachpersonen in Deutschland die automatische europaweite Anerkennung ihrer Berufsbildung weiterhin verwehrt bleibt. Ziel war es doch, die Auszubildenden multidimensional mit einer hohen Flexibilität auszubilden. Stattdessen wurden sie erneut ihrer Vorteile einer klassischen generalistischen Ausbildung beraubt und werden in Europa den anderen Mitgliedsstaaten auch in Zukunft hinterherhinken. Es stellt sich die Frage, welchen Vorteil eine Spezialisierung im letzten Jahr generieren soll. Man reißt einen Ausbildungskurs, der sich über zwei Jahre zu einer Klassengemeinschaft gefunden hat, auseinander und teilt die Auszubildenden in die einzelnen Spezialisierungen ein. Zerstört dies nicht eine Gemeinschaft und schafft Konkurrenzdenken? Es wäre auch sinnvoll, die Praxisanleiter in der Altenpflege genauso wie in der Gesundheitsund Krankenpflege zu vergüten. Das würde den AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Theorie-Praxis-Transfer fördern, denn Ziel des neuen Pflegeberufegesetzes war es auch, die Qualität der Ausbildung multidimensional in allen Bereichen des Gesundheitssystems zu steigern. Einige Aspekte des Gesetzes steigern aber die Attraktivität und Professionalisierung des Berufes: die hochschulische Ausbildung als weiteren Zugang zum Berufsfeld und die erstmalige Regelung von Vorbehaltsaufgaben. Bestimmte Tätigkeiten dürfen damit aus Qualitätsgründen nur noch Pflegefachpersonen ausüben. Auch die Berücksichtigung der Schulgeldfreiheit ist hier zu erwähnen. Dies sind wichtige Schritte für das gesamte Berufsbild Pflege. Mit dem neuen Gesetz ist trotz aller Kritik nun zumindest die Türe offen, um in Zukunft eine gemeinsame generalistische Ausbildung mit einem einheitlichen Abschluss zu ermöglichen. Ich erwarte, dass die berufsständische Vertretung der Pflegenden bei der Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Pflegeberufegesetzes aktiv einbezogen wird. Nur so kann sichergestellt werden, dass ein Ergebnis nicht von politischen Kompromissen, sondern vom tatsächlichen Bedarf und wissenschaftlich fundierten sowie international anschlussfähigen Positionen geprägt ist. Hierfür ist unter anderem die Etablierung einer Bundespflegekammer unerlässlich. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Jens Schünemann

Im Interview Katharina Kutzer, Christina Maddocks und Nicole Döhler (v.l.)

WUNDERBARER ÜBERBLICK An der Wannsee-Schule gibt es die Generalistik seit gut 13 Jahren. Ein eindeutiger Gewinn, wie Nicole Döhler, Christina Maddocks und Katharina Kutzer meinen. Aber auch kein großes Thema – weshalb die drei auch bald auf Personalmangel und Pflegekammern zu sprechen kommen. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Warum haben Sie sich für die generalistische Ausbildung entschieden? Nicole Döhler: Mein Traum ist es, ein paar Jahre auf einem Kreuzfahrtschiff oder im Ausland zu arbeiten. Da empfiehlt sich ein Abschluss, der dem europäischen Standard entspricht. Aber auch ganz allgemein betrachtet hebt die europäische Anerkennung den Berufsstand hierzulande. Christina Maddocks: Es ist doch gar nicht so einfach, sich von vornherein festzulegen. Viele sind bis zum Ende der Ausbildung unentschlossen. Die Entscheidung fällt leichter, wenn man erst einmal in alle Bereiche Einblick erhalten hat. Katharina Kutzer: Ich habe diese Schule vor allem gewählt, weil man hier richtig gut unterschiedliche Situationen probt – es gibt im Keller ein nachgestelltes Wohnzimmer, in dem wir etwa lernen, uns in der Wohnung des Patienten richtig zu verhalten und zu improvisieren. Gut ist auch, dass an AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

ICH MÖCHTE EIN PAAR JAHRE AUF EINEM KREUZFAHRTSCHIFF ODER IM AUSLAND ARBEITEN, DESHALB HABE ICH MICH FÜR DIE GENERALISTIK ENTSCHIEDEN. Nicole Döhler


