Page 1

APRIL 2018

AUF ZUM MARS Robert will zum Roten Planeten: Es wäre wohl ein One-Way-Trip In den Warenkorb: Wehrmachts-Shopping im Internet Bye-bye Bergbau: Ein Kumpel nimmt Abschied


Eins vorab Ab in die Eisdiele – es wird Frühling! Kurt verschenkt Gutscheine. Außerdem: Tour de Bier und ein Spaziergang nach ganz oben.

37

TEXTLEONIE FREYNHOFER FOTODANIELA ARNDT

L

iebe Leserinnen und Leser, im vorigen Jahr ging meine bislang weiteste Reise nach Los Angeles, wo ich meinen Cousin besucht habe. Neun Stunden Zeitverschiebung und zwei Wochen lang 9000 Kilometer weit weg von zu Hause. Gar nicht so einfach für mich. Wie muss es da erst Robert ergehen? Er hat sich für ein Leben auf einem anderen Planeten entschieden. Mit dem Programm „Mars One“ möchte er sich bis 2032 auf den Weg zum Mars machen. Und das für immer. Beängstigend, oder? Die Mission sei lebensgefährlich für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Ausbildung unzureichend, sagen Kritikerinnen und Kritiker. Unsere Autorin Leonie wollte von Robert wissen, warum er dennoch ins All möchte. Bei den Menschen, die Lena Marie getroffen hat, dreht sich alles um die Vergangenheit. Unsere Autorin wollte auf einem Mittelalterfestival herausfinden, was die Menschen an der Zeit vor Hunderten von Jahren so fasziniert. Ab Seite 6 erfahrt ihr, warum dazu nicht nur Ritter, Gaukler und Minnegesang gehören, sondern auch tödliche Krankheiten wie die Pest. Eine eigene Welt versucht sich auch Daniel in Rebeccas Geschichte zu erschaffen. Nicht etwa, indem er sich altertümlich verkleidet, sondern durch den Konsum von Heroin, Kokain und Pilzen. Alles Drogen, die er bereits ausprobiert hat und zum Teil noch heute nimmt. Über seine Entwicklung und wie die Drogenberatungsstelle und mögliche Therapien ihm helfen können, lest ihr ab Seite 14. Seid ihr neugierig geworden auf weitere Geschichten? Viel Spaß beim Lesen wünscht

14

So ziemlich jede Droge hat Daniel in seinem Leben schon konsumiert. Jetzt macht er eine Therapie. Ganz aufhören will er nicht.

34

Nazis kauften auch … Bei Amazon gibt es etliche Wehrmachts-Artikel. Warum das gesetzlich nicht verboten, aber moralisch verwerflich ist.


Inhalt

4 6 9 10 13 14 19 20 26 30 34 37 38 39

BILDER VON FRÜHER

Wannanders war auch scheiße

IM MITTELALTER, IM MITTELALTER

… da hatten die Leute voll keine Mittel, Alter

SAG MAL, DOC …?!

Stören LED-Bildschirme unseren Schlaf?

NETWORK AND CHILL

Vitamin B ist exorbitant wichtig

KURTS MITTEILUNG

Macht euer Ding

WAS TUN MIT DEM BAFÖG?

Daniel hat da ein paar berauschende Ideen

AB AUF DIE PISTE

Mit Snowboardlehrer Nikita

DIE FLIEGENDEN HOLLÄNDER

Robbi, der Mars und das Fliewatüüt

EIN SATZ MIT DOPPEL-X

… war aber trotzdem nix

SCHON LANGE UNTER DER ERDE

Bald aber endgültig tot: der Bergbau im Ruhrgebiet

REICHHALTIGE AUSWAHL

Naziprodukte bei Amazon

KURTS UNTERWEGS

Bier, Musik und Waffeln in luftiger Höhe

KURTS TRIP

Lena Marie brettert durchs Sauerland

IMPRESSUM

Wer was wann wie gemacht hat und Rätsel

FOTO&ILLUSTRATIONDOMINIK JACKY, DANIELA ARNDT & JULIUS REINDERS COVERFOTONASA/KSC


⁄⁄ MOMENTE

50 Jahre Sichtbeton

4


Die TU Dortmund feiert in diesem Jahr 50. Geburtstag. Unsere Fotos zeigen den Campus Anfang der 70er Jahre und heute. Zeitlos schรถn! FOTODANIELA ARNDT, MARKUS BERGMANN, JUDITH WIESRECKER & TU DORTMUND

5


TEILZEITRITTER AUF TOURNEE Schulkinder lernen: Im Mittelalter ging es grausam zu. Pest, Hexenverbrennung und Folter. Trotzdem gibt es Menschen, die sich einen Umhang überwerfen, um mit dem Langschwert ein Wochenende im Leinenzelt zu campieren. Wie passt das zusammen? TEXTLENA MARIE HUFNAGEL FOTOJÜRGEN UEPPING & SPECTACULUM.DE

D

er Duft von brennendem Holz liegt in der Luft. In der Ferne sind Klänge von Flöten und Trommeln zu hören. Gelegentlich ertönt ein Dudelsack. An mit Leinentuch überdachten Marktständen bieten Händlerinnen und Händler Töpferwaren und Kleidung feil. Die Welt, in die Besucherinnen und Besucher des Dortmunder Mittelaltermarktes eintauchen, ist fantasievoll und steht im Kontrast zum modernen Alltag des 21. Jahrhunderts. Die ausgelassene Stimmung, die zwischen Gauklern und Feuerspuckern entsteht, reißt manche sofort mit. Für viele Menschen ist es ein beliebtes Hobby, in der Mittelalterszene aktiv zu sein. Andere sind dagegen skeptisch. Sie kritisieren: Mittelalterfestivals romantisieren eine grausame und düstere Zeit.

In der Szene ist das sogenannte MPS ein bekanntes Festival. MPS steht für „Mittelalterlich Phantasie Spectaculum“ und bezieht sich auf ein wanderndes Mittelalterfestival, das es bereits seit 24 Jahren gibt. Das Ziel: eine fantasievolle und lebendige Welt zu erschaffen, die an das Mittelalter angelehnt ist. Verschiedene Epochen und Kulturen treffen dabei aufeinander. Piraten, Ritter und Prinzessinen, Wikinger oder auch Fabelwesen sind dabei.

STRENGE REGELN: HANDYS UND ZIGARETTEN VERBOTEN Oft verkleiden sich sogar die Besucherinnen und Besucher der MPS-Festivals: Stundenlange Näh- und Bastelarbeiten an Gewandung oder Rüstung, die

6

Pflege von Waffen für den Schaukampf und kilometerlange Fahrten quer durch Deutschland gehören dazu. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Heerlagern gehen noch einen Schritt weiter. In Gruppen von bis zu 20 Personen schlagen sie parallel zu einem Mittelaltermarkt ihre Leinenzelte auf. Es gibt strenge Regeln: Handys und Zigaretten sind verboten. Gewandung, also mittelalterlich anmutende Kleidung, ist Pflicht. Sven Lange ist seit zehn Jahren dabei. Er leitet das Heerlager „Szandors Wolfspack“ und erklärt: „Unsere Zelte sind mittelalterlich angehaucht, bestehen aus Leinen und haben keinen Boden. Wir stellen dar, wie es möglicherweise hätte aussehen können, wenn man im Mittelalter auf Reisen war. Inklusive


» Menschen finden in Szenen Antwort darauf, wer sie sein und was sie tun wollen. «  Paul Eisewicht, Soziologe an der TU Dortmund

Kochen auf dem Feuer und Schlafen im Zelt.“ Die typische Lagerausrüstung umfasst neben Dreibein, Feuerstelle und schmiedeeisernem Kochgeschirr auch hölzerne Tische und Bänke, ein Sonnensegel sowie ein Vorratszelt. Manche Heerlager-Gruppen stellen außerdem eine Bogenbahn auf. „Szandors Wolfspack“ konzentriert sich auf Schwert- und Dolchkämpfe. Marktgäste mit und ohne Gewandung sind jederzeit willkommen, den Alltag im Heerlager mitzuerleben und Fragen zu stellen.

HISTORISCH KORREKT IST DAS FESTIVAL NICHT Für alle im Heerlager ist es verpflichtend, an bestimmten Aktivitäten des MPS-Veranstalters teilzunehmen. Da wäre zum Beispiel der Heerlagerumzug, bei dem bis zu 1000 Menschen mitlaufen, um auf dem Markt die verschiedenen Gewandungen, Waffen und Heerlager zu präsentieren. Eine andere Aktion ist der Markttanz. Das ist eine Art Workshop, der mittelalterliche Tänze vermittelt und vor allem unterhalten soll. Historisch korrekt ist die Welt nicht, die beim MPS inszeniert wird: Verschiedene Epochen werden miteinander vermischt. Die Verantwortlichen kleinerer Märkte legen mehr Wert auf Authentizität und werden dafür von Teilnehmerinnen und Teilnehmern des MPS zum Teil als „A-Fanatiker“ (A für Authentizität) belächelt. Die geschichtlich richtige Darstellung steht in der Mittelalterszene nicht im Vordergrund, wie Paul Eisewicht, Soziologe an der TU Dortmund, erklärt: „Die Faszination mit dem Mittelalter liegt auch darin, nicht dem mittelalterlichen Alltag ausgesetzt zu sein. Die Szene wählt einerseits Aspekte mittelal-

terlichen Lebens, die uns erlebenswert erscheinen, und ist andererseits eine Projektion unserer Träume, die mit gefährlichen Drachen, Prinzessinnen und Magie zu unserem Bild dieser Zeit passen.“ Normen und Wertvorstellungen wie ritterlicher Wagemut und Ehre oder handwerkliche Hingabe leben auf diese Weise wieder auf. Für den Heerlageristen Sven stehen das Eintauchen in eine fantastische mittelalterliche Welt ohne Alltagssorgen, aber auch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft im Vordergrund. Das Gefühl der geteilten Begeisterung für das Mittelalter ist laut Eisewicht für viele Menschen ein Grund, sich der Szene zugehörig zu fühlen. „Sie haben Spaß daran, sich in Rollen hineinzubegeben und diese auszugestalten.“ Man lernt nicht nur Gleichgesinnte kennen, sondern erwirbt auch besondere Fertigkeiten, beispielsweise Nähen oder Schwertkampf. Die Teilnehmenden erproben in Szenen außerdem Lösungen für individuelle und gesellschaftliche Probleme. Als Realitätsflucht würde Eisewicht die Zugehörigkeit zur Mittelalterszene nicht bezeichnen. „Menschen finden in Szenen ein Stück weit Antwort darauf, wer sie sein und was sie tun wollen.“ Sven hat nicht den Anspruch, dass sein Heerlager völlig authentisch sein muss. Doch auch ihm ist es wichtig, einen Teil der finsteren Seite der Epoche zu beleuchten: Er koordiniert den Pestumzug. Ein mobiles Improvisationstheater stellt dabei in verschiedenen Szenen dar, wie es möglicherweise hätte ablaufen können, wenn im Mittelalter in einer Stadt die Pest ausbrach. „Nicht alles beim MPS ist Friede, Freude, Eierkuchen. Der Pestumzug ist mit Abstand der finsterste Programmpunkt.“

7

Es dämmert bereits, als die Stadtwache zum Schließen der Stadttore aufruft. Eine junge Frau humpelt hustend herbei, ihr Gesicht ist mit Wunden und Beulen übersäht. Plötzlich bricht sie zusammen. Die Wachmänner eilen herbei und rufen einen Doctore hinzu. Mit Entsetzen stellt der fest: Diese Frau ist an der Pest gestorben und könnte noch weitere Menschen infiziert haben. Verzweiflung macht sich bei den Bürgerinnen und Bürgern breit, die sich inzwischen am Ort des Geschehens versammelt haben und hektisch tuschelnd die Köpfe zusammenstecken. Nonnen und Mönche bieten geistlichen Beistand. Die Stadtwache holt Todgeweihte aus den Kerkern, denn nur sie können die Siechen berühren. So schildert Sven eine Szene des Umzugs. „Als die Pest ausbrach, sind Millionen von Menschen gestorben. Das war sehr schrecklich und mir ist wichtig, dass die Besucherinnen und Besucher das verstehen“, sagt er. Am Ende des Pestumzuges hält Sven eine kurze Rede,

MEHR ZUM SPECTACULUM Das MPS gibt es an 14 Spielorten in ganz Deutschland. Vom 28. April bis 1. Mai und im Dezember gastiert das Festival in Dortmund und verwandelt den Freizeitpark Fredenbaum in eine mittelalterliche Fantasiewelt. Die Ausrichter veröffentlichen für die Sommerveranstaltungen keine Besucherzahlen. Auf dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Dortmund kamen im vorigen Jahr 200.000 Menschen zusammen. Je Spielort gibt es bis zu 3000 Mitwirkende. Web: spectaculum.de


in der er erklärt, was damals mit den Menschen passiert ist: „Viele wurden zu Unrecht als Pestkranke verhaftet und auf Schiffe verladen, die man dann auf offener See anzündete. Andere Gesunde endeten in Siechenlagern vor den Stadttoren, wo sie erkrankten und starben.“

FÜR MIRCO IST DER TOD MITTLERWEILE EIN BERUF Mit einer geübten Handbewegung streift Mirco Lehmann die Totenkopfmaske ab. Unter der Kapuze seines pechschwarzen Umhangs kommt ein mit dunkler Schminke umrandetes Augenpaar zum Vorschein. Die Sense lehnt er an einen nahestehenden Baum und lässt sich mit einem Seufzer auf eine der hölzernen Bänke fallen. Mirco fand vor über zehn Jahren zur Mittelalterszene und ist inzwischen auf fast allen MPS-Märkten dabei. Auch er ist Heerlagerist. Die Rolle des Todes war zunächst nur ein Hobby, mittlerweile ist es sein Beruf. Für die Abschlussszene des Pestumzuges fehlte damals noch die mythologische Gestalt eines Sensenmannes. An den Details seiner Gewandung hat Mirco mit den Jahren immer weiter gefeilt: Seine Sense ist selbst gebastelt. Mirco verkörpert mit dem „Tod“ einen der drei Hauptcharaktere des MPS. Beim Pestumzug macht er nicht mehr mit, weil er als Schauspieler in andere Programmpunkte des Veranstal-

ters eingebunden ist. Auch wenn der Sensenmann eine furchteinflößende und düstere Gestalt ist, legt Mirco viel Wert auf den unterhaltenden Aspekt seiner Arbeit: „Wir zeigen ganz bewusst die romantische Seite des Mittelalters. Vor allem wegen der Kinder können und dürfen wir gar nicht allzu viel Grausames zeigen. Niemand soll vom MPS ein Trauma davontragen.“

» ROMANTISIERUNG IST KEINE BEWUSSTE VERDRÄNGUNG « Die Mittelalterszene lässt eine reale historische Epoche aufleben, in der Kindstod, Seuchen, Folter und andere Gräuel an der Tagesordnung waren. All das wird beim MPS bewusst ausgeblendet. Ausnahmen sind die Pest und einige wenige andere düstere Aspekte wie

die Inquisition. Die Faszination für ein so finsteres Zeitalter gründet sich laut dem Soziologen Paul Eisewicht gerade nicht auf dem Interesse, stundenlang für einen Lehnsherrn auf einem Acker zu schuften oder tödlichen Krankheiten ausgesetzt zu sein. „Vielmehr ist es der Kontrast zum Alltag. Es geht um ein erlebenswertes Bild einer mittelalterlichen Fantastik.“ Eisewicht betont, dass ein Mittelalterfestival auch dazu führen kann, dass sich Besucherinnen und Besucher mit dem historischen Mittelalter auseinandersetzen. Das Erlebte werde hinterfragt und nicht einfach nur zur Kenntnis genommen. Romantisierung ist nicht gleichbedeutend mit bewusster Verdrängung, findet Sven: „Die schöne Seite des Mittelalters, die beim MPS dargestellt wird, ist vielleicht auch eine, die es so nicht gegeben hat. Aber wir möchten nicht zeigen, wie es damals gewesen ist, weil das niemand sehen wollen würde. Wir überlegen, was sich die Gäste vorstellen könnten.“ Ebenso wie Rollenspiele regen die Märkte die Fantasie an. Eisewicht zufolge ist die Mittelalterszene kein sinnloser Freizeittraum, denn Orientierungsfragen, Streit und Hierarchieprobleme kommen genauso vor wie im alltäglichen Leben. Manchmal seien fremde Welten allerdings nicht mehr als ein kurzzeitiger Urlaub vom Alltag, vergleichbar mit einem Wochenende im Grünen.

