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Ausgabe L

PERSPEKTIVE

ERLEBEN

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GENIESSEN

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GESTALTEN


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MEINE HEIMAT

Liebe Leserin, lieber Leser, was macht die Ortenau und den Schwarzwald als Heimat eigentlich so besonders? Von Eindrücken eines Neubürgers, der die Region schnell lieben lernt

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nd? Wie ist es so, in der neuen Heimat? So lautet die meistgestellte Frage in meiner alten Heimat, im Hegau und am Bodensee, einer tollen Region im Südbadischen. Und doch stellt man als Neubürger nach gut 100 Tagen in der Ortenau und im Kinzigtal so einige Besonderheiten fest, die diesen Landstrich in Baden-Württemberg einzigartig machen. Markantester Punkt: die Temperaturen. In der Ortenau und im Kinzigtal ist es nahezu immer einen »Kittel wärmer« als andernorts auf der Wetterkarte. Buchstäblich hautnah zu erspüren, nun in der wärmsten Ecke Deutschlands zu leben, das stimmt wirklich froh und heiter. Dann die Landschaft, mit ihren faszinierenden Wechseln. Das flache Rheintal mit oftmals endlos scheinendem Raum und freier Weite – und reichlich Platz für Gedanken. Es mündet in die sanften Vorberge, am Fuße des Schwarzwaldes, dieser gesegneten Landschaft mit ihren Tälern und Höhen und den stolzen historischen Städten im Kinzigtal. Kein Wunder, dass Abertausende Urlauber ihre persönliche Heimat in den kostbarsten Wochen des Jahres mit diesem Landstrich eintauschen und sich hier erholen.

Jörg Braun, Redaktionsleiter Gemütlicher sei es in der Ortenau, die Menschen genussvoller und nicht so hektisch, berichten Einheimische und Kenner der Region. Sie haben recht. Nicht immer, aber öfter als in anderen Landstrichen nehmen sich die Menschen hier Zeit zum Genießen. Morgens um elf im Café, da darf es zur Tasse Kaffee auch schon mal ein Glas Sekt sein. Lebensart à

la Ortenau – und kein Einzelfall, sondern vielfach zu beobachten, wenn man etwa durch die Lahrer Altstadt läuft. Hetzen lässt sich der Menschenschlag hier auch nicht gerne. Wehe, man hat nur wenig Zeit und will in der Metzgerei rasch einen »Fleischkäswecken« kaufen. Das kann mitunter dauern, obwohl an der Theke nur eine Kundin vor einem steht. Bedienung und Kundschaft sind sich einig, sich nicht vom eiligen Zeitgenossen drängeln zu lassen. Keine Chance. Man verlässt die Metzgerei dann mit einem Weck und der halben Lebensgeschichte der Kundin vor einem. Hat auch was. Heimat ist bekanntlich da, wo man gerne ist. Und auch, wo man gerne isst. Zum Beispiel das heimische Nationalgericht Wurstsalat mit Bibbeliskäs‘ und Brägele. Das schafft es sofort in der Liste der Lieblingsgerichte weit, weit nach vorne. Kein Wurstsalat, nirgendwo, schmeckt besser als hier. Naja, ehrlicherweise nicht alles in der neuen Heimat macht glücklich. Wer von der BodenseeAutobahn A 81 kommt, lernt hier im Rheintal sehr schnell, was eine echte Autobahn ist. Lastwagen-Kolonnen ohne Ende, bis zum Horizont reihen sich die Brummis. Das nervt mitunter mächtig. Vor allem, wenn der versprochene Ausbau der A 5 noch Jahrzehnte auf sich warten lässt. Doch die vielen Laster zeigen auch: Die Region brummt wirtschaftlich heftig. Jetzt werden sogar schon die ungelernten Arbeitskräfte knapp, berichten Industrieunternehmen und Handwerksbetriebe. Das zeigt: Dieser Region geht es so gut wie kaum einer anderen im Lande. All‘ dies sind ganz subjektive Eindrücke einer neuen Heimat. Unsere Redaktion hat nun noch viel mehr Menschen dazu befragt, wie sie hier ihre ganz persönliche Heimat erleben. Die Porträts und Geschichten auf den folgenden Seiten dieser Beilage blättern das Leben von ganz unterschiedlichen Menschen und ihren Themen unserer Region auf. Sie wollen Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, Lust auf unsere Heimat machen. Dabei viel Vergnügen!

Herrliche Heimat: Die Burgruine Hohengeroldseck auf dem Schönberg nahe Seelbach Foto: Braun

Publikation Meine Heimat Lahrer Zeitung, Schwarzwälder Bote Kinzigtal, Kinzigtal Kurier 8. April / 12. April 2017 Verlag und Herausgeber Lahrer Zeitung GmbH Kreuzstraße 9, 77933 Lahr Telefon 07821/27 83-0 Geschäftsführung Ulrike Lambart Anzeigenleitung Ulrike Lambart

Redaktion Jörg Braun (V.i.S.d.P.) Titelseite Natascha Rachel; Fotos: Stadt Lahr, Gemeinde Friesenheim Druck Druckzentrum Südwest GmbH Villingen-Schwenningen


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MEINE HEIMAT

Regionalität spielt in der globalisierten Welt eine immer geringere Rolle, sagt Gerhard Henninger. Der ehemalige Chef des Bauernverbands lebt in Ettenheim. Foto: BLHV

Immer weniger Heimat-Genuss Landwirtschaftsexperte Gerhard Henninger sieht regionale Produkte auch in der Ortenau in Gefahr

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ur Heimat gehört für viele Menschen in der Ortenau auch das Leben von und mit der Natur und ihren Produkten, die Landwirte und Winzer erzeugen. Doch die Region wandelt sich. Und mit ihr auch die landwirtschaftlichen Betriebe. Immer mehr Boden geht unwiederbringlich verloren, wird zu Bauland für Wohnungen, Fabriken oder Straßen. Einer, der diese Entwicklung sehr kritisch sieht, ist Gerhard Henninger, der frühere Chef des Bauernverbands BLHV in Freiburg, der in Ettenheim lebt und sich heute um Unternehmensberatung für Bauern kümmert. »Regionalität spielt in der globalisierten Welt eine immer geringere Rolle«, beklagt der Landwirtschaftsfachmann, der seit mehr als 40 Jahren für den BLHV tätig ist. Wettbewerbsfähigkeit spiele »in allen Bereichen die erste Geige«. Nutztier-

haltung sei in vielen Dörfern längst nicht mehr zu finden. Die Folge: Vielerorts könne der Kunde schon gar nicht mehr nach heimischen Produkten Ausschau halten, denn es gebe in der Region hergestellte Wurst, Fleisch, Käse und Milch schlicht nicht mehr vor Ort. Dennoch könne der Konsument heutzutage landwirtschaftliche Lebensmittel in allen Variationen und zu günstigen Preisen kaufen. Aber eben nicht aus der Heimat, sondern aus anderen europäischen Ländern oder gar aus noch weiter entfernteren Ecken der Erde. Bei den Konsumenten sei festzustellen, dass immer mehr Käufer immer weniger Wert auf regionale Herkunft ihrer Lebensmittel legen würden, beobachtet der Ettenheimer. Kritisch sieht Gerhard Henninger auch die Qualitätsanforderungen des Handels für Lebensmittel. Die seien über-

In der Ortenau nimmt der Platz für Äcker und Rebland immer weiter ab, gefressen von neuen Straßen, Fabriken und Häusern. Landwirtschaftsfachmann Gerhard Henninger warnt vor den langfristigen Folgen dieser Entwicklung. Foto: Braun

trieben, »denn nicht alle Früchte wachsen verpackungskonform», moniert er. Eine Vernichtung von landwirtschaftlichen Lebensmitteln wie heutzutage sei »vor 50 Jahren noch schlicht undenkbar gewesen«. Buchstäblich eng wird es für den Bauernstand auch, weil immer weniger Fläche für Äcker, Rebland und Weiden zur Verfügung stehe. Zum einen fresse Straßen- und Wohnungs- und Industriebau kostbares Land, zum anderen müssen wegen gesetzlicher Ausgleichsmaßnahmen für derlei Projekte zusätzliche Flächen hergegeben werden. In Baden-Württemberg falle umgerechnet 35 Hektar Fläche weg – jede Woche. Das sei so viel, wie ein durchschnittlicher Landwirt bewirtschafte, weiß Henninger. »Unter diesen Vorzeichen müssen wir uns als Verbraucher die Frage stellen, wo in 30 oder 50 Jahren unsere Lebensmittel herkommen.« Und in welche Abhängigkeit unsere Gesellschaft bei der Lebensmittelversorgung gerate. Skurrile Züge zeige die Lebensmittelversorgung heute schon. »Wie kann es sein, dass ein Liter Milch für den Verbraucher billiger ist als ein Liter Mineralwasser?«, fragt Gerhard Henninger kritisch. Die Milchmenge einer Kuh könne nicht einfach beliebig von einem Tag auf den anderen der veränderten Nachfrage angepasst werden. Er ruft deshalb die Ortenauer auf, beim Einkaufen von Genuss- und Lebensmitteln an die Region zu denken. »Denn so kann jeder einen Beitrag zum Erhalt unserer Landschaft und der landwirtschaftlich und weinbaulich genutzten Flächen beitragen.« n

Jörg Braun


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Der Stoff zum Bierbrauen Frieder Heitzelmann betreibt die Malzfabrik in Dinglingen