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praktischen Prüfungen Schauspieler teilnehmen, die beispielsweise einen Patienten mit COPD mimen – den müssen wir dann beraten, während er um Luft ringt. In der Praxis habe ich schon oft gemerkt, dass mir die Generalistik zugutekommt. Vor einiger Zeit etwa lag ein Patient im Sterben: Die Familie war zu Besuch und die Mutter überfordert, als die Tochter ihr Fragen zum Vater stellte. Während ich den Sterbenden versorgte,

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konnte ich mit der Tochter sprechen und so die Mutter entlasten. Ohne die Sterbewoche in unserer generalistischen Ausbildung hätte ich das, so glaube ich, nicht geschafft. Aber spüren Sie nicht gelegentlich fachliche Defizite? Maddocks: Ich war im Anschluss an den Gynäkologieblock auf der Wöchnerinnenstation. Dort habe ich mich mit einigen Schülerinnen der Kinderkrankenpflege unterhalten – und ich muss sagen, dass ich mich nicht weniger fähig fühlte. Das hat aber sicherlich auch mit dem Konzept unserer Schule zu tun: Der Theorieblock passt grundsätzlich bei allen Schülern zum unmittelbar folgenden Praxiseinsatz. Das ist an dieser Schule möglich, weil sie mit 20 Krankenhäusern kooperiert – übrigens ein weiterer Grund, weshalb ich mich für diese Schule entschieden habe. Döhler: Meine beste Freundin arbeitet in der Kinderpflege in Karlsruhe. Uns beiden ist aufgefallen, dass sie etwa bei dem Thema motorische Entwicklungsstörungen viel mehr in AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

die Tiefe gegangen ist, wir hingegen haben es nur angerissen … Kutzer: … unser Vorteil ist aber, dass wir alles als Grundbaustein lernen. So sind wir auf unterschiedlichste Situationen gut vorbereitet. Kinder liegen heute beispielsweise oft zusammen mit Erwachsenen auf einer Station, weil es gar nicht mehr so viele pädiatrische Fälle gibt – da ist es gut, sich auch mit Älteren auszukennen. Döhler: Das ist überhaupt das Gute an unserer Schule, dass sie auf aktuelle Situationen reagiert, wir Vorschläge machen können und diese dann möglicherweise in den Lehrplan aufgenommen werden. Jetzt haben wir uns zum Beispiel auch mit dem Thema Flüchtlinge beschäftigt und, klar, wir lernen auch Nursing English. Maddocks: Aber warum nicht auch ein wenig Türkisch, Arabisch oder Russisch, haben wir gefragt? Wenn man den Patienten in seiner Muttersprache nur ein paar Dinge fragen kann – etwa: „Ist Ihnen übel?“ –, dann schafft das viel Vertrauen.


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Wollen sich später spezialisieren: Katharina Kutzer (22) liebäugelt mit der Pädiatrie und der Notfallpflege, aber auch für Pflegepädagogik interessiert sie sich. Anästhesie und Hospizpflege sind die Favoriten von Nicole Döhler (23). Christina Maddocks (39) hat bereits Hotels und ShoppingCenter in Dubai vermarktet. Trotzdem möchte sie nicht ins Pflegemanagement. Für die studierte Betriebswirtin steht fest: „Ich will auf Station arbeiten.“

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Junge Kammer

Jetzt sind wir ganz von der Generalistik abgekommen. Sagen Sie: Haben Sie die politische Diskussion darüber verfolgt? Kutzer: Ja, aber ich verstehe das Gejammer nicht. Ich kann mich nach der dreijährigen generalistischen Ausbildung immer noch spezialisieren – es gibt doch Weiterbildungen für die verschiedensten Fachgebiete wie Intensivpflege, OP- oder Palliativ­pflege. Warum sollte es nicht auch welche für die Pädiatrie, die Geriatrie oder auch die Chirurgie geben? Döhler: Es gibt zurzeit ganz andere Herausforderungen. Was mich wirklich traurig macht: Wir haben keine Zeit für die Patienten. Man rackert acht Stunden und hat am Ende doch das Gefühl, die Patienten nicht gut versorgt zu haben. Kutzer: Wir waren neulich zwei Tage im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, einer Klinik für anthroposophische Medizin, und haben viel über Wickel und Einreibungen gelernt. Aber wir können diese wirklich guten Behandlungsformen gar nicht AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

anwenden – dafür fehlt schlicht die Zeit. Übrigens hat mir eine Krankenschwester auf Station neulich erzählt, dass sie vor 15 Jahren immobile Patienten nachmittags gelegentlich in die Badewanne gehoben haben. Die Patienten fühlten sich hinterher richtig gut, denn so ein Bad ist etwas ganz anderes, als immer nur mit einem Lappen gewaschen zu werden. Heute ist so etwas gar nicht mehr möglich.


