__MAIN_TEXT__

Page 1

DOSSIER:

Diabetes – Wie zuckerkrank sind wir?

s m a e r D t S wee


FOLGT UNS!

Folgen Sie uns auch auf Facebook, Instragram und Twitter. Dort berichten wir von Schönem, Spannendem und Aktuellem, und eben über alles, was wichtig ist rund um das Älterwerden @lebenlang_magazin

AUSGABE 14

2


› › › EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser, für unsere LEBENLANG Ausgabe N°14 sind wir dem süßen und traumhaften Leben auf den Grund gegangen. Die Ausgabe wird dieses Mal von der legendären Titelmelodie „Sweet Dreams“ von Eurythmics begleitet – es ist also wieder ein echter Ohrwurm geworden. Passend zum Titelsong widmen wir uns in dieser Ausgabe den süßen Sünden, denen wir nicht widerstehen können – bei denen aber oft Vorsicht geboten ist, wie Sie bei uns erfahren werden – wie auch der Frage, was Menschen im Leben antreibt, ihnen Kraft gibt und wovon sie träumen – und das nicht nur im Schlaf. Und in unserem Dossier gehen wir der großen Volkskrankheit Diabetes auf den Grund und klären über die unterschiedlichen Typen, Stigmen und Trends in Sachen Zuckerkrankheit auf. Wir haben uns in dieser Ausgabe wieder mit vielen einzigartigen Menschen getroffen, die uns gezeigt haben, wie man den Traum vom Leben verstehen sollte. Jeder dieser Menschen zieht seine Lebensenergie aus unterschiedlichen Dingen und auf unterschiedliche Weise, aber jeder von Ihnen lebt seinen Traum vom Leben, da sind wir uns sicher. Wir hoffen, dass unsere Ausgabe Sie dazu inspiriert, sich selbst die Frage zu stellen: Wie sieht mein Traum vom Leben aus? Und wie unsere Redaktion in dieser Ausgabe gelernt hat: Manchmal ist schon der Weg das Ziel. Wenn Sie also nicht direkt eine Antwort auf diese Fragen finden, ist vielleicht schon der Gedankenanstoß die erste Erkenntnis.

s e d n a r B ia yd L & tz e m Ihre Nadine Stein PS: Ganz herzlich möchten wir uns an dieser Stelle bei unserem Praktikanten Jurij bedanken, der uns die letzten Wochen tatkräftig unterstützt hat. Und da wir ihn nicht mehr missen wollen, heißen wir ihn nun als offizielles Teammitglied bei uns willkommen. Wir freuen uns auf die kommenden Projekte mit Dir!


Sweet Dreams

1 S Ü S S E T R ÄU M E

› › ›

10

DOSSIER:

Diabetes – Wie zuckerkrank sind wir?

88 AUSGABE 14

4

KOLUMNE Die Kunst des Scheiterns

16 IM PORTRAIT Leben und der Weg zur (inneren Freiheit)


I N H A LT Ausgabe 14

26

76

BRAIN FOG Wenn die Wahrnehmung wie „vernebelt” ist

VORSORGE Selbstbestimmt leben bis ins hohe Alter

34

84

EIN GEDANKENSPIEL Welcher Traumtyp sind Sie?

DER TRAUM VOM GEHEN Der Rollator wird 100!

42 #GEFÜHLTEACHTZIG Wie lebt es sich mit 80+?

2

48 DER WORKSHOP: STATION SEE Wenn das Sehen plötzlich schwerfällt

BITTERSÜSS 90

66 SCHLEIERHAFTE WIRKLICHKEIT Sehen und Wahrnehmung im Alter

ZUCKERKRANK Und Sie sind selbst schuld?

70

96 LEBEN IM ÜBERFLUSS Warum wir so anfällig für Diabetes sind

WIE WOLLEN WIR LEBEN Barrierefreies Bauen und Wohnen 5

LEBENLANG


CO

VE

RF

OT

O

|L

EL

AN

DB

OB

BE

102 DIABETES-TYP...? Große Lücken im Gesundheitswissen

3

110 DIABETES UND OLYMPIASIEGE Matthias Steiner im Interview

SÜSSES LEBEN

116

138

DIE SÜSSE SÜNDE Der gefährliche Zuckerkonsum

JETZT ODER NIE Apps für mehr Struktur und Motivation

124

142

DIGITALE HELFER Im Diabetikeralltag

KEINE ANGST VOR DIALYSE Unser großer Frühstückstalk

130

166

BLOSS KEIN KAMPF UM ZUCKER! Leben und pflegen mit Diabetes

GEMEINSAM STARK Das Baxter Education Center

134

186

BITTERSÜSSE FAKTEN Was Sie über Diabetes wissen sollten

DIALYSE IST TEAMARBEIT Zusammen lernen, selbstständig leben

198 IMMER FÜR PATIENTEN DA Unterstützung für Heimdialyse-Patienten AUSGABE 14

6


E G.D AN NL BE LE W. WW

PA RT N E R

210

Unsere Partner-Features erkennen Sie am Logo in der rechten ­o beren Ecke. Wir danken ­unseren Partnern sehr herzlich, denn ohne sie wäre diese Ausgabe nicht möglich gewesen!

SCHMECKT’S? Der Geschmackssinn im Alter

216 SICH GESUND ESSEN Was bei der gesunden Ernähung zählt

226 ES SCHMECKT SO GUT Der gefährliche Fruchtzucker

232 SWEET SURPRISE! Süße Überraschungen zum verschenken

7

LEBENLANG


AUSGABE 14

8


› › › SÜSSE TRÄUME

Foto links: Eberhard Grossgasteiger | unsplash

1 „Sweet dreams are made of this, who am I to disagree?“ Eurythmics

9

LEBENLANG


SWEET DREAMS

KOLUMNE

s n e b e L s e d n e i d Me l o TEXT | JAYNE CASH

AUSGABE 14

10


SÜSSE TRÄUME

SWEET DREAMS? Über geplatzte Träume und die Kunst des Scheiterns „Alles auf Anfang!“, sangen schon Max Giesinger oder Glasperlenspiel. Doch dazu braucht es einen langen Prozess, denn an Niederlagen können wir nur wachsen, wenn wir richtig mit ihnen umgehen und ein Bewusstsein für unsere Schwächen schaffen.

Liebeslied auch immer ein Teil des Scheiterns mit – in Form einer gescheiterten Beziehung oder einer Person, die man nie für sich gewinnen konnte.

Die Kunst des Scheiterns Scheitern ist ein Gefühl und keine Tatsache. Ursprung dafür ist das Gefühl der Selbstwirksamkeit – die Fähigkeit, selbst-

Foto: Deagreez | iStock

ständig erfolgreich handeln zu können

Wie Gefühle die Popkultur prägen

und damit das eigene Leben entschei-

Der Soziologe Götz Lechner kam einmal

dend zu beeinflussen. Der Glaube an die

zu der These, dass das Scheitern aus der

eigene Selbstwirksamkeit hat viel mit der

Popmusik verschwunden sei. Hingegen

Erziehung zu tun und wird bei Erwachse-

bin ich der Auffassung, dass die Themen

nen nur selten von äußeren Umständen

Selbstzweifel und Scheitern noch nie so

beeinflusst. Fehlt er, fühlen sich Men-

präsent waren wie in unserer Gesellschaft

schen von jedem Misserfolg bestätigt und

und ihrer Musik. So klingt in fast jedem

neigen zu Depressionen und Angststörun11

LEBENLANG


SWEET DREAMS

gen. Vor allem Perfektionisten kämpfen

heftigen Panikattacken oder gar Todes-

täglich mit Angst und Selbstzweifeln, da

angst leiden. An der Bonner Universitäts-

sie aufgrund ihrer überhöhten Ansprüche

klinik wurde eigens dafür eine „Lampen-

nur selten ihren eigenen Erwartungen ge-

fieberambulanz“ eingerichtet.

recht werden. Auch Nicholas Müller, der als Sänger der

» AN DER BONNER UNIVERSITÄTSKLINIK WURDE EIGENS DAFÜR EINE „LAMPENFIEBER­ AMBULANZ“ EINGERICHTET. «

Band Jupiter Jones den Traum vieler Popmusiker zu leben schien, durchlebte solche Ängste. Nach jahrelanger Arbeit gelang es der Band, einen Plattenvertrag bei Sony Music zu unterschreiben, womit der kommerzielle Erfolg einherging. Mit der Zeit entwickelte Nicholas eine massive Angststörung, konnte letztlich nicht mehr live vor Publikum spielen und beschloss, die Band zu verlassen. Für ihn war das ein wichtiger Schritt, denn nur so konnte er wieder gesund werden.

Musik als Selbsttherapie

Wenn Scheitern zu Angst­ zuständen führt

Dass Musiker eigene Erlebnisse in ihren Songs verarbeiten, ist nichts Neues. So

Musiker, deren Beruf sehr eng mit der ei-

findet sich auch die Thematik der Selbst-

genen Person verbunden ist, erleben oft

zweifel und des Scheiterns in nahezu al-

mit zum Teil extremen Folgen, was der

len Genres. Während es in der Rapmusik

Druck, stets funktionieren zu müssen, in

lange Zeit um das Scheitern „der anderen“

uns auslösen kann: von der Angst zu Ver-

ging, ist das Offenbaren eigenen Schei-

sagen bis hin zu Existenzängsten.

terns heute mit Künstlern wie Casper und Sido auch für die breite Masse präsent. In

So passiert es nicht selten, dass vor allem

der Rock- und Popmusik denke ich an den

Berufsmusiker kurz vor dem Auftritt an

großartigen Musiker Johnny Cash, der DIE

AUSGABE 14

12


SÜSSE TRÄUME

Hymne des Zerbrechens „Hurt“

Foto: Billetto editorial | Unsplash

von den Nine Inch Nails neu interpretierte. Selbst wenn man an die Techno-Zeit

» WENN WIR GERADE NICHT IN STIMMUNG SIND, ÜBERSPRINGEN WIR EINFACH DEN SONG, WÄHREND DIE KÜNSTLER AN DER STETIGEN BEOBACHTUNG UND DEM DRUCK DER MUSIKBRANCHE ZERBRECHEN. «

der 90er zurückdenkt und stets die regenbogenbunte Loveparade vor Augen hat, ist dies vielleicht auch nur die hedonistische Alternative, den Selbstzweifeln und der Depression zumindest für einen kurzen Augenblick zu entfliehen. Aus eben diesen Gefühlen heraus sind einige der besten musikalischen Werke unserer Zeit entstanden, zum Beispiel dank einer sich selbst zerstörenden Amy Winehouse. Musiker leiden stellvertretend für uns. Ihr Verlieren ist quasi unser Gewinn, und wenn wir gerade nicht in Stimmung sind, überspringen wir einfach den Song, während die Künstler an der stetigen Beobachtung und dem Druck in der Musikbranche zerbrechen. 13

LEBENLANG


SWEET DREAMS

jedoch auch zahlreiche Musiker, die ihr

Krisen als Prozess der individuel­ len Entwicklung

Scheitern für einen Neuanfang nutzten.

Und genau das ist die gute Nachricht: Wir

Nicht nur Künstler, sondern jeder Einzel-

überstehen Krisen oft besser als erwartet.

ne kann sich durch Fehler und Niederla-

Der Psychologe Daniel Gilbert wies nach,

gen ein bisschen neu erfinden. Dinge ge-

dass seelische Schmerzen kognitive Pro-

hen manchmal schief, das gehört zu den

zesse auslösen, die den Blick auf die Welt

wichtigsten Erfahrungen unseres Lebens.

so verändern, dass wir uns besser fühlen.

Neben diesem extremen Beispiel gibt es

Scheitern ist also ein Prozess, der zur individuellen Entwicklung beiträgt und dafür sogar nötig ist. Uns bleibt nur, den passenden Lieblingssong anzuschmeißen und uns von

Pla ylist

den Erfahrungen unserer Lieblingskünstler ein Stück mitnehmen zu lassen.

Johnny Cash Hurt

Udo Lindenberg Plan B

Eurythmics Sweet Dreams

Amy Winehouse Tears Dry On Their Own

Glasperlenspiel Alles auf Anfang

Jupiter Jones Rennen + Stolpern

AUSGABE 14

14


SÜSSE TRÄUME

» NICHT NUR KÜNSTLER, SONDERN JEDER EINZELNE KANN SICH DURCH FEHLER UND NIEDERLAGEN EIN BISSCHEN NEU ERFINDEN. « 15

LEBENLANG


SWEET DREAMS

AUSGABE 14

16


SÜSSE TRÄUME

LEBEN UND DER WEG ZUR (INNEREN) FREIHEIT

Geschichte einer Begegnung

TEXT | LYDIA BRANDES FOTOS | LENA REINER 17

LEBENLANG


SWEET DREAMS

W

as treibt uns Menschen im Leben

Helga Lopez ist 92 Jahre alt und lebt im

an? Für was oder wen leben wir?

malerischen Konstanz direkt am Boden-

Oder lassen Sie uns noch ein Stück wei-

see in einer der Wohnresidenzen von

tergehen: Worin besteht der Sinn eines

Tertianum

Lebens? Aus Liebe, Hoffnung, Zufrieden-

Augen, Menschen um sich herum – wenn

heit, Träumen oder Gesundheit? Das sind

sie mag – und genug Raum für sich selbst,

Fragen, mit denen ich mich oft beschäfti-

und damit hat sie alles, was ihr zum Le-

ge und nicht nur aufgrund des Titelsongs

ben wichtig ist. Dabei hat sie gar keine ge-

dieser Ausgabe „Sweet Dreams“, die süßen

naue Vorstellung davon, wie sie die kom-

Träume des Lebens. Ich denke oft darüber

menden Jahre leben möchte, wie sie mir

nach, worauf es im Leben eigentlich wirk-

erzählt. Wohl aber davon, wie sie sterben

lich ankommt: für jetzt und für später.

möchte, nämlich selbstbestimmt mit „vol-

Ich habe mich mit einer Dame getroffen,

lem Bewusstsein“ und klarem Geist. So

die diese Fragen für mich unter ein völ-

hätte sie nämlich immer schon gedacht,

lig neues Licht stellte. Und mir gleich-

aber nicht immer so gelebt.

. Hier hat sie den See vor

zeitig dabei half, zu verstehen, dass der Zeitpunkt, wann sich mir diese Fragen erschließen werden, kein Punkt im Leben ist, keine Erleuchtung, sondern ein Pro-

Helga Lopez zieht viel Energie aus der buddhistischen Philosophie. Durch tägliche Meditation holt sie sich ihre Lebenskraft.

zess – ein Prozess aus Lernen, Umfallen und Wiederaufstehen.

AUSGABE 14

18


SÜSSE TRÄUME

Wunschlos zufrieden „Bewusst leben“ ist ein gutes Stichwort, wenn es um die Frage geht, was uns im Leben zufrieden macht. Bewusstsein, Ehrlichkeit und Authentizität sind für Helga Lopez drei wichtige Pfade zur inneren Ruhe und zur Zufriedenheit. Denn wann sind wir wirklich mit uns und der Welt im Reinen? Wohl doch, wenn wir keine Wünsche mehr haben. Für Helga Lopez hat die innere Ruhe viel mit dem Alter zu tun. Sie erklärt mir, dass in jungen Jahren der Mensch an zu viele äußerliche Bedingungen gebunden sei, von denen er sich leiten lässt. Besonders im Berufsleben versuchen wir, anderen gerecht zu werden, ohne

ww

dabei auf die eigenen Bedürfnisse

INFO

zu schauen. Wir jagen Anerkennung und bestimmten Vorstellungen hinterher. Wir gehen immer wieder Kompromisse ein

Helga Lopez hat durch die angebotenen Malkurse in der Tertianum Residenz ihre Leidenschaft für die Malerei gefunden und macht Kunst mit Mut: bunt, direkt und kraftvoll. Genauso ist auch ihr eigener Blog www.lebendigaltern.com gestaltet, auf dem sie ihre Gedanken festhält und andere zum Nachdenken anregt.

und verlieren dabei uns selbst. Wir verlieren unsere Authentizität. „Im Berufsleben und solange Sie unter der Menschheit agieren, können sie nicht authentisch leben“, erklärt mir Frau Lopez, „man macht immer wieder Konzessionen, Zugeständnisse. Und in jungen Jahren sagen wir im Leben nicht immer eindeutig Ja oder Nein.“ Und damit hat sie höchstwahrscheinlich Recht. Wenn es eines gibt, was ich an älteren Menschen besonders be19

LEBENLANG


SWEET DREAMS

wundere wie ich auch an meinen eigenen

dafür entscheiden. Und dann all das abar-

Großeltern immer bewundert habe, dann

beiten, bei dem wir denken, dass wir es im

ist ihr klarer Standpunkt zu sich und den

Leben falsch gemacht haben. Es geht um

Dingen. Nie habe ich meine Großeltern

das Verzeihen, darum schlechte Gewohn-

an sich zweifeln sehen oder an dem, was

heiten abzubauen und keine Erwartungs-

sie tun. Bei allem, was sie taten, waren sie

haltung mehr zu haben. So kommen wir

sich so sicher. Und genau diesen Eindruck

in einen Status, in dem man glücklich ist

vermittelt mir auch Frau Lopez. Während

und keine Wünsche mehr hat.“

des Gesprächs steht vor mir eine resolute

» AUTHENTIZITÄT IST MEHR ALS EHRLICH SEIN. «

Frau, die in sich ruht, mit sich im Reinen ist und eine Authentizität ausstrahlt, auf die man gar nicht mehr gefasst ist. Die Weisheit kommt mit dem Alter – es ist viel Wahres an dieser Aussage und das bestätigt mir auch Helga Lopez: „Die Schöpfung hat uns das Alter geschenkt, damit all die Zwänge von uns abfallen, wo wir absolut frei sein können – sofern wir uns

AUSGABE 14

20


SÜSSE TRÄUME

21

LEBENLANG


SWEET DREAMS

» WIR SIND AUF DER WELT, UM UNS ZU ENTWICKELN. UND WIR LERNEN NUR AM LEIDEN UND AN FEHLERN, DIE WIR MACHEN. WIR LERNEN AM UMFALLEN UND WIEDERAUFSTEHEN. «

Achtsamkeit, Selbstbestimmtheit und Selbstliebe Das Leben und der Weg zur inneren Zufriedenheit bestehen also zu einem großen Stück aus Lernen und persönlicher Entwicklung. Es ist ein Prozess. Zufriedenheit kommen nicht von jetzt auf gleich, sondern man muss es sich erarbeiten: „Wir sind auf der Welt, um uns zu entwickeln. Und wir lernen nur am Leiden und an Fehlern, die wir machen. Wir lernen am Umfallen oder Wiederaufstehen“, macht mir Frau Lopez bewusst. Der Weg ist also das Ziel, und der besteht immer wieder aus Hürden und Prüfungen, die einen im Leben stärken. Und so war auch das Leben von Frau Lopez nicht immer nur Sonnenschein, wie sie mir berichtet, sondern turbulent; sie hat viel erlebt und gelebt und hat dabei nicht immer nur Gutes erfahren. Wichtig hierbei sei es, sich im Leben auch der negativen Dinge bewusst zu sein und diese nicht auszublenden, denn für Frau Lopez gehören auch diese Erlebnisse nun mal zum Leben dazu. Stattdessen sollten wir Hürden, Fehltritte und Niederlagen annehmen und sich und anderen verzeihen lernen. So finde man zu sich selbst. Und das mit der Nächstenliebe ist für Frau Lopez kein Leitbild, denn: „Ich muss meinen Nächsten nicht so lieben wie mich selbst. Ich liebe mich viel mehr als alle anderen. Selbstliebe ist ganz wichtig und spielt eine besondere Rolle im Leben. AUSGABE 14

22


SÜSSE TRÄUME

Und wenn Sie sich selbst lieben, können

Lebens ist irgendwie auch ein Stück Ein-

Sie auch andere lieben und können dann

stellungssache. Er ergibt sich aus dir, also

etwas von Ihrer Liebe abgeben.“

finde zu dir selbst. Der Sinn des Lebens für Frau Lopez? „Sich zu entwickeln. Und

Frau Lopez beschreibt sich selbst als Rea-

zwar bis zum Tod.“

listin, sie sei absolut keine Träumerin, wie sie selbst sagt. Sie lebt im Moment und blickt weder melancholisch in die Vergangenheit noch verträumt in die Zukunft. Und vielleicht gerade deshalb scheint sie in der Lage zu sein, den Augenblick genießen zu können, weil sie frei von Ängsten ist, die das Zurück- oder Vordenken sonst so mit sich bringen. „Ich lebe nicht in der

Die Autorin

Vergangenheit – ich bedaure nichts. Ich

LYDIA BRANDES

lebe nicht in der Zukunft – die ist unvor-

Content Manager Lebenlang

hersehbar. Ich lebe im Jetzt.“ Was mir nach meiner Begegnung mit Frau Lopez bewusst geworden ist: Der Sinn des 23

LEBENLANG


SWEET DREAMS

AUSGABE 14

24


SÜSSE TRÄUME

Foto | Lisa Winter

Über das Leben in den Tertianum Premium Residenzen haben wir schon in einer unserer letzten Ausgaben berichtet. Mehr über das Konzept des Hauses erfahren Sie hier bei uns im Heft oder auf www.tertianum.de .

25

LEBENLANG


Der Einfluss von Hormonen und Blutzucker auf unsere Konzentrations- und Gedächtnisleistungen

SWEET DREAMS

BRAIN FOG Wenn die Wahrnehmung wie „vernebelt“ ist

AUSGABE 14

26


SÜSSE TRÄUME

TEXT | CAROLIN MAKUS ILLUSTRATION | HELENA MELIKOV

Was genau ist eigentlich “Brain Fog”?

Jedem ist mal schwindelig oder schlecht und auch Konzentrationsund Gedächtnisschwächen müssen nicht unbedingt auf eine Krankheit hindeuten. Ganz im Gegenteil: Es ist ganz natürlich, Einiges zu vergessen und nicht rundum die Uhr die Antennen “auf Empfang” zu haben. Auf diese Weise räumt das Gehirn sozusagen auf. Was langfristig irrelevant erscheint, wird vergessen und weicht Neuem. Zwischen besonders fordernden Phasen schalten wir auch gerne einmal ab, einerseits um Vergangenes zu reflektieren oder auch, um uns auf Kommendes vorzubereiten. Mitunter passiert das sogar ganz unbewusst. In diesem Beitrag erfahren Sie, was dem Gedanken- und Gefühlsschleier zugrunde liegen kann und wann Sie hellhörig werden sollten.

Brain Fog, oder wörtlich übersetzt: Gehirn-Nebel, kann als Sammelbegriff verstanden werden, der eine ganze Reihe an befremdlichen Gefühlen vereint. Wichtig ist zunächst, dass es sich bei “vernebelten Gedanken” um keine medizinische Diagnose handelt. Vielmehr kann dieses Phänomen als ein Bündel von Symptomen verstanden werden. Dazu gehören typischerweise ein Gefühl von Angst, Verwirrtheitszustände, Abgeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, Kopfschmerzen, Vergesslichkeit, Erinnerungsschwierigkeiten, Konzentrations- und Antriebsschwäche, Schlafprobleme sowie Reizbarkeit. Unbestreitbar unangenehme Zustände, die mittelfristig allerdings nicht unbedingt gefährlich sein müssen. Dennoch sollte diesen Empfindungen nachgegangen werden, um zu verstehen, was aktuell aus dem Lot geraten ist. 27

LEBENLANG


SWEET DREAMS

Wie kommt es zu diesen Empfindungen?

Ab zum Arzt, aber zu welchem?

Wenn die geistige Klarheit aus der Spur

rem Haus- und Allgemeinarzt, welcher Sie

geraten zu sein scheint, ist dies klassi-

dann je nach Sachlage zu einem entspre-

scherweise das spürbare Produkt dreier-

chenden Experten vermitteln wird. Dabei

lei Faktoren:

handelt es sich z. B. um Endokrinologen,

Der erste Gang führt in der Regel zu Ih-

Diabetologen, Neurologen, Gynäkologen → Entzündungen auf Zellebene

oder Psychiater. Diese kennen sich ganz

→ veränderte

Neurotransmitter-Werte

besonders gut aus, wenn es um das Zu-

(insbesondere Dopamin und Serotonin)

sammenspiel von Hormonen, Blutzucker und alltäglicher Belastung geht.

→ übermäßige Schwankungen des Hormonspiegels (insbesondere Cortisol)

Wann zum Arzt? Den oben beschriebenen Symptomen

Mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt Ihren Symptomen keine ernste Erkrankung zugrunde, dennoch ist eine frühzeitige Abklärung der hier genannten Möglichkeiten ratsam. Sicher ist sicher.

können ganz verschiedene Ursachen zugrunde liegen. Sind Sie z.B. sensibel gegenüber Wetterumschwüngen, schlafen Sie in letzter Zeit ggf. nicht gut, nicht lang genug oder besonders lange? Auch Trinkverhalten,

INFO

Alkoholkonsum, Ihr Liebesleben und die allgemeine Belastung im Alltag spielen hier eine große Rolle. Ebenso haben

Folgende Punkte klärt das Ärzteteam ab:

Schwangerschaften oder anschließend die Stillzeit großen Einfluss auf den ei-

Drogenkonsum, Gewicht, Alter, Durchblutungsstörungen, schlecht eingestellter Diabetes, Bluthochdruck, Infektionskrankheiten, Schilddrüsenstörungen, Mangelerscheinungen, ggf. falsche Einstellung Ihrer Medikamente, Depression, Angststörungen, Demenzen, Schädel-Hirn-Verletzungen, Hirntumore, Fibromyalgie, Epilepsie, Multiple Sklerose, Parkinson, Lupus, Chronisches Fatigue Syndrom

genen Hormonhaushalt und die eigene Wahrnehmung. Wenn Sie in sich horchen und diese genannten Punkte vernachlässigt werden können, verschafft der Gang zum Arzt Sicherheit und hilft, möglichen Ursachen auf den Grund zu gehen. Vor allem, wenn die Symptome ganz plötzlich auftreten oder länger als ca. 12 Stunden anhalten, ist ein Arztbesuch ratsam. AUSGABE 14

28


SÜSSE TRÄUME

» BEI SCHLECHT EINGESTELLTEN DIABETIKERN WERDEN GEHÄUFT GEDÄCHTNISPROBLEME BEOBACHTET. EINE MÖGLICHE URSACHE KÖNNTE DIE ERHÖHUNG DER CORTISOL-PRODUKTION SEIN. « Wie hängt Nebel im Kopf mit einem möglichen Diabetes zusammen? Der Einfluss von Cortisol wurde zuvor bereits kurz erwähnt. In der Tat spielt das Stresshormon hier eine tragende Rolle: “Bei schlecht eingestellten Diabetikern werden gehäuft Gedächtnisprobleme beobachtet. Eine mögliche Ursache könnte die Erhöhung der Cortisol-Produktion sein, von der Diabetiker ebenfalls überdurchschnittlich oft betroffen sind: Cortisol hat einen Einfluss auf die Gehirnregion, in der das Lernen und Erinnern von Gedächtnisinhalten stattfindet.”, erklärt die medizinische Fach-Lektorin Frau Dr. med. Anja Lütke auf Diabetes-Deutsch­ land.de 29

. LEBENLANG


SWEET DREAMS

» BEI FRAUEN MIT DIABETES ERSCHÖPFT SICH DER EIZELLENVORRAT SCHNELLER. DAS FÜHRT DAZU, DASS SIE FRÜHER IN DIE WECHSELJAHRE KOMMEN. «

Diabetes oder Wechseljahre? Auch

Frau

Dr.

med.

Petra-Maria

Schumm-Draeger ist vom Fach. Sie ist Expertin u. a. auf den Gebieten Endokrinologie sowie Diabetologie und legt in der Fachpresse die besondere Problematik für Frauen mit Diabetes dar: „Bei Frauen mit Diabetes erschöpft sich der Eizellenvorrat schneller. Das führt dazu, dass sie früher in die Wechseljahre kommen. [...] Mit dem Versiegen der Eierstöcke schwindet auch das Hormon Östrogen, das die Insulinempfindlichkeit

beeinflusst.

[...]

Viele Patientinnen kennen diesen Zusammenhang allerdings nicht und werden von plötzlichen Blutzuckerschwankungen überrascht“. Frauen mit Diabetes, die unerklärliche Blutzuckerschwankungen erleben, soll-

Diabetes und Wechseljahre?

ten demnach in Erwägung ziehen, dass

Diabetes wirkt sich sowohl auf den Zeit-

die Wechseljahre der Grund dafür sein

punkt der Menopause, als auch auf den

könnten. Das gelte insbesondere dann,

Verlauf der Wechseljahre aus: Während

wenn die Frauen etwa kürzere Zyklen,

diese im Schnitt mit Anfang 50 beginnen,

Hitzewallungen und Schweißausbrüche

ist es gängig, dass Frauen mit Diabetes

bemerken. Umgekehrt erklären sich viele

bereits mit Mitte 40 in die Wechseljahre

Frauen aber auch befremdliche Gefühle

kommen. Warum eine Diabetes-Diagno-

mit der Menopause und gehen den Sym-

se aber von so großer Bedeutung für den

ptomen nicht weiter auf den Grund, wes-

Verlauf der Wechseljahre (insbesonde-

halb ein möglicher Diabetes zunächst oft

re mit Blick auf Konzentrations- und Ge-

unentdeckt bleibt - hier gilt es also, Vor-

dächtnisschwächen) ist, haben wir hier

sicht walten zu lassen.

für Sie zusammengefasst:

AUSGABE 14

30


SÜSSE TRÄUME

Diabetes und Wechseljahre: Was passiert im Körper? → Vor allem in der frühen Phase der Wechseljahre: Der Östrogenspiegel im Blut schwankt. Die Östrogene machen die Körperzellen empfindlicher gegenüber Insulin. →Z  ellen nehmen mehr Zucker aus dem Blut auf. Zunächst verbessern sich die Zuckerwerte. →A  ber: Starke Schwankungen des Östrogenspiegels können Unterzuckerungen verursachen. →H  inzu kommt: Die Produktion vom Hormon Progesteron lässt in Wechseljahren nach, sodass Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Muskel- und Gelenkschmerzen häufiger auftreten. →D  ie beschriebenen Widrigkeiten belasten dann den Körper zunehmend. →D  er Körper beginnt vermehrt das Stresshormon Kortisol auszuschütten. →D  ies wiederum beeinflusst stark den Blutzuckerspiegel – ein Teufelskreis. → I n Gänze können dann die oben beschriebenen Symptome auftreten und es kommt zu vernebelten Gedanken, Konzentrationsund Gedächtnisschwächen.

