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Der Filmemacher Erwin Wagenhofer über seinen neuen Film «A~phabet», Erziehungsdriil und Lebensglück jS ,_slu 1::0 ~-vl ~ "L . l t..\

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VonLucaLavina

BaZ: Herr Wagenhofer, was hat Sle dazu bewogen, einen Film über Biidung, lernen und Wissen zu drehen?

Erwin Wagenhofer: Wenn ich Filme drehe, interessiert mich eigentlich nicht die Thematik selber. · Was mich fasziniert, ist die Haltung, die dahintersteckt. «Alphabet>> ist entsprechend ein Film über die Haltung, di e hinter Bildung steckt, ni eht ab er über Bildung selber. Gab es ei n Sch~üsselerlebnis?

J a. Wir drehten die letzten Szenen für meinen Film «Let's Make Money>> in der City of London, am grossten Finanzplatz der Welt. Es war bereits klar, dass die Finanzkrise kommen würde, nur wann, war noch unklar. Alle, die dort arbeiten, haben mindestens ein Studíum absolviert, meistens an einer der besten Uníversitãten der Welt. Und was macht diese Crême de la Crême d en ganzen Tag? Sie führen den Planeten an die Schwelle zur Handlungsunfãhigkeit. · Diese Absurditãt wollte ich mir genauer anschauen. «Alphabet>> ist nun das Ergebnis dazu. «Aiphabet>> beginnt in China. Weshalb haben Sie dort gedreht?

Aus zwei Gründen: Erstens weil die Chinesen unser westliches Bildungssystem auf die Spitze treiben und zweitens weil uns immer vorgehalten wird, çlass wir im Westen auch so arbeiten und studieren müssen. Was waren ~hre ersten Eindrücke?

China ist sehr gut im Kopieren. So haben sie auch unser westliches Bildungssystem übernommen und auf die Spitze getrieben. Ein wa.lrres Drillsystem, das mit der Brechstange arbeitet und deshalb sogar rnit Selbstmorden von Schülern zu kãmpfen hat. Ausserdem woll.en die Chinesen seit Generationen weg von «Made in Chi.TJ.a» hin zu «Created in China>>. Das schaffen sie aber nicht. Wieso nicht?

Aufgrund dieses Drillsystems, das rnit seinem enormen und einschrãnkenden Leistungsdruck kreatives Schaffen verhindert. So haben die Chinesen zwar die besten Ergebnisse im Pisa-Test, auf der anderen Seite aber bis heute keinen Nobelpreis in den Naturwissenschaften gewonnen. Wenn wir Kreativitãt i.md starke Personlichkeiten haben wollen, verwenden wir das falsche Bildungssystem. Woher kommt denn cliese Einstellung, dieserorm?

Unser Schulsystem kommt aus dem Militar. Die ersten Schulen waren Kasernen, Einrichtungen für die militãrische Ausbildung. Die ersten Lehrer waren Offiziere. Da kommt der Drill h er. Der Drill ist weitgehend verschwunden, . aber diese getaltteten Einheiten bestehen noch immer. ··Was mei nen Si e genau mit «getakteten Einheiten>>?

Díese einzelnen Lelttionen, die jeder Schüler jeden Tag absolvieren muss. Da hat man zum Beispiel Matheunt~rricht, und nach SO Minuten er-

Uniformitãt u..md Leistungsdruck. Chinesische Schüler schreiben eine de r vielen Prüfungen, di e über i hre weitere Karriere entscheiden sollen. '

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Wir sollten von der Annahme ausgedie in der Wirtschaft alies moglichst hen, dass Kinder mit aliem, was sie schnell in Profite verwandeln konnen. benotigen, auf die Welt kommen. Nur Würden Sie die Bildung lhrer Tõchter sind diese Fãhigkeiten no eh ni eht ent- anders gestalten? wickelt. Wir wãren dann zur UnterMeine jüngste Tochter hat die Schule . stützung da, um diese Gaben zu entgut überstanden, die ãltere weniger. falten, um sie anzuleiten und zu beSie ist unzufrieden mit ihrer Volksschulzeit, hatte eine Lehrerin, die ihr gleiten. Wenn Kinder das konnen, die Schulzeit vermieste. Die Verantwerden sie auch geben. Das wãre eine , wortung dafür trãgt aber nicht meine neue Kultur, das wãre Hochlmltur. Wir sind keine Hochkultur, wir sind, Tochter, und auch nicht die Lehrerin, im besten Fali eine Konsumkultur.

tont die Glocke, man muss umswitchen und hat Russisch. Jeder Mensch spürt ja, dass sich dies unnatürlich anfühlt. Und trotzdem fahren wir mit , diesem Unsinn fort. Aber es. ist doch nicht al!es schlecht, was die Schulen tun.

Es ist klar, dass es positive Beispiele gibt für Schulen, die es schon anders probieren. Meistens sind dies Privatschulen. Das Gute an der gewéihnlichen Schule ist wahrscheinlich, dass Kinder Disziplin beigebracht bekommen; dass sie lernen; pünktlich zu erscheinen.

sondern ich. Im Nachhinein würde ich meinen Kindern vermehrt den Rücken stãrken gegen dieses System. Wie stel!en Si e sich das vor?

Ich würde mit den Lehi:ern ganz anders kommunizieren und meinen Kindern ldarmachen, dass die S~hule und Prüfungen nicht alles sind. Dass es wichtigere Dinge gibt, etwa, das Leben und die Umwelt selbst zu ent·decken.

