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JÖRG REISSNER – ZOLF & SATURN MARION SPARBER – ANDRÈ SCHUEN BENNO BARTH AWARD SILENT STORM PRODUCTIONS FRANZMAGAZINE – BILDING LENA WOPFNER – SALON/E UNDERTRENTA – THEATROSTWEST AKRAT – MATTHIAS PÖTZ ISLANDS SONGS – LUCAS ZANOTTO STIEGENHAUSMUSIK – WAIRA MAX ZISCHG – KELLER EDITORE 2017


Impressum © 2017 alle Rechte liegen beim Herausgeber sowie bei den Autorinnen und Autoren Eine Verwendung von Inhalten dieser Zeitschrift ist nur für nichtkommerzielle Zwecke sowie mit Quellennachweis und nach Rücksprache mit der Projektleitung/ Redaktionsleitung und den Urheberinnen und Urhebern möglich.

Herausgeber

Autonome Provinz Bozen - Südtirol Abteilung Deutsche Kultur, Amt für Kultur Andreas-Hofer-Straße 18 39100 Bozen kultur@provinz.bz.it

Redaktion Stephanie Innerbichler Thomas Kobler Christine Kofler Alexandra Pan Miriam Rieder

Projektleitung Alexandra Pan, Amt für Kultur

Fotos Denis Laner Tania Marcadella

Titelbild Jörg Reissner, „Se una notte d’inverno …“, 2014 Bleistift und Acryl auf Baumwolle, 100 × 80 cm Foto Alexander Schuppich Kunstsammlung des Landes Südtirol, Inv.Nr. 244187, publiziert im Südtiroler Kulturgüter-Katalog

Grafisches Konzept und Layout Stephanie Innerbichler

Lektorat Deutsch: Alexandra Pan, Amt für Kultur Italienisch: Carla Spiller, Ufficio cultura, Centro culturale Claudio Trevi

Druck und Herstellung Fotolito Varesco GmbH, Auer

Auflage Diese Publikation erscheint einmal jährlich. Auflage: 4.000

Digitale Ausgabe mit zusätzlichen Inhalten unter www.provinz.bz.it/nuj

Facebook www.facebook.com/NUJZeitschrift


EDITORIAL

LIEBE LESERINNEN & LESER Mit der dritten Ausgabe hat das Projekt volle Fahrt aufgenommen.

- Zeitschrift für junge Kultur in Südtirol

In dem Bestreben, den jungen Kulturschaffenden des Landes mehr Sichtbarkeit zu verleihen, legt in dieser Ausgabe den Fokus wieder auf Arbeiten und Projekte, die sich nicht nur durch ein hohes Maß an schöpferischer Kraft und Innovation auszeichnen, sondern auch Beispielcharakter für andere haben können. Auf 96 Seiten werden kreative Menschen, Kulturvorhaben und Projekte vorgestellt, die sich mit interessanten und neuen Lösungsansätzen neben die ‚etablierte’ Kunst platzieren. Die Interviews, Portraits und Reportagen aus allen Gegenden des Landes und, mit Blick in die Nachbarregionen auch ein wenig darüber hinaus, sollen Bewusstsein schaffen, Horizonte erweitern sowie zur Nachahmung und Weiter­ entwicklung inspirieren. Inhaltlich reicht das Spektrum von den klassischen Sparten der Bildenden und ­Darstellenden Kunst über Musik zur Literatur und schließt auch neuere Kunstformen wie Film, Neue Medien und Design mit ein. Auch besondere Veranstaltungen, Projekte und der Gastbeitrag eines Südtiroler Online-Mediums fanden wieder Eingang in das Heft. Im Essay wird ein aktuell gesellschaftliches Thema aufgegriffen, das vielen jungen Südtirolerinnen und Südtirolern unter den Nägeln brennt. Abgesehen von den Texten ist uns auch die Bildsprache sehr wichtig. Daher entstanden wieder viele Fotostrecken eigens für diese Ausgabe. Kultur schafft Mehrwert! In diesem Sinne freuen wir uns auf eine rege Leserschaft und eine breite Verteilung, die kostenlos erfolgt. Hier helfen auch die dargestellten Personen und Einrichtungen unentgeltlich mit. Wir würden uns freuen, wenn Sie im Gegenzug ­deren Tätigkeit mit einer freiwilligen Spende unterstützen würden, um hiermit ihre Wertschätzung auszudrücken und zum Entstehen neuer Kulturprojekte beizutragen. Wir wünschen Ihnen eine spannende Lektüre

Die Redaktion


INHALT 03

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EDITORIAL

GALERIE

Die Möglichkeiten von Malerei im 21. Jahrhundert Jörg Reissner

10 22

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MUSIK

DARSTELLENDE KUNST

Sehen mit Ohren Zolf & Saturn

Ihre Reise zu sich selbst Marion Sparber

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30

MUSIK

BILDENDE KUNST

FILM

Der sympathische Jungstar Andrè Schuen

Ein Award für Ideen und Ideale benno barth award

L’integrazione passa dal Cinema Silent Storm Productions

36

38

GASTBEITRAG

TIROL

More than apples and cows franzmagazine

Kunst- und Architekturschule bilding

42

48

LITERATUR

GESELLSCHAFT

Über die Konservierung der Seele im Moment Lena Wopfner

Andere Zeiten eben Essay


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58

VERANSTALTUNG

TRENTINO

Raus ins Wohnzimmer! Salon/e

Una piattaforma per avventurieri della pagina bianca UnderTrenta

60

66

72

DARSTELLENDE KUNST

PROJECT

DESIGN

Stellt euch vor, wir machen Theater ThEATROstwest

Akrat: genau, jetzt, grad so! Sozialgenossenschaft Akrat

Pensare, fare, realizzare Matthias Pötz

74

80

84

BILDENDE KUNST

NEUE MEDIEN

Kunst übers Radio Islands Songs

La permanenza dell’analogico Lucas Zanotto

86

TIROL

MUSIK

Von Hochkultur und Hinterhofkultur [STIEGENHAUSMUSIK]

Südtirols neue Songwriter-Szene im Fokus Waira und Max Zischg

92

98

TRENTINO

BIOGRAFIEN

Costruire un sogno: le parole di Roberto Keller, editore Keller editore


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GALERIE


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DIE MÖGLICHKEITEN VON MALEREI IM 21. JAHRHUNDERT In dieser Ausgabe wird Jörg Reissners künstlerische Arbeit in ihrer Vielseitigkeit präsentiert. Drei Werke aus unterschiedlichen Phasen und Arbeitsweisen wurden für die verschiedenen Formate dieser Zeitschrift zu einer Mini-Werkschau insziniert.

„Ohne Titel“

Seit Jörg Reissners frühen Arbeiten sind Kartone, Gipsplatten, Fundstücke und Holzreste ein physischer Teil seiner installativen Assemblagen aus Malereien, Zeichnungen, Collagen und Objekten. Die Collage aus Ausstellungsfoto, digitalem Material und Werkansichten auf der vorhergehenden Doppelseite zeigt, wie Reissner Rauminstallationen mit digitalen Installationen überblendet. „Polyphon“

Komplementär dazu entstehen Reissners Zeichnungen, oft auch als Bestandteil dieser installativen Arbeiten. Sie sind daher immer eher als eigenständige Werke zu verstehen und nicht als vorbereitende Skizzen. Seine Reihe von Bleistiftzeichnungen auf Papier sind streng geometrisch aufgebaut und in höchster Präzision gearbeitet. Der Künstler stellt auf dieser Seite die Zeichnung „Polyphon“ in Form eines QR-Codes zum Herunterladen kostenlos zur Verfügung. Das Kunstgeschenk kann in vielfältiger Weise verwendet werden, etwa als Wandbild oder Bildschirmhintergrund von Smartphones und bietet kunst­ interessierten Leserinnen und Lesern einen einzigartigen ­Zugang zu seinem Werk. „Se una notte d’inverno …“

Auf dem Cover dieser Ausgabe wird eine großformatige neue Malerei präsentiert, in der Reissner das Bild im Bild thematisiert. Abstrakte Flächen tauchen als Displays auf der Bildfläche auf und funktionieren wie Projektions- oder Assoziations­ flächen. Die collageartige Anordnung der Flächen erinnert an das Layout von Bildern oder Informationen aus Zeitungen oder Kunstkatalogen; nebeneinander oder übereinander gereihte rechteckige Flächen, wo es um einen Rhythmus geht, eine vorgegebene Leserichtung und weniger um die Suche nach Gleichgewicht in der Komposition. Im Gegenteil, es wird bewusst ein provisorischer Moment geschaffen. Rohheit und scheinbar nicht zu Ende formulierte Gedanken bilden einen Zustand der Transparenz und durchleuchten grundlegende Fragestellungen in der Malerei: Wie ist ein Bild aufgebaut? Was macht ein Bild überhaupt aus? Wie entsteht Tiefe in der Fläche und wodurch definieren sich Oberflächen? Dieses Gemälde mit dem Titel „Se una notte d’inverno …“ aus dem Jahr 2014 wurde vom Land Südtirol angekauft und ist Teil der landeseigenen Kunstsammlung. Es ist im Online-Katalog der „Kulturgüter in Südtirol“ unter www.provinz.bz.it/ katalog-kulturgueter publiziert.

TEXT ___ Victoria Dejaco


GALERIE COVER „Se una notte d’inverno…“, 2014 Bleistift, Acryl auf Baumwolle 100 × 80 cm Foto: Alexander Schuppich GALERIE „Ohne Titel“, 2017 Collage Fotos Installationsansichten: Ingo Dejaco, Rudolf Strobl DOWNLOAD „Polyphon“, 2014 Bleistift auf Papier 29,7 × 21 cm Foto: Paul Gasser www.joergreissner.com/work/polyphon-2

Jörg Reissner, geboren 1984 in Schlanders, lebt in Wien. Nach zwei Jahren Studium der Kunstgeschichte an der Universität in Wien wechselte er 2005 an die Akademie der Bildenden Künste und schloss 2010 sein Kunststudium bei Erwin Bohatsch ab. 2011 wurde er für den Anton Faistauer Preis nominiert. Nach zahlreichen Ausstellungen, vor allem in Wien, wurde er 2012 erstmals in Südtirol bei der „Panorama 4“ in der Festung Franzensfeste gezeigt. Victoria ­Dejaco holte ihn zusammen mit dem ebenfalls in Wien ansässigen Tiroler Künstler Peter Sandbichler für die Ausstellungsreihe „Encounters“ in der Galerie Doris Ghetta nach Südtirol zurück. Er ist unter anderem in der Sammlung des Landes Südtirol, der Raiffeisen Landesbank Südtirol und des österreichischen Bundesministeriums für Kunst und Kultur vertreten, von dem er auch 2014 als Künstler in Residenz nach Rom entsandt wurde. 2015 erhielt er den Preis des Landes Burgenland im Rahmen des 34. österreichischen Grafikwettbewerbs und 2016 die SOART Residency am M ­ illstätter See. www.joergreissner.com


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MUSIK

SEHEN MIT OHREN Manuel Oberkalmsteiner versteht sich nicht einfach als Musiker. Er ist Klangsammler. Mit dem Projekt Zolf & Saturn macht er alle Aspekte seiner ganz­ heitlichen Sound-Philosophie hörbar: Lärm und Harmonie, Tradition und Elektronik, ferne Welten und vertraute Orte. Und viel Fantasie. TEXT ___ Arno Raffeiner  FOTOS ___ Tania Marcadella


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Manuel, was für besondere Klänge hast du zuletzt aufgenommen?

Vor drei Tagen war ich bei einer Prozession in Atzwang, da ich gerade an einem Projekt über ungehörte Orte arbeite. Ich hatte mein Aufnahmegerät dabei und habe sozusagen eine Ur-Südtiroler Tradition aufgenommen: einen schrägen ­Kirchenchor mit schiefen Tönen, den Pfarrer über Lautsprecher und die murmelnden Menschen in der Kirche, die es nicht schaffen, sich auf den Gottesdienst zu konzentrieren. Was hat dich speziell an dieser Situation und diesen Geräuschen gereizt?

Ich bin als eine Art Reisender nach Atzwang gefahren und habe die Höreindrücke auf mich rieseln lassen. Für mich ist zwar auch inhaltlich interessant, was da passiert, aber es geht mir eher um die Klangästhetik: die Augen schließen, die Geräusche hören. Klingt Atzwang anders als andere Dörfer in Südtirol? Klingt

Bangkok anders als Mailand? Was macht das aus? Das finde ich extrem aufregend. Wir Menschen sind stark visuell geprägt, das Optische nimmt der Fantasie viel Raum. Deswegen finde ich das Hören total spannend, weil sich anhand von Klängen jeder seine Geschichte selber zusammenreimen kann. Klingt Bangkok denn anders als Atzwang?

Jeder Ort klingt anders. Schon das Klappern von Geschirr an einem offenen Fenster klingt in Bangkok sicher anders als in Atzwang oder in Mailand, weil man andere Töpfe nimmt, andere Kochgewohnheiten hat. Was gleich klingt, ist der Lärm. Das fällt mir erst auf, seit ich viel aufnehme: Man ist ständig von Lärm umgeben. Ich wohne auf dem Ritten und schaffe es nicht, eine Aufnahme ohne Flugzeuggeräusche zu machen, die über eineinhalb Minuten lang ist. In dem Sinn globalisieren sich die Geräusche auch, trotzdem gibt es noch Feinheiten und

­ nterschiede. Deswegen behaupte ich, U dass Atzwang anders klingt als Margreid oder ein anderes Dorf. Du hast schon mehrmals eine Marende live vertont. Wie wird aus dem Aufschneiden von Speck Musik?

Da gibt es verschiedene Techniken. Indem man zum Beispiel nur bestimmte Frequenzspektren eines Geräuschs heraus­ filtert, ergibt das einen Ton, der wie eine Harmonie klingt, man hört aber trotzdem noch die Ursprungsklänge. Speckschneiden ist gut, um Beats zu basteln, so wie alle kurzen Geräusche: Klopfen, Knacken von Ästen, Schritte. Bei Zolf & Saturn mische ich solche Aufnahmen mit synthetischen Klängen. Das verleiht der Musik ­einen eigenen Charakter. Deine letzten Veröffentlichungen mit Zolf & Saturn heißen „Mare“ und „Monti“. Interessieren dich Zwischenstadien?

Ich habe mich immer für – in Anführungszeichen – „anstrengendere“,


MUSIK

„Mare“ Zolf & Saturn

„Monti“ Zolf & Saturn

a­ nspruchsvolle Musik interessiert. Partymusik war mir schnell zu langweilig. Ich habe in allen Richtungen Extreme gesucht: extrem noisig und trotzdem hörbar oder extrem schwerer Metal, aber mit Geige und harmonischen Klängen. Bei „Mare“ und „Monti“ geht es aber mehr um das Thema des Reisens: um Orte, die mich anregen, darum, aus dem Alltag auszubrechen, aus Südtirol auszubrechen. Und zwei Dinge, die ich für mein Leben und für Auszeiten sehr inspirierend finde, sind eben die Berge und das Meer. Das Meer als totaler Ruhepol und die Berge als etwas Aktives. Du bringst in deiner Musik Gegensätze zusammen: Geräusch und Harmonie, nah

Südtirol teilweise als still bleibend und wenig fordernd und fördernd. Das ist etwas, das mich antreibt, indem ich nach außen schaue und Klänge von dort zu mir hole: die türkische Gitarre, die Saz, zum Beispiel oder verschiedenste Field Recordings aus anderen Ländern. Dieses stetige Erforschen und Entdecken und Hinausschauen ist ein wesentliches Element nicht nur von Zolf & Saturn, sondern von allen Projekten, in die ich involviert bin. Eine Band, bei der die dreißigste Platte gleich klingt wie die erste, ist für mich uninteressant. Sich immer neu zu hinterfragen, die Sachen neu zu überdenken, neu anzugehen – das ist es, was mich antreibt und fordert.

und fern, lokale Traditionen, die du mit

Ist das eine Linie, die von Zolf & Saturn

elektronischen Mitteln in ein modernes

auch zu deinem Schlager-Alter-Ego

Format verwandelst. Erzeugen diese

Manni Mascarpone führt?

Gegensätze die Grundspannung, die

Manni Mascarpone ist ein schwieriges Thema. Man muss eine gesunde Distanz zu gewissen Dingen haben, um etwas zu persiflieren.Aber ich glaube schon, dass es

deine Musik antreibt?

Es gibt nichts Schlimmeres als Langeweile und Stillstand. Und ich empfinde

„Speckschneiden ist gut, um Beats zu basteln.“


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einen gemeinsamen Nenner gibt, eben die Bindung zwischen da und fort, ­zwischen Tradition und Erneuerung. Das Absurde ist, dass man mit Manni Mascarpone richtig Geld verdienen könnte. Zu der Zeit, als das Video zu „Das schönste Land auf Erden“ erschienen ist, haben wir extrem viele Anfragen für Auftritte bekommen, zum Beispiel als Headliner bei einer Art Oktoberfest in Verona. Schlussendlich habe ich aber die Handbremse gezogen. Ich will der Sache nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Deswegen empfinde ich zu Manni Mascarpone ein bisschen eine Hassliebe, er funktioniert als Kunstfigur aber sehr gut. Wenn wir live spielen – das passiert alle heiligen Zeiten einmal –, ist viel junges, alternatives Publikum da. Denn bei Mascarpone ist es auf einmal erlaubt, auch als alternativer Südtiroler auf Schlager oder Volksmusik zu stehen. Was man sich sonst nie trauen würde, bei einem Kastelruther-SpatzenLied zum Beispiel, darf man bei Mascarpone alles mitmachen. Meine These dazu:

Bei jedem Südtiroler schlägt ein bisschen die Schlagervolksmusik im Herzen – und keiner gibt’s zu.

tauchen ins Ungewisse, das Verlassen der Komfortzone. Das interessiert mich.

Du hast vorhin dein Projekt zu

„Klangsammler“. Was ist das?

ungehörten Orten erwähnt.

Ich bin sehr Ohr-, Geräusch- und Klangaffin. Mir gefällt es, die Welt durch meine Ohren zu entdecken, weil das viel Raum für eigene Bilder lässt. Ich habe immer mein Aufnahmegerät dabei und kann relativ unabhängig, tagelang Klänge aufnehmen. Etwa wenn ich im Urwald bin und irgendwelche Bergvölker aufnehme, wie sie singen und reden, wie die Schweine dort grunzen. Ich habe bestimmt fünfzig verschiedene Versionen von Meeresrauschen auf meiner Festplatte. Wie klingt das Meer mit Stein-, wie mit Sandstrand, mit Felsen und Brandung, wie klingt es am Morgen, wie am Abend? Ich habe dieses Bedürfnis, Klänge, Geräusche, Lärm und Soundfetzen zu sammeln. Einfach, damit ich immer wieder eintauchen kann in diese Hörreisen. �

Worum geht es da?

Bei „Unheard Places“ geht es darum, Orte zu finden, die eine Geschichte abseits von den Tourismus-Bilderbuchgeschichten zu erzählen haben und zu horchen: Wie klingt dieser Ort? Welche Konstanten gibt es, wie klingt vielleicht das 300 Jahre alte Wirtshaus oder der Hund, der da seit 15 Jahren herumstreunt? Aus diesen Klangereignissen soll eine Hörreise entstehen, bei der man die Augen schließen und auch ohne Bilder an den Ort reisen und in seine Geschichte eintauchen kann, wo Platz bleibt für die Fantasie. Heutzutage kann ich auf Google Maps vorher schauen, wo ich im Urlaub am Strand mein Handtuch ausbreiten werde. Das will ich etwas zurücknehmen. Es geht um das Ursprüngliche des Reisens: das Ein-

Du beschreibst dich selbst als


MUSIK

„Das schönste Lied auf Erden“ Manni Mascarpone & Die Alpenröschen

INFO ___ Zolf & Saturn Augen oder Ohren? Müsste Manuel Oberkalmsteiner sich entscheiden, würde er auf seine Sehkraft verzichten. Ohne Gehör will er nicht sein. Der 1981 geborene Bozner lebt nach einigen Jahren in Berlin auf dem Ritten und bereist von dort aus die Welt – nie ohne sein Aufnahmegerät, immer auf der Suche nach besonderen Klangeindrücken. Gemeinsam mit Peter Holzknecht alias Kompripiotr erforschte er als Knrrz die Musiktauglichkeit von Ameisenhaufen, Schüttelbrot und Speckschwarten. Einen Hit landete er unter dem Pseudonym Manni Mascarpone & Die Alpenröschen mit „Das schönste Land auf Erden“, einer Persiflage auf den volkstümlichen Schlager. Derzeit konzentriert sich Oberkalmsteiner auf sein Soloprojekt Zolf & Saturn: Auf elektronischen SoundReisen bringt er verschiedene Hörwelten in Einklang, etwa die Geräuschkulisse am Rittner Horn mit den Tönen einer türkischen Saz und dem Klappern seines Fahrrads. Von Zolf & Saturn sind zuletzt die Minialben „Mare“ und „Monti“ ­erschienen. Zurzeit sammelt Oberkalmsteiner für das Projekt „Unheard Places“ Klänge von vergessenen Orten. www.zolfsaturn.brandcamp.com

„Teşekkürler“ KNRRZ


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IHRE REISE ZU SICH SELBST


DARSTELLENDE KUNST

Während andere im Büro sitzen, tanzt sie. Bis zu acht Stunden täglich. Marion Sparber ist Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin. Ihre Leidenschaft zum Tanz will sie an die Jugend weitergeben. Was vor allem in Südtirol nicht so einfach ist. TEXT ___ Petra Schwienbacher  FOTOS ___ Denis Laner

Wenn sie tanzt, kann es schon mal vorkommen, dass Bilder vor ihrem inneren Auge auftauchen. Wenn sie über den Boden gleitet, ihren Körper verkrümmt und Arme und Beine in Symbiose hält, ist sie in ihrer eigenen Welt. Dann wird ihr Körper zum Instrument, mit dem sie eine Geschichte erzählt. „Manchmal“, gesteht Marion Sparber, „bin ich selbst noch überrascht, was da aus mir heraus kommt, wenn ich nichts plane, sondern es einfach geschehen lasse.“

Für Sparber bedeutet Tanzen loslassen, sich selbst richtig spüren und sich selbst am nächsten sein. „Es ist eine Reise zu sich selbst und eine Verbindung zu den anderen Tänzerinnen und Tänzern“, sagt sie. Diese Reise begann bereits als Kind. Zwischen Technik und Improvisation

Damals wollte Sparber unbedingt Musicaldarstellerin werden. Sie nahm Gesangsunterricht, sang im Chor und besuchte später die Musikschule und eine Musicalschool. Im Alter von 19 Jahren

verließ sie ihre Heimatgemeinde Nals. Seitdem tingelt sie um die Welt: England, Deutschland, Spanien, Südamerika, Schweiz … Erst verschlug es sie als Au Pair nach London, wo sie über weitere Kurse zum Tanzen kam und seitdem nie wieder los davon. Mit zwanzig machte sie an der Iwanson International School of Contemporary Dance in München die Bühnentanzausbildung mit Pädagogikschein, danach ging sie nach Barcelona an das Varium Espai de moviment. Fünf Jahre lebte sie dort, seit fünfeinhalb lebt sie nun im Norden von Berlin. Nahe Wedding, nahe der Berliner Mauer. Hier arbeitet die 34-Jährige als Tänzerin, als Tanzpädagogin und hauptberuflich als Choreografin. Ihr Alltag: ein Wechsel zwischen knochenhartem Techniktraining und Improvisation. Die Arbeit gebe ihr sehr viel, sie bringe sie manchmal aber auch an ihre Grenzen. „Man muss viel Leidenschaft haben, ansonsten ist der Job zu hart“


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„Impro” Marion Sparber

„Avalanche” CuerpOCOllectivO

Tanzend Gefühle darstellen

Sparber folgt von Anfang an ihrem Traum. Die zierliche Tänzerin mit dem offenen Charakter und den durchdringenden Augen ist sehr zielstrebig und lässt sich nicht davon abbringen. Sie lebt das Tanzen, entwickelt eigene Stücke und bringt sie auf die Bühne. Einen richtigen Alltag hat Sparber nicht. Jeder Tag sieht anders aus. Intensive Probephasen stehen im Wechsel mit ruhigeren Tagen, immer vom Tanz bestimmt. Wenn sie Zeit hat, geht sie bereits in der Früh zum Tanztraining – um fit zu bleiben, aber auch um neue Impulse zu bekommen. Dann folgen Unterrichtsstunden oder Proben. Manchmal tanzt sie acht Stunden am Tag – dazu kommen noch die Vorstellungen. Die Konkurrenz ist groß, das Training tough. „Man muss viel Leidenschaft haben, ansonsten ist der Job zu hart“, gibt Sparber zu. Sie hat das Tanzkollektiv ­CuerpOCollectivO mitgegründet, eine Gruppe von zwei Tänzerinnen und einem

Tänzer aus drei Ländern – Costa Rica, ­Nicaragua und Italien –, die sich über unterschiedliche Tanzstile austauschen. Mit dem Kollektiv ist unter anderem der Trio-Partnering-Workshop mit dem Stück „Nefelibata“ entstanden, der zuerst in Berlin, später in Barcelona stattfand. In Costa Rica und Nicaragua soll er noch folgen. „Als Homebase ist Berlin total toll“, schwärmt Sparber. „Es ist eine junge, vibrierende Stadt voller Kultur.“ Berlin bietet heute ein großes Angebot an Tanzworkshops und Installations­kunst. Angetrieben von der Hochschule für Zeitgenössischen Tanz spiegelt sich das auch in den Tanzstilen wider: „Die Ausrichtung in Barcelona ist physischer, nicht so sehr konzeptionell. In Berlin ist es für viele Choreografinnen und Choreografen wichtiger, sich an ein Konzept zu halten und diesem zu folgen, als dem Gefühl.“ Das entspricht eigentlich nicht Sparbers Stil, dennoch hat sie in Berlin viele Tänzerinnen und Tänzer kennengelernt, die sie inspirieren und daher

will sie von der Stadt nicht so schnell wegziehen. Hier kann sie sich ganz dem Zeitgenössischen Tanz widmen. Einer Bewegungssprache, die immer schon ihr Ding war. In keiner anderen kann sie so improvisieren und ihre Gefühle so individuell ausdrücken. Sie folgt ihren Moves ohne nachzudenken, macht Bewegungen, die sie gerade in dem Augenblick fühlt und ist dabei vollkommen frei. Mit ein Grund, warum sie ihre Schritte teilweise etwas anders vorbereitet als andere Choreografinnen und Choreografen. „Als Choreografin möchte ich die unterschiedlichen Persönlichkeiten aller Tänzerinnen und Tänzer herausarbeiten und das Publikum auch überraschen“

Analysieren, diskutieren, lehren

Viele Choreografinnen und Choreografen arbeiten mit Tanznotationen – alle Bewegungsabläufe werden genau aufs Papier gebracht, teils geschrieben, teils skizziert. Auch Sparber hat immer ihr kleines oran-


DARSTELLENDE KUNST

ges Heft dabei, macht darin Notizen, Anmerkungen in Deutsch und Spanisch, sowie einige grobe Skizzen. Es ist der Versuch, einen Tanz auf Papier zu bringen. Bei Choreografien macht sie aber fast nie Notationen. „Da bräuchte ich zehn Seiten für eine zweiminütige Choreo“, lacht Sparber. Sie hat ihre eigene Aufzeichnungstechnik: Sie filmt sich beim Improvisieren. Immer wieder. Sieht sich anschließend die Videos an, analysiert, diskutiert mit Tanzpartnern und feilt am Stil. Später spielt sie den Tänzerinnen und Tänzern die Choreografie vor. „So können sie die Dynamik sehen, die das Stück ausmacht“, erklärt die Tanzpädagogin. Im Unterricht schneidet Sparber die Schritte und Bewegungen dann individuell auf ihre Schülerinnen und Schüler zu. Ihre Gruppen sind bunt gemischt, bestehen aus Studierenden Anfang zwanzig, aus Mitvierzigern, Anfängern und Profis. Nicht jeder hat dasselbe Level, nicht jeder denselben Hintergrund. Eine Herausforderung.