31

LEBENLANG


SWEET DREAMS

Brain Fog, Diabetes, Wechseljahre - was ist zu tun? Was sich sowohl auf den Diabetes, als auch auf die Wechseljahresbeschwerden positiv auswirkt, sind bestimmte Änderungen im Lebensstil und insbesondere eine ausgewogene Ernährung. Schumm-Draeger betont, dass es im Rahmen der Wechseljahre ganz besonders wichtig sei, den Blutzucker noch sorgfältiger als bisher zu kontrollieren und -je nach Diabetes-Typdie Therapie anzupassen. In einem Fachbeitrag für die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) erläutert die Ärztliche Direktorin des Zentrums für Innere Medizin Fünf Höfe in München: „Die Wenigsten wissen, dass in diesem Lebensabschnitt der Grundbedarf an Kalorien deutlich reduziert ist, so dass leider deutlich weniger Kalorien nötig sind, um das Körpergewicht stabil zu halten.” Wer als Betroffener darauf nicht achtet, hat mit Übergewicht und daraus resultierend ggf. sogar mit Folgeerkrankungen wie Herzkreislaufleiden zu rechnen. Gelassenheit, Bewegung an frischer Luft, Entspannungs-Sport sowie der Verzicht auf Alkohol, Koffein und scharfe Gewürze helfen zudem deutlich bei der Linderung der Beschwerden und lichten auch den Nebel im Kopf. AUSGABE 14

32


SÜSSE TRÄUME

» WAS SICH SOWOHL AUF DEN DIABETES, ALS AUCH AUF DIE WECHSELJAHRESBESCHWERDEN POSITIV AUSWIRKT, SIND BESTIMMTE ÄNDERUNGEN IM LEBENSSTIL. «

Über die Autorin

CAROLIN MAKUS Carolin Makus hat die Wissenschaft des Alters und des Alterns studiert. Seit 2015 ist sie als freie Gerontologie vor allem fachjournalistisch aktiv.

www.carolinmakus.de

33

LEBENLANG


SWEET DREAMS

Echte Traumtypen

AUSGABE 14

34


SÜSSE TRÄUME

TEXT | MARTIN PIECK ILLUSTRATION | KAROLINA ZOLUBAK

„Grenzen gibt es nur in unseren Köpfen.“ Was klingt wie die abgedroschene Halbzeitansprache des Bundestrainers vor dem Finalkracher gegen Brasilien hat in der Tat ernste Wurzeln. Schließlich ist es schon lange keine Pseudowissenschaft mehr, dass unser Gehirn unglaubliche Macht und unser Denken zum Beispiel direkten Einfluss auf körperliche Vorgänge wie Heilungsprozesse hat. Aber wie kann unser Denken unser Leben beeinflussen? Ein nicht ganz wissenschaftliches Gedankenspiel. 35

LEBENLANG


SWEET DREAMS

Der Pessimist Für die Stimmung des Pessimisten ist es egal, ob der Wecker pünktlich geklin-

Der Optimist

gelt hat. Irgendwie wird der Tag ihm schon Steine in den Weg legen. So war es

Der Optimist steht morgens immer mit

schließlich bisher auch immer. Der Pes-

dem richtigen Bein zuerst auf. Wenn er

simist ist schlau, denn er weiß, dass die

verschlafen hat, dann sorgt er sich nicht

gut gemeinten Hilfestellungen von Kolle-

darüber, zu spät bei der Arbeit zu erschei-

gen bei der Arbeit eigentlich hinterlistige

nen. Er freut sich, dass eine halbe Stun-

Tricks sind. Schließlich wollen die einen

de Extraschlaf ihm die zusätzliche Ener-

in der Arbeitshierarchie am Pessimisten

gie gibt, mit der er die Verspätung leicht

vorbeiziehen, die anderen ihn weiter auf

aufholen wird. So geht es ihm aber nicht

Abstand halten. Glücklich macht der Be-

nur an diesem Tag. Irgendwie ergibt alles

ruf ihn nicht, aber so ist das Leben. Arbeit

einen Sinn und irgendwie wird es schon

ist nötiges Übel, um das schwere Leben

schiefgehen. Wieso auch nicht? Schließ-

halbwegs erträglich zu machen, da kann

lich ist das Leben viel zu schön, um

er auch in seiner grausigen Firma bleiben.

wehzuklagen. AUSGABE 14

36


SÜSSE TRÄUME

werden, mit etwas Glück ist später auch mal ein Firmenwagen drin. Dann ist aber auch Schluss. Für die errechnete Rentenversorgungslücke reicht es ja auch.

Die Idealistin

Auch die Idealistin hat sich heute den Wecker etwas früher gestellt. Klar, schließlich hat sie erst ihre Freunde, den Optimisten, den Pessimisten und die Realistin anrufen wollen, um zu schauen, dass auch alle pünktlich zur Arbeit kommen. Wirklich erbaut waren die davon nicht. Aber da muss die Idealistin durch. Wenn auch alle anderen sauer auf sie sind: Sie sind es nur, weil die Idealistin an sie gedacht hat und ihnen helfen wollte. Das ist der Preis, den sie zahlen muss, um die Welt ein klei-

Die Realistin

nes Stück besser zu machen.

kuliert. Ihr Wecker hat morgens früher

Die selbsterfüllende Prophezeiung

geklingelt, als der der anderen. Sie weiß,

So unterschiedlich ihre Lebensweisen

dass die Bahn vermutlich wieder einmal

auch sein mögen, alle vier wissen für sich,

Verspätung hat und sich das ständige Zu-

dass ihre Denkweise begründet ist; sie be-

spät-Kommen bei der nächsten Gehalts-

stätigt sich immer wieder. Und im Grunde

verhandlung mit dem Chef nicht gerade

haben sie alle ein wenig recht. Das liegt

positiv auswirkt. Die Realistin kennt ihre

aber nicht daran, dass es keinen anderen

Stärken, die sie auszuspielen weiß, und

Weg gibt.

Die Realistin hat alles genau durchkal-

auch ihre Schwächen, die sie möglichst umgeht. Die Realistin kennt ihren Status

Das Phänomen dahinter ist bereits seit

in der Firma. Sie wird in ihrem Arbeits-

den 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts be-

leben noch ein oder zweimal befördert

nannt. Der US-amerikanische Soziologe 37

LEBENLANG


SWEET DREAMS

» GESUNDES DENKEN BEDEUTET NICHT EINFACH POSITIVES DENKEN. «

Der Mix macht’s Das Experiment zeigte recht eindrucksvoll, wie Menschen selbst durch eine innere Einstellung ihr Umfeld und ihre eigene Wahrnehmung beeinflussen können. Wenn wir also fest an etwas glauben oder uns etwas im Kopf vorstellen, erscheint es

Robert Merton prägte in der Nachkriegs-

für uns realistischer und wahrer. Doch was

zeit den Begriff der selbsterfüllenden Pro-

nutzt einem dieses Wissen? Sollten nun

phezeiung. Was so salopp im Nebensatz

alle in den Optimisten-Modus schalten?

erwähnt wird, ist eigentlich ein mächti-

Der Optimist hat es leicht im Leben – so

ges psychologisches Instrument. In einem

könnte man meinen. Aber ist das so? Was

wissenschaftlichen Versuch etwa wur-

eigentlich zeichnet einen Optimisten aus?

den Probanden Bilder von Menschen ge-

Na klar, das Glas ist halb voll. Für ihn bie-

zeigt, die sie selbst in die Kategorien sym-

tet das Leben mehr Möglichkeiten. Und so

pathisch und unsympathisch einordnen

wagt er, mehr zu träumen, zu hoffen und

sollten. Später sollten die Probanden mit

letztendlich auch zu tun. Aber ist das eine

fremden Menschen telefonieren, und die

gesunde Sichtweise? Ist beim Optimisten

Wissenschaftler haben dem Gesprächs-

auch der Tank halb voll, wird er eher mit

partner am Telefon immer ein Bild zuge-

dem Auto liegen bleiben als der Pessimist,

ordnet, das vorher von den Probanden

dessen Tank zuvor halb leer war und der

selbst auf Sympathie bewertet wurde.

deswegen nachgefüllt hat.

Das

naheliegende

Ergebnis:

Glaubte

man, man hatte das sympathische Ge-

Psychologin Doris Wolf drückte es in ei-

genüber am Ohr, redeten die Probanden

nem Spiegel-Interview so aus: „Gesundes

freundlich und warm, in allen anderen

Denken bedeutet nicht einfach positives

Fällen gingen sie mit einer unterkühlten,

Denken.“ Bei schlimmen Nachrichten sei

angespannten Grundhaltung in das Ge-

es angemessen, traurig oder beunruhigt

spräch. Entsprechend reagierte dann der

zu sein. Wer allerdings alles schwarzsehe,

Gesprächspartner. Der als unsympathisch

habe Angst, Trauer und Wut als Beglei-

eingestufte wirkte dann wirklich unsym-

ter. Tatsächlich führt sie weiter aus, dass

pathisch, auch wenn es nur eine Reakti-

man aktiv gegensteuern könne, wenn

on auf die vorurteilsbeladene Einstellung

der grübelnde Pessimismus zum Beispiel

der Testpersonen war.

überwiegt.

AUSGABE 14

38


SÜSSE TRÄUME

» NIEMAND IST MIT SEINEM MODUS AN TAGTRÄUMEREIEN STRIKT FESTGELEGT. «

Es gibt in der Kategorie der Traumtypen kein Schwarz oder Weiß. So kann es in Zeiten von Trauer und Schmerz gut sein, wenn man nach vorn blicken kann. Auf der Beerdigung aber allen fröhlich auf die Schulter zu klopfen, weil am Ende alles gut wird, ist sicher nicht jedermanns

grinsen? Und der Idealist kann natürlich

Sache. Andersrum sollte man, wenn man

viele Karma-Punkte sammeln, er kann

an der felsigen 30-Meter-Klippe den Kopf-

sein Glück eine Zeit lang daraus ziehen,

sprung wagen will, lieber pessimistisch

für andere da zu sein. Doch wird ihn das

eingestellt sein – dann kann Pessimismus

wohl einholen, wenn er selbst nie an sich

Leben retten. Eine gute Mischung scheint

denkt. Es kann sinnvoll sein, nach Idealen

der Realist zu sein. Und er hat im Grun-

zu streben, aber wenn man den Realis-

de auch alles im Griff. Doch sind doch

ten dabei ganz außen vor lässt, läuft man

Träume und Vorstellungen erst das Salz

schnell vor eine Wand.

in der Suppe. Was bringt es, wenn man alles durchkalkuliert und dabei sein halbes

Für

den

Psychoanalitiker

Wolfgang

Leben lang vergisst, an den richtigen Stel-

Schmidbauer ist ein Optimist im Grunde

len innezuhalten, um zu grübeln oder zu

gar nur ein Meister der Verdrängung, da er bestrebt ist, Ängste zu übertönen: „Jedem

» WAS BRINGT ES, WENN MAN ALLES DURCHKALKULIERT UND DABEI SEIN HALBES LEBEN LANG VERGISST, AN DEN RICHTIGEN STELLEN INNEZUHALTEN, UM ZU GRÜBELN ODER ZU GRINSEN? «

denkenden Menschen ist doch klar, dass das Leben schlecht ausgeht. Erst verlieren wir alle uns lieben Menschen, und am Ende sterben wir selbst. Ich würde sagen, diesen schlechten Ausgang ignorieren zu können – das nennt man Optimismus. Wenn jemand all das nicht verdrängen kann, dann erleben wir ihn als Pessimisten.“ Gesund ist es also, alle Traumtypen in sich zu vereinen. Und auch, wenn der ein oder andere das nicht glauben kann: Niemand ist mit seinem Modus an Tagträumereien 39

LEBENLANG


SWEET DREAMS

ANMERKUNG: Die Gedankenspiele in diesem Artikel sind in unserer Redaktion

strikt festgelegt. Von diesen auf den Charakter einer Person zu schließen, ist bei-

geboren. Ganz so einfach ist es im wirklichen Leben nicht. Hinter jedem augenzwinkernden Hinweis stecken aber

spielweise aussichtslos, sagt Gerd Höhner, Präsident der Psychotherapeutenkam­ mer NRW

gegenüber LEBENLANG:

„Die Idee, die Inhalte von Tagträumen zu

Gedankenansätze, die vielleicht auch unseren Lesern einmal weiterhelfen können – oder auch einfach nur zum Nachdenken anregen.

typisieren und sie dann ‚zugrunde liegenden Charaktermerkmalen‘ zuzuordnen, sozusagen eine Persönlichkeitspsychologie anhand von Tagtraumtypen zu erstellen, scheitert daran, dass es nicht so ist, dass ein Individuum nur bestimmte Tagträume verfolgt.“ Man denke zwar gerne in einfach erklärbaren Mustern, dies sei aber nicht realistisch. So kaufe auch der, der sich als Realist bezeichnet, mal einen SUV, obwohl er in der Großstadt nie größere Hindernisse überwinden muss als den abgesenkten Bordstein. So verpassen sich die Menschen eigene Stempel, die zu selbsterfüllenden Pro-

Über den Autor

phezeiungen werden können – es ist aber

MARTIN PIECK

durchaus gesund, auch über den Tellerrand zu blicken. Der persönliche „Träumer-­

Martin Pieck ist freier Journalist aus

Typen-Mix“ eines Menschen kann sich also

Köln. Arbeit sucht er sich gerne über-

auch anpassen. Das ist sicher auch fremd-

all da, wo es spannend wird. In Ke-

gesteuert und doch auch ein gutes Gefühl,

nia, der Arktis oder dem Libanon ist

wenn man weiß, dass man in den richtigen

er genauso gerne unterwegs wie in

Momenten alles in sich tragen kann. Sozu-

Flensburg.

sagen den optimistischen, pessimistischen,

www.martinpieck.com

idealistischen Realisten. Also: fangen wir an, bewusst zu träumen. AUSGABE 14

40


SÜSSE TRÄUME

» GESUND IST ES ALSO, ALLE TRAUMTYPEN IN SICH ZU VEREINEN. « 41

LEBENLANG


Foto: Aerogondo | istock

ANZEIGE

AUSGABE 14

42


g i z t h c a e t l h ü f #ge

Wie lebt es sich mit 80+? FOTOS | PATRICIA HAAS

43

& FOTOS | DAVID NASSIM

LEBENLANG


ANZEIGE

Was bisher geschah In diesem Jahr hat sich LEBENLANG gemeinsam mit der Allianz auf eine große Mission begeben. Die Redaktion von LEBENLANG und die Allianz Private Krankenversicherung sind einer großen Frage des Lebens nachgegangen, die Menschen schon von klein auf beschäftigt, der aber nie wirklich auf den Grund gegangen wurde: Wie fühlt es sich an, wenn man 80 Jahre oder älter ist? Ein Verständnis für das Alter zu bekommen, ist aber für viele Bereiche des Lebens unglaublich sinnvoll: Nicht nur für die Zwischenmenschlichkeit und das Leben in einer Gesellschaft, in der Jung und Alt aufeinandertreffen, sondern auch für die eigene Erkenntnis, wie das Alter den Körper formt und verändert.

Wer verstehen will, muss fühlen können Auftakt der Mission #gefühlteachtzig war der diesjährige Deutsche Pflegetag, an dem das Team von LEBENLANG auf dem Stand der Allianz Privaten Krankenversicherung einen kleinen Hindernisparcours Foto: Ljupco | istock

aufgebaut hat, bei dem die Messebesu-

#gefühlteachtzig AUSGABE 14

44


cher ziemlich alt aussahen und zusätz-

LEBENLANG bei den Teilnehmern vor al-

lich ganz schön ins Schwitzen kamen. Den

lem eines entstehen lassen: Verständnis

Parcours probierten die Besucher aber

für andere und Erkenntnisse für und über

mit Begeisterung aus. Er lieferte den Teil-

sich selbst. Unsere Workshopteilnehmer

nehmern und LEBENLANG tolle Erkennt-

sollten ein Gefühl für das Älterwerden

nisse, die die Redaktion zu dem spannen-

bekommen, und das bekommt man nur,

den Workshop inspirierte.

wenn man die Jahre wirklich zu spüren bekommt. Als Hilfsmittel dafür stand dem

Mehr zum Hindernisparcours und den

Team ein sogenannter Altersanzug zur

großen Erkenntnissen vom Deutschen

Verfügung, mit dem man die Entwicklung

Pflegetag 2018

des Älterwerdens besonders gut nachempfinden kann.

Mit dem Workshop „Wie fühlt es sich an? #gefühlteachtzig“ zusammen mit der Alli-

Mehr zum Altersanzug erfahren

anz Privaten Krankenversicherung wollte

Sie hier 45

LEBENLANG


ANZEIGE

Die Stationen Das Team von LEBENLANG hat sich des-

In der letzten LEBENLANG Ausgabe haben

halb für den Workshop vier Stationen

wir bereits ausführlich über die Station

bzw. Erlebniswelten ausgedacht, die die

MOVE berichtet, die sich ganz dem The-

unterschiedlichen Facetten des Älterwer-

ma Körper, Bewegung und Beweglichkeit

dens anhand kleiner Aufgaben erfahrbar

widmete und von der Physiotherapeutin

machten: MOVE – FEEL – SEE – LOOK.

und anerkannten Personal Trainerin Pau-

Und eingeladen wurden hierfür nicht nur

la begleitet wurde.

Mitarbeiter der Allianz Privaten Krankenversicherung, sondern auch vier sympathi-

Die Fitnessbloggerin hatte sich für den

sche Bloggerinnen, die sich in ihrem Leben

Workshoptag drei Übungen

und auf ihren Blogs jeweils unterschiedli-

die alle Teilnehmer in den Altersanzügen

chen Themen widmen: Anja Hesse-Grunert

zu bewältigen hatten. Alle Teilnehmer

mit ihrem Lifestyleblog

über das Leben

merkten hier schnell, dass Bewegungs­

Luisa Beck,

abläufe, Balance und Beweglichkeit im

Liebhaberin Sarah Pie-

Alter stark eingeschränkt sind, denn der

de und die sportbegeisterte Paula Krüger

Altersanzug legte nicht nur Gewicht

, die uns beim Workshop mit ihren Fit-

drauf, sondern erschwerte durch spezi-

nessübungen und vielen sportlichen Tipps

elle Gewichte an den Gelenken auch die

zur Seite stand.

Bewegungen.

um die 40, die DIY-Expertin Interior Design

AUSGABE 14

46

überlegt,


» Das Wichtigste für mich war, am eigenen Leib zu erfahren, wie wertvoll mein Kraft- und Ausdauertraining fürs Älterwerden ist und wie viel weniger körperliche Probleme das mit sich bringen wird. Außerdem fand ich die Bestätigung super zu wissen, dass wir so vieles in der Hand haben und mit Sport, gesunder Ernährung und wenig Stress vieles langfristig beeinflussen können. «

Foto: privat

Paulas wichtigste Erkenntnis aus dem Workshop

47

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

48


See

Patin der Station: Bloggerin Sarah von eatbloglove

Wenn das Sehen plötzlich schwerfällt

Eine Begleiterscheinung des Alterns ist, dass die Sehfähigkeit nachlässt und die Sehkraft sich verändert. Zudem treten im hohen Alter Augenkrankheiten auf, die das Sehen und das Sichtfeld stark einschränken. Auch die Wahrnehmung von Kontrasten lässt im Laufe des Lebens nach. Dabei ist das Sehen eine der wichtigsten menschlichen Eigenschaften, die uns im Alltag Orientierung gibt und uns

Sarah ist gebürtige Berlinerin, Mutter einer kleinen Tochter und begeistert sich für alles Schöne, was mit Food, Travel, DIY und vor allem Interior zu tun hat. Vor Kurzem hat

hilft, uns zurechtzufinden. All diese Punkte gehören zum Leben im Alter dazu, und genau deshalb sollten auch die Workshopteilnehmer ein Gefühl dafür bekommen. Dafür entwickelte das

sie den Schritt zum Eigenheim gewagt und ist mit ihrer Familie in ein Haus aus den 30er-Jahren gezogen, das vorher in monatelanger Arbeit liebevoll restauriert wurde. Auf Ihrem Blog eat blog love und auf ihrem Instagram-Account Hygge­ homeberlin hat sie die wichtigsten Umbauetappen für die Nachwelt festgehalten.

Team von LEBENLANG die Station SEE. An der Station SEE – auch „White Room“ genannt – war das Sehvermögen gefordert. Die Teilnehmer wurden hier zu einem netten Kaffeekränzchen zu Tisch gebeten, das allerdings unter erschwerten Bedingungen stattfand. Die gesamte Tisch­ecke war besonders kontrastarm gestaltet: Das Kaffeeservice, sämtliche Textilien, die Dekoration und sogar die leckere Torte selbst waren in schlichtem Weiß gehalten. 49

LEBENLANG


ANZEIGE

Makuladegeneration Details und Gesichter erscheinen verzerrt, Farben und Kontraste verblassen, bis nur noch ein schwarzer Fleck bleibt

Glaukom (grüner Star) Sehr stark eingeschränktes Gesichtsfeld

WHITE ROOM

Diabetische Retinopathie

S imula ti onsbrillen

Verschwommenes und verzerrtes Sehen, teilweise auch „blinde Flecken“

Zusätzlich trugen die Teilnehmer an dieser Station Brillen, die die verschiedenen

Katarakt (grauer Star)

altersbedingten Sehkrankheiten wie z. B.

Starke Linsentrübung

Glaukom (grüner Star) oder die einseitige Netzhautablösung darstellten. Das Sehen und die Wahrnehmung von Kontrasten waren damit stark eingeschränkt.

Einseitige Netzhautablösung Das Gesichtsfeld ist eingeschränkt, Betroffene nehmen im Auge einen aufziehenden Schatten, schwarzen Vorhang oder auch Lichtblitze wahr

Das Einschenken und Abstellen des Kaffees oder das Schneiden der Torte war auf einmal gar nicht mehr so einfach. Nach einer anfänglichen Unsicherheit hielten die Teilnehmer einen Kaffeeklatsch, den sie so noch nie erlebt hatten. Mit etwas Vorsicht und Bedacht hatten alle Teilneh-

Retinitis Pigmentosa Einengung des Gesichtsfeldes, Störung des Farb- und Kontrastsehens sowie gestörtes Dämmerungssehen und Nachtblindheit

mer aber trotzdem großen Spaß.

AUSGABE 14

50


#gefühlteachtzig

51

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

52


53

LEBENLANG


ANZEIGE

5 Fragen 5 Ant worten

MIT SARAH

W

as sind die wichtigsten Erkenntnisse, die du für dich

persönlich aus unserem Workshoptag ziehst? Die Einschränkungen beim Sehen, die ich mit den Spezialbrillen erfahren durfte, waren für mich persönlich am erschreckendsten. Ich bin ein sehr visueller Mensch und fotografiere extrem viel. Wenn ich darüber nachdenke, auf was ich alles verzichten müsste, wenn meine Augen irgendwann nicht mehr mitspielen, dann wird mir ganz anders. Ich kann jetzt die Verzweiflung der älteren Menschen sehr gut nachempfinden. Darüber hinaus ist für mich klar, dass wir alle an unserem Umgang mit der älteren Generation arbeiten und mehr Rücksicht nehmen müssen. Wir müssen alte Menschen mehr integrieren

AUSGABE 14

54


und von ihren Erfahrungen profitieren statt sie abzuschreiben. Ich für meinen Teil werde mich jedenfalls mehr in Geduld üben und hoffen, dass die Alten in unserer Gesellschaft den Stellenwert bekommen, den sie

solches Haus gekauft und es um-

in anderen Ländern längst

fangreich saniert. (Mehr zu Sarahs

haben. Und ich nehme das Event

Home-Story erfahren Sie hier

auch als Appell an mich selbst

Nach eurem Event habe ich unser

und versuche, wieder mehr auf

Heim noch mal mit ganz anderen

meinen Körper zu achten und ihn

Augen betrachtet und festgestellt,

zu pflegen – schließlich habe ich

dass wir in Sachen Eigenheim und

ja nur diesen einen.

Umbauten schon recht gut vorge-

)

sorgt haben: Mit einer Rampe an Auf Eat Blog Love beschäftigst du

der Eingangstür und einem Trep-

dich mit den kreativen Dingen des

penlift ins Obergeschoss können

Lebens, v. a. auch mit Architek-

wir das Haus auch im Alter fast

tur und Interior Design. Hast du

uneingeschränkt nutzen, da wir

dich vorher jemals auch mit The-

bereits auf Dinge wie eine eben­

men wie Wohn- und Pflegeformen

erdige Dusche geachtet haben.

auseinandergesetzt? Wir haben viele Jahre damit ver-

Wenn du heute dein Zuhause für

bracht, ein Eigenheim zu finden

das Leben im Alter planen und ge-

und dabei immer wieder Häuser

stalten solltest, worauf würdest

besichtigt, deren ehemalige Besit-

du mit deinen neuen Erkenntnis-

zer nicht mehr in der Lage waren,

sen aus unserem Workshop nun

alle Räume ihres Hauses zu nutzen,

besonders achten und was wür-

weil sie beispielsweise nicht mehr

dest du berücksichtigen?

die Treppe raufkamen. Im vergan-

Wenn ich unser Zuhause noch

genen Jahr haben wir genau ein

einmal planen würde, würde ich 55

LEBENLANG


ANZEIGE

das Gäste-WC im Erdgeschoss größer dimensionieren und mit einer ebenerdigen Dusche ausstatten. Zudem würde ich wohl auch schweren Herzens auf die alten

Wie denkst du jetzt darüber: Wie

Türschwellen verzichten. Auf dem

müssen wir als Gesellschaft unse-

heutigen Immobilienmarkt hat

ren Blick auf das Leben im Alter

man ja nicht wirklich die Wahl,

und das Älterwerden ändern?

aber wenn ich sie hätte, würde ich

Ich finde, wir sollten generell bes-

auch auf einen Bungalow ohne

ser für das Alter vorsorgen, Geist

steile Treppen setzen.

und Körper fit halten und uns früh um das Thema Pflege Gedanken

Gibt es Dinge, auf die du dich spä-

machen. Zudem sollten wir der

ter im Alter vorbereiten möchtest?

älteren Generation mehr Respekt

Ich bin nach dem Event tatsäch-

zollen, sie mehr wertschätzen,

lich am Überlegen, ob ich jetzt

von ihrer Lebenserfahrung profi-

eine Pflegeversicherung abschlie-

tieren und sie besser in den Alltag

ße, da ich nicht möchte, dass die

integrieren. In anderen Ländern

finanzielle Last der Pflege später

ist das längst geschehen und ich

auf unserer Tochter lastet. Zudem

denke, dass sich Deutschland hier

möchte ich mich einfach körper-

eine ordentliche Scheibe von ab-

lich und geistig fit halten.

schneiden kann.

AUSGABE 14

56


» NACH EUREM EVENT HABE ICH UNSER HEIM NOCH MAL MIT GANZ ANDEREN AUGEN BETRACHTET « 57

LEBENLANG


ANZEIGE

» Facelifting? Nein, dann würde ich ja all diese großartigen Falten zerstören. « Clint Eastwood

Beim Workshop #gefühlteachtzig oder „80 für einen Tag“ ging es nicht nur um das Fühlen, sondern auch das Sehen spielte beim Event eine große Rolle. Und wer sich alt fühlt, sollte beim Workshop auch mit den eigenen Augen zu sehen bekommen, wie man alt aussieht. Die eingeladenen Bloggerinnen hatten daher am Workshoptag die Möglichkeit, mithilfe professioneller Maskenbildner im Zeitraffer zu altern. Sechs angehende Maskenbildnerinnen haben die Bloggerinnen und das LEBENLANG-Team binnen kürzester Zeit auf „alt“ geschminkt. Paula, Sarah, Anja und Luisa wie auch Lydia, Kati und Nadine aus dem LEBENLANG-Team wurden mit jeder Menge Puder, Spezialkleber, Altersflecken-Spray und vielem mehr innerhalb von 90 Minuten in ihre älteren Ichs verwandelt. Ein echter Wow-Effekt!

AUSGABE 14

58


„Making of“ anschauen

59

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

Nadine von60 LEBENLANG vorher


Nadine von61 LEBENLANG nachher

LEBENLANG


ANZEIGE

BLOG POSTS

  laufvernarrt

  schoenesleben.net

 laufvernarrt

 schoenesleben_anja

Was auf Social Media los war …   luloveshandmade

 eatbloglove.de

 luloveshandmade

#gefühlteachtzig

  eatbloglove.de

AUSGABE 14

Vielen Dank für die Teilnahme, die schönen Berichte und die lieben Worte! allianz.wegwerthweiss

62


Foto: privat

DIE MITWIRKENDEN

W orkshop DAVID NASSIM & TEAM

DILEKEREI

fizzfoto

dilekerei Berlin | Eulerstraße 11b www.dilekerei.com

Ruby loves Jack In seinem ersten Leben war David für

Wahre Kunstwerke sind es, die Dilek

eine Investmentbank in London tätig

Topkara aus Zuckerguss, Teig und viel

und spielte ganz vorne in den Kreisen

Liebe zaubert – fast zu schade, um die

der Hochfinanz mit. Bis er beschloss,

Torten anzuschneiden. Doch auch das

sein Leben radikal zu ändern und

lohnt sich natürlich!

sein Hobby zum Beruf zu machen.

Mit ihren Kreationen verleiht Dilek

Heute lebt der gebürtige Engländer

besonders Hochzeiten oder Taufen

in Berlin und London und inszeniert

einen ganz besonderen Schliff. Sie ar-

mit seinem Team nicht nur Produkte,

beitet daher vor allem auf Bestellung.

Unternehmen oder wie in unserem

Samstags und sonntags öffnet die ge-

Falle Workshops, sondern ist auch

bürtige Deutsche, die schon in führen-

als begehrter Hochzeitsfotograf un-

den Konditoreien weltweit gearbeitet

ter Ruby Loves Jack unterwegs.

hat, ihr kleines, zauberhaftes Café, das wie in einer anderen Welt schwebt. So

davidnassim

kommen auch andere Liebhaber in den Genuss ihrer Köstlichkeiten wie

 fizzfoto

 ruby.loves.jack

Torten, Tartes und vieles mehr.   Dilekerei

 dilekerei 63

LEBENLANG


ANZEIGE

BJÖRN WEGGEN UND SEIN TEAM Foto | Chloé Desnoyers

mieterando.com Wer Björn Weggen trifft, ist sofort

PATRICIA HAAS

überzeugt: Mit ihm bekommt man alles organisiert und jede Hürde ge-

loveandotherstories.de

meistert. Daher war sofort klar, dass

Patricia ist eine der Fotografinnen

sich das Team von LEBENLANG in

und Kontributorinnen der ersten

Sachen

Stunde von LEBENLANG. Seit Jahren

voll in Björns Hände und die seines

begleitet sie LEBENLANG durch ver-

Teams begeben würde. Egal ob Al-

schiedene Ausgaben, Workshops und

terssimulationsanzüge, Altersbrillen,

Shootings und hält die Erlebnisse

Tischhussen, Leitern oder Stehtische,

des Magazins in Bildern fest. Neben

über mieterando.com kann man al-

ihren Arbeiten für das Magazin ist sie

les mieten, was nicht festgewachsen

auch eine gefragte Hochzeitsfoto-

ist. Gleichzeitig ist es sehr hilfreich,

grafin und begleitet mit ihren Foto-

sich von den Erfahrungen und Er-

reportagen Brautpaare durch deren

kenntnissen inspirieren zu lassen, die

schönsten Tag des Lebens.

Björn Weggen mit den Altersanzü-

  loveandstoriesphotography

Altersanzüge

gen in verschiedensten Situationen

bereits gesammelt hat. Auch dem

 loveandstories

LEBENLANG-Team stand er mit Rat und Tat zur Seite.

AUSGABE 14

vertrauens-

64


HÜRRIYET BULAN

HASSO VON HUGO

botanic-art.de Hürriyet

verzaubert

das

LEBEN-

LANG-Team schon seit Jahren immer

maskenbildnerschule.de

wieder mit ihren atemberaubenden Blumenarrangements, die jedes Mal

Die sechs Mädels Tamara, Janika,

wie ganze Kunstwerke aussehen.

