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touristenfalle @kurzgeschichten story 02 | tweets 001 – 243 |


Wo war er hier bloss gelandet, fragte sich Juan. Dieses Provinznest konnte ja unmöglich die grösste Stadt der Zentralschweiz sein. | Das sollte der Ort sein, von dem seine Mutter so geschwärmt hatte? Liebenswert, so hatte sie die Stadt beschrieben. | Als Herz der Zentralschweiz, hatte sie seine Tante bezeichnet. | Arsch der Welt, würde sie Juan nennen, falls ihn jemand fragen würde. Aber es fragt keiner. | Er hatte dummerweise nie genaueres wissen wollen, Zahlen schon gar nicht. http://www.lustat.ch/ | Und nun landete er in einer «Stadt», die aus Wald, Wiesen und Wasser zu bestehen schien. | Eben noch waren sie durch grüne Landschaften gefahren und nun sollten sie bereits mitten im Zentrum Luzerns angekommen sein? http://www.luzern.org/ | Juan hätte sich nicht gewundert, wenn gleich eine wildgewordene Kuhherde durch den Bahnhof gestürmt wäre http:// www.flickr.com/photos/janhoffmann/252703115/ | Seine Tante Amalia hatte stolz vom «Sackbahnhof» http://de.wikipedia.org/wiki/Kopfbahnhof erzählt, als würde das den Ort etwas mondäner machen. | Dabei hatte man den bestimmt so gebaut, damit die Züge gezwungen waren anzuhalten und nicht aus Versehen durchzischten. | Juan war müde. Zwölf Stunden hätte er unterwegs sein sollen, doch sie hatten eine Panne gehabt. | Er hatte nicht mehr verstanden, als dass es eine Panne war, und dass er deswegen seinen Anschluss in Montpellier verpassen würde. | Nun kam er statt um 21 Uhr um 1.10 in Luzern an. Es war auch eine idiotische Idee gewesen mit dem Zug zu fahren. | Fliegen wäre nicht nur schneller, sondern auch unverhältnismässig viel billiger http://www.easyjet.ch/ gewesen. | Er hatte gehofft, der hohe Preis würde seine Eltern von diesem dämlichen Plan abbringen, ihn nach Luzern zu schicken. | Doch die fanden es eine ausgezeichnete Möglichkeit für ihn, die Vielseitigkeit der Schweiz bereits auf der Hinfahrt zu entdecken. http://www.myswitzerland.com/ | Seine Mutter hatte das Thema

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Reise auf den Tisch gebracht. Er solle endlich mal ihre Heimat kennen lernen. | Dabei könne er auch gleich seine Deutschkenntnisse verbessern, hatte sie gemeint. | Diese Heimat, von der sie seit 25 Jahren nichts mehr wissen wollte, für die sollte er sich nun plötzlich interessieren. | Juan wusste, dass es ihr aber um etwas anderes ging. 23 sei er nun und wohne immer noch zu Hause, jammerte sie immer. | Juan fragte sich, was daran falsch war. Seine Freunde taten das doch auch. | Nun hoffte seine Mutter, ihn mit diesem leicht zu durchschauenden Plan zur Selbständigkeit zu erziehen. http://www.moviemaster.de/archiv/film/ film_2607.htm | Sie hatte mit ihrer älteren Schwester Amalia Kontakt aufgenommen, obwohl sich die beiden seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. | Irgendeine Erbsache, hatte sein Vater abgewinkt, als Juan nachgefragt hatte. | Am liebsten wäre Juan im Zug sitzen geblieben und einfach weitergefahren. Doch hier war Endstation, also stieg er aus. | Draussen war es kalt. Ausserdem regnete es. Und so was nannten sie hier Sommer! Juan schlotterte in seinem T-Shirt. Er seufzte. | Zwei Wochen musste er hier ausharren. 2 lange Wochen Regen, 2 Wochen Kälte und 2 Wochen Kuhmist auf den Strassen, wahrscheinlich. | Eigentlich hatte Juan im Stadtplan nachschauen wollen, wo seine Tante wohnte, doch dann hatte er das vergessen. | Er würde sich einfach ein Taxi schnappen. Teuer konnte das in diesem Nest ja kaum werden. | «Morgartenstrasse 7», sagte er zum bärtigen Taxifahrer, der aussah, wie der Alpöhi in Trickfilm, den er immer geschaut hatte. http://www.youtube.com/watch?v=o2nWBIWuslc | «Morgartenstrasse 7?», antwortet der Bärtige und zog eine Augenbraue hoch. http://map.search.ch/luzern/morgartenstr.7 | Na toll, dachte Juan. Bestimmt war das so ein illegaler Fahrer, der nicht mal die Strassen kannte. | «Si, Morgartenstrasse 7», wiederholte Juan in einem Ton, der klar machen sollte, dass er sich nicht übers Ohr hauen lassen würde. | Der Taxifahrer schüttelte den Kopf, lächelte und öffnete Juan überfreundlich die Türe. | Das machte ihn noch ver-