Niemand soll sich unterfordert oder überfordert fühlen. „Mir ist wichtig, dass alle Tänzerinnen und Tänzer authentisch herüber kommen. Ich möchte ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten herausarbeiten und das Publikum auch überraschen“, erklärt Sparber. Die Arbeit als Pädagogin und Choreografin ist ihr sehr wichtig, sie ist nämlich auch Teil ihrer persönlichen Recherche und Entwicklung von choreografischem Material. Die Vorbereitung auf jede Veranstaltung bedeutet harte, zeitintensive Arbeit. Aber durchzuhalten, das hat Sparber schon früh gelernt, ebenso wie sie früh lernen musste, in Südtirol keine Zukunft zu haben. „In unserer Kultur ist der Tanz nicht so verwurzelt, wie in anderen Kulturen, wo Leute auch mal am Tag spontan auf der Straße Salsa tanzen“

Die Welt ist ihr Zuhause

„Man muss der Arbeit immer nachreisen“,

erklärt Sparber. Zumindest der Arbeit als Tänzerin. Nicht immer einfach, vor allem wenn man Familie und Freunde zurücklassen muss. Als Sparber Südtirol den Rücken kehrte, fiel ihr besonders der Abschied von Zwillingsschwester Sonja schwer. Durch das viele Reisen hat Sparber aber auch viel erlebt, viel von der Welt gesehen. In Costa Rica hat sie auf vier Festivals ihr Solo getanzt – auf der Straße und im Dschungel. „Eine verrückte Erfahrung.“ Heute ist die Südtirolerin europäische Botschafterin für die Tanzplattform „Revés“ in Costa Rica. Und auch heute noch ist sie viel unterwegs – immer wieder auch in Südtirol, wo sie das Tanzen fördern möchte. Die Tanzangebote in Südtirol sind vergleichsweise spärlich. Ein Grund, warum Sparber erst spät mit dem Tanzen angefangen hat und ein Grund, warum sie in ihrem ohnehin straffen Zeitplan immer wieder Platz für Workshops in Südtirol findet. Sie arbeitet hierzulande mit


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„Contemporary Training“ Marion Sparber

Jugenddiensten zusammen und will als Tanzpädagogin schon den Kleinsten das Tanzen näherbringen. Vor allem den Zeitgenössischen Tanz gibt es hierzulande noch wenig. Dabei würden Kinder durch Tanzen viel offener werden und Vorurteile abbauen, die immer noch in einigen Köpfen stecken, findet Sparber – wie jenes, dass „Männer, die tanzen, zu sensibel für die Welt oder homosexuell sind“. Solche Aussagen hört die Tanzpäda­ gogin immer wieder. Tanzen ist hierzulande eben noch nicht so angekommen, Leute zum Tanz zu bewegen immer noch schwierig. „In unserer Kultur ist der Tanz nicht so verwurzelt, wie in anderen Kulturen, wo Leute auch mal am Tag spontan auf der Straße Salsa tanzen“, lächelt Sparber. Doch langsam tut sich auch in Südtirol etwas. Dem regionalen Tanz eine Stimme geben

Das große sommerliche Tanzfestival Bolzano Danza – Tanz Bozen ist internati-

onal ausgerichtet und hat sich bereits weit über Südtirols Grenzen hinaus einen Namen gemacht. Zusätzlich versuchen die Veranstalterinnen und Veranstalter die Südtiroler für Tanz zu begeistern, indem sie ihn in Bozen auf die Straße bringen und Tänzerinnen und Tänzer in Schaufenstern und Gassen auftreten lassen. Mittlerweile hat sich auch ALPS MOVE in Südtirol als Festival für Zeitgenössischen Tanz und Bewegungstheater etabliert. Dieses Festival findet im Oktober statt und ist eine Initiative der Südtiroler Tanzkooperative, die regionalem Tanz eine Stimme geben möchte. Sparber wird dieses Jahr in zwei Stücken mitwirken, deren Erarbeitung vom Land Südtirol gefördert wird: „Shell Shock“ und „Impromptu“ des Vereins Idea Tanz und Theater. Bei „Shell Shock“ lernen zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer durch überraschende Ereignisse die Facetten und Charaktereigenschaften der anderen kennen.

Je mehr sie miteinander erleben, desto mehr müssen sie sich von einer starren Überzeugung und einem fixen Schema losreißen, um authentisch ihrem wahren Ich auf den Grund zu gehen. Bei „Impromptu“ zeigt Sparber zusammen mit einer Tänzerin und zwei Tänzern den Aspekt der Improvisation im Tanz – eine interessante aber auch schwierige Aufgabe für Sparber, die sich gerne die Frage nach dem ersten Impuls stellt und nach der intuitiven Bewegung der Tanzenden sucht. „Ich frage mich, inwiefern wir auf der Bühne unsere In­ stinkte als Motor für Choreografie nutzen können, um uns nicht hinter Schritten zu ‚verstecken‘“, erklärt die Tänzerin. Neben ihren Choreografien, Unterrichtsstunden und Workshops trainiert sie bereits seit Mai intensiv für diese zwei Aufführungen im Oktober. Und mit jedem Tag, an dem Sparber mit neuen Leuten tanzen kann, setzt sie ihre Reise zu sich selbst fort und kommt ihrer eigenen Persönlichkeit ein Stück näher.  �


DARSTELLENDE KUNST

BIOGRAFIE ___ Marion Sparber ist 1983 in Nals geboren und hat ihre professionelle Tanz­ ausbildung an den Schulen für zeitgenössischen Tanz an der Iwanson International School of Contemporary Dance in München und am Varium Espai de moviment in Barcelona absolviert. Ihre hervorragende Qualifikation erlangt Sparber durch die Arbeit mit vielen unterschiedlichen Pädagogen und Choreografen aus dem In- und Ausland. Seit 2005 arbeitet die Südtirolerin als Tänzerin, Choreographin und Tanzpädagogin in Italien, Spanien, Russland, Costa Rica, Schweiz, ­Griechenland und Deutschland. Ihre Stücke werden in mehreren Ländern aufgeführt. Sparber ist Mitgründerin mehrerer Tanzkollektive – unter anderem Quimera, Lafamiliacollective und KpiQA-Collective. Sie ist Teil der Gruppe CuerpOCollectivO und performt auf mehreren Festivals in Costa Rica, Schweiz, Russland, Deutschland und Spanien. Sparber gibt Workshops in Spanien und unterrichtet als Dozentin an mehreren Universitäten und Schulen in Deutschland, Russland und Spanien und an den Berliner Profi­ zentren für Zeitgenössischen Tanz Marameo Berlin, Dock 11 und Tanzfabrik. Immer wieder kehrt sie nach Südtirol zurück, um Kinder, Jugendliche und Erwachsene zu unterrichten. Sie will zeigen, wie wichtig die Förderung des Tanzes in Südtirol ist und hat sich dieser verschrieben. facebook.com/Marion.Sparber vimeo.com/marionsparber


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DER SYMPATHISCHE JUNGSTAR

Der Bariton Andrè Schuen: Stimmgewalt, Gesangskultur und Bühnenpräsenz: ein Großer der Klassik.

Arie des Grafen Almaviva „Bari Vedrò mentr'io sospiro“ aus Mozarts Oper „Le nozze di Figaro“

TEXT ___ Mateo Taibon  FOTO ___ Guido Werner

„Bariton Andrè Schuen erfüllte seine Aufgabe mit schlankem Timbre markant und präzise.“ Oder: „… beeindruckt mit vollem Wohlklang und geschmeidigen Koloraturen“; oder auch: „… trumpft mit einem einnehmenden, unwiderstehlichen Prachtbariton auf“; „… singt prächtig und stimmgewaltig“; „… das ist Weltklasse!“ Ein kurzer Blick in die Zeitungen zeigt: Selten sind sich die Kritiker in ­lobenden Worten, ja Bewunderung so einig wie beim Bariton Andrè Schuen. Schuen hat eine wunderbare Stimme, ist ein begnadeter Schauspieler und hat eine phänomenale Bühnenpräsenz. Trotz der Erfolge ist er bescheiden und umgänglich geblieben, und aus seinem Gesicht strahlt die Freude an der Musik. Doch wie umgehen mit soviel Lob oder aber mit Tadel? „Das ist ein schwieriges Thema“, sagt der junge Star. „Ich finde eigentlich, dass ein Sänger grundsätzlich keine Kritiken lesen sollte. Wir geben unser ganzes Herzblut in ein Projekt, und das kann unter Umständen von einem einzigen Satz völlig diskreditiert werden. Gleichzeitig bin ich mir aber bewusst, dass Kritiken für die Musik sehr wichtig sind und zu Diskurs führen, was sehr gut ist.“ Wenn er Kritiken liest, versucht er deshalb, „sie immer zu hinterfragen und mir bewusst zu sein, dass Kritiken auch nur eine persönliche Meinung sind.“ Jene von Andrè Schuen ist die Laufbahn eines Ausnahmekünstlers: Er hat bereits in den großen Musikstädten und mit vielen der bedeutendsten Dirigenten gearbeitet, so mit Simon Rattle,

Nikolaus Harnoncourt, Riccardo Muti oder Daniel Harding. Gibt es da noch Spielraum nach oben? „Ich bin überzeugt, dass es in einem Sängerleben nicht darum geht, mit welchen großen Namen, auf welchen Bühnen man schon gesungen hat oder in welchen Zeitungen man Interviews gegeben hat“, sagt Schuen, „viel mehr geht es mir darum, was ich dem Publikum geben kann, wie ich es schaffe, Emotionen zu transportieren, Menschen zum Nachdenken anzuregen oder mitzureißen. Selbstverständlich ist es ein absoluter Glücksfall, wenn man dazu mit jemandem arbeiten kann, der große Erfahrung und Können besitzt, das hat aber nicht zwingend etwas mit einem klingenden Namen zu tun. Um auf die Frage zurückzukommen: Ich stehe immer noch ziemlich am Anfang meiner künstlerischen Entwicklung, und der Spielraum nach oben ist unendlich.“ Mit Harnoncourt, der Interpreta­ tionsgeschichte wie wenige andere geschrieben hat, hat Schuen drei MozartTraumrollen gesungen: Figaro, Don Giovanni und Guglielmo. „Das war eine unglaubliche Ehre“, erzählt Schuen. „Er war wirklich ein großer Mann mit unfassbarer Begeisterung und Wissen für die Musik. Künstlerisch wachsen werde ich hoffentlich mein ganzes Leben lang, und die Erfahrungen, die ich mit Harnoncourt machen durfte, werden mich immer begleiten.“ Tätig ist Schuen in Oper, Lied und Oratorium, sein Repertoire reicht von Bach und Händel über Mozart zur

­ omantik bis zur Moderne: eine seltene R Vielfalt. Schuen erhielt eine dreisprachige Schulbildung – ladinisch, italienisch und deutsch. Hat dies auch seine Sicht auf die Musik beeinflusst? „Ich glaube schon, dass Mehrsprachigkeit den Horizont erweitert und eine gewisse Sensibilität für Stilistiken, Klangsprachen und Klang­ farben schafft. In dieser Hinsicht bin ich als Südtiroler, als Ladiner, in zwei (Klang)Sprachen, zwei Fächern, wie man oft in der Opernwelt sagt, zuhause, die doch recht weit auseinander liegen.“ Und wie wichtig ist für ihn Ladinisch mit den vielen Vokalqualitäten, die auch eine musikalische Konnotation haben? „Ich finde die eigene Muttersprache sehr wichtig. Im Fall des Ladinischen kommt noch hinzu, dass die Sprachgemeinschaft sehr klein ist und eine sehr lange Geschichte hat. Ich empfinde die Fanes-Sagen zum Beispiel als großes Vermächtnis. Für das Singen kommt oft durch das Ladinische eine leichte Färbung in die Sprache, die auch die Musik bereichern kann, die eigene Klangfarbe, sofern es nicht ein zu starker Akzent ist.“ „Auf dem Sprung zur Welt­ karriere“ schrieb die Süddeutsche Zeitung über den sympathischen Jungstar. Doch mag er das Wort „Karriere“ nicht. „Mein Ziel ist es, so gut wie es mir möglich ist zu singen, die Menschen zu bewegen, Emotionen zu transportieren … Wohin mich meine Arbeit dann führt, wird man sehen.“


MUSIK

Andrè Schuen, n artist d’ezeziun, liëia adöm talënt y impëgn, aladô ch’al crësc inant y madorësc artisticamënter, sciöbëgn che al é bele a n livel dër alt. Schuen á na usc slinghenënta, morjela y gaierda, mo ince les nuances te sü corusc, lapró ál n’articulaziun fina y na frasaziun plëna d’espresciun: al é n cianté pascional y deperpo prezis y analitich. Ci che completëia so profil artistich é la figöra atletica y la bravöra da joblere, la simpatia ch’al é bun da fá nasce tl publich. Le ECHO Klassik, n pest dër renomé, é plü co merité. BIOGRAFIE ___ Andrè Schuen, geboren 1984, wuchs in La Val (Wengen) in einer musikalischen Familie auf (seine zwei Schwestern sind Teil der Pop-Gruppe „Ganes“). Er studierte Gesang sowie Lied und Oratorium an der Universität Mozarteum in Salzburg (Abschluss 2010 mit Auszeichnung) und besuchte mehrere hochkarätige Meisterkurse. 2009 war Schuen Preisträger der Internationalen Sommerakademie des ­Mozarteums, 2010 Mitglied des Young Singers Project in Salzburg. In der Folge wirkte er bei verschiedenen Festspiel-Produktionen mit. Von 2010 bis 2014 war er Ensemblemitglied der Oper Graz, 2014 erhielt er den ORF Publikumspreis des Österreichischen Musiktheaterpreises. Schuen arbeitet in den wichtigen Musik­ metropolen der Welt, bei großen Festivals und mit den bedeutendsten Dirigenten ­unserer Zeit. Mit dem Begleiter Daniel Heide bestreitet er zudem Liederabende von bemerkenswerter Intensität. 2016 erhielt Andrè Schuen den ECHO Klassik-Preis in der Kategorie Nachwuchskünstler Gesang. www.andreschuen.com

Ladinisches Volkslied, Elisabeth, Marlene und Andrè Schuen


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EIN AWARD FÜR IDEEN UND IDEALE Im Mai 2016 richtete die benno barth stiftung onlus erstmals den mit 15.000 Euro dotierten Förderpreis für soziale Kunstprojekte aus, den benno barth award. Von 26 eingesandten Projekten prämierte die Jury jene der Künstlerinnen Ingrid Hora und Maria Walcher. Wer steht hinter dem Award? Und wie sehen die Siegerprojekte aus? TEXT ___ Christine Kofler  BILDMATERIAL___ Leo Angerer + Ingrid Hora + Maria Walcher


BILDENDE KUNST

„Der Award sollte den Charakter und das Denken des Stifters widerspiegeln. Benno hat sich besonders für die Schnittstellen zwischen Kunst und Gesellschaft interessiert.“ Marion Piffer Damiani Die weiße Fassade in der Stadelgasse 12 in Brixen wirkt in ihrer modernen Zeitlosigkeit unscheinbar. Streng geradlinig angeordnete Fenster reichen bis zum Boden. Während Jalousien und Geranien die Nachbargebäude schmücken, ist hier alles Form und nichts Verzierung. Hinter der silbergrauen Stahltür befindet sich im Untergeschoß des Hauses der Sitz der benno barth stiftung onlus sowie eine kleine Bibliothek mit Archivmaterial und den Büchern des Stifters. 1998 baute Benno Barth, Brixner Bauingenieur und Dozent an der Freien Universität Bozen, das Haus in der Stadelgasse um, einst die Tischlerwerkstatt seines Vaters. Nur eines von zahllosen Bau- und Designprojekten, das er zwischen dem Abschluss seines Bauingenieurstudiums 1988 und seinem Tod im Jahr 2007 realisierte. Wer in sein Werkverzeichnis und seine vielen Skizzenhefte blickt, bleibt beeindruckt zurück.

„förderung der ausbildung, der kunst, und hilfe für jene die ihrer bedürfen“

„Wir waren alle überrascht über das Testament.“ Filippa Barth, die Schwester des Stifters und Vorsitzende der Stiftung sowie Marion Piffer Damiani, die Kunstexpertin im Stiftungsrat, sitzen auf der Terrasse des geschichtsträchtigen Hotel Elephant, nur wenige Schritte vom Haus in der Stadelgasse entfernt. „Benno hat sowohl die einzelnen Personen für den Stiftungsrat benannt, als auch deren Funktionen.Ivo und mich als Familienmitglieder, Marion Piffer Damiani als Kunstexpertin, Peter Winkler als Rechtsexperte und Josef Prader als Finanzexperte für den Aufsichtsrat. Wir wählten noch zwei weitere Mitglieder aus: Josef Pichler als Experten für soziale Belange im Raum Brixen und Klaus Vontavon, einen engen Freund von Benno. Dieser schied nach fünf Jahren aus und Brigitte Gasser Da Rui, ebenfalls eine enge Freundin von Benno, ersetzte

ihn. Seit Juni dieses Jahres ist auch Bennos Nichte Anna Barth im Stiftungsrat. Richard Burchia vervollständigt den Aufsichtsrat.“ Seit dem Jahr 2008 ist die benno barth stiftung im Onlus-Register des Landes Südtirol eingetragen und verfolgt den von Benno Barth testamentarisch festgelegten Auftrag, wie die Unterstützung von Bedürftigen im Raum Brixen und die Förderung zeitgenössischer junger Kunstschaffender. Form follows function

Mit „Container“, einer Art mobilem Bibliotheksmöbel an der Schnittstelle zwischen Design und Kunst, machte sich der Stiftungsrat daran, auf das Stiftungsziel der Förderung junger zeitgenössischer Kunst aufmerksam zu machen. Das Möbel begleitet seither wie eine Art „Logo“ die Projekte der Stiftung und wird jeweils mit entsprechender Literatur zum Thema be-


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stückt. So etwa im Jahr 2011, als der „Container“ im Rahmen des Fotoprojektes „Sehen und gesehen werden“ im „Fischerhaus“ in Vintl aufgestellt war. Im vergangenen Jahr schrieb die Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Haus der Solidarität in Brixen dann erstmals den mit 15.000 Euro äußerst stattlich dotierten benno barth award aus, einen Förderpreis für sozial engagierte Kunstprojekte. „Wir haben lange überlegt, wie wir die Förderung junger zeitgenössischer Kunst gestalten und welche Form sich dafür eignet“ erklärt Marion Piffer Damiani. „Hinter der Ausrichtung des Awards stehen vor allem drei Überlegungen: Zum einen sollte der Kunstpreis den Charakter und das Denken des Stifters widerspiegeln und den Umstand, dass sich Benno besonders für die Schnittstellen zwischen Kunst und Gesellschaft interessiert hat. Zum anderen wollten wir kein fertiges Objekt prämieren, sondern dazu beitragen, Kunst zum Entstehen zu bringen, künstlerische Recherche und die Re-

alisierung von künstlerischen Ideen ermöglichen. Gerade für Projekte, bei denen weniger das Artefakt als der Prozess selbst im Mittelpunkt steht, ist es oft schwer, eine Finanzierung zu erhalten. Außerdem haben wir uns gefragt: Was fehlt in der Südtiroler Kunstlandschaft? Was wäre eine sinnvolle Ergänzung?“ Anhand dieser Leitgedanken arbeitete der Stiftungsrat das Konzept aus und der benno barth award nahm Form an. „Dank eines Awards erhalten die Künstlerinnen und Künstler mehr Sichtbarkeit. Wichtig war uns außerdem ein schlanker und unbürokratischer Ablauf“ so Piffer Damiani. Ins Offene gedacht

Für das Kunstprojekt „Sehen und gesehen werden“ hatte die Stiftung bereits erfolgreich mit dem Haus der Solidarität in Brixen zusammengearbeitet und schlug für den Award eine weitere Kooperation vor. Der Rhythmus der Ausschreibung wurde bewusst offen gehalten, auf jeden Fall soll der Preis periodisch vergeben

werden. Voraussetzung für die Förderung ist eine professionelle künstlerische Tätigkeit, ein biografischer Bezug zu Südtirol sowie die Ausarbeitung eines noch nicht abgeschlossenen Kunstprojekts, das sich aktiv mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt, in diesem Feld verschiedenartigste Modelle und Ausdrucksformen erprobt und kritisches Bewusstsein fördert. Bis Mitte Oktober vergangenen Jahres reichten 26 Künstlerinnen und Künstler ihre Projekte ein. Jedes einzelne davon nahm die Jury, die sich aus den Mitgliedern des Stiftungsrats und des Hauses der Solidarität sowie fallweise auch aus externen Experten zusammensetzen kann, genau unter die Lupe. „Vor allem zwei Projekte kamen stets in die nächste Runde. Sie begeisterten alle Jurymitglieder“ erzählt Filippa. „Bei beiden war zu spüren, dass eine starke Idee dahinter steht. Sie waren sehr unterschiedlich, hatten aber auch Gemeinsamkeiten wie etwa das prozesshafte Arbeiten und die konsequente Fortsetzung eines


BILDENDE KUNST

BIOGRAFIE ___ Maria Walcher, geboren 1984 in Brixen, studierte Public Art and New Artistic Strategies an der BauhausUniversität Weimar sowie an der Universität für angewandte Kunst Wien. Ihre Arbeiten wurden u. a. im Charlama Depot in Sarajevo, am Kunstfest Weimar, bei Quartaire Contemporary Art Initiatives in Den Haag und im Maxim Gorki Theater in Berlin gezeigt. Maria Walcher greift häufig ortspezifische und sozialpolitische Themen auf. Dabei spielen internationale und transdisziplinäre Kollaborationen, sowie Interventionen im öffentlichen Raum eine wichtige Rolle. www.mariawalcher.com

bestimmten künstlerischen Schwerpunkts“ erklärt Marion Piffer Damiani. Die Jury entschloss sich letztendlich zwei Preisträgerinnen zu ernennen und mit dem Award beide Projekte zu fördern. querSCHNITT von Maria Walcher

Eine der beiden Preisträgerinnen ist die aus Brixen stammende Künstlerin Maria Walcher. „Es kommt mir sehr entgegen, dass die Realisierung des Projekts nicht auf den Tag genau geplant werden muss. Schließlich habe ich zwei Kinder“ sagt Maria und lacht. Das Prozesshafte des Projekts stünde im Vordergrund, mehrere Personen seien beteiligt und so wäre es schwierig, zeitlich exakt zu arbeiten. Einen groben Zeitraum gibt es freilich: Aktuell laufen die Vorbereitungen, mit April nächsten Jahres beginnt die Durchführung, im Juli werden erste Ergebnisse präsentiert und im Herbst soll die Publikation erscheinen. Maria Walcher hat an der „Angewandten“ in Wien und an der Bauhaus-Universität in Weimar studiert und

lebt in Innsbruck. „Die Einladung zum Benno-Barth-Award landete in meinem E-Mail-Postfach. Ich dachte mir gleich, dass mein Projekt querSCHNITT, das ich schon lange im Kopf hatte, genau den Förderkriterien entsprechen würde. Ich fand es auch schön, dass das Haus der Solidarität beteiligt ist – ein wunderbarer Ort des Austauschs.“ Die Interaktion ist auch der Kern ihres Projekts. Diese findet mittels textiler Medien statt. Gemeinsam mit Studierenden der Universität für Design und Künste in Bozen, Laura Heym und Manuel Immler, baut Maria einen VW-Bus zur mobilen Schneiderei aus, um anschließend auf Dorfplätzen und an Schulen Halt zu machen. Dabei werden sie Schneiderinnen und Schneider begleiten, die erst seit Kurzem in Südtirol leben. „Migrantinnen und Migranten treten nicht als Flüchtende, sondern als Fachleute in Erscheinung, die ihr Können und ihre Erfahrung teilen. Als Menschen, die über professionelle Fähigkeiten verfügen“ so Maria. „Die mobile

Schneiderei wird dabei als Plattform dienen, als Bühne, als Szenerie, die spontan Dialoge und Geschichten entstehen lässt – ganz im Sinne der sozialen Plastik von Beuys.“ Die Fertigkeiten der mitreisenden Schneiderinnen und Schneider aus aller Welt treffen auf traditionelle Südtiroler Textilien und auf die kunsthandwerklichen Fähigkeiten der örtlichen Bevölkerung. Daraus sollen einzelne künstlerische Arbeiten entstehen. „Das kann etwa ein blauer Schurz sein, auf den Symbole des Aufbrechens und Ankommens gestickt werden. Oder handgemachte Sarner Potschn aus afrikanischen WaxprintStoffen. Alles ist möglich, konkret wird es erst vor Ort.“ Nach dem letzten Halt fügen Maria und die Schneiderinnen und Schneider die einzelnen textilen Objekte zu einer raumgreifenden Installation zusammen.

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28-29 BIOGRAFIE ___ Ingrid Hora, geboren 1976 in St. Martin in Passeier, studierte Architektur an der Technischen Universität in Wien und absolvierte einen Master am Royal College of Art in London. Diverse Aufenthaltsstipendien führten sie nach Deutschland, Norwegen, Luxemburg, Indien, Japan und in die USA. Ihre Werke wurden international ausgestellt, u. a. im Kunsthaus Wien, in der Galerie Grey Noise in Dubai und bei der LISTE in Basel. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Berlin. Ihr Interesse gilt dem Kollektiv und seiner Verortung in spezifischen geografischen und historischen Kontexten sowie den Normen, die das Zusammenleben dieser Kollektive bestimmen. www.ingridhora.com

„Rudaali“ von Ingrid Hora

„Es werden selten bis nie Recherchen gefördert. Genau deshalb ist dieser Award so wichtig und toll“ antwortet Ingrid Hora auf die Frage, was das Stipendium für sie bedeute. „Dabei ist die künstlerische Recherche grundlegend, damit ich mich als Künstlerin oder Künstler mental und kreativ weiterentwickeln kann und bildet die Basis für neue Projekte. Diese manifestieren sich dann auch materiell, etwa in Form von Skizzen oder Videos.“ Für Ingrid Hora war die Förderung eine Initialzündung. Nachdem sie den Award erhalten hatte, sagte auch das Goethe-Institut in Dheli Unterstützung für ihre Recherchereise zu. Die in Berlin lebende Künstlerin aus St. Martin in Passeier erforscht in ihren Arbeiten geographische und historische Besonderheiten, etwa soziale Randgruppen oder gesellschaftliche Phänomene und ihren Einfluss auf das Kollektiv und das Individuum. „Wie kom-

men bestimmte Subjekte mit gesellschaftlichen Normen zurecht? Und was passiert, wenn gesellschaftliche Normen sich plötzlich ändern?“ sind Leitfragen in ihren Arbeiten. Im Zentrum des nun geförderten Projekts „Rudaali“ steht das traditionelle Klageritual im indischen Rajasthan. Die Rudaalis sind professionelle Klagefrauen. Sobald ein männliches Mitglied einer höheren Kaste stirbt, werden sie gerufen, um anstelle der Verwandten zu klagen. Mitgliedern höherer Kasten ist es nicht erlaubt, ihren Gefühlen öffentlich Ausdruck zu verleihen. Es sind auch die Brüche, die Hora interessieren – etwa der Weg des Rituals in die moderne Welt. So erklärt sie: „Erhält ein Sohn, der im Ausland studiert, etwa schlechte Noten, bezahlt die Familie Klagefrauen, die dann via Skype ihrer Trauer und ihrem Unmut darüber Ausdruck verleihen.“ Im Oktober wird Hora nach Rajasthan reisen, um sich dort mit

Rudaalis zu treffen und zehn Tage lang an einer Trauerfeier teilzunehmen. Die Bedeutung der Klage in der modernen Welt, das kollektive Klagen und das Outsourcen von Klagen sind die Themen, denen sie während ihrer Recherchereise nachspüren möchte. Dabei wird sie nicht nur Indien, sondern auch andere Länder in den Blick nehmen. Sie wird sich damit auseinandersetzen, in welchem Ausmaß es in der jeweiligen Gesellschaft akzeptiert ist, Gefühle auszudrücken und ob und wie diese kodifiziert sind. Welche Form die Recherche-Ergebnisse schlussendlich annehmen, ist noch offen. Vielleicht markieren eine Reihe von Interviews sowie eine Performance der Rudaali den Abschluss des Projekts. Ein Haus für die Kunst

Das weiße Haus in der Stadelgasse wird Ingrid Hora durch die Steppe Rajasthans und Maria Walcher mitsamt den Schnei-


BILDENDE KUNST

derinnen und Schneidern von einem Südtiroler Dorfplatz zum nächsten führen. Die benno barth stiftung finanziert ihre Tätigkeit unter anderem auch durch die Mieteinnahmen des schnörkellosen Hauses. In einem Gedicht von Benno Barth heißt es: „LIEBER träume weben als häuser bauen.“ Gut, dass er sie trotzdem gebaut hat. Vielleicht lassen sich mit Häusern ja keine Träume weben, aber immerhin künstlerische Ideen verwirklichen. Und das kommt dem ja schon ziemlich nahe.  �

INFO ___ Die benno barth stiftung wurde im Jahr 2007 gegründet. Der Brixner Bauingenieur Benno Barth verfolgte bereits zu Leb­zeiten die Idee, eine Stiftung zu gründen. Als letzten Willen verfügte er, seinen Immobilienbesitz, sein Vermögen und die daraus resultierenden Einnahmen in eine gemeinnützige Stiftung zu überführen. Eines der Stiftungsziele ist die Förderung von junger zeitgenössischer Kunst aus Südtirol. Mit dem benno barth award wurde dieses Ziel realisiert. Im Jahr 2016 wurde der mit 15.000 Euro dotierte Förderpreis für sozial engagierte Kunstprojekte erstmals ausgeschrieben und an die Künstlerinnen Maria Walcher und Ingrid Hora verliehen. benno barth stiftung onlus Stadelgasse 12, 39042 Brixen

bennobarth.stiftung@brennercom.net www.bennobarthaward.it


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L’INTEGRAZIONE PASSA DAL CINEMA Cosa significa oggi essere Sudtirolese? Qual è il ruolo dei confini nella definizione della nostra identità? Quanto conta il contesto in cui cresciamo? Silent Storm Productions, di Sarah Trevisiol e Matteo Vegetti, cerca di trovare una risposta attraverso il cinema. TESTO ___ Nicola Pifferi  FOTO ___ fimstill + Tania Marcadella


FILM


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“Insiders-Outsiders” Silent Storm Productions

Raccontare i confini e il ruolo del contesto in cui si cresce attraverso un film: nasce da questa idea l’esperienza di Sarah Trevisiol e Matteo Vegetti, la prima un’antropologa bolzanina con esperienza di videomaking, il secondo un ingegnere riscopertosi fotografo, originario di ­Novara e trasferitosi a Bolzano per lavoro. Un’esigenza di racconto che per la prima volta affiora nel 2012, quando Sarah inizia a collaborare con Matteo per produrre due documentari sui Krampus, i “diavoli” che accompagnano San Nicola nelle sfilate del sei dicembre in Trentino - Alto Adige. È questa una collaborazione che darà i suoi frutti negli anni successivi, con diversi progetti in ambito sociale che spingeranno i due a fondare una casa di produzione: la Silent Storm Productions. “Insiders-Outsiders”

Dopo la collaborazione per il progetto sui Krampus, il focus si sposta sui confini, un tema che poi diventerà centrale per Sarah e Matteo, tuttora impegnati nella realizza-

zione di un film sull’argomento. Cominciano nel 2014 con “Insiders-Outsiders”, un documentario prodotto grazie a un bando pubblico, da EVAA, l’associazione antropologica sudtirolese, e da franzmagazine, una rivista culturale online sudtirolese. Racconta la storia di alcuni ragazzi, nati in Sudtirolo, ma figli di immigrati. Sono ragazzi che si sentono sudtirolesi, ma che sono trattati dalla Legge italiana come degli stranieri. Cercano di rispondere a una domanda che è riassunta proprio nel titolo del film: siamo Insiders oppure Outsiders? Una domanda che viene posta al pubblico dai volti dei ragazzi, una domanda che assilla Oumar, il protagonista: un ragazzo di 21 anni nato da genitori senegalesi in Sudtirolo, che non ha mai visto il Senegal e che non sente l’esigenza di integrarsi. Non si sente uno straniero nella città di Bolzano: ci è nato, non l’ha mai lasciata e la ama nonostante talvolta si senta respinto dalla società che la vive. È un ragazzo come tanti, figlio di immigrati in Sudtirolo che l’hanno cre-

sciuto come un bambino qualsiasi, un ragazzo che ha studiato nelle scuole sudtirolesi, che ha amici originari di Bolzano e dintorni. Per lui la differenza non esiste. Per gli altri, forse, a volte sì. Il ruolo del contesto

“Il tema delle seconde generazioni di immigrati e dello ius soli è un tema che ciclicamente ritorna”, raccontano Sarah e Matteo, “e noi abbiamo voluto stimolare una riflessione. Senza accuse, ma cercando di comprendere il ruolo del contesto in cui si nasce e si cresce”. Esiste un pregiudizio nei confronti di questi giovani ragazzi, ed esiste una definizione più o meno comune di sudtirolese che si basa su dei confini imposti, a tratti forse artificiosi. L’obiettivo di “Insiders-Outsiders” è proprio di stravolgere queste convinzioni puntando su un effetto, un’emozione, che il documentario vuole creare. A chi ha visto il film non sarà sfuggito: nei confronti dei protagonisti si sviluppa un senso di empatia e vicinanza, studiato e ottenuto


FILM

grazie alla forma narrativa dell’intervista in primo piano e grazie al racconto di Oumar, che scopre, attraverso l’interessante stratagemma di una raccolta di fotografie, le storie degli altri protagonisti. Ma voi in Africa ce le avete le case?

