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EIN STREIFZUG: VON DER GESCHICHTE ZUR THEORIE

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1. Die Geschichte des Städtebaus StOdtebouliches Etltwenen setzt Wrssen um cfe historischen En~ von Stadt voraus: StOdte und Stcdtgn.x\drlsse Ü"Id l&S&bOcher der GescNchte und beirl1aItan wichtiges Erfotvungsw!ssen um Meri:mcIe und GeselzmOßigkeiten von Stadt. Dieses WISSen ist unverzichtbar; dem viele aktuelle stödtebaulichen Aufgaben lassen sich nur in Kemtnls der Historie einer Stadt und der Ideengeschichte des StOdtebous odOqual bearbeiten.

D" ....n stödlbchen OrganlsaHonsfonnen

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Seit etwa 5000 Jahren leben Manschen in städtischen Organisatlonsformen, Im Verlauf der Geschichte haben sie sich vIeIfOltige Lebensl'Öume geschaffen, die Ausdruck: iIYer jeweiUgen geseßschoftßchen. öltonomischen und kulturelen VerMltnisse snd. DIe Stadt, Os eWl vergleichsweise ,i.Jngm r6um1ches Gebkle. hat sich in äesen VfK"gongenen 5OCIO JoI'ven out setr verschiedene Weise ausäfferenzIert &'Inlanden sild nicht n.x venchiedene (Ent-

Bei den Sied~ derNoturvökersnd VOIoIem die nolOrIchen Bedngungen ~ ober auch das BecOfnls noch enem geschOfzten Wlenberek:h. Die HOtten v8Ier HaMvOIcer snd EirtIeItsrOume. n denen sich das höusliehe Leben abspiott. HIer lconYnt es kaum zu einer Zoniervng vcnchiedener TOtIgIc.oItsberc.

DI& Dorfanlaget der Y~nd1c:rIef genzt sich gegen den als feindlich empfl..M"'ldenen lkwaId mt gescHossenen ROdcwOnden ab. Sie ist la'ell:förrrig um ai1en DorfpIaIz angeordnet. Diese Siedlung wTd auf Zeit ~tel. jeweils für (je Dauer der Sesshaftigkeit rtrer Bewomcr. In der ofrtlconischen Siedlung in 1C0mervn. die sich ebenfaRs um eIne Icrelstörmrge MItte grvpplert, v.1rd sowohl eine funldionale SpeZfoßslerung als auch eIne gesellschaftliche Differenzierung sichtbar. ,

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wickklngs-jStod'len. sondern nitunter setY unterschiedIche Kutk.wen von Stadt.

Die ~ AulllSM-fakknn ffi'" da Entstehung von Rwrn- \KId Boum.IIduan lassen sich grundsö1zich n ~ Kategorien ei'lleIen: natOrIc:he \KId soziale 8edn-

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I, NatOrIc:he _ _ _ : IcImatIsche VertoöttMse R

1.1.1 _IIINIIIIII!I n hlullgllllla-. AfrIka "

I_ne

Vcrfligbarkolt von Rmsourcen {z. B. Boumateriolien]

2. ScnIale .edlngungen:

Gesellschaftßche OrgonlsaHonsformen HarrschoMsformen Schutz und Sicherheit NufzungscnsprOche

WOtvend das Klima (Regen. Httze...) und die vorhandenen RessOlA'Cen (Stern. Lehn...) zu einer starken Differenzierung von Boutypologian fOhren Icömen. nnden de geselschanlichen VerhOItnlsse eher Ausdruck i'l besonderen stadlröumlichen Konzepten In Verbi'ld..Ing ml öffenlichen Geb<!Ivden oder Reprösentationsbauten. Daüber hinc:!I.n; resUtIeren die untenctjedlChen ~ngscnspnj­ ehe on Ro.m 0U5 öIconomischen und technologischen EntwlclcUlgen. der ~ ... erster Unie zu ener AusdflerenDen.Ilg von NlIIzlK'Igs:zDne n lefhaIb einw Stadt gelOtwt hoben. So hat zum Beispiel da rOunlich-funkfionale TrernJng vcn Wchn- und ArbeIbslätlcll m laufe der Siedungsgcscticte die Hemusbidurg YieIfOItigster GebOvdetypoIogI (Wohn-. Gewefbe-. Versorgungs- und Velte/"'ftbouten) ermOglchl.

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C. Reicher, Städtebauliches Entwerfen, DOI 10.1007/978-3-8348-8257-8_3, © Vieweg+Teubner Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2012


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1.1 Der Ursprung der stadt Die stadt Jericho am WesMer des Jordan gilt als eine der ältesten. ununterbrochen bewohnten Städte der Welt. Sie ist als Siedlung etwa 8CXX) v. Chr. entstanden und hai mit großer Wahrscheinlichkeit ihren Ursprung ols Handelszentrum und nicht etwa als Ackerbcustadt. Die torldsche Siedlung Catal HOyOk rohlt neben Jerk::ho zu den ersten bekennten Städten. Hier formierte sich ebenfalls zu Beginn des 8. JalTtcusends vor Ctvistus eine für die damalige Zeit neuartige Organisctionsform sozialen Zusammenlebens. Der Schwerpunkt der Siedlungen im Vorderen Orient hat sich In den darauf folgenden Jahrtausenden In die südlichen Flussniederungen zwischen Euphrat und Tigis verlagert. Hier haben sich seit dem 4. JalTtcusend vor Cmtus stetig wachsende urbane Zentren herausgebildet. mit Städten wie Ur; Erbi1 oder Babyion. Der Grundriss der ausgegrabenen Stadt Ur weist bereits Merlcmale auf. die den Begriff "Stadt" rOumfich und funktional begründen: Temonos = politische Macht Hafen und Kanal = Handel und Verkehr Haus und Palast = Sozialstruktur Stadtmauer'" Schutz und Sicherheit