Generalistik

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DURCH PFLEGEKAMMERN WIRD DEUTLICH, DASS UNSER BERUF EIN EIGENER WERTVOLLER BERUF IST UND WIR NICHT DIE ASSISTENZ DER ÄRZTE SIND. Katharina Kutzer

Döhler: Unter dem Zeitmangel leidet natürlich auch die praktische Ausbildung. Es fehlen auf den Stationen oft Praxisanleiter, wir müssen viel selbst machen und bekommen den Druck voll zu spüren. Neulich habe ich mitbekommen, wie eine junge Schülerin angeblafft wurde, warum sie es nicht geschafft habe, das Inkontinenzmaterial allein am Patienten zu wechseln. Maddocks: Oft erkennen die älteren Kollegen auch gar nicht an, dass wir Dinge hinterfragen und uns an der Wissenschaft orientieren. Gerade beim Thema Händehygiene bekomme ich häufig zu hören: „Ja, ja, das lernt ihr jetzt so, aber nach der Ausbildung kannst du das auch anAUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Junge Kammer

ders machen.“ Viele halten sich nicht an die einfachsten Regeln und tragen Schmuck, Uhren, lange Fingernägel, lackierte Fingernägel, falsche Fingernägel. Ohne Schutzkleidung ins Zimmer von Patienten gehen – auch das habe ich schon gesehen. Döhler: Aus diesem Grunde finde ich auch Pflegekammern gut: Die bauen Hürden auf und kümmern sich um die Qualitätssicherung in der Pflege, indem sie zum Beispiel regelmäßige Fortbildungen vorschreiben oder die Erlaubnis zum Führen der Berufsbezeichnung bei Vorkommnissen entziehen. Kutzer: Ja, durch Pflegekammern wird deutlich, dass unser Beruf ein eigener wertvoller Beruf ist, wir sind nicht die Assistenz der Ärzte und dürfen auch nicht nur in Verbindung mit diesen betrachtet werden. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

Maddocks: Unsere Aufgabe ist es, Patienten vor Komplikationen zu schützen und ihnen zu helfen, Selbstständigkeit zu erlangen. Wenn zum Beispiel keine richtige Dekubitusprophylaxe passiert, kann das richtig gefährlich werden. Es gibt, man muss es so sagen, tatsächlich Situationen, in denen unsere Entscheidungen Leben retten.

ES GIBT, MAN MUSS ES SO SAGEN, TATSÄCHLICH SITUATIONEN, IN DENEN UNSERE ENTSCHEIDUNGEN LEBEN RETTEN. Christina Maddocks


Generalistik

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Rubrik

Dana Lungmuss

ZUM GUTEN SCHLUSS

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Zum guten Schluss

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186 KOLUMNE Diesmal: Cicely Saunders zum Thema „Das hohe Gut soziale Intelligenz und Menschlichkeit“

200 FÜR SIE GELESEN ... Die Buchempfehlungen von Dr. Edith Kellnhauser

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Zum guten Schluss

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Matthias Prehm

DAS HOHE GUT SOZIALE INTELLIGENZ & MENSCHLICHKEIT

Helena Melikov

Kolumne: Cicely Saunders

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Matthias Prehm alias Cicely Saunders Wie heißt es in der Bürgschaft von Schiller: „Ich sei, so gewährt mir die Bitte, in eurer Mitte die Dritte.“ So ähnlich wenigstens. So kommt es, dass ich nun als Dritte im Bunde der Pflegepersönlichkeiten meinen Eindruck vom heutigen Stand des Pflegeberufes schildern darf. Während meines aktiven Wirkens habe ich die Idee der Hospizbewegung und der Palliativversorgung gefördert. Schon damals war ein elementares Einstellungskriterium für neue Mitarbeiter die soziale Kompetenz. Alle Bewerber brachten damals schon ein ho-