Il padre di Oumar è stato uno dei primi ad arrivare in Sudtirolo. Quando ha deciso di fermarsi a Bolzano, racconta il figlio, gli immigrati erano veramente pochissimi. I bolzanini erano incuriositi da questo “uomo nero” che tanto sembrava diverso. “Ma voi in Africa ce le avete le case?”, “Vivete sugli alberi?” sono solo alcune delle domande che venivano poste al padre di Oumar. Oggi forse è raro sentire pronunciare delle domande così ingenue, ma non è detto che i dubbi siano del tutto fugati. “Insiders-Outsiders” non è per questo solo un documentario, ma è anche un progetto che si è sviluppato in incontri pubblici e workshop nelle scuole, proprio per stimolare domande e per aiutare a darsi delle risposte. Il film è stato presentato in 13

scuole sudtirolesi con l’intento di farne tema di discussione. Sono stati poi realizzati giochi di ruolo e materiali per l’insegnamento che sono stati occasione di confronti diretti. Grazie a questi progetti, racconta Sarah Trevisiol, “si è potuta osservare una grande crescita di tutti i partecipanti, sia dei protagonisti, sia dei ragazzi che hanno preso parte ai workshop”. Tutto ciò ha permesso un avvicinamento delle diverse realtà. Il film è stato anche selezionato come “best practice” dal Ministero degli Interni, assieme ad altri 20 soggetti, per lavorare a delle proposte concrete volte a migliorare la situazione dei giovani come Oumar, e ha partecipato a diversi film festival, quali il Trento Film Festival 2015 e i Bozner Filmtage 2014, ma anche il Lessinia Film Festival 2014 (dove ha vinto il Best Alps Representation Award) e il Münchner Ethnofilmfest 2014.

La lingua

Una delle peculiarità del documentario è quella linguistica: il film è bilingue. Vuole rappresentare l’immigrazione in Sudtirolo come fenomeno globale, che non interessa solo la città di Bolzano, ma anche le valli e il resto del territorio. I giovani protagonisti parlano infatti italiano e dialetto tedesco, “a sottolinearne l’integrazione”, spiegano i registi. Quella della lingua, però, per i protagonisti non è una scelta: non si sceglie se nascere in un quartiere italiano o in uno tedesco, come non si sceglie se nascere in Europa, in Asia o in Africa. Anche questa, secondo gli autori, deve essere una riflessione importante, che riporta nuovamente al tema dello ius soli. Sono trascorsi ormai tre anni dalla première al Filmclub durante i Bozner Filmtage 2014, ma ancora oggi “Insiders-Outsiders” riesce ad attirare l’attenzione del pubblico sul tema del riconoscimento della cittadinanza. Il tema più generale, però, è quello dei confini, centrale per la ricerca di Sarah e Matteo.


34-35

L’Asia

Dopo il successo di “Insiders-Outsiders”, Silent Storm, la casa di produzione di Sarah e Matteo, decide di concentrarsi su un progetto innovativo che possa stravolgere le loro realtà: un viaggio in Asia alla ricerca di diverse storie da raccontare, ma con il tema dei confini sempre in mente. Nascono una serie di documentari. L’obiettivo finale del viaggio è raccontare il Gajan, un festival indiano a Calcutta. L’hook swinging e la mortificazione corporale della divina casta intoccabile costituiscono il fulcro di questo festival, in cui il sangue è visto come un “fertilizzante” divino per la terra. Anche qui la ricerca della forma narrativa più adatta è stata fondamentale. “Abbiamo trovato questo ragazzo, Surajit, che ha funto da protagonista”, raccontano i registi. Così hanno potuto ricreare quel senso di empatia e di vicinanza che si può avere solo con un autentico protagonista del racconto. Durante questo viaggio, però, molte altre storie vengono trasformate in documento: da

quella degli Armeni di Calcutta, a quella dei monasteri dell’isola di Majuli, sul fiume Brahmaputra in Assam orientale, che rischiano di svanire a causa dell’erosione che colpisce il lembo di terra su cui si trovano. Dopo l’India, il viaggio di Sarah e Matteo continua nell’Asia sud orientale, dove i due artisti continuano a scattare fotografie fino ad arrivare a Bali. È proprio lì che nasce un nuovo progetto.

team sudtirolesi, composti da uno sceneggiatore, o un regista, e un produttore. Dopo il percorso di formazione, alcuni di questi avranno a disposizione un budget per realizzare il cortometraggio da loro progettato. “Stato di Gloria”, l’idea di Sarah e Matteo viene premiata e selezionata, assieme ad “Angst” di Daniel Andrew Wunderer e “Der Wolf” di Martin Reifer e Benjamin Thum.

Raccontare i confini

Nasce quindi l’idea di produrre un mockumentary, ovvero un film di finzione che però sfrutti uno stile documentaristico a fini satirici. Uno degli esempi più famosi di falso documentario (questo il termine italiano) è “Zelig”, film di Woody Allen del 1983. Un altro è “Borat - Studio culturale sull’America a beneficio della gloriosa nazione del Kazakistan”, di Larry Charles del 2006. In un secondo momento, grazie anche a un incontro con Leonardo Staglianò della Scuola Holden, Sarah e Mat-

L’Innovation Development Marketing Südtirol Alto Adige apre un nuovo bando: “RACCONTI | Local Plus”. Questo progetto dà la possibilità a Sarah e Matteo di mettersi alla prova. Come si scrive una buona sceneggiatura per un cortometraggio? A che cosa bisogna fare attenzione nella gestione del budget di un film? Quali trucchi deve assolutamente conoscere un buon regista? A queste domande provano a rispondere una serie di esperti in un progetto che per alcuni mesi riunisce sei

“Stato di Gloria”


FILM

SCHEDA TECNICA “STATO DI GLORIA” CAST Gloria BIOGRAFIE ___

Filippo

Sarah Trevisiol, nata a Bolzano nel 1983, è cresciuta mescolando le culture italiana, tedesca e ladina. Ha studiato antropologia a Torino e a Bologna e ha lavorato in diverse

Capo Division Solutions Separatista Mamma

KAROLINE COMARELLA DANIEL RUOCCO MICHELE FIOCCHI MAX MERANER LIZ MARMSOLER

Organizzazioni Non Governative. Ha sempre avuto la passione del videomaking e si occupa di ricerca sociale. Matteo Vegetti, nato a Novara nel 1977, di formazione ingegneristica, ha studiato a Torino e a Grenoble. Era un

CREW Regia e sceneggiatura Produzione

fotografo, regista e sceneggiatore cinematografico. Insieme sono Silent Storm Productions, una casa di produzione indipendente, fondata da loro nel 2015, che racconta le esperienze uniche di persone, comunità e ONG, con l’obiettivo di promuovere il dialogo e lo scambio. Vogliono rappresentare il “silent storm” (la tempesta silenziosa) di voci, storie ed eroi ignorati dai media tradizionali. silent-storm.com

ALBOLINA FILM SRL E SILENT STORM

ingegnere elettronico, ma dopo un viaggio tra Vietnam e Italia non è riuscito a rimettersi giacca e cravatta. Oggi è un

MATTEO VEGETTI

PRODUCTIONS Coproduzione Produttrice Coproduttore Produttore esecutivo Aiuto regia DOP Assistente DOP Suono e montaggio

FUSILLY SARAH TREVISIOL MATTEO MARZANO WILFRIED GUFLER FRANCESCA BERTIN SEBASTIANO LUCA INSINGA SIMONE CARGNONI ELISA PIRIA, GIULIA LA MARCA

Set design Costumi Trucco

BARBARA ELIAS DA ROCHA KATHARINA FORCHER ROHR MARIKA CAPPELLO FERRANTE

teo decidono di rivalutare la scrittura classica del film di finzione, scelta che permette loro di vincere il premio “RACCONTI | Local Plus” e registrare il film. Inizia così, come la definisce Matteo, “una delle cose più difficili che abbia mai fatto”. Nel sentirlo raccontare, però, si capisce anche che questa è probabilmente una delle cose più esaltanti che abbia mai fatto e che sta volgendo al termine, essendo il film in fase di ultimazione. Un intero cast, con cinque attori e 20 collaboratori della troupe impegnati in una commedia distopica, dal titolo “Stato di Gloria”, in cui viene raccontata una realtà parallela. In questa finzione, gli Stati continuano a separarsi e i confini continuano a essere spostati. C’è un’azienda, la Division Solution, che si occupa proprio di offrire i servizi di separazione ai Paesi. Gloria (Karoline Comarella) e Filippo (Daniel Ruocco) sono innamorati e in una di queste scissioni stanno per essere separati. C’è un problema, però: Filippo lavora proprio per Division Solution.

Si rivede anche in questa storia, Direttore casting CHRISTIAN MAIR che sarà presentata nei prossimi mesi in Musiche DARIO MONGELLI diversi festival internazionali, il focus di Colorist PIERPAOLO FERLAINO Sarah e Matteo, che continuano un’analisi importante sul tema dei confini e sul SPECIFICHE tema della cittadinanza. “Anche da questo Durata 18 MINUTI film speriamo possano nascere domande e perplessità nel pubblico, in modo da stiLingua ITALIANO molare il dibattito” spiega Matteo. C’è poi Colore COLORE un altro obiettivo che i due artisti si sono Suono STEREO prefissati per questa produzione: uscire Sottotitoli TEDESCO, LADINO, INGLESE, dall’ecosistema del pubblico che già conoITALIANO, FRANCESE scono e portare questi temi anche a chi Formato di ripresa 4K non se ne interessa solitamente. Una bella Distribuzione DCP sfida, che ha influenzato la scelta della fiction al posto del falso documentario. E c’è da augurare loro buona fortuna. Aspettiamo solo la première per tornare a farci delle domande, e forse a darci delle risposte.  �


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franzmagazine.com: the multilingual magazine, keeping the world informed about what is contemporary, innovative and visionary in South Tyrol and its surroundings for 7 years.

An original franz production, filling the streets of South Tyrol with music since 2013. BUSK Singer Songwriter Festival makes the streets great. Again.

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Take a break, take a merenda: you’ll get what you deserve. Rosengarten was an invitation and call to action – and for five years the festival of creatives in Bolzano.


GASTBEITRAG

Bolzano’s fashion victim with a talent to (re) discover and (re)invent South Tyrolean traditions. This is franzLAB co-founder Anna Quinz.

Bolzano’s (or maybe South Tyrol’s) best informed party girl with a keen sense of (music) trends and nice people. Meet franzLAB cofounder Kunigunde Weissenegger on the road.

Bolzano’s best integrated intruder (all the way from Rio the Janeiro) and most stylish mama. Barbara Elias da Rocha brings a fresh look from outside to franzLAB.

It’s 2017, Sissi is gone, franz is with Josef now. Always hungry…

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One step ahead: franz is very good at finding the right people for the right job. The franz crew likes scouting and mentoring new talents as much as pioneering the future.

More than a magazine. More than a network. More than a communication agency. More than apples and cows.

Intruders is a project that welcomes and fosters a network of people coming to South Tyrol to follow the loves of their life, their job or simply their craving for more.

BE NICE OR GO AWAY


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BILDING Eine Kunst- und Architekturschule für Kinder und Jugendliche in Innsbruck und ihr neues Zuhause. TEXT ___ Quirin Prünster  FOTOS ___ Günter Richard Wett

Was ist bilding? Und worum handelt es sich bei diesem nicht klar umrissenen Baukörper, der 2015 im Rapoldipark in Innsbruck „gelandet“ ist? Noch dazu anstelle eines durch seine oft zweckentfremdete Nutzung beeinträchtigten Skateparks. Die andere Frage, die sich spontan stellt, kann gleich beantwortet werden: Es handelt sich nicht um einen Tippfehler! Im Gegenteil, es ist ein gelungenes Wortspiel, das die Einrichtung und die Gruppe von Menschen, die sich darin und im näheren Umfeld bewegen, eigentlich sehr treffend beschreibt. Die Antwort auf die einleitende Frage muss mit dem „aut. architektur und tirol“ beginnen. Das Tiroler Architekturzentrum wurde 1993 gegründet und befindet sich seit 2005 in dem umgebauten Sudhaus der ehemaligen Brauerei Adambräu in der Nähe des Innsbrucker Bahnhofs. Selbst erklärtes Ziel des unabhängigen Vereins ist es, kompetenter Ansprechpartner für

Fragen zur aktuellen Architektur in Tirol zu sein. In diesem Sinne finden dort Ausstellungen, Vorträge sowie Filmvorführungen zum Thema Architektur und Bauen statt. Von Beginn an war die Vermittlung von Architektur an Kinder und Jugendliche ein wichtiger Programmpunkt, der seit 2007 von Monika Abendstein betreut wird. 2009 gründete Abendstein außerdem die KUNSCHTschule Tirol für Kinder und Jugendliche. In verschiedenen und ständig wechselnden Räumlichkeiten wurde in den Jahren bis 2014 über spezielle Programme, u. a. „aut: kids“, „aut: minikids“ sowie KUNSCHTschule, aber auch in Zusammenarbeit mit Schulen und Kindergärten versucht, Architektur und Baukultur thematisch für diese Zielgruppe aufzubereiten. Baukultur im Kindesalter

Bei der Architekturvermittlung geht es prinzipiell darum, Kinder und Jugend­ liche anzuregen, sich mehr mit ihrem ­gebauten Umfeld auseinanderzusetzen


TIROL

bzw. ihre eigenen Ansprüche an Räume zu entwickeln. Dieser Ansatz gründet dabei auf der Hoffnung, dass durch die frühe Ausein­andersetzung mit Architektur eine Gesellschaft entsteht, die von ihren Häusern und Plätzen mehr fordert als die reine Zweckerfüllung, und dass der kreativen Arbeit künftig mehr Wertschätzung entgegen gebracht wird. Aktuell findet Architekturvermittlung in Österreich und noch mehr in anderen europäischen Ländern hauptsächlich außerhalb der Schule statt. Wobei sich Architektur, ein Bereich, welcher Kunst, Technik, Mathematik sowie wichtige kulturelle und soziale Aspekte umfasst, eigentlich ideal als fächerübergreifende Materie anbietet und somit Platz in den Lehrplänen finden könnte und sollte. Denn Architektur wird längst nicht mehr nur in Fachzeitschriften oder auf Kulturseiten besprochen. Die mediale Präsenz der Diskussion über Architektur rückt das Thema immer stärker in das Bewusstsein der Öf-

fentlichkeit. Je mehr die Thematik der Baukultur und Qualität zum Gesprächsthema wird, umso mehr wird es wichtig, den Beteiligten die nötigen Mittel für diese Diskussion zur Verfügung zu stellen. Dabei ist die Aufgabe der Architekturvermittlung jedoch weder die der Geschmackserziehung noch der Auftragsbeschaffung für Architekten und Planer, sondern vielmehr die, eine sinnvolle und bewusste öffentliche Diskussion zu fördern. bilding – das Haus

Im Anschluss an die Architekturbiennale in Venedig 2012 mit dem passenden Titel „Common Ground“ – bei der Arno Ritter vom „aut“ in seiner Rolle als Kommissär des österreichischen Pavillons u. a. das erste Symposium für Baukulturvermittlung veranstaltete – beschlossen Monika Abendstein und Arno Ritter, die bestehenden Angebote zur Kunst- und Architekturvermittlung zusammenzuführen und weiterzuentwickeln. Dieser Idee ent-

sprang auch der Wunsch nach einem geeigneten Ort für die Tätigkeit. Ein Verein, dessen prinzipielles Anliegen es ist, gebauten Raum lesbar und erfahrbar zu machen, hat verständlicherweise das Bedürfnis nach ebendiesem. So wurden in Zusammenarbeit mit interessierten Architekten und Kreativen aus dem Umfeld des „aut“ ein Raumprogramm und erste Studien zu einem Gebäude für die Architektur- und Kunstvermittlung erstellt. Zur gleichen Zeit begannen auch die Gespräche mit der Stadt Innsbruck bezüglich eines geeigneten Standorts. Ein Bauplatz wurde zuerst in der Mitte des Rapoldiparks gefunden, dann aber an die Stelle des damaligen Skateparks an die Südseite verlegt. Eine gute Wahl, bot doch der neue Standort sowohl die Freiheit eines Stadtparks als Ort, der von diversen kulturellen und sozialen Schichten genutzt wird, als auch die Nähe zum Stadtzentrum und somit zu zahlreichen sozialen Freizeiteinrichtungen und Schulen.


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INFO ___ bilding bewohnt im Rapoldipark in Innsbruck seit 2015 sein eigenes Gebäude. 2014 ging die Einrichtung aus dem „aut“ und der 2009 von Monika Abendstein gegründeten KUNSCHTschule Tirol hervor. Die Kunst- und Architekturschule bilding bietet in fünf Werkstätten zu den Themen Architektur, Bildhauerei, Malerei, Medien und Grafik ein Jahresprogramm für Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 19 Jahren an. Die Leiterin Monika Abendstein und ein Team aus Berufstätigen in der jeweiligen Sparte ­thematisieren Architektur- und Kunstvermittlung als gemeinsames „nebeneinander Arbeiten“ auf Augenhöhe. 2016 wurde das Gebäude mehrfach mit Architekturpreisen ausgezeichnet. www.bilding.at facebook.com/bilding.KunstundArchitekturschule

Nachdem sich verschiedene Ansätze der vorgelegten Projekte als schwer umsetzbar erwiesen, wurde 2014 ein neuer Weg eingeschlagen: Ausgehend von der Überlegung, dass junge Leute die besten Ratgeber für die Bedürfnisse junger Nutzerinnen und Nutzer seien, beschloss man über das „Studio 3 – Institut für experimentelle Architektur“ der Universität Innsbruck Studierende mit der Planung des bilding zu beauftragen. Dies geschah im Rahmen einer Bachelor Arbeit unter der Leitung von Prof. Volker Giencke, bei der 30 Studentinnen und Studenten 17 verschiedene Projekte in Form eines Architekturwettbewerbs erarbeiteten. Das von einer Fachjury gekürte Siegerprojekt wurde im Team von allen Studierenden gemeinsam ausgearbeitet und verwirklicht. Von Anfang an war klar, dass das Bauvorhaben sich hauptsächlich auf Sponsoring stützen muss. Auch deshalb erwies sich der experimentelle Ansatz in Planung und Entwurf als Entscheidung

mit Weitblick, weil dadurch die Unterstützung von Baufirmen gewonnen werden konnte, deren Anliegen es ist, genau diese Art des Bauens zu experimentieren. Parallel zum Firmensponsoring wurde eine Bausteinaktion ins Leben gerufen. Abgesehen von diesen direkten Finanzierungen und den Materialspenden war vor allem der freiwillige Einsatz der Studierenden und der Freunde des bilding ausschlaggebend für die Errichtung. Bei dem Bau handelt es sich um einen reinen Holzbau aus Brettschichtholzplatten, die mit einem weißen Folienmantel verkleidet wurden. Die Haustechnik wurde auf ein Minimum reduziert, das Warmwasser vom nebenan liegenden städtischen Schwimmbad hergeleitet. Der Grundriss arbeitet mit sich ineinander verschränkenden Räumen, deren Richtungen von den Ausblicken und den zum Park hin entstehenden Außenräumen beeinflusst scheinen. Dadurch entsteht ein offener Raumplan, bei dem die Innenräume in fließenden Übergän-

gen über ein zentrales „Foyer“ erschlossen werden. Der Innenraum entwickelt sich auf verschiedenen Höhen, die gänzlich über Rampen erreicht werden, wodurch das gesamte Gebäude barrierefrei ist. Die Raumaufteilung befindet sich sichtlich in Symbiose mit den Nutzerinnen und Nutzern und deren Tätigkeit. Durch die spannende Raumfolge entstehen ständig neue Durchblicke, die Neugierde wecken. Und Neugierde wecken ist eines der erklärten Ziele des bilding. Die „Lehr“-Tätigkeit

Im bilding widmet man sich in fünf Werkstätten dem Thema der Architekturund Kunstvermittlung. Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 19 Jahren können die Ateliers Architektur, Malerei, Bildhauerei, Medien (Film) und Grafikdesign besuchen. Diese sind als Jahresprogramme mit wöchentlichen Veranstaltungen organisiert und werden von Berufstätigen aus der jeweiligen Sparte geleitet. Neben dem Jahresprogramm


TIROL

werden auch Workshops zu allerhand weiteren künstlerischen Themen angeboten. Wie schon vor der Errichtung des eigenen Baus im Rapoldipark sucht der Verein dabei die Zusammenarbeit mit anderen kulturellen Einrichtungen sowie Schulen und Kindergärten und übt diese erfolgreich aus. So gibt es derzeit eine dauerhafte Zusammenarbeit mit Einrichtungen wie dem Festival „Klangspuren“ und dem Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum. Bis auf einzelne Workshops wird die Teilnahme an den Werkstätten gänzlich unentgeltlich angeboten. Dass das „didaktische“ Angebot kostenlos bleibt, ist ein wichtiger Aspekt und für Monika Abendstein eine grundlegende Einstellung: Durch diese „Preispolitik“ werden soziale Hürden überwunden oder treten erst gar nicht auf und eine Erwartung zur Einhaltung von „Lehrzielen“ wird bereits im Keim erstickt. „Es ist kein Lehren, und wir sind auch alle keine Lehrerinnen und Lehrer“, sagt die Leiterin des bilding.

­ igentlich sei es mehr ein „Zeigen“ und in E vielen Fällen ein „nebeneinander Arbeiten“. So sollen die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen selbst die Verantwortung des Lernens übernehmen. Die Organisatoren legen großen Wert darauf, das Programm des bilding nicht als Lehrplan mit Leistungsvorgaben sondern ergänzend zum Schulunterricht als praktische Schulung zu gestalten und bemühen sich vielmehr um einen emotionalen Austausch im Sinne eigenen „Be-greifens“ und die unbewusste Entdeckung und spielerische Entwicklung von Interessen, Fähigkeiten und Talenten.  �


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ÜBER DIE KONSERVIERUNG DER SEELE IM MOMENT Sie schreibt Romane, Kurzgeschichten sowie Texte für Poetry Slams – und das alles im zarten Alter von sechzehn Jahren. Lena Wopfner aus Marling ist ein Phänomen. Ende letzten Jahres hat sie ihren ersten Roman „Mondlächeln“ über die Online-Plattform „meinbestseller.de“ veröffentlicht und ist seither aus der Literaturszene Südtirols nicht mehr ­wegzudenken. TEXT + FOTOS ___ Pia Tscholl

Inmitten duftender Blumen, mit wunderschönem Blick auf das Meraner Land, die goldenen Locken aus dem Gesicht gestrichen, sitzt Lena im Garten und schreibt. An Ideen, die ihr als Stoff für die Geschichten dienen, mangelte es Lena noch nie, davon zeugt ein kleines, braunes Notizbuch, welches beidseitig randvoll mit Wörtern gefüllt ist. Die erste Seite wird von einem gepressten, vierblättrigen Kleeblatt geschmückt, welches Lena in Weimar, der Heimat Goethes und Schillers, gefunden und anschließend in ihrem Notizbuch gepresst hatte. „Generell habe ich immer etwas dabei, um mir Notizen zu machen“, erklärt Lena, denn sie schreibt lieber analog als digital. Die Qualität der Texte sei besser, man müsse viel mehr darüber nachdenken, welche Gedanken es wert sind, auf Papier verewigt zu werden. Lena versucht in ihrem Alltag grundsätzlich Abstand von einer digitalen Welt zu nehmen. Sie selbst besitzt weder einen Social-Media-Account, noch

nutzt sie WhatsApp. Sie möchte sich nicht gefangen nehmen lassen von einer virtuellen Realität, sondern ihre Zeit lieber sinnvoll investieren. „Das Schreiben ist für mich beispielsweise eine sehr sinnvolle Tätigkeit“, fügt Lena ihrer Erklärung bei. Die Begeisterung für das Schreiben ist bei der jungen Autorin seit dem achten Lebensjahr präsent und vor allem konstant vorhanden. So stellte sie ihren ersten Roman „Amanda – Das mysteriöse Mädchen“ nach einem gescheiterten Versuch im Alter von nur zwölf Jahren fertig, veröffentlichte den Text aber nicht. „In erster Linie ging es mir bei ‚Amanda‘ darum, zu prüfen, ob ich überhaupt in der Lage bin, Bücher zu schreiben“, erläutert Lena. Offensichtlich ist sie es

216 Seiten zählt ihr erster Roman, dessen Inhalt sich um ein mysteriöses Mädchen namens Amanda rankt – und um ein Buch, das den Titel „Mondlächeln“ trägt.