8


⁄⁄ SAGMALDOC

Stören LED-Bildschirme wirklich unseren Schlaf? TEXTLEONIE FREYNHOFER FOTOSUSANNE WIATER ILLUSTRATIONANJA HARDT

W

er es sich abends vor dem Laptop oder dem Handy gemütlich macht, dem kann es passieren, dass er nachts nicht schlafen kann. Das liegt daran, dass LED-Bildschirme reichlich blaues Licht ausstrahlen. Dieses verhindert, dass das Einschlafhormon Melatonin ausgeschüttet wird. Im natürlichen Licht ist der Anteil von blauem Licht in den Morgenstunden am höchsten. Gegen Abend überwiegen wärmere Lichtfarben wie Rot und Gelb. Die innere Uhr des Menschen passt sich an diese äußeren Verhältnisse an, sodass der Wechsel einen physiologischen Schlaf-Wach-Rhythmus ermöglicht. Licht ist für den Menschen der wichtigste äußere Zeitgeber. Durch dieses registrieren wir, ob Tag oder Nacht ist, ob wir wach sein oder schlafen sollten. Wenn sich der Mensch am Abend und in der Nacht blauem LEDLicht aussetzt, reagieren die Zellen im Auge besonders empfindlich: Denn die Netzhaut sieht um diese Zeit natürlicherweise kaum blaues Licht, da das Auge an andere Farben gewöhnt ist. Wenn man dann beispielsweise das Handy beiseite legt, brauchen die Sinneszellen extrem lange, um wieder in den Normalzustand zurückzukehren. Wenn das Auge zur falschen Zeit mit blauem Licht bestrahlt wird, kann der Schlafrhythmus des Menschen gestört werden. Im Extremfall sind organische Störungen, Depressionen und Ängste als Folge möglich. An-

dere Menschen machen sich den Effekt des blauen Lichts zu Nutze, damit sie länger wach bleiben können. Diese sogenannte Blaudusche wirkt wie ein KoffeinKick. Studien zeigen, dass Menschen damit leistungsfähiger und aufmerksamer werden können. Zudem sind sie weniger reizbar und können sich besser konzentrieren. Grund dafür ist eben, dass das Melatonin nicht ausgeschüttet wird. Auch bei bestimmten Formen der Depression, beispielsweise der Winterdepression, wird die Blaudusche eingesetzt. Mithilfe eines speziellen Geräts trifft eine große Menge blauer Lichtstrahlen auf die Augen. Dieser Vorgang sollte nur nach ärztlicher Verordnung genutzt werden. Grundsätzlich wirkt blaues Licht bei jedem Menschen gleich. Ein einschränkender Faktor ist jedoch, wie empfindlich die Augen der jeweiligen Person sind. Bei blinden Menschen etwa kann Licht nur als äußerer Zeitgeber wirken, wenn bestimmte Nervenzellen im Auge funktionieren. Diese produzieren das Eiweiß Melanopsin, mithilfe dessen die Umgebungshelligkeit wiedergegeben werden kann. Wenn das nicht der Fall ist, fehlt der Einflussfaktor Licht und das kann zu schweren Beeinträchtigungen des Schlaf-Wach-Rhythmus führen. Deswegen leiden blinde Menschen häufig unter Schlafstörungen.

Dr. Alfred Wiater ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) mit Sitz in Schwalmstadt.


HIER IST MEINE KARTE Beziehungen zu vielen verschiedenen Menschen knüpfen: Auf Online-Portalen wie Karrierebibel oder Careerloft finden sich unzählige Tipps, wie Studierende zu perfekten Netzwerkern werden. Wir haben die Ratschläge zusammengetragen. TEXT&FOTOJOEL HUNOLD ILLUSTRATIONJULIUS REINDERS

1 – Netzwerken ist Arbeit, Arbeit, Arbeit. Nimmst du sie in Kauf? Niemand erwartet von dir, deine gesamte Freizeit ins Netzwerken zu investieren. Und doch steigt der Druck auf Studierende. Heutzutage wird von jedem erwartet, sich selbst mit Vitamin B und hilfreichen Kontakten auszustatten. Deshalb: Verzichte ab und zu auf den gemütlichen Serienabend, setze dein sympathischstes Lächeln auf, packe einen Stapel Visitenkarten ein und ab unter Menschen. Netzwerke können eine lohnende Investition in die Zukunft sein und das Potenzial für eine gute Bekanntschaft liegt überall. Ob im Nebenjob, im Ehrenamt oder in politischen Gruppen. Und manchmal kann Netzwerken sogar Spaß machen, wie beim Bier mit Freundinnen und Freunden, mit den Mitstudierenden in der Mensa oder beim Hochschulsport.

2 – Gib viel, nimm wenig.

WAS IST NETZWERKEN? Netzwerken bedeutet, ein Netz an Beziehungen zu knüpfen, um sich gegenseitig auszutauschen, zu helfen und Wissen und Erfahrungen zu teilen. Eigentlich netzwerkt jeder Mensch, sobald er oder sie neue Leute kennenlernt. Aktives Netzwerken bedeutet jedoch, sich mit berufsrelevanten Personen zu vernetzen. Das System beruht dabei auf Freundes-Freunden und der Weitergabe exklusiver Informationen. Beispielsweise erfährt ein Architekt über einen Freund in der Sportmannschaft, dass ein großes Unternehmen einen weiteren Büroturm errichten möchte und gerade auf der Suche nach Architekten ist. Private Kontakte sind wichtig, denn laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarktforschung in Nürnberg wird ein Drittel aller Stellen über private Kontakte vergeben. In kleinen Betrieben sogar knapp die Hälfte.

Der Social-Media-Berater Mike Sanson hat die 70-20-10-Regel zum Netzwerken aufgestellt. Seine Devise lautet: mehr geben als nehmen. Demnach solltest du 70 Prozent der Zeit, die du für Netzwerken aufwendest, in die Pflege deiner Kontakte investieren, ihnen helfen und Tipps und Ratschläge unterbreiten. Stelle dich, deine Erfolge und deine Ziele in 20 Prozent der Zeit vor. Dazu zählt auch die Pflege deiner Social-Media-Profile. Und lediglich 10 Prozent der Zeit solltest du dafür nutzen, um nach Unterstützung und Hilfe zu fragen. Andere sind viel eher bereit, besonders wertvolle und exklusive Informationen an dich weiterzugeben, etwa eine freiwerdende Stelle, wenn du ihnen vorher eine Hilfe warst. Entgegen des weitläufigen Klischees ist Netzwerken daher nicht egoistisch, sondern beruht auf Gegenseitigkeit.

3 – Du brauchst nicht viele Visitenkarten. Du brauchst nur die richtigen. Jeder Mensch hat Fähigkeiten, mit denen er anderen helfen kann. Dennoch musst du entsprechend deiner Ziele überlegen, mit wem du dich verknüpfen solltest und mit wem nicht. Am Ende des Tages kommt es darauf an, wer dir genug vertraut, um mit dir exklusive Informationen auszutauschen, zum Beispiel frei werdende Stellen. Bleibe bei den richtigen Leuten in positiver Erinnerung, anstatt ein buntes Sammelsurium an Visitenkarten mit nach Hause zu bringen. Apropos Visitenkarten: Unauffällige Notizen nach den Gesprächen können helfen, die gerade kennengelernten Personen besser zuzuordnen.

10


Alle deine Freunde gehören zu deinem Netzwerk, aber nicht alle in deinem Netzwerk müssen enge Freunde sein. Doch den zusätzlichen Wert von Freundschaft darfst du vor lauter Möglichkeiten zum Netzwerken nicht aus den Augen verlieren. Selbst dann, wenn deine Freundinnen und Freunde dich im Beruf nicht direkt weiterbringen. Der Psychotherapeut Dr. Wolfgang Krüger rät dazu, sich folgende Fragen zu stellen: Wem würde ich erzählen, dass ich einen Seitensprung hatte? Wem würde ich erzählen, dass ich manchmal glaube, dass alles keinen Sinn mehr hat? Denn genau da verläuft die Grenze zwischen losen Kontakten wie Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen – und engen Freundinnen und Freunden. Freundschaften dürfen nicht durch ständige berufliche Anfragen überstrapaziert werden. Denn im Beruf sind alle Beziehungen wichtig. Doch im Notfall nur die engen Freundinnen und Freunde.

5 – You're sexy and you know it: Zeig es. Ziel sollte es sein, dass die richtigen Personen dich sympathisch finden – und das ab dem allerersten Eindruck. Probiere, deine Erfolge und Fähigkeiten selbstbewusst darzustellen – ohne überheblich zu wirken. Soziale Netzwerke haben dabei eine enorme Bedeutung. Nicht nur deine Freundinnen und Freunde, auch potentielle Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber schauen, wem du bei Facebook folgst, was du auf Twitter zu erzählen hast und wie dein Profilbild aussieht. Mit einem gut geführten Blog kannst du dein Wissen und deine Kompetenzen unter Beweis stellen.

6 – Entwickle deine eigene Strategie. Netzwerken ist wie Puzzeln. Wenn du ein klares Bild deiner eigenen Zukunft vor Augen hast, erkennst du die passenden Teile wie von selbst. Und du erkennst auch, an welcher Stelle noch Lücken klaffen. Wichtig daher: Analysiere, welche Kontakte dich deinem Ziel näherbringen. Dabei gibt es zwei Zielrichtungen. Auf der einen Seite steht dein Umfeld, etwa deine Kommilitoninnen und Kommilitonen. Sie können dir wertvolle Tipps zu Praktika oder Klausuren geben. Vernetze dich außerdem mit denen, die bereits dort sind, wo du hin möchtest. Lerne von den „Mächtigen". Von deinem Vorgesetzen oder Firmenchef. Sie zeigen dir, welche Fähigkeiten du brauchst und welche Wege du gehen musst, um dorthin zu gelangen, wohin sie es geschafft haben. Um dann vielleicht irgendwann einmal deren Nachfolgerin oder Nachfolger zu werden.

7 – Bleib am Ball. Beziehung kannst du auf vielfältige Weise lebendig halten. Erkundige dich in regelmäßigem Abstand bei deinen Netzwerkpartnern nach möglichen Kooperationen, beantworte Fragen, gib Tipps, teile Erfahrungen und vermittle Kontakte. Das Kennenlernen ist lediglich der Anfang eines erfolgreichen Netzwerks. Vielmehr solltest du versuchen, das Vertrauen der anderen zu gewinnen. Folge dafür deinen Kontakten in sozialen Netzwerken, kommentiere ihre Posts und teile sie. Gehe mit engen und wichtigen Kontakten regelmäßig essen oder etwas trinken.

11

Der Druck zum Netzwerken steigt

4 – Weißt du, wer deine Freunde sind und wer nur gute Bekannte?

Geht ohne großes Netzwerk wirklich nichts? Im Interview spricht die Arbeitssoziologin Dr. Caroline Richter von der Ruhr-Universität Bochum über wachsende Erwartungen an Studierende und darüber, warum wir Arbeitszeit und Freizeit stärker trennen sollten.

F

rau Richter, wie wichtig ist Vitamin B, um im Beruf später erfolgreich zu sein? Exorbitant wichtig. Fachwissen und Vitamin B in gleichem Maße. Man muss sich erst Fachwissen und eine gute Qualifikation aneignen, um in die Auswahlkriterien zu passen. Aber Vitamin B ist das Scharnierstellchen, das über Vergabe und Nichtvergabe eines Arbeitsplatzes entscheidet. Und auch innerhalb von Arbeitsplätzen ist es wichtig, um sich entwickeln zu können. Einem Mitarbeiter, den man seit Jahren kennt, vertraut man mehr und räumt ihm mehr Freiräume ein. Das klingt ziemlich ungerecht. Es ist sicher ungerecht, weil das Fachliche – und nur das – im Vordergrund stehen sollte. Auf der anderen Seite wird, wenn jemand eingestellt wird, nicht nur ein Arbeitsplatz vergeben, sondern es kommt ein neuer Mensch ins Unternehmen. Gerade mit Blick auf den Wandel von Arbeit verschwimmen die Grenzen von Privatem und Beruflichem


» Die digital geborene Generation ist unheimlich atemlos in ihrem Bestreben, permanent irgendwelche Kriterien zu erfüllen. « 

immer mehr. In der Soziologie nennen wir das die Vermarktlichung oder Subjektivierung der Arbeiter. Marktwirtschaftliches Denken durchdringt die Gesellschaft, wodurch Arbeiter ihr Privatleben immer öfter diesem Denken unterordnen. Deshalb schaut man, ob der Bewerber zum Team passt. Hanebüchen ungerecht wird es, wenn Arbeitgeber darauf nicht achten und jemand unverdienter Weise über Vitamin B platziert wird. Dann tut es dem ganzen Umfeld nicht gut und es wird sicherlich keine gute Zusammenarbeit werden. Sie erwähnten den Wandel der Arbeit. Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf das Netzwerken? Zunächst einmal gibt es durch die Digitalisierung viel bessere Möglichkeiten, sich zu vernetzen, als zuvor. Früher sorgte die Mittel- und Oberschicht für den Nachwuchs an Universitäten. Viele implizite Spielregeln wurden nur dort weitergegeben und nur eine bestimmte Klientel konnte darauf zugreifen. Heute hat jeder mehr Teilnahmemöglichkeiten und Chancen, um sich Netzwerke zu erschließen und Vitamin B zu sichern. Ich glaube und befürchte, es ist heute der Auftrag von jedem, sich mit Netzwerken und Vitamin B auszustatten. Werden die Erwartungen an Studierende an der Schwelle zum Beruf so immer größer? Niemand würde ein gutes Netzwerk offiziell ein Bewerberkriterium nennen, aber ich glaube, es spielt da rein. Ich würde unterscheiden zwischen sozialen Netzwerken und Freunden einerseits und berufswirksamen Kontakten andererseits. Bei diesen geht es darum, sich mit Leuten zu vernetzen, die einem aufgrund der Qualifikationsstufe überlegen sind, um Zugang zu den Mächtigen zu

bekommen. Und implizit wird heutzutage durchaus erwartet, dass Menschen sich dessen bewusst sind und dass sie auch so etwas mitbringen und pflegen. Und bei Freundinnen und Freunden? Da ist die Frage, ob man es als ökonomischen oder strategischen Plan sieht oder nicht. Ich glaube, es ist ein nicht beabsichtigter Nebeneffekt, dass, wenn man Medizin studiert, man meistens nur mit Medizinern zusammen ist und von deren Erfahrungen profitiert. Da hat XY vielleicht einen Onkel, bei dem man mal ein Praktikum machen kann. Viele machen sich Gedanken, wer an welchen Stellen im Berufswerdegang nützlich sein könnte. Und wenn man so jemanden kennenlernt, ist man eher dazu bereit, den Kontakt aktiv zu befeuern. Auch, wenn man den nicht ganz so sympathisch findet wie einen Kontakt, der einem zunächst irrelevant erscheint und nur für das Seelenheil oder Wohlbefinden gut gewesen wäre. Wie kommt das? Man denkt doch, dass man mit jemandem befreundet ist, weil man charakterlich gut zueinander passt. Da kommt wieder der Vermarktlichungseffekt ins Spiel. Mitarbeiter werden heute genötigt, sich mit den Unternehmenszielen zu identifizieren und daran teilzuhaben. Alle sollen innovative Vorschläge an ihre Geschäftsführung abgeben und das heißt auch, dass sich alle verantwortlich fühlen müssen. Wenn du das Projekt XY nicht so und so umsetzt, kann das Unternehmen nicht wachsen. Deinetwegen. Hier wird ganz viel Last auf die Arbeitnehmer transferiert. Und wenn Menschen häufig so eine Erfahrung machen, vermarktlichen sie immer stärker und machen sich selbst zur Ware.

