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How to Typo!?

Laura M. Schneider

Eine kulinarische Reise durch die Epochen


Impressum Technische Hochschule Nürnberg Fakultät Design Wintersemester 2018/2019 Grafik Design 2. Semester Lehrbeauftragter Prof. Peter Krüll Gestaltung Laura M. Schneider Wodanstraße 65 90461 Nürnberg


How to Typo!? Eine kulinarische Reise durch die Epochen


Vorwort

„Abwechslung in den Speisen mehrt den Appetit.“

Um eine gute Schrift zuzubereiten bedarf es großer Kunst. Man benötigt die richtigen Zutaten, die richtige Vorgehensweise und zu guter letzt die richtige Würze. Wie bei einem leckeren Gericht eben!

Dabei beziehe ich mich passend zur Epoche auf eine beliebte Speise die zur der Zeit auf dem Markt kam oder aufgrund der damaligen Umstände gekocht wurde. Von prunkvoll angerichtet bis primitve Leckereien.

Mit diesem Buch schicke ich Euch auf eine kulinarische Reise von der Renaissance bishin zur Moderne und ihr lernt, wie man in Zukunft Typo richtig zubereitet. Ob für Flyer, Visitenkarten, Websites, mit dieser Ausgabe haben Sie immer das richtige Rezept parat.

Damit auch zu keiner unpassenden Zutat gegriffen wird, werde ich jeweils farbenfroh die einzelnen Inhalte aufführen und erkläre was dabei zu beachten ist, damit es am Ende zum besten Ergebnis kommt. Danach können Sie die Intensität der Würze selbst entscheiden.

Ich werde Euch durch die verschiedenen Epochen nehmen und neben der damals entwickelten Schrift, paralell köstliche Rezepte aus den alten Jahrhunderten vorstellen, die Ihr ganz einfach Zuhause nachmachen könnt.

Wer noch nicht genug von dem kleinen Einblick der bestimmten Epoche und Ihrer Spezialitäten hat, der kann weiterhin bei den dazugehörigen Empfehlung auf den weiterführenden Seiten stöbern. Viel Freude beim Kochen!


guten Appetit!


Rezepte 7 Vorspeisen 8 Renaissance Antiqua 9 Palatino

19 Pasteten 20 Barock Antiqua 21 Bookman

31 Suppen 32 Klassizistische Antiqua 33 Didot

43 Kartoffeln 44 Serifenbetonte Linear Antiqua 45 Rockwell

55 Desserts 56 Serifenlose Linear Antiqua 57 Rotis

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Vorspeisen franzรถsische Leckerbissen


runder Geschmack, römisches Gericht

Renaissance Antiqua Eine Erfindung Johannes Gutenbergs in der Frührenaissance (um 1400–1468). Auch als »Mediaeval« (lt. »mediaeval« für »mittelalterlich«) beziehungsweise »Mediäval«, im angelsächsischen Sprachraum als »Old Style« oder »Old Face« bezeichnet.

So war Italien der große Impulsgeber dieser Zeit, da es durch den Seehandel Zugang zu Zutaten hatte, die in anderen Ländern unerschwinglich waren. Zucker war ein kostbares Gut, das in Venedig vergleichsweise verschwenderisch benutzt wurde.

Durch sie konnten von nun an Ideen und Wissen maschinell reproduziert werden, was einen radikalen multidisziplinären Strukturwandel zur Folge hatte, der alle westeuropäischen Zivilisationen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig veränderte. Humanismus, Aufklärung, die Entdogmatisierung der Wissenschaft, Liberalisierung und Typografie sind deshalb unverkennbar heraus zu schmecken .

Aber auch Anis, Datteln, Feigen, Bitterorangen oder auch Granatäpfel erreichten auf diesem Wege die Küche. Ein Gericht aus der Renaissance wird später in diesem Kapitel vorgestellt. Die Renaissance-Antiqua ist heute die führende Verkehrsschrift der westlichen Welt und wird in »Venezianische Renaissance-Antiqua« und »Französische Renaissance-Antiqua« unterschieden.

Die Renaissance brachte auch in der Ein Beispiel für eine leckere FranzösiKüche einen enormen Paradigmen- sche Ranaissance-Antiqua ist die Palawechsel mit sich. Die Verbindung von tino. alter und neuer Welt war kulinarisch eine enorme Erweiterung. Gerade durch die Entdeckung Amerikas und die neuen Tier- und Pflanzenarten, aber auch die Zubereitungsarten, veränderte sich der Speisezettel enorm.

