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leitartikel

Der Name „Agape“ ist für uns Programm. Durch die Arbeit mit Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen sind wir permanent herausgefordert, unsere Bilder und Überzeugungen, aber auch unsere Vorurteile zu überprüfen. Eigene Ansichten müssen hinterfragt, Liebgewordenes in Frage gestellt und Neues muss gelernt werden.



Doch dies ist oft leichter gesagt als getan. Und das liegt in der Regel daran, dass wir die Unterschiedlichkeiten zu den Menschen, mit denen wir es zu tun haben, erst dann richtig wahrnehmen, wenn es zu einer Krise oder einem Konflikt kommt, wenn Projekte schlecht laufen oder Beziehungen auseinander zu brechen drohen. Das kann so weit gehen, dass allein durch das Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Kulturen der Fremde, der eigentlich unser Nächster sein sollte, zu unserem Feind wird. In solchen Situationen wird dann unser Name „Agape“ zur persönlichen Herausforderung. Doch was bedeutet eigentlich Agape und wie setzen wir dies in unserer Arbeit um?

Deswegen spricht das Neue Testament immer wieder von der Gnade und meint damit Gottes Liebe, die bereit ist, selbst das Leid derjenigen mit zu tragen, die man nicht so ohne weiteres zu lieben in der Lage ist. Jesus offenbart uns durch das, was er sagt und tut – und vor allem natürlich durch sein Leben und seinen Tod –, dass er selbst die Mensch gewordene Liebe Gottes ist. Er fordert uns auf, die Agape zur Grundhaltung unseres eigenen Lebens zu machen, indem er sagt: „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Johannes 15,12).

Jesu Liebe schliesst den Feind ein. Agape - Was heisst das eigentlich? Agape ist die Liebe Gottes, die in unseren Herzen wirksam ist. Martin Luther King Jr. hat einmal geschrieben: „Es ist eine überfliessende Liebe, die keine Gegenleistung erwartet“ So zu lieben, wie Christus geliebt hat, bedeutet bewusste Teilhabe an der göttlichen Liebe, einer Liebe, die keinen Unterschied macht zwischen Freund und Feind. Daher rührt der Anspruch an uns selbst, unsere Mitmenschen nicht zu lieben, weil wir sie mögen oder weil sie derselben Religion oder Ethnie angehören, sondern weil Gott sie liebt. Denn Gottes Liebe gilt nicht nur einigen Auserwählten, sondern allen Menschen.

Jesu Aufruf zur bedingungslosen Liebe ist wohl die grösste Herausforderung, in die wir in seiner Nachfolge gestellt sind. Denn die Art von Liebe, zu der uns Jesus beruft, schliesst eben auch den Feind mit ein und nicht nur den netten Nachbarn. Eine solche Liebe läuft in vielerlei Hinsicht unseren Wünschen, Bedürfnissen und Erwartungen zuwider. So ist unser eigenes Verständnis von Liebe vornehmlich beeinflusst von unseren Erfahrungen aus dem Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen - persönliche Anziehung, Gemeinsamkeiten, sexuelles Verlangen, kulturell geprägtes Verständnis von Sensibilität -, und es fällt uns schwer zu akzeptieren, dass die Liebe Gottes all das weit übersteigt.



Deswegen spricht das Neue Testament immer wieder von der Gnade und meint damit

Gottes Liebe, die bereit ist, selbst das Leid derjenigen

mit zu tragen, die man nicht so ohne weiteres zu lieben in der Lage ist…


leitartikel

…Das fällt uns unendlich schwer, und zwar hauptsächlich deshalb, weil wir uns selbst nach Aufmerksamkeit, Zuwendung, Einfluss und Macht verzehren, weil wir ganz besonders geliebt werden wollen, obwohl wir doch von Gott selbst gehört haben, dass wir bereits geliebt sind.

Jesu Aufruf zur bedingungslosen Liebe ist wohl die grösste Herausforderung, in die wir in seiner Nachfolge gestellt sind. Denn die Art von Liebe, zu der uns Jesus beruft, schliesst eben auch den Feind mit ein und nicht nur den netten Nachbarn.

Gott nimmt uns an, so wie wir sind. 