12

In einem Online-Karriereportal habe ich gelesen, dass man sich freitagabends lieber mit Freunden und deren Bekannten treffen sollte, als Serien zu schauen. Gibt es die Erwartung, jede freie Minute in Netzwerken zu investieren? Ich glaube, Sozialkontakte werden hier in gewisser Weise fetischisiert. Dass man auf einer Party war, zeigt nichts über die Qualität der Nahbeziehung zu jemandem. Das wird dann beliebig und trivial. Ich mache Netzwerke für Netzwerke. Nur um in vielen Netzwerken zu sein. Und wenn ich in vielen Netzwerken bin, bin ich gut. Dann bin ich der Ruler, ich habe den Zugriff, ich habe viele Likes, bin sozialkompatibel und verträglich. Das würde ich alles sehr in Frage stellen. Das schafft diesen enormen Druck, der dann zu Burnout und Co. führt. Man hat gar kein Gefühl mehr dafür, dass man eine Arbeitszeit und eine Freizeit hat, sondern beides verschwimmt ineinander. Und was für Auswirkungen hat das für Studierende? Die digital geborene Generation ist unheimlich atemlos in ihrem Bestreben, permanent irgendwelche Kriterien zu erfüllen. Sie muss alles optimal schaffen. Und immer ganz schnell. Als hätte sie einen Kriterienkatalog, den sie abarbeitet und danach denkt: Jetzt muss es gut sein. Unterm Strich sind die Komplexitätsanforderungen extrem. Deshalb gibt es bei den Studierenden eine Rückbesinnung darauf, dass man klare Kriterien und Orientierung braucht. Kriterien wie minimale Studienzeit, Auslandsaufenthalt, viele Freunde und Credit Points sind schön konkret und konfrontieren einen nicht mit Ungewissheitszonen.


⁄⁄ KURTSMITTEILUNG

Widersetzt euch! In jedem Heft schreiben wir einen Brief. Dieses Mal geht es um den gesellschaftlichen Druck, der auf Studierenden lastet. Unser Autor fordert: Lebt euer Leben so, wie ihr es wollt, und nicht, wie das Internet es euch vorgibt. TEXTJOEL HUNOLD FOTODANIELA ARNDT & ONLYYOUQJ/FREEPIK


TRIP IN DIE SELBSTZERSTÖRUNG Es gibt nur wenige Drogen, die Daniel nicht probiert hat. Momentan raucht der Student täglich Heroin und konsumiert ab und zu Cannabis und Kokain. So erzählt er es. Langsam wird ihm bewusst, was er sich damit antut. TEXTREBECCA WOLFER SYMBOLFOTODANIELA ARNDT

A

ls andere Kinder noch mit Legosteinen oder Barbies spielten, rauchte Daniel, so zumindest soll er hier heißen, mit acht Jahren seinen ersten Joint. Heute studiert er, und die Drogen bestimmen sein Leben: Daniel ist heroinabhängig.

Studiengang verraten. Doch über seinen Drogenkonsum spricht er bereitwillig – wenn auch sehr langsam. Es wirkt, als bräuchte er länger, um Informationen zu verarbeiten. „Sorry, ich bin total breit, wir haben gerade gekifft“, sagt er, als er um 16 Uhr zum Interview kommt.

Deshalb ist es ihm sehr wichtig, anonym zu bleiben. Der dünne Student mit den dicken Brillengläsern und dem karierten Hemd möchte weder seinen richtigen Namen, noch sein Alter oder seinen

Cannabis war die erste Droge, die er konsumierte, noch vor Alkohol oder Zigaretten. „Das haben wir aus Neugier bei Schulfreunden ausprobiert, die hatten das von ihren großen Brüdern

14

geklaut.“ Es blieb nicht beim Kiffen: Mit 12 Jahren trank er zum ersten Mal Alkohol. Mit 16 fing er an, Meskalin zu nehmen. Das sind getrocknete Kakteen, die Halluzinationen hervorrufen. Mit 17 kamen Pilze und Kokain dazu. Und dann, mit 19, die Opioide: Tramadol, Codein, Kratom, Fentanyl. Bald darauf Heroin. So erzählt Daniel es. Wenn er Heroin rauche, fühle es sich an, „als würde ich mir einen warmen Mantel umlegen“, sagt er. Er fühle sich gebor-


gen, Probleme würden ausgeblendet. Die dämpfende Wirkung kommt laut dem Dortmunder Suchtmediziner Dr. MarcAlexander Schlüter daher, dass die Droge an den Opiatrezeptoren im Gehirn andockt und diese aktiviert. So empfinden die Konsumierenden weniger Schmerzen – körperlich und seelisch. Zwischen Daniels erstem und zweiten Heroinkonsum lag ein ganzes Jahr. Dann waren es nur noch Monate, Wochen, Tage. Mittlerweile braucht er es

täglich. Trotzdem studiert er weiter, ist über der Regelstudienzeit.

NUR ZU KLAUSUREN KOMMT ER NÜCHTERN „Manchmal hab ich auf der Uni-Toilette mein Heroin geraucht“, sagt er. Nur zu wichtigen Vorlesungen oder Klausuren sei er nüchtern gekommen. Ansonsten kenne er an der Uni niemanden, der heroinabhängig ist. Die harten Drogen nimmt er mit Freundinnen und Freun-

15

den, die er zum Beispiel auf Partys kennengelernt hat. Sie haben früher sehr viel ausprobiert, um die verschiedenen Wirkungen zu testen. Wenn Daniel davon redet, wirkt er plötzlich viel wacher und begeisterter. Verschiedene Drogen und ihre Auswirkungen faszinieren ihn, er probiert alles, was er bekommen kann: „Salvia Divinorum muss ich nicht mehr nehmen, der Trip hat wirklich Angst gemacht. Auch DXM ist in ‘ner hohen Dosis


richtig herbe.“ Daniel und seine Freundinnen und Freunde haben sich jedes Mal, bevor sie eine neue Droge ausprobiert haben, im Internet darüber informiert – über Wirkungen, Nebenwirkungen und Langzeitschäden. Die sind besonders gravierend, wenn die Abhängigen die Drogen spritzen: „Vor allem, wenn man das Spritzbesteck teilt, kann es zu Infektionskrankheiten wie Hepatitis C oder HIV kommen“, sagt Dr. Schlüter. Bei Suchterkrankungen generell – unabhängig von der Art der Verabreichung – ist laut Schlüter der schwerwiegendste Schaden eher der soziale Abstieg: Süchtige vernachlässigen oft Freundschaften oder ihre Familie und entwickeln sich weder beruflich noch mental weiter. Dadurch könne es etwa zu Depressionen kommen. Für Daniel ist die schlimmste Folge seines Drogenkonsums, dass er sehr viel Gewicht verliert. „Mein BMI liegt nur noch bei 17,3. Das ist nicht mehr gesund“, sagt er. Manche Drogen, die er nimmt, sind appetithemmend.

Heroin zählt nicht dazu. Wenn er das geraucht hat, isst er dennoch bewusst weniger. Denn er hat Angst, im Schlaf an seinem Erbrochenen zu ersticken.

DANIELS UNTERGEWICHT IST SCHON GEFÄHRLICH Die Droge ist ihm wichtiger als seine Angst und sein starkes Untergewicht: „Ich habe so viel Spaß am Rausch. Das ist einfach ein tolles Gefühl für mich.“ Um überhaupt eine Wirkung zu spüren, muss er immer mehr Heroin rauchen. Dr. Schlüter erklärt das so: Daniels Gehirn bildet weniger Opiatrezeptoren, da bei hohem Heroinkonsum der Opiatreiz auf die Nervenzellen sehr groß ist. Wenn der Rauschzustand gleich stark bleiben soll, müssen die wenigen verbleibenden Rezeptoren zu einem höheren Anteil besetzt werden. Daniel war irgendwann bei knapp über einem halben Gramm täglich. Dieser Toleranzentwicklung sei ein typisches Zeichen für Sucht, sagt Dr. Schlüter.

16

Vor ein paar Monaten bemerkten seine Eltern den Heroin-Konsum ihres Sohnes. „Sie wussten schon früh, dass ich Drogen nehme. Als sie von Heroin erfahren haben, waren sie ziemlich wütend und geschockt.“ Schließlich haben sie seine Abhängigkeit gewissermaßen mitfinanziert: Sie unterstützen Daniel monatlich mit Geld, ohne genau zu wissen, wofür er es ausgibt. Daneben finanziert Daniel seinen Konsum durch sein BAföG und verkauft Medikamente, die er vom Arzt verschrieben bekommt, zum Beispiel Schmerzmittel. Von seinen Eltern bekommt er nun weniger Geld. Außerdem haben sie ihn dazu überredet, eine Entgiftung zu machen. Dabei sind Abhängige drei Wochen in einer Klinik und werden mit Ersatzstoffen, sogenannten Substitutionsmitteln, behandelt. Das kann zum Beispiel Methadon sein. Diese Stoffe sättigen den Opiatspiegel und verhindern Entzugserscheinungen. Die Entgiftung ist kurz und wird kaum psycho-


» Sorry, ich bin total breit, wir haben gerade gekifft. «  Daniel, als er um 16 Uhr zum Interview kommt

therapeutisch begleitet. Für Daniel war das zu wenig. Er hat ein paar Tage nach seiner Entlassung wieder angefangen, Heroin zu rauchen.

SAUBERE SPRITZEN IN DER BERATUNGSSTELLE Da er immer weniger Methadon bekommen hat, braucht er nun auch viel weniger Heroin: 0,17 bis 0,25 Gramm pro Tag. Das sind ungefähr 10 bis 15 Euro. „Weil meine Eltern mir jetzt nicht mehr so viel Geld geben, muss ich sowieso ein bisschen sparen. Deshalb kaufe ich mir eher Heroin und versuche, weniger Cannabis zu rauchen“, sagt Daniel. Auch von Heroin möchte er bald loskommen: Daniel will eine Therapie machen – im Gegensatz zu dem Entzug freiwillig. Sie soll im Frühjahr starten und fünfeinhalb Monate dauern. „Ich habe gemerkt, dass ich mit den Drogen langfristig meinen Körper zerstöre.“ Deshalb wandte er sich an die Drogenberatungsstelle „Drobs“ in Dortmund. Die bietet verschiedene Hilfsangebote an: Zum Beispiel das Café Flash, in das alle Drogenabhängige kommen können. Dort gibt es unter anderem Essen, Getränke, saubere Spritzen, Duschen und eine Kleiderkammer. Außerdem werden Abhängige über Safer Sex aufgeklärt oder können zur kostenlosen anwaltlichen Erstberatung gehen. „Im Café Flash leisten wir Überlebenshilfe“, sagt Christoph Lange, der dort arbeitet. Seit ungefähr einem Jahr gibt es in der „Drobs“ auch eine Fachstelle

für Jugendberatung und Suchtvorbeugung, „Feedback“ genannt. Dort werden jugendliche Abhängige beraten, außerdem gehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Schulen und klären über die Gefahren bei Cannabis- oder Medienabhängigkeit auf. Wichtig für Daniel ist vor allem, dass die Angestellten ihm dabei helfen, einen Therapieplatz zu bekommen. Sie kümmern sich zum Beispiel um Anträge für die Kliniken und führen mit den Abhängigen vorher persönliche Gespräche. Christoph Lange sagt: „Wir versuchen, mit der Person zu klären, warum sie überhaupt die Therapie machen will.“ Den Konsumentinnen und Konsumenten soll klarwerden, was sie erreichen wollen und was sie in der Therapie erwartet. Auch über die Zeit nach der Entlassung wird schon gesprochen.