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palatino

Serviervorschlag

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Die Zutaten Die Details der Schrift 1. einen Esslรถffel Serifen 2. eine leicht nach links geneigte optische Achse bei den Rundformen 3. 200g leicht gekehlte Serifenunterkanten

Fon 1.

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due 4.

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4. Prise Minuskeln mit schrägen Dachansätzen 5. starker Strichstärkenkontrast 6. eine waagrechte Achse der Minuskel »e«

Renaissance Antiqua Palatino n

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Die Zubereitung Die Palatino wird im Jahr 1949 von Hermann Zapf für die D. Stempel AG entworfen. Der Name leitet sich von Giambattista Palatino (gestorben 1575 in Neapel) ab, einem italienischen Schreibmeister der Renaissance.

Zapf baut seine Palatino auf antike Proportionen auf und haucht ihnen dabei kalligrafischen Charakter ein. Die Schrift läuft vergleichsweise weit. Dies macht die Schrift jedoch auch besonders robust und lesefreundlich.

Zapfs Neue dient zunächst der Zubereitung eines Drucks einer Prachtausgabe von Goethes „Von der dreifachen Ehrfurcht. Im Folgejahr erscheint die Palatino für Handsatz und Linotype-Satzmaschinen. Der zunächst fehlende Buch-Schnitt für den Werkssatz erscheint 1953 separat in Gestalt der Schriftart Aldus.

Die primären Klassifikationsmerkmale einer Französischen Renaissance-Antiqua sind die schrägen Dachansätze der Minuskeln, die grundsätzlich über die H-Linie zur k-Linie gehen, runde Serifenübergänge, leicht gekehlte Serifenunterkanten, eine waagrechte Achse der Minuskel »e« und eine optische Achse, die bei den Rundformen leicht nach links geneigt ist.

Palatino entwickelt sich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten zu einer der erfolgreichsten und beliebtesten Antiquas des 20. Jahrhunderts. Sie gilt heute schon als eine der klassischen Schriften der Moderne.

Beispiel gesetzt aus der »Simoncini Garamond« (1961) von Francesco Simoncini (1912–1975) nach einem Schriftschnitt von Jean Jannon (1580–1658).

„Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“

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Unsere Empfehlung

Renaissance Antiqua Palatino n

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Varianten Schnitte der Schrift

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A a B b Z c D d E e F f G g H h I i J j K k L l M m N n O o P p Q q R r S s T t U u V v W w X x Y y Z z

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Renaissance Antiqua Palatino n

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Pasteten barocke Gaumenfreuden


prächtiger Gaumenschmaus

Barock Antiqua Unter »vorklassizistisch« wird in der Typografie der Zeitraum zwischen den Schriftepochen Renaissance-Antiqua und Klassizistische Antiqua verstanden, eine kunstgeschichtliche Epoche, die in römisch katholisch geprägten Kulturkreisen Europas als Barockzeit bezeichnet wird.

Die Barockzeit wurde insbesondere durch die Gegenreformation der römisch-katholische Kirche, den Jesuitismus, die Auswirkungen des 30-jährigen Krieges (1618–1648), den politischen Absolutismus und durch die Traditionen der Antike geprägt.

In der Englischen Typografie, in Frankreich und Italien existiert der Begriff »Barock Antiqua« nicht, auch nicht in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor 1964, wo diese Nebenschriftgruppe korrekt als Vorklassizistische Antiqua, Halbmediäval oder Übergangsantiqua bezeichnet wurde.

Etymologisch leitet sich der Begriff aus dem franz. »baroque« für »wunderlich, eigenartig, verschnörkelt« ab, dieser wiederum vom portugiesischen »barroco« für »schiefrund, in Form einer unregelmäßigen Perle«.

Wie der Name erst vermuten lässt haben die Schriften keinesfalls eine »übertriebenen, bizarre, geschmacklose oder dekatente«, also eine »barocke« Note im Sinne Jean-Jacques Rousseaus (1712–1778). Im Gegenteil, diese »präviktorianischen« Antiquas könnten sogar als »antibarock« bezeichnet werden.