Welche konkreten Schritte erhoffen Sie sich von Wirtschaft und Politik?

In der Zukunft wird sich der Arbeits-

markt an die Menschen und ihre Talente anpassen müssen, nicht umgekehrt, wie das heute der Fali ist. Es gibt ja diesen Satz, der eigentlich dümmer nicht sein konnte: «Gehts der Wirtschaft gut, gehts auch den Menschen gut.>> Vielmehr sollte es heissen: «Gehts den Menschen gut, gehts aueh der Wirtschaft gut.>>

«Wir sind keine Hochkultur, .wir sind im besten Fali eine Konsumkultur.» Weshalb ãndern wir nichts an diesem Schulsystem?

Was haben Si e gegen die Wirtschaft?

Ich habe eigentlich nichts gegen WirtWeil wir Gewohnheitstiere sind und schaft und auch nichts gegen Leisuns eine künstliche Angst implantiert tung, aber die Wirtschaft sollte für wird, im Leben zu versagen. Das wird den Menschen da sein, ihm dienen uns bereits in der Schule eingeredet: und nicht umgekehrt. Wenn du keine Matur hast, dann wirst· du keinen Job finden, dann Wie haben Si e selber damals die Schule wirst du keine Prau finden, un d damit erlebt? Ich bin gerne zur Schule gegangen ist dein Leben ruiniert. Das ist Quatsch. Man sollte die Stãrken und · und habe am letzten Schultag sogar geweint. Nicht der Schule wegen, Talente suchen und mit ihnen arbeisondern weil ich Wusste, meine ten. Nur dann kann d er Mensch etwas Freunde sind weg. Ich habe in jener weitergeben, das ihm selber Freude Zeit sehr viel gelernt, das wenigste bereitet. davon aber in der Schule. Ich habe geEs ist also kiar, dass sich etwas ãndern lernt, indem ich mít meinen Freunmuss. Aber was müssen wir konkret verden naeh d er Schule unterwegs war. ãndem? . Ich habe die Losung nícht. Wir sollten Was war damals anders?. Der Druck war no eh nieht so ho eh. In uns aber endlich von dieser alten An~ der Zwischenzeit sind ja meine Tochnahme losen, dass Kinder leer auf die ter mit der · Schule fertig, und ich Welt kommen und wir sie mit Wissen weiss, was aus der Schule geworden vollstopfen müssen. Wissen, von dem ·ist. Es geht heutzutage nur darum, wir nícht mal sagen konnen, ob es in zwanzig Jahren no eh' gebraucht wird. den Lernplan zu erfüllen, damit am Ende Menschen die Schule verlassen, Wovon sollten wir dem'l ausgehen? '

«Aiphabet» wirft Fragen auf, ohne sie wirklich zu beantworten Von Luca Lavina

ãussern sich unter anderen Thomas · Sattelberger, ehemaliger Personalchef der deutschen Telekom, Sir Ken Robinson, englischer Bildungsexperte, Gerald Hüther, deutscher Hirnforscher, und André Stern, Musiker und Autor. Besonders der letztgenannte Stern dürfte vielen in Erinnerung bleiben, denn seine Lebensgeschichte ist wirklich aussergewohnlich: Der 43-Jãhrige hat nãmlich keinen einzigen Tag in dér Schule verbracht.

«Alphabet>> ist der dritte und letzte Film von Erwin Wagenhofers Dokumentarfilmtrilogie über die Ausmasse und Folgen von wirtschaftlichem Wachstum und Profitmaximierung. Der osterreichische Filmemacher (52) hat mit «Alphabet>> einen Film geschaffen, der unsere Einstellung zu Bildung und Schulen kritisch und ziemlich radikal . hinterfragt. Der Film leuchtet das Thema Bildung von verschiedenen Seiten aus. Einseitige Darstellung «Alphabet>> wirft viele Fragen auf. Neben wirtschaftlichen Aspekten fliessen soziale, künstlerische und natur- Konkrete Losungsvorschlãge und Antwissenschaftliche Standpunltte und worten liefert der Film ab er nieht. ErkeD_ntnísse i.TJ. den Film ein, sodass Ausserdem ist die Auswahl der Akman sich am Ende ein umfassendes teure etwas einseitig und bequem geraBild vom Ausmass dieses von Wagen- ten. So kommen zwar neben Befürworhofer als menschenfeindlich bezeich- tern dieser geforderten Bildungsreform neten Bildungssystems und seinen Fol- durchaus auch ein paar wenige Gegner gen machen kann. zu Wort, deren Ansichten werden jeWagenhofer ist ohne Zweifel ein doch stark überspitzt, etwas einseitig guter Beobachter. Er bleibt selber stets und verkürzt dargestellt. im Hintergrund und bedient sich stattNichtsdestoweníger hinterlãsst der dessen .diverser Fachstimmen, lãsst Film einen tief sitzenden Eindruck. den Personen Zeit und Raum für ihre Wagenhofers <~Alphabet>> ist ein Film, Meinungen und Gedanken. Sie sind im d er mit Sicherheit zum Denken anregt. Mittelpunkt des Films. Zum Thema l ''*-:c;hc l Atelier, Base!. Ab Donnerstag.

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140219 schule und pruefungen sind nicht alles baz