STUDIERENDE SIND NUR SEHR SELTEN DROGENABHÄNGIG „Man wird irgendwann auf einer Party landen und muss sich fragen, wie man mit Alkohol umgeht, damit es nicht zu einer Suchtverlagerung kommt“, sagt Lange. Diese Vorbereitungen können manchmal Wochen, manchmal Monate dauern. „Das kommt darauf an, ob die Person kooperativ ist und Termine einhält, und auf die Wartezeiten in den Kliniken.“ Daniel wird in der Therapiezeit krankgeschrieben, sie zählt also nicht zu seinen Uni-Semestern. Drogenabhängige Studierende seien „die absolute Minderheit“,

17

sagt Christoph Lange. Auch junge Heroinkonsumierende gibt es nicht oft, wie eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus 2017 zeigt: Der Anteil derjenigen, die Heroin bisher schon einmal probiert haben, lag bei 12bis 17-Jährigen bei 0,1 Prozent und bei 18- bis 25-Jährigen bei 0,5 Prozent. Nach der Therapie können die Patientinnen und Patienten überlegen, ob sie sich für ein Substitutionsprogramm entscheiden. Dabei müssen sie täglich zu einem Suchtmediziner wie Dr. Schlüter gehen und unter Aufsicht das Medikament, zum Beispiel Methadon, nehmen. Außerdem werden dort eventuelle Krankheiten wie Hepatitis C behandelt und die Ärztinnen und Ärzte kontrollieren, ob die Patientinnen und Patienten wieder angefangen haben, andere Drogen zu konsumieren. Wenn das nicht der Fall ist, können sie sich irgendwann eine Wochenration ihrer Substitution abholen und die zu Hause einnehmen. In Deutschland waren 2016 fast 80.000 Substitutionspatientinnen und -patienten gemeldet. Das zeigen Zahlen des Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung. Daniel möchte nicht jeden Tag zu einer Ärztin oder einem Arzt gehen und substituieren. „Wenn ich nochmal Heroin konsumieren wollen würde, obwohl ich Methadon nehme, müsste ich das Heroin spritzen. Ansonsten würde ich davon nichts merken, weil ich vom Methadon schon betäubt bin“, sagt er. „Außerdem ist der Entzug davon noch härter als der


von Heroin.“ Dr. Schlüter sagt, dass je nach Patient unterschiedliche Substitutionsmittel verwendet werden können: „Der Entzug von Buprenorphin wird zum Beispiel als weniger schwierig empfunden, da es am Opiatrezeptor weniger stark wirkt als Heroin oder Methadon.“

FÜR SUCHTMEDIZINER IST ABSTINENZ KEIN MUSS Daniel will später trotz aller Gefahren nicht auf sämtliche Drogen verzichten. „Ich möchte möglichst kein Heroin mehr nehmen“, sagt er, „aber eventuell gelegentlich kiffen und mal Pilze oder LSD nehmen. Etwas, das nicht körperlich abhängig macht.“ Dazu sagt Dr. Schlüter: „Manche Abhängige entscheiden sich trotz Therapie dagegen, auf alle Drogen zu verzichten. Aber auch, wenn Menschen nur gelegentlich konsumieren, kann das ihrem Körper schaden. Besonders halluzinogene Substanzen wie LSD können die Entwicklung von Psychosen begünstigen, die lebenslang fortbestehen können.“ Für ihn als Suchtmediziner sei das Ziel der Substitution trotzdem nicht un-

bedingt die Abstinenz. Die Gesundheit der Patientinnen und Patienten ist ihm wichtiger und manchmal ist die eben ohne Abstinenz weniger in Gefahr: „Jeder muss für sich selbst entscheiden, was der richtige Weg ist und womit er sich am wohlsten fühlt. Nicht alle Patientinnen und Patienten sind in der Lage, völlig abstinent zu leben. Die profitieren dann von der Langzeitsubstitution.“

Die Recherche: Grundlage des Textes war ein persönliches Gespräch mit Daniel. Da sich die Redaktion wegen seines Drogenkonsums nicht sicher sein konnte, ob das, was er sagt, wahr ist, haben zwei Experten seine Aussagen eingeordnet: Dr. Marc-Alexander Schlüter und Christoph Lange. Dr. Schlüter ist Suchtmediziner. Er hat die medizinischen Fakten bestätigt und weitere Informationen über die Gefahren des Drogenkonsums gegeben. Christoph Lange unterstützt Daniel in der Drogenberatungsstelle. Er durfte wegen der ärztlichen Schweigepflicht nichts über Daniels Therapie erzählen, bestätigte aber, dass ihm die Geschichte von Daniel realistisch erscheint.

18

HILFSANGEBOTE Psychologische Studienberatung der TU Wo? Emil-Figge-Straße 61, Dortmund Telefon? 0231/7555050 Mo. 13 bis 13.30 Uhr Mi. & Do. 8.30 bis 9 Uhr Mail? psychologische-beratung @tu-dortmund.de Wann? Offene Sprechstunde: Di. & Fr. 10 bis 11.30 Uhr Die Drogenberatungsstelle Dortmund (DROBS) Wo? Schwanenwall 42, Dortmund Telefon? 0231/4773760 Mail? info@drobs-dortmund.de Wann? Mo. bis Do. 9 bis 12.30 und 13.30 bis 17 Uhr (Do. bis 18 Uhr) Fr. 9 bis 15 Uhr Fachstelle für Jugendberatung und Suchtvorbeugung (Feedback) Wo? Kuckelke 20, Dortmund Telefon? 0231/70099290 Mail? info@feedback-dortmund.de Wann? Mo.16 bis 17 Uhr


⁄⁄ SPECIALOPS

Ab auf die Piste Wer träumt nicht davon, mit seinem Hobby Geld zu verdienen? Nikita Grabko hat es geschafft – als Snowboardlehrer im Alpincenter Bottrop. Mit sieben Jahren machte er dort seine erste Abfahrt, heute unterrichtet er selbst. TEXTANNEMARIE ZERTISCH FOTOFOTOMANUFAKTUR BOCHUM, THOMAS BONNERMEIER

F

ür sein Hobby ist Nikita Grabko im falschen Bundesland aufgewachsen. Schon als Kind war für ihn klar: Er will Snowboarden. Aber Schnee im Ruhrpott? Eher eine Seltenheit. Er hat schließlich doch noch einen Weg gefunden, möglichst viel Zeit auf der Piste zu verbringen – allerdings auf einer aus Kunstschnee. Das Alpincenter in Bottrop wurde auf einer ehemaligen Kohlehalde errichtet. In mehreren Kurven schlängelt sich die Piste dort über 640 Meter den Berg herunter. Die hölzernen Deckenbalken verströmen in der mintgrün verkleideten Halle zumindest von innen das Flair einer verschneiten Berglandschaft. Hier stand Nikita mit sieben Jahren das erste Mal auf Skiern – im Kids Club, den er heute selbst unterrichtet. Eigentlich wollte er ja immer snowboarden. Beim Skifahren ist es für Kinder jedoch einfacher, sich an das Rutschen auf dem Schnee zu gewöhnen. „Snowboarden ist etwas ganz Anderes als Skifahren. Die Balance und Bewegungsabläufe sind unterschiedlich“, erzählt Nikita, der Wirtschaftsingenieurwesen an der TU Dortmund studiert.

chen die verschiedenen Bereiche laut Nikita unterschiedliche Schwierigkeitsgrade: „Auf den flacheren Stellen der Piste werden eher die Einsteiger unterrichtet. Für die Fortgeschrittenen gibt es dann anspruchsvollere Abfahrten.“ Meist buchen die Besucherinnen und Besucher Einsteigerkurse. Diese beginnen immer, ob für Erwachsene oder Kinder, mit den Grundlagen: Ausrüstung und richtige Haltung kennenlernen, Gleichgewichtsübungen und schließlich auf der Ebene und am Hang fahren. Je nach Kurs bekommt Nikita bis zu zwölf Euro pro Stunde. Im Winter verbringt er die meisten freien Tage und einen Großteil der Ferien im Alpincenter. Das mit dem Studium zu vereinbaren, ist schwierig. „Es erfordert einfach viel Planung“, erklärt er. „Die Winterferien, die andere Studenten zum Lernen nutzen, verbringe ich in der Skihalle.“

Mit zehn Jahren wechselte er und nutzte fortan jede Gelegenheit, um in Bottrop zu snowboarden. Vor fünf Jahren wurde Nikita angesprochen, ob er gern unterrichten würde. Nach einem Lehrgang des Deutschen Skiverbandes gibt Nikita nun selbst Snowboard-Stunden. „Ich betreue Fortgeschrittene, Einzelpersonen und natürlich auch den Kids Club“, sagt der Student. Obwohl es in Bottrop nur eine Piste gibt, ermögli-

Mit seinem Gehalt finanziert er sich den Großteil seiner Ausrüstung, wobei ihm seine Boards besonders wichtig sind. Nikita hat ihnen Namen gegeben: Jessica, Mila und Margot heißen sie – so wie die Schauspielerinnen Jessica Alba, Mila Kunis und Margot Robbie. Die Boards begleiten ihn in die Skihalle und natürlich auch in den Urlaub. Den verbringt Nikita meist im österreichische Bad Gastein oder im Stubaital. Aktuell ist der Snowboardlehrer im sechsten Semester. Wenn er sein Studium beendet hat, will er seinen Nebenjob und damit auch sein Hobby weiter ausüben. „Im Idealfall kann ich mein Studium dafür einsetzen, mein Hobby auszuleben, beispielsweise in der Fertigung von den Boards“, sagt Nikita.

19


IT‘S A ONE WAY TICKET TO MARS

Für viele ist schon das Auslandssemester ein aufregender Schritt. Was, wenn das Traumziel nicht Barcelona oder Paris, sondern ein fremder Planet ist? Robert Schröder will genau das. Der 30-Jährige plant, zum Mars zu fliegen – und nie wieder zurückzukommen. TEXTLEONIE KRZISTETZKO FOTONASA/JPL/CORNELL & NASA/JPLCALTECH/MSSS & LIZ PARRISH & ROBERT P. SCHRÖDER

R

obert, du bist seit 2013 bei Mars One, einer Stiftung, die Menschen auf den Mars schicken möchte. Wie bist du darauf gekommen, dich dort zu bewerben? Ich habe Anfang 2013 einen Clip im Fernsehen gesehen, in dem vom Projekt berichtet wurde. Schon als Kind wollte ich immer ins All. Vermutlich hat Star Wars damals mein Interesse daran geweckt. Der Wunsch, als Bastler und Erfinder rauszugehen, ist durch Mars One wiederaufgekommen. Ich habe mich vor der Bewerbung intensiv informiert und mich beworben, ehe ich bereut hätte, es nicht getan zu haben. Wenn du schon als Kind Astronaut werden wolltest, wieso hast du es

nicht auf dem herkömmlichen Weg versucht? Als ich als Kind in den Weltraum reisen wollte, sind nur Amerikaner und Russen dorthin gekommen. Da hat sich mein Traum, Astronaut zu werden, zerschlagen. Außerdem mussten Astronauten entweder mehrere Doktortitel haben oder hervorragende Piloten sein. Deshalb habe ich mich nicht bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA beworben. Mein Traum kam erst wieder mit Mars One auf. Du studierst Informationssystemtechnik und davor hast du Elektrotechnik studiert. Hilft dir das bei Mars One? Die Teams sollen so geschult werden, dass sie auf dem Mars alles Mögliche

erreichen können. Die ersten Teams werden verstärkt technisch ausgebildet. Elektrotechnik ist etwas, das man definitiv auf dem Mars braucht. Ich habe mein Studium aber nicht wegen Mars One aufgenommen. Was ist dein Antrieb, auf den Mars zu fliegen? Ich möchte auf dem Mars etwas schaffen, das bleibt. Ich habe den Drang zu forschen und zu entdecken, um die Menschheit voranzubringen. Das ist mein Ziel. Außerdem bietet mir das Projekt die Möglichkeit, das zu machen, was mir Spaß macht. Wie haben deine Eltern reagiert? Du bekommst ja nur ein One-Way-


Wie wäre das möglich? Per Satellit werden Signale verschickt. Über der Mars-Basis wird einer davon fliegen, sowie um die Sonne und über der Erde. Die Satelliten spiegeln die Kommunikation. Es gibt eine Zeitverzögerung zwischen 3 und 22 Minuten. Um wechselseitige Kommunikation zu erreichen, würde es mindestens 44 Minuten dauern. Natürlich müssen wir die Gespräche reduzieren. Vor allem am Anfang werden wir nicht die Möglichkeit haben, ständig auf unser Handy zu sehen, weil wir viel aufzubauen haben. Was wirst du am meisten an der Erde vermissen? Meine Familie – meine Eltern und Geschwister. Und ich werde das Essen vermissen. Hier gibt es eine große Vielfalt und auf dem Mars vielleicht zehn verschiedene Pflanzensorten und Insekten. Wir haben keinen Supermarkt, in dem man sich etwa Käse-Sticks kaufen kann.

Robert im Mars-One-Outfit auf einem Zukunftskongress 2016 in Wolfsburg Ticket zum Mars und kehrst nicht zurück. So ist es bei Mars One aus Kostengründen vorgesehen. Meine Eltern waren nicht sonderlich glücklich. Sie möchten mich hier behalten. Es wäre für sie vermutlich einfacher, wenn ich wieder zurückkommen würde. Bisher gab es keinen großen Streit. Da ich noch nicht in der Ausbildung bin, ist mein Plan kein großes Thema. Ich habe meinen Eltern gesagt, dass Mars One mein Traum ist. Ich war schon immer ein Sturkopf und habe versucht, meine Ziele durchzusetzen. Und wie sieht es mit deinen Freundinnen und Freunden aus? Die meisten Menschen kennen das Projekt nicht. Deswegen muss ich erst einmal erklären, was Mars One ist. Der überwiegende Teil meiner wirklich guten Freunde möchte nicht, dass ich fliege. Aber ein kleiner Teil unterstützt mich auch dabei. Im All kann man auch kommunizieren – jedoch nur über Botschaften.

Wie versorgt ihr euch auf dem Mars? Auf dem Hinflug gibt es Trocken- beziehungsweise Tubennahrung, wie auf der Internationalen Raumstation ISS. Auf dem Mars bauen wir dann Gewächshäuser auf. Wir haben Vorräte dabei, sodass die Versorgung erstmal gedeckt ist. Im Notfall bekommen wir Essen geschickt. Dies ist alle zwei Jahre möglich, nämlich dann, wenn sich die Planeten zueinander bewegen. So spart man Treibstoff. Unser Ziel ist es, uns über die Gewächshäuser zu ernähren. Insekten werden auch eine Rolle spielen, um an Proteine zu gelangen. Wir möchten so schnell wie möglich autark werden. Wenn irgendetwas passiert, kann die Erde schließlich keinen Krankenwagen hochschicken. Eine Reise zum Mars dauert zurzeit sechs bis acht Monate. Die medizinische Versorgung läuft über uns selbst. In einem Viererteam müssen sich zwei Menschen tiefgreifend auf diesem Gebiet auskennen. Damit einer von ihnen die Crew betreuen kann, wenn der andere krank ist. Du möchtest einen Badmintonschläger mitnehmen. Nur als Andenken oder um Sport zu machen?