Tatjana, Klara, Alexandra und Janika

Hürriyet schafft es, Räumen mit Blu-

kommen von der Berliner Masken-

men eine völlig neue Wirkung zu ge-

bildnerschule „Hasso von Hugo“ und

ben. Nach Events oder Fotoshootings

haben am Workshoptag den Blog-

freuen sich alle Beteiligten immer,

gerinnen das Alter ins Gesicht ge-

ein paar der schönen Blumen mit

schminkt. Und wie man an den Bil-

nach Hause nehmen zu können.

dern erkennen kann, ist ihnen das beeindruckend gelungen.

  botanicartdesign

  maskenbildnerschule.berlin

 botanicart

 maskenbildnerschule

65

LEBENLANG


ANZEIGE

Sehen und Wahrnehmung

Warum unsere Welt im Alter ein wenig verschwimmt und sich rötlich verfärbt. Schleichend beginnt der Prozess. Es fängt damit an, dass die Buchstaben in der Zeitung plötzlich ein wenig unscharf erscheinen, das Sehen in der Dämmerung zunehmend schwerfällt und die Kontraste in der Wahrnehmung ein wenig nachlassen. Irgendwann könnte dann der Eindruck entFoto: Ljupco | istock

stehen, dass man durch ein schmutziges Fenster in die Welt schaut, die Leuchtkraft der Farben nachgelassen hat und man den Kopf zunehmend drehen muss, um neben AUSGABE 14

66


sich etwas erkennen zu können, das man

nen die Nah- und Ferneinstellungen nicht

früher problemlos auch aus dem Augen-

mehr so gut angepasst werden. Vor allem

winkel mitbekommen hätte.

auf kurze Distanzen gelingt es dem Auge zunehmend schlechter, richtig scharf zu

Unsere Sehkraft lässt im Alter ganz na-

stellen. Es entsteht die sogenannte Alters-

türlich nach. Was viele erst nicht glauben

weitsichtigkeit, die dafür sorgt, dass wir

und hören wollen, bekommen sie mit Mit-

irgendwann eine Lesebrille benötigen.

te 40 am eigenen Leib zu spüren. Schon

» ZWEI SCHUTZPROTEINE SORGEN ÄHNLICH WIE EIN KONSERVIERUNGS­ MITTEL DAFÜR, DASS DIE EIWEISSE DER LINSE NICHT VERKLUMPEN UND DIE AUGENLINSE IMMER SCHÖN KLAR BLEIBT. «

ab dem 40. Lebensjahr nagt der Zahn der Zeit bereits an der Sehkraft. Doch worauf genau müssen wir uns gefasst machen und wieso kommt es überhaupt dazu?

Die Alterserscheinungen des Auges Wenn wir feststellen, dass unsere Sehkraft nachlässt, haben wir es immer mit Abnutzungserscheinungen am Auge zu tun. Diese zeigen sich insbesondere an der Linse, die aus Kollagenfasern besteht, also aus Eiweißen, wie sie auch in Haut, Knochen, Fingernägeln und Haaren vorkommen. Ein ganzes Leben lang wird sie durch Muskelbewegungen der Iris dazu gezwungen, sich mal mehr und mal weniger zu krümmen. So kann das einfallende Licht zielgenau gebündelt werden, so-

Wenn die Welt an Farbe verliert

dass je nach Entfernung ein scharfes Bild

Doch nicht nur das Scharfsehen und das

auf der Netzhaut im Punkt des schärfsten

Sehen im Dunkeln fallen uns im Laufe des

Sehens, der Fovea centralis, entsteht. Das

Lebens immer schwerer, sondern auch

Problem ist jedoch, dass die Flexibilität

das Klarsehen. In jungen Jahren verfügt

der Linse irgendwann nachlässt und es zu

der Mensch über glasklare Linsen in den

einer Verhärtung kommt. Dadurch kön-

Augen. Zwei Schutzproteine sorgen ähn67

LEBENLANG


ANZEIGE

WUNDER SEHEN Weitere Infos sowie spannende Zahlen und Fakten rund um den wichtigsten Sinn finden Sie hier

durchdringt die getrübte Linse nicht mehr so gut. Es kommt zu einer Verschiebung des Lichtspektrums vom blau-grünen zum

lich wie ein Konservierungsmittel dafür,

gelb-roten Bereich. Die gesamte Umwelt

dass die Eiweiße der Linse nicht verklum-

erscheint im Alter leicht ins Rötliche ver-

pen und die Augenlinse immer schön klar

schoben, Blautöne werden einfach ver-

bleibt. Doch im Alter ab etwa 70 Jahren

schluckt. Zudem kommt es im höheren

können sich diese Schutzproteine verän-

Alter verstärkt zu Blendeffekten aufgrund

dern und ihre eigentliche Aufgabe nicht

der diffusen Streuung des Lichts.

mehr in vollem Umfang erfüllen. Und nicht zuletzt wird das Gesichtsfeld

» ZUDEM KOMMT ES IM HÖHEREN ALTER VERSTÄRKT ZU BLENDEFFEKTEN AUFGRUND DER DIFFUSEN STREUUNG DES LICHTS. «

der älteren Generation allmählich kleiner und auch das räumliche Sehen wird zu einer Herausforderung, die den Alltag erschwert. Die Abstände zwischen einzelnen Treppenstufen lassen sich nicht mehr problemlos erkennen. Die Veränderungen der Sehstärke und der Wahrnehmung von Licht, Kontrasten und Entfernungen führen dazu, dass der Alltag auf einmal Gefahren birgt, die zwar zuvor bereits existierten, aber noch nie

So kann es doch zu einer allmählichen

ein Problem darstellten. Das Eigenheim

Eintrübung kommen, die sich nicht nur ne-

mit all seinen Stufen, Treppen und glat-

gativ auf die Kontraststärke beim Sehen

ten, weißen Fliesen wird dann zur Gefah-

auswirkt, sondern auch die Farbwahrneh-

renzone, die das selbstständige Leben zu

mung beeinträchtigt. Kurzwelliges Licht

Hause erschweren.

AUSGABE 14

68


» Die Veränderungen der Sehstärke und der Wahrnehmung von Licht, Kontrasten und Entfernungen führen dazu, dass der Alltag auf einmal Gefahren birgt. «

69

LEBENLANG


ANZEIGE

IM INTERVIEW

Altersgerecht, alterssensibel und barrierefrei: Wie wollen wir leben? Frau Prof. Dr.-Ing. Gesine Marquardt ist Professorin für Sozial- und Gesundheitsbauten am Institut für Gebäudelehre und Entwerfen an der Universität Dresden. Ihre Schwerpunkte sind unter anderem die demenzsensible Architektur, Architektur im demografischen Wandel sowie Wohn- und Pflegeformen. Welche Maßnahmen erforderlich sind, wenn öffentliche Gebäude und private Eigenheime auf unsere alternde Gesellschaft angepasst werden sollen, hat sie deshalb genau im Blick. Wir haben mit der Expertin über barrierefreies Wohnen und Bauen gesprochen und darüber, welche Möglichkeiten wir als Privatpersonen haben, um das eigene Zuhause möglichst altersgerecht zu gestalten. AUSGABE 14

70


Was bedeutet Barrierefreiheit in

Andere Kinder haben vielleicht

der Architektur und wie setzen

einen Elternteil im Rollstuhl, der

sich Architektinnen und Architek-

auch in den Kindergarten gelan-

ten in ihrem Berufsalltag damit

gen muss. So geht es weiter mit

auseinander?

Schulen, Einrichtungen des Ge-

Es gibt eigentlich keine Bauauf-

sundheitswesens, aber auch bei

gabe, die nichts mit der Thematik

allen öffentlichen Gebäuden, wie

der Barrierefreiheit oder der al-

Universitäten, Theater, Kirchen

ternden Gesellschaft zu tun hat.

oder Bibliotheken. Im Grundge-

Wenn beispielsweise Kindergär-

setz steht, dass niemand aufgrund

ten gebaut werden, könnte man

seiner Behinderung benachteiligt

zunächst denken, dass sich die

werden darf. Das heißt also, wir

Frage der Barrierefreiheit nicht

müssen barrierefrei bauen.

Foto: privat

stellt. Dort hat man allerdings die Aufgabe der Inklusion von Kindern

Inwieweit müssen sich Architekt-

mit körperlichen und sensorischen

innen und Architekten heutzuta-

Beeinträchtigungen. Wenn ich ei-

ge damit auseinandersetzen, was

nen Kindergarten baue sollte ich

förderfähig ist?

also wissen, wie ich Barrierefrei-

Meiner Meinung nach braucht

heit gewährleisten kann.

Barrierefreiheit keine Förderung, 71

LEBENLANG


ANZEIGE

aber planerisches Können. Wenn

In Bezug auf Pflege und Wohn-

wir ein Gebäude barrierefrei bau-

formen tauchen Begrifflichkeiten

en, kostet das auf die gesamten

wie „altersgerecht“ oder „alters-

Baukosten umgerechnet nur ca.

sensibel“ auf. Was bedeuten diese

vier Prozent mehr. Es ist eine ge-

Begriffe aus Ihrer Sicht?

sellschaftliche Aufgabe, die es

Das sind Labels, die im Marketing

umzusetzen gilt. Ich glaube nicht,

verwendet werden und die man

dass der Staat den Bauherren da-

für verschiedenste Gebäude und

für Geld geben muss, da sich mit

Bauaufgaben verwenden kann.

guter Planung dieses Thema na-

Um zu wissen, was wirklich da-

hezu von selbst erledigt.

hinter steckt, muss man sehr genau hinschauen. Wenn man in ein

» WENN WIR EIN GEBÄUDE BARRIEREFREI BAUEN, KOSTET DAS AUF DIE GESAMTEN BAUKOSTEN UMGERECHNET NUR VIER PROZENT MEHR. «

Haus einzieht, das altersgerecht bezeichnet wird, stellt sich die Frage nach der Definition dieses Begriffs. Das kann beispielsweise heißen, dass alles pastellfarben ist und das wird dann als altersgerecht angepriesen. Dass jedoch kein Aufzug im Haus ist, wird vielleicht gar nicht beachtet.

Bei bestimmten Einkommenssi-

Es gibt jedoch den Begriff der Bar-

tuation ist eine Unterstützung im

rierefreiheit, der im Behinderten-

Bereich der Individualförderung

gleichstellungsgesetz

jedoch sinnvoll. Wenn jemand

und in Baunormen umgesetzt

beispielsweise in seiner Wohnung

wird. Es empfiehlt sich, mit diesem

einen Umbau benötigt, um auch

Begriff zu arbeiten, auch wenn er

mit einer Einschränkung oder Be-

sperriger klingt.

definiert

hinderung dort wohnen bleiben

AUSGABE 14

zu können, dann ist eine Förde-

Welche Aspekte halten Sie denn

rung durchaus richtig. Dafür gibt

für besonders wichtig?

es dann beispielsweise Wohnbe-

Wenn ich die Bauaufgabe habe,

ratungen, um spezielle Förderun-

ein Haus zu bauen, in dem sich

gen zu beantragen.

ältere Menschen besonders wohl72


fühlen und in dem sie besonders

geben, um die einzelnen Etagen

gut zurechtkommen, dann darf

leicht erreichen zu können.

man das dem Haus erst einmal überhaupt nicht ansehen. Ich fin-

In den Wohnungen muss es genug

de es wichtig, dass durch Archi-

Bewegungsfläche geben. Dies ist

tektur und Gestaltung kein Stigma

vor allem in Bädern und Küchen

entsteht. Stattdessen sollen ganz

wichtig, um beispielsweise mit ei-

viele Dinge vorkommen, die für

nem Rollator rangieren oder auch

alle Generationen gut sind. Es gibt

im Sitzen kochen zu können. Im

beispielsweise keine Stufen, son-

Bad muss genug Platz vorhan-

dern einen ebenerdigen Eingang.

den sein, sodass ein Pflegedienst

Da kommt man dann gut mit dem

Unterstützung leisten kann, bei-

Rollator durch, aber auch mit ei-

spielsweise beim Duschen helfen.

nem Kinderwagen oder mit dem

Außerdem darf am Balkon keine

Rollstuhl. Auch muss es ausrei-

Stolperschwelle sein.

chend Platz im Eingangsbereich geben, um den Rollator oder den

Dies sind die Dinge, die ich bei ei-

Kinderwagen abzustellen. Der Ge-

nem Hausbau oder -umbau ein-

bäudezugang sollte gut erkenn-

zeln plane, sodass die zukünftigen

» STATTDESSEN SOLLEN GANZ VIELE DINGE VORKOMMEN, DIE FÜR ALLE GENERATIONEN GUT SIND. «

Bewohner nicht aus ihrer Wohnung ausziehen müssen, wenn sie einmal Hilfe benötigen. Wenn man von barrierefreiem Wohnen spricht, denkt man automatisch an Themen aus dem Pflegebereich. Gibt es Ideen, neue Entwicklungen oder Trends in Sachen Hausbau, die man schon in jungen Jahren anwenden kann?

bar sein, etwa mit einer großen

Der Trend des fließenden Über-

Hausnummer, sodass seheinge-

gangs von einem in das andere

schränkte Menschen oder auch

Zimmer zeichnet sich deutlich ab.

Kinder sich gut zurechtfinden.

Man will nicht mehr in der Küche

Außerdem muss es einen Aufzug

auf kleinstem Raum etwas zube73

LEBENLANG


ANZEIGE

reiten und es auf einem Tablett

alternde Gesellschaft sind. Ein

ins Wohnzimmer tragen. In Bädern

Gebäude, das in der demografisch

sind bodengleiche Duschen inzwi-

veränderten Gesellschaft in 30

schen Standard. Das sind Beispie-

Jahren immer noch gut funktio-

le für Wohntrends, die jüngeren

niert, ist mehr wert als eines, das

Menschen gefallen, aber gleich-

bestimmte Nutzer ausschließt.

zeitig auch Älteren guttun. Beim Thema Hausbau ist es wichtig, die Barrierefreiheit von Anfang an in

» DAS SIND WOHNTRENDS, DIE JÜNGEREN MENSCHEN GEFALLEN, ABER GLEICHZEITIG AUCH ÄLTEREN GUTTUN. «

Wie sieht für Sie das Wohnen der Zukunft aus? Viel normaler, als man denkt! Ich glaube nicht, dass irgendetwas fliegt, und ich glaube, dass das Wohnen von morgen so ziemlich wie das Wohnen von heute aussieht. Ich hoffe, dass es einiges an neuer Technik geben wird, die den Alltag erleichtert. Aber ich sehe

die Planung einzubeziehen. Man

nicht die futuristischen Häuser

kann ohne Probleme ein barrie-

vor uns, denn letztendlich wohnen

refreies Haus bauen, ohne das

wir in vielen alten Gebäuden und

Freunde sich fragen, warum man

bewahren auch unser kulturelles

das jetzt so „altengerecht“ gebaut

Erbe. Ich glaube, wir können das

hat. Das sieht man erst einmal gar

nicht einfach über Bord werfen.

nicht! Möglicherweise kosten diese Maßnahmen erst einmal etwas mehr, aber sie schlagen sich in den Baukosten nicht dramatisch nieder. Dafür erhöhen sie aber die Nutzbarkeit des Gebäudes. Gerade bei Bauinvestitionen sollte man immer daran denken, dass wir eine AUSGABE 14

74

Die Allianz steht Ihnen zum Thema barrierefreies Wohnen jederzeit beratend zur Seite. Mehr Informationen dazu finden Sie hier


Âť Es gibt eigentlich keine Bauaufgabe, die nichts mit der Thematik der Barrierefreiheit oder der alternden Gesellschaft zu tun hat. ÂŤ

75

LEBENLANG


Foto | GARAGE ISLAND CREW

ANZEIGE

AUSGABE 14

76


» Selbstbestimmt bis ins hohe Alter leben: wie und wo ich möchte «

Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt nur einen Teil der Pflegekosten. Wer sich gegen das finanzielle Risiko einer Pflege­ bedürftigkeit absichern will, sollte daher privat vorsorgen und erhält sich dadurch ein großes Stück Selbstbestimmtheit.

77

LEBENLANG


ANZEIGE

W

er möchte schon

ins

Altenpflege-

heim ziehen, wenn er sein ganzes Leben lang in einem großen Haus auf dem Land gelebt hat oder sich nur da so richtig zu Hause fühlt, wo die Hausgemeinschaft zum Freundeskreis herangewachsen ist? Doch wenn auf einmal Umbauten, Haushaltshilfe oder gar professionelle

» Jeder zweite Mann und drei von vier Frauen werden pflegebedürftig. «

Pflege nötig werden, scheint der Wunsch, in den eigenen vier Wänden zu bleiben, schnell zu einem Ding der Unmöglichkeit zu werden. Die Kosten explodieren und niemand ist in dieser emotionalen Ausnahmesituation in der Lage, das al-

Quelle: BARMER GEK Pflegereport 2016

les zu organisieren. Dagegen hilft nur eines: die richtige und rechtzeitige private Vorsorge. Als 1994 die gesetzliche Pflegever-

FOTO | GARAGE ISLAND CREW

Gut vorgesorgt, ist gut versorgt

sicherung eingeführt wurde, konn-

Die Allianz hat es sich mit ihren privaten

te das finanzielle Risiko minimiert

Pflegeversicherungen

zum Ziel ge-

werden. Damals lag der durch-

setzt, die Selbstbestimmung ihrer Versi-

schnittliche Eigenanteil im Falle ei-

cherten auch im Pflegefall zu erhalten.

ner Versorgung im Heim bei 77 Euro

Die Kernleistung ist dabei die finanzielle

monatlich, im vergangenen Jahr

Absicherung: Da die gesetzliche Pflege-

waren es bereits 587 Euro – Ten-

versicherung lediglich als eine Teilkasko-

denz steigend. Denn so viele Vor-

versicherung angelegt ist, bedeutet eine

teile die Pflegestärkungsgesetze

Pflegebedürftigkeit nach wie vor ein fi-

der letzten Jahre auch mit sich

nanzielles Risiko.

gebracht haben – unter anderem

AUSGABE 14

78


Sichern Sie sich jetzt ab, um die Kosten für später so gering wie möglich zu halten.

die Leistungsausweitung für demenziell Erkrankte und pflegende Angehörige –, die Reformen kosten viel Geld.

Wer auch im späten Alter selbstbestimmt Das finanzielle Risiko, das Pflege heute

in seinem eigenen Zuhause leben möch-

bedeutet, betrifft nicht nur einige wenige,

te, der muss früher oder später Umbau-

sondern viele. Laut des BARMER GEK Pfle-

maßnahmen in Angriff nehmen. Der Ein-

gereports aus dem Jahr 2016 werden je-

bau einer ebenerdigen Dusche kann

der zweite Mann und drei von vier Frauen

beispielsweise je nach Einbausituation,

pflegebedürftig. Als verlässlicher Partner

Größe, Ausstattung und Qualität der Sa-

bietet die Allianz verschiedene Pflegever­

nitärobjekte schon um die 5.000 Euro

sicherungen

an, die Sie an Ihren indivi-

kosten. Zwar kann die Pflegekasse einen

duellen Bedürfnissen ausrichten können.

Zuschuss für den Einbau gewähren – die-

Wie Sie die passende Pflegeversicherung

ser beträgt jedoch maximal 2.557 Euro

für Sie persönlich finden, hatten wir Ih-

abzüglich eines Eigenanteils von 10 Pro-

nen bereits in unserer Ausgabe ­­ N°11

zent der Kosten – somit entsteht auch hier

vorgestellt.­

eine hohe Restsumme, für die der Pflegebedürftige oder die Angehörigen selbst aufkommen müssen. Quelle: Bundesministerium für Gesundheit

Doch das Bad ist eben

» Die Anzahl der Pflegefälle wird sich in 35 Jahren um circa 60 % erhöhen. «

nicht alles, wie uns auch Prof. Dr. Marquardt in ihrem Interview erklärte. Benötigt ein Familienmitglied eine Gehhilfe oder einen Rollstuhl, wird es kritisch: Plötzlich sind Türdurchgänge ausgetauscht

werden.

Komplette Küchen müssen möglicherweise auf eine neue Höhe umgebaut und Treppenlifte installiert werden.

79

LEBENLANG

ILLUSTRATION | HELENA MELIKOV

zu schmal und müssen


ANZEIGE

Um diesem und anderen finanziellen Risiken vorzubeugen, bietet die Allianz mit dem Pflegeta­ gegeldBest

einen flexiblen Tarif

» Nur 4 % der Deutschen haben eine private Pflegeversicherung. «

an. Mit dem Zusatzbaustein Einmalauszahlung können Sie sich im Pflegefall ab Pflegegrad 2 eine Einmalauszahlung (bis zu 15.000 Euro) sichern und haben damit mehr finanziellen Spielraum – zum Beispiel für nötige Umbaumaßnahmen.

Quelle: Statistisches Taschenbuch der Versicherungswirtschaft 2015

Wenn Sie heute schon freies Kapital besitzen, können Sie auch eine PflegeRente gegen Einmalbetrag

abschließen. Bei

Bedarf können Sie Geld entnehmen, die

losen Service des Partners WDS.care

Pflegerente bleibt in vollem Umfang be-

nutzen und erhalten u. a. jederzeit eine

stehen. Ihre Hinterbliebenen bekommen

persönliche Beratung oder Unterstützung

aber auf jeden Fall eine Kapitalzahlung,

bei der Suche eines Pflegedienstes oder

selbst wenn Sie bereits eine Pflegerente erhalten haben. Auch bei laufender Beitragszahlung kön-

FOTO | GARAGE ISLAND CREW | ILLUSTRATION | HELENA MELIKOV

nen Sie sich mit der Pflegerente Pflege­ PoliceFlexi geldBest

oder dem Pflegetage­ absichern. Die Leistung, die

Sie im Pflegefall erhalten, ist dann jeweils vom Pflegegrad abhängig. Die Allianz versteht sich als starker Partner an Ihrer Seite und bietet Ihnen deshalb auch in diesen beiden Tarifen zusätzlich Assistance- und Serviceleistungen. Im Falle von PflegetagegeldBest können Sie und auch Ihre Angehörigen den kostenAUSGABE 14

80


Pflegeheimes innerhalb von 24h. Die Fa-

aber sehen, hilft Ihnen eine individuel-

milie des Pflegebedürftigen wird hier also

le Vorsorge, Ihre persönliche Entschei-

ebenfalls entlastet.

dungsfreiheit und Lebensqualität zu bewahren. Bei der Auswahl unterstützt die

Im Pflegefall möglichst lange Zuhause

Allianz Sie gerne mit einer persönlichen

zu bleiben, wünschen sich die meisten

Beratung.

Betroffenen. Wer sicher gehen möchte, dass er auch bei der Pflege zu Hause gut versorgt und abgesichert ist,

Schon gewusst?

kann beim PflegetagegeldBest zusätzlich den Baustein „Ambulante Erhöhung“ wählen, damit erhalten Sie weitere finanzielle Mittel bei häuslicher Pflege und können bis ins hohe Alter selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben. Niemand setzt sich gerne mit dem Thema Pflege auseinander. Wie Sie

Die private Pflege­pflicht­versicher­ung bzw. gesetzliche Pflegeversicherung ist als Grundsicherung im Pflegefall zu verstehen, da nur ein Teil der Kosten für ambulante und stationäre Pflege übernommen wird. Aber was steht Ihnen eigentlich zu? ▸ Damit Menschen länger in ihrer gewohnten Umgebung leben können, bezuschusst der Staat mittlerweile wohn­ umfeldverbessernde Maßnahmen mit 4.000 Euro. Darüber hi­naus springt der Staat, wenn es um Verhinderungsund Kurzzeitpflege geht, mit bis zu 1.612 Euro im Jahr ein. ▸ Bei Gründung einer Wohngruppe gibt es einen Zuschuss von 2.500 Euro. ▸ Pro Pflegebedürftigen in einer Wohngruppe gibt es 214 Euro pro Monat. ▸ Der Entlastungsbeitrag liegt bei 125 Euro monatlich. ▸ Bis zu 40 Euro monatlich erhalten Pflegebedürftige für Pflege-Verbrauchsmittel.

Diese und weitere Informationen dazu finden Sie hier

81

LEBENLANG


ANZEIGE

Der interaktive Umbau-­Simulator BAD

Badewannenlifte sind zwischen 180 und 2.000 Euro erhältlich. Ein Sitzduschbad mit Tür schlägt mit 3.400–4.600 Euro zu Buche.

TOILETTE

Die Preisspanne von Toilettensitzerhöhungen reicht je nach Komfort von 33 bis 200 Euro. WC-Lifter mit Elektromotor kosten zwischen 2.200 und 2.600 Euro.

AUSGABE 14

82

TREPPENLIFTE

Der Preis von Sitzliften variiert je nach Anbieter zwischen 2.500 und 6.000 Euro. Plattformlifte sind in einer Preisspanne von 9.500 bis 16.000 Euro erhältlich.


TÜREN

Automatiktüren schlagen je nach Ausstattung mit 950–1.500 Euro zu Buche. Hinzu kommen die Kosten für den Umbau und die Montage, die abhängig vom Anbieter stark variieren können.

KÜCHE

Je nach den örtlichen Gegebenheiten und dem Umfang der gewünschten Maßnahmen kann der Umbau der Küche Kosten zwischen 5.000 und 10.000 Euro verursachen.

Die Kosten für den Umbau sind oft schwer abzuschätzen. In der Allianz Gesundheitswelt

gibt es einen

interaktiven Umbau-Simulator

.

Damit kann genau berechnet werden, was möglich ist und vor allem was es

ILLUSTRATION | HELENA MELIKOV

kostet.

83

LEBENLANG


SWEET DREAMS

EINFACH WIEDER GEHEN KÖNNEN Ein Traum wird Wirklichkeit TEXT | ALENA HECKER ILLUSTRATION | MATHILDE SCHLIEBE

Rollatoren erleichtern Millionen von Menschen das alltägliche Leben. Mit ihrer Erfindung hat sich die Schwedin Aina Wifalk vor 40 Jahren einen großen Wunsch erfüllt: einfach wieder gehen zu können.

AUSGABE 14

84


SÜSSE TRÄUME

A

ina Wifalk ist 21 Jahre alt, als sie die Diagnose erhält: Kinderläh-

mung. Es ist das Jahr 1949. Von ihrem Traumberuf muss sich die Schwedin verabschieden.

Krankenschwester

wollte

sie werden, doch die Ausbildung kann sie aufgrund ihrer Krankheit nicht fortsetzen. Aber Aina Wifalk lässt sich nicht unterkriegen. Sie schreibt sich für ein Studium der Sozialwissenschaften ein, gründet in ihrer Heimatstadt Lund einen Verein für Körperbehinderte und arbeitet als Beraterin für die orthopädische Klinik in Västerås. Die Polio-Erkrankung macht es ihr indes immer schwerer, sich fortzubewegen. Zwar gibt es bereits vierbeinige Gehgestelle, doch Aina Wifalk genügt das nicht. 1978 präsentiert sie den ersten Entwurf eines Rollators, einer fahrbaren Gehhilfe mit vier Rädern, Bremse, Ablage- und Sitzfläche. Kurze Zeit später beginnt die Serienproduktion. Heute ist der Rollator für viele Menschen kaum mehr wegzudenken. Schätzungen zufolge sind allein in Deutschland mehr als drei Millionen Exemplare im Einsatz. Wurde der Gehwagen früher mit Alter, Krankheit und Gebrechlichkeit assoziiert, 85

LEBENLANG


SWEET DREAMS

gilt er heutzutage vor allem als nützliche

haben zusätzlich einen Notrufknopf und

Hilfe. Rollatoren gibt es mit verschiedens-

ein integriertes Ortungssystem. 2017 prä-

ter Ausstattung und in unterschiedlichen

sentierten zwei Brüder beim Regional-

Preisklassen.

wettbewerb „Jugend forscht“

Krankenkassen zahlen häufig nur das ein-

treppensteigenden Rollator, der auch in

fachste Modell, viele Menschen legen

der Fachwelt auf Interesse stieß. In Mag-

sich darum zusätzlich noch eine Gehhilfe

deburg haben Sportwissenschaftler einen

zu, die besser auf ihre Bedürfnisse zuge-

Sport- und Tanzrollator

schnitten ist. Tipp: Wer über die Anschaf-

fast so wendig sein soll wie ein richtiger

fung des Gehwagens nachdenkt, sollte

Tanzpartner.

vorher überlegen, wie und wann er zum

In diesem Jahr feiert der Rollator sei-

Einsatz kommen soll:

nen 40. Geburtstag. Aina Wifalk hat sich

ihren

erfunden, der

ihre Erfindung nie patentieren lassen. Ihr Wird der Rollator vor allem drau

Wunsch, möglichst viele Menschen mit

ßen oder nur innerhalb des Hauses

Handicap davon profitieren zu lassen, ist

benutzt?

in Erfüllung gegangen.

Soll der Rollator im Auto transportiert werden? Auf welchem Untergrund wird der Rollator vorwiegend genutzt: auf ebener Strecke oder viel bergauf und bergab? Wissenschaftler und Unternehmer ha-

Über die Autorin

ben sich immer wieder mit dem Rolla-

ALENA HECKER

tor beschäftigt, daran geforscht und ihn weiterentwickelt. Neben passenden Ein-

Alena Hecker ist Journalistin in den

kaufstaschen, Stockhaltern und Regen-

Bereichen Print, Online und Fernseh-

schirmen gehören mittlerweile auch Kaf-

en mit dem Schwerpunkt auf Wirt­

feehalterungen und Navigationssysteme

schafts- und Verbraucher­themen. Sie

zum Rollator-Zubehör.

www.alena-hecker.de

Gehhilfen mit Elektroantrieb erleichtern den Spaziergang bergauf, manche Modelle wie der elektrische Rollator „ello“ AUSGABE 14

86

Foto | David Nassim

lebt und arbeitet in Berlin.


SÜSSE TRÄUME

PSST, AUFGEPASST! Wer sich für einen Rollator der ExtraKlasse interessiert, der sollte die kommenden Wochen unserer Blog verfolgen. Denn auf dem geben wir bald ein tolles Gewinnspiel bekannt.

87

LEBENLANG


AUSGABE 14

88


› › › BITTERSÜSS

2 „Hold your head up, keep your head up, movin’ on.“ Eurythmics

89

LEBENLANG


DOSSIER

AUSGABE 14

90


BITTERSÜSS

ZUCKER KRANK –

Selbst schuld?

Wer kennt es nicht: Man hat wenig Zeit und der Hunger meldet sich. Der Gang zum Fast Food Restaurant ist damit vorprogrammiert und folglich die ungesunde Ernährung vieler Jugendlicher und Erwachsener. Sie ist ein wichtiger Grund dafür, dass immer mehr Menschen und da-

Schon gewusst?

runter auch schon Kinder und Jugendliche an Diabetes erkranken. Übergewicht und

Der Begriff Diabetes mellitus heißt wörtlich „honigsüßer Durchfluss“. Ärzte diagnostizierten früher die Erkrankung indem sie den Urin von Erkrankten probierten, denn dieser schmeckt bei Diabetikern süßlich.

Bewegungsmangel sind einige Ursachen, die zur Entstehung dieser Erkrankung beitragen. Vielen Menschen mit Diabetes wird vorgeworfen, selbst die Schuld an ihrer Erkrankung zu tragen und durch einen ungesunden Lebensstil das Entstehen von

Foto: Juan Moyano | stocksy.com

Diabetes begünstigt zu haben. Doch trifft das wirklich auf alle Diabetiker zu?

TEXT | MICHAELA BIEDERMANN-HEFNER 91

LEBENLANG


DOSSIER

INFO Typ-2-Diabetes Typ-2-Diabetes wurde früher oft als „Altersdiabetes“ bezeichnet. Das stimmt so heutzutage nicht mehr, denn es erkranken zunehmend immer mehr Kinder an Typ-2. Ein Grund ist u.a. die starke Zunahme von Fettleibigkeit unter Kindern, die Diabetes begünstigt.

Plötzlich krank: Diabetes Typ-1 Typ-1- und Typ-2-Diabetes haben unterschiedliche Ursachen. Das Insulin spielt aber bei beiden Diabetestypen eine wichtige Rolle. Insulin ist ein Hormon, das in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird. Beim Typ- 1-Diabetes – das zu den angeborenen Autoimmunkrankheiten gehört –

ausschüttung auch hier gestört und es

greifen die Zellen des körpereigenen Im-

kommt zu einer Insulinresistenz. Was be-

munsystems (Antikörper) die insulinpro-

deutet das konkret? Die Zellen werden

duzierenden Zellen der Bauchspeichel-

gegen das Insulin unempfindlicher und es

drüse an und zerstören sie. Durch deren

kann kein Zucker in die Zellen gebracht

Zerstörung entsteht dann ein Mangel an

werden. Die Bauchspeicheldrüse versucht

Insulin. Die Erkrankung ist nicht heilbar

diesen Prozess dann durch eine verstärk-

und erfordert eine lebenslange Behand-

te Insulinproduktion auszugleichen. Im

lung. Diese Form von Diabetes ist erblich

Anfangsstadium kann meist durch eine

bedingt und tritt meistens ganz plötzlich

Gewichtsabnahme mit einer gesunden

auf, oftmals auch schon im Kindesalter.