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rieder Heitzelmann ist ein Dinglinger, der in seiner Heimat tief verwurzelt ist. Das wird auch in seiner Berufswahl deutlich: Der 52-Jährige betreibt die Malzfabrik Eckenstein und setzt damit in dritter Generation eine Familientradition fort. Seit den 1920er-Jahren ist die Fabrik im Besitz der Heitzelmanns. Da ist der Beruf zugleich Berufung. Eigentlich wollte Frieder Heitzelmann Zahnmediziner werden. »Dann ist mir klar geworden: Wenn ich die Malzfabik nicht übernehme, macht es niemand«: Also hat er in Weihenstephan Brauerei-Ingenieurwesen studiert und ein Aufbaustudium zum Wirtschaftsingenieur absolviert. 1997 ist er nach Dinglingen zurückgekehrt, war zunächst technischer Leiter des elterlichen Unternehmens. Seit 2001 ist er Geschäftsführer der Malzfabrik und damit Nachfolger seines Vaters Karl-Fritz, vom dem er auch den Leitspruch übernommen hat: »Lieber ein klei-

ner Herr als ein großer Knecht.« Jedes Jahr im Juli ist Hochsaison in dem 1888 erbauten Backsteingebäude in der Wilhelmstraße: Dann liefern dort die Landwirte aus der Region ihre frisch geerntete Gerste ab. Heitzelmann und seine Mitarbeiter machen daraus den Stoff, ohne den Bierbrauer arbeitslos wären: Malz, das aus der Keimung von Gerste entsteht, gibt dem beliebten alkoholischen Getränk den richtigen Geschmack und die typische Farbe. Zunächst wird die Gerste gereinigt, sortiert und in Wasser eingeweicht. Anschließend kommt die Masse in den Keimsaal, wo die gewünschten Enzyme entstehen, um dann getrocknet, gelagert und später abgepackt zu werden. Rund 6000 Tonnen Malz werden pro Jahr abgefüllt. Früher wurde das alles per Hand gemacht, weshalb die Malzfabrik mit bis zu 40 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber in Dinglingen war. Anfang der 60er-Jahre kam die

Automatisierung. Eine Trockenanlage oder das Prüflabor machen deutlich, dass in dem alten Gemäuer mit moderner Technik gearbeitet wird. »Man muss immer wieder investieren«, sagt Heitzelmann. Größter Abnehmer der Fabrik ist nach wie vor die Staatsbrauerei Rothaus. Das Bier, das in der Brauerei Stöckle in Schmieheim oder auf der »Dammenmühle« gebraut wird, wird ebenfalls mit Malz als Dinglingen hergestellt. Diese und viele andere Kunden legen Wert darauf, dass die Rohstoffe aus der Region kommen – »aus einem Umkreis von etwa 100 Kilometern«, wie der Geschäftsführer betont. »Da kann man nachvollziehen, wer wo was anbaut«, sagt Heitzelmann. Auch die Rubinmühle in Hugsweier wird von ihm beliefert. Es gibt sogar Anfragen von Whisky-Brennereien. »Das ist ein großes Thema«, sagt Heitzelmann. Mit anderen Worten: Die Kunden schätzen die Qualität aus Dinglingen. So kommt es, dass sich die

Beruf ist Berufung: Frieder Heitzelmann in seiner Malzfabrik Foto: Maier 1890 gegründete Malzfabrik auch in Zeiten der Globalisierung gegen starke Konkurrenz etwa aus Norddeutschland behauptet hat. Und nicht nur gegen die. »Als mein Vater in den 50er-Jahren angefangen hat, gab es in Südbaden 34 Mälzereien«, blickt Heitzelmann zurück, »heute gibt es nur noch eine«. n

Stefan Maier


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»Von oben ist es bei uns nie langweilig« Robin Hoffmeister erklärt, was den Reiz unserer Heimat für einen Piloten ausmacht, warum er lieber fliegt als zu wandern, und wieso sich der Mensch manchmal etwas zurücknehmen sollte

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er viel in der Welt unterwegs ist, sagt man, freut sich immer wieder auf zu Hause. Das sieht auch Hobby-Pilot Robin Hoffmeister so. Der Vorsitzende der Fliegergruppe Lahr-Ettenheim kennt viele Landschaften auf diesem Planeten aus der Vogelflugperspektive. Doch die Fliegerei über der Heimat ist immer wieder das schönste Erlebnis, wie er im Interview verrät. Herr Hoffmeister, seit wann bewegen Sie sich in der dritten Dimension? Seit 1994 bin ich Pilot in der Fliegergruppe Lahr-Ettenheim. Der Flugplatz Altdorf ist meine fliegerische Heimat. Das Segelfliegen war der Anfang. Es ging weiter mit Segelkunstflug und Motorsegeln, später habe ich die Motorflug- und Ultraleichtberechtigung erworben. Zudem versuche ich als Fluglehrer, Menschen dafür zu begeistern, ab und zu mal unsere Heimat aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Sie selbst zieht es aber immer wieder in die weite Welt. Welche Länder und Regionen haben Sie sich schon von oben angesehen? In Namibia habe ich mich auf einem Sportflugplatz für Segelflieger um die technische Instandhaltung gekümmert. Da kommt man natürlich schon einige Male in die Luft, etwa bei der Überführung einer Motorflugschleppmaschine nach Südafrika. Auch in Australien traf ich auf geniale Flugbedingungen. Zudem ist es durchaus möglich an weniger exotischen Orten, beispielsweise in Frankreich im Loiretal oder in den Seealpen, tolle Flüge zu absolvieren. Und wie bewahrt man sich bei der vielen Reiserei den Blick für die Schönheit der Heimat rund um den Flugplatz in Altdorf? Man hat von oben einen anderen Blick auf die Landschaft und kann ständig neue Dinge entdecken. Obwohl ich schon so lange zwischen Rheintal und Schwarzwald fliege, fallen mir immer wieder neue Besonderheiten auf. So habe ich die kleine Burgruine Kürnberg bei Bleichheim erst auf einem Flug mit einem Flugschüler entdeckt, als wir bei schwacher Thermik lange über den Hügeln gekreist sind. Wenn man im Doppelsitzer unterwegs ist, dann hat man dank der Arbeitsteilung im Cockpit etwas mehr Zeit für die Beobachtung. Was macht den Reiz der hiesigen Region für einen Piloten aus? Vom Altdorfer Flugplatz aus kann man direkt in den Schwarzwald einfliegen. Wir Mit den Augen Flieger wissen genau, eines Piloten: wo sich die Thermik Robin Hoffmeister je nach Sonne und geht seit 1994 Wind gut entwickelt. regelmäßig in die Von dort aus geht es Luft. Foto: privat dann zu unserer Luft-

Die Stadt von oben: Auch am Himmel über Lahr sind die Hobby-Piloten der Fliegergruppe oft unterwegs. Foto: Fliegergruppe Lahr-Ettenheim rennstrecke über den gesamten Schwarzwald. Mit seiner Ausdehnung über fast 200 Kilometern von Nord nach Süd findet man dort schnell Aufwind, die hohe Fluggeschwindigkeiten im motorlosen Flug ermöglichen. Gibt es im Schwarzwald und der Oberrheinebene Orte, die von oben betrachtet besonders schön sind? Oder anders gefragt: Gibt es Orte, die erst aus der Luft ihre ganze Schönheit offenbaren? Auf jeden Fall – es ist wirklich spannend, wie sich der Alt-Rhein durch die Landschaft schlängelt. Wenn man im direkten Vergleich daneben den begradigten, schiffbaren Rhein sieht, merkt man erst so richtig, welchen Einfluss wir Menschen auf unsere Landschaft haben. Besonders schön finde ich auch die Schwarzenbachtalsperre bei Forbach. Das Wasser schimmert an manchen Tage aus der Luft türkis-blau wie in der Karibik. Der Schwarzwald ist eines der reizvollsten Wandergebiete Deutschlands. Warum setzen Sie sich lieber ins Cockpit statt die Wanderstiefel zu schnüren – wird ein Meer aus Baumkronen nicht irgendwann langweilig? Die Baumkronen bieten hervorragende Thermik für Segelflieger. Nein, von oben ist es bei uns nie langweilig. Was für den Wanderer im

Hochsommer eine kühle Waldluft bedeutet, ist für Segelflieger die Grundlage für gute Aufwinde. Außerdem ist es aus der Luft gar nicht monoton. Weiße Wolken am blauen Himmel und darunter die Schatten am Boden sind ein prächtiges Farbenspiel. Imposant sind manchmal die Gewitteraufreihungen, die wir – natürlich mit viel Respekt vor der Naturgewalt – manchmal nutzen, um mehr als 100 Kilometer einfach geradeaus zu fliegen, ohne merklich Höhe zu verlieren. Mit dem Blick eines Piloten: Sehen Sie in der Region irgendwo Veränderungsbedarf? Ich denke, wir sollten die Natur möglichst so belassen, wie sie ist, und nur dort eingreifen, wo es wirklich nötig ist. Am Beispiel der RheintalAuen sieht man ja, was der Mensch beeinflussen kann – nicht immer zum Guten. Die Weinbauregionen der Ortenau oder im Kaiserstuhl sind sehr beeindruckend, belegen aber auch, wie ganze Landschaften durch Menschen verändert werden. Uns Segelfliegern wären natürlich viele kurz gemähte Wiesen lieb, damit wir im Notfall sicher landen können, falls es mal nicht bis zum Flugplatz Altdorf reichen sollte. Aber das sage ich mit einem Augenzwinkern – bisher sind noch alle Landungen gut verlaufen. n

Die Fragen stellte Felix Bender.