22

Ich möchte schon Sport treiben, was durch die geringere Anziehungskraft und den mangelnden Raum in der ersten Zeit nicht möglich sein wird. Wir leben und essen in Röhren ohne große Räume. Wenn wir unterirdische Höhlen erforschen, finden wir vielleicht einen Platz dafür. Vielleicht kann man auch mit Mars-Anzügen Sport treiben, aber die sind mit Sicherheit bewegungseinschränkend. Hast du keine Angst vor den Risiken? Ich glaube, wenn die Rakete beim Start explodiert, ist es weniger schlimm, als wenn etwas Ungeahntes passiert und der Flug ins Leere geht. So etwas kann man nicht im Detail trainieren. Allerdings habe ich noch nie an meiner Entscheidung gezweifelt. Auf dem Mars gibt es nicht die Atmosphäre, die Menschen zum Leben brauchen. Und wenn es in unseren Behausungen Lecks gibt, müssen wir die abdichten. Das wird das größte Problem sein. Das ist wie im UBoot, da hat man unter Wasser auch nur eine gewisse Zeit zu reagieren. Ich denke, dass wir in so einem Fall funktionieren. Kannst du bei Mars One aussteigen? Ja, aussteigen kann man immer. Ob ich aussteige, hängt bei mir davon ab, ob ich eine Familie gründen möchte. Das ist aktuell kein Thema. Auch hängt es davon ab, ob ich der Technik vertraue, die ich in der Ausbildung kennenlerne. Wann beginnt die Ausbildung? Wenn ich in den nächsten zwei Runden weiterkomme, sollte sie vermutlich Ende des Jahres starten. Davor gibt es noch Gruppenkämpfe mit Challenges, die man im Team lösen muss. Hier zeigt sich, wer teamfähig ist. Das Team, das am schnellsten mit den Aufgaben fertig wird, bleibt für den nächsten Wettkampf bestehen. Bisher habe ich in den Bewerbungsrunden ein Video aufgezeichnet, Fragen beantwortet, meinen Lebenslauf eingereicht, mich ärztlich untersuchen lassen und ein Interview vor dem Expertenteam von Mars One gegeben.


Und in Teams reist ihr dann auch zum Mars. Wie sieht das genau aus? Es fliegt immer ein Team, das aus vier Menschen besteht. Deshalb versuchen die Bewerber, sich schon früh zu finden. 2031 soll das erste Team starten, alle zwei Jahre soll dann ein neues dazukommen. Wie entscheidet sich, welches Team als erstes fliegt? Bislang soll es in der Ausbildung insgesamt sechs Teams geben. Es gibt jährlich neue Auswahlverfahren um Teams zu ersetzen, die im Auswahlprozess rausfallen können. Das Ganze wird dann durch die Medien begleitet. Es soll eine Art Dokumentation entstehen, bei der die Menschen entscheiden, welches Team als erstes fliegt. Dieser Teil wäre dann interaktiv. So können die Menschen auf der Erde später entscheiden, wer sie als menschlicher Botschafter auf dem Mars vertreten wird. Um später als Gruppe zusammen leben zu können, ist es wichtig, sich gut zu kennen. Kennst du alle Kandidatinnen und Kandidaten? Unser letztes großes Treffen hatten wir in Los Angeles. Da waren circa 25 Kandidaten dabei. Allerdings war alles privat organisiert. Wir haben in einer Fabrikhalle geschlafen und waren zusammen unterwegs. Ich habe in Darmstadt ein Treffen organisiert, bei dem die europäischen Kandidaten zusammengekommen sind. Ich kenne somit etwa ein Drittel, zumindest vom Sehen. Ihr plant, ins All zu fliegen und dort irgendwann zu sterben. Schweißt das besonders zusammen? Es ist ein schönes Gefühl, dass man ein gemeinschaftliches Ziel hat. Man hat einen ähnlichen Antrieb und jeder weiß, dass man tolerant sein sollte. Alles hängt von den Gruppen ab. Hier können sich die Kandidaten selbst zusammenfinden. Zugeteilt wird man nicht direkt, die Initiatoren sorgen aber für eine gewisse Vielfalt. Bei den Vorgaben steht dann zum Beispiel „Europäer zwischen 25 und 30“. Es

Intergalaktische Freizeit: Robert zu Besuch im Technikmuseum Speyer, in dem eine russische Sojus-Kapsel ausgestellt ist geht darum, dass Menschen zum Mars kommen, die dort für immer miteinander leben. In Isolationsphasen und in der Ausbildungsphase sind die Teilnehmer jeweils in Vierergruppen unterwegs, immer mit zwei Frauen und zwei Männern. In dieser Konstellation würde man dann auch zum Mars fliegen. In den Isolationsphasen lebt und arbeitet man in diesem Team zwei bis drei Monate, um herauszufinden, ob die Gruppen zusammenpassen. Auf dem Mars sollt ihr zusammen eine Siedlung gründen. Gibt es dort Gesetze zur Verhütung oder sollt ihr euch fortpflanzen und verlieben? Es gibt noch keine derartigen Mars-Manifeste oder Gesetze. Es gibt bereits Fassungen, die aber noch von den Menschen unterschrieben werden müssten, die auf dem Mars leben. Es steht fest, dass wir in der ersten Zeit keine Kinder bekommen dürfen, da würden wir uns und auch die Kinder zu großen Risiken aussetzen.

23

Erstmal ist das Überleben selbst wichtig. Wenn die Zeit gekommen ist, kann man vielleicht über Kinder nachdenken. Meiner Meinung nach ist es am besten, eine genetische Vielfalt in Form von Eizellen und Spermien mitzunehmen und die Fortpflanzung über den Weg der künstlichen Befruchtung anzugehen. Inzest ist für mich ein No-Go. Viele Kritikerinnen und Kritiker halten es für unethisch, dass ihr nicht die Möglichkeit habt zurückzukehren: Was hältst du vom One-Way-Ticket? Wir wollen auf dem Mars etwas erschaffen, was Bestand haben wird: eine Siedlung. Wenn man ein Haus baut, macht man das ja auch meist, weil man sich dort niederlassen möchte. Deshalb halte ich das One-Way-Ticket durchaus für positiv.


Vorsicht Anfänger! Mit einer privaten Stiftung ohne Vorerfahrung auf den Mars fliegen? Und das ohne Rückkehr? Kritikerinnen und Kritiker der Mission „Mars One“ sagen, dass das Projekt für die Teilnehmenden den sicheren Tod bedeutet. TEXTLEONIE KRZISTETZKO FOTOESA/MPS FOR OSIRIS TEAM (CC BYSA 3.0 IGO)

W

enn ich zum Mars fliege, weiß ich, dass ich frühestens in zweieinhalb Jahren wieder zurückkehren kann. Wenn mir da etwas passiert, bin ich tot“, sagt Professor Doktor Ulrich Walter. Der 64-Jährige lehrt Raumfahrttechnik an der TU München und war selbst NASAAstronaut und 1993 Teil der Besatzung des Space-Shuttles „Columbia“. Walter ist einer der Kritiker des umstrittenen Projektes „Mars One“, das von 2031 an Menschen auf den Mars schicken möchte. Mars One ist eine private niederländische Stiftung, die von dem Unternehmer Bas Lansdorp gegründet wurde. Ein Flug zum Mars unterscheidet sich laut Walter enorm von einem Flug zum Mond. „Der Mond ist nur 380.000 Kilometer entfernt, wenn etwas passiert, ist man in zwei Tagen wieder zurück“, sagt er. Dies sei im Falle eines Flugs zum Mars nicht möglich, weil man für die Rückkehr zwischen 200 Tagen und zwei Jahren brauche. Mars One sieht eine Rückkehr aus Kostengründen nicht vor, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten lediglich ein „One-Way-Ticket“.

WISSENSGEWINN MUSS ETHISCH VERTRETBAR SEIN Ein Kritikpunkt auch für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR): Für das Forschungszentrum muss Wissensgewinn durch Forschung immer mit ethischen Formen verbunden sein, sagt Andreas Schütz, Pressesprecher vom DLR. Dies bedeute für Mars

One, die Rückkehr der Mannschaft zu gewährleisten. Deshalb beteiligt sich das DLR aus ethischen Gründen nicht. Die Stiftung Mars One schreibt auf ihrer Website, dass sie es durchaus für ethisch halte, eine One-Way-Mission anzustreben. Sie schließt nicht aus, dass es den Astronauten irgendwann möglich ist, auf dem Mars eine Rakete zu bauen und zurückzufliegen. Mars One vergleicht die Mission mit Auswanderungsbewegungen: „Tausende Europäer haben ihren ganzen Besitz genommen und sind zum Beispiel nach Australien emigriert.“ Zwar sei die Rückfahrt mit Booten möglich gewesen, aber das habe nicht bedeutet, dass die Emigrantinnen und Emigranten sich das leisten konnten. „Vielleicht konnten sie sich ein Ticket kaufen, nachdem sie ein paar Jahre gespart hatten – genauso wie unsere Astronauten nach einiger Zeit eine Rakete bauen könnten“, schreibt die Stiftung. Ex-Astronaut Ulrich Walter geht von einigen Hauptrisiken aus, die beim Hin- und Rückflug zum Mars auftreten können. Erstens könnte die Rakete bei der Landung auf dem Mars zerschellen. Dass dies durchaus üblich sei, zeige die ExoMars-Mission, die die Europäische Weltraumorganisation ESA mit der russischen Weltraumorganisation Roskosmos 2016 durchgeführt hat. Dabei wurde eine Sonde mit einem Fallschirm heruntergelassen und zerschellte. „Das ist der Normalfall, denn am Anfang funktioniert nie alles hundertprozentig“,

24

sagt Walter. Damit müsse auch Mars One rechnen. Die Wahrscheinlichkeit, mit der heutigen Technologie sicher auf dem Mars zu landen, schätzt er für die NASA auf 50 Prozent. Bei Mars One geht er lediglich von zehn Prozent aus. Der frühere Raumfahrer rechnet damit, dass innerhalb der ersten drei Monate entweder der Marsanzug ein Leck bekommt oder eins der Lebenserhaltungssysteme ausfällt. Diese Systeme versorgen die Astronautinnen und Astronauten mit Sauerstoff. „Und weil sie nichts dagegen machen können, sind die Kandidaten innerhalb von drei Monaten tot. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie nach drei Monaten noch leben, liegt im niedrigen Prozentbereich“, sagt Walter.

RISIKEN SCHLIEẞT DIE STIFTUNG NICHT AUS Mars-One-Kandidat Robert Schröder ist optimistisch: „Unsere Überlebenschancen werden ganz gut sein, denke ich. Es ist ja auch so, dass wir die Technologie von Unternehmen nutzen werden, die erfahren sind.“ Auf ihrer Website schließt die Stiftung das Auftreten von Risiken, wie Erkrankungen und Schädigungen des Raumanzugs, nicht aus. Auch zählt die Stiftung eine Reihe von Komplikationen auf, die auf der Reise entstehen können. Mars One wolle die Rakete „dutzende Male“ unbemannt testen. Wir haben Mars One mit den genannten Vorwürfen konfrontiert. Die Stiftung hat sich bis zum Redaktionsschluss nicht zu der Kritik geäußert. Laut Ulrich Walter kann Mars One nicht für jedes Teil der Lebenserhaltungssysteme die passenden Ersatzteile mitnehmen und muss sich auf das Notwendigste beschränken. „Das wiederum liegt daran, dass die Rakete nicht groß genug ist. Wenn sich auf dem Mars keine ausgebildeten Elektroniker befinden, bedeutet das den Tod“, sagt er. Darauf, wie dies ethisch zu vereinbaren sei, gibt die Stiftung keine Antwort. Ein Hauptrisiko stellen, so Ulrich Walter, die Reparaturen von den Systemen dar, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Sauerstoff versorgen. „Man stelle sich mal vor, dass so ein System ausfällt, weil ein Sensor nicht funktioniert. Diese


Systeme sind sehr kompliziert, es geht immer irgendetwas kaputt“.

EXPERTE SAGT: » MARS ONE IST TOT « Die Mission soll als Reality-Show im Fernsehen ausgestrahlt werden. Dieses Vorhaben stößt ebenfalls auf Kritik. Raumfahrt-Experte Walter sagt: „Das ist Sensationspresse, und natürlich gibt es Leute, die sagen: ,Dann schau ich mir mal an, wie die sterben.‘“ Die Mission im Fernsehen auszustrahlen sei allerdings eine Möglichkeit, das Projekt zu finanzieren. Aus seiner Zeit bei der NASA weiß Ulrich, dass die Medien vor einer Weltraum-Mission an einer Berichterstattung interessiert sind. Dieses Interesse würde sich allerdings nicht ein paar Jahre lang halten. Die eigentlichen Einnahmen für Mars One entstünden erst mit dem Flug zum Mars. „Dann kann der Initiator Bas Lansdorp erst das Geld erwarten. Er braucht es aber jetzt, um die Mission überhaupt finanzieren zu können“, sagt Walter. Laut Medienberichten hat Mars One bereits mit der niederländischen TV-Produktionsfirma Endemol gesprochen. Ein Vertrag sei dabei nicht zustande gekommen. Robert Schröder hat kein Problem mit dem Konzept: „Eine dokumentarische Begleitung ist für mich eine wissenschaftliche Ehre und nicht mit Formaten vergleichbar, in denen gezielt Menschen zu Auseinandersetzungen angestachelt werden.“ Mars One hat finanzielle Schwierigkeiten, sagt Ulrich Walter. Obwohl die Initiative durch den fehlenden Rückflug Geld spart, sind die Kosten für das Vorhaben immens. Die Organisation geht von sechs Milliarden US-Dollar für die erste Mission aus, Ulrich Walter schätzt die notwendigen Kosten auf lediglich rund eine Milliarde Euro. Das koste vor allem die Technik. Ein Landegerät und Lebenserhaltungssysteme habe die Stiftung bei der Firma Paragon entwickeln lassen wollen, Mars One sei aber das Geld ausgegangen. Deshalb seien dem Projekt nach einem halben Jahr Entwicklungsgelder entzogen worden, sagt Walter. Er hat Kontakt zu Paragon. Ulrich Walter denkt, dass Mars One die Mission

Wegen der größeren Umlaufbahn um die Sonne ist das Marsjahr fast doppelt so lang wie das Erdenjahr. nicht bezahlen können wird: „Nein, das Projekt ist tot. Es würde mich wundern, wenn die Jungs einfach ein paar hundert Millionen auftreiben. So ist es, und es ist gut so, weil es unethisch ist.“

MARS ONE REGT DEN DISKURS AN Er habe bis auf die Anmeldegebühr sonst kein Geld für das Projekt zahlen müssen, sagt Robert Schröder. Die Gebühr sei vom Wohlstand des jeweiligen Landes abhängig: in seinem Fall etwa 35 Dollar. Nach Angaben von Walter ist die Ausbildung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht ausreichend für eine Mission dieser Art: „Für so eine Mission braucht man erfahrene Leute. Das ist, als würde man einen Piloten für einen Jumbo-Jet suchen und sich einen Elektrotechnikstudenten aussuchen. Da passiert dann irgendetwas und das Ding stürzt ab.“ So würde es auch Mars One ergehen: „Deshalb brauchen sie erfahrene Astronauten und nicht so einen frischen Studenten, der keine Ahnung von Raumfahrt hat.“

25

Noch seien keine konkreten Inhalte zur Schulung genannt worden, sagt Robert Schröder. Der Kandidat ist zuversichtlich: „Das Training wird etwa zehn Jahre andauern. So hat jeder Kandidat auch ohne wirkliche Vorkenntnisse die Chance, mit der Crew zum Ziel zu gelangen.“ Das Projekt hat allerdings auch gute Seiten: Es regt zur Diskussion an. Der Mars sei das einzige lohnende Ziel der Menschheit, weil man wisse, dass er vor dreieinhalb Milliarden Jahren einen Ozean und eine dichte Atmosphäre gehabt hat, sagt Ulrich Walter. Das sei Voraussetzung dafür, dass sich Leben bildet. Die Frage „Sind wir allein im Universum?“ sei fundamental. „Das treibt die Menschheit zum Mars“, sagt Walter. Das Projekt bringe die Gründe, auf den Mars zu fliegen, wieder ins Gespräch. Walter resümiert: „Aus diesem Grund ist Mars One wiederrum gut. Aber es ist nicht gut, wie sie das Projekt umsetzen.“ Wichtige Weltraumprojekte sollten in den Händen der erfahrenen Raumfahrtorganisationen bleiben.