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„Mir hat dieser Titel sehr gut gefallen“, schwärmt Lena. So gut, dass ihr zweiter Roman, den sie im Alter von dreizehn Jahren fertig gestellt hat, denselben Namen trägt und um dieses Buch aus „Amanda“ konstruiert worden ist. Für den 436-seitigen Fantasy-Roman „Mondlächeln“ entsprangen Lenas Phantasie die Charaktere Eleonora und Kevin, die über ein magisches Geheimnis hinweg eine Beziehung wagen. Übrigens wählt die Schriftstellerin für die Figuren ihrer Texte immer Namen, zu denen sie in der Realität keinen Bezug hat. „Ich würde die Charaktere ansonsten zu stark in Verbindung bringen mit Personen, die im realen Leben existieren“, erklärt die junge Autorin. Der Roman selbst ist aus der Sicht Kevins geschrieben, weil Lena die Figur der Eleonora durch seine Augen in all ihren Facetten von außen beschreiben wollte. Dies hat den Grund, dass sich die Schriftstellerin stark mit den Hauptpersonen ihrer Werke auf einer persönlichen,

nicht aber autobiographischen Ebene identifiziert. „Ich selbst habe mich in dieser Zeit oft anders gefühlt und habe mich häufig gefragt, wie mich andere Menschen von außen sehen“, erläutert Lena. Dieses Anderssein und vielleicht auch der Mut zum Anderssein ist die Botschaft, die hinter dem Buch steht. „Das Thema der Ausgrenzung von Menschen, die anders sind, ist sicherlich ein Thema, das noch einer Aufarbeitung in unserer Gesellschaft bedarf“, erachtet die Schriftstellerin und findet unter anderem in dieser Notwendigkeit einen Grund, ihren Roman zu veröffentlichen. Zwischen Introversion und Extraversion

Das Schreiben zeichnet sich für Lena durch eine gewisse Ambivalenz aus: es ist ein persönlicher Rückzugsort, dem eine starke Autonomie innewohnt, aber es ist vor allem auch die Kommunikation aus dieser eigenen Welt in die reale, die das Schreiben ausmachen. „Mir gefällt es, mit

Wörtern zu spielen und zu beobachten, welche Wirkung Wörter auf Menschen haben“, beschreibt Lena diese Dichotomie, „so versuche ich, den Menschen bestimmte Thematiken auf eine andere Art und Weise zu zeigen.“ Um diesen Schritt der Mitteilung von „Mondlächeln“ vollziehen zu können, hat sich Lena im Sommer 2016 ganz konkret mit Möglichkeiten der Veröffentlichung von Texten auseinandergesetzt. Dass es schwierig werden wird, einen herkömmlichen Verlag zu finden, der eine so junge Autorin unterstützt, war Lena von Anfang an bewusst. „Während meiner Suche bin ich dann schließlich auf die Online-Plattform ‚meinbestseller.de‘ gestoßen“, erzählt Lena. Dabei handelt es sich um einen Self-PublishingVerlag, das heißt, die Autorin beziehungsweise der Autor muss alle Schritte der Veröffentlichung selbst vollziehen. Lektorat, Korrektorat, Buchcover, Layout und am Ende auch das Marketing und der Vertrieb müssen demnach in Eigenarbeit gestemmt werden. Trotz des großen Auf-


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„Es erinnerte ihn an Tage, als die Tropfen auf die Noten seiner Freunde gefallen waren. Sie hatten in Plastikfolien gesteckt, damit sie nicht im Wasser untergehen würden. Und damit er den Regen darauf hören konnte.“ Aus: „Welche Farbe hat Regen?“, Kurzgeschichte

wands, der für eine Publikation betrieben werden muss, hat sich Lena für diese Art der Veröffentlichung entschieden. „Es fallen keine Kosten für mich an, weil auf Anfrage gedruckt wird. Das heißt, interessiert sich ein Käufer für das Buch, wird es extra für diesen Käufer gedruckt“, argumentiert sie, „zudem darf das Buch so bleiben, wie ich es mit dreizehn Jahren geschrieben habe, was bei einem herkömmlichen Verlag vielleicht nicht der Fall gewesen wäre“. Das zensurfreie Schreiben ist der jungen Autorin sehr wichtig. Sie versucht nämlich, ihre momentane Persönlichkeit in jedem ihrer Text zu konservieren. Lenas Bücher sind für sie eine Chronik ihrer Individualität, „wenn ich meine älteren Bücher lese, dann sehe ich eine ganz große Veränderung bis jetzt und ich möchte, dass das auch die Leser sehen“. Dies ist unter anderem einer der Gründe, weshalb Lena auch rückblickend noch sehr zufrieden mit ihrem Buch „Mondlächeln“ ist, das sie mittlerweile schon fünf Mal gelesen hat.

„Bei diesem Buch ist es so, dass ich mir sage, die dreizehnjährige Lena hätte es in dieser Form zufriedenstellend gefunden“, erklärt die Autorin, „auch wenn die sechzehnjährige Lena vielleicht nicht über jede Stelle im Buch glücklich ist“. Anders als gewohnt

Mit der Veröffentlichung des Buches „Mondlächeln“ Ende 2016 hat sich in Lenas Leben einiges geändert. Vor allem die Marketingaktivitäten, die durch das Self-Publishing ihr selbst überlassen sind, gehören seither zum Alltag. Lena versucht diese ganz konventionell über Buchvorstellungen und Lesungen zu bewältigen, weil sie den Weg über soziale Netzwerke vermeiden möchte. Bisher stellte sie ihr Buch „Mondlächeln“ in Marling, Lana und Algund vor, wobei sie sich vorbehält, manche Einladungen zu Buchvorstellungen abzulehnen. „Ich habe Angebote zu Buchvorstellungen aus Dörfern erhalten, von denen ich keine Bewohner kenne. In solchen Fällen halte ich es eher für nach-

teilig, Buchvorstellungen abzuhalten“, erklärt Lena, zudem seien die zeitlichen Ressourcen während der Schulzeit begrenzt. Mittlerweile hat die junge Autorin ungefähr 65 Exemplare ihres Werks verkauft, von denen sie die meisten selbst vertrieben hat, vor allem in ihrem Freundes- und Verwandtenkreis. Über die Online-Plattform „meinbestseller.de“ kann das Buch zwar auch gekauft werden, der Erwerbsprozess gestaltet sich jedoch etwas umständlich. Lena hält den Preis für „Mondlächeln“ mit 16,50 Euro bewusst tief. „Ich bin noch jung. Sollte ich einmal ein wirklich grandioses Buch schreiben, kann ich den Preis immer noch erhöhen“, erläutert die Autorin. Mit jedem über das Internet verkauften Buch verdient sie ungefähr 1,50 Euro. Circa zehn Euro des Buchpreises werden für die Druckkosten abgezogen, etwas weniger als fünf Euro für die Transaktionskosten, welche für Bankomatumrechnungen und Werbeanzeigen


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auf unterschiedlichen Webseiten berechnet werden. Mehr Geld bleibt Lena, wenn sie die Bücher selbst statt über das Internet verkauft, da somit die Transaktionskosten entfallen. In Buchhandlungen ist „Mondlächeln“ noch nicht in den Regalen zu finden. Dazu wären neue Preisverhandlungen nötig, doch kann man es auf diesem Wege etwas einfacher bestellen. Reich im wirtschaftlichen Sinne wird Lena durch ihre literarische Tätigkeit im Moment nicht. „Das war aber auch niemals meine Intention“, fügt sie hinzu, „da ich noch jung bin und das ganze Leben vor mir liegt, denke ich nicht, dass man schon viel Geld damit verdienen muss“. Viel mehr, als nur Geld

Lena bekommt ohnehin vieles vom ­Schreiben zurück, was mit Geld nicht aufzuwiegen wäre. Neben der Anerkennung für ihr Werk und den positiven Rück­ meldungen ist es vor allem auch die

­ rfahrung, die sie reich macht. „Wenn E man mich jetzt als Sechzehnjährige sieht und das Buch, das ich als Dreizehnjährige geschrieben habe, merkt man, dass sich mein Schreibstil mittlerweile verändert hat“, stellt die junge Autorin fest, „ich habe mich weiter entwickelt“. So hat Lena mittlerweile ein eigenes System der Textanalyse und -überarbeitung kreiert, mithilfe dessen sie die Qualität ihrer Werke prüft und verbessert. „Generell ist mir bei meinen Texten eine gewisse ‚Verbfaulheit‘ aufgefallen“, so nennt man es, wenn man häufig dieselben einfachen Verben für bestimmte Handlungen verwendet, ohne eine treffendere, konkretere Formulierung zu suchen. Auch in der Planung und Organisation hat die Schriftstellerin große Fortschritte gemacht. Während sie ihre ersten Bücher kapitelweise geplant hat, steht inzwischen ein kompletter Organisationsplan am Beginn jeden Buches, der es ihr durch die kleinteilige Konzeption erlaubt, einzelne Abschnitte bei Bedarf im

Voraus zu schreiben. „Ich mag Ordnung“, kommentiert Lena ihr Vorgehen, „spontane Wendungen baue ich nur ein, wenn ich wirkliches Potential darin sehe“. Trotz der großen persönlichen Entwicklung in ihrer literarischen Tätigkeit bleibt Lena im Verlauf der Jahre dem Fantasy-Bereich treu. „Mich hat immer schon dieses Magische angezogen“, und so ist es auch nicht verwunderlich, dass ihre fünf in Bearbeitung stehenden Romane, die noch auf die Veröffentlichung warten, ebenfalls in diesem Genre anzusiedeln sind. Einer davon ist die Fortsetzung von „Mondlächeln“, der noch vor Ende dieses Jahres über die Online-Plattform „meinbestseller.de“ erscheinen soll. Jeweils zwei der verbleibenden Romane, von denen jeder mit dem beeindruckenden Umfang von 300 bis 400 Buchseiten angelegt ist, bilden eine eigene Buchreihe. In zwei der letzt genannten Bücher steht eine magische Naturwelt im Mittelpunkt. Durch sie hat Lena versucht, eine Steigerung der realen Landschaft zu kreieren,


LITERATUR BIOGRAFIE ___ Lena Wopfner, geboren 2000, ist Autorin zahlreicher, auch preisgekrönter Kurz­ geschichten, Romane und Texte für Poetry-Slams. Die Marlingerin hat kürzlich die dritte Klasse des Sprachengymnasiums Meran erfolgreich abgeschlossen und strebt eine tertiäre Ausbildung ebenfalls im Bereich „Sprache“ an. Bereits im Alter von acht Jahren entsprangen erste Geschichten ihrer Feder, wurden jedoch nicht vollendet. Mit zwölf Jahren stellte Lena schließlich ihren ersten Roman „Amanda – Das mysteriöse Mädchen“ fertig (unveröffentlicht). Im Alter von dreizehn Jahren folgte der Roman „Mondlächeln“, welchen sie Ende 2016 über die online-Plattform „meinbestseller.de“ veröffentlichte. Fünf weitere Romane, darunter „Mond­tränen“, die Fortsetzung von „Mondlächeln“, warten auf ihre Veröffentlichung. Dabei bilden die Romane „Schicksalszeilen“ und „Schicksalszeilen Wortlos“, sowie „Rette mich, wenn du Zeit hast“ und „Rette mich, wenn du kannst“ (noch in Bearbeitung) jeweils eine eigene Buchreihe. www.meinbestseller.de/lenawopfner

um zu vermitteln, „dass man in der Natur viel Ruhe finden und die Natur uns in vielerlei Hinsicht weiterhelfen kann“. Auch hier ist es der jungen Autorin sehr wichtig, dass die Werke immer vor dem Hintergrund ihrer Entstehung verstanden werden, denn „jeder Text hat seine eigene Persönlichkeit und ist in einem speziellen Kontext zu betrachten“. Was nach der geplanten Veröffentlichung ihrer Romane kommt, ist für Lena noch ungewiss. „Nach der Schule möchte ich etwas mit Sprachen studieren. Germanistik interessiert mich auch“, offenbart Lena, auf jeden Fall will sie aber nach Deutschland, um ihr Deutsch-­ Niveau zu verbessern. Daneben sucht sie vielleicht die Zusammenarbeit mit einem konventionellen Verlag, obwohl sich in dieser Hinsicht auch einige Zweifel regen: „Wenn man bei einem klassischen Verlag angenommen und als Autorin akzeptiert wird, befürchte ich, dass die Verlagsleute mehr von einem verlangen und ich unter Druck komme“. Oberstes Ziel der jungen

Autorin ist es, in ihrem Schaffen auch weiterhin autonom zu bleiben, denn das Schreiben ist für sie mehr als ein Zeitvertreib, es ist ihre „Selbstverwirklichung und Befreiung“. Und so wird Lena auch in Zukunft weiterschreiben, in ihrer verträumten Gartennische in Marling, inmitten duftender Blumen, mit wunderschönem Blick auf das Meraner Land, die goldenen Locken aus dem Gesicht gestrichen.  �


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ANDERE ZEITEN EBEN Chi ha spento la musica? Warum geht das Licht schon an? Welches Jahrtausend schreiben wir? Siamo nel bel mezzo di un applauso. Wo ist der gute Ruf hin? Rivoglio la mia vita. Können die Hits und Bands und Maßnahmen von damals die Hits und Bands und Maßnahmen von heute sein?

Bling, boing, bumm. Wir schreiben das Jahr 4005. Die Erde ist eine einzige Diskokugel. Aus jeder Ecke schallt Musik: Pop, Klassik, Jazz, Blues, Swing, Drone, Noise, Folk, Techno, House, Country, Salsa, Indie, Hip-Hop, Punk … Chi più ne ha, più ne metta. World Music ist out, Music World ist in. Auf den Straßen laufen Reinkarnationen von Tyler, Elvis, Kylie, Kurt, Marlene, Nina, Tina, Mick um die Wette. Eros und Hansi sitzen zusammen auf der Parkbank, sehen sich von unten die Notenstraße an und summen leise „Take me home …“. Ad ogni angolo si può ascoltare un gruppo che suona dal vivo. Il Comune è severissimo e punisce all’istante con una multa le persone che si lamentano per il rumore o per il volume troppo alto. Non esistono più le sale da gioco dove scommettere su ogni cosa, e al loro posto hanno aperto un’infinità di centri benes-

sere che offrono trattamenti musicali per il corpo e per l’anima. Vom Tal auf den Berg und wieder retour führen Seilbahnen mit gespannten Gitarrensaiten – sie erklingen, je nachdem wonach den Passagieren der Sinn steht. Der Geschmack ist verschieden, aber die Menschen sind heutzutage tolerant: Ein Kinderspiel und in Nullkommanix ist vereinbart, welche Melodie die Talfahrt begleitet. Le farmacie, oltre ai soliti farmaci, vendono anche dischi da ascoltare in caso di emicrania, bruciore di stomaco, insonnia o altre patologie dovute al troppo stress. Es gibt keinen Auto- und Straßenlärm, keine störenden Presslufthammer, Bohrer oder sonstigen Schleifer, die einem den letzten Nerv töten, weil das Triangel oder Theremin schon wieder viel zu laut spielt. Geräte und Motoren werden mit der Kraft des Wohlklangs angetrieben. Geschäfte

und Läden berieseln zur Abwechslung mit Stille und Ruhe, nicht mit Unz-Unz. Der Wille ist frei. Das Glockenspiel ist das Signalhorn, die Rassel die neue Sonnenuhr. Un mondo basato sulla bellezza della musica e dell’arte in genere. Un luogo dove investire in cultura risulti automatico, scontato e indispensabile. Una società in cui i politici in campagna elettorale per raccogliere voti promettano più concerti, mostre e open-air per tutti! Back-to-realness-Reisen bietet Horrortrips in die Vergangenheit an. Ausflüge in eine düstere und musikfeindliche Zeit, wo Gesetze festlegten, dass Musik Lärm sei. Nur ganz Mutige lassen sich auf diese Unternehmung ein. Damals, irgendwann vor sehr, sehr langer Zeit also, hatte ein gewisser Jovanotti „Quest’ è l’ombelico del mondo“ gesungen und damit ganz sicher ein ganz bestimm-


GESELLSCHAFT / SOCIETÀ

TEXT ___Tachi – Marco Cecchellero + Kunigunde Weissenegger

tes Stücklein Land, heilig und schein, mitten in riesigen Gebirgen und Hochländern mit Almen gemeint, wo auch graue, braune und bunte Wiederkäuer gehalten wurden (und dies vielleicht deshalb manchmal auch bei Veranstaltern zu künstlerischem Wiederkäuertum führte – never change a winning team).

gliendola bene e facendo registrare alcuni concerti sold out, pochi decenni dopo sembrava, che preferissero chattare su uno smart phone (anche molti adulti) invece di provare l’emozione vera (non supposta o virtuale) di assistere ad un concerto intimo con l’artista a due metri da sé.

Vero, verissimo, il nome aveva qualcosa a che fare con “dolore” e “miti”. Sicuro è che era diventato patrimonio dell’umanità o una roba del genere e alla fine non si poteva neanche guardarlo senza pagare almeno una monetina.

Wenn man Bozens Angebot von damals mit heute vergleicht, dann scheint sich im Rest des Landes sehr viel mehr getan zu haben. In Bozen wird irgendwie – im Verhältnis – gleich wenig geboten wie damals. Die Peripherie hingegen hat eine große Vielfalt und Qualität erreicht, in vielerlei Hinsicht und ist – blickt man über einen etwas größeren Zeitraum von ein paar Jahren –, wirklich nicht wiederzuerkennen, zeitgemäß unterwegs und lebendig. – So ein Zeitzeugenbericht vom Beginn der 2000er-Jahre.

Und ungefähr in der Mitte dieses Landes lag ein Städtlein tief im Walde, ganz still und stumm. Bolzen, Bonzen, nein Bozen war sein Name. Bolzano, ed era capitale della provincia. Senti, senti? Hai sentito? Nnnooo … Eben. Du hörst nichts. Nada. Niente. Keine Ahnung, welches Jahr wir gerade schreiben, die Zeituhr ist ausgefallen, aber wir dürften so durch die Jahre 2000 bis 2050 schweben, ein paar Jahrzehnte auf oder ab machen hier nichts aus. Si racconta che a suo tempo, mentre in un momento iniziale si notava tra i giovani l’interesse per la musica dal vivo acco-

Einige Jahrzehnte zuvor soll’s noch schlimmer gewesen sein und es soll von allem weniger gegeben haben: Weniger Locations, weniger Bands, weniger Publikum, kaum Medien, die darüber berichtet haben. Es soll hingegen sehr viel Skepsis seitens der Südtiroler Öffentlichkeit den Veranstaltern gegenüber gegeben haben und generell sei die allgemeine Stimmung immer etwas angespannt und negativ aufgeladen gewesen (aufgrund der politischen Situation und der Bombenattentate, der Kluft zwischen deutschsprachigen und italienischsprachigen Südtirolerinnen und Südtirolern, der

Heroin-Plage …). Einzelne Veranstaltungen seien dennoch gut und positiv in der Erinnerung verankert. Infatti, dall’altra parte ci sono alcune ­testimonianze che sottolineano il contrario e sostengono che il pubblico seguiva benissimo, c’era la voglia di trovarsi, le persone sentivano il bisogno di socializzare. Non bisogna dimenticare che Bolzano già a suo tempo proponeva spesso un’offerta quasi sconfinata di eventi interessanti, spesso in concorrenza tra loro: tanti microcosmi separati, che però nel complesso raccoglievano moltissime persone. C’erano anche tantissimi disposti a mettersi in gioco per fare volontariato e permettere a questo tipo di eventi che ­avvenisse. Trotzdem, Veranstaltungsorte und -möglichkeiten schlossen nach und nach ihre Pforten oder wurden geschlossen, der bürokratische Aufwand durch gesetzliche Hürden war enorm. Im Jahr 2023 gab es kaum noch Instrumente, außer in den Landesmuseen. Das Publikum kam vom Sofa oder vom Barhocker nicht hoch. Stimmen aus dem Jenseits dieser Vergangenheit meinen, das Angebot wäre diesbezüglich auch eher karg gewesen und habe den aus natürlicher Neugierde gesteuerten Antrieb des Publikums nicht unbedingt unterstützt. Verso la fine del venticinquesimo secolo circa la possibilità o meno di organizzare eventi a Bolzano, ad esempio, esisteva la


50-51 Tachi – Marco Cecchellero, nato a Bolzano nel 1983 e laureato in Lettere all’Università di Trento, è un malato di Rap/Hip Hop dal 1997 e da circa 15 anni organizza serate e concerti a Bolzano con artisti Hip Hop di livello nazionale. Kunigunde Weissenegger, Jahrgang 1977, Studium der Translationswissenschaften in Innsbruck, Granada und Rom. Lebt in Südtirol, mit franzLAB, franzmagazine.com und JOSEF Travel Book im Kopf und im Herzen. Übersetzerin, Schreiberin, Journalistin. In der Bewegung liegt die Kraft.

convinzione molto diffusa che fosse impossibile o che ci si dovesse sempre scontrare con l’obbligo di richiedere autorizzazioni particolari che non arrivavano mai. Il problema principale, in realtà, era la mancanza di un ritorno economico per i locali. E questa mancanza sarebbe dipesa dall’assenza d’interesse per la musica dal vivo nelle persone, cioè nei clienti. Wie du die Sache auch drehst und wendest, das hartgekochte Ei bleibt nicht stehen – außer du schlägst es mit der Spitze voraus auf den Tisch. Ein Grund lag vielleicht auch darin, dass die Menschen damals lieber zum Shoppen in Gebäude mit Dauerbeschallung gingen, als auf Konzerte mit Live-Bands und Live-Musikerinnen und -Musikern. Schade! Leider trafen auch unterschiedliche Generationen nicht wirklich aufeinander. Es gab so eine Art Ghetto-Konzerte – ab 40 ging sowieso keiner mehr abends aus dem Haus – damals widmete man sich vollständig seinen Kindern und einem Kasten beziehungsweise später dann einem Display, in dem man sich nachgestelltes Leben ansah.

aveva “tutto” contro, a meno che non si avessero le spalle molto larghe, e magari “ben coperte”. Wer am lautesten schrie, bekam Recht. La legge parlava chiaro, bastava una lamentela per vietare eventi da migliaia di persone. All’amministrazione non restava che mediare tra interesse privato e pubblico applicando il buon senso, il quale anche oggi non è misurabile, ergo nemmeno garantibile: spiegare con diligenza al privato che chiudere un locale non significa togliere la maleducazione dalle strade, anzi significa esattamente il contrario, cioè che sarà sempre cosa buona e giusta. Vielleicht hätte einfach jemand die Vorschriften brechen müssen, damit nicht alles immer gleich blieb. Das Verweben von Kulturen und ein Miteinander entsteht nur an freien Orten mit so wenig Restriktionen als möglich, um den Geist frei für neue Ideen zu halten. Nur so fördert man Eigeninitiative und einen gesunden, sozialen Verantwortungssinn. – Manche boten Lösungsansätze an …

Cosa sarebbe successo se ogni luogo fosse stato assegnato ad una specifica categoria con poche regole precise, in modo che, una volta per tutte, venissero controllati tutti? Die Regelung der Regelung der Regelung … Zum Vergleich: Einige Jahrzehnte zuvor – aus heutiger Sicht, einige Jahrtausende danach betrachtet Peanuts! – durfte man im Prinzip gar nichts, da kaum etwas geregelt war – und hat trotzdem alles gemacht. Es wurde damals im Vorfeld viel besprochen, es wurden viele Tipps gegeben, die Polizeipräsenz gemeinsam „ausgeklügelt“, mehr Polizei in „Zivil“ gefordert. Andererseits erzählt man sich, dass die Schwierigkeit damals in der Zusammenarbeit mit den Gemeinden bzw. Behörden lag, die den Veranstaltern immer wieder Steine in den Weg legten, immer neue Auflagen und Sicherheitsbestimmungen schufen anstatt sie dabei zu unterstützen, das kulturelle Angebot im Raum Bozen zu erweitern und den vielen Jugendlichen etwas zu bieten. Cosa impossibile oggi nel 4.005!

Non c’era molta affezione rispetto al valore artistico e culturale della musica, mentre non mancava la voglia di divertimento puro con l’entertainment. Quindi se si puntava ad organizzare un evento “grande” per Bolzano (quindi piccolissimo per qualsiasi altra realtà!) si

… e forse la decisione politica doveva saper anche andare oltre … … es bedurfte vermutlich allgemein im Leben weniger Regeln. Die kulturellen Ausdrucksformen sollten sich frei entwickeln. Wer baut schon gern Sandburgen in Schubladen?

Auf alle Fälle lag der Zeitaufwand damals um einiges höher, aber man brannte mit Einsatz, Lust und Freude für die Sache. Es geht die Legende um, dass Ende des 20. Jahrhunderts für den Aufbau großer Bühnen zwei Wochen harter Arbeitseinsatz notwendig waren. Damals konstruierte


GESELLSCHAFT / SOCIETÀ

man alles selbst. Erst später wurden große Open-Air-Bühnen angemietet. „Laute“ Konzerte gab es damals kaum. Se vivi in città devi contare sul fatto che sia viva pure lei. A quei tempi non sarà stato difficile capire che il mondo continua a girare? O sei convinto che pensassero che fosse piatto? Vieles war auch gut damals! Es gab zig Festivals im ganzen Land, mehr oder weniger spielten immer dieselben Bands, von auswärts kamen wenige, worunter die Qualität und das Honorar der Bands litt. Strano però che questi festival durassero solamente uno o due o al massimo tre ­giorni. In un certo senso: soldi buttati – si organizzava per settimane e mesi e poi tutto svaniva in poche ore. Puff. Die Feste konzentrierten sich auf einen sehr begrenzten Raum – eine ganze Stadt feierte selten bis nie gemeinsam mit wirklich allen Vierteln, fast immer konzentrierte sich alles bloß auf das Zentrum. Gerade so, als ob der Rest der Stadt nicht existieren würde. Kein Wunder, wenn jene Leute, die dort wohnten, manchmal etwas überreizt reagierten. Und horch, anscheinend sollen Musikerinnen und Musiker damals manchmal sogar kostenlos gespielt haben. Sind sogar auf eigene Kosten zum Veranstaltungsort angereist.

Suonavano gratis? Davvero? Genau, und es handelte sich dabei nicht etwa um Überraschungskonzerte oder Spontanauftritte wie bei Straßenmusik. Alles fein geplant und geritzt, ein paar Bierchen verabreicht und schon waren die Bands stillgelegt und verpflegt. Mister SIAE forse non era del tutto innocente … Trotzdem, Applaus hat sich jede Band verdient, Anmaßung weniger. Können und Bescheidenheit steht einige Jahrtausende früher oder später jedem gut. Sarà vero … Schwuppdiwupp, in dieser lauen Plauderei sind wir ungeahnt in der Ahnengalerie gelandet. Da stehen wir nun und sehen sie an, von Angesicht zu Angesicht, es ist, als ob wir sie leise summen hören würden, jeder seinen Text: Davide, Paolo, Klemens, Walter, Reinhold, Tobias, Alex, Andreas, Stefan, Marco, Stephen, Franz, Patrick, Vanja, Bertrand, Maurice, Matt, Luca, Werner, Peter, Lorenzo, Tom … Ach, wär ich doch in der Zukunft geblieben. Perché non riesco a rimanere dove mi hanno piazzato? Rivoglio i suoni della mia vita … anzi il silenzio! Di che colore è la musica? La vita concede dei bis? Caliamo il sipario? The show must go off. Ci siamo

davvero mai ascoltati? E se ci ascoltassimo? Dove si può alzare il volume? Quali sono i decibel necessari per stare bene? Esiste davvero il tempo libero? E se invece delle ore usassimo le battute per scandire il tempo? Prendersi i propri tempi significa arrivare in ritardo con gli altri? Musik wird die Welt verändern. Diese Lieder haben keine Titel, keine Noten, keine Melodie. Sie spielen in der Zukunft. Auch hier. Inizia pure a comporre!


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RAUS INS WOHN­Z IMMER! Sundown, Aperitivo, Music & Culture beim Salon/e Bruneck Brunico auf dem Rathausplatz des Pustertaler Hauptorts. Ein LiveBesuch in diesem Wohn­ zimmer ohne Wände. TEXT ___ Doris Brunner  FOTOS ___ Tania Marcadella

Endlich, ein erster Abend in diesem Jahr im Sommerkleid und mit luftigen Flipflops an den Füßen. Die Jacke kann im Auto bleiben, die Alltagsproblemchen ebenso. Somit geht’s unbeschwert hin zum Rathausplatz von Bruneck, auf dem das Kopfsteinpflaster noch die Wärme des Tages abstrahlt. Die ersten Besucherinnen und Besucher haben es sich auf den weißlackierten Holzstühlen mit den zweifarbigen Stuhlbeinen bequem gemacht. Lachen und das Klirren von Gläsern, ein Hauch von Meer und Weite schwebt über den Platz. In den hängenden Gärten, welche die schlichten Container für Bar, Kitchen und Technik umrahmen, sprießen Blumen und die Minze für den „Hugo“, den Klassiker unter den Sommerdrinks. Warum nicht selbst die Stadt beleben?

