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russland Die orthodoxe Kirche war zu grossen Teilen baufällig. Offene Fensterluken waren notdürftig mit Brettern vernagelt, der Putz bröckelte von den Wänden. Gleichzeitig jedoch trugen andere Teile des Gebäudes deutliche Zeichen von Restaurierungsarbeiten. Und so war es besonders bewegend an den vom Russgeschwärzten Wänden plötzlich ein frisch vergoldetes Kreuz oder eine Ikone zu sehen; strahlende Symbole der Schönheit und Glaubensgewissheit in einer deprimierenden Atmosphäre von Verfall und Vernachlässigung. Doch mehr noch als diese äusserlichen Spuren religiöser Wiederauferstehung Russlands überraschte mich etwas anderes. Mein Begleiter kannte wohl die Anfangszeiten des Gottesdienstes nicht, denn offensichtlich war dieser bei unserem Eintritt in die Kirche schon voll im Gange. Ein Geistlicher im festlichen Ornat bewegte sich gerade Weihrauch schwenkend vom Altarraum auf die im Kirchenschiff versammelte Gemeinde zu und aus dem düsteren Hintergrund des Chores erklangen mächtige Männerstimmen. Schon viele Gottesdienste überall auf der Welt, Gottesdienste verschiedenster christlicher Konfessionen und freier Kirchen hatte ich bis dahin besucht und immer hatte ich mich zuhause gefühlt. Hier jedoch fragte ich mich, an welcher

Stelle der Liturgie wir uns eigentlich befanden. „Ist die Predigt vielleicht schon vorbei?“. „Zieht der Pope jetzt aus und segnet die Gläubigen?“ Doch es war kein Ende in Sicht. Gebete, liturgische Gesänge des Klerus, Liedvorträge des Chores folgten in scheinbar ungeordneter Reihenfolge. Nach meiner anfänglichen Unsicherheit gefiel mir diese Art Gottesdienst zu feiern. Und das obwohl für mich weder eine nachvollziehbare Ordnung, noch ein Höhepunkt oder gar das kommende Ende der Feier erkennbar waren. Ich liess mich ein auf das An- und Abschwellen der Stimmen und Klänge, der Bewegungen, die etwas Meditatives hatten, so wie den ewigen Wechsel von Ebbe und Flut. Feierlich war es. Für mich und die Gläubigen um mich herum, die offensichtlich ganz bei der Sache waren. Neugierig betrachtete ich die Menschen, die mich umgaben, und stellte fest, dass ich es stets mit unterschiedlichen Nachbarn zu tun hatte. Offenbar waren wir nicht die Einzigen, die mitten im Gottesdienst kamen oder ihn verliessen. Menschen traten ein, feierten die Zeremonie für eine gewisse Zeit mit und gingen dann, während andere ihren Platz einnahmen. Mein russischer Partner blieb mit mir, bis die Geistlichen feierlich in Richtung des Chores auszogen. Einige der Gottesdienstbesucher gingen mit uns hinaus, andere aber blieben in der Kirche, offenbar ins Gebet vertieft. Auf dem Weg zu unserem Auto hörten wir noch von Ferne die feierlichen Stimmen des Chores. Auf dem holprigen Heimweg schwiegen wir, bis mich mein Begleiter fragte, wie ich diesen orthodoxen Gottesdienst erlebt habe. „Es war sehr feierlich“, antwortete ich wohl, „aber es hat mich doch etwas irritiert, dass man nicht erkennt, wann der Gottesdienst eigentlich

Gottes Lobpreis darf kein Ende haben „…Neugierig betrachtete ich die Menschen, die mich umgaben, und stellte fest, dass ich es stets mit unterschiedlichen Nachbarn zu tun hatte. 6