WEIL ICH KEIN MÄDCHEN BIN Christian war einmal Christiane. Er ist intergeschlechtlich und wurde als Kleinkind einer geschlechtsverändernden Operation unterzogen. Heute hasst er den Namen Christiane, liebt seinen Körper und möchte damit auf die Bühne gehen. TEXTSALOME BERBLINGER FOTOPRIVAT

W

enn Chriss als Teenager auf die Frauentoilette ging, riefen die Mädels: „Ey, geh doch auf’s Männerklo!“ Dann ging sie trotzdem weiter, schloss sich in einer Kabine ein und schämte sich. Bei der Zeugnisvergabe lachten viele, als „Christiane Moldovan“ aufgerufen wurde und sie vor zur Bühne ging. Im Bus packten ein paar Jungs Chriss beim Kragen und fragten: „Was bist du? Junge oder Mädchen?“ Heute kann Christian Moldovan diese Frage beantworten: Er ist intergeschlechtlich, kam mit Geschlechtsmerkmalen auf die Welt, die nicht in die Norm von weiblich oder

männlich passten. Als er ein Jahr und ein Monat alt war, entschieden die Ärztinnen und Ärzte, ihn zu operieren und sein Genital zu feminisieren. Er wurde mit vier Monaten als Junge getauft und später als Mädchen eingeschult. Jetzt ist der 28-Jährige ein Mann. Christian hat schon früh gewusst, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Er hat sich anders entwickelt als die Mädchen in seinem Alter. Bekam eine tiefe Stimme anstatt Brüste. Hatte kurzgeschnittenes Haar, spielte Fußball, gewann beim Armdrücken und schlug sich mit Jungs. „Ich habe mich eigentlich schon immer

26

wie ein Junge benommen. Auch wenn ich intersexuell geboren wurde, bin ich ein männliches Individuum“, sagt er.

INTER*KINDER ERFAHREN SOZIALE AKZEPTANZ Bei Christians Geburt sahen seine Genitalien anders aus als bei anderen Babys: Die Harnröhre verlief nicht durch den Penis, sondern trat zwischen den Hodensäcken hervor. Das Glied war dort mit einem Häutchen befestigt und deshalb ein bisschen gekrümmt. Daraufhin untersuchten die Ärztinnen und Ärzte Christians Chromosomensatz. Das


» Meine Eltern wurden damals quasi gezwungen. Es hieß, dass es besser für mich sei, weiblich erzogen zu werden. « 

Ergebnis: 46 XY-Chromosomen – also männlich. Sie überprüften zusätzlich, ob Christian eine Prostata hatte. Und deuteten diese fälschlicherweise als Vagina. Daraufhin wollten Medizinerinnen und Mediziner Christian operieren. „Meine Eltern wurden damals quasi gezwungen. Es hieß, dass es besser für mich sei, weiblich erzogen zu werden. Und dass ich ohne die OP nicht glücklich werde“, sagt Christian. „Und dann war ich eben gar nicht glücklich. Jahrelang.“ Auf diese Art und Weise rechtfertigen Ärztinnen und Ärzte noch heute Operationen am Genital, sagt Prof. Dr. Katja Sabisch, Professorin für Gender Studies an der Ruhr-Universität Bochum. Dabei argumentierten Ärztinnen und Ärzte nicht medizinisch, sondern alltagsweltlich und soziologisch. Dagegen gebe es Studien, die belegen, dass Kinder, die mal als Junge aufwachsen und mal als Mädchen, soziale Akzeptanz erfahren. „Vor allem im Kindergarten und in der Grundschule funktioniert das ganz gut und die Vermutung, diese Kinder würden aufgrund ihrer geschlechtlichen Vielfalt diskriminiert, kann nicht bestätigt werden“, sagt Sabisch. Christians beste Freundinnen und Freunde haben ihn im Kindergarten mit seinem weiblichen Namen kennengelernt. Mit zwölf Jahren hat sein Vater mit ihm das erste Mal über seine Intergeschlechtlichkeit gesprochen. „Als Kind habe ich das noch nicht begriffen und es war richtig schlimm für mich“, sagt

Christian. „Ich habe geweint und gefragt: ‚Ja wie, bin ich jetzt doch kein Mädchen?’“ Mit 15 hat er es seinen Freunden erzählt. „Sie haben ja selbst gesehen, dass ich mich nicht in Richtung Mädchen entwickelt habe“, sagt er. „Und sie haben es gut aufgefasst. Ich denke, gute Freunde, die einen von klein auf kennen – für die ist das kein Problem.“

VON EINER ÜBERSTÜRZTEN OPERATION WIRD ABGERATEN Eltern intergeschlechtlicher Kinder haben vor allem Fragen und Sorgen, die den Alltag betreffen. Sabisch hat mit Eltern und Ärztinnen und Ärzten über die Versorgungssituation und Beratungsmöglichkeiten gesprochen. Die von ihr durchgeführte Studie belegt, dass es nach wie vor großen Handlungsbedarf in den Krankenhäusern NRWs gibt. „Intersexuelle Kinder werden überall geboren. Es gibt zwar Behandlungsleitlinien, die raten, von einer überstürzten Operation abzusehen. Doch die Frage ist: Wird den Leitlinien auch in den kleinsten Krankenhäusern entsprochen?“ Eine 2016 erschienene Studie von Ulrike Klöppel, Mitarbeiterin des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin, kommt zu dem Schluss, dass diese medizinischen Leitlinien in der klinischen Praxis nur lückenhaft umgesetzt werden. Kosmetische Eingriffe – die wie in Christians Fall vermeidbar wären – seien demnach 2005 bis 2014 nicht wesentlich

27

zurückgegangen. Pro Jahr fanden durchschnittlich 1.729 Operationen an Kindern unter zehn Jahren statt. Zwar gebe es einen Rückgang feminisierender und maskulinisierender Genitaloperationen bei den herkömmlichen, eng gefassten Diagnosen von Intergeschlechtlichkeit. Dazu gehört beispielsweise die Diagnose Hermaphroditismus. Hier sind bei einer Person sowohl Eierstöcke als auch Hoden vorhanden. Dagegen gebe es einen Anstieg bei Diagnosen, die im weiteren Sinne intergeschlechtliche Ausprägungen umfassen. Damit sind beispielsweise Ergebnisse von Hormontests oder andere angeborene Fehlbildungen der Genitalorgane gemeint. Fehlbildung ist der medizinische Begriff. Inter* sehen das intergeschlechtliche Genital nicht zwingend als Fehlbildung – es ist eben eines, das nicht in die Norm von weiblich oder männlich passt. Es handelt sich bei den Operationen um kosmetische Eingriffe – oft im Kleinkindalter. Inter*-Verbände kritisieren die Operationen als Menschenrechtsverletzungen, da alle Menschen selbst über den eigenen Körper entscheiden sollten. Wie auch in Christians Fall führen die Operationen meistens nicht dazu, dass die Personen glücklicher aufwachsen als ohne Operation. Noch bis er 18 Jahre alt war, hat Christian sich oft als Chriss oder Chrissie vorgestellt. „Ich hasse den Namen Christi-


ane bis heute. Nichts gegen den Namen an sich. Es ist so gesehen ein schöner Name“, sagt er. Er wollte sich nur nicht gleich vor allen rechtfertigen müssen. Mit 18 Jahren ließ Christian sich ein Gutachten über seine Intergeschlechtlichkeit erstellen und beantragte die Namensänderung. Er habe sich seine männliche Identität juristisch zurückgeholt, sagt Christian. Ein halbes Jahr musste er darauf warten.

GESCHLECHTSVERKEHR KANN ER NICHT HABEN „Intersexualität ist so ein großes Spektrum. Bei mir war es dieser Schönheitsfehler“, sagt Christian. In den meisten Fällen kommt es wie bei ihm zu feminisierenden Genitaloperationen – also einer Veränderung der Geschlechtsteile ins Weibliche. Warum? Die Antwort wird oft so zusammengefasst: „It’s easier to make a hole than to build a pole.“ Bei Christian haben die Ärztinnen und Ärzte den Hodensack aufgeschnitten, sodass er nach Schamlippen aussieht. Das Glied versetzten sie nach innen. „Die haben das durch die OP noch schlimmer gemacht. Sie haben

mir Schmerzen zugefügt. Und das ist so kein funktionsfähiges Geschlecht. Die haben echt Scheiße mit mir gebaut und ich habe jahrelang darunter gelitten“, sagt Christian. Geschlechtsverkehr kann er – so wie es jetzt gerade ist – nicht haben. „Ich spüre da schon so eine Art Erektion. Aber es fühlt sich nicht richtig an. Man sieht auch Narben. Es ist die einzige Stelle an meinem Körper, die ich richtig hasse.“ Eine Freundin, die nur „Sex in der Birne“ hat, wie Christian sagt, könne er nicht gebrauchen. Er hatte schon mehrere Beziehungen. Aber es sei schwierig, eine Frau zu finden, die zu ihm steht. Am liebsten würde er eine intergeschlechtliche Frau kennenlernen. Die könnte ihn vielleicht besser verstehen. Momentan sei er höchstens in einer Beziehung mit dem Fitnessstudio, sagt Christian und lacht. Christian macht Bodybuilding und möchte vielleicht irgendwann damit auf die Bühne gehen – dabei sollte seine Intergeschlechtlichkeit kein Problem darstellen. Anders geht es einigen intergeschlechtlichen Athletinnen. In der Welt des Sports wird strikt zwischen zwei Geschlechtern unterschieden. Bei der

INTERSEXUALITÄT Intergeschlechtliche Menschen (auch Inter*) haben angeborene Merkmale des männlichen und weiblichen Geschlechts. Die Merkmale können anatomischer Natur sein, beispielsweise eine Veränderung am Genital. Auch kann es vorkommen, dass die Bestimmung des Geschlechts aufgrund des äußerlichen Erscheinungsbildes nicht mit dem Chromosomensatz übereinstimmt. Gleiches gilt für die Hormone, beispielsweise, wenn ungewöhnlich viel Testosteron produziert wird. Oft entde-

cken Menschen ihre Intergeschlechtlichkeit erst in der Pubertät. Es gibt viele verschiedene Diagnosen und Formen der Intergeschlechtlichkeit – deshalb sprechen Vereinigungen von intergeschlechtlichen Menschen nicht von einem „dritten Geschlecht“. Der Begriff Intersexualität bezeichnet dasselbe und wird international für das Phänomen verwendet. Viele intergeschlechtliche Menschen stören sich dabei an der missverständlichen Nähe zu den Begriffen Sexualität und Transsexualität beziehungsweise Transgeschlechtlichkeit.

28

Von letzterem ist Intergeschlechtlichkeit abzugrenzen, denn Intergeschlechtlichkeit ist ein körperliches Phänomen, das erst einmal nichts mit Identität zu tun hat. Intergeschlechtliche Menschen können wie alle Menschen eine weibliche, männliche oder nicht-binäre Identität haben. Nicht-binär heißt, dass sich ein Mensch weder eindeutig als Frau noch als Mann identifiziert. Nicht-binär kann beispielsweise genderfluid – die Person fühlt sich manchmal als Frau, manchmal als Mann – bedeuten. Als nicht-binär können sich auch transgeschlechtliche


Leichtathletik-WM 2009 siegte die Südafrikanerin Caster Semenya im 800-Meter-Lauf. Doch es wurden Stimmen laut, sie sei keine Frau. Tatsächlich ergab eine Untersuchung im selben Jahr, dass die Athletin intergeschlechtlich ist. Sie selbst hatte das bis dahin nicht gewusst.

VERFASSUNGSGERICHT HAT DRITTE OPTION BESCHLOSSEN Nach einer darauffolgenden Entscheidung des Leichtathletik-Weltverbandes mussten intergeschlechtliche Athletinnen Medikamente zu sich nehmen, um ihre männlichen Sexualhormone auf ein niedrigeres Niveau zu drücken. Ein Niveau, das dem ihrer Konkurrentinnen ähnlich ist und somit einen fairen Wettkampf gewährleisten sollte. Der internationale Sportgerichthof CAS hat diesen Grenzwert 2015 aufgehoben und mehr wissenschaftliche Belege des Leichtathletik-Weltverbandes gefordert. Das war das Ergebnis der Klage einer indischen Sprinterin, Dutee Chand. Außerhalb der Welt des Sports hat die intergeschlechtliche Person Vanja mit Erfolg geklagt. Das am 8. November

Menschen verstehen. Transgeschlechtlichkeit bedeutet, dass das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht nicht mit der Geschlechtsidentität übereinstimmt. Andersherum gibt es auch transgeschlechtliche Menschen, die sich klar als Frau oder Mann identifizieren. Manche intergeschlechtlichen Menschen bezeichnen ihre Geschlechtsidentität als Inter*, Herm, Zwitter oder auch Zwischengeschlecht. Der englischsprachige Begriff Disorders in Sex Development (DSD) trägt

2016 gefallene Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zur dritten Option bietet neue Chancen für intergeschlechtliche Menschen. „Geschlechtliche Vielfalt wird durch den öffentlichen Diskurs sichtbarer“, sagt Professorin Sabisch. Intergeschlechtlichkeit ist jetzt kein Tabu-Thema mehr. Und das sei wichtig für die gesamte Gesellschaft. Denn das Verkleinern der Klitoris oder die Entnahme von Hoden seien nicht mit Menschenrechten vereinbar. Über solche massiven Eingriffe sollte ein Mensch selbst entscheiden dürfen, sagt Sabisch. Durch die dritte Option stehen Ärztinnen und Ärzte nicht mehr unter dem Druck, zwischen zwei Geschlechtern wählen zu müssen. Als intergeschlechtlicher Mensch selbst entscheiden zu können: Das ist auch der Wunsch von Christian. Wenn er genug Geld dafür hat, möchte er sich einer weiteren, gewollten Operation unterziehen und sich einen Penis machen lassen. Er steht mittlerweile zu sich selbst. Christian sagt: „Ich habe mir selbst die Schuld daran gegeben – bestimmt bis ich 21 war. Das ist das Problem der meisten intersexuellen Leute. Obwohl wir eigentlich gar nichts dafürkönnen.“

laut dem Verein Intersexuelle Menschen zur Pathologisierung bei – also dem „Krankmachen“ der Personen mit diesem Phänomen. Treffender ist der Begriff Differences of Sex Development oder Variationen der körperlichen Geschlechtsmerkmale. Laut dem „Leitfaden Inter* und Sprache“ soll von den Ausdrücken geschlechtszuweisender oder geschlechtsangleichender Operationen abgesehen werden. Stattdessen ist der Begriff geschlechtsverändernde Eingriffe zu verwenden. Weitere Informationen gibt es im Leitfaden der Vereinigung

29

Intergeschlechtlicher Menschen unter: oiigermany.org. Wie viele intergeschlechtliche Menschen es in Deutschland gibt, ist nicht klar. Die Erhebungen dieser Zahlen sind schwierig durchzuführen, weil viele Menschen nichts von ihrer Intergeschlechtlichkeit wissen. Problematisch sind auch die verschiedenen Diagnosen und Definitionen von Intergeschlechtlichkeit. Geschätzt gibt es zwischen 100.000 und 200.000 intergeschlechtliche Menschen in Deutschland.