Ebendiese Container entfachten im Herbst des Jahres 2013 die Idee zum Salon/e Bruneck. Im Rahmen des Sensibilisierungsprojekts „Art-container barrie-

refrei“ standen sie damals auf dem Rathausplatz und mit ihnen Hannes Niederkofler, Fabian Decassiani und Thomas Egger: „Da dachten wir uns, man könnte die Container doch auch als Bar verwenden“. Dieser Gedanke kam nicht von ungefähr: In Bruneck schlossen zu jener Zeit mehrere Lokale und der Feierabend entwickelte sich für Ausgehfreudige zunehmend zum faden Abend. Also: Warum nicht selbst einen Treffpunkt organisieren und damit die Stadt beleben? Die Drei entwarfen in wenigen Tagen ein erstes Konzept, – „natürlich sind wir mit einer Portion Naivität gestartet“, – gründeten den Kulturverein Confusione und klopften beim Stadtmarketing Bruneck an. Dort stießen sie auf offene Ohren. Die Idee, auf dem Rathausplatz ein kulturelles Unterhaltungsprogramm für alle und über einen längeren Zeitraum anzubieten, überzeugte sogleich. Die Genossenschaft hatte selbst schon überlegt, was man anstelle eines einzigen und nicht mehr finanzierbaren Großkonzerts mit


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„Total Quality Woman - Tailer” binnen-I

Stars wie Joe Cocker, Nena oder Herbert Grönemeyer setzen könnte. Und dann ging alles sehr schnell. Das Kulturprogramm des Salon/e Bruneck wurde gemeinsam geplant und die Ausstattung definiert, denn „es war ja nichts vorhanden – kein Budel, keine Bank und kein Budget, um irgendetwas anzukaufen“, erzählt Hannes Niederkofler. Die Firma Niederstätter stellte die Container zur Verfügung, Fabian Decassiani und Thomas Egger entwarfen das Design für Tische, Stühle und Co, „wobei wir von der Idee des Überseecontainers ausgingen“. Omas und Opas Holzstühle erhielten eine farbliche Auffrischung; die Schülerinnen und Schüler der Berufsfachschule Bruneck zimmerten die Tische in Form von Verpackungskisten – mittlerweile ein optisches Erkennungszeichen des Salons. Am 20. Juni 2014 dann der erste Sundown Aperitivo auf dem Rathausplatz. „Wir haben’s ja mittlerweile verdrängt, aber damals hatten wir nicht nur einen teuflischen Stress, sondern auch eine Heidenangst, ob’s

funktionieren wird: Kommen Leute und wenn ja, wie viele?“, schmunzelt ­Thomas Egger. binnen-I: vernetzt, digital und alles under control

Dieselbe Angst vor dem ersten Mal dürfte auch das neu gegründete Schauspielkollektiv binnen-I heimgesucht haben, das hier gleich seinen ersten Auftritt vor Publikum absolvieren wird. „Total Quality Woman“ nennt sich die Theaterperformance der fünf Südtiroler Schauspielerinnen, gestaltet nach Texten von Falk Richter und inszeniert von Eva Kuen. Eine erste Vorschau aufs Debütstück, die Premiere erfolgt einige Tage später in Brixen. Alexa Brunner, Katharina Gschnell, Petra Rohregger, Viktoria Obermarzoner und Marlies Untersteiner tragen Stühle auf die Bühne – jedoch nicht im Salon/e-Weiß, sondern in Rot, Lila, Gelb, Braun und Türkis. Ein Megaphon, einen Koffer und für jede ein Smartphone. Mehr braucht binnen-I nicht für ihre ironisch-amüsant-

hintergründige Performance über Perfektionismus, Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung sowie der Sehnsucht, dem Zweifel und der Einsamkeit dahinter. Die fünf Super-Women zeigen sich busy, busy, busy, sprechen hektisch in ihr iPhone, verlieren sich in der vernetzten Welt und suchen verzweifelt nach sich und wahrhaftigen Begegnungen im analogen Leben. See this Total Quality Woman. She’s the culturally engineered, downsized, outsourced, teleworked, just-in-time, take-out, just-in-time down-right tired. Sie performen diesen Songtext von Gustav und verpacken Gefühle in Hashtags. #ApplausApplaus #verynice #smile #wanttoseemore. Wohnzimmer für alle und jeden

Die Schauspielerinnen treten ab, die Stühle wiederum unterm Arm gepackt. Währenddessen fährt ein kleiner LKW vor, der Aufbau für den nächsten Programmpunkt beginnt. Zeit für ein Gespräch mit dem Tischnachbarn oder


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#ApplausApplaus ­ euten, die gerade mal vorbei spazieren. L Zeit für ein Wiedersehen mit Menschen, die man lange nicht mehr gesehen hat, oder die einem vor zwei Stunden über den Weg gelaufen sind. Zeit für den Gang zum Kitchen-Container, an dem Stefan leckere Baguettes frisch zubereitet. Und dann noch einen Sprung hin zur Container-Bar, um sich ein weiteres Getränk zu holen. Entspannte Stimmung trotz Andrang, sowohl vor der Theke als dahinter. Einige Kinder wuseln durch die Menge, mit Eis verschmiertem Mund. Zwei Mädchen unterhalten sich über die gerade abgelegte Maturaprüfung. Andere Besucherinnen und Besucher haben die Schul-, Lehr- oder Studienzeit offensichtlich schon länger hinter sich. Altersmäßig ganz schön durchmischt das Publikum, oder? „Ja, stimmt, das freut uns auch sehr. Der Salon/e sollte von Anfang an ein Treffpunkt für alle sein. Ein Wohnzimmer im Freien, das jedem offensteht, völlig zwanglos und ohne Eintrittsgebühren“, erzählen Hannes Niederkofler, Fabian


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­ ecassiani und Thomas Egger, „wie uns D dies gelungen ist, wissen wir aber selbst nicht. Einen Masterplan dafür hatten wir jedenfalls nicht in der Tasche.“ Von Jazz bis Lesebühne

Kœnig, eigentlich Lucas König, betritt nun die Bühne. Der Schlagzeuger der Wiener Band Kompost 3 tritt im Rahmen des Südtirol Jazzfestivals mit seiner SoloShow auf, transformiert sich hierfür zum skurrilen Musik-Monarchen. Phosphoreszierende Lippen dank UV-Stift, anstelle der Krone auf dem königlichen Haupt heute lediglich mit Schirmmütze. Er trommelt, entlockt dem Synthesizer ungewohnte Töne, rappt. So wie sich dies anhört, müsste eigentlich ein ganzes Orchester da oben auf der Bühne stehen. Genauso vieltönig gestaltete sich in den letzten vier Jahren das Kulturprogramm des Salon/e: Theaterund Tanzperformances, Tango Argentino und Lesebühne, klassisches Konzert und Electro Swing, „diese Vielfalt macht den

Salon/e aus“, finden die Drei. Bei der ersten Ausgabe konzentrierte man sich auf die Kunst- und Kulturschaffenden aus dem Raum Bruneck, schrieb rund 200 Vereine der Umgebung an, ob sie nicht Lust zur Teilnahme hätten. Mittlerweile ziehen die Veranstalter den Kreis weiter, über die Grenzen des Pustertals und Südtirols hinaus. Sundown

So langsam geht die Sonne unter, der Himmel über Bruneck färbt sich zunächst rosa und dann meerblau. Die Glühbirnen über der Bühne formen den Schriftzug „Salon/e“, wenige Meter daneben erstrahlt die Leuchtschrift „Rathaus Municipio Comun“. Ein harmonisches Miteinander an Lichtpunkten. Galt dies auch bei der Planung und Umsetzung dieser AperitivoAbende? Eigeninitiativen, insbesondere von jüngeren Leuten, lösen in vielen Gemeindestuben bekanntlich nicht gerade Begeisterungsrufe aus. „Im Gegensatz zu anderen Orten hat uns die Gemeinde

Bruneck sofort unterstützt und uns die Möglichkeit gegeben, uns auszuleben“, erzählen Hannes Niederkofler, Thomas Egger und Fabian Decassiani, „das darf man nicht geringschätzen, weil es nicht selbstverständlich ist“. Äußerst hilfreich erweist sich zudem die Zusammenarbeit mit dem Stadtmarketing Bruneck, das unter anderem die Schreckenskinder jedes Veranstalters hütet: die Haftung und die buchhalterische Abwicklung. Ein Kernteam ist für die Planung zuständig, die gut 15-köpfige Frau- und Mannschaft des Kulturvereins Confusione kümmert sich hingegen um die organisatorische Abwicklung: Aufbau, technische Betreuung, kellnern, Dokumente unterschreiben lassen, den Platz reinigen, „der Verein setzt sich zum Glück aus unterschiedlichen Typen mit verschiedenen Kompetenzen zusammen.“ Die Zeit von Juni bis August sei zwar für alle äußerst anstrengend, schließlich gibt’s ja noch den über 40-Stunden-Job nebenbei. Die Tage und Nächte für den Salon/e seien aber immer


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INFO ___ Salon/e Bruneck Brunico Der Name ist zugleich Programm: Traten in den Salons großbürgerlicher Häuser einst die intellektuellen Eliten aus Musik, Kunst und Kultur zur Unterhaltung einiger weniger Geladener auf, erweist sich der Salon/e Bruneck Brunico auf dem Rathausplatz von Bruneck als öffentlicher Raum, der alle und jeden zu Kulturbegegnungen und Aperitif einlädt. An jedem Donnerstag und Freitag von Mitte Juni bis Ende ­August beginnt der Abend ab 18 Uhr mit einem Sundown-Aperitivo, begleitet von Live Musik. Im Anschluss daran findet donnerstags das kulturelle Hauptabend-­ Programm mit Theater- und Tanzperformances und Musik vorwiegend von ­Südtiroler Kunstschaffenden statt. An den Freitagen zeigt sich die Musikszene und Kreativwirtschaft in all ihren Facetten. Der Salon/e Bruneck Brunico belebt seit 2014 den Sommerabend in Pustertals Hauptort. Veranstaltet wird er vom Kulturverein Confusione und der Genossenschaft Stadtmarketing Bruneck. facebook.com/Salone-Bruneck-Brunico www.stadtmarketing-bruneck.eu

auch erfüllend und bringen Spaß, „und nun, nach vier Jahren, sind wir zu einer großen Familie herangewachsen, die gern hier ihre Zeit verbringt und das Projekt am Leben erhält.“ Die Nacht hat sich mittlerweile über den Rathausplatz gelegt. Noch ein letztes Getränk, einige ziehen weiter, andere gehen heim. „Alkoholexzesse oder andere Ausfälligkeiten gab’s zum Glück nie.“ Auch die Nachbarn, es gibt glücklicherweise nur zwei, legten der Initiative nie Steine in den Weg. Ganz rosa wie die Abenddämmerung verlief der Start aber auch nicht. Die Gastwirte zeigten sich zu Beginn nicht gerade begeistert vom Salon/e, „die Bedenken haben sich jedoch verflüchtigt. Wenn am Donnerstag und Freitag Abend rund 500 Leute und mehr nach Bruneck kommen, ergibt sich daraus ein positiver Nebeneffekt für alle. Kultur bringt eben Mehrwert, das ist mittlerweile angekommen“, meint Thomas Egger. Und wie geht es weiter? „Wie jedes Jahr wollen wir eigentlich aufhören. Im

September sind wir stets froh, dass alles vorüber ist. Spätestens im Dezember kitzelt es uns dann wieder.“ Eine fünfte Ausgabe des Salon/e Bruneck Brunico ist also so gut wie sicher.  �


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UNA PIATTAFORMA PER AVVENTURIERI DELLA PAGINA BIANCA Scrivere è un bisogno personale e privato. Scrivere è una professione complessa con infinite sfumature che oscillano liberamente dalla carta al web, dalla letteratura al giornalismo, dalla pubblicità ai social network. Per i più giovani, scrivere, spesso, è associato al ‘compito’ o alla ‘tesi’. Scrivere è da sempre passione e desiderio che accomuna molte teste, moltissime penne e – oggi – ancor più atleti della tastiera. Scrivere è un atto umano, antico e indispensabile, spesso però anche condito di stereotipi, tabù, falsi miti… Per contrastarli, forse anche per assecondarli, certamente per metterli in discussione, in Trentino nel 2013 è nato il progetto UnderTrenta “una palestra di scrittura, un’occasione per mettersi alla prova (con una rete di supporto) e per dire (e scrivere) quel che si pensa, si prova, si vive, si sperimenta, senza limiti, senza imposizioni…”, racconta Guendalina Gonzo, autrice e componente della redazione dal 2015. Concretamente, UnderTrenta è un magazine online registrato, ancora un po’ acerbo nella forma, ma certamente ricco nel contenuto, promosso e sostenuto dal

Servizio Attività culturali della Provincia Autonoma di Trento. Obiettivo del progetto è favorire l’espressione dei giovani ed esercitare il rispetto delle opinioni altrui. Ciascuno infatti, una volta entrato nella redazione di UnderTrenta, può – senza obblighi, scadenze, temi prestabiliti o impostazione di stile – raccontare opinioni, idee ed esperienze. Libertà dunque, la parola chiave. Con un’unica rigida limitazione, rivelata dal nome stesso del progetto. UnderTrenta infatti non sta tanto ad indicare l’identità anagrafica dei partecipanti quanto piuttosto la lunghezza dei contributi scritti: trenta, dunque, sono le righe massime entro le quali deve stare il pensiero, il messaggio, l’emozione, la parte di sé che si desidera condividere. E se anche l’età non è una variabile vincolante per definirsi parte di UnderTrenta, il DNA e il background comune ai giovani componenti di questa vivace crew è molto chiaro: “noi non abbiamo imparato l’alfabeto sui tablet, rientriamo nella generazione che tracciava linee storte con la biro fra ‘nomi, cose e città’, che ha studiato le province di uno Stivale lunghissimo prima che ci si chiedesse a cosa ser-

vissero. Siamo la generazione che ha iniziato a fare le ricerche sulle enciclopedie piene di ragnatele e pesantissime per poi finirle smanettando su Google. La generazione che ha rinunciato a qualcosa in cambio del primo cellulare e adesso si barcamena tra il desiderio di liberarsi dalla schiavitù del ‘sempre connesso’ e il bisogno di condividere tutto. La generazione dei ‘figli degli operai che potevano diventare dottori’ che poi, alla fine, si è ritrovata con uno, due, tre ‘pezzi di carta’, oggi da tenere solo appesi in camera. La generazione che sta cercando nella precarietà la sua stabilità, che nonostante venga giudicata afflitta da un certo mammismo, da noia, da nullafacenza, in realtà ‘si sbatte un sacco’”. E lo fa, in questo caso, scrivendo. Perché “scrivere”, continua Guendalina “è un antico, ma assolutamente contemporaneo modo di comunicare; un modo che ti mette in connessione con te stesso prima che con gli altri, che ti consente di scegliere tempi e modalità tuoi, che non pone limiti alla creatività ed alla fantasia se solo superi la barriera mentale per la quale ‘scrivere è difficile’ e ‘non sono ca-


TRENTINO INFO ___ Il magazine online è nato nel 2013 da un’idea di Mauro Marcantoni e di Sara Guelmi, direttrice dell’Ufficio per il Sistema Bibliotecario trentino e la Partecipazione Culturale, con l’obiettivo di favorire l’espressione dei giovani ed esercitare il rispetto delle opinioni altrui entro al massimo trenta righe senza obblighi, scadenze, temi prestabiliti o impostazione di stile. La redazione ha pubblicato quasi 900 articoli ed è composta da circa 150 giovani autori – ma anche fotografi, vignettisti

In Trentino, grazie all’hub digitale UnderTrenta, tanti giovani aspiranti scrittori e giornalisti possono mettersi in gioco, sperimentare le proprie capacità di scrittura ma anche critiche e analitiche, in piena libertà espressiva e creativa, con una sola regola: non superare le trenta righe. TESTO ___Anna Quinz FOTO ___UnderTrenta pace’”. UnderTrenta allora, è prima di tutto una piattaforma di possibilità. Un luogo aperto e libero, un hub digitale dove tanti aspiranti scrittori e giornalisti possono mettersi in gioco, sperimentare le proprie capacità non solo di scrittura ma anche critiche e analitiche e in cui confrontarsi con tematiche culturali e sociali, secondo le proprie attitudini e le proprie personali inclinazioni. In particolare, quattro le aree tematiche affrontate sulle pagine virtuali di UnderTrenta. Prima di tutto, l’attualità, locale o internazionale; poi la cultura, con recensioni originali di libri classici e nuovi, film, concerti, mostre, interviste ad artisti e sport; ancora, gli approfondimenti, ossia riflessioni sull’essere, sull’apparenza e sull’esclusione, sulle omologazioni e sulle diversità; infine, ‘l’alternativa’, le voci controcorrente, le interpretazioni e le chiavi di lettura alternative. Il tutto, senza obblighi, scadenza, temi prestabiliti o stili imposti. Perché, citando le linee guida del progetto “UnderTrenta nasce come uno spazio pubblico di riflessione privata. Per tessere un racconto multiforme, stonato, leggero, impegnato e sentito di una generazione.

I giovani. Uno spazio dove a contare è la qualità della partecipazione. Non un esserci ad ogni costo, non un coprire il silenzio perché chi tace non ha niente da dire”. Ad oggi, la pulsante redazione di UnderTrenta ha pubblicato quasi 900 articoli ed è composta da circa 150 giovani autori – ma anche fotografi e vignettisti – guidati dal direttore responsabile Mauro Marcantoni e da Sara Guelmi, Direttrice dell’Ufficio per il Sistema Bibliotecario trentino e la Partecipazione Culturale, fondatori del progetto. A seconda della tipologia d’articolo la redazione sceglie i redattori più indicati per l’affiancamento all’autore nelle fasi di elaborazione, editing e pubblicazione dell’articolo. Tutto il team poi partecipa sostenendo le diverse fasi di produzione del giornale, comprese quelle gestionali e meno collegate alla pubblicazione dei pezzi. Un percorso professionalizzante prezioso per i giovani autori che in questa palestra ben più che virtuale, possono apprendere processi, modalità e competenze utili per immettersi (o migliorare le proprie prestazioni) nel mondo del lavoro, oggi così competitivo e complesso, soprat-

e illustratori – guidati da Mauro Marcantoni, direttore responsabile della testata. Viene promosso e sostenuto dal Servizio Attività culturali della Provincia Autonoma di Trento. www.undertrenta.it facebook.com/UnderTrenta

tutto nei settori creativi legati al medium della scrittura. Anche per questo la Provincia di Trento ha fortemente voluto e sostenuto (e continua a farlo) UnderTrenta, un progetto di partecipazione culturale che “necessita di essere supportato e potenziato in quanto è percorso formativo ed esperienziale più che testata giornalistica tradizionale”, spiegano ancora dalla redazione, “è la componente educativa e pedagogica ad essere privilegiata, almeno per il momento. In prospettiva però non si esclude il passaggio al mercato…”. Perché solo così, il confronto con la realtà del mondo del lavoro si potrà fare ancora più reale e concreta e il processo di professionalizzazione si potrà dire davvero compiuto. Nel frattempo, osservando il presente e guardando al futuro – quello personale e quello del progetto – i ragazzi di UnderTrenta continuano il loro lavoro appassionato e appassionante di scrittura. Le loro penne corrono sulla carta e le dita sulla tastiera, i loro pensieri si diffondono, le loro storie prendono forma. In trenta righe.  �


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STELLT EUCH VOR, WIR MACHEN THEATER


DARSTELLENDE KUNST

Budget, Profischauspieler, Konzept. Der Theater­ gruppe ThEATROstwest fehlt das alles. Und gleichzeitig zeigt sie, dass es auch ohne geht. TEXT ___ Elisabeth Pörnbacher  FOTOS ___ ost west club/

Stefanie Nagler (Proben), Petra Schwienbacher (Krieg), Sara Mostacci (Struwwelpeter)

Stell dir vor, es ist Krieg. Nicht irgendwo in Afrika. Sondern hier. Wo du gerade noch friedlich Musik gehört, mit deinen Freunden geredet, seelenruhig geschlafen hast. Stell dir vor es ist Krieg. Und du bist mittendrin. Du fliehst. Und irgendwie – trotz aller Hindernisse, trotz hoher Wellen und überfüllter Boote – kommst du an. In einem Land, wo dich niemand haben will. Wo auch du gar nicht hin willst. Was du willst, ist einzig und allein eines: Über­ leben. Was, wenn der Krieg nicht irgendwo hinter dem Bildschirm des Fernsehers stattfindet. Sondern genau hier? Wohin würdest du gehen? Was würdest du mitnehmen, was zurücklassen? Wie würdest du dort leben? Auf acht Quadratmetern stehen Menschen mit Gittern in den Händen, sie erzählen eine Geschichte – und gleichzeitig stellen sie Fragen. Unangenehme Fragen, die der Zuschauer vermutlich lieber verdrängen würde. Wer sind diese Menschen, die keine Angst davor haben,


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"Ja, endlich darf ich auf die Bühne. Mehr als dieses Gefühl braucht es nicht, um Theater zu machen." ­ nbequeme Themen auf die Bühne zu u bringen? Wenn Steffi Nagler diese Frage beantwortet, holt sie aus. Die Meranerin sitzt in einem Café in ihrer Heimatstadt, hat ihr langes hellbraunes Haar zu einem lockeren Pferdeschwanz gebunden, und erzählt: Vor zwei Jahren kam Thomas Kobler vom ost west club in Meran auf sie zu – mit einer Idee. Was, wenn es Theatervorstellungen im Club gäbe und eine eigene Theatergruppe? Nagler, die freiberufliche Regisseurin, war begeistert. Am 1. Oktober 2015 trafen sich Theaterleute am runden Tisch. Sie grübelten: Wie könnte eine Gruppe aussehen? Was könnte sie spielen? Wie könnte sie heißen? Zumindest auf eine dieser Fragen gab es bereits am ersten Abend eine Antwort: ThEATROstwest. Ein Name, in dem Ost und West, deutsch und italienisch vereint sind – genau wie im Club. Was es jetzt noch brauchte, waren Menschen mit Ideen, mit Motivation, mit Lust auf Theater, Menschen, die den Stücken Leben ein-

hauchen. Also starteten die Initiatoren über die Homepage des ost west clubs und über soziale Netzwerke einen Aufruf. Es meldeten sich rund 20 Laienschauspieler, Schreiber und Menschen für die Aufgaben hinter der Bühne. Am 16. Februar 2016 treffen sie sich zum ersten Mal. Es sind Menschen verschiedenen Alters, mit verschiedenen Berufen, aus verschiedenen Teilen des Landes. Jeder hat einen anderen Lebenshintergrund, andere Erfahrungen, andere Ziele. Im Alltag wären sie sich vermutlich nicht über den Weg gelaufen. Erst hier im ost west club sind sie sich begegnet. Und hier ist es auch gar nicht mehr so wichtig, was genau der andere eigentlich macht. Sobald die Gruppe den Club betritt, scheint der Alltag vergessen. Auch der Stress und alles, was belastet. Es geht nur noch um das Stück. Ums Spielen. Darum, für einige Stunden ausbrechen zu können und einmal nicht mehr man selbst sein zu müssen. Eine Gruppe von Schreibern bearbeitet das Stück, schreibt verschiedene


DARSTELLENDE KUNST „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ Text: nach Janne Teller Regie und Leitung: Stefanie Nagler, Veronika Lochmann Auf der Bühne: Maria Gerstgrasser, Martine Mairhofer, Verena Malfertheiner, Michela Morandini, Lukas Pertoll, Danja Platino, Patrick Prantl, Sonja Wiedenhofer, Astrid Wiest Hinter der Bühne: Walter Bernard, Astrid Fleischmann, Sarah Kofler, Marlies Pixner, Thomas Kobler Première: 3. November 2016

Rollen heraus, eine andere übt die Rollen ein. So wie andere zum Fußballtraining gehen, treffen sich die Darstellerinnen und Darsteller Montagabend zur Probe. Sie tasten sich an die Bühne heran, lernen sich kennen, bringen ihre Ideen ein, nehmen an Workshops teil, arbeiten ihre Rollen aus, entwickeln sich weiter, werden zu einem Team, das sich gegenseitig Halt gibt.

INFO ___ ThEATROstwest – das ist eine alternative Theatergruppe, die vor allem im ost west club in Meran auftritt. Verantwortlich für die Gruppe ist die freiberufliche Regisseurin Stefanie Nagler. Sie hat die Gruppe gemeinsam mit Thomas Kobler vom ost west club im Oktober 2015 ins Leben gerufen. Das erste Treffen mit interessierten Schauspielern, Schreibern und M ­ enschen für Bühne, Licht, Kostüm, Maske, Requisiten fand am

Das erste Mal

16. Februar 2016 statt. Bald danach begannen die

3. November 2016. Wenige Minuten vor dem ersten Auftritt: Die Darstellerinnen und Darsteller versuchen, in Gedanken noch einmal den Text durchzugehen. Der Kopf fühlt sich leer an. So als wären alle Sätze plötzlich verschwunden. Sie blicken nervös umher. Um sich zu beruhigen, bilden sie einen Kreis – atmen gemeinsam ein und aus. Bald ist es soweit. Auf diesen Moment hat die Gruppe lange hingearbeitet. Für die meisten wird es das erste Mal sein, dass sie auf der Bühne stehen. —>

Proben für das Stück „Krieg. Stell dir vor, er wäre hier“ nach dem Buch von Janne Teller. Premiere war am 3. November 2016. Die erste Produktion war ein voller Erfolg: Insgesamt über 200 Zuschauer waren bei den vier Vorstellungen im ost west club, im Kapuzinerkeller in Klausen und im Jugendzentrum JuZe in ­Naturns. Im Januar 2017 startete die zweite Produktion, ein szenischer Abend mit Sketchen aus den Struwwel­ petergeschichten. „Struwwelpeter – Back to the future“ ging am 4. Mai auf die Bühne. http://ostwest.it/theatrostwest/


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Der erste Schritt auf die Bühne: Es geht los. Innere Ruhe macht sich breit. Der Stress fällt ab. Es gibt nichts mehr, nur noch den Moment. Dann stehen fünf Menschen auf der Bühne und machen Theater mit allem, was sie kriegen können. Das ist nicht viel. Nicht viel Platz, nicht viele Hilfsmittel, nicht viel Geld. Die Bühne ist zwei mal vier Meter groß. Das Bühnenbild hat keine zehn Euro gekostet. Es besteht aus Gittern und einem Baustellenstrahler. Mehr nicht. Mehr braucht es auch nicht, sagt Steffi Nagler: „Mit Geld wird es meist komplizierter.“ Ohne Gage laste weniger Druck auf den Akteuren. Und die Freude, die Begeisterung an der Sache stehe im Vordergrund – und das Gefühl: Ja, endlich darf ich auf die Bühne. Mehr brauche es nicht, um Theater zu machen. Mehr steht auch einige Monate später nicht zur Verfügung. Es ist ein Montag im Januar 2017, die Mitglieder der Theatergruppe treffen sich wieder im ost

west club. Es sind weniger geworden. Die Gruppe der Schreiber ist weggefallen, ein harter Kern von sieben Personen ist noch da. Wieder beginnen sie von vorne. Es fehlt an Ideen, an Motivation, an Mitspielern. Regisseurin Steffi Nagler ist beruflich viel unterwegs. Die Gruppe ist zunächst auf sich alleine gestellt. Irgendwann – nach nie zu enden scheinenden Diskussionen – steht die Idee. Es soll ein szenischer Abend werden. Mit Sketchen aus den Struwwelpetergeschichten. Eine Szene wird allein mit Einweckgläsern dargestellt, in einer anderen wird der abgestumpften Selfie-Generation der Spiegel vorgehalten. Es ist eine ganz andere Art von Theater, ganz anders als die erste Produktion. „Genau das ist Ost-West“, sagt Erwin Seppi, der Präsident des ost west clubs nach der Première am 4. Mai 2017. Für die Gruppe das größte Kompliment. Doch was bedeutet das eigentlich – Ost-West? Ost-West – das zu beschreiben fällt weder Steffi Nagler, noch den Mitgliedern

der Theatergruppe leicht. Ost-West, das ist anders, abwechslungsreich, authentisch. Das ist ein Team, in dem jeder einen Platz hat, in dem alle hintereinander stehen und niemand ausgegrenzt wird. Ost-West ist ein Ort, an dem niemand sagt: Das geht nicht. 1. Juni 2017. Die letzte Szene der bisher letzten Aufführung: Die Zuschauer klatschen. Doch den Applaus nehmen die sieben Stars des Abends nicht wirklich wahr. Das Publikum ist wie ausgeblendet. Der erste Blick geht in die Runde – so als wollten sie sich versichern, dass alle noch da sind. So als wollten sie sich einander sagen: „Wir haben es geschafft.“ Die Anspannung fällt ab. Was noch kommt

Es ist Ende Juni. Die letzte Aufführung von ThEATROstwest ist fast einen Monat her. Die beiden ThEATROstwest-Darstellerinnen Sonja Wiedenhofer und Verena Malfertheiner sitzen in einem Café in Meran und erzählen von den bisherigen Pro-


DARSTELLENDE KUNST

duktionen, von der Entwicklung. „Zuerst haben wir die Rollen nur gespielt“, sagt Malfertheiner, „doch am Ende waren wir die Figuren.“ Sie erzählen von ihren Erlebnissen mit der Theatergruppe, von den Diskussionen nach den Aufführungen. „Wenn wir sehen, was wir dem Publikum vermittelt haben, dann ist das eigentlich der schönste Teil des Abends“, sagt Wiedenhofer. Und sie erzählen davon, wie es weitergeht. Im September trifft sich die Gruppe wieder im ost west club. Mit neuer Motivation. Mit neuen Ideen. Mit Freude an der Sache. Und, so hoffen beide, mit neuen Gesichtern. „Es wäre spannend, wenn wir eine mehrsprachige Gruppe wären“, sagen die Darstellerinnen. Nicht nur im Namen sollen die Sprachgruppen verbunden sein. Für das kommende Jahr ist die nächste Produktion geplant. Was genau die Gruppe dann auf die Bühne bringen wird, weiß sie noch nicht. Ideen gibt es

einige. Vielleicht ein Musical. Dafür braucht es dann allerdings mehr. Mehr Geld, mehr Workshops, mehr Zeit, mehr Raum. All das, was der Gruppe jetzt noch fehlt.  �

„Struwwelpeter - Back to the future“ Text: nach Heinrich Hoffmann und Renate Alf Regie und Leitung: die Theatergruppe Auf der Bühne: Maria Gerstgrasser, Martine Mairhofer, Verena Malfertheiner, Danja Platino, Patrick Prantl, Sonja Wiedenhofer Première: 4. Mai 2017


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PROJEKT

AKRAT: GENAU, JETZT, GRAD SO! Die Sozialgenossenschaft Akrat in Bozen steht für lokal und sozial. In ihren Werkstätten werden soziales Engagement und Handwerk vereint, um Produkte mit ansprechendem Design, Funktionalität und Qualität herzustellen. Ursprünglich beseelt von einem kreativen Pioniergeist, stellt sich die Einrichtung heute den Herausforderungen von Struktur und Wirtschaftlichkeit. TEXT ___ Miriam Rieder  FOTOS ___ Denis Laner

Von Design, Recycling und sozialer Verantwortung

Accuratus, die lateinische Wurzel des Südtiroler Worts „akrat� bedeutet: gewissenhaft, sorgfältig, genau. Unter diesem Motto verfolgt die Sozialgenossenschaft Akrat ihre Ziele. Sorgfältig, indem sie Menschen in schwierigen Situationen nicht nur Arbeit, sondern auch ein Stück Heimat gibt. ­Gewissenhaft, indem sie sich nachhaltig, verantwortlich und für bewussten Konsum einsetzt und aus Alt Neu macht statt wegzuwerfen. Genau, indem es Menschen unter professioneller Anleitung in Schneiderei und Werkstatt die Chance für Integration und ein neues Leben bietet. Ihr Leiter Peter Prossliner war 30 Jahre lang als Einrichtungsplaner tätig.