hes Maß an Qualifikationen, Weiterbildungen und fachlicher Kompetenz mit. Uns wurde jedoch schnell bewusst, dass Menschen, die sich am Lebensende befinden, sich neben dem hohen Grad an Fachlichkeit ebenso wünschen, von Menschen betreut zu werden, die sich die Menschlichkeit bewahrt haben. Sicherlich ist ein gewisser Grad an Empathie angeboren. Er wird jedoch stark von der Sozialisierung jedes Einzelnen geprägt und hat dadurch die Chance, sich zu entwickeln oder auch nicht. Florence Nightingale, die Verfasserin AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Zum guten Schluss

der ersten Kolumne, sagte in ihrem Schlusswort, dass die Pflegekammer ein Fuß in der Tür sei (zur Selbstbestimmung, Eigenverantwortlichkeit und zu einem gesunden Selbstvertrauen aller Pflegenden) und die Pflegenden nun diesen Raum zum Leuchten bringen können. Ich bin überzeugt, dass es schon heute sehr, sehr viele strahlende Persönlichkeiten in der Pflege gibt. Sie verleihen diesem Raum den nötigen Glanz. Sie beleuchten auch die dunklen Ecken des Alltags in einer Klinik oder einem Pflegeheim. Sie sind auch in den düsteren Momenten für die Patienten da und begleiten sie in allen Phasen während des Aufenthaltes. Sie sind ein Lotse im Sturm. Diese bewundernswerten Menschen sind allzu oft der Wachposten an der Schamgrenze, ein Begleiter für den letzten Weg. Sie sind das Spinnrad für den Gedulds­ faden und der Klebstoff für den täglichen Scherbenhaufen. Es sind häufig die stillen Alltagshelden (und -heldinnen!) mit ihrer Lebenserfahrung, ihrer Ruhe und hohen sozialen Kompetenz, die den Pflegeberuf zu dem AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

machen, wie ihn die Patienten wahrnehmen. Diese Kompetenz fällt nicht vom Himmel! Es ist das Ergebnis jahrelanger (häufig jahrzehntelanger) gelebter Achtsamkeit und Feinfühligkeit. Niemand, der vielleicht seit 15, 20 oder mehr Jahren in der Pflege arbeitet, braucht sich vor anderen zu verstecken. Um in das gleiche Horn wie meine Vorgängerin zu stoßen: Sie können sehr stolz darauf sein, was Sie geleistet haben! Es ist in meinen Augen ein Qualitätsmerkmal, über so viel soziale Kompetenz zu verfügen. Machen Sie sich bewusst, was Sie


Kolumne: Cicely Saunders

ES SIND HÄUFIG DIE STILLEN ALLTAGSHELDEN (UND -HELDINNEN!) MIT IHRER LEBENSERFAHRUNG, IHRER RUHE UND HOHEN SOZIALEN KOMPETENZ, DIE DEN PFLEGEBERUF ZU DEM MACHEN, WIE IHN DIE PATIENTEN WAHRNEHMEN.

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schon alles erlebt, was Sie geleistet und welche schwierigen Situationen Sie schon mit Bravour bestanden haben. Sicherlich sind Sie auch manchmal der Dompteur (oder sagt man Dompteuse?) der Emotionen, Sie sind Anwalt und Dolmetscher für die Patienten und auch einfach mal der Concierge im Hotel zur weißen Haube. Das bedeutet, dass Sie Mensch geblieben sind in diesem zum Teil unmenschlichen Gesundheitswesen. Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Können SIE jonglieren? Ja genau, jonglieren. Drei Bälle in der Luft halten mit zwei Händen. Zwei Bälle mit drei Händen wäre auch komisch. Ich gehe davon aus, dass Sie alle mit Menschen zusammenarbeiten. Vielleicht erkennen Sie sich ja in den folgenden Situationen wieder, jede Situation symbolisiert einen Ball, den Sie hochwerfen: Sie helfen gerade einer Kollegin bei der Patientenversorgung, ein Kollege kommt rein: „Hast du mal den Giftschrankschlüssel? … kannst du mir gleich nebenan helfen … Frau Peters muss zum Röntgen … holst danach Herrn Hartmann aus AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Zum guten Schluss