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Das Lahrer Autohaus Hartmann ist seit 1976 Mercedes-Benz-Vertragshändler. BLICKPUNKT UNTERNEHMEN

Im Zeichen des Sterns Die Heimat von Mercedes-Benz in Lahr ist das Autohaus Hartmann. Es ist der einzige Vertragshändler der Premium-Marke zwischen Emmendingen und Offenburg. 6000 Kunden werden betreut, weshalb Geschäftsführer Alexander Hartmann betont: »Wir halten die Wirtschaft in der Region mobil.« Denn viele Unternehmen in Lahr und Umgebung haben ein Fahrzeug von Mercedes-Benz in ihrem Fuhrpark – sei es ein Pkw, ein Vito oder ein Sprinter. Um die Standzeit und somit die Ausfallzeit des Kundenfahrzeugs so gering wie möglich zu halten, wird das Autohaus Hartmann im Industriegebiet West dreimal am Tag mit Ersatzteilen beliefert. »Wie eine Apotheke«, zieht Alexander Hartmann (auf dem Foto vorne rechts) einen anschaulichen Vergleich. Zum umfassenden Service gehört für ihn auch, immer für die Kunden da zu sein. »Wir haben immer geöffnet – auch samstags, an Weihnachten und an Silvester«, er-

klärt der Firmenchef. Für die Qualität bürgen derweil unter anderem zehn Kfz-Meister – eine sehr hohe Quote. Die Firma ist obendrein in Qualitätsmanagement zertifiziert und lässt die Arbeitsprozesse jährlich von der Dekra prüfen. Da verwundert es nicht, dass das Autohaus schon mehrere Preise errungen hat. Besonders stolz ist der Geschäftsführer auf die Auszeichnung beim Lahrer Kundenspiegel, als der Mercedes-Benz-Händler in allen befragten Kategorien – Freundlichkeit, Arbeitsqualität sowie Preis-Leistungs-Verhältnis – unter den teilnehmenden Autohäusern jeweils Platz eins belegte und damit klarer Branchensieger wurde. Auch wenn das 1976 gegründete Autohaus Hartmann ein regional verbundenes Unternehmen ist, vollzieht sich der Gebrauchtwagenverkauf internationaler denn je. Ob nach Skandinavien, Nordafrika oder Fernost, über das Internet werden weltweit Abnehmer erreicht. »In den vergangenen vier Jahren haben wir in 30 verschiedene Länder Autos verkauft«, nennt Hartmann eine imposante Zahl. Deshalb hat

er 2015, als 1,5 Millionen Euro in den Standort investiert wurden, auch einen speziell ausgeleuchteten Raum zur Erstellung professioneller Fahrzeugbilder erstellen lassen. Bei den Gebrauchtwagen verkauft das Autohaus Hartmann neuerdings das gesamte Segment von Mercedes-Benz in Eigenregie: Ab 1. Mai sind auch gebrauchte Transporter in Lahr zu haben. Neue Mercedes-Benz-Transporter und Lkw werden in Zusammenarbeit mit dem Kooperationspartner S&G in Offenburg vertrieben. Für alle Fahrzeuge, also Pkw, Transporter sowie Lkw, übernimmt das Autohaus Wartung und Service sowie Scheiben- und Unfallreparatur. Von der Ausbildung bis in den Ruhestand, das ist beim Autohaus Hartmann nicht ungewöhnlich. »Viele Mitarbeiter sind bereits Jahrzehnte bei uns«, erzählt Alexander Hartmann und führt hierfür das familiär geprägte Klima in dem Lahrer Traditionsunternehmen an. Eine Bezeichnung, die das Autohaus mit Inhalten füllt: So ist die Firma auch Mitglied in der Lahrer Werbegemeinschaft. mabu

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Foto: Buschert

gFakten n Beschäftigte

50 Mitarbeiter, davon sind zehn Kraftfahrzeug-Meister.

n Ausbildung

In der Regel sechs Azubis, aufgeteilt in Pkw- und Lkw-Mechatroniker sowie im kaufmännischen Bereich.

n Präsenz

Einziger Mercedes-Benz-Vertragshändler zwischen Emmendingen und Offenburg. 6000 Kunden mit mehr als 8000 Fahrzeugen werden betreut, davon etwas mehr als 6000 Pkw und rund 2000 Nutzfahrzeuge.

n Tradition

Das Autohaus Hartmann hat vergangenes Jahr sein 40-jähriges Bestehen gefeiert.

Kontakt ) Hartmann GmbH & Co. KG Gottlieb-Daimler-Straße 6 77933 Lahr @ www.hartmann-lahr.de & 07821/58 07 0


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Stadtarchivar Thorsten Mietzner schlägt einen der großformatigen Bände auf, in denen die ältesten Jahrgänge der »Lahrer Zeitung« in den Kellern des Stadtarchivs aufbewahrt werden.

Zeitung macht Heimat erfahrbar Die Geschichte der Heimat ruht im Keller: Stadthistoriker Thorsten Mietzner erstellt Register zu den Jahrgängen der »Lahrer Zeitung«

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eimatgefühl entsteht mit der Zeit und durch alltägliches Erleben. Den Alltag einer Region bildet wie kein anderes Medium die lokale Tageszeitung ab. Wenn diese eine so traditionsreiche Geschichte hat wie die »Lahrer Zeitung«, dann ist das Archiv eine wahre Fundgrube für die Frage danach, was Heimat ausmacht. »Alltägliches, für das die Behörden nicht zuständig sind, wird nicht aktenkundig und ist für den Historiker somit nicht mehr greifbar«, sagt Thorsten Mietzner, der Stadthistoriker von Lahr. Die Lokalzeitungen seien daher eine wichtige Quelle für das gesellschaftliche Leben, wie es sich in Vereinen, Verbänden oder auf Familienfesten abspielt. Erst im Gesamtbild aller Quellen lasse sich die Geschichte einer Stadt und damit auch ein Heimatgefühl rekonstruieren. Als Beispiel führt Mietzner die Zahl der Autos in Lahr zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Während sich durch Akten und Unterlagen von Behörden zwar die Zahl der zugelassenen Kraftfahrzeuge ermitteln lasse, fänden sich in der »Lahrer Zeitung« Artikel darüber, wie die Menschen darauf reagiert haben, wenn so ein benzingetriebener Wagen lärmend und mit hohem Tempo durch die Stadt fuhr. »Geschichte von unten« nennt das der moderne Historiker. »Vom Niveau des Lokaljournalismus bin ich total beeindruckt«, sagt Mietzner, auch mit Blick auf

die Berichterstattung über die Jugendkultur der 1960er-Jahre, wie sie in den Artikeln über Jazzmusik, Filmkultur oder Mode zum Ausdruck kommt. Die Ausgaben der »Lahrer Zeitung«, die das Archiv der Stadt Lahr seit 1796 mit nur wenigen Lücken aufbewahrt, sieht Mietzner daher als wichtige Quelle der Heimat- und Sozialgeschichte. Berichte über Hauptversammlungen, runde Geburtstage oder Nachrufe, aus denen sich Biografien oder sozialmoralische Milieus rekonstruieren lassen, enthielten zahllose Informationen, die sich woanders kaum noch finden ließen. Wenn man allerdings das Datum eines Ereignisses nicht weiß, kann man die nur teilweise mikroverfilmten Bestände der Zeitung nicht benutzen. Deshalb hat Thorsten Mietzner schon vor vielen Jahren damit angefangen, die einzelnen Jahrgänge der Zeitung durch Verzeichnisse zu erschließen. »Für den Anfang war das relativ schnell zu machen«, sagt er, »da bestand die Zeitung meist nur aus vier Seiten und erschien nur zwei- bis dreimal pro Woche.« Auch sei die Berichterstattung zunächst noch kaum regional oder lokal gewesen. Erfasst hat er bereits die Zeiträume von 1850 bis 1900, von 1900 bis 1945 und von 1949 bis 1964. Die Zeit davor sowie den Anschluss bis in die Gegenwart hinein will er in den nächsten Jahren erarbeiten. Ab etwa 2005 sei die Tageszei-

tung dann digitalisiert worden. Inzwischen steht sein Verzeichnis der relevanten Artikel pro Ausgabe samt Schlagwortregister als Textdatei und Ausdruck dem Benutzer des Archivs zur Verfügung. »Irgendwann stellen wir das sicher ins Internet«, sagt der Stadthistoriker, »sodass es für jedermann dort nutzbar ist«. Schon jetzt kämen regelmäßig Schulklassen ins Stadtarchiv am Rathausplatz, um sich aus den Beständen der »Lahrer Zeitung« über geschichtliche Ereignisse in ihrer Heimat zu informieren. n Wolfgang Achnitz

Die Ausgabe der »Lahrer Zeitung« vom 9. März 1883 zum Preis von 70 Pfennig. Fotos: Achnitz


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Aus Bäumen wird Kunst Der Lahrer Bertram Bilger schafft mit Kettensägen Skulpturen aus Holz

Kunstwerk zwischen zwei Orten: Aus einer gefällten Eiche am »Hexehiesli« zwischen Meißenheim und Kürzell hat Bertram Bilger diese Figuren geschaffen. Archivfoto: Lehmann

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ertram Bilger hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Er zählt zu den wenigen Holzkünstlern in Süddeutschland, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen. »Eigentlich komme ich aus der Metallindustrie. Ich war stellvertretender Betriebsleiter einer Firma in Offenburg«, erzählt Bilger. Einige Jahre später habe er jedoch gemerkt, dass er sich in diesem Beruf nicht wiederfinde. »Die meiste Zeit des Lebens verbringt man mit der Arbeit. Genau deshalb sollte jeder einen Beruf ausüben, der ihm auch Spaß bereitet.« 1999 fasste er den Entschluss, seinem Weg eine neue Richtung zu geben und machte sich selbstständig. »Angefangen habe ich mit dem Verkauf von Antikmöbeln und Leuchtobjekten«, sagt Bilger. Sechs Jahre später kam er auf die Idee, mithilfe von Kettensägen Skulpturen zu kreieren. »Die Sägearbeit habe ich mir selbst beigebracht. Ich wollte mich ausprobieren und hatte Spaß daran gefunden, aus einem Stück Holz etwas Neues zu gestalten«, erinnert sich Bilger. Seine Werke wurden in den Verkauf mit aufgenommen – und fanden auf Anhieb Gefallen bei den Kunden. »Bis 2013 befanden sich in meinem Laden ausschließlich selbsthergestellte Objekte. Es ergab sich jedoch eine so hohe Nachfrage, dass ich mit eingekauften Olivenholz- und Metallgegenständen aufstocken musste – auch mein Tag hat nur 24 Stunden«, sagt der Lahrer.