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2011 ging sein Unternehmen in Konkurs, und der damals 58-Jährige fand sich hochverschuldet und arbeitslos wieder. Akrat sei nicht das Ergebnis eines bewussten Planungsprozesses gewesen, sondern habe sich vielmehr ergeben, erzählt der gebürtige Vinschgauer. Aus den anfänglichen Malkursen, die der damals Gescheiterte Flüchtenden in der GorioKaserne in der Bozner Schlachthofstraße gegeben hatte, entstand die Sozialgenossenschaft Akrat. Heute ist die Einrichtung ein Ort für Weiterverwendung, Recycling und Beschäftigung sozial Schwächerer. Aus Alt mach Arbeit!

Aus der ursprünglich kleinen Initiative ist im Laufe der Jahre ein alternativer „Job-Motor“ geworden, der Arbeitsplätze schafft mit Dingen, die andere nicht mehr brauchen. In der Sozialgenossenschaft arbeiten derzeit zehn lohnabhängige Mitarbeiter, fünf Praktikanten und täglich drei bis fünf Freiwillige. Von den Sozialdiensten zugeteilte Arbeitskräfte, wie Haftentlassene, ehemalige Alkoholiker oder Menschen mit psychischen Problemen zählen

ebenso zur Belegschaft, wie Migranten. Gemäß dem Ansatz „weniger hochqualifiziert, mehr Arbeitskraft“ will Akrat die Ausbildung und Beschäftigung der zu integrierenden Mitarbeiter unterstützen und fördern. Die Produkte sollen in leicht vermittelbaren Arbeitsschritten gefertigt werden, ohne dass qualifizierte Facharbeiter Hand anlegen müssen. Nicht der hohe Fertigungsanspruch zeichne die Produktlinien in der Schneiderei und Holzwerkstatt aus, sondern die Auslastung der Arbeitskräfte und der Wiederverwertungsaspekt stünden im Vordergrund, erklärt Peter Prossliner. Statt eines vorzeitigen Endes in Form von Entsorgung führt Akrat gebrauchte Möbel und Textilien in den Wertstoffkreislauf zurück. Auf die Frage, woher die Idee zum Recycling von Gebrauchtgegenständen komme, antwortet Prossliner, dass er dafür wohl schon immer eine Veranlagung gehabt habe. Inzwischen erlangt die Wiederverwertung immer mehr Zuspruch, nicht nur weil sie den Geist unserer Zeit trifft, sondern weil sie im Grunde unausweichlich ist. Viel zu lange hat sich die

Konsumgesellschaft der Industrie gebeugt. Dabei grenzen Luxus und das damit verbundene Überangebot an Waren schon fast an Perversion. Viele Menschen haben inzwischen erkannt, dass uns der stetig wachsende Konsum und der immer größer werdende Druck auf die Unternehmen in keine gute Zukunft führen. Nicht alles, was uns umgibt oder käuflich erworben werden kann, steht unbegrenzt zur Verfügung. Konsumfreiheit und Produktionswahn haben ihren Preis und ihre Grenzen. Es steigt das Bewusstsein, dass wir unseren Planeten, seine Rohstoffe und die menschliche Leistungsfähigkeit nicht ewig ausbeuten können. Immer mehr Menschen machen sich Gedanken darüber, wie sie handeln und leben, und dieser Wandel kommt in den Prozessen der Wiederverwertung zum Ausdruck. Definition: Recycling oder Upcycling? Wertebelebung versus Hype

Fast jeden Morgen trifft Prossliner beim Aufschließen der Werkstätte auf ausrangierte Möbelstücke, die von den Besitzern,


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Aus der ursprünglich kleinen Initiative ist im Laufe der Jahre ein alternativer „Job-Motor“ geworden …


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ihrer müde, vor seiner Tür abgestellt wurden. Manche sind abgewetzt, aber funktionsfähig und können direkt wiederverwendet werden, andere werden repariert oder es wird aus ihrem Material etwas völlig Neues entwickelt. Recycling ist der weiteste Begriff dafür, wobei in der öffentlichen Wahrnehmung nicht wirklich zwischen Down-, Re- oder Upcycling unterschieden wird. Nach der allgemeinen Begriffsdefinition ist Upcycling eine Form des Recyclings: Aus gebrauchten Gegenständen oder Abfällen wie Holz und Paletten, kaputtem Schmuck oder alten Marmeladegläsern werden neue Dinge geschaffen, wobei die Ursprungsform der Gegenstände meist erkennbar bleibt und das Endprodukt durch die neue Verwendung für die Nutzerinnen und Nutzer einen höheren Wert bekommt. Peter Prossliner teilt diese Interpretation nicht ganz. Recycling ist Wiederverwertung und hat mit Bewusstsein und ökonomischer Notwendigkeit zu tun, während Upcycling in seinen Augen nichts anderes ist als eine Modeerschei-

nung. Ein Trend, der mehr von Überfluss zeugt, als von Bewusstheit. „Upcycling hat in Südtirol angefangen, als unsere Bauern die alten Wagenräder als Dekorationsgegenstände an die Wand gehängt und Geranien hineingesetzt haben. Das sieht vermeintlich schick aus, zeigt, dass wir eine Geschichte haben, hat aber nichts mit Recycling zu tun“, sagt Prossliner. Recycelt haben die Menschen schon immer. Archäologen haben Glas in türkischen Städten entdeckt, das aus dem Byzantinischen Reich stammt und wiederverwendet wurde. Römische Bronzemünzen wurden eingeschmolzen und in Statuen und Schmuck verwandelt. Alte Keramik wurde zerdrückt und dem Mörtel beigefügt. Die meisten Haushaltsgegenstände im vorindustriellen Großbritannien wurden auf irgendeine Weise recycelt und wiederverwendet, was billiger war, als neue Ware zu kaufen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Korsetts zu Munition recycelt und Nylonstrümpfe in chirurgisches Nahtmaterial, in Fallschirme und Zelte verwandelt.

Akrat muss überleben

Gewinnmaximierung und Jahresumsatzziele liegen dem Ideator Prossliner weniger. Er blüht auf, wenn er seine kreative Energie freisetzen und einen sozial-gesellschaftlichen Beitrag leisten kann. Akrat lässt sich nicht vom Argument der schnellen Verkäuflichkeit verführen, sondern setzt auf Funktion und Qualität. Die hauseigene Produktlinie „Akrat officine“ zeichnet sich durch ein klares Design aus und Peter Prossliner ist glücklich darüber, dass es Akrat gelungen ist, kreative Unterstützer wie den jungen Designer Matthias Pötz oder Nitzan Cohen, Professor für ­Produktdesign an der Freien Universität Bozen zeitweise für die Mitarbeit zu gewinnen. Niemand muss ein Gutmensch sein, um bei Akrat einzukaufen. Die ­Produkte stehen für sich und überzeugen durch Funktionalität und Ästhetik. In der Pionierphase von Akrat stand die reine Lust am Tun im Vordergrund, doch auch eine Sozialgenossenschaft kann es sich nicht leisten, unternehmerisches Denken völlig außen vor zu lassen. Auf lange Sicht sind Wirtschaft-


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lichkeit und Organisation notwendiger Nährboden für Kreativität und Inspiration. Zukünftiges Optimierungspotential sieht Prossliner in der Prozess- und Organisationsstruktur. Arbeitsabläufe und die Auslastung der Mitarbeiter müssten verbessert werden. Dafür habe man sich externe Unterstützung geholt, denn zur Lebenssicherung der Einrichtung sind Wirtschaftlichkeit und Entwicklung genauso wichtig wie Kreativität und soziales Engagement. Akrat erfährt in der Landeshauptstadt und darüber hinaus viel Sympathie und Wertschätzung. Hämische Kritiker gäbe es wenige, stellt Prossliner fest. Allerdings ist der Standort im Bozner Don Bosco Viertel inmitten der Wohnhäuser nur bedingt geeignet. „Wir fühlen uns sehr wohl hier und sind gut in das Leben des Viertels integriert. Einige Nachbarn beschweren sich jedoch über den Arbeitslärm und uns fehlt es an Möglichkeiten zur Expansion“, sagt Prossliner. Über kurz oder lang stünde eine räumliche Veränderung an,

a­ llerdings habe man den geeigneten Platz noch nicht gefunden. Die Herausforderungen unserer Zeit machen auch vor denen nicht halt, die alten Gegenständen neues Leben einhauchen und vergessene Werte wieder­

beleben, dennoch ist Akrat mehr als ein von Idealismus und Helfergeist geprägtes ­Vorhaben. Akrat ist Nachhaltigkeit, Engagement und Zukunft.

INFO ___ Die Sozialgenossenschaft Akrat wurde 2012 gegründet und zählt mehr als 100 Mitglieder. Sie hat ihren Sitz in einer ehemaligen Schneiderei im Bozner Don Bosco Viertel, wo sich auf 500 qm im Erd- und Untergeschoss Werkstatt, Magazin und Verkaufsraum befinden. Akrat bietet Ausbildung und Beschäftigung für zu integrierende Menschen an. Derzeit recyceln zehn lohnabhängige und täglich drei bis fünf freiwillige Mitarbeiter sowie fünf Praktikanten ausrangierte Möbel und Stoffe. Mit diesen und der hauseigenen Produktlinie „Akrat officine“ bietet Akrat der Öffentlichkeit auch funktionell und ästhetisch ansprechende Objekte zum Kauf an. Sozialgenossenschaft Akrat Recycling Onlus Matteottiplatz 2, 39100 Bozen Öffnungszeiten: Mo-Fr 10–13 Uhr, 15–18 Uhr, Sa 10–12 Uhr T 0471 911 654 info@akrat.org www.akrat.org facebook.com/AkratRecycling


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BIOGRAFIA ___ Matthias Pötz, classe 1990, nato a Merano e cresciuto a Postal. Dopo le scuole medie ad indirizzo musicale, si diploma al liceo classico di Bressanone. Resosi conto di quanto il disegnare e il costruire lo appassionino, nel 2009 si iscrive alla Facoltà di Design e Arti della Libera Università di Bolzano, frequentando con pari impegno le lezioni ed i laboratori. Nel 2012 passa un semestre di studio in Israele, alla Bezalel Academy of arts di Gerusalemme. Al suo ritorno in Alto Adige, svolge un tirocinio di tre mesi presso l’Offizin S. di Siegfried Höllrigl, stimato stampatore di libri e incisioni. Nel 2013 è a Londra, ad “imparare il mestiere” dal product and interior designer Harry Thaler. Nel 2014 si laurea con una tesi su un’altalena basculante a quattro posti invece dei soliti due, che permette l’interazione e il dialogo tra i giocatori. Collabora quindi con le cooperative AKRAT e MANU e con Harry Thaler. Matthias Pötz parla correntemente tedesco, italiano ed inglese: questo giova a lui come designer ed essere umano. www.insalata-mista.com


DESIGN

PENSARE

Le idee più belle mi vengono quando mi sto per addormentare, ma non prendo mai appunti. A volte le dimentico, ma sto sviluppando una buona memoria… Studiare il lavoro degli altri e cogliere idee e suggerimenti dai contesti più diversi mi è di grande aiuto. Un designer non è un ingegnere, il suo lavoro è più simile a quello dell’artista. Lo “zaino musicale”, quello della foto, nasce dal confronto con il mio amico Maurizio Riglione, musicoterapista che lavora con i bambini disabili. Perché non costruire un set di strumenti divertente da usare e bello da vedere? L’incontro tra punti di vista differenti è sempre interessante. Nel mio pensatoio, nel mio studio, mi manca sempre la matita giusta, ma ho una pialla per legno e un morsetto (mi aiutano a riflettere), un piega carta e del cartoncino per creare dei modellini. Ah! Dimenticavo, ho anche un computer…

REALIZZARE

Come capisco se un progetto merita di essere realizzato? Se non riesco a starmene fermo sul divano quando ci penso, allora l’idea è quella giusta. Insieme ad Ada Keller, mia ragazza e “collegamento” con la Toscana, abbiamo deciso di aprire un’attività che non fosse un comune studio, ma qualcosa di originale, che comprendesse la collaborazione con altri professionisti non necessariamente del nostro settore. Con questa convinzione, desiderosi di trovare nuovi stimoli e nuove idee, abbiamo fondato il collettivo Insalata mista, che mescola diversi saperi un po’ come fossero sapori. L’unione fa la forza e questo progetto penso sia un buon punto di partenza per conoscere e farsi conoscere, cosa non semplice per noi giovani.

FARE

Se penso a ciò che mi serve in officina, mi accorgo di quanto esso sia simile a ciò che non deve mancare nel mio studio, con l’aggiunta di un seghetto giapponese e di una sega circolare a mano. Nella mia tasca c’è sempre un metro. Il lavoro manuale mi offre una prospettiva diversa di ogni oggetto, che il monitor non permette di cogliere. Mi è capitato di realizzare con materiali poveri e poco tempo a disposizione alcuni allestimenti per fiere e mercati. In quelle occasioni c’è poco tempo per pensare e molto da fare: condividere questi tour de force con altri amici designer è un’occasione che fa bene allo spirito. Non potrei concepire il mio lavoro senza divertimento e continui nuovi stimoli. Mi piacerebbe dividere la mia attività tra l’Alto Adige e la Toscana, per respirare aria sempre nuova e realizzare progetti per mercati differenti.

Ilka Limba, 2015 mini orchestra con 7 kalimba per musicoterapia legno, acciaio armonico, ottone, cuoio cm 34 × 38 × 17

TESTO ___ Mauro Sperandio FOTO ___ Matthias Pötz


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KUNST ÜBERS RADIO


BILDENDE KUNST

Unter dem Namen Islands Songs widmen die Südtirolerin Silvia Ploner und der Franzose Nicolas Perret ihr Leben zwischen Berlin und Paris dem Ton, der Klang­ kunst. Ihre künstlerische Praxis an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst fließt in neue Hörerfahrungen, unbekannte Thematiken und kulturell unterschiedliche Denkansätze ein.  TEXT ___Victoria Dejaco  FOTOS ___Denis Laner Beginnen wir ganz vorne. Wie seid ihr beide dort hingekommen, wo ihr jetzt steht? Silvia, du hast eine Karriere als ­Kuratorin und Nicolas, du hast eine lange „love affaire“ mit dem Radio. Kann man das so sagen? Würdest du dich auch als Musiker bezeichnen? Erzählt uns auch ein

verschiedenen Projekten und als Tontechniker und Cutter für Film, ich als Kunsthistorikerin in der Leitung von oder Assistenz bei verschiedenen Projekten, die sich mit zeitgenössischem Klang und Radiokunst auseinandersetzten.

wenig, woher eure Sounds kommen und

Wie lauten die technischen Begriffe der

­etwas über euren Background.

Geräte und Methoden, mit denen ihr arbeitet und die man braucht, um über eure Ar-

Nicolas: Unsere gemeinsame „love affaire“

würden wir eher an der Schnittstelle von Dokumentarischem, Musik und Klangkunst verorten, mit einer Vorliebe für das Fabulieren im Sinne von erdichten, erzählen. Radio als Medium ist ein geeigneter Raum für unseren synkretischen Ansatz. Das können allerdings auch andere Medien sein bzw. werden. Silvia: Nicolas und ich arbeiten seit 2012

zusammen. Als wir uns begegneten, waren wir beide bereits auf unterschiedliche Art und durch unterschiedliche Zugänge mit Klang beschäftigt. Nico als Musiker in

beit sprechen zu können? Nicolas: Wir arbeiten mit Ton. Sehr oft mit Klängen und Geräuschen aus unserer Umwelt, die wir in den verschiedensten Situationen aufnehmen. Neben diesen Feldaufnahmen, Field Recordings, komponieren wir auch mit Samples, also Teilen bestehender Tonaufnahmen aus Musik und Film, mit Sounds, die von modularen Synthesizern kommen, oder mit Stimmen von anderen Personen, die wir in verschiedenen Kontexten oder bei Interviews aufnehmen.

Silvia: Klang ist das Material, mit dem wir

Geschichten erzählen wollen. Aufgrund seiner Natur eignet er sich für uns am besten, um Mysterien, Unsicherheiten, das Unbekannte oder Chaos – alles womit wir uns beschäftigen wollen – zu übermitteln. Nicolas: Ausgangspunkt all unserer Pro-

jekte ist die Neugier für ein gewisses Gebiet, einen Wissensbereich, ein Phänomen und die auditiven Manifestationen im jeweiligen Zusammenhang. Unser methodischer Ansatz ist synkretisch, was bedeutet, dass wir verschiedene Ideen und Einflüsse zu einem neuen „Bild“ verbinden. Silvia: Wichtig ist uns dabei, sowohl die

Hörerfahrung als auch das Geschichten erzählen ins Zentrum unseres kompositorischen Prozesses zu stellen. Nicolas: Die Hörerfahrung in den Mittelpunkt zu stellen, kommt vom Erbe der


76-77 BIOGRAFIEN ___ Nicolas Perret, geboren 1978 in Nizza, lebt in Berlin und Paris und arbeitet seit dem Jahr 2000 in der Postproduktion von Filmen, mit einem Schwerpunkt auf Dokumentarfilm. Zusammen mit Cédric Anglaret schuf er 2008 das Projekt „La danse de l’ours“. 2010 bis 2013 produzierten sie gemeinsam das Radiostück „Suania“, seit 2010 arbeiten sie an der vierteiligen Radioserie „The Four Seasons of Paanajärvi“. Silvia Ploner, geboren 1982 in ­Innichen, lebt und arbeitet als freie Kuratorin und Künstlerin in Berlin. Nach ihrem Studium der Kunst­geschichte in Wien und Berlin hat sie als Kuratorin und Produktions­leiterin im Bereich der zeit­ genössischen Kunst gearbeitet, mit einem Schwerpunkt auf Performance und Sound Art. Zurzeit leitet sie die Temporäre Galerie auf dem Campus Rütli in Berlin-Neukölln, mit besonderem Fokus auf Workshops von Kunstschaffenden für Kinder und Jugendliche aus dem Stadtteil.

„YNK (You Never Know)” Islands Songs

„Musique concrète“ und Pierre Schäffers Idee des „reduzierten Hörens“. Das Fabulieren als Genre und Methode geht auf Donna Haraway und ihr Konzept des „spekulativen Fabulierens“ zurück, lässt aber auch andere Intellektuelle von Gilles Deleuze bis Isabelle Stengers anklingen, die in der Erzählung eine Möglichkeit sehen, neue Welten heranwachsen zu lassen.

Fabulieren?

Eure Wissensgenerierung oder „Knowledge

kundung von Territorien, ihre möglichen Klangwelten wie auch die Vielzahl von Wissensformen, die um sie herum aufgestöbert werden können. Die Geschichte vom Coquí zu erzählen, einem Baumfrosch aus dem Urwald Puerto Ricos und zugleich inoffi­ziellem National­symbol dieser Karibikinsel, kann auch bedeuten, die Geschichte der kolonialen Ausbeutung des Landes für die Zucker- und Kaffeeproduktion zu erzählen und wie die Abholzung der Wälder für die Plantagen zu Erosion, Landflucht und einer Verarmung der ­Bevölkerung führte. Teil dieser Geschichte

Production“ geht weit über das hinaus, was man im Alltag so unter „Wissen“ versteht. Silvia: Das stimmt, „Knowledge Produc-

tion” ist eines unserer grundlegenden Anliegen, aber auch ein weites Feld … puh … deine Frage ist nicht leicht in Kürze zu beantworten. Erstmal würden wir „unsere“ Wissensgenerierung lieber definieren als eine Arbeit rund um Wissens­ felder, mit denen wir fabulieren, dokumentieren, akustisch ausloten.

Silvia: Ja, fabulieren! Im Erkunden ver-

schiedener Formen von Wissen ist fabulieren erlaubt. Es ist für uns eine Methode, um die von einer dominanten Gesellschaft vorgegebenen „Wirklichkeiten“ oder „Wahrheiten“ zu verhandeln und alternative Ansätze zu zeigen. Nicolas: Was uns interessiert, ist die Er-

ist auch, wie es durch die Furcht der Kolonialherren vor einer Überbevölkerung der Insel zu einer Massensterilisation der weiblichen Ur­bevölkerung kam, wie aus Afrika und E ­ uropa importierte Bäume sich nach dem Kollaps des Zucker- und Kaffeehandels auf den Plantagen ausbreiteten und dies zu einem völlig neuen Ökosystem führte, in dem der Coquí heute beheimatet ist. Dies ist ein Thema, das wir in „YNK“ (You Never Know), unserem Beitrag für documenta 14, behandelt haben. Silvia: Die Kritik an westlichen Wissen-

schaftsinstanzen des österreichischen Philosophen und Epistemologen Paul Feyerabend hat uns seit Beginn unserer gemeinsamen Arbeit beeinflusst. „Kein Gedanke ist so alt oder absurd, dass er nicht unser Wissen verbessern könnte,” schreibt Feyerabend und ruft dazu auf, die ideologischen Grenzen zwischen dem, was als streng wissenschaftlich bezeichnet wird, und dem, was jenseits davon liegt, zu verwischen.


BILDENDE KUNST

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es viele Intellektuelle, meist aus dem Bereich der Postcolonial, Queer oder Gender Studies, die über die Dekolonialisierung und Rückforderung von Wissen nachdenken. In diese Richtung wollten wir uns mit unserem Beitrag für documenta bewegen.

mals 1955 veranstaltet als Zeichen, dass

euer Projekt „YNK“ beschreiben? Und wor-

Kunst eine wichtige und aktive Rolle im

auf bezieht sich der Titel?

Nicolas: Im Prozess wurde dann die Frage

hinaus, da uns klarer wird, dass der Mensch

Wiederaufbau Deutschlands nach dem Krieg leisten kann. Dieser Grundgedanke ist heute aktueller denn je. Der generelle Diskurs in der Kunstszene dreht sich gerade und vor allem um den Beitrag von Kunst und Kultur in Krisenzeiten. Global gesehen geht es aber noch weit darüber

nach der Ontologie immer wichtiger. Wir erkundeten Bereiche mit anderen Weltansichten, als jener naturalistisch westlichen, die Natur und Kultur streng trennt. Sich Fragen zu stellen wie „Wie erlangen wir Wissen?“ oder „Was wissen wir?“ bedeutet auch, sich zu fragen, „Wie gehören wir zur Welt? Wie erdenken wir die Welt?“ oder „Wie werden andere Wissensformen als die euroamerikanische berücksichtigt?“.

für den Planeten und sein eigenes Überle-

Die documenta in Kassel wurde von einer

weltweit über Internet und Kurzwellen

Gruppe von Kulturschaffenden gemein-

übertragenes Radioprogramm der diesjäh-

sam mit dem Designer Arnold Bode erst-

rigen Ausgabe mitzugestalten. Könnt ihr

ben immer gefährlicher wird. Good old: Homo homini lupus est. Natürlich versuchen so allumspannende Kulturprojekte wie die documenta solche Themen aufzugreifen. Da kommt ihr ins Spiel – du hast es schon erwähnt. Eure künstlerische Praxis an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst stellt die grundsätzliche Frage nach der Vertretbarkeit eines homozentrischen Weltbilds. Kann man das so sagen? Die documenta hat euch eingeladen, ihr

Silvia: Dekolonisierung ist ein zentrales

Thema von documenta 14. Sie zeigt Machtverhältnisse auf, auch jene eines westlichen Kunstsystems, und betont die Notwendigkeit und Überfälligkeit globalerer Perspektiven. Konsequenterweise wich documenta auch davon ab, überblicks­artig einen Kanon zeitgenössischer Kunst präsentieren zu wollen und sprengte das Format einer zentralisierten Ausstellung. Teil des bunten Programms ist „Every Time A Ear di Soun“, eine weltweite Kunstausstellung im Radio, die von April bis September 2017 über neun Radiosender in Griechenland, Kamerun, Kolumbien, dem Libanon, Brasilien, Indonesien, den USA und Deutschland ausgestrahlt wurde. Nicolas: Der Titel „YNK“ stammt von Mar-

cus Gammel, einem Kurator des documenta-Radios und Produzent des


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„All Depends on the Sun” Islands Songs

­ rogramms „Klangkunst“ von DeutschP landradio Kultur. Bei unserem ersten gemeinsamen Treffen im Rahmen des Projekts führte er alle Beteiligungen auf und schrieb bei uns als Platzhalter „You Never Know – science / non-science“. Das haben wir dann in abgekürzter Form als Titel behalten. Bei vorangegangenen Projekten lag unser Interesse auf Bereichen, die eine sich um den Menschen drehende Weltansicht in Frage stellen. Die documenta-Einladung führte uns weiter auf diesem Weg und bald gewann das Konzept der „Dezentralisierung“ immer größere Bedeutung. Silvia: Dezentralisieren bedeutet, auch an-

dere Wesen mit in den Blick zu nehmen, und auch menschliche Wertesysteme, die anders funktionieren als ein kapitalistisches, heteronormes, weiß und männlich dominiertes. Es bedeutet auch, das Wachstum der Menschheit zu überdenken. Seit der Renaissance wurde der Kult um Vernunft und Wachstum im Westen unter

der strengen Trennung von Natur und Kultur so gelebt, dass es zu dramatischen Konsequenzen für die Umwelt kam und in der Folge zur globalen ökologischen Krise, die wir heute erleben. Nicolas: Die Beziehung des Menschen zur Natur ist ein sehr zeitgenössisches Thema, in einer Ära, in der der Mensch zu einer geologischen Kraft geworden ist, einer Ära, die in der Wissenschaft das Anthro­pozän genannt wird. Durch „YNK“ wollten wir Klanglandschaften freilegen, die die Zuhörerinnen und Zuhörer hinterfragen lassen, wie sie diese Welt bewohnen. Auch in „All Depends on the Sun“ geht es darum, indigene Mythen und Quellen außerhalb westlicher Geschichtsschreibung mit einzubeziehen … Nicolas: In „All Depends on the Sun“, ei-

nem Stück, das wir 2015 zusammen mit wissenschaftlichen Partnern in Finnland

produzierten, haben wir uns mit dem akustischen Phänomen beschäftigt, das die Nordlichter begleitet. Von diesen Geräuschen berichten Historikerinnen und Historiker, wissenschaftliche Texte und indigene Mythen seit der Antike. Ihre Existenz jedoch wird seit jeher in Frage gestellt. Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gaben die Forschung auf, als in den 1960er-Jahren die Höhe der Aurora bestimmt und hörbare Geräusche aus dieser Distanz ausgeschlossen werden konnten. Silvia: Wir glaubten nicht an eine kollektive Halluzination dieser Klänge im Verlauf der Geschichte, also machten wir uns auf den Weg nach Finnland, um Leute zu treffen, die diese Geräusche selbst gehört hatten oder sie erforschten. In „All Depends on the Sun“ haben wir dieses Phänomen in das Zentrum einer akustischen Forschung gestellt. Letztlich ist daraus ein Stück geworden, das auch über Klang und das Zuhören nachdenken lässt.