Und so können auch wir unsere Feinde annehmen. Zum Prüfstein unserer Liebe wird unsere Bereitschaft, unseren Feinden zu vergeben: Genauso wie Jesus vergeben hat (Lukas 23,34), sollen auch wir es tun. Genauso wie Stephanus, der erste christliche Märtyrer, seinem Herrn folgte und bei seiner Steinigung betete: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an“ (Apostelgeschichte 7,60), sollen auch wir unsere Peiniger in unser Gebet einschliessen. Das fällt uns unendlich schwer, und zwar hauptsächlich deshalb, weil wir uns selbst nach Aufmerksamkeit, Zuwendung, Einfluss und Macht verzehren, weil wir ganz besonders geliebt werden wollen, obwohl wir doch von Gott selbst gehört haben, dass wir bereits geliebt sind. Unsere immerwährende Sucht nach Zuwendung ist wohl aus den Verletzungen entstanden, die uns in unserem Leben von anderen zugefügt wurden. Und auch wir selbst fügen anderen Verletzungen zu. So zieht sich durch die Geschichte der Menschheit eine nicht enden wollende Kette von Verletzungen und Liebesbedürftigkeit. Und selbst wenn wir versuchen, diese Kette zu durchbrechen, müssen wir immer wieder die Erfahrung machen, Menschen zu begegnen, die sich von uns abgelehnt, missverstanden und verletzt fühlen. Um sich vor diesen

gegenseitigen Verletzungen zu schützen, neigen wir dazu, auch das Verteilen von Liebe und Zuwendung den Gesetzen des wirtschaftlichen Gütertransfers beziehungsweise Tauschhandels zu unterwerfen: „Ich liebe dich, wenn du mich liebst; ich gebe dir, wenn du mir gibst; ich leihe dir, wenn du mir denselben Betrag leihst; ich bin nett zu dir, weil es sich für mich lohnt.“ Doch so teilen wir die Welt auf in diejenigen, die für, und diejenigen, die gegen uns sind; in Menschen, die uns und die wir annehmen, und solche, die uns und die wir ablehnen - in Freunde und Feinde. Das Evangelium befreit uns von dieser Kette von Verwundungen, indem es uns in Verbindung bringt mit der Erkenntnis, dass wir von Gott bedingungslos angenommen sind. Diese Gewissheit, von Gott angenommen zu sein, aber ermöglicht einen radikalen Perspektivwechsel. Sie gibt uns die Kraft, auch unsere Feinde als Geschöpfe unseres liebenden Gottes zu sehen, und sie, wie er, zu lieben.

Gottes Liebe macht keinen Unterschied zwischen Freund und Feind. Es ist die Agape Liebe, die uns zu Söhnen und Töchtern „des Höchsten“ macht, der „gütig gegen die Undankbaren und Bösen“ ist (Lukas 6,35), der „seine Sonne aufgehen (lässt) über Böse und Gute

und (es) regnen (lässt) über Gerechte und Ungerechte“ (Matthäus 5,45). Wenn unsere Liebe aus der Liebe Gottes erwächst, dann unterteilen wir die Menschen nicht mehr in solche, die unsere Liebe verdient haben, und andere, auf die das nicht zutrifft. Es ist diese Liebe, die es uns gestattet, den Feind als jemanden zu sehen, der mit derselben Liebe geliebt wird wie wir. Wir brauchen uns nicht mehr über und gegen den anderen zu definieren. So zu lieben, wie Christus geliebt hat, bedeutet Anteil zu haben an der Liebe Gottes, die keinen Unterschied macht zwischen Freund und Feind.

Vor Gott sind wir alle arm. Die Liebe Gottes macht uns demütig, denn wir erkennen unsere existentielle Armut und Machtlosigkeit. „Selig sind die Armen“, betont Jesus ausdrücklich in der Bergpredigt (Matthäus 5,3). Und er sagt nicht etwa: „Selig sind diejenigen, die sich um die Armen kümmern.“ Wenn wir als Leib Christi jedoch zusammenkommen in gemeinsamer Armut und Verletzlichkeit, dann können wir so etwas wie Solidarität auch mit dem in seinen Ansichten völlig anderen Fremden üben. Dann können wir gleichermassen einander geben und voneinander empfangen. Das ist es, was uns das Kreuz ganz neu lehrt.

Wir sind der Agape verpflichtet. Unser Name zeigt also, dass wir uns bei „Agape“ etwas vorgenommen haben. Und obwohl wir das Ziel einer Feindesliebe, wie sie uns Jesus vorgelebt hat, wahrscheinlich niemals erreichen werden, stellen wir uns der unerhört schweren Aufgabe, unseren Nächsten zu lieben, auch wenn er uns fremd ist, jeden Tag aufs Neue. Dazu gehört auch, dass wir uns gegenseitig immer wieder selbstkritisch daran erinnern, wenn wir die Agape-Liebe vermissen lassen. Denn so haben wir die Chance, Busse zu tun und wieder umzukehren zur uneigennützigen Agape-Liebe, die auch den Fremden so achtet, wie auch wir selbst geachtet werden möchten. „Agape international“ ist eben mehr als unser Name, es ist unser Programm. Roland Kurth Leiter Agape international




name ist programm