Issuu on Google+

nordkorea Offene Herzen in einem verschlossenen Land Nordkorea ist anders

Eine Reise ...

4

» Wer, wie ich, aus einem Land mit einer jahrhundertealten demokratischen Tradition und den damit verbundenen Freiheiten kommt, spürt besonders deutlich, was es heisst, in einer völlig anderen politischen Kultur, die wir von westlicher Warte aus als undemokratisch bzw. totalitär bezeichnen würden, zu leben. Hier meine Erfahrungen aus Nordkorea, einem Staat, dessen Bürger in ihrer gesamten Geschichte niemals Demokratie und persönliche Autonomie kennen gelernt haben. Sie zeigen, dass auch in einer der letzten totalitären Staaten Wandlungsprozesse im Gange sind und sich die Verhältnisse, wenn auch nur sehr zaghaft, ändern.

packen. Nur mein Handy, mit dem ich wahrscheinlich sowieso nirgends Empfang gehabt hätte, musste ich abgeben.

Besuch in einem fremden Land

Ausländer werden in besonderer Weise betreut

„Eigentlich ist es ganz gut, dass eine Reise nach Nordkorea fast zwangsläufig über China führt!“, ging es mir durch den Kopf, als ich voller Zuversicht aus meinem Flieger Richtung Zollabfertigung ging. „Da hat man sich wenigstens schon ein bisschen daran gewöhnt, dass hier die Uhren anders laufen, als ich es von der Schweiz oder anderen westlichen Ländern her gewöhnt bin.“ Am Zoll angekommen dachte ich bei mir - und es war ein fast tröstlicher Gedanke - „Ich bin ja nur auf eine kurze Stippvisite hier. Da wird es ja nicht so schlimm sein.“ Der nordkoreanische Zollbeamte, auf dessen Tisch ich meine Gepäckstücke ausbreitete, schien meine Skepsis erraten zu haben und behandelte mich so freundlich, als wolle er für sein Land werben. Nach eingehender Prüfung meiner Videoausrüstung und meines Laptops wies er mich mit einem Lächeln an, meine Sachen wieder einzu-

Am Flughafen in Pjöngjang sollte mich eine Delegation in Empfang nehmen. Die sechsköpfige Delegation, unter ihnen Daniel, unser Agronom, wurde angeführt von einem sogenannten Koordinator, einem Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums. Ein Übersetzer hatte die schwierige Aufgabe in der sich nun folgenden langwierigen Diskussion den Überblick zu behalten. Man erklärte, dass es unabdingbar sei, mir während meines gesamten Aufenthalts zu meinem Schutz eine Begleitung zur Seite zu stellen. Das hörte sich in der für die höflichen Koreaner so typischen blumigen Sprache unseres Übersetzers ungefähr so an: „Jeder ausländische Reisende ist ein persönlicher Gast unserer Regierung und wird als solcher von einem Begleitungsteam, das mindestens aus einem Übersetzer und einem Koordinator besteht, zu seinem persönlichen Schutz und zu seinem eigenen Wohlergehen betreut.“

„Während meines gesamten Aufenthalts wurde mir eine Begleitung zur Seite gestellt“


„Wir bekamen einen Eindruck davon, wie sich das Land allmählich nach Aussen hin öffnet.“

Umso überraschender war es dann, als der Koordinator schliesslich einwilligte, dass ich und mein Übersetzer alleine zum Hotel fahren durften. Das war zwar einer der wenigen „ungeschützten“ Fahrten, aber immerhin ein Zeichen des Entgegenkommens seitens der nordkoreanischen Administration; soviel Freiraum hätten sie Ausländern noch vor wenigen Jahren unter keinen Umständen gewährt. So war auf unseren „Schutz“ also absoluter Verlass, und im Laufe der Zeit entwickelte sich ein fast persönliches Verhältnis zwischen uns und unseren Begleitern. Dies ging so weit, dass unser „Koordinator“ sich bei meiner Abreise mit den Worten verabschiedete: „Mit Ihnen habe ich die fröhlichste und angenehmste Woche meines Lebens verbracht!“

Vorsichtige Öffnung nach Aussen Während der folgenden 6 Tage in Nordkorea musste ich so manches Klischee, das ich über das totalitäre Nordkorea im Kopf

hatte, über Bord schmeissen. In Kubin bilden wir in einem Modellprojekt Menschen in Ziegenzucht und Milchwirtschaft aus. Dort bekamen wir einen Eindruck davon, wie sich das Land allmählich nach Aussen hin öffnet. Ohne jegliche Vorbehalte beobachtete man unser Projekt und nachdem klar war, dass es eine erfolgsversprechende Sache war, fanden sich Investoren die ein Milch- und Kulturenlabor aufbauten. Die Universität übernahm dabei die Leitung der Labors. Das alles wäre ohne eine flexible und relativ liberale Einstellung der nordkoreanischen Administration nicht zu bewerkstelligen gewesen. Auch in Zhang Zong wurde ich Zeuge dieser Veränderungen. Nachdem wir den Bau zweier neuer Ziegenställe unterstützten, der eine in traditionell koreanischer, der andere in Schweizer Bauweise, wurde die Administration schnell auf dieses Projekt aufmerksam, weil sich herausstellte, dass der Offenfrontstall zu weitaus weniger Krankheiten bei den Tieren führte als der traditionelle koreanische Stall. Hochrangige Regierungsbeamte besichtigten das Projekt und entschieden, es landesweit als Muster für anstehende Neubauten zu benutzen. Die technokratische Ignoranz der früheren Administration, so scheint es, ist langsam aber sicher im Auflösen begriffen. Am vorletzten Tag ging es dann nach Hungsan, wo wir die Käserei und zwei Ziegenbrigaden besichtigten. Im Gespräch mit der engagierten Molkerei-Leiterin Frau Kim Myon Ae zeigte sich ein spannender

Unterschied zu allen anderen Standorten: Die Molkerei ist hier nicht Teil der landwirtschaftlichen Genossenschaft, sondern eines Lebensmittelbetriebs. Frau Kim Myon Ae wickelt Ein- und Verkauf nach ökonomischen Grundsätzen ab. Durch die langsame marktwirtschaftliche Öffnung der Märkte in Korea sind das entscheidende administrative Neuerungen für eine erfolgreiche und liberale Zukunft.

Wir dürfen diese Menschen nicht allein lassen Am meisten aber war ich von der schier endlosen Gastfreundschaft der Nordkoreaner beeindruckt, die uns zu jederzeit festlich bewirteten und sich teilweise auf sehr private Gespräche einliessen. Bedenkt man, dass es vor einigen Jahren noch unmöglich gewesen wäre, z.B. mit einer Kamera in das Land einzureisen oder sich mit jemandem aus der verängstigten und unter Repressionen leidenden Bevölkerung halbwegs offen zu unterhalten, ist die Situation, die ich hier antraf, sehr ermutigend für die Zukunft. Die Menschen in diesem Land sind offen für unsere Kooperation. Und so erreichen wir auch ihre Herzen. Roland Kurth

5


NK 04