BILDENDE KUNST

INFO ___ Als Islands Songs nähern sich die beiden mit synkretischer Herangehensweise dem Thema Klang, indem sie das ­Gehörte als Ungewissheit arrangieren, Wahrnehmung als Unsicherheit gestalten und zur Teilnahme am Unbekannten einladen (Salomé Voegelin). Mit aufgenommenem Klangmaterial als Basis arbeiten sie an Langzeitprojekten, aus denen Radiostücke, Klanginstallationen, Performances und Publikationen entstehen. Im Rahmen von SAVVY Funk, einem für documenta gänzlich neu geschaffenen Radiosender, der vom 17. Juni bis 8. Juli 2017 drei Wochen lang 24 Stunden live aus dem Projektraum SAVVY Contemporary in Berlin-Wedding sendete und ­ausschließlich von Kunstschaffenden gestaltet wurde, ­produzierten Islands Songs das Radioprojekt „YNK“, mit dem sie täglich 30 Minuten von 11:10 bis 11:40 Uhr auf Sendung gingen. Die 20 YNK-Sendungen können Sie ­nachhören unter: www.mixcloud.com/Islands_Songs „Nýey” Islands Songs

Eure Soundarbeiten klingen manchmal als würde man ins Weltall oder in einen fremden Planeten hineinhören. Etwas unheimliche und für das Ohr ganz ungewohnte Geräusche charakterisieren diese Audiostücke. Bei „Nýey“ (2013-2016), isländisch für „neue Insel“, ist das ja sehr passend. Im Zentrum der Arbeit steht Surtsey, eine 1963 nach einem Vulkanausbruch neu entstandene Insel südlich von Island, die seither von Wissenschaftlern beobachtet und studiert wird, weil man an ihr die Entstehung eines Ökosystems beobachten kann. Die Erzählerstimme erinnert ein wenig an jene von Werner Herzog in seinen Dokumentarfilmen. Geht es euch unter anderem auch darum, in euren Projekten „Neuland“ zu betreten? Silvia: Der Vergleich mit Werner Herzog

ist sehr schmeichelhaft. Im Gegensatz zu Herzog arbeiten wir allerdings nie mit einer Erzählstimme. Die Stimmen in „Nýey“ stammen von vier Wissenschaftlern der Surtsey Research Society, die seit drei Ge-

www.islandssongs.blogspot.com

nerationen einmal im Jahr für wenige Tage Zugang zu dieser jungen Insel erhalten. Uns ist wichtig, mit original aufgenommenen Stimmen die Verbundenheit zu einem Ort oder Thema zu vermitteln. Deshalb arbeiten wir vorwiegend mit OTon statt mit Studioaufnahme. Nicolas: Unser Ansatz ist immer ein dokumentarischer … in einem „spekulativ fabulierenden“ Sinn. Für „Nýey“ beispielsweise haben wir ein elektroakustisches Stück aus Field Recordings von Surtsey und den umliegenden Westmännerinseln produziert, das die Gegenwart von Surtsey, ihre mögliche Zukunft und ihre wahrscheinliche Vergangenheit reflektiert. Die wenigen gesprochenen Sätze, die die Komposition durchdringen, werfen eher Fragen auf, als welche zu beantworten. Silvia: Es ging bei diesem Projekt weniger

darum, Neuland zu betreten, als darum, über die menschliche Wahrnehmung von Zeit im Gegensatz zur geologischen Zeit

nachzudenken. Ein Thema, das uns seither beschäftigt und das wir in „YNK“ weiter bearbeitet haben. Das klingt gut. Man spürt, dass die Welt ­einen Neustart braucht. Was steht für euch als nächstes auf dem Programm? Silvia: Wir sind gerade dabei, einige The-

men, die wir in „YNK“ behandelt haben, weiterzuentwickeln. Eines davon in Zusammenarbeit mit Emanuele Guidi vom Verein ar/ge Kunst in Bozen und mit Peter Paul Kainrath vom Festival „Transart“ für eine Präsentation im Herbst 2018 in Bozen. Aus dem documenta 14 Radio ist ein zweites aufregendes Projekt entstanden: eine Gastprofessur für Sound und Radiokunst an der Bauhaus-Universität Weimar. Dort werden wir mit den Studierenden und „Kunstradio“ an einer Performance für den weltweit gefeierten Art’s Birthday 2018 arbeiten. Spannend! Danke für das Gespräch.  �


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LA PERMANENZA DELL’ANALOGICO Animazione, design e giocattoli. Sono queste le coordinate entro cui tracciare un ritratto del regista e designer Lucas Zanotto. Un ragazzo che è partito da Bressanone ed è arrivato a Helsinki inseguendo la sua carriera nelle professioni creative. TESTO ___ Flavio Pintarelli  FOTO ___ Julien Petit + YATATOY + Lucas Zanotto


NUOVI MEDIA

È uno di quegli afosi pomeriggi bolzanini di fine giugno, di quelli in cui nemmeno pantaloncini e canottiera riescono ad alleviare il caldo che ti s’appiccica addosso; perciò, quando la finestra di Skype s’illumina, rivelandomi un ritaglio della casa di Lucas Zanotto, fatico a trattenere un lieve moto d’invidia nel constatare che, dall’altra parte dello schermo, il mio interlocutore indossa una camicia piuttosto pesante. Il che è normale, visto che Lucas, dopo una vita passata tra Berlino e Barcellona, ha scelto la Finlandia per vivere e lavorare. E da quelle parti, anche se siamo alle porte dell’estate, le temperature massime del sesto mese dell’anno a stento hanno superato i 18 gradi. Nel paese scandinavo Lucas, nato a Bressanone nel 1977, ci si è trasferito a lavorare come regista di animazione, dopo aver peregrinato a lungo in Europa seguendo un percorso di formazione e professionale molto particolare. Infatti, dopo due anni di studi in architettura a Innsbruck, Lucas si è ritrovato a occuparsi

di design di prodotto durante uno stage presso un’azienda di Bressanone, MMDesign. È stato allora che s’è accorto che era proprio quella la strada da seguire. Per farlo si è quindi trasferito a Milano, e all’ombra della “Madunina” s’è laureato in design del prodotto all’Istituto Europeo di Design. Fresco di laurea, ha iniziato a lavorare come industrial designer nello studio Continuum Design a Milano, dove si è pian piano allontanato dal prodotto per avvicinarsi alla grafica. Successivamente ha vissuto tra Barcellona e Berlino, lavorando sia come freelance che presso alcuni studi di grande prestigio, specializzandosi nell’animazione fino a diventare un vero e proprio regista. Un amore, quello per l’animazione, che “nasce dal mio interesse verso il design e dalla passione per la fotografia e il cinema, tecniche e mezzi espressivi che nell’animazione trovano una sintesi perfetta, dando vita a un medium con grandi possibilità espressive dove riesci comun-


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BIOGRAFIA ___ Lucas Zanotto è nato a Bressanone, nel 1977. Dopo aver intrapreso gli studi in architettura a Innsbruck si è laureato presso l’Istituto Europeo di Design (IED) a ­Milano. Ha lavorato prima come industrial designer nello studio Continuum Design di Milano. Poi si è interessato di grafica, finendo per diventare un regista di video e film di animazione. Negli anni ha lavorato sia come freelance che in studi e case di produzione. Oggi collabora con Friends Electric (Londra), Troublemakers (Parigi) e Woodblock (Berlino). Dopo aver vissuto a lungo tra Barcellona e Berlino, dal 2012 si è trasferito a Helsinki dove vive insieme alla sua famiglia. Nello stesso anno ha fondato il marchio di giocattoli YATATOY, con cui ha prodotto tre app per dispositivi mobili dedicate ai più piccoli e sta per pubblicare tre libri per bambini con l’editore newyorkese Callaway. Tra i suoi clienti più importanti ci sono aziende come Google, Amazon e Barclays; alcuni dei suoi lavori di animazione sono stati premiati ai festival di Cannes e Ottawa. “Telia – Drones & Cake” Lucas Zanotto

www.lucaszanotto.com

que ad avere un pieno controllo su tutto il processo di produzione”. Questo medium, le cui origini risalgono ai primordi del cinema, si è guadagnata nuovamente l’attenzione del grande pubblico solo durante gli ultimi vent’anni, dopo essere stata a lungo relegata in una nicchia. “Quando ho iniziato” ricorda Lucas “la scena era davvero molto piccola e le tecniche da padroneggiare per creare animazioni non erano alla portata di tutti; perciò farsi un nome e costruirsi una reputazione era tutto sommato molto più semplice di quanto non sia oggi. Le barriere all’ingresso nella professione, infatti, si sono abbassate molto grazie allo sviluppo di software professionali che hanno automatizzato numerosi processi che, per realizzarli, un tempo era necessario saper scrivere codice. In questa situazione è davvero difficile farsi notare, anche perché tutta l’apertura e la facilità di ingresso rischiano di creare una certa uniformità di stili. Insomma, è più facile che emergano mode e tendenze verso cui

tutti finiscono per convergere, lasciando da parte quello che, in una professione creativa come questa, è uno degli aspetti per me fondamentali: la propria individualità. Tuttavia, ed è una cosa positiva, la grande diffusione di schermi nella nostra cultura richiede e favorisce la produzione di contenuti, perciò di lavoro, almeno per ora, sembra essercene abbastanza da assorbire la domanda”. La ricerca di uno stile proprio e individuale non può fare a meno di passare dal confronto con i grandi nomi che hanno fatto la storia di una disciplina. Enzo Mari, Dieter Rams, Bruno Munari e il Bauhaus, ma anche Spike Jonez e Michel Gondry, sono alcuni dei nomi che hanno ispirato e ispirano Lucas nel suo lavoro. “Oggi però mi trovo in un momento della mia vita professionale in cui ho l’esigenza di dover scegliere una strada nuova rispetto a quella che ho seguito fino a questo momento. Per molti anni mi sono divertito nell’adoperare tecniche e tipi diversi di animazione: dalla stop motion

all’animazione in camera; oggi invece sento la necessità di sperimentare di più, di muovermi su set di dimensioni maggiori, come ho fatto per un video intitolato ‘Drones & Cake’ ad esempio, oppure di lavorare con degli attori in carne e ossa. Molto del mio lavoro, infatti, ha una dimensione analogica a cui non ho intenzione di rinunciare perché, sotto sotto, non ho mai smesso di essere un designer di prodotti e in questo modo posso continuare a costruire cose buffe e divertenti come ho fatto in ‘The world smallest cup of coffee’, un altro video a cui sono molto affezionato.” Oltre a realizzare la regia di video e cortometraggi animati per clienti come Google, Amazon o Barclays, Lucas Zanotto ha anche il tempo di dedicarsi a dei progetti paralleli. E in yatatoy, il più recente dei suoi side project, è riuscito a portare la dimensione concreta e analogica del suo lavoro nel più immateriale ed effimero dei mondi, quelle delle applicazioni per dispositivi mobili. “Ho iniziato yatatoy


NUOVI MEDIA

quando la mia prima figlia aveva cinque anni ed era in fissa con le lettere. Per assecondare questo interesse le ho comprato un libro giapponese per imparare l’alfabeto e da lì ho avuto l’ispirazione per drawnimal, un’app che unisce lo spazio fisico a quello digitale del dispositivo, creando delle animazioni divertenti che aiutano i piccoli utenti a imparare l’alfabeto. L’ho realizzata coinvolgendo due miei amici: Ulrich Troyer, originario di Bressanone, un compositore che si occupa delle musiche e degli effetti sonori, e Niels Hoffman, lo sviluppatore che scrive il soft­ware; in poco tempo abbiamo riscosso un grande successo sugli store, che ci ha dato la spinta per proseguire con questo progetto. Sono nate così miximal, incentrate sulle sillabe, e loopimal, che insegna ai bambini le basi del sequencing (ovvero la ripetizione di un elemento melodico e/o armonico in una sequenza di musica) e della composizione musicale. Anche queste due applicazioni hanno avuto un ottimo riscontro e in breve yata-

toy è diventato un marchio riconosciuto che sta intraprendendo strade inaspettate. A breve infatti usciranno tre libri, cartacei, che pubblicheremo insieme a Callaway, un editore di New York.” A colpire maggiormente, intrattenendosi con queste applicazioni, è soprattutto la loro dimensione creativa. drawnimal, miximal e loopimal sono infatti applicazioni che abilitano la creatività e la dimensione del fare, in un ambiente libero da ogni costrizione. Una scelta che Lucas rivendica apertamente in quanto “non mi piace tanto vedere i bambini giocare con i telefoni. Molte delle app per i più piccoli che sono sul mercato incorporano quelle logiche di vittoria, sconfitta e progressione che sono tipiche dei videogame, ma anche delle slot machine. Sono meccanismi che creano dipendenza e non li sopporto. Perciò, quando abbiamo realizzato queste app, i miei collaboratori ed io ci siamo preoccupati molto di dar vita a dei prodotti minimali, dove ogni elemento fosse funzionale e non ci fossero

orpelli inutili e puramente estetici, barocchi. Abbiamo pensato alle nostre applicazioni come se fossero dei tool, degli strumenti che permettono di creare senza limiti e senza dover per forza fallire per andare avanti. È la logica dei giocattoli che ho amato di più quando ero bambino, quelli di cui ancora mi ricordo e che mi hanno ispirato nella vita. Poi nessuno di noi ha una preparazione pedagogica, quindi non so dire se questa sia l’impostazione più corretta per fare le cose, ma ho due figlie e vorrei che non fossero esposte fin da subito alle frustrazioni generate dalle logiche di certi giochi e poi mi piace giocare con loro e mi sembrava una cosa fantastica poter creare dei giocattoli per farlo.”  �


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VON HOCHKULTUR UND HINTERHOFKULTUR

Wie ein verstaubtes [STIEGENHAUS] im Innsbrucker Bahnhofsviertel zum Ort kultureller Begegnung auf höchstem Niveau wird, dessen Charme selbst inter­ national renommierte Kunstschaffende erliegen und dadurch ihre Konzerte in diesen außergewöhnlichen Hallen als die schönsten ihrer gesamten Karriere ­bezeichnen.

national renommierte Künstlerinnen und Künstler sehen in dieser Philosophie ein Spiegelbild ihres Schaffens. Große Namen bezaubern hier für kleines Geld, weil dieser Ort bietet, was kein anderer bieten kann. Wo Musizierende anderorts den Abend nach dem Konzert alleine im Hotelzimmer verbringen und ihre Euphorie mit niemandem teilen können, verschmelzen Performerinnen und Performer im [STIEGENHAUS] mit dem Publikum zu einer Gemeinschaft, die sich gegenseitig bereichert und berauscht. Dies ist der Ausgleich dafür, dass die Gage knapp ist. Der Verein erhält zwar Subventionen von der Stadt Innsbruck und dem Land Tirol, das Geld reicht aber bei weitem nicht, um die Kosten zu decken. Events können daher auch nur vereinzelt und über das Jahr verteilt stattfinden, daneben soll es schließlich auch Spaß machen und nicht in Arbeit ausarten. Eintritt verlangen die Künstlerkollegen bewusst nicht, wer möchte, darf sich aber durch eine freiwillige Spende an der Aufrechterhaltung des Vereins beteiligen.

TEXT + FOTOS ___ Pia Tscholl

Ertrinken in der Impression

Umgeben von Kfz-Werkstätten, am Rande eines verlassenen Hinterhofs neben dem Bahnhofsgelände in Innsbruck befindet sich der Eingang zur [STIEGENHAUS­ MUSIK], einem Ort, der als Geheimtipp gehandelt, eher wenige als viele kunstinteressierte Menschen in den Untergrund lockt. Verschwommen ertönen im Hintergrund Motorengeräusche und Eisenbahnlärm, die daran erinnern, dass sich die nächstbeste Aufbruchgelegenheit bereits in Reichweite befindet. „KG21GA_verein zur förderung der hinterhofkultur“ ist auf einem querformatigen Schild im Stil des späten Mondrian an der Tür des Hauses zu lesen, das inmitten der ortsgebundenen Aufbruchsstimmung zum Verweilen verführt. Genau hier wurde der Verein Anfang September vor fünf Jahren mit der Performance „ZERSCHMETTERLING – eine asoziale plastik“ ins Leben gerufen. Zwischen der mutwilligen Zerstörung eines Autowracks, dazu passenden elektronischen Schlagzeug- und Bassklängen, sowie einem ungeplanten Polizeieinsatz wurde die Geburtsstunde des Vereins bis tief in die Nacht hinein gefeiert. Daniela

Maria Span und Peter Warum/Rum, zwei Künstlerkollegen, die sich hier in der Karmelitergasse 21 ein Gemeinschaftsatelier teilen, bilden die Seele des Vereins. Regelmäßig, aber nicht zu regelmäßig, laden die beiden zu avantgardistischen Ergüssen und Genüssen ins [STIEGENHAUS] eines aus dem frühen 20. Jahrhundert stammenden Gebäudes ein. Bereits die Räumlichkeit an sich gleicht einem dadaistischen Kunstwerk und überschwemmt die Gäste mit einer Welle schwer zu beschreibender Anziehung. Der großartigen Akustik der Location ist es zu verdanken, dass die beiden Künstlerkollegen in diesem außergewöhnlichen Ambiente einen kulturellen Treffpunkt mehrerer Generationen kreierten. Gezeigt wird, was gefällt, das ist das einzige Kriterium. Damit ist die [STIEGENHAUSMUSIK] ein Ort der Gegensätze, wo das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kunst- und Stilrichtungen in seiner Zerschmetterung und Verschmelzung neue Wirklichkeiten aus der Asche erstehen lässt. Das Verbindende in der Andersartigkeit ist die Authentizität und Menschlichkeit. Auch viele inter-

Mittlerweile erzählen die vergreisten Wände des [STIEGENHAUS]es Geschichten von Anja Lechner, Jean-Louis Matinier, Ingrid Laubrock, Wendy & Jim und vielen weiteren künstlerischen Größen, aber auch von jungen Talenten, deren Namen noch weitestgehend ungehört in den Ecken der Szene verhallen. Es gibt nichts


TIROL an diesem Ort der Durchreise machen. In ihren Augen ein Geschenk. Zwar blitzen aus der Menge der durchschnittlich 20 bis 30 Zuhörerinnen und Zuhörer immer wieder bekannte Gesichter hervor, jedoch zieht jeder neue Act bis dahin noch unbekannte Freunde in die Location. Bis hierhin und weiter

Mitte Juni diesen Jahres waren die Räumlichkeiten des [STIEGENHAUS]es dank des zweitägigen Festivals „Onomatopoesietage 2017“, was so viel wie Lautmalerei bedeutet, zum Überschwappen gefüllt mit experimentellen und avantgardistischen Klängen von fünf Künstlerinnen und Künstlern aus ganz Europa. Die von Ottó

Provinzielleres, als zu behaupten, in der Provinz gäbe es keine gute Kunst, meint Daniela Maria Span. Vor allem ihr liegt viel an der Szene vor Ort, die sie genauso schätzt und würdigt, wie weltweit renommierte künstlerische Genies. Niemand wird im [STIEGENHAUS] aus Mitleid engagiert, jede Vorstellung ist Kunst auf höchstem Niveau. Vielleicht ist der Ort gerade deshalb nicht massentauglich. Das Programm ist anspruchsvoll, man muss sich der Atmosphäre hingeben und im Meer mannigfaltiger Impressionen ertrinken, um den Zauber dieses Ortes zu verstehen. Im Zwiespalt zwischen Verweilen und Aufbruch, Veränderung und Beständigkeit, gilt es, Ruhe zu finden, mit dem Geräusch vorbeirauschender Züge im Ohr, die hunderte Menschen in alle Windesrichtungen verstreuen und der freien Improvisation der Kunstschaffenden eine schwer zu fassende Melancholie verleihen. Nein, diese Kunst ist bei weitem nicht für jedermann etwas, nur für jene, die den schmalen Grat zwischen Intellektualität und Wahnsinn zu gehen wissen. In den Zeilen eines handgeschriebenen Briefes würdigt der mittlerweile 82-jährige, weltberühmte Ethnologe Gerhard Kubik das „intelligente“, außergewöhnliche Publikum, das sich in der Karmelitergasse 21 mehrmals im Jahr versammelt. Bis auf eine Ausnahme durften auch die Künstlerkollegen Daniela Maria Span und Peter Warum/Rum in den letzten fünf Jahren nur wundervolle B ­ ekanntschaften

S. Horvát organisierte Veranstaltung – er war bereits selbst im [STIEGENHAUS] künstlerisch tätig – war die letzte vor der Sommerpause. Seiner Begeisterung für den speziellen Ort ist es zu verdanken, dass er die Lautmalerei in die Karmelitergasse 21 nach Innsbruck brachte. Wie ihn lässt die atmosphärische Einzigartigkeit der [STIEGENHAUSMUSIK], die sich mit jeder Veranstaltung, neu übertrifft und transformiert, viele Kunstschaffende nicht mehr los. Manche treten mehrfach auf, einige vermitteln Künstlerkolleginnen und –kollegen an Daniela Maria Span und Peter Warum/Rum weiter. So einen speziellen Ort gibt es in der Tat kein zweites Mal. Es verwundert daher nicht, dass für die Zukunft bereits weitere Veranstaltungen geplant sind, im nächsten Jahr sogar mit Südtirolbezug. Einladungen dazu werden nur über Facebook und EMail verschickt, wer Interesse hat, kann sich über die Homepage der [STIEGENHAUSMUSIK] bei Daniela Maria Span oder Peter Warum/Rum melden. Oberstes Ziel der beiden ist es, dass das Schaffen und Sein im [STIEGENHAUS] weiterhin Freude macht. Solange diese Prämisse gegeben ist, wird das kleine [STIEGENHAUS] mit dem großen Charakter auch künftig als bizarre Antithese zu allem Konventionellen die Innsbrucker Hinterhofkultur auf höchstem Niveau in ihren Grund­ festen erschüttern.

„Aus Kindertagen“ - Poesie von Nico Feiden, Otto Horvath an der Posaune, [Stiegenhausmusik] #32

INFO ___ Im Jahr 2012 wurde der Verein „[STIEGENHAUSMUSIK]-KG21GA_verein zur förderung der hinterhofkultur“ in der Karmelitergasse 21 im Innsbrucker Bahnhofsviertel gegründet. Mittlerweile sind die Künstlerkollegen Daniela Maria Span und Peter Warum/Rum, die sich an besagter Adresse ein Gemeinschaftsatelier teilen, die Organisatoren hinter den Acts. In den fünf Jahren ihres Bestehens bot die [STIEGENHAUSMUSIK] bereits 34 Veranstaltungen Raum, wobei Kunstschaffende aus aller Welt ihren Weg nach Innsbruck fanden. „Erlaubt“ sind alle möglichen Kunstrichtungen, von Musik über bildende Kunst bis hin zu Literatur, wobei die experimentelle und avantgardistische Andersartigkeit das Verbindungsglied zwischen den Welten bildet. Vom Talent der teilweise international renommierten Acts kann man sich über YouTube oder die offizielle Homepage des Vereins überzeugen. http://stiegenhausmusik.info


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MUSIK

SÜDTIROLS NEUE SONGWRITER-SZENE IM FOKUS

In diesem Musikgenre, das hierzulande schon als ausgestorben galt, entwickelt sich mit Waira und Max Zischg ein viel­ versprechender Nachwuchs und eine interessante, lebhafte junge Szene. TEXT ___ Thomas Kobler  FOTOS ___ ost west club/Chantal Redavid, Flyle - Philip Unterholzner

Die Südtiroler Liedermacher- und Singer/ Songwriter-Szene, so sagte man noch vor wenigen Jahren, sei so gut wie tot, definitiv aber nicht mehr bekannt. Bis auf Max von Milland, der schon seit Jahren Musik in Deutschland produziert, den Vinschgauer Dominik Plangger, der seinen Lebensmittelpunkt schon lange Zeit nach Wien verlegt hat und die Eisacktaler Liedermacher-Legende Sepp Messner Windschnur, müssen sogar Kenner der Szene lange darüber nachdenken, wer denn noch in dieses Genre passen würde. Das „Oachale fan Toule“, „der Doggi“ oder Matthias Prieth wären vielleicht noch Musiker, die einem einfielen. Aber wirklich junge, talentierte Nachwuchskünstler suchte man bis vor wenigen Jahren händeringend, sie waren schlichtweg nicht existent. Seit Kurzem scheint sich dieser Umstand aber deutlich geändert zu haben, denn mit dem Meraner Maximilian Zischg und der in Bozen lebenden Musikerin Waira drängen gerade zwei Anfang


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„Nothing to Lose“ Waira

Zwanzigjähre unter die alten Granden und scheinen das Songwriting zwischen Brenner und Salurn auf eine neue Stufe heben zu wollen. Das Mädchen mit der Gitarre und dem schwarzen Hut

Camilla Cristofoletti, so der bürgerliche Name der aus Salurn stammenden Musikerin, ist musikalisch eigentlich eine Spätzünderin. Seit noch nicht einmal drei Jahren spielt die 21-Jährige Gitarre, das Instrument hat sie sich selbst beigebracht. „Eine Gitarre hat bei uns zuhause immer herumgestanden und so habe ich irgendwann damit begonnen Lieder zu schreiben“, so die junge Musikerin. Im Frühjahr 2016 hat sie dann an einem interregionalen Musikwettbewerb teilgenommen und mit ihrer Musik derart großen Eindruck auf einige Jurymitglieder gemacht, dass sie plötzlich die Möglichkeit erhielt in einem bekannten Londoner Musikclub aufzutreten. Von da an und seit gut einem Jahr ging es für Waira steil

bergauf. Sie releaste mit „Under a Black Hat“ ihre erste eigene EP, bestehend aus fünf Songs und reihte einen Konzertauftritt an den nächsten. Plötzlich war das schüchterne, freundliche Mädchen mit dem schwarzen Hut nicht nur Insidern ein Begriff, sondern immer öfter durfte man die Gesangskünste der in Bozen Studierenden auch über Südtirols Radiosender hören. Gerade die Songs „Don’t Cry“, „Rain“ oder „Nothing to Lose“ sind überaus radiotauglich und in ihrer Stilistik absolut eingängig und mit Ohrwurm-Potenzial ausgestattet. Ed Sheeran und melancholische Gemütszustände

Den Namen Waira hat sie von einem Enkel eines alten indianischen Schamanen bekommen und er bedeutet übersetzt so viel wie Wind. Wenn man die junge Salurnerin nach ihren musikalischen Vorbildern fragt, dann fallen natürlich in erster Linie Namen wie jener von Ed Sheeran oder Passenger. Aber auch wirkliche

­ usiklegenden haben Spuren in der muM sikalischen Biografie der Unterlandlerin hinterlassen, insbesondere beim Schreiben neuer Songs. „Michael Jackson und Bob Dylan sind natürlich Künstler, die mich inspirieren“, sagt sie. Das Proben selbst sei nicht unbedingt eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, dafür kann es dann aber passieren, dass es mit einem Mal nur so aus ihr heraussprudelt und sie eine Melodie nach der anderen schreibt. „Proben an sich langweilt mich eher, ich gehe vor einem Konzert meist schnell die Songs durch und das war’s. Was mich mehr beschäftigt ist das Schreiben, und das kommt in Wellen: Manchmal schreibe ich monatelang nichts, und dann plötzlich fünf Songs in einer Woche.“ Außerdem dient ihr als Quelle der Inspiration vor allem ihr eigener Gemütszustand, berichtet sie. Waira singt in ihren Texten über die Liebe, das Leben, und über persönliche Erfahrungen. Meist sind es äußere Geschehnisse, die sie zum Schreiben animieren. „Je schlimmer die Situation


MUSIK BIOGRAFIEN ___ „Need You“ Max Zischg

Maximilian Zischg, geboren 1994 in Wien, ist in Meran aufgewachsen, wo er das Wissenschaftliche Gymnasium besuchte. Seit 2013 studiert er Medizin an der Uni­ versität Innsbruck. Mit sieben Jahren nahm er Geigenunterricht und besuchte später die ­Musikschule in Meran. Während der Oberschulzeit sang er in den Bands „Ego Brain“ und „Storm & Stress“ und brachte sich anschließend das Gitarrenspiel selbst bei. Anfang 2016 trat er erfolgreich im ost west club in Meran auf und startete seine Karriere als Musiker. Im selben Jahr begleitete er als Support-Act die Südtiroler Folkband Mainfelt bei ihrer Tour in Deutschland und Österreich. Seither arbeitet er allein oder im Dreigespann mit den Musikern Kevin Prantl und Konstantin Ladurner, alias Kontent, an verschiedenen Projekten. facebook.com/Max.Zischg Waira – Camilla Cristofoletti, geboren 1996 in Bozen, stammt aus Salurn. Matura am Sozialwissenschaftlichen Gymnasium in Bozen. Sie studiert seit einem Jahr ­Musiktherapie in Bozen und arbeitet nebenbei als Trainerin für Kunstturnen. 2015 ­begann sie als Autodidaktin Gitarre zu spielen und nahm im Frühjahr 2016 am ­Upload-Contest teil. 2016 trat sie im Musikclub O2 Academy Islington in London auf und gab 2016 ihre erste eigene EP „Under a Black Hat“ heraus. Es folgten viele Konzert­auftritte und ihre Lieder fanden Eingang in die Südtiroler Radioprogramme. facebook.com/wairamusic

für mich ist, desto mehr Songs entstehen daraus. Ich kann nicht wirklich schreiben, wenn ich glücklich bin.“ Das Schreiben hilft ihr dann aber, die schweren Zeiten zu überstehen.

blikum. Was ich mir aber immer gern vorgestellt habe, ist, ein Publikum zu haben, das meine Songs mit mir singt, das wäre wirklich überwältigend“, sagt Waira bescheiden.