30


DER LETZTE MACHT DAS LICHT AUS 2018 wird im Ruhrgebiet als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem das letzte Stück Steinkohle gefördert wurde. Im Dezember schließt die letzte Zeche im Pott. Ein alter Bergmann erzählt, wie tief die Zechen in der Region verwurzelt sind. TEXTTIM LIEVERTZ FOTOLUKAS WILHELM

D

as Ruhrgebiet und der Bergbau – zwei Dinge, die untrennbar verbunden sind. Zumindest war das bislang so. Denn mit 2018 wurde gleichzeitig das letzte Jahr des Ruhrbergbaus eingeläutet. Am 21. Dezember heißt es Schicht im Schacht. Dann werden die Kumpel auf der Zeche Prosper Haniel in Bottrop die letzten Kohlestücke ans Tageslicht fördern. Und dem Ruhrgebiet fehlt das, was diese Region einst so groß gemacht hat. Mit der industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt im Ruhrgebiet eine Entwicklung, ohne die das Münsterland heutzutage direkt an das Rheinland grenzen würde – das Ruhrgebiet wäre wohl schlichtweg nicht existent. Doch dank des Industrie-Booms entsteht eine Zeche nach der anderen, daneben wachsen Kokereien und Stahlwerke in den Himmel. Den Höhepunkt seiner Geschichte erreicht der Ruhrbergbau zu Beginn der Zwanzigerjahre. Der Bergbau hat das Ruhrgebiet zum größten Ballungsraum Deutschlands gemacht. Zu Hochzeiten des Bergbaus gingen die wildesten Gerüchte in Deutschland um.

Vor allem Mütter, deren Söhne es auf der Suche nach Arbeit ins Ruhrgebiet zog, schlugen die Hände über dem Kopf zusammen: „Da kann man keine weiße Wäsche trocknen, die ist schwarz, wenn man die wieder abnimmt.“ Und so ganz Unrecht hatten sie damit nicht. „Da ist schon etwas dran“, erzählt Karlheinz Rabas.

ES GAB FAST 600.000 ANGESTELLTE Der 80-Jährige arbeitete zunächst als Maschinensteiger auf dem Weltkulturerbe Zollverein, der größten Zeche des Ruhrgebiets, später war er für die Ruhrkohle AG tätig. Heute unterhält er im Gelsenkirchener Stadtteil Rotthausen eine Bergbausammlung. „Im Laufe der Zeit wurde das mit den Vorschriften zum Umweltschutz natürlich besser. Aber wenn man früher am Morgen ein weißes Hemd angezogen hat und Pech hatte, war der Kragen mittags schon schwarz.“ Rabas ist ein Kind des Ruhrgebiets. 1937 im Schatten von Zollverein geboren, erlebte er den Niedergang des Bergbaus hautnah mit. Dass es in seiner Heimat einmal keine einzige aktive Zeche

31

mehr geben würde, wollte er lange nicht glauben. Wie auch alle anderen, die etwas mit dem Bergbau zu tun hatten. „Nein, das konnte man sich gar nicht vorstellen bei der Vielzahl an Zechen, die es hier gab.“ Knapp 300 fördernde Bergwerke mit einer Belegschaft von bis zu 600.000 Angestellten gab es in den Zwanzigerjahren im Ruhrgebiet. Nach dem Krieg waren das nicht viel weniger. „Ohne den Bergbau würde es das Ruhrgebiet in dieser Form heute ja gar nicht geben. Zwar hat die Stahlindustrie auch ihren Teil dazu beigetragen, aber auch die hätte es hier ohne den Bergbau ja nicht gegeben“, sagt Rabas. Auch er ging damals zu dem mit Abstand sichersten Arbeitgeber, den es weit und breit gab. „Als ich 1953 mit der Schule fertig war, war es sehr schwierig, eine Lehrstelle zu finden“, sagt er. „Wir mussten mit 70, 80 Mann eine Aufnahmeprüfung machen, Lehrstellen gab es nur für 16.“ Rabas bestand die Aufnahmeprüfung, wollte später eigentlich zur Ingenieursschule gehen. „Aber der damalige Betriebsführer auf Zollverein war unser Nachbar. Der hat gesagt: ‚Der Karlheinz geht nicht zur Ingenieursschule, der geht zur Bergschule, das ist alles viel besser.‘ Punkt, das wurde dann so beschlossen, und ich hatte zu parieren, Feierabend“, erzählt er. Und so machte er eine Lehre als Maschinensteiger. Dass er den Betriebsführer kannte, hatte für Rabas nicht nur Vorteile. „Ich hatte bei ihm etwas schwierige Zeiten, weil er der Meinung war, er müsste mir beson-


ders viel beibringen. Und wenn die anderen abends irgendwo hingegangen sind, kriegte ich das Kommando: ‚Da ist ein Wagen in den Schacht gefallen, du musst sofort nach Zollverein kommen.‘ Da habe ich dann immer geflucht“, sagt Rabas.

WAS BLEIBT, SIND VIELE LUSTIGE ANEKDOTEN Es gibt weitere Anekdoten, an die sich der 80-Jährige gern zurückerinnert. Es gehörte zur Lehre dazu, unter Tage zu arbeiten. „Drei Monate lang musste ich auch Kohle machen“, erklärt er. „Ich habe unter Tage gearbeitet und mit meinem Abbauhammer die Kohle losgemacht“, erzählt Rabas, da sei das Werkzeug, ein großer Presslufthammer mit einem Druckluftschlauch am

32

Ende, plötzlich weg gewesen. Nach dem ersten Schock stellte er dann fest, dass dort „ein gemauerter Schacht war, den ich mit meinem Hammer durchbrochen hatte.“ Der Hammer baumelte also ein paar Meter tiefer an dem Gummischlauch. „Dann kamen natürlich alle Kumpels, haben rechts und links geguckt und sich auch gefragt, was denn der Schacht da macht. Später haben sie die ganze Zeche auf den Kopf gestellt, aber keiner wusste, woher dieser Schacht kam.“ Rabas und seine Kumpel vermuten, dass das ein Suchschacht gewesen sei. Ein Schacht, der gebaut wurde, um zu prüfen, ob an der jeweiligen Stelle ein Kohleflöz vorhanden ist. „Diesen Suchschacht hatte aber anscheinend keiner in irgendeiner Karte verzeichnet“, sagt er.


Solche Dinge konnten im Bergbau immer wieder passieren: Obwohl die Umwelt- und vor allem die Sicherheitsstandards immer strenger und die Technik immer moderner wurden. Da die Betriebskosten somit in die Höhe schnellten, konnten die Zechen im Ruhrgebiet mit den billigen Preisen der Kohle aus dem Ausland nicht mehr mithalten. Als großer Arbeitgeber wurden sie durch immer größer werdende Subventionen am Leben gehalten, bis die Bundesregierung den Steinkohleausstieg für 2018 beschloss.

SO SIND SIE EBEN IM POTT: RAU, ABER HERZLICH Bergab ging es aber schon deutlich früher, erinnert sich Rabas. Wenn auch nur sehr langsam. Anfang der Sechzigerjahre fing die Bochumer Bergbau AG damals mit den ersten Zechenstilllegungen an. „Erst kamen die ersten Feierschichten, man bekam also einen Tag frei, und dann wurden die ersten Zechen zugemacht.“ Die Betreiber hatten ihre Gründe, schließlich gab es finanzielle Anreize für eine Schließung. Diese „Stilllegungsprämien“, wie Rabas sie nennt, hingen vom Investitionsvolumen der vorangegangenen Jahre ab. „Da konnte man dann schon immer erahnen, dass eine Zeche zumachen würde“, sagt Rabas. Dabei bemühte man sich immer, „den Bergmann nicht ins Bergfreie fallen zu lassen“, ihn also auf einer anderen Zeche unterzubringen, falls er noch jung war. Der Zusammenhalt im Bergbau sei eben etwas Besonderes gewesen. Unter Tage habe das sowieso gegolten. „Da hat einer dem anderen geholfen“, sagt Rabas, „anders ging das ja auch gar nicht.“ Denn der Beruf des Bergmannes war gefährlich. Ohne gegenseitiges Vertrauen und Unterstützung ging es nicht. Daher, glaubt Rabas, kommt auch die für das Ruhrgebiet typische Mentalität: Immer direkt zu sein, immer gerade heraus die Wahrheit zu sagen. „Wenn da irgendwo etwas nicht passte, haben sie sich einen in die Schnauze gehauen, sind danach zusammen ein Bier trinken gegangen und dann war der Fall erledigt. Da wurde nicht so ein Theater

gemacht, das wurde schnell und direkt geklärt. Rau, aber herzlich.“ Allzu oft sei das natürlich nicht passiert. Zumindest das mit dem „in die Schnauze hauen“, das mit dem Bier trinken gehen schon eher. Das gehörte quasi zum Alltag eines Bergmannes, was auch die Gastronomie im Ruhrgebiet wachsen ließ. Mit dem Bergbau sind auch immer mehr Kneipen aus den Stadtbildern im Pott verschwunden. „Der Bergmann ist früher nach der Schicht meist in die Kneipe gegangen, hat noch ein Bier oder einen Schnaps getrunken, ist dann nach Hause gegangen und hat sich auf die Couch gelegt“, erzählt Rabas. Danach habe man sich noch mit seinem Hobby beschäftigt, bei den meisten Bergmännern waren das Tauben. Viele Kumpel hielten die Tiere entweder im hauseigenen oder im Schrebergarten.

DIE SPUREN DES BERGBAUS BLEIBEN Die Taubenschläge in den Gärten des Ruhrgebiets sind zum Großteil verschwunden, die markanten Fördertürme hingegen sind der Region vielerorts erhalten geblieben. Und mit ihnen auch die Folgeerscheinungen des Bergbaus.

33

„Mit dem Ende der Förderung ist der Bergbau ja nicht zu Ende“, erklärt Rabas. „Die Bergbaufolgen müssen begleitet werden, wie das Grubenwasser oder auch die Bergsenkungen. Wenn man südlich der Ruhr guckt, da kann man fast jeden Tag in der Zeitung lesen, dass wieder irgendwo was abgesackt ist.“ Die vielen Kleinzechen, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und zum Teil schwarz betrieben wurden, hatten oft nicht die Möglichkeit, ihre Schächte und Strecken richtig abzusichern. „Das wird uns noch viele Jahre beschäftigen.“ Genauso wie das Grubenwasser. Das Wasser, das sich unten in den Schächten sammelt, muss weiter abgepumpt werden, auch wenn der Betrieb der jeweiligen Schächte schon seit Jahrzehnten stillgelegt ist. Denn: „Das Grubenwasser ist sehr salzhaltig, teilweise mit giftigem PCB belastet. Es darf auf keinen Fall mit dem Grundwasser in Verbindung kommen“, erklärt Rabas. Das seien die Ewigkeitskosten, die der Bergbau mit sich bringt. Und so bleiben das Ruhrgebiet und der Bergbau weiterhin verbunden. Auch nach dem 21. Dezember, wenn auf Prosper Haniel in Bottrop die letzte Grubenlampe erloschen ist.


EINKAUFSFÜHRER

Bücher, Elektronik, Kleidung: Bei Amazon finden alle fast alles, was sie suchen. Auch Wehrmachts-Andenken. Im Interview erklärt der politische Philosoph Christian Neuhäuser, warum Amazon dabei oft gegen die Moral, aber nicht gegen das Gesetz verstößt. TEXTLUKAS WILHELM ILLUSTRATIONJULIUS REINDERS

34


A

mazon steht wie viele seiner Konkurrenten auf dem Weltmarkt immer wieder in der öffentlichen Kritik. Häufig ging es dabei in den letzten Jahren um die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Versandfilialen. Doch auch das Angebot des Konzerns ist an manchen Stellen zweifelhaft: Er bietet in Deutschland Produkte an, die möglicherweise die Wehrmacht und den Nationalsozialismus verherrlichen. Der Versandhandel verkauft diese Produkte nicht selbst, bietet sie allerdings über den Amazon-Marketplace an. Hier können Drittanbieter ihre Ware verkaufen. Vom „I love Adolf Hitler“-Schlüsselanhänger bis zum Erwin-RommelBlechschild können Kundinnen und Kunden allerhand zweifelhafte Ware erwerben. Nicht alle dieser Produkte sind in Deutschland rechtlich verboten. Der Schlüsselanhänger mit Hitler wurde zumindest nach einigen Wochen wieder aus dem Shop entfernt. Eine Bitte um Stellungnahme ließ Amazon bis heute unbeantwortet. Verzichten will kaum jemand auf den Internethändler, den meisten Kundinnen und Kunden ist das Problem auch gar nicht bewusst. Millionen Menschen tippen die Adresse täglich in ihren Browser. Wenn sie einen Fernseher kaufen möchten, oder Lehrbücher für die Vorlesung, oder eine neue Toilettenbürste: amazon.com. Mit ein paar wenigen Klicks und einem Tag Geduld wird die Ware meist einwandfrei und zum günstigen Preis bis vor die Tür geliefert. Amazon beschäftigt weltweit über eine halbe Million Menschen in seinen Versandhäusern. Der Konzern gehört zu

den umsatzstärksten der Welt: Nach eigenen Angaben erwirtschaftete er 2016 einen Umsatz von 136 Milliarden US-Dollar. Es ist das Unternehmen mit dem vierthöchsten Marktwert der Welt, nur Apple, Alphabet und Microsoft stehen noch höher im Kurs.

sation der NSDAP, sondern Deutschlands Armee zu dieser Zeit. Es ist jedoch klar, dass eine Glorifizierung der Wehrmacht während des Dritten Reichs einer Glorifizierung des Nationalsozialismus sehr nahekommt. Damit wären sie also auch moralisch problematisch.

Ist ein Unternehmen wie Amazon moralisch dazu verpflichtet, zu Wehrmachtssoldaten umbemalte Legofiguren oder Fahnen des deutschen Afrikakorps aus dem Sortiment zu nehmen? Mit der Moral von großen Unternehmen beschäftigt sich Prof. Dr. Christian Neuhäuser, politischer Philosoph und Dozent an der TU Dortmund. Im Interview übt er scharfe Kritik an Amazon und erklärt den Unterschied zwischen Gesetz und Moral.