MENSCHLICHE REIFE IST EIN QUALITÄTSMERKMAL, IHRE FACHKOMPETENZ IST EIN SCHATZ, UND JEDER IST GUT BERATEN, DIESEN SCHATZ ZU HEBEN. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER

dem OP … die Besucher von der fünf sind da … gleich ist Visite … der Handwerker wartet schon wegen der Beckenspüle … Rolf hat sich für das Wochenende krankgemeldet, kannst du einspringen … wir müssen das Essen noch austeilen … nachher ist die Sicherheitsbegehung, wir sollten noch die Mundkeile aus den Brandschutztüren nehmen … und so weiter und so weiter. Haben Sie sich hier oder da wiedererkannt? Kann es sein, dass Sie solche Situationen schon mal erlebt haben? Jetzt noch mal zur Frage: Wer von Ihnen kann jonglieren? ALLE! Sie alle halten jeden Tag bei der Arbeit mindestens drei Bälle gleichzeitig in der Luft. Das ist das Ergebnis jahrelanger Übung. Sie werden eine komplette Persönlichkeit, indem Sie Ihre Sozial- und Fachkompetenz gleichermaßen weiterentwickeln. Damit werden Sie zum strahlenden Vorbild für Ihre


Kolumne: Cicely Saunders

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Der Autor neuen Kollegen, zu einem Leuchtturm für den Überblick. Menschliche Reife ist ein Qualitätsmerkmal, Ihre Fachkompetenz ist ein Schatz, und jeder ist gut beraten, diesen Schatz zu heben. Seien Sie sich bewusst: Pflegende sind wie Eisberge – man sieht nur einen Bruchteil von dem, was sie tun! Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Freude in diesem einzigartigen Beruf!

Ihre Cicely Saunders

In der nächsten Ausgabe sehen Sie:

Ricarda Klein

Matthias Prehm ist Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie, Botschafter von „Humor Hilft Heilen“ der Stiftung von Dr. med. Eckart von Hirschhausen sowie Geschäftsführer von HumorPille®. www.humorpille.de

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Zum guten Schluss

WER WAR

CICELY SAUNDERS ?

Cicely Mary Strode Saunders wird als Pionierin bezeichnet. Warum? Weil sie ihr Leben der Entwicklung zur bestmöglichen Versorgung Sterbender gewidmet hat. Ihr Wirken und ihre Arbeit mündeten damit in die Gestaltung der modernen Hospizbewegung und Palliativmedizin. Menschen an ihrem Lebensende eine hohe Lebensqualität und Selbstbestimmung zu ermöglichen, das war ihre Vision. Bei ihrer Tätigkeit als Krankenschwester und der Versorgung sterbenskranker Menschen wurde ihr bewusst, dass Sterbende mit ihren besonderen Nöten, Schmerzen und Ängsten nicht die Unterstützung erfahren, die sie brauchen. Ganz besonders prägte die Betreuung des Patienten David Tasma ihren Wunsch nach einer besseren Versorgung von Sterbenden. In den gemeinsamen Gesprächen reifte die Idee, eine eigene Einrichtung für Menschen zu schaffen, die dieser besonderen Zuwendung auf ihrem letzten Lebensabschnitt bedürfen. Cicely Saunders hatte 1937 das Studium der Philosophie, Politik und Ökonomie begonnen, aber zu Beginn des Zweiten Weltkrieges unterbrochen, weil sie dort unterstützen wollte, wo ihre Hilfe am meisten gebraucht wurde. Sie entschied sich daher für eine Ausbildung zur Krankenschwester, die sie an der Nightingale School of Nursing erfolgreich

