UFA-Revue 06/2013

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NUTZTIERE

Verzehrsförderung als Schlüssel zum Erfolg Im Rahmen eines optimierten Transit-Managements kann vieles getan werden, um die Futteraufnahme um die Geburt zu maximieren und den Tieren damit den Übergang von der Spätträchtigkeit auf die Frühlaktation zu erleichtern. Die wichtigsten Ziele des Managements in der Trockenstehperiode sind: • Vermeidung einer Überkonditionierung (BCS > 4) der trächtigen Muttertiere durch eine bedarfsgerechte Energieversorgung im letzten Laktationsdrittel und in der Trockenstehperiode, • Adaptation der Pansenflora an die nach der Abkalbung übliche, kraftfutterreiche Ration durch die sukzessive Erhöhung des Kraftfutteranteils in den letzten zwei bis drei Wochen der Trächtigkeit («Anfütterung»), • gezielte Vorbeugung von Milchfieber (hypocalcämische Gebärparese) bei allen mehrkalbigen Kühen durch geeignete Massnahmen in Absprache mit dem Hoftierarzt und Fütterungsspezialist, • Verfügbarkeit einer sauberen und geräumigen Abkalbebox und adäquate Geburtsüberwachung beziehungsweise Geburtshilfe («stressfreie Abkalblinie»). Nach der Abkalbung gelten folgende Massnahmen als sinnvoll zur Erreichung einer maximalen Futteraufnahme: • Angebot von Wasser mit einem Energiesupplement direkt nach der Kalbung, • Verfütterung einer Ration mit hochwertigen, schmackhaften und energiereichen Futtermitteln mit einem ausreichend hohen Strukturanteil, • Fütterungsmanagement, das jeder Kuh der Herde einen ungehinderten und ständigen Zugang zum Futter ermöglicht, • ständige Verfügbarkeit von Trinkwasser,

fettung der Leber oder Ketose. Zudem ist die Abwehrbereitschaft des Organismus gegenüber Infektionserregern während der Transitperiode herabgesetzt. Infektiöse Erkrankungen wie Euterentzündungen (Mastitis) und Entzündungen der Gebärmutter (Metritis) treten deshalb häufiger auf und sind oft die indirekte Folge der NEB.

Anpassungsfähigkeit variiert Es gibt andererseits keine unmittelbare Beziehung zwischen der Höhe der Milchleistung, dem Ausmass der NEB und der Tiergesundheit. Trotz einer häufig ausgeprägten NEB erkranken viele Hochleistungstiere nicht an Produktionskrankheiten – entsprechend gelten Produktionskrankheiten heute als Ausdruck einer individuell unzureichenden Anpassungsfähigkeit an eine NEB. Diese Adaptationsfähigkeit variiert zwischen den Tieren ausserordentlich. Eine Schlüsselrolle kommt der Höhe der Futteraufnahme im geburtsnahen Zeitraum zu. Hier gilt es hervorzuheben, dass jede einzelne Massnahme, die nach der Kalbung zu einer höheren Futteraufnahme führt, als Vorbeugung gegen Produktionskrankheiten anzusehen ist – jedes Gramm zusätzliche Futteraufnahme, jeder einzelne Kieferschlag des Tieres, jeder zusätzliche Besuch des Futtertisches UFA-REVUE · 6 2013

Ein Schlüssel, hohe Laktationsleistungen mit guter Gesundheit, Fruchtbarkeit und hohen Lebensleistungen vereinbaren zu können, liegt in der Fütterung.

• Vermeidung von sozialem Stress durch möglichst geringe Fluktuation innerhalb der Herde, • Fress-Liegeplatz-Verhältnis von grösser/gleich 1:1, • Maximierung des «cow comfort» im Hinblick auf Gestaltung des Stalls, Bodenbelag, Liegeboxen, Güllebeseitigung und Klauenpflege, • Aufstallung der frisch abgekalbten Kühe möglichst in einer speziellen Gruppe, • tägliche, routinemässige Erfassung des Gesundheitsstatus (Gesamteindruck, rektale Körpertemperatur, Pansenfüllung, vaginaler Ausfluss, Milchsekret) während der ersten zwei Wochen und die unmittelbare und entschlossene Behandlung etwaiger Erkrankungen durch den Hoftierarzt.

sind deshalb von Vorteil (siehe Kasten oben). Grundsätzlich können hohe Herdenleistungen nur erzielt werden, wenn Produktionskrankheiten selten auftreten. Ein offensichtlicher Widerspruch besteht nicht zwischen Hochleistung und Tiergesundheit, wohl aber führen Produktionskrankheiten zu einer verminderten Milchleistung und schliessen insofern eine hohe Herdenleistung aus.

Fazit Das Ziel erfolgreicher Milchviehhalter ist es, auch bei einem hohen Leistungsniveau eine gute Tiergesundheit und Fruchtbarkeit zu erreichen. Viele Hochleistungsherden mit befriedigender Fruchtbarkeit und überdurchschnittlicher Nutzungsdauer belegen eindrucksvoll, dass Hochleistung und Tiergesundheit vereinbar sind, sofern das Fütterungs- und Haltungsmanagement optimiert werden. Somit ist stets ein suboptimales Management – und

damit der Mensch – die primäre Ursache von Produktionskrankheiten. Der entscheidende Unterschied zwischen über- und unterdurchschnittlich erfolgreichen Milchviehbetrieben ist entsprechend weniger die Laktationsleistung der Herde als vielmehr die Kompetenz und Erfahrung der Betriebsleiter. 䡵

Autor Martin Kaske, Apl.-Prof. Dr. med. vet. Fachtierarzt für Physiologie und Rinder, Dip. ECBHM; Spezialgebiet: Bestandesmedizin, Kälbergesundheit, Stoffwechsel-Physiologie; Rindergesundheitsdienst, Agridea, 8315 Lindau, martin.kaske@agridea.ch Zur Erkennung spezifischer Problemfelder auf dem Betrieb dienen Kennzahlen zur Tiergesundheit, die Gegenstand eines Folgeartikels in der UFA-Revue vom Juli sein werden.

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