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dächtiger, fand Juan, er würde den Taxameter im Auge behalten. | Sie drehten eine Runde vor dem Bahnhof, fuhren eine grosse Strasse entlang und bogen in ein Quartier ein. | Sie schlängelten sich um ein paar Ecken, überquerten zwei, drei Strassen und Juan hatte die Orientierung vollständig verloren. | Die Stadt war wie ausgestorben. Klar es war Montag, aber es war doch erst 1 Uhr. Wo waren denn all die Leute? | Von einer Geisterstadt hatten weder Mutter noch Tante was gesagt. | Gerade als sie um eine letzte Ecke bogen, entdeckte Juan in der Ferne einen McDonald’s. Wenigstens sowas gab es hier. | Und schon hielt das Taxi an. Juan hatte ganz vergessen auf den Taxameter zu schauen. | Er holte das nach und starrte entsetzt auf die signalrote Anzeige, 8.50 ! Die Preise schienen alles andere als provinziell zu sein. | Er klaubte einen 10-Schein hervor und drückte ihn dem Alpöhi in die Hand. Dieser gab ihm zwei Geldstücke zurück. | Juan prüfte sie fachmännisch, doch wenn er ehrlich war, hatte er überhaupt keine Ahnung, wie viel er da in den Händen hielt. | Er stieg aus, packte den Rucksack und klingelte bei seiner Tante. Sofort surrte der Türöffner und Juan stieg die Treppen hoch. | Dann sah er seine Tante in einem Türrahmen stehen. Zumindest ging er davon aus, dass es sich um seine Tante handelte. | Er hatte sie vor mehr also 17 Jahren das letzte Mal gesehen. Doch wer sonst würde in dieser verschlafenen Stadt noch wach sein. | Die Tante strahlte, packte mit herzhafter Begeisterung seine Hand und schüttelte sie kräftig. | Sie wollte kaum mehr aufhören damit und rief ein ums andere Mal, wie sehr sie sich freue ihn endlich wieder zu sehen. | Juan verdrängte seinen anfänglichen Wunsch, die Tante in die Arme zu schliessen. | Auch die zwei herzlichen Wangenküssen liess er bleiben. Anscheinend tat man das hier nicht. http://www.gute-manieren.biz/cross-culture/13-begruessung.html