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Kolumne: Cicely Saunders

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abschloss. Nach dem Krieg beendete sie ihr unterbrochenes Studium zur Sozialpädagogin. Um aber die Idee einer Palliativversorgung in einer Hospizeinrichtung zu realisieren und die dafür notwendigen zusätzlichen Kenntnisse zu erlangen, entschloss sie sich, Medizin zu studieren. Drei Professionen vereinten sich dann in einer Person und ihr weitgefächertes Wissen war damit die Grundlage ihrer zukuftsweisenden Arbeit. Teil der Arbeit von Cicely Saunders war die Formulierung des Begriffs Total Pain, wonach der Schmerz aus vier Dimensionen besteht: physisch, psychisch, sozial und spirituell. Nicht nur den körperlichen Schmerz schwerkranker Menschen zu behandeln, ist demnach das Ziel, sondern eben auch die anderen Bereiche bei der Versorgung zu berücksichtigen. Diese notwendige ganzheitliche Begleitung beschrieb sie in den Basisprinzipien von „Hospice care“, eine Bezeichnung, die dann unter dem Ausdruck „Palliative Care“ seit 1977 weltweit Verbreitung fand. Wir verdanken somit die Entstehung von Hospiz, Palliativmedizin und Palliativpflege, so wie sie heute sind, insbesondere auf dem hohen professionellen Niveau, vor allem Cicely Saunders. Für ihre Pionierarbeit erhielt sie viele Auszeichnungen. Bereits 1980 erhob Königin Elisabeth II. sie in den persönlichen Adelsstand, indem sie ihr den „Order of the British Empire“ verlieh. 2004 erhielt Saunders die Ernst-vonBergmann-Plakette der deutschen Bundesärztekammer. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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TIPPS & TERMINE

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2017

Tipps & Termine

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Infos zum Projekt auf der Community-HealthNursing-Webseite beim DBfK

FACHTAGUNG COMMUNITY HEALTH NURSING Community Health Nursing bedeutet, dass in Städten oder ländlichen Regionen, die primäre Gesundheitsversorgung maßgeblich von speziell qualifizierten Pflegefachpersonen unterstützt wird. In kommunalen Gesundheitszentren finden Patienten Ansprechpartner für alles rund um Krankheit und Gesundheit.

Die Agnes-Karll-Gesellschaft führt mit Förderung der Otto und Edith Mühlschlegel Stiftung in der Robert Bosch Stiftung eine Machbarkeitsstudie zu „Community Health Nursing“(CHN) in Deutschland durch. Im Rahmen der Tagung werden erste Ergebnisse vorgestellt und vertiefende Fragen diskutiert. Die Veranstaltung ist kostenfrei.

28. und 29.

November

Berlin AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


2017

LANDESPFLEGEKAMMER RHEINLAND-PFALZ INFORMIERT

21. August bis 15. September

Zum guten Schluss

Mainz

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Gemäß der Hauptsatzung der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz § 15 „Haushalts- und Rechnungswesen“, Absatz 6 wird für Mitglieder der Haushaltsplan, die Jahresrechnung sowie der Prüfbericht für die Dauer von vier Wochen zur Einsichtnahme ausgelegt. Die Möglichkeit der Einsichtnahme besteht vom 21.08. bis 15.09.2017 in der Geschäftsstelle der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz.

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Die aktuellen Termine und Ankündigungen des Ausschusses Finanzen und Finanzprüfung finden Sie jederzeit online auf der Homepage der Landespflegekammer


Tipps & Termine

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Um Anmeldung wird bis zum 30. September 2017 gebeten: Deutsche Gesellschaft für Pflege­wissenschaft e. V. E-Mail: info@dg-pflegewissenschaft.de

6.

AKADEMISCHE FEIER ZUM 70. GEBURTSTAG VON HILDE STEPPE

Frankfurt

Oktober

Um Hilde Steppe (deutsche Krankenschwester und Berufspolitikerin) und ihren Einfluss auf die Pflege geht es in einer akademischen Feier der Sektion Historische Pflegeforschung der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft e. V. und des Vereins zur Förderung der historischen Pflegeforschung e. V., der anlässlich des Todes von Hilde Steppe gegründet wurde. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Zum guten Schluss Um Anmeldung wird bis zum 4. September 2017 gebeten: Deutsche Gesellschaft für Pflege­wissenschaft e. V. E-Mail: info@dg-pflegewissenschaft.de

FACHTAGUNG WOHNPUNKT RLP

Mainz

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2017

Unter dem Titel „WohnPunkt RLP: Selbstorganisation für ein besseres Leben im Dorf“ findet am 15. September eine Fachtagung statt. Im Mittelpunkt steht die Frage, was Wohn-Pflege-Gemeinschaften und ihre Entstehungsprozesse zur Zukunftsfähigkeit der Dörfer in Rheinland-Pfalz beitragen können.

15.

September


Tipps & Termine

17.