Ernährung und viel Bewegung auch ohne Medikamente eine Verbesserung erreicht

Ein schleichender Prozess: Typ-2-Diabetes

werden. Häufig kommen dann aber auch

Etwas anders sieht es beim Typ-2-Dia-

pisch für den Typ-2-Diabetiker sind Blu-

betiker aus. Hier sind die Ursachen viel-

thochdruck und erhöhte Cholesterin-

fältig. Neben einer genetischen Kompo-

werte. Experten sprechen hier auch von

nente sind auch mangelnde Bewegung

dem „Metabolischen Syndrom“, was Prof.

und

verantwort-

Dr med. Müller-Wieland – Präsident der

lich. Deshalb ist Typ-2-Diabetes auch

Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) –

zunehmend

Menschen

folgendermaßen beschreibt: „Bei dem

feststellbar, was Diabetologen große

Metabolischen Syndrom, auch „Wohl-

Sorgen bereitet. Außerdem ist die Insulin-

standssyndrom“ genannt, haben die meis-

Übergewicht

AUSGABE 14

bei

dafür jüngeren

noch andere Erkrankungen hinzu: Ty-

92


BITTERSÜSS

TIPP ww

Zusätzliche Leistungen Mit ihrer Krankheit stehen Diabetiker nicht alleine da: Viele Krankenkassen bieten Vorsorgeprogramme speziell für Diabetiker mit vielen Extra-Leistungen an, die Patienten in Anspruch nehmen können. Mithilfe bestimmter Vorsorgeuntersuchungen sollen Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenbeschädigungen früh erkannt und im besten Fall vermieden werden. Informieren Sie sich daher direkt bei Ihrer Krankenkasse, welche zusätzlichen Leistungen ihnen zur Verfügung stehen.

ten Betroffenen eine Insulinresistenz, Übergewicht, schlechte Fettwerte oder Bluthochdruck – oft treten mehrere dieser Störungen gleichzeitig auf. Das Metabolische Syndrom kann mit und ohne Foto: Juan Moyano | stocksy.com

Typ-2-Diabetes auftreten, daher gehen Schätzungen davon aus, dass rund 25%, also jeder vierte erwachsene Mensch in der Bundesrepublik daran bereits leidet.“

93

LEBENLANG


DOSSIER

Die Behandlungsmöglichkeiten Reichen Lebensstiländerungen und an-

ernden Wirkung, die damit auch nachts ge-

dere nichtmedikamentöse Maßnahmen

währleistet ist, haben sich sehr bewährt.

nicht mehr aus, ist es höchste Zeit, sich

Sie werden beispielsweise mit einem Pen

mit einem Arzt über die weiteren Be-

injiziert, dessen Handhabung gut erlern-

handlungsmöglichkeiten auseinanderzu-

bar ist. Heute stehen Patienten viele wei-

setzen. Am häufigsten werden die Medi-

tere Behandlungsmethoden und Helfer

kamente unter die Haut gespritzt – also

zur Verfügung: von feinen Sensoren, die

subkutan verabreicht. Die sogenannten

stetig den Blutzucker messen, bis hin zu

Basalinsuline mit ihrer 24 Stunden andau-

digitalen Tools, die einem dabei helfen, den Glukoseverlauf im Blut im Überblick zu behalten. Mehr dazu lesen Sie auf den folgenden Seiten unseres Dossiers.

INFO ww

Diabetes im Überblick Häufigkeit: knapp 7 Millionen Menschen sind in Deutschland betroffen, die Häufigkeit steigt seit Jahren. Typ-1-Diabetes: etwa zehn Prozent aller Diabetiker, Erkrankung häufig als Kind oder Jugendlicher, Behandlung mit Insulin

Über die Autorin

MICHAELA BIEDERMANN-HEFNER

Typ-2-Diabetes oder früher auch „Altersdiabetes“ genannt: oft begleitet von Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wachsende Erkrankungszahlen, insbesondere auch bei jüngeren Menschen; Behandlung durch Bewegung und maßvolle Ernährung, orale Antidiabetika (Tabletten), Insulin; langfristig schwere Folgekomplikationen: Nierenversagen, Blindheit, Schlaganfall, Gefäßerkrankungen, Amputationen; Gesamtkosten über 40 Milliarden Euro

AUSGABE 14

Nach Ihrem Studium (Magister) in Freiburg begann Michaela Biedermann-Hefner ein zweijähriges Volontariat zur Redakteurin bei einer medizinischen Fachzeitung in München. Anschließend war sie beim Bayerischen Fernsehen in einer Medizinredaktion tätig und machte sich dann selbständig als freie Journalistin. Seit vielen Jahren arbeitet sie nun für verschiedene medizinische Fachzeitungen für Ärzte als freie Autorin.

94


BITTERSÜSS

» TYPISCH FÜR DEN TYP-2DIABETIKER SIND BLUTHOCHDRUCK UND ERHÖHTE CHOLESTERINWERTE

«

95

LEBENLANG


DOSSIER

LEBEN IM ÜBERFLUSS Warum wir so anfällig für Diabetes sind

Diabetes hat sich zu einer der großen Volkskrankheiten der Deutschen entwickelt. Die Zahlen sind alarmierend: Schätzungsweise sieben Millionen Menschen – Erwachsene und Kinder – leiden an der Krankheit, bei der der Stoffwechsel gestört ist und lebenswichtige Energie nur eingeschränkt in die Zellen transportiert werden kann. Wir haben mit dem Präsidenten der Deutschen Diabetes Gesellschaft Prof. Dr. med. Dirk Müller-Wieland gesprochen, der uns die wichtigsten Fakten über Krankheitsbild, Diagnose und Prävention erklärt.

AUSGABE 14

96


BITTERSÜSS

IM INTERVIEW

Professor Dr. med. Dirk Müller-Wieland

Foto: Privat

Prof. Dr. med. Müller-Wieland ist Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Der Internist und Endokrinologe ist erfahrener Kliniker und Forscher und leitet aktuell das Klinische Studienzentrum zur kardiometabolischen Prävention in der Medizinischen Klinik I am Universitätsklinikum der RWTH Aachen.

97

LEBENLANG


DOSSIER

» WISSENSCHAFTLER SCHÄTZEN, DASS BIS ZU ZWÖLF PROZENT DER MENSCHEN IM LAND BETROFFEN SIND. «

AUSGABE 14

bewegen uns zu wenig. In der Werbung werden ungesunde Lebensmittel angepriesen, und im Geschäft

werden

die

dickmachenden Inhaltsstoffe, also viele Kalorien auf wenig Menge

Diabetes mellitus Typ 2 ist zu ei-

und wenig sättigend, nur unzurei-

ner der großen Volkskrankheiten

chend gekennzeichnet. Und weil

der Deutschen geworden. Wie

Übergewicht langsam entsteht

konnte das passieren?

und die Menschen schwer von

Wie Diabetes-Typ-2 genau ent-

schlechten, aber lieb gewordenen

steht, hat die Forschung noch gar

Gewohnheiten lassen können, lie-

nicht herausgefunden. Klar ist,

gen die Zahlen der Menschen mit

dass Diabetes eine multikausale

Diabetes in Deutschland mittler-

Erkrankung ist, das heißt, dass vie-

weile bei knapp sieben Millionen.

le Faktoren bei ihrer Entstehung

Nimmt man die Dunkelziffer von

zusammenkommen.

Genetische

bislang unerkanntem Diabetes

Vorbelastung und das soziale Um-

dazu, liegt die Zahl der Betrof-

feld spielen eine Rolle. Dabei sind

fenen sogar noch höher: Wissen-

Überernährung und zu wenig Be-

schaftler schätzen, dass bis zu

wegung wesentliche Risikofakto-

zwölf Prozent der Menschen im

ren. Diabetes ist auch eine Erkran-

Land betroffen sind. Diabetes ist

kung der Überflussgesellschaft.

eine chronische Erkrankung, die

Süßigkeiten, Bequemlichkeit, ein

den Betroffenen und ihren Ange-

voller Terminkalender – das steht

hörigen viel abverlangt und mit

bei den meisten Betroffenen lan-

multiplen

ge vor dem Krankheitsbild.

einhergehen kann.

50 Prozent der Bevölkerung sind

Welche Rolle spielt Aufklärung

bereits übergewichtig. Wir ernäh-

und wie geht die Deutsche Diabe-

ren uns zu kalorienreich sowie

tes Gesellschaft dabei vor?

zucker-, fett- und salzhaltig und

Verbesserungen bei der Aufklä-

98

Spätkomplikationen


BITTERSÜSS

rung, Prävention und Früherkennung gehören zu wesentlichen

INFO

Forderungen und Anliegen der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

ww

In Politik, Forschung, Lehre und Ausbildung von Ärzten, Pflege-

Bedarf an spezialisiertem Fachpersonal steigt!

kräften und sonstigen Gesundheitsberufen hat Diabetes leider

Die Zahl der Diabetes erkrankten Menschen steigt weiterhin an, dem­entsprechend befinden sich auch immer mehr Diabetiker unter den Patienten und Bewohnern auf den Stationen von Kranken­­häusern oder Pflege­­einrichtungen. Nahrungs­­karenz, Folge­erkrankungen oder Multi­morbidität bedingen bei Menschen mit Diabetes mellitus andere therapeutische und pflegerische Behandlungen, die zu berücksichtigen sind, damit die Sicherheit und Genesung der Patienten sichergestellt werden kann. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft bietet deshalb ein breites Fortbildungs­­angebot an, um die Beratungs-, Schulungs- und Wund­­versorgungs­­kompetenzen der medizinischen Fachkräfte in der täglichen ambulanten und stationären Pflege in Sachen Diabetes zu stärken.

trotz der erschreckend hohen Patientenzahlen längst nicht die Bedeutung, die die Erkrankung haben sollte. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft hat in den vergangenen Jahren aber zunehmend gesundheitspolitisches

Gehör

gefun-

den. Dennoch schließen wir uns den Forderungen nach politischen Maßnahmen zur Verhältnis­ prävention verschiedenster Fachgesellschaften, die in DANK (Deutsche Allianz Nicht-übertragbarer

Krankheiten)

organisiert

sind, an. Aufklärung allein reicht

Mehr Information zu den unterschiedlichen Fortbildungs­möglich­ keiten für Pflege­fachkräfte und zu den kommenden Kurs­terminen finden Sie hier .

nicht, es müssen auch Maßnahmen ergriffen werden, die gesundheitsbewusstes Verhalten fördern! Viele

Menschen

leben

lange

mit einer unerkannten Diabetes-Erkrankung.

Was

sind

die

Frühwarnzeichen? Der Typ-1-Diabetes beginnt meist 99

LEBENLANG


DOSSIER

» HINWEISE AUF EINE ERKRANKUNG KÖNNEN AUCH HIER DURST, GEWICHTS­ ABNAHME, SCHLECHTES ALLGEMEIN­BEFINDEN UND EINE HÖHERE ANFÄLLIGKEIT FÜR INFEKTE SEIN. « relativ plötzlich im Kindes-, Ju-

sein. Häufig wird der Typ-2-Diabetes aber erst entdeckt, wenn die Patienten wegen seiner Komplikationen den Arzt aufsuchen. Wenn nicht rechtzeitig behandelt wird, kann es zu multiplen Spätschäden an Nerven, Nieren, Augen und Herz-Kreislauf-System kommen. Je früher die Krankheit erkannt und behandelt wird, desto besser ist es.

gend- oder frühen Erwachsenenalter. Hier sind die sogenannten

Wie funktioniert die Diagnostik

Inselzellen der Bauchspeichel-

und wie geht es danach weiter?

drüse geschädigt und können Zu-

Die Diagnose ist unkompliziert

cker nicht mehr verwerten und

und wird von Hausärzten und In-

scheiden ihn über den Urin aus.

ternisten durchgeführt. Wenn der

Die Betroffenen werden dann von

Verdacht auf Diabetes besteht,

großem Durst gequält, müssen

wird der Blutzucker oder ein so-

häufiger zur Toilette und verlieren

genannter „Langzeitwert“ HbA1c

plötzlich an Gewicht, um nur eini-

bestimmt. Sind die Werte grenz-

ge typische Symptome zu nennen.

wertig und besteht klinisch der Verdacht, folgt ein sogenannter

Die

neudiagnostizierten

Men-

oGTT, der orale Glukosetoleranz-

schen mit Typ-2-Diabetes sind in

test. Hier trinkt der Betroffene eine

der Regel im mittleren oder höhe-

zuckerhaltige Lösung und die Glu-

ren Lebensalter. Zunächst fühlen

kosewerte werden vor und nach

sich die Betroffenen nicht beein-

zwei Stunden im Blut gemessen.

trächtigt und auch die Symptome

AUSGABE 14

sind unspezifisch. Hinweise auf

Ist die Diagnose erst einmal gesi-

eine Erkrankung können auch hier

chert, müssen die Patienten eine

Durst, Gewichtsabnahme, schlech-

Lebensstil-Änderung auch mit Ge-

tes Allgemeinbefinden und eine

wichtsreduktion und mehr Bewe-

höhere Anfälligkeit für Infekte

gung vornehmen, ggf. müssen zu-

100


BITTERSÜSS

INFO

ww

Lebensqualität und der

Was ist der HbA1c-Wert? Der HbA1c-Wert ist der sogenannte Langzeitblutzuckerwert, den Diabetiker regelmäßig messen müssen. Dieser sollte zwischen 6,5 % und 7,5 % liegen, um das Risiko von Spätfolgen zu senken.

Teilhabe am sozialen Leben, seine Lebensgewohnheiten zu überdenken und zu verändern. Prävention ist das A und O, um gar nicht erst zu erkranken. Was kann jeder Einzelne tun?

sätzlich regelmäßig Medikamente

Viel – und das jeden Tag aufs

eingenommen werden. Eine Ver-

Neue. Bewegung und gesunde Er-

besserung des Stoffwechsels ver-

nährung können viele Typ-2-Er-

bessert aber die Symptome und

krankungen ganz verhindern oder

führt in aller Regel zu deutlich

verzögern. Übergewicht entsteht

mehr Lebensqualität.

langsam. Da genügt es oft, täglich nur geringe Mengen der zu-

Unter welchen Voraussetzungen

geführten Kalorien zu reduzieren,

ist es möglich, dem Diabetes Mel-

mindestens 2.000 Schritte mehr zu

litus auch ohne medikamentöse

gehen bzw. ca. 10.000 Schritte pro

Hilfe Einhalt zu gebieten?

Tag anzustreben. Weniger Kalori-

Nach den Versorgungsleitlinien

en, gesunde Ernährungsweise und

steht für Menschen mit Typ-2-Dia-

täglich mehr körperliche Aktivität

betes die Basistherapie mit Patien-

sind der Schlüssel!

tenschulung, Ernährungstherapie

» BEWEGUNG UND GESUNDE ERNÄHRUNG KÖNNEN VIELE TYP-2-ERKRANKUNGEN GANZ VERHINDERN ODER VERZÖGERN. «

und Steigerung der körperlichen Aktivität an erster Stelle. Das passiert in der Regel vor Beginn der medikamentösen Therapie. Erst wenn diese Maßnahmen nicht greifen,

werden

Antidiabetika

eingesetzt. Dennoch hilft jedem Patienten bei der Steigerung der

101

LEBENLANG


DOSSIER

Foto: Autri Taheri | Unspalsh

DIABETES. TYP…? AUSGABE 14

102


BITTERSÜSS

Große Lücken im Gesundheits­wissen TEXT | HELMUT LASCHET

Fast sieben Millionen Menschen in Deutschland leben mit Diabetes. Aber das Wissen darüber ist sehr lückenhaft. Das Robert Koch-Institut hat die Deutschen getestet. Hier das Testergebnis: Mangelhaft.

103

LEBENLANG


DOSSIER

M

» WAS WISSEN DIE DEUTSCHEN ÜBER DIABETES? « it knapp sieben Millionen Er-

schaftlichen Kosten gehen inzwischen in

krankten ist Diabetes eine der

die Milliarden – mit steigender Tendenz.

großen Volkskrankheiten, die lebenslang behandelt werden muss. Diabetes kann

Die Politik ist alarmiert

ein Schicksal sein – wie etwa der Typ 1 Di-

Dieser Trend hat inzwischen die Poli-

abetes, der schon bei jüngeren Menschen

tik alarmiert. Seit Jahren ist eine Diabe-

eintritt. Aber die Entwicklung eines Dia-

tes-Strategie in Arbeit, möglicherweise

betes und vor allem der Krankheitsverlauf

im Herbst könnte der Bundestag sie be-

sind auch beeinflussbar: durch maßvolle,

schließen. Vorarbeiten dazu sind schon

abwechslungsreiche Ernährung, körper-

vor einigen Jahren angelaufen, denn jede

liche Aktivität, Vermeidung von Über-

vernünftige Strategie erfordert Wissen

gewicht. Vor allem die Spätfolgen sind

über das Problem. Zuständig dafür ist das

schmerzhaft und schwerwiegend: Blind-

Robert Koch-Institut, ein zum Geschäfts-

heit, Nierenversagen, Gefäßschäden, die

bereich

zu Amputationen führen, Schlaganfälle.

teriums gehörendes wissenschaftliches

des

Bundesgesundheitsminis-

Institut, das derzeit an einer BestandsaufDiabetes in Wohlstandsgesellschaften ist

nahme zu Diabetes arbeitet.

ein beängstigendes Massenphänomen: Betroffen sind immer mehr jüngere Men-

Dazu gehören auch Antworten auf die

schen, auch deshalb, weil sie sich falsch –

Frage: Was wissen die Deutschen über

zu viel Fett, zu viel Zucker – ernähren und

Diabetes? Was wissen die Diabetiker

sich zu wenig bewegen. Beeinträchtigun-

selbst? Ist das, was Gesunde und Patien-

gen im Beruf und Frühverrentung mit Ein-

ten zu wissen glauben, auch zutreffend?

kommenseinbußen im Alter können die

Wie und wo informieren sie sich? Gelten

Folge sein. Die individuellen und gesell-

die Informationen als vertrauenswürdig –

AUSGABE 14

104


BITTERSÜSS

und werden sie verstanden? Dazu hat das Robert Koch-Institut zwei Umfragen initiiert, die im Herbst letzten Jahres durchgeführt worden sind und für die nun eine erste Auswertung vorliegt. Die erste Umfrage richtete sich an die Gesamtbevölkerung, also vor allem Gesunde, die zweite speziell an Diabetiker. Das Ziel, so der offizielle Titel, „Krankheitswissen und Informationsbedarfe bei Diabetes mellitus“ zu ermitteln. Was glauben die Deutschen, über die Krankheit zu wissen? Über die Hälfte der Bevölkerung meint, gut oder sogar sehr gut über Diabetes orientiert zu sein, bei den Frauen sind es sogar fast 65 Prozent. Nur eine kleine Minderheit von gut zehn Prozent gibt an, überhaupt

Foto: Vgajic | iStock

nichts zu wissen.

» GRUNDSÄTZLICH SIND MÄNNER SCHLECHTER INFORMIERT ALS FRAUEN. «

Ob das nun wirklich zutrifft, ist mit sechs Nachfragen überprüft worden – und da zeigt sich, dass Irrtum, Unwissenheit oder Unsicherheit weiter verbreitet ist, als geglaubt wird. Denn nur bei zwei der sechs Kontrollfragen konnten näherungsweise zwei Drittel der Befragten eine richtige Antwort geben: Bei Diabetes ist zu viel Zucker im Blut und Diabetes-Typ-2 entwickelt sich 105

LEBENLANG


DOSSIER

meist schleichend. Bei den vier anderen

GUT ZU WISSEN

Fragen – ist Diabetes eine Erkrankung der Blutzellen, verschwindet Diabetes mit der Pubertät, kann Diabetes mit Tablet-

ww

ten behandelt werden, und gibt es mehr Typ-2 als Typ-1-Diabetiker? – reicht der Diabetes:

Grad der Unwissenheit bis zu 65 Prozent,

Häufigkeit: 6,7 Millionen Menschen

der Anteil der falschen Antworten bis

sind in Deutschland betroffen, die

über 30 Prozent. Grundsätzlich sind Män-

Häufigkeit steigt seit Jahren.

ner schlechter informiert als Frauen. Dabei halten fast zwei Drittel der Befragten

Typ-1-Diabetes:

Diabetes für eine schwerwiegende oder

etwa zehn Prozent aller Diabetiker,

sogar sehr schwerwiegende Krankheit.

Erkrankung häufig als Kind oder Ju-

» 63 PROZENT SAGEN, SIE WÜSSTEN WENIG ODER ÜBERHAUPT NICHTS ÜBER DEN KRANKHEITSVERLAUF. «

gendlicher, Behandlung mit Insulin Typ-2-Diabetes oder Altersdiabetes: oft

begleitet

von

Übergewicht,

Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wachsende Erkrankungszahlen, insbesondere auch bei jüngeren Menschen; Behandlung durch Bewegung/maßvolle Ernährung, orale Antidiabetika (Tabletten), Insulin; langfristig schwere gen, Blindheit, Schlaganfall, Gefäßer-

Folgekrankheiten meist unbekannt

krankungen, Amputationen; Gesamt-

Über die Ursachen ist eine Mehrheit von

kosten über 40 Milliarden Euro.

56 Prozent wenig oder gar nicht orien-

Folgekomplikationen:

Nierenversa-

tiert. 63 Prozent sagen, sie wüssten wenig oder überhaupt nichts über den Krankheitsverlauf. Fast genauso groß ist der Anteil derer, die fast keine Information über die

Behandlungsmöglichkeiten

haben

– erstaunlich, weil angesichts der Häufigkeit der Krankheit nahezu jedermann AUSGABE 14

106


BITTERSÜSS

einen Diabetiker in der Familie oder im

viel häufiger als Männer (25 Prozent). Am

Bekanntenkreis kennen müsste. Noch

häufigsten geschah dies in gedruckten

weiter verbreitet ist die Unkenntnis über

Informationen wie Zeitungen, Zeitschrif-

die schwerwiegenden Folgekrankheiten

ten oder Broschüren (84 Prozent), gefolgt

(64 Prozent). Immerhin knapp die Hälfte

von digitalen Medien (49 Prozent) oder

weiß „gut“ oder „sehr gut“, wie sie ihren

beim Hausarzt (47 Prozent). Das größte

Lebensstil anpassen können und welche

Problem dabei: die Vertrauenswürdigkeit

Präventionsmöglichkeiten es gibt. Den-

von Medien einzuschätzen (60 Prozent).

noch: 51,1 Prozent wissen nichts oder we-

Dagegen scheint es kein Problem zu sein,

nig davon – und so ist es auch nicht über-

dass medizinische Laien die Informatio-

raschend, dass weit mehr als 50 Prozent

nen auch verstehen.

der erwachsenen Bevölkerung überge-

Foto: Vgajic | iStock

wichtig ist.

Und die Diabetiker selbst? Naturgemäß fallen die Antworten bei den Betroffenen

Ein knappes Drittel der Deutschen hat

einer chronischen Krankheit teils deutlich

sich schon einmal aktiv über Diabetes

anders aus. 80 Prozent der Befragten hat-

informiert, Frauen mit 37 Prozent sehr

ten einen Typ-2-Diabetes, 14,1 Prozent ei107

LEBENLANG


DOSSIER

nen Typ-1-Diabetes, 4,6 Prozent wussten es nicht. Über 90 Prozent erhalten Medi-

INFO

kamente, nur 7,4 Prozent schaffen es mit Sport und Diät. 93 Prozent der befragten

ww

Diabetiker schätzen ihr Wissen über die Krankheit als gut oder sehr gut ein.

Robert Koch-Institut (RKI)

Zwei Drittel nehmen ihre Krankheit als

Das RKI ist eine wissenschaftliche Bun-

schwerwiegend wahr, über 90 Prozent sind

desoberbehörde unter der Aufsicht des

sicher, den Rest ihres Lebens damit zu tun

Bundesgesundheitsministeriums.

zu haben. Ganz überwiegend sehen Dia-

schäftigt 1.100 Mitarbeiter, darunter 450

betiker im sozialen Leben keine Benach-

Wissenschaftler.

Es

be-

teiligung durch andere. Allerdings: Gut 22 Prozent meinen, dass andere glauben, Di-

Aufgaben: wissenschaftliche Beratung des

abetiker hätten ihre Krankheit durch un-

Staates zur Bekämpfung von übertragba-

gesunde Lebensweise selbst verursacht.

ren und nicht übertragbaren Krankheiten, Gesundheitsberichterstattung,

Diabetiker fordern mehr Alltagshilfen

Forschung,

Bewertung gentechnischer Arbeiten, Umweltmedizin, Prävention wie zum Beispiel

Und wie sehen Diabetiker ihren Stand

Impfempfehlungen.

der Information zu verschiedenen Aspekten ihrer Krankheit? Die Antworten

Zur Studie „Krankheitswissen Diabetes“:

fallen unterschiedlich aus: Relativ gut

Durchgeführt wurden zwischen dem 18. Sep-

(mit Werten von 80 bis 85 Prozent) sehen

tember und dem 20. November 2017 zwei

sich die Betroffenen über Krankheitsur-

Studien:

sachen, Krankheitsverlauf, Behandlungs-

1. Repräsentativbefragung von 2.327 Per-

möglichkeiten und Spätfolgen informiert.

sonen ohne diagnostizierten Diabetes

Eindeutiger Verbesserungsbedarf besteht

2. Befragung von 1.479 Per­sonen mit dia­

bei Informationen zur Lebensstilanpas-

gnos­ti­zier­tem Diabetes mit überwie-

sung und Gesundheitsförderung sowie

gend vergleichbaren Fragen.

bei Unterstützungsstellen und Informationsquellen. Gerade Alltagshilfen, die zu

Veröffentlichung der Studie im Journal of

Bewegung und gesunder Ernährung moti-

Health Monitoring 3/2003

vieren oder die medizinische Behandlung

Weitere Informationen

unterstützen, weisen noch ein großes ungenutztes Potenzial auf – eine ChanAUSGABE 14

108


BITTERSÜSS

ce nicht zuletzt auch für digitale Helfer, wie sie in jüngster Zeit verstärkt auf den Markt kommen.

Schwer einzuschätzen: Vertrauenswürdigkeit von Information über Diabetes

Es verwundert nicht, dass Diabetiker, egal welchen Schulabschluss sie gemacht haben, ein subjektiv hohes Informationsbedürfnis artikulieren: am stärksten zu

Sehr einfach

mehr als der Hälfte zum Thema Lebens-

7,1 %

stilanpassung und Gesundheitsförderung. Doch da gibt es zwei Probleme: vertrau-

10 %

enswürdige und auch verständliche Information zu finden. Und zwischen 47 und 32 Prozent je nach Bildungsgrad haben

Ziemlich einfach

große Probleme, Unterstützungsangebo-

34,5 %

te zu finden, die ihnen den Umgang mit ihrer Krankheit erleichtern.

41,3 %

Ziemlich schwierig 39,9 %

39,4 %

Sehr schwierig 18,5 %

Über den Autor

HELMUT LASCHET

9,3 %

Helmut Laschet ist freier Journalist in Berlin und unter anderem Haupt-

Menschen mit Diabetes

stadtkorrespondent der Ärzte Zei-

Menschen ohne Diabetes

Foto: Privat

tung. Dort leitete er von 1983 bis 2017 das Ressort Gesundheitspolitik und war stellvertretender Chefredakteur.

Quelle RKJ 2018

109

LEBENLANG


AUSGABE 14

110

Als Gewichtheber stemmte sich Matthias Steiner mit Langhantel zu Olympiagold – trotz Diabetes. Ein Gespräch mit dem ehemaligen Spitzensportler über Disziplin, DiätSchnitten und die richtige Dosis Insulin.

Foto: Annette Mueck

INTERVIEW | DOMINIK MAASSEN

IM INTERVIEW

Ein leichtes Leben ohne Super­schwer­ gewicht

MATTHIAS STEINER

DOSSIER


BITTERSÜSS

Bevor Sie bei Olympia und Welt-

» ICH MACHE NIEMANDEM EINEN VORWURF, SONDERN ICH HABE MIR ÜBER DIE ZEIT EINFACH DIE RICHTIGEN ÄRZTE GESUCHT. «

meisterschaften Ihre Gegner besiegten, stellte sich Ihnen ein ganz anderer Widersacher in den Weg – Diabetes. Sie erhielten Ihre Diagnose im Alter von 18 Jahren. Können Sie schildern, wie Ihre Gefühlslage damals war? Es war genau einen Tag vor meinem 18. Geburtstag. Das hat das Ganze noch etwas verschärft. Ich freute mich schon riesig auf meine Geburtstagstorte. Stattdessen bekam ich eine Diät-Schnitte mit Kerze drauf! Glückwunsch. Es war

Naja, die Ärzte sind ja in erster

einfach unfassbar. Ich konnte mit

Linie da, um zu behandeln. Alles,

dieser Diagnose nichts anfangen.

was die Behandlung komplizier-

Bevor ich überhaupt wusste, was

ter macht, wird nicht empfohlen.

Diabetes Typ-1 bedeutet, wurde

Und natürlich ist das schon ein

mir nur gesagt: Diät halten, BE

komplexes Thema, wenn der Stoff-

zählen, in den Finger pieksen, um

wechsel durch extreme sportli-

den Blutzucker zu messen, und In-

che Aktivitäten durcheinander-

sulin spritzen. Täglich! Ich saß mit

gebracht wird. Es fehlt bei vielen

meinem Vater im Krankenhaus

Ärzten natürlich auch die Erfah-

und sah ihn zum ersten Mal wei-

rung auf dem Gebiet. Und es ist

nen. Wir waren alle überfordert.

bereits 18 Jahre her. Aus heutiger Sicht weiß man da auch schon viel

Mediziner rieten Ihnen sogar vom

mehr. Zum Beispiel, dass Muskel-

Sport ab. Ihre Karriere als Ge-

aufbau gerade bei Diabetes gut

wichtheber schien beendet, bevor

ist. Ich mache niemandem einen

sie richtig startete. Warum haben

Vorwurf, sondern ich habe mir

Sie sich gegen den Rat der Ärzte

über die Zeit einfach die richtigen

entschieden?

Ärzte gesucht. 111

LEBENLANG


DOSSIER

Diabetiker müssen noch mehr als

ckerwerte immer ein Feedback zu

andere Menschen Grenzen beach-

meinem körperlichen Zustand ge-

ten. Als Leistungssportler über-

geben haben und natürlich noch

winden Sie dagegen Grenzen, die

heute geben. Wenn mein Körper

anderen Menschen unmöglich er-

erschöpft war, weil ich zu viel trai-

scheinen. Hat Ihnen die Disziplin

niert hatte, waren meine Werte

als Leistungssportler für die Diszi-

schlecht. So konnte ich frühzeitig

plin als Diabetiker geholfen?

auf die Bremse treten und mich

Ganz klar, ja. Die Disziplin hat

ausreichend erholen.

AUSGABE 14

lich auch umgekehrt gilt. Da ich

Erinnern Sie sich an Situationen

immer den Diabetes mit einkalku-

während eines Turniers, in denen

lieren musste, habe ich natürlich

es wegen Ihrer Erkrankung brenz-

sehr auf meinen Körper geachtet.

lig wurde?