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| Amalia zog ihn in die Wohnung, zeigte ihm sein Zimmer und liess es sich nicht nehmen, zur Begrüssung eine Flasche Wein zu öffnen. | Sie wollte alles über die Reise wissen. Juan versuchte so gut es ging zu erzählen. | Sein limitierter Wortschatz erwies sich dabei aber nicht gerade als hilfreich. | Leider hatte seine Mutter, in ihrem Versuch die Vergangenheit zu vergessen, kaum mit ihm in ihrer Muttersprache gesprochen. | Als er sich dann in der Schule für den Deutschunterricht entschieden hatte, war sie zwar begeistert gewesen. | Sie hatte sich aber weiterhin geweigert, mit ihm zu üben. Das, was er lerne, sei nicht das gleiche, hatte sie vorgeschoben. | Deswegen war Juan nun überrascht, wie gut er seine Tante verstand. Sie gab sich auch alle Mühe, sprach langsam und überdeutlich. | Als er von der Taxifahrt erzählte, begann sie zu lachen und erklärte ihm, der Bahnhof sei doch gleich um die Ecke. | Die beiden plauderten noch eine Weile bis Amalia irgendwann zu gähnen begann. http://fotowettbewerb.hispeed.ch/ seo/search/photo/gahnen.html | Als Juan am nächsten Morgen erwachte war seine Tante bereits aufgestanden und hatte ihm ein reichhaltiges Frühstück vorbereitet. | Cornflakes, Müesli, Yoghurt, Brot, Butter, Marmelade, Käse und sogar ein dickes Ei lagen bereit. | Er solle nehmen, worauf er Lust habe, sagte sie. Juan fühlte sich von diesem Angebot erschlagen. | Normalerweise trank er nur einen Kaffee und ass vielleicht noch ein süsses Brötchen, aber er wollte nicht unhöflich sein. | So zwang er sich zu einem Müesli und einem Butterbrot. Mehr ging nicht. Dabei blickte er aus dem Fenster. | Nebenan war ein kleiner Park und durch die Bäume hindurch konnte Juan den blauen Himmel entdecken. http://www.stadtluzern.ch/default.aspx?pageid=2193&SAAID=128385828 | Mit Sonne wirkte die Stadt schon etwas freundlicher. Juan bekam richtig Lust raus zu gehen. | Amalia erklärte, sie müsse gleich weg, zum Yoga. Juan staunte, die Tante war doch bestimmt schon über sechzig. | Er fragte, ob das ein spezielles Angebot für

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Senioren sei. Amalia lachte. Nein, da könne jeder mitmachen. | Während des Sommers fänden die Lektionen draussen auf einer Wiese am See statt. Ob er Lust habe mitzukommen? | Vor seinem geistigen Auge sah Juan ein weites Feld, darauf eine Armee von Frühturnen in einheitlichen, dunkelblauen Sportanzügen. | Er lehnte ab. Er wolle zuerst die Stadt ein bisschen durchstreifen. Obwohl er nicht glaubte, dass ihn das lange beschäftigen würde. | Die Tante holte einen Stadtplan und erklärte Juan, was er auf keinen Fall verpassen sollte: | Die Kapellbrücke mit dem Wasserturm, die Museggmauer und das Löwendenkmal. http:// www.gletschergarten.ch/de/loewe.html | Juan wunderte sich, was ein Löwe in Luzern verloren hatte, fragte aber nicht nach. | Scheinbar gab es in dieser Stadt doch ein paar Dinge zu sehen. Klar wusste er, dass Luzern auf den meisten Reiseprogrammen stand. | Aber hatte er immer angenommen, das sei eher eine Notlösung, so in der Art: letzte Einkaufsmöglichkeit vor den Alpen. | Kurz nach der Tante verliess auch Juan die Wohnung. Als erstes ging er Richtung Bahnhof, um diesen mal bei Tageslicht zu sehen. | Er fand jedoch nur ein klobiges Gebäude mit einem gigantischen Wandbild. http://www.hkb.bfh.ch/ olamai04.html | Das konnte er ja kaum sein, jedenfalls stand da nichts von Bahnhof. Es sah eher nach Kunstmuseum aus. | Eine junge Frau kam auf Juan zu. Sie band sich gerade ihre lockigen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen. | Dabei klimperten ihre silbernen Armreife. Dieses Geräusch hatte ihn schon immer fasziniert. | Er lächelte das Mädchen an und kratzte sein bestes Deutsch zusammen. «Weißt du, wo ist Bahnhof?», fragte er. | Das Mädchen blickte auf und sah ihn an, als hätte sie es mit einem Irren zu tun. Sie wiederholte: «Bahnhof?» | Dabei zog sie eine Augenbraue hoch wie gestern der Taxifahrer. Vielleicht war sie seine Enkelin. | Juan nickte. Das Mädchen schüttelte verständnislos den Kopf, ging weiter und murmelte etwas, das Juan nicht verstand. | Was, wenn er tatsächlich einen Zug hätte erwischen müssen, fragte er