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Im Gegensatz zu den pompös aufgestellten Speisekarten des Barockes stehen hingegen die Schriften der Barock Antiqua. Diese sind keineswegs verschnörkelt, übertrieben und geschmacklos, sondern erfreuen den Leser an gewisser Klarheit und Struktur. Mancher möge diese Art vielleicht auch als zu streng bezeichnen. Die Vorklassizistische Antiqua gilt als die erste Schriftart, deren Buchstaben konsequent und systematisch mittels der Typometrie streng konstruiert wurden. Ein köstliches Gericht dazu lesen Sie auf den nächsten Seiten:


Bookman

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Die Zutaten Die Details der Schrift

1. eine Hand voll Serifen 2. eine gerade, leicht nach links, oder rechts geneigte optische Achse bei den Rundformen 3. Einen Teelรถffel Serifen ohne Kehlung der Unterkante

Fon 2.

3.

1.

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due 4.

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5.

4. Prise Minuskeln mit schrägen Dachansätzen 5. einen starken Strichstärkekontrast 6. eine waagrechte Achse der Minuskel »e«

Barock-Antiqua Bookman n

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Die Zubereitung

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Bookman oder Bookman Old Style ist eine Serifenschrift. Bookman ist ein breites, gut lesbares Design, das etwas breiter als die meisten Textoberflächen im Body-Text ist. Es wurde sowohl für die Display-Typografie als auch für das Drucken in kleinen Formaten verwendet, zum Beispiel beim Drucken im Handel, und seltener für Body-Text.

Oft als „modernisierter alter Stil“ bezeichnet, handelt es sich um eine Neugestaltung von „echten alten“ Serifengesichtern aus dem achtzehnten Jahrhundert wie Caslon. Wie sie hat es abfallende Serifen und vermeidet abrupte Kontraste bei den Strichstärken. Die Kleinbuchstaben sind ziemlich breit und die x-Höhe ist ziemlich groß.

In der Werbung wird es besonders mit dem Grafikdesign der 1960er und 1970er Jahre in Verbindung gebracht, als Wiederbelebungen davon sehr beliebt waren. Bookman ähnliche Buchstabenformen wie die Schriftart Caslon aus dem 18. Jahrhundert, mit einer gleichmäßigeren und regelmäßigeren Struktur, mit breiten und schlanken Kleinbuchstaben und einem geringen Kontrast in der Strichbreite.

Weit verbreitet und als Raubkopien gedacht, wurde sie zu einer Standardschriftart und half, ein Genre aus einer Vielzahl von losen Revivals und Anpassungen des Caslon-Designs zu schaffen, das in den weit gespreizten Armen des T und den scharfen Halbpfeil-Serifen auf vielen Buchstaben sichtbar ist. Das 1924-Lehrbuch „Introduction to Advertising“ beschreibt Bookman als:

Der Vorfahr von Bookman Old Style ist Miller & Richards „Old Style“, geschnitten von Alexander Phemister.

„Einfach, maskulin und hinterlässt den Eindruck von Zuverlässigkeit ohne Schwere“.


Unsere Empfehlung

Barock-Antiqua Bookman n

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Varianten Schnitte der Schrift

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Barock-Antiqua Bookman n

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Suppen klassische Kreationen


leicht und lecker

Klassizistische Linear Antiqua Im englischsprachigen Raum als »Didone« bezeichnet.

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Unter »Klassizistisch« bzw. »Klassizismus« wird ein westeuropäischer und nordamerikanischer Kunststil von 1750 bis ins frühe 19. Jahrhundert verstanden (Deutschland 1770– 1830), der sich dadurch auszeichnet, die Formprinzipien der griechisch-römischen Antike in Kunst und Kultur nachzuahmen.

Ab cirka 1770 entwickelte Giambattista Bodoni aus der französischen Réales Pierre Simon Fourniers erstmals eine Klassizistische Antiqua mit einem streng symmetrischen, fast monumental anmutenden Aufbau, welche die westeuropäische Schriftkultur des gesamten 19. Jahrhunderts maßgeblich prägen sollte.

In seiner typisch strengen Geradlinigkeit unterscheidet sich der Klassizismus wesentlich von der überbordenden Formenvielfalt des vorangegangenen Spätbarock bzw. Rokoko. Das Selbstverständnis dieses Stils: Logisch, klar, linear, streng und moralisierend.

Hingegen auf der Speisekarte sah es weniger vorbildlich aus, sondern einfach und schlicht, da die Zeit zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert viele Dürreperioden, Seuchen und Unwetter mit sich brachte.

Politisch und gesellschaftlich symbolisierte der Klassizismus insbesondere die Demokratie des antiken Griechenlands und die römische Republik. So stellte er u.a. feudalistische Herrschaftsstrukturen und die »degenerierte Banausie« (Mirabeau) der Aristokratie in Frage und favorisierte das Ideal der liberalen Geisteshaltung eines humanistisch »aufgeklärten« Bildungsbürgertums (Gebrüder Humboldt).