Offenbar waren wir nicht die Einzigen, die mitten

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im Gottesdienst kamen oder ihn verliessen…” Auf den Reisen, die ich in den letzten zwölf Jahren in Russland unternommen habe, hatte ich immer wieder die Gelegenheit an russisch-orthodoxen Gottesdiensten teilzunehmen. Mein erster Besuch ist mir dabei besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben. Es muss kurz nach Beginn der Perestroika gewesen sein. Das Land steckte tief in der Wirtschaftskrise und die Verzweiflung über die ökonomische Perspektivlosigkeit schien das junge Pflänzchen demokratischer Hoffnung fast zu ersticken. Ein wichtiger Vertreter der Stadt, in der wir gerade eine christliche Gemeinde gründeten, lud mich dazu ein, am Sonntag mit ihm in die Stadt zu

fahren um am Gottesdienst teilzunehmen. Gerne willigte ich ein, denn ich sah darin auch die Gelegenheit zum persönlichen Dialog mit Gott. Gemeinsam mit ihm wollte ich meine Arbeit hier in Russland, vor allem aber die vielen Eindrücke und Anfragen, die seit meiner Ankunft auf mich einstürzten, bedenken. Als wir nach etwa halbstündiger, holpriger Fahrt über die von Schlammlöchern übersäte Landstrasse unser Ziel erreichten, staunte ich nicht schlecht:


bericht Bericht: Hoffnung im Land der Jurten Ein Zuhause für ein Nomadenvolk

tesdienst besucht habe, gingen sie mir wieder durch den Kopf. Obwohl mir alles so fremd ist, berühren mich die Gesten und Worte, die Klänge, Gerüche und Farben immer wieder zutiefst.

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anfängt und wann er aufhört.“ „Ja, das haben Sie gut beobachtet“, erwiderte mein Gesprächspartner, „aber für uns ist das kein Problem. Wissen Sie, als orthodoxe Christen ist für uns die Kirche ein Stück Himmel auf Erden. Und weil im Himmel das Gotteslob unaufhörlich erklingt, so ist unser Gottesdienst ein Abbild dieses ewigen Lobpreises, ohne Anfang und ohne Ende. Und wenn man

am Sonntag in die Kirche geht, dann stimmt man ein in diesen Jubel, wann und so lange man eben will. Denn ganz gewiss geht dieser Lobpreis dort droben weiter, auch wenn wir die Kirche verlassen und nach Hause gehen um mit unserer Familie den Sonntag zu feiern.“ Noch lange haben mich diese Worte beschäftigt. Und jedes Mal, wenn ich seitdem einen russisch-orthodoxen Got-

Und ich denke, man kann als tätiger Christ in der Schweiz – und überall in der westlichen Welt, etwas von unseren orthodoxen Schwestern und Brüdern lernen: Mein Gotteslob verstummt zu oft, weil die Geschäfte des täglichen Lebens mich zu sehr in Beschlag nehmen. Ja, selbst in missionarischer Tätigkeit können Lobpreis und Anbetung Gottes in den Hintergrund geraten, denn es gibt ja so viel zu organisieren, zu bedenken… Aber eigentlich sollten Anbetung und Lobpreis doch mein Leben immer bestimmen. Jeden Tag, jede Sekunde, ob ich schlafe oder wache, arbeite oder esse. Und ich finde, es ist gut zu wissen: Da gibt es Orte, wo diese Anbetung Gottes niemals aufhört, wo sie keinen Anfang und kein Ende hat. Roland Kurth

Zu unserer Freude entwickelt sich der Gemeindeaufbau in der Mongolei sehr gut. Die Gemeinde hat sich im letzten Jahr auf 75 Mitglieder verdoppelt. Für die Mongolei ist dies eine sehr grosse Gemeinde. Denn selbst Gemeinden, die seit zehn Jahren mit westlicher Unterstützung wirken, haben nicht mehr Gemeindeglieder. Die Mongolen sind ein Nomadenvolk und deshalb nicht lange am selben Ort. Sobald Routine in ihrem Alltag auftaucht, geben sie auf und ziehen weiter. Unsere Gemeinde ist wohl deshalb so stark gewachsen, weil wir damit begonnen haben, zehn verarmten Kindern eine Mahlzeit pro Tag zu kochen und sie so mit einer vollwertigen Mahlzeit täglich zu ernähren: Dies wurde von den Mongolen äusserst positiv aufgenommen. Wir haben uns nun entschlossen, diese Anzahl zu verdoppeln und zusätzlich Wohnraum für etwa sechs Waisenkinder zu schaffen. Diese Arbeit soll durch ihre Gemeinde geschehen. Roman Korobov

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Lobpreis ohne ende 03