Bilger steht in engem Kontakt zu Förstern der umliegenden Wälder. Er legt besonderen Wert darauf, dass heimisches Holz verwendet wird. »Für meine Arbeiten werden außerdem nur Bäume verwertet, die sich in einem Stadium befinden, in dem eine Abholzung ohnehin schon vorgesehen ist«, fügt er hinzu. Jährlich zersäge er bis zu 20 Kubikmeter Holz. Neben den eigenen Kunstwerken nimmt der Experte auch Auftragsarbeiten an. »Oft kontaktieren mich Kunden, deren Baum im Garten zu groß ge-

Bertram Bilger hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Foto: Goltz

wachsen ist. Daraus gestalte ich dann die gewünschte Skulptur. Besonders beliebt sind Eulen und Adler – für diese beiden Tiere brauche ich keine Vorlage mehr.« Bevor Bilger seine zwölf verschieden große Kettensägen zum Einsatz bringt, fertigt er eine Skizze an. »Je präziser die Vorlage, desto leichter und schneller ist die praktische Ausarbeitung.« Die Dreidimensionalität gehöre, neben dem stundenlangen Hantieren mit den Motorsägen, zu einer der größten Herausforderung des Berufs. »Ich säge zunächst die groben Umrisse der Skulptur und arbeite mich immer weiter in die Details vor«, erklärt der Künstler. Wie lange er für ein Werk benötigt, hänge von der Größe und der Präzision ab. »Ich könnte eine Eule mit nur wenigen Schnitten in 20 Minuten fertigstellen. Hätte ich mehr Zeit – acht Stunden etwa – ist das Tier am Ende natürlich deutlich ausgefeilter dargestellt.« Welches Holz Bilger verwendet, hängt davon ab, wo die Skulptur letztlich ihren Platz finden soll. »Werke, die im Freien aufgestellt werden, sind meist aus Eichenholz. Für Wohnungsaccessoires verwende ich hingegen Weichhölzer wie Kirsch- oder Mammutbäume.« n

Nadine Goltz


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Schwarzwälder Stil: Die Grafik zeigt, wie der Dorfladen aussehen soll. Die Macher setzen auf den Werkstoff Holz.

Bürger gestalten ihre Heimat aktiv mit In Schweighausen bereitet eine Genossenschaft um Rainer Wenglein den Bau eines Dorfladens vor

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eit September des vergangenen Jahres führt Rainer Wenglein die aus einer Arbeitsgemeinschaft entstandene Genossenschaft Dorfladen Schweighausen als Vorsitzender an. Das bürgerschaftliche Projekt hat schon viele Hürden auf dem Weg zur Realisierung überwunden. Für den 51-jährigen WahlSchweighausener bedeutet ein Dorfladen neben der Sicherstellung der Nahversorgung auch ein Stück lebendige Heimat. »An so einem Ort findet auch Kommunikation statt, das hat für mich etwas Heimeliges«, erklärt er begeistert. Seit 2003 lebt der Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche mit seiner Familie auf dem alten Mayerhof in Schweighausen. »Wir sind alle sehr dorfverliebt und wollten in keine Stadt ziehen«, for-

Rainer Wenglein opfert viel Freizeit für das Projekt. Foto: ax

muliert Wenglein seinen ausgeprägten Hang zum Landleben. So ist es für ihn selbstverständlich, dass im Dorfladen auch regional erzeugte Produkte verkauft werden. Doch zur Deckung des täglichen Bedarfs der Bevölkerung sei man auf die großen Handelsketten angewiesen, erklärt Wenglein, der seit 2004 Mitglied des Schuttertäler Gemeinderats ist. Die Idee zu einem Dorfladen war ursprünglich von Eugen Göppert, ebenfalls Mitglied des Gemeinderats, während einer Sitzung formuliert worden. Die Ergebnisse der IHKStandortampel für Schweighausen empfahlen das Projekt wegen des drohenden Wegfalls der Nahversorgung als wichtige Maßnahme. Nach der Information der Bevölkerung in einer Bürgerversammlung im April 2015 und einer Umfrage zeigte sich, dass das Interesse an einer Verbesserung der Versorgung im Bergdorf groß ist. Bereits im Mai desselben Jahres begann eine Arbeitsgemeinschaft unter der Initiative von Wenglein und Göppert mit der Planung des Projekts. Als Standort wurde das im Gemeindebesitz befindliche ehemalige Gasthaus Sonne gewählt. Auf dessen Grundmauern soll nach dem Abriss des maroden Gebäudes ein Dorfladen mit integriertem Café als Treffpunkt entstehen. Die Ansicht des künftigen Dorfladens zeigt ein Gebäude mit eineinhalb Stockwerken, das »Tradition und Moderne verbinden« soll, wie Wenglein es formuliert. Seine Mitstreiter und er setzen auf den Werkstoff Holz, »weil wir hier im Schwarzwald sind«, ohne dass deshalb nun der ganze Dorfladen in Holzbauweise errichtet werden soll. Der Aufbau des Geschäfts soll insgesamt 574 000 Euro kosten. Eine Summe, die die Beteiligten allein nicht stemmen

können, aber auch nicht müssen: Die Genossenschaft erhält 200 000 Euro vom Förderprogramm »Leader« der EU, mit dem innovative Aktionen im ländlichen Raum unterstützt werden. Hinzu kommt ein Zuschuss der Gemeinde in Höhe des doppelten Betrags, der von Bürgern als Genossenschaftsanteile gezeichnet wird, beziehungsweise maximal 100 000 Euro. Allerdings fließen diese Gelder nur dann, wenn zuvor ein Eigenkapital aus

»Es ist schön, dass sich so viele Menschen im Ort für das Projekt begeistern.« Rainer Wenglein Genossenschaftsanteilen von 50 000 Euro zusammengekommen ist. Diese Hürde hat die Genossenschaft längst genommen. Wenglein ist froh, dass sich so viele Bürger des 1018-Einwohner-Orts für das Projekt haben begeistern lassen und somit aktiv etwas für die Gestaltung ihrer Heimat tun. Für Vorstand und Aufsichtsrat der Genossenschaft gibt es aber noch viel zu tun. Einen großen Arbeitsaufwand bringe vor allem die Ausarbeitung der Ausschreibungsunterlagen mit sich, da die Förderung durch die EU mit großen Auflagen verbunden sei, bemerkt Wenglein. Doch ihm mache die Arbeit trotz der zeitweise hohen Belastung immer noch Spaß. »Erst kürzlich habe ich gelesen, dass die Ausübung eines Ehrenamtes glücklich machen soll«, bemerkt er strahlend. Der Dorfladen soll 2018 eröffnet werden. n

Axel Dach


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Eine Reise in die Vergangenheit Das Heimethus in Nonnenweier verbindet Historisches mit Kultur und Geselligkeit

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ie Angst vorm Zahnarzt war wohl schon im 19. Jahrhundert sehr verbreitet«, lacht Mathias Janssen, Vorsitzender des Historischen Fördervereins in Schwanau. Beim Blick an die Wand des Heimethus in Nonnenweier wird in der Tat nur schwer verständlich, wie sich in vergangenen Zeiten mit verrostetem Keil und ebensolcher Zange effektive dentale Behandlungen vornehmen ließen. Dabei geht es in dem Heimatmuseum keineswegs nur darum, ir-

Volkstümliche Trachten sind ebenfalls ausgestellt. gendwelche »Folterwerkzeuge« zu präsentieren, sondern ein altes Brauchtum aus dem 18. Jahrhundert fortzuführen. Gegen die Bezeichnung als reines Museum wehrt sich Janssen allerdings doch ein wenig: »Primär sind wir Veranstaltungsort und Begegnungsstätte in einem«, erklärt der Vorsitzende des circa 200 Mitglieder zählenden Vereins. In einem kleinen Rundgang vom Erdgeschoss bis ins knarrende Dachgebälk offenbart das Gebäude allerhand Details, die sich dem Besucher erst bei näherer Betrachtung voll und ganz erschließen. Dabei weist Janssen auf zwei Funde von fast schon prähistorischer Bedeutung hin, die beide 2003 in einem Baggersee in der Nähe von Nonnenweier entdeckt wurden: Den etwa 115 000 Jahre alten Zahn eines Waldelefanten sowie den nochmals 5000 Jahre älteren Unterkieferzahn eines Flusspferds, die beide in einer Glasvitrine in der alten Wirtschaftsstube aufbewahrt werden. »Quasi das Herz-

stück der alten Wirtschaftsstube«, sagt Janssen, um auf die Sammlung von insgesamt vier volkstümlichen Trachten zu verweisen, die sich ihren Platz mit den Fundstücken aus dem Baggersee teilen. Ob Damen oder Herren: Wer sich in vergangenen Jahrhunderten ins dörfliche Leben mischte, der musste schon ein wenig stattlich unter die Leute gehen. »Unter anderem haben wir ein Konfirmationskleid aus dem 18. Jahrhundert ausgestellt«, berichtet der Verwalter des Heimethus, wobei sich die Zahl der Exponate, die großteils aus privater Sammlung stammen, bis hoch in den Dachstuhl stapeln. Dort befinden sich neben einem alten Fischerkahn auch ein Gerät zum Wäschemangeln, Bauernwerkzeuge, aber auch die Nachbauten der ehemaligen Synagoge von Nonnenweier sowie ein Nachbau der örtlichen Kirche, die um 1900 abgerissen und 1995 im Zuge der 1150-JahrFeier der Gemeinde von diversen Mitgliedern des Fördervereins in Modellform rekonstruiert wurde. »Sogar für Schulklassen dient unsere Sammlung als bunter, lebhafter Anschauungsunterricht«, fährt Janssen in seinen Ausführungen fort. Beliebt ist das Heimatmuseum jedoch nicht nur wegen seiner Möglichkeit zu einer Zeitreise in

Historische Funde aus dem Nonnenweierer Baggersee: Mathias Janssen zeigt den Zahn eines Waldelefanten und eines Flusspferds von vor etwa 115 000 Jahren. die Vergangenheit, sondern auch durch den hohen Unterhaltungswert an verschiedenen Veranstaltungen, welche die Betreiber ihrer Besucherschaft bieten wollen. Neben einer Vielzahl von Konzerten unterschiedlicher Art stehen auch jüdische Feste, das traditionelle Heringsessen zum Aschermittwoch, der Tanz in den Mai und vieles mehr auf dem Programm.

Insgesamt zwölf Veranstaltungen gibt es pro Jahr. »An gut besuchten Abenden haben wir schon mal bis zu 60 Leute da«, freut sich Janssen. Als nächstes möchte er einen Abend für Gesellschaftsspiele einführen, um Jung und Alt bei Karten und Würfeln an einen gemeinsamen Tisch zu bringen.