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August

DISKUSSIONSRUNDE UND SPEEDDATING ZUR BUNDESTAGSWAHL

Mainz

Als Interessenvertretung der Pflegefachpersonen in Rheinland-Pfalz möchte die Pflegekammer Rheinland-Pfalz den Kammermitgliedern einen umfassenden Einblick in die pflegepolitischen Positionen der Parteien zur Bundestagswahl 2017 ermöglichen. Dazu werden sich die Vertreterinnen und Vertreter der Parteien nach einer ein- bis eineinhalbstündigen Diskussionsrunde, die vom „heute“-Sprecher Ralph Szepanski und Vizepräsidentin Sandra Postel geführt wird, in den direkten Austausch mit dem Publikum begeben.

Anmeldung bitte bei der Pflegekammer Rheinland-Pfalz E-Mail: info@pflegekammer-rlp.de 70 Plätze können wir vergeben. Mehr Informationen finden Sie hier

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200

Zum guten Schluss

GELESEN VON…

MEINE EMPFEHLUNG

Dr. phil. Edith Kellnhauser arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester in Deutschland, Großbritannien, Ägypten und den USA. Sie promovierte 1993 mit einer Dissertation zum Thema „Krankenpflegekammern und Professionalisierung der Pflege: Ein internationaler Vergleich mit Prüfung der Übertragbarkeit auf die Bundesrepublik Deutschland“. Sie ist Autorin beziehungsweise Herausgeberin zahlreicher pflegefachlicher Publikationen. Edith Kellnhauser ist Mitglied der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz.

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Gelesen von …

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In dieser Zeit des Fachkräftemangels ist es für pflegerische Einrichtungen überlebensnotwendig, dass Führungspersonen wertschätzend und leistungsanerkennend mit ihren Mitarbeitern umgehen.

Christian Lummer

50 Tipps für Führungsverantwortliche bei Personalmangel Verlag: Brigitte Kunz Preis: 12,95 Euro ISBN: 978-3-89993-817-3

Der Autor befasst sich deshalb mit zwei grundlegenden Fragen: Wie können engagierte und kompetente Fachkräfte gewonnen werden, und wie können sie dem Betrieb bis zu ihrer Rente erhalten bleiben? Zur Beantwortung dieser Fragen gibt der Autor viele praktisch durchführbare Tipps. Diese können eine höhere Arbeits­ attraktivität und Arbeits­freude erzeugen und dadurch entscheidend dazu beitragen, dass Mitarbeiter sich in ihrem Arbeits­ bereich wohlfühlen und deshalb im Unternehmen verbleiben. Dieses Buch ist ein handlungsorientierter Ratgeber für Führungsverantwortliche in allen pflegerischen Fachbereichen.

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202

Zum guten Schluss

Hans-Ulrich Dallmann, Andrea Schiff Ethische Orientierung in der Pflege

Verlag: Mabuse Preis: 19,95 Euro ISBN: 978-3-86321-290-2

Die Autoren behandeln ethische Fragen in unterschiedlichen Dimensionen des pflegerischen Handelns, beispielsweise: Menschsein, Gesundheit als Gut, Leben und Sterben, Pflegebedürftigkeit und Autonomie, motivierte Pflegende, zweckrationales und kommunikatives Handeln, professionelle Haltungen, interpersonelle Konfliktsituationen. Die Ausführungen unterstützen die individuelle ethische Urteilsbildung und regen an zu diesbezüglicher persönlicher Reflexion. Komplizierte Zusammenhänge stellen die Autoren plausibel dar und bringen sie dadurch auch Lesern ohne ethische Vorkenntnisse näher. Aufgrund der praxisnahen Behandlung ethischer Zusammenhänge sowie der dabei eingesetzten verständlichen Sprache bei einem komplizierten Thema ist dieses Buch Lehrenden, Schülern, Studierenden und Praktikern in der Pflege zu empfehlen.

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Gelesen von …

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Die Autoren befassen sich mit den theoretischen Grundlagen der Kommunikation, mit Kommunikation der Pflegenden mit den Pflegebedürftigen und Kollegen sowie mit Kommunikation im Pflegemanagement.