Die Musik in die Welt hinaustragen

Ein echter Meraner

Neben der Musik studiert Camilla Cristofoletti Musiktherapie in Bozen und arbeitet nebenbei als Kunstturntrainerin. Wenn man sie nach ihren Träumen und ihrer Zukunft als Musikerin fragt, dann hat sie klare Vorstellungen: „Ich möchte reisen, Menschen kennenlernen, aber vor allem eine Spur von mir in dieser Welt hinterlassen. Vielleicht könnte meine Musik jemandem aus einer schlimmen Zeit helfen, das würde mich unheimlich stolz machen.“ Auch wenn man die junge Frau danach fragt, was eine erfolgreiche Musikerin bzw. einen erfolgreichen Musiker ausmacht, weiß sie eine Antwort: „Vor allem ist es wichtig, nie zu vergessen, woher man kommt. Erfolg kann schließlich vieles sein; ein Kompliment, ein gutes Pu-

Bescheidenheit und Demut sind Tugenden, die auch den Meraner Nachwuchs­ musiker Maximilian Zischg auszeichnen. Aber auch die Wurzeln und die Liebe zu seiner Heimatstadt Meran sind Aspekte, die im Leben des Max Zischg eine wichtige Rolle spielen. Menschen zu bewegen ist für ihn das Wichtigste. „Manchmal, wenn ich zum Beispiel jemanden während eines emotionalen Songs weinen sehe, weil diese Person sich mit dem identifizieren kann, was ich schaffe, ist das ein unbeschreibliches Gefühl“, so Max. So hat erst vor Kurzem ein Freund von ihm der Freundin einen Heiratsantrag gemacht, während im Hintergrund Max’s Song „Need You“ lief. „Solche Momente sind mir unendliche Male mehr wert als jeder

finanzielle Erfolg.“ Gerade dieser erst vor Kurzem veröffentlichte Song samt dazugehörigem Video hat dem Meraner in den letzten Wochen einen regelrechten medialen Hype beschert. Sein Lied wurde in fast sämtlichen Südtiroler Radio­ sendern gespielt und seitdem eilt Max von einem Interviewtermin zum nächsten. Musik als ständiger Begleiter

Im Unterschied zu Waira ist Musik etwas, das Maximilian Zischg schon von Kindesbeinen an begleitet. Mit sieben Jahren nahm er Geigenunterricht und besuchte die Musikschule. Auch wenn er diese Zeit als „eher uncool“ beschreibt, war es vor allem seine Singlehrerin Susanne Ob­ kircher, die sein Talent frühzeitig erkannte und ihn förderte. In der Oberschulzeit begann er dann in einer Band zu singen und entschloss sich anschließend selbst Gitarre spielen zu lernen. Während eines Auslandssemesters in Irland kam er zum ersten Mal mit der Singer/Songwri-


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"… meine Musik Menschen zugänglich zu machen, die mich vorher nie gesehen oder gehört hatten, war schlichtweg atemberaubend"

ter-Szene in Kontakt und verliebte sich in die Folkmusik. In dieser Zeit entstand der Wunsch, selbst Liedtexte zu schreiben und seine Musik mit Menschen zu teilen. Außerdem kam er durch seinen Vater, der das musikalische Talent seines Sprösslings von Anfang an förderte, mit Bands wie den Beatles, Depeche Mode, Bob Dylan, The Doors oder Mumford & Sons in Kontakt. Inspiration holte er sich aber auch von aktuell erfolgreichen Musikern und Produzenten wie Kendrick Lamar. Auch die Freundschaft zum Meraner Musiker Konstantin Ladurner (alias Kontent) und die gemeinsame Arbeit an verschiedenen Projekten bestärkten Max, seinen Weg konsequent weiterzuverfolgen. Die ersten Auftritte und der Südtiroler Durchbruch

Irgendwann Anfang des Jahres 2016 erhielt er dann die Einladung, im Meraner ost west club gemeinsam mit seinem Kumpel Moritz Gamper das erste Mal vor Publikum aufzutreten. Das Konzert wurde

zum vollen Erfolg. All seine Freunde waren gekommen, um ihn zu hören. Der kleine Salon in Meran, wo schon andere erfolgreiche Südtiroler Musikschaffende ihre ersten musikalischen Gehversuche unternommen hatten, wurde zu seinem Sprungbrett. Eine Zuhörerin war derart begeistert von seiner Musik, dass sie ihn einlud auf ihrer Hochzeit zu spielen. Dort traf er auch zum ersten Mal die vier Jungs der erfolgreichsten Südtiroler Folk-Band Mainfelt um Frontsänger Patrick Strobl und weckte sofort deren Interesse. Sie luden ihn ein, als Support-Act einige ihrer Touren in Deutschland und Österreich zu begleiten. „Die Erfahrung außerhalb Südtirols zu spielen und meine Musik Menschen zugänglich zu machen, die mich vorher nie gesehen oder gehört hatten, war schlichtweg atemberaubend“, erzählt der junge Musiker. Von da an arbeitete Max noch härter, feilte an seiner Stimme und schrieb durchgehend neue Songs. „Die Zusammenarbeit mit Kevin Prantl, dem Banjospieler bei Mainfelt, und Kon-

tent hat mittlerweile ein cooles Produktions-Dreigespann ergeben, bei dem wir uns gegenseitig inspirieren und antreiben.“ Ambitioniert und streng zu sich selbst

Beim Proben und Schreiben neuer Songs geht der junge Musiker sehr ambitioniert vor. Er verfolgt dabei einen genauen Plan. Mindestens drei Ideen müssen gleichzeitig in Arbeit sein. Sobald ein Song fertig wird, muss eine neue Idee her. Es gibt keine Phasen, in denen Max nicht an einem Song arbeitet. „Wenn ich ein Lied live spiele, passe ich anschließend nur noch die Feinheiten an, sodass ich dann beim Aufnehmen schon ein in meinen Augen perfektes Konzept habe.“ Anschließend macht er sich gleich an sein nächstes Projekt. Vor allem legt er großen Wert darauf, in Zukunft professionelle Videos zu shooten. Er arbeitet dabei eng mit ambitionierten und erfolgreichen Südtiroler Filmemachern wie den Jungs von Kiwitree-Productions zusammen, die ihn


MUSIK

auch bei seinen ersten Aufnahmen zu „Need You“ unterstützt haben. Max finanziert sich diese Dinge eigenständig durch seine Konzertauftritte und weiß, dass ein guter und professionell inszenierter Auftritt auf der Videoplattform YouTube heutzutage zum Um und Auf eines Musikers gehört, der es in dieser Branche zu etwas bringen möchte. Liebe und der ganz große Wunschtraum

Als Quelle der Inspiration für seine Musik nennt Max das alltägliche Leben, „die Sorgen und Probleme der Menschen, aber vor allem und in erster Linie auch meine Freundin Julia. Sie ist eine Art Muse für mich und Inspiration für viele meiner Songtexte.“ Max’ Texte sind oft melancholisch, da Musik für ihn eine Art Ventil ist, um Frust, Ängste und Stress abzubauen. „Früher“, so sagt er über sich selbst, „war ich immer ein wenig schüchtern, aber mittlerweile und durch die Möglichkeit vor Publikum zu spielen, habe ich

eine Art neues Selbstbewusstsein in mir entdeckt. Ich traue mich viel mehr und versuche über den Dingen zu stehen.“ Wenn man Max nach seinen Träumen und zukünftigen Projekten fragt, dann beginnen die Augen des attraktiven jungen Mannes, der in Innsbruck Medizin studiert, zu funkeln. Dann erzählt er von einem Coldplay-Konzert in München vor 70.000 begeisterten Zuschauern und, „dass es natürlich ein absoluter Wunschtraum wäre, Stadien zu füllen, auch wenn es auf den ersten Blick unrealistisch scheint“. Aber noch möchte der Meraner mit den Füßen weiter am Boden bleiben. „Ich bin nicht total verträumt und setze mir in erster Linie kleine realistische Ziele, die ich erreichen kann. Ich mache immer einen Schritt nach dem anderen und bin sehr streng mit mir selbst.“ So ist es für ihn in erster Linie wichtig, ein hochwertiges Produkt zu liefern. „Der Song 'Need You' war schon ganz gut, aber noch weit von der Perfektion entfernt“, sagt Max lachend über seinen vor Kurzem

erschienenen Erfolgshit. Mittlerweile kratzt das Video an der 45.000er Marke und der junge Künstler wird allerorts mit Lob und Schulterklopfen überschüttet. Junge musikalische Vorbilder

Sowohl von Waira als auch von Max Zischg wird man in Zukunft noch einiges zu hören und sehen bekommen. Ob es die beiden jungen, ambitionierten Südtiroler Nachwuchsmusiker zu höchsten musikalischen Weihen schaffen, bleibt abzuwarten. Fest steht aber, dass sie momentan in aller Munde sind und über großes Potenzial verfügen. Sie dienen natürlich als ­Vorbilder für andere junge Talente und öffnen neue Wege für ein Musikgenre, das hierzulande schon als ausgestorben galt. Man darf deshalb überaus gespannt sein auf das, was man noch an musikalischen Leckerbissen zu hören bekommen wird.  �


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COSTRUIRE UN SOGNO: LE PAROLE DI ROBERTO KELLER, EDITORE


TRENTINO

Il sogno è un luogo in cui la nostra creatività si esprime, permettendo ai nostri desideri di formarsi. L’esercizio del sognare può essere solo divertente, oppure utile a costruire qualcosa di buono e solido. Roberto Keller ha coltivato il suo sogno di diventare editore, alimentandolo e perseguendolo con tenacia. I pochi mezzi di cui disponeva quando è nata la Keller editore non gli hanno impedito di guardare e arrivare lontano, conquistando giorno dopo giorno il proprio spazio in un mercato, quello dei libri, difficile e insidioso. Sono sicuro che le parole di Roberto saranno d’aiuto non solo a chi vede nel “lavorare con i libri” un sogno da inseguire… TESTO ___ Mauro Sperandio  FOTO ___ Tania Marcadella

Quella per la lettura è una passione particolare, che coinvolge in maniera esclusiva la vita dello scrittore, dei personaggi descritti e del lettore stesso. Cosa ti ha spinto, da lettore appassionato, a trasformarti in editore?

A dire il vero non faccio l’editore perché l’ho desiderato sin da piccolo, anzi il mio rapporto con la lettura è stato dapprima problematico, visto che preferivo i boschi ai libri. Solo dopo un bel po’ il mondo dei libri è diventato il mio mondo e questo grazie a un incontro fortuito con un missionario, che mi ha affidato il compito di riordinare e catalogare una piccola biblioteca di circa seimila volumi. Durante questo lavoro, sfogliando pagine su pagine e segnando titoli su cartoncini, ho scoperto che c’era un mondo intero

con tante vite e tante storie, che fino a quel momento mi erano state ignote. L’attività di editore è arrivata parecchio tempo dopo. Per arrivarci ci è voluta una laurea in Lettere, tanti lavori per sbarcare il lunario e pagarmi gli studi e, infine, la decisione di spostarmi a Milano per capire più da vicino questa realtà e scoprire ch’essa mi piaceva davvero. Da quel momento la strada è stata e continua ad essere lunga, molto insidiosa, ma comunque bellissima. Quali aspetti del tuo lavoro hai trovato in principio più difficoltosi? Come li hai superati?

Beh, anzitutto credo che per un editore gli scogli principali da superare siano la credibilità e l’aspetto economico. Soprattutto


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C’è uno stile Keller che è fatto di qualità, affidabilità, progettualità, respiro internazionale, senso della misura.

—> se non appartieni già al mondo dell’editoria, la credibilità si conquista con il sudore, la tenacia e la qualità, anche se spesso tutto questo non basta. Puoi avere fiuto e talento, e questo ti aiuta, ma devi imparare sin da subito che il mondo del libro deve stare in equilibrio tra aspirazioni culturali alte ed economia quotidiana. Se poi consideri che sin da subito la Keller ha voluto essere totalmente indipendente e farcela solo con il ricavato delle vendite in libreria… puoi capire quanto sia stato faticoso. Di fronte alla pagina bianca, lo scrittore è solo. È anche quello dell’editore, in un certo senso, un lavoro solitario?

Quello dell’editore è un ruolo molto strano. Almeno per come lo percepisco io. L’editore deve essere in grado di creare relazioni di valore, coltivando e facendo crescere scrittori, traduttori, redattori, grafici e, allo stesso tempo, deve sapersi relazionare con agenti, distributori e librai. Una casa editrice è, nel bene e nel male, un


TRENTINO

punto di riferimento per i lettori e questo costituisce la parte difficile del lavoro. Decidere cosa potenzialmente leggerà qualcuno implica anche una scelta “etica” e in questo sei sempre solo, come sei solo quando decidi che un libro merita di essere pubblicato anche se i costi saranno altissimi e il tema non facile.

per definizione un grande lavoro di squadra. In un blocco di qualche centinaio di pagine c’è il lavoro di una decina di figure professionali. E il lavoro di squadra a volte funziona e a volte non funziona, basta poco insomma per bloccare un gruppo, come ben sanno, ad esempio, gli sportivi.

Immagino tu abbia dei collaboratori. Quali

sempre in calo, il web avanza imperterrito:

compiti non potresti mai delegare ad al-

quali sono i "segreti" della crescita di Kel-

tri? In quali ambiti della tua attività credi,

ler editore?

invece, che il lavoro di squadra sia insosti-

Keller pubblica solo ciò che piace a Keller. Ragiona da lettore. Per questo il nostro è un catalogo originale e poco copiabile. La crescita, però, è data dalla qualità costante nel tempo (ci vogliono vent’anni di duro lavoro per sperare di farcela), dalle idee e dalla tenacia. La Keller è sempre in moto, in gara con se stessa per raggiungere un ideale di editore che da un lato ho in mente da sempre e da un lato rinnovo via via.

tuibile?

Una delle caratteristiche della Keller è il pensarsi come progetto unitario a cui tutti partecipano. Questo significa che ogni fase deve rispettare l’identità della K. C’è uno stile Keller che è fatto di qualità, affidabilità, progettualità, respiro internazionale, senso della misura. Devo ammettere che faccio molta fatica a delegare, ma nel tempo ho formato i collaboratori al rispetto di un modo di lavorare in linea con questi valori. Detto questo, l’editoria è

Le statistiche dicono che i lettori sono

Come fai a capire che un libro che piace a te piacerà anche al mercato?

Non lo so. Se lo si sapesse, si potrebbe pubblicare molto meno. Invece che i 60 mila titoli che compaiono sul mercato ogni anno, basterebbe pubblicarne 10 mila, perché venderebbero tutti molto. Invece, fortunatamente, il gusto non è prevedibile. C’è ovviamente una questione di numeri e di generi: se io sono un editore potente e riesco a guadagnare molto spazio in libreria, ho molte più probabilità di vendere copie di quante ne abbia un piccolo editore che riesce a comparire con una o due copie. Qui il discorso diventerebbe complicatissimo e – nonostante la nostra regione sia una di quelle in cui si legge di più – non è certamente esente dall’influenza del contemporaneo, che va in direzione opposta rispetto ai tempi del libro e della lettura. La Keller cresce perché, dopo tanto lavoro e tanti anni senza nessun compromesso, né culturale, né economico, quella K è simbolo di un’idea di libro – sia esso


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l­ etteratura, saggio o reportage – nel quale un numero sempre maggiore di lettori si identifica. Detto questo, l’editoria è impresa e, nel bene o nel male, deve fare i conti con questa sua natura: concorrenza, mercato, fidelizzazione, onestà, colpi bassi… Insomma, tutte le luci e le ombre di una “gara” sul mercato.

che possiamo fare meglio, che dobbiamo “tornare in strada” con le cose in cui crediamo.

Di che letture credi abbia

Facciamo formazione da sempre. Questa è una regione che non ha una tradizione formativa editoriale e quindi ci sembrava utile e importante. L’abbiamo fatto per un po’, poi abbiamo deciso di investire su altri progetti che da tempo coltiviamo, come ad esempio la Scuola di reportage caratterizzata dal nostro consueto respiro internazionale, ed ora proseguiamo con varie iniziative. Penso infatti che una casa editrice non debba essere solo una fucina di libri, ma un laboratorio di idee e relazioni. Quindi, in questo senso, operiamo occupandoci anche di molte altre cose che sono di fatto legate ai libri, ma che puntano a qualcosa di più ampio.

bisogno la nostra società?

Credo che innanzitutto necessitiamo di persone che pensino che i libri e la lettura siano un valore. Ormai nulla passa se non c’è qualcosa in più. Una persona non legge un libro perché tu dici che bisogna leggerlo, come farebbe credere il proprio ego… Lo leggerà, invece, o vorrà sfogliarlo se vedrà nei tuoi occhi e sentirà nelle tue parole la passione che ne hai ricavato, la verità che ti anima. È facile? Penso sia la cosa più difficile che ci attende. Per questo noi editori, scrittori, giornalisti, famiglie, insegnanti e bibliotecari… dovremmo dirci tutti che qualcosa abbiamo sbagliato,

Oltre all’attività editoriale, la tua casa editrice ha ampliato il suo impegno anche nel settore della formazione. Di che si tratta? Cosa ti ha spinto ad intraprendere questa strada?

Quali sono gli abbagli e gli sbagli in cui è più facile cadere nell’accostarsi al mondo della scrittura?

Da scrittore e operatore professionale, il pensare che non ci sia più bisogno di imparare o che la scrittura sia una questione di solo talento. Tutto nell’editoria è fatica, meticolosità, precisione, umiltà, apertura al cambiamento, cuore, sguardo, artigianato. Da lettore, penso che l’errore peggiore sia l’arroganza. Noi dobbiamo batterci e coltivare le cose che ci arricchiscono, ma non dobbiamo mai dimenticare che fortunatamente l’editoria è democratica, è la cosa più libera che ancora esiste, è ancora il modo prin­ cipale con il quale si diffondono idee e si crea un dibattito tra posizioni differenti. Per questo è giusto che esistano libri per tutti, ripeto, per tutti: dagli amanti del giardinaggio ai cultori della letteratura russa dell’Ottocento, da chi legge solo fumetti a chi cerca un libro d’evasione… Il problema è quando l’accesso ai libri non è così libero. Se io vado in una libreria e


TRENTINO

INFO ___ La Keller editore nasce nel 2005 a Rovereto, per volontà di Roberto Keller. A conferire visibilità nazionale al piccolo editore è una fortunata coincidenza: la scrittrice Herta Müller, di cui Keller aveva pubblicato “Il paese delle prugne verdi”, vince nel 2009 il Premio Nobel per la letteratura, permettendo al nostro un vertiginoso exploit. Negli anni, la Keller ha ampliato il proprio catalogo, impegnandosi per far conoscere al pubblico italiano scrittori e intellettuali stranieri. Attualmente i titoli disponibili sono oltre un centinaio, suddivisi in tre collane: “Vie” e “Passi” dedicate a letteratura e narrativa, “Razione K” dedicata all’attualità e al pensiero contemporaneo. Via della Roggia 26, 38068 Rovereto, info@kellereditore.it www.kellereditore.it facebook.com/keller.editore youtube.com/KELLER EDITORE

posso scegliere solo tra cose di un certo tipo, c’è un problema. Per anni ci sono stati librai e distributori che semplicemente dicevano che bisognava far cose che “vendessero”… ecco ora ne paghiamo le conseguenze perché non abbiamo coltivato la diversità e il gusto dei lettori. È mancata una “bibliodiversità” che permettesse al lettore di trovare il proprio libro e il proprio cammino. Penso che il successo di Amazon debba farci pensare a molte cose: una di queste è anche che, ad esempio, un libro esiste anche dopo i canonici tre mesi – al massimo – nei quali resta in libreria prima di essere rimandato all’editore. Le case editrici sono subissate da innumerevoli manoscritti di aspiranti scrittori. Puoi suggerire ai nostri lettori tre domande da porsi prima di voler rendere pubbliche le proprie fatiche letterarie?

Anzitutto chiedersi perché uno sconosciuto può trovare interessante quello che scrivo. Questo, ad esempio, aiuta a fare

una prima scrematura tra ciò che risponde ad un bisogno di scrivere privato e qualcosa che aspira ad essere apprezzato da più lettori. Più che suggerirti altre domande, direi che la scrittura è un “lavoro” di grande fatica e – c’è poco da dire – di solitudine, tanto che spesso uno si chiede “chi me lo fa fare?”. Se la risposta a questa domanda è “la pubblicazione”, forse c’è qualcosa che non va. Se invece non riesci a risponderti, ma c’è qualcosa dentro che ti tiene lì anche a riscrivere varie volte una pagina, a ingoiare rospi e amarezza quando un editore ti fa le pulci… allora secondo me vale la pena continuare. Terza cosa: leggere, leggere, leggere. E che sia un piacere, non un dovere o un gesto di snobismo…  �


98-99 AUTORINNEN UND AUTOREN Doris Brunner, geboren 1972 in Brixen, Studium der Philosophie, Psychologie, Pädagogik (PPP) und Germanistik an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck; Ausbildung in Angewandter Theaterpädagogik und noch so einigem. Lebt in Brixen als freischaffende Texterin, Redakteurin und Präsidentin der Gruppe Dekadenz. Ist häufig auf Kulturveranstaltungen anzutreffen. Aber nicht nur dort.   www.textsalon.it Tachi – Marco Cecchellero, nato a Bolzano nel 1983 e laureato in Lettere all’Università di Trento, è un malato di Rap/Hip Hop dal 1997 e da circa 15 anni organizza serate e concerti a Bolzano con artisti Hip Hop di livello nazionale.   marcopeda@alice.it Victoria Dejaco, geboren 1986 in Brixen, lebt als freischaffende Kuratorin in Graz. Studium der Kunst­ geschichte an der Universität Wien (2005–2012). Seit 2012 realisierte sie Projekte und Ausstellungen in Österreich, Italien, der Schweiz, Bulgarien und Polen, während sie den Ausstellungsraum Hallway Gallery in Wien leitete (2011–2013) und als Assistentin in der Galerie Emanuel Layr arbeitete (2012–2014). 2013 übernahm sie für zwei Jahre die kuratorische Assistenz des Grazer Kunst­ vereins. Von 2014 bis 2017 war sie externes beratendes Organ der Galleria Doris Ghetta in Pontives in Gröden. Derzeit tätig als Sammlungsmanagerin der Stefan Stolitzka Privatstiftung in Österreich und Mit­ herausgeberin des französischen feministischen Kunstmagazins „Petunia“. Thomas Kobler, 1984 in Meran geboren. Matura am Pädagogischen Gymnasium Meran. Abgeschlossenes Diplomstudium der Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck. Mitarbeiter und Vorstandsmitglied des Meraner ost west clubs. Unter anderem Konzertveranstalter in Meran (Rock The Lahn Festival u. a.). Weitere berufliche Erfahrungen als Publizist, Jugendarbeiter und Lehrer.   info@ostwest.it Christine Kofler, 1984 in Meran geboren. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften in Innsbruck. Seit dem Jahr 2011 erst in Innsbruck, dann in Meran für verschiedene Agenturen und Magazine als freiberufliche Redakteurin, Texterin und Übersetzerin tätig. Schreibt über Kunst und Literatur, u. a. für „franz­ magazine“ und „Kulturelemente“. Diverse Weiterbildungen im Bereich Onlinemarketing.   kofler.christine@hotmail.de Nicola Pifferi, nato a Trento nel 1996, vive a Bolzano e studia alla Libera Università di Bolzano, dove è rappresentante degli studenti. Lavora come giornalista e come responsabile di “Sanbaradio.it”, la radio universitaria di Trento e Bolzano, e di “Europhonica.eu”, un format radiofonico di informazione in diretta dal Parlamento Europeo. Ama il cinema e collabora con il Filmclub di Bolzano. Ha vissuto in Australia e Germania, ma gli mancavano il Trentino-Alto Adige/Südtirol, i suoi abitanti e le sue contraddizioni.   nicola.pifferi@gmail.com

Flavio Pintarelli, nato a Bolzano nel 1983, compie studi in comunicazione, semiotica e teoria delle immagini presso l’Università degli Studi di Siena, in cui si è laureato nel 2009. Scrittore e content marketing manager, oggi lavora presso “Genetica”. Scrive o ha scritto su numerose riviste; tra queste “Internazionale”, “Prismo”, “The Towner”, “Vice”, “il manifesto”. È autore di due saggi: “Su Facebook” (:duepunti) e “Stupidi Giocattoli di Legno” (Agenzia X) e di una manciata di racconti apparsi qua e là.   http://flaviopintarelli.it Elisabeth Pörnbacher, geboren 1991 in Bruneck, hat Germanistik und Philosophie in Innsbruck studiert. Vor vier Jahren schrieb sie ihre ersten Artikel. Seither hat sie für verschiedene Medien gearbeitet, darunter etwa für „ZEIT Wissen“ und „Focus Online“. Gerade schreibt sie für das „Südtiroler Wochenmagazin ff“. Am meisten interessieren sie Menschen mit außergewöhnlichen Lebenswegen und der Moment, an dem alles auch hätte anders laufen können.   lissi1109@live.de Quirin Prünster, geboren 1985 in Bozen, ist Architekt und seit 2015 mit dem Büro „Flaim Prünster Architekten“ freischaffend in Bozen tätig. Nach dem Studium der Architektur in Venedig 2012 arbeitete er als freier Mitarbeiter bei Architekt Christoph Mayr Fingerle. Aktuelle Projekte beinhalten neben eigenen Bau­ vorhaben gemeinsame Projekte mit Architekt Walter Angonese. Seit 2016 ist er Präsident der Südtiroler Gesellschaft für Fotografie, die in Bozen die Galerie „foto forum“ betreibt.   www.flaimpruenster.com Anna Quinz, nata a Bolzano nel 1980, si è laureata in Storia del Teatro al DAMS di Bologna. Nel 2005 lavora a Parigi nella redazione di “Modem”, nel 2006 torna a Bolzano dove lavora come project manager per la coreografa Veronika Riz e nell’ufficio stampa della Fondazione Teatro Comunale. Nel 2007 fonda il magazine free press di moda “cool_schrank” e nel 2010 il web magazine “franzmagazine.com” che dirige ancora oggi. Nel 2015 lancia “Josef Travel Book”, innovativa guida di viaggio dell’Alto Adige e nel 2017 crea la sua linea di abbigliamento “Qollezione”. Lavora anche come copy­ writer, direttore editoriale e art director per varie aziende altoatesine e non.   quinz@franzmagazine.com Arno Raffeiner, wurde 1975 in Bozen geboren und lebt heute in Berlin. Er arbeitet als Kulturjournalist und ist Chefredakteur von „SPEX – Magazin für Popkultur“. arno.raffeiner@spex.de Miriam Rieder, geboren 1977 im Pustertal. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an den Universitäten von Padua, Innsbruck und Dijon war sie 12 Jahre lang als EU-Fördermanagerin tätig. 2013 hat sie das Journalisten-Kolleg in Salzburg und Wien besucht und für mehrere Jahre in der redaktionellen Leitung für die Bezirksmedien GmbH gearbeitet. Heute führt sie ihr eigenes Beratungsunternehmen in Brixen. miriam@miriamrieder.com Petra Schwienbacher, ist 1989 in Meran geboren. ­Bereits früh entdeckte sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben. Sie absolvierte die Handelsschule LeWit mit Schwerpunkt Werbegrafik in Meran und arbeitete anschließend als freie Autorin beim Südtiroler Lifestylemagazin „IN-Südtirol“. Seit Oktober 2013 ist sie als selbst­ständige Grafikerin und freie Autorin tätig. Seitdem schreibt sie regelmäßig Texte für diverse Süd­tiroler Print- und Onlinemedien, unter anderem für das Onlinemagazin „barfuss.it“.   info@tintenfuss.it

Mauro Sperandio, nato a Venezia nel 1980, laureato in Scienze Politiche a Padova, meranese di recente ­adozione, padre felice. Cucina parole per ogni esigenza e palato. Copywriter, storyteller, nongiornalista e curioso di ogni cosa. Vive alla ricerca della parola giusta, che arredi il concetto e solletichi il cervello. Gli piace intervistare persone felici di quel che fanno cercando di imparare da ciò che azzecano.   mauro_sperandio@yahoo.it Mateo Taibon, 1966 geboren, aus Mareo/Enneberg, studierte Theaterwissenschaft und Musikwissenschaft in Wien. Abschluss mit einer Diplomarbeit über das Musiktheater von Luigi Nono. Taibon ist Autor zahlreicher Artikel, Filmbeiträge und Dokumentarfilme zu den Themen Kultur, Politik und Minderheitensprachen. mateo.taibon@gmail.com Pia Tscholl, 1996 geboren, stammt aus Goldrain, ist politikinteressiert und nimmt gerne und am liebsten ungefragt Stellung zu allerlei Themen. Die Matura erlangte sie 2015 am Kunstgymnasium Meran. Seither studiert sie Mathematik, Geographie und Wirtschaftskunde am Institut für LehrerInnenbildung der Universität Innsbruck. Ihren Hang zum Schreiben hat sie einem ehemaligen Deutschlehrer zu verdanken und lebt dieses Hobby seither bei unterschiedlichen Anlässen aus. pia.tscholl@live.de Kunigunde Weissenegger, 1977 geboren, aufge­ wachsen in Südtirol, wo sie nach dem Studium der Translationswissenschaft in Innsbruck, Granada und Rom mit franzLAB, „franzmagazine.com” und „JOSEF Travel Book“ im Kopf und im Herzen lebt. Übersetzerin, Schreiberin, Publizistin. In der Bewegung liegt die Kraft. weissenegger@franzmagazine.com

FOTOGRAFINNEN UND FOTOGRAFEN Denis Laner, 1982 in Meran geboren, hat von 2003 bis 2006 an der University of Wales in Newport Dokumentarfotografie studiert. Lebte und arbeitete bis 2016 in London. 2017 zog er nach Berlin, um seine persönlichen Fotoprojekte zu verfolgen, die von UndergroundBewegungen bis hin zu persönlichen Wiedergaben politischer Ereignisse und wissenschaftlicher Inhalte reichen. Er hat im In- und Ausland ausgestellt und mit internationalen Magazines und Firmen zusammengearbeitet, so z. B. mit „i-D Magazine“, „39Null“, Ray-Ban und Saatchi.   www.denislaner.com Tania Marcadella, 1982 in Bozen geboren, absolvierte 2002 bis 2004 eine Fotografieausbildung am Fotokolleg in Wien. Neben der Arbeit im Wiener Fotolabor Leutner widmete sie sich ihren eigenen Projekten. Abgesehen von der Fotografie gilt ihr Interesse auch der Illustration und der Aufnahme von Videofilmen. Anlässlich eines Neuseelandaufenthalts 2008 arbeitete sie beim Fotograf Johannes van Kan in Christchurch mit. Zurück in Wien war sie ab 2009 selbstständig tätig. Ausstellungs­beteiligungen in Wien und Spanien. Sie ist Mutter zweier Kinder im Alter von fünf und drei Jahren. Seit 2015 lebt und arbeitet sie als Fotografin in St. Jakob bei Bozen.   www.taniamarcadella.com


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„Ich mag Ordnung. Spontane Wendungen baue ich nur ein, wenn ich wirkliches Potenzial darin sehe“ Lena Wopfner in Über die Konservierung der Seele im Moment von Pia Tscholl, Seite 42–47

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NuJ - Zeitschrift für junge Kultur 2017  
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