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sich. Die Leute schienen nicht gerade hilfsbereit zu sein. | Ein paar Meter weiter fand er eine Unterführung. «SBB – Railcity» http://www.railcity.ch/ stand da. | SBB, das hatte er schon mal gelesen, nur wusste er nicht mehr wo. Die Menschen strömten nach unten und Juan liess sich mitziehen. | Da fiel ihm ein, wo er die 3 Buchstaben gesehen hatte: auf seiner Hinreise – das war der Bahnhof! http://www.sbb.ch/ | Jetzt verstand er die Reaktion des Mädchens. Woher hätte er denn wissen sollen, dass dies der Bahnhof war! | Juan spazierte planlos durch die Strassen und stiess schon bald auf die Kapellbrücke und den Wasserturm. | Er fragte sich, wozu man hier überhaupt eine Strassenkarte benötigte, man stolperte ja geradewegs über die Sehenswürdigkeiten. | Die Brücke gefiel Juan recht gut. http://www.kapellbruecke.info/ | Nur hatten sich die Erbauer wohl nicht auf eine Richtung festlegen wollen – geradeaus, dann rechts, dann doch wieder nach links. | In der Mitte der Brücke stand ein kleiner Souvenir-Shop, was nicht weiter erwähnenswert gewesen wäre. | Doch sie verkaufen dort Postkarten mit der brennenden Kapellbrücke. Jetzt konnte Juan sich wieder an dieses Bild erinnern. http://www.flickr.com/ photos/61438018@N00/166339823/ | Er spazierte ein bisschen auf der anderen Seite des Flusses umher. Hier schien die Altstadt zu sein. Sie gefiel ihm recht gut. | Überall standen schmucke, liebevoll restaurierte Häuser und alles war so sauber. http://www.flickr.com/photos/ lido_6006/317615320/in/photostream/ | Juan merkte kaum, wie die Zeit verging. Erst als er hungrig wurde, fiel ihm auf, wie lange er schon unterwegs war. | Er bog um eine Ecke und entdeckte eine kleine Bäckerei – mit dem Namen Koch. Eigenartiger Name für einen Bäcker, fand Juan. http://www.ofenfrischebrote.ch/ | Er ging hinein und zeigte auf ein Brötchen. Die Frau hinter der Theke griff nach einer Zange und mit dieser nach dem Brötchen. | Ein ziemlich

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wackliges Unterfangen, doch es gelang. Sie stopfte das Brötchen in einen kleinen Papiersack und sagte: «Dafschnöpsi?» | Juan schaute verwirrt. Sie wiederholte den Satz, etwas langsamer und etwas gereizter: «Daaafsuuuschnöpisiiiii?» | Doch Juan verstand noch immer kein Wort. Es schien sich aber um eine Frage zu handeln. | Die Frau war in ihrem Tun erstarrt und würde wohl erst wieder erwachen, wenn sie die gewünschte Antwort erhielt. | Juan schüttelte den Kopf und hoffte, das würde nicht zu unbeabsichtigten Auslagen führen. | Welche Sprache sollte denn das gewesen sein? Mussten die Leute gar kein Deutsch können, um im Verkauf zu arbeiten? | Die Frau sagte noch einmal etwas Unverständliches. Juan zuckte die Schultern und sie wiederholte ungeduldig: «80 Rappen, bitte!» | Achtzig, das hatte er nun verstehen können. Er bezahlte, verliess den Laden und schaute sich weiter in der Stadt um. | Er ging in ein paar Geschäfte, bestaunte Fassaden und fand irgendwo ein altes Gefängnis, welches inzwischen ein Hotel war. http://www.jailhotel.ch/ | Er stieg auf die Museggmauer http://www.museggmauer.ch/ und wich immer wieder Horden von asiatischen Touristen aus. | Als er auf der Mauer stand und einen Blick auf die andere Seite warf, konnte er kaum glauben, was er sah. | Da waren doch tatsächlich ein paar Kühe am weiden. Und das mitten in der Stadt. http://dsh.ch/ | Gegen Zwölf hatte er Lust auf einen Kaffee und setzte sich in ein lauschiges Gartenrestaurant. | Er erwischte gerade noch einen freien Tisch erwischt. Es dauerte nicht lange und eine junge Frau kam auf ihn zu. | Sie lächelte, fragte was und zeigte auf die leeren Stühle. Wieder verstand er nichts, aber offenbar wollte sie sich zu ihm setzen. | Er nickte freudig. Allerdings setzte sie sich schräg gegenüber, sie erwartet wohl noch jemanden. | Die Bedienung kam, ein junger Mann mit langer, schwarzer Schürze und kurzen, blonden Haaren und brachte zwei Karten. | Juan wehrte ab und bestellte einen Espresso. Der Kellner schüttelte den Kopf, fragte nach und Juan wiederholte, was er wollte. | Daraufhin sah