Sonst hätte ich ja einen Leistungs-

Ja, vor allem in den ersten zwei

abfall gehabt. Das Interessan-

Jahren gab es immer wieder

te aber war, dass mir die Blutzu-

Schwierigkeiten. Das ging so weit,

112

Foto: Annette Mueck

mir geholfen. Wobei das natür-


BITTERSÜSS

dass mir die Hantel einfach un-

Ich habe nie wirklich ungesund

kontrolliert

ist.

gelebt. Aber wenn Sie die Ge-

Und ich in der Kürze der Zeit auch

wichtsabnahme nach dem Leis-

nur schwer meine Werte korrigie-

tungssport meinen, dann war Dia-

ren konnte, da die Abläufe beim

betes definitiv mein Verbündeter.

Gewichtheben sehr schnell sind.

Denn der hat mir klargemacht,

Ich habe dann versucht, mit Oran-

dass ohne Leistungssport 150 Ki-

gensaft auszugleichen. Aber es

logramm Körpergewicht einfach

half nicht mehr viel. Ich musste

zu viel sind. Aber auch für meine

» ICH MUSSTE WIRKLICH LERNEN, DEN STOFFWECHSEL ZU VERSTEHEN. DENN ES GEHT NICHT IMMER NUR UM BLUTZUCKERWERTE. «

Kinder will ich fit und agil sein,

runtergefallen

und da darf man eine gewisse Gewichtsgrenze nicht überschreiten. Und durch den jahrelangen Umgang mit dieser Stoffwechselstörung wusste ich halt schon, an welchen Rädchen ich drehen kann. Zudem habe ich eine Insulinpumpe, die mir hilft, flexibler zu sein. Seit Neuestem trage ich ein CGM-System, das über sechs Monate permanent meine Werte misst. Das macht das Leben mit Diabetes um einiges leichter.

wirklich lernen, den Stoffwechsel zu verstehen. Denn es geht nicht

Aufgeklärt sein sollte ja inzwischen

immer nur um Blutzuckerwerte.

jeder. Woran mangelt es nach Ih-

Auch eine zu hohe Dosis Insulin

rer Erfahrung noch beim Thema

hat negative Auswirkungen auf

Diabetes in der Gesellschaft?

den Muskel. Also man muss da

Das größte Problem ist, dass Typ-1

schon sehr in die Tiefe gehen, um

und

leistungsfähig zu bleiben.

und gar nicht so sehr hinterfragt

Typ-2

vermischt

werden

wird, worin sich die Typen unterWer oder was waren Ihre Verbün-

scheiden. Typ-2 hat noch immer

deten bei einem Weg in ein gesun-

das „Oma-Stigma“ und betrifft ja

des Leben?

„mich“ als jungen aktiven Mitt113

LEBENLANG


DOSSIER

man präventiv so viel machen.

MATTHIAS STEINER

Eine kleine Ernährungsumstellung kann da schon helfen, aber

Der gebürtige österreichische Gewichthe-

für die meisten Menschen bedeu-

ber erhielt 2008 die deutsche Staatsbür-

tet Abnehmen nur Disziplin. Die

gerschaft. Im selben Jahr feiert Matthi-

Angst vor zu großer Veränderung

as Steiner gleich mehrere internationale

ist einfach zu groß. Und somit hö-

Erfolge für Deutschland. Zunächst wird

ren wir lieber nicht hin.

der damals 26-Jährige Europameister im Reißen und Vize-Europameister im Zwei-

Sie haben ganze 45 Kilo abgenom-

kampf. Wenige Monate später gelingt

men. Wie fühlt sich das deutlich

ihm mit dem Gewinn der Goldmedail-

leichtere Leben heute an?

le bei den Olympischen Sommerspielen in

Genauso wie bis 2004. Bis dahin

Peking der größte Sieg seiner Karriere. In

war ich nämlich genauso schlank

den nächsten Jahren folgen weitere Erfol-

und wusste, dass ich mich mit

ge bei Europa- und Weltmeisterschaften.

dem Gewichtsklassenwechsel ins

Heute ist Steiner als Fitness- und Ernäh-

Superschwergewicht stark ver-

rungsexperte tätig, schreibt Bücher, hält

ändern werde. Ich war natürlich

Vorträge und ist sogar als Musiker aktiv.

trotzdem agil und flink, da ich ja sehr viel Muskeln hatte und täglich unzählige Tonnen bewegt habe. Da war es für mich nur lo-

AUSGABE 14

vierziger nicht. Viele glauben

gisch, wieder zu meinem alten

nach wie vor, dass Typ- 1-Diabe-

Gewicht zurückzukehren. Es war

tiker ihre Erkrankung bekommen

nur erstaunlich, wie schnell man

haben, weil sie in ihrem Leben zu

sich an das schwere Gewicht ge-

viel Zucker gegessen oder sonst

wöhnt und akzeptiert, es rumzu-

irgendwie ungesund gelebt ha-

schleppen. Wenn den Menschen

ben. Dabei ist dieser Typ eine nicht

bewusst wird, was kleine Ver-

heilbare Autoimmunerkrankung,

änderungen bewirken, dann hat

die häufig bereits im Kindesalter

es Klick gemacht. Wie jeder das

aufritt. Typ-2 ist in den meisten

schaffen kann, darüber habe ich

Fällen dagegen heilbar. Hier kann

zwei Bücher geschrieben, „Das

114


BITTERSÜSS

Steiner Prinzip“. Und ich habe ein

schmeckt. Ansonsten lege ich Wert

gleichnamiges Onlineprogramm

darauf: Wenn sündigen, dann mit

entwickelt, wo Diabetiker, aber

selbstgemachten Torten oder Ku-

auch stoffwechselgesunde Men-

chen. Denn da weiß ich, was drin-

schen, die abnehmen wollen, mit

steckt!

mir trainieren können und viel über Ernährung lernen.

Zum Fitness- und Ernährungsprogramm von Matthias Steiner Ihren Gewichten haben Sie viel zu verdanken. Stemmen Sie sie privat noch Hanteln – oder liegen die verstaubt in der hintersten Ecke

Über den Autor

des Kellers?

DOMINIK MAASSEN

Ich habe mir geschworen: nie wieder Keller. Ich habe einen Trainingsraum im Erdgeschoß, wo ich

Dominik Maaßen ist Journalist mit einem

einmal die Woche noch Gewichte

besonderen Faible für Zeitschriften. Nach

hebe, aber sonst eher mit meinen

vielen Jahren internationaler Erfahrung bei

Kindern Ball oder mit meiner Frau Inge Badminton spiele. Hauptsache Bewegung, die Spaß macht. Das sollte für jeden das Credo sein.

namhaften Arbeitgebern in Journalismus und Public Relations hat er sich im Bereich Corporate Publishing selbstständig gemacht. Nebenbei unterstützt er Redaktionen wie Firmen als Berater und Autor.

www.twelvemedia.de

Womit sündigen Sie dennoch im Alltag? Also, ich mache das so: Wenn ich schon Unterzucker habe, dann meide ich Traubenzucker und esse eher etwas Süßes, das mir 115

LEBENLANG


DOSSIER

Die süße Sünde

AUSGABE 14

116


BITTERSÜSS

TEXT | HELMUT LASCHET ILLUSTRATION | MIA GROTE

Zucker macht glücklich, aber Zucker macht auch dick, krank und abhängig. Hauptübeltäter sind extrem zuckerhaltige Limonaden wie Cola – aber die deutsche Gesundheits- und Verbraucherpolitik sieht weg. 117

LEBENLANG


DOSSIER

W

arum werden wir immer dicker?

stimmten Ge-

Und warum leiden Industriegesell-

schmackstypen

schaften unter einer regelrechten Fett­

abhängig

epidemie, fragt der israelische Historiker

Wichtigstes Hilfsmittel: der

und Bestseller-Autor Yuval Noah Harari

Zucker. Er befindet sich nicht nur in Sü-

in seinem Buch „Eine kurze Geschich­

ßigkeiten, sondern auch in sauren Gur-

te der Menschheit“

machen.

. Die Erklärung

ken, Roter Beete, Rotkohl, Mayonnaise

dafür, so Harari, seien die Ernährungsge-

oder Tomatenmark – und den allermeis-

wohnheiten unserer Vorfahren. Die weit-

ten Fertiggerichten. Und es ist bequem:

aus längste Zeit über etliche Zehntausen-

Cola, Chips, Couch und die Sportschau

de von Jahren waren die Menschen Jäger

– so sehen Feierabend und Wochenen-

und Sammler. Nahrung zu beschaffen,

de in Millionen Haushalten aus. Maxi-

war zeitraubend, körperlich anstrengend,

male Kalorienaufnahme bei minimalem

aber gesund, die Produkte der Natur wa-

Kalorienverbrauch.

ren vielfältig, fett- und zuckerarm. Die

» DIESE INNERE PROGRAMMIERUNG IST GEBLIEBEN – ABER DIE UMSTÄNDE HABEN SICH GEÄNDERT. «

Knappheit an Nahrung machte es sinnvoll, Gelegenheiten zu nutzen und sich den Magen vollzuschlagen, wenn ein Baum voller Feigen dazu einlud. Diese innere Programmierung ist geblieben – aber die Umstände haben sich geändert. Mit der Industrialisierung und Globalisierung der Landwirtschaft sind Zucker, Salz und Fett – einst äußerst knappe und auch teure Güter – billig, immer und überall verfügbar geworden. Im Wettbewerb um Kun-

Übergewicht – eine Epidemie

den tüfteln Chemiker und Ernährungswis-

Die Folgen sind sichtbar: Mehr als 16 Mil-

senschaftler in der Lebensmittel­industrie

lionen Deutsche, gut jeder Fünfte, sind

Produkte aus, die dem Gaumen schmei-

schwer übergewichtig (adipös) mit einem

cheln und den Menschen mental von be-

Body-Mass-Index von über 30, wie eine

AUSGABE 14

118


BITTERSÜSS

INFO

Studie im Auftrag der DAK Gesundheit ergab. Nach Angaben der Bundeszen­trale

ww

für gesundheitliche Aufklärung leiden rund zwei Millionen Kinder – rund 15 Pro-

Übergewicht und Adipositas

zent – unter Übergewicht, jedes dritte davon ist adipös. Übergewicht ist nach inzwischen einhelliger Überzeugung eine

Übergewicht beginnt mit einem Body-

der wichtigsten Ursachen für die großen

Mass-Index (BMI) von 25, Adipositas

Volkskrankheiten: Herz-Kreislauf-Erkran-

(extremes Übergewicht) bei einem BMI

kungen und Diabetes.

von 30. Übergewichtig oder adipös sind 67 Prozent der erwachsenen Männer

Der Zusammenhang zwischen dem Kon-

und 53 Prozent der erwachsenen Frau-

sum zuckerhaltiger Getränke, vor allem

en. Der Anteil adipöser Frauen ist zwi-

Softdrinks, und Übergewicht ist nach An-

schen 1998 und 2008 von 22,5 auf 23,9

gaben der Deutschen Diabetes Gesell-

Prozent, der der Männer von 18,9 auf

schaft „überzeugend“ belegt. Studien­

23,3 Prozent gestiegen.

teilnehmer, die mehr als eine Portion

Bei Kindern sind nach Untersuchungen

von 250 Millilitern eines zuckerhaltigen

des Robert Koch-Instituts 15 Prozent

Getränks täglich verzehrten, hatten über

übergewichtig, davon 6,3 Prozent so-

einen Zeitraum von acht Jahren ein Kilo-

gar fettleibig.

gramm jährlich zugenommen. Wer hinge-

37 %

gen weniger als einmal pro Woche einen solchen Softdrink konsumierte, nahm pro Jahr im Schnitt nur um 150 Gramm zu.

von 463 Erfrischungsgetränken, die

Auch der Zusammenhang zwischen ho-

Foodwatch untersucht hat, enthalten

hem Zuckerkonsum und Diabetes mel-

mehr als 6,5 Stück Würfelzucker je 250

litus Typ 2 ist inzwischen bewiesen: Stu-

Milliliter. Nur 1,3 Prozent der Produkte

dienteilnehmer, die täglich mehr als 250

sind weder mit Zucker noch mit Süß-

Gramm eines zuckerhaltigen Getränks

stoff gesüßt.

119

LEBENLANG


DOSSIER

» ALLERDINGS SIND DIE ERZEUGER DIESER ZUCKERBOMBEN SEIT EINIGEN JAHREN UNTER VERSCHÄRFTE BEOBACHTUNG GERATEN. «

Softdrinks – ein einträgliches Geschäft Das wird dem Verbraucher in Deutschland maximal schwer gemacht. Denn zum einen enthalten alle erdenklichen Lebensmittel Zucker: Frischkäse, Crème fraîche, in Lake eingelegter grüner Pfeffer – Produkte, von denen man nicht unbedingt annimmt, sie könnten Zucker enthalten.

verzehrten, hatten ein um 80 Prozent höheres Risiko, in den nächsten fünf Jahren

Hinzu kommen die Zuckerbomben Coca

an Diabetes zu erkranken. Das heißt: Wer

Cola und Co. Foodwatch hat den Markt

täglich eine kleine Dose oder Flasche

der Erfrischungsgetränke und dabei vor

Limo (0,33 Liter) trinkt, lebt auf Dauer

allem auch den Marktführer Coca Cola

gefährlich.

unter die Lupe genommen: von 463 Softdrinks enthielten 37 Prozent mehr als 6,5

So empfiehlt die Weltgesundheitsorgani-

Stück Würfelzucker je 250 Milliliter, 59

sation, pro Tag nicht mehr als 50 Gramm

Prozent zwischen vier und 6,5 Stück Wür-

Zucker einschließlich Sirup und Honig zu

felzucker. Nur 1,3 Prozent der untersuch-

verzehren. Das sind maximal 10 Prozent

ten Erfrischungsgetränke enthielten we-

der Gesamtenergieaufnahme. Tatsächlich

der Zucker noch Süßstoff.

verzehren Männer im Schnitt 124 Gramm, Frauen 113 Gramm Zucker, Mädchen zwi-

Die Erklärung dafür ist relativ einfach:

schen sechs und elf Jahren 110 Gramm

Softdrinks haben im Unterschied zu ge-

und Jungen in diesem Alter 120 Gramm.

sunden Lebensmitteln eine vielfach höhe-

Alle mehr als das Doppelte der maximal

re Profitrate. Laut „Coca-Cola-Report“ von

empfohlenen Menge – im Durchschnitt!

Foodwatch hat die Beratungs­gesellschaft

So empfiehlt die Deutsche Gesellschaft

JPMorgan eine operative Profit-Marge von

für Ernährung klipp und klar, nicht mehr

16,7 Prozent für Softdrinks errechnet, wäh-

nur auf Zucker zu achten, sondern Zucker

rend diese Rate für Obst und Gemüse bei

einzusparen.

nur 4,6 Prozent lag.

AUSGABE 14

120


BITTERSÜSS

Allerdings sind die Erzeuger dieser Zuckerbomben seit einigen Jahren unter verschärfte Beobachtung geraten – und bekommen Gegenwehr. Nicht zuletzt, weil Übergewicht und Fettleibigkeit etwa in den USA und in Großbritannien ein Ausmaß angenommen haben, das die Schädlichkeit des Rauchens noch bei Weitem übersteigen

INFO

könnte. Die Folge: Bei Cola und Pepsi bröckeln die weltweiten Umsätze, die

ww

Gewinne schrumpfen.

Body-Mass-Index (BMI)

Gegenwehr des Fiskus Eine Reihe von Ländern hat inzwischen drastische Maßnahmen ergriffen, und das

Berechnung: Körpergewicht in Kilo­

umfasst nicht nur bessere Aufklärung der

gramm geteilt durch das Quadrat

Bevölkerung, sondern Erziehung übers

der Körpergröße in Metern.

Portemonnaie, sprich Sondersteuern für besonders zuckerhaltige Getränke. Bei-

Beispiel:

spiele sind Belgien, Frankreich, Großbri-

80 Kilogramm / 1,75 Meter x 1,75 Me-

tannien und einige Bundesstaaten der

ter = 80 / 3,0625 = 26,122

USA, in denen Cola und Limo besonders

Das heißt: Grenze zum Übergewicht

stark besteuert werden. Das senkt einer-

gerade überschritten

seits aufgrund von Preiserhöhungen den Verbrauch und führt andererseits dazu,

Berechnen Sie jetzt Ihren BMI!

dass die Hersteller den Zuckergehalt ih-

Zum Rechner

rer Erfrischungsgetränke unter eine kritische Menge reduzieren. 121

LEBENLANG


DOSSIER

Steuerpolitische Maßnahmen fordert auch

Ernährung und

die Deutsche Diabetes Gesellschaft

Landwirtschaft,

,

die medizinisch-wissenschaftliche Fach-

hält solche Konzepte

gesellschaft der Diabetologen:

für Bevormundung der Verbraucher und setzt einzig auf die Wirkung von Aufklärung. Ob das angesichts der histo-

Besonders gesunde Lebensmittel wie Obst

rischen Programmierung menschlicher

und Gemüse sollten von der Umsatzsteu-

Gene und Gewohnheiten realistisch ist,

er von derzeit sieben Prozent befreit wer-

mag dahingestellt bleiben.

den, entsprechend preisgünstiger könnten diese Nahrungsmittel werden. Eine Erhöhung der Umsatzsteuer auf 19 oder 29 Prozent für Lebensmittel und Getränke mit besonders hohem Fett- oder Zuckergehalt.

Flankiert werden sollte das mit Werbeverboten für ungesunde Lebensmittel, ins-

Über den Autor

besondere für die Zielgruppe Kinder und

HELMUT LASCHET

Jugendliche, sowie einer verpflichtenden und verständlichen Kennzeichnung.

Helmut Laschet ist freier Journalist in Berlin und unter anderem Haupt-

Doch die Bundesregierung hält sich zu-

stadtkorrespondent der Ärzte Zei-

rück: Bundesgesundheitsministerium und

tung. Dort leitete er von 1983 bis 2017

Bundesjustizministerium, Letzteres auch

das Ressort Gesundheitspolitik und

zuständig für Verbraucherschutz, schwei-

war stellvertretender Chefredakteur.

gen. Julia Klöckner, Bundesministerin für AUSGABE 14

122


BITTERSÜSS

» MEHR ALS 16 MILLIONEN DEUTSCHE, GUT JEDER FÜNFTE, SIND SCHWER ÜBERGEWICHTIG MIT EINEM BODY-MASSINDEX VON ÜBER 30. « 123

LEBENLANG


DOSSIER

Digitale Helfer

IM DIABETIKER-­ ALLTAG

AUSGABE 14

124


BITTERSÜSS

TEXT | HELMUT LASCHET

Nahezu jeder zweite Diabetiker fühlt sich beim Management seiner Krankheit im Alltag allein gelassen: zu wenig Information, keine Hilfestellung. Mit der Entstehung einer neuen digitalen Welt per Smartphone wird sich das in den nächsten Jahren ändern. Der digitale Coach wird den Arzt nicht ersetzen, ihn und den Patienten aber wirksam unterstützen.

D

as Smartphone, wird künftig zum

wicklungen in der Diabetes-Technologie.

wichtigsten Begleiter von Diabete-

Sowohl Ärzte als auch Patienten werden

spatienten in ihrem Alltag werden. Durch

davon profitieren, beispielsweise auch

automatische Erfassung, Speicherung und

durch Telemedizin, mit der weite Entfer-

Übermittlung patientenindividueller Da-

nungen zwischen dem Wohnort von Pati-

ten können bereits heute Patienten mit

enten und der Praxis des Diabetes-Spezi-

einem Foto von ihrer Mahlzeit eine auto-

alisten überbrückt werden können.

matisierte Abschätzung des Kohlehydratanteils eine Bolus-Berechnung erhalten

Ein Beispiel eines solchen digitalen All-

und so ihre Insulingabe bedarfsgerecht

tagshelfers für Diabetiker ist die mySugr

anpassen.

App

, die inzwischen von mehr als 1,3

Foto: Georgia de Lotz, mySugr

Millionen Patienten genutzt wird und die „Die Digitalisierung unserer Welt wird ei-

in den USA und Europa als Medizinpro-

nen erheblichen Einfluss auf die Betreu-

dukt zugelassen ist. Entwickelt wurde die

ung von Patienten in Zukunft haben“,

App in Österreich, erstmals eingesetzt in

schreibt der Düsseldorfer Diabetologe

den USA, seit 2017 gehört sie zu Roche.

Professor Lutz Heinemann über neue Ent125

LEBENLANG


DOSSIER

Was leistet mySugr? → Untersuchungen zeigen, dass nach

» DER ALLTAG MIT DIABETES IST ZEIT­AUFWENDIG UND BESTEHT AUS BIS ZU 50 THERAPIE­ENTSCHEI­DUNGEN AM TAG. «

sechs Monaten der Nutzung bei Menschen mit einem erhöhten Hypoglykämie-Risiko die Zahl der gefürchteten Unterzuckerungen deutlich reduziert wurde. Der dafür wichtige Low Blood Glucose Index, der Häufigkeit und Schwere der Unterzuckerung angibt, sank um 17,4 Prozent. → Mit mySugr wird der Blutzuckerspiegel regelmäßig erfasst, dokumentiert und kontrolliert. Nach nur einem Monat war bei Nutzern der App der HbA1c-Wert, der den Blutzucker angibt, von 9 auf 7,8 Prozent gesunken. → Aufgrund der Kontroll- und Kommunikationsmöglichkeiten bekommen Patienten ein besseres Verständ-

Abbildungen: mySugr

nis für ihre Krankheit und können besser bei Therapieentscheidungen

mit-

wirken, wie eine Umfrage unter 600 Nutzern ergab. AUSGABE 14

126


BITTERSÜSS

Der Alltag mit Diabetes ist zeitaufwen-

gerät und die mySugr App miteinander

dig und besteht aus bis zu 50 Therapie-

verbunden werden. Sind die Teststreifen

entscheidungen am Tag, die der Patient

im Starterkit verbraucht, werden automa-

eigenständig treffen muss. Dabei soll ihm

tisch Teststreifen nachgeliefert – rezept-

das mySugr-Paket so viele Aufgaben wie

frei, denn aufgrund der Daten, die mit der

möglich abnehmen und auf diese Weise

App erfasst werden, wird der Teststreifen-

den Patienten auch zwischen den Arztbe-

verbrauch individuell erkannt. So kom-

suchen professionell unterstützen.

men auch Vielmesser auf ihren Bedarf.

Dazu gehört beispielsweise auch das Diabetes-Tagebuch, das mithilfe der App viel leichter geführt werden kann. Vor allem: Die systematisch in einer Verlaufsform übersichtlich

gespei-

cherten Daten können mit den behandelnden Ärzten und Diabetesberaterinnen

geteilt

werden und so das Coaching erheblich erleichtern. Beim Kontakt mit dem Arzt hat dieser exakte und detaillierte PatientenMit dem digitalen Tagebuch haben Diabetiker ihren Ernährungsplan und ihre Blutzuckerwerte immer im Blick.

informationen bereits in seiner EDV abrufbereit. Das spart Zeit, die den Patienten zugutekommt.

Persönliche Beratung Das mySugr Starterkit besteht aus einem

Abbildungen: mySugr

Blutzuckermessgerät,

einer

Stechhilfe

Ein weiteres Merkmal von mySugr ist ein

und einem Vorrat an Teststreifen und Lan-

Coaching-Service durch Diabetes-Berate-

zetten. Eine Anleitung liegt bei. Werden

rinnen. Diese können auf zwei Arten aktiv

neue Lanzetten benötigt, können diese

werden: einerseits aufgrund von Anfragen

kostenfrei nachbestellt werden.

der Nutzer, die innerhalb eines Werktags

Nach Anmeldung auf der mySugr wird das

von den Diabetesberaterinnen individu-

Startpaket binnen fünf Werktagen gelie-

ell per App und Smartphone beantwortet

fert. Danach müssen das Blutzuckermess-

werden. Dies betrifft beispielsweise Fra127

LEBENLANG


DOSSIER

Die App ist für iOS auf iTunes und für Android auf Google verfügbar

Noch ist mySugr kein Leistungsstandard in der gesetzlichen Krankenversicherung. Lediglich die AOK Bayern übernimmt die Kosten. Hier zahlt die Krankenkasse direkt an den Anbieter, Patienten müssen nicht in Vorlage treten. Etwas anderes ist es bei den privaten Krankenversicherungen, die derzeit die Kosten erstatten. Hier tritt der Patient in Vorlage und reicht anschließend die Rechnung ein. Möglich ist dies momentan (Stand Juni 2018) bei der Versicherungskammer Bayern, der Unigen zur Ernährung, aber auch zu Sport und

on Krankenversicherung, der Barmenia

Bewegung. Zum anderen durch automa-

Krankenversicherung und der Gothaer

tisierte Kontrolle der übermittelten Blut-

Krankenversicherung.

zuckerwerte: Bei einem Risiko für Überoder Unterzuckerungen werden dann die

Noch große Herausforderungen

Nutzer kontaktiert und beraten.

MySugr ist ein Beispiel für den rasanten technischen Fortschritt, der sich derzeit

Die App ersetzt nicht den Arzt

in

Aber eines kann mySugr nicht: Es ersetzt

von Diabetikern voll-

nicht den Arzt. Nur er kann beispielswei-

zieht. Die steigende

se die Medikation korrigieren. Aber: Über

Bedeutung der Dia-

die App und den Datentransfer wird sehr

betestechnologie ist

viel schneller ein Korrekturbedarf er-

inzwischen auch bei

kannt, die Informationsgrundlage für den

der Deutschen Diabetes Gesellschaft als

Arzt und Diabetesberaterinnen ist opti-

Fachgesellschaft der Diabetologen ange-

mal aufbereitet.

kommen. Neben den Chancen neuer, auf

AUSGABE 14

128

Versorgung

Abbildungen: mySugr

der


BITTERSÜSS

» IDEEN, DIE VOR KURZEM NOCH ALS VISIONÄR GALTEN, WERDEN DURCH SMART­PHONES REALISTISCH, ZUM BEISPIEL DIE AUTOMATISIERTE ABSCHÄTZUNG DES KOHLEN­ HYDRAT­ANTEILS EINER MAHLZEIT BASIEREND AUF EINEM FOTO. «

der Informationstechnologie basierender Lösungen sieht die Fachgesellschaft aber auch noch viele Herausforderungen, die bewältigt werden müssen. Beispiele: → Ärzte müssen sich intensiver mit den Nutzungsmöglichkeiten, Vorteilen und Risiken neuer Technologien beschäftigen, um sie für ihre Patienten zugänglich zu machen. → Krankenkassen und ihre Medizinischen Dienste müssen den Wert digitaler Unterstützungssysteme

erkennen

und

beurteilen, um sie in ihre Leistungskataloge aufzunehmen.

–Professor Dr. Lutz Heinemann, Diabetologe, Düsseldorf

→ Der Nutzen neuer Technologien muss auch unter medizinischen Gesichtspunkten besser erforscht werden; das erfordert mehr interdisziplinäre Arbeit in der Wissenschaft. → Zulassung und Überwachung neuer Produkte sind verbesserungsbedürftig. Der Bedarf an neuer Technik zur Verbes-

Über den Autor

serung der Versorgung ist unabweisbar.

HELMUT LASCHET

Allein aufgrund der Alterung der Gesellschaft wird die Zahl der Diabetiker in Zu-

Helmut Laschet ist freier Journalist

kunft weiter steigen. Hausärzte und Dia-

in Berlin und unter anderem Haupt-

betologen brauchen dazu Unterstützung

stadtkorrespondent der Ärzte Zei-

durch gut informierte und motivierte Pa-

tung. Dort leitete er von 1983 bis 2017

tienten. Digitale Assistenten sind dafür gut geeignet – sie ersetzen nicht den Arzt,

war stellvertretender Chefredakteur.

erleichtern ihm aber die Arbeit. 129

LEBENLANG

Foto: Privat

das Ressort Gesundheitspolitik und


DOSSIER

Leben und pflegen mit Diabetes

BLOSS KEIN KAMPF UM KUCHEN! Zucker – der Umgang mit dem weißen Gold kann nicht nur für Menschen mit Diabetes zur Gratwanderung zwischen Genuss und Gesundheit werden. Auch diejenigen, die sich um Diabetiker kümmern und sie pflegen, kann Zucker in eine bittersüße Versuchung führen.

AUSGABE 14

130

Foto: ViewApart | iStock

TEXT | MARION SENDKER


BITTERSÜSS

Z

ucker ist erst mal kein Tabu für Zu-

Mit einer Frau ist sie sogar auf Entde-

ckerkranke. Das richtige Maß ist

ckungsreise gegangen: Obwohl sie Elisa-

entscheidend. Das zu finden, stellt aber

beth immer wieder versichert hatte, nicht

nicht nur Menschen mit Diabetes, son-

heimlich genascht zu haben, sprachen

dern auch deren pflegende Angehörige

die Blutzuckerwerte eine andere Spra-

oder Pfleger immer wieder vor Fragen

che. „Zucker ist aber in vielen Lebensmit-

wie: „Darf das Stück Kuchen nach dem Es-

teln versteckt“, weiß die Pflegerin. Also

sen sein oder sollte ich es verbieten?“ Für

haben die beiden ausprobiert: ein halber

Elisabeth, die sich schon um einige Diabe-

Apfel – Blutzucker messen; ein paar Wein-

tiker gekümmert hat, ist die Antwort klar:

trauben – Blutzucker messen; eine Kiwi –

„Das kommt darauf an!“, sagt die Frau aus

Blutzucker messen. Die Weintrauben wa-

Polen und lacht.

ren es. „Immer, wenn sie danach Lust auf 131

LEBENLANG


DOSSIER

» GERADE BEI HOCH­BETAGTEN MENSCHEN MIT DIABETES SOLLTE DIE LEBENS­QUALITÄT UND NICHT DER PERFEKTE BLUTZUCKER­WERT IM VORDERGRUND STEHEN. «

Weintrauben hatte, hab ich versucht, eine Alternative zu finden“, erzählt Elisabeth. Statt Weintrauben gab es dann eben eine Tomate.

Verbieten verboten! Überhaupt ist die Pflegerin gegen Totalverbote. „Die bringen nichts“, sagt sie und erinnert sich an eine andere ältere Patientin, die eines Tages unbedingt eine Flasche Bier haben wollte. Alkohol senkt aber den Blutzuckerspiegel und ist deswegen bei Diabetes mit Vorsicht

nicht, obwohl ich möchte“ sei viel stres-

zu genießen. Trotzdem hat Elisabeth ihr

siger für den Körper, als einmal mit ein

eine Flasche mitgebracht. „Ich habe nicht

bisschen zu viel Zucker klarzukommen.

schlecht gestaunt, als sie am nächsten

„Und bei denjenigen, die Ü70 sind: Also

Tag das halbe Bier in einem Zug getrun-

’tschuldigung, aber das ist so egal, woran

ken hat“, lacht die Pflegerin. Gerade bei

die dann sterben“, sagt Elisabeth.

älteren Menschen könne man auch mal ein Auge zudrücken, findet sie. „Ich darf

Nicole Wille, Diabetesberaterin aus Frechen, sieht das ähnlich: „Gerade bei hochbetagten Menschen mit Diabetes sollte die Lebensqualität und nicht der perfekte Blutzuckerwert im Vordergrund stehen.“

Nicole Wille ist Diätassistentin und Diabetesberaterin DDG. Sie arbeitet im St. Katharinen-Hospital in Frechen in der Abteilung Diabetologie/Gastroentero­ logie/Ernährungsmedizin und hat in Frechen eine eigene Praxis, in der sie Beratungen gibt. In Zusammenarbeit mit der ESG - Institut für Ernährung, Sport und Gesundheitsmanagement GmbH bietet sie in Unternehmen Vorträge, Workshops und Aktionstage im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung an. AUSGABE 14

132

Foto: privat

NICOLE WILLE


BITTERSÜSS

Die aktuelle Leitlinie der Deutschen Di-

ist.“ In den Plan können dann auch Dinge

abetes Gesellschaft stimmt dem zu. Dort

gehören wie ein Spaziergang nach dem

heißt es auszugsweise: „Das HbA1c soll

Stück Kuchen, um dem Blutzuckeranstieg

im höheren Lebensalter einen geringeren

wieder etwas entgegenzuwirken.

