Festivalmagazin 61. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

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Deutscher Wettbewerb Aufbruch zu den Rändern German Competition Moving to the Margins

approaching the puddle, Sebastian Gimmel

An die Peripherie führt auch Schicht. Mit ihrem beeindruckenden Filmessay betreibt Alex Gerbaulet Familienarchäologie und fördert dabei zugleich die Geschichte der alten Bundesrepublik zu Tage. Salzgitter, die einstige Musterstadt der Nationalsozialisten, war auch nach 1945 vorbildlich, ein Beispiel der politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Kontinuitäten. Auf eine ganz andere Weise exemplarisch ist die chilenische Isla Navarino im Süden Feuerlands. Mario Pfeifer erzählt in seiner Dokumentarfilm Approximation in the digital age to a humanity condemned to disappear nicht nur vom Verschwinden des indigenen Stamms der Yámana. Er beschreibt auch, wie die Musealisierung der von der Technik überholten Kulturen die Menschen an den Rand drängt. Ein naher Verwandter ist im syrischen Bürgerkriegsgebiet verschwunden. Also beschließt in Khaled Mzhers Spielfilm Wada’ ein Instrumentenbauer und Familienvater, selbst nach dem Vermissten zu suchen. Einen Tag lang begleitet Mzher seinen Protagonisten und fängt dessen Trauer wie auch dessen Entschlossenheit in beinahe dokumentarischen Bildern ein. Der Krieg ist tausende Kilometer entfernt und zerstört doch alles. Sascha Westphal

Ein junger Mann folgt mit seinem Boot dem Lauf eines abgelegenen Flusses. Es ist eine Reise weg von allem, was die heutige Welt ausmacht. Eines Tages stößt er am Ufer auf eine junge Frau und nimmt sie mit. Aber was er auch macht, sie hört nicht auf, Tränen in wechselnden geometrischen Formen zu vergießen. Die Selbstverständlichkeit, mit der Alexandre Koberidze in Colophon eine Märchenwelt die Realität übernehmen lässt, ist verführerisch. Doch auch in diesem Flussidyll lauert etwas Dunkles. Die vom Licht der Sonne durchfluteten Bilder und die langen, an Stummfilme erinnernden Zwischentitel leugnen die Gegenwart und verweisen so noch nachdrücklicher auf sie. Wenn es einen Trend im diesjährigen Deutschen Wettbewerb gibt, dann ist es die Bewegung zu den Rändern. Eine unmögliche Sehnsucht erfüllt Eva Könnemanns Dokumentarfilm Das offenbare Geheimnis. Ihre Annäherung an Emmersum, diesen „Ort ohne Eigenschaften“, ist eine Verbeugung vor der Provinz und zugleich ein faszinierendes Eingeständnis des eigenen Scheiterns. Mit erstaunlicher Klarheit offenbaren Könnemanns Aufnahmen das Wesen aller Filmbilder. Sie halten die Wirklichkeit fest, aber ihren Kern bekommen sie nicht zu fassen. Ähnlich ergeht es Hana Kim, die in Der bittere Apfel vom Stamm die Enttäuschungen ihrer Mutter dokumentiert. Die Bilder vom Alltag in Südkorea und die Reflexionen der Mutter kommen nie ganz zusammen. In diesem Riss steckt die eigentliche Wahrheit.

A young man follows the course of an isolated river in his boat. It is a journey far away from everything that constitutes today's world. One day, he comes across a young woman on the riverbank and takes her with him. But no matter what he does, she doesn't stop crying 7

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