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Leiterschaft heisst Charakterbildung Junge kubanische Christen lassen sich spielerisch zu geistlichen Leitern ausbilden, die eine gute Ausstrahlung haben und mithelfen werden, die Gesellschaft zu verändern. Eliberto schiebt sich Zentimeter um Zentimeter nach vorne. Er versucht, flach auf dem Bauch liegend unter einem vertikal aufgespannten Netz durchzukriechen, ohne es zu berühren. Um ihn herum steht sein Team und feuert ihn an, sagt ihm, wo er sich mehr links oder rechts halten muss, und schiebt ihn schlussendlich durch. Geschafft! Als nächstes kommt Dianet dran. Zuerst bespricht das

Team, durch welches der noch nicht benützten Felder im Netz Dianet hindurch soll. Dann macht sie sich ganz steif, einige starke Männer im Team heben sie hoch und schieben sie unter lautstarker Anleitung der Frauen durch die Lücke im Netz. Oh, nein, Dianet berührte das Netz! Jetzt müssen sie noch einmal von vorne anfangen!


kuba Kommentare von Teilnehmern:

auferbaut p Ich konnte neue Werte entwickeln p Wir wurden gezwungen, über vieles nachzudenken p Ihr habt bewirkt, dass wir mit uns selber konfrontiert wurden p Ich habe Sachen gelernt, die ich in meiner Arbeit einbringen kann p Ich musste mit meinen Schwächen umgehen lernen p Ich wurde

Integritätstest und Durchhaltevermögen: Kommen alle durch das Spinnennetz ohne es zu berühren?!

Was Leiter sind und brauchen Dieses Spiel gehört zum Programm einer Leiterschaftsschule für junge Leiter, die wir im Januar mit 20 Teilnehmern begannen. Wir lernten dieses geniale Konzept während unseres Weiterbildungsurlaubes im vergangenen Sommer in Bolivien kennen. Gute Leiter werden nicht geboren. Wahre Leiterschaft steht und fällt mit einem edlen Charakter, der zuerst geformt werden muss. Dazu gehören Eigenschaften wie Integrität, Kommunikationsfähigkeit, Beharrlichkeit und Ausdauer, Demut oder Respekt. Das ist der Stoff, aus dem gute Leiter gemacht sind. Je früher man mit dem Training beginnt, desto besser. Das erste Modul zum Thema „Was Leiter sind und brauchen“ dauert ein Wochenende. Dabei wird nur ein Viertel des Stoffes von vorne gelehrt. Den Rest erfahren die Teilnehmer im wahrsten Sinne des Wortes spielend bei verschiedenen Übungen.

Leiterschaft nach dem Herzen Gottes Sie lernen, Teams zusammen zu stellen, sich ein- oder unterzuordnen, zu schweigen oder Vorschläge vorzubringen. Sie werden ermutigt, Verantwortung zu übernehmen, Strategien zu entwickeln und Ziele zu verfolgen. Manchmal verzweifeln sie wegen ihrer Ungeduld, oder sie schämen sich, weil sie versagen. Das, was vermittelt werden soll, geht bewusst oder unbewusst direkt ins ‚Blut’. Die Teilnehmer erkennen ihre Stärken und Schwächen und

beginnen mehr und mehr, ihre Persönlichkeit zu Hause, in ihrem Freundeskreis, der Schule oder Universität, der Kirche oder in der Arbeit umzusetzen. Man muss nicht unbedingt vollzeitlicher Pfarrer oder Missionar sein, um der Gesellschaft zu dienen. Überall dort, wo man einen positiven Einfluss auf das Umfeld ausübt, geschieht Leiterschaft nach dem Herzen Gottes. Eine effiziente Strategie, welche die Christen aus ihren eigenen vier Wänden hervorholt und das Vakuum zwischen Kirche und Gesellschaft füllen kann. Dreckig und müde, aber voller Begeisterung und Motivation kehren die Teilnehmer nach diesem Wochenende heim. Sie haben eine Idee bekommen, was es heisst, ein Leiter nach Gottes Herzen zu sein und einen solchen Lebensstil zu führen. Nicole Domínguez Metzler Standortleiterin Kuba

Sie werden

ermutigt,

Verantwortung Strategien

zu übernehmen,

zu entwickeln

und Ziele zu verfolgen. Manchmal verzweifeln sie wegen ihrer Ungeduld, oder sie schämen sich, weil sie versagen.