Relikte vergangener Jahrhunderte empfangen den Besucher.

n Alexander Jähne

Fotos: Jähne


www.galerie-ortenau.de


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Leidenschaftlicher Fahrradfahrer: Sein erstes Liegerad mit dem Lenker unterhalb des Sattels hat sich Rainer Janus vor 20 Jahren zugelegt. Foto: Bohnert-Seidel

Kilometerfresser auf zwei Rädern Friesenheims Pfarrer Rainer Janus erfasst die Heimat mit allen Sinnen / Termine in der Ortenau legt er fast schon selbstverständlich mit seinem Liegerad zurück – mitunter auch im Talar

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urelia sitzt am Gartenzaun und schaut sehnsüchtig ihrem Herrchen hinterher. Auf seinem Liegerad flitzt Pfarrer Rainer Janus die Weinbergstraße hinunter in Richtung Offenburg. Dort hat er eine Sitzung des Kirchenrats. Mit allen Sinnen die Heimat erfassen – »Das geht am besten mit dem Fahrrad«, sagt der 58-Jährige und lacht herzlich. Dazu braucht er keine Sportkleidung. Selbst im Talar eilt er mitunter die Straße hinunter zur Kirche. »Seit meinem 50. Lebensjahr fahre ich mit Elektromotor.« Fast schon flüsternd gibt der Pfarrer zu: »Ich habe gemerkt: Meine Frau fährt mir davon.« Fliegt er jetzt den Berg hinauf, bleibt immer noch Zeit für ein Schwätzchen mit jenen Radlern, die sich mehr oder weniger über den Buckel quälen. Schon fällt er ins Schwärmen, erzählt von der Offenheit des Schwarzwalds, dem unvergleichlichen Blick ins Elsass, den Weinbergen mit ihren edlen Traubensorten für einen verheißungsvollen guten Tropfen, aber auch von der Weite der Felder. Die dörfliche Struktur verheißt ihm Lebensqualität. »Für mich hat das mehr Wert als die Anonymität der Stadt.« Heimat ist Pfarrer Janus ein ganzer Mix. Dazu zählen vor allem die Menschen, mit denen es sich gut zusammenleben lässt. Wissend beginnt der Weinkenner zu

schmunzeln und sagt: »Da ist auch das gute Tröpfchen Friesenheimer Wein.« Erst im Alter von zwölf Jahren hat er auf dem Erwachsenenfahrrad eines Freundes das Radfahren gelernt. Seit 46 Jahren fährt Rainer Janus mit einer gewissen Leidenschaft. Jährlich kommen so bis zu 6000 Kilometer zusammen. Termine in der Ortenau werden fast schon selbstverständlich mit dem Liegerad zurückgelegt. Sein erstes hat er sich vor 20 Jahren zugelegt. Da war er schon sechs Jahre Pfarrer von Friesenheim. Heute hängt das alte Rad in Einzelteilen in seiner Fahrradwerkstatt im Keller. Ein neues ist im Werden.

nen Sommer verbrachten sie zuhause in Friesenheim – Hündin Aurelia hat seit August 2016 den Garten in Beschlag genommen. Heimat erlebte Janus im vergangenen Jahr auch in besonderer Form über die 1000-Jahr-Feier. Nur zu gern habe er die Rolle des Kaiserdieners übernommen. »Je intensiver man einen Ort kennenlernt, seine Menschen, seine Geschichte, das soziale und kulturelle Miteinander erlebt und gemeinsam Feste feiert, desto stärker ist die Verbundenheit. Heimat ist Verbundenheit.« Wo Beziehungen entstehen, so wie in den Arbeitsgruppen zur 1000-JahrFeier, fühle er sich zuhause. Und Heimat ist auch Genuss. »Heimat ist Verbundenheit«: Wo Dazu zählt ein Gläschen Wein. »Ich bin ein Weinfreund«, beBeziehungen entstehen, fühlt sich kennt der Pfarrer. Direkt die Weinberge im Umfeld zu haPfarrer Janus zuhause ben, bei der Durchfahrt zu sehen, wie die Früchte reifen, sei Auf dem Fahrrad erfährt Rainer Jaihm eine große Freude. »Wir leben schon nus eine bewusste Wahrnehmung, eine in einer wunderschönen Gegend. Hier Schärfung der Sinne und es erlaube kurze stimmt einfach alles.« Das findet auch spontane Stopps. Während Janus in den Hündin Aurelia, die weiß, wenn Herrchen 90er-Jahren mit Ehefrau Judith im Somoder Frauchen mit dem Fahrrad zurückmer schon mal bis zu 3000 Kilometer mit kehren, dann kommt sie wieder an die dem Rad nach Südfrankreich zurückgeReihe, wird geknuddelt oder eben hinauf legt hat, ist es heute eher die nähere Umin den Weinberg geführt. gebung, wie im vergangenen Jahr das n Christine Bohnert-Seidel Kinzigtal, das er erforscht. Den vergange-


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Hochprozentige »Vollkommenheit« Schwanauer Schnapsbrenner Lutz Weide gibt regionalem Obst die besondere Note

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it dem Hauskauf in der Südstraße 1 in Ottenheim fing alles an. »Vor 35 Jahren übernahm ich das Haus. Der Vorbesitzer war der letzte Baumwart in der Gegend und besaß einen weiten Streuobstwiesengürtel«, erinnert sich Lutz Weide. Mit der Hausübernahme vermachte der Landwirt Weide auch eine seiner Streuobstwiesen. »Ich habe angefangen, Apfelsorten, die vom Aussterben bedroht waren – wie Champagnerrenette und Winterrambur – zu züchten«, erzählt der staatlich geprüfte Brenner und Baumwart. Aus den Ernten habe er Apfelsaft hergestellt. »Irgendwann gab es so viel Apfelsaft, dass eine weitere Verwertung her musste.« So kam Lutz Weide zur Obstbrennerei. Die Maische – das Gemisch aus feinen Obststücken und ausfließendem Most – brachte Weide zunächst zu Brennern in der Umgebung. Dort wurden die Spirituosen vollendet. Nach und nach übernahm er weitere Streuobstwiesen mit Früchten wie Birnen, Kirschen und Zwetschgen. »Mir kitzelten die Finger. Ich wollte auch das Endprodukt der Brennerei selbst herstellen können«, sagt Weide. Im Jahr 1999 bot sich die erste Gelegenheit dazu. »Bei meinem Nachbarn drohte das Brennrecht zu verfallen. Ich wurde gefragt, ob ich die Destillieranlage nicht nutzen wolle«, erzählt Weide. Der erste Versuch sei »natürlich Weltklasse« gewesen, witzelt er. Abgesehen von seinen Brüdern, die von ihm dazu verdonnert worden waren, habe dieses »Gebräu« niemand getrunken. Mit der Zeit zweifelte der Ottenheimer daran, ohne Hilfe von »grausam« zu »schmackhaft« zu kommen. So beschloss er 2007, eine Ausbildung zum Brenner zu machen.

»Bei meinen Bränden verwende ich ausschließlich Obst aus der Region.« Lutz Weide Nachdem Weide das Handwerk auf professioneller Basis beherrschte, probierte er sich weiter aus – mit Erfolg: Seine Schnäpse verhalfen ihm zur Auszeichnung als Edelbrandsommelier und zum »Doktortitel unter den Brennern«, dem »Wine & Spirit Education Trust«-Zertifikat (Level 2). Es wird vom weltweit führenden Anbieter von Qualifikationen im Bereich Weine und Spirituosen verliehen, erklärt Weide stolz. Doch damit nicht genug: Vergangenes Jahr belegte er bei den »Baden best Spirits«, ausgetragen vom Verband Badischer Klein- und Obstbrenner, den elften Rang – mehr als 400 Betriebe nahmen an dieser Prämierung teil. »Die Erfolge und der wachsende Bekanntheitsgrad bestärkten mich ungemein. Dennoch fühlte ich mich mit mei-

Lutz Weide absolvierte vor zehn Jahren eine Ausbildung zum Brenner. Seit Kurzem stellt er auch Gins her. Foto: Bode nen Erzeugnissen noch unvollständig«, berichtet Weide. Im selben Jahr brachte ihn sein Sohn auf die Idee zur Ginbrennerei. »Da ich schon immer experimentierfreudig war, probierte ich es einfach aus.« Weide arbeitet dabei mit einer speziellen Siebtechnik. »Ich gebe die Aromen bei meiner Ginherstellung schon während der Destillation hinzu. Der Sieb sorgt dafür, dass die Aromen durch Dampf stärker ausgelöst werden, als wenn man sie erst hinterher in den Alkohol hinzu gibt«, so der Experte. »Diese Methode gibt dem Brand seine Vollkommenheit«, fügt er hinzu.

»South Street« titelt Weide die Brände, die mit dieser Siebmethode hergestellt werden. Neben den Gins »South Street No. 1« und »South Street Plum« gehören auch zwei Schnäpse aus Anis und Kümmel zu dieser Reihe dazu. »Die Namensgebung ist ganz einfach zu erklären: Übersetzt ist es mein Wohnort«, erklärt Weide – die Südstraße in Ottenheim. Mit der Reihe gewann er beim »World Spirit Award 2017« in Österreich einmal Gold und viermal Silber. »Jetzt bin ich da, wo ich immer ankommen wollte«, sagt Weide. n

Nadine Goltz


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Schwarzwälder mit Heimatsinn: Hansy Vogt möchte nirgends anders leben als hier. Foto: privat

»Meine grüne Oase des Glücks!« Warum dem Schwarzwald-Botschafter und Tausendsassa Hansy Vogt Heimat so wichtig ist und warum er nirgends anders als hier leben möchte

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einer repräsentiert den Schwarzwald munterer als der Entertainer, Comedian, Showmaster und Musiker Hansy Vogt. Er erklärt im Interview mit unserer Redaktion, was er so am Schwarzwald liebt. Herr Vogt, was ist für Sie Heimat? Heimat ist für mich Ursprung. Da, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Bei Ihnen ist das der Hochschwarzwald. Ja, der Feldberg, das ist für mich Heimat. Und der ganze Schwarzwald, diese grüne Oase des Glücks, ist meine Heimat. Ist die Heimat immer da, wo man geboren ist? Ja, das glaube ich. Es gibt ja Menschen, die den Drang spüren, die ganze Welt zu bereisen und einen Unruhezustand in sich zu fühlen. Das habe ich gar nicht. Ich fühle mich hier im Schwarzwald pudelwohl. Was gibt es nur im Schwarzwald? Da gibt es natürlich die Klischees. Die wurden vor vielen Jahren noch belächelt, aber heute werden sie ganz bewusst eingesetzt, um für den Schwarzwald zu werben. Wir haben den Bollenhut, die Kuckucksuhr und die Schwarzwälder Kirschtorte. Und nicht zu vergessen den Schwarzwälder Schinken. Außerdem ist für den Schwarzwald natürlich die Mentalität seiner Menschen prägend. Wie sind denn die Schwarzwälder so? Sie sind zurückhaltender, da gibt es keinen Kölschen Frohsinn. Wir Schwarzwälder warten eher mal ab. Aber trotzdem sind wir gesellig und haben auch Humor. Und dann sind wir natürlich natur- und heimatverbunden.