Warum gibt es einen Unterschied zwischen Moral und Gesetz? Gesetze entstehen durch politische und in vielen Ländern auch durch demokratische Entscheidungen. Sie werden mithilfe der Polizei und der Justiz ziemlich wirksam umgesetzt. Bei der Moral ist das anders. Moral ist politisch nicht legitimiert. Die Frage, was moralisch in Ordnung ist und was nicht, wird im öffentlichen Diskurs geklärt. Man kann also sagen, dass Gesetze vom Staat festgelegt werden, Moral hingegen aus einer Gesellschaft heraus entsteht – mit weniger Durchsetzungskraft. Eine Frage des Gesetzes ist zum Beispiel eine Gewalttat, eine Frage der Moral und der Sittlichkeit ist eher, ob ich nackt am Strand liege oder saufend in Vorlesungen sitze.

Herr Neuhäuser, ist ein Großkonzern wie Amazon in der moralischen Pflicht, sich darüber Gedanken zu machen, was er anbietet? Ja, auf jeden Fall. Amazon ist ein großes Unternehmen mit einer extremen Marktmacht. Mit dieser Macht geht eine moralische Verantwortung einher. Die meisten Kundinnen und Kunden von Amazon erwarten, dass sich das Unternehmen moralisch korrekt verhält. Ein Großteil der umstrittenen Produkte ist in Deutschland gesetzlich nicht verboten. Trotzdem widersprechen sie dem allgemeinen Verständnis von Moral. Zum einen gibt es die Artikel, die klar verboten sind, zum Beispiel Produkte, die den Nationalsozialismus glorifizieren. Bei der meisten Ware geht es aber nicht direkt um die Nazis, sondern um die Wehrmacht. Das war keine Organi-

35

Kann man Amazon dafür zur Verantwortung ziehen, dass es moralisch fragwürdige Artikel anbietet? Ich denke, ja. Bei der Moral unterscheidet man zwischen zwei Arten. Zum einen gibt es Fragen, die unter den sogenannten vernünftigen Pluralismus fallen. Das bedeutet mehrere Entscheidungen können moralisch vertretbar sein. Zum Beispiel die Frage, ob Drogerien Alkohol anbieten sollten. Rossmann bietet ihn beispielsweise an, DM hingegen nicht. Die Glorifizierung des Nationalsozialismus ist aber eine eindeutige moralische Verwerflichkeit und damit zweifellos falsch. Daran muss


sich auch Amazon orientieren. Sonst macht sich das Unternehmen mitschuldig an der Verherrlichung des Nationalsozialismus. Warum ändert Amazon sein Angebot dann nicht? Das ist schwierig zu beantworten. Es kann daran liegen, dass Amazon ein amerikanisches Unternehmen ist. In den USA wird Meinungsfreiheit sehr absolut gedacht. Es gibt also weniger moralische Tabus. In Deutschland ist das aufgrund der eigenen Geschichte deutlich anders.

Moral und Sittlichkeit einzuhalten? Ja, ich vermute das. Viele der Großkonzerne haben sich Unternehmensstrukturen gegeben, die nur auf Profitmaximierung ausgelegt sind. Im Fall von Amazon bedeutet das dann, dass man nicht darauf verzichtet, mit den umstrittenen Produkten Umsatz zu erwirtschaften, nur weil sie moralisch zweifelhaft sind.

Spielt Geld dabei auch eine Rolle? Mit Sicherheit. Um das Angebot der Drittanbieter auf dem Amazon Marketplace genauer zu überwachen, müssten mehr Leute eingestellt und entsprechende Algorithmen entwickelt werden, damit diese Produkte herausgefiltert werden können.

Wie kann man das ändern? Ich denke, dass hierbei zwei Dinge entscheidend sind. Zum einen muss die Politik Konzerne stärker in die Pflicht nehmen. Zum anderen müssen sich auch die Verbraucher bemerkbar machen. Wenn sich plötzlich zehntausend Amazon-Kunden darüber beschweren, dass es eine Zeit lang auf amazon.com Adolf-Hitler-Schlüsselanhänger gegeben hat, dann würde die Firma wohl auch in Zukunft viel genauere Kontrollen durchführen.

Tun sich Großkonzerne wie Amazon besonders schwer, die Regeln von

Was raten Sie Amazon-Kundinnen und -Kunden, die sich darüber aufre-

36

gen, dass Amazon Wehrmachtsartikel anbietet? Ich denke, dass man abwägen sollte, wie wichtig einem das Thema ist. Stellt man die moralischen Verwerfungen von Amazon über den Nutzen, den einem die vielen günstigen Angebote des Onlineshops bieten, dann sollte man aufhören dort zu kaufen. Andersrum mache ich niemandem einen Vorwurf, der trotzdem Kunde bei Amazon bleibt. Werden Sie weiter Kunde bei Amazon bleiben? Ich finde es sehr bedenklich, dass Amazon Artikel anbietet, die den Nationalsozialismus verherrlichen. Es gibt aber auch noch andere Gründe, warum man nicht bei Amazon kaufen sollte. Zum Beispiel die schlechten Arbeitsbedingungen für viele Angestellte. Ich bin aber ganz gewiss kein Heiliger, und bei Amazon zu kaufen ist wahnsinnig bequem. Aber ich glaube, dass ich jetzt genug Gründe habe, nicht mehr Kunde auf dieser Seite zu sein.


⁄⁄ KURTUNTERWEGS

Gutscheine für Eis und Bier Der Frühling ist da. Zeit, das wärmere Wetter zu genießen. Ob in schwindelnder Höhe, mit Bier in der Hand oder im bunten Stadttrubel: Mit unseren Veranstaltungstipps habt ihr einen unvergesslichen Start ins neue Semester. TEXTJOEL HUNOLD FOTOANJA HECKERWOLF & DOMINIK JACKY

BUNT UND VIELFÄLTIG Was? Dortbunt: Ganz Dortmund kommt zusammen, um zu feiern und sich in seiner Lebensfreude zu zeigen. Kulinarische Genüsse aus aller Welt, Musik verschiedener Genres und spannende Mitmachangebote sollen die Innenstadt in einen bunten Ort der Begegnung verwandeln. Das Stadtfest ist eines der Highlights im Kalender der Ruhrmetropole. Wo? Dortmunder Innenstadt Wann? 5. und 6. Mai Wie viel? Eintritt frei Web? dortmund.de

ÜBER DEN ÖFEN Was? Nichts für schwache Nerven: Abenteuerlustige können die Hochofenanlage auf dem Gelände von Phoenix-West erklimmen. Belohnt wird das mit einem weiten Blick über das Ruhrgebiet. Auf dem Weg nach oben passieren die Adrenalinjunkies die großen Rohre einer Gichtgasleitung in 26 Meter Höhe. Der „Skywalk“ eröffnet ganz neue Perspektiven auf die Dortmunder Stadtgeschichte.

EISKALTE VERFÜHRUNG Was? Die bunten Kreationen der Eiskünstler von „Hitzefrei“ im Kreuzviertel stimmen dich perfekt auf den nahenden Sommer ein. Egal ob Haselnuss, Wir verschenken einen GutBlutorange oder Marzipanschein über 12 Euro und drei Mohn: Die Zutaten, größtenGutscheine über je 6 Euro. teils bio und fairtrade, lassen Schreib uns auf facebook. die Herzen von Eis-Freuncom/kurtsowiedu dinnen und Freunden höher schlagen.

Wo? Phoenixplatz, Konrad-Zuse-Straße Wann? 29. April, 27. Mai und 16. Juni, jeweils um 13.30 Uhr und 15.45 Uhr Wie viel? 20,90 Euro Web? stadtkernobst.de

Wo? Kreuzviertel, Neuer Graben 67 Wann? Täglich von 13 bis 19 Uhr Wie viel? 1,20 Euro pro Kugel und 1 Euro ab drei Kugeln Web? hitzefrei.info

BIERSTADT DORTMUND Was? Kohle, Stahl und Bier: DieWir verschenken je zwei Freikarten für alle drei ser Dreiklang prägt Dortmund bis Termine. Schreib uns dein heute. Bei der Stadttour „Bierstadt Wunschdatum auf faceNr.1“ erfahren Teilnehmerinnen book.com/kurtsowiedu und Teilnehmer alles rund um die Dortmunder Biergeschichte und lernen bierhistorisch bedeutsame Orte kennen. Unter fachkundiger Leitung gibt es auch das ein oder andere Getränk zum Probieren. Wo? Dortmunder U/Leonie-Reygers-Terrasse Wann? 22. April, 11 Uhr; 1. Mai, 15 Uhr und 9. Juni, 14 Uhr Wie viel? 24 Euro Web? kulturvergnuegen.com

37


⁄⁄ KURTSTRIP

Kreisverkehr mit Aussicht Das einzige Stück Natur ist das verwelkte Basilikum in der Küche? Dann nichts wie raus mit euch! Um dem Stress zu Semesterbeginn zu entkommen und das Sauerland zu erkunden, hat sich unsere Autorin Lena Marie in den Mountainbike-Sattel geschwungen. TEXTLENA MARIE HUFNAGEL FOTOPRIVAT

D

er Bahnhof in Winterberg ist winzig. Nur Wenige hat es an diesem Sonntagvormittag ins Sauerland verschlagen. Die Sonne scheint und der Himmel ist strahlend blau – beste Voraussetzungen, um eine Runde mit dem Mountainbike zu drehen. Noch einmal den Reifendruck prüfen, Handschuhe überstreifen und den Helm nicht vergessen. Dann kann es losgehen. Die Tour habe ich auf der Website der Bike-Arena Sauerland herausgesucht, einem Online-Portal, das detaillierte Karten mit Höhenprofil und markanten Wegpunkten von Radtouren in der Region zum Download anbietet. Meine Wahl fällt auf eine mittelschwere, rund 30 Kilometer lange Strecke rund um Winterberg. Für Mountainbikerinnen und Mountainbiker, denen eine längere Tour noch nicht geheuer ist oder die an ihrer Fahrtechnik feilen möchten, gibt es in Winterberg auch einen Bike-Park. Auf Trails mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden können Unsichere dort ihre Kurventechnik verbessern. Für besonders Waghalsige gibt es auch einige anspruchsvolle Downhill-Strecken, also Steilabfahrten. Schutzkleidung und Bikes kann man vor Ort ausleihen. Ich werfe einen letzten Blick auf meine ausgedruckte Karte, um sicherzustellen, dass ich in die richtige Richtung unterwegs bin. Weil Winterberg nicht nur ein beliebtes Mountainbike-Gebiet ist, sondern im Sommer auch viele Wandernde anlockt, kann ich mich zusätzlich an Wanderschildern orientieren, die am Straßenrand aufgestellt sind. Die ersten Kilometer meiner Tour verlaufen parallel zum Fernwanderweg Rothaarsteig und führen mich durch die Altstadt Winterbergs. Zunächst steuere ich den Kahlen

38

Asten an, der mit 841 Metern der zweithöchste Berg in NRW ist. Die Vorfreude auf die wundervolle Aussicht lässt mich etwas schneller trampeln. Ich biege auf einen schmalen Pfad ab, der sich zwischen Heidekraut langsam bergauf schlängelt. Im Winter verwandeln Schneekanonen die umliegenden Hänge in Skipisten. Stellenweise ist der Weg so steil und steinig, dass ich absteigen muss. Mit der Zeit kreuzen nicht einmal mehr Spaziergängerinnen und Spaziergänger meinen Weg, während ich anfangs noch häufig anderen Menschen begegnet bin. Diese Ruhe und der Wald um mich herum tun mir richtig gut. Ein toller Ausgleich – vor allem zum chaotischen Semesterstart. Völlig in Gedanken versunken fällt mir plötzlich auf, dass ich schon länger keinen Wegweiser mehr gesehen habe. Ob ich wohl eine Abzweigung verpasst habe? Da ich nicht sicher bin, auf welchem Streckenabschnitt ich mich befinde, hilft mir die Karte in dem Moment nicht weiter. Hinter der nächsten Abbiegung habe ich Glück: In der Ferne erkenne ich vereinzelte Häuser. Zivilisation! Im Dörfchen angelangt, kommt mir die Umgebung verdächtig bekannt vor. Und tatsächlich: Offenbar bin ich in den letzten zwei Stunden im Kreis gefahren. Schön war die Tour trotzdem. Und nach Winterberg zurück ist es jetzt auch nicht mehr weit.

Wo? Winterberg (Westfalen) Wie? Mit dem Dortmund-SauerlandExpress (RE 57) Wann? Ganzjährig Wie viel? 4,90 Euro für das NRW Fahrrad-Ticket; Bike-Park kostenlos Web? bike-arena.de bikepark-winterberg.de


Sudoku 1

8

Impressum HERAUSGEBER

4

Institut für Journalistik, TU Dortmund

6 9

6

3

2 6

5 3 1

5 2

6 7

3

4

1

7

2

2

5

Stephan Kleiber

4

8

7 TEXTCHEFIN

4

Viktoria Degner

9

6

ILLUSTRATIONEN

1 3

8

2

Anja Hardt, Julius Reinders

7

Daniela Arndt, Markus Bergmann, Judith Wiesrecker, Lukas Wilhelm

6

8

LAYOUT & GRAFIK

4

7

5 5

5

1

FOTOREDAKTION

2

3 2

REDAKTIONSASSISTENZ

Markus Bergmann, Judith Wiesrecker

7

6

1

3

9

5

5

Julia Knübel

8

7

9

1 6

4

8 9

4

5

2

4

3

9 5 3

Uni-Center, Vogelpothsweg 74, Campus Nord, 44227 Dortmund CHEFIN VOM DIENST

2

6 3

REDAKTION

ADMINISTRATION & TECHNIK

9 2

REDAKTIONSLEITERIN

Sigrun Rottmann

6

2

7

4

7

3 1

Prof. Dr. Wiebke Möhring

8 5

4

PROJEKTLEITERIN

1 9

9

3

9

6

7

9

Julius Kleiber, Stephan Kleiber, Svenja Kloos, Anneke Niehues, Sarah Schieferecke, Martin Schmitz, Philipp Ziser TEXTREDAKTION

Laura Baer, Salome Berblinger, Andrea Böhnke, Jana-Sophie Brüntjen, Valentin Dornis, Leonie Freynhofer, Marie-Joëlle Gallinge, Melina Gries, Julia Hilgefort, Dana Hortmann, Lena Marie Hufnagel, Joel Hunold, Leonie Krzistetzko, Tim Lievertz, Andreas Neuhaus, Lynn Osselmann, Marius Reichert, Britta Röös, Silas Schefers, Anna-Lena Siebert, Rebecca Wolfer, Annemarie Zertisch

DRUCK

Print

Lensing Druck GmbH & Co. KG Feldbachacker 16 44149 Dortmund

39

kompensiert Id-Nr. 1871280 www.bvdm-online.de


Kurt Ausgabe 4  

Auf zum Mars! Robert will zum Roten Planeten. Es wäre wohl ein One Way Trip. In den Warenkorb: Wehrmachts-Shopping im Internet. Bye-bye Berg...

Kurt Ausgabe 4  

Auf zum Mars! Robert will zum Roten Planeten. Es wäre wohl ein One Way Trip. In den Warenkorb: Wehrmachts-Shopping im Internet. Bye-bye Berg...

Advertisement