Renate Rogall-Adam, Hannelore Josuks, Gottfried Adam, Gottfried Schleinitz

Professionelle Kommunikation in Pflege und Management Verlag: Schlütersche Preis: 22,95 Euro ISBN: 978-3-89993-276-8

Neben der Sprache nehmen sie Aspekte wie Blickkontakt, Gestik, Mimik, Körpersprache, räumliches Verhalten sowie geschlechtsspezifisches Sprechverhalten von Frauen und Männern in den Blick. In der direkten Pflege heben sie die Bedeutung eines individuellen Beziehungsaufbaus durch Kommunikation im Sinne eines ganzheitlichen Pflegeverständnisses hervor. Im Bereich des Pflegemanagements gehen sie auf die Durchführung von verschiedenen Arten von Mitarbeitergesprächen ein. Die in diesem Buch vorgestellten Grundregeln der Kommunikation, der Kommunikationsprozesse und der individuellen kommunikativen Grundhaltungen sowie die angeführten Anwendungen können als praxisnaher Leitfaden für Lehrende, Lernende und Managementverantwortliche dienen. AUSGABE 03 � PFLEGEKAMMER


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Kontributoren

UNSERE KONTRIBUTOREN

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Kontributoren

TEXT

LEKTORAT

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FOTOGRAFIE

Isabel Romy Bierther

Eva Hasel

Jens Schünemann

Kati Borngräber

Bernd Gössel

Helena Melikov

Annemarie Fajardo

Anja Töller

Kirsten Gaede Michael Handwerk Prof. Dr. Ulrike Höhmann Markus Lauter Uwe Lötzerich Nele Nissen Martin Pieck Matthias Prehm Dipl.-Päd. Laura Schwarz Jun.-Prof. Dr. Erika Sirsch Ulrike Steinecke

ILLUSTRATION

DESIGN & LAYOUT

Dana Lungmuss

Helena Melikov Ann-Kristina Simon

Helena Melikov Laura Serra Mathilde Schliebe

Nadine Steinmetz Kerstin Werner Linda Wichert Alexander Wildberger

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PFLEGE KAMMER Impressum

PFLEGEKAMMER Das Magazin der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz (Herausgeberin) 1. Jahrgang Dr. rer. cur. Markus Mai und Sandra Postel (verantwortlich für die Kammerbeiträge) Große Bleiche 14 – 16, 55116 Mainz

Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Postanschrift: 30130 Hannover Adresse: Hans-Böckler-Allee 7, 30173 Hannover Tel. 0511 8550-0 Fax 0511 8550-2403 info@schluetersche.de www.schluetersche.de

Tel. 06131.32 73 80 Fax 06131.32 73 899 info@pflegekammer-rlp.de

Geschäftsführung: Stefan Schnieder, Lutz Bandte

Verlag: Carry-On Trade Publishing GmbH (COTP) Gustav-Meyer-Allee 25, 13355 Berlin

Redaktion: Nadine Steinmetz (V.i.S.d.P.) Gustav-Meyer-Allee 25, 13355 Berlin

Tel. 030 92 10 90 921 mail@carry-on-trade-publishing.com www.carry-on-trade-publishing.com

Tel. 030 92 10 90 921 nadine.steinmetz@carry-on-tradepublishing.com

Geschäftsführung: Nadine Steinmetz

Kerstin Werner (V.i.S.d.P.) Hans-Böckler-Allee 7, 30173 Hannover Tel. 0511 8550-2457 Fax 0511 8550-992457 werner@schluetersche.de

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Impressum

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Anzeigenverkauf: Susann Buglass Tel. 0511 8550-2528 buglass@schluetersche.de Derzeit gültige Anzeigenpreisliste: Nr. 1 vom 1. Januar. 2017 Druckunterlagen: anzeigen@carry-on-trade-publishing.com Erscheinungsweise: sechs Ausgaben im Jahr Schrift: Miso Freight Sans Pro Freight Text Pro

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PFLEGEKAMMER Ausgabe 3 – Arbeitsmarkt Pflege  

Die dritte Ausgabe Ihres Kammermagazins widmet sich dem "Arbeitsmarkt Pflege“. Wie verändert sich die Arbeitssituation in der Pflege? Wer si...

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Die dritte Ausgabe Ihres Kammermagazins widmet sich dem "Arbeitsmarkt Pflege“. Wie verändert sich die Arbeitssituation in der Pflege? Wer si...

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