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ihn der Mann böse an, tippte etwas in seinen elektronischen Bestellblock und drehte sich abrupt weg. | Juans Tischnachbarin lächelte und fragte auf Englisch woher er komme. Er atmete auf. Jemand sprach zu ihm, freiwillig, nett sogar. | Bestimmt würde gleich ein misstrauischer Verlobter, ein eifersüchtiger Ehemann oder ein überängstlicher Vater auftauchen. | Dann wäre sein erstes nettes Gespräch bereits wieder zu Ende. Doch nichts dergleichen geschah und sie unterhielten sich bestens. | Anna, so hiess die Frau, erklärte, die Tische wären fürs Mittagessen reserviert, deshalb sei der Kellner so unfreundlich gewesen. | Juan stutzte, es war doch noch nicht mal Zwölf und die Leute gingen schon essen? | Anna wollte wissen, wie ihm Luzern gefalle. «Very nice», behauptete er: «Very nice». | Anna erklärte, sie habe sich mit einer Freundin verabredet. Die komme aber immer mindestens zehn Minuten zu spät, meist noch mehr. | Juan staunte. Zehn Minuten, das schien ihm nun reichlich pünktlich. | Er beschloss jedoch, sich das zu merken, nur für den eventuellen Fall, dass es zu einem Date mit Anna käme. | In dem Moment begann sie zu winken und Juan drehte gespannt den Kopf. Er hoffte natürlich, dass die Freundin genau so nett war. | Doch er hatte sein Kontingent an angenehmen Begegnungen für diesen Tag schon aufgebraucht. Es war die Frau vom Bahnhof. | Die Frau, die ihn für einen irren Touristen gehalten hatte. Nun hielt es ihn wahrscheinlich auch noch für aufdringlich. | Sie liess sich auf den Stuhl neben ihm fallen, machte eine Bemerkung zu Anna und eine abschätzigen Kopfbewegung in seine Richtung. | Anna stellte ihn vor. Das Mädchen, Nadja, zwang sich zu einem Lächeln. Juan versuchte das mit dem Bahnhof zu erklären. | Er sei erst seit gestern Nacht hier und kenne sich noch nicht aus. Die vielen Strassen und Häuser, und alles sei so verwirrend … | … und all die Leute, die er nicht verstehe und die ihn

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nicht verstehen und dabei sei das doch so eine nette Stadt hier. | Er wohne bei der Tante, die sei schon 60, was überhaupt kein Problem sei, sie sei wirklich gut drauf, gehe immer zum Yoga am See. | Aber er würde natürlich gerne mit Leuten in seinem Alter was unternehmen, wo man denn am ehesten jemanden kennen lernen könnte? | Nadja verdrehte die Augen, griff nach der Speisekarte und meinte, auf Deutsch hätte er am Morgen wenigstens nur 5 Wörter gesagt. | Wenn er auf Englisch schon so loslege möchte sie lieber nicht wissen, wie das erst auf Spanisch klänge. | Ob da überhaupt noch jemand zu Wort käme? Anna versuchte sich für ihre Freundin zu entschuldigen. | Sie hätte wahrscheinlich einen schlechten Morgen gehabt, sonst sei sie nicht so. | «Ja, ich wurde von dämlichen Touristen belästigt!», zischte Nadja. | Juan entschuldigte sich nochmals und setzte sein charmantestes Lächeln auf. Mal sehen, ob er sie nicht umstimmen konnte. | Nur wegen einem blöden Touristen solle sie sich doch nicht die Laune verderben lassen. | Bestimmt hätte sie nach ihm nur noch höchst intelligente und spannende Menschen getroffen. Wo sie denn arbeite? | «In der Touristeninformation!», sagte sie nur. Juan blickte zu Anna und diese nickte. Es schien nicht sein Glückstag zu sein. | Er beschloss sich auf Anna zu konzentrieren. Die schien einen viel besseren Tag zu haben, als Nadja. | Als dann endlich das Essen kam, besserte sich auch Nadjas Laune und Juan wagte wieder eine direkte Frage zu stellen. | «Was muss man denn hier so sehen?». Die beiden Mädchen meinten, richtig interessant wäre sowieso nur das Nachtleben. | Juan dachte an seine Taxifahrt durch die ausgestorbene Stadt. Er solle doch heute Abend mit ihnen ausgehen, schlug Anna vor. | Bis dahin könne er sich ja die Zeit mit weiterem Sightseeing vertreiben. Die Tipps seiner Tante