Stellenwert bei Therapie-Entscheidungen haben als in jüngerem Lebensalter.“

„Es kommt bei Diabetes immer auf den Patienten an“, betont Wille. „Denn es gibt

Diabetes ist eine individuelle Krankheit

nicht ‚den Menschen mit Diabetes‘“. Fak-

Für Frau Wille ist es wichtig, bei den Bera-

tion, Begleiterkrankungen und das Alter

tungen geschmackliche Vorlieben der Pa-

spielen eine große Rolle. Das müsse auch

tienten abzufragen. Denn: Die Therapie

den Pflegenden klar sein. Ihnen empfiehlt

muss sich dem Patienten anpassen und

die Ernährungsberaterin, täglich Zucker

nicht umgekehrt. „Wenn ich weiß, dass

zu messen und sorgfältig zu dokumen-

zum Beispiel in einer Pflegeeinrichtung

tieren, was vorher gegessen wurde. Denn

das Stück Kuchen am Nachmittag in ge-

Diabetes ist eine individuelle Krankheit.

toren wie Typ des Diabetes, die Medika-

„Zahlen sind nur Richtlinien, im Fokus

» ES KOMMT BEI DIABETES IMMER AUF DEN PATIENTEN AN. «

steht der Mensch.“

selliger Runde zum Alltag gehört, versuche ich es mit einzuplanen.“ Das sei allemal besser, als ein Verbot auszusprechen,

Über die Autorin

was möglicherweise den umgekehrten Ef-

MARION SENDKER

fekt habe und zu heimlichen Naschereien oder schlechter Laune führt. Das muss allen klar sein, sagt die Expertin und setzt

Marion Sendker ist Jurastudentin in

auf Transparenz: „Um bei Patienten auch

Köln und freie Journalistin für Me-

Angehörige oder Pflegende abzusichern,

dien in Deutschland, Rom und der Türkei.

integriere ich das Stück Kuchen bewusst

Foto: privat

@lamaridda

in Essenspläne, sodass für alle Beteiligten klar ist, dass das abgesprochen und okay 133

LEBENLANG


DOSSIER

In Deutschland sind

67 % DER MÄNNER 53 % DER FRAUEN

Bittersüße Fakten Was Sie über Diabetes wissen sollten

übergewichtig. 23 % der Männer und knapp 24 % der Frauen sind adipös. Es ist wahr, dass Übergewicht das Risiko, an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken, erheblich erhöht. Doch nicht alle Diabetiker, bei­ spielsweise die Typ-1-Diabetiker, sind übergewichtig und nicht alle Übergewichtigen sind Diabetiker.

Illustrationen | Mia Grote

422 MILLIONEN MENSCHEN WELTWEIT HABEN DIABETES

6,7 MILLIONEN

Menschen in Deutschland leben aktuell mit einem diagnostizierten Diabetes.

AUSGABE 14

134


BITTERSÜSS

10.000

95 %

der Dia­ betiker sind Typ-2-Diabetiker, etwas mehr als 300.000 sind

Schritte täglich senken das Risiko, an Diabetes, Herzinfarkt und Krebs zu erkranken. Außerdem wird Alzheimer und

Typ-1-Diabetiker.

Demenz vorgebeugt.

Extrem süße Getränke wie Säfte oder Cola, lassen den Blutzuckerspiegel rasch in die höhe steigen. Ein Liter Cola enthält ca. 100 g Zucker, was einer Menge von

40 ZUCKER­W ÜRFELN entspricht. Bei einer täglichen Aufnahme von 2.000 Kilokalorien sollten jedoch höchstens 50 g Zucker aufgenommen werden.

TYP-2-DIABETES ist nicht – so wie früher vermutet – ein sogannter Altersdiabetes. Auch Kinder und Jugendliche können durch eine unausgewogene Ernährung, mangelnde Bewegung, Übergewicht, Bluthochdruck und viel negativen Stress an Diabetes erkranken.

35 KILO ZUCKER

schluckt jeder Deutsche im Jahr. Das ist sechsmal so viel wie vor 100 Jahren.

135

LEBENLANG


AUSGABE 14

136


› › › SÜSSES LEBEN

3 „I travel the world and the seven seas. Everybody’s looking for something.“ Eurythmics

137

LEBENLANG


sollte hätte könnte würde machen! Apps für mehr Struktur und Motivation AUSGABE 14

138

Foto: Jdaria Shevtsova | Unsplash

SWEET DREAMS


SÜSSES LEBEN

I

n unserer schnelllebigen Zeit kommt es nicht selten vor, dass man für die

Ziele, die man sich einst vorgenommen hatte, keine Zeit mehr findet oder diese regelrecht im Chaos des Alltags vergisst.

Für Veränderung ist es nie zu spät. Wer seine Träume realisieren möchte, sollte anfangen, etwas dafür zu tun. Sehr oft scheitert ein guter Vorsatz oder ein angestrebtes Ziel an der nötigen Motivation oder dem persönlichen Durchhaltevermögen. In solchen Fällen gibt es Apps, die Sie bei der Strukturierung und Gestaltung Ihres Alltags unterstützen können.

Dagegen können einige Apps regelrecht als Gedächtnisstütze und Motivator dienen. Wer seine Zukunft in die eigenen Hände nehmen will, seinem Alltag mehr Struktur und Übersicht verleihen möchte oder plant, seine Träume zu verwirklichen, wird an den folgenden Apps, die wir Ihnen vorstellen möchten, sicherlich Gefallen finden. Vielleicht ist ja die ein oder andere App für Sie dabei, die Ihnen bei der Verwirklichung Ihrer Ziele behilflich sein kann. 139

LEBENLANG


SWEET DREAMS

WUNDERLIST

Planen & Strukturieren Wunderlist ist eine digitale To-doListe, die Ihnen helfen kann, das eigene Leben übersichtlich zu organisieren. Ob Sie einen Urlaub planen, Ihre Einkaufsliste mit Ihrem Partner teilen möchten oder mehrere Projekte auf der Arbeit organisieren — Wunderlist hilft Ihnen, alle persönlichen und beruflichen Aufgaben zu erledigen.

Die App ist für iPhone, iPad, Mac, Android, Windows, Kindle Fire und im Browser verfügbar.

FABULOUS

Motivation & Produktivität Setzen Sie sich Ihre persönlichen Ziele und machen Sie diese wahr. In

einem

Schritt-für-Schritt-Pro-

gramm hilft Ihnen die Anwendung, Ihre persönlichen Ziele umzusetzen und motiviert Sie, mit liebevoll gestalteten Grafiken produktiv zu bleiben. Das wissenschaftlich erprobte Coaching bietet Ihnen mehr Energie, schwungvolle Gesundheit, unterstützt Sie beim Abnehmen und verbessert Ihren Schlaf durch Integration von gesunden Gewohnheiten und Routinen in Ihrem Leben.

AUSGABE 14

140

Die App ist für iOS auf iTunes und für Android auf Google verfügbar.


SÜSSES LEBEN

MINDMEISTER

Notieren & Organisieren Die besten Einfälle kommen bekanntlich immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet. Mit MindMeister haben Sie eine virtuelle Mindmap, für Smartphone und Tablet, mit der Sie auch außerhalb Ihre Büros Ideen und Gedanken sammeln, Verbindungen herstellen und Prioritäten setzen können.

Die App ist für iOS auf iTunes und für Android auf Google verfügbar. Mindmap ist auch direkt im Webbrowser Ihrer Wahl verfügbar.

NOOM

Ernährung & Coach Noom ist eine App zum Abnehmen und ist Ernährungsberater, Gesundheitscoach sowie Personal Trainer in einem. Egal ob es sich um emotionales Essen oder Heißhunger am Mittag handelt, Nooms wissenschaftlich fundierte Lösung hilft Ihnen, einen persönlichen Trainings- und Ernährungs-

Die App ist für iOS auf iTunes und für Android auf Google verfügbar.

plan zu entwickeln. Sie können sich selbst herausfordern, schlechte Gewohnheiten abtrainieren und mit Nutzern weltweit in Kontakt treten.

141

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

142


WER FÃœRCHTET SICH HIER VOR DIALYSE? Drei Fachkrankenschwestern und drei Patienten gemeinsam an einem Tisch 143

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

144


Moderation Lydia Brandes & Kirsten Gaede

TEXT | KIRSTEN GAEDE FOTOS | DAVID NASSIM

… die Patienten unseres Frühstücktalks sicherlich nicht. Sie sind sich mit den Fachkrankenschwestern am Tisch einig: Es kommt ganz darauf an, die individuell passende Dialyseform zu finden. 145

LEBENLANG


ANZEIGE

Wer schon einmal Freunde einlud, die sich vorher nie gesehen hatten, kennt die

TIPP 1

Bedenken: Werden sich alle gut unterhal-

Sprechen sie mit der

ten? Oder muss man immer wieder das

Dialysefachkraft

Gespräch anstoßen? Wir präparierten uns als Gastgeber des Frühstückstalks also

Informieren, informieren, informieren – so

mit einem langen Fragenkatalog. Doch

lautet der wichtigste Ratschlag der Sechs.

der war nicht nötig. Die Diskussion floss

Gute Ansprechpartner sind neben Ärzten

– nein, sie rauschte hochlebendig durch

die Fachkrankenschwestern für Dialyse.

den Vormittag, vier Stunden lang. Fast

Sie kennen die unterschiedlichen Thera-

unhöflich mussten wir von Zeit zu Zeit

piemöglichkeiten und sind in der Patien-

unterbrechen, um nachzuhaken: Wann

tenberatung ausgebildet. Aber sie sind

war das genau? Seit 2007 machen Sie die

rar geworden in den Dialysezentren. 2016

Peritonealdialyse? Wie war das mit Ihrer

wurde die Dialyse-Pauschale gesenkt,

Therapiewahl? Und wie oft machen Sie

nun arbeiten immer mehr kostengünsti-

genau die Hämodialyse?

gere Medizinische Fachangestellte in den Zentren. Zu über 70 Prozent, schätzt Ines

Drei Patienten und drei Fachkranken-

Schulz-Merkel. Die Fachkrankenschwes-

schwestern haben sich mit uns in Ber-

ter leitet stellvertretend die Fort- und

lin getroffen, um über die Situation der

Weiterbildung für nephrologisches Per-

Dialysebehandlung in Deutschland zu

sonal an der WBS-Ulm

sprechen. Das klingt staatstragend, das

wenig krankheitsspezifische Kenntnisse,

klingt nach einer gesundheitspolitischen

psychosozial sind sie kaum ausgebildet.

Standardveranstaltung. Warum darüber

Sie wissen, wie die Dialysemaschinen zu

schreiben? Weil die Sechs es bei Kritik

bedienen sind. Doch passiert etwas außer

. „MFAs haben

» Es wird alles nicht mehr bezahlt: jede Minute, die ich als Patientenberaterin in die Beratung mit den Patienten investiere, ist meine private Zeit. « – Ines Schulz Merkel nicht belassen, sie geben Antworten auf

der Reihe, sind sie meistens überfordert.“

die zentrale Frage: Wie schaffen es Pati-

In Sachen Prävention und Versorgung

enten mit einer chronischen Krankheit die

kommt es also häufig auf das individuel-

für sie optimale Behandlung zu finden,

le Engagement von Einzelpersonen, den

wenn die Zeit der Ärzte knapp und Aus-

Pflegefachkräften an.

künfte der Krankenkassen dürftig sind? AUSGABE 14

146


147

LEBENLANG


ANZEIGE

TIPP 2 Zeigen Sie Eigeninitiative und besuchen Sie Schulungsprogramme Wer

sich

grundsätzlich

informieren

möchte, dem empfiehlt Marion Bundschu – Leiterin der WBS-Ulm – ein Schulungsprogramm. Viele Dialysepraxen bieten ein solches an – etwa das bundesweite Schulungsprogramm „Fit für Dialyse“

.

„In dieser Schulung geht es unter anderem um Ernährung, die Vor- und Nachteile der Heimdialyse, die Peritonealdialyse und Transplantation. Schade ist, dass viele Patienten sich für diese Schulungen erst zu interessieren beginnen, wenn sie bereits dialysepflichtig sind.“ AUSGABE 14

148


TIPP 3

TIPP 4

Rufen Sie bei den „Patienten­

Genießen Sie Foren und einige

Begleitern“ an

Medien mit Vorsicht

Und dann gibt es noch die Initiative

Natürlich finden sich auch diverse Foren

„PatientenBegleiter

gemeinsam

im Internet, in denen Patienten chroni-

. Das sind erfahrene, selbst be-

scher Erkrankungen miteinander in Kon-

troffene Frauen und Männer, die andere

takt treten können, insbesondere auf

Patienten beraten und unterstützen.

Facebook. Doch Melanie Rollert, die als

Rosemarie Dorn ist eine solche ehren-

Fachschwester in einem Magdeburger

amtliche PatientenBegleiterin. In einem

Dialysezentrum arbeitet, hält diese als In-

Dialysezentrum hat sie erlebt, dass ihr

formationsquelle für ungeeignet. „Da gab

Angebot, vor Patienten zu sprechen, ab-

es beispielsweise ein riesiges Bohei um

gelehnt wurde. Eine Begründung hat sie

ein Blutdruckmittel, die Aufregung des

nicht erhalten. Möglicherweise zweifelte

Einzelnen hat sich potenziert. Mediziner

man an ihrer Kompetenz, an ihrer Seriosi-

und Dialyseschwestern müssen die Infor-

tät? Dazu gibt es wenig Anlass: Die Pati-

mation dann wieder zurechtrücken, was

entenBegleiter werden geschult, Projekt-

unglaublich zeitaufwendig ist. Am Ende

partner sind unter anderen der Verband

müssen wir die Patienten oft mit ihrem

Deutsche Nierenzentren

Halbwissen allein lassen.“

gehen“

Bundesverband Niere

Wege

und der .

» Ein aufgeklärter und mündiger Patient hat weniger Angst vor und während der Dialyse. Deshalb wäre es in der Praxis wichtig, sogenannte Patienten-Begleiter mehr einzubeziehen. « – Marion Bundschu

149

LEBENLANG


ANZEIGE

» Besser mache ich die HD für 4,5 Stunden und jeweils zweimal in der Woche, als dass ich für vier Stunden dreimal in die Klinik muss. «

Der heute 63-Jährige war bis 2010 Flug-

– Rosemarie Dorn

unterschiedlichen Formen der Blutwä-

kapitän und –lehrer. 2003 wurde er nierenkrank infolge einer Überfunktion der Nebenschildddrüse. In den Jahren der Prädialyse beschäftigte er sich mit den sche. Als er dann 2016 dialysepflichtig wurde, sagte der Arzt: „So aktiv wie sie

TIPP 5 Löchern Sie die Ärzte mit

sind, ist eigentlich nur die Peritonealdia-

Fragen

lyse möglich.“ Und die funktioniert gut bei ihm: Hausen hat selbst auf der Autobahn

Allerdings: Was Ärzte sagen, darf auch

und während des Unterrichts – er arbeitet

gern hinterfragt werden – da sind sich die

inzwischen als Lehrer am Flugsimulator –

Sechs in der Runde einig. Sie vermissen die

schon einmal den Beutel gewechselt.

individuelle Anpassung von Therapien,

» Ich wurde von meinem Arzt sehr gut aufgeklärt. Während der Entscheidung zu einer geeigneten Dialyseform wurde mir aufgrund meiner aktiven Lebensgestaltung auch aus ärztlicher Sicht zu der PD geraten. « – Eberhard Hausen

denn oft scheint es, als gebe es einen gewissen Automatismus. Dabei ist oft noch ganz anderes möglich als der Standard, sprich, dreimal die Woche fünf Stunden Hämodialyse. „Es gibt auch noch die Peritonealdialyse, es gibt die Kombination aus beiden Dialysearten, man kann zweimal die Woche zur HD, über Nacht, acht Stunden und, und, und …“, sagt Marion Bundschu. Es lohnt sich, mit dem Arzt zu

TIPP 6

diskutieren. Rosemarie Dorn (78) hat es

Feilschen Sie nicht um jede

gewagt: Dreimal die Woche fünf Stunden

Stunde

wurde ihr gesagt, als 2012 ihre Blutwerte so schlecht wurden, dass sie an die Dialy-

Auch Rainer Kazig hat von 2007 bis 2016

se musste. Sie wollte nur zweimal die Wo-

Peritonealdialyse gemacht. „Doch irgend-

che, 4,5 Stunden, sie hat es ausprobiert

wann war die Effektivität weg, es wurden

und es hat geklappt: Die Werte verbesser-

nicht mehr genügend Schadstoffe gefil-

ten sich bei der geringeren Frequenz.

tert“, erzählt der 63-Jährige, der früher

Dass es sich lohnt neben der Hämodialy-

im Kostümfundus der Deutschen Oper in

se auch andere Verfahren in Betracht zu

Berlin gearbeitet hat. Jetzt macht er Hä-

ziehen, zeigt sich an Eberhard Hausen.

modialyse. „Auf Sicht ist die PD sicherlich

AUSGABE 14

150


151

LEBENLANG


ANZEIGE

» Während der HD höre ich immer entspannt Radio. « – Rainer Kazig

eine Niere spendete, und die Texanische Sängerin und Schauspielerin Selena Gomez, die eine Nierenspende erhielt. „Ich stehe zwar auf der Warteliste“, sagt Hausen. „Aber für mich würde eine Transplantation eine Verschlechterung bedeuten. Dann müsste ich Immunsuppressiva nehmen und müsste noch viel vorsichtiger sein.“ Und Rosemarie Dorn erzählt: „Ich gesünder, mit der machst du dich viel, viel

wurde vor Jahren mal nachts um Viertel

häufiger immer wieder sauber. Aber es

vor eins vom Virchow-Klinikum angeru-

ging eben nicht mehr.“ Dennoch: Für Ka-

fen – ‚ wir haben eine Niere für Sie, hieß

zig ist dies kein Grund zu jammern. Seine

es. Ich habe abgelehnt. Sehr klug, meinte

Devise: „Dialysezeit ist Lebenszeit.“ Das

mein Arzt später, denn ich habe viel zu

sagt er mehrmals an diesem Vormittag.

viele Antikörper.“

Was meint Kazig damit? „Nun, die meisten Patienten wollen so wenig Zeit wie

TIPP 8

möglich an der Dialyse verbringen, ver-

Rausgehen, Quatschen, Lachen

gessen dabei aber, dass die Wirkung bei fünf Stunden besser ist.“

Auf einer Kur trifft Frau Dorn zufälligerweise auf einen alten Bekannten, den sie Jahre zuvor bei der Feriendialyse auf Rho-

TIPP 7 Hinterfragen Sie den Hype um

dos kennengelernt hatte. Dieser war nun

Transplantation

auf Kur, da er eine neue Niere bekommen hatte. Und im Gespräch stellte sich her-

Die Einsicht, dass die Dialyse nicht das

aus, dass ihr Bekannter doch tatsächlich

Ende aller Lebensqualität bedeutet, eint

den entscheidenden Anruf genau in der

die Runde. Die Sechs ärgern sich, wenn die

Nacht bekam, als auch Frau Dorn angeru-

Transplantation als einzig glücklich ma-

fen wurde. Erstauntes „Tatsächlich?“ und

chende Therapie für Nierenkranke darge-

„Wie ging es ihm?“ am Tisch. Ob es sich da-

stellt wird – befeuert durch Berichte über

bei vielleicht sogar um die gleiche Niere

Frank-Walter Steinmeier, der seiner Frau

gehandelt hat? Das kann man nicht genau

AUSGABE 14

152


sagen, aber eine schöne Geschichte ist es allemal. Inzwischen sind alle beim „Du“. Und wir hatten betretenes Schweigen befürchtet? Eine Dialyse ist ein Einschnitt im Leben, sicherlich. Aber der Humor, der Spaß an Gesprächen und am Leben – die bleiben.

» Die Dialyse und Transplantation werden in der Presse im Allgemeinen sehr negativ dargestellt. Hier werden Begriffe wie „lebensbedrohlich“ oder „am Sterben“ verwendet. Dass es aber Patienten gibt, die seit 40 Jahren Dialyse machen, egal ob PD oder HD, und damit super zurechtkommen und nicht transplantiert werden wollen, das wissen die wenigsten. Dabei entsteht ein völlig falsches Bild von Dialyse.“ . « – Marion Bundschu

FORUM FOR MEDITATION & NEUROSCIENCE Das Team von LEBENLANG durfte seinen Frühstückstalk in den schönen Räumlichkeiten des „Forum for Meditation & Neuroscience” organisieren. Das Ziel des Forums ist der Dialog und die Integration zeitgemäßer kontemplativer Praktiken im 21. Jahrhundert. Durch einen undogmatischen, wissenschafts­basierten und interdisziplinären Ansatz unterstützt es individuelle als auch kollektive Bewusst­seins­entwicklung hin zu einer ethischen und nachhaltigen Welt. In Berlin ist das Forum angesiedelt in der Siemens-­Villa sowie in einer zentral gelegenen Wohnung in Prenzlauer Berg, in der sich das LEBENLANG Team traf.

www.forumformeditation.com @forumformeditation

153

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

154


» Ich wünsche mir, dass Pflegekräfte neugierig und aufgeschlossen bleiben, Fragen stellen und aktiv zuhören – denn viele wichtige Informationen fallen zwischen den Zeilen. « INES SCHULZ MERKEL Fachkrankenschwester und stellvertretende Leiterin der WBS-Ulm für nephrologisches Personal

155

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

156


» An sich selber glauben, stark bleiben und entscheiden, ob man leben will oder nicht – ganz einfach. « RAINER KAZIG HD-Patient

157

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

158


» Der Patient ist ein unverzichtbarer „Mitarbeiter“ bei der Therapieentscheidung und Therapieumsetzung – ohne ihn geht gar nichts. « MARION BUNDSCHU Fachkrankenschwester und Leiterin der WBS-Ulm für nephrologisches Personal

159

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

160


» Es gibt immer einen anderen Weg. « EBERHARD HAUSEN PD-Patient

161

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

162


» Gute Pflege und Betreuung unserer Patienten muss Vorrang vor finanziellen Aspekten haben. Mein persönlicher Wunsch ist, dass wieder mehr motivierte Menschen in der Pflege arbeiten. Auch ein besseres Schulungsangebot wäre klasse. « MELANIE ROLLERT Nephrologische Fachschwester

163

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

164


» Als chronisch Kranke und Dialysepatientin sage ich: Dialysezeit ist Lebenszeit. Meinen Mitpatienten rate ich: Macht euch schlau, über das Internet oder andere Medien, bei Mitpatienten und in Selbsthilfegruppen. « ROSEMARIE DORN HD-Patientin

165

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

166


167

LEBENLANG


ANZEIGE

Den Patienten fördern und ihn im Umgang mit seiner Therapiewahl stärken – darum geht es dem Unternehmen Baxter . In Bad Mergentheim in den Räumlichkeiten der Fachklinik Schwaben der REHASAN Klinikgruppe hat nun das erste Schulungsprogramm für PD-Heimdialysepatienten begonnen. Im Baxter Education Center (BEC) werden die Patienten zehn bis elf Tage lang trainiert und sind während der Zeit gemeinsam in einer Reha-Einrichtung untergebracht – das ist so in Deutschland bisher einmalig. Es ist ein Projekt mit Modellcharakter. Die Idee dabei: vorhandene Strukturen nutzen, um Patienten bessere Schulungsmöglichkeiten und Therapierfolge zu bieten. Wir durften nach Start der ersten Schulungsphase mit den Verantwortlichen über das Patienten-Schulungsprogramm von Baxter gemeinsam mit der DAK-Gesundheit sprechen, das in enger Kooperation mit der Fachklinik Schwaben und dem Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim erstmalig ins Leben gerufen wurde.

FOTOS | PATRICIA HAAS

AUSGABE 14

168


W

ie kam die Kooperation

es wichtig, Synergieeffekte zu nut-

zwischen Baxter, der DAK-

zen, die sich aus den unterschied-

Gesundheit, der Fachklinik Schwa-

lichen Stärken und Ressourcen

ben und dem Caritas-Krankenhaus

der Vertragspartner ergeben. Un-

Bad Mergentheim zustande?

ser Vorhaben kam bei allen Be-

ANGELIKA FIRL:

teiligten gut an, sodass wir in der

Damit die Umsetzung eines sol-

vergangenen Woche die ersten

chen Modellprojektes gelingen

Patienten des Baxter Education

kann, war unserem Team schon zu

Centers aufnehmen konnten.

Beginn bewusst, dass das Projekt in enger Zusammenarbeit mit ver-

Richtet sich das Projekt nur an

schiedenen Kooperationspartnern

DAK-Versicherte?

geplant werden muss. Für die Rea-

ANGELIKA FIRL:

lisation eines solchen Konzepts ist

Der Vertrag wurde für die ersten sechs Monate exklusiv mit der DAK-Gesundheit geschlossen. Versicherte anderer Krankenkassen können trotzdem trainiert werden, indem eine Einzelfallregelung getroffen wird. Warum ist das Rehazentrum der Fachklinik Schwaben der ideale Partner für dieses Projekt? KLAUS ROCKENMAIER: Ein Rehazentrum bietet durch die vorhandenen Strukturen optimale Voraussetzungen für das Dialysetraining und die ganzheitliche Versorgung der Patienten während des Aufenthaltes.

169

LEBENLANG


ANZEIGE

erkrankungen betreibt, ist dieses Projekt mit Modell­charakter eine Chance, sich auf einem Gebiet, welches

nicht

unbedingt

zum

Kerngeschäft der Klinik gehört, zu etablieren. Wie sind die ersten Schulungen verlaufen? VIOLA OPPENLÄNDER-SCHMITT: Nach neun Tagen kann man unterm Strich sagen, dass alles sehr gut gelaufen ist. Sicherlich gab es die ein oder anderen kleinen Holprigkeiten, die wir beim nächsten Mal optimieren werden. Im Großen und Ganzen gab es jedoch keine großen Probleme. Ich denke, wenn das Projekt weitergeht, dann wird es irgendwann tatsächlich ein Selbstläufer werden.

Klaus Rockenmaier ist der Klinikdirektor der Fachklinik Schwaben. Er ist von der Koopera­tion zwischen Baxter, der DAK-­Gesundheit, der Fachklinik Schwaben und dem CaritasKranken­haus Bad Mergentheim überzeugt, bei der Infra-

UTE WALTHER:

strukturen und Synergieeffekte genutzt werden, um für alle

Ja, auch ich muss sagen, die Zu-

Beteiligten einen positiven Mehrwert zu schaffen.

sammenarbeit war hervorragend. Vor allem im direkten Kontakt

Welche Vorteile ergeben sich mit

mit den Patienten hat alles sehr

dem Projekt aus Ihrer Sicht?

gut funktioniert. Die BEC Traine-

KLAUS ROCKENMAIER:

rin Frau Oppenländer-Schmitt war

Die Fachklinik Schwaben muss

während des Aufenthaltes immer

sich am Markt positionieren und

für die Patienten da. Außerdem

im freien Wettbewerb bestehen.

konnten wir alle Dinge, die zu re-

Für unsere Klinik, die medi­zinische

geln waren, schnell auf kleinem

Rehabilitation

Fachbe-

Dienstweg klären. Das war sicher-

Gastro­

lich sehr hilfreich.

reichen

den

Orthopädie,

entero­logie AUSGABE 14

in und

Stoff­­wechsel­ 170


VIOLA OPPENLÄNDER-SCHMITT:

wisser Zeitdruck, da sie eine so-

Die Arbeit mit den Patienten war

fortige Therapie brauchen. Der

sehr gut, und ich wurde in der

Vorteil beim Patienten-Schulungs-

Klinik sehr offen und herzlich

programm ist hierbei, dass sie die

empfangen. Die Absprachen mit

Schulungen an einem Stück ma-

Schwester Ute haben sehr gut

chen können. Und in acht bis zehn

funktioniert. Vor allem wurde ich

Tagen kriegt man es in einer Klein-

von der gesamten Klinik sehr gut

gruppe von zwei bis drei Patienten

aufgenommen. Egal, wo ich mich

sehr gut hin, alles an einem Stück

in der Klinik aufgehalten habe,

zu machen. Außerdem arbeiten

alle Abteilungen waren sehr in-

die Patienten so nicht nur an den

teressiert und freundlich, was ich

eigenen Problemen, sondern sie

total schön fand.

lernen auch an den Problemen der anderen. Insofern ist eine gewisse

Was spricht dafür, die Schulungsta-

Dynamik vorhanden, die sich posi-

ge in einer Klinik durchzuführen?

tiv auf den Lernerfolg auswirkt.

DR. LUKAS ANDRÉ: Die Patienten, die hierherkom-

UTE WALTHER:

men, sind gewöhnlich in einer

Es kommen auch andere Dinge

schweren Situation. Da ist ein ge-

mit dazu, wie Physiotherapie, Er-

Für Ute Walther – Pflegedienstleitung – verlief auch der Austausch zwischen ihr, der BEC Trainerin Frau Oppenländer-Schmitt und den Patienten sehr gut. Kleinere Komplikationen konnten schnell geregelt werden.

171

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

172


» Für unsere Klinik ist dieses Projekt Heimdialyse eine Chance, sich auf einem neuen Gebiet, welches nicht zu unserem Kerngeschäft gehört, zu etablieren. « Klaus Rockenmaier

173

LEBENLANG


ANZEIGE

Ein starkes Team, das in der ersten Runde des Baxter-Patienten-Schulungsprogramms vollen Einsatz gezeigt hat (v.l.n.r.): Angelika Firl (Projekt­verantwortliche von Baxter), Viola Oppenländer-Schmitt (BEC Trainerin), Ute Walther (leitende Krankenschwester der Klinik) und Dr. med. Lukas André (Ärztlicher Direktor).

AUSGABE 14

174


nährungsberatung und eine psy-

Patienten schnell mit den Anfor-

chologische Sprechstunde. Außer-

derungen zurecht und ältere brau-

dem sind die Patienten dank der

chen zu Beginn etwas mehr Zeit,

vorhandenen

Versorgungsstruk-

bis auch sie nach ein paar Tagen

tur in unserer Klinik rundum ver-

zunehmend Selbstsicherheit in

sorgt. Sie müssen sich um nichts

der Durchführung erlangen. Aber

kümmern.

dadurch, dass wir am Wochenende mit dem Training pausieren,

VIOLA OPPENLÄNDER-SCHMITT:

haben auch die älteren Patien-

Dadurch, dass die Schulung an ei-

ten Zeit, alles Neue erst einmal

nem Stück in der Klinik stattfindet, ist es auch für mich als Pflegefachperson besser, denn es nimmt

Angelika Firl ist eine der Hauptverantwortlichen

mir zum einen den Druck, dass

des Baxter Education Centers (BEC). Sie koordi-

ich den Patienten die Trainingsinhalte sehr schnell binnen ein

niert mit viel Engagement die Zusammenarbeit zwischen den Kooperationspartnern.

paar Tagen vermitteln muss. Somit entspannt es sich für uns alle. Zum anderen ist es so, dass man den Patienten natürlich ein gutes Gefühl geben möchte, denn sie kommen mit ihren Ängsten und Sorgen hierher. Deshalb möchten wir, dass sie sich wohlfühlen. Denn wenn die Patienten sich wohlfühlen, fällt ihnen auch das Training leichter, und sie können die Inhalte viel besser aufnehmen. Konnten Sie während des Schulungszeitraums eine zunehmende Selbstsicherheit bei den Patienten beobachten? VIOLA OPPENLÄNDER-SCHMITT Das ist wirklich bei jedem Patienten anders. Meist kommen junge 175

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

176


» Die Patienten kommen mit ihren Ängsten und Sorgen hierher. Deshalb möchten wir, dass sie sich wohlfühlen. « Viola Oppenländer-Schmitt

177

LEBENLANG


ANZEIGE

Viola Oppenländer-Schmitt und Angelika Firl waren die treibenden Kräfte bei der Organisation und der Umsetzung des ersten Baxter-Schulungsprogramms. Sie freuen sich auf die weitere, zukünftige Zusammenarbeit – und natürlich auf die nächsten Patienten.