Können Sie sich vorstellen, auch irgendwo anders zu leben? Eine andere Heimat zu haben? Nein. Weil hier alle leben, die mir wichtig sind. Meine Frau Petra, mit der ich bald 25 Jahre verheiratet bin und die mir den Rücken freihält, meine beiden Kinder, meine Freunde, mein persönliches und mein künstlerisches Umfeld. Das ist für mich perfekt. Ettenheim, wo Sie wohnen, ist nun aber kein wirklich klassischer, typischer SchwarzwaldOrt und vom Feldberg eine starke Stunde Fahrt entfernt. Stimmt. Ettenheim zählt für mich zum mittleren Schwarzwald. Wie kamen Sie gerade auf Ettenheim? Per Zufall. Vom Feldberg zog ich zunächst nach Freiburg, wegen des Südwestrundfunks. Dann haben wir uns einen passenden Wohnort gesucht, der auch für die Familie passte. So kamen wir ins Barockstädtchen Ettenheim. Das ist für meinen Beruf ein idealer Wohnort. Man ist schnell auf der Autobahn und der Europa-Park liegt gleich nebenan, das ist für mich als Künstler praktisch. Wie oft sind Sie noch auf dem Feldberg? Ganz oft. Ich habe dort noch ein Ferienhaus, wo wir regelmäßig die Winter- und Sommerferien verbringen. Dort gleich nebenan lebt auch meine Mutter, da gibt es also einen engen Bezug. Kann man Ihr Ferienhaus auch privat buchen, also Ferien bei Hansy Vogt? (lacht) Ja. Das Haus ist sogar relativ ausgebucht. Ich habe so auch einen direkten Draht zum Thema Tourismus, was für mich als Schwarzwald-Botschafter wichtig ist. Beim Thema

Urlaub und Urlauber im Schwarzwald kenne ich mich deshalb hautnah aus. Das hilft mir bei vielen Terminen, die ich als Schwarzwald-Botschafter habe. Was macht ein Tourismus-Botschafter für den Schwarzwald? Er repräsentiert die Region. Als Künstler bin ich ja nicht nur in Baden-Württemberg unterwegs, sondern im ganzen Bundesgebiet. 150 Mal im Jahr stehe ich irgendwo auf der Bühne und mache Lust auf Schwarzwald. Ob das beim großen Fest der Kastelruther Spatzen ist, wie dieses Jahr im Oktober, wo ich vor 50 000 Menschen moderiere, ob das auf meiner Tournee ist oder im Fernsehen, wo ich öfters eingeladen bin. Dabei mache ich als Moderator für den gesamten Schwarzwald Werbung, und nicht nur für einen Teil, einen einzelnen Abschnitt. Ich kooperiere da eng mit den Tourismus-Verbänden. n

Die Fragen stellte Jörg Braun.

Neues Hansy-Vogt-Buch gratis Anfang Mai erscheint das neue Buch von Hansy Vogt »Wo die Stunde schlägt – Mit Hansy Vogt unterwegs auf der Deutschen Uhrenstraße« (Silberburg-Verlag, 19,90 Euro). Die »Lahrer Zeitung« verlost insgesamt zehn Bücher. Wer eines gewinnen möchte, schreibt eine Mail an gewinnspiel@lahrer-zeitung.de oder schickt eine Postkarte an Lahrer Zeitung GmbH, Kreuzstraße 9, 77933 Lahr. Kennwort ist jeweils »Hansy Vogt«. Einsendeschluss ist am 29. April 2017. Die Gewinner werden veröffentlicht. Viel Glück!


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Ein süßes Stückchen Mahlberg Weit über die Grenzen der Stadt hinaus hat sich der »Mohlburger Buggl« aus dem Hause Friedrich einen Namen gemacht / Das Rezept ist bis heute ein gut gehütetes Geheimnis

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as ist der »Mohlburger Buggl«? Ein übrig gebliebenes erodiertes Stümmelchen eines längst erloschenen Vulkans? Die frühere Heimstätte von Kelten und Römern? Oder vielleicht doch eine ganz spezielle Torte? Alles stimmt! Der Berg hat eine Jahrtausende lange Geschichte vorzuweisen. Die Bäckerei Friedrich würdigt sie mit einem Produkt, das seinesgleichen sucht. Halbkugelförmig ist die Torte gestaltet, beim Aufschneiden finden sich viele Schichtungen. Auf einem Boden mit Schokoladen-Biskuit türmen drei Etagen Obst, gekrönt von dekorativen BiskuitRouladenscheibchen und Aprikosenmarmelade, dazwischen eine spezielle Creme. Diese Köstlichkeit geht schon seit 45 Jahren mit einem unveränderten Geheimrezept über die Theke. Das hatten einst Elfriede und Willi Friedrich erfunden, die Eltern der heutigen Chefin Simone Friedrich-Schulz, die die Bäckerei mit ihrem Mann Heinrich führt. Damals, erinnert sich FriedrichSchulz, sei ihren Eltern aufgefallen, dass man die international bekannte halbkugelförmige »Mailänder Torte« geschmacklich gründlich umgestalten könne. So wurde die Schichtung alternativ mit Sauerkirschen, Bananen, Pfirsichen und ohne Sahne neu aufgebaut und durch eine Rum-Creme mit einem ganz anderen Duft versehen. Der Legende nach soll in

Liebevolle Handarbeit: Chefin Simone Friedrich-Schulz (vorne) und Auszubildende Jenni Stöber bei der Endfertigung des »Mohlburger Buggl« Foto: Masson

»Verschickt wird der Buggl nicht.« Simone Friedrich-Schulz der damaligen »Dachklause« von Willi Friedrich der spätnächtliche Entschluss gefallen sein: »Das nenne mer jetz Mohlburger Buggl!« Der hat seitdem längst nicht nur das Städtchen erobert. Mittlerweile wird die Torte von Feinschmeckern zwischen Offenburg und dem Kaiserstuhl persönlich abgeholt, sogar Kunden aus der Schweiz und Österreich sind dabei. Denn: Versenden ließe sich die frische Torte nur tiefgefrostet, sagt Friedrich-Schulz. Das wolle man den guten Stücken nun wirklich nicht antun und widerspricht der Konditorinnen-Ehre der Inhaberin. So bleibt der süß-aromatische »Mohlburger Buggl« der Renner an der Ladentheke, ob ganz oder in wohlgerundeten Einzelschnittchen. Bis zu 35 Torten verlassen wöchentlich den Laden, oft kommen weitere hinzu bei Festen und Feiern. Dazu lässt sich der auch umgestalten, zu Zahlen beispielsweise für Geburtstage, so

gar nicht mehr »bugglig« dann. Um 4.30 Uhr beginnt täglich die Produktion in der Konditorenstube, mit zahlreichen halbrunden Kesseln. Aufschichten der »Innereien« ist mühsame Handarbeit. Dazu kommt, da lacht FriedrichSchulz, ein abschließendes Streicheln samt Geheimspruch über die Formen. Das genaue Rezept bleibt ein gut gehütetes Geheimnis, wenn auch Mahlberger ab und an schon mal ein paar Tipps aus erster Hand erhalten. Trotzdem: Der Buggl dürfte unerreicht bleiben. Wenn mal Ex-

tra-Wochenendschichten angesagt sind, machen gelegentlich auch die Auszubildenden Jenni Stöber und Selina Karle mit – und zwar gerne. Denn sie haben das Friedrich’sche Konditoren-Geheimnis des Buggls erfahren dürfen und behalten es stolz für sich. Dass die dazugehörige Spezial-Creme ohne Milch und Butter auskommt und deshalb laktosefrei ist, das hat sich allerdings schon längst herumgesprochen. n

Michael Masson


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Wo das ganze Jahr über Fasent ist Im Museum des Verbandes Oberrheinischer Narrenzünfte sind auch Grusilochzottli, Schergässler, Kruttstumpe und Co. ausgestellt

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hre Herzen schlagen für Heimat und Brauchtum: Geister, Hexen, Tiere und allerlei Fantasiegestalten, die zwischen Dreikönig und Aschermittwoch die Hallen und Straßen bevölkern. Wer wissen möchte, was es mit Grusilochzottli, Schergässler und Co. auf sich hat, ist im Museum des Verbandes Oberrheinischer Narrenzünfte (VON) in Kenzingen an der richtigen Adresse – dort ist während des ganzen Jahres Fasent. Mehrere Mitgliedszünfte aus dem Süden der Ortenau haben in der Narrenschau ihre Häser ausgestellt, darunter die Lahrer Narrenzunft mit ihrem Erznarr Grusilochzottli. Sein Name geht zurück auf eine große, zottelige Männerge-

Markenzeichen gelbe Holzschere: der Reichenbacher Schergässler stalt, die im Mittelalter um den Storchenturm – das Lahrer Wahrzeichen – streifte. Die Furchtgestalt, so wird erzählt, klettert Hauswände hinauf, um unbescholtene Bürger an Fenstern und Balkonen zu erschrecken. Da wundert es nicht, dass man den »Zottli« ins Verlies sperrte. Doch jedes Jahr am Schmutzigen Donnerstag kommen die Lahrer Narren zusammen, um gemeinsam den Grusilochzottli aus seinem Gefängnis zu befreien. Gut möglich, dass es dann nachts an Fensterläden rappelt und eine zottelige Gestalt durch die Dunkelheit huscht. Doch am Fasentsdienstag ist der Spuk vorbei: Bis Mitternacht wird der Grusilochzottli wieder in den Storchenturm gesperrt. Eine Geschichte vom Seppl und seinem Marieli gilt als Ursprung der Reichenbacher Fastnacht. Im Jahr 1927 fasste Turnvater Karl Klumpp den Entschluss, in