Viele große Ernten blieben aus, die Nutztiere verendeten was große Hungersnöte in der europäischen Bevölkerung auslöste. Deshalb griffen die Menschen zu den primitivsten Zutaten und kreierten dennoch gehaltvolle Mahlzeiten. Wie etwa die klassische Didot:


didot

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Die Zutaten Die Details der Schrift

1. 500g Serifen mit eckigen oder runden Ăœbergängen 2. eine senkrechte optische Achse bei den Rundformen 3. 200g gerade Serifenunterkanten

Fon 1.

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due 4.

5.

4. Prise Minuskeln und Majuskeln mit geraden Dachansätzen 5. einen Strichstärkenkontrast, extra stark 6. ein waagrechter Innenbalken der Minuskel »e«

Klassizistische Linear Antiqua Didot n

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Die Zubereitung Schrift-Designer: Adrian Frutiger, 1991, Firmin Didot, 1784 Die Didots waren eine im 18. und 19. Jahrhundert über 100 Jahre lang aktive Designer-Familie. Ihre Mitglieder waren Drucker, Verleger, Schriftdesigner, Erfinder und Intellektuelle. Um 1800 besaß die Familie Didot die größte Druckerei und Typengießerei Frankreichs. Der Drucker Pierre Didot veröffentlichte ein Dokument mit Schriften seines Bruders Firmin Didot (1764-1836), dem Schrift-Designer. Die strengen, klaren Formen dieser Schrift haben rationale, objektive Merkmale, die für die Epoche und die Philosophie des Aufklärungszeitalters repräsentativ sind. Die Schrift Didot® von Adrian Frutiger ist eine feinfühlige Interpretation der französischen klassizistischen Antiqua Didot.

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Als weitere Vorlage für das Design diente Henriade, ein mit der Originalschrift Didot von 1818 realisierter, historischer Druck. Die Schrift Didot verleiht dem Text ein klassisches und elegantes Erscheinungsbild. Die Schrift Didot eignet sich besonders gut für Texte und Überschriften in Büchern und Magazinen, in Korrespondenzen, auf Postern und für Werbung.

„Die Sauce ist für die Kochkunst, was die Grammatik für die Sprache.“


Unsere Empfehlung

Klassizistische Linear Antiqua Didot n

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Varianten Schnitte der Schrift

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Kartoffeln beliebte und vielfältige Knollen


charakteristischer Geschmack, zeitlos

Serifenbetonte Linear Antiqua

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Egyptienne Schriften entstanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts in England. Sie wurden im Zuge der rasanten Industrialisierung und des progressiven ökonomischen Liberalismus als Anzeigen- und Reklameschriften aus der Klassizistischen Antiqua entwickelt. Der früheste dieser Schriftschnitte mit den charakteristischen, monumental und plakativ wirkenden Serifen hieß noch »Antique«.

Über London breitete sich diese Strömung rasch auf ganz Westeuropa und die USA aus. Sie gipfelte gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der geradezu bizarren, rein kommerziell motivierten Typografie der Verlagshäuser und Druckereien, deren typografische Kultur sich mehrheitlich am kitschig banalisierten Kunsthandwerk aus Historismus und Jugendstil orientierte.

Er stammte aus der Hand des Londoner Schriftschneiders Vincent Figgins (1766–1844), der sich von den klassizistischen Druckschrifttypen Firmin Didots (1764–1836) inspirieren lies. 1817 wurde diese erste Serifenbetonte Linear Antiqua als Akzidenzschrift publiziert.

Schriften im Stile der Egyptienne werden außerhalb des Akzidenzsatzes ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Schreibmaschinenschriften (Typewriter) und in der Typografie ab Mitte des 20. Jahrhundert als Zeitungsschriften (Zeitungsantiquas) verwendet.

Der Name ist vermutlich ein Resultat der zu dieser Zeit grassierenden »Ägyptomania«, einer Modetendenz, die in Paris nach Napoleons »erfolgreichem« Ägypten-(Raub) feldzug aufkam, den Empire-Stil manieristisch infizierte und mit JeanFrançois Champollions (1790–1832) epochaler Entzifferung der Hieroglyphen den klassizistischen Zeitgeist und die Bildung nachhaltig prägte.