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kuba Roland Kurth hatte auf seiner Kuba-Reise die Möglichkeit, mit verschiedenen Leitern von Kirchen und Gemeinden zu reden. Erstaunt stellte er fest, mit welchem Weitblick sie ihre Situation einschätzen, und dass ihre Wahrnehmung ihrer Lage doch etwas anders ist, als westliche Medien uns Kuba darstellen.

Kirche und Staat Die Herausforderung für kubanische Christen, in und mit ihrem politischen System auf eine gute Art zu leben. 8

Die wirtschaftlichen Bedingungen in Kuba haben sich in den letzten Jahren als Folge des amerikanischen Wirtschaftsembargos noch einmal verschlechtert. Die Menschen reagieren in den wachsenden Schwierigkeiten immer kritischer und dünnhäutiger. Viele Kubaner haben Angst, dass der Kapitalismus nach Kuba zurückkommt, denn obwohl der europäische Kapitalismus eine stark soziale Komponente hat, verunsichert sie das westliche System sehr. Der Globalismus lässt den Armen immer weniger Zukunftschancen und vergrössert die Angst unter den Kubanern. Ein Kirchenleiter beschreibt diesen Zustand so: „Wir leben zwischen Angst und Hoffnung“.

Die Angst, wirtschaftlich ganz unterzugehen, und die Hoffnung, dass eine Wende zum Guten kommt, die die ganze Gesellschaft erfasst. Er meinte weiter: „Wir brauchen eine Wurzelbehandlung zur Bekämpfung des Hasses unter den Völkern und zwischen den Menschen. Unsere Frage ist: Welche Rolle wollen und können die Kirchen dabei übernehmen?“

Schlechtes Image der Christen Der religiöse Fundamentalismus wächst sowohl in der protestantischen als auch in der katholischen Kirche Kubas. Ursache dafür sind einerseits eine weltfremde Naivität und andrerseits die eigenen materiellen Interessen der Kirchen. Darauf reagiert die säkulare Gesellschaft Kubas mehr und mehr abweisend. Den meisten

Viele Kubaner haben Angst, dass der Kapitalismus nach Kuba zurück kommt, denn obwohl der europäische Kapitalismus eine stark

soziale Komponente hat, verunsichert sie das

westliche System sehr.


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Kirchen Kubas ist nicht bewusst, dass ihr eigenes Verhalten diese Reaktion auslöst oder verstärkt. Die Kirche Kubas splittert sich immer mehr auf und ist in kleinsten Einheiten mit einzelnen nur sich selbst verpflichteten Leitern organisiert. Die einzelnen Gemeinden stehen im Wettbewerb zueinander und vermeiden die gegenseitige Vernetzung. Die Christen stellen sich oft als die uneinigste Gruppe Kubas dar, eine Feststellung, die Fidel Castro schon als Schulkind machte und die ihn deshalb den Christen gegenüber misstrauisch werden liess. Durch die Aufsplitterung der Christen in die katholische und protestantischen Kirchen und unzählige Einzelorganisationen mit charismatischen Leitern hat der Staat Mühe, das alles zu überblicken und richtig einzuordnen. Darum reagiert er mit verstärkter Kontrolle und zunehmenden Einschränkungen darauf.

Loyal gegenüber Jesus Christus Ein Kirchenleiter, der dies erkannt hatte, meinte dazu: „Die oberste Priorität der Kirche ist es, Jesus gegenüber loyal zu sein. Erst daraus entwickelt sich eine Loyalität gegenüber der Regierung, der Politik und den Parteien. Eine Kirche, die sich nur um sich selbst kümmert, den Auftrag an den Armen vergisst oder gar verleugnet, ist nicht länger Kirche Gottes und verliert dadurch jede Berechtigung. Verbunden in diesem gemeinsamen Auftrag aller christlichen Kirchen kann es ein neues gutes Miteinander und vielleicht sogar eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat geben.“ Roland Kurth

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„Wir brauchen eine Wurzelbehandlung zur Bekämpfung des Hasses unter den

Völkern

Unsere Frage ist:

und zwischen den Menschen.

Welche Rolle die Kirchen

wollen und können

dabei übernehmen?“


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