Krankenkasse übernommen werzu verarbeiten, sodass wir dann

den, wenn dies aus therapeutisch-

montags erneut mit frischem Elan

en Gründen erforderlich ist.

weitermachen können. Wie werden Patienten auf dieses

AUSGABE 14

Können die Angehörigen bei den

Projekt aufmerksam gemacht?

Schulungen mit dabei sein?

ANGELIKA FIRL:

VIOLA OPPENLÄNDER-SCHMITT:

Normalerweise von ihrem Heim-

Ja, und das ist auch ein wichtiger

nephrologen. Da die Schulungs-

Bestandteil des Konzeptes, denn

maßnahmen sehr aufwendig sind,

in Kleingruppen können vermehrt

haben Dialysezentren nicht immer

Erfahrungen untereinander aus-

die Möglichkeit für umfangrei-

getauscht werden. Wir haben von

che Schulungsmaßnahmen. Des-

Anfang an gesagt, dass es erwünscht

halb besteht das Angebot, die Pati-

ist, Begleitpersonen mitzuneh-

enten zum Training hierherzuschi-

men und mitzuschulen. Dies wur-

cken. In Zukunft möchten wir von

de auch mit der DAK-Gesundheit

uns aus gesehen auch breiter in der

abgesprochen, sodass die Kosten

Öffentlichkeit auftreten und vor

auch für die Angehörigen von der

allem auch im Gespräch mit ande-

178


ren Krankenkassen verstärkt auf

lanten Peritonealdialyse (CAPD)

das Projekt aufmerksam machen.

zur automatisierten Peritonealdialyse (APD), dauert dann fünf

Sieht das Projekt nach einem be

Tage und wird auf Antrag von den

stimmten Zeitraum spätere Nach-

am Vertrag teilnehmenden Kran-

schulungsmaßnahmen mit den

kenkassen übernommen.

Patienten vor? ANGELIKA FIRL:

Was wünschen Sie sich für die Zu-

Trainingsmodule zu Nachschu-

kunft für das Projekt?

lungsmaßnahmen in dem Sinne

ANGELIKA FIRL:

gibt es noch nicht. Nach Absprache

Offenheit seitens der Praxen und

mit der Krankenkasse beschränkt

Dialysezentren für das Projekt

sich die Kostenübernahme bis jetzt

und eine gute Zusammenarbeit

auf das mehrtägige Patiententrai-

zwischen den unterschiedlichen

ning. Doch es gibt zusätzlich noch

Kooperationspartnern: Kranken-

die Möglichkeit, an Umschulun-

kassen, Kliniken, Ärzten und Pa-

gen teilzunehmen, wenn Patien-

tienten. Wir wünschen uns einen

ten aus medizinischen Gründen

offenen Austausch zwischen den

von der einen Dialyseform zur an-

unterschiedlichen Partnern, da-

deren wechseln müssen. Eine sol-

mit Patienten eine sichere Versor-

che Umschulung, beispielsweise

gung bekommen.

von der kontinuierlichen ambu179

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

180


» Man lernt dabei nicht nur an seinen eigenen Problemen, sondern auch an den Problemen des anderen. Und insofern ist eine gewisse Dynamik da. « Dr. med. Lukas André

181

LEBENLANG


ANZEIGE

GUT ZU WISSEN Am 20. August 2018 startete das Patienten-Schulungsprogramm im Baxter Education Center (BEC) mit seinen ersten zwei Patienten in der schönen Stadt Bad Mergentheim, in der einige Rehazentren ansässig sind. Die Stadt bietet für Patienten ein angenehmes Klima und Möglichkeiten, ihre Zeit auch außerhalb der Schulungseinheiten angenehm zu nutzen.

WIE GEHT ES NACH DEN SCHULUNGEN WEITER? Die Nachsorge für die Patienten ist für Baxter ein besonderes Anliegen. Nach der zehntägigen Schulung kehren die PD-­trainierten­Patienten in ihre Heimatorte zurück, in denen dann die behandelnden Dialysezentren die weitere Versorgung übernehmen. Diese müssen deshalb schon vorab sicherstellen, dass sie die PD-Patienten nach Rückkehr aus dem Baxter Education Center weiterhin gut betreuen können.

Fast ein Jahr lang hat das Team von Baxter auf den Schulungsstart hingearbeitet. Die Schulungen dauern in etwa zehn Tage, die die Patienten in den Räumlich­keiten der Fach­ klinik Schwaben verbringen. Die Patien­ten haben hierbei ihr eigenes Zimmer und damit einen Rückzugs­ort, um nach den Schulungs­ einheiten Ruhe zu finden. Auch die Ehe­ partner oder Familien­angehörigen, die bei den Schulungen ausdrücklich erwünscht sind, bekommen für die Zeit einen eigenen Schlafplatz. So haben die Patienten immer ein Familien­mitglied an ihrer Seite, das sie unterstützt.

Die Patientenschulungen enden dann jeweils mit einem Hausbesuch, bei dem die nephrologische Pflegekraft den ersten Beutelwechsel bzw. Anschluss an den Cycler gemeinsam mit dem Patienten durchführt.

DAS ZIEL DES PROJEKTS: Dialysezentren unterstützen, eigene PD-Strukturen aufbauen und das Schulungs­konzept bei allen Entscheidungs­trägern – Ärzten, Patienten und Krankenkassen – bekannt machen und es so in der nephrologischen Versorgung etablieren.

Das Programm besteht aus verschiedenen anwendungsbezogenen Schulungs­einheiten: Mobilisation Ernährungsmanagement Psychologische Betreuung Fachlicher Dialyse-Teil (PD)

AUSGABE 14

182


Sie haben Fragen zum Baxter Education Center oder möchten weiterführende Informationen erhalten? Dann melden Sie sich gern bei Angelika Firl, BEC Ansprechpartnerin von Baxter. Schreiben Sie eine Mail an: Angelika_Firl@baxter.com

183

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

184


» Die Patienten sind dank der vorhandenen Versorgungsstruktur in unserer Klinik rundum versorgt. Sie müssen sich um nichts kümmern. « Ute Walther

185

LEBENLANG


ANZEIGE

Gemeinsam geht es besser

DIALYSE IST TEAMARBEIT FOTOS | PATRICIA HAAS

AUSGABE 14

186


Der Platz, den das Gerät bei Johannes Meschenmoser zu Hause haben soll, steht schon genau fest: am Fußende sei-

Unterschiedlicher hätten die ersten zwei Patienten des Schulungsprogramms von Baxter nicht sein können: Zwischen Christel Giesemann und Johannes Meschenmoser liegen 53 Lebensjahre. Sie ist 83 und er 30 Jahre alt. Was die beiden dennoch zusammenführt? Ihr Nierenversagen und ihre lebenserhaltende Therapie: die Peritonealdialyse, bei der eine eingeführte Dialysierflüssigkeit in der Bauchhöhle Giftstoffe aus dem Körper spült.

nes Bettes. Er hat sich vor der Schulung bereits viele Gedanken über die Zeit und sein Leben mit Dialyse gemacht. Und er weiß auch, wie es nach der Schulung für ihn weitergehen wird. Vor allem auch, weil er im Leben nicht alleine ist. Johannes kommt aus einer Familie mit starkem Zusammenhalt. Gemeinsam wohnt die ganze Familie in einer großen WG, in der jeder seinen Rückzugsort hat, aber immer einer da ist, wenn man jemanden braucht.

In der Fachklinik Schwaben in Bad Mergentheim haben die Lebenswege der beiden sich nun gekreuzt. Zehn Tage haben sie gemeinsam in der Klinik verbracht, zusammen gelernt, gemeinsam an einem Tisch gegessen und sich ausgetauscht. Und wie haben die beiden das Schulungsprogramm erlebt?

187

LEBENLANG


ANZEIGE

Jahren. Und auch Johannes wusste schon von klein auf, dass er früher oder später Begleitet wird er von seiner jüngeren

auf die Dialyse angewiesen sein würde.

Schwester Verena. Bei den beiden merkt

Seit der Geburt ist er krank. Genau wie

man sofort, dass sie eine tiefe Verbindung

seine zweite Schwester wurde er mit einer

zueinander haben: vertraut und innig, fast

Stoffwechselerkrankung geboren – Zys-

so, als würde der eine sofort wissen, was

tinose – , die seine Organe und Knochen

der andere fühlt.

betrifft und in den Nieren zu schweren Funktionsstörungen führt. Chronische Er-

Johannes und seine 26-jährige Schwes-

krankungen und Dialyse sind also keine

ter haben so gut wie keine Berührungs-

unbekannten Themen für die zwei, denn

ängste in Sachen Dialyse. Die Familie von

sie sind damit ihr Leben lang aufgewach-

Johannes hat eine regelrechte Dialyse-

sen. Johannes und seine Schwester Vere-

geschichte: Die zweite Schwester der bei-

na waren also gut vorbereitet, als sie nach

den dialysiert ebenfalls bereits seit acht

Bad Mergentheim fuhren.

AUSGABE 14

188


Johannes ist das älteste von vier Geschwistern, arbeitet im familieneigenen Sportgeschäft, ist Betreuer einer Fußballmannschaft und spielt Schlagzeug in einer Musikkapelle. Die Dialyse macht er quasi ganz nebenbei. Dass seine Schwester bei der Schulung mit dabei sein kann und mitgeschult wird, findet er klasse: „So kann sie auch mal einspringen, falls etwas sein sollte.”

189

LEBENLANG


ANZEIGE

Bei Frau Giesemann, der zweiten Patien-

Ein gutes Team sind Christel Giesemann

tin und ihrem Mann war das etwas an-

und ihr Mann in jedem Fall auch. Sie sind

ders, denn die beiden waren zu Anfang

seit 55 Jahren verheiratet. Aber die bei-

schon etwas verunsichert. Für sie waren

den verbindet nicht nur ihr halbes Leben,

die Schläuche, die Beutel und die Abläu-

sondern auch ihre Nieren, denn ihr Mann

fe ungewohnt. Doch der Wille war bei

hat ihr vor 13 Jahren eine seiner Nieren

den beiden von Anfang da. Für Frau Gie-

gespendet, als die seiner Frau aufhörten,

semann war schnell klar, sie wird in der

ihren Körper gesund zu halten.

Schulung zwar auf den händischen Beutelwechsel angelernt, aber bald möchte

Schon während der Trainingsphasen und

sie auch auf den Cycler umstellen. Unbe-

bei den Übungen sind die Rollen zwischen

irrt sagt sie: „Wir haben in dieser Sache

Frau Giesemann und ihrem Mann klar ver-

zusammen bist jetzt alles hinbekommen.

teilt: Herr Giesemann weiß genau, wann

Da werden wir die ganzen Kleinigkeiten

sein Einsatz beim Beutelwechsel kommt.

hierbei jetzt auch noch schaffen, da bin

Nämlich dann, wenn der Beutel mit der

ich mir sicher.“

Dialyseflüssigkeit an dem Infusionsständer

AUSGABE 14

190


aufgehängt

werden

muss, damit die Flüssigkeit gleichmäßig durch den Schlauch nach unten in die Bauchhöhle läuft. Bei den Vorgängen und den Abläufen der PD müsse man sich schon sehr konzentrieren, erklärt uns Christel Giesemann, denn all die

alles klappte und der Ablauf der Beutel-

Kleinigkeiten hierbei erfordern Achtsam-

wechsel sich in den Köpfen verankert hat.

keit. Aber jeden Tag haben Frau Giese-

Übung macht den Meister. Und so erklärt

mann und ihr Ehemann die Vorgänge ge-

uns Frau Giesemann entschlossen, dass

meinsam mit Frau Oppenländer-Schmitt

man für diesen Vorgang nicht die Schlaus-

geübt, bei Trainingseinheiten auch mal

te sein müsse: „Man muss es eben nur ka-

über die Schultern von Johannes und sei-

pieren. Und dann schafft man es.“

ner Schwester geschaut, so lange, bis eben

Wo genau sie den Tisch für die Beutel­ wechsel zu Hause platzieren werden, wissen Frau und Herr Giesemann zum Zeitpunkt der Schulung noch nicht genau. Die nephrologische Fachpflegekraft, die nach der Schulung im Zuge der Nachsorge bei den beiden vorbeikommen wird, kann ihnen aber dabei helfen, den richtigen Platz zu finden.

191

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

192


» Wir waren schon immer ein gutes Team. « Christel Giesemann mit ihrem Mann

193

LEBENLANG


ANZEIGE

Aber auch Johannes gibt zu, die erste Woche sei schon schwer gewesen, all die Dinge auf einmal neu zu lernen und zu verstehen. Klar, er wusste bereits von seiner Schwester, wie einige

Dinge

ablaufen,

aber

das Ganze dann selbst an sich durchzuführen, sei noch mal etwas ganz anderes. Aber jetzt, wo alles klappt, hat Johannes ein gutes Gefühl. Auch für seine Schwester war es wichtig, die Abläufe wirklich selbst einmal zu lernen und jeden Schritt bewusst zu machen – davor hätte sie schon Respekt gehabt, aber mit der Hilfe funktioniert es: „Wenn man keine Vorkenntnisse von der Dialyse hat, dann denkt man sich natürlich erst einmal: Was passiert mit mir

Schritt für Schritt geht Viola Oppenländer-Schmitt

und meinem Körper, was kann oder muss

mit Herrn Giesemann den Verfahrensablauf durch,

ich tun? Ich glaube, das Gute bei diesem

bis alles sitzt. Fragen, die dabei aufkommen, können direkt geklärt werden.

Programm ist, dass man dann erst einmal hierherkommt, man sich auf sich selber konzentriert und die Dialyseschwester zur Hand hat, die einem Step by Step alles erklärt. Das ist wirklich hilfreich, damit man

natürlich ein Stressfaktor sein. Aber auf

sich nicht komplett überfordert fühlt. Und

der anderen Seite ist es positiv, weil man

klar ist das nicht immer schön, dass man

sich konzentriert und fokussiert. Und ir-

sich zehn Tage am Stück den ganzen Tag

gendwann merkt man, dass es eigentlich

mit einer Krankheit beschäftigt, das kann

eine ganz einfache Sache ist.“

AUSGABE 14

194


Die beiden ersten Patienten haben das Baxter Schulungsprogramm gut aufgenommen und gehen mit einem sicheren Gefühl nach Hause. Die beiden Patienten wissen, dass sie mit ihrer Dialyse nicht alleine dastehen. Dass eine nahestehende Person aus dem eigenen Umfeld – wie beispielsweise die Schwester oder der eigene Partner – jetzt genauso in die Abläufe der PD Bescheid eingeweiht ist wie sie selbst, stärkt die Patienten. Und wie

voll im Blick. Von hier aus leite sie im Roll-

geht es nach der Schulung nun zu Hause

stuhl ihren Mann an, in welchen Ecken im

weiter? „Ganz normal. Alltag: tagsüber ar-

Garten sich das böse Unkraut versteckt

beiten und Freizeit, abends Dialyse“, sagt

hielte, berichtet Herr Giesemann mit ei-

Johannes. Und für Frau Giesemann und

nem Augenzwinkern. Und genauso wie die

ihren Ehemann? Da geht die Teamarbeit

beiden die Teamarbeit im Garten perfekt

weiter – auch im eigenen Garten. Denn

aufeinander abgestimmt haben, haben

zwar säße Frau Giesemann im Rollstuhl,

sie während der Schulung gelernt, auch

als echter Blumenfan hat sie allerdings

die Dialyse gemeinsam zu meistern.

auch von der Terrasse aus ihren Garten

195

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

196


» Wir wünschen uns einen offenen Austausch zwischen den unterschiedlichen Partnern, damit Patienten eine sichere Versorgung bekommen. « Angelika Firl

197

LEBENLANG


ANZEIGE

IMMER FÜR SIE DA Heimdialyse-Patienten können jederzeit auf Unterstützung setzen FOTOS | BEATRICE GRUNDHEBER

AUSGABE 14

198


Mit der Peritonealdialyse können Patienten die lebensnotwendige Behandlung eigenverantwortlich durchführen und ihr Leben unabhängiger und flexibler gestalten. Wer sich für die Heimdialyse entscheidet, wird dabei nicht alleine gelassen. Ausgebildete Pflegefachkräfte, wie Björn Riemann vom Vivantes Klinikum im Friedrichshain

, sind rund

um die Uhr für die Patienten da, wenn Schwierigkeiten oder Probleme aufkommen. An einem Vormittag durften wir ihn bei einem dieser Hausbesuche begleiten, und so konnten wir erfahren, wie man sich die Peritonealdialyse im Alltag der Patienten wirklich vorstellen kann.

199

LEBENLANG


ANZEIGE

E

inmal im Jahr sollte bei den Patienten ein Hausbesuch seitens der Pfle-

gefachkräfte gemacht werden. Heute ist Björn Riemann zu Besuch bei Herrn Segado, der die APD seit nun schon über drei Jahren zu Hause macht. Nach dem freundlichen Empfang und einem netten Gespräch führt uns Herr Segado Rodriguez in sein Schlafzimmer, in dem der Cycler und die Materialvorräte für die APD aufbewahrt werden. ZusamAUSGABE 14

200


» Das Ziel ist es, die Dosierung der Dialyseflüssigkeit möglichst niedrig zu halten, um das Bauchfell nicht zu überlasten. « men mit der Pflegefachkraft werden die Materialien geprüft. Gemeinsam werden dann die letzten Ergebnisse des PET-Tests besprochen. Der PET-Test findet zum ersten Mal sechs Wochen nach der Implantation des Katheters statt und sollte später mindestens einmal im Jahr durchgeführt werden. Mit dem Test wird der Kreatinin-, Natrium-, Protein- und Harnstoffgehalt im Blut des Patienten sowie die ausgeschiedene Dialyseflüssigkeit des Patienten untersucht, sodass anschließend die richtigen Dialysebeutel für die Behandlung gewählt werden können. Das Ziel ist es, die Dosierung der Dialyseflüssigkeit möglichst niedrig zu halten, um das Bauchfell nicht zu überlasten. Vor dem Auspacken der Materialien und den weiteren Vorbereitungen für die APD sollten alle Fenster und Türen im Raum geschlossen werden, damit kein Hausstaub aufgewirbelt werden kann. Die Hände sollten gründlich desinfiziert und ein Mundschutz angezogen werden. Besondere Problemstellen beim Desinfizie201

LEBENLANG


ANZEIGE

AUSGABE 14

202


APD

PERITONEALDIALYSE Bei der Peritonealdialyse (PD) wird eine Dialysierflüssigkeit über einen eingesetzten Katheter in die Bauchhöhle des Patienten geleitet. Das Bauchfell dient hier als natürliche Filtermembran. Durch das Bauchfell gelangen Wasser und andere Schlackenstoffe aus dem Blut in die Spüllösung, die nach ein paar Stunden abgeleitet und durch eine frische Lösung ersetzt wird. Bei der PD gibt es zwei unterschiedliche Verfahren: die kontinuierliche ambulante Peritonealdialyse (CAPD) und die automatische Peritonealdialyse (APD). Während bei der CAPD der Beutelwechsel mit der Dialysierflüssigkeit vom Patienten mehrmals am Tag von Hand ausgewechselt werden muss, wird bei der APD der Austausch mithilfe des Cyclers automatisch durchgeführt. Da bei der APD der Vorgang automatisiert ist und ohne weitere Hilfe von alleine abläuft, wird die APD von den Patienten hauptsächlich nachts durchgeführt – praktisch, denn schlafen muss jeder und das Gerät stört dabei kaum.

203

LEBENLANG


ANZEIGE

» Viele Patienten möchten bereits während der Schulungen sofort alle Schritte alleine ausprobieren. «

von medizintechnischen Geräten gibt es entsprechende Desinfektionsmittel. Viele Patienten möchten bereits während der Schulungen sofort alle Schritte alleine ausprobieren, um für die selbstständige Heimdialyse vorbereitet zu sein. Anfangs sagen die Patienten immer: „So schwer ist das gar nicht“, erinnert sich Herr Riemann. Auch Herr Segado kam von Anfang an gut mit dem Cycler zurecht. ren sind Daumen, Fingerkuppen und die

Während der Schulung in kleinen Gruppen

Zwischenräume der Finger.

(maximal 3-4) werden den Patienten inner-

Den Heimdialysepatienten wird davon

halb von drei Tagen theoretische Grund-

abgeraten, Haustiere in der Wohnung zu

lagen sowie praxisorientierte Übungen

halten, da diese das Risiko einer Infekti-

seitens der Pflegefachkräfte vermittelt. Im

on erhöhen. Es ist auch darauf zu achten,

Normalfall ist es so, dass die Patienten die

dass das Dialysegerät einmal am Tag des-

Schulungen in den Praxen oder Kliniken ih-

infiziert werden sollte. Für die Reinigung

rer behandelnden Ärzte machen. Am drit-

AUSGABE 14

204


ten Tag werden mögliche Probleme oder häufige Fragen zur APD besprochen, sodass dem Patienten möglichst viele Unsicherheiten bezüglich des Verfahrens genommen werden.

WAS PATIENTEN BEI DER ERNÄH­ RUNG BEACHTEN SOLLTEN Eine gesunde und ausgewogene Ernährung ist für dialysepflichtige Patienten besonders wichtig. Vor allem eiweißreiche Produkte, wie Fisch, Fleisch oder auch Eier sollten öfters auf dem Speiseplan stehen. Dagegen sollten man auf salz-, zucker- und phosphatreiche Nahrungsmittel größtenteils verzichten. Auch in Sachen Ernährung gibt Björn Riemann seinen Patienten gerne hilfreiche Tipps, denn er weiß, worauf es bei der Ernährung und Dialyse ankommt.

205

LEBENLANG


ANZEIGE

DIEGO SEGADO Diego Segado Rodriguez ist 37 Jahre alt und lebt zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in Berlin. Als Chefkoch in mehreren Berliner Lokalitäten, wie dem Fuchs und Elster oder dem Klunkerkranich, machte sich Herr Segado in der Kochszene einen Namen. Insgesamt war er für die Logistik von zwei Restaurants, einem Club und einem Café verantwortlich. Im Sommer 2014 kam es für ihn Schlag auf Schlag. Mit plötzlichem Nierenversagen fand er sich eines Tages auf der Intensivstation wieder. Der Auslöser für die Erkrankung war vermutlich der hohe Stress, dem er tagtäglich in der Restaurantszene ausgesetzt war. Seit über drei Jahren macht Herr Segado nun schon die APD (Automatisierte Peritonealdialyse) und ist mit den Freiheiten, die sich durch diese Dialyseform für ihn ergeben, überaus zufrieden.

» Für mich war das eine Erleichterung. Jetzt kann ich am Tag eigentlich alles machen. «

AUSGABE 14

206


MIT DER APD DREHT SICH AM TAG NICHT MEHR ALLES NUR NOCH UM DIE DIALYSE Nachdem bei Herrn Segado das Nierenversagen erkannt wurde, begann er zunächst für ein paar Wochen mit der klassischen Hämodialyse (Blutwäsche), bis er sich schließlich für die CAPD entschied. Nach einigen Wochen war ihm jedoch die mehrmalige Prozedur mit dem händischen Beutelwechsel lästig geworden,

Die Beutelwechsel sind für ihn seitdem

da sich der Tag nur noch um seine Dia-

passé, sodass er nun wieder tagsüber sei-

lysebehandlung drehte und darum, wann

nem Beruf und seiner Freizeit mehr Zeit

der nächste Beutelwechsel anstand. Zwar

widmen kann. „Für mich war das eine Er-

kam er mit den Beutelwechseln gut klar,

leichterung. Jetzt kann ich am Tag eigent-

aber er wollte sich seinen Alltag als Fa-

lich alles machen“, betont der 37-Jährige.

milienvater wieder individueller eintei-

Mit der APD kann Herr Segado mit etwas

len können. Schließlich entschloss er sich

Organisationsaufwand jederzeit verrei-

also für die APD (Automatisierte Perito-

sen. Die Reise sollte jedoch frühzeitig ge-

nealdialyse), bei der der sogenannte Cyc-

plant werden, sodass Materialien pünkt-

ler über Nacht den Dialysevorgang wäh-

lich vom Hersteller in das entsprechende

rend des Schlafs selbstständig durchführt.

Reiseland geliefert werden können. 207

LEBENLANG


ANZEIGE

» Keine Angst zu fragen. Nur wer fragt, bekommt auch die Antwort. « Am Anfang fragen sich die meisten, wel-

Patient ist wirklich nie alleine, egal ob

che Einschnitte die Erkrankung auf das zu-

Sonn-, Feiertags, nachts ist immer einer

künftige Leben haben wird. Die Tatsache,

da.“ Wenn es Fragen gibt, motiviert Björn

dass man plötzlich komplett aus seinem

Riemann die Patienten, ihre Probleme

alten Leben herausgerissen wird, müs-

offen und ehrlich auszusprechen: „Keine

sen alle Betroffenen zu Beginn erst mal

Angst zu fragen. Nur wer fragt, bekommt

verarbeiten. Hier kommt den Pflegefach-

auch die Antwort.“ Bei akuten Notfällen

kräften eine besondere Rolle zu, denn in

werden die Patienten direkt in die Not-

vielen Fällen sind sie diejenigen, die die

fallstelle des Vivantes Klinikum im Fried-

Patienten auffangen. Wenn erst einmal

richshain gebracht. Auch die anstehende

die Angst bei den Patienten genommen

Bestellung der Dialysematerialien kann

ist, kann man sich anschließend auf die

jederzeit telefonisch mit der Dialysefach-

Trainingsmaßnahmen konzentrieren.

kraft abgesprochen werden.

IM NOTFALL IST IMMER JEMAND FÜR SIE DA

Björn Riemann und Diego Segado sind zusammen ein gutes Team. Dank der Arbeit von Björn Riemann fühlt sich Herr Segdo

Bei Problemen oder Komplikationen ist

sicher im Umgang mit der PD und er weiß,

die Pflegefachkraft für die Patienten je-

bei Fragen oder Notfällen ist immer je-

derzeit telefonisch zu erreichen. „Der

mand an seiner Seite.

AUSGABE 14

208


BJÖRN RIEMANN Björn Riemann lebt seit nun mehr als 18 Jahren in Berlin und ist seit 1999 ausgebildeter Krankenpfleger. Die Nierenerkrankung der eigenen Mutter brachte ihn auf die Idee, an einem Dialyseweiterbildungskurs teilzunehmen. Seit einem Jahr ist der 39-Jährige nun selbst als Dialysefachkraft im Vivantes Klinikum im Friedrichshain in Berlin tätig. Zusammen mit seiner Kollegin Anja kümmert er sich um das Wohlbefinden von Patienten der Peritonealdialyse und führt Schulungsmaßnahmen mit den Patienten durch. Die Arbeit am Patienten, das Schulen und die Hausbesuche machen Björn am meisten Spaß, denn dadurch bleibt die Arbeit sehr abwechslungsreich.

209

LEBENLANG


„SCHMECKT’S?“

SWEET DREAMS

AUSGABE 14

TEXT | SOPHIA SCHILLIK

Wie unser Geschmack geprägt wird und warum er sich im Laufe des Lebens verändert 210


SÜSSES LEBEN

E

» Warum mögen wir heute Dinge, die wir gestern noch verschmäht haben? «

s ist Donnerstag, ein Abend im Spätsommer, ich habe Familie und

Freunde bei mir zuhause auf dem Balkon sitzen. Wir sind eine große, bunte Runde, ein Querschnitt durch verschiedene Kulturkreise und Generationen. Vor uns stehen eisgekühlte Gläser randvoll mit Campari Soda, Frank möchte lieber Bier, die

auch beim Käse ist man sich nicht einig.

Kinder trinken Limo, dazu gibt es ein paar

Über Geschmack lässt sich nicht streiten,

Snacks in kleinen Schälchen: Schwarze

klar, aber woran liegt es, dass das so ist und

Oliven, süß-sauer eingelegte Paprika-

dass er sich im Laufe des Lebens doch oft

schoten, gebackene Rote Bete mit Zie-

wandelt? Warum mögen wir heute Dinge,

genfrischkäse, Erdnüsse mit Chili, Brot

die wir gestern noch verschmäht haben?

mit Korianderpesto, Anchovis und ein

Und was ist das überhaupt, Geschmack?

paar ziemlich intensiv riechende Käsestücke, die ich aus dem Frankreichurlaub

Evolution und Gewöhnung

mitgebracht habe. Alle greifen zu. Zu un-

Tatsächlich sind grundlegende Affinitä-

terschiedlichen Schälchen. Denn der eine

ten ebenso wie gewisse Aversionen ange-

isst dies nicht, der andere jenes, die Kin-

boren. Wir haben evolutionsbedingt eine

der mögen weder Oliven noch Anchovis

Vorliebe für Süßes und Salziges, beides

und wollen lieber Süßigkeiten, meinem

ist – wie auch Fett – ein Indikator für eine

Opa dagegen kann es nicht bitter und

hohe Energiedichte bzw. einen hohen

sauer genug sein, meine Nachbarin liebt

Mineralstoffgehalt. Bei bitteren Lebens-

es scharf und kräftig, Koriander und Rote

mitteln hingegen meldet unser Gehirn

Bete spalten die Runde in zwei Lager und

Gefahr. Saures könnte ein Hinweis auf 211

LEBENLANG


SWEET DREAMS

» Der Grundstein für unser Geschmacksempfinden wird aber bereits viel früher gelegt. «

Verdorbenes sein. Erst im Laufe unserer persönlichen Weiterentwicklung lernen wir, diese Geschmacksqualitäten einzuordnen und gezielt bei der Zubereitung

Abenteuer Geschmack beginnt also be-

von Lebensmitteln und Kreation von Ge-

reits im Mutterleib, schon dort wird unser

richten einzusetzen.

Geschmacksempfinden geprägt.

Bier und Kaffee sind gute Beispiele für

ersten Probeläufe werden noch als Mi-

Kulturelles Geschmacks­ empfinden und Reise durch die verschiedenen (Ess-)Kulturen

schgetränk – also Bier mit Limo oder Cola,

Wie wir bestimmte Geschmacksrichtun-

Kaffee mit reichlich Milch und Zucker –

gen empfinden und wie sich unser Ge-

absolviert. Der Ernährungssoziologe Da-

schmack im Laufe des Lebens ändert, ist

niel Kofahl vom Büro für Agrarpolitik und

aber auch ein sehr individueller Prozess

Ernährungskultur

nennt dies eine „ri-

und an viele Faktoren geknüpft. Erwar-

tualisierte Heranführung an besondere

tungen beeinflussen unsere Perzeption,

Geschmäcker.“ Erfahrungswerte spielen

Emotionen, Erinnerungen, Motivationen

eine große Rolle, wir stellen uns sukzes-

spielen mit eine Rolle, wie wir Essen wahr-

sive auf den Geschmack ein, mit dem wir

nehmen und beurteilen. Auch kulturelle

häufig konfrontiert sind. Der Grundstein

Effekte sind maßgeblich daran beteiligt.

für unser Geschmacksempfinden wird

Wirklich allgemeingültige Aussagen las-

aber bereits viel früher gelegt. Tatsäch-

sen sich daher kaum treffen, meint Dr.

lich zeigen Studien, dass die Ernährungs-

Gisela Olias vom Leibniz-Institut für Le-

gewohnheiten werdender Mütter Einfluss

bensmittel-Systembiologie an der Tech-

auf die Vorlieben der Kinder haben. Das

nischen Universität München

diesen Gewöhnungseffekt: Erst mit der Zeit schmecken sie uns in Reinform, die

AUSGABE 14

212

.