Wie bei der Schrift, war auch in der Ernährung der Wandel zur Industrialisierung spürbar. Die Kartoffel setzte sich gegenüber dem Getreide durch und löste durch ihre Genügsamkeit in ihrem Anbau das Problem der vielen Missernten. Bis heute ist sie zusammen mit der Egyptienne ein beliebtes Gericht und häufig auf Tellern und Werbereklamen zu sehen. Darunter auch die Rockwell.


rockwell

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Die Zutaten Die Details der Schrift

1. ein Pfund Serifen 2. eine senkrechte Achse bei den Rundformen 3. eine Messerspitze ungekehlte Serifenunterkanten

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due 4.

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4. Prise Minuskeln mit schrägen Dachansätzen 5. eine Tasse voll optisch gleichen Strichstärkenkontrast 6. eine Maß waagrechte Achse der Minuskel »e«

Serifenbetonte Linear Antiqua Rockwell n

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Die Zubereitung Rockwell ist eine Schriftart mit Serifen aus der Schriftklasse Egyptienne. Die Schrift entstand im Auftrag des damaligen Betriebsleiters Frank Hinman Pierpont 1934 bei der Firma Monotype und erwies sich als eine der erfolgreichsten Egyptienne-Schriften des 20. Jahrhunderts.

Die von Herb Lubalin entwickelte ITC Lubalin Graph ist eine Egyptienneversion der ITC Avant Garde, die der Rockwell ähnelt; sie hat etwas weniger Serifen (z. B. keine Fußserife in der 7, nur eine nach links gerichtete Serife im A) und ein paar andere Majuskeln (z. B. G und R).

Die Rockwell wurde z. B. in den 1980ern für das ÖKO-TEST-Magazin, für den Fließtext im P.M. Magazin und in den jährlich erscheinenden Ausgaben des Guinness-Buchs der Rekorde verwendet.

Die ITC Avant Garde Gothic entspricht etwa einer serifenlosen Variante der ITC Lubalin Graph und der Rockwell. Doch zu der Zubereitung der Serifenlosen Linear Antiqua kommen wir später nochmals darauf zu.

Ähnlich ist die von der Bauerschen Gießerei, Frankfurt am Main, ab 1930 in sieben Schnitten gegossene Schriftfamilie Beton, die nach Entwürfen von Heinrich Jost entstand.

Der Rockwell ähnlich ist auch die Glypha, in der zusätzliche Serifen vorkommen (z. B. beim G und an den Mittelstrichen von E und F), andere Serifen hingegen fehlen (z. B. beim A).

„Wer Kartoffeln ißt, wird eher satt, als wer Braten essen sieht.“

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Unsere Empfehlung

Serifenbetonte Linear Antiqua Rockwell n

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Varianten Schnitte der Schrift

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Desserts süße Verführungen ohne Zucker


schlicht und modern

Serifenlose Linear Antiqua Mit dem beginnenden 18. Jahrhundert beeinflussten die jungen Wissenschaften die westeuropäischen Kulturen mit ihren neuen historischen Erkenntnissen, welche sich natürlich auch in der Schriftgestaltung und später in der Typografie wiederspiegelten.

1832 schuf der Londoner Typograf und Schriftgießer Vincent Figgins (1766–1844), eine serifenlose Majuskelschrift als eine Schriftgarnitur mit drei Schriftgraden, die unter der Schriftbezeichnung »Two-line Great Primer Sans-serif« bekannt wurde.

Ab den 1780er Jahren verwendeten in Großbritannien Architekten, Bildhauer und Ingenieure unter dem Einfluss der Formprinzipien des Klassizismus und Rationalismus serifenlose, lineare Majuskelschriften für ihre Aufrisse, Architekturskizzen und Maschinenbaupläne.

Er verwendete als erster die Bezeichnung »Sans Serif«, welche aus dem Französischen stammt und »ohne Serife« bedeutet. Im gleichen Jahr publizierte William Thorowgood (o.A.–1877) die erste serifenlose Werksatzschrift mit einem Majuskel– und Minuskelalphabet.

Im Zuge der Industrialisierung meinen »Rationalisierung« der Gesellschaft begann die »Sans Serif« ihren Siegeszug. Mit ihrer geradezu technokratisch nüchternen Anmutung und schlichten Typometrieeignete sie sich hervorragend für das Gravieren von Typenschildern und das Einfräsen und Eingießen von Namenszügen bzw. Typenbezeichnungen an Maschinen aus Stahl – sowie konsequenter Weise für die einfache, schnelle und autarke Beschriftung industrieller Sphären und Dokumentationen.