Reichenbach etwas Närrisches auf die Beine zu stellen. Dafür nutzte er eine im Ort bekannte Geschichte. Diese besagte, dass der Seppl und das Marieli dann von Götti und Bäsle für Besorgungen mit einer Wurst und einem Wecken belohnt würden, wenn in der Schergass ein Markt stattfinden würde. Daran knüpfte Turnvater Klumpp 1927 an, als er den Narrenrat gründete, um 1928 den ersten Schergasse-Jahrmarkt zu inszenieren. Davon wissen die Schergässler noch heute zu berichten. Hoorig, hoorig isch dia Katz und borschdig, borschdig isch dia Sau: Fasentssprüche nehmen gern Bezug auf die Tierwelt, so auch in Ettenheim. Das »Ättemer Fasentslied«, das seit 1951 gesungen wird, hat den Refrain: »Hoorig, hoorig, hoorig isch diä Katz, un’ wenn diä Katz nit hoorig wär, fing sie keine Mäuse mehr«. Die Narrenzunft Hoorig, die seit 1936 die Geschichte der 1846 gegründeten Narhalla Bethelheim fortschreibt, kann heuer auf insgesamt 170 Jahre Heimat- und Narrenhistorie in Ettenheim zurückblicken. Noch weit mehr geschichtsträchtig ist die Fasent in Schuttern, wo die Zunft Kruttstumpe zu Hause ist. Vor nahezu 330 Jahren, anno 1688, wurden unter dem damaligen Abt bereits Fasentspiele veranstaltet, wie im Erzbischöflichen Archiv in Freiburg zu erfahren ist. Diese Fasentspiele haben sich bis heute, wenn auch in etwas anderer Form, in Schuttern erhalten.

Der Korkenzieher ist wie der Grusilochzottli eine Häsgruppe der Lahrer Narrenzunft. Fotos: Jähne Die Narrenfiguren der Eulenzunft Seelbach heißen Eule, Schägenesthexe und Zopfwiebli. Sie geisterten schon durch alte Seelbacher Geschichten, Sagen und Legenden, die im 1906 erschienenen Werk »Geschichte des Marktfleckens Seelbach – Hauptort der ehemaligen Reichsgrafschaft Hohengeroldseck« beschrieben wurden. Auch die Geschichte der Symbolfigur der Seelbacher Fasent, der Ge-

heimrat Dr. Philipp Carl Edler von Schmidt zu Dautenstein, ist darin beschrieben. Die Eulenzunft Seelbach bereichert seit genau 50 Jahren die Fasent in der südlichen Ortenau – auch sie hat, wie andere Mitgliedszünfte aus dieser Region, ihren Platz im Narrenmuseum des Verbandes Oberrheinischer Narrenzünfte in Kenzingen. n Marcus Ande

Auch Masken regionaler Zünfte – Zweite von rechts die Sendewelle Altdorf – sind zu bewundern.


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Ein Relikt aus früheren Zeiten In seiner im Kenzinger Muckental gelegenen Hammerschmiede erhalten Uwe Feißt und die Schmiedezunft Emmendingen ein traditionelles Handwerk am Leben

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nmitten der Natur des schönen Muckentals gelegen, bietet die Hammerschmiede ein Ausflugsziel der besonderen Art: Im Untergeschoss des stets geöffneten Gebäudes lässt Besitzer Uwe Feißt Besucher 150 Jahre in die Vergangenheit reisen. Dort, wo das Wasser des Mucken- und des Bleichbachs zusammenfließen, entstand im 14. oder 15. Jahrhundert die Muckenmühle. Anno 1867 baute der damalige Müller für einen seiner Söhne die Hammerschmiede – schon damals wirkte sie im Lichte der Industriellen Revolution wie ein Relikt aus der Vergangenheit. Doch sie sicherte das Auskommen ihrer Besitzer über viele Jahre und zählt heute zu der Handvoll historischen Schmieden weltweit, die noch voll betriebsfähig sind. Dafür hat Uwe Feißt viel investiert und bereits 1987 mit der Restaurierung der Hammerschmiede begonnen. Beispielsweise wurden die drei Wasserräder, mit denen die Hämmer der Schmiede angetrieben werden, erneuert – das letzte erst vor wenigen Wochen. Damit das Wasser überhaupt seinen Weg zu den Rädern findet, müssen etwa 500 Meter Wasserweg unterhalten werden. Durch die Menge des Wassers, die in der Schmiede reguliert werden kann, wird die Geschwindigkeit des schlagenden Hammers bestimmt: Je mehr Wasser auf die Flügel der Räder fließt, desto schneller drehen sich diese und desto schneller schlägt der Hammer. Langfristig träumt Feißt auch davon, die Gaststätte der Hammerschmiede wieder in Betrieb zu nehmen und für sie einen Pächter zu finden. Seit etwa drei Jahren ist die Hammerschmiede die offizielle Zunftschmiede der Schmiedezunft des Landkreises Emmendingen, die auch den Erhalt der Schmiede mitunterstützt. Dort erlernen die Mitglieder der Zunft das Schmiedehandwerk,

Das Eisen mit dem Hammer schmieden, solange es heiß ist: Uwe Fotos: Göpfert Feißt an einem der mächtigen Werkzeuge wie Zunftmeister Wolfgang Voßler verrät. Mit ihrem Schauschmieden auf verschiedenen Veranstaltungen beeindruckt die Schmiedezunft regelmäßig die Besucher. Auch Gruppen, die das Schmiedehandwerk ausprobieren wollen, können sich auf Anfrage (uwe.feisst@gmx.de) unter Aufsicht im Schmieden versuchen und beispielsweise ihr eigenes Besteck herstellen. Denn das, was man selbst und eigenständig schaffen könne, erhalte gerade in der digitalen Welt einen besonderen Wert, sind sich Feißt und Voßler sicher.

Im Zusammenspiel mit Wasser und Feuer entstehen Werkzeuge wie Äxte oder Schäleisen, Gebrauchsgegenstände oder auch der Spangbügel für den neuen Hammer der Schmiede. Nach seinem Spender Karl Schweitzer wurde er »Karl der Große« genannt, bis Juni soll er voll betriebsfähig sein. Denn dann wird ein besonderes Doppel-Jubiläum gefeiert: Die Hammerschmiede wird 150 Jahre und die Schmiedezunft Emmendingen 22 Jahre alt. n Julia Göpfert

Jubiläumsfeier im Juni

»Karl der Große«: Uwe Feißt (links) und Wolfgang Voßler von der Schmiedezunft Emmendingen zeigen den »neuen« Hammer.

150 Jahre wird die Hammerschmiede und 22 Jahre wird die Schmiedezunft Emmendingen dieses Jahr alt. Grund genug für eine Jubiläumsfeier: Am Pfingstsamstag, 3. Juni, wird es nachmittags eine Führung für geladene Gäste durch die Schmiede in der Bleichtalstraße 2 geben. Ab 16 Uhr wird das Festgelände mit einem Festakt sowie Essen und Trinken offiziell eröffnet werden. Das eigentliche Highlight folgt jedoch erst am Pfingstsonntag und -montag, 4. und 5. Juni: Vor der Schmiede wird es eine historische Handwerkerstraße mit Vorführungen geben. Die einzelnen Handwerker zeigen, wie sie ihre verschiedenen Werkzeuge, die früher alle der Schmied hergestellt hat, einsetzen.


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Er pflegt die Natur unserer Heimat Hans-Joachim Gorny sorgt als Biotop-Pfleger dafür, dass einheimische Arten nicht verschwinden und so die einmalige Kulturlandschaft der Vorbergzone des Schwarzwalds erhalten bleibt

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atur ist ein Stück Heimat. Aber ein Stück Heimat, das immer mehr zu verschwinden droht. Bestimmte Pflanzen und Tiere gibt es nur an wenigen Orten, weil sie dort ideale Bedingungen vorfinden. Doch dadurch, dass immer mehr Wiesen überdüngt sind, wachsen dort zwar hohe Blumen, aber immer nur dieselben. Die typischen Arten, die die Landschaft vorher markant gemacht hatten, gehen verloren. Und mit den Pflanzen verschwinden auch die Tiere, die sich von ihnen ernährt hatten. »Besonders ehemalige ›Hungerkünstler‹, also Pflanzen, die es gewohnt sind mit mageren Standorten auszukommen, stehen auf der Roten Liste«, weiß Biotop-Pfleger Hans-Joachim Gorny. BiotopPflege hat die Aufgabe, dem Verschwinden der Artenvielfalt Einhalt zu gebieten. Durch gezielte Mahd werden einheimische Pflanzen wie Anemonen oder Orchideen gefördert und Neophyten, also Arten, die dort eigentlich nichts zu suchen haben, entfernt. Als Gorny 1991 zurück nach Ettenheim kam, begann er, die heimische Natur zu pflegen. »Denn ich sah, dass einige Arten kurz davor standen, für immer zu verschwinden«, sagt er. Bei der Mahd hat sich Gorny auf Handarbeit spezialisiert, er mäht mit Balkenmäher oder Motorsense überall dort, wo große Maschinen nicht hinkommen. Wie etwa die Rebterrassen im Marbach, auf denen man nun Schwertlilien bewundern kann. Oder die Anemonenwiese in Ettenheim, die Gorny für das Landratsamt pflegt. Neben Arbeit, Fachwissen, An-

Die Rebterrassen im Marbach: Als Gorny anfing, sie 1991 zu pflegen, waren sie komplett verwildert. Nun blühen auf ihnen wieder die lilafarbenen Schwertlilien. Foto: Gorny strengung und viel Begeisterung für die Sache brauchen solche Prozesse auch Zeit. »Bis auf einem verbuschten Grundstück wieder Orchideen wachsen, muss man bis zu zehn Jahre investieren«, weiß er. Von Mai bis in den Oktober hinein mäht Gorny die Wiesen, um sie so zum Abmagern zu bringen. Dabei ist es wichtig, das Mähgut nicht liegen zu lassen, sondern