SÜSSES LEBEN

Auch Daniel Kofahl betont, wie sehr die soziale und kulturelle Mitwelt den individuellen Geschmack und dessen Entwicklung im Laufe des Lebens prägt. Was wir mögen und wie sich unser Geschmack im Laufe der Zeit entwickelt, ist definitiv auch sehr stark von unserem Kulturkreis

» Das Abnehmen unserer Geschmacksleistung mit fortschreitendem Alter. «

abhängig. Das Aufwachsen in einer pluralistischen, multikulturellen Gesellschaft und der Kontakt mit einer heterogenen Geschmackslandschaft, wie sie im urbanen Raum immer mehr kultiviert wird, lässt uns mutiger werden und schult unsere Sinne, fördert die Akzeptanz von Fremdem und pusht die Lust auf Neues – wenn wir offen für eine solche Geschmacksreise sind.

Abnehmen der Geschmacksleis­ tung – ein natürlicher Prozess Etwas allerdings können wir wohl auch mit Appetit und Neugierde kaum aufhalten: Das Abnehmen unserer Geschmacksleistung mit fortschreitendem Alter. Warum dies der Fall ist, ist aber noch nicht hinreichend erforscht. Fest steht nur, dass 213

LEBENLANG


SWEET DREAMS

» Übersetzt heißt das: Wir brauchen deutlich mehr Würze in unserem Essen. «

es nach und nach, unterschiedlich stark ausgeprägt, zu Veränderungen in der Wahrnehmung von Geruch (smell) und Geschmack (taste) kommt, die in einem komplexen

Gehirn-Geschmacks-System

(unique human brain flavor system) miteinander zusammenhängen.

Was vor allem abnimmt, ist weniger die Sensitivität, sondern die Intensität, mit der

„Die molekulare Grundlage, warum das so

wir eine Geschmacksqualität wahrneh-

ist, ist aber noch nicht klar.“, sagt Dr. Maik

men. Wir benötigen höhere Konzentratio-

Behrens. Der Molekularbiologe ist Leiter

nen, um eine gleich intensive Empfindung

der Arbeitsgruppe „Taste Systems Recep-

zu haben. Während der Süßgeschmack

tion & Biosignals“ am Leibniz-Institut für

anscheinend relativ lange unberührt

Lebensmittel-Systembiologie. Seit 2000

bleibt, gehen einige Forscher davon aus,

erforscht er die mokelularen Grundlagen

dass zum Beispiel die Salzwahrnehmung

der Geschmackswahrnehmung. Eine noch

sich verändert. Dies könnte aber auch in

recht junge Disziplin: Von allen Sinnesre-

Korrelation mit den Nebenwirkungen von

zeptoren sind die Geschmacksrezeptoren

Bluthochdruck- und anderen Medikamen-

jene, die man zuletzt entdeckt und ins

ten stehen. Auch die geringere Anzahl

Licht der Wissenschaft gerückt hat. Uneins

an Geschmacksrezeptorzellen, die sich

ist sich die Forschung, ob die Veränderung

im höheren Alter weniger schnell rege-

der Perzeption für alle Geschmacksquali-

nerieren als in jungen Jahren, wäre eine

täten – also süß, sauer, salzig, bitter und

Möglichkeit, warum ältere Leute weniger

umami – gleichermaßen gilt.

schmecken.

AUSGABE 14

214


SÜSSES LEBEN

» Das kulturelle Geschmacksempfinden im höheren Alter wurde viel zu lange vernachlässigt. «

Über die Autorin

SOPHIA SCHILLIK Sophia Schillik (SSCH) schreibt seit ­vielen Jahren als Journalistin und Foodexpertin über Genussthemen, entwickelt, ­ realisiert und fotografiert Rezepte und bereist privat und beruflich die Welt. Ihre Liebe zu Artischocken geht so weit, dass sie sich die köstliche Distel auf ihren linken Arm tätowieren ließ.

Um einen Geschmack wahrnehmen und unterscheiden zu können, ist im Alter ein höherer Schwellenwert notwendig. Übersetzt heißt das: Wir brauchen deutlich mehr Würze in unserem Essen. Vielleicht lässt sich unser Geschmacksgedächtnis aber so trainieren, dass wir auch im Alter noch mit geschärften Sinnen genießen. „Das kulturelle Geschmacksempfinden im höheren Alter wurde viel zu lange vernachlässigt„, so Daniel Kofahl. „Dabei können auch Senioren ihr Geschmacksempfinden besser erhalten, wenn es mit anderen Menschen zusammen trainiert und gezielt in zwischenmenschlicher Kommunikation thematisiert wird." 215

LEBENLANG


ANZEIGE

Sich gesund essen

WAS BEI DER ERNÄH­ RUNG ZÄHLT Eine ausgewogene Ernährung trägt dazu bei, dass sich Menschen gesund und fit fühlen – das ist allgemein bekannt. Aber worauf genau kommt es bei der Ernährung wirklich an? Und was ist speziell beim Ernährungsplan bei Menschen mit Diabetes zu beachten?

AUSGABE 14

216


217

LEBENLANG


ANZEIGE

INFO

N

Testen Sie jetzt ihr Diabetesrisiko

eben dem Alter und dem Geschlecht spielen in der Entstehung

Heute lässt sich das Risiko an Diabe-

von Diabetes auch das Körpergewicht und

tes-Tpy-2 zu erkranken dank spezieller

die körperliche Fitness eine Rolle. Durch

Risikofragebögen gut abschätzen. Die

eine über den Bedarf erhöhte Energie-

Deutsche Diabetes Stiftung

aufnahme kann es über lange Zeit gese-

hierfür den Findrisk-Fragebogen entwi-

hen zu einer Gewichtszunahme kommen,

ckelt, den Sie ganz leicht online ausfül-

da der Körper die zusätzliche Energie in

len können und bei dem Sie direkt Er-

Form von Fett speichert. Eine Kombina-

gebnisse bekommen.

tion aus mehr Bewegung und geringerer

Zum Test

hat

Energiezufuhr ist dann am effektivsten, um wieder ein gesundes Körpergewicht zu erreichen. krankungen von Diabetes minimieren. Wenn man Diabetes gut beherrschen will

Statt als Bürde sollte man dies eher als

und gefährliche Komplikationen vermei-

Chance sehen, da mit einer gesunden Er-

den möchte, spielt die Patienten-Compli-

nährung bei Diabetes schon viel erreicht

ance eine entscheidende Rolle. Das Befol-

werden kann. Und wichtig hierbei: Für

gen von Therapieplänen inklusive einer

beide Diabetestypen ist eine ausgewoge-

gesunden und ausgewogenen Ernährung

ne Ernährung zentraler Bestandteil der

können die Auswirkungen und Folgeer-

Behandlung.

AUSGABE 14

218


Die wichtigsten Ernährungs­b austeine » Für beide Diabetestypen ist eine ausgewogene Ernährung zentraler Bestandteil der Behandlung. «

Die bösen Kohlenhydrate? Stimmt so nicht ganz Es gibt einfache Kohlenhydrate wie Zucker, und komplexe Kohlenhydrate wie zum Beispiel Stärke. Einfache Kohlenhydrate bestehen aus wenigen Zuckerbausteinen, schmecken meist süß und ge-

Regel von beiden Diabetestypen gut ver-

langen aus unserem Darm sehr schnell

tragen. Was hierbei aber entscheidend ist,

ins Blut. Deshalb erhöhen einfache Koh-

ist die Menge. In kleinen Mengen (prisen-

lenhydrate den Blutzuckerspiegel gefähr-

weise) ist gegen Haushaltszucker nichts

lich schnell.

einzuwenden.

In geringen Mengen – am besten „ver-

Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und Ge-

packt“ in ballaststoffreichen Mahlzei-

müse enthalten hingegen komplexe Koh-

ten – können Einfach- beziehungsweise

lenhydrate, die einen besseren Einfluss

Zweifachzucker auch Bestandteil einer

auf den Blutzuckerspiegel haben. Diese

diabetesgeeigneten Ernährung sein. Ein-

Lebensmittel enthalten sogenannte Mehr-

fach- bzw. Zweifachzucker werden in der

fachzucker, die vom Körper zunächst zerlegt werden müssen, bevor sie ins Blut gelangen. Sie sind auch reich an Ballaststoffen, die die Aufnahme von Zucker ins Blut verlangsamen. Ballaststoffe sind in vielen

pflanzlichen

Produkten ten

und

ebenfalls

enthalgehören zu

den

Kohlenhydraten. Ge219

LEBENLANG


ANZEIGE

treidekorn (also alle Vollkornprodukte),

mit Ballaststoffen garantiert – und auch

Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte liefern

mit Vitaminen, Mineralstoffen und sekun-

viele Ballaststoffe. Zwar kann der Körper

dären Pflanzenstoffen. Denn die werden

Ballaststoffe kaum verwerten, dennoch

so gleich mitgeliefert.

sind sie sehr wertvoll für die Gesundheit, denn sie können die Aufnahme anderer

Eiweiß, Eiweiß, Eiweiß!

Kohlenhydrate verzögern. Somit steigt

Nehmen wir Eiweiße mit der Nahrung zu

der Blutzuckerspiegel unter dem Einfluss

uns, werden sie zunächst in Magen und

von Ballaststoffen geringer und langsa-

Darm in ihre Bestandteile, die Aminosäuren,

mer an. Unerwünschte Blutzuckerspitzen

zerlegt. Über das Blut gelangen die Amino-

bleiben demnach aus.

säuren dorthin, wo sie gebraucht werden. Eiweiße, oder auch Proteine genannt, sind

Um von der Wirkung der Ballaststoffe zu

zum Beispiel besonders wichtig für den

profitieren, sollten am Tag 30 g aufge-

Aufbau und Erhalt von Muskelfasern oder

nommen werden. Durch den täglichen

Organen. Aber auch wichtige Enzyme und

Verzehr von Vollkornprodukten, Gemüse

Hormone wie beispielsweise Insulin beste-

und Obst ist die ausreichende Versorgung

hen aus den wichtigen Aminosäuren.

AUSGABE 14

220


» Hier ist Vorsicht geboten, denn gesättigte Fette wirken sich ungünstig auf den Cholesterinspiegel und die Blutgefäße aus. «

braucht, um beispielsweise Hormone oder Zellwände aufzubauen. Allerdings ist Fett mit 9 kcal pro Gramm das Schwergewicht unter den Nährstoffen. Zu viel Fett kann deshalb auf Dauer auch zu Übergewicht führen. Etwa 60 bis 80 g Fett pro Tag sind in der Regel ausreichend. Von den sogenannten gesättigten Fetten wie in fettem

Milch, Fleisch, Fisch und Eier sind die wich-

Fleisch, Käse, Butter, Sahne oder Süßig-

tigsten Eiweißquellen. Aber auch pflanz-

keiten essen wir mehr als genug. Hier ist

liche Lebensmittel wie Getreide, Kartof-

Vorsicht geboten, denn gesättigte Fette

feln und Hülsenfrüchte enthalten Eiweiß.

wirken sich ungünstig auf den Cholesterin-

Durch die Kombination von tierischen

spiegel und die Blutgefäße aus.

und pflanzlichen Eiweißquellen wird das Eiweiß besser im Körper verwertet – zum

Ungesättigte Fettsäuren hingegen schüt-

Beispiel Eiweißkombinationen wie Müsli

zen Blutgefäße und Herz, da sie im Ge-

mit Joghurt oder Milch, Vollkornbrötchen

gensatz zu den gesättigten Fettsäuren

mit Käse und Kartoffeln mit Quark oder Ei.

den Cholesterinspiegel senken können. Zu den mehrfach ungesättigten Fettsäu-

Ganz ohne Fette geht es nicht

ren gehören Omega-6-Fettsäuren, die vor

Fett ist lebenswichtig, denn es enthält

allem in Sonnenblumen-, Maiskeim- und

wertvolle Fettsäuren, die unser Körper

Distelöl vorkommen, sowie die Ome221

LEBENLANG


ANZEIGE

ga-3-Fettsäuren in Raps-, Leinsamen-,

kann es nach dem Essen zu Blutzucker-

Soja- und Walnussöl, aber auch in fetten

spitzen kommen. Es ist aber wünschens-

Seefischen wie Hering, Makrele und Lachs.

wert, den Blutzuckerspiegel so konstant wie möglich zu halten. Hierbei können

Ein ausgewogenes Verhältnis der unge-

mehrere über den Tag verteilte Zwi-

sättigten Fettsäuren ist wichtig für die Ba-

schenmahlzeiten hilfreich sein. Sie kön-

lance des Blutfettspiegels und für einen

nen dazu beitragen, Unter- und Überzu-

guten Schutz des Herz-Kreislauf-Systems.

ckerung vorzubeugen.

Ernährungsexperten empfehlen zwei Esslöffel hochwertiges Pflanzenöl pro Tag und zwei Fischmahlzeiten in der Woche.

Die Ernährung

Regelmäßige Mahlzeiten Regelmäßig essen und trinken ist wichtig,

Eine ausgewogene, abwechslungsreiche

damit wir fit und leistungsfähig bleiben.

und fettbewusste Ernährung mit vielen

Eine vorgeschriebene Mahlzeitenanzahl

Ballaststoffen ist für jeden empfehlens-

ist nicht notwendig. Je nach Therapie und

wert – vor allem auch, um Gewicht zu re-

Absprache mit dem Arzt kann es sinnvoll

duzieren und den Blutzuckerspiegel un-

sein, drei bis fünf Mahlzeiten zu sich zu

ter Kontrolle zu haben.

nehmen. Entscheidend ist, dass die Blutzuckerwerte unter Kontrolle bleiben.

Gemüse und Obst

Bei nur drei großen Mahlzeiten am Tag

Gemüse und Obst bilden dabei die Grundlage. Die leckeren Früchte der Natur sollten täglich verzehrt werden, und zwar jeden Tag möglichst fünf Portionen: dreimal Gemüse und zweimal Obst. Obst und Gemüse enthalten viele gesundheitsfördernde Stoffe. Zudem haben Gemüse und Salat sehr wenige Kalorien.

Getreideprodukte Auch Vollkornbrot, Vollkornnudeln, Naturreis und Hülsenfrüchte gehören zur Basisernährung. Sie AUSGABE 14

222


TIPPS FÜR SIE Viele nützliche Informationen und anschauliche Materialien rund um Ernährung finden Sie im Nestlé Ernährungsstudio

. Sie möchten sich

noch weiter über Diabetes und Ernährung informieren? Auch dazu finden Sie im Nestlé Ernährungsstudio wichtige Informationen, praktische Tipps und leckere Rezepte, zum Beispiel in der kostenlosen Broschüre „Diabetes mellitus – Ausgewogen Essen und Trinken mit der ganzen Familie“.

ERNÄHRUNG & WISSEN

Diabetes mellitus KEN AUSGEWOGEN ESSEN UND TRIN ILIE FAM ZEN GAN DER MIT

N– DIABETES MELLITUS VERSTEHE EIT GRUNDLAGEN ZUR ZUCKERKRANKH

Prof. Dr. Hans Hauner – Ernährungsmediziner

G– EINE AUSGEWOGENE ERNÄHRUN WOHLBEFINDEN DIE BASIS FÜR GESUNDHEIT UND

REZEPTE – VON HERZHAFT BIS SÜSS

Diese und viele weitere Broschüren können Sie hier herunterladen

» Diese Broschüre liefert Ihnen praxisnah und mit vielen Beispielen das notwendige Rüstzeug, um die Erkrankung Diabetes zu vermeiden bzw. zu bewältigen. Die Lektüre soll Sie in die Lage versetzen, „Experte/ Expertin n in eigener Sache” zu werden, damit Sie den Diabetes gut beherrschen und den gefährlichen Komplika­tionen vorbeugen können. « 223

LEBENLANG


ANZEIGE

sind reich an komplexen Kohlenhydraten

Fleisch, Fisch, Wurst und Eier

und enthalten wie auch Obst und Gemüse

Fisch, Fleisch, Wurst, Geflügel und Eier

viele Ballaststoffe. Außerdem machen sie

sind tierische Lebensmittel, die reich an

gut satt.

wertvollem Eiweiß, Eisen und anderen wichtigen Nährstoffen sind. Sie können

Milch und Milchprodukte

aber auch viel Fett, Cholesterin und Puri-

Auf den täglichen Speiseplan gehören

ne enthalten. Aus diesem Grund

natürlich auch Milch, Milchprodukte und

sollten diese Produkte nicht täg-

Käse, circa zwei bis drei Portionen am

lich verzehrt werden. Auch hier

Tag. Sie liefern uns vor allem hochwer-

gilt es, die fettärmere Variante

tiges Eiweiß und viel Calcium. 1/4 Liter

zu bevorzugen, beispielsweise

Milch oder 250 g Joghurt und zwei bis drei

Geflügel oder Filet. Als Alterna-

Scheiben Käse liefern bereits die empfoh-

tive zum Fleisch ist der Seefisch

lene Tageszufuhr an Calcium. Bei diesen

besonders zu empfehlen. In ihm

Lebensmitteln sollten bevorzugt die fett-

stecken Jod, wichtig für eine gut

ärmeren Varianten gewählt werden.

funktionierende Schilddrüse sowie Omega-3-Fettsäuren, die gut für die Herzgesundheit sind.

GUT ZU WISSEN

Fette und Öle Öle und Fette sind lebensnotwendig und wichtige Aroma- und Ge-

Nach aktuellem wissen­schaftli­­

schmacksträger. Allerdings kann zu viel

chem

benötigen

davon auch schaden. Ein sparsamer Ein-

Menschen mit Diabetes keine spe-

satz von Ölen und Fetten ist daher ge-

ziellen

Lebensmit-

fragt. Hochwertige Pflanzenöle wie zum

tel. Inzwischen gelten für sie die

Beispiel Raps-, Oliven-, Soja- oder Wal-

gleichen Empfehlungen für eine

nussöl enthalten wertvolle ungesättigte

abwechslungs­ reiche und ausge-

Fettsäuren und dienen so zum Schutz von

wogene Ernährung wie für Men-

Blutgefäßen und Herz.

Kenntnis­­stand diätetischen

schen ohne Diabetes. Das wurde bereits 2010 auch vom Gesetzgeber

Süßes und Knabbereien

in der neuen Diätverordnung

Experten raten, nicht mehr als zehn Pro-

verankert.

zent der täglichen Gesamtenergiezufuhr über Zucker wie Haushaltszucker oder gezuckerte Lebensmittel zu sich zu nehmen.

AUSGABE 14

224


Bei guten Blutzuckerwerten können also bis zu 50 g Zucker pro Tag verzehrt werden. Zuckerhaltige Getränke, wie zum Beispiel Limonaden oder Fruchtsäfte, sind eher ungünstig und sollten nicht regelmäßig und generell verdünnt mit Wasser oder Mi-

hat mehr Kalorien, als man denkt. Er kann zudem den Blutzuckerspiegel senken, sodass es zu einer Unterzuckerung kommen kann. ­Denn durch den Alkoholabbau kann die Leber keinen Reservezu­ neralwasser getrunken werden, z. B. im

cker bereitstellen und somit einen nied-

Mischverhältnis ein Teil Saft zu drei Teilen

rigen Blutzuckerspiegel nicht abfangen.

Wasser. Pur können sie bei drohender Hy-

Aus diesem Grund empfiehlt es sich, al-

poglykämie (Unterzuckerung) getrunken

koholische Getränke möglichst zu einer

werden.

Mahlzeit zu verzehren. Bei Diabetes mellitus sollte der Verzehr von Alkohol im

Getränke

Vorfeld mit dem Arzt abgeklärt werden,

Zusätzlich zu den genannten Lebens-

um mögliche Risiken zu vermeiden.

mitteln ist auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu achten. Die Deutsche

Diese einfachen Regeln (Abbildung oben),

Diabetes Gesellschaft empfiehlt min-

kombiniert mit Verantwortungsbewusst-

destens eineinhalb bis zwei Liter am

sein und der Integration von Bewegung

Tag zu trinken: Ideal sind Mineralwäs-

im Alltag, können zum Erhalt der Leis-

ser und ungesüßte Tees. Weiterhin ist

tungsfähigkeit und Fitness beitragen.

bei Alkohol Vorsicht geboten, denn der 225

LEBENLANG


SWEET DREAMS

DAS SÜSSE GIFT ZUCKER? Es schmeckt so gut

Wer kennt das nicht? Ein leckeres Stück Torte zum Kaffee, ein Schokoladenriegel zwischendurch. Gerne lassen wir uns verführen von Aufschriften, die weniger gesundheitsschädlichen Zucker versprechen. Viele Hersteller von Fertigprodukten werben damit, ausschließlich mit Fruchtzucker zu süßen. Wir als Verbraucher glauben irrtümlicherweise, mit diesen Produkten auch etwas Gutes für unsere Gesundheit zu tun. AUSGABE 14

226

Foto: Jovana Rikalo | stocksy.com

TEXT | CONNY BRACKMANN


SÜSSES LEBEN

227

LEBENLANG


SWEET DREAMS

Wie viel Zucker braucht der Körper wirklich?

Glukose genannt. Würden wir darauf verzichten, könnten wir nicht überleben.

Der Körper benötigt täglich eine Menge Treibstoff. Laufen, denken, sprechen – unsere Zellen

Allein das Gehirn verbrennt am Tag rund 140

brauchen hierfür Kraft und Energie, die wir haupt-

Gramm Glukose. Das entspricht etwa 14 Esslöf-

sächlich aus Zucker gewinnen. Genau genommen

feln Zucker. Unser Organismus ist durchaus in der

handelt es sich hierbei um Traubenzucker, auch

Lage, diesen Brennstoff aus der Nahrung selbst herzustellen. Die Kohlenhydrate, die wir täglich durch Lebensmittel wie Brot und Nudeln zu uns nehmen, reichen unserem Körper bereits für die eigene Zuckerproduktion völlig aus.

Was bewirkt der Zucker in unserem Organismus? Zucker macht krank – darüber sind sich Wissenschaftler einig. Wenn wir allzu oft dem süßen Genuss verfallen, schaden wir unserem Körper. Die Folgen können Diabetes, Fettleber, Bluthochdruck und auch Adipositas (Fettleibigkeit) sein. Im Handel finden wir zwar zahlreiche Zuckerersatzstoffe, aber sind diese wirklich besser?

Anhand von Fruchtzucker und Traubenzucker möchte ich erklären, welche gesundheitsschädli-

Der Fruchtzucker wird beispielsweise gerne als gesunde Alternative angepriesen. Stimmt das wirklich? Fruchtzucker wird über den Darm verdaut, macht uns weniger satt und bringt dadurch die Gefahr mit sich, dass das Sättigungsgefühl länger auf sich warten lässt. Aber damit nicht genug:

AUSGABE 14

228

Foto: Tatjana Zlatkovic | stocksy.com

chen Auswirkungen Zucker mit sich bringen kann:


SÜSSES LEBEN

Fruchtzucker fördert die innerlichen und äußerlichen Fettpolster.

Fettablagerun-

gen in der Leber können sich bilden und verschiedenen Erkrankungen wie Diabetes,

Bluthochdruck und Adipositas einen idealen Nähr-

boden bieten.

Die Werbung verspricht mehr Energie für den

GUT ZU WISSEN

Alltag und bessere Leistungen

beim

Sport,

wenn wir regelmäßig Traubenzucker zu uns nehmen. Was uns allerdings nicht

Vermeintlich zuckerfrei

verraten wird: Damit unser Körper den Traubenzucker verwerten kann, benötigt

Foto: Rubleva Elena | istick.com

er das Hormon Insulin, das in der Bauchspeicheldrüse gebildet wird. Das Insulin

„Zuckerfrei“ bedeutet lediglich

hilft dabei, den Blutzuckerspiegel nach

„ohne

den Mahlzeiten wieder auszugleichen.

Saccharose. Lebensmittel können

Nehmen wir zu viel Traubenzucker zu

daher immer noch Fruchtzucker,

uns, kommt der Insulin-Haushalt aus dem

Traubenzucker, Glukosesirup, In-

Ruder.

vertzucker, Malzzucker, Malzsi-

Haushaltszucker“,

also

rup, Maltodextrin, Milchzucker

Zuckerfrei macht gesund und fit: die Zuckerfrei-Challenge hilft dabei

oder Honig enthalten! Achten Sie beim Einkauf daher gut auf die Zutatenliste der Lebensmittel.

Wir möchten gerne bis ins hohe Alter gesund und fit bleiben. Wir treiben Sport und 229

LEBENLANG


SWEET DREAMS

TIPPS ww

Zuckerfreie Tage für Einsteiger

Die Zuckerfrei-Challenge über 40 Tage

•D  ie Mahlzeiten am besten immer

hilft dabei, dem Zucker Lebewohl zu

selbst frisch und ausgewogen zu-

sagen. Genießen anstatt entbehren:

bereiten. Planen Sie außerdem

Probieren Sie leckere Rezepte für das

Ihre Mahlzeiten im Voraus.

Power-Frühstück am Morgen, das ge•D  ie

sunde Mittagessen und ein ausgewo-

geliebte

Limonade

durch

Mineralwasser ersetzen.

genes Abendessen. Bereiten Sie am besten selbst alles zu und gern auch im

•N  aschen ist erlaubt, aber bitte in

Voraus, so haben Sie immer etwas Ge-

Maßen.

sundes im Haus und müssen nicht zu schnellen, zuckerhaltigen Alternativen

•F  ühren Sie Tagebuch über Ihre

greifen.

Mahlzeiten. So bekommen Sie Wer zunächst auf eine zuckerreduzier-

ein

besseres

te Ernährung achten möchte, dem wer-

Ess­verhalten.

Gefühl

für

den diese wertvollen Tipps im Alltag helfen: •B  eim Kauf von Fertigprodukten auf die Mengenangabe von Zucker

Mit unserem Wochenplan und unserer Einkaufsliste behalten Sie Ihren nächsten Einkauf genau im Blick. Zum Download hier

oder Zuckerersatzstoffen achten. Vorsicht: Zucker versteckt sich ungeahnt auch in den scheinbar gesunden Produkten.

AUSGABE 14

230

Ihr


SÜSSES LEBEN

Aber achten wir bewusst auf die Menge

Die 40-Tage-zuckerfreiChallenge

Zucker, die wir täglich zu uns nehmen?

Natürlich geht das alles nicht von heu-

Lesen wir bei fertigen Produkten die Men-

te auf morgen und eine Zuckerfrei-

genangaben auf den Verpackungen?

Challenge muss in den Tagesplan passen.

legen Wert auf eine gesunde Ernährung.

Man beginnt an einem Tag, den man beEine Zuckerfrei-Challenge kann dabei

wusst bestimmt. Am sinnvollsten ist eine

helfen, den inneren Schweinehund zu be-

40-Tage-­Zuckerfrei-Challenge.

siegen. Mit der richtigen Anleitung und tollen Rezepten gelingt es durchaus, dies in den Alltag zu integrieren.

Der Gesundheit zuliebe Erfahrungsberichte haben gezeigt, dass sich eine zuckerfreie Zeit lohnt: Die Konzentrationsfähigkeit wird verbessert, die

Über die Autorin

Haut wird reiner, wir schlafen besser.

CONNY BRACKMANN

Auch die Verdauung stellt sich um und wir haben im Alltag mehr Energie. Außerdem können wir uns über das eine oder ande-

Mein Name ist Conny Brackmann.

re Kilo freuen, das unsere Waage weniger

Mit meiner text-liebe habe ich meine

anzeigt.

größte Leidenschaft zum Beruf gemacht: Ich gestalte Websites mit WordPress und erstelle Content für

Selbst die Blutwerte und auch der Cho-

Webseiten, Magazine und vieles mehr.

lesterinspiegel werden sich zum Positi-

Außerdem bin ich Bloggerin und Au-

ven verändern. Der Geschmackssinn ver-

torin und schreibe auf dem Blog neue-

bessert sich, überzuckerte Lebensmittel

lebenslust – ein Blog für Frauen ab

werden uns nicht mehr schmecken. Der

40, die bunt denken, aber auch die

Körper wird automatisch gesündere und

Grautöne des Lebens kennen.

zuckerfreie Produkte verlangen.

https://text-liebe.de/

231

LEBENLANG


› › ›

JUTELAUNE SCHUHE Besonders bequem und machen daher gute Laune!

SWEET DREAMS

RATGEBER Den Pflegealltag versüßen BETTBEZUG Sausage Dog

Sweet Suprise SESSEL Überraschend kuschelig AUSGABE 14

Kleine Überraschungen versüßen den Alltag. Ob für Bekannte, Verwandte oder sich selbst, „Sweet Surprises“ hat jeder gern. Wir haben deshalb für Sie eine kleine Auswahl an „süßen“ Überraschungen zusammengestellt, die Freude bereiten. 232


SÜSSES LEBEN

MANDEL ROSEN SCHOKOLADE Süße Geschmacks­ überraschung

BACKBUCH Zimt, Zucker und Liebe

GESCHIRR Süßes und Herzhaftes servieren

GESCHENKESET Sweet Latte Macchiato

KONFETTI Ökologisch und mit Blumensamen 233

LEBENLANG


IMPRESSUM

› › › EMAIL

mail@lebenlang.de

TWITTER

twitter.com/lebenlang_mag

FACEBOOK

facebook.com/lebenlang.magazin

INSTAGRAM

instagram.com/lebenlang_mag

CHEFREDAKTION

Nadine Steinmetz

CONTENT MANAGERIN

Lydia Brandes

ART DIRECTION & DESIGN TEXT

Helana Melikov Conny Brackmann, Manuela Bierdermann-Hefner, Alena Hecker, Helmut Laschet, Dominik Maaßen ,Carolin Makus, Martin Pieck, Jennifer Reich, Sophia Schillik, Marion Sendker

FOTO 

Beatrice Grundheber, Patricia Haas, David Nassim, Lena Reiner

LAYOUT ILLUSTRATION

Helana Melikov, Mia Grote Mia Grote, Helana Melikov, Mathilde Schliebe, Karolina Zolubak

LEKTORAT

Bernd Gössel, Eva Hasel, Anja Töller

Lebenlang erscheint vierteljährlich in der Carry-On Trade Publishing GmbH, Potsdamer Platz 9, 10117 Berlin, Deutschland. Die Zeitschrift und alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Für unverlangt eingesandtes Text- und Bildmaterial wird keine Haftung übernommen. Die Carry-On Trade Publishing GmbH übernimmt keinerlei Garantie und Haftung für die Richtigkeit, Aktualität und Vollständigkeit der bereitgestellten Informationen. Alle Angaben sind ohne Gewähr. GESCHÄFTSFÜHRUNG

Nadine Steinmetz

Foto: SnapbyThree MY | unsplash

SALES

Hendrik Pugge, Schlütersche Verlagsgesellschaft

MARKETING

Nadine Steinmetz

LEBENLANG ist eine Publikation von

CARRY-ON TRADE PUBLISHING

235

LEBENLANG


Bleiben Sie bis dahin in Kontakt über:

VERPASSEN SIE NICHT LEBENLANG N° 14 IM SEPTEMBER 2018

FACEBOOK

www.facebook.com/lebenlang.magazin

TWITTER

@lebenlang_mag

INSTAGRAM @lebenlang_mag

NEWSLETTER @lebenlang_mag

WWW.LEBENLANG.DE

Profile for Carry-On Trade Publishing GmbH

Lebenlang 14 - Sweet Dreams (Diabetes)  

LEBENLANG geht in Ausgabe N°14 dem süßen und traumhaften Leben auf den Grund. Die neue Ausgabe wird dieses Mal von der legendären Titelmelod...

Lebenlang 14 - Sweet Dreams (Diabetes)  

LEBENLANG geht in Ausgabe N°14 dem süßen und traumhaften Leben auf den Grund. Die neue Ausgabe wird dieses Mal von der legendären Titelmelod...

Profile for lebenlang