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fanden sie ganz okay. | Aber falls er zur Abwechslung wieder mal in der Neuzeit ankommen wolle, müsse er das KKL http://www.kkl-luzern.ch besuchen. | Und falls er Kunst liebe, dürfe er das Rosengart-Museum http://www.rosengart. ch nicht verpassen. Da seien auch Spanier ausgestellt. | Juan glaubte an einen Scherz, als sie von der Picasso-Sammlung sprachen. Doch sie überzeugten ihn, dass das noch nicht alles war. | Sondern dass auch Werke von Cézanne, Klee, Braque und Chagall ausgestellt waren. Juan kam aus dem Staunen nicht mehr raus. | Das hatte seine Mutter nie erwähnt. Dabei wusste sie doch, wie ihm die Kunst des 20. Jahrhunderts gefiel. | Langsam fand Juan Gefallen an dieser Stadt – und an ihren Bewohnerinnen. | Er holte sein Handy hervor und schoss ein paar Fotos von den beiden. Er wollte die Bilder seinen Freunden an den Strand schicken. | Das sollte beweisen, dass er schon zwei ausgesprochen nette und attraktive Schweizerinnen kennen gelernt hatte. | Die Freunde hatten nämlich prophezeit, er gäbe nur Frauen in traditionellen Trachten oder kratzigen Wollpullovern, je nach Wetter. | Nadja schlug vor, sich am Abend um halb Acht Uhr beim Hotel zu treffen. Gut, aber bei welchem Hotel, wollte Juan wissen. | Nach einigem Hin und Her stellte er fest, dass der Name des Hotels schlicht «The Hotel» http://www.thehotel.ch war. | Nicht gerade originell, fand Juan. Aber so brauchte man sich als Gast auch keinen seltsamen Namen zu merken. | Juan verbrachte den Nachmittag in der gleichen Art wie den Morgen. Er spazierte gemütlich in der Stadt herum. | Er fand sogar den Löwen und den Gletschergarten und irgendwie schienen alle Leute viel fröhlicher als am Morgen.

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| Gut gelaunt schaute er bei seiner Tante vorbei, bevor er sich zu seinem Treffen auf machte. | Amalia freute sich, dass er bereits Freunde gefunden hatte. Sie kochte einen Kaffee. | Dazu stellte sie einen schwarzen, klebrig aussehenden Kuchen auf den Tisch. Juan kostete, er schmeckte viel besser, als er aussah. | Lebkuchen http://www.buergisser.ch/luzerner_lebkuchen.html sei das, erklärte die Tante und sei ganz typisch für diese Gegend. | Ob seine Mutter denn nie einen solchen gebacken habe? Juan schüttelte den Kopf. | Er hätte gerne gefragt, warum sich die beiden Schwestern nicht mehr verstanden. | Doch er getraute sich nicht das Thema bereits anzuschneiden. Bestimmt würde sich noch Gelegenheit dazu ergeben. | Tante Amalia war so anders, als er sie sich vorgestellt hatte. Sie wirkte fröhlich und zufrieden. | Und er konnte beinahe besser mit ihr reden, als mit seiner Mutter. | Als Juan seine Tante nach dem Weg zum Hotel fragte, schob sie ihn zum Wohnzimmerfenster und zeigte auf die andere Seite des Parks. | Sie lachte und meinte, sie würde halt sehr zentral wohnen. | Vor 12 Stunden hätte Juan noch gedacht, das läge bloss daran, dass die Stadt so winzig sei, doch jetzt nickte er zustimmend. | Als er beim Hotel eintraf, sassen Anna und Nadja bereits vor einem Glas Weisswein, dabei war es bestimmt erst Zehn nach Halbacht. | Sie lachten. Sie hätten gewettet, wie viel Verspätung er haben würde. Anna hatte gewonnen, verriet aber nicht mit wieviel. | Juans Magen begann zu knurren. Er hatte den ganzen Tag nichts Richtiges gegessen und freute sich auf das Nachtessen. | Es stellte sich dann aber schnell raus, dass die anderen bereits gegessen hatten. | Als sie sein Magenknurren nicht mehr länger ertragen konnten, schlugen sie vor, eine Bratwurst vom Grill-Stand zu holen. | Die müsse er einfach probieren. Sie sei zwar nicht ganz so gut, wie selber über dem offenen Feuer grilliert. | Und