Bienenfresser hatte Gorny auch schon vor der Linse. Einige Paare der bunten Vögel brüten bei den Schwertlilien im Marbach. Foto: Gorny

abzutragen, wie er betont. Ab Oktober schneidet er Bäume und Büsche zurück und kümmert sich um Krötenteiche und Gräben. Auch weitere Sonderprojekte entstehen in dieser Zeit, wie etwa Steinhaufen für Eidechsen oder die Bienenfresser-Wand, die er im vergangenen Winter gebaut hat. Nachdem Gorny zunächst ehrenamtlich für den Nabu tätig war, hat er 1997 sein Hobby zum Beruf gemacht und arbeitet nun auch freiberuflich. Zudem ist er der Autor von mittlerweile sechs Romanen. Sein neuestes Buch über eine fiktive Nabu-Gruppe in der Vorbergzone wird 2018 erscheinen. Und noch etwas hat Gorny getan: Er hat den Menschen seine Begeisterung für die Schönheit der Kulturlandschaft der Vorbergzone nahegebracht, indem er seltene Pflanzen und Tiere auf faszinierende Fotos gebannt hat. Wer selbst etwas zum Erhalt der Artenvielfalt tun will, kann bereits im eigenen Garten anfangen: »Wilde Ecken helfen Vögeln und Zwergmäusen, während Totholz Käferlarven Zuflucht bietet und dadurch auch die Verbreitung der Spechte fördert. Brennnessel und

Brombeeren hingegen ermöglichen Schmetterlingen und anderen Tieren das Überleben«, weiß der Biotop-Pfleger. WEITERE INFORMATIONEN: gornybiotoppflege.de

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n Julia Göpfert

Hans-Joachim Gorny ist Biotop-Pfleger, Romanautor, Naturschützer und Fotograf. Foto: Schabel


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»Tired of Heimat« (Stencil auf Holz) zeigt das typische Schwarzwaldmädel in der üblichen Pose, aber mit ganz und gar untypischen Accessoires. Foto: Ziro

Heimat als Marketing-Etikett Urbanart-Künstler Ziro liebt seine Heimat, blickt aber skeptisch auf deren Vermarktung

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tappe ich mich bei dem Gefühl, diese Gegend und ihre Schönheit nicht ausreichend zu würdigen. Zugleich ist es natürlich reiner Zufall, dass ich in dieser schönen Region Deutschlands geboren bin. Und so bin ich in einem weiteren Sinne dankbar dafür, in einer intakten Demokratie geboren zu sein, die mir die Freiheit und die Sicherheit gibt, beispielsweise meine Kunst so zu gestalten, wie ich das möchte, ohne Repressalien befürchten zu müssen.

as Thema Heimat wird im Schwarzwald seit einigen Jahren erfolgreich zu Werbezwecken benutzt. Das Konzept geht auf: Der Tourismus in der Region boomt. Neben den Traditionen von Bollenhut, Kirschtorte und Schinken gibt es jetzt Whisky, Gin und Kunst aus dem Schwarzwald. Die Kuckucksuhren sind nicht mehr nur braun, sondern auch schwarz lackiert oder rosa. Wie sieht der junge Ortenauer Urbanart-Künstler Ziro diesen Trend? Wir haben ihn dazu befragt, wie er auf seine Heimat blickt und was er von der Vermarktung des Themas Heimat in Kommerz und Kunst hält. Was bedeutet Heimat für Sie persönlich? Ich denke, Heimat ist etwas sehr Individuelles. Für mich sind es meine Familie, die nähere Umgebung, in der ich aufgewachsen bin. Alles, was mich als Individuum geprägt hat und zu dem gemacht hat, der ich heute bin. Ich kann daher nur schwer nachvollziehen, dass Heimat für so viele plötzlich Bollenhut und Kuckucksuhr bedeutet, obwohl sie beispielsweise im Rheintal entlang der B 3 aufgewachsen sind. Wie würden Sie die Stadt Offenburg beschreiben? Zurzeit lebe ich in Offenburg. Die Stadt trägt ihre Schönheit bestimmt nicht vor sich her, sondern man muss sie erkunden und erleben, um sie lieb zu gewinnen. Sollte man hier doch mal etwas vermissen, liegt Offenburg ja geradezu ideal, um in der Ferne sein Glück zu suchen.

Ziro arbeitet mit Farben aus der Spraydose. Foto: privat Was verbindet Sie mit der Ortenau und dem Schwarzwald? Ich bin in der Ortenau geboren und aufgewachsen und habe den Schwarzwald als geliebtes Naherholungsziel direkt vor der Haustür. Oft er-

Was halten Sie vom Thema Heimat als Marketing-Instrument und in der Kunstszene? Ich denke, dass die ganze Thematik stark überstrapaziert ist. Wenn zum Beispiel schon die kleine Dorfbrauerei in der Rheinebene auf die Idee kommt, auf den Trend »Schwarzwald als Heimat« aufzuspringen, sollte es auch der letzte Werbefachmann realisiert haben: Ohne wirklichen regionalen und historischen Bezug sind die Themen Heimat und Schwarzwald schon heute nicht mehr glaubwürdig. Vielleicht wäre ein etwas verantwortungsvollerer Umgang mit der Tradition hilfreich, um Künstler, Urlaubsregionen und auch Marken zu schützen, die einen echten Bezug zum Thema Schwarzwald haben. In einigen Bildern, etwa in dem Werk »Tired of Heimat«, setze ich mich deshalb sehr kritisch mit genau diesem inflationären Gebrauch des Heimat-Motivs in der Kunstszene und zu Werbezwecken auseinander. Wenn das Thema verbraucht ist, geht ein Stück Geschichte mit unter. n

Die Fragen stellte Wolfgang Achnitz.


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Es gibt viel zu entdecken Familien können in der Region jede Menge Spaß haben – nicht nur unter freiem Himmel, sondern auch und gerade in Museen

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en Schwarzwald erleben, wie er früher einmal war, das geht im Schwarzwälder Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in Gutach. In sechs voll eingerichteten Eindachhöfen sowie zahlreichen Nebengebäuden kann man entdecken, wie in den vergangenen 400 Jahren gewohnt, gelebt und gearbeitet wurde. Wer die Gruppenangebote wahrnimmt, begibt sich gemeinsam auf eine spannende Reise durch die Schwarzwälder Kulturgeschichte. Dabei können die Besucher beispielsweise bei einer traditionellen Handwerkspräsentation den Handwerkern über die Schulter schauen, sich vorführen lassen, wie eine Schwarzwälder Kirschtorte entsteht oder selbst einmal Butter schlagen und auf frischem Bauernbrot verkosten. In der ersten Saisonhälfte steht im Freilichtmuseum Vogtsbauernhof die »Heimat« im Mittelpunkt. Dabei wird thematisiert, was der Einzelne mit Heimat verbindet, beispielsweise Sprache, Kunst oder Musik, und wie sich Heimat im Lauf der Zeit verändert. Museen haftet mitunter ein ödes Bild an. Dabei tragen die zahlreichen Mitmachmuseen in unserer Region in Wirklichkeit dazu bei, dass Familien nicht nur unter freiem Himmel jede Menge Spaß haben können. So können im interaktiven Museum für Mineralien und Mathematik in Oberwolfach, kurz MiMa, kleine Forscher die Mineralien aus dem Schwarzwald in unterschiedlichsten Farben und Formen bestaunen und die Mathe-

Die »Heimat« steht im Freilichtmuseum Vogtsbauernhof in der ersten Saisonhälfte im Mittelpunkt. Foto: Museum matik der Kristalle selbst erforschen. Auch Bergbauwerkzeuge und ein Modell der Grubenanlage Clara, die sich ebenfalls in Oberwolfach befindet, sind ausgestellt. Auf der Halde der Grube Clara in Wolfach-Kirnbach dürfen kleine Sammler mit Hammer und Meißel sogar selbst nach glitzernden Mineralien suchen. Einblicke in den Bergbau im Kinzigtal geben auch das Besucherbergwerk Segen Gottes in Haslach und das Hausacher Freilichtmuseum Erzpoche. Wer kennt sie nicht – Hahn und Henne? Zell am Harmersbach

wird in erster Linie mit der Zeller Keramik in Verbindung gebracht. Im Keramikmuseum gibt es nicht nur einen Werksverkauf des weltberühmten Dekors, es wird auch täglich ein Keramikmalen angeboten. Im Glasblasen können sich Besucher derweil in der Dorotheenhütte in Wolfach versuchen. Dort kann man auch eintauchen in rund 2000 Jahre faszinierende Glasgeschichte. Erwähnt sei noch das Puppen- und Spielzeugmuseum in Nordrach. Und hinter der Grenze lockt das »Le Vaisseau« in Straßburg. mabu


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Zuhause, wo andere Urlaub machen Die Landschaft im Schwarzwald ist bereits eine Attraktion für sich

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ber den Kinzigtäler sagt man, dass er dort lebt, wo andere Urlaub machen. Einer der Vorzüge der Region ist zweifelsohne die Landschaft. Dies wird einem oftmals erst bewusst, wenn man die Umgebung zu Fuß erkundet. Themenwege wie der Hornberger-Schießen-Weg, der Abenteuerpfad in Hausach, der Wald- und Erlebnispfad Bächlewald in Haslach oder abseits des Kinzigtals etwa der historische Bettelweg in Dörlinbach erfreuen sich vor allem bei Familien großer Beliebtheit. Eine schöne Rundwanderung verspricht auch der mit dem Qualitätssiegel

»Wanderbares Deutschland» prämierte Geroldsecker Qualitätsweg, der mehrere Wanderwege miteinander kombiniert. Auch an attraktiven Freizeitmöglichkeiten für einen interessanten Frühlings- oder Ferienausflug mangelt es vor der Haustür nicht. So geht es etwa im »Schwarzwaldbob« auf der Sommerrodelbahn in Gutach rasant bergab. Ganz leicht lässt sich Naturerleben und Freizeitspaß obendrein mit Genuss kombinieren. Eine kulinarische Entdeckungsreise durch die hiesigen Restaurants und Gaststätten sollte man jedenfalls mit einplamabu nen.

Einer der Vorzüge der Region ist zweifelsohne die Landschaft. Foto: Stadt Lahr

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