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STÄDTEaAULlCHES ENTWERFB-I

Die Freie Stadt in Griechenland stellt demgegenüber eine Besonderheit dar, weil sie bereits einen neuartigen Choraleter des sozialen Zusammenlebens darstellt. Von Ihrer Grundstruldur her bildet die Stadt eine rOum~che 8nheit, die nach außen klar abgesJt)nzt ist. Das eigent~che Stadtgebiet ist in drei Bereiche aufgeteilt: den privaten Bereich der Wahnhöuser. den heiligen Bereich mit den Tempeln und den öffentlichen Bereich für Versammlungen und Veranstaltungen. Hlppodamos von Milet gnt als Ernnder der "gleichmöBigen Aufteßung der Stadt~, in der "ein Teil für Kultur. der zweite für öffentliche ZWecke und der dritte zum Privateigentum bes1immt war'. Von ihm stammen die Plöne zum Ausbau van Mus, Milet und Olynth. Diese Sitidte sind noch einem streng geometrischen PrInzip geplant worden, In das sich die einzelnen HöuserelnzufOgen hatten. Die geometrische Anlage der Stadt war ein Mittel. eine effiziente Ausnutzung des Areals zu ermöglichen, die bebauten FIOchen durch das Hinzufügen von HOuserblocks Schritt fOr Schritt auszudehnen und $0 die Stadtenlwlclclung systematisch zu steuem,

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Bereits in diesen ersten Städten ist ablesbar. dass das Prinzip der räum~chen, ölconomischen und gesellschaft~chen Arbeiisteilung für die Entwicklung der Stadt von zentraler Bedeutung gewesen Ist. Sie bndete das Fundament stödfischer KuHur und hat die Konzentratlon der Bevölk:erung auf engem Raum em mögnch und no1wendig gemacht.

StadIgründungen In Deutschland Etwa 100 n. Chr. lebten im heutigen Deutschland noch

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Oberwlegend In StOmme gegliederte Gesellschaften mit einer vorwiegend auf Jagd, Landbau und Wehrtechnilc orientierten Kultur. In diesen Natur- bzw". agraisch geprägten KuHurtandschaften war die sächsische Siedlung Warendorf in Westfalen eine "Insel der ZivlTlsation". Die Siedlung existierte bis 800 n. Chr. und ist dann verlassen worden. Oberraschend war dIe VIelzahl unterschiedlicher Hausgrundrisse. Böuerliche Siedlungen wie diese bildeten die Kullurinseln, die entweder seit der germanischen und k:elffschen Frühzeit bereits bes1anden oder im Zuge der Rodung von Waldgebieten angelegt wurden. ROmIsche StadtgOndungen In Deutschland um die ZeItenwende waren daher In Gebieten wie dem heutigen Deutschland, die keine stödtische Kultur lcannlen, technische und zivilisatorische Neuerungen. Städtische lebensweisen Iconnlen sich daher zunächst auch kaum durchsetzen. Erst mit dem Bau von Heeronlagen, aus denen allmöhnch StOdte enistanden, dem Bau von Wohn- und Salcralgeböuden aus stein und der Anwendung neuer Techniken etwa im Straßen- und BrOckenbau verOnderten sich nach und nach auch die sozialen und poI"rlischen Organisationsforrnen im heutigen Deutschland. AuffOliigsies stadtstrukturelles Merkmal rOmischer StadtgrOndungen ist Ihr strenges geometrisches Raster. das die architektonisch geschlossene und nöchenhaft ange-


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legte Stadt bestimmte. Der Niedergang des Römischen Reichs machte allerdings auch nicht vor seinen StadtgrOndungen halt: Die Stadt Trler; eine der vier Haup'ßtOdte des römischen Weltreiches. verfiel nach ihrer BIOtezeit zwischen ca. 250 und 400 n. ehr. durch die Zerstörungen. die ab dem 5. Jahrhundert einsetzten. Auf dem vormals rechtwinkligen Stroßenraster entwickelte sich im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte ein unregelmOBiger StadtgrundrIss, wie er fOr mittelalterliche StadtgrOndungen typisch ist.

1.2 DIe mlHelatterllc:he Stadt

Die Grundlagen vieler Stödte wurden im MittelaHer gelegt; gerade das deutsche StOdtesysiem geht maßgeblich auf dIe zahlreichen mIttelalterlichen StadtgrOndungen zurOck. Wichtige Merkmale mittelalterlicher Stödte sind die Idare Trennung zwischen Stadt und Land (innen und außen). die funktionale Gliederung des Stadtgebiets (Kaufmannviertel, Handwerkerviertel etc.) und eine im Vergleich zu den rosIerförrnigen römischen StadlgrOndungen Mufig unregelmOßlge Stadtstruktur. Von außen betrachtet wlrlcten die Stodte mit ihren geschlossenen Wöllen und Mauern als kompakte. nahezu objekthafte Gebilde inmitten einer ansonsten offenen und weitläufigen ländfichen Umgebung. Auf den ersten NICk erschien das vertikale Stadtbild mit der großen Zahl von Kirch- und Wehrlürmen noch eindrucksvoller als der engmaschige Innere Stadtraum aus Idelnen Plötzen und engen Gassen.

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Die meisten mittelalterlichen StadIgrundrisse fuBen auf unregelmäßigen ErschlieBungs- und Bebauungsmusfern und wirken daher ungeplant; gleichwohl sind sie nicht zuföllig enfstonden, sondern folgen lokalen Anforderungen bzw. BesonderheIten. Daneben gab es Jedoch auch "PlanStödte" mit regelhaften Stadtgrundrissen. zumeist bei vollstöndigen NeugrOndungen von Städten oder goBftöehigen Stadterweiterungen. Dessen ungeachtet war "Stadt" bis zum Ende des Mittelalters unter gestalterischen Gesichtspunkten vor allem eIn Arrangement individueller Gebäude. Dabei traten unterschiedliche rflumliche Organisationsformen der 8nzelhöuser auf: Das Haus präsentiert sich als individuelles 8ement und tritt mit seiner Fassade, seinem "Gesicht", an die Straße heran. • Ein 8Ill:schBidendes und gcn1c/IgebIIndes GnNxtelemtlnt a.Yer Vom./lungen VOll stadt war kn MIttelalter da! Haus. und z.Naf da! eWe.ne

I-kllA die .H~teIt'. das $Ich von.seklen NachtJaon o1»eIzte. untem:hied und doch duteh Form und DetciI und Material in die Rehe etJgeordnet war. da$ Qeretlle B1zemus, nicht aber das RdJenhaIJ$. • (WoJIgang Rauda)

Das Beispiel des Place des Vosges in Paris (begonnen im Jahr 1605) zeigt. wie eine PIaIzfront aus Einzelgebäuden gebildet wird. Das individuelle Gebäude ist noch ablasbar; es hat sein eigenes Wolmdach, eine breitere ArkadensfOtze trennt die Höuser voneInander. Unverkennbar ist der gestalterische Gedanke. dass das einzelne Haus zur Platzwcnd wird. Im Zentrum des Platzes steht das Reiterdenkmal des Königs; die Fassaden der Gebäude bilden den Rahmen für dessen räumfiche Inszenierung.

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STÄDlEBAUUCHES ENTWERFEN

Der städtebauliche Konzept entsteht demnach nicht nur durch die Wiederholung bzw'. Addition von Volumen, sondem auch durch die Position, die das Gebäude zum öffenHichen Raum einnimmt. Diese 8'kenntnis ist bei städtebaulichen Aufgabenstellungen, die sich mit der ElnfOgung in bestehende Strukturen beschäftigen, äußerst wichtig.

1.3 Die Stadt Im AbJoluilsmus Im frühen 14. Jahrhundert breitete sich - von OberitaHen ausgehend - die Irunstgeschicht1iche Epoche der Renaissance in Europo aus. Der Begriff der Renaissance (Wiedergeburt) knüpft an die vemunftbetonten Lehren und Werte der Antike an und stellt die Würde des Menschen in den Mittelpunkt. Im Hinblick auf Stödtebou und Baukunst wird der Renaissance-Gedanke sichtbar durch die Wiederentdeckung der Lehre von Vitruv (88-26 v. ehr.) sowie die "Zehn Bücher über die Baukunst" von leon Bottisto Alberti, der den Begriff der "Stadt als Kunstwerk." prägte. In dieser Epoche, die sich vor allem durch die künstlerische Idealisierung der Stadt auszeichnet, sind neue städtische Strukturen, aber vor allem Stadtutopien entstanden. Die Ideolstodt für die "Stadt des Königs" von Albrecht Dürer folgt der Idee einer quadratisch aufgebauten Festungsstadt mit einem mittig gelegenen Schloss, umgeben von Wohnhäusem und einem umlaufenden Groben. RegelmäBigkeit, Geometrie, formale Ordnungsprinzipien werden als bewusster Bruch mit den herrschenden Traditionen entwickelt. Ideolstödte zeichnen sich durch schematische Regelmäßigkeit der Stadtanlage aus; der VerteidigungsaspeId bestimmt die äußere Form. Die Renaissance hat keinen eigenen Stadt-Typus hervorgebracht. jedoch wird das additive Prinzip mittelalterlicher Städte durch eine entworfene Gesomtordnung ersetzt, in der jedes Gebäude seinen Pla1z als Teil eines finalen Ganzen einnimmt. Im Barock erweitern sich diese Gestaltprinzipien zu einer neuen kulturellen Errungenschaft: die Raumpenpeldive des Barock.. Sie trat zuerst als BühnenbDd in Erscheinung; einige der neuen Stadtplaner waren zugleich Bühnenbildner (z. B. Bemini). Die neue Stadt war, so Lewis Mumford, der "Versuch eines Bühnenbildes" für die Inszenierung von Macht: "In der neuen Sladt ist das Gebäude ein Rahmen ff1r die Avenue, diese ober i5t vor ollem ein Paradeplolz - ein PIoIz. wo sich Zuschauer auf den FuBrle/gen oder on den Fenstern vetmmmeln. um die ... TrtumphrrK!rsehe de! Heeres zu betrachten.. geziemend &furcht zu empllnden und eingeschüchtert werden. ~ (lewis Mumford).

Da die Idee der Baroclcstadt einer dreidimensionalen Großplastik nahelc.ommt. ist der gestalterische Spielraum für ein Eigenleben der einzelnen Gebäude sehr gering. Symmetrie ist eine der wichtigsten Gestaltungsregeln im Barock.. Dies gilt auch für landschaftlich geprägte Räume und Elemente: Sie sind den gleichen strengen OrdnungsvorsteIlungen und Gestaltungsrepertoires unterworfen, Versailles und Karlsruhe sind besonders prägnante Beispiele.


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Wöhrend in Versoilles die Freiröume nach barocken PrinzipIen gestaltet wurden. falgen In Korlsruhe die auf das Schloss führenden strahlenförmlgen Sehne/sen eIner anderen. aber öhnlich rigiden Geametrie.

1.4 DIe Stadt der GründerzeH

Der nöchste große verönderungsschub für die europöIschen StOdte selzt mit der Induslrlolls1erung und den grOnderzelttlchen Stadterwe1terungen eIn. Insbesondere im Zeitraum ab MiNe des 19. Jahrhunderts. Das enorme Wachstum van Wirtschaft und Bevölkerung führt aller Orten zu extremen bau~chen verdichtungen. Dart. wo die Stadt erweitert werden muss, geschieht dies fast ausschreBlich mit melYgescho.ssigen BaublOcken auf rosterfOrmlgem Grundriss unter maximaler Ausnutzung des Bodens. Mit der röumlichen Verdichtung gehen gerade in den überbelegten. schlecht belichteten und belüfteten Mietskasernen der Großstädte miserable Wohn- und LebensverhöHnisse einher. Die Planungsphilosophie jener Jahre ist geprögt von einem ingenieurhoften. rotionaltechnischen VerstOndnls von StOdtebau: Die ,,systematische Stadterweiterung" in Barcelona oder die "Innere Stadterweiterung" in Wien sind solche rationalen. ~Bftö­ ehigen. fast anonymen Siedlungsmuster. die kaum noch ein spezifisches VerhöHnis zwischen Kontext und Objekt bzw. Stadtroum und singulörem Geböude erkennen los-

sen.

Ende des 19. Jahrhundert greift Camillo Sitte in seinem Buch "Der StOdtebau nach seinen künstlerischen Grundsötzen" (1889) diese ThematIk des Zusammenspiels von Kontext und Obield" auf. Er verweist auf das Mittelalter und die Renaissance als ..... noch eine lebhafte praktische verwertung der Stadtplälze für öffentliches Leben bestand und im zusammenhang damit auch eine Übereinstimmung Z'NIschen diesen und den annegenden Offentnchen Geböuden... " . Ebenso wie Camlllo Sitte die ZuschnlNe von Plötzen im Hinblick auf ihre Raumwirlrung analysiert und daraus Schlussfolgerungen für dos stödtebauliche Entwerfen zieht. gibt er Empfehlungen für die Stellung von Gebäuden. Als wichtige verbindende Komponente hebt Camillo Sitte den öffent~chen Raum hervor. der die Beziehung zwischen Kontext und Objekt entscheIdend prögl. .. 8eiTJ modernen stad/bau kehrt lieh das VethOOniszwischen verDaU/e( und leerer Gruno'l1(Iche gef'CI(Ie vm. FnJher war der /eeIe Roum (StroBan und P1öIze) ei1 geschlossenes Ganzu von ouf v.tIrung banlchne/er Form: heule werden die lIoupazelen als regeknOBiQ ge$Ch/O$Sene F/gI.6en OIJ$geIeIt, wtlI' dozwIschen Obtfg bleibt, I$t Sfro8e oder PkrIz. " (Comifo Sille).

1.5 Der Städtebau der Modeme Mit dem Beginn des 20. Jahrhunder15 hat sich die städtebauliche Diskussion auf die verbesserung der WohnverhOllnlsse und die Reformlerung des stOdtlschen Lebens konzentriert. DIe Idasslsche Moderne und Ihre Idee vom funktionellen Städtebau war - ebenso wie die Gartenstadt Ebenezer Howards - ein unmittelbarer Gegenentwurf zur dichten Großstadt des ausldingenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Führende Architekten und StOdtebauer sahen in einer görttlich "Neuen Stadt" den SchlOssei zur VerwIrklichung einer modemen. zeitgemOBen Lebensweise. Diese Visionen der Modeme wurden 1933 in dem Congres Internatiaux d'Architecture Moderne (CIAM) diskutiert und von Le Corbusier in einem als "Charta von Athen" bekannt gewordenen Papier zusammengefasst. Darin wurde u. a. die Trennung der stödtischen FunlcHonen Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr propagiert und der Gedanke einer "gegliederten und aufgelockerten Stadt" formuliert - also jene Prinzipien, die in der WIederaufbauphase nach dem 2. Weltkrieg den Städtebau und die Stadtentwicldung in Deutschland maßgebDch bestimmt haben. Konzepttonell kommt das Stadt-Modell der Modeme eIner Umkehrung der bis dato vorherrschenden Stadt-Vorstellungen gleich. Es manifestiert sich im Bild einer dispel5 vel5lreuten Ansammlung autonomer und solitärer Baukörper in einem gleichförmigen, offenen Raumkontinuum. Öffenttlcher Raum dient vor allem den gest1egenen Mobllltötsanforderungen Innerhalb und zwischen den veochiedenen FunkHonsbereichen der stadt; auch Irodilionelle 8emente des Stadtroums wie bspw. straßen werden entlang funktionaler Anforderungen dekonstruiert oder mutieren dem Ideal des offenen Raums falgend zu "Parkwoys".


Anspruch und YMlchIceit der Stoclt der Modeme werden vielfach gev.(rdlgt, ober rrrdesfens ganau $0 oft vehe-

ment laftI5Iert:

_ _ '" Iwrf" lIt.t.zfQM !KId rIctll ~ Form ", de S'Jodt dt:f ~ oll' HOutI:w1g ~ ~~8I otljeoI:te ebenm~~"OIdIn"tR .ocMiuo ... SbIt wat1JeJia l1J et1et2Jen u:I'IIre,. (C0Ih Rowel

Mo:ldemen

1.6 Der WSec:Ieraufbau und neue LeftbIder

Nach dem ZweIten We/IkrIeg und serten wett reichenden Zam6rungen vieler Stödte 1ft der notwendige Wl9dercufbau Anlass und Chance für die Entwicklung und Realisierung neuer stödtebouUcher Leitbnder. Die Nachlcriegsepoche l6sst sich In zwei wichtige Phasen ouftellen: 1. Wledetoufbou: nOCh ottem und neuem Konzept (co.

19.04&-19551 2 Umsetzung neu... leitbilder: aufgeloclcerte Stadtmodelle (co. 1955-19701

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Der Wiederoufbau der Slödte ist jedoch von einigen Faktoren besHmmt, die vielfach wenig Spieroum für einen gOnzIIch onc:Ieren stodtgrundr1sslassen: Vorhandene Straßen stelen mit IIYer untBltdIschen, techrischen ntrostruIctu' die wichtigsten R9SSOl.ICBn fü den Wiodcwo.JftxJu dar. da sie Irotz der obeIi'dischen ~ in vielen FäIen ethaIten gebleben~ .

Bestehende Gn.n::IbesllzvelhOltnls:se best1rrmen entscheidend die M6gIIctlteItan fOr den wtederoufbau von GebOuden und Stodtquartieren.

Der nicht zen;tötte 8oIJbe$tond ist eine wich1ige Deterbei oien W1ederauft>aupI. Das gIt Rbesondere fOr GebOude. da als erhaftenswertes lo.AtlJeI9s &be ei'\gestVn werden. ~te

Oie M6QId*eiIen. rrit dem WiederouIbou gär aicI. neue stödtebouIIche SIRJIcIuren lU schaffen. lind demnach nicht Oberd gegeben. Chorokterisllsch bt eher cne Ambivalenz Z'ftÜChen ~ Stodlgrunetiss und neuer Stadtachltaldur; wenn viele Sp.nn der ollen Stodl erholten bleiben. die Stodt ober gleichzeitig neuen Ideen und neuen Anforderungen gerecht werden muss. Die von Göder1tz., Rolner und HoffmoI"V'l 1957 ousFormunerte "Gegliederte und aufgelockerte Stadt" Ist In dieser Phase das 'Nichtigste stOdteboullche Moden. Es zeichnet das B~d e1ner In 1ndlviduelle Siedlungsbereiche gegliederten. durch GrOnr6ume aufgelockerten und mit derumgebenden Noherho!ungslondschaft eng verbundenen Stadt. Dos hochverdichtete Stadtzentrum wird zugunsfen von melYeren stadtelnhe1ten aufgegeben; das Model geht einher mit der l'OumliCher Verleikmg der unterschied&chan Funlction&n. wie sie die Dlarta von Athen vOßiehI.

Andere LeitbIder joner!:poche. wie Cle .Orgarische Stodfbouwnst" odet tie "Autogerechte StocW' (Hans ßemha'd ReIchow). vl!lßVChen onges6chts der woch5en-

den MobItM und den domIt ~ AuMttungen des AutCMIIIcstYs ein neues Model von Stadt ood Ysrksh" (•.Mensch und Auto'" zu tormuier8n.

Als Gegenentwuf l\X gegiederten und oufgeIocl:erten Stodt mit tven tle8el'lden R:6..me genannten Stedtkrdschanen. die als wenig Lrban krttIsIert werden. setzt sich In den 196Qer Jahren des stOd1'eboIAche Laftbild "Urbonität durch DichteM - ouch "verflkoler Stödtebaugenannt - melY und melY durch, Hohe Dichte wi'd ols

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2.1.1. _ _ .Ww......

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notwendige Vorbodlngung fUr Llrbaniltlt verstanden, Die

entsprechenden Planungen fOlYen vielfach zu neuen SotefUtenstOdten oder GroBwchnsiedlungen. die ollerdIngs eine Generation spOter bereits In den Ruf gercten, stOdtebauliche Fehlplonungen zu aeln: Vor allem dos UrbanitEltsvef5Pll'chen hat sich nuraetten einlösen lassen,

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Mit dem "Europ6lsei'len OenltmolschubJolY" 1975 lindert sIch die Haltung gegenOber dem Bestand. wal In $IOdtebaullchan und architektonischen Planungen dem hl-

storischen ~tart von PIommgs- und Bauvolhcben sehr viel meIY Aufmer1aon"«oJt OOgmtunt wid. Flächenhafte Abrisse m Ravnen von StodoonienJngen, wie sie in den 196Oef.JcFten stottfMc:le.1..sInd nun kOI.m noch denkbcr'. De2Sd1erl stoc:ltrOun*hes Denken kehrt spOtestens ln den 1980er Jotmn - unteB10tzt dlrch de PrOQ1lOiilo'T'lCJtIc der lnternotior"den 80ucaJsstelmgn BeIIn (1984 bis 1987)- .... d'19 stödleboulche ~ ZVfÜCk. Das PIanwerIc rnenrtodlln BeIIn. das Ende der 1990er Jahe oufgetegt wurde. ist das hiemJonde bekannte:ste Beispiel f\X

den Versuch. das WeIterbauen der Stadt on historischen DmensIonen von Stodtr'Oumen und - a1SIeIe von E1nzeI~udan - on ~ Stodlbau:slelnen M zu orientieren. Zum


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gleichen Zeitpunkt, Ende der 1990er Jahre, hat die USamerllcanJsche StOdtebaureform-Bewegung des New UrbonIsm auch In Europa Bnzug geholten. New UrbanIsm kritisiert einen StOdtebau. der olleine funldianalen und öKonomischen Interessen verpflichtet ist und in den USA vor ollem zum "urban sprawl" geführt hot. Der zersiedeHen Stadtlandschaft stellt diese Reformbewegung ein UrbanitOtsversiOndnls gegenOber; dos sich am Vorbild der KleInoder Milleisladt mit gut proportionierten Stadtröumen und funktionsfOhigen Nachbarschoflen orientiert. Die mit

Bezug auf die Reformbewegung in Europa realisierten Projekte zeugen jedoch neben Ihrer S02ialltlumnchen ExIduslvIlOt hOutlg von nostalgischen, Irußssenhaflen Gestallungsrepertoires. die dos Stadtbild historischer Kleinstödte nachzeichnen.

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2. Theorie des Städtebaus .IJrich wie das WISSef'I un die Enbtehl...ngsgesd'ite def Stadt ehe wlchffge Gn..I"doge fCK das stOdteboulche Entwarfen darstBlt, verhOlt es sich mt dem Wissen um stödtebcuichen TheorIen: TheorIen lX'Id die damit verbundenen wissenschaftlichen oder IcOnsllerischen Positionen erweitern den notwendigen Donkraum für eine profunde städteboußche Prc»ds. Die hier ousgew6hlten theoretischen Ans01ze befassen sich mit der baußchen und rOumllchen OrganisatIon und Struktur der Stadt. Sie analysieren die Probleme und Aufgaben der Jeweiligen Epoche und nutzen sie als AuJgongsbosis filr stödtebaufiche Zuwnfulronzepte. mit denen - In der kritischen Rückschau - nicht sel-

ton neue Probleme und Aufgaben einhergingen.

2.1 Ildelonso Cerd6

lldelonso cerd6 (1815-1876) git als Altmeister der SfOdtebcutheorie im r.dustriaz&itcIter. Ausgehend von seiner praktischen Erfctrung mit st6dtebcuichen Projek:ten kommt er zv einer Theor\e des Stadtebaus und sogar zu

der Oberzevgung. do.ss St6dtebou eine Wrssenschoft ist.

"UnclIch sehe dest'd::) die NatwenclglcBtt. da GruncIagen Lnd Pnufpien zu erforschen. zu begOnden md zu bef9s1igen.. auf denen cI19s& Ws:senschof1 aufzubauen ist." (Cerd6 1867. Bd.l S. I)

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Fltemotionol bekonnt geworden ist Cerd6 vor elem durch sehen Stodterwelterungsplcn f()' Barcelona (JJS dem Jahre 1859, der dIxch prOg'Iante DIogonaIstrcBen stnAdLriert ist.

In Cerd6J Planung und Iheorie werden (je Gn.Jndbed.nrisse der Menschen (~, Belüftung, rransport U$W.I In den MittelpUnkt der C!benegungen ger(Idd. Neben desef sozialen AUst1chfl.rg des Stodtebaus, die er als eine "groBe smfole NotwendigIceIt~ ansah, hot er sich als einer der ersten Theoretbr mit der Vametzung stödtischer Strukturen bes~t. DcB HerJtelen von Beziehungen und Verbndungen zwischen unterschiedlichen reUen des "Aldionsroums der StodtM , also zwischen dem Stodtlcem, den Vorstödten, der Peripherie und der Region, sah er als wichtige funKtionale und rOumßche Herausforderung. In seinen VorschIlIgen rOr StraBen, die für FtJBgänger optimiertwaren, und Stadtbahnen, die zu Jener Zeit unbekannt waren, spiegelt sich dlesor seInerzeit innovative Ansalzzur Vemetzung von Slodl1'öumen wider. Cerd6s Anliegen war es. einen "vorlkol'TVT1enen" Stödtebou zu entwickeln. dessen s1renge theoretische Grunc!sötze ]ec:loch n der Pracis zu QberprQfen md.

2.2 Le CorbUH Le Corbusier (1887-1965) git als Begündet der funlctioneIen oder 01.lCh ~en Stadt. In seinen

"Grundsö1zen zum SfOdtebou und n der von Ihm maßgeb[dl u lilgepiÖglen Chato von Athen Imrrvnt Öle Krifit on der trocilionelen Stadt Lnd deren Unfähigkeit ZU'" Anpassung an techniK:he Brungenschoften Lnd zukünftige Anforderungen stert. .a.m Aus<tuck. Sen Plädoyer fU!' die " vcAoo'T'lm8n& OtdI"lU'lg" untermauert er mit der KJ1t1c: on den vorhandenen StruIch.ren: MOle getaOmmte Stra3e ist der Weg der Esel, die gerade straße ist der Weg der Menschen. M (La COI'busier 1929, S. 10) Er ~t seinen Ordnungswunsch mit menschichen Bedürfnissen: "Je voßkxHTrnener die Ordnung ist. um so wohIer fühlt er (der Mensch) sich,•• 00$ Menschenwert.I\eiBt Ordnung." (La Corbusler 1929, S. 20) HAuf den höchsten Slufen des Schaffens streben wir zur ollerreInsten Ordnung: zum Kuns1werk." (Le CorbU$ler 1929, S. 21) Die Grundlagen für seine Planung und seine Theorie des Stödtebaus bezog Le Corbusier aus statistischen Prognosen insbesondere zur Bevöllcerungsentwk:ldung und ZL.I' Zunahme des privaten Ver1cem. die zu einer "Verstopfung" der lnnenstOdte lOhM

"",worne.

Moderner SIOdleboU beruhte für m auf der VoBtelkmg, man m.me das Wohnen von c len cnderen Lebensbereichen tremen und c:te Stodt itsgesamt stMer n h'e vier Berek:he - Wohnen. Freizeit. Arbett. VerkeIY- gliedern. Bemerkenswert WOI vor eiern cIe RodIkaI1ot. rriI der Le Cabusier die Stadt neu dact1te tnd plante. ser. " Plan Voisin" (1925) fuSt auf der tdee. cie vorhandene Stadt gönzich venchwfnden zu lassen und cuf der so geschaffen "TabUo rasa M das neue, aus Wdl:enl:rotzem bestehende Stodfzenfn..m f\K Por1s schaffen:zu 1c:öMeIn.


VON DER GESCHICHTE ZUR THEORIE

Le Corbusier war ein Verfechter der Utopie von der perfelden Plonung. FOr Ihn war StOdtebau ein Experiment mit dem Annagen, die vorhondene UnzulOngnchkeJten der Stadt zu beheben, ollerdings um den Preis der genauso vorhandenen stadlräumlichen und atmosphärischen Qualitäten. 2.3 Kevfn Lynch Kevln Lynch (1918-1984) publizierte 1960 mit "The Image of the CIty" ein standardwerk für den Stodtebau, das sich vornehm~ch mit der Bedeutung des physischen Raum95 in Form seiner visuellen Erkennbarkeit beschäftigt. Mit der nochfolgenden "Theory of Good City Form" (19BI) stellt er diese Erkenntnisse OUS seiner StodHorschung und -beobachtung In einen neuen Zusammenhang. Sein Raumbegriff st01zt sich haup'ßOchlk::h auf anthropologische Forschungsergebnisse und städtebau~che Merkmale. Nach Auffassung Lynchs hängt das Ve~ehen von Stadt mit der Bewertung dessen zusommen, wie sie sein sollte: " ••• 95 Ist unmöglk::h zu erIOutem, wie eine stadt sein soll, ohne zu verstehen, wie sie ist." (Lynch 1981, S. 39). An anderer stelle betont er. dass eine gute Theorie Konzepte und Methoden so zu benutzen hat. dass sie ihrem Gegenstand, also der Siedlungsform, entsprechen. Im Bezug auf die rOumnche Fonn der Stadt unterscheidet Kevln Lynch In seiner stOdtebaulfchen Theorie fünf Handlungsdimensionen. Die bestmögrlChe Form soll im Wesentfichen: das Leben sichern, die Stadt erfahrbor mochen, einen Rohmen zum Handeln und Verholten oufwei-

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allgemeine Zugönglichkelt gewOhren und die VerfQgung Ober den Boden regeln. In seinen Aussagen bezieht sich Lynch auf die physische Form der Stadt, ohne allerdings zu vemochlOssigen, doss die QualItOt eines Stadtraum95 oder einer SIedlung von vielem mehr als seiner Form abhöngt.

2A Aldo Itossl Aldo Rossi (1931-1997) hat in seinem Buch "L'Architeturra deli att6" (1973), "Die Architeldur der Stadt" (1975), eine "SIdzze zu einer grundlegenden Theorie des Urbanen" In die DIskussion Ober städtebau eIngebracht. Dabei verwaist er auf zwei zentrale Systeme von stadt, und damit auch von Städtebau: "Das eine betrachtet die Stadt als das architelctonische Produld von Funktionen, das andere sieht in ihr eine röumliche Struldur." (Rossi 1973, S. 15) Während das funldlonaßst1scheSystem der stadt von einer Analyse sozialer; po/iHscher und ökonomischer TatbestOnde ausgeht und die Stadt aus der Sk::ht dieser Disziplinen betrachtet, geht das andere System eher von ihrem geographischen und architeldonischen Charalder aus. In der Beschöfligung mit Stadt steht für Aldo Rossi die Gestalt Im Mlttelpunld, das konkret Erfahrbare, das wiederum spezifische EindrOcke bei den Menschen hinter1Osst. "Indi-


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STÄDTEBAULICHES ENTWERFEN

viduum und Gemeinschaft begegnen und durchdringen sich in der Stadt." (Rossi 1973: 13). Seine Theorie des Städtischen trägt mit ihrer analytischen Methode und dem systematischen Versuch der Differenzierung der Stadt in die öffentliche und private Sphäre oder auch in primäre Elemente und Wohngebäude zu einer schon im Grundanliegen interdisziplinären Auffassung von Städtebau bei.

2.5 Christopher Alexander Christopher Alexander (*1936) hat mit seiner Pattern Language (Mustersprache) im Jahre 1977 eine Sprache aus räumlichen Mustern entwickelt, in der er die Stadt, die Gebäude und das Bauen beschreibt. Er suchte nach einer Sprache aus archetypisChen Formen und Bezie-

2.2.3 _ PaHern 60 "Erreichbare Grünfläche", Christopher Alexander

Grünflächen

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hungen, die den zeitlosen Architekturen und Beziehungen von traditionellen Gemeinschaften entsprechen. Die gefundenen Ableitungen der insgesamt 253 patterns basieren auf Beobachtungen bewährter Baustrukturen und Architekturen, wie z. B. alte englische Universitäten oder italienische Dörfer; welche beispielhaft die räumlichen Anforderungen und die elementaren menschlichen Bedürfnisse befriedigen. Christopher Alexander hat versucht, die Gesetzmäßigkeit einer Sprache auf die räumliche Organisation und Gestaltung zu übertragen. Die Einzelbausteine können "wie Worte in einem Satz ... " kombiniert werden und zu differenzierten Aussagen führen. Also alle patterns basieren auf dem Prinzip von Beziehungen. Die patterns sollen einerseits dazu dienen, baulich-räumliche Elemente zu definieren und begreifbar zu machen, andererseits sollen sie eine Hilfestellung für das Planen, auch das Entwerfen von städtebaulichen Konzepten, sein. Mittels der Anordnung physikalischer Teile und Gesetze kann ein Entwurfsproblem, sei es technischer, ästhetischer oder sozialer Natur, gelöst oder ein entsprechendes Entwurfsziel erreicht werden. Jedes Muster beschreibt zunächst den empirischen Hintergrund eines in unserer Umwelt immer wieder auftretenden Problems, erklärt dann den empirischen Hindergrund den Kern der Lösung dieses Problems, und zwar so, dass man diese Lösung vielfach anwenden kann. Schließlich wird das Muster mit allen kleineren Mustern der Sprache in Beziehung gesetzt, mit deren Hilfe es ergänzt oder auch verbessert werden kann. Dieser Aufbau verfolgt im Wesentlichen zwei Intentionen. Erstens geht es darum, jedes Muster in Verbindung mit anderen Mustern zu zeigen, so dass man die Sammlung aller 253 Muster als ein Ganzes begreift, als eine Sprache, in der unendlich viele Kombinationen geschaffen werden. Zweitens sollen das Problem und die Lösung eines Musters so dargestellt werden, dass man es selbst beurteilen und modifizieren kann, ohne die zentrale Idee zu verlieren. Bezeichnend ist, dass Christopher Alexander keine Trennung zwischen der baulich-räumlichen und der sozialen Organisation vornimmt. Dieser Versuch einer Systematisierung geht sowohl auf die Nutzungsansprüche als auch auf den bestehenden Kontext ein. Letztendlich hat Christopher Alexander versucht, einfache generische Formen und Beziehungen herauszufinden, die gewöhnlich in den meisten Gemeinschaften zu finden sind, aus einem sozialen Gefüge heraus gewachsen sind und durch die meisten Menschen einfach zu verstehen sind. Jedes Muster kann als eine wissenschaftliche Hypothese betrachtet werden. In diesem Sinne stellt jedes Muster die derzeit beste Annahme darüber dar, welche Anordnung der physischen Umwelt bei der Lösung des vorhandenen Problems am besten funktionieren wird.


VON DER GESCHICHTE ZUR THEORE

2.6 Gerd Alben Gerd Albe!> ('1919) hat seine städtebauliche Theorie aus der langährigen Beschäftigung mit der Ideengeschichte des Städtebau, (1975) und seinen Erkenntnissen au, der Praxis gewonnen. Seiner Auffassung nach sucht Öle Praxis nach Theorien. die das Handeln begleiten oder auch Entscheidungen erleichtem. zugleich äußert er ,eine. au, der Praxis resultierenden, Bedenken gegenüber einer sie leitenden, übergeordneten Theorie.

Gerd Albers unterscheidet nicht Idar zwischen den Disziplinen Städtebau und Stadtplanung. beide Begriffe gebraucht er synonym. Der Stadtplanung und dem Städ· tebau gesteht er zwei Wege zu, die auch in der theoretischen Auseinandersetzung relevant sind: die theoretisch begründete konkrete Zielvorstellung für einen Planung'· raum und die Perfeldioniervng de, Planung'prozesse,. Er hat Immer wfeder betont. wfe wfchtig Kontinu~ät. BehuI· samk~ und ßeharrlchk~ bei der Gesta~ng von Städten sind und dass diese wiederum abhängig von dem ZusernrnenwiKen von Stadtgesta~ng und Raumnulzung ,ind. In seiner Theorie zur räurmchen Planung hebt Albers drei Handlungstelder hervor. eine typalag~che Ordnung von Planungsprob"men bzw. von Entwfcldungen in Ge,elischaff und Wirt· schaft, die zu Veränderungen im Raum führen, Kompositionsregeln für räumliche Elemente, die auf den verschiedenen räumlichen Maßstabsebenen bis zur Gestaltungsebene bestehen, Strategien zur Um,elzung räumlicher Konzepte in die Realität.

Für den Ertolg der räumlicher Planung· und damit auch de, Stödtelbaus - hält er d.. unterschiedliche W~en· schaffszweige übergreifende Forschung sowfe eine inter· diszipllnäe Herangehensweise an pIa~che Probleme für unumgängITch. geradezu notwendig.

2.7 Thomas $leverts Themas Sieverts ('1934) hat mit seinem erstma~ 1997 veräffentlichen Buch "Zwischenstadt. Zwischen Ort und Weil. Raum und Zelt. Stadt und Land" eine treffende Analyse der be,tehenden ,tädtebaulichen Verhältnisse vorgenommen. indem er von der "Venandschaflung der Stadt" und der "Verstädterung von landschaft" spricht. Die Zwi,chen,tadt Ist nicht - wfe vieltach gedeutet - 01, ,tädtebauliches Leitbild zu verstehen, sondem als die in unserer Umwelt ,ichtbare Vieltalt von Siedlung,- und Bebauungsformen, deren Rönder zum Landschaftsraum fließend geworden sind. Die "Zwfschen,tadt" erforderf nach Sievert,' Auffassung neue Instrumente, um die vorhandenen Strukh..Ken zu lesen und entwerf~ch einzugreifen. "Der wesenliche ßeitrag zur , Lesbor1<e~' einer Stadlregion muss über den Prozess der Idelnen ge,talterischen ,Interventionen' und der ßeselzung mit Bedeutungen laufen. denn Lesbor1<eil

bedeutet zuerst efimal- wfe wt versucht haben herauszuabeiten - bewusstes Wahrnehmen. 8nprögen. Erinnem." (Sievert, 1997)

Nach Sieverts Kann dieser Prozess des Sngreifens In unterschiedicher M und We~ passieren: Bisher nicht wahrnehmbare Elemente können ,ichtbar und zugängich und damit enebbar gemacht werden bzw. durch eine "kulturelle Aufladung" einprägsam werden . Zunöchst unattrak:tiv erscheinende Bemente werden östhetisch aufgeladen. Ebenso k:önnen emotional negativ besetzte Elemente durch die Verbindung mit positiven Ereignissen umgedeutet werden und in ihrer Verbindung mit anderen Elementen zu Sicht- und Er1ebnisKetten werden . Thoma' Sieverts hat mit der Zwischenstadt eine neue Sicht auf , tödti,che und landschaftliche Slrulduren eröffnet und damit einen wfchtigen Beitrag zur Lesbar1<~ _ StadtregIon geleistet. Die Potenffale für ein solches Lesbarmeehen sind in jeder Zwfschenstadt verschieden und müssen gesondert aufgespürt werden. Hierzu lierert er zahreiche Ansätze zum p lan....ochen Handeln. vor alem aber ein aufschlussreiches theoretisches Gerü,t.

Uteratur

1. Geschichte des Städtebaus

Albe",. Gerd 1975: Entwicklung,linien im Stödtebau.ldeen. Thesen. Aussagen 1875-1945). Düsseldorr: Bertelsmann.

Benevola, Leonardo 1993: Die Geschichte der Stadt. Frankturt. New Yak: campu,. Klotz. Heinrich 1991: Von der Umütte zum Wolkenkratzer. München: Prestel. Mumrord. L~ 1987: Die Stadt. Geschichte und Au,bITet<. Band 1 + 2 dIv.

2. Theorie des Städtebaus Cerde. Ild-.fonso 1867: Teoria general de la urbonizaclan. 8d. H I. Madrid. Fnck. Dieter 2008: Theorie des Städtebaus. TOblngen. BerIIn: Wasmuth. Le Coribusier 1929: Städtebau. Benin. Leipzig: Deutsche Venagsan,talt. LynCh. Kevin 1981: A Theory of Good City Form. Carnbridge: M IT Press. Rossi. Aldo 1975: Die Architektur der Stadt - Skizze zu einer grundlegenden Theorie de, Urbanen. Düsseldarf. Sievert,. Themas (1997): Zwfschenstadt. Zwischen Ort und W~. Raum und Z~. Stadt und Land. Braunschweig: V....

weg.

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