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noch besser sei natürlich die Cervelat mit eingeschnittenen Beinen http://www. flickr.com/photos/71015858@N00/2209868192/. Juan kam nicht mehr mit. | Und schon beschlossen Anna und Nadja am Wochenende ein «Bräteln» http:// www.openthesaurus.de/word_detail.php?wmid=76840 im Wald zu organisieren. | Juan fand ein offenes Feuer im Wald eine etwas fahrlässige Idee. Doch sie beruhigten ihn, hier würde der schon nicht Feuer fangen. | Sie begannen ihm vorzuschwärmen, wo sie überall hingehen könnten. http://www.schweizerfamilie.ch/freizeit/feuerstellen.html | Und er müsse unbedingt ihre Freunde kennen lernen. Zusammen mache das noch viel mehr Spass. | Vor zwei Tag hätte Juan das noch nicht für möglich gehalten, aber inzwischen genoss er es hier zu sein. | Zwei Wochen schienen ihm gar nicht mehr so lang, im Gegenteil, das schien sogar ziemlich kurz zu sein. | Sie setzten sich an den See und Juan verschlang die Bratwurst, die ihm ausgezeichnet schmeckte. | Später tranken etwas in der Buvette http://www.qype. ch/place/552573-buvette-Luzern auf dem Inseli und verabredeten sich wieder für den nächsten Abend. 02.195 | Er müsse unbedingt die Bar im alten Seebad http://www.seebad-luzern.ch kennen lernen, meinten die beiden Mädchen. | Am nächsten Tag besuchte Juan die Museen. Er war beeindruckt von der Kunst und der Architektur. http://www.m-klueber.de/f.php?tags=Luzern:+KKL | Da er schon in der Nähe war, schaute er schnell in der Touristen-Information bei Nadja vorbei. | Er würde gerne auf diesen Berg http://www.pilatus.com, der da hinter Luzern aufrage. Ob das weit sei, wollte er wissen. | «Etwa 5 Stunden muss man schon rechnen für rauf», erklärte Nadja. Juan war versucht seine Augenbraue hochzuziehen. | 5 Stunden, das war nun viel länger als er erwartet hatte. Die Bahn musste unglaublich langsam sein. | Das war wohl, weil es die

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steilste Zahnradbahn war http://de.wikipedia.org/wiki/Pilatusbahn die konnte vielleicht einfach nicht schneller fahren. | 5 Stunden rauf und wieder 5 runter, das wäre ja kaum an einem Tag zu schaffen. | Er fragte erstaunt, warum trotzdem so viele Touristen da hoch gingen. «Ach, die gehen natürlich nicht zu Fuss, die nehmen die Bahn.» | «Ach so», meinte Juan nur und war ein bisschen stolz, dass Nadja ihn ganz selbstverständlich für so sportlich gehalten hatte. | Er erwähnte nicht, wie er das Wandern in den Pyrenäen immer gehasst hatte. | Das Wandern war leider ein Teil der Vergangenheit gewesen, den seine Mutter nicht verdrängt hatte. | Am Abend trafen sie sich wieder beim Bahnhof, den Juan inzwischen gut kannte. Sie schlenderten dem See entlang. | Dauernd trafen sie Freunde von Anna und Nadja. Das war der Vorteil einer kleinen Stadt, man traf sich einfach so auf der Strasse. | Die Gruppe wurde immer grösser, und alle wollten von Juan wissen, was er so mache und wie das Leben in Barcelona sei. | Sie sollten ihn unbedingt mal besuchen, schlug Juan vor. Er versuchte nicht an seine Mutter zu denken. | Hatte sie ihn doch loswerden wollen und nun lud der reihenweise Leute zu sich ein. | Die meisten Freunde studierten noch. Im Moment hatten sie gerade Ferien, die sie entweder mit Arbeiten oder Lernen verbrachten. | Bei schönem Wetter träfen sie sich auf der «Ufschütti» http://www.swissbadeanstalt.ch/baths. php?spot=512 , einem hügligen Strand am See. | Juan fragte, ob das der Yogastrand sei, doch die anderen lachten, der sei auf der anderen Seite. Es gab also sogar zwei Strände.