Auf dem Speisezettel der „mittleren Arbeiterschicht“ sah es inzwischen ein wenig voller aus. Luxusgüter wie Zucker und Schokolade waren zwar noch immer teuer, jedoch standen sie jedermann zur Verfügung. Durch die Industrialisierung konnten auch bald auf erschwingliche Weise Konserven und Süßwaren produziert werden. 1755 erschien zum ersten Mal in einem Kochbuch aus Paris die Mousse au Chocolat und auch viele weitere Desserts mit dem braunen süßen Gold. Eine Süßware wäre dabei die Rotis.

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rotis

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Die Zutaten Die Details der Schrift

1. Buchstaben ohne Serifen w채hlen 2. eine Prise senkrechte Achse bei den Rundformen 3. F체nf St체ck Minuskeln mit geraden Dachans채tzen

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due 3.

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4. Ein Eischwer optisch gleichen Strichstärkenkontrast 5. eine waagrechte Achse der Minuskel »e«

Serifenlose Linear Antiqua Rotis n

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Zubereitung Rotis ist eine Schriftsippe, die 1988 von Otl Aicher veröffentlicht wurde. Die Schrift hat ihren Namen von Aichers Wohnort Rotis, einem Ortsteil von Leutkirch im Allgäu. Aicher selbst schrieb den Namen Rotis generell klein und fügte auch erst später Majuskeln zu seinem Entwurf hinzu, da er die Großschreibung einzelner Wörter als Symbol für Hierarchie und Unterdrückung ablehnte.

Otl Aicher hat sein Buch typographie komplett in der Rotis gesetzt; die deutschen Textspalten in konsequenter Kleinschreibung, die englischen Spalten in gemischter Schreibweise. Otl Aicher formulierte für seine Rotis nicht nur einen formalen Anspruch jenseits aller bestehenden Schriften, sondern er behauptete gleichzeitig auch höhere Lesbarkeit.

Unter Typografen und Designern ist die Rotis sehr umstritten, da Otl Aicher viele der anerkannten Thesen, die er selbst über die Lesbarkeit von Schriften im Allgemeinen aufgestellt hat, bei seiner Rotis nicht beachtet hat. Das Schriftbild wirkt bei größeren Textmengen unruhig und flimmert auf hellem Papier, besonders die beiden Semischnitte.

Im vorauseilenden Gehorsam nehmen seitdem viele Gestalter und Architekten – von Baumann & Baumann bis Foster und weiter – Rotis für alles und hoffen, dem Gegenstand ihrer Gestaltung allein dadurch einen erhöhten intellektuellen Anspruch zu verleihen. Die meisten Schriftgestalter hingegen halten Rotis für eine Ansammlung schöner Buchstaben, die aber noch keine richtige Textschrift ausmacht.

Dennoch besitzt die Rotis prägnant geformte Einzelbuchstaben (auffällig besonders das e) und eignet sich somit vor allem für Überschriften und in der Logo-Typografie. Sie wird aber auch als Brotschrift, meist im kulturellen und künstlerischen Bereich, eingesetzt.

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Oder „D‘r Hung‘r treibt‘s nei“, (Schmeckt nicht so gut, aber wer hungrig ist, der isst alles) wie der Allgäuer dazu sagen würde.


Unsere Empfehlung

Serifenlose Linear Antiqua Rotis n

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Appetit auf mehr? Dann schaut doch mal hier vorbei!

Literatur Brigitta Stuber. Bayerisch kochen. GU KĂźchenratgeber. GU Verlag Internet www.janecke.name/verschiedenes/ernaehrungsweisen www.friedberger-zeit.de/index.php/historie/50-essensgewohnheiten-im-18-jahrhundert abckochen.wordpress.com/2009/06/28/speisen-im-18-jahrhundert/ www.spektrum.de/magazin/der-ursprung-der-modernen-kueche/827293www.historisches-lexikon-bayerns. de/Lexikon/Ern%C3%A4hrung_(Sp%C3%A4tmittelalter/ Fr%C3%BChe_Neuzeit) www.zeitklicks.de/kaiserzeit/zeitklicks/zeit/alltag/wohnen-und-leben/der-speiseplan-um-1900/ www.typolexikon.de/ www.droemer-knaur.de/leselounge/7761760/ 69


„Es gibt niemanden, der nicht ißt und trinkt, aber nur wenige, die den Geschmack zu schätzen wissen.“

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Typo Cookbook  

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