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Nachbar ANNA HILTI Austrofred bueronardin #3 Golden Reef fabienne feltus HILLER-RuSCHER Letzte Worte muz mama Ohrenschmalz RAMBO’s JUNGER VELO UVM.

Magazin Landjäger NR.09 | SOMMER 2010 | www.landjaeger.at Mit Thema um nur ¤ 4,00 - Österreich | ¤ 5,00 - Deutschland | CHF 7,00 - Schweiz u. Liechtenstein

immer neu mit: ISSN 2070-2655

www.landjaeger.at —Mit: Ayun, Elisabeth Außerlechner, Pia-Maria Bach, Elke Bauer, Florian Bayer, Elisabeth Breidenbrücker, Michael Breidenbrücker, Tiziana Condito, Eva Engelbert, Fabienne Feltus, Sebastian Freudenschuss, Anita Fröwis, Nora Heinzle, Mathias Innauer, Marlene Hausegger, Stefanie Hilgarth, Robert Hiller, Mathias Köb, La Robotique, Angela Lau, Frank Lautersack, Eva Lingg, Lisa Lopez, Stefan G. Meier, Roswitha Natter, Tina Oberleitner, David Pollmann, Patricio Pumarino, Thomas Rauch, Katharina Reckendorfer, Emanuel Riedmann, Gerry Rohrmoser, Andrej Rutar, Peter Rüscher, Tobias M. Schnell, David Schreyer, Dario Stefanek, Philipp Stürzenbecher, Georg Sutterlüty, Elisabeth Vorhofer, Maria Vorhofer, Roswitha Weingrill, Roman Winkel


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— illustration | elke bauer


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spa-bar

— Text | robert hiller, Thomas Rauch, Peter rüscher — fotografie | Roman Winkel

Un ent spa nnt?

Dann tauchen Sie ab in den Keller der Entspannung für Körper, Geist und Seele! Lassen Sie den Alltagsstress hinter sich, laden Sie Ihre Doshas neu auf, tanken Sie Vitalität und Lebensfreude. Sie werden sich im ersten Augenblick verlieben in die erste Spa-Bar Österreichs©. Unser geschultes Personal freut sich auf Sie!


…Einkehr finden…


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Hänschen Klein oder Der Mann der in die Fremde ging um Heimat zu finden. — Text | Elisabeth breidenbrücker — FOTOGRAFIE | MICHAEL BREIDENBRÜCKER

Hänschen Klein wohnt mit seiner 101 Jahre alten Mutter wieder in seinem Elternhaus am Rande eines überschaubaren Dorfes im Bregenzerwald. Er ist jetzt 67 und nennt sich selbst einen Kettenraucher. Der Landjäger ahnt aber gleich, dass das Fehlen von Zigaretten nicht der Grund dafür war, dass er einst sein Heim verließ und hakt nach. Landjäger: Kannst du uns etwas über deine Kindheit hier im Dorf erzählen? Hänschen Klein: Auf die Welt gekommen bin ich ja eigentlich in Dornbirn. Meine Eltern waren damals noch nicht verheiratet, was auch der Grund dafür war, dass ich mein erstes Lebensjahr bei meiner Oma im Großdorf verbracht

habe. 1944, mit ca. einem Jahr bin ich dann hierher gekommen und ich kann mich noch gut daran erinnern. LJ: Wir sind das erste Mal völlig platt und haken nach. An was genau kannst du dich erinnern? HK: Daran, dass der Mann meiner Tante mich mit dem Motorrad hierher gebracht hat und an die erste traumatische Nacht in diesem fremden Haus natürlich auch. Danach weiß ich nicht mehr viel bis ich ca. drei oder vier war. LJ: Dann hat’s dir hier zuerst nicht gefallen? HK: Nein gar nicht. Meine Mutter war mir ja damals auch ziemlich fremd, da ich bis dahin bei meiner Großmutter gelebt habe und die folglich auch meine Bezugsperson war. LJ: Wie hat sich deine Kindheit dann entwickelt? Gab’s noch mehr solcher einschneidender Erlebnisse? HK: (überlegt) Von der physischen Konstitution her war ich nicht in der vordersten, aber auch nicht in der hintersten Reihe. Da war ich schon froh. Ich meine es gab Jungen und Mädchen die ärmer dran waren als ich, die mehr geschlagen wurden. Auch die Lehrer haben damals immer wieder Schläge verteilt. Aber eine Watsche vom Lehrer hat mich nicht belastet, denn ich hab von meinem Vater so viele bekommen, dass ich trainiert war. (lacht) LJ: Klingt so, als hättest du eine strenge Erziehung genossen. HK: Ja, es war etwas mehr als autoritär. Heute würde man sagen: Kindesmisshandlung. Damals haben sich die Leute aber nichts dabei gedacht. Da hat es X Familien gegeben, bei denen es gleich war. Aber das Dorf hat zugeschaut und niemand hat meinem Vater Einhalt geboten. Das hat mich schon ein bisschen geschmerzt. Der konnte machen mit mir was er wollte, dass es da einem Nachbar mal in den Sinn gekommen wäre, diesen Mann in den Senkel zu stellen.....ich weiß nicht ist es bei denen zu Hause gleich abgelaufen? Ich denke nicht. Mein Vater war schon ein

Extremer in dem Bereich. Darum bin ich auch extrem geworden. LJ: Inwiefern extrem? HK: Bei mir gibt’s nur entweder oder. Der Mittelweg, ein Durchschleichen und über die Runden kommen interessiert mich nicht. Ich mache nur, was ich für richtig halte. LJ: Wie ging’s weiter? HK: Nach meiner Ausbildung in der Landwirtschaftsschule in Tirol 1963 bis 1965 hab ich mir überlegt, wie ich hier raus kommen könnte. Dazu muss ich sagen, dass ich von der Enge des Dorfes samt dessen gesellschaftlichen Strukturen traumatisiert war. Mir war klar: Hier muss ich weg. Hier kann ich unmöglich leben. LJ: Dann würdest du sagen, das gesellschaftliche Klima im Dorf hat dich weg getrieben? HK: Ja ich fand es unerträglich. Die Kanisfluh (Hausberg einiger Dörfer im hinteren Bregenzerwald) hat mir richtig weh getan, war förmlich ein Brett vor meinem Schädel. Ich bin da mit 16 mal nordseitig rauf. In der Annahme, dass ich vom Gipfel aus die große, weite Welt erblicken würde. LJ: Dem war nicht so? HK: Als ich oben war, hatte ich einen Schock. Da war wieder ein Brett und wieder ein Gipfel und wieder ein Brett und wieder ein Gipfel. Und ich dachte mir: So kann es doch unmöglich auf der ganzen Welt sein! Deshalb wollte ich weg. Dann hab ich dieses Inserat vom ÖED (Österreichischer Entwicklungsdienst) in der Zeitung gelesen und ich war der Meinung, alles ist besser als die Fremdenlegion. Denn so tragisch es auch klingt, war das für viele Leute damals die einzige Möglichkeit hier raus zu kommen. Mit einem Freund bin ich dann auf das Vorstellungsgespräch beim ÖED. Es folgte eine 6-Monatige Ausbildung plus 3 Monate Sprachpraktikum in Frankreich und dann schickte man uns unbedarfte Bauernjungen los, um die Welt zu verbessern. (Hänschen Klein lacht


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NAcht

— fotografie | david schreyer www.schreyerdavid.com


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It’s for your own good, it’s for the neighborhood! munnarocca im Dialog mit Pepe

— Text | eva lingg — illustration | la robotique http://rbtq.de

Waru

m, fragen wir uns, haben Arcade Fire ganze fünf Songs mit neighborhood betitelt? „Das hat was mit dem neuen Biedermeier zu tun...“, behauptet mein Tischnachbar. „Biedermeier im Sinne von spießbürgerlich?“ - „Nein, im Sinne von Rückbesinnung auf das Nahe, die eigenen vier Wände und darum auf neighborhood.“ Klingt gescheit, nun ist es doch aber so - denke ich mir - dass wir, die flexible Generation, durch unsere gesteigerte Mobilität nur mehr wenige Kontakte bzw. nachbarschaftliche Beziehungen im unmittelbaren Wohnumfeld haben. Eben weil wir, aufgrund der hohen Mobilität, nicht mehr auf den Nahraum angewiesen sind, aber auch aufgrund eines 24-7 - Dienstleistungsangebotes: Die Eier holt man sich bei Gertrud aus dem Kühlschrank am Bauernhof (auch Nächtens möglich) und die Katze wird - sind wir im Urlaub- per Futterautomat versorgt. Den Rest an be­ nötigter Unterstützung bietet die Tankstelle. Kein Bedarf an Unter­ stützung also und das macht doch Nachbarn aus.  „Aber auch keinen Bock auf Konflikte! Man denke an die ›Maschendraht­zaunAffäre‹. Oder etwas weniger bekannt, unsere legendäre Nachbarin Frau W. Aufgebracht durch den Krawall den meine Schwester beim Vespa-reparieren-lassen-und-gleich-ausprobieren auf dem Gemeinschaftshof unserer Siedlung verursachte, beschimpfte sie zuerst wüst eben jene Schwester, um anschließend meine dadurch nicht weniger aufgebrachte Mutter zu würgen.“ Kann man derartige Konflikte vermeiden, aber trotzdem ein wenig door-to-door - Atmosphäre genießen? Die guten Nachbarn die man haben und die anderen - die Würger - eliminieren? „Über den Zaun schwatzen, nicht kratzen.“- „Das wäre dann eine gated community. Inszenierte Nachbarschaft. Denn damit sind meine Nachbarn wie ich. Sie haben Kinder (oder keine), einen Hund (oder keinen), spielen Golf (oder nicht), schätzen Gartenpflege sehr (oder nicht) und sorgen sich um das Wohl ihrer Mit­

bewohner (oder eben nicht).“ Gleiches zu Gleichem, neighborhood als Verkaufsstrategie. Den gemeinschaftlichen Lebensstil inklusive dem Versprechen auf Sicherheit und intensiven Nachbarschaftsbeziehungen im Gesamtpaket durch ein Haus im Grünen, am Stadtrand oder im Nobelghetto kaufen. Quasi vorfabriziert. „Oder aber so wohnen, dass die Anonymität, die ich mir wünsche, in Form eines dementsprechend wenig Reibungsflächen bietenden Hauses (z.B. in einem Hochhaus mit Lift und ohne Aussicht auf zufällige Treffen auf dem Gang) gewährleistet wird.“- „Beides unbefriedigend. Biedermeier jedenfalls klingt vergangen und bürgerlich, eher nach Kammermusik und weniger nach Arcade Fire…“ - „Ich find es klingt nach häuslicher Idylle und im Freien getanzten Ländler.“ Ja, dann passt es wieder:  Now the neighbors can dance! Look at ’em dance.


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Furchtbar fruchtbar und ziemlich furchtlos — Text | Frank Lautersack Co-text | Angela Lau — fotografie | Anja Kaufmann


Neul

ich ging ich nichtsahnend in den Keller. Es war mal wieder Zeit für meine alljährliche Tour. In unserem miefigen Gemeinschaftskeller fristet mein Fahrrad sein trostloses Dasein. Ich war ein wenig konsterniert, als sich meine Augen an das Schummerlicht gewöhnt hatten. Mein Fahrrad befand sich nicht mehr an der Stelle, wo ich es zuletzt abgestellt hatte. Ich bahnte mir fluchend einen Weg durch störrische Stahlrossreihen bis in die hinterste Ecke des Kellers. Da stand es. Welch jämmerlicher Anblick! Seine knallrote Farbe versteckte sich wie üblich unter einem dicken Staubkleid. Doch warum ließ mein Fahrrad so den Kopf hängen? Bestimmt hatte es diese Ökosocke aus dem 4. Stock dermaßen hart angefasst, dass der Lenker vornüber hing. Das sind mir die Richtigen. Auf Demos peace, peace brüllen und abends nach der Arbeit wehrlose Fahrräder treten. Einen für den Chef, einen für Mutti und der letzte Tritt für den unehelichen Balg, den unser lieber Öko fast nie vor seine Nickelbrillengläser bekommt. Alimente sind trotzdem fällig. So sind die Gesetze, mein lieber Ökonaut. Ich darf Sie doch so nennen. Ein wenig abfällig – ich gebe es zu – aber Sie wissen ja sofort, wer gemeint ist. Ich sage nur: selbst schuld wegen der Alimente. Sich löchrige Kautschukkondome unter die Lenden montieren und sich wundern, wenn neun Monate später ein Kind kräht, das Ihnen im Laufe der Jahre immer ähnlicher wird. Tja, am Anfang fühlten Sie sich sicher, Sie Schlaumeier. So ein kleiner Schrumpelkopp, werden sie gedacht und leise in sich hineingelächelt haben. Der kann ja von jedem sein. Sie hatten das Lächeln eines Taschenspielers im Gesicht. Doch der Schrumpelkopp ließ alsbald seine Maske fallen und zutage traten Ihr fliehendes Kinn, der Haaransatz eines Igels und diese Nasenlöcher, die Ihrem Gesicht einen stets muffligen Ausdruck verleihen. Doch, doch. Das bestätigen mir die Nachbarn. Selbst bei der Beerdigung ihrer geliebten Mutter schauten Sie


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Traiskirchen — Text Fotografie illustration | Eva Engelbert, Marlene Hausegger, Tina Oberleitner, Roswitha Weingrill www.evaengelbert.com www.mmhhh.com www.tinaoberleitner.com www.roswithaweingrill.com vorabauszug aus dem buch „traiskirchen“ erscheint im metroverlag & wird am 30.09. im kunstraum NOE präsentiert.

Im F

lüchtlingslager Traiskirchen.

Wir sind aufgeregt. Beim Portier stehen unsere Namen auf einem kleinen Zettel. Wir dürfen rein und verlaufen uns im Gelände des Lagers – es ist riesig. Wir stehen vor einer großen Uhr – sie erinnert an eine alte Bahnhofsuhr. Wir gehen weiter und stehen vor dem Haus Nummer 2. Ein Asylwerber sitzt

in der Wartehalle beim Bundesasylamt – sein Verfahren wird dort stattfinden. Er ist nervös. Wir gehen wieder raus. Es regnet in Strömen. Und es ist kalt. Sehr wenige Personen befinden sich außerhalb der Zimmer. Vereinzelt sieht man welche. Alle sind nass. Und frieren. Im Regen gehen wir weiter zu Haus Nummer 9. Das Jugendhaus. Wir gehen rein, es riecht nach Essen, nach abgestandenem Etwas, es ist stickig


und man fühlt sich irgendwie kränklich. Es erinnert an ein Krankenhaus der 20er Jahre. Alles ist weiß, ein graues Weiß. Alte Flügeltüren, hohe Räume. Und kahl. Einige Burschen und Männer schauen uns an. Begrüßen uns freundlich. Der Flur ist leer. Wir gehen in einige Räume rein. In einem sehr kleinen Raum, mit hohen Wänden – vielleicht hat er zwei oder drei Quadtratmeter, befindet sich ein Tischfußballtisch. Ge-

nau in der Mitte. Sonst nichst. Ein Fenster ist auch darin. Es ist trotzdem düster und grau. Und leer. Gerade spielt niemand. Daneben ist der Fernsehraum. Ebenso ein sehr kleiner Raum. Darin befinden sich fünf oder noch mehr Sofas. Der Fernseher läuft. Keiner sitzt darin. Keiner schaut fern. Dieser Raum ist ebenso leer. Der dritte Raum ist gegenüber von den anderen. Der Tischtennisraum. In der Mitte wie-

der der Tischtennistisch. Niemand spielt. Wir gehen Richtung Ausgang, vorbei an den großen Fenstern, mit Blick zum Garten. Die kahlen Beete sind eingezäunt. Wir sind wieder draußen. Vor dem Haus steht ein Pavillion. Ein Sommerpavillon. Wir gehen weiter. (Ausschnitt aus Tinas Lager­impressionen)


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— illustration | stefanie hilgarth www.stefaniehilgarth.net


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— illustration | florian bayer www.florianbayer.com


Will

man seine Nachbarn kennen? Reicht eigentlich ein kurzer Blick, ein „Grüssi.“ und schon verschwindet die Alte von oben drüber wieder hinter ihrer dunklen Tür. Und wer macht sich eigentlich schon die Mühe, wenn er im Mezzanin wohnt ganz nach oben hinaufzugehen und seinen Nachbarn zu besuchen. Kaum jemand. Aber extra für den Landjäger macht man das halt.


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klopfen. kennenlernen?

— text & Fotografie | sebastian freudenschuss


Nummer 9 — c.f.


11D

— tobias maximilian schnell www.tobiasmaximilian.cc

Landjäger Magazin - Nachbar  

Preview Landjäger magazine issue neighbour

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