tweets | 01.201 – 01.214 |


| Inzwischen waren sie beim Seebad http://de.locr.com/photo-switzerland-lucerne-lucerne-haldenstrasse-13209578 angelangt. Juan war ganz hingerissen vom hölzernen Bau. | Betrat man das Bad, befand man sich in einer eigenen kleinen Welt, abgeschirmt von den Passanten am Quai. | Juan beschloss an einem der nächsten Tage hier schwimmen zu gehen. | Zwei Freunde von Anna, beides Architekturstudenten erzählten ihm, dass das Bad bald restauriert würde. | Sie hätten am Projektwettbewerb mitgearbeitet, gewonnen hätte dann jedoch ein anderer Vorschlag. | Juan hatte sich immer schon für Architektur interessiert, sich dann aber doch für ein Wirtschaftsstudium entschieden. | Zum ersten Mal überlegte er, ob diese Vernunftentscheidung richtig gewesen war. | Juan gefiel es immer besser in dieser fröhlichen Gruppe. Alle sprachen Englisch, einige sogar ein paar Brocken Spanisch. | Und mit seinem Deutsch zusammen verstanden sie sich immer irgendwie. Anna lachte, als er seine Episode in der Bäckerei erzählte. | Ob er nicht gewusst habe, dass Schweizerdeutsch ziemlich anders klänge, als das Deutsch, welches er in der Schule gelernt habe? | Er verstand nun, was seine Mutter ihm damals hatte sagen wollen, als sie sich geweigert hatte mit ihm zu sprechen. | Juan gefiel die Ruhe hier am See. Es käme ihm gar nicht vor, wie in einer Stadt, meinte er. | Da lachten die andern und meinten, er solle nur warten bis das Blue Balls http://www.blueballs.ch Festival losging. | Dann sei es mit der Ruhe am See vorbei und ein Durchkommen am Quai sei vor lauter Leuten kaum mehr möglich. | Und die Musik könne man bis hierhin hören. Juan staunte. Von einem Festival wusste er nichts. | Die Freunde redeten in ihrer Begeisterung wild durcheinander und Juan bekam nur noch die Hälfte mit. | Open-Air Konzerte, Essenstände, viele Leute, grosse Stars – das würde ihm bestimmt gefallen.

tweets | 01.215 – 01.231 |


«Am 17. beginnt es», erklärte Anna. | «Aber am 17. fahre ich wieder nach Hause.» Die anderen verstummten. Sie wollten nicht glauben, dass er nur 2 Wochen blieb. | Er könne doch nicht genau vor dem Blue Balls wieder abreisen. Warum er denn nur zwei Wochen bleibe, wollte jemand wissen. | «Meine Eltern haben die Reise bezahlt. Und vielleicht fürchteten sie, ich würde meiner Tante nach 2 Wochen auf den Geist gehen.» | Juan hütete sich zu erzählen, mit welcher Vehemenz er sich für eine maximale Aufenthaltsdauer von 14 Tagen eingesetzt hatte. | Nadja schlug vor, er könnte doch in ihrer WG wohnen, da sei bis zum Herbstsemester ein Zimmer frei. | Zu fünft in einer eigenen Wohnung, das wäre bestimmt ganz lustig, fand Juan. | Immer hätte er Leute um sich, zum Plaudern und zum Ausgehen – und vor allem Nadja. | Ausserdem dieses Festival, das wollte er auf keinen Fall verpassen. Er würde mit seinen Eltern telefonieren, gleich morgen. | Die hätten bestimmt nichts dagegen, wenn er noch etwas bleiben würde. Im Gegenteil. | Langsam versank die Sonne hinter der Stadt und tauchte das Bergpanorama in ein helles Rosa. | Juan blickte über den See und kam sich vor wie in einem Traum. | «Zwei Wochen sind definitiv zu kurz für Luzern.» sagte er. Nadja nickte zustimmend und lächelte ihn an.

tweets | 01